29.09.
Es klopfte hart an meine Tür, mich aus dem Halbschlaf holend. Ohne das Bett zu verlassen, öffnete ich die Tür ein Stück. Die Etagenfrau stand da und redete auf mich ein, aber so kurz vor dem Aufstehen verstand ich nur "Manetschka" - so nannten sie mich hier. Sie wiederholte immer wieder das Wort "Pascharniki" während sie mir etwas zu erklären versuchte. 10 Minuten hätte ich, meinte sie dann und verschwand. Ich holte mein fettes Wörterbuch hervor: Paschar... vielleicht poschar... ah, da stand es: Feuerwehr. Als die Etagenfrau nach einigen Minuten zurückkam, verstand ich nun auch, was sie von mir wollte: Es würde in wenigen Minuten eine Feuerwehrübung geben, deshalb sollte ich mich bereit machen, mit allen gemeinsam das Haus zu verlassen, wenn die an meine Tür klopfte.
Nun wusste ich nicht, wie realistisch sie es wollte, ob ich mir eine Jacke drüberziehen konnte - an den Schuhen im Korridor ließen sie uns nicht verweilen, und so stand ich dann in Hausschuhen draußen stehen in der Kälte, denn wir mussten ganz das Haus verlassen statt im unteren Eingangsbereich bleiben zu dürfen. Dazu muss man wissen, dass meine Hausschuhe Wegwerf-Pantoffel aus einem Dubaier Hotel waren; meine Eltern hatten sie mit mitgegeben, weil sie so wenig Platz im Koffer wegnahmen. Die Nässe zog sich nun langsam durch die Sohlen hindurch, denn für die Witterungsverhältnisse außerhalb der Wüste waren sie nicht geeignet.
Auf was warteten wir eigentlich? Wir standen um die 10 Minuten unten als zwei Nachzügler kamen: Zwei Mädchen im Bademantel mit nassen Haaren; sie sahen als, als würde es ein echtes Feuer stattfinden: Eine von ihnen hielt eine Katze im Arm und eine Zigarette in der anderen Hand. Sie schien aber weniger zu frieren als ich, und vor allem weniger missmutig zu sein.
Etagenfrau machte sich besondere Sorgen um mich und bat mich, doch in die Vorhalle reinzukommen, und hing mir gegen meine Proteste ihr Halstuch um.
Später ging ich noch einmal ins Auslandsamt, hatte aber Alisa wieder verpasst, aber ich erreichte sie auf dem Handy; sie meinte nun, am Freitag sei der Ausweis sicher fertig. Heute war Mittwoch. Und bezüglich des Russischkurses - gäbe keine neuen Informationen, aber irgendwie war die Telefonnummer zur entsprechenden verantwortlichen Stelle an der Udmurtischen Universität verloren gegangen. Sie schlug vor, stattdessen einen gewissen Peter zu fragen, der vor kurzem aus Ungarn angekommen sei und dorthin Kontakte besäße. Ich kannte keinen Peter, erwiderte ich. Alisa versprach, sich noch mal darum zu kümmern, und sei es, Peter für mich zu fragen.
Um 18 Uhr fand wie jeden Mittwoch ein Treffen des Deutschclubs der UdGU statt. Im letzten Semester hatte ich zu dieser Zeit immer Vorlesungen gehabt, aber nun hatte ich endlich Zeit dafür - ich hatte je mittlerweile mehr Freizeit als mir lieb war.
Heute würde kein Stammtisch stattfinden, sondern ein deutscher Filmabend. Ich hatte meine alte Bekannte Dascha gebeten, mit mir zusammen dort hinzugehen, denn sie hatte mich im letzten Semester als erste dazu eingeladen. Sie hatte zwar wenig Zeit, schrieb sie mir, aber zum Film würde sie schon mal mitkommen.
Beim Verlassen des Hauses schenkte mir die Etagenfrau eine ganze Tafel Schokolade. Ich hatte ihr vorher zwei Täfelchen mit Kinder-Motiven aus Deutschland als Mitbringsel geschenkt, wie ich es bei allen Etagenfrauen gemacht hatte, die mir sympathisch waren - zumal diese mir immer wieder ein Stück Schokolade zugesteckt hatte.
Ich hatte veranschlagt, 17:10 das Haus verlassen zu müssen um etwa 17:50 an der UdGU anzukommen - inklusive Straßenbahn und einigen Strecken zu Fuß. Als ich dann so in meinem Zimmer gesessen und auf die Uhr gestarrt hatte, war es mir dann doch etwas spät vorgekommen und ich lief 3 Minuten eher los zur Straßenbahn - damit kam genau 17:47 am Treffpunkt an der UdGU an. Manchmal überrascht mich mein Zeitgefühl selbst. Aber das würde sich spätestens in zwei Monaten wieder verflüchtigt haben, wusste ich schon.
So stand ich drei Minuten zu früh im Regen neben dem Puschkin-Denkmal, die nasse Landkarte wieder verstaut; ich hatte begonnen, auf meiner Karte systematisch an bestimmte relevante Haltestellen die Nummern der Busse und Straßenbahnen zu schreiben, die dort hielten, um eine bessere Übersicht über das Liniennetz der Stadt zu erhalten, was besonders im Winter vorteilhaft war um nicht zu erfrieren. Zwar gab es Liniennetzkarten der Stadt, aber niemand war je auf den Gedanken gekommen, sie mit einer Stadtkarte kombiniert abzudrucken, sodass man bei den existierenden Plänen zwar wusste, wie die Haltstellen hießen, aber nicht, in welcher Straße sie sich befanden.
Dascha kam schnell, wir umarmten uns kurz und vorsichtig um uns nicht noch nasser zu machen; dann suchten wir das Zimmer, von dem sie selbst nicht genau wusste, welches es war.
Dascha hatte einen langen anstrengenden Tag gehabt, unf für morgen noch eine Menge vorzubereiten, noch nichts gegessen und war trotzdem für mich mit zum Deutschclub kommen, das wusste ich zu schätzen. Sie hatte Susen berichtet, dass ich kam und berichtete, dass Susen sich auf mich freute. Davon war ich nicht überzeugt, als wir in dem kleinen Zimmer einen Platz suchten, denn Susen nahm mich erst war, als es ein Computerproblem gab. Aber so sind sie, die Deutschen, freute ich mich.
Susen hatte eine ganze Seite mit Vokabeln vorbereitet und ging sie nun in Lehrermanier durch, sodass der Film für alle verständlich sein würde. Dazu meinte sie noch, dass an einigen Stellen in einem Dialekt gesprochen wurde, den sie selbst nicht verstand. Die Russinnen lachten erwartungsvoll - Männer waren nicht anwesend.
Der Film hieß "Das Fest des Huhns", und war eine Satire auf die europäische und speziell oberösterreichische Kultur; es war recht seltsam, aber unterhaltsam, besonders, wenn man diese Merkwürdigkeiten schon kannte. Aber den Russinnen fiel es schwer feststellen, was davon wirklich so stattfand und real war - aber das schien der Sinn dieser Filmvorführung gewesen zu sein.
Da ich nun einmal an der UdGU war, fragte ich Susen am Ende des Treffens, ob sie etwas von einem Russischkurs wisse. Ja, und nicht nur das - sie war sofort bereit, mit mir morgen zur Anmeldung zu gehen .
Nun fühlte ich mich endlich wieder voller Tatendrang und bot meine Hilfe bei allerlei Dingen an - und gern auch wollte ich regelmäßig zum Stammtisch kommen, der offenbar ziemlich an Popularität gewonnen hatte, seit eine ganze Handvoll Deutsche in Izhevsk angekommen waren.
Wir gingen zu dritt die Straße entlang bis zur nächsten Kreuzung - Dascha traf ihren Freund, Susen ging zurück ins Wohnheim, das sich unweit der UdGU befand, und ich ging Richtung Zentralplatz um von dort eine Straßenbahn zu nehmen. Am Springbrunnen vor dem Theater trieb sich ein Rudel wilder Hunde herum. Es schien, es würden sie jetzt in der kühleren Jahreszeit von den Außenbezirken in die Innenstadt kommen, weil es hier mehr Futter gab.
30.09.
Heute beginne ich ein neues Leben! Hieß es in meinem Russischbuch.
Das begann 9:30 Uhr mit aufstehen um Susen 10:45 am Puschkindenkmal der UdGU zu treffen; es wedelten die ersten Schneeflocken, aber man hatte immer noch nicht begonnen, das Wohnheim zu heizen. Ohne die Decke meiner Oma hätte ich mich sicher längst die Grippe geholt.
Wir gingen direkt zum Büro, das für den Sprachkurs zuständig war. Der Kurs lief schon ein oder zwei Wochen, aber ich konnte immer noch einsteigen, wurde mir versichert. Am liebsten hätte ich schon heute begonnen, denn der Kurs fand fast täglich statt, und heute fanden sogar gleich zwei Vorlesungen statt - eine in Grammatik und eine mit Sprechtraining. Aber die anwesende Frau war nur eine Assistentin und hat keine Verantwortung zu entscheiden, wann ich anfangen durfte; aber in 15 Minuten käme ihre Chefin, meinte sie.
Susen und ich gingen schnell einen Tee in der Cafeteria trinken. Alles war sehr billig hier, man arbeitete hier wie in den meisten staatlichen Einrichtungen nach dem Prinzip Kostendeckung, hatte es aber meiner Meinung nach ein wenig übertrieben, denn die Beträge waren bis auf die Kopeke genau ausgerechnet - die Preise sahen immer in dieser Art aus: 8 Rubel 73 Kopeken. Ein Rubel allein war nur zweieinhalb Cent wert, eine Kopeke gerade mal 1/40 Cent. Sogar für russische Verhältnisse war das nichts wert, deshalb warfen sie ihre Kopeken achtlos auf die Straße.
Während wir Tee tranken, erfuhr ich, was Susens eigentliche Aufgabe an der UdGU war: Den Bologna-Prozess voranzutreiben. Sie meinte aber, das sei kaum möglich, in dieser willkürlichen Zusammenstellung von Lehrplänen in verschiedenen Fachbereichen einer Fakultät, die eigentlich das gleiche machten und miteinander in ständiger Konkurrenz standen, und sich gegenseitig nicht leiden konnten, sodass eine Zusammenarbeit und Reformation im Sinne von Bologna eigentlich kaum zu bewerkstelligen war, erklärte sie desillusioniert. Sie versuchte dennoch ihr bestes in dem Fachbereich, und nebenbei unterrichtete sie noch die deutsche Sprache.
Wir gingen zurück ins internationale Büro und schauten uns noch einmal den Plan an: Heute gab es eine Doppelstunde von 13:20 Uhr an, also in einer Stunde. Die Chefin meint, es gehe in Ordnung, ich solle gleich den Einschätzungstest schreiben - aber das war nur pro forma, da es eh nur einen Kurs auf mittlerem Niveau gab, in dem auch Susen selbst war. Susen verabschiedete sich, sie musste zur Vorlesung. Ich sollte mich direkt hier ins Büro setzen, und löste in 30 Minuten den für 50 Minuten ausgelegten Test, aber das war nicht weiter schwer, es war ein Ankreuzeltest mit 130 Fragen, die sich um das Einsetzen der richtigen grammatikalischen Form drehten. Das Ergebnis würde ich nach dem Kurs heute erhalten, versicherte man mir, aber das hatte man auch allen anderen Teilnehmern gesagt, und niemand hatte je ein Ergebnis erhalten, erfuhr ich später.
So ging erstmal zum Mittagessen; es sah ausgesprochen appetitlich aus, anders als in der IzhGTU: Ich nahm usbekischen Plov und gleich zwei Salate, einen davon aus Obst, dazu Kompott und frisches Brot. Ich freute mich: Der Kurs lag meist so günstig, dass ich vorher hier essen gehen konnte. Weiterhin rechnete ich mir aus, jeden Tag trotzdem noch Zeit zum Arbeiten am Masterprojekt zu haben, wenn ich morgens vor dem Kurs und nachmittags noch einmal nach dem Kurs ins Labor ging und bis in die Abendstunden arbeitete. So bekäme ich sogar die vorgeschriebenen acht Stunden pro Tag zusammen und erhielt durch den Kurs eine Pause zwischendrin, da ich mich sowieso keine acht Stunden am Stück auf die Arbeit konzentrieren konnte. So und so ähnlich stellte ich mir das vor. Ich war fast euphorisch: Nun hatte ich endlich wieder eingeregeltes Leben, denn ich brauche diese festen Strukturen und eine feste Aufgabe, um nicht in den Winterschlaf zu fallen.
Bis der Kurs begann, hatte ich immer noch etwas Zeit und sah mich in der Uni um. Sie war viel bunter als die IzhGTU mit vielen Wandplakaten, die von den Studenten selbst gestaltet worden war. Auch viele Fotos der hauptsächlich weiblichen Studenten hingen an der Wand, die alle beste Freunde zu sein schienen. Zwischendrin hing ein offizielles Plakat, das auf Terrorismusgefahr hinwies. In der historischen Fakultät sah es aus wie ein Museum mit verschiedenen urzeitlichen Ausstellungsstücken, welche die Studenten wahrscheinlich selbst ausgegraben hatten.
Ich sah auf die Uhr - immer noch war zu viel Zeit übrig. Ich ging zum Spazieren nach draußen und löste das letztes Rätsel der Stadt, das sich mir noch gestellt hatte: Welche Kirche diese schlanke rote auf meiner Postkartensammlung von Izhevsk war. Hier stand sie, und dahinter machte eine Gruppe von Kindergartenkindern Dehnübungen unter der Anleitung eines Trainers.
Auf dem Rückweg kaufte ich in der Unterführung ein Schreibheft. Dort, unter der Straße, gab es alles, was ein Student brauchte: Alles von USB-Sticks bis hin zu Nagellack.
Ich wartete schließlich vor dem verschlossenen Klassenzimmer; alle, die vorbei hasteten, waren Russinnen, keine Spur von den anderen Teilnehmern. Dann hörte ich plötzlich ein englisches Gespräch und gesellte mich dazu. Bald kam der ganze Kurs zusammen: Ein Amerikaner, zwei Deutsche zusätzlich zu Susen, und zwei Iraker. Mit den Deutschen kam ich sofort ins Gespräch; der Ami fühlte sich wohl ein bisschen außenvor, obwohl er es nicht zeigte - aber wahrscheinlich dachte er: Nicht noch eine Deutsche...
Der Kurs begann zügig, lustigerweise mit meiner alten Lehrerin vom letzten Semester, Tatjana. Sie erkannte mich wieder, obwohl sie mich auf dem Gang nicht erkannt hatte, und breitete ihre Arme zur Umarmung aus, wie es auch Albert getan hatte, aber ich wusste immer noch nicht, wie man auf so was reagiert, und ob dies ernsthaft zur Umarmung auffordert, oder nur ein Zeichen der Freunde war.
Sie ließ alle Studenten sich kurz auf Russisch vorstellen, und bat sie, mir Fragen zu stellen. Ich kam mir hier wie der Klassendepp vor, denn alle sprachen schon besser russisch als ich. Ich beschloss, um so mehr zu lernen um den Vorsprung aufzuholen. Ich bekam ein dickes Buch aus der Bibliothek, das aussah wie aus einer Zeitmaschine gefallen, aus dem wir einen Text über Juri Gagarin lasen und bekamen dann grammatikalische Übungszettel.
Susen ging nach der Stunde, weil sie nur den Grammatikteil mitmachen wollte. Die nächste Stunde schloss sich nach einer Teepause an, in der ich ein weiteres, dickes Lehrbuch bekam. Die andere Lehrerin, Irina, war dauerfröhlich wie eine Amerikanerin und lachte die ganze Zeit; war aber schwerer zu verstehen und nutzte absichtlich Wörter, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemand kannte. Das war jedoch ihre Lehrtechnik: Sie formulierte es nach und nach immer einfacher, bis es auch der letzte Depp, also ich, begriffen hatte.
Nach der Stunde schwatze ich noch kurz mit Ami Michael, der mir als der sympathische der Kursteilnehmer erschien; er hatte den Witz von Irina nicht ganz verstanden, warum die sprachwissenschaftliche Fakultät hier "Braut-Fakultät" genannt wurde. Ich erklärte ihm die Situation: In Russland begannen die meisten jungen Menschen nach der Schule ein Studium, weshalb es einfach nur viele hoch studierte Leute gab, vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften, aber auch in Ingenieursfächern: Nur die besten Studenten bekamen Arbeit in ihrem Feld, und so nutzten die weniger ehrgeizigen Studentinnen ihre Studienzeit vor allem dazu, einen Ehemann zu finden. Ein Ehemann galt als sicherere Investition in die Zukunft als Bildung. Und in der Universität fand man leichter einen Kerl mit Grips als einen Trinker. Aber nicht nur deshalb gab es einen regelrechten Wettkampf um die guten Männer - ich hatte mir die Zahlen einmal angeschaut: In der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahre gibt es nur 48.004.040 Männer, aber 52.142.313 Frauen. Dieses Ungleichgewicht wird hier gespürt, und deswegen angeln sich wohl auch so viele Russinnen einen Ausländer - weil es einfach nicht genug brauchbare russische Ehemänner gab.
(Quelle: CIA World Factbook, https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/rs.html)
Michael lud mich noch zu sich ins Wohnheim ein; ich ging gerne mit, weil ich Farin nicht erreichen konnte, dem ich wieder beim Banyabau zu helfen versprochen hatte.
Im Wohnheim musste ich meinen Reisepass abgeben und wurde auf Michael registriert; er ging erst zu seiner Freundin, die nach ihrem Mittagsschläfchen verschlafen hatte, und half ihr wach zu werden; ich gesellte mich derweil zu den anderen in der Küche; es waren zwei weitere Deutsche dort neben Johanna und Steven, die mit mir den Russischkurs besuchten und nun gerade auf dem Weg nach draußen waren um Tickets für ihren Ausflug nach Kazan zu kaufen. Sie fragten mich nach dem schnellten Weg zum Bahnhof, aber ich wusste gar nicht so richtig, wo sich die UdGU im Verhältnis zum Bahnhof befand, denn meine Stadtkarte zeigte nur die einzelnen Stadtteile, keine hilfreiche Übersicht. Ich plauderte kurz mit den Deutschen, die neugierig waren, wo um Himmelswillen ich hergekommen war; es waren ja alles Geisteswissenschaftler, die redeten gerne über alles. Michael kam dazu, machte uns beiden Tee von dem Wasser als den 5-Liter-Containern, die einen Teil des Raum einnahmen. Wir saßen gemütlich zusammen, alle redeten in der gemütlichen Küche durcheinander, dann kamen wir auf amerikanische Politik zu sprechen, wozu sowohl Michael, als auch einer der anderen Deutschen eine Menge zu sagen hatten; am Ende nickte ich nur noch, mit den Gedanken schon ganz wo anders. Susen rettete mich von den Geisteswissenschaftlern, indem sie mich fragte, ob ich gern mitessen würde; sie kochte gerade eine Nudel-Gemüsepfanne und ich beschloss, ihr dabei zu helfen.
Mein zweites Essen heute - aber warum nicht; vielleicht kam ich bald wieder auf mein Normalgewicht. Es war angenehm hier in der Küche zu sitzen, und sogar die Heizung funktionierte im ihrem Wohnheim. Aber erst seit heute Morgen, hatte Susen im Russischkurs gesagt. Dazu hatte Irina gemeint, sie hätten Glück, bei ihr zu Hause liefen die Heizung auch noch nicht. Aber es war schon mal ein gutes Zeichen, dass nun in einzelnen Bereichen der Stadt geheizt wurde.
Michael hatte zu Ende diskutiert und wandte sich wieder mir zu, während ich mit Susen die Nudeln verputzte. Er wollte Thanksgiving und andere amerikanische Feste hier feiern, außerdem plante er irgendwann noch amerikanischen Abend zu veranstalten und lud mich dazu ein. Sie wollten traditionell über den Herbst hinweg sehr viel aus Kürbis herstellen, und ich erklärte mich bereit, den Kürbis zu besorgen, weil ich mich erinnerte, wie viele Kürbisse bei meinen Bekannten herumlagen und dass ich da sicher einen schnurren konnte.
Farin rief nun zurück und ich gab ihm bescheid, nicht sofort abgeholt werden zu wollen, da er ja eh noch Material kauften wollte, sondern in einer Stunde mit der Straßenbahn Nummer 5 zu kommen, die hier ganz in der Nähe hielt und bis zu ihm fuhr. Susen brachte mich zur Tür, holten den Liniennetzplan der Stadt und fragte noch mal die Wachtjorka vom Wohnheim, die genau den Weg beschrieb und aufmalte.
Mir hatte es gefallen, mich einmal wieder in einem vernünftigen Englisch zu unterhalten, denn ich merkte, wie mein Wortschatz verkümmerte und meine Grammatik einging, wenn ich mich zum Beispiel mit Farin unterhielt, denn er verstand mich oft nur, wenn ich meine englischen Sätze so umstrukturierte, wie man es auf Russisch ausdrücken würde. Die russische Grammatik war mir relativ klar, es fehlte mir nur an Worten.
Die Straßenbahn fuhr ausgesprochen lang, fast 40 Minuten bis zum Tatarischen Basar, wo Farins Haus stand; so konnte derweil Russischhausaufgaben machen.
Farin kam mich gegen 20 Uhr von der Endhaltestelle abholen; es nieselte ein wenig, ich hielt schützend die beiden dicken Bibliotheksbücher vom Kurs mit den vielen Kopien drin, die wir zusätzlich erhalten hatten.
Bevor wir mit der Arbeit begannen, bestand Farin darauf, erstmal einen Tee zu trinken und gestopfte mich gleichzeitig mit selbstgemachten Pfannkuchen voll, während er mir neue Mat-Ausdrücke beibrachte - die schlimmsten Flüche, die die russische Sprache zu bieten hatte. Dabei schenkte er mir immer neuen Tee nach, bis es für mich "dochuja" war - so drückte man auf Mat aus, dass es viel zu viel von einer Sache gab. Denn ich wollte nicht so viel trinken, weil Farins Toilette grauenvolle Erinnerungen in mir wachrief: Es war eine schief stehende Holzhütte mit einem Eimer darin, der stets gut gefüllt war, und den ich immer umzukippen fürchtete.
Farin hatte jedoch auf meine Beschwerden vom letzten Mal gehört und hatte das Klohäuschen vor einigen Tagen etwas umgebaut - jetzt lag eine Pappe mit zwei Löchern über dem Eimer, aber das war genauso ekelig, weil sich die Pappe vollgesaugt hatte, und es immer noch so bestialisch stank, dass ich einen bitteren Geschmack im Mund bekam
Farin meinte, im Winter würde es besser werden, wenn alles gefror. Ich blieb dabei, nie wieder auf seine Toilette zu gehen, denn im Winter würde nicht nur der Eimer gefrieren, sondern auch mein Hintern. Auch jetzt bei 5 Grad plus war es schon weniger angenehm gewesen, den nackten Hintern dort hineinzuhalten.
Wir gingen schließlich an die Arbeit. Farin hackte dünne Holzstangen in Stücke; ich versuchte es auch, bekam mit der Axt aber nie das Holz komplett durch und legte stattdessen die Stücke im Banya auf der Isolation aus. Dies sollte die Eisengitter abstützen, die ebenfalls einbetoniert werden sollten.
Ich löste die Gitter vorsichtig vom Haufen um meine Jacke an den Eisenriemen nicht aufzureißen und trug sie auch ins Banya hinein - und bekam sofort Rückenschmerzen davon, denn ich war harte Arbeit einfach nicht mehr gewöhnt.
Wir stellten bald fest, dass sich die Gitter überschnitten, deshalb schnitt Farin sie unter Funkenregen mit der Kreissäge zurecht.
Bis 22 Uhr arbeiteten wir, dann gingen wir zurück ins Haus und ich wurde wieder mit Essen vollgestopft: Kraut-Ragout. Ich konnte mich bei russischer Gastfreundschaft nie wehren, und schon gar nicht bei dieser Mutter, die auch immer versuchte, so viel wie möglich auf Deutsch zu sagen. Aber nun begann ich auf Russisch - wozu besuchte ich sonst den Kurs? Ganz verwirrend wurde es erst, als sie begann, sich mit Farin auf Tatarisch zu unterhalten - so saß er verloren zwischen vier verschiedenen Sprachen und wusste bald nicht mehr, von welcher er in welche übersetzen musste.
Eine halbe Stunde später fuhr er mich heim und wir kamen kurz vor 23 Uhr am Wohnheim an. Er hatte mir zu übernachten angeboten, aber er stand immer 7:00 auf, und wenn ich zu so einer Zeit aufstehen musste, war für mich der ganze Tag im Eimer. Erst wenn es noch kälter werden würde ohne dass man bei uns den Heizkessel anwarf, würde ich in Betracht ziehen, zu Farin zu ziehen, denn er heizte selbst mit Holz, sodass es bei ihm zu Hause schön warm war - als einer der wenigen Orte der Stadt.
Hatte Albert gefragt, ob wir mal wieder zusammen essen gehen wollten; er schrieb in vkontakte, dass er diese Woche ganz im Stress war und überhaupt nicht zu Mittag gegessen hätte; es klang als hätte er die Zugangserlaubnis ganz vergessen. Ich fragte noch einmal höflich danach und begann Notizen für den Blog anzufertigen, wenn ich schon nicht zum ins-Reine-Schreiben kam. Bis ich mit dem Eintrag fertig war, war es schon nach Mitternacht. Ich erledigte noch schnell die Hausaufgaben für morgen und legte mich schlafen. So fühlt sich ein geregeltes Leben an.
Und da es auch Erholung geben musste, hatte ich schon Pläne für das ganze Wochenende; am Samstag mit Stasya und der ganzen Clique, und am Sonntag mit Farin zu einem Open-Air-Auftritt einer bekannten russischen Band zu gehen, mit der das Talisman-Einkaufszentrum offiziell eingeweiht werden sollte.
1.10.
Freitags begann mein Russischkurs erst am Nachmittag, aber es ist zu kalt zum Schlafen geworden, sodass ich bald aufstand. Nur eine einzige positive Seite daran gab es: Wenigstens konnte ich die Lebensmittel außerhalb des Kühlschranks lagern ohne dass sie verfielen oder der Saft vergor. Der Wetterbericht ließ jedoch auf Heizung hoffen; er zeigte einen stetigen Temperaturabfall und ich rechnete mir aus, schon nächsten Mittwoch eine funktionierende Heizung zu haben. Doch da geschah das Wunder: Ich hörte plötzlich ein Wassergeräusch aus der Heizung. Ich konnte es erst glauben, als ich die Heizung anfasste: sie war tatsächlich lauwarm.
Wie verabredet ging ich ins Auslandsamt, aber wieder konnte ich Alisa nicht antreffen: Ich entwickelte die Theorie, dass im Keller der Uni nach Öl gruben. Ich rief wieder an. Sie meinte, die hatte gerade kein Geld auf dem Handy, sonst hätte sie mir schon bescheid gegeben, aber es fehlten immer noch Unterschriften... am Montag vielleicht; sie wollte mich dann informieren, wenn es so weit war, ich sollte nicht mehr ständig vorbeikommen. Ich sagte ihr noch, dass ich die Sache mit dem Kurs in eigene Hände genommen hatte. Ich vermutete, dass ich eher einen Ausweis von der UdGU haben würde, denn sie hatten auch ein Foto von mir gewollt; und nächste Woche sei der Vertrag für den Russischkurs fertig - es würde 7000 Rubel und 32 Kopeken kosten, wie auch immer sie das ausgerechnet hatten, dass sie auf glatt 7000 Rubel die 32 Kopeken kamen. 7000 Rubel - 175 Euro - war schon eine stolze Summe für einen Studenten, aber das war die Gesamtsumme für das ganze Semester mit sechs Unterrichtsstunden pro Woche. Es war allemal billiger als ein Privatlehrer, und nützlicher als ein weiterer kostenloser Anfängerkurs.
Ich fuhr zur UdGU, die Zeit stoppend um den kürzesten Weg dorthin herauszufinden. Es gab mehrere Verbindungen, von denen ich wusste, und wahrscheinlich noch viel mehr, von denen ich nicht wusste. Am Ende kam heraus, dass es eigentlich keine großen Zeitunterschiede gab, aber manche Strecken waren angenehmer als andere. Ich bevorzugte die Strecke mit dem Trolleybus 6 oder 9, oder mit dem Bus 36 bis gelben Kirche zu fahren und von dort aus Bus Nummer 12 bis Uni zu nehmen; das ganze dauerte 40 Minuten, war genauso lang wie zu Fuß, aber wärmer.
Ich war eine halbe Stunde eher da und begann ein paar Aufgaben für Montag zu lösen. Steve kam auch schon eher von seiner Arbeit an der landwirtschaftlichren Universität und holte sich einen Kaffee. Das hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, es war wohl typisch deutsch, sich einen Becher Kaffee zum Herumtragen zu holen. Wo tranken die russischen Studenten ihren Kaffee, wenn sie es überhaupt taten?
Heute war ein weiterer Schüler anwesend, ein Chinese namens Tsau. Und endlich war ich nicht mehr der schlechteste Schüler.
Der Kurs war wieder sehr fortgeschritten, ich musste zum Beispiel einen Text vorlesen, in dem ich nur jedes fünfte Wort kannte. Ich reihte monoton die Buchstaben aneinander, während die anderen die Worte vor sich hin flüsterten oder mir helfen wollten; Irina meinte aber, die Aussprache sei überall richtig gewesen - aber sie lobte auch Tsau immer, selbst wenn er etwas kaum verständlich aussprach und dabei mit seiner Stimme tanzte als wäre er ein Chorsänger im Stimmbruch. Doch unserer Lehrerin versicherte uns alle immer wieder, wir seien alle Prachtkerle; sie verwendete das Wort "molodets" wie andere Leute das Wort "ähm".
Am Ende wollte ich eigentlich auf Michael warten, aber er wurde von Irina in Beschlag genommen während sich die bei Deutschen beeilten, nach Hause oder schon nach Kazan zu kommen. Sie hatten sich gestern am Schalter lange gequält, dann endlich eine Fahrkarte bekommen, aber die Verkäuferin war grimmig gewesen und hatte keine Rückfahrkarte verkaufen wollen. Vermutlich ging man als Ausländer durch ein Prüfverfahren, in dem getestet wurde, ob man der Fahrkarte überhaupt würdig war.
Im Gegen rief ich Farin an, ob er noch Hilfe beim Banyabau bräuchte, aber er ging nicht ans Telefon und ich vermutete, er war schon mitten in der Arbeit, deshalb kontaktierte ich Dima, ob er nicht mal wieder Lust auf eine Tasse Tee hatte, aber Nastya war krank, also mal wieder ein ruhiger Abend für mich. Ich hatte ja auch noch genug zu tun. Nicht dass ich es wirklich tat. Dafür konnte ich jetzt schon das Lied "99 Luftballons" flüssig auf der Gitarre spielen und dazu singen.
Es klopfte hart an meine Tür, mich aus dem Halbschlaf holend. Ohne das Bett zu verlassen, öffnete ich die Tür ein Stück. Die Etagenfrau stand da und redete auf mich ein, aber so kurz vor dem Aufstehen verstand ich nur "Manetschka" - so nannten sie mich hier. Sie wiederholte immer wieder das Wort "Pascharniki" während sie mir etwas zu erklären versuchte. 10 Minuten hätte ich, meinte sie dann und verschwand. Ich holte mein fettes Wörterbuch hervor: Paschar... vielleicht poschar... ah, da stand es: Feuerwehr. Als die Etagenfrau nach einigen Minuten zurückkam, verstand ich nun auch, was sie von mir wollte: Es würde in wenigen Minuten eine Feuerwehrübung geben, deshalb sollte ich mich bereit machen, mit allen gemeinsam das Haus zu verlassen, wenn die an meine Tür klopfte.
Nun wusste ich nicht, wie realistisch sie es wollte, ob ich mir eine Jacke drüberziehen konnte - an den Schuhen im Korridor ließen sie uns nicht verweilen, und so stand ich dann in Hausschuhen draußen stehen in der Kälte, denn wir mussten ganz das Haus verlassen statt im unteren Eingangsbereich bleiben zu dürfen. Dazu muss man wissen, dass meine Hausschuhe Wegwerf-Pantoffel aus einem Dubaier Hotel waren; meine Eltern hatten sie mit mitgegeben, weil sie so wenig Platz im Koffer wegnahmen. Die Nässe zog sich nun langsam durch die Sohlen hindurch, denn für die Witterungsverhältnisse außerhalb der Wüste waren sie nicht geeignet.
Auf was warteten wir eigentlich? Wir standen um die 10 Minuten unten als zwei Nachzügler kamen: Zwei Mädchen im Bademantel mit nassen Haaren; sie sahen als, als würde es ein echtes Feuer stattfinden: Eine von ihnen hielt eine Katze im Arm und eine Zigarette in der anderen Hand. Sie schien aber weniger zu frieren als ich, und vor allem weniger missmutig zu sein.
Etagenfrau machte sich besondere Sorgen um mich und bat mich, doch in die Vorhalle reinzukommen, und hing mir gegen meine Proteste ihr Halstuch um.
Später ging ich noch einmal ins Auslandsamt, hatte aber Alisa wieder verpasst, aber ich erreichte sie auf dem Handy; sie meinte nun, am Freitag sei der Ausweis sicher fertig. Heute war Mittwoch. Und bezüglich des Russischkurses - gäbe keine neuen Informationen, aber irgendwie war die Telefonnummer zur entsprechenden verantwortlichen Stelle an der Udmurtischen Universität verloren gegangen. Sie schlug vor, stattdessen einen gewissen Peter zu fragen, der vor kurzem aus Ungarn angekommen sei und dorthin Kontakte besäße. Ich kannte keinen Peter, erwiderte ich. Alisa versprach, sich noch mal darum zu kümmern, und sei es, Peter für mich zu fragen.
Um 18 Uhr fand wie jeden Mittwoch ein Treffen des Deutschclubs der UdGU statt. Im letzten Semester hatte ich zu dieser Zeit immer Vorlesungen gehabt, aber nun hatte ich endlich Zeit dafür - ich hatte je mittlerweile mehr Freizeit als mir lieb war.
Heute würde kein Stammtisch stattfinden, sondern ein deutscher Filmabend. Ich hatte meine alte Bekannte Dascha gebeten, mit mir zusammen dort hinzugehen, denn sie hatte mich im letzten Semester als erste dazu eingeladen. Sie hatte zwar wenig Zeit, schrieb sie mir, aber zum Film würde sie schon mal mitkommen.
Beim Verlassen des Hauses schenkte mir die Etagenfrau eine ganze Tafel Schokolade. Ich hatte ihr vorher zwei Täfelchen mit Kinder-Motiven aus Deutschland als Mitbringsel geschenkt, wie ich es bei allen Etagenfrauen gemacht hatte, die mir sympathisch waren - zumal diese mir immer wieder ein Stück Schokolade zugesteckt hatte.
Ich hatte veranschlagt, 17:10 das Haus verlassen zu müssen um etwa 17:50 an der UdGU anzukommen - inklusive Straßenbahn und einigen Strecken zu Fuß. Als ich dann so in meinem Zimmer gesessen und auf die Uhr gestarrt hatte, war es mir dann doch etwas spät vorgekommen und ich lief 3 Minuten eher los zur Straßenbahn - damit kam genau 17:47 am Treffpunkt an der UdGU an. Manchmal überrascht mich mein Zeitgefühl selbst. Aber das würde sich spätestens in zwei Monaten wieder verflüchtigt haben, wusste ich schon.
So stand ich drei Minuten zu früh im Regen neben dem Puschkin-Denkmal, die nasse Landkarte wieder verstaut; ich hatte begonnen, auf meiner Karte systematisch an bestimmte relevante Haltestellen die Nummern der Busse und Straßenbahnen zu schreiben, die dort hielten, um eine bessere Übersicht über das Liniennetz der Stadt zu erhalten, was besonders im Winter vorteilhaft war um nicht zu erfrieren. Zwar gab es Liniennetzkarten der Stadt, aber niemand war je auf den Gedanken gekommen, sie mit einer Stadtkarte kombiniert abzudrucken, sodass man bei den existierenden Plänen zwar wusste, wie die Haltstellen hießen, aber nicht, in welcher Straße sie sich befanden.
Dascha kam schnell, wir umarmten uns kurz und vorsichtig um uns nicht noch nasser zu machen; dann suchten wir das Zimmer, von dem sie selbst nicht genau wusste, welches es war.
Dascha hatte einen langen anstrengenden Tag gehabt, unf für morgen noch eine Menge vorzubereiten, noch nichts gegessen und war trotzdem für mich mit zum Deutschclub kommen, das wusste ich zu schätzen. Sie hatte Susen berichtet, dass ich kam und berichtete, dass Susen sich auf mich freute. Davon war ich nicht überzeugt, als wir in dem kleinen Zimmer einen Platz suchten, denn Susen nahm mich erst war, als es ein Computerproblem gab. Aber so sind sie, die Deutschen, freute ich mich.
Susen hatte eine ganze Seite mit Vokabeln vorbereitet und ging sie nun in Lehrermanier durch, sodass der Film für alle verständlich sein würde. Dazu meinte sie noch, dass an einigen Stellen in einem Dialekt gesprochen wurde, den sie selbst nicht verstand. Die Russinnen lachten erwartungsvoll - Männer waren nicht anwesend.
Der Film hieß "Das Fest des Huhns", und war eine Satire auf die europäische und speziell oberösterreichische Kultur; es war recht seltsam, aber unterhaltsam, besonders, wenn man diese Merkwürdigkeiten schon kannte. Aber den Russinnen fiel es schwer feststellen, was davon wirklich so stattfand und real war - aber das schien der Sinn dieser Filmvorführung gewesen zu sein.
Da ich nun einmal an der UdGU war, fragte ich Susen am Ende des Treffens, ob sie etwas von einem Russischkurs wisse. Ja, und nicht nur das - sie war sofort bereit, mit mir morgen zur Anmeldung zu gehen .
Nun fühlte ich mich endlich wieder voller Tatendrang und bot meine Hilfe bei allerlei Dingen an - und gern auch wollte ich regelmäßig zum Stammtisch kommen, der offenbar ziemlich an Popularität gewonnen hatte, seit eine ganze Handvoll Deutsche in Izhevsk angekommen waren.
Wir gingen zu dritt die Straße entlang bis zur nächsten Kreuzung - Dascha traf ihren Freund, Susen ging zurück ins Wohnheim, das sich unweit der UdGU befand, und ich ging Richtung Zentralplatz um von dort eine Straßenbahn zu nehmen. Am Springbrunnen vor dem Theater trieb sich ein Rudel wilder Hunde herum. Es schien, es würden sie jetzt in der kühleren Jahreszeit von den Außenbezirken in die Innenstadt kommen, weil es hier mehr Futter gab.
30.09.
Heute beginne ich ein neues Leben! Hieß es in meinem Russischbuch.
Das begann 9:30 Uhr mit aufstehen um Susen 10:45 am Puschkindenkmal der UdGU zu treffen; es wedelten die ersten Schneeflocken, aber man hatte immer noch nicht begonnen, das Wohnheim zu heizen. Ohne die Decke meiner Oma hätte ich mich sicher längst die Grippe geholt.
Wir gingen direkt zum Büro, das für den Sprachkurs zuständig war. Der Kurs lief schon ein oder zwei Wochen, aber ich konnte immer noch einsteigen, wurde mir versichert. Am liebsten hätte ich schon heute begonnen, denn der Kurs fand fast täglich statt, und heute fanden sogar gleich zwei Vorlesungen statt - eine in Grammatik und eine mit Sprechtraining. Aber die anwesende Frau war nur eine Assistentin und hat keine Verantwortung zu entscheiden, wann ich anfangen durfte; aber in 15 Minuten käme ihre Chefin, meinte sie.
Susen und ich gingen schnell einen Tee in der Cafeteria trinken. Alles war sehr billig hier, man arbeitete hier wie in den meisten staatlichen Einrichtungen nach dem Prinzip Kostendeckung, hatte es aber meiner Meinung nach ein wenig übertrieben, denn die Beträge waren bis auf die Kopeke genau ausgerechnet - die Preise sahen immer in dieser Art aus: 8 Rubel 73 Kopeken. Ein Rubel allein war nur zweieinhalb Cent wert, eine Kopeke gerade mal 1/40 Cent. Sogar für russische Verhältnisse war das nichts wert, deshalb warfen sie ihre Kopeken achtlos auf die Straße.
Während wir Tee tranken, erfuhr ich, was Susens eigentliche Aufgabe an der UdGU war: Den Bologna-Prozess voranzutreiben. Sie meinte aber, das sei kaum möglich, in dieser willkürlichen Zusammenstellung von Lehrplänen in verschiedenen Fachbereichen einer Fakultät, die eigentlich das gleiche machten und miteinander in ständiger Konkurrenz standen, und sich gegenseitig nicht leiden konnten, sodass eine Zusammenarbeit und Reformation im Sinne von Bologna eigentlich kaum zu bewerkstelligen war, erklärte sie desillusioniert. Sie versuchte dennoch ihr bestes in dem Fachbereich, und nebenbei unterrichtete sie noch die deutsche Sprache.
Wir gingen zurück ins internationale Büro und schauten uns noch einmal den Plan an: Heute gab es eine Doppelstunde von 13:20 Uhr an, also in einer Stunde. Die Chefin meint, es gehe in Ordnung, ich solle gleich den Einschätzungstest schreiben - aber das war nur pro forma, da es eh nur einen Kurs auf mittlerem Niveau gab, in dem auch Susen selbst war. Susen verabschiedete sich, sie musste zur Vorlesung. Ich sollte mich direkt hier ins Büro setzen, und löste in 30 Minuten den für 50 Minuten ausgelegten Test, aber das war nicht weiter schwer, es war ein Ankreuzeltest mit 130 Fragen, die sich um das Einsetzen der richtigen grammatikalischen Form drehten. Das Ergebnis würde ich nach dem Kurs heute erhalten, versicherte man mir, aber das hatte man auch allen anderen Teilnehmern gesagt, und niemand hatte je ein Ergebnis erhalten, erfuhr ich später.
So ging erstmal zum Mittagessen; es sah ausgesprochen appetitlich aus, anders als in der IzhGTU: Ich nahm usbekischen Plov und gleich zwei Salate, einen davon aus Obst, dazu Kompott und frisches Brot. Ich freute mich: Der Kurs lag meist so günstig, dass ich vorher hier essen gehen konnte. Weiterhin rechnete ich mir aus, jeden Tag trotzdem noch Zeit zum Arbeiten am Masterprojekt zu haben, wenn ich morgens vor dem Kurs und nachmittags noch einmal nach dem Kurs ins Labor ging und bis in die Abendstunden arbeitete. So bekäme ich sogar die vorgeschriebenen acht Stunden pro Tag zusammen und erhielt durch den Kurs eine Pause zwischendrin, da ich mich sowieso keine acht Stunden am Stück auf die Arbeit konzentrieren konnte. So und so ähnlich stellte ich mir das vor. Ich war fast euphorisch: Nun hatte ich endlich wieder eingeregeltes Leben, denn ich brauche diese festen Strukturen und eine feste Aufgabe, um nicht in den Winterschlaf zu fallen.
Bis der Kurs begann, hatte ich immer noch etwas Zeit und sah mich in der Uni um. Sie war viel bunter als die IzhGTU mit vielen Wandplakaten, die von den Studenten selbst gestaltet worden war. Auch viele Fotos der hauptsächlich weiblichen Studenten hingen an der Wand, die alle beste Freunde zu sein schienen. Zwischendrin hing ein offizielles Plakat, das auf Terrorismusgefahr hinwies. In der historischen Fakultät sah es aus wie ein Museum mit verschiedenen urzeitlichen Ausstellungsstücken, welche die Studenten wahrscheinlich selbst ausgegraben hatten.
Ich sah auf die Uhr - immer noch war zu viel Zeit übrig. Ich ging zum Spazieren nach draußen und löste das letztes Rätsel der Stadt, das sich mir noch gestellt hatte: Welche Kirche diese schlanke rote auf meiner Postkartensammlung von Izhevsk war. Hier stand sie, und dahinter machte eine Gruppe von Kindergartenkindern Dehnübungen unter der Anleitung eines Trainers.
Auf dem Rückweg kaufte ich in der Unterführung ein Schreibheft. Dort, unter der Straße, gab es alles, was ein Student brauchte: Alles von USB-Sticks bis hin zu Nagellack.
Ich wartete schließlich vor dem verschlossenen Klassenzimmer; alle, die vorbei hasteten, waren Russinnen, keine Spur von den anderen Teilnehmern. Dann hörte ich plötzlich ein englisches Gespräch und gesellte mich dazu. Bald kam der ganze Kurs zusammen: Ein Amerikaner, zwei Deutsche zusätzlich zu Susen, und zwei Iraker. Mit den Deutschen kam ich sofort ins Gespräch; der Ami fühlte sich wohl ein bisschen außenvor, obwohl er es nicht zeigte - aber wahrscheinlich dachte er: Nicht noch eine Deutsche...
Der Kurs begann zügig, lustigerweise mit meiner alten Lehrerin vom letzten Semester, Tatjana. Sie erkannte mich wieder, obwohl sie mich auf dem Gang nicht erkannt hatte, und breitete ihre Arme zur Umarmung aus, wie es auch Albert getan hatte, aber ich wusste immer noch nicht, wie man auf so was reagiert, und ob dies ernsthaft zur Umarmung auffordert, oder nur ein Zeichen der Freunde war.
Sie ließ alle Studenten sich kurz auf Russisch vorstellen, und bat sie, mir Fragen zu stellen. Ich kam mir hier wie der Klassendepp vor, denn alle sprachen schon besser russisch als ich. Ich beschloss, um so mehr zu lernen um den Vorsprung aufzuholen. Ich bekam ein dickes Buch aus der Bibliothek, das aussah wie aus einer Zeitmaschine gefallen, aus dem wir einen Text über Juri Gagarin lasen und bekamen dann grammatikalische Übungszettel.
Susen ging nach der Stunde, weil sie nur den Grammatikteil mitmachen wollte. Die nächste Stunde schloss sich nach einer Teepause an, in der ich ein weiteres, dickes Lehrbuch bekam. Die andere Lehrerin, Irina, war dauerfröhlich wie eine Amerikanerin und lachte die ganze Zeit; war aber schwerer zu verstehen und nutzte absichtlich Wörter, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemand kannte. Das war jedoch ihre Lehrtechnik: Sie formulierte es nach und nach immer einfacher, bis es auch der letzte Depp, also ich, begriffen hatte.
Nach der Stunde schwatze ich noch kurz mit Ami Michael, der mir als der sympathische der Kursteilnehmer erschien; er hatte den Witz von Irina nicht ganz verstanden, warum die sprachwissenschaftliche Fakultät hier "Braut-Fakultät" genannt wurde. Ich erklärte ihm die Situation: In Russland begannen die meisten jungen Menschen nach der Schule ein Studium, weshalb es einfach nur viele hoch studierte Leute gab, vor allem im Bereich der Geisteswissenschaften, aber auch in Ingenieursfächern: Nur die besten Studenten bekamen Arbeit in ihrem Feld, und so nutzten die weniger ehrgeizigen Studentinnen ihre Studienzeit vor allem dazu, einen Ehemann zu finden. Ein Ehemann galt als sicherere Investition in die Zukunft als Bildung. Und in der Universität fand man leichter einen Kerl mit Grips als einen Trinker. Aber nicht nur deshalb gab es einen regelrechten Wettkampf um die guten Männer - ich hatte mir die Zahlen einmal angeschaut: In der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahre gibt es nur 48.004.040 Männer, aber 52.142.313 Frauen. Dieses Ungleichgewicht wird hier gespürt, und deswegen angeln sich wohl auch so viele Russinnen einen Ausländer - weil es einfach nicht genug brauchbare russische Ehemänner gab.
(Quelle: CIA World Factbook, https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/rs.html)
Michael lud mich noch zu sich ins Wohnheim ein; ich ging gerne mit, weil ich Farin nicht erreichen konnte, dem ich wieder beim Banyabau zu helfen versprochen hatte.
Im Wohnheim musste ich meinen Reisepass abgeben und wurde auf Michael registriert; er ging erst zu seiner Freundin, die nach ihrem Mittagsschläfchen verschlafen hatte, und half ihr wach zu werden; ich gesellte mich derweil zu den anderen in der Küche; es waren zwei weitere Deutsche dort neben Johanna und Steven, die mit mir den Russischkurs besuchten und nun gerade auf dem Weg nach draußen waren um Tickets für ihren Ausflug nach Kazan zu kaufen. Sie fragten mich nach dem schnellten Weg zum Bahnhof, aber ich wusste gar nicht so richtig, wo sich die UdGU im Verhältnis zum Bahnhof befand, denn meine Stadtkarte zeigte nur die einzelnen Stadtteile, keine hilfreiche Übersicht. Ich plauderte kurz mit den Deutschen, die neugierig waren, wo um Himmelswillen ich hergekommen war; es waren ja alles Geisteswissenschaftler, die redeten gerne über alles. Michael kam dazu, machte uns beiden Tee von dem Wasser als den 5-Liter-Containern, die einen Teil des Raum einnahmen. Wir saßen gemütlich zusammen, alle redeten in der gemütlichen Küche durcheinander, dann kamen wir auf amerikanische Politik zu sprechen, wozu sowohl Michael, als auch einer der anderen Deutschen eine Menge zu sagen hatten; am Ende nickte ich nur noch, mit den Gedanken schon ganz wo anders. Susen rettete mich von den Geisteswissenschaftlern, indem sie mich fragte, ob ich gern mitessen würde; sie kochte gerade eine Nudel-Gemüsepfanne und ich beschloss, ihr dabei zu helfen.
Mein zweites Essen heute - aber warum nicht; vielleicht kam ich bald wieder auf mein Normalgewicht. Es war angenehm hier in der Küche zu sitzen, und sogar die Heizung funktionierte im ihrem Wohnheim. Aber erst seit heute Morgen, hatte Susen im Russischkurs gesagt. Dazu hatte Irina gemeint, sie hätten Glück, bei ihr zu Hause liefen die Heizung auch noch nicht. Aber es war schon mal ein gutes Zeichen, dass nun in einzelnen Bereichen der Stadt geheizt wurde.
Michael hatte zu Ende diskutiert und wandte sich wieder mir zu, während ich mit Susen die Nudeln verputzte. Er wollte Thanksgiving und andere amerikanische Feste hier feiern, außerdem plante er irgendwann noch amerikanischen Abend zu veranstalten und lud mich dazu ein. Sie wollten traditionell über den Herbst hinweg sehr viel aus Kürbis herstellen, und ich erklärte mich bereit, den Kürbis zu besorgen, weil ich mich erinnerte, wie viele Kürbisse bei meinen Bekannten herumlagen und dass ich da sicher einen schnurren konnte.
Farin rief nun zurück und ich gab ihm bescheid, nicht sofort abgeholt werden zu wollen, da er ja eh noch Material kauften wollte, sondern in einer Stunde mit der Straßenbahn Nummer 5 zu kommen, die hier ganz in der Nähe hielt und bis zu ihm fuhr. Susen brachte mich zur Tür, holten den Liniennetzplan der Stadt und fragte noch mal die Wachtjorka vom Wohnheim, die genau den Weg beschrieb und aufmalte.
Mir hatte es gefallen, mich einmal wieder in einem vernünftigen Englisch zu unterhalten, denn ich merkte, wie mein Wortschatz verkümmerte und meine Grammatik einging, wenn ich mich zum Beispiel mit Farin unterhielt, denn er verstand mich oft nur, wenn ich meine englischen Sätze so umstrukturierte, wie man es auf Russisch ausdrücken würde. Die russische Grammatik war mir relativ klar, es fehlte mir nur an Worten.
Die Straßenbahn fuhr ausgesprochen lang, fast 40 Minuten bis zum Tatarischen Basar, wo Farins Haus stand; so konnte derweil Russischhausaufgaben machen.
Farin kam mich gegen 20 Uhr von der Endhaltestelle abholen; es nieselte ein wenig, ich hielt schützend die beiden dicken Bibliotheksbücher vom Kurs mit den vielen Kopien drin, die wir zusätzlich erhalten hatten.
Bevor wir mit der Arbeit begannen, bestand Farin darauf, erstmal einen Tee zu trinken und gestopfte mich gleichzeitig mit selbstgemachten Pfannkuchen voll, während er mir neue Mat-Ausdrücke beibrachte - die schlimmsten Flüche, die die russische Sprache zu bieten hatte. Dabei schenkte er mir immer neuen Tee nach, bis es für mich "dochuja" war - so drückte man auf Mat aus, dass es viel zu viel von einer Sache gab. Denn ich wollte nicht so viel trinken, weil Farins Toilette grauenvolle Erinnerungen in mir wachrief: Es war eine schief stehende Holzhütte mit einem Eimer darin, der stets gut gefüllt war, und den ich immer umzukippen fürchtete.
Farin hatte jedoch auf meine Beschwerden vom letzten Mal gehört und hatte das Klohäuschen vor einigen Tagen etwas umgebaut - jetzt lag eine Pappe mit zwei Löchern über dem Eimer, aber das war genauso ekelig, weil sich die Pappe vollgesaugt hatte, und es immer noch so bestialisch stank, dass ich einen bitteren Geschmack im Mund bekam
Farin meinte, im Winter würde es besser werden, wenn alles gefror. Ich blieb dabei, nie wieder auf seine Toilette zu gehen, denn im Winter würde nicht nur der Eimer gefrieren, sondern auch mein Hintern. Auch jetzt bei 5 Grad plus war es schon weniger angenehm gewesen, den nackten Hintern dort hineinzuhalten.
Wir gingen schließlich an die Arbeit. Farin hackte dünne Holzstangen in Stücke; ich versuchte es auch, bekam mit der Axt aber nie das Holz komplett durch und legte stattdessen die Stücke im Banya auf der Isolation aus. Dies sollte die Eisengitter abstützen, die ebenfalls einbetoniert werden sollten.
Ich löste die Gitter vorsichtig vom Haufen um meine Jacke an den Eisenriemen nicht aufzureißen und trug sie auch ins Banya hinein - und bekam sofort Rückenschmerzen davon, denn ich war harte Arbeit einfach nicht mehr gewöhnt.
Wir stellten bald fest, dass sich die Gitter überschnitten, deshalb schnitt Farin sie unter Funkenregen mit der Kreissäge zurecht.
Bis 22 Uhr arbeiteten wir, dann gingen wir zurück ins Haus und ich wurde wieder mit Essen vollgestopft: Kraut-Ragout. Ich konnte mich bei russischer Gastfreundschaft nie wehren, und schon gar nicht bei dieser Mutter, die auch immer versuchte, so viel wie möglich auf Deutsch zu sagen. Aber nun begann ich auf Russisch - wozu besuchte ich sonst den Kurs? Ganz verwirrend wurde es erst, als sie begann, sich mit Farin auf Tatarisch zu unterhalten - so saß er verloren zwischen vier verschiedenen Sprachen und wusste bald nicht mehr, von welcher er in welche übersetzen musste.
Eine halbe Stunde später fuhr er mich heim und wir kamen kurz vor 23 Uhr am Wohnheim an. Er hatte mir zu übernachten angeboten, aber er stand immer 7:00 auf, und wenn ich zu so einer Zeit aufstehen musste, war für mich der ganze Tag im Eimer. Erst wenn es noch kälter werden würde ohne dass man bei uns den Heizkessel anwarf, würde ich in Betracht ziehen, zu Farin zu ziehen, denn er heizte selbst mit Holz, sodass es bei ihm zu Hause schön warm war - als einer der wenigen Orte der Stadt.
Hatte Albert gefragt, ob wir mal wieder zusammen essen gehen wollten; er schrieb in vkontakte, dass er diese Woche ganz im Stress war und überhaupt nicht zu Mittag gegessen hätte; es klang als hätte er die Zugangserlaubnis ganz vergessen. Ich fragte noch einmal höflich danach und begann Notizen für den Blog anzufertigen, wenn ich schon nicht zum ins-Reine-Schreiben kam. Bis ich mit dem Eintrag fertig war, war es schon nach Mitternacht. Ich erledigte noch schnell die Hausaufgaben für morgen und legte mich schlafen. So fühlt sich ein geregeltes Leben an.
Und da es auch Erholung geben musste, hatte ich schon Pläne für das ganze Wochenende; am Samstag mit Stasya und der ganzen Clique, und am Sonntag mit Farin zu einem Open-Air-Auftritt einer bekannten russischen Band zu gehen, mit der das Talisman-Einkaufszentrum offiziell eingeweiht werden sollte.
1.10.
Freitags begann mein Russischkurs erst am Nachmittag, aber es ist zu kalt zum Schlafen geworden, sodass ich bald aufstand. Nur eine einzige positive Seite daran gab es: Wenigstens konnte ich die Lebensmittel außerhalb des Kühlschranks lagern ohne dass sie verfielen oder der Saft vergor. Der Wetterbericht ließ jedoch auf Heizung hoffen; er zeigte einen stetigen Temperaturabfall und ich rechnete mir aus, schon nächsten Mittwoch eine funktionierende Heizung zu haben. Doch da geschah das Wunder: Ich hörte plötzlich ein Wassergeräusch aus der Heizung. Ich konnte es erst glauben, als ich die Heizung anfasste: sie war tatsächlich lauwarm.
Wie verabredet ging ich ins Auslandsamt, aber wieder konnte ich Alisa nicht antreffen: Ich entwickelte die Theorie, dass im Keller der Uni nach Öl gruben. Ich rief wieder an. Sie meinte, die hatte gerade kein Geld auf dem Handy, sonst hätte sie mir schon bescheid gegeben, aber es fehlten immer noch Unterschriften... am Montag vielleicht; sie wollte mich dann informieren, wenn es so weit war, ich sollte nicht mehr ständig vorbeikommen. Ich sagte ihr noch, dass ich die Sache mit dem Kurs in eigene Hände genommen hatte. Ich vermutete, dass ich eher einen Ausweis von der UdGU haben würde, denn sie hatten auch ein Foto von mir gewollt; und nächste Woche sei der Vertrag für den Russischkurs fertig - es würde 7000 Rubel und 32 Kopeken kosten, wie auch immer sie das ausgerechnet hatten, dass sie auf glatt 7000 Rubel die 32 Kopeken kamen. 7000 Rubel - 175 Euro - war schon eine stolze Summe für einen Studenten, aber das war die Gesamtsumme für das ganze Semester mit sechs Unterrichtsstunden pro Woche. Es war allemal billiger als ein Privatlehrer, und nützlicher als ein weiterer kostenloser Anfängerkurs.
Ich fuhr zur UdGU, die Zeit stoppend um den kürzesten Weg dorthin herauszufinden. Es gab mehrere Verbindungen, von denen ich wusste, und wahrscheinlich noch viel mehr, von denen ich nicht wusste. Am Ende kam heraus, dass es eigentlich keine großen Zeitunterschiede gab, aber manche Strecken waren angenehmer als andere. Ich bevorzugte die Strecke mit dem Trolleybus 6 oder 9, oder mit dem Bus 36 bis gelben Kirche zu fahren und von dort aus Bus Nummer 12 bis Uni zu nehmen; das ganze dauerte 40 Minuten, war genauso lang wie zu Fuß, aber wärmer.
Ich war eine halbe Stunde eher da und begann ein paar Aufgaben für Montag zu lösen. Steve kam auch schon eher von seiner Arbeit an der landwirtschaftlichren Universität und holte sich einen Kaffee. Das hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, es war wohl typisch deutsch, sich einen Becher Kaffee zum Herumtragen zu holen. Wo tranken die russischen Studenten ihren Kaffee, wenn sie es überhaupt taten?
Heute war ein weiterer Schüler anwesend, ein Chinese namens Tsau. Und endlich war ich nicht mehr der schlechteste Schüler.
Der Kurs war wieder sehr fortgeschritten, ich musste zum Beispiel einen Text vorlesen, in dem ich nur jedes fünfte Wort kannte. Ich reihte monoton die Buchstaben aneinander, während die anderen die Worte vor sich hin flüsterten oder mir helfen wollten; Irina meinte aber, die Aussprache sei überall richtig gewesen - aber sie lobte auch Tsau immer, selbst wenn er etwas kaum verständlich aussprach und dabei mit seiner Stimme tanzte als wäre er ein Chorsänger im Stimmbruch. Doch unserer Lehrerin versicherte uns alle immer wieder, wir seien alle Prachtkerle; sie verwendete das Wort "molodets" wie andere Leute das Wort "ähm".
Am Ende wollte ich eigentlich auf Michael warten, aber er wurde von Irina in Beschlag genommen während sich die bei Deutschen beeilten, nach Hause oder schon nach Kazan zu kommen. Sie hatten sich gestern am Schalter lange gequält, dann endlich eine Fahrkarte bekommen, aber die Verkäuferin war grimmig gewesen und hatte keine Rückfahrkarte verkaufen wollen. Vermutlich ging man als Ausländer durch ein Prüfverfahren, in dem getestet wurde, ob man der Fahrkarte überhaupt würdig war.
Im Gegen rief ich Farin an, ob er noch Hilfe beim Banyabau bräuchte, aber er ging nicht ans Telefon und ich vermutete, er war schon mitten in der Arbeit, deshalb kontaktierte ich Dima, ob er nicht mal wieder Lust auf eine Tasse Tee hatte, aber Nastya war krank, also mal wieder ein ruhiger Abend für mich. Ich hatte ja auch noch genug zu tun. Nicht dass ich es wirklich tat. Dafür konnte ich jetzt schon das Lied "99 Luftballons" flüssig auf der Gitarre spielen und dazu singen.












