Mittwoch, 29. Dezember 2010

Auf zu neuen Abenteuern! Es geht bergauf. (29. September - 01. Oktober)

29.09.
Es klopfte hart an meine Tür, mich aus dem Halbschlaf holend. Ohne das Bett zu verlassen, öffnete ich die Tür ein Stück. Die Etagenfrau stand da und redete auf mich ein, aber so kurz vor dem Aufstehen verstand ich nur "Manetschka" - so nannten sie mich hier. Sie wiederholte immer wieder das Wort "Pascharniki" während sie mir etwas zu erklären versuchte. 10 Minuten hätte ich, meinte sie dann und verschwand. Ich holte mein fettes Wörterbuch hervor: Paschar... vielleicht poschar... ah, da stand es: Feuerwehr. Als die Etagenfrau nach einigen Minuten zurückkam, verstand ich nun auch, was sie von mir wollte: Es würde in wenigen Minuten eine Feuerwehrübung geben, deshalb sollte ich mich bereit machen, mit allen gemeinsam das Haus zu verlassen, wenn die an meine Tür klopfte.
Nun wusste ich nicht, wie realistisch sie es wollte, ob ich mir eine Jacke drüberziehen konnte - an den Schuhen im Korridor ließen sie uns nicht verweilen, und so stand ich dann in Hausschuhen draußen stehen in der Kälte, denn wir mussten ganz das Haus verlassen statt im unteren Eingangsbereich bleiben zu dürfen. Dazu muss man wissen, dass meine Hausschuhe Wegwerf-Pantoffel aus einem Dubaier Hotel waren; meine Eltern hatten sie mit mitgegeben, weil sie so wenig Platz im Koffer wegnahmen. Die Nässe zog sich nun langsam durch die Sohlen hindurch, denn für die Witterungsverhältnisse außerhalb der Wüste waren sie nicht geeignet.

Auf was warteten wir eigentlich? Wir standen um die 10 Minuten unten als zwei Nachzügler kamen: Zwei Mädchen im Bademantel mit nassen Haaren; sie sahen als, als würde es ein echtes Feuer stattfinden: Eine von ihnen hielt eine Katze im Arm und eine Zigarette in der anderen Hand. Sie schien aber weniger zu frieren als ich, und vor allem weniger missmutig zu sein.
Etagenfrau machte sich besondere Sorgen um mich und bat mich, doch in die Vorhalle reinzukommen, und hing mir gegen meine Proteste ihr Halstuch um.

Später ging ich noch einmal ins Auslandsamt, hatte aber Alisa wieder verpasst, aber ich erreichte sie auf dem Handy; sie meinte nun, am Freitag sei der Ausweis sicher fertig. Heute war Mittwoch. Und bezüglich des Russischkurses - gäbe keine neuen Informationen, aber irgendwie war die Telefonnummer zur entsprechenden verantwortlichen Stelle an der Udmurtischen Universität verloren gegangen. Sie schlug vor, stattdessen einen gewissen Peter zu fragen, der vor kurzem aus Ungarn angekommen sei und dorthin Kontakte besäße. Ich kannte keinen Peter, erwiderte ich. Alisa versprach, sich noch mal darum zu kümmern, und sei es, Peter für mich zu fragen.

Um 18 Uhr fand wie jeden Mittwoch ein Treffen des Deutschclubs der UdGU statt. Im letzten Semester hatte ich zu dieser Zeit immer Vorlesungen gehabt, aber nun hatte ich endlich Zeit dafür - ich hatte je mittlerweile mehr Freizeit als mir lieb war.

Heute würde kein Stammtisch stattfinden, sondern ein deutscher Filmabend. Ich hatte meine alte Bekannte Dascha gebeten, mit mir zusammen dort hinzugehen, denn sie hatte mich im letzten Semester als erste dazu eingeladen. Sie hatte zwar wenig Zeit, schrieb sie mir, aber zum Film würde sie schon mal mitkommen.

Beim Verlassen des Hauses schenkte mir die Etagenfrau eine ganze Tafel Schokolade. Ich hatte ihr vorher zwei Täfelchen mit Kinder-Motiven aus Deutschland als Mitbringsel geschenkt, wie ich es bei allen Etagenfrauen gemacht hatte, die mir sympathisch waren - zumal diese mir immer wieder ein Stück Schokolade zugesteckt hatte.

Ich hatte veranschlagt, 17:10 das Haus verlassen zu müssen um etwa 17:50 an der UdGU anzukommen - inklusive Straßenbahn und einigen Strecken zu Fuß. Als ich dann so in meinem Zimmer gesessen und auf die Uhr gestarrt hatte, war es mir dann doch etwas spät vorgekommen und ich lief 3 Minuten eher los zur Straßenbahn - damit kam genau 17:47 am Treffpunkt an der UdGU an. Manchmal überrascht mich mein Zeitgefühl selbst. Aber das würde sich spätestens in zwei Monaten wieder verflüchtigt haben, wusste ich schon.

So stand ich drei Minuten zu früh im Regen neben dem Puschkin-Denkmal, die nasse Landkarte wieder verstaut; ich hatte begonnen, auf meiner Karte systematisch an bestimmte relevante Haltestellen die Nummern der Busse und Straßenbahnen zu schreiben, die dort hielten, um eine bessere Übersicht über das Liniennetz der Stadt zu erhalten, was besonders im Winter vorteilhaft war um nicht zu erfrieren. Zwar gab es Liniennetzkarten der Stadt, aber niemand war je auf den Gedanken gekommen, sie mit einer Stadtkarte kombiniert abzudrucken, sodass man bei den existierenden Plänen zwar wusste, wie die Haltstellen hießen, aber nicht, in welcher Straße sie sich befanden.

Dascha kam schnell, wir umarmten uns kurz und vorsichtig um uns nicht noch nasser zu machen; dann suchten wir das Zimmer, von dem sie selbst nicht genau wusste, welches es war.
Dascha hatte einen langen anstrengenden Tag gehabt, unf für morgen noch eine Menge vorzubereiten, noch nichts gegessen und war trotzdem für mich mit zum Deutschclub kommen, das wusste ich zu schätzen. Sie hatte Susen berichtet, dass ich kam und berichtete, dass Susen sich auf mich freute. Davon war ich nicht überzeugt, als wir in dem kleinen Zimmer einen Platz suchten, denn Susen nahm mich erst war, als es ein Computerproblem gab. Aber so sind sie, die Deutschen, freute ich mich.

Susen hatte eine ganze Seite mit Vokabeln vorbereitet und ging sie nun in Lehrermanier durch, sodass der Film für alle verständlich sein würde. Dazu meinte sie noch, dass an einigen Stellen in einem Dialekt gesprochen wurde, den sie selbst nicht verstand. Die Russinnen lachten erwartungsvoll - Männer waren nicht anwesend.
Der Film hieß "Das Fest des Huhns", und war eine Satire auf die europäische und speziell oberösterreichische Kultur; es war recht seltsam, aber unterhaltsam, besonders, wenn man diese Merkwürdigkeiten schon kannte. Aber den Russinnen fiel es schwer feststellen, was davon wirklich so stattfand und real war - aber das schien der Sinn dieser Filmvorführung gewesen zu sein.

Da ich nun einmal an der UdGU war, fragte ich Susen am Ende des Treffens, ob sie etwas von einem Russischkurs wisse. Ja, und nicht nur das - sie war sofort bereit, mit mir morgen zur Anmeldung zu gehen .
Nun fühlte ich mich endlich wieder voller Tatendrang und bot meine Hilfe bei allerlei Dingen an - und gern auch wollte ich regelmäßig zum Stammtisch kommen, der offenbar ziemlich an Popularität gewonnen hatte, seit eine ganze Handvoll Deutsche in Izhevsk angekommen waren.

Wir gingen zu dritt die Straße entlang bis zur nächsten Kreuzung - Dascha traf ihren Freund, Susen ging zurück ins Wohnheim, das sich unweit der UdGU befand, und ich ging Richtung Zentralplatz um von dort eine Straßenbahn zu nehmen. Am Springbrunnen vor dem Theater trieb sich ein Rudel wilder Hunde herum. Es schien, es würden sie jetzt in der kühleren Jahreszeit von den Außenbezirken in die Innenstadt kommen, weil es hier mehr Futter gab.


30.09.
Heute beginne ich ein neues Leben! Hieß es in meinem Russischbuch.
Das begann 9:30 Uhr mit aufstehen um Susen 10:45 am Puschkindenkmal der UdGU zu treffen; es wedelten die ersten Schneeflocken, aber man hatte immer noch nicht begonnen, das Wohnheim zu heizen. Ohne die Decke meiner Oma hätte ich mich sicher längst die Grippe geholt.

Wir gingen direkt zum Büro, das für den Sprachkurs zuständig war. Der Kurs lief schon ein oder zwei Wochen, aber ich konnte immer noch einsteigen, wurde mir versichert. Am liebsten hätte ich schon heute begonnen, denn der Kurs fand fast täglich statt, und heute fanden sogar gleich zwei Vorlesungen statt - eine in Grammatik und eine mit Sprechtraining. Aber die anwesende Frau war nur eine Assistentin und hat keine Verantwortung zu entscheiden, wann ich anfangen durfte; aber in 15 Minuten käme ihre Chefin, meinte sie.
Susen und ich gingen schnell einen Tee in der Cafeteria trinken. Alles war sehr billig hier, man arbeitete hier wie in den meisten staatlichen Einrichtungen nach dem Prinzip Kostendeckung, hatte es aber meiner Meinung nach ein wenig übertrieben, denn die Beträge waren bis auf die Kopeke genau ausgerechnet - die Preise sahen immer in dieser Art aus: 8 Rubel 73 Kopeken. Ein Rubel allein war nur zweieinhalb Cent wert, eine Kopeke gerade mal 1/40 Cent. Sogar für russische Verhältnisse war das nichts wert, deshalb warfen sie ihre Kopeken achtlos auf die Straße.

Während wir Tee tranken, erfuhr ich, was Susens eigentliche Aufgabe an der UdGU war: Den Bologna-Prozess voranzutreiben. Sie meinte aber, das sei kaum möglich, in dieser willkürlichen Zusammenstellung von Lehrplänen in verschiedenen Fachbereichen einer Fakultät, die eigentlich das gleiche machten und miteinander in ständiger Konkurrenz standen, und sich gegenseitig nicht leiden konnten, sodass eine Zusammenarbeit und Reformation im Sinne von Bologna eigentlich kaum zu bewerkstelligen war, erklärte sie desillusioniert. Sie versuchte dennoch ihr bestes in dem Fachbereich, und nebenbei unterrichtete sie noch die deutsche Sprache.

Wir gingen zurück ins internationale Büro und schauten uns noch einmal den Plan an: Heute gab es eine Doppelstunde von 13:20 Uhr an, also in einer Stunde. Die Chefin meint, es gehe in Ordnung, ich solle gleich den Einschätzungstest schreiben - aber das war nur pro forma, da es eh nur einen Kurs auf mittlerem Niveau gab, in dem auch Susen selbst war. Susen verabschiedete sich, sie musste zur Vorlesung. Ich sollte mich direkt hier ins Büro setzen, und löste in 30 Minuten den für 50 Minuten ausgelegten Test, aber das war nicht weiter schwer, es war ein Ankreuzeltest mit 130 Fragen, die sich um das Einsetzen der richtigen grammatikalischen Form drehten. Das Ergebnis würde ich nach dem Kurs heute erhalten, versicherte man mir, aber das hatte man auch allen anderen Teilnehmern gesagt, und niemand hatte je ein Ergebnis erhalten, erfuhr ich später.

So ging erstmal zum Mittagessen; es sah ausgesprochen appetitlich aus, anders als in der IzhGTU: Ich nahm usbekischen Plov und gleich zwei Salate, einen davon aus Obst, dazu Kompott und frisches Brot. Ich freute mich: Der Kurs lag meist so günstig, dass ich vorher hier essen gehen konnte. Weiterhin rechnete ich mir aus, jeden Tag trotzdem noch Zeit zum Arbeiten am Masterprojekt zu haben, wenn ich morgens vor dem Kurs und nachmittags noch einmal nach dem Kurs ins Labor ging und bis in die Abendstunden arbeitete. So bekäme ich sogar die vorgeschriebenen acht Stunden pro Tag zusammen und erhielt durch den Kurs eine Pause zwischendrin, da ich mich sowieso keine acht Stunden am Stück auf die Arbeit konzentrieren konnte. So und so ähnlich stellte ich mir das vor. Ich war fast euphorisch: Nun hatte ich endlich wieder eingeregeltes Leben, denn ich brauche diese festen Strukturen und eine feste Aufgabe, um nicht in den Winterschlaf zu fallen.

Bis der Kurs begann, hatte ich immer noch etwas Zeit und sah mich in der Uni um. Sie war viel bunter als die IzhGTU mit vielen Wandplakaten, die von den Studenten selbst gestaltet worden war. Auch viele Fotos der hauptsächlich weiblichen Studenten hingen an der Wand, die alle beste Freunde zu sein schienen. Zwischendrin hing ein offizielles Plakat, das auf Terrorismusgefahr hinwies. In der historischen Fakultät sah es aus wie ein Museum mit verschiedenen urzeitlichen Ausstellungsstücken, welche die Studenten wahrscheinlich selbst ausgegraben hatten.
Ich sah auf die Uhr - immer noch war zu viel Zeit übrig. Ich ging zum Spazieren nach draußen und löste das letztes Rätsel der Stadt, das sich mir noch gestellt hatte: Welche Kirche diese schlanke rote auf meiner Postkartensammlung von Izhevsk war. Hier stand sie, und dahinter machte eine Gruppe von Kindergartenkindern Dehnübungen unter der Anleitung eines Trainers.


Auf dem Rückweg kaufte ich in der Unterführung ein Schreibheft. Dort, unter der Straße, gab es alles, was ein Student brauchte: Alles von USB-Sticks bis hin zu Nagellack.

Ich wartete schließlich vor dem verschlossenen Klassenzimmer; alle, die vorbei hasteten, waren Russinnen, keine Spur von den anderen Teilnehmern. Dann hörte ich plötzlich ein englisches Gespräch und gesellte mich dazu. Bald kam der ganze Kurs zusammen: Ein Amerikaner, zwei Deutsche zusätzlich zu Susen, und zwei Iraker. Mit den Deutschen kam ich sofort ins Gespräch; der Ami fühlte sich wohl ein bisschen außenvor, obwohl er es nicht zeigte - aber wahrscheinlich dachte er: Nicht noch eine Deutsche...

Der Kurs begann zügig, lustigerweise mit meiner alten Lehrerin vom letzten Semester, Tatjana. Sie erkannte mich wieder, obwohl sie mich auf dem Gang nicht erkannt hatte, und breitete ihre Arme zur Umarmung aus, wie es auch Albert getan hatte, aber ich wusste immer noch nicht, wie man auf so was reagiert, und ob dies ernsthaft zur Umarmung auffordert, oder nur ein Zeichen der Freunde war.
Sie ließ alle Studenten sich kurz auf Russisch vorstellen, und bat sie, mir Fragen zu stellen. Ich kam mir hier wie der Klassendepp vor, denn alle sprachen schon besser russisch als ich. Ich beschloss, um so mehr zu lernen um den Vorsprung aufzuholen. Ich bekam ein dickes Buch aus der Bibliothek, das aussah wie aus einer Zeitmaschine gefallen, aus dem wir einen Text über Juri Gagarin lasen und bekamen dann grammatikalische Übungszettel.
Susen ging nach der Stunde, weil sie nur den Grammatikteil mitmachen wollte. Die nächste Stunde schloss sich nach einer Teepause an, in der ich ein weiteres, dickes Lehrbuch bekam. Die andere Lehrerin, Irina, war dauerfröhlich wie eine Amerikanerin und lachte die ganze Zeit; war aber schwerer zu verstehen und nutzte absichtlich Wörter, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemand kannte. Das war jedoch ihre Lehrtechnik: Sie formulierte es nach und nach immer einfacher, bis es auch der letzte Depp, also ich, begriffen hatte.

Nach der Stunde schwatze ich noch kurz mit Ami Michael, der mir als der sympathische der Kursteilnehmer erschien; er hatte den Witz von Irina nicht ganz verstanden, warum die sprachwissenschaftliche Fakultät hier "Braut-Fakultät" genannt wurde. Ich erklärte ihm die Situation: In Russland begannen die meisten jungen Menschen nach der Schule ein Studium, weshalb es einfach nur viele hoch studierte Leute gab, vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften, aber auch in Ingenieursfächern: Nur die besten Studenten bekamen Arbeit in ihrem Feld, und so nutzten die weniger ehrgeizigen Studentinnen ihre Studienzeit vor allem dazu, einen Ehemann zu finden. Ein Ehemann galt als sicherere Investition in die Zukunft als Bildung. Und in der Universität fand man leichter einen Kerl mit Grips als einen Trinker. Aber nicht nur deshalb gab es einen regelrechten Wettkampf um die guten Männer - ich hatte mir die Zahlen einmal angeschaut: In der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahre gibt es nur 48.004.040 Männer, aber 52.142.313 Frauen. Dieses Ungleichgewicht wird hier gespürt, und deswegen angeln sich wohl auch so viele Russinnen einen Ausländer - weil es einfach nicht genug brauchbare russische Ehemänner gab.
(Quelle: CIA World Factbook, https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/rs.html)

Michael lud mich noch zu sich ins Wohnheim ein; ich ging gerne mit, weil ich Farin nicht erreichen konnte, dem ich wieder beim Banyabau zu helfen versprochen hatte.
Im Wohnheim musste ich meinen Reisepass abgeben und wurde auf Michael registriert; er ging erst zu seiner Freundin, die nach ihrem Mittagsschläfchen verschlafen hatte, und half ihr wach zu werden; ich gesellte mich derweil zu den anderen in der Küche; es waren zwei weitere Deutsche dort neben Johanna und Steven, die mit mir den Russischkurs besuchten und nun gerade auf dem Weg nach draußen waren um Tickets für ihren Ausflug nach Kazan zu kaufen. Sie fragten mich nach dem schnellten Weg zum Bahnhof, aber ich wusste gar nicht so richtig, wo sich die UdGU im Verhältnis zum Bahnhof befand, denn meine Stadtkarte zeigte nur die einzelnen Stadtteile, keine hilfreiche Übersicht. Ich plauderte kurz mit den Deutschen, die neugierig waren, wo um Himmelswillen ich hergekommen war; es waren ja alles Geisteswissenschaftler, die redeten gerne über alles. Michael kam dazu, machte uns beiden Tee von dem Wasser als den 5-Liter-Containern, die einen Teil des Raum einnahmen. Wir saßen gemütlich zusammen, alle redeten in der gemütlichen Küche durcheinander, dann kamen wir auf amerikanische Politik zu sprechen, wozu sowohl Michael, als auch einer der anderen Deutschen eine Menge zu sagen hatten; am Ende nickte ich nur noch, mit den Gedanken schon ganz wo anders. Susen rettete mich von den Geisteswissenschaftlern, indem sie mich fragte, ob ich gern mitessen würde; sie kochte gerade eine Nudel-Gemüsepfanne und ich beschloss, ihr dabei zu helfen.
Mein zweites Essen heute - aber warum nicht; vielleicht kam ich bald wieder auf mein Normalgewicht. Es war angenehm hier in der Küche zu sitzen, und sogar die Heizung funktionierte im ihrem Wohnheim. Aber erst seit heute Morgen, hatte Susen im Russischkurs gesagt. Dazu hatte Irina gemeint, sie hätten Glück, bei ihr zu Hause liefen die Heizung auch noch nicht. Aber es war schon mal ein gutes Zeichen, dass nun in einzelnen Bereichen der Stadt geheizt wurde.

Michael hatte zu Ende diskutiert und wandte sich wieder mir zu, während ich mit Susen die Nudeln verputzte. Er wollte Thanksgiving und andere amerikanische Feste hier feiern, außerdem plante er irgendwann noch amerikanischen Abend zu veranstalten und lud mich dazu ein. Sie wollten traditionell über den Herbst hinweg sehr viel aus Kürbis herstellen, und ich erklärte mich bereit, den Kürbis zu besorgen, weil ich mich erinnerte, wie viele Kürbisse bei meinen Bekannten herumlagen und dass ich da sicher einen schnurren konnte.

Farin rief nun zurück und ich gab ihm bescheid, nicht sofort abgeholt werden zu wollen, da er ja eh noch Material kauften wollte, sondern in einer Stunde mit der Straßenbahn Nummer 5 zu kommen, die hier ganz in der Nähe hielt und bis zu ihm fuhr. Susen brachte mich zur Tür, holten den Liniennetzplan der Stadt und fragte noch mal die Wachtjorka vom Wohnheim, die genau den Weg beschrieb und aufmalte.

Mir hatte es gefallen, mich einmal wieder in einem vernünftigen Englisch zu unterhalten, denn ich merkte, wie mein Wortschatz verkümmerte und meine Grammatik einging, wenn ich mich zum Beispiel mit Farin unterhielt, denn er verstand mich oft nur, wenn ich meine englischen Sätze so umstrukturierte, wie man es auf Russisch ausdrücken würde. Die russische Grammatik war mir relativ klar, es fehlte mir nur an Worten.

Die Straßenbahn fuhr ausgesprochen lang, fast 40 Minuten bis zum Tatarischen Basar, wo Farins Haus stand; so konnte derweil Russischhausaufgaben machen.
Farin kam mich gegen 20 Uhr von der Endhaltestelle abholen; es nieselte ein wenig, ich hielt schützend die beiden dicken Bibliotheksbücher vom Kurs mit den vielen Kopien drin, die wir zusätzlich erhalten hatten.

Bevor wir mit der Arbeit begannen, bestand Farin darauf, erstmal einen Tee zu trinken und gestopfte mich gleichzeitig mit selbstgemachten Pfannkuchen voll, während er mir neue Mat‘-Ausdrücke beibrachte - die schlimmsten Flüche, die die russische Sprache zu bieten hatte. Dabei schenkte er mir immer neuen Tee nach, bis es für mich "dochuja" war - so drückte man auf Mat‘ aus, dass es viel zu viel von einer Sache gab. Denn ich wollte nicht so viel trinken, weil Farins Toilette grauenvolle Erinnerungen in mir wachrief: Es war eine schief stehende Holzhütte mit einem Eimer darin, der stets gut gefüllt war, und den ich immer umzukippen fürchtete.

Farin hatte jedoch auf meine Beschwerden vom letzten Mal gehört und hatte das Klohäuschen vor einigen Tagen etwas umgebaut - jetzt lag eine Pappe mit zwei Löchern über dem Eimer, aber das war genauso ekelig, weil sich die Pappe vollgesaugt hatte, und es immer noch so bestialisch stank, dass ich einen bitteren Geschmack im Mund bekam…
Farin meinte, im Winter würde es besser werden, wenn alles gefror. Ich blieb dabei, nie wieder auf seine Toilette zu gehen, denn im Winter würde nicht nur der Eimer gefrieren, sondern auch mein Hintern. Auch jetzt bei 5 Grad plus war es schon weniger angenehm gewesen, den nackten Hintern dort hineinzuhalten.

Wir gingen schließlich an die Arbeit. Farin hackte dünne Holzstangen in Stücke; ich versuchte es auch, bekam mit der Axt aber nie das Holz komplett durch und legte stattdessen die Stücke im Banya auf der Isolation aus. Dies sollte die Eisengitter abstützen, die ebenfalls einbetoniert werden sollten.
Ich löste die Gitter vorsichtig vom Haufen um meine Jacke an den Eisenriemen nicht aufzureißen und trug sie auch ins Banya hinein - und bekam sofort Rückenschmerzen davon, denn ich war harte Arbeit einfach nicht mehr gewöhnt.
Wir stellten bald fest, dass sich die Gitter überschnitten, deshalb schnitt Farin sie unter Funkenregen mit der Kreissäge zurecht.


Bis 22 Uhr arbeiteten wir, dann gingen wir zurück ins Haus und ich wurde wieder mit Essen vollgestopft: Kraut-Ragout. Ich konnte mich bei russischer Gastfreundschaft nie wehren, und schon gar nicht bei dieser Mutter, die auch immer versuchte, so viel wie möglich auf Deutsch zu sagen. Aber nun begann ich auf Russisch - wozu besuchte ich sonst den Kurs? Ganz verwirrend wurde es erst, als sie begann, sich mit Farin auf Tatarisch zu unterhalten - so saß er verloren zwischen vier verschiedenen Sprachen und wusste bald nicht mehr, von welcher er in welche übersetzen musste.

Eine halbe Stunde später fuhr er mich heim und wir kamen kurz vor 23 Uhr am Wohnheim an. Er hatte mir zu übernachten angeboten, aber er stand immer 7:00 auf, und wenn ich zu so einer Zeit aufstehen musste, war für mich der ganze Tag im Eimer. Erst wenn es noch kälter werden würde ohne dass man bei uns den Heizkessel anwarf, würde ich in Betracht ziehen, zu Farin zu ziehen, denn er heizte selbst mit Holz, sodass es bei ihm zu Hause schön warm war - als einer der wenigen Orte der Stadt.

Hatte Albert gefragt, ob wir mal wieder zusammen essen gehen wollten; er schrieb in vkontakte, dass er diese Woche ganz im Stress war und überhaupt nicht zu Mittag gegessen hätte; es klang als hätte er die Zugangserlaubnis ganz vergessen. Ich fragte noch einmal höflich danach und begann Notizen für den Blog anzufertigen, wenn ich schon nicht zum ins-Reine-Schreiben kam. Bis ich mit dem Eintrag fertig war, war es schon nach Mitternacht. Ich erledigte noch schnell die Hausaufgaben für morgen und legte mich schlafen. So fühlt sich ein geregeltes Leben an.
Und da es auch Erholung geben musste, hatte ich schon Pläne für das ganze Wochenende; am Samstag mit Stasya und der ganzen Clique, und am Sonntag mit Farin zu einem Open-Air-Auftritt einer bekannten russischen Band zu gehen, mit der das Talisman-Einkaufszentrum offiziell eingeweiht werden sollte.

1.10.
Freitags begann mein Russischkurs erst am Nachmittag, aber es ist zu kalt zum Schlafen geworden, sodass ich bald aufstand. Nur eine einzige positive Seite daran gab es: Wenigstens konnte ich die Lebensmittel außerhalb des Kühlschranks lagern ohne dass sie verfielen oder der Saft vergor. Der Wetterbericht ließ jedoch auf Heizung hoffen; er zeigte einen stetigen Temperaturabfall und ich rechnete mir aus, schon nächsten Mittwoch eine funktionierende Heizung zu haben. Doch da geschah das Wunder: Ich hörte plötzlich ein Wassergeräusch aus der Heizung. Ich konnte es erst glauben, als ich die Heizung anfasste: sie war tatsächlich lauwarm.

Wie verabredet ging ich ins Auslandsamt, aber wieder konnte ich Alisa nicht antreffen: Ich entwickelte die Theorie, dass im Keller der Uni nach Öl gruben. Ich rief wieder an. Sie meinte, die hatte gerade kein Geld auf dem Handy, sonst hätte sie mir schon bescheid gegeben, aber es fehlten immer noch Unterschriften... am Montag vielleicht; sie wollte mich dann informieren, wenn es so weit war, ich sollte nicht mehr ständig vorbeikommen. Ich sagte ihr noch, dass ich die Sache mit dem Kurs in eigene Hände genommen hatte. Ich vermutete, dass ich eher einen Ausweis von der UdGU haben würde, denn sie hatten auch ein Foto von mir gewollt; und nächste Woche sei der Vertrag für den Russischkurs fertig - es würde 7000 Rubel und 32 Kopeken kosten, wie auch immer sie das ausgerechnet hatten, dass sie auf glatt 7000 Rubel die 32 Kopeken kamen. 7000 Rubel - 175 Euro - war schon eine stolze Summe für einen Studenten, aber das war die Gesamtsumme für das ganze Semester mit sechs Unterrichtsstunden pro Woche. Es war allemal billiger als ein Privatlehrer, und nützlicher als ein weiterer kostenloser Anfängerkurs.

Ich fuhr zur UdGU, die Zeit stoppend um den kürzesten Weg dorthin herauszufinden. Es gab mehrere Verbindungen, von denen ich wusste, und wahrscheinlich noch viel mehr, von denen ich nicht wusste. Am Ende kam heraus, dass es eigentlich keine großen Zeitunterschiede gab, aber manche Strecken waren angenehmer als andere. Ich bevorzugte die Strecke mit dem Trolleybus 6 oder 9, oder mit dem Bus 36 bis gelben Kirche zu fahren und von dort aus Bus Nummer 12 bis Uni zu nehmen; das ganze dauerte 40 Minuten, war genauso lang wie zu Fuß, aber wärmer.

Ich war eine halbe Stunde eher da und begann ein paar Aufgaben für Montag zu lösen. Steve kam auch schon eher von seiner Arbeit an der landwirtschaftlichren Universität und holte sich einen Kaffee. Das hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, es war wohl typisch deutsch, sich einen Becher Kaffee zum Herumtragen zu holen. Wo tranken die russischen Studenten ihren Kaffee, wenn sie es überhaupt taten?

Heute war ein weiterer Schüler anwesend, ein Chinese namens Tsau. Und endlich war ich nicht mehr der schlechteste Schüler.
Der Kurs war wieder sehr fortgeschritten, ich musste zum Beispiel einen Text vorlesen, in dem ich nur jedes fünfte Wort kannte. Ich reihte monoton die Buchstaben aneinander, während die anderen die Worte vor sich hin flüsterten oder mir helfen wollten; Irina meinte aber, die Aussprache sei überall richtig gewesen - aber sie lobte auch Tsau immer, selbst wenn er etwas kaum verständlich aussprach und dabei mit seiner Stimme tanzte als wäre er ein Chorsänger im Stimmbruch. Doch unserer Lehrerin versicherte uns alle immer wieder, wir seien alle Prachtkerle; sie verwendete das Wort "molodets" wie andere Leute das Wort "ähm".
Am Ende wollte ich eigentlich auf Michael warten, aber er wurde von Irina in Beschlag genommen während sich die bei Deutschen beeilten, nach Hause oder schon nach Kazan zu kommen. Sie hatten sich gestern am Schalter lange gequält, dann endlich eine Fahrkarte bekommen, aber die Verkäuferin war grimmig gewesen und hatte keine Rückfahrkarte verkaufen wollen. Vermutlich ging man als Ausländer durch ein Prüfverfahren, in dem getestet wurde, ob man der Fahrkarte überhaupt würdig war.

Im Gegen rief ich Farin an, ob er noch Hilfe beim Banyabau bräuchte, aber er ging nicht ans Telefon und ich vermutete, er war schon mitten in der Arbeit, deshalb kontaktierte ich Dima, ob er nicht mal wieder Lust auf eine Tasse Tee hatte, aber Nastya war krank, also mal wieder ein ruhiger Abend für mich. Ich hatte ja auch noch genug zu tun. Nicht dass ich es wirklich tat. Dafür konnte ich jetzt schon das Lied "99 Luftballons" flüssig auf der Gitarre spielen und dazu singen.

Auf zu neuen Abenteuern! Von nichts und wieder nichts, und ein bisschenmehr. (24. - 28. September)

24.09.
Es wurde nun langsam verregneter, nebeliger - Herbst eben. Immer öfter verschwand die Spitze des Fernsehturms, den ich aus meinem Fenster sah, in Nebelschwaden. Ich fror. Nur ungern mochte ich das Haus verlassen, aber da die Heizungen immer noch nicht funktionieren und das heiße Wasser nur kalt in Stößen aus dem Wasserhahn geschossen kam, war es eigentlich egal, wo ich mich aufhielt. Ich wunderte mich nur, dass ich mir nicht den Stasyas Erkältung geholt hatte. Arbeiten konnte ich noch nicht wirklich, und ich fühlte mich matt. Ohne rechten Grund begann ich Wäsche zu Waschen.
Ich merkte, dass ich nicht so richtig über das Konzept hinaus weiterkam und bastelte stattdessen an einer hübschen Oberfläche und dachte mir einen Marketingnamen für das Projekt aus - auch eine Form der Prokrastination.
Schließlich ging ich hinüber ins den Computerraum mit der Absicht, mir technische Informationen zu holen, aber da ich schon einmal im Internet war, konnte ich auch gleich nach meine E-Mails schauen, falls etwas wichtiges dabei war, und wenn ich einmal dabei war, auch meine Nachrichten vkontakte abzurufen... da war Stasya online, wir diskutierten eine Weile, dann fiel ihr etwas ein: In einer Stunde spielte ein französischer Künstler in einer Bar, sie lud mich ein. Zur gleichen Zeit hatte sie auch Dima und Nastya bescheid gegeben - ich sollte mir von ihnen sagen lassen, wo es ist. Ich rief Dima an, der meinte, ich sollte lieber erst zu ihnen kommen, und wenn es spät werden würde, gäbe es immer noch genug Platz für mich zum Übernachten in ihrer Wohnung, obwohl sie Besuch hatten; er meinte, bei früheren Gelegenheiten hatten schon fünf Leute in ihrer Wohnung geschlafen.
Er wies mich darauf hin, dass ich nicht bei ihm klingeln sollte, sondern auf dem Handy, denn die Klingel sei kaputt. So konnte er mir die Tür auch nicht mit dem Summer öffnen und es dauerte Ewigkeiten bis Dima unten angekommen war um mir zu öffnen. Ich spähte angestrengt nach oben - ihre neuen Regenbogen-Jalousien sollten dort irgendwo sein, aber es war zu dunkel um etwas zu erkennen. Ich studierte die Wände genauer; die Drähte waren fachgerecht rechtwinkelig an der Außenwand nach unten hängend verlegt worden.

Wir machten uns auch gleich auf den Weg; sie ließen mir kaum Zeit, mein Rucksack mit den Geschenken und dem Nachtzeug in die Wohnung werfen.
Ihr Gast hieß Max, war nach Moskau gezogen und nur für eine Hochzeit von Freunden zurückgekommen.
Wir nahmen einen Trolleybus zum Zentrum. Stasya rief schon ungeduldig an, wo wir denn blieben; sie stand vor dem Eingang des Clubs, neben ihr das Vampirmädchen, das nie etwas sagte und auch jetzt bei unserer Bekanntmachung nur kurz hoch und dann wieder zur Seite schaute. Sie hieß Ludmilla und hatte blutunterlaufene Augen - ich gruselte mich ein wenig vor ihr.
Wir gingen in den Club durch eine schwere, mittelalterliche Tür, ohne Beachtung des Türstehers direkt an ihm vorbei nach oben und erfuhren, dass der Auftritt bereits vor einer Stunde gewesen war, und wenn man hier einen Tisch haben wollte, kostete das 1000 Rubel kostete - 25 Euro. Das war uns selbst durch sechs geteilt zu viel und wir gingen in einen Pub, der sich Reader‘s Pub nannte, eine auf britisch gemachte Kneipe, aber heute war sie ganz deutsch: Überall hingen Wimpel von der Decke mit Spaten-Bier-Reklame, eine Bayernflagge hing in einer Ecke und aus den Lautsprechern drangen mit Techno aufgepeppte deutsche Schlager. Ich meldete mich zu Wort, dass ich leide und übersetze den Schwachsinn, der da gesungen wurde.


In Russland war man auch zu schlechter Musik aufgewachsen, behaupteten alle, aber ich meinte, das war bestimmt nicht ganz so schlimm wie deutsche Gute-Laune-Musik. Dorf-Feste, wie wir sie hatten, kannte man hier schließlich auch nicht. Die Glücklichen. Ich hatte jetzt auch Glück, ich wurde angerufen und ging zum Reden nach draußen; es war Eva aus Novosibirsk; ich hatte immer mal mit ihr geschrieben und war erstaunt, dass sie gerade jetzt anrief; hatte es sich schon vorher ein paar mal vorgenommen, woraus jedoch nie etwas geworden war. Sie interessierte sich vor allem für Details der lustigen Nacht vorgestern, von der ich ihr schon im Internet kurz berichtet hatte, aber ich verstand sie nur schwer über die Mobilverbindung. Wir entschieden uns letztendlich, die Neuigkeiten wieder auf dem schriftlichen Wege auszutauschen.

Mein bestelltes Eis war in der Zwischenzeit gekommen und zerlaufen, und der Kartoffelbrei mit dem Speck hatte eine harte Kruste bekommen. Trinken wollte ich heute nicht - ich hatte es mir ja selbst geschworen, nie wieder zu trinken, obwohl ich selbst nicht dran glaubte. Die anderen tranken auch nur Bier, was für mich normalerweise nicht mal als Getränk durchgehen würde. Vampirella verabschiedete sich früh, aber wie saßen noch bis 1 Uhr morgens, dann standen wir draußen vor dem Pub und konnten uns nicht so richtig vorstellen, was wir zu dieser Uhrzeit noch unternehmen sollte. Spazieren gehen? OK. Es fuhren sowieso keine Busse mehr.
Wir fröstelten ein bisschen; einige von uns trugen schon Winterjacken, nur Stasya hatte einen Minirock und eine Sommerjacke an.
Es begann zu regnen. Stasya hatte den falschen Schirm aus der Garderobe zurückbekommen, fand den neuen aber schöner. Dumm war nur, dass Dima leicht angetrunken schon nach einer halbe Stunde den Griff abgebrochen hatte. Stasya und ich gingen zusammen unter diesen Schirm, als es heftiger zu regnen begann.

Wir brachten Stasya zu ihrem Haus, und sie schenkte mir den Schirm - zum Wegschmeißen wenn ich nach Deutschland zurück fuhr - und warf mit lautem Knall den Griff in den blechernen Mülleimer.
Bis auch wir zu Hause bei Dima und Nastya waren, war es bereits 3:30 Uhr, aber ich fühlte mich munter, weil ich nichts getrunken hatte. Und hungrig. Wir gingen schnell noch in den Supermarkt vor ihrem Haus, der 24 Stunden lang geöffnet hatte. Sie kauften Pelmeni, waren aber zu müde sie zu kochen. Nastya wärmte für mich Nudeln vom Abendbrot in der Mikrowelle auf und wartete tapfer bis ich sie reingespachtelt hatte.
Auf dem Boden lag schon die Decke, auf der Max schlief; Dima war nicht mehr so recht in der Lage, die richtige Position für meine Decke zu finden. Ein zerschlissenes Schlafsackstück diente mir als Matratze, dazu kam eine große Decke, und dass ich es schön warm hatte, gab er mir einen großen Plüschhasen, der tatsächlich eine ziemliche Wärme entwickelte, wenn man ihn an sich drückte.

25.09.
Nastya war nach nur vier Stunden Schlaf zur Arbeit gegangen, und auch Max war irgendwann gegangen; ich war nur für Sekunden wach gewesen und war sofort wieder an den riesigen Plüschhasen gekuschelt eingeschlafen.
So stand ich erst gegen 13 Uhr gemeinsam mit Dima auf, der als erstes Tee für uns ansetzte. Dann sortierten wir leere Einmachgläser für seine Großmutter, die sie zum Einkochen brauchte, aber wir konnten uns nicht so recht einig werden, welche Größe davon einem Liter entsprach. Er rollte sie in Zeitungspapier und stapelte sie wackelig in großen Tüten, die er später bei seiner Großmutter vorbeibringen wollte, sobald Nastya von der Arbeit zurück kam. Als wäre ich nie weg gewesen, nahmen wir unserer alten Gespräche vom Sommer wieder auf und tranken Tee dabei.
Nastya kam, Dima verschwand und brachte eine halbe Stunde später Essen von den Eltern mit, das vermischt mit den Resten der Nudeln uns als Mittagessen diente.

Gegen 15 Uhr musste ich dann noch mal los, denn ich hatte Farin versprochen, ihm beim Bau seines Banyas zu assistieren. Ich war sehr gespannt, mehr darüber zu erfahren und spann sogar den verrückten Plan, in Deutschland selbst eine Sauna in den Garten zu bauen.

Ich nahm den Trolleybus bis Zentrum bis zur gelben Kirche, wie Farin es mir beschrieben hatte, dann begann ich die Haltestelle von Bus 7 suchen. Die gelbe Kirche war ein Verkehrsknotenpunkt und hatte an allen vier Seiten Haltestellen verteilt; fand sogar die Haltestelle für den Bus nach Glazov, die ich brauchen würde, wenn ich der Einladung von Dasha doch irgendwann einmal folgen sollte. Bus 7 taucht auf, hielt aber nicht an der Haltestelle dieser Seite, an der nächsten auch nicht... am Ende war ich einmal um die Kirche gerannt, erwischte den Bus aber noch.

Farin war völlig mit Staub bedeckt als er mich von der Haltestelle holte; beim Umarmen staubte er meine Jacke mit ein und meinte, er würde schon Sachen für mich zum Umziehen haben.
Bevor wir seine Arbeit wieder aufnahmen, bat er mich ins Haus hinein, schleppte eine riesige Melone heran und schnitt sie auf. Sei hatten eine warme Stube, weil sie selbst heizten. In meinem Wohnheim war es weiter kalt und ich war froh, die Decke von meiner Oma aus Deutschland mitgenommen zu haben.

Farin setzte Tee auf und wie aßen, während es in den Wänden kratzte. Sie hatten Mäuse, meinte er und legte die Melone, als wir fertig waren, hoch auf eine Schüssel und deckte sie mit einem Teller ab. Melone fraßen sie nicht, meinte er, aber die Kerne.

Er gab mir eine weite Hose mit Gürtel, der nicht genug Löcher für meine Figur hatte, dazu eine schmutzige Jacke von Wolgatelecom, und eine Großvatermütze - so war ich gut gerüstet für die Arbeit.
Vor dem Haus befand sich ein großer Sandhaufen, der mit Wellblech abgedeckt war. Ich nahm die Platten ab, während Farin die Schubkarre holte. Dann drückte er mir eine Schaufel in die Hand und ich schaufelte den Sand hinein und er machte lustige Fotos davon.


Mit dem Sand rührten wir Zement auf einem alten Blech an; es stiebte und das Wasser lief davon runter; es musste doch da bessere Möglichkeiten geben - und wirklich, seine Mutter brachte einen Eimer vorbei, in dem sogar schon Zementreste waren. Das Betonfundament war eigentlich schon fertig gewesen, als ich zur Arbeit dazu kam, aber Farin musste etwas daran ausbessern, weil er gemerkt hatte, dass seine Isolationsplatten auf dem Fundament wackelten.


Es war schon ziemlich beeindruckendes Banya - größer als manche Gartenhütte, und es sollte drei Räume erhalten: neben dem eigentlichen Sauna-Raum einer noch zum Ausruhen, der kälter sein sollte, und einer nur zum Waschen.
Farin wies mich an, das Wasser auf dem Betonboden verteilen, denn der musste nass sein, bevor eine weitere Schicht Beton aufgetragen werden konnte. Es zischte leise.

Farin trug den Beton auf und nahm auf meinen Vorschlag hin eine Wasserwaage hinzu; dann zeigte mir seine alte sowjetische Gasmaske, mit der er wirklich gearbeitet hatte, als er vor einen Tagen Teile des Betons wieder zersägt und gebrochen hatte und es dabei unheimlich gestiebt hatte. In Farins Haus gab es wirklich alles; es war eine riesige Rumpelkammer.

Es wurde schon dunkel, als wir begannen, die Isolationsplatten umzuräumen und in ihrer endgültigen Position festzuschrauben; dafür musste Farin wieder in den Beton bohren. Er hatte ein Flutlicht im Banya installiert, sodass er auch nachts arbeiten konnte. Die Nachbarn störte es offenbar nicht, bis auf den Nachbarshund.
Ich bereitete die speziellen Kunststoffnägel vor, schnitze mit dem Taschenmesser die überstehenden Reste ab, die beim Hineinschlagen störten. Gegen 21 Uhr meldete ich bei Farin an, dass ich langsam zurück ins Wohnheim musste, sonst hieß es wieder, man hätte sich Sorgen gemacht; ich beim Verlassen hatte nur gemeint, bis zum nächsten Tag fortbleiben zu wollen, nicht zum übernächsten Tag. Und Es lohnte sich ja kaum für die Etagenomas wach zu bleiben, weil nur noch so wenige Studenten im Wohnheim waren, und kaum einer von ihnen kam nachts zurück. Früher hatte ich sie nachts vor dem Fernseher schlafen sehen, aber nun schienen sie abends irgendwo anders hinzugehen, vielleicht sogar nach Hause.

Farins Mutter bestand jedoch darauf, dass ich noch mit Abendbrot aß; sie hatte eine Suppe aus Tomaten, Möhren, Reis und Hackbällchen gemacht und wollte immer mehr nachgießen bis ich mir den Bauch hielt und nicht mehr konnte. Danach wurde ich noch zu Tee und Melonen genötigt - das war wirklich die traditionelle russische Gastfreundschaft. Farin versuchte mich noch zum Bleiben zu überreden - wir seien bei seinen Nachbarn ins Banya eingeladen worden, aber ich wusste, dann würde ich definitiv nicht mehr nach Hause kommen. Und ich hatte nicht mal meinen Bikini dabei, lehnte ich dankend ab. Er fuhr mich, gut wie er war, nach Hause; es waren auch nur 20 Minuten mit dem Auto, sonst hätte es über eine Stunde mit zwei verschiedenen Straßenbahnen oder Bussen gedauert.

Bis zum Schlafengehen surfte ich noch im Internet und chattete mit meinen Bekannten; es sah aus, als wären mittlerweile alle krank, auch Roman, der vorgestern noch kerngesund die Theorie gehabt hatte, dass die Heizwerke mit den Pharmakonzernen zusammenarbeiteten und allein deshalb nicht zu heizen begannen, weil die den Absatz an Grippemitteln erhöhen wollten. Roman schwor, er habe keine Ahnung, wo er sich angesteckt haben könnte. Ich fügte die Lebensmittelhersteller zur Liste der Verschwörer hinzu. Aber wann würde endlich mit dem Heizen begonnen werden, fragte ich ihn. Er schrieb, dass es einen bestimmten Schwellwert für die Bürokraten in den Heizwerken gab, und zwar 5 Tage unter 12 Grad. 3 Tage unter 8 Grad zählte offenbar nicht.

Als ich später noch einmal kurz in den Computerraum kam, sah ich Miguel dort im Halbdunkel mit seiner Gitarre sitzen. Ich bat ihn, etwas für mich zu spielen, und er spielte wunderbar mit einer erstaunlichen Fingerfertigkeit. Es war das gleiche Lied, das jeder hier im Wohnheim spielte: "Nothing else matters", aber bei ihm klang es wirklich nach diesem Lied. Er lernte seit 10 Jahren, erzählte er, und hatte in Venezuela sogar in einer Band gespielt. Ich versprach, ihn mit meinen Musikerbekannten bekannt zu machen und auf das nächste Konzert mitzunehmen. Stasya würde ein besonderes Interesse daran haben, ihn kennenzulernen, denn sie hatte gerade einen Spanisch-Faible.

26.09.
Von komischen Träumen gequält stand ich wieder wie schon gewöhnt gegen 11 Uhr auf und kam wieder zu nichts wirklich Produktivem, außer halb erfroren am Computer zu sitzen und die Maus hin und her zu scrollen. 15:30 Uhr wurde ich schließlich von Dima erlöst, der mich anrief und zu einem Spaziergang mit ihm und Nastya einlud. Die Sonne schien, und am Nachmittag war das Thermometer wieder über die magische 12-Grad-Marke geklettert, sodass wir mindestens weitere 5 Tage in der Kälte sitzen würden.
Ich suchte nach etwas Essbarem, aber der Kühlschrank sah nach Einkaufen aus. Ich fragte Dima bei der Gelegenheit, ob sie was Essbares hätten, das sie mitbringen konnten - das verzögerte ihre Ankunft um eine Stunde und sie brachten - Bananen. Diese Früchte schmeckten mir überhaupt nichts, aber wenn er Hunger hat, frisst der Teufel Fliegen.

Ich gab ihnen im Gegenzug eine Packung holländischer Dropjes und schlug vor, dass sie es verhassten Kollegen zum Probierten gaben, nur um ihr Gesicht dabei zu beobachten. Ich glaube, Lakritze wurden überhaupt nicht zum Essen erfunden wurde, sondern um Bekannte zu ärgern.

Ich erzählte, wie meine Willkommensparty in Deutschland geplant worden war, wie wir penibel einen einfachen Grillabend von 5 Leuten per Email planten, wie viel jeder essen wollte, und wie wir sogar die Brotstücken abzählten. Dima erzählte, dass es in Russland anders gehandhabt wurde; sie hätten einmal einen Sack mit 20 Kilo Kartoffeln zu einer Grillparty geschleppt, die dann doch niemand gegessen hat, weil jemand anderes was Fertiges mitgebracht hatte, das für alle 10 Leute gereicht hatte. In Russland kleckert man nicht, man klotzt.

Wir bogen in den Wald hinter meinem Wohnheim ein und folgten dem gleichen Weg wie damals zum Waldwettbewerb. Jemand hatte eine Rampe auf dem Weg installiert und Reifenspuren waren im feuchten Laub zu sehen. Einige Wahnsinnige gab es immer, die sich gerne um Bäume wickelten.
Wir spazierten weiter hinunter zum See und erlebten einen wunderschönen Sonnenuntergang - man glaubt kaum, dass das noch Izhevsk war.


Ein Angler stand bis zu den Hüften im Wasser; ich glaube, auch er glaubte nicht, dass er noch in Izhevsk war, sonst hätte er nicht versucht in diesem verseuchten Wasser zu angeln.
Wir machten uns langsam auf den Heimweg. Dima fiel ein, dass er mit seinem Alkoholiker-Freund verabredet gewesen war, der nun schon auf ihn wartete. Wir nahmen einen seltsamen Weg zurück, der wahrscheinlich eine Abkürzung war, vorbei an Stacheldrahtzäunen und Schlagbäumen und halb eingestürzten Häusern - doch wir kamen genau an meinem Wohnheim heraus.

27.09.
Es kann vorkommen, dass ein Tag vergeht und man am Ende des Tages nicht traurig gewesen wäre, wenn sich dieser Tag nicht ereignet hätte.
So passierte heute nichts von Bedeutung. Es grenzt sogar an Zeitverschwendung, diesen Tageseintrag durchzulesen. So saß ich erst im Korridor vor der verschlossenen Tür des Computerraums, aus der ein Internet-Kabel hing; zu Miguel hinübergehen wollte nicht erst, weil ich nur schnell etwas nachschauen wollte statt Stunden im Internet zu verschwenden - der Surfzeit waren auf dem Gang durch die Kälte und den Akku in meinem Notebook natürliche Grenzen gesetzt.
Es war immer noch recht still im Wohnheim; Tofik war noch nicht wieder aufgetaucht, dafür aber die Frettchenbrüder schon. So hatte ich die Zwillinge aus Turkmenistan getauft, die immer so schrecklich-laut Musik hörten ohne dabei Geschmack zu beweisen. Wie ich da saß, kam plötzlich kam die Etagenomi und bestand darauf, mir den Computerraum aufzusperren, der jedoch noch kälter war, weil jemand vergessen hatte, die Balkontür nach dem Lüften zu schließen. Sie schaute kurz in den Raum und forderte mich auf, mir eine Jacke anzuziehen.
Es war eine seltsame Frau; die gleiche, die ihr Deutsch über die Ferien verbessert hatte. Am Abend beim Kochen meinte sie zum Beispiel: "Ich liebe dich, du bist ein schönes Mädchen." Aber irgendwie glaube ich nicht, dass ihr völlig bewusst war, das sie da sagte. Auch die Frettchenbrüder waren in der Küche und probierten bei der Gelegenheit ihr Deutsch aus: "Schneller, schneller!"
Ich kochte nicht wirklich in der Küche, sondern briet mir irgendwelche Essensreste aus dem Kühlschrank mit noch älterem Käse an: Die Innereien der zerkochten Pelmeni, die ich nicht hatte essen wollen, ein halb schwimmendes Ei drauf gehauen, viele Gewürze. Je älter die Pelmeni waren, desto mehr Gewürze mussten drauf. Das war meine Weisheit für den heutigen Tag.
Von Roman hörte ich an diesem Abend eine andere, sehr russische Weisheit:
"Der russische Pessimist lernt chinesisch zu sprechen.
Der Optimist lernt englisch zu sprechen.
Der Realist lernt mit dem Kalaschnikow-Maschinengewehr zu sprechen."

Von Albert hörte ich, dass er hoffte, dass es diese Woche noch etwas mit der Erlaubnis werden würde. Übersetzt in die Sprache der Menschen hieß das, dass er es vorher vergessen hatte und diese Woche mit der Beantragung beginnen wollte, wenn er es nicht wieder vergaß. Ich war mittlerweile etwas rastlos geworden, weil ich mein Projekt nicht so recht beginnen konnte, aber sonst den ganzen Tag eigentlich nichts zu tun hatte.
Und ich musste wieder im Dunkeln aufs Klo, weil die Glühbirne mal wieder durchgebrannt war, doch mein neues Handy hat praktischerweise eine Taschenlampenfunktion anstalle einer Kamera - ich fragte mich, wer diese Kameras mit der Auslösung eines Kofferfernsehers überhaupt verwendete, außer Spanner in der Damentoilette.

Das Häschen sprang wieder draußen herum, und diesmal lud ich ihn zu mir ein, nachdem ich mein Zimmer nagetiersicher gemacht hatte, indem ich sämtliche Kabel oberhalb seiner Reichweite verlegte - stellte aber im direkten Tierversuch immer wieder Lücken fest, die ich noch schließen musste, zum Beispiel als er plötzlich hinterm Kühlschrank saß. Und nicht nur das, er wurde auch immer frecher und sprang auf Betten und Tischchen. Eh ich mich versah, kaute er plötzlich an einer Tafel Schokolade, dann rannte er in einem Affenzahn zum nächsten Ort und kaute dort an einer Apfelsine, und dann hatte er einen Teebeutel im Maul. Ich glaube, meine Nachbarin füttert ihn nicht genug. Er steckte auch seine Nase in die Tüte Trockennudeln, die ich gerade knabberte. Jetzt klebte ich überall Hasensabber, aber das verzeih ich meinem neuen, kleinen, immerhungrigen Freund. Am Ende fand er etwas Schmackhaftes an meiner Hose. Es war ein sehr reinliches Häschen, er entleerte sich auch immer nur brav an eine einzige Stelle der ganzen Wohnung; nämlich in den Schuhen meiner Nachbarin.
Überhaupt reinigte er meine Wohnung besser als jeder Staubsauger, indem er in sämtliche Ecken kroch und sich unter die Schränke quetschte. Von seinen Entdeckungstouren musste ich ihm dann die Spinnweben und Staubfussel aus den Haaren ziehen.
Und er brachte mir sogar einen Origamiwürfel wieder, der im Sommer hinter den Schrank gefallen sein musste.


28.09.
Draußen waren nun nur noch 4 Grad und immer noch hatte keine Heizung zugeschaltet. Ich begann mich nun wirklich zu ärgern und mich irgendwie warm zu halten, hauptsächlich mit der Decke meiner Oma über den Schultern und dem Notebook auf dem Schoß, dessen Lüfter ein wenig wärmte. Ich begann meinen Blog nachtragen; ich lag seit geraumer Zeit einige Monate zurück, hatte aber noch jede Menge Notizen und Fotos, die ich darin verarbeiten wollte. Ab und an wärmte ich mir die kalten Füße mit dem Föhn, aber insgesamt heizte das mein großes Zimmer nur wenig auf.
Ich ging schließlich Miguel im Computerraum besuchen; der hatte aus irgendeinem Grund Räucherkerzchen angezündet, sodass es nun wie in einem indischen Tempel roch. Oder zumindest stellte ich mir vor, dass es dort so roch; bis Indien war ich bisher nicht gekommen.
Ich begann auch wieder mehr auf meiner Gitarre zu spielen, doch die Hornhaut auf den Fingerkuppen begann sich nur langsam aufzubauen; diese Gitarre war wesentlich schmerzhafter als meine neue in Deutschland. Aber das war zu erwarten gewesen - in praktisch allen Izhevsker Fabriken wurden - neben anderen Erzeugnissen - Waffen produziert, und diese Gitarre konnte man getrost unter die Kategorie "Waffen" zählen.

Kurz nach 16 Uhr raffte ich mich auf, noch ins Auslandsamt zu gehen, denn Alisa hatte bei unserem letzten Treffen gemeint, mein Studentenausweis wäre an diesem Tag sicher abholbereit. Ich hatte vor einer Woche meinen Studentenausweis abgegeben, dass man ihn um das neue Studienjahr verlängern konnte - hauptsächlich dafür, dass ich auch 2011 ermäßigt in Museen kam. Außerdem wollte ich mich bei der Gelegenheit erkundigen, ob sie neue Informationen bezüglich eines Sprachkurses hatten, denn ich meinte, wenn ich dieses Semester keinen Kurs besuchte, würde ich nie russisch lernen. Doch als ich zum Auslandsamt kam, war keiner mehr da, obwohl die Tür nicht abgesperrt war. Unverrichteter Dinge ging ich zurück zum Wohnheim. Wieder ging ein verschwendeter Tag zu Ende, an dem ich irgendwie zu nichts gekommen war und auf nichts Lust hatte.

Sonntag, 26. Dezember 2010

Auf zu neuen Abenteuern! Von guten Vorsätzen und Realitäten. (20. - 23.September)

20.09.
Brav stand ich um 9 Uhr auf um Albert anzurufen, wie er mich gestern per Mail gebeten hatte, um zu abzusprechen, ob wir uns um 10 Uhr treffen konnten oder nicht, doch nun meinte er, er sei noch beschäftigt und schlug 17:30 vor - so hatte ich noch Zeit zum Lesen des lustigen englischen Materials, was ich lange vorher gekonnt aufgeschoben hatte.
Durch meine Nachbarn war ich schon seit 7 Uhr wach, da sie beim Aufstehen einen Heidenlärm gemacht hatten, aber ich wollte nun sowieso ein geregelteres Leben führen und nicht erst wie im letzten Semester gegen 11 Uhr aufstehen. Ich wusste, dass es viel Mühe kosten würde, mich selbst jeden Tag zu motivieren, an meinem Projekt zu arbeiten, und eine geregelte Aufstehzeit war der erste Schritt auf dem Weg.
Heute musste nur erst einmal alles organisiert werden. Zunächst ging ich ins Auslandsamt; dort verquatschten wir fast eine Stunde, denn es ergab sich immer wieder ein Thema, und Marina und Alisa hatten sich beide sehr erfreut über meine Mitbringsel gezeigt: Für beide hatte ich je eine Packung deutschen Tee und Porzellan-Schuhe aus Holland mitgebracht.

Im Vorbeigehen draußen sah ich, dass der Herbst nun definitiv begann, zumindest sah man es an den Blättern der Bäume, die orange-rot eingefärbt waren - es war ein wirklich goldener Herbst.
Ich fuhr in den Hypermarkt Karusel um dort jede Menge Gefrorenes zum Überleben zu kaufen - um vorbereitet zu sein, wenn plötzlich der Winter einbrach und ich das Haus nicht mehr verlassen wollte. Oder gar der 3. Weltkrieg ausbrach - den hatte die Hexe Baba Wanga für November angekündigt.
Als ich die Regale näher inspizierte, entdeckte ich - russische Stroopwaffeln. Sie sahen genau wie in holländischen Supermärkten aus, waren aber in Russland hergestellt und doppelt so teuer. Ich nahm sie trotzdem.

Zu Hause las ich nun endlich Alberts Ausarbeiten komplett durch und war sogar schneller fertig als erwartet und begann Gitarre abzustauben und zu stimmen. Sie klang genauso grausig wie ich sie in Erinnerung hatte und ließ sich so gut spielen wie ein Küchenregal. Das war kein Zufall, wie ich später erfuhr - die Gitarre war in der gleichen Izhevsker Fabrik hergestellt worden, die auch die Möbel für die ganze Gegend produzierte. Jeder Musiker, der davon hörte, verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

Farin rief mich an und bat mich um ein Treffen heute Abend, aber sein unverständliches Englisch trieb mir bald die Tränen der Verzweiflung in die Augen - er hatte in dem Monat alles verlernt, und am Telefon war es natürlich noch schwieriger sich zu verständigen, weil man nicht wild gestikulieren konnte. Ich verstand ihn am besten, wenn er das Wort auf Russisch einwarf, das er auf Englisch völlig falsch ausgesprochen hatte - das wurde bald unsere gängige Methode zur Verständigung.

Bevor ich zum Treffen mit Albert ging, packte ich schnell die Geschenke zusammen, dazu noch ein Fläschchen Schnaps für den Wachtmann Vladimir, Schokolade für die Garderobenfrauen, und falls ich noch jemanden traf, den ich kannte, steckte ich eine drehbare Windmühle für den Kühlschrank ein. Ich war viel zu früh am Treffpunkt, ich konnte schon keine Zeit mehr abschätzen.
Eine dunkle Gestalt kam mir im Gang entgegen, das Licht von draußen im Nacken; die Gestalt kam mir bekannt vor - ach, ja Artjom!
Ich hatte eben ins Zimmer gehen wollen, in dem ich Alberts Stimme gehört hatte - er hatte anscheinend bereits eine Besprechung, also sprach ich erst kurz mit Artjom und gab ihm den Windmühlenkühlschrankmagneten - da Albert riss die Tür auf und begrüßte uns fröhlich. Er hatte nur telefoniert und uns dann gehört. Ich staunte nicht schlecht - ohne besonderen Anlass zur verabredeten Zeit schon vor Ort – wie ungewöhnlich für Albert! Später erfuhr ich jedoch von Artjom, dass er schon eine halbe Stunde früher bestellt gewesen war und noch mal gegangen war, weil Albert nicht aufgetaucht war. Und ich hatte schon an Wunder geglaubt.
So wusste ich in diesem Moment noch nicht, dass Artjom es eilig hatte und plauderte mit Albert; er fragte nach meiner Reise und wie jetzt die Lust zu arbeiten stünde. Ich fragte lächelnd, ob er jetzt nicht lieber seine Geschenke haben wollte.
Ja, das wollte er, und ich gab sie ihm eins nach dem anderen: Die fürchterlichen holländischen Dropjes, die sogar Joris als ungenießbar bezeichnet hatte - Albert schwor, dass sie ihm schmeckten -, ein paar andere Süßigkeiten und eine Flasche Schnaps mit Farnen und Holz drin und erklärte ihm, das sei eine Spezialität meiner Gegend. Dann noch eine Tafel Hanfschokolade, nahm aber das abgebildete Hanfblatt nicht für voll, und so fragte ich ihn, ob ihm das Blatt irgendwie bekannt vorkam… nein. Das überraschte mich schon, er war doch auch schon in Amsterdam gewesen. Ich weihte ihn schließlich ein - aber nun wollte er es nicht mehr probieren, weil er mir nicht so recht glaubte, dass Industriehanf harmlos ist. Er dankte mir und umarmte mich; und Artjom sah betreten zur Seite.

Ich lachte über den Gedanken Albert mit Marihuana zu kombinieren – das macht bekanntlich träge und langsam. Er würde dadurch so langsam werden, dass er wahrscheinlich nicht mehr zu spät kommen, sondern sich rückwärts in der Zeit bewegen würde.

Ich begann Albert von meinem neuen Konzept zu erzählen und wusste nicht, dass Artjom schon zu spät für die nächste Vorlesung dran war. Nach einer ganzen Weile unterbrach er mich höflich und sprach schnell mit Albert ein paar Sätze, während er sich schon seine Jacke überzog.
Wir nahmen unser Gespräch wieder auf, aber nun standen schon einige andere Studenten vor der Tür; ich wies ihn zweimal darauf hin, aber er meinte, wir hätten noch Zeit, die Vorlesung begann erst in 20 Minuten. In aller Ruhe zeigte er mir etwas am Computer und fragte noch über meine Reisen und die Zeit zu Hause, aber dann wurden es recht viele Studenten und er ließ sie rein. Er versprach sich um meine Zugangserlaubnis zum Labor zu kümmern. Da war ich mal gespannt.

Schickte Farin eine SMS, dass ich jetzt frei war, fuhr ins Wohnheim und tauschte die Rucksäcke mit den Geschenken aus. Auch für Farin gab es Dropjes und Hanf-Süßigkeiten, und für seinen Garten einen Gartenzwerg.
Er kam mich mit dem Auto abholen; eigentlich hatte er auf eine Kartbahn gehen wollen, dafür war es jetzt aber zu spät, also wollte er mir die neue Strandpromenade zeigen… ich war beeindruckt, wie sich die ganze Gegend um das Völkerfreundschaftsdenkmal in nur zwei Monaten verändert hatte: Gepflasterte Straßen, dazwischen Anpflanzungen, geschwungene Wege die grasbewachsenen Hänge hinunter. Das hätte ich russischen Bauarbeitern nie in dieser Zeit zugetraut… Farin meinte aber, das gäbe es schon seit zwei Jahren, aber man hätte es für die 250Jahr-Feier verschönert. Jetzt wunderte mich nichts mehr, denn in der Baustellenform hatte ich die Gegend schon seit Februar gesehen.


Wir spazierten bis 22 Uhr, dann drängelte ich mit Hunger und wir gingen schnell eine Pizza essen – die Pizzeria hatte zwar bis 23 Uhr geöffnet, sodass die Eile gar nicht nötig gewesen wäre, wenn ich nicht um diese Zeit schon im Wohnheim zu sein hätte.
Eine Stunde surfte ich im Internet, dann zwang ich mich ins Bett zu gehen um morgen das geregelte Leben beginnen, das ich mir vorgenommen hatte: Jeden Tag von 10 bis 18 Uhr an der Thesis arbeiten, zu der Zeit war das Labor frei.

Doch Russland war doch immer für eine Überraschung gut: Ich kam schon im Halbschlaf zurück in mein Zimmer, bemerke in unserem WG-Flur unter dem Spiegel schwarze Perlen und dachte mir, da hat Mascha wohl wieder was verschüttet und war schon halb in meinem Zimmer, da kam etwas Graues auf mich zu gerannt. Erschrocken warf ich die Tür ins Schloss und öffnete sie nach kurzem Zögern wieder einen Spalt: Das, was ich für eine riesige Ratte gehalten hatte, war in Wirklichkeit ein kleines Kaninchen, das neugierig seine Nase in den Spalt steckte. Ich war verblüfft. Eine riesige Ratte hätte ich akzeptieren könne, aber wo kam plötzlich ein Kaninchen her? Ich holte meine Kamera, aber da kam Mascha und hob es hoch. Es war ihr neues Haustier, und ich durfte damit spielen, wenn ich wollte, sagte sie. Ich nahm in den Arm. Es war noch ganz jung und ganz grau mit langen Löffeln. Es hieß Bayley‘s war so niedlich, dass ich es ihm sogar verzieh, dass er die ganze Nacht Radau machte. Ich beschäftigte mich von da an viel mit dem süßen kleinen Racker - nur in mein Zimmer durfte es nicht kommen, denn wenn es das Ladekabel für mein Notebook anknabberte, würde es Hasenbraten zum Mittag geben, warnte ich ihn. Er sah mich unschuldig an und verstand natürlich nichts.


21.09.
Seit Tagen hatte ich Kratzen im Hals und Bedürfnis viel zu trinken; zuerst dachte ich, das sei von der Klimaanlage im Zug gekommen, aber wahrscheinlich ist die Luft so viel trockener in Izhevsk als in Deutschland. Und es roch schon den ganzen Tag so verbrannt. Der Wald brannte schon seit Wochen nicht mehr, aber kurzzeitig hatte der Ruß im August auch Izhevsk erreicht, wie ich auf Fotos hatte sehen können. Es hatte das Stadtbild nicht sehr verändert.

Da ich heute noch nicht im Labor arbeiten konnte, weil mir Albert die Zugangserlaubnis noch nicht besorgt hatte, begann ich Organisatorisches für meine Masterarbeit vorzubereiten. Ein bisschen prokrastinierte ich auch um mich vor dem eigentlich Kern meiner Arbeit zu drücken, mit dem alles stehen und fallen würde. So begann ich Programme installieren, Dokumente vorbereiten, Ein paar Webseiten zum Thema zu lesen und einfache Skripte zusammenbauen, die den Browser zum Absturz brachten und danach hing das ganze Betriebssystem. Da beschloss ich, erst einmal eine Pause zu machen und spazierte zum Supermarkt um einer Fress-Attacke nachzukommen; seit ich zu Hause gewesen war, hatte ich wieder das Bedürfnis, regelmäßig etwas zu essen, was ich vorher in Russland meistens vergessen hatte. Der Spaziergang tat mir gut, und vor allem brachte es mich dazu, meine alten Freunde zu kontaktieren, was ich bei meiner Ankunft irgendwie und aus irgendeinem Grund vermieden hatte. Dima, Sina, Stasya… Ich lief rastlos draußen durch die Nacht, fing das Tropfwasser der Dächer mit den Fingerspitzen auf, und näherte mich den beiden Katzen, die draußen immer vor dem Wohnheim herumlungerten und überlegte, mit was ich sie füttern konnte. Diese Rastlosigkeit hatte mich lange nicht überfallen - Deutschland war in einem Rausch an mir vorbei gegangen; ich hatte genug Ablenkung gehabt. Nun spürte ich wieder die Weite des Landes, das mich umgab - so ein Gefühl kann man in Deutschland gar nicht haben.
Es hat nur zwei Tage gedauert, und nun spüre ich Russland wieder als warmes Gefühl in meinem Bauch.

22.09.
Durch das gestrige Kontaktieren meiner Freunde hatte ich heute volles Programm: Eine Verabredung zum Mittagessen mit Sina, nach der Arbeit ein Treffen mit Dima, um dann am Abend mit der ganzen Bande ausgehen.
Meine gute Vorsätze begannen zu schmelzen. Ich hatte mir ja vorgestellt, jeden Tag um 9:30 Uhr aufzustehen und um 10 Uhr anzufangen im Labor an meinem Projekt zu arbeiten, und das bis 18 Uhr. Nun, den Wecker stellte ich mir schon immer, aber praktisch stand ich heute bis 11 Uhr nicht auf. Dann las bis 12:30 noch ein wenig den Stoff und machte mich auf den Weg ins Zentrum.

"Auf Wiedersehen!", sagte mir die Etagenomi auf Deutsch; sie hatte im Sommer geübt und sagte mir nun auf Deutsch, dass ich hübsch geworden sei.
Eine halbe Stunde reichte wirklich um bis ins Zentrum zu gelangen, obwohl ich weite Stücke laufen musste, denn Sina kam sowieso immer zu spät, so genoss ich die letzten warmen Sonnenstrahlen am Springbrunnen vor dem Theater, wo wir verabredet waren. Zwei junge Männer kamen an den Beckenrand und machten sich und mich auf den Regenbogen aufmerksam, der durch die schon tief stehende Sonne in der Fontäne erzeugt wurde.

Sina hatte sich nicht verändert, wir gingen wieder ins gleiche Café, in das wir immer gingen; sie erzählte von ihrem Sommer; war auf der Insel Krim gewesen, aber so leicht sei es nicht gewesen, dahin zu kommen, denn sie war an der Grenze zur Ukraine aus dem Zug gezogen worden, weil ihr Reisepass durch Verschleißerscheinungen wie gefälscht aussah. So stand sie also nachts an der Grenze und lief auf ein paar Jungs in Autos zu, fragte nach Alk. Erzählte ihre Geschichte und einer bot an, sie über die Grenze zu schmuggeln. Sie ließ sich darauf ein, hatte aber unheimliche Angst und verstecke einen Teil ihres Geldes. Fahrer war aber freundlich und schlug vor, sie legal rüberzubringen und ihren Reisepass dafür provisorisch zu reparieren. Das klappte, aber dann stand sie nachts in der Ukraine, ihr Handy funktioniert nicht, aber sie hatte wieder Glück und fand vier Leute, die per Anhalter unterwegs waren, denen sie sich anschloss. Aber es waren zu viele, so teilte sich die Gruppe wieder auf, und Sina kam ins Auto eines reichen Mannes, der sie zum Bahnhof der nächsten großen Stadt brachte, wo sie ein Zugticket kaufen konnte. Auf der Fahrt waren sie wie Freunde geworden, ihr gegenüber ließ er die Maske fallen, die er vor anderen aufsetze, und ließ sie seine Trauer über den Tod von Freunden bei einem Unfall vor einigen Tagen spüren. Erst am Bahnhof fragte er sie nach ihrem Namen. Dann gingen sie wieder als Fremde auseinander. Ich war sehr berührt von dieser Geschichte.

Sina traf ihre Freunde auf Krim wieder und verbrachte die nächsten zwei Wochen auf der Insel wie im Urvolk, oft einfach nur nackt umherlaufend, erzählte sie; sie zelteten offenbar an einem sehr abgelegenen Ort bei einem Wald und einem kleinen Strand am Meer; sie zeigte mir die Gemälde, die sie dort angefertigt hatte, als wir später zu ihr nach Hause gingen. Ich hab ihr die Schokoladensammlung und sie wand sich regelrecht innerhalb von sich selbst, weil sie nicht wusste, wie sie mir dafür danken konnte. Nun war es mir selbst fast peinlich.
Wir überspielten es. Sie holte einen Kürbis hervor, den sie mühevoll zerkleinerte um daraus Kuchen zu backen. Ich versuchte ihr zu helfen, aber es war am Ende eher ein moralischer Beistand.
Gegen 18 Uhr wollte sie sich mit ihrem neuen Freund treffen, und ich mich mit Dima. Sie versprach mich zu kontaktieren und über die Pläne des Abends zu informieren, sobald sie geschmiedet worden waren.

Ich musste noch einmal zum Wohnheim um die Geschenke für Dima und Nastya zu holen.
Dima kam gerade mit der Straßenbahn bei mir an, schrieb er per SMS; ich beeilte mich und rannte den letzten Stück Weg, aber er war weit und breit nicht zu sehen; dann kam er telefonierend aus dem kleinen Kiosk an der Haltestelle - er hatte ein Ätsch-Bätschmak gekauft, dieses tatarische Dreiecksgebäck, das hauptsächlich mit zerhäckselten Küchenabfällen gefüllt war; es war das gleiche Zeug, das Zsolt und ich schon im Zug nach Petersburg unauffällig entsorgt hatten. Dima bot es mir an. Ich schüttelte den Kopf. Er brach den Anruf ab und wir umarmten uns; er war so euphorisch, dass er mich ein Stück durch die Luft schleifte.
Nastya war noch auf Arbeit, meinte er, und um 20 Uhr wollte er einen alten Schulfreund vom Bahnhof abholen, der ein paar Tage bei ihren wohnen würde. Sie hatten sich seit 5 oder 6 Jahren nicht mehr gesehen. Also hatten wir nicht viel Zeit, aber dennoch genug um uns über den vergangenen Sommer auszutauschen.
Am 12. August hatten Dima und Nastya nun endlich geheiratet, die Flitterwochen hatten zu Hause verbracht und wurden in der Zeit ständig von Freunden besucht, die gratulieren wollten, denn sie hatten nur ganz simpel auf dem Standesamt geheiratet, ohne eine große Feier zu veranstalten, obwohl sich das ihre Eltern etwas feierlicher vorgestellt hatten. Die Fotos hatte niemand je gesehen, weil der Fotograf am anderen Ende der Stadt wohnte und Dima selbst Wochen später nicht dazu gekommen war, sie abzuholen.

Wir spazierten Richtung Kirovpark, merkten aber bald, dass es recht frisch wurde und entschlossen uns, in das Pfannkuchen-Café in der Nähe meines Wohnheims zu gehen. Pfannkuchen hatte ich heut schon zum Mittag, aber der Gedanke an Eis oder etwas in dieser Art machte mir Appetit. Dima gab mir einen "milchlichen Cocktail" aus, wie Milchshakes hier heißen, und ich wollte ihm die Geschenke geben, die ich aus Deutschland für mein liebstes frisch vermähltes Ehepaar mitgebracht hatte: Eine ganze Kollektion Liebestee, Schokolade, jede Menge andere Süßigkeiten und eine schöne Hochzeitskarte, aber Dima hielt es für besser, wenn ich es ihnen beiden übergeben würde. OK, meinte ich und ließ es im Rucksack, machte aber Andeutungen, was ich dabei hatte, sodass er neugierig wurde und versprach, mich bald zu ihnen einzuladen - auch wenn zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch der alte Schulfreund zu Besuch wäre. Er hatte von 2 oder 3 Tagen gesprochen, aber Dima hatte ihn daraufhin für eine beliebige Zeit eingeladen, was er ganz enthusiastisch aufgenommen hatte.

Wir blieben ein Stück länger sitzen als wir eigentlich wollten, aber die Zeit wartete nun mal nicht auf uns. Ein Zug kam am Bahnhof an, und auf mich wartete Sina schon mit Stasya und drei sturzbetrunkenen Jungs im Zentrum, schrieb sie mir per SMS.
Ich fuhr schnell noch einmal zum Wohnheim um meine Geschenke für Stasya holen: Hanfschokolade, einen Hanf-Lutscher, und einen Aschenbecher mit Hanfaufdruck. Ich wusste, dass sie so etwas mögen würde… Dima nahm die gleiche Bahn bekam ein Glücksticktet, das er an mich weitergab, sodass ich es essen konnte - um an diesem Abend viel Glück zu haben. Es schmeckte wie das Esspapier, das ich ständig gegessen hatte als ich noch ein Kind war.

Ich fand Sina und Co schnell, als ich am Theater der Freundschaft ausstieg - die angetrunken Gruppe fiel jedem sofort auf. Zwei der Jungs kannte ich noch: Mischa aus einer von Sinas Bands, und Rylov, den seltsame Trommler. Vasya war neu, aber Sina erklärte später, das war einer der Jungs, die damals im Club so grausam gespielt hatten, dass Zsolt und ich erstmal einen Cocktail gebraucht hatten.

Wir gingen gleich Nachschub an Champagner kaufen. Russischer Champagner ist billiger Sekt, haute aber richtig rein. Stasya war erkältet, weshalb ich ungern aus der gleichen Flasche trinken wollte, aber jeder tat es, also überwand ich mich auch und redete mir ein, dass der Alkohol die Viren abtötete. Zu dritt und schon ziemlich angetrunken vom Umherlaufen mit der Flasche hielten wir es für eine gute Idee, im feinen Theater die Toilette aufzusuchen, lachend und lärmend. Trotzdem wurden wir nicht erwischt, wie ich die ganze Zeit befürchtet hatte, als ich Wache und die Flasche hielt. Ich solle mehr trinken, überlegte ich, um auf ihr Level zu kommen. Von da an wurde der Abend immer besser. Glaube ich. Seltsam wurde er auf alle Fälle. Ich weiß noch, dass uns irgendwann Sina verloren ging, und dass sie uns später wütend schreiend und alles beleidigend mit ihrem Freund über den Weg lief; ich wusste noch, wie ich vom Klettergerüst hinter hing und später mit Stasya in der Sandkiste lag; wie ich für Stasya auf Pinkelwache ging während sie in einem Busch verschwand, und wie wir uns irgendwann auf den Weg gemacht haben zu Vasya nach Hause, aber aus irgendeinem Grund auf einem Rasenstück an einer Hauptstraße liegen geblieben waren, wo uns die Polizei auflas, aber uns dann doch gehen ließ. Und wie sie uns trotzdem noch langsam im Wagen folgte um sicher zu gehen, dass wir allein nach Hause fanden; und wie wir alle eingehenkelt die Straße entlang torkelten, alle irgendwie nur noch russisch sprachen und ich bald auch, ich hinter den Kiosk erbrach, wo Stasya Zigaretten kaufte, und dann waren wir schon in Vasyas Wohnung und tranken Tee, den ich nicht mal bis zur Hälfte schaffte und noch aus eigener Kraft wie ein Stein auf eine Couch fiel, auf die Vasya eine Decke ausbreitete. Russischer Sekt war ein Teufelszeug.


23.09.
Um 6:30 Uhr konnte ich schon nicht mehr schlafen; Vasya auch nicht und ließ laut Hip Hop aus dem Computer dröhnen. Stasya und Mischa schliefen fest - trotz Lautsprechernähe. Unruhig wälzte ich mich umher mit fussligem Gefühl im Magen. Ich ging in die Küche und tigerte bald unruhig in der Wohnung herum, versuchte etwas Tee zu trinken, aber das machte es nur noch schlimmer. Um 7:30 Uhr hörte der Krach auf und ich musste zurück ins Bett gegangen und wieder eingeschlafen sein, bis 9:00 der Krach wieder beginnt wieder, aber alle schliefen, auch Vasya.
9:30 fand ich Vasya aufgestanden vor, Sonnenblumenkerne am Fenster essend. Er schrak zusammen, als ich das Zimmer betrat. Ich verabschiede mich und ließ mir noch den Weg zur Bushaltestelle erklären. Stasya und Mischa schliefen bei all dem weiter - wahrscheinlich waren sie im Koma oder so. Mann nannte es ja nicht umsonst Komasaufen. Ich fühlte mich so schlecht wie noch nie in meinem Leben von Alkohol.

Die wackelnde und holpernde Straßenbahn tat mir nicht so richtig gut, aber der Spaziergang heim glich das beständige Würgegefühl wieder aus. Ich schwor mir, nie wieder Alkohol zu trinken, während ich versuchte, das Ziehen in meinem leeren Magen zu ignorieren.
Ohne etwas zu sagen schob ich mich an der Etagenomi vorbei in mein Zimmer und kroch ins Bett, aber der Schlaf wollte nicht so recht kommen. Ich zwang mich, trockenes Brot zu essen. Sina schrieb, sie habe sich gestern das Bein verletzt. Ich bot ihr an vorbeizukommen und Besorgungen auf dem Weg zu erledigen. Sie bat um Kefir und Milch. Ich schwang mich aus dem Bett, schwankte und zog mich zitternd an.

Die Etagenomi fragte mich ganz besorgt, ob alles in Ordnung sei; ich war wohl etwas bleich. Ich beruhigte sie, wir haben gestern nur zu viel getrunken. Wo ich geschlafen habe, wollte sie wissen, und so weiter. Ich versicherte ihr, nie wieder trinken zu wollen und jetzt nur Milch kaufen zu wollen um sie bei einer Freundin vorbeizubringen.
Der Laden unten hatte gerade Mittagspause, zerrte vergebens an der Tür bis ich das Schild las.
Der Bus war so voll, dass ich nur kurz vor dem Aussteigen bezahlen konnte. Ich fühlte mich vor allem unendlich langsam, und tatsächlich brauchte ich mit dem Einkaufen fast eine dreiviertel Stunde zu Sina, was sonst in 20 Minuten erledigt gewesen wäre.

Sina war am Kuchenbacken als ich ankam, aber so richtig war sie nicht in der Verfassung dazu und machte alles falsch, ließ sich aber von mir nicht helfen. Wir schnatterten wie die Gänse und schwiegen wie die Fische; es war eine seltsame Stimmung. Sie ließ sich nicht davon abbringen, einen bestellten Teppich aus dem Zentrum abzuholen, obwohl ihr Knie böse geschwollen war und ich ihr sogar dabei helfen musste, Dinge in die unteren Küchenschränke zu stellen. Zumindest wollte ich ihr helfen, aber ihr Freund meldete sich per Telefon, er kam eher zurück von Arbeit und ich verabschiedete mich, immer noch ein wenig torkelnd, aber vor allem hungrig; ich wollte mir Pelmeni kochen. Sina bot an, dass ich zum Essen bleiben könnte, aber sie wollte einen Eintopf aus komischen Dingen machen, bei denen sich mir der Magen umdrehte, und ich lehnte dankend ab.

Nach dem Essen fiel ich direkt wieder ins Bett und schlief bis Abends. Na, das war ja nichts geworden mit dem geregelten Leben und der Arbeit am Masterprojekt… zum Glück war es noch nicht offiziell angemeldet… ich würde wohl um eine Verlängerung der Testwoche bitten müssen, die ich mit meinem Professor in Deutschland vereinbar hatte. Zumal sich Albert immer noch nicht um die Genehmigung zur Labornutzung gekümmert hatte, sodass ich nicht mal das wenige ausprobieren konnte, das schon bei mir lief, aber praktisch brauchte ich mehrere Computer um die Funktionalität richtige zu testen, denn ich betrieb hier Netzwerkprogrammierung.

So war auch dieser Tag vorbei. Gegen Mitternacht fühlte ich mich wieder munter, deshalb war ich froh, dass Bailey’s fröhlich draußen im WG-Korridor herumhüpfte, und ich spielte bis nach 1 Uhr morgens mit ihm; er kletterte auf allem herum wie ein Bergsteiger und traute sich schließlich auch auf mich zu klettern, nachdem ich ihn 20 Minuten lang in den Schlaf gekraut hatte. Als ich schlafen ging, mochte er mich schon so gern, dass er mir in mein Zimmer zu folgen versuchte und dann eine ganze Weile an der verschlossenen Tür kratzte. So leid er mir auch tat, ich konnte ihn nicht hinein lassen, es lagen einfach zu viele Kabel herum.

Auf zu neuen Abenteuern! Anreise. (17.-19. September)

Auf zu neuen Abenteuern! Anreise. (17.-19. September)
Meine Eltern waren auf Arbeit, aber meine Oma kam um mich zu verabschieden und zum Zug zu begleiten. Sie und meine Mutter hatten mir um die Wette Proviant zubereitet, und so hatte ich nun eine Extra-Tüte mit Proviant - mit Spiegelei belegte Schnitten und Nudelsalat.
Wir saßen noch einige Minuten in der Küche zusammen und ich spielte ein russisches Lied auf der Gitarre, das ich in der Zwischenzeit gelernt hatte. Sie behauptete, es klänge gut, aber das war schließlich die Aufgabe von Omas: Liebe Dinge zu sagen und ihre Enkel zu verwöhnen.

Im Zug kam mir plötzlich eine Idee, die meine Masterarbeit in ein ganz anderes Licht stellte und ich begann sofort das Konzept zu notieren und war so begeistert davon, dass ich am liebsten sofort damit beginnen wollte. Doch allein bis ich in Izhevsk war, sollten noch zwei Tage vergehen.

In Dresden hörte ich schon auf dem Bahnsteig der Flughafen-S-Bahn eine vertraute Sprache - Russisch. Sie verschwanden aber im oberen Stockwerk des Zugs, und ich mit meinem schweren Koffer im unteren Teil, wo ich zwei deutsche Rucksacktouristen ins Gespräch zu verwickeln versuchte, die auf dem Weg nach Irland waren, aber als ich meinte, dass ich nach Moskau flog, sagten sie nur "ah" und schwiegen wieder. Ein Trinker mischte sich dafür ins Gespräch, der nicht merkte, dass niemand mit ihm diskutieren wollte, selbst als er der einzige war, der die ganze Zeit sprach. Ich hoffte, dass ich selbst nicht irgendwann diese dünne Linie zwischen "offenherziger Weltenreisender" und "die Verrückte in der Bahn, neben der niemand sitzen will" überschreiten würde.

Die Abfertigung am Flughafen ging überraschend schnell, weil zu diesem Zeitpunkt kaum Fluggäste bei Aeroflot anstanden und auch an den Business Class-Schalter verteilt wurden. Mein Gepäck wog auf das Gramm genau 20 Kilogramm. Ich hatte den Koffer hauptsächlich mit Souvenirs für meine Freunde gefüllt; für Sina hatte ich zum Beispiel Schokolade aus 5 oder 6 verschiedenen Ländern, weil ich wusste, dass sie die schwedische Ikea-Schokolade so gern mochte. Ich hatte verschiedene Hanf-Produkte dabei, die ich jedoch nicht in Holland, sondern in dem Zwickauer Antiquitäten- und Trödelladen auf der Bahnhofsstraße gekauft hatte, in dem der Verkäufer mich mit glasigem Blick angestarrt hatte und meinte, dass er mich doch kenne. Ja, das war richtig, vor einem Jahr hatte ich entdeckt, dass es in dem Laden auch legale Hanfprodukte wie Tee und Schokolade zu kaufen gab - und auch die grünen Lutscher, die so herrlich nach Wiese schmeckten, sodass ich ein paar Mal dort gewesen war. Wir hatten immer ein Stück lang geplaudert, weil er recht selten Kunden hatte und ich hatte von meinen Plänen erzählt, per Anhalter durch Europa zu fahren. Daran erinnerte er sich nun noch - und da sage noch einer, Gras ist schlecht für das Gedächtnis.

Ansonsten hatte ich nur wenige Kleidungsstücke dabei, weil ich das meiste noch in Izhevsk gelassen hatte - stattdessen füllte eine besonders warme Decke den Rest meines Koffers. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, wie dankbar ich dafür noch sein würde.

Auch am Gate warteten noch nicht viele Passagiere; wahrscheinlich lag es daran, dass Aeroflot nun öfters als zweimal pro Woche von Dresden nach Moskau flog - aber so viele Russen auch in Sachsen wohnten, so konnten sie nicht alle ständige zwischen Dresden und Moskau hin und her pendeln. Bei Deutschen war diese Verbindung noch weniger bekannt; ich wäre sonst auch über Berlin geflogen, und das doppelt so teuer, wenn ich nicht von meinen russischen Bekannten diesen Tipp bekommen hätte.

Wir hoben ab und die Frauenkirche war bald nur noch ein kleiner Knubbel, dann traten wir in die Wolken ein. Der Service war hervorragend wie immer, und mittlerweile gab es sogar schon Durchsagen auf Deutsch - Aeroflot mauserte sich.
Ich hatte mein Ticket sehr früh gebucht und saß in einer der ersten Reihen, wodurch ich sehr schnell mein Essen bekam, dazu den teuersten Orangensaft, den ich normalerweise nicht mal kaufte, wenn man wollte, sogar ein zweites Glas davon, und da es eine russische Airline war, bekam man nach dem Essen einen Becher schwarzen Tee.

Schnell ging die Sonne unter, denn wir flogen nach Osten und mit einem Mal war es dunkel. Wir erreichten das märchenhaft glitzernde Moskau, durch das sich leuchtende Girlanden aus zäh fließendem Stadtverkehr zogen. Wir landeten sanft und nur vereinzelt wurde geklatscht.

Bevor wir unser Gepäck holen konnten, stand ich mit einer kleinen Gruppe von Deutschen erst einmal vor einem Rätsel: An den Durchgängen stand entweder "für russische Staatsbürger", "für Diplomaten", oder "für Freundesländer (Weißrussland)" - fielen wir darunter? Man erwartete hier keine Europäer, wir wählten den nächst freien Schalter aus ("für Diplomaten") und wurden ohne weiteres abgefertigt.

Am Gepäckband standen nur wenige Leute; der ganze Flughafen wirkte wie leergefegt. Ich bekam mein Gepäck sofort und kontaktierte nicht etwa Konstantin, sondern Dima, den ich am letzten Tag vor meiner Abreise aus Moskau kennengelernt hatte.
Konstantin war im Süden von Russland seine Eltern besuchen, hatte aber vergessen, mir rechtzeitig bescheid zu geben, dass ich wenige Tage vor meiner Abreise ohne Gastgeber dastand. Ich hatte mich zwar mit Dima in Utrecht verpasst, weil er aus finanziellen Gründen schon einige Tage vor meiner Ankunft abreisen musste, aber wir waren weiter über Internet in Kontakt geblieben, denn er war nun auch Holland-Fan geworden. So hatte ich also Dima gefragt, ob er nicht jemanden kannte, der mich aufnehmen konnte, weil ich wusste, dass er selbst im Studentenwohnheim niemanden unterbringen durfte. Er hatte daraufhin jedoch gemeint, dass ein Mitbewohner von ihm zu dieser Zeit verreist sein würde und dass er mich einfach in sein Wohnheim hineinschmuggeln wollte.

So kam es, dass er nun am Flughafen auf mich wartete, da es zu kompliziert sei, mitten in der Nacht zu seinem Wohnheim zu kommen, das sich aber auch relativ nahe am Flughafen befände. Nun, nah ist für Moskauer Verhältnisse unter einer Stunde Reisezeit.
Ich hatte Dima die Ankunftszeit durchgegeben, aber gemeint, dass er nicht so früh kommen müsste, da die Abfertigung so lange dauern würde, aber nun stellte ich fest, dass um diese Uhrzeit schon niemand mehr arbeiten wollte - es saßen zwar zwei Angestellte am Sicherheitscheck, an dem das Gepäck normalerweise durchleuchtete wurde, aber sie waren in ein Gespräch vertieft, und so gingen wir einfach an ihnen vorbei, bevor sie es sich anders überlegten.
Insgesamt brauchte ich nur 15 Minuten von der Landung bis zum Ausgang, und die meiste Zeit ging dafür drauf, dass der Flughafen so riesig war, dass man einige Kilometer zurücklegte, wenn man ihn einmal durchquerte. Ich hatte Glück, denn Dima hatte meinen Hinweis ignoriert und war pünktlich zur Landung angekommen. Wir umarmten uns wie alte Freunde. Er hatte mich nur um eins gebeten, dafür dass er mich bei sich aufnahm: Ihm deutsches Bier mitzubringen. So hatte ich am letzten Tag vor meinem Abflug sämtliche Laden unseres Städtchens nach Dosenbier abgesucht, denn Flaschen wären zu schwer geworden - bei uns hatte Dosenbier einen schlechten Ruf, aber in Russland war man begeistert, weil es aus Deutschland stammte. Lustigerweise erhielt ich innerhalb der nächsten Tage mehrere Anfragen von Freunden, deutsches Bier nach Izhevsk mitzubringen, aber ich konnte nur antworten, dass es ihnen ein bisschen früher hätte einfallen müssen, da ich nun schon wieder in Russland war.

Dima schlug vor, ein Taxi zu nehmen, aber ich wusste, dass man für unter 40 Euro kein Taxi in Moskau bekam. So viel Geld in Rubel hatte ich gar nicht dabei, und auch Dima war blank.
Die Alternative war, zwei Busse und einen Vorstadtzug zu nehmen. Ich bestand darauf, sein Ticket mit zu bezahlen und er wehrte sich nicht wie es nach russischer Manier üblich war. Für den Vorstadtzug, die Elektrischka, lösten wir überhaupt kein Ticket, weil Dima meinte, dass um diese Uhrzeit sowieso niemand mehr Tickets kontrollierte und wir eh nicht genug Zeit dafür hatten, denn sie fuhr in wenigen Minuten ab, und die nächste erst in einer Stunde. Er rannte regelrecht mit meinem Koffer die Stufen hinauf und ich merkte, dass es nicht genug Bier in Deutschland gab, um so einen Freund angemessen entlohnen zu können.

Dima meinte, der Koffer würde sogar helfen, den Portier zu überreden, mich für diese Nacht ins Wohnheim zu lassen, uns dass wir einfach sagen würden, dass ich seine Freundin sei - das würde er als Mann verstehen. Doch im Wohnheim stellten wir fest, dass wir gar keine Ausrede brauchten, denn der Portier hatte keine Lust gehabt zu arbeiten und saß nicht an seinem Tisch.

Ich war erstaunt, wie modern das Wohnheim eingerichtet war, obwohl außen dran noch das also Sowjetsymbol von Hammer und Sichel gepinselt war.
Dima stellte mich seinen drei anwesenden Mitbewohnern vor, von denen einer ein schüchterner Computer-Nerd war, den ich immer nur für wenige Sekunden sah; aber mit den anderen beiden saßen wir lange an dem Abend zusammen, tranken Tee und später selbstgemachten Wein. Die Jungs inspizierten das Bier, das ich mitgebracht hatte: Sternquell war exotisch, aber Holsten gab es auch in Russland zu kaufen, allerdings von Baltica hergestellt, sodass sie beschlossen, sich eine Büchse des russischen Holsten zu kaufen um zu probieren, ob es einen geschmacklichen Unterschied gab. Dima schrieb mir später, dass das deutsche Holsten definitiv besser geschmeckt hatte.
In dieser lustigen Runde saßen wir bis zwei Uhr morgens und diskutierten über alles Mögliche, besonders gern über Weltpolitik. Mich erstaunte, wie sehr Putins Politik hier kritisiert wurde, denn in Izhevsk hatte ich immer nur Gutes darüber gehört. Sie meinten, in Moskau sei man im Allgemeinen weltoffener und kritischer als im Rest Russlands.

18.09.
Die Jungs schliefen so lange, dass ich als erste aufstand - sehr ungewöhnlich für mich. Wir machten langsam etwas Frühstück und gingen um 12:20 Uhr gemeinsam zum Deutschunterricht in die Uni - dort wollten sie mich als Jagdtrophäe vorstellen, wie immer, wenn ich in den Deutschunterricht mitgenommen wurde. Nur wie sollte ich in die Uni hineinkommen? Wir verglichen unsere Studentenausweise, sie sahen sich auf einen schnellen Blick recht ähnlich, so folgte ich Dima und German, beiläufig mit dem Studentenausweis wedelnd, und die Großmütterchen, die Wache hielten, ließen mich nickend durch.

Im Klassenzimmer holten die Jungs schnell ihre Hausaufgaben hervor und baten mich, ihnen zu helfen, so erledigte ich eilig die Aufgabe, Sätze zusammenzubasteln. Dann begann schon die Stunde.
Die Lehrerin baute mich nicht kreativ in den Unterricht ein, sondern behandelte mich wie eine Schülerin, ließ mich auch Sätze übersetzten und verbot mir, Dima zu helfen. Amüsanterweise lud sie mich ein, mal wieder in den Unterricht zu kommen. Bevor ich jedoch das nächste Mal nach Moskau kam, hatte Dima den Deutschkurs schon aufgegeben.

Nach dem Unterricht wollten wir etwas essen gehen. Jede Etage hatte seine eigene Cafeteria, und so gab es ein Hin und Her, wo wir am besten essen sollten, wo die wenigstens Leute standen, und wo das Essen essbar war. Vom meisten war abzuraten, zum Beispiel von dem Salat, aus dem Tentakel heraushingen. Darauf sind schon viele Studenten und vor allem Ausländer reingefallen, weil dieser Salat normalerweise ganz harmlos aussah, und die meisten Ausländer nicht die Aufschrift "Tintenfisch” lasen.
Dima und German hatten nun eigentlich eine Vorlesung in Philosophie, denn ohne dieses Fach belegt zu haben, konnte man hier seinen Doktor nicht machen. Ich hatte jedoch nicht die Zeit für eine weitere Vorlesung, denn mein Zug fuhr am späten Nachmittag. Dima schwänzte bereitwillig seine Vorlesung, German nur mit schlechtem Gewissen. Wir gingen in einem Park spazieren, von dem Dima meinte, im Dunkeln sei es hier ausgesprochen gefährlich - dabei befanden wir uns nicht mal in Moskau, sondern in einem Vorort. Das schlimmste, was ihm in diesem Park je passiert war, war jedoch nur, dass er sich auf eine frisch gestrichene Bank gesetzt hatte und davon grüne Hosen bekommen hatte.

Ich bat, schnell noch in einen Supermarkt zu gehen um Proviant für die Zugfahrt kaufen zu können.
Die Kassiererin dort war ärgerlich, weil sie kein Wechselgeld hatte, und schnauzte mich an, als wäre es meine schuld, so konnte ich nur mit Karte zahlen.
Germans schlechtes Gewissen übernahm nun die Oberhand und er ging doch noch zur Vorlesung, und wir beide zurück ins Wohnheim, wo schon zum dritten Mal keine Portier anwesend war.
Ich hatte kein Gefühl für die Größe Moskaus und verließ mich auf Dima, der nun begann, die Zugverbindungen herauszusuchen und meinte, dass der nächste Zug erst in 28 Minuten fuhr, aber er versicherte mir, dass wir es rechtzeitig zum Bahnhof schaffen würden.

Als wir in den Fahrstuhl stiegen, stand darin nur ein Paar Schuhe. Das forderte einige Witze heraus; ich meinte nur, mir mache das Angst.
Draußen sahen wir zum ersten mal den Portier, rauchend vor der Tür stehend und uns nicht weiter beachtend. Dima zog mir den Koffer den Trampelpfad zur Haltestelle hinunter und sagte, diesmal müssten wir ein Ticket lösen. Eine Verkaufsstelle dafür konnte ich jedoch nicht entdecken, aber Dima deutete auf das Loch in der Wand. Es war in etwas einem Meter Höhe angebracht, maß etwa 20x20 Zentimeter und war 50 Zentimeter tief, und hinter einer dicken Glasscheibe saß dort in einem Raum hinter der Wand die Fahrkartenverkäuferin. Es war eine Hochsicherheitseinrichtung aus Sowjetzeiten, und gleichzeitig mussten die Käufer Demut zeigen und sich verbeugen um mit der Verkäuferin kommunizieren zu können.
Vom Zug wechselten wir ins die Metro; auf der langen Rolltreppe rannten Polizisten neben uns herunter, Glas schepperte, die Rolltreppe hielt an und eine unverständliche Durchsage folgte. Dima schleppte den Koffer eigenhändig herunter an den wartenden Leuten vorbei, die sich nun auch langsam in Bewegung setzten, aber diese steilen Rolltreffen hinunterzulaufen fühlte sich wie an wie zu fallen - entweder war es eine optische Täuschung, oder es gab wirklich ein Gefälle auf den Treppen; jedenfalls war sehr schwer, auf dem Weg nach unten die Balance zu halten, wenn man es eilig hatte.

Wir waren gerade auf den letzten zehn Stufen angelangt, da setzte sich die Treppe sie wieder in Bewegung und vor uns wurden die Scherben einer der Lampen weggekehrt, die seitlich der Rolltreppe angebracht gewesen war. Ich nahm mir eine Scherbe als Erinnerung mit.

Nun hatten wir es aber wirklich eilig; die Metro kam zu Glück gleich, nur noch einmal umsteigen und dann seien wir am Bahnhof, versicherte mir Dima. Zu diesem Zeitpunkt war es schon 17:20 Uhr, und irgendwo in meinem Hinterkopf hatte sich eingebrannt, dass dies die Abfahrtzeit meines Zuges war, aber dann studierte ich das Ticket noch einmal - nein, ich hatte noch 18 Minuten. Wahrscheinlich war es genau dieser Fehler, der mich gerettet hatte, denn sonst wären wir vielleicht noch später losgefahren.

Eilig stürmten wir aus der überfüllten Metro hinaus und versuchten den Übergang zum Bahnhof zu finden; Dima fragte sogar Polizist, wohin - und kamen ganze 10 Minuten vor Abfahrt am Zug an, aber mussten dort noch mehrere 100 Meter bis zum richtigen Wagon sprinten.
Dima trug mir den Koffer noch mit hinein, dickte Schweißperlen auf der Stirn. Ich fragte ihn, wie ich seine unglaubliche Nettigkeit je aufwiegen könne, und er meinte nur, es sei schön zu wissen, dass er nun einen Freund in Deutschland hatte.


Mein Zug vom Typ der Transsib-Züge - mit Teppich und Klimaanlage, und war als Expresszug ausgeschrieben gewesen; das hieß, dass er statt der üblichen 20 bis 24 Stunden nur 16 Stunden lang bis Izhevsk unterwegs sein würde. Diese Schnelligkeit wurde durch eine Routenverkürzung erreicht, da wir nicht den Umweg über Kirow fuhren.

Ich ließ mich erschöpft in mein Bett fallen und schlief bis zur Ankunft des Zuges am nächsten Vormittag.

19.09.
In Izhevsk herrschte das schöne Spätsommerwetter mit Sonnenschein und 22 Grad - zeigte es an der Bahnhofsuhr an. In Deutschland war es fast die ganze Zeit über kalt und regnerisch gewesen, sodass ich dieses Wetter auch für Izhevsk erwartet hatte - ich trug zwei Pullover, eine Jacke darüber, zwei Hosen übereinander und Herbstschuhe. Und begann sofort in der Sonne zu schmelzen.

Ich überlegte mir, dass ich eigentlich kein Taxi brauchte, weil ich so früh am Tag angekommen war, und es sah aus, als wäre die Straßenbahn-Strecke am Bahnhof fertig repariert worden. Am Ende sollte ich diese Entscheidung bereuen - aber das, was in der folgenden Stunde passierte, ließ mich wieder spüren, dass ich in Russland war:
Die Haltestelle befand sich ein Stück vom Bahnhof entfernt mitten auf der stark befahren Straße, sodass man auf seinen Hintern aufpassen musste, wenn man direkt an den Gleisen auf die Straßenbahn wartete.
In der Straßenbahn erhielt ich erstmal ein Lob, weil ich sofort und freiwillig für meinen Koffer bezahlte bzw. dass ich wusste, dass es so eine Regel gibt - Molodets!
Dann aber wurde ich drauf hingewiesen, dass die Bahn nicht nach Metallurg fuhr, also nicht zum Wohnheim, aber sie mir sagen würde, wo ich umsteigen musste. Das lag wohl am Glücksticket, das ich bekommen hatte.
Die Schaffnerin malte mir eine kleine Landkarte auf, und erklärte, dass ich den Bus Nummer 36 an der Haltestelle Magazin Podarki nehmen musste, denn Trolleybusse fuhren erst abends wieder. Ich kannte die Gegend und schleppte meinen Koffer an die entsprechende Haltestelle.
Der erste Bus war übervoll, wie es zu erwarten gewesen war, wenn weder Straßenbahnen noch Trolleys in diesem Stadtteil fuhren, und man darauf verzichtet hatte, mehr Busse als üblich auf den Weg zu schicken.
In den zweiten Bus drängte ich mich rein trotz der völligen Überfüllung hinein und hing mit dem Koffer in der Tür; eine ältere Frau griff danach und half beim Hineinziehen.
Es war ein Hin- und Hergedränge, und nach nur einer Haltestelle gab es plötzlich einen lauten Knall - der Bus hielt an, ein war Reifen geplatzt. Die wütende Fahrkartenverkäuferin warf alle Passagiere unter lautem Gezeter aus dem Bus, da sie uns alle die Schuld dafür zu geben schien.

Zum Glück waren wir nur noch ein paar Hundert Meter von der Haltestelle entfernt, an der ich hatte aussteigen wolle, und 500 Meter weiter befand sich schon das Wohnheim - ich musste nur irgendwie meinen Koffer über den Sand und die Wiesen schleifen.


Von der Wachtjorka am Eingang wurde ich sofort nach meiner Reise zum Baikalsee gefragt - die hatte ein gutes Gedächtnis.
Oben saß die Grimmige, mit der ich mich bei der Abreise um das Bettzeug gestritten hatte. Jetzt wollte sie mir kein Bettzeug geben. Ich beschloss, morgen im Auslandsamt danach fragen.
Wichtiger war nun zuerst - zu duschen, Haare zu waschen, die Reise-Klamotten zu verbrennen oder zumindest zum Waschen legen.
Dann packte ich erstmal den riesigen Haufen Souvenirs aus und überlegt, wem ich nun eigentlich was schenken wollte. Dabei überkam mich die Müdigkeit und ich beschloss, mich kurz ins Bett zu legen, war aber noch so geistesgegenwärtig, meine Wecker auf 17 Uhr zu stellen bevor ich wie ein Stein einschlief.


Mühsam rappelte ich mich von meinem Wecker erschreckt auf - nun war es wirklich Zeit, in den Supermarkt zu gehen, da ich nichts Essbares mehr im Zimmer hatte außer ein paar gelben Linsen, die stundenlang gekocht werden mussten und trotzdem noch hart blieben.
Zum Glück war es in Russland sonntags um 18 Uhr kein Problem einkaufen zu gehen. Daran hatte ich mich gerne gewöhnt. An die mangelnde Frische der Produkte allerdings eher weniger - die Kiwis hatte ich erst für Kartoffeln gehalten, weil sie so runzlig waren.
Es waren immer noch 19 Grad, während meine Eltern bei 5 Grad zitterten. Ich fühlte mich, als wäre ich im Sommerurlaub.

Das Wohnheim war sehr ruhig, wie bei meiner Abreise im Sommer. Der letzte Ägypter war abgereist, der Computerraum auf meinem Gang war zugesperrt, aber der zweite Raum war offen, und dort traf ich Miguel wieder, der aussah, als hätte er den ganzen Sommer nichts anderes gemacht, als hier am Computer zu sitzen. Dann traf ich auch noch den anderen Miguel aus Venezuela - den speziellen Freund von Zsolt. Er hatte mich von Couchsurfing wiedererkannt, wo wir uns vor Ewigkeiten einmal Nachrichten geschrieben hatten. Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich mich noch in Izhevsk befand.

Am späteren Abend folgte dann die größte Überraschung des Tages: Die Hexe brachte mir Bettwäsche ins Zimmer.