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Kap Verden, Teil 1: Sao Vicente - Mindelo
1. Reise-"Vorbereitungen"
Weihnachten sollte es ins Warme gehen, aber ohne langen Flug und Jetlag. Ich scrollte auf Google Maps nach Süden. Kanaren, Azoren? Schon etwas kühl. Afrika? Keines dieser Länder wurde in den malerischen Fenstern der Reisebüros mit Traumstränden für 19,99 Euro beworben, das hatte bestimmt einen Grund. Oh, was ist diese winzige Inselkette? Kap Verden? Nie gehört. Aber das Reisewetter verspricht 25-30 Grad im Dezember. Klingt gut, nehm ich.
Es gibt nur zwei Dinge, die auf Reisen absolut nicht ausstehen kann: Mich selbst um alles kümmern zu müssen, und Pauschalreisen. Ist doch nicht zu viel verlangt, in meinem Urlaub keine anderen Touristen sehen zu wollen, aber eine perfekt ausgebaute touristische Infrastruktur vorzufinden? Nein, nein, das wird es schon geben.
Ich googelte "Individualreise Kap Verden", der erste Treffer war Evaneos. Interessantes Konzept: Du kreuzt an, was dich generell interessiert, schreibst noch etwas Freitext dazu, beispielsweise dass du nur in rot-blau-gestreiften Bettbezügen schlafen kannst, und schon wirst du an das passende lokale Reisebüro weitergeleitet.
Ich mailte etwas hin und her, fragte nach Städtereisen, wurde darauf hingewiesen, dass es auf den Kap Verden eigentlich keine Städte gibt; beschloss, dass dies eine gute Sache war, um endlich mal am Strand ausspannen zu können. Ich stimmte zu, ab und zu eine Wanderung in der urigen Natur zu unternehmen - natürlich mit Guide - und bekam eine schöne, bebilderte Broschüre zugemailt, die ich an meinen Mann ungelesen weiterleitete. "Passt so?" - "Jap, passt so." Also überwies ich das Geld in der festen Überzeugung, dass sich zumindest mein Mann die Broschüre durchgelesen hatte.
So kam es doch einigermaßen überraschend, als wir im Flugzeug saßen und zum ersten Mal lasen: "Willkommen zu ihrem Wanderurlaub. Sie haben folgende Sachen mitgebracht: Festes Schuhwerk, Regen- und Windjacke-"
Chris zuckte mit den Schultern. "Können wir bestimmt dort kaufen."
2. Erster Tag
Sechs Stunden später, nach kurzem Aufenthalt in Lissabon, landeten wir mitten in der Steppe von Sao Vicente. Ein starker, warmer Wind fuhr uns durch die Haare. Wir spazierten über die Landebahn auf ein lang gezogenes Gebäude zu, in dem sich ein Menschenauflauf bildete. Wir hatten unser Visum übers Reisebüro beantragen lassen, um schneller durch zu kommen. Die Sicherheitsleute stellten uns trotzdem zu den Touristen ohne Visum. Erst die dritte Person ließ uns in die richtige Schlange. Es hätte wahrscheinlich geholfen, ein paar Worte portugiesisch zu lernen, oder ein Wörterbuch dabei zu haben. Langsam bekam ich den Eindruck, unvorbereitet zu sein.
Beim Hinausgehen standen links und rechts eine lange Reihe von Frauen, die uns SIM-Karten reichten. Wir fühlten uns wie das Brautpaar, das nach der Trauung mit Reis geworfen wird - nur in diesem Fall mit SIM-Karten. "No money", sagte ich, aber die Frau schüttelte nur den Kopf und drückte mir die Karte in die Hand. Mit insgesamt 6 Karten verließen wir den Begrüßungsbereich.
Guter Punkt eigentlich, dachte ich, wo bekommen wir Geld her? Kap Verdische Escudos dürfen weder ein- noch ausgeführt werden. Und wie es sich für ein frommes, katholisches Land gehörte, waren Sonntags die Banken geschlossen -- das schloss auch die Wechselstube am Flughafen mit ein.
Wir fragten unseren Fahrer, der draußen auf uns gewartet hatte. Er schickte uns noch mal eine Runde durch den Flughafen. Nein, immer noch keine Bank offen. Er hievte unsere Koffer auf die Ablage seines Jeeps, und wir drückten ihm beim Abschied 5 Euro Trinkgeld in die Hand, ohne zu wissen, ob wir geizig waren oder ihm gerade die Uni für seine Kinder finanziert hatten.
Das Hotel war eine kleine Familienpension am oberen Ende des Berges, auf dem Mindelo gewachsen war. Es hatte keine Hausnummer, es gab keine Straßenschilder, deswegen war eine Handynummer in silbernen Lettern an der Hauswand angebracht.
Die Besitzerin begrüßte uns herzlich, gab uns das WLAN-Passwort und ihre Whatsapp-Nummer - falls etwas sein sollte. Frühstück sollte es morgens auf der Terasse geben, die über der Stadt thronte. Hinter Hunderten hingewürfelter Häuser zeigte sich ein Schimmer von Ozean. Es war warm in der Sonne, aber ein beständig starker Wind ließ mich frösteln in meinem T-Shirt und der blinkenden Weihnachtsmann-Mütze.
Heute hatten wir etwas Zeit, das Städtchen zu erkunden, Geld zu tauschen, und das Wichtigste: Die SIM-Karten zu aktivieren. Es gab zwar fleckenweise WLAN in Mindelo, aber erfahrungsgemäß nicht dort, wo ich es brauchte.
Die gepflasterten Straßen und steinigen Wege waren nicht Sandalen-geeignet und relativ leer, abgesehen von großen, zotteligen Hunden, die in der Sonne lagen und uns ignorierten. Wir konnten nicht feststellen, ob hier die Zombie-Apokalypse stattgefunden hat, oder ob alle gerade Mittagsruhe hielten. Es war beides gleich wahrscheinlich.
Mindelo ist ein Künstlerstädtchen und das kulturelle Zentrum der Kap Verden. Die Stadtmitte besteht aus einem grünen Platz mit je einem Pavillon links und rechts. Er ist umgeben von Geschäften und Hotels, aber keine Touristen weit und breit. Ein grinsender Typ mit Rastafrisur lud uns aus dem Nichts in gebrochenem Englisch zu seinem Konzert am Abend ein. Wir versuchten ihm zu erklären, dass wir erst noch Geld tauschen und etwas essen wollten, und er versicherte, dass er kein Geld wollte. Unabhängig davon wollten wir Geld tauschen, sagten wir. Es kostet nichts, wiederholte er. So blieben wir in einer Endlosschleife stecken für den Rest der Reise.
Geld konnten wir in einem der Hotels tauschen. Die erste Rezeptionistin schickte uns weg: Ja, generell würden sie Geld tauschen, aber heute hatten keins.
Vorkommnisse wie dieses würde unser Guide später als "Afrika Light" bezeichnen: Die Kap Verden sind so europäisch geprägt, dass man oft vergisst, dass man sich in einem afrikanischen Land befindet, mit den entsprechenden Infrastruktur-Problemen.
Wir aßen der Einfachheit halber im Hotel, die Preise kamen an deutsche Restaurants heran. Wir erfuhren später, dass fast alles vom Festland importiert wird und dementsprechend teuer ist. Sehr viel kommt aus China, jeder fünfte Laden war ein chinesisches Geschäft mit Kleidung und Haushaltswaren. Wanderjacken gab es aber keine. Wandern ist eine Freizeitbeschäftigung für Touristen. Einheimische Guides brauchen keinen Jack Wolfskin.
Wir unternahmen einen Abstecher zum Meer. Der Sand wirkte bunt, das waren Tausende von Glasstücken, die dort über Jahre und Jahrzehnte von Sand und Wellen rund geschliffen worden waren.
Ich grub drei große Löcher in den Sand und warf das Glas getrennt nach weiß, grün und braun da hinein, so wie man es als ordentlicher Deutscher eben macht.
Mit dem Abend wurde es kühler und langsam Zeit zum Umkehren. Nach unten hatten wir uns noch gut orientiert, aber auf dem Berg hoch zur Pension verliefen wir uns innerhalb kürzester Zeit. Wir waren zwar clever genug gewesen, einen GPS-Punkt auf die Google Maps Offline-Karte zu setzen, aber die Stadt hielt sich nicht an die Karte; sie hatte Straßen, die nicht auf der Karte waren, oder sie waren 50 Meter daneben und stellten sich als lange Einfahrten und Sackgassen heraus.
Sobald die Dämmerung einsetzte, wurde die Stadt lebendig, die Straßen füllten sich mit Einheimischen, die laut Musik hörten und auf der Straße kochten. Die riesigen, zotteligen Hunde streunerten umher, waren aber friedfertig. Erst als wir schlafen wollten, wurden sie gesprächig. Die ganze Nacht lang erzählten sie einander von den komischen Touristen, die sich ständig verlaufen haben.
3. Spritztour
Nach dem Frühstück holte uns ein deutscher Guide ab. Er hatte sich in das Land und die Leute verliebt, ganz besonders aber in eine Frau, und war auf die Kap Verden ausgewandert. Er arbeite als Musiker, verdiente sich mit Tourismus etwas dazu.
Wir fuhren auf staubigen Straßen den Berg hinauf. Auf den Kap Verden gibt es eigentlich nur Vulkangipfel. Und dort, wo sie enden, beginnt das Meer. Tatsächlich ist die ganze Bucht ein riesiger Krater.
Die Bergspitzen waren mit hartnäckigen Pflanzen bewachsen. Eine besonders clevere, die Agave, warf ihre Samen den Berg hinunter und bewuchs ihn so im Laufe der Jahre komplett. Der Klimawandel hatte die Inseln noch trockener gemacht, aber einige tapfere Bauern versuchten Mais anzubauen; die Pflanzen waren winzig, trugen selten Kolben und wurden als Viehfutter verwendet.
Warum "Kap Verde" denn so genannt wurde, "grünes Kap", fragte ich den Guide. Er erklärte, dass die Portugiesen von Norden gesegelt kamen, und für lange Zeit nur Wüste gesehen hatten, z.B. die Sahara. Erst in Höhe der Kap Verden begann es langsam wieder grüner zu werden.
Wahrscheinlich wäre "graues Kap mit grünen Flecken" auch aus Marketing-Sicht nicht ideal gewesen.
Ich quetschte den Guide weiter aus. Wie halten es die Leute hier mit der Religion? Gibt es interessante Bräuche, die ich auf Instagram, respektvoll, recyclen kann? Tatsächlich gibt es neben der christlichen Tradition afrikanische Einflüsse, die von den Christen als "Makumba" oder schwarze Magie bezeichnet wurden.
Mittlerweile glauben nur noch wenige Einheimische daran, außer vielleicht auf der Insel Fogo, die als etwas eigentümlich gilt. Dennoch kann man die Makumba-Puppen unten in Mindelo im Souvenirladen "Kapvertdesign" kaufen.
Traditionell werden die Puppen selbst hergestellt, mit einem Fluch belegt und vergraben. Unser Guide hatte erst nicht daran glauben wollen, aber seine Schwiegermutter war lange krank, bis sie schließlich eine Puppe ausgegraben hatten. Außerdem habe eine Wahrsagerin eine Reihe von Ereignissen aus seinem Leben korrekt vorhergesagt, zum Beispiel, dass sie Geld gewinnen würden.
Ich höre gerne von solchen Traditionen, wie Spukgeschichten am Lagerfeuer, oder Bibel-Geschichten zu Weihnachten.
Als wir später den Laden fanden, waren die Puppen zwischen dem Spielzeug nicht zu übersehen: Grob genähte, grinsende Gesichter mit Kreuzen durch die Augen; lange Hälse und graue Haut, an die hier und da rote Fäden gestickt waren. Als Kind hätte ich davon Alpträume bekommen. Jetzt wahrscheinlich auch.
Zur Sicherheit fragte ich den Verkäufer, ob dies Makumba-Puppen seien. Er schüttelte energisch den Kopf und versicherte mir, das seien Kinder-Spielzeuge. Wir kauften eine, damit sich meine Voodoo-Puppe nicht so einsam fühlte.
[Fortsetzung folgt]
Kap Verden, Teil 3: Santo Antão
5. Oase in den Bergen
Nach dem Frühstück -- viel früher als uns lieb war -- ging es mit der Fähre nach Santo Antão. Unsere Gastgeberin hatte uns lieberweise das Frühstück vor die Zimmertür gestellt. Es bestand wie immer ausgewogen aus Obst, Brötchen, Käse, Joghurt, frischem O-Saft und einem Gebäckstück. Wir schnappten uns das Obst und die Brötchen, und eilten nach draußen, denn der Fahrer war pünktlich.
Santo Antão ist die bekannt als die Wanderinsel der Kap Verden. Wir wurden direkt von der Fähre abgeholt und zum Wandern geschickt. Unser Gepäck wurde in der Zwischenzeit in die Unterkunft gefahren. Ich fragte, ob ich Gepäck sein dürfte, aber mein Mann lachte mich nur aus.
Schon auf dieser ersten Strecke musste man die innere Bergziege aktivieren; die Wege waren steil, steinig und kaum befestigt. Für wen ist sowas bitte Urlaub? Vielleicht hätte ich meine Reisewünsche doch etwas spezifischer beschreiben sollen. Die Sonne brannte, und die erste Blase sagte hallo.
Der Guide erklärte die Pflanzenwelt um uns herum. Dieses Kraut, sagte er, helfe gegen Zahnschmerzen. Lange, staubig-grün-weiße Spinnenbeine krallten sich an den Felsen fest. Das Zeug? Ja, man musst es aufbrechen und die Milch am schmerzenden Zahn auftragen; danach fällt er aus. Was? Nein, danke, dann doch lieber zum Zahnarzt gehen.
Nach einer gefühlten Unendlichkeit erreichten wir ein Dorf und unser Auto. Von hier aus waren es noch mal 10 Minuten bis zu einer herrlichen Oase inmitten der Berggipfel. Alles blühte farbenprächtig, und ein blauer Pool glitzerte im Sonnenschein.
Früher war hier ein Bauernhof, der von einem Schweizer gekauft wurde. Aus der lokalen Betonfabrik wurden Bungalows in mordendem Stil erbaut, die innen angenehm kühl waren und die Hitze des Tages abhielten.
Endlich weg aus der Stadt, freute ich mich, an einem ruhigen Fleck im Nirgendwo, wo uns nachts die Hunde nicht wachhalten würden. Pünktlich um 3:30 morgens wurden wir von einem Hahn geweckt.
Soweit möglich, ist der Betreiber der Unterkunft Selbstversorger. Er hält Hühner, Rinder, Hasen, Schweine; baut Obst und Gemüse an, und stellt sogar Joghurt und Marmelade selbst her. Man kann im Prinzip dem Joghurt beim Entstehen zuschauen: Die Milch wird im Garten in Bechern unter Glas aufgestellt. Und dann wird gewartet.
Abends wurde ein regelrechtes Sternemenü serviert, sogar die Bananen wurden zur Show am Tisch flambiert. Wir haben selten so gut gegessen wie dort.
Der Besitzer tat alles, damit sich die Gäste wohlfühlten; er ermunterte uns, die anderen Gäste kennenlernen. Abendessen wurde grundsätzlich gemeinsam eingenommen. Dazu gab es den besten Wein der Insel.
Und wer immer noch nicht genug hatte, konnte die gut gefüllte Bar durchprobieren. Das klassische hochprozentige Getränk der Kap Verden ist Grog. Von den Namen darf man sich nicht täuschen lassen, daran ist nichts verdünnt. Ponche ist eine andere Variante davon, und man sollte es auch nicht mit Punsch verwechseln.
6. Weiter wandern... Immer weiter...
Nur ein Ruhetag, dann ging es schon wieder weiter zur nächsten Unterkunft. Natürlich zu Fuß, während unser Gepäck im Taxi chauffiert wurde.
Unterwegs fanden wir ein Café auf dem Wanderweg, mitten im Nirgendwo. Also es war eine Decke auf einem Felsen und ein Sonnenschutz darüber, aber es hatte sogar einen Namen: Chez Nadia. Sie verkauften Tee aus Avocado-Blättern, Kokos-Donuts und winzige frische Mangos.
Unsere Unterkunft an diesem Tag besaß einen Teich, der mit Fischchen gefüllt war, die tote Haut von den Füßen knabbern. Bei meinen waren sie kurz skeptisch, bevor sie sich darauf stürzten.
Alle Hütten waren nach Obst benannt und standen versteckt unter Bananenstauten; der Blick ins Tal war atemberaubend. Ich legte mich in eine der zahlreichen Hängematten und landete sofort unsanft auf dem Boden. Abgesehen davon wurde der Rest des Tages gemütliche. Viel konnte man nicht machen. Wo Internet verfügbar war, war es möglich -- mit viel Geduld -- Webseiten zu laden. Um dies zu betonen, war das WLAN-Passwort PLEASE.NO.VIDEOS. Nicht dass es eine Möglichkeit gewesen wäre, Videos zu laden, denn das Hotel-WLAN auf den Kap Verden ist in der Regel die geteilte Internetverbindung vom Handy des Besitzers.
Nach einem Ruhetag holte uns ein sehr relaxter Rasta-Typ zum Wandern ab. Diesmal ging es an der Küste entlang. Meine Füße rauchten. Ich bat darum, sie im Wasser abkühlen zu dürfen. Während wir rasteten, verschwand der Guide für ein paar Minuten und kehrte in einen charakteristischen Geruch gehüllt zurück. Wie sind eigentlich die Drogengesetze hier auf den Kap Verden? Er winkte ab. Legal ist es nicht, aber wenn man erwischt wird, handelt man mit dem Polizisten eine Geldstrafe aus. Darauf würde ich mich persönlich nicht verlassen.
7. Weihnachten im Zelt
Wir waren schon sehr gespannt auf die nächste Unterkunft; laut Reiseplan war es eine Selbstversorger-Oase ähnlich unserer ersten Unterkunft auf dieser Insel, aber mit Wohnzelten.
Ein Wohnzelt, stellte sich heraus, war ein einfaches Zelt mit einer Matratze darin. Die Badezimmer waren Holzhütten mit Waschbecken im Freien und kaum Wasser. Wir hatten unser eigenes Fyre-Festival. Es gab Licht im Zelt, aber keine Steckdosen; im Liegen reichte das WLAN bis hoch zu uns, immerhin da.
Meine Idee für diesen Urlaub war, zu Weihnachten unter Palmen am Strand zu sitzen mit einem Cocktail in der Hand. Die Realität war, dass wir auf Felsen in der Brandung sitzen konnten mit einer Weinflasche in der Hand. Zumindest hatten wir den "Strand" für uns.
Kap Verden, Teil 2: Sao Vicente - Mindelo (Fortsetzung)
3. Spitztour - Fortsetzung
Auf einem der Vulkangipfel stand eine Hölzhütte mit EU-Plakette. Der Guide erklärte, es sei eine Teestube, die von EU-Mitteln finanziert wurde. Niemand war zu Hause. Rings herum wurden Kräuter angebaut und es gab eine einfache, aber geniale Luft-Entwässerungsanlage: Grober Stoff hing an Holzrahmen im Wind, und darunter war eine improvisierte Zisterne in den Boden eingelassen. Das Wasser aus dem Morgennebel lief dorthinein ab und und verdampfte nicht in der Mittagssonne.
Die Wasserversorgung in Mindelo lief über große, schwarze Speicher auf den Hausdächern, die regelmäßig aufgrfüllt wurden. In kleineren Dörfern wie Salamansa liefen die Frauen mit Kanistern auf dem Kopf zu einer zentralen Wasserstelle. Der Guide erklärte, es würde hier 40k kosten, ein Haus zu bauen. Offenbar sind relativ viele Europäer auf die Kapverden ausgewandert und haben sich Luxusvillen ins Nirgendwo gesetzt.
Unser Guide brachte uns, nach eigener Aussage, ins beste Restaurant der Gegend. Vermutlich auch das einzige. Wir blickten auf schroffe Felsen und schäumendes Meer, und auf tanzende Einheimische auf einen betonierten Steg, der eher zum Anlegen der Boote gedacht war als zum Baden.
Der Sand war fast überall vulkanisch und tief schwarz, nur an wenigen Stellen wurde gelber Sand aus den Wüsten des Festlands angeweht; das nenn ich mal 'ne Wanderdüne.
Wir aßen die Spezialität der Insel: Esmoregal (Bernsteinmakrele), und als Beilage alles, was aus dem Boden ausgegraben werden kann: Yam-Wurzeln, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Karotten, andere undefinierbare Wurzeln. Und zum Nachtisch eine weitere Spezialität: Camoca-Eis aus geröstetem Maismehl. Eigentlich wurde Camoca als preisgünstiger Brei Schulkindern mitgegeben, aber der leicht herbe Geschmack mischte sich gut mit dem Vanilleeis, sodass es eine beliebte Eissorte wurde, die wir fast überall auf den Inseln fanden.
Zwischendurch hielten wir an einem Bauernhof; der Guide lud uns ein, uns alles genau anzuschauen, nirgendwo gab es Zäune. Die Ziegen schauten uns genauso neugierig an wie wir sie. Papayas hingen prall an den Bäumchen wie Brüste einer Fruchtbarkeitsgöttin.
Ein Bergkamm wurde von Windturbinen gesäumt; eine offensichtlich perfekte Art, auf diesen Inseln Strom zu erzeugen, neben Solarzellen, aber letztere wird von herumfliegendem Sand beschädigt.
Der Guide setzte uns nach der Tour vor einem Amt ab, wo wir unsere SIM-Karten aktivieren sollten. Wir zogen eine Nummer und waren freudig überrascht, dass die Mitarbeiterin perfekt Englisch sprach und uns ohne Weiteres die Karte aktivierte und 5 Gigabyte Datenvolumen für umgerechnet 10 Euro verkaufte. 500 Megabyte hätten auch gereicht, weil wir an meisten Orten noch nicht mal 3G oder ein Telefonsignal hatten. Gerade in Afrika ist das mobile Telefonnetz ungeheuer wichtig, weil in den wenigsten Gebieten Kabel verlegt werden. Ein (altes) Mobiltelefon hat mittlerweile jeder (oder zumindest jede Familie); darüber können viele Dinge abgewickelt werden, sogar diverse Geldtransfers ohne ein Bankkonto besitzen zu müssen.
4. Markttag
In der Markthalle wurde noch ganz klassisch bar bezahlt. Wir gingen dort hinein, um Touristen zu fotografieren, die Einheimische bei ihrer Arbeit fotografieren. Die Verkäufer hielten bereitwillig ihre Monsterfische in die Kamera -- ich hatte keine Ahnung, dass Thunfisch die Größe von einem Kind haben kann! Ich weiß nicht, was ich gedacht habe, aber im Supermarkt hat er die Größe von der Konservendose.
Hunde liefen zwischen dem Fisch umher, der in großen Schalen am Boden lag. Man wird hier generelll nicht angesprochen und zum Kaufen animiert; wahrscheinlich sind die Restaurants deren Hauptkunden. Was würde ein Tourist auch mit 50kg rohem Thunfisch anfangen?
Interessanterweise lästern die Einheimischen über die Einwanderer aus Senegal auf den Märkten, die aufdringlich den Touristen Souvenirs und Kleidung aufschwatzen. Die Masche ist, dass sie dir etwas Billiges wie ein Armband schenken und ein Gespräch anfangen, damit du ihnen aus Sympathie etwas abkaufst. Wenn sie erfahren, dass du aus Deutschland bist, haben sie alle einen Bruder in Hannover. Alle. Und ja, der Trick hat auch bei uns funktioniert und wir sind nun stolzer Besitzer eines überteuerten, geschnitzten Schildkröten-Brieföffners. Die Klamotten sind übrigens aus der Altkleidersammlung. Wer also ausversehen ein geliebtes Kleidungsstück wegwirft, muss nur nach Afrika fliegen, um es dort auf den Märkten wiederzufinden. Eine Wind- und Regenjacke fanden wir aber nicht. Brauchten wir auch nicht. In drei Wochen auf vier verschiedenen Inseln war es immer trocken und nie kühler als 25 Grad tagsüber.
Bettelnden Kinder soll man übriges lieber nichts geben; die Lebenshaltungskosten sind sehr hoch für Einheimische, aber wenn man spenden möchte, soll man das Geld und die Sachspenden lieber an Schulen geben, wo es gerecht verteilt wird.