Dienstag, 22. September 2009

Istanbul, Tag 2

15.9.


Wir hatten uns den Wecker gestellt um mit unserem Gastgeber aufzuwachen. Eine halbe Stunde später hörten wir Geräusche. Mit wirren Haaren kam Azat aus seinem Zimmer, eine Minute später aus dem Bad, grüßte uns und war so schnell aus der Wohnung verschwunden, dass ich mir einbildete Beschleunigungsstreifen wie im Trickfilm zu sehen. Aber so konnten wir wenigstens den Tag richtig gut nutzen.
Wir gingen diesmal direkt zur Straßenbahn nach Kabataş, vorbei an einem großen Stadion und einem ausgedehnten Park, vorbei an einer Mauer mit Stacheldraht, an denen alte gerahmte Bilder aus der Zeit der Staatsgründung durch Atatürk hingen. An einer Seite lagen Sandsäcke vor den hohen hölzernen Eingangstoren einer Moschee. Plakate an jeder Laterne wiesen darauf hin, dass der Künstler Joseph Beuys in die Stadt kam. Plötzlich wurden wir auf Deutsch angesprochen, ob wir nicht wüssten, wo es hier ein Hotel gäbe. Der Mann hatte einen harten Akzent, und ich wunderte mich nur, ob man uns die Herkunft ansah, und wenn ja: Wie? Da wir ja per Couchsurfing unterwegs waren, wussten wir kein Hotel, aber ich holte mein Smartphone hervor und versuchte ein GPS-Signal zu bekommen; im Kartenmaterial waren Hotels abgespeichert. Doch das dauerte ihnen zu lang und die Gruppe zog weiter.
Wir setzten unseren Weg in die entgegengesetzte Richtung fort. Leider mussten wir zwei Straßen überqueren. Das sollte ich vielleicht erklären: Istanbuls Autofahrer sind ein rücksichtsloses Pack; sie kennen zwar die Verkehrsregeln, finden aber nicht, dass es einen Grund gäbe, sie anzuwenden. Wenn man die Straße überqueren will, ist es egal, ob man es bei einer roten oder grünen Fußgängerampel macht - die Autos fahren sowieso immer. Die beste Chance, lebend auf die andere Seite zu kommen, ist eine Unterführung zu finden. Alternativ kann man im Windschatten eines Einheimischen laufen - wer so viele Jahre in Istanbul überlebt hat, wird es auch dieses Mal über die Straße schaffen, denke ich mir dann.
Endlich hatten wir die Straßenbahnhaltestelle erreicht. Unser Gastgeber hatte uns abends ein Wort aufgeschrieben: AKBiL. Das war eine angeblich billigere, aber auf jeden Fall bequemere Alternative zu den münzartigen Jetons, die man in die Drehkreuze vor dem Bahnsteig steckt. Der Akbil ist ein Schlüsselanhänger, den man mit einem gewissen Geldbetrag auflädt an die gleichen Drehkreuze hält. Azat hatte gemeint, wir könnten den Akbil zusammen nutzen, doch als Matthias durch das Drehkreuz gegangen war und ich folgen wollte, sagte mir der Automat nur an, wie viel Guthaben ich noch hatte ohne mich durchzulassen. Ich rannte zum Jeton-Schalter um ein paar Münzen zu erwerben bevor die Bahn kam, aber genau den gleichen Gedanken hatten plötzlich alle; dort wo eben niemand stand, reichte die Warteschlange bis zur Fußgängerampel. Einen weiteren Akbil wollte ich nicht, weil die Dinger 6 Lira Pfand kosteten und ich nicht sicher war, ob wir das Guthaben darauf in den nächsten Tagen aufbrauchen würden. Übrigens kann man den Akbil wirklich gemeinsam nutzen, wir brauchten auch nur einen Tag um herauszufinden, wie das möglich war. Wir experimentierten erst mit mehrfachem Heranhalten in verschiedenen Varianten, bis ich auf die Idee kam, das Akbil an einen anderen Eingang zu halten. Hier zog es mir die 1,50 Lira ab und ich kam durch. Der Akbil sollte Informationen über die Zeit der Entwertung speichern, sodass man in Anschlussbussen billiger weiterfahren kam, stand in meinem Reiseführer. So war ich nicht sicher, ob wir das System umgangen oder uns selbst eine billigere Fahrt betrogen hatten. Die Straßenbahn kam und es war jetzt schon schwer, einen Sitzplatz zu bekommen - an der ersten Haltestelle. In der Innenstadt war es zur Rush-Hour purer Wahnsinn, eine Straßenbahn benutzen zu wollen: Von allen Wartenden passte nur etwa die Hälfte tatsächlich in die Bahn, und wenn ich "passen" schreibe, meine ich wirklich "passen" nach dem Baukastenprinzip. Man steht darin so dicht aneinander gedrängt, dass man von Herzschlag der Mitreisenden spüren kann. Aber heute Vormittag ging es noch einigermaßen. Vor uns öffnete sich wieder der Blick auf die magische Innenstadt aus Tausendundeiner Nacht über die Köpfe der Mitreisenden hinweg. An der Haltestelle der Blauen Moschee strömte alles nach draußen.

Als erstes stand die Hagia Sofia auf dem Programm. Sie war einst die größte Kirche der christlichen Welt und wurde bei der osmanischen Eroberung Konstantinopels kurzerhand in die Hauptmoschee der Stadt umgewandelt. Heute ist sie ein Museum, ich glaube das wurde hauptsächlich deshalb getan, um horrende Eintrittspreise verlangen zu können. Moscheen sind nämlich, genau wie Kirchen, im Normalfall kostenlos zu besichtigen. 20 Türkische Lira - 10 Euro Eintritt verlangten sie hier pro Person, ohne Studentenrabatt. Und trotzdem war gab es eine Warteschlange davor, aus der nur wenige empört umkehrten, als sie den Preis sahen. Ich überzeugte Matthias in den sauren Apfel zu beißen - wann würden wir schon mal wieder die Gelegenheit haben, nach Istanbul zu fahren, auch aus den gestern genannten Gründen? Ich wollte jedenfalls ihr Inneres sehen, seit ich "Baudolino" gelesen hatte, einer der faszinierendsten historischen Romane, der eine alternative Sicht auf die europäische Geschichte des Mittelalters bot. Sehr lesenswert jedenfalls. Wo war ich? Ja, in der Hagia Sofia.
Auf dem Vorplatz lagen Trümmer der ehemaligen antiken Fassade, dahinter lag ein Café. Wer schon 10 Euro Eintritt bezahlt hatte, wollte dann auch den ganzen Tag im Gelände der Hagia Sofia verbringen und noch einmal die gleiche Geldmenge für den Kaffee ausgeben.
Die antiken Steine wurden von Touristen als Sitzgelegenheiten benutzt; besonders fielen mir zwei Japaner auf, die sich auf den Besuch des Museum gut vorbereiteten: Der eine saß und studiere einen dicken Reiseführer, der andere machte Dehnübungen, sogar mit den Fingern, vermutlich um schneller den Auslöser seiner Kamera bedienen zu können - um einmal ein Klischee zu bedienen. Aber Japaner sind wirklich wie aus dem Buch der Klischees gefallen; ein japanischer Bekannter zeigte mir zum Beispiel einmal seine Holland-Fotos, und ich schwöre: Er hatte allein 200 Fotos, auf denen nur Tulpen abgebildet waren. Ich habe ja nichts dagegen, wenn man so viele Fotos macht, aber muss man die wirklich alle zeigen?!
Wir betraten die mächtige Eingangshalle, dann die zweite Eingangshalle, die Gerüsten versehen war, doch statt den Innenraum zu betreten, gingen wir hoch zu den Emporen. Alles hatte unheimliche Dimensionen: Das Gewölbe, die Breite und Weite der Gänge und des Hauptraums. An allen acht Eckflächen hingen riesige runde mit Kamelleder bespannte und mit arabischen Schriftzeichen versehene Scheiben. Gleichzeitig waren überall noch Hinweise darauf zu sehen, dass es einmal eine christliche Kirche gewesen war, voller Gold und Bilderpracht. Noch einige wenige der goldglänzenden Mosaike, die in die Wände der Emporen eingearbeitet worden waren, sind noch erhalten. Davor stehen Scharen von Touristen, die entgegen aller Hinweisschilder und Ermahnung des Museumspersonals mit Blitzlicht fotografierten. Matthias warf einen Blick auf das zerbröckelte Mosaik von Johannes dem Täufer und meinte, er wolle gern mal den Blitz sehen, der es so zerstört hatte. Tatsächlich sind diese Mosaike wohl eher den Erdbeben als Touristen zum Opfer gefallen, und es geht viel mehr um den Erhalt der Farben.





                                          Der Nabel der Welt



                                         Matthias und ich, 20 Meter vom Nabel der Welt entfernt

Man konnte gar nicht alles auf einmal aufnehmen; oft musste ich einen Weg mehrfach ablaufen um all die Dinge zu sehen, die in meinem Reiseführer standen. Nach zwei Stunden waren wir einmal komplett durchgelaufen und ruhten uns vor einer der Kugelvasen aus Pergamon aus, die so groß war, dass an ihren Bauch ein Zapfhahn angebracht war um das Wasser darin ablassen zu können ohne die Vase bewegen zu müssen. Das letzte Highlight war die berühmte "schwitzende Säule", in der einer Legende zufolge ein Engel eingesperrt ist, der weint, aber auch die Wünsche derjenigen erfüllt, die ihren Daumen in das Loch in der Säule steckten und die Hand einmal im Kreis drehten. Ich konnte nicht widerstehen und probierte es aus. Ich schaffte die 360 Grad-Drehung, aber die Feuchtigkeit darin kam wohl eher vom Schweiß der Leute, die es vor mir probiert hatten, als vom weinenden Engel. Matthias fand das ekelig. Die Säule selbst war völlig trocken, dabei gab es sogar eine wissenschaftliche Erklärung, weshalb sie feucht sein sollte: Unterhalb der Hagia Sofia soll sich eine verborgene Zisterne befinden, ein antiker Wasserspeicher, der die Stadt mit Wasser versorgte. Unterhalb der Stadt wurden schon über 70 Zisternen entdeckt, und eine besonders schöne war unser nächstes Ziel.

Die Yerebatan-Zisterne befand sich nicht weit von der Hagia Sofia entfernt, und angeblich waren viele Wasserspeicher in einem Netz von Gängen miteinander verbunden gewesen, sodass man sich unterirdisch durch die ganze Stadt bewegen konnte.
Klassische Musik erklang als wir die Treppe in das unterirdische Gewölbe hinabstiegen. Die Zisterne konnte gut 80.000 Kubikmeter Wasser fassen, aber seit sie nicht mehr in Gebrauch war, stand das Wasser nur etwa 30 Zentimeter hoch und dicke Fische schwammen darin umher. Es war ein Steg für Besucher war quer durch die Säulenlandschaft errichtet worden, an vielen Stellen warfen sie Münzen in das rot angestrahlte Wasser. Wasser tropfte von der Decke, und endlich gab es auch gleich einen ganzen Wald schwitzender Säulen. Für unsere amerikanischen Freunde war ein Schild aufgestellt worden: Achtung, der Boden ist nass. Langsam durchquerten wir den unterirdischen Palast. Verschiedene Laser-Licht-Installationen zauberten passend zu sanften Klängen Farben an kleine Leinwände. Nicht ganz unerwartet wurden wir plötzlich von tellergroßen Augen angestarrt. Der umgekippte Kopf einer steinernen Figur stand auf dem Boden und diente einer grünlich schimmernden Säule als Sockel. Daneben blickte ein weiteres Gesicht aus dem Dunkel, diesmal auf dem Kopf stehend. Ihre Haare waren schlangenartig - es waren Bildnisse von Medusa. Der griechischen Mythologie zufolge ließ sich jeden zu Stein erstarren, der sie ansah. Deswegen hatte man ihre Steinabbildung lieber falsch herum aufgestellt - um auf Nummer sicher zu gehen. Man fragte sich trotzdem, weswegen sie überhaupt hier unten waren. Die Erklärung ist ganz einfach: Sämtliche Säulen waren aus anderen Teilen des byzantinischen Reichs herangeschafft und hier recycelt worden, und manchmal waren sie eben zu kurz um das Gewölbe zu tragen. Deshalb hatte man auch behauene Steine herbeigeschafft um sie als Sockel für die Säulen zu verwenden. Die Medusenhäupter hatten gerade die richtige Größe. Wo sie herkommen, weil allerdings niemand.



Die dritte große Sehenswürdigkeit ist der Topkapi-Palast. Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Türkischen Bad, einem Hamam, vorbei. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, wie viel so ein Besuch kostete, aber dann stürzte sich der Besitzer förmlich auf uns und erklärte uns in einem seltsamen, auswendig gelernt klingenden Englisch die Freuden seiner Badeanstalt. Bei ihm konnte man den ganzen Tag bleiben, lockte er, man würde uns waschen, einseifen, massakrieren - ich meine massieren -, baden, wieder einseifen und so weiter... danach würden wir uns wie neugeboren fühlen, versprach er. Um neugeboren zu werden muss man erstmal sterben, dachte ich mir. Ich hatte schon von türkischen Bädern gehört und wusste, dass diese Aussage stimmte, weil man so hart mit Schlägen massiert wird, dass man sich danach natürlich wie neugeboren fühlt, selbst wenn man es überlebt hat. Der Besitzer jedenfalls redete und redete bis wir sagten, dass wir es uns überlegen würden. Ich fragte nach den Öffnungszeiten und bekam einen Werbeflyer. Sie hatten eigentlich den ganzen Tag bis Mitternacht geöffnet, aber seine weiblichen Angestellten würden gerne früher nach Hause gehen. Er zwinkerte mir zu. Dann wollte er noch wissen, wo wir herkamen und als wären wir die ersten Deutschen, die er je in seinem Leben gesehen hatte, holte er einen kleinen Globus hervor und suchte mit uns Deutschland.
Der Preis lag übrigens bei umgerechnet 30 Euro. Bis zum letzten Tag spielten wir immer noch mit dem Gedanken, dorthin zurück zu gehen, aber dann beschlossen wir, dass wir die türkische Wirtschaft schon genug angekurbelt hatten. Wir setzten den Weg zum Palast fort, wurden aber schon am Eingangstor von einer freundlichen, schwer bewaffneten Wache abgefangen. "Heute geschlossen", brummte er. Ihm widersprach man nicht und wir drehten auf dem Absatz um. Wir gingen nun außen um den Palast herum, kamen durch einen schönen Park mit Kastanienbäumen, unter denen junge Männer zeitungslesend hockten und die Frauen, die uns gerade noch bestürmt hatten, Rosen zu kaufen, auf einer Parkbank saßen, Pause machten und uns ignorierten. Die Springbrunnenanlagen glitzerten blau, und auch die türkisenen Kacheln des Palasts glänzten im Sonnenlicht. Hier irgendwo sollte ein islamisches Technikmuseum sein, aber weit und breit waren nur Bäume. Wir stiegen höher und plötzlich gaben die Bäume die Sicht auf den Bosporus frei. Das Meer erstrahlte türkiesblau und dahinter stand die moderne Skyline Istanbuls mit ihren hohen glänzenden Bürotürmen. An der Gotensäule kehrten wir um. Ich wollte auf den Wachturm der Genueser, von dem aus man laut Reiseführer einen beeindruckenden Blick auf das Goldene Horn hatte.
Der Weg führte am Meer entlang, oder besser an einer breiten staubigen Straße nahe dem Meer und einem Militärgebiet. Mich überraschte, selbst aus der Kaserne Minarette ragen zu sehen, aber wenn man ein zweites Mal darüber nachdenkt, erkennt man, dass auch Soldaten im Islam beten müssen. Da gibt es keine Ausrede, man könnte wegen seines Glaubens nicht an der Waffe dienen. Matthias meinte, islamische Gläubige seien unproduktiv und er würde sie nie in seiner Firma einstellen, oder ihnen die Zeit für die fünf Gebete am Tage vom Lohn abziehen. Ich hielt dagegen, dass man niemanden wegen seiner Religion diskriminieren dürfe - doch zum Glück, bevor die Diskussion in einen Streit ausartete, erreichten wir eine Straße mit Fressbuden. Matthias bekam nun endlich seinen Döner, auf den er sich seit Tagen gefreut hatte, und ich konnte mir ein Fischbrötchen vom Grill kaufen, und alle waren glücklich. Man konnte sehen wer frisch der Fisch war, denn überall am Ufer des Bosporus und auf der Brücke darüber saßen Angler, die ihren Fang direkt an die Imbissstände daneben verkauften.

Hier in der Nähe befand sich auch der ägyptische Basar, zu dem wir noch einen Abstecher machten. Schon in der Unterführung zum Basar herrschte ein Chaos, wie man es nur auf orientalischen Märkten findet; hier wurde alles verkauft, von Wanduhren über Schuhe bis zu Spielzeug, der offensichtlich aus China stammte, kunterbunt war, sich bewegte und immer nur drei viel zu laute, nervtötend hohe Töne von sich gab. Der ägyptische Basar selbst war teilweise überdacht und wurde teilweise durch die Geschäfte der angrenzenden Gassen erweitert. In den inneren Teil kamen vor allem Touristen, was sich im Warenangebot und nicht zuletzt den Preisen niederschlug. Es gab Gewürz- und Teestände, der berühmte türkische Apfeltee wurde abgepackt und mit Gläsern in eine touristengerechte Verpackung verkauft. Die meisten Stände boten jedoch eine besondere Köstlichkeit: Lokum, eine feste Sirupmasse, die oft mit Nüssen gefüllt und ganz mit Puderzucker oder Kokosraspel bedeckt ist. Man bot uns kleine Stückchen zum Probieren an, und sofort spürte ich mich in eine Abhängigkeit verfallen, so lecker war diese Süßigkeit. Wir versuchten weitere Häppchen von anderen Ständen abzubekommen, aber die gaben es ungern her, wenn sie nicht im Gegenzug dem Touristen ein Kilo davon aufschwatzen konnten. So wurden wir unvermeidlich in einen Laden hineingezogen, in dem sofort versucht wurde, uns ein Kilogramm davon für 10 Euro abzufüllen. Das war mir dann doch zu viel und ich verlangte zur Schadensbegrenzung nur ein kleines Beutelchen mit 100 Gramm. Dem Verkäufer war die Enttäuschung anzusehen und er wurde unfreundlich, sackte die billigsten Sorten ohne Nüsse in das Beutelchen und knöpfte mir für 74 Gramm einen Euro ab. Er dreht sich nicht einmal um als wir hinausgingen.
Das Beutelchen hielt unserem Appetit nur wenige Stunden stand und ich begann damit, Matthias zu überzeugen, dass wir uns die Fünferpackung für 7,50 Euro kaufen sollten. Morgen zumindest. Heute hatte ich nur noch fünf türkische Lira übrig und musste erstmal an den vertrauenswürdigen Geldautomaten in der Nähe unserer Unterkunft, der sogar von einem Sicherheitsmann der Bank überwacht wurde.
Es war schon später Nachmittag als wir uns auf den Weg zum Galata-Turm machten, doch das passte ganz gut in den Zeitplan, da man den schönsten Anblick bei Sonnenuntergang bekam. Wir schlenderten zurück zu der Stelle, an der wir von den Imbissbuden gegessen hatten, dann über die Brücke mit den vielen Anglern darauf, die ihr schmutziges Wasser demonstrativ auf der Brücke ausschütteten statt ins Wasser unter ihnen. Auf der anderen Seite befand sich die Talstation einer Seilbahn, die unterirdisch den Berg hinauf fuhr. Auch etwas Besonderes. Eine Seilbahn dieser Art gib es weltweit nur in zwei weiteren Städten. Ohne Zwischenhalt fuhr die Bahn steil nach oben. Selbst der Bahnsteig war so steil, dass man bei Schnee und Eis kaum nach draußen käme. Zum Glück liegt die Temperatur in Istanbul nur ganz selten in der Nähe der Null-Grad-Grenze, und wenn es schneit, dann ist es noch zu warm als dass der Schnee den Boden erreichen könnte ohne vorher zu schmelzen.
Die Bergstation lag im Herzen des Genueser-Viertels, das vor gut 700 Jahren von Händlern aus Genua gegründet wurde. Von ihnen stammt auch der mächtige Wachturm mit den fast vier Meter dicken Wänden, der heute als Restaurant und Aussichtsturm genutzt wird. Es kostete stolze 5 Euro nach oben fahren zu dürfen, aber zumindest gab es einen Fahrstuhl bis zur ersten Restaurantetage. Dicht aneinander gedrängt standen die Leute auf der Aussichtsplattform; wir mussten einige Minuten warten bis wir überhaupt nach draußen treten konnten. Dafür war die Aussicht überwältigend: Das Goldene Horn glänzte rot im Licht der untergehenden Sonne, die außergewöhnlich groß hinter einer Moschee verschwand. Schiffe legten weiter an und Vögel flogen tief. Helle Scheinwerfer flammten auf und beleuchteten den Turm von unten. Wir blieben bis zur letzten Minute als schon das Abendrot der Nacht wich und ein scharfer kühler Wind aufkam.


Die Straßen wirkten ausgestorben. Außer uns war nur eine kleine Gruppen Touristen unterwegs, die wir vorhin auch auf dem Turm gesehen hatten. Sie fragten uns auf Spanisch nach der Bushaltestelle, glaube ich. Die suchten wir selbst und konnten nur bedauernd mit den Schultern zucken. Wir hatten eine Stadtkarte aus der Touristeninfo nahe der Hagia Sofia abgegriffen, aber die brachte uns auch nicht allzu viel, da wir nicht mal sicher waren, an welcher Seite wir den Berg hinunter gegangen waren. Es war schon ein wenig gruselig und ich forschte in meinem Kopf, was das Auswärtige Amt über Kriminalität geschrieben hatte. Dann sahen wir wieder Menschen, und sie wiesen uns die Richtung zur Straßenbahn. Auch die Straßenbahnen wurden merklich weniger am Abend, aber nicht automatisch weniger Menschen, die sie benutzen wollten. Dahin hatte sich also die ganze Stadt zurück gezogen - an die Straßenbahnhaltestellen.
Wir sahen zu, dass wir nach Hause kamen. Unser Gastgeber hatte uns seit einiger Zeit versucht auf dem Handy zu kontaktieren, aber knapp ein Euro pro Minute für ein angenommenes Gespräch war mir dann doch zu teuer um mich von ihm vertrösten zu lassen, dass er es wohl wieder nicht zum Abendessen schaffen würde. Auf dem Weg von der Endhaltestelle Kabataş nach Hause kam uns eine Horde Fußballfans und schwarz-weiß entgegen. Nein, es war nicht nur eine Horde, es war eine ganze Völkerwanderung. Sie waren auf dem Weg zum Stadion, an dem wir auch vorbei mussten. Ich fühlte mich ein wenig wie einer dieser armen Lachse, die ihr ganzes Leben lang den Fluss aufwärts schwimmen um an den Ort ihrer Geburt zurück zu kehren. Es war auch wirklich kein Durchkommen mehr; die Autos fuhren noch chaotischer und regelwidriger als ich es überhaupt für möglich gehalten hätte. Die nächste Steigerung wäre nur noch möglich gewesen, wenn sich die Autos nicht nur vor- und rückwärts bewegt hätten, sondern auch nach oben hin, frei im Raum.
Und natürlich wussten wir ab einem gewissen Punkt nicht mehr, wohin wir gehen mussten, beziehungsweise, woher wir am Morgen gekommen waren. Aber das war halb so schlimm, beziehungsweise, wäre halb so schlimm gewesen, wenn mein Navi ein GPS-Signal empfangen hätte. Aber wir fanden zumindest unseren Lieblingssupermarkt wieder, der gerade im Schließen begriffen war. Die Verkäuferin, die ihre Kollegin beim Geldzählen beobachtete, nickte mürrisch, als Matthias andeutete, dass wir gerne noch etwas einkaufen würden. So huschten wir eilig durch die Gänge und griffen nach allem, woraus sich ein Nudelessen machen ließ, also hauptsächlich nach Nudeln. Mit einem kleinen Umweg fanden wir kurz darauf unser Haus wieder, und kaum dass wir das Nudelwasser angesetzt hatten, kam unser Gastgeber von der Arbeit nach Hause und bestand darauf, dass wir das fertig gekochte Essen aus seinem Kühlschrank probieren sollten. Er erzählte, dass seine Mutter einmal pro Woche vorbei kam und ihm die Mahlzeiten für die nächste Woche zubereitete. Er nahm einige Näpfe heraus und begann sie in Pfannen und Töpfen auf dem Ofen warm zu machen. Es gab einen Brei aus winzigen orangefarbenen Linsen, etwas Gemüseartiges und dann noch etwas, das irgendwie Kartoffeln enthielt und auf der Zunge brannte. Ich fragte, was das denn alles sei, und er rief sofort seine Schwester an, die deutsch sprach und es mir erklärte. Viel schlauer wurde ich daraus aber nicht, deshalb lass ich die Essensbeschreibung hier einfach mal so stehen. Um dem Essen die Schärfe zu nehmen, wies Azat mich an, Joghurt unterzurühren. Ich sehnte mich ein wenig nach den für heute Abend vorgesehenen Nudeln, aber ich aß alles auf, denn dies ist Teil der Erfahrung, die ich mich Couchsurfing erreichen wollte: Die wirkliche Türkei erleben, auch wenn das ein paar Tage Verdauungsstörungen bedeutet.
Der Abend wurde nicht mehr lang; Azat zappte durch die Sportprogramme und blieb an dem Fußballspiel hängen, zu dem vorhin all diese Leute geströmt waren. Eigentlich wartete nur darauf, seinen Werbespot zu sehen, erklärte er. Er hatte in seiner Firma eine Werbekampagne für Nike entwickelt und verfolgt nun mit mäßigem Interesse die Werbespots der Konkurrenz. Ich verwickelte ihn noch in ein kleines Gespräch, weil ich das Gefühl hatte, sonst ein schlechter Gast zu sein. Wir verabredeten uns wieder zum gemeinsamen Frühstück. Zumindest würden wir auf diese Weise nicht den halben Tag verschlafen. Es gab noch so viel, was ich von Istanbul sehen wollte, stellte ich fest, als ich im Bett lag und den Reiseführer studierte. Aber das hatte Zeit bis morgen...

Ankunft in Istanbul

14.9. - Ankunft in Istanbul
Seit dieser Nacht bin ich für den EU-Beitritt der Türkei. Wahrscheinlich genau aus diesem Grund gibt es diese nutz- und endlosen Grenzkontrollen für EU-Bürger mitten in der Nacht. Wir verbrachten insgesamt wohl zwei Stunden an der Grenze, von zwei Uhr morgens bis vier. Zu einer Zeit, in der man normalerweise im Tiefschlaf ist, mussten wir aus dem Bus aussteigen, unsere Pässe an einem Posten der bulgarischen Grenze vorzeigen, über die Grenze laufen, wieder in den Bus hinein, der dann erstmal eine halbe Stunde am Duty-Free-Einkaufszentrum parkte. Dann fuhren wir erst den halben Kilometer zur türkischen Grenze, wo schon lange Bus- und Autoschlangen auf die Abfertigung durch zwei Grenzbeamte warteten. Die restlichen Grenzbeamten sahen fern oder schliefen. Es verging eine Ewigkeit bis wir zum Aussteigen aufgefordert wurden, und selbst draußen standen wir noch eine ganze Weile fröstelnd und übermüdet in der Nachtluft. Die Grenzbeamten versteckten sich hinter dickem Glas in zwei Metern Höhe und stempelten mechanisch unsere Pässe, und behielten sie für wer-weiß-was. Es war schon nach drei als wir wieder einsteigen durften. Vor uns standen noch weitere Busse, an denen wir nicht vorbei kamen. Dennoch... endlich konnte ich mich schlafen legen. Dachte ich. Ich hatte nur wenige Minuten geschlafen, als ich von einer Unruhe geweckt wurde; der Fahrer lief durch den Bus, irgendetwas auf Türkisch rufend. Alle verließen den Bus mit ihrem Handgepäck. Wir waren an der Gepäckkontrolle angelangt. Wozu das? Matthias meinte, es wäre reine Schikane. Sie hatten nicht mal Handscanner. Wir wurden aufgefordert, all unsere Sachen auf einen Tisch zu legen, sämtliche Verschlüsse zu öffnen, sodass die Kontrolle schneller gehen würde. Sie war auch tatsächlich schnell vorbei als der Beamte endlich mal kam; er steckte nur kurz seine Hand oben in unsere Rucksäcke hinein und ging zum Nächsten. Wir hätten darin einen Affen mit Kalaschnikow schmuggeln können – das hätte er nicht gemerkt.
Der Halbmond hing über der türkischen Grenze, und das ist keine Metapher. In nicht mal drei Stunden sollte die Morgendämmerung einsetzen und wir in der magischen Stadt am Bosporus, zwischen Okzident und Orient ankommen.
Sanfte Hügel und scharfe Zacken hoben sich gegen den samtenen Himmel ab, Nebelschwaden lagen in den Tälern und vereinzelt spiegelte sich Wasser in den ertrunkenen Wäldchen. Wenn die Stadt unter Wasser gestanden hat, dann muss es hier gewesen sein, denn näher wir Istanbul kamen, desto höher wurden die Hügel. Schicke Vororte mit bunten Häusern thronten auf den Hängen, dazwischen ragten Minarette in den Himmel, allesamt höher als die restliche Bebauung. Das änderte sich in den Plattenbau-Vierteln, die aus Wohnungsnot in den letzten Jahren aus dem Boden gezogen wurden und immer noch werden; und trotzdem wachsen die illegalen Wohnsiedlungen an den Stadträndern unkontrolliert und ohne Rücksicht auf Bauvorschriften – das ist der Grund, weshalb es überhaupt zu einer Katastrophe während des Hochwassers gekommen ist. 12,5 Millionen Einwohner... das ist eine unglaubliche Zahl - und das ist nur die offizielle. Berlin hat im Vergleich dazu nur 3,4 Millionen. Man braucht sicher Stunden um die Stadt vom einen Ende zum anderen zu durchqueren, Wir mussten zunächst einmal vom Hauptbusbahnhof ins Zentrum so weit fuhr die Metro. Vom dort aus sollten wir einen Bus nach Taksim nehmen, und dann ein Taxi, um unseren Gastgeber noch zu erreichen bevor er 8:45 zur Arbeit ging. Soweit die Anweisungen. Schon die Metro zu nutzen, war eine kleine Herausforderung. Wir gingen nach dem bewehrten Prinzip vor: Geld abheben, etwas Kleines dafür kaufen und von dem Kleingeld Tickets lösen. Nur stand am Eingang der Metro nur ein seltsamer Automat, der bei jedem Tastendruck wie eine Alarmanlage losquietschte. Wir wurden nicht schlau daraus, weil er verlangte, dass man einen Fahrkartenchip auflegte, statt uns einen zu geben, und dafür nahm er nur Scheine an, keine Münzen. Die Leute nach uns konnten auch nichts damit anfangen, aber wir beobachteten, wie Leute eine Münze in die elektronischen Türen einsteckten. Nun begannen wir genau darauf zu hören, was die aufdringlichen Verkäufer zu sagen hatten: Jeton! Das waren die Münzen, die man hier in der Metro verwendet. Sie wurden in einem der Kioske für etwa 70 Cent pro Stück durch einen gelangweilt dreinschauenden Osama Bin Laden verkauft. Ich wollte ihm ein paar aufmunternde Worte sagen, wie: „Gute Versteckwahl, das ist sicher der letzte Ort, an dem sie dich suchen“, dachte dann aber, das wäre unangemessen, und holte stattdessen nur eine Handvoll Jetons. Die Metro war nicht überfüllt, weshalb es mich wunderte, die Busse als fahrende Sardinendosen zu erleben, in denen die Menschen nicht nur aus den Türen hinaus hingen, sondern an diesen Leuten auch noch weitere Leute hingen. Das, und die Tatsache, dass keiner der Busfahrer sich für eine bestimmte Richtung oder einen Bus verantwortlich fühlte, ließ die Entscheidung für ein Taxi leicht fallen. Anstandslos akzeptierten wir den Preis von 15 Lira – etwa 7 Euro – im vollen Bewusstsein, zu viel zu zahlen. Der Taxifahrer brachte uns nicht die letzten 100 Meter bis zu der Adresse unseres Gastgebers und rannt nach dem öffnen des Kofferraums förmlich wieder zum Fahrersitz; einen Wimpernschlag später war vom Auto nur noch eine Staubwolke zu sehen.
Doch so schlecht war der Preis gar nicht, meinte unser Gastgeber, als er uns mit zerzausten Haaren und hastig übergeworfener Kleidung in seine Wohnung einließ. Das Taxameter stand am Ende der Strecke zwar auf 13 Lira, aber für Gepäck muss man im Normalfall extra bezahlen, somit sind wir fast zum Preis für Einheimische gefahren. Ich entschuldigte mich mehrfach bei Azat, dass wir ihn geweckt hatten. Es war 8:20 und 8:45 wollte er auf Arbeit gehen. Im Laufe der Tage beim ihm stellten wir fest, dass dies nur ein Ausdruck es guten Willens war, und er tatsächlich nie vor 9 Uhr aufstand. Dafür arbeitete er jeden Abend bis nach 20 oder 21 Uhr, und wir sahen ihn meistens nur kurz in der halben Stunde, die er vor dem Schlafengehen durch das Sportprogramm zappte, oder in den fünf Minuten am Morgen zwischen Zähneputzen und dem Zufallen der Wohnungstür. Aber er war ein durchaus netter Kerl, der uns gleich die Wohnungsschlüssel gab und meinte, wir sollen uns wie zu Hause fühlen und uns selbst aus dem Kühlschrank bedienen. Als er gegangen war, sahen wir in den Kühlschrank hinein. Es gab praktisch nichts darin, aus dem man hätte etwas kochen können, aber er war angefüllt mit Schalen und Näpfen voller fertig zubereiteter Malzeiten. Also erstmal kein Frühstück für uns. Wir verließen auch bald darauf das Haus. Ich fühlte mich voller Energie, trotz Schlafmangel, während Matthias auf allen Vieren und der Zunge auf dem Boden hinter mir her kroch. Diese steilen Gassen mit den brüchigen schmalen Treppen waren wie für mich gemacht, oder ich war für sie geboren. Wunderschöne Bäume mit großen Blüten säumten die Straßen, die allesamt wie Buckel schlafender Riesen wirkten. Istanbul soll genau wie Rom auf 7 Hügeln erbaut worden sein, aber ich denke, 70 würde es eher treffen. Und es fühlt sich an wie 700, wenn man nach einem langen Tag in Istanbul nach Hause kommt.
Unser Plan für den ersten Tag war simpel: Den Taksim-Platz zu finden, der so eine Art Hauptverkehrsknotenpunkt ist, dort in der Touristeninformationen eine Stadtkarte erhalten und abschließend in die Innenstadt zu fahren. Wer diesen Blog mitverfolgt, ahnt schon, dass es wohl nicht ganz so gelaufen ist wie geplant. Die Beschreibung unseres Gastgebers war auch viel zu kompliziert gewesen: Nach rechts, und dann immer gerade aus. Das hätte niemand gefunden. Jedenfalls kamen wir am Bosporus heraus. Eine weiße Moschee spiegelte sich im leicht bewegten Wasser vor der Kulisse eines Parks mit einer Wäscheleine voller Türkeiflaggen und Verkäufern mit bedruckten T-Shirts und Fanartikeln; Müll, streunende Tiere und Jachten, begrenzte von einem hohen Berg, der völlig mit Häusern zugebaut war. Ganz oben ragten die Dächer einiger hoher Bürogebäude hervor, von denen eines genau wie in der Abbildung vom Taksim-Platz aussah. Also wieder nach oben. Wir nahmen wahrscheinlich den längstmöglichen Weg, da von unten überhaupt nicht einsehbar war, in welchen Winkeln die Gassen nach oben führten, wenn sie das überhaupt taten und nicht in einer Sackgasse endeten. So war es nur eine Frage der Zeit bis wir zufällig vor der deutschen Botschaft standen, ein gut abgesichertes Gebäude mit hohen Zäunen, direkt gegenüber von einem noch mehr abgesicherten Gelände, an dem eine Warnung vor Scharfschützen hing, und wie zur Unterstreichung der Aussage ein Soldat mit gezückter Waffe auftauchte, als ich gerade ansetzte, ein Foto zu machen. Der Taksim-Platz wirkte ein wenig freundlicher, auch wenn in seiner Mitte ein Militärdenkmal thronte. Eine Touristeninfo war jedoch weit und breit nicht zu entdecken. Dafür fuhren hunderte von Bussen in alle Himmelsrichtungen ab. Auf der Übersichtskarte hätte man eine Lupe gebraucht um Genaueres herauszufinden. Wir fragten schließlich jemanden nach dem Weg ins Zentrum, und sie schickten uns genau dorthin zurück, woher wir kamen: Zur Moschee am Wasser. Von dort aus fuhr eine Straßenbahn direkt nach Eminönü, in die europäische Altstadt.
Ich werde nie den ersten Anblick vergessen, als wir die Brücke über den Bosporus überquerten und sich die ganze Innenstadt vor uns öffnete: Wie eine kunstvoll-filigrane Miniaturlandschaft lag sie auf einer Anhöhe, von oben angestrahlt und aus sich selbst heraus strahlend. Schlanke weiße Minarette stachen in den Himmel, Kuppeln überspannten ganze Straßenzüge und die schönste aller Moscheen lag direkt am Wasser als wäre sie aus dem Grunde der See erwachsen. Davor lagen Ausflugsschiffe und Fähren an, dahinter erhob sich die Blaue Moschee und in einem Rotton die berühmte Hagia Sofia.
Die blaue Moschee sieht übrigens gar nicht wirklich blau aus; ihre Kuppeln wirken eher bleigrau, selbst im Sonnenschein. Ihren Namen hat sie von den abertausenden blau-roten Kacheln, mit denen sie von innen geschmückt ist. Ich habe noch nie etwas Schöneres, Prachtvolleres gesehen; die gigantischen Kuppeln über mir schienen frei zu schweben, sie leuchteten im Licht eines riesigen, wagenradähnlichen Kronleuchters, der sehr tief in den von Besuchern abgetrennten Raum der Betenden hingen. Aus hunderten blauen Buntglasfenstern fiel helles Sonnenlicht von allen Seiten auf den roten Teppich, auf dem Gläubige beteten und sich ganze Busladungen Touristen aneinander drängten. Dementsprechend laut war es. Ein Mann saugte den Teppich im Eingangsbereich, und trotzdem konnte es den Bann nicht brechen, der sich über mich gelegt hatte. Ich sank zu Boden und beobachtete einfach nur die strahlende Kuppellandschaft. Matthias beschwerte sich, dass er einschlafen würde, wenn wir noch länger hier säßen. Dabei gab es noch so viel zu sehen - und so wenig Zeit. Wir hatten vier volle Tage, von ursprünglich sechs geplanten, und ich wollte diese Stadt komplett sehen, bevor es sie nicht mehr gab. Istanbul liegt auf einer tektonischen Plattengrenze und ist hochgradig erdbebengefährdet; das nächste große Beben ist schon längst überfällig, sagen viele Forscher. Der große Kuppelbasar dürfte es jedenfalls nicht überstehen, der ist jetzt schon einsturzgefährdet. Eigentlich hatte ich einen echt-orientalischen Markt erwartet, auf dem alles vom Gewürz bis zum lebenden Huhn gehandelt wird. In Wahrheit erinnert er an eine noble Geschäftsstraße; statt einfacher Holzstände wurden ganze Geschäfte in die überkuppelten Gänge eingebaut und hinter dickem Glas glänzte Gold und Silber um die Wette. Viele Gässchen zweigten von dieser breiten Geschäftsstraße ab, und das alles unter den blau-rot-weißen Kuppeln, die langsam zerbröckelten. Bald kam man an billigere Schmuckstände, Stoffhändler, und dann an ein Geschäft, das nur bunte, bauchige Lampen verkaufte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass hier tatsächlich jemand zum Einkaufen herkam. Es war ein Ort voller Touristen; die Einheimischen wussten wahrscheinlich, wo man den ganzen Kram um ein Vielfaches billiger herbekam.
Es war gar nicht so einfach, aus dem labyrinthähnlichen Gewirr von Gängen wieder nach draußen zu finden, und schon gar nicht an der gleichen Seite wie wir hinein gekommen waren. Wir fanden uns in einer Gasse abseits der Touristenströme wieder und folgten ihr bis wir wieder in der Nähe der Blauen Moschee waren. Die vielen Plätze davor waren in eine Gartenanlage eingearbeitet worden, in der viele Bänke standen, Imbissbuden und in der Mitte ein Springbrunnen. Nicht weit davon entfernt ragte zwischen Palmen und Nadelbäumen eine auffällige Säule in die Luft; es war ein Obelisk mit ägyptischen Schriftzeichen, ein Zeugnis aus der Zeit, als die Stadt noch Konstantinopel hieß und unter römischer Herrschaft stand. So viel Blut wurde hier vergossen, durch Aufstände, Eroberungen und Plünderungen. Verbrannte Erde und Neuanfang. Hauptstadt dreier Weltreiche. Der Ruf des Muezzins zum Gebet schallte blechern durch die Lautsprecher über diesen geschichtsträchtigen Platz und wurde weitestgehend ignoriert. Eine Gruppe tief verschleierter Frauen eilte zum Eingang der Blauen Moschee. Eine Schar Tauben pickte Brotkrumen, die ihnen ein alter Mann zuwarf. Die Müdigkeit suchte nun langsam auch mich heim und wir fuhren nach Hause.





Wir schliefen einige Stunden, als wir aufwachten, war es schon dunkel draußen. Unser Gastgeber war noch nicht zurück gekehrt. Wollten wir nicht gemeinsam zu Abend essen? Viel Hunger hatte ich nicht, ich war noch immer müde von der kurzen Stadterkundung und der durchwachsenen Nacht. Ich erinnerte mich an die Tüten-Nudelsuppe, die ich für den Fall der Fälle aus Deutschland mitgebracht hatte. Matthias kochte, ich hing träge auf einem der Barhocker am hohen Esstisch. Azat kam erst spät heim, schaltete den Fernseher an, sah kurz durch die Sportkanäle und verschwand bald darauf unter der Dusche und dann im Bett. Morgen wollte er mit uns gemeinsam Frühstück essen. Dass er dafür nicht rechtzeitig genug aus dem Bett kam, muss ich wohl nicht erwähnen...

Sonntag, 13. September 2009

Sofia, Bulgarien

12.9.




Wir warteten bis halb 10 bevor wir unserer Gastgeberin eine SMS schrieben, dass wir bereits angekommen waren - man will ja niemanden so zeitig wecken, der bis Mitternacht arbeiten muss. Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen - ihren Wecker hörte sie auch nicht. Bis sie gegen 12 Uhr am Bahnhof auftauchte hatten wir genug Zeit eine Bank mit Geldautomatem zu finden, das Geld zu wechseln und dann endlich mal aufs Klo zu gehen. Auc wenn es sonst nicht viel moderne Technik gab, waren doch alle Toiletten mit Bezahlautomaten ausgestattet. Und es gab kostenlose Internetterminals und WLAN. Das macht in meinen Augen ein zivilisiertes Land aus und relativiert den etwas wilden Eindruck bei unserer Ankunft. Ja, korrupt ist das Land dennoch. Svetlana warnte uns vor den Taxifahrern, die wie überall ein Leben daraus gemacht haben, Touristen abzuzocken. Wir gingen ein Stück vom Bahnhof weg um ein anständiges Taxi zu bekommen. Wie man den Unterschied merkt? Nach EU-Regelung müssen die Kilometerpreise am Taxi ausgeschrieben sein, und: Die anständigen Taxifahrer ignorieren ihre Kunden erstmal, statt freundlich lächelnd auf sie zuzulaufen, wie es die Wucherer tun.
Unser Taxi war schon etwas älter und hatte keine Sitzgurte. Aber Taxifahrer bekommen nie eine Strafe wegen irgendeines Delikts, erklärte Svetlana. Sie regeln das mit der Polizei auf eigene Weise. Ich vermute, es gibt da eine Art Schmiergled-Flatrate: Fahr wie du willst, zahle pauschal.
Auch gegen normale Temposünder wird oft nicht vorgegangen. So greift das Land zu kreativen Mittel, vor Unfallgefahr zu warnen: Durch das Erfinden eines Verkehrsschild für unfallreiche Stellen, zum Beispiel. Oder durch Abschreckung. Im Stadtzentrum gab es ein Kunstprojekt aus zerstörten Autos mit dem Hinweis "du sollst nicht rasen". Und da das auch nicht zu helfen scheint, wurden Polizeiwagen-Attrappen an den Straßen aufgestellt.

Als wir bei Svetlana ankamen, gab es ein leckeres Mittagessen, frisch von ihrer Mutter zubereitet, die auf Besuch war. Sie war eine schmale kleine Frau, die zurückhaltend und leise deutsch sprach, dabei aber immer lächelte. Sie hatte ein traditionelles Balkan-Essen namens Banitsa zubereitet. Es gibt übrigens keine Gerichte in den Balkan-Ländern, die nur in einem Land bekannt wären - alles wurde mit einander geteilt. So gab es zum Essen einen Teller mit bulgarischem Fetakäse (den man nicht mehr "Feta" nennen darf seit sich die Griechen den Namen gesiche t haben) und Oliven. Banitsa ist eine Art Auflauf aus Blätterteigröllchen, in den Fetakäse (gerne auch nicht der griechische), Ei und Butter hineingebacken sind. Eine Schicht Teig kommt oben drauf, die nach dem Backen mit Butter bestrichen wird; das macht es besonders saftig.
Dazu gab es eine kalte QuarkGurkensuppe. Bulgaren sind äußerst höfliche und gastfreundliche Menschen, die ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen versuchen. Extra für uns liefen sie noch einmal hinunter in den Laden um reichlich Getränke zu besorgen, da sie sonst nur Leitungswasser tranken und nichts anderes im Haus hatten. Wir bekamen frische Handtücher, weil sie meinten, unsere werden nicht rechtzeitig vor der Abfahrt am nächsten Abend trocken, und mehr als einmal wurden wir gefragt, ob wir uns vielleicht erstmal hinlegen wollten. Wir entschieden uns aber für die Stadttour.
Es gab einge wunderschöne Kirchen in Sofia, hauptsächlich orthodoxe, die innen mit kostbaren Wandmalereien aus dem frühen Mittelalter geschmückt waren. Das sagte zumindest Wikipedia. Tatsächlich war es aber zu dunkel, irgendetwas darin zu sehen. Es glimmten nur schwach einige Lampen in einem der hinteren Kronleuchter. Das meiste Licht kam von den langen dünnen Kerzen, die von den Gläubigen angezündet wurden: Auf den hohen Ständern für die Lebenden, auf den tieferen, mit Sand gefüllten Standflächen für die Toten. Es wirkte gespenstig, wenn die Trauernden im schwachen, flackernden Licht an den kleinen Flammen vorbeigingen.
Die Sweta Nedelja-Kirche war das genaue Gegenteil. Sie ein beliebter Ort für Hochzeiten: hell erleuchtet, golden glänzend, jeder Zentimeter war mit Bildern und Ornamenten ausgestaltet. So war es kein Wunder, dass wir mitten in eine Hochzeit hineingerieten. Die Tür hatte offen gestanden, davor standen schon jede Menge wartende Leute, ein Kameramann, Fotografen... Wir dachten, es würden noch die Vorbereitungen laufen, aber als wir dann in der Kirche waren, entdeckten wir das Brautpaar am Altar. Wir stellten uns zwischen die Gäste und sahen zu. Für mich war es faszinierend, da ich noch nie zuvor eine orthodoxe Hochzeit mitverfolgen konnte. Der Zeremonienleiter war ein freundlich aussehender Opa, nicht der grimmige Alte mit dem hohen schwarzen Hut; er sang mehr als dass er sprach, und ein Männerchor antwortete aus dem Hintergrund. Es gab eine Reihe seltsamer Rituale: Dem Paar wurden eiserne Kronen auf den Kopf gesetzt, die durch den Trauzeugen angehoben und einige Male angedeutet untereinander ausgetauscht wurden. Die ganze engere Traugemeinschaft musste dem Priester einige Runden um den Altar folgen, und nach jeder Runde segnete er sie. Am Ende sang der Chor "Auf viele Jahre" auf russisch; ein Lied, das ich noch sehr gut in Erinnerung hatte. Dann löste sich die Gesellschaft plötzlich auf, strömte aus der Kirche und die nächsten Gäste kamen hinein. Svetlana erzählte, es gäbe hier am Wochenende manchmal 7 Hochzeiten pro Tag.
Wir besuchten auch die Moschee. Beim Betreten bekamen wir lange grüne Kaputzen-Umhänge. Matthias wollte auch einen annehmen, aber da lachte der Mann am Eingang nur, weil diese Umhänge nur für Frauen gedacht waren. Aber wenn Matthias wollte, könne er einen nehmen, meinte er. Svetlana hatte in diesem Umhang unglaubliche Ähnlichkeit zu einer Kräuterhexe, zumal ihr Rucksack unter dem Stoff wie ein Buckel wirkte. Wie alle Besucher hatten wir hatten die Schuhe vor dem Eingang ausziehen müssen, und ich muss sagen, der Islam ist wirklich keine Religion für Menschen mit Schweißfüßen. Dafür war es schöner, mit bunten Fließen geschmückter Innenraum, soweit wir das zu sagen vermochten. Nur Matthias konnte sich relativ frei darin bewegen.
Da wir einmal dabei waren, wollten wir eine Weltreligionstour daraus machen und die in der Nähe liegenden Synagoge besuchen, doch die war samstags geschossen. Wir kamen noch an der ältesten Kirche Bulgariens vorbei, an der eher improvisiert als restauriert wurde: Die alten Mauern waren teils mit einem Betongemisch versiegelt worden, an anderen Stellen wurden Gehsteigplatten aufgemauert. Svetlana beklagte, dass man in Bulgarien kein Gefühl dafür hatte, wie man die Sehenswürdigkeiten für Touristen präsentieren konnte. Dabei hätte es oft schon ein wenig mehr Licht oder eine Infotafel auf Englisch getan.
Wir schlugen einen Bogen zur Marktstraße, auf der man das billigste, aber auch das schlechteste Obst und Gemüse kaufen konnte. Svetlana sagte, hier wurde grundsätzlich nur das fauligste eingetütet und die guten Sachen als Ansichtsexemplar behalten. Am Straßenrand saßen Zigeuner, die normalerweise auch Obst verkauften, aber jetzt - wahrscheinlich wegen der Wirtschaftskrise - ihre letzten Besitztümer verkauften: Alten Krimskrams, benutzte Haushaltsgeräte, schwarzweise Familienfotos, das zweite Paar Schuhe... Kinder spielten im Müll oder verkauften selbst eigenen Plunder.
In der Mitte des Marktes gab es eine schöne Kirche, die nie jemand in dem Markttreiben bemerkte.
Es gab auch einen Büchermarkt, auf dem man einige Raritäten finden konnte. Die Händler waren sich dessen wohl bewusst und verpackten diese Bücher in Klarsichtfolie um sie zu einem hohen Preis anbieten zu können.
Es wurde Abend und man begann mit dem Zusammenräumen. Wir kamen in einem Park vorbei, in dem eine Bühne aufgebaut war. Es hatten sich schon einige Zuschauer angesammelt, sogar ein Team vom nationalen Fernseheb; wir holten uns ein Eis und setzten uns dazu. Erst als die erste Sängerin auftrat, stellten wir voller Entsetzen fest, dass es ein Karaoke-Abend war. Zwar ein gehobener mit geladenen Sängern, aber das machte ihren Auftritt nicht besser. Nach zwei weiteren talentlosen Modepuppensängerinnen traten wir die Flucht an. Hier musste wirklich sonst nicht viel Interessantes passieren, wenn so etwas live übertragen wurde.
Zu Hause gab es wieder Abendbrot von Mutti, Fischstächen und Salat, dazu der übliche KäseOliventeller und aufgebackenes Brot, das sie immer im Kühlschrank aufbewahrt hatten.
Obwohl wir höchstens vier Stunden im Bus geschlafen hatten, hielt es uns bis fast elf Uhr am Tisch bis wir dann doch wie Steine ins Bett fielen.


13.9. - Ausflug in die Berge (Witoscha)
Wir standen schon recht früh auf, weil wir in die Berge gehen wollten. Unser Bus fuhr erst um 21 Uhr ab. Ursprünglich hatten wir geplant, am früheren Abend mit dem bequemeren Zug nach Istanbul zu fahren, aber aufgrund der Flut und einem Erdbeben hatte man den Schienenverkehr bis auf weiteres gestrichen. So hatten wir einen ganzen Tag zum Wandern. Totzdem kein Grund zum Trödeln. Wir nahmen also ein Taxi (diesmal mit Gurt) bis zur Talstation, von der aus ein offener Skilift auf das Witoscha-Gebirge hinauf führte. Ein Ticket kostete nur 1,50 Euro, dafür wäre - nett ausgedrückt - dieser Lift durch keinen deutschen TÜV mehr gekommen. Es war gute alte Sowjettechnik - robust, unkaputtbar. Ein sicheres Gefühl wollte trotzdem nicht aufkommen, zumal die Sicherheitshalterung eigentlich selbst nur noch von einer Schraube an der Bank gehalten wurde. Rüttelnd und schwankend ging es immer weiter nach oben, über eine Schneise im Wald hinweg, die schon wieder völlig zugewachsen war. Nur ein schmaler Wanderweg zog sich schlängelnd hindurch und verlor sich nach einer Weile in den Sträuchern. Im Wald sahen wir dann und wann Wanderer, mal mehr, mal weniger munter, aber trotz der eisigen Temperaturen hier oben nur spärlich bekleidet.
In einer Zwischenstation mussten wir in einen zweiten Lift umsteigen, bis wir dann in insgesamt einer Viertelstunde am Ausgangsort für unsere Wanderung waren. Unser Ziel war der "Schwarze Gipfel", der seinen Namen von den Regen- und Gewitterwolken erhalte hatte, die ihn meistens verdeckten.
Es führten nur Trampelpfade nach oben; der Weg war durch meterhohe, gelb-schwarze Pflosten markiert, sodass er auch im Winter zu finden war. Die Landschaft war fast unberühert, nur selten sah man eine Hütte, und einmal auch ein halb abgerissenes Hotel. Svetlana ärgerte sich darüber, dass hier alles gemacht werden konnte, was man wollte, solang man an die richtigen Leute zahlte, obwohl es ein staatlich geschützes Naturschutzgebiet war. Jetzt sollte die Ski-Piste in der Ausdenung verdreifacht werden, wodurch es nötig wurde, nicht nur Wälder zu roden, sondern auch die Moränenlandschaft wegzusprengen, wie anderswo es schon getan worden war. Viele Menschen protestierten jetzt im Sommer dagegen, aber im Winter werden es wohl weniger werden, meinte Svetlana. Es war schade um die Natur. Das Band aus grüngefleckten Eiszeitsteinen zog sich wie ein versteinerter Fluss den Hang hinunter. Doch die Natur hat den längeren Atem - spätestens, wenn sie uns die nächste Eiszeit schickt.

Viele ältere Menschen hatten es sich zum Hobby gemacht, diesen Gipfel regelmäßig zu ersteigen. Einer alten Tradition folgend grüßen sie jeden Wanderer, der ihnen begegnet, und verweilen vielleicht kurz zum Plaudern. Doch sobald sie dasTal erreicht hatten, wurden sie sofort wieder zu den unhöflichen, schlecht gelaunten Leuten, die sie auf der Straße immer waren, erklärte Svetlana. Die letzten 100 Meter ging es steil nach oben über Schlamm, Steinbrocken und Quellflüsschen steigend, kletternd und hüpfend - dann waren wir am Gipfel angekommen. Hier stand neben einer Bergkneipenhütte eine Wetterstation und viele andere Beobachtungsstationen voller Antennen. Der ideale Platz zum Rasten, hier auf 2290 Metern Höhe. Auf einem Plateau standen Holzbänke und -tische, in denen sich frühere Wanderer sorgfältig verewigt hatten. Wir hatten Weintrauben, Tomanten und kaltes Banitsa dabei, das wir mit großem Appetit aßen. Dann war es auch schon wieder Zeit zum Umkehren, wenn wir noch mit dem Lift nach unten fahren wollten. Statt die steilen Hänge wieder hinunter zu klettern, wanderten wir eine grobsteinige Straße hinunter, die eher wie ein Flussbett aussah und von Jeeps befahrern werden konnte. Nebenschwaden zogen auf, und die Wolken hingen tief und versperrten die Aussicht ins Tal. Bald begann der Schwarze Gipfel seinem Namen alle Ehre zu machen, und als wir im Lift saßen, begann es dann auch zu regnen. Oder eher: Wir wurden nass, als wir die Regenwolken durchquerten. Wie man es nimmt - wir wurden nass bis auf die Knochen, trotz Regenjacke. Einige Verrückte kamen uns auf dem Lift mit Mountainbikes entgegen, wobei es mir immer noch ein Rätsel ist, wie sie so schnell mit ihrem Fahrrad auf den Sessellift aufspringen konnten.
Langsam klarte sich die Sicht auf. Es gab sogar schon wieder einige sonnige Flecken, aber die Luft blieb weiter herbstlich kalt. Unten angelangt wollten wir nur noch schnell nach Hause, einen warmen Tee trinken. Svetlana rief ein Taxi, und wir erlebten live mit, wie die Polizei hier agiert: Unser Fahrer hatte verbotenerweise überholt, wurde herausgewunken, stieg aus, diskutierte kurz und kam wieder mit der Bemerkung, er hätte das geregelt. Dann zeigte er die aktuelle Zeitung mit einem großen Artikel über die Verhaftung einer Gruppe korrupter Polizisten. Worauf genau sie sich geeinigt hatten, sagte der Fahrer nicht.

Svetlanas Mutter war schon wieder fleißig gewesen und hatte Kartoffelauflauf zubereitet. Wir hingen unsere nassen Sachen auf, und sie brachte einen kleinen Elektroheize um das Trocknen zu beschleunigen. Auch sofort stand der heiße Tee auf dem Tisch, und daneben Schokoladenkekse. Wir hatten noch ein paar Stunden bis zu unserer Abfahrt, die jedoch so schnell vergingen mit Essen und Einkaufen. Svetlanas Vater war in de Zwischenzeit gekommen, ein pensionierter Astronom, der sich mit uns kurz auf Deutsch unterhielt. Dann war es schon Zeit zu gehen. Svetlana kam mit uns zum Busbahnhof und sorgte auch in den letzten Minuten dafür, dass alles reibungslos verlief. Der Bus wartete schon, die Fahrer standen rauchend beieinander, redeten und nahmen nur kurz Notiz von uns. Svetlana fragte nach, ob sie nicht unsere Tickets und Pässe kontrollieren wollten, aber die Fahrer winkten ab. Wir erhielten jeder einen Gepäckaufkleber mit Nummer, die danach keinen mehr interessierte.
Viele Reisende waren es nicht, neben uns nur Noch eine Gruppe Franzosen. Die Sitze rochen genau so, wie es in einer russisch-orthodoxen Kirche duftet; aus den Lautsprechern klang bulgarische Popmusik. Ich schrieb noch einige abschließende Bemerkungen in mein Reisetagebuch. Dabei war das erst der Anfang...

Freitag, 11. September 2009

Weiterfahrt nach Bulgarien

11./12.9.
Anna hatte uns zum Busbahnhof gebracht. Es wären drei Stops mit der Metro gewesen, aber wir wollten ungern unser 3-Tages-Ticket näher begutachten lassen und nahmen lieber zwei Busse und zwei Mal einen
Kilometer zu Fuß in Kauf. Zu unserer Abreise spielte ein Orchester, aber wahrscheinlich nicht für uns. Sehr viele gut gekleidete und schick frisierte Leute kamen uns entgegen; sogar ein Kamerateam war dabei. Wir fühlten uns uneingeladen, auch Anna hatte keine Ahnung, was in ihrer Nachbarschaft vor sich ging.
Am Busbahnhof herrschte reger Betrieb. Irgendjemand verstaute mit großer Mühe unser Gepäck im viel zu kleinen Laderaum des Busses und nahm uns Ticket und Pass ab. Die Papiere stapelten sich beim Busfahrer, nur wir waren noch draußen und kamem nicht rein. Eine Frau ging an uns vorbei zum Busfahrer; sie hatte eine große Tasche dabei, aus der sie nun eine Flasche Wein holte. Sie diskutierte mit dem Fahrer, der die Flasche wegsteckte. Sie holte eine weitere Flasche, die sie dem Fahrer gab, und er grinste jetzt. Wir machten uns schon Sorgen um unsere Fahrt, da wir keine Bestechungsalkohol dabei hatten. Als die Frau den Bus wieder verließ, wirkte sie nicht ganz so glücklich und verschwand mit ihrem Begleiter im Bahnhofsgebäude. Wir stiegen dann irgendwann hinten ein und nahmen einen der letzten freien Plätze; unsere Sitzplatzreservierungen galten offenbar mit dem Betreten des Busses nicht mehr. Oder die Leute auf den Plätzen 4/5 hatten Jägermeister dabei gehabt.

Im Fahren teilten sie dann die Reisepässe auf Zuruf wieder aus. Ich hätte gern einen britischen Pass erhalten, aber uns erkannten sie sofort als die Deutschen und gaben uns nur wor los unsere eigenen Pässe zurück.
Wir fuhren eine Ewigkeit, aber noch länger standen wir an den Grenzen. Geplant war die Strecke von 18 Uhr abends bis 11 Uhr morgens Ortszeit. Durch die Zeitverschiebung waren das "nur" noch 16 Stunden Fahrtzeit. Wir mussten Serbien durchqueren, das nicht in der EU war. Ein Grenzbeamter stiefelte missmutig durch den Bus, ließ sich von jedem den Pass geben, setzte einen Stempel hinein und gab den Pass zurück - außer den Leuten mit Gangster-Visage, wie Matthias; von denen steckte er sich den Pass in die Hosentasche und verließ den Bus.
Nach einigen Minuten setzte sich der Bus in Bewegung. Erst dann wurden die Pässe zurück gegeben, die auf mysteriöse Weise ihren Weg zurück zum Busfahrer gefunden hatten. Zwei Kilometer später fragte er nach, ob denn jeder jetzt seinen Pass hatte. Ich fragte mich, was sie gemacht hätten, wenn jemand verneint hätte.

Langsam wurde es hell, und bald fuhren wir in eine größere Stadt ein. Beim Anblick der Plattenbauten, in denen jede Wohnung einen eigenen Balkon, und jeder Balkon eine eigene Satelitenschüssel und Klimaanlage hatte, machte sich wieder ein Gefühl der Sowjetromantik breit. Es gab nur noch wenige Häuser, die wirklich wie Häuser aussahen, und sie wirkten stark einsturzgefährdet. Einige der Ziegeldächer waren notdürftig repariert worden, andere waren weitflächig in sich zusammen gefallen, und an anderen Stellen standen nur noch die Abrissfahrzeuge. Ich fragte mich aus reiner Neugier, welche Stadt das wohl sei, da es ja erst 7 Uhr morgens war, und ob man das Geld lieber in den Aufbau der Hauptstadt steckte. Dann hielten wir an und alle strömten nach draußen. Wilkommen in Sofia, Hauptstadt von Bulgarien.

Sofia ist eine seltsame Stadt in einem seltsamen Land. Schön gelegen in mitten hoher, blau glimmender Berge, deren Spitzen von Schnee und Wolken weiß gefärbt sind. Dort, wo die Berge aufhören, beginnt das Chaos. Der Kapitalismus ist wild gewachsen nach dem Ende der Sowjetunion. Hier kann man alles kaufen. Auf dem Taxiplatz vor dem Hauptbahnhof gibt es Gewehre, hübsch in Tarnfarben. Ein Taxifahrer kommt auf uns zu. Wir wissen nicht genau, was er von uns will, schütteln den Kopf und gehen weiter. Er schaut uns halb amüsiert, halb ärgerlich nach. Erst später fällt uns ein, dass ein Kopfschütteln in Bulgarien "ja" heißt, und man verneinend mit dem Kopf nickt. Es gibt keine funktionierenden Geldautomaten. Wahrscheinlich ein Streich der Wechselstubenmafia. Wir halten es nicht lange im Bahnhof aus; ein hohes, durchdringendes Geräusch kommt aus allen Ecken. Vermutlich soll es Obdachlose fernhalten. Oder Tauben. Aber zumindest bei denen klappt es nicht. Sie fliegen und stolzieren in der sauberen Bahnhofshalle umher. Ich folge ihnen. Überall blinkt es. Was nicht blinkt, verkauft nicht. Ich versuche einige der Aufschriften zu lesen. Oft ist es Französisch, geschrieben in kyrillischen Buchstaben: "Gare" für Bahnhof, "Aperetiv" an einem Imbiss, und hinter der "Garderob sa bagasch" verbargen sich die Schließschränke für Koffer.

Donnerstag, 10. September 2009

Budapest, Teil 2

9.9.
Unser Plan hatte vorgesehen, dass wir am Donnerstag Abend den Zug nach Bulgarien nehmen würden, dort eine Nacht blieben, um dann weiter nach Istanbul zu fahren. Lazlo fand jedoch heraus, dass der Bus schneller am Ziel war, und dazu nur die Hälfte kostete - dafür aber erst am Freitag fuhr. Er lud uns ein, noch eine weitere Nacht zu bleiben, und wir nahmen dankbar an. So war heute die erste Aktion des Tages, uns die Bustickets zu kaufen. Mit Studentenrabatt bekamen wir sie sogar für nur 42 Euro pro Person, und das ganz ohne den internationalen Studentenausweis, obwohl wir den wohl korrekterweise gebraucht hätten...

Wir fuhren weiter zu einer beliebten Markthalle. Beliebt war sie vor allem bei Touristen. Kaum ein Einheimischer ließ sich auf den sauberen Gängen zwischen den Ständen blicken, alles war auf englisch oder deutsch angeschrieben und die obere Etage war gleich komplett zur Souvenierladenfläche umfunktioniert worden, nur unterbrochen von überteuerten Imbissständen. Aber wir hatten Hunger und kauften uns je ein Marneladengebäckstück. Ich hatte mich ja immer geweigert, von den Gebäckverkäufern in den Unterführungen und Metroschächten etwas zu kaufen, da dort immer ein durchdringender Geruch nach feucht gewordenem Hund und Quark herrschte. Auch fand ich es dort unten ziemlich deprimierend - überall Obdachlose. Die Rolltreppen waren lang, viel zu schnell und zogen uns durch den ewig kargen Tunnel ins kalte Erdinnere. Und überhaupt, warum hatte man eine Moll-Tonfolge vor den Ansagen in den Bahnen verwendet? Es klang, als würden sie zum Trauermarsch aufrufen, oder das Untergehen eines Schiffes beklagen. Mich wunderte es jedenfalls nicht, dass die Ticketkontrolleure am Eingang zur Unterwelt keine rechte Lust mehr hatten, und nur noch flüchtig feststellten, dass man Papier in der Hand hatte.

Wir erreichten den Berg nahe der Elisabethbrücke, der mir bereits bei unserer Ankunft in Budapest aufgefallen war, und den ich unbedingt erklimmen, bzw. Matthias hochjagen wollte. Es war sogar noch viel mehr als ein einfacher Berg; auf halber Höhe war die seltsamste Kirche in den Fels geschlagen worden, die ich je gesehen hatte: Es war eine marmorgeflieste Höhle, deren Wände mit Spritzbeton geglättet waren. An einer Stelle gab es ein kleines Buntglasfenster, sonst war alles künstlich erleuchtet. Sogar ein Fernsehgerät war in der Höhlendecke angebracht. Überall klebten Zettel, man sollte ruhig sein und der Kirche lieber etwas spenden. Ich habe nie eine weniger bedürftige Kirche gesehen. Wir waren die einzigen Besucher. Die Aufpasserin folgte uns so betont unauffällig durch die Felsenkirche, dass ich mich regelrecht verfolgt fühlte. Sie stand oder saß immer wenige Schritte hinter uns, aber ich sah sie nie direkt uns hinterher gehen. Vielleicht war sie ein Geist und ging durch Wände.
Draußen war es nun plötzlich sehr hell, und es dauerte einige Momente, die Gruftstimmung abzuschütteln.
Der Berg stieg weiter steil nach oben an, aber zumindest gab es jetzt steinerne Treppen und Wege. Wir mussten ein paar Mal auf den Aussichtsplattformen rasten, und ich scherzte, dort oben müsse es sicher einen Getränkekiosk geben. Ganz oben angekommen stand doch tatsächlicher einer. Aber nicht nur das: Wir hatten die Burg des Stadtteils Buda erreicht. Busladungen von Touristen tummelten sich hier oben, und die Busse stand gleich daneben - auf der anderen Seite des Bergs gab es eine gut alsphaltierte Straße. Ich fühlte mich ein wenig veräppelt. Doch das ganze Grün um die Burg herum waren schön und lud zum Verweilen ein. Es wurde langsam spät, und normalerweise wären wir zum Abendbrot zu Lazlo und Anna gefahren, aber Lazlo ging heute Abend zum Schwimmen - Budapest ist ja auch für seine Quellen und Bäder bekannt. Das war die ideale Gelegenheit, länger in der Stadt zu bleiben und Fotos von den erleuchteten nächtlichen Brücken zu machen. Matthias wollte außerdem unbedingt einmal Langos in Ungarn probieren - ob es anders schmeckte als in Deutschland. Über einer Metro gab es einen Kiosk, der hauptsächlich Alkohol verkaufte, aber auch Langos. Es schmeckte grauenhaft ölig und salzig, wir hatten auch keinen Belag dazu genommen, weil wir keine Ahnung hatten, was das Angeschriebene denn alles war, und die Frau mit der tiefen Raucherstimme nicht aussah als hätte sie Lust, uns das Schild auf englisch zu erklären. Unser Busfahrer genehmigte sich neben uns vor der Abfahrt noch eine Flasche Bier, bevor er uns zurück fuhr.
Es war schon spät; müde und mit hunderten neuen Fotos auf der Kamera kamen wir zu Hause an. Lazlo und Anna sahen gespannt das Fußballspiel Ungarn gegen Portugal im Fernsehen an. Sie machten Platz für uns. Es sollte das achte Spiel in Folge werden, das Ungarn gegen Portugal verloren hatte. Trotzdem hofften sie bis zur letzten Minute.

10.9.
Wir hörten es am Morgen von Matthias' Mutter, dass Istanbul unter Wasser stand. In den Nachrichten sah es nicht gut aus: Reißende Flüsse, wo einmal Straßen gewesen waren; treibende Busse mit Menschen auf den Dächern und über 30 Todesopfer. Heute war Donnerstag und am Montag sollten wir schon ankommen. Fuhren überhaupt Züge dorthin? Konnten uns diese armen Leute überhaupt unterbringen, wenn ihr Haus unter Wasser stand? Doch ich bekam schnell Entwarnung von einer Gastgeberin: Vor allem hatten die Medien es groß aufgezogen, weil sie mit ihren Fernsehsendern mitten im betroffenen Gebiet saßen. In der Innenstadt habe man nur wenig davon gespürt, schrieb mir Burcu, und eigentlich sei das normales Herbstwetter in der Türkei. Der Wetterbericht sagte weiter Regen vorraus; erst am Montag sollte es schöner werden.

Beruhigt gingen wir in die Stadt. Es war auch schon wieder 13 Uhr geworden. Wir kamen noch rechtzeitig vor Beginn der Führung am Parlament an, allerdings stand vor uns eine deutsche Reisegruppe. Matthias fragte die Leiterin, ob wir gleich mit hinein gehen könnten, die daraufhin die Wache fragte. Der schüttelte mit dem Kopf und meinte, es gäbe keine Tickets mehr. Die Leiterin bedauerte es aufrichtig, aber wir meinten, wir hätten ja auch morgen noch mal die Gelegenheit. Und Budapest hatte noch eine Menge anderer schöner Gebäude, zum Beispiel diese unglaublich auffällige große Basilika, die Lazlo mit dem Petersdom verglichen hatte. Natürlich begann bei unserer Ankunft gerade ein Konzert, weshalb wir erst in einer Stunde zur Besichtigung hinein gehen konnten. Man muss flexibel sein, dachte ich mir, und wir beschlossen, die Parkanlage beim Heldenplatz zu anzUsehen, weil diese zumindest immer geöffnet war. An einem Teich, der nach Nordsee roch, konnten wir auch endlich unser altes Brot aus Wien an die Enten verfüttern. Seit unserer Ankunft waren dies die ersten Enten, weshalb wir schon mit dem Gedanken gespielt hatten, das Brot einem der Obdachlosen zu geben, die in den Metroschächten herumlungerten. Matthias hatte jedoch zu bedenken gegeben, dass sie uns das Brot hinterher werfen würden. Sie sahen wirklich alle so aus, als würden sie sich ausschließlich von Bier ernähren. Es gab in den Unterführungen aber auch Leute vom Land, die ihre Rente aufbesserten, indem sie Blumen und Obst aus dem eigenen Garten verkauften.
Zurück an der St.-Stephans-Basilika. Sie war gefüllt mit hauptsächlich japanischen Touristen, die ganze Fotoausrüstungen und Stative dabei hatten. Trotz Fotografierverbots blitzte es die ganze Zeit durch die dunklen Gemäuer. Es war eine schöne, anmutig wirkende Kirche, sehr golden und reich ausgestattet.
Der Tag ging so schnell vorbei. Am Abend kochte Lazlo für uns einen deftigen ungarischen Kartoffel-Wurst-Eintopf um sich für die Kartoffelspalten vom ersten Tag zu revanchieren. Wir saßen bis elf beieinander in der Küche und fanden nur deprimierende Themen wie korrupte Poliker, die Wirtschaftskrise und warum hier so viele Menschen betteln müssen. Wahrscheinlich saßen wir deswegen immer nur bis elf.

11.9.
Heute Abend fahren wir weiter nach Sofia. Unser 3-Tages-Ticket war nur noch bis kurz nach dem Mittag gültig, weshalb wir uns heute früher aus dem Bett quälten, das heißt, um 9. So dachten wir, es wäre die ideale Gelegenheit, zur Vormittagsführung ins Parlament zu gehen, wenn die ganzen Touristengruppe noch nicht angekommen waren. Genau das hatten auch etwa hundert andere Touristen gedacht und wir kamen wieder nicht hinein. Eine Deutsche wurde direkt durchgelassen, woraufhin wir sie fragten, wie sie das angestellt hatte. Vorbestellt hatte sie - im Internet! Darauf hätten wir als Informatiker auch mal kommen können.
Unverrichteter Dinge nahmen wir die Metro zum zweiten Ziel des Vormittags: Die Matthias-Kirche im Burgviertel, die auch noch genau so geschrieben wurde wie mein Reisebegleiter, und das sich anschließende Labyrinth. In Budapest liegt alles Interessante auf Bergen, aber zumindest - dachten wir - wäre dort oben ein ruhiger Ort, an dem wir die letzten Stunden verbringen könnten. Nach dem Erklimmen des Berges stellten wir fest, dass wir in der größten Touristenfalle überhaupt gelandet waren; man konnte nicht einmal Fotos machen ohne einen Haufen anderer Toursiten im Bild zu haben, oder selbst im Bild zu stehen. Für eine bessere Aussicht musste man natürlich bezahlen. Zumindest die Kirche sah wohl auch ganz schön aus, wenn sie nicht gerade von Gerüsten und Bauplanen verhüllt war. Nun blieb uns nur noch das Labyrinth. Normalerweise sollte man die meiste Zeit damit verbringen, aus einen Labyrinth wieder hinaus zu finden. Wir brauchten die meiste Zeit um das Labyrinth überhaupt zu finden, denn es war kein Garten oder Feld, sondern eine unterirdische Tunnelanlage. Das hatte unser Gastgeber gestern vergessen zu erwähnen, als er uns von dem Ort vorschwärmte. Wir fanden es eher zufällig als wir es schon fast aufgegeben hatten: Eine schwere Eisentür im Fels. Wir spähten hinein - niemand war zu sehen. Die Wände hingen voller gerahmter Labyrinthabbildungen und waren in einem satten Gelb beleuchtet. Es roch nach feuchtem Keller und auf dem Boden hatten sich Pfützen gebildet. Kein Kassenhäuschen. Wir liefen ein ganzes Stück hinein, durch eine weitere schwere Tür, und dort - als die richtige wohlig-gruselige Stimmung aufgekommen war - war die Kasse. Die Preise waren so gesalzen, dass wir gleich zum nächsten Ausgang wieder hinaus liefen.
Das war unser letzter Tag in Budapest. Ein letztes Mal fuhren wir mit der Straßenbahn an der Donau entlang, gingen die letzen Forint in Reiseproviant anlegen und spazierten noch ein wenig durch ein Einkaufszentrum. Matthias ging gleich zwei Mal an dem Stand vorbei lief, an dem es kostenlos Cola Zero gab, obwohl er zugab, dass ihm das Zeug nicht schmeckte - hauptsache kostenlos.
In der letzten Minute vor Ablauf des Tickets kamen wir mit der Metro am Hauptplatz unseres Wohnviertels an, wo wir zum ersten Mal genaustens kontrolliert wurden, ob unser Ticket noch golt - die junge Frau rechnete laut nach. Zu Hause nahm ich einen Rotstift und zeichnete auf unseren Tickets über die handgeschriebene Zahl 3 von 13 Uhr eine 8, sodass es bis 18 uhr gültig war und wir nicht zum Busbahnhof laufen mussten - Forint hatten wir ja keine mehr. Bei Matthias' Ticket gelang es mir nicht ganz so gut, weil sie eine sehr merkwüridge Art hatte, die Achten zu schreiben, deshalb hielt ich es kurz unter Wasser uns es sah wie eine korrekte, nur etwas ausgelaufene Acht aus.

Mittwoch, 9. September 2009

Budapest, Teil 1

8.9.
Der Morgen begann zur Abwechslung mal mit Frühstück; es war ja auch schon nach zwölf. Wir schmierten uns zweifingerdicke Scheiben des Weißbrots von gestern, weil Matthias sie nicht dünner hinbekam. Zusammengehalten wurden sie von etwas satt-Orangefarbenen, das unsere Gastgeber als ungarische Butter bezeichnet hatten.
Als erstes holten wir uns ein 3-Tages-Ticket für die U-Bahn, das wohl auch in anderen ?ffentlichen Verkehrsmitteln galt - aber dort kontrollierte nie irgendwer, hatte Lazlo gemeint. Die 15 Euro pro Person schmerzten schon etwas, und erst nach langem Hin- und Her und Münzenwürfen hatten wir uns darauf geeinigt. Unter der Bedingung, dass wir nun alle Sehenswürdigkeiten per Bahn abfahren würden, statt wie immer stundenlang ohne Sinn kreuz und quer durch die Stadt zu traben. Wir waren noch sehr optimistisch gewesen. Als Matthias nach einer Übersichtskarte für das Liniennetz fragte, lachten sie uns aus. Vielleicht auch an. Jedenfalls gab es keine Übersichtskarten außer die an der Wand, worauf sie uns grinsend hinwiesen. Schon allein aus Prinzip hätten wir so eine Karte abmontieren und mitnehmen sollen.
Wir stiegen in die erstbeste Straßenbahn, die aussah, als würde sie die Donau überqueren. Das tat sie nicht, aber sie brachte uns zu einem wundersch?nen Gebäude mit grimmigen Wachen davor. Da Ungarn keine Monarchie mehr war, musste dies das Parlament sein. Es gab dort zwei Mal am Tag kostenlose Führungen für EU-Bürger - alle anderen zahlten kräftig. Ich klebte ein gedankliches "später" an das Parlamentsgebäude.
Die Schienen hörten irgendwo in der Nähe des Ufers auf, und nach dem Umsteigen ging es in einem anderen Bahnnetz weiter. Als wären hatten sie es noch immer nicht ganz fertig gebracht, Buda und Pest zu vereinen. Mitten auf der Brücke hielt die Bahn und viele Passagiere stiegen aus unerfindlichen Gründen aus. Unsere Neugier war geweckt. Von der Brücke aus kamen wir durch eine Unterführung auf eine lange, grüne Donauinsel, die nur Erholung und für Sportler zu existieren schien: Ein fünf Kilometer langer Gummimattenweg für Jogger führte um die Insel und die einzigen Gebäude inmitten der Parkanlagen schienen Turnhallen zu sein. Bunt bepflanzte Beete wechselten sich mit Büschen, Wegen, Plätzen und Cafes ab. Es gab sogar etwas Schöneres als das Wiener Opernklo: Ein Opernspringbrunnen, dessen Fontänen passend zur Musik ihre Gróße und Form veränderten. Man konnte auch in Budapest an jeder Ecke Mozartkugeln kaufen, auch wenn ich nicht glaube, dass Mozart hier viel Zeit verbracht hat oder überhaupt einmal auf Besuch gewesen war. Dabei war Budapest sogar eine recht schöne Stadt mit unheimlich vielen hohen Türmchen und historischen Bauwerken. Kneipen und Geschäfte waren in manchen Stadtteilen nur in Kellern untegebracht, die man nur von der Straße aus erreichen konnte.
Bald war es Zeit umzukehren, weil wir uns zum gemeinsamen Kochen mit unseren Gastgebern verabredet hatten - ohne in der Lage gewesen zu sein abzusprechen, wer die Zutaten kaufen sollte und was überhaupt gekocht werden sollte. Matthias und ich kauften schließlich die Hauptzutat ungarischer Gerichte: Kartoffeln und Zwiebeln. Ich war sicher, Paprika hatten sie noch genug - besonders da Lazlo auf Gemüse-Diät war. Er saß am Laptop in der Küche als wir mit halbstündiger Verspätung ankamen. Ich fragte mich, wie zeitbedacht Ungarn waren, denn bei unserer Ankunft hatte Lazlo sich entschuldigt, wenige Minuten zu spät zu sein, und sogar vorher eine SMS geschickt. Vielleicht waren Ungarn nur viel höflicher als man es von südlichen Ländern erwartete. Sollte sie die Sonne nicht heißbblütig und leidenschaftlich machen? Doch in der Tat erinnerten sie mich viel mehr an die Deutschen als jedes andere Volk, das mir bisher auf der Reise begegnet war. Auch nicht die Ösies. Besonders nicht die Ösies.
Da wir schon das Kaufen in die Hand genommen hatten, bereiteten wir auch gleich das Essen zu. Kartoffelspalten im Gasofen sind möglichlich, aber erfordern Geschick. Die Zwiebeln verbrannten zum Beispiel völlig zu Asche.
Lazlos Freundin Anna gesellte sich am späteren Abend zu uns und wir begannen ihre 2000 Italien-Bilder anzusehen. Sie waren eine Woche lang in Rom gewesen und hatten jeden Stein von mindestens drei Perspektiven festgehalten und jede Wanderung durch die Stadt auf einer Landkarte im Internet festgehalten. Es fühlte sich an, als wären wir wieder dort, nur dass wir diesmal alles sahen.
Als die Bilder alle durchgesehen waren und die beiden müde wurden, beschlossen wir noch eine kleine Nachtwanderung. Laszo meinte, es wäre eine sichere Gegend hier - kein Grund zur Sorge. Es war eine sichere Gegend, aber nur für die Prostituierten am Straßenrand. Viel Verkehr war nicht auf den Straßen, sah man einmal von den Autos ihrer Kunden ab. Viele Läden sollten eigentlich rund um die Uhr offen sein, aber von diesen fanden wir keine. Nur eine einsame Verkäuferin stand bei McDonalds in McDrive, und niemand kam vorbei. Ich versuchte die Straßenecken mit den Prostituierten zu vermeiden, aber es tauchten immer wieder neue auf, die von Autos dort abgesetzt wurden und auf ihre nächsten Kunden warteten. Sie schienen kaum älter als ich zu sein. Was treibt einen Menschen dazu, in einen solchen Lebensstil zu wechseln, wenn er noch alle Möglichkeiten offen hat?

Montag, 7. September 2009

Tschüß, Wien! - Ankunft in Budapest

7.9.
Wien ist vielleicht die einzige Stadt, in der man morgens durch Pferde aufgeweckt wird - überall fahren diese Touristenkutschen entlang. Daher kommt der durchdringenste Geruch der Innenstadt vom Pferd, und das nicht in einer romantischen Ponnyhof-Variante. Die Wahrscheinlichkeit ist größer sich die Schuhe in Pferdeäpfeln zu ruinieren als in Hundehinterlassenschaften. An allen Mülltonnen stehen Hinweise für Hundebesitzer, man möge das doch bitte wegräumen - für Pferdebesitzer scheint das nicht zu gelten. Warum eigentlich nicht? Genauso seltsam kam es mir vor, dass die Zeitungstaschen verschwunden waren, die gestern noch mit einem kleinen Sparschwein versehen an jeder Laterne hingen. Dabei schien es verrückt zu sein, auf die Ehrlichkeit der Menschen zu hoffen, dass sie tatsächlich einen Euro hineinsteckten, wenn man die Zeitung ohnehin einfach nehmen konnte. Wahrscheinlich waren deshalb die Münzbehalter so klein gehalten.
Es war mittlerweile nach 9. Der Wiener Dialekt ging mir zu dieser frühen Stunde schon unheimlich auf die Nerven, dazu diese unerträgliche Fröhlichkeit - das kann man als grießgrämier Sachse und Morgenmuffel gar nicht nachvollziehen. Schlimmer noch als der durchschnittliche Wiener ist nur eine Wiener Reisegruppenleiterin. Denn die ist zusätzlich zu diesen Eigenschaften auch noch laut. Man konnte es durch die ganze U-Bahn hören, wie sie ihre Schäfchen zum Aussteigen aufforderte. Eine besonders depperte Gruppenreisende schaffte es nicht rechtzeitig aus der Bahn und stand wie ein begossener Pudel vor der verschlossenen Tür als die Bahn wieder an Fahrt gewann... bis sich einer der Mitreisenden erbarmte und ihr erklärte, dass sie einfach an der nachsten Haltestelle aussteigen und mit der Bahn gegenüber zurückfahren könne. Das war am Kardinal-Nagl-Platz. Wie ich finde, kein geeigneter Name für einen Platz, oder für irgendeine Ortbezeichnung - so gern sie ihren Erzbischof auch hatten. Aber genug der Lästereien über Wien, wir verlassen die Stadt ja schon! Die Anweisungen aus dem Internet ließen mal wieder zu wünschen übrig, wodurch wir ersteinmal zwei Kilometer in die eine Richtung laufen mussten, dann die zwei Kilometer wieder zurück, und dann noch mal zwei Kilometer in eine andere Richtung. Dann war es schon Mittagszeit als wir die Tankstelle erreichten. Die Wiener waren durchaus freundlich und hilfsbereit, wenn man sie ansprach; nur Matthias mit seinem Budapest-Schild ignorierten sie. Ich bekam oft ein "Leider nein!" zu hören, wenn ich fragte, ob sie nach Ungarn fuhren - und es hatte bisher selten so ehrlich geklungen wie in Wien. Natürlich verstand ich den Rest des Satzes nicht, denn deutsch war das schon lange nicht mehr. Bei einem älteren Mann konnte ich beispielsweise nicht mal durch mehrfaches Nachfragen herausfinden, ob er nach Wien zurück fuhr, in der Tankstelle arbeitete oder uns nach Arbeitsschluss aus Mitleid nach Ungarn fahren wollte. Ich lächelte und sagte, ich wolle es einfach weiter versuchen.
Mit vereintem Hundeblick brachten wir schließlih ein Auto zum halten - ein Setmanager auf dem Weg zu den Dreharbeiten der Soap "der Winzerkönig". Wir wollten nicht zugeben, dass wir solchen Quatsch nie anschauen würden und stellten stattdessen interessierte Fragen über seine Arbeit am Set. 30 Kilometer später war die Fahrt schon an der ersten Raststätte zu ende. Es war ein wenig schwieriger, hier jemanden zu finden, aber Matthias gabelte einen Rumänen im spanischen Auto auf, der mit seiner Freundin seit zwei Tagen von Spanien aus unterwegs war. Natürlich hatten sie ihre Route nicht ganz optimal gewählt - sie hatten einen Umweg über Deutschland genommen um dort Autobahn fahren zu können.
Im Internet waren wir vor rumänischen Fahrern gewarnt worden, weil sie sich gerne mit Anhaltern etwas hinzuverdienten. Auch ein rumänischer Student hatte mich vor dem Trampen in Rumänien gewarnt. Doch unser Fahrer war ein netter Mann, der zwar kaum englisch sprach, aber es verstand, wenn man laut sprach und sich zu ihm nach vorne beugte. Für Matthias war das machbar, da ihn kein Anschnallgurt zurück hielt, weil es auf seinem Sitz keinen gab.
Wir wurden an einer Tankstelle auf dem budapester Autobahnring abgesetzt. Von dort sollte es ja eigentlich einfach sein, aber wir waren auf einem kleinen, schmutzigen und halb aufgegebenen Rastplatz, irgendwo zwischen der Nachbarstadt Erd und der Autobahn zum Plattensee. Ein freundlicher Fahrer wies uns darauf hin, dass wir auf die andere Straäenseite mussten. Gar nicht so weit entfernt führte eine Brücke über die Autobahn, die man auf Schleichwegen durch den Wald erreichen konnte. Die Straße darüber war nicht einmal geteert, sondern eine staubige Piste, die steil einen Berg hinauf führte, vorbei an Müllbergen und noch mehr Dreck. Es war schon wieder sehr heiß geworden und die Dorfstraße nahm kein Ende, sondern schlängelte sich weiter den Berg nach oben an der Autobahn vorbei, abgetrennt durch einen hohen Zaun und hohes Gestrüpp. Man kam sich vor wie am Ende der Welt. An einem Punkt teilte sich die Straße und führte hinab zu einem McDonalds - endlich Zivilisation! Der erste Fahrer, den ich fragte, meinte gleich, dass wir auf der falschen Seite w\ren und die Autobahn auf die andere Seite überqueren müssten. Ich beschloss, diesen Hinweis zu ignorieren, sonst hätte es Leichen gegeben.
Es kamen nur kaum Autos vorbei, und wenn doch einmal, dann fuhren sie zurück nach Österreich oder Erd. Einen der Erd-Fahrer gingen wir wahrscheinlich so auf die Nerven, als wir versuchten herauszufinden, ob auf dem Weg noch ein günstiger Ort zum Anhalten wäre, dass er aufseufzte und anbot, uns bis in die Innenstadt von Budapest hineinzufahren. Wir nahmen dankbar an, und er fuhr die náchsten Kilometer, über eine wunderschöne Brücke hinein in die Stadt, vorbei Hausern, die wie Sandschlösser aussahen, und an Bushaltestellen vorbei bis ihm der Verkehr zu dicht wurde. Dort war der perfekte Ort: Direkt an einer Bank zum Geldabheben und daneben ein Supermarkt um die frischgedruckten Tausenderscheine in bustaugliches Kleingeld umzuwandeln. Viele Supermärkte der Innenstadt waren 24 Stunden am Tag durchgängig geöffnet - eine Wohltat nach Wien, wo wir den Wochenendeinkauf bis spätestens 18 Uhr am Samstag erledigt haben mussten, bevor sämtliche Läden schlossen.
Wir bemerkten es erst später, aber wir standen auch direkt neben einer U-Bahn-Haltestelle. Darin musste es sicher eine öffentliche Toilette geben, dachte ich - wurde aber von den Schildern in die Irre geleitet bis ich das Klohäuschen in einer anderen Unterführung fand, die kaum breiter als zwei Meter war und übrig gebliebener Platz der Tiefgarage zu sein schien. Schon beim Vorbeilaufen am Männerklo läutete ein Ladenklingel, die die Klofrau alarmierte. 50 Cent musste man für einen Besuch dieses technischen Wunders zahlen, das bei jeder falschen Bewegung diese durchdringende Klingel ingangsetzte. Ich weuß auch nicht, warum, aber die Klofrau war sehr fröhlich und winkte mir sogar lächelnd nach als ich die Toilette verließ.
Matthias hatte in der Zwischenzeit herausgefunden, wohin wir fahren mussten. Die U-Bahnen machten mir Angst. Es war das gleiche Modell wie in Usbekistan, in dem es sich wie auf einem störrischen Pferd fuhr: Auf- und abwippend, nach vorn und seitlich schütteln bis man sich fúhlte wie ein Milchshake, und dabei so laut ratternd, dass es unmöglich war, sich während der Fahrt zu unterhalten. Ich hatte noch ein Trauma von diesen Türen, denn sie enthielten keine Lichtschranken und schlossen in Sekundenschnelle. In Usbekistan hatte ich einmal eingeklemmt zwischen diesen Türen gehangen, was aber zum Glück bemerkt wurde bevor die Bahn losfuhr. Hier in Budapest sprintete ich nun so schnell es ging mit dem schweren Rucksuck in die Bahn und schob dabei ein paar Leute aus dem Weg; die Türen klatschten zu und eine unverständliche Stimme sagte kaum vernehmbar, wie der nächste Halt hieß. Wie in Usbekistan. Man muss also gar nicht weit reisen um an solche abenteuerlichen Orte zu kommen. Interessante gesetztliche Regelungen gab es hier offenbar auch zu Hauf - wie beispielsweise, dass bei Feinstaubbelastung Autos mit ungerader Nummer auf dem Nummernschild nur an ungeraden Tagen fuhren durften, ebenso galt diese Regelung für gerade Nummern, aber die Polizei durfte nur darauf hinweisen, dass man das doch bitte unterlassen soll, und kein Bußgeld verhängen. Steht zumindest in Wikipdia, und jeder weiß, dass Wikipedia immer Recht hat ;)
Wir waren mit Lazlo verabredet, der in Budapest unser Gastgeber sein würde. Er kam nur einige Minuten zu spät und entschuldigte sich vielmals dafür. Wir stellten schnell fest, dass Ungarn sehr höflich, aber auch ausgesprochen warm und gastfreundlich waren. Am Abend saßen wir mit ihm und seiner Freundin Anna lange beisammen - die extra noch schnell zum Bäcker sprintete um frisches Brot zu holen - aßen Sandwiches und tranken ihren besten Obstschnaps, in den echte Früchte eingelegt waren, und redeten und diskutierten bis sich die Müdigkeit bleiern über unsere Augenlider legte. Ich fand es wunderbar, mich bei Gleichgesinnten wiederzufinden, die - obwohl sie älter waren - Star Trek-Poster an der Wand hängen hatten und mindestens genau so viele US-Serien ansahen wie ich. Matthias saß mit verschränkten Armen daneben, während wir über unsere Lieblingsserien diskutierten. Trotzdem war es ein gelungener Abend.
Wir haben nun drei volle Tage Zeit, die Stadt zu erkunden, weshalb ich es mir erlaube, bis in die Nacht hinein zu schreiben - besonders da ich hier einen Computer mit echter Tastatur nutzen kann, nicht nur die winzige Bildschirmtastatur meines Smartphones, die ständig andere Buchstaben einfügte als ich eigentlich angetippt habe. Nun aber genug für heute; ich glaube, Matthias schläft schon.

Sonntag, 6. September 2009

Wien

4.9.
Zarko schlief noch friedlich in seinem Bett als Matthias gegen 8 den Haustürschlüssel aus seiner Hose entwendete, da es Zarko selbst in seinem gestrigen Zustand noch fertig gebracht hatte, uns einzusperren.
Wir dachten kurz daran, ihn selbst einzusperren und ihm den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen, aber das war nun doch zu gemein.
Das Internet hatte widersprüchliche Anweisungen gegeben, wie man die Stadt am besten per Anhalter verlassen könne. Wir hatten eine Variante ausgewählt, doch als wir am entsprechenden Ort ankamen, stellten wir fest: Das kann nicht sein. Es war ein Kreisverkehr, der zwar in die Autobahn überging, aber dort konnte niemand halten. Was blieb uns anderes übrig als die Straße zurück in die Stadt zu laufen? Das Wetter war nach dem Regen der Nacht eisig geworden, es nieselte und die Nässe des Bodends tat den Rest um die Wartezeit richtig unangenehm zu machen. Viele Autos hielten um auf Freunde zu warten oder um Leute einer Mitfahrzentrale aufzunehmen. Ein heruntergekommener Anhalter mit Zigarette im Mund und Bierflasche in der Hand kam auf uns zu und gab uns in unverständlichem Lallen und Gesten den Hinweis, ihm auf zu folgen. Matthias lief ihm nach eine kurzen Weile in sicherem Abstand nach, folgte ihm aber nicht weiter auf die Autobahn. Geschlagene drei Stunden standen wir also an einem Busstreifen, in den nicht mal Busse hineinfuhren, bevor wir es aufgaben und die mirabellenbewachsene Straße zurückliefen bis hinunter an den Kreisverkehr. Auf die Autobahn konnten wir uns wegen der oft vorbeischauenden Polizei nicht stellen, aber demonstrativ einen Meter davor direkt in den Kreisverkehr. Ich hatte kaum das Brno-Schild aus dem Rucksack geholt als schon ein Auto hielt. Wir konnten uns kaum auf englisch verständigen, aber auf deutsch funktionierte es wieder ganz gut, wie wir es so oft auf unserer Reise erlebt hatten. Er brachte uns nach Brno an eine Tankstelle auf der richtigen Straße nach Wien; seine Pläne, mit Freunden ein Lagerfeuer zu machen, waren eh ins Wasser gefallen, denn es regnete nun beständig bei 13 Grad Außentemperatur.
Die Tankstelle war nicht besonders günstig für das Wegkommen, aber dafür stand daneben ein riesiges Einkaufszentrum mit überdimensionalem Supermarkt, in dem ich meine letzten Kronen loswerden konnte, und es ist wirklich erstaunlich, was man alles für 5 Euro bekommen konnte, wenn man lange genug nach den Schnäppchen suchte. Matthias langweilte sich derweil draußen mit unseren Rucksäcken. Aber ich musste den kompletten Wocheneinkauf erledigen, da Wien wahrscheinlich wieder sehr teuer werden würde. Ich bekam sogar eine Tüte von den Lutschern, die ich für typisch tschechisch gehalten hatte, aber nirgendwo in Prag finden konnte.
Wir begannen die übliche Prozedur: Matthias stand mit dem Wien-Schild vor der Tankstelleneinfahrt während ich die Tankenden ansprach, die kein Wort englisch sprachen. Ich hätte mich vorher informieren sollen, was "Wien" auf tschechisch hieß, denn es war weder "Vienna" wie im Englischen, noch "Wienna" wie ich durch die Aufschrift in der Prager Burg-Kirche angenommen hatte. In der Tat war es "Weden" mit einem Krakel auf dem N, für das ich nicht mal ein Sonderzeichen auf meinem Smartphone finden kann.
Erstaunlicherweise war heute Matthias erfolgreicher; einer der Insassen sprintete durch den Regen hinunter zu ihm. Es war ein junger Bursche, der gar nicht nach BWL-Student aussah, die schweigsame Mutter, und der Vater, der nach Millitärakademie aussah und auch dort unterrichtete. Und wir dazwischen. Matthias als Kriegsdienstverweigerer wagte es nicht, seinem Befehl zu widersprechen und setzte sich nach vorn neben den Vater und musste jetzt Konversation betreiben, was normalerweise meine Aufgabe war, während Matthias meistens aud dem Rücksitz einschlief.
Wir überquerten die österreichische Grenze und mir fiel schlagartig wiede ein, warum ich die Ösis merkwürdig finde: Eine gelbe Plastikkuh stand auf einem Heustapel und machte Werbung für ein Motel. Auf einem Feld hing eine lebensgroße Jesusfigur am Kreuz und verscheuchte die Vögel. In den kleineren Orten gab es überall Wegweiser, sogar zum Internisten.
Wir unterhielten uns beide gut mit der Familie, und sie setzten uns an einer Straßenbahnhaltestelle ab, die aussah wie von 1920. Wir hatten natürlich keine Ahnung, welche Bahn wir in welche Richtung nehmen sollten, abe die Wartenden waren hilfsbereit, auch wenn ich nur die Hälfte ihres feinsten österreichigen Dialekts verstehen konnte. Auch die Straßenbahnen sahen mit ihren Holzbänken aus wie von 1920; der Fahrer klang wie 1940. Die Umsteigehinweise klangen wie Befehle: Umsteigen in Linie 17! Ein ungesprochenes "aber dalli!" klang mit. Wiener waren ruppig, aber hilfsbereit, stellten wir in der U-Bahn-Station fest. Ich passte auf unsere Sachen auf während sich Matthias nach einer Touristeninfo umsah. Da kam der Mann von der Stationsaufsich angetrabt und brummte, dass der Ticketautomat freigehalten werden muss. Ich saß zwei Meter davon entfernt. Aber Vorschriften sind Vorschriften. Dafür bekam ich im Laufe des Gesprächs die Auskunft, dass es Kurzstreckenfahrkarten gab, man müsste sich dafür ein Kinderticket lösen, und er gab einen Plan für das U-Bahnnetz und einen Stadtplan, aber erst als ich mich ordnungsgemäß vor den Schalter stellte, hinter dem er mich aus einem winzigen Schlitz heraus nicht anschaute. Auch war er sehr gekränkt gewesen, als ich diesen Schalter als "die Information" bezeichnet hatte. Prompt schickte er uns die Stufen hinunter statt die Rolltreppen. Die Wiener Eigenart lässt sich vielleicht am besten durch einen Beispielsatz zusammenfassen: "Bittschö, und nu lecken Se mich am A.,"
Ich war ganz froh, nicht bei einer Wienerin, sondern einem Mädel aus Litauen die Couch zu surfen.
Es regnete wie aus Eimern als wiraus der U-Bahn ausstiegen, sodass wir uns erst einmal trotz Regenjacken in einem Hauseingang unterstellen musste. Regen passt zu Österreich: Bisher hatte es jedes mal durchgeschifft, wenn ich in Österreich war, und erst wieder beim Verlassen der Landesgrenze aufgehört.
Unsere Gastgeberin tauchte hinter uns auf. "Wollt ihr zu mir?"
Sie war Judy Garland im Film "Zauberer von Oz" mit ihrem Hündchen Toto. Die beiden waren zusammen durch ganz Europa gereist, sogar per Anhalter. Das hat nur nicht immer so gut funktioniert, dann mussten sie bei Minusgraden neben der Autobahn schlafen. Ich konnte gar nicht nachvollziehen, wie man so unorganisiert reisen konnte. Spätestens zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit sollte man sich nicht mehr im Nirgendwo absetzen lassen - eigentlich sollte man sich nie im Nirgendwo absetzen lassen - sondern eher noch vom Fahrer in seinen Zielstadt mitnehmen lassen und auf Mitleid hoffen, oder nach der nächsten Hostel fragen.

Das Haus war originaler Wiener Jugendstil mit hohen, verzierten Decken, die in jedem Zimmer in einer anderen Farbe gehalten waren. Kira gab uns ihr Zimmer, das mit einem schweren Schreibtisch und zwei 2x2-Meter-Matrazen ausgefüllt war. Ihrem Mitbewohner Mark gehörte eigentlich die Wohnung. Seine Freundin war für ein halbes Jahr nach Helsinki gegangen und er hatte sich ein Mitbewohnerin gesucht. Das ging ganz ohne Eifersucht - Mark chattete ständig mit seiner Freundin und war praktisch mit ihrer Familie verheiratet, und Kira hatte nur ihren Hund im Kopf. Wir saßen zu viert, pardon, fünft am bzw. unterm Tisch, und das Gespräch kam nur allmählich in Gang. Als es dann langsam wieder verebbte, gingen wir mit dem Hund Gassi, dessen Hinterlassenschaften Kira eigenhändig auflas. Bei dem Anblick wurde ich wieder Katzenliebhaber. Bei unserer Rückkehr hing das Gespräch wieder nur lustlos im Raum. Mark holte die Uno-Spielkarten heraus und wir spielten schnell und wortkarg bis halb eins. Ich gewann so oft hintereinander, dass sie eine Alianz mit dem Teufel vermutete. Die Wahrheit war, dass die Karten so schlecht gemischt waren, dass ich immer wieder die selben bekam. Die einzige Abwechslung bot ein Polizeiaufgebot vor dem Fenster. Doch sie verschwanden ohne erkennbare Aktion. Diese Lustlosigkeit sollte das Thema für unserern Wienaufenthalt werden.

5.9.
Kira war früh nach Linz zu einer Freundin gefahren, Mark schlief gern lang, so gab es keinen Grund aufzustehen. Mir hatte Wien nie besonders gefallen, und ich wäre sicher den ganzen Tag im Bett geblieben, wenn Matthias nicht gedrängt hätte. Gegen 13 Uhr trafen wir in der Küche auf Mark, der auch noch nichts gegessen hatte. Es war auch gar nichts für Frühstück oder Mittagessen Geeignetes im Haus. Bis wir dann aus dem Supermarkt zurück waren und gegessen hatten, war es fast drei Uhr. Ich meinte ja, es lohne sich gar nicht mehr, aber wie gesagt, Matthias wollte unbeding die Stadt sehen. So schritten wir die touristischsten Plätze ab, quälten uns über den völlig überfüllten Stephansplatz, ich zeigte Matthias das Opernklo - eine öffentliche Toilette, die Opernmusik spiele; wir kauften keine Mozartkugeln, gingen zu allem, was nach Sehenswürdigkeit aussah uns fotografierten es, dann landeten wir bei McDonalds - das einzige Kaffeehaus Wiens, in dem der Kaffee erschwinglich war - und kamen zum verabredeten Abendesszeitpunkt nach Hause. Kira war noch nicht aus Linz zurück und während wir warteten, legte ich mich auf´s Ohr. Die beiden Kerle kochten dann doch irgendwann die übliche Pasta und wir aßen allen. Dabei stellten wir fest, dass Kira der treibende Motor in den Gesprächen gewesen war. Wir schwiegen. Gegen 10 gingen wir noch mal über den Ganzjahresrummel Prater, von dort kamen uns aber nur betrunkene Jugebdliche entgegen. Es roch nach Alkohol und Erbrochenem, der rote Teppich am Eingang wurde gerade zusammengerollt. Vor den Fahrgeschäften und in den Kiosken saßen missmutig rauchend ihre Besitzer. Einige Fahrgeschäfte fuhren noch. In der Achterbahn saß ein einzelner Mann, als hätte man ihn dort vergessen.
Ich hätte gern etwas Hochprozentiges getrunken, aber jetzt hatten nur noch Tankstellen offen. Wir hatten nicht mal etwas zum Anstoßen dabei, obwohl Mark in ein einer Stunde 24 Jahre alt wurde.
Wir kamen noch vor Mitternacht nach Hause, wo Kira gerade die Reste vom Abendbrot aß. Müde saßen wir um den Tisch herum und warteten auf Mitternacht, doch fünf Minuten vor der großen Zwölf verschwand Mark in sein Zimmer um mit seiner Freundin zu telefonieren. Also gingen wir alle schlafen. Wien war wirklich nicht die Stadt der großen Sprünge.

6.9.
Wieder verließen wir erst spät das Zimmer mit dem Kastanienblick. Wir stritten uns, wer zuerst duschen dürfte, nur um das Bad besetzt vorzufinden. Auch als Kira fertig war, konnte noch keiner von uns die Dusche benutzen, weil der Abfluss verstopft war und nur im Zeitlupentempo das Wasser abfloss. Dann war es auch schon 14 Uhr und Mark kam mit der Familie seiner Freundin vom Bowling zurück. Sie ließen uns keine andere Wahl als uns mit ihnen um den großen Küchentisch zu versammeln, wo schon 24 Teelichter im Kreis um eine große Tiramisu-Torte brannten. Es entbrannte eine neckische Diskussion darüber, ob man ein Geburtstagsständchen singen sollte, und wenn ja, in welcher Sprache. Mark saß etwas abwesend da und versuchte, seine Freundin über Internet an der Runde teilhaben zu lassen, aber die Lautsprecher funktionierten nicht. Wir sangen dann ohne ihre Mithilfe auf Englisch und mussten - ohne das Gesicht zu verziehen - jeder ein Stück von dem matschigen Tiramisu verdrückten, das eigentlich nur aus gelblicher Paste bestand, in der zu viel von allem war.
Schnell löste sich danach die Runde auf, die Kinder der Familie blieben zu einem Rollenspiel. Mark hatte von seinen Vorbereitungen erzählt: Sie spielten in einer mittelalterlichen Kulisse; es ging um Rätsel, Kämpfe, Zauberer - was man eben von online-Rollenspielen kannte. Wir wollten nicht stören und gingen zur letzten verbliebenen Sehenswürdigkeit spazieren: Dem Hunderwasserhaus, einer beliebten architektonischen Seltsamkeit. Danach halfen wir Kira beim Deutschlernen; hauptsächlich mussten wir zugeben, dass es keine Regel dafür gab, oder wir sie nicht kannten. Wir gingen noch mal mit dem Hund in den Prater-Park, beiteten zurück zu Hause die Fischstäbchen zu und dann war es schon fast Zeit zum Schlafengehen. Von Mark verabschiedeten wir uns etwas länger, in der Küche stehend und über Weltpolitik und Amerikaner Witze machend. Von Kiras Hund wollte sich Matthias gar nicht vorabschieden, sondern ihn mitnehmen, denn die beiden hatten sich ineinander verliebt: Ich sah sie zusammen im Bett liegend, einander in den Armen bzw. Pfoten liegend und sich Küsschen gebend. Was wohl der Hund aus Riga davon halten würde, wenn sie wüsste, dass Matthias nach nur zwei Woche schon eine Neue hat?