Montag, 26. Oktober 2009

Istanbul, Tag 3

16.9.
Heute war Reste-Sightseeing angesagt - ich hatte uns vorgenommen, alle Sehenswürdigkeiten der Innenstadt zu besichtigen, die wir in den ersten beiden Tagen übersprungen hatten. Matthias hatte keine Stimme im Parlament und musste hinter mir und meinem Reiseführer hinterher trotten. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee von Innen sehen...

Wir begannen die Tour wieder im Park an der Blauen Moschee, aber aus ganz praktischen Gründen: Ich brauchte Internet, und dort gab es WLAN. Istanbul wollte als europäische Kulturhauptstadt 2010 etwas hermachen; sie nahmen nicht nur Restaurierungsarbeiten an den bekanntesten Kulturdenkmälern vor, sondern wollten der Stadt ein modernes Image geben - deshalb flächendeckendes drahtloses Internet im Park. Ein netter Gedanke, aber an der Umsetzung haperte es etwas. Bevor man ins Internet durfte, wurde man zu einer Webseite umgeleitet, auf der die Nutzungsbedingungen auf englisch und türkisch nachzulesen waren, die man erst mit einem Klick auf einen weißen Link auf weißem Grund zwischen den beiden Absätzen akzeptieren musste. Wahrscheinlich hatte schon jemand diese Netzwerke zum Filmesaugen gefunden, oder dahinter hing ein 56k-Modem - jedenfalls brauchte ich eine gute Stunde um das Foto vom 16.9. und die Meldung "Istanbul steht nicht unter Wasser" in den Blog hineinzubringen. Unter diesen Umständen möge man mir verzeihen, dass ich nicht mehr geschrieben habe...

Gegen 11 Uhr konnte die Tour nun fast losgehen. Erst gingen wir noch schnell in die Touristeninfo, weil wir uns nicht einigen konnten, wer die Türkeikarte, und wer die Istanbul-Stadtkarte behalten sollte und holten uns von jeder Sorte eine weitere. Dann entdeckten wir den Eis-Stand mit Slush, dieses gehäckselte Eis mit Farbe und Geschmack, und es kostete nur halb so viel wie in Hamburg und ein Viertel von allen anderen Ländern, wo wir es gesehen hatten. So verpflegt gingen wir Richtung Palast. Diesmal gingen wir durch die im Reiseführer beschriebene Holzhäusergasse und stießen auf die erste Touristengruppe. Die Anwohner ignorierten sie völlig und schlossen demonstrativ die Türen hinter sich, auch wenn sie nur die Zeitung holten, um den neugierigen Blicken ins Innere keine Chance zu geben. Zur anderen Seite hin bildete die Mauer zum Palast oder etwas anderem Wichtigen den Abschluss. Am Ende der Gasse führte ein goldverziertes Tor in einen weit ausladenden Innenhof - ein zweiter Eingang zum Palast. Er musste riesig sein. Wir folgten dem begrünten Weg, der sich in nach hundert Metern verzweigte. Der eine Weg führte zum Palasteingang, der andere war halb abgesperrt mit einem Schild davor: Betreten verboten. Man kann sich ausmalen, wohin die meisten Besucher als erstes gingen - könnte ja sein, dass man etwas verpasst, wenn man nicht den verbotenen Weg nimmt, oder noch schlimmer: Was ist, wenn man zurück aus dem Palast kommt und das Schild verschwunden ist?
Genug Touristen strömten dennoch zum Palasteingang, vor allem Reisegruppen mit Fähnchen und Regenschirmen; der Palast gehörte ja in jedes Reiseprogramm. Wir gingen nicht hinein, denn genauso abschreckend wie der bewaffnete Wachmann gestern waren die Eintrittspreise heute. Dabei hätte ich gern den Harem und die Schatzkammer gesehen, die so viele Autoren inspiriert haben. Allerdings wollte ich auch nicht mein Kreditkartenlimit sprengen. So gingen wir weiter; es gab noch genug zu sehen.
Zum Beispiel stellte sich der Bahnhof, an dem wir ursprünglich hätten ankommen sollen, als der Bahnhof des Orient Express' heraus. Diese berühmte Zuglinie endete hier in Istanbul im Sirkeci Gari, der extra zu diesem Zweck Ende 1800 gebaut wurde. Er wirkte genau, wie man sich ihn vorstellen würde: Innen wie eine gewöhnliche Bahnhofshalle, aber mit Fenstern wie aus einem Sultanspalast, ausgeschmückt mit Buntglas und Ornamenten.



Diese verspielte Leichtigkeit zu sehen ist immer wieder das schönste beim Reisen in orientalisch geprägte Länder. Am schönsten von allen sind aber die Moscheen. Davon standen heute eine ganze Menge auf dem Programm. Die erste war die Yeni Camii, die Neue Moschee direkt am Ufer des Goldenen Horns.
Im Innenhof wuschen sich gläubige Männer am schlösschenartigen Reinigungsbrunnen die Füße, die Hände und das Gesicht; es standen gruppen- und schlangenweise verhüllte Frauen und Touristen auf dem marmornen Boden, die darauf warteten, eingelassen zu werden. Es dauerte ein wenig, weil am Eingang erst die Schuhe ausgezogen und in Beutel verpackt werden mussten. Das gehörte zur üblichen Prozedur - an jeder größeren Moschee stand ein mit alten Tüten gefüllter Container, oder auch Ständer mit rollenweise aufgewickelten Tüten aus dem Supermarkt. Auf diese Weise konnte man seine Schuhe während des Besuchs bei sich tragen und es gab kein Chaos beim Verlassen der Moschee und Wiederfinden der Schuhe. Das konnten sich nur kleinere Moscheen leisten, die für diesen Zweck Schuhregale am Eingangsbereich aufgestellt hatten.
Für Touristinnen gab es oft einen weiteren Behälter mit Kopftüchern zum Ausleihen. Nicht jede war davon ausgesprochen begeistert. Ich hatte mein eigenes Kopftuch dabei, das aber nicht wie die ausgegebenen ein halbes Kleid war, deshalb knüpfte ich meine Strickjacke bis oben zu um meinen Ausschnitt zu verdecken. Später in der Moschee erklärte ein türkischer Touristenführer einer Gruppe Amerikanern den islamischen Glauben und warum alles so ist wie es ist. Zum Beispiel müssen sich die Frauen schlicht deshalb verhüllen und in einer anderen Ecke beten um die Männer nicht mit ihren Reizen abzulenken. Er zeigte bildlich, was passieren würde, wenn sich eine unverhüllte Frau vor einem Mann beten würde - das erfordert viel Hinknien und Vornüberbeugen, und die Konzentrationsfähigkeit des Mannes auf den Propheten ist dahin. Das Vornüberbeugen ist übrigens auch der Grund dafür, weshalb man sich vor dem Beten waschen muss: Wenn die Stirn den Boden berührt, auf dem der Vorgänger mit Schweißfüßen gestanden hat... als ich die Männer so beobachtete, fragte ich mich, bis in welches Alter man so beten konnte, und ob man die Religion wechseln konnte wegen Bandscheibenproblemen.
Wir mussten noch draußen warten bis das Mittagsgebet vorbei war, denn zur Gebetszeit waren keine Touristen zugelassen. Ein bisschen Hunger stellte sich ein. War es angemessen, in der Fastenzeit im Innenhof einer Moschee zu essen? Verstohlen holten wir den Rest des Lokums aus der Tasche und teilten es unauffällig untereinander auf - die meisten Leute hier waren eh Touristen.
Endlich konnten wir hinein. Die Touristen traten sich gegenseitig auf die Füße. Wie in einem Zoo war ein Teil der Moschee für die Betenden abgesperrt worden, vor dem sich die Touristen drängten, sie beobachteten und Fotos schossen. Seltsam, dass hier überhaupt Leute zum Beten hinkamen, wo es doch mindestens zehn andere Moscheen pro Quadratkilometer gab. Und wie konnte man sich in diesem herrlichen Fliesenparadies auf Gott und die Ewigkeit konzentrieren, wenn man von dieser ganz und gar irdischen Schönheit umgeben war?
Wir hörte eine Weile dem vorhin erwähnten Touristenführer zu, der seiner Gruppe einredete, man dürfte die Blaue Moschee während des Ramadans als Tourist nicht betreten. Er bemühte sich um Völkerverständigung; vielleicht wollte er deswegen seinen Landleuten eine weitere Gruppe lärmender Amerikaner ersparen.
Wir traten vor die Tür und gaben die Schuhbeutel zum Recycling zurück. Es war jedoch immer schwierig, in dem Gedränge die Schuhe an- und auszuziehen; es gab zwar die Möglichkeit, neben der Tür erhöht zu sitzen, aber der Ein- und Ausgangsbereich gehörte noch zur Moschee, und auf den Türmatten-Teppich durfte man auch nur barfuß laufen. Mich wunderte, dass sie in den Stoßzeiten überhaupt Touristen hineinlassen. Und dann stellte ich mir vor, wie so ein deutscher Dorfpriester die Heilige Messe abhält und eine Reisebusladung in Burkas gehüllte Touristinnen durch seiner Kirche laufend, schwatzend Fotos macht. Ob ihn nicht eine gewisse Verzweiflung überkommen würde?

Es war Zeit über das Mittagessen nachzudenken. Eigentlich dachten wir nicht weiter nach, sondern gingen gleich wieder an die Fischimbissstände am Ufer des Goldenen Horns, wenn wir schon einmal da waren. Wir liefen mit dem Essen noch ein Stück weiter, weil dort wieder die Verkäufer mit den lärmenden Spielzeugen saßen, und ich kann die Melodie jetzt beim Aufschreiben immer noch hören - über einen Monat später. Wir entdeckten, dass man die Brücke zum Genueser-Viertel auch unterhalb der Straße überqueren konnte. Dort hatten sich piekfeine Restaurants eingerichtet, die immer teurer wurden, je weiter man sich vom Ufer entfernte. Wir blieben am Geländer stehen und blickten auf das glitzernde Wasser. Mein Handy meldete sich; es wurde Zeit, dass ich mit unserer neuen Gastgeberin in Kontakt trat. Wir hatten mit Azat nur drei Übernachtungen verabredet; die letzten beiden Nächte wollten wir bei Burcu auf der asiatischen Seite Istanbuls bleiben. Sie war noch auf Arbeit und wir verabredeten uns für 19 Uhr. Das war natürlich eine völlig aus der Luft gegriffene Zeit, aber ich wollte ungern hinzufügen "falls wir dich finden..."

So, nun mussten wir uns sputen, dass wir mein geplantes Tagesprogramm durchziehen zu können. Armer Matthias. Wir gingen zurück zur Neuen Moschee, denn in ihrer unmittelbaren Nähe lag der Ägyptische Basar. Ich hatte nun Matthias überzeugt, dass wir undbedingt zweieinhalb Kilo Lokum bräuchten und zog ihn quer durch den Basar, bis wir vor dem entsprechenden Verkäufer standen. Wir ließen uns die fünf Packungen geben, aber das Geld dafür sollten wir im hinteren Teil des Ladens bei seinen Geschäftspartnern bezahlen. Die hatten eine richtige Ladentheke und eine moderne Kasse und machten sofort die romantische Basar-Stimmung zunichte. 15 Lira kostete es und ich bekam einen Kassenzettel. Einen Kassenzettel auf einem Basar? Das garantiert ja fast, dass man nicht mehr übers Ohr gehauen wird. Mir würde etwas fehlen ohne die kleinen Betrügereien und das Feilschen, das ja auch zum eigenen Gunsten ausgehen kann. Zum Beispiel gelang es mir bei einem Gewürzhändler; er war am Ende so erstaunt über mein Verhandeln, dass er mich fragte, ob ich verheiratet sei.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unser Einkaufsbummel auf dem Ägyptischen Basar schon zu dieser Tageszeit nicht die beste Idee war, weil wir jetzt die schweren Tüten durch die ganze Stadt schleppen mussten. Durch das dichte Marktgedränge bahnten wir uns den Weg zu einem dieser Fußwege, die einen Berg hinauf führten und aus in unregelmäßigen Abständen angebrachten Betonstufen bestanden. Dort rissen wir die erste Packung auf. Es stiebte heftig und der Puderzucker darin verteilte sich auf unsere Kleidung und den Boden. Es waren kleinere Stückchen Lokum in der Packung, in zartbunten Farben. Es gab zum Beispiel roséfarbene Rosenblüten-Stückchen, cremefarbene Orangen-Stückchen und zartgrüne Pfefferminzstückchen, die jedoch ein wenig an einen Zahnarztbesuch erinnerten. Wir packten es zusammen und gingen weiter. Irgendwo hier in diesem Gewirr von Menschen und Gassen musste eine weitere Moschee stehen, die clevererweise direkt in den Basar eingebaut wurde. Und plötzlich standen wir davor. Wie vom Reiseführer beschrieben, stand die Moschee hoch oben auf einem Sockel und in den Nischen in ihrem Sockel befanden sich Geschäfte. Es war nicht so einfach, den Eingang zu finden ohne ausversehen in einem der Läden zu landen. Schließlich fanden wir eine enge Gasse, die voller Waren vollgestellt war - ich glaube, es waren verpackte Stoffe - und sie führte zu einer Pforte. Männer saßen neben ihren ausgezogenen Schuhen auf dem Boden, und wir waren schon drauf und dran, umzukehren, als ein älterer Mann aufstand und uns hilfsbereit den Weg zum Eingang über eine Treppe nach oben zeigte. Ich weiß nicht, ob er Geld erwartete, aber zum Glück erwartet niemand, dass nur die Frau das Geld dabei hat und sich der Mann von ihr aushalten lässt. Eine exzellente Verwirrungstechnik, wie ich finde.


Die Basar-Moschee trug den Namen Rüstem Paşa und war besonders durch seine Vielzahl an unterschiedlichen und kunstvoll gestalteten Tulpenblütenfliesen bekannt geworden. 100 verschiedene Tulpenarten, schrieb mein Reiseführer. Ich fragte mich, wer das nachgezählt hatte. Sicher keine Frau, denn die durfte sich bestimmt nicht frei in der Moschee bewegen. Wir standen wieder hinter der Absperrung vor dem Zoo der Betenden. Es war eine kleinere Moschee; kein Vergleich mit den bisher gesehenen. Sie wirkte schon fast wie ein Wohnzimmer, mit dem blau besticktem rötlichen Teppich. die Minbar erinnerte ein wenig an einen offenen Kamin; es hätte nur noch ein Fernseher gefehlt. Unsere Schuhe hatten wir diesmal draußen im Schuhregal lassen müssen. Wahrscheinlich finden nicht viele Touristen diesen Ort, aber immer noch genug, um den Betenden einen Raum absperren zu müssen und draußen einen Souvenirstand mit nachgebildeten Fliesen und Postkartefotos der Fliesen zu haben. Aber es waren wirklich schöne Blumenmotive dabei. Da es in alten Zeiten verboten war, Menschen abzubilden, mussten sich die Künstler eben Alternativen einfallen lassen. Wir ruhten uns noch kurz aus und naschten Lokum. Matthias stöhnte auf, als ich ihm unser nächstes Ziel mitteilte: Die Süleyman-Moschee. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee betreten. Das war genau wie in Italien, als wir jede größere Kirche betreten hatten, und in Holland, wo wir in jedes Schifffahrtmuseum gegangen sind. Irgendwann reicht es... aber solange es nur Matthias reichte, gingen wir noch in Moscheen hinein. Die Süleymaniye stand wieder hoch oben auf einem Berg; unfaiererweise wurde dies auf der Stadtkarte nicht gekennzeichnet. Sollte ich jemals einen Istanbul-Reiseführer herausbringen, dann werde ich auf der Stadtkarte Höhenlinien wie in einem Atlas einzeichnen. Wir schnauften schon wieder in der Wärme, zum Glück waren die Gassen eng und schattig. Zu eng um gleichzeitig mit einem Auto hinein zu passen. Während Matthias floh, drückte ich mich in einen Hauseingang auf eine etwas erhöhte Stufe, aber selbst die ist kein Hindernis für einen echten Istanbuler Autofahrer. Wie er es schaffte, keinen Spiegel abzubrechen, ist mir bis heute ein Rätsel. Kisten standen im Weg, und junge Burschen zogen wie Esel vor ihre Karren gezäunt hinterher. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen, und hier sah ich die kleinste Moschee bisher; es war ein zwischen Häusern eingebauter Schuppen mit einem schön verzierten Fenster. Sie hatte nicht mal ein Minarett, dafür aber eine Hinweistafel, die sie als Moschee auszeichnete. An einer anderen Schuppenwand war mit weißer Farbe "Süleymaniye" geschrieben, versehen mit einem weißen Pfeil den Berg weiter hinauf. Die Gegend wurde vornehmer und die ersten Souvenirläden tauchten an den behauenen weißen Steinmauern auf. Vier Minarette erhoben sich hinter der Mauer, in die vergitterte Fenster eingelassen waren. Wir hatten die Süleymaniye gefunden. Auf dem Weg zum Eingang kamen wir an Restaurants vorbei, vor denen die bei uns längst aus der Mode geratenen Sitzsäcke lagen und Besucher anlocken sollten. Postkarten über Postkarten befanden sich an Ständern längs der Souvenirläden und ein traditionell gekleideter Mann mit einem riesigen, silbrig glänzenden Samowar auf dem Rücken versuchte Touristen zu einem Foto mit ihm zu überreden. Das machte er nicht etwa, weil es hier keine Karnevalsvereine gab, sondern um den Touristen Geld für das Foto abzuknöpfen. Das schienen die meisten zu wissen, weshalb sie dankend oder nicht dankend ablehnten. Der Samowar-Mann wurde langsam ärgerlich. Wahrscheinlich hatte er sich von der Investition in das Kostüm mehr versprochen.
Wir erreichten die Süleymaniye. Es war eine der prachtvollsten Moscheen, aber leider zur Renovierung geschlossen. Allein die Vorhalle konnte betreten werden. Sie war mit Hilfe einer hineingezogenen Zwischenwand vom eigentlichen Innenraum abgetrennt worden, man hatte eine Reihe von Lampen an jeder Seite aufgehängt und aus dem Vorraum eine provisorische Moschee gemacht. Viele Touristen liefen umher; auch zu ihnen hatten sich die Bauarbeiten noch nicht herumgesprochen. Jedoch gab es auf dem Gelände der Moschee noch eine Besonderheit: Ein islamischer Friedhof mit Mausoleen. Die Grabmale ragten wie Zeigefinger aus dem Boden, hoch wie eine Person, nach oben hin verdickt und oft mit einer steinernen Blume oder einem Turban abgeschlossen. Im Dunkeln musste es wie eine regungslose Armee, oder eher wie eine Wache aussehen. Eine Wache für die hier begrabenen Könige. Wie um ihre Harmlosigkeit zu betonen, räkelten sich junge Katzen auf den sonnengewärmten Steinen. Der Steinweg hindurch war ausgetreten von den Besuchern aus vielen Jahrhunderten. Jahrhunderten? Ich versuchte die in arabischen Buchstaben gemeißelten Grabsteininschriften zu entziffern, zumindest einen Namen, doch ich musste mich geschlagen geben. Das einzige, was ich lesen konnte, waren die Daten, und selbst die konnten eigentlich nicht stimmen - Strich, Strich mit einem Krakel, noch so einer, dann ein Strich mit zwei Krakeln - das war das Jahr 1223. Im Reiseführer stand, dass das Mausoleum es erst 1566 erbaut wurde. Dann fiel mir ein, dass die islamische Zeitrechnung erst deutlich später als die christliche begann. Erst jetzt wurde mir der Einfluss des Christentums auf den Rest der Welt bewusst - selbst in islamischen Ländern rechnet man jetzt in christlicher Zeit, und selbst die Wissenschaft schreibt "vor Christi Geburt". Wie soll es bei so einer Grundlage zu einem gerechten Frieden auf der Welt kommen? Aber woran denke ich schon wieder - Matthias langweilt sich, und ich stehe hier vor einem Grabstein und lasse meine Gedanken ins Seltsame schweifen. Es ist übrigens das Jahr 1808 oder 9 gewesen, wie ich später im Internet herausfand. Es erstaunt mich selbst immer wieder, was man alles im Internet erfahren kann.

Wir verließen das Moscheen-Gelände als zum Gebet gerufen wurde. Aber in welche Richtung lag die Innenstadt? Selbst auf einem Hügel zu stehen, hilft in einer Stadt wie Istanbul nicht weiter. Wir gingen durch ein Tor, das wir zunächst für ein Eingang zur Universität hielten, aber es war doch nur ein kleiner botanischer Garten mit vielen dutzend Katzen, die mit den Jugendlichen spielten, die eigentlich nur in Ruhe unter einem Baum sitzen und reden wollten. Es waren Mädchen mit Kopftuch, aber auch ohne Kopftuch. Ich finde, das sollte erwähnt werden.
Wir gingen auf dem gleichen Weg nach draußen zurück, denn der Weg durch den Garten war eine Sackgasse. Als wir genau in die andere Richtung gingen, kamen wir auf eine breite Straße, die uns bald zur richtigen Universität führte. Uns schon, die Autofahrer nicht. Die Straße war komplett dicht, und nicht mal mehr die Polizei kam durch. Die Polizisten benutzten ihre Sirene als Hupe und ließ die Fahrer irgendetwas durch ein Megafon wissen.
Es war eine westliche Geschäftsstraße, aber jeder Laden verkaufte nur eine Art von Ware. Wir kamen an einem Stoffgeschäft vorbei, an zwei Knopfläden, einem Gürtelgeschäft, einem Gürtelschnallengeschäft und schließlich nochmal an einem Stoffgeschäft. Hier kannte man jedenfalls keinen Mangel.
Wir gelangten an einen ausladenden, gepflasterten Platz, auf dem Schwärme von Tauben nach Brotkrumen pickten. Die türkische Fahne flatterte vor dem prunkvollen Eingangstor zum Campus der Universität. Leider war es zugeschlossen; es wäre sicher interessant gewesen, sich auf dem Universitätsgelände umzusehen. Gegenüber ragten die Minarette der ältesten original erhaltenen Moschee Istanbuls in die Luft. Matthias stöhnte nur auf und ich beschloss, ihn diesmal zu verschonen; besonders da ich den Eingang zum Bücherbasar entdeckt hatte. Dort wurden nicht nur Bücher verkauft, sondern auch gerahmte Kalligraphien, Schmuck und - war das ein Grabstein? Es war faszinierend anzusehen, auch wenn ich nicht unbedingt mit dem Plan hineingegangen war, etwas zu kaufen. In der Mitte dieser abgeschirmten Gasse stand sogar eine Reihe marmorner Waschbecken, vor denen ein alter Mann saß, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, eine Handvoll Flaggen zu verkauften. Ein Stückchen weiter tummelten sich so viele Kätzchen auf einem Haufen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sie waren alle so winzig, und so viele, überall. Wer sich wohl um sie kümmerte? Ich überlegte kurz, ein Kätzchen mitzunehmen, verwarf den Gedanken aber genauso schnell.
Wir kamen zurück ins bunte Treiben der Einkaufsstraßen und standen gleich darauf wieder vor dem Kuppelbasar - wie groß die Stadt doch ist! Wir hatten fast einen Tag gebraucht um wieder an eine Stelle zu kommen, die wir schon einmal gesehen hatten. Und dabei sind wir nur im Zentrum des europäischen Teils geblieben.
Es war 17 Uhr und langsam wurde es Zeit, zum Haus unseres Gastgebers zurück zu kehren, denn wir mussten noch unsere Rucksäcke holen und dann zur Fähre hinunter laufen, von der wir noch nicht mal genau wussten, wo sie abfuhr. Es gab ein ganzes Netz aus Fährlinien, und eine ganze Reihe von Häfen, die über die ganze Stadt verteilt waren. Von jedem Hafen wurde nur eine oder im Höchstfall zwei verschiedene Ziele angefahren, und wenn wir Glück hatten, würden wir vom Hafen in der Nähe unseres Gastgebers direkt nach Kadıköy kommen, ansonsten müssten wir improvisieren.


Die Straßenbahn waren wieder hoffnungslos überfüllt gewesen; nicht einmal die Hälfte aller Wartenden passte hinein.

Niemand war zu Hause. Wir ließen den Schlü ssel auf dem Tisch liegen und schnappten uns die Rucksäcke, die wir zum Glück schon am Morgen gepackt hatten. Jemand hatte das Bett zusammengeklappt und die Bettwäsche abgezogen. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Ich überlegte, mir die nicht geringen Kosten zu sparen, aber dann gewann meine Neugier. Es war die Schwester unseres Gastgebers, die besorgt war, dass sie beim Verlassen der Wohnung nach dem Aufräumen ausversehen zugeschlossen hatte und dachte, dass wir nicht mehr hinein kämen. Sie wollte lieber erstmal mich erreichen, bevor sie noch mal zurück kam um aufzusperren. Ich wurde nicht ganz schlau aus ihr, denn wir hatten ja den Schlüssel, aber ich bedankte mich für den Gedanken an uns. Nun machten wir uns auf den Weg.

Ach, ich hatte ganz vergessen, wie schwer mein Rucksack war. Ich spürte jeden Berg der Stadt in meinen Knochen. Matthias stöhnte auch auf; er hatte schließlich noch die Fünferpackung Lokum eingepackt. Nach etwa 20 Minuten ächzen kamen wir am Hafen an. In großen Buchstaben stand Kadıköy angeschrieben. Die Leute vor uns eilten hinein, das veranlasste uns hinterher zu rennen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig durch die Drehkreuze, keine Minute später legte die Fähre ab. Wir waren so erledigt, dass wir uns während der ganzen Fahrt nicht vom Platz bewegten. Wir hatten auch kein Wasser mehr übrig. Mir blieb nichts anderes übrig als mein Notwasser zu trinken, das nun allerdings schon seit zwei Wochen geöffnet war. Matthias riet mir noch dringend davon ab, und im Nachhinein denke ich, ich hätte auf ihn hören sollen.
Es war Abend geworden. Die Händler, die auf der Fähre zwischen den Reisenden umher liefen, verkauften ihre letzten Taschenlampen für heute. Es ging auf 19 Uhr zu; wir konnten es noch rechtzeitig zu Burcu schaffen.

Die asiatische Seite Istanbuls zeigte uns ihr lebhaftes Gesicht; überall waren Restaurants und Bars hell erleuchtet und viele junge Leute zogen über die Hafenpromenade. Wir hatten uns zu früh gefreut, dass wir noch so gut in der Zeit lagen. Ich hatte im Navi nur eine ungefähre Adresse eingeben können, weil Istanbul ein sehr seltsames Adressensystem hatte. Jedenfalls keins, aus dem man als Fremder schlau werden könnte: rihtim cad. nemlizade sok. kamer apt. Nr.31 D:7... so liefen wir prompt in die falsche Richtung, bis Matthias herausfand, dass man die Adresse ins Navi eingeben konnte, wenn man die Reihenfolge der Worte vertauschte und hier und da etwas dazu erfand. Viel zu spät und durchgeschwitzt kamen wir schließlich bei Burcu an. Sie empfing uns herzlich und bot uns gleich die Dusche an - ein Angebot, das man nicht abschlagen kann nach so einem Tag. Danach fühlte ich mich wie neu geboren. Burcu hatte derweil türkischen schwarzen Tee gekocht und meinte, für uns wolle sie ihn nicht so stark machen, weil wir sonst nicht schlafen könnten. Sie war sehr mütterlich, obwohl sie kaum älter wirkte aus Matthias. Eigentlich erzählte sie die ganze Zeit, und das auf Englisch und ausgesprochen schnell; sie verwendete dabei einen ganzen Haufen Worte, die ich noch nie zuvor gehört hatte. So war es mir seit Jahren nicht mehr ergangen. Ihr gingen auch nie die Themen aus, soweit ich das beurteilen konnte. Sie hatte ein wenig einen Narren an mir gefressen, glaube ich. Immer wenn Matthias außer Hörweite war, begann sie mit mir über ihre Pläne zu reden, eine Weltherrschaft des Bösen zu errichten. Es war eine sehr lustige Beschäftigung, und irgendwann stellte Burcu fest, dass sie wohl meine Schwester im Geiste sein musste - nein, besser, meine große Schwester. Ich fand es richtig schade, dass es langsam Zeit wurde ins Bett zu gehen, aber die Müdigkeit ist ein erbarmungsloser Gegner. Burcu hatte einen ganz eigenen Tagesrhythmus und wollte noch eine Weile wach bleiben um liegengebliebene Arbeit zu erledigen. Das kann man sich als Leiterin einer Werbeagentur wohl erlauben.