Samstag, 19. Juni 2010

Ich lebe noch! Teil 7. (14. Mai bis 18. Mai)

Von einer Minute als Präsident Udmurtiens, aufregenden Ereignissen, Picknicks an seltsamen Orten und wie man einen ordentlichen Borschtsch herstellt

14.05.
Wenn ich nicht gerade mit Olga essen gewesen war, hatte ich die meiste Zeit mit der Prüfungsvorbereitung zugebracht, dennoch merkte ich, dass meine Zeit langsam knapp wurde. Schon morgen würde die große, angsteinflößende Antennen-Prüfung stattfinden und ich hatte noch nicht einmal die Hälfte aller Fragen ausgearbeitet. Für mich war es gleich doppelt und dreifach schwerer, da ich - anders als die Ägypter, die Telekommunikation studierten - nie die entsprechenden Grundlagen im Informatik-Studium gelernt hatte, und erschwerend kam hinzu, dass ich die Fragen ganz allein ausarbeiten musste, während es bei den Ägyptern höchstwahrscheinlich auf Gruppenarbeit hinauslief. Aber ich wollte mich nicht beschweren, denn auf diese Weise war ich wirklich gezwungen, mich intensiv mit den verschiedenen Themengebieten auseinanderzusetzen - beginnend bei elektrischen Leitungen über die Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen in der Atmosphäre bis zum tatsächlichen Aufbau von Antennen mit ihren verschiedenen Eigenschaften.
Dass ich trotzdem noch nicht zum "Botanik" geworden bin, erkannte ich mit Erleichterung, als Gergö gegen Mittag an meine Tür klopfte. Er habe die Möglichkeit erhalten, an einer Führung durch das Parlamentsgebäude teilzunehmen, erzählte er, und ob ich mitkommen wollte. Natürlich wollte ich das - wann würde ich sonst noch einmal die Chance dazu erhalten?

Wir machten uns auf den Weg ins Zentrum und warteten vor jenem Gebäude, von dem wir in etwa 80%ig sicher waren, dass es das Parlamentsgebäude war. Auf Russisch und Udmurtisch standen am Eingang die Worte "staatlich", "Rat", und "Udmurtische Republik". Wir hatten richtig geraten, und schon 15 Minuten später kam Gergös Lehrer vorbei, der ebenfalls die Eigenheit hatte, immer zu spät zu kommen, wie Gergö anmerkte.
Er begrüßte uns freundlich und sagte, wir sollten schon mal hinein gehen und in der gemütlichen Ledersofaecke platznehmen. Er sprach derweil mit den Wachtleuten und überließ uns der Obhut einer jungen Frau, die Deutsch lernte und sofort mit mir Telefonnummern austauschte um sich später mal zum Plaudern zu treffen.
Ich erfuhr, dass wir auf eine Schüler- oder Studentengruppe warten und wohl irgendwie inoffiziell zwischen ihnen ins Parlament hineingelassen werde sollten. Gergös Lehrer hatte eine Weile hier gearbeitet und kannte die Leute, die uns den Zutritt ermöglichen würden. Dennoch hatten wir zum offiziellen Anschein unsere Reisepässe mitbringen sollen. Unsere wurden als erste kontrolliert und wir wurden durchgewinkt, als ob wir auf der Besucherliste stünden. Russland ist erstaunlich.

Zuerst gingen wir in den Presseraum, in dem uns einige einleitende Worte gesagt wurden, bevor wir einen langweiligen Dokumentarfilm über die Geschichte der Udmurtischen Republik ansahen, von dem ich nur wenig verstand. Besonders interessant konnte es nicht gewesen sein, denn auch die dem Russisch mächtigen Anwesenden dösten vor sich hin, einige nickten sogar ein.



Wir nutzten die Besichtigungstour hauptsächlich dafür, Fotos zu knipsen: Vor der russischen Flagge, der udmurtischen, beim elektronischen Abstimmen um Parlamentssaal - und natürlich auf dem Stuhl des Präsidenten sitzend. So konnte man sich einmal als das Oberhaupt der 1,5 Millionen Einwohner Republik fühlen.




Tatsächlich ließ sich auf der Karte der Eingangshalle gut sehen, dass die Udmurtische Republik neben der Hauptstadt Izhevsk eigentlich nur aus wenigen Kleinstädten und Bauernhöfen bestand. Jeder der größeren Bauernhöfe hatte eine eigene Fahne und war wohl so etwas wie ein Verwaltungskreis.

Anschließend gingen wir in das viel beeindruckendere Regierungsgebäude - in den Präsidentenpalast. Und es war wirklich ein Palast, mit einer großen Kuppel, Kronleuchtern und feiner Innenausstattung. Auch hier durften wir einmal auf dem Stuhl des Präsidenten sitzen, auch wenn niemand so genau wusste, welcher das war.


Die Führung schien immer länger und langweiliger zu werden; wir saßen Ewigkeiten in irgendwelchen Sälen und hörten die monotonen Erklärungen unserer Gruppenleiterin an. Ich begann wie automatisch mit dem Origamifalten. Wiederum andere schliefen.
Es ging ein regelrechtes Aufatmen durch den Saal, als die Führung beendet wurde. Zum Schluss gingen wir ins Museum des Präsidentenpalasts, in dem alles ausgestellt war, was verschiedene Organisationen, Universitäten und Privatpersonen dem Präsidenten über die Jahre hinweg geschenkt hatten. Dabei war Volkov nicht mal sonderlich beliebt, es wurde gar von Korruption und Vetternwirtschaft gemunkelt. Aber ich denke, das gehört in Russland als Politiker zum guten Ton.

Es war wieder mal viel zu schnell viel zu spät geworden, und so musste ich Gergös Verschlag, zusammen ein Bierchen trinken beziehungsweise Eis essen zu gehen leider verneinen, obwohl ich so eine Einladung sonst zu jeder Zeit angenommen hatte, sogar mitten in der Nacht.

Sofort, als ich zurück im Wohnheim war, begann ich ohne die übliche Prokrastinationsphase mit dem Ausarbeiten der Fragen bis es schon dunkel wurde und ich merkte, wie mir das Hirn langsam zu Brei wurde. In einem Anflug von geistiger Umnachtung stellte fest, dass man die Balkone leicht hoch und hinunterklettern konnte, da sie mit Innenleitern miteinander verbunden waren und die Luken nicht verschlossen waren. Nur der letzte Balkon hatte keine Leiter, und nach unten waren es noch gut zwei Meter. Ich beschloss, es nicht auszuprobieren, ob man ganz nach unten und wieder hoch kommt. Es warteten immer noch sechs Fragen auf mich...

15.05.
Wenn dieser Tag nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war...
Er begann kurz nach Mitternacht, wie es jeder Tag tun sollte. Ich hatte 7 oder 8 Stunden durchgelernt und sah immer noch nicht das Ende des Tunnels in Form der beantworteten 26 Fragen. Das Schicksal war es wohl, das wollte, dass in einem bestimmten Moment die Bleistiftmine meines Druckbleistifts abbrach und sich auch nicht wieder herausdrücken ließ, sodass ich in mein Zimmer gehen musste um mir eine neue zu holen. Auf dem Gang traf ich auf Mohammed Adel, den wahrscheinlich Schlausten der Ägypter, der mich fragte, wie es bei mir mit der Prüfung aussah, und als er hörte, dass es nicht so gut lief, bot er sogleich seine Hilfe an und kam eine Minute später mit seinen Notizen im Computerzimmer vorbei, in dem ich studierte. Obwohl er selbst noch nicht alle Fragen beantwortet hatte, nahm er sich die Zeit, mir die Fragen zu erklären, die ich nur mit einem verwirrten Fragezeichen markiert hatte, während ich versuchte, mich nicht davon irritieren zu lassen, wie viele Haare ein einziger Mann sich über den gesamten Oberkörper sprießen lassen konnte, denn wie die meisten der Ägypter lief er sehr freizügig im Wohnheim umher. Verstanden hatten sie auch nicht alles, aber einen großen Teil; ich schlug vor, dass sie auch zur Konsultation kämen, die ich mit Professor Puschin ausgehandelt hatte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen eine SMS geschrieben und gefragt, ob es eine Konsultation geben würde, daraufhin kam die Antwort: "Es wird nicht schwierig, glaube nicht, dass es nötig ist". Ich schrieb zurück: "Für jemanden, der Antennen aus Stühlen bauen kann, ist es sicher nicht schwierig, aber könnten Sie vielleicht wenigstens eine halbe Stunde eher kommen, dass ich Fragen stellen kann?" Und zurück kam die gleiche Antwort mit dem gleichen Tippfehler. Als ich schon das Handtuch geworfen hatte, kam eine halbe Stunde später eine SMS, in der er mir die 30 Minuten zugestand.

Mohammed nahm sein Studium ernst, anders als viele seiner Freunde; ich hatte schon vor ein paar Stunden mit einigen gesprochen, die ich in der Küche aufgegabelt hatte, wo sie am Abend normalerweise alle zusammen stundenlang kochten. Ich wollte herausfinden, ob es nun eine schriftliche oder mündliche Prüfung war, denn Professor Puschin hatte sich nicht klar ausgedrückt, wenn man mal darüber nachdachte - und so hatte jeder eine andere Meinung darüber. Jedenfalls erfuhr ich, dass viele der Ägypter überhaupt noch nicht angefangen hatten zu lernen; Ali meinte lachend: "Ich hoffe, dass meine Freunde es mir heute Nacht erklären!" Und damit ist er auch durchgekommen; ich glaube, er hat sogar eine Eins erhalten.

Ich hatte auch mehr Glück als Verstand in der Prüfung an diesem Tag. Ich war schon um zwei Uhr morgens ins Bett gegangen, obwohl mir noch fünf Fragen fehlten; die wollte ich durch früheres Aufstehen herausholen, obwohl mir klar war, dass die Zeit dafür nicht reichen würde. Wir sollten durch Zufall zwei der 26 Fragen erhalten, und die Wahrscheinlichkeit, eine dieser Fragen zu erhalten, die ich noch nicht bearbeitet hatte, lag bei etwa 20%, aber wir durften alle Unterlagen zur Prüfung verwenden, sodass ich mir Material aus dem Internet auf dem Notebook speicherte und mir sagte: "Gut genug, Mut zur Lücke, whatever." Ich wusste sowieso schon mehr über Antennen als ich mir je hätte vorstellen können, und das war schließlich das eigentliche Ziel meines Lern-Marathons gewesen, da ich mir die Prüfungsleistung in Deutschland sowieso nicht anerkennen lassen konnte. Es ist ein an sich interessantes und nützliches Thema, oder wie Professor Puschin es ausdrückte: Wenn du dich in der Wildnis verirrst und den Handy geht kaputt, kannst du deine Antenne reparieren und die Sendeleistung berechnen... - das klang fast wie die Argumente unserer Mathelehrer, weshalb wir in der Lage sein sollten, eine Rechnung auch ohne Taschenrechner durchzuführen: Wenn du in der Wüste bist und nur einen Stock dabei hast um Notizen im Sand zu machen....

Ich war also relativ früh aufgestanden, hatte noch zwei Fragen gelöst und hatte mich auf den Weg zur Uni gemacht, wobei ich vorher noch einen Abstecher in den Supermarkt machte und einen ganzen Haufen Lebensmittel für ein Picknick kaufte, denn ich hatte Albert versprochen, dass ich nach meiner Prüfung vorbeikommen und Essen mitbringen würde. Albert musste von 9 Uhr morgens bis 19 abends die Cisco-Prüfung eines anderen Kurses abnehmen: 30 Leute zu je drei Stunden. Man konnte sich wirklich eine schönere Beschäftigung für einen Samstag im Frühsommer vorstellen, und so entsprechend frustriert hatte Albert geklungen, weshalb ich ihm angeboten hatte, ihm wieder Gesellschaft zu leisten, und auch mal für ihn die Aufsicht zu übernehmen, wenn er eine Pause brauchte. Darüber wäre er sehr froh, meinte er, und ich gab ihm bescheid, dass ich wohl etwa gegen 1 Uhr vorbeikommen würde.
Das war eine sehr optimistische Schätzung gewesen, und nur durch glückliche Umstände hatte ich mein Versprechen auch einhalten können.

Als ich fünf Minuten vor der mit Professor Puschin verabredeten Zeit im Prüfungszimmer ankam, war er schon da. Ich bedankte mich und begann meine Fragen zu stellen. Von den Ägyptern war erwartungsgemäß keiner eher gekommen. Professor Puschin schien sich ernsthaft zu wundern, wie ich Unklarheiten zu solch einfachen Themen haben konnte. Tatsache ist, dass - obwohl mich Physik durchaus interessiert - ich eine Physikniete bin und kaum Spannung und Stromstärke auseinanderhalten kann. Dass ich meine Physikprüfung im ersten Semester bestanden hatte, grenzte schon an ein Wunder.
Die halbe Stunde Konsultationszeit reichte nicht für alle Fragen aus, und kurz nach 12 war der Raum schon mit Ägyptern gefüllt, die aber ihrerseits noch Fragen hatten, die Professor Puschin knapp beantwortete bevor er die Prüfung eröffnete. Es sollte tatsächlich eine mündliche Prüfung werden; er hatte 26 Zettel vorbereitet, mit den Nummern der Fragen beschriftet und ließ jeden Studenten zwei davon ziehen, schrieb die Nummern auf und steckte die Zettel zurück in den Zettelhaufen. Ich hatte nun das Glück gehabt, dass er zum Vorbereiten der Zettel meinen Kugelschreiber verwendet hatte und man so die Nummern durch die Rückseite hindurch lesen konnte. Vor mir hatte einer der Studenten Frage Nummer 1 gezogen, die mir gefiel, weil es darin nur um die Grundprinzipien der Ausbreitung von Funkwellen ging; und Frage Nummer 6 zum Thema Fresnel-Zone lag ebenfalls in der Nähe, sodass ich mir erleichtert lachend diese beiden auswählte. Erst als die Studenten nach mir das Auswählen der Fragen übertrieben, begann Professor Puschin etwas sauer etwas dagegen zu unternehmen. Aber ich war schon zu sehr damit beschäftigt, meine ausgearbeiteten Antworten zu den beiden Fragen knapp zusammenzufassen und konnte es gar nicht glauben, wie ich so viel mehr Glück als Verstand haben konnte...

Wir bekamen so viel Vorbereitungszeit, wie wir brauchten, um unsere beiden Fragen zu beantworten, und durften dafür alle Materialen verwenden. Professor Puschin hatte dazu gemeint, dass es nur wichtig sei, die Frage beantworten zu können, wenn man später einmal in diesem Bereich arbeiteten, und dass die Antwort korrekt war, wenn wir sie dem Chef präsentierten - aber zur Beantwortung würden wir ebenfalls alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, ob nun Bücher oder das Internet.
Meine Ausarbeitungen waren sehr gründlich gewesen, sodass ich mir nur noch Notizen machen musste und nach wenigen Minuten zu Professor Puschin ging und meinte, es als Erste probieren zu wollen. Er gab mir zur Einstimmung eine Rechenaufgabe, womit ich gerechnet hatte und mir deshalb bei der Vorbereitung zu Hause genau aufgeschrieben hatte, wie ich diese Rechnung im Windows-Taschenrechner machen konnte. Ich weiß nicht, ob es irgendwem schon mal aufgefallen ist, aber selbst im wissenschaftlichen Modus hat dieses Stück Software keine Wurzel-Taste, sodass man stattdessen x hoch 0.5 rechnen musste. Aber darauf muss man erstmal kommen...

Mit meinem Ergebnis war er zufrieden und begann die theoretischen Fragen, bei denen ich mich auch ganz gut hielt, aber dann ließ er mich etwas berechnen, womit ich nicht gerechnet hatte. Doch auch da lag ich erstaunlich nah am richtigen Ergebnis; ich hatte mich nur in einer Einheit verhauen. Er gab mir ein "B", was einer deutschen Zwei entsprach und ich dankte lachend ihm dafür, obwohl mir der Satz eines Professors im Hinterkopf schwirrte: Dass man sich nie für Noten bedanken sollte, sonst bekommt der Professor das Gefühl, die sei nicht gerechtfertigt gewesen. Professor Puschin entschuldigte sich hingegen fast bei mir, dass er mir keine Eins geben konnte, wodurch ich nur noch mehr lachte und sagte, es sei schon gut genug...
Mittlerweile hatten die ersten Ägypter ihre Einstiegsrechenaufgabe erhalten; ich wünschte noch viel Erfolg und machte mich aus dem Staub.

In der dritten Etage wachte Albert gelangweilt über drei Studenten. Mehr waren in dieser Runde nicht gekommen. Ich nahm neben ihm Platz und begann meinen Beutel auszupacken: Zwei Liter Saft, Käse, Brötchen, Birnen, Joghurt, Kekse... Albert grinste bis über beide Ohren und wir begannen unser Picknick. Er holte Gläser vom Fensterbrett, die noch von der Konferenz dort standen, dazu Servietten als Unterlage und schnitt darauf die Brötchen auf, die er dick mit Käse belegte. Er meinte, es sei nicht ganz wie im Restaurant, und ich meinte, es sei besser als im Restaurant... das war auch mein erstes Picknick im Computerkabinett; in der WHZ hätten die Rechenzentrumsleute die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns hochkant rausgeworfen - aber wir waren in Russland, und da ging alles.


Mit Albert plaudernd vergingen die Stunden schnell; wir sahen uns Fotoalben seiner Freunde im Internet an und träumten vom Reisen; er zeigte mir Fotos seiner Nichte, die mit zarten zwei Jahren schon ein eigenes Profil in vkontakte hatte; die Studenten wogen sich derweil in falscher Sicherheit, und so konnte Albert einen Spickzettel einkassieren, auf dem sämtliche Fragen des Tests in winziger Schrift gedruckt waren. Die nächsten 10 Minuten versuchte er die Quelle dafür im Internet zu finden, kam aber zum Schluss, dass es eine Übersetzung der englischen Fragen war, die es hundertfach im Netz gab. Und da sah ich wieder, was für ein ungewöhnlicher Professor er war, denn er zeigte mir nun, welche Seiten er für die besten Anbieter von Cisco-Fragenkatalogen hielt... Worauf ich es allerdings abgesehen hatte, waren nicht die theoretischen Fragen, sondern die praktischen Aufgabenstellungen für Modul 4, die ausgedruckt direkt vor meiner Nase lagen. Albert hatte sie mir direkt zum Drüberschauen gereicht, und die Verlockung war wirklich sehr groß, einfach eine Kopie davon einzustecken oder ein Foto davon zu machen, wenn er den Raum zum Telefonieren verließ... ich war hin- und hergerissen. Einerseits wollte ich sein Vertrauen nicht ausnutzen, aber anderseits wusste ich, dass ich mich in den Hintern beißen würde, wenn ich beim Studieren für diese Prüfung daran denken würde, wie nah ich an der Aufgabenstellung gewesen war... und auch die anderen Studenten würden mir danken, wenn sie in einem halben Jahr dieses Modul studierten und die Aufgabenstellung schon hatten... ich hatte sowieso schon versprochen, ihnen meine Prüfungen zu kopieren, wenn ich sie ablegte.
Zwei Chancen ließ ich verstreichen, und bei der dritten Chance wurde es regelrecht lächerlich, als mir Albert eine vollgekritzelte Aufgabenstellung reichte, die ich in den Papierkorb unterm Tisch werfen sollte, neben dem mein offener Rucksack stand... "Mensch, Mädel!", dachte ich mir, als ich es nicht in meinen Rucksack, sondern den Papierkorb steckte. "Wie dumm kann man sein!"
Tatsächlich nahm ich den Zettel aus dem Papierkorb am Ende mit - nachdem mir Albert zwinkernd erzählt hatte, dass er wusste, dass sich diese Aufgabenstellungen auf magische Weise sofort an alle Studenten verteilte, nachdem die erste Gruppe die Prüfung abgelegt hatte. Er schien kein Problem damit zu haben. Nicht mal den Jungen mit dem Spickzettel hatte er durchfallen lassen. Als ich Albert fragte, warum, meinte er, dass er für so einen Deppen nicht noch einen Samstag für eine Wiederholungsprüfung opfern wollte. Ich verstand ihn.

Nachdem wir schon ein paarmal über die Möglichkeit gesprochen hatten, dass ich meine Masterarbeit bei ihm schreiben könnte, wurde es heute zum ersten Mal konkreter. Er erklärte mir, an was genau er forschte, malte mir dutzende Skizzen dazu auf, kopierte mir seine Forschungsberichte und Zusatzmaterial auf meinen USB-Stick, und schlug mir ein Thema vor: Ich sollte eine Simulation zu seinen Forschungen erstellen. Falls ich mich dafür entscheiden sollte, natürlich. Es würde einen hohen Organisationsaufwand erfordern, und dann wäre ich auch mitten im russischen Winter in Izhevsk bei -40 Grad; ich würde meine Familie und Freunde für ein weiteres halbes nicht sehen... andererseits ist es die einmalige Gelegenheit, einen Gewinner mehrerer Forschungsstipendien als Mentor zu haben, während des Schreibens meiner Arbeit wissenschaftliche Artikel darüber zu veröffentlichen, und theoretisch würde es sogar der Weg öffnen, einen Doktortitel zu machen - was eigentlich nie Teil meines Lebensentwurfs war, aber die alleinige Vorstellung ist etwas, was man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Aber nicht nur deswegen ist es eine Option, die man sich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen sollte. Ich würde auf jeden Fall mein Russisch verbessern können, und dann ist natürlich das sagenhafte russische Weihnachtsfest, das ich hier mit Freunden verbringen könnte.
So stehen die Fronten im Moment, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich mich entscheiden soll.

Heute würde ich nicht mehr darüber nachdenken, denn Stasya hatte mich wieder auf ihr Hausdach eingeladen.
Albert und ich brachten noch schnell den Raum in Ordnung; Professor Puschin war laut Aussage des Wachtmanns immer noch mit den Ägyptern in der Prüfung beschäftigt, und der Wachtmann wurde ungeduldig, wann er denn endlich Feierabend machen konnte. Sogar der Fahrstuhl war schon im Wochenend-Modus; das Licht funktionierte nicht - ein Wunder, dass der Fahrstuhl noch funktionierte.

Zu Hause packte ich schnell alles in meinen Rucksack, was man für eine Party brauchte: Kekse und eine Flasche Wodka.
Stasya traf mich mit ihrer Freundin Sina an der Bushaltestelle vor ihrem Haus. Sie waren beide schon recht angeheitert, wobei Sina angeheitert genug für zwei war. Sie meinte, sie trank sonst nie Alkohol, aber heute sei sie dem Portwein verfallen.
Auf dem Dach saß schon eine Gruppe von Kerlen; alles Musiker und gute Trinker. Auch Sina spielte in einer Band - Schlagzeug. Das konnte man sich gar nicht vorstellen, da sie so ein kleines zartes Mädchen mit großen unschuldigen Augen war; sie hatte einen schon fast hypnotischen Blick. Im Laufe des Abends stellte ich fest, dass alle auf dem Hausdach irgendwie verrückt waren. Aber ich genoss ihre Gesellschaft, die bald zu einer Party von 15 Leuten anwuchs. Ich hatte nie verstanden, was an Partys so toll sein soll, aber heute tat ich es. Man gesellte sich mal zu dem einen Grüppchen, mal zu dem anderen; freute sich, wenn man ein bekanntes Gesicht sah; wir tanzten zu Trommelmusik und ich fühlte mich viel zu glücklich um mich zu betrinken. So etwas muss man bei vollem Bewusstsein genießen. Zu einem Gläschen Portwein wurde ich dann doch genötigt. Derweil waren auch Dima und Nastya gekommen und ich sah meine Hauptaufgabe mittlerweile darin, dafür zu sorgen, dass Sina nicht zu nah an den Rand des Dachs ging, denn sie hatte nun auch den Wodka geöffnet und sich ein Saftglas voll eingegossen, und war noch merkwürdiger geworden als am Anfang des Abends. Schließlich gab ihr irgendwas den Rest und ich bettete sie auf eine der Plastiktüten nieder, die uns hier als Sitzkissen dienten, während sie krampfhaft meine Hand festhielt.
Gegen ein Uhr morgens löste sich die Runde auf, und ich habe ehrlich keine Ahnung, wie sie Sina durch die Dachluke nach unten transportiert haben. Stasya quartierte die drei Betrunkensten bei sich ein, und zu sechst tranken wir Übriggebliebenen noch etwas Tee. Es waren komische Gespräche, die um diese Zeit zustand kamen. Ich verstand auch nur die Hälfte, aber irgendwie schien die Historikerin unserer Gruppe die Kriegsführung und die Uniformen des dritten Reichs zu bewundern.




Es wurde gut zwei Uhr und wir beschlossen nun doch alle nach Hause zu gehen. Nastya und Dima wollten mich nicht allein zum Wohnheim zurückgehen lassen, da sie Angst um mich hatten. In letzter Zeit hatte ich viele Geschichten über sogenannte Gopniks gehört, und was ich mir zusammenreimen konnte, waren es Männer, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, am Abend durch die Stadt zogen und Leute zusammenschlugen oder ausraubten.
Und wirklich, kurz vor meinem Wohnheim begegnete uns einer und wollte nicht mehr verschwinden. Normalerweise waren sie in Gruppen unterwegs, deswegen hatten wir vielleicht noch Glück gehabt, dass es so glimpflich ausging. Er versuchte mit Dima eine Schlägerei anzufangen, aber Nastya stellte sich mutig zwischen die beiden, die Hände auf den Schultern des Gopniks und redete beruhigend auf ihn ein, während er mal versuchte freizukommen und Dima zu schlagen, und mal auf sie hörte. Das zog sich eine ganze Weile hin. An einem Punkt schien es zu eskalieren, aber Dima riss dem Gopnik seine Silberkette vom Hals, was ihn aus dem Konzept brachte. Offenbar war ein Anhänger auf den Boden gefallen und die drei begannen danach im Dunkeln zu suchen. Es war ein seltsamer Anblick, fast komisch, aber auch erschreckend, denn man konnte nicht abschätzen, was der Gopnik als nächstes tat. Als nächstes versuchte er mir seine zerrissene Kette zu schenken. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Wenn ich sie nicht nahm, wollte er sie fortwerfen. Das tat er dann auch und trollte sich davon.
Wir kamen ohne weitere Probleme zum Wohnheim.
Wenn das nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war, dann weiß ich auch nicht, was das war.
Mit jede Menge Adrenalin im Blut ging nach oben; die Tür war offen, weil wahrscheinlich am Samstag kaum jemand vor zwei Uhr morgens zurück kam. Nun wollte ich den Tag nicht enden lassen und blieb bis vier Uhr morgens wach, um Olga von meinem Tag zu berichten, Fotos hochzuladen und zu verarbeiten, was an diesem Tag passiert war.

16.05.
Ich stellte bestürzt fest, dass Cisco jetzt schneller gelernt werden musste, wenn ich genügend Zeit zur Vorbereitung der Abschlussprüfung haben wollte. Sehr viel Zeit war für die Antennen-Prüfung draufgegangen; ich hatte Albert während dieser Lernphase gegeben, mir eine Verlängerung für die üblichen Kapitelprüfungen zu gewähren um mehr Zeit zu geben. Nun setze ich mir eine Arbeitslast fest: Alle zwei Tage eine Kapitelprüfung bestehen... doch es sollte schwer werden mit so vielen neuen Freunden, sodass ich nur selten einen ganzen Tag zum Lernen hatte... doch darüber beschwere ich mich definitiv nicht.

17.05.
Olga hatte mal wieder eine Prüfung, zuerst der schriftliche Teil, dann eine Pause, nach der sie den ersten Teil mündlich verteidigen musste. In dieser Pause hatten wir uns für ein kleines Picknick verabredet, nachdem sie auf den Fotos im Internet gesehen hatte, welch reiches Picknick ich für Albert zusammengestellt hatte.

Wir hatten uns vor Gebäude 2 verabredetet, doch ich sah sie nicht, stattdessen traf ich auf eine Gruppe meiner Mitstudenten, die sich angeregt über die Prüfung unterhielten. Pascha und Artjom lösten sich aus der Gruppe und wir begannen uns auszutauschen - was in letzter Zeit Interessantes passiert war. Viel war es nicht, schließlich war Prüfungszeit. Pascha war das Gegenteil von Artjom und schob immer alles bis zum letzten Moment auf, besonders das Lernen, während Artjom ständig die Nase in den Büchern hatte. Nun kam auch Olga zu uns und ich lud sie alle auf das Picknick ein, denn ich hatte genug für vier Personen eingekauft - zum Beispiel gab es in meinem neuen Lieblingssupermarkt die Kiwis nur im 10er-Pack, und sowieso waren die Portionen dort alle ein wenig größer. Artjom wollte aber nicht mitkommen, beziehungsweise sagte er "später" - was die höfliche russische Umschreibung für "nein danke" war.

Ich hatte vergessen, ein Handtuch oder eine Decke einzupacken, also nahmen wir den Plastikbeutel als Tisch und Pascha zerpflückte seine Unterlagen - die kopierten Prüfungsfragen - und nahm sie als Sitzunterlage im Gras.
Bisher waren wir größtenteils von Mücken verschont geblieben - dafür ist der russische Frühling schließlich bekannt. Ich nahm an, sie waren vom Kälte- und später vom Hitzeeinbruch völlig aus dem biologischen Gleichgewicht gebracht worden, aber nun war es kühler geworden und sie begannen zu schlüpfen. Kaum saßen wir im Gras zwischen den Bäumen im Park neben Gebäude 2, ließ sich schon die erste Mücke auf mir nieder. Sie schwirrten so dicht um uns herum, dass ich mehr mit dem in der Luft Fuchteln beschäftig war als mit dem Essen. So dehnten wir das Picknick auch nicht ewig aus, und die beiden gingen wieder nach drinnen um sich geistig auf den mündlichen Teil vorzubereiten.


Ich sah auf die Uhr, in einer halben Stunde begann eine Vorlesung. Es war schon ganz ungewohnt für mich, wieder so regelmäßig zu Vorlesungen zu gehen. Dabei hatte ich eigentlich kaum noch welche. Die russische Vorlesung war mit einer Prüfung abgeschlossen worden, der Antennen-Kurs auch, und eine Vorlesung zu Modul 3 und 4 von Cisco sollte es nicht geben. Schon allein um mal aus dem Haus zu kommen, wollte ich mich zu den Ägyptern in die Vorlesungen zu Cisco-Modul 2 setzen.
So vergingen auch wieder zwei Stunden, und als ich wieder zu Hause war, begann erneut mit dem Durcharbeiten des Cisco-Materials. In einer Lernpause traf ich Murik in der Küche - er wollte Borschtsch zubereiten und fragte, ob ich es lernen wolle. Natürlich wollte ich das, und natürlich nutzte ich auch jede Gelegenheit zum Prokrastinieren. Wahrscheinlich hätte ich auch ein Cisco-Kapitel pro Tag geschafft, wenn meine Gedanken nicht so leicht abschweifen würden.
Murik hatte schon alles eingekauft, was er für den russischsten aller Eintöpfe brauchte: Kohl, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Kräuter und natürlich die Hauptzutat: Rote Beete. Es gibt dutzende, wenn nicht gar hunderte Varianten Borschtsch herzustellen; Murik wollte die ukrainische Variante zubereiten, die seine Mutter in ihrer Studienzeit gelernt hatte, es sollte ein vegetarischer Borschtsch mit roten Bohnen werden.
Zuerst kochte Murik die Bohnen in einen großen Topf mit viel Wasser und fischte einen Teil der gekochten Bohnen wieder heraus. Die restlichen Bohnen im Wasser sollten die Grundlage für den Borschtsch werden. Als nächstes schnitt er Zwiebeln und Möhren klein und briet sie in einem zweiten Topf mit reichlich Öl. Dann schälte er die drei roten Rüben raspelte sie, wobei er ebenfalls nicht alles davon in den Gemüsetopf warf. Er meinte, als der rohen Rübe könnte man einen leckeren Salat machen, und gerade seine Freundin aß die Rüben sowieso am liebsten roh.
In den Topf mit dem bratenden Gemüse kam schließlich noch Mehl zum Andicken. Der Kohl wurde in dünne Streifen geschnitten in den Topf mit der Bohnensuppe geworfen. Anschließend folgten das gebratene Gemüse und die in Stücke geschnittenen Kartoffeln.
Während des Kochens begannen sich Konsistenz und Farbe des Eintopfs auf magische Weise zu verändern. Als es nach einer Stunde schon fast fertig war, schnitt Murik frische Kräuter hinein, die wie ein Pinienwald dufteten. Das war seine Geheimzutat, die er immer seinen Suppen zufügte.

Ich war die erste, die einen Teller des Borschtschs (das Wort dürfte unaussprechlich sein) probieren durfte. Murik meinte, am besten sei der Borschtsch, wenn er einen Tag lang steht und durchzieht, aber meistens bliebe nicht viel übrig, denn sämtliche Jungs aus dem Computerraum nahmen sich gerne einen Teller davon; es sei so eine Art Tradition - wenn man Borschtsch koche, dann für alle.
Ich hatte noch den Geschmack des Borschtschs im Gedächtnis, den ich in Sankt Petersburg probiert hatte und nicht besonders begeistert gewesen war, aber Muriks Borschtsch war einmalig anders. Er meinte, das Ziel eines guten Borschtschs sei, dass sämtliche Bestandteile gleich schmecken, und man keine Unterschied zwischen einer Kartoffel und einer roten Rübe feststellen konnte. Außerdem war es bei Murik ein richtiger Eintopf geworden, während in Sankt Petersburg der Löffel darin hatte stehen können. Murik meinte, es sei schwierig, die richtige Konsistenz zu finden, und es sei schon ein wenig dicker geworden als er geplant hatte. Und fast hätte er es vergessen: Es gehörte natürlich ein Kleks saurer Sahne in den Borschtsch, wenn er schon aufgetan war. Ich besaß noch etwas saure Sahne und fragte Murik, wie lang man die stehen lassen und anschließend noch essen konnte. Er meinte, maximal 3 bis 4 Tage, aber dann könnte man sie immer noch verwenden, zum Beispiel in Pfannkuchen einbacken, wie seine Mutter es gern tat.





18.05.
Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr meine Lieblingsserien im Internet verfolgt, was hauptsächlich an der langsamen Internetverbindung lag. Deshalb stand ich manchmal früher auf als gewohnt um so die schnelle Internetverbindung im Computerraum nutzen zu können, weil die meisten Jungs zu dieser Zeit noch schliefen - sie gingen normalerweise erst gegen 3 oder 4 Uhr morgens ins Bett.
Bei dieser Gelegenheit rief ich auch gerne über Skype in Deutschland an, wenn es nicht gar zu früh am Morgen war. Nebenbei war ich im Chat und schrieb mit der einzigen Person, die zu dieser Stunde im Internet - Artjom. Nach seiner Picknick-Aktion war ich nicht so sicher, ob er überhaupt daran interessiert war, noch etwas zusammen zu unternehmen, weshalb ich umso mehr überrascht war, als er vorschlug, sich auf einen Tee zu treffen. Er wollte in 10 Minuten an meinem Wohnheim sein und mich dann anrufen. Nach 10 Minuten hörte ich nichts von ihm, nach 15 Minuten ebenfalls nicht. Ich schrieb eine SMS, ob er schon auf dem Weg sei, und er rief zurück und meinte, schon eine ganze Weile zu warten. Meine Telefonnummer sei als "nicht erreichbar" gemeldet worden. Das war nicht das erste Mal, dass mir dies berichtet wurde, aber ich konnte mir nicht erklären, woran es lag.

Es war über Nacht schrecklich kalt geworden, das Thermometer an Gebäude 1 zeigte nur noch 6 Grad an, deshalb beschlossen wir auch, nicht allzu weit spazieren zu gehen und stattdessen in die Cafeteria am Ende des gruseligen Gangs im Kellergeschoss dieses Gebäudes zu gehen.
Es war angenehm, nach so langer Zeit wieder mit Artjom zu plaudern; er erzählte, dass er man liebsten zum Masterstudium nach Brno in der Tschechischen Republik gehen würde, da die ISTU dort eine Partneruniversität hatte. Nur Tschechisch musste er dafür lernen. Doch es gab ein tschechisches Sprachzentrum in Izhevsk, und die tschechische Sprache musste für Russen so leicht zu lernen sein wie holländische für Deutsche.

Nachdem ich den restlichen Tag wieder Cisco gewidmet hatte, ging ich zum krönenden Abschluss zum Cisco-Praktikum am Abend - und heute wärmte sich sogar mein Verhältnis zu Emilyanov auf. Wir waren mittlerweile nur noch drei Studenten im Praktikum und Emilyanov begann etwas Zeit aufzuwenden zu schauen, was ich eigentlich trieb. Wir waren bei einem schwierigen Kapitel angelangt, einer Komplexübung zum Thema Routing, und gegen Ende der Stunde malte er mir auf, was er sich zu diesem Thema eigentlich gedacht hatte, wofür jedoch die Zeit nicht mehr reichte und schrieb mir die entsprechenden Befehle auf, die ich noch brauchte. Er sagte es zwar nicht, aber ich nahm stark an, dass es Teil der Abschlussprüfung ist.
Nach dem Abschluss des Praktikums wartete ich noch auf ihn, wie ich es für gewöhnlich in den anderen Lehrveranstaltungen tat und griff beim Aufräumen mit zu. Wir wechselten einige Sätze und ich bedankte mich für die Schlusserklärung. Emilyanov wirkte mit einem Mal nicht mehr so steif, und als wir gemeinsam zur Bushaltestelle gingen, wechselte unser Gespräch sogar ins Private. Vielleicht hatte ich mich in ihm ja doch geirrt; vielleicht kann man auch zu ihm ein kumpelhaftes Verhältnis aufbauen.

Zurück im Wohnheim bat ich Murik, mir etwas mit dem Gitarrenspielen zu helfen; ich wollte nun langsam ein richtiges Lied anfangen, nachdem ich wusste, wo ich die Noten auf der Gitarre fand.
Murik schlug vor, ich solle mit dem gleichen Lied anfangen, an dem auch Tofik oft übte; es war ein für Anfänger geeignetes Stück der russischen Band Splean. Dazu gab mir Murik ein Programm, das Musik in Midi-Form abspielte und die Noten anzeigte. Die gab er mir gleich dazu und erklärte das System. Ich fand es erst etwas verwirrend, da man die Gitarrennoten praktisch auf dem Kopf stehend lesen musste, denn die unterste Notenzeile entsprach der obersten, dicken Saite der Gitarre. Als mein armes Hirn das erstmal verarbeitet hatte, begann ich zu zupfen bis mir die Finger bluteten - natürlich nur im Übertragenen Sinne, obwohl die unterste Saite schon recht scharf sein kann, vor allem, wenn man sie mit dem kleinen Finger hält.
Ich wollte niemanden mit meinem Üben zum Wahnsinn treiben und hatte deshalb Murik gebeten, die Gitarre in mein Zimmer mitnehmen zu können. So trieb ich nur meine Zimmernachbarn in den Wahnsinn, die alsbald begannen, laute Musik abzuspielen.

Freitag, 18. Juni 2010

Ich lebe noch! Teil 6. (09. Mai bis 13. Mai)

Vom endgültigen Besiegen der Deutschen, guten Freunden und dem Lösen zumindest einiger Rätsel

09.05.
Der 9. Mai ist wohl der befremdlichste Feiertag für eine Deutsche in Russland, denn man feiert im ganzen Land mit Militärparaden den Sieg über Deutschland im zweiten Weltkrieg. Es ist kein schönes Thema, aber was konnte man da anderes machen als mitzufeiern? Zumal es wirklich ein Grund zum Feiern ist, dass damals den Verbrechen und dem Größenwahn des faschistischen Deutschlands Einhalt geboten werden konnten.

Wieder früh am Morgen war ich mit Olga bei Dima und Nastya zu Hause verabredet um anschließend gemeinsam zu der Parade zu gehen. Olga traf ich zur verabredeten Zeit nicht an, doch es war immer ein wenig schwierig, mit ihr zu telefonieren, weil wir die Hände zum Sprechen dabei nicht gebrauchen konnten, also rief ich Dima an, ob sie vielleicht schon bei ihm sei. Er bestätigte das. Los ging es aber noch lang nicht. Gerade jetzt waren wieder irgendwo Internetleitungen ausgefallen und sonst schien niemand in Dimas Unternehmen kompetent genug zu sein das Problem zu beheben. Während er telefonierte und sich Kontrollausgaben auf seinen Bildschirm holte, saßen wir in der Küche, tranken Tee und Kater Vasily strich zwischen unseren Beinen herum. Er war geschoren worden und sah nun wie ein beleidigtes Schweinchen aus; nur noch ein Kragen aus langem Fell und eine zottelige Schwanzspitze waren ihm geblieben.
Gut eine halbe Stunde später waren wir zum Aufbruch bereit, wobei es bei Dima naturgemäß immer etwas länger dauerte bis er in die Gänge kam, deshalb wir demonstrativ das Haus verließen und vor der Tür auf ihn warteten. Nastya meinte dazu auch, dass er sogar im Bad länger brauchte als sie.

Izhevsk ist ein Dorf, in dem sich jeder kennt, und so überraschte es mich wenig, dass Nastya meinte, Artjom wollte uns im Zentrum treffen. Die beiden kannten sich über Artjoms Schwester. Wahrscheinlich brauchte man deshalb in Russland keine Telefonbücher - man konnte sicher jede Telefonnummer über einen Bekannten von Bekannten eines Bekannten herausfinden.

Die Straßenbahnen waren voll, aber nicht ganz so voll wie am 1. Mai, dafür standen im Zentrum vor dem Präsidentenpalast die Schaulustigen in fünf bis sechs Reihen hintereinander die gesamte Straße entlang. Die Veranstaltung hatte wieder einen regelrechten Volksfestcharakter; überall wurden Essbares und bunte, blinkende Spielereien aus China verkauft. Wir quetschten uns in die Menge, und mein Blick wurde hauptsächlich von Luftballons versperrt, nicht etwa von anderen Köpfen.
Stramm und still standen die Uniformierten in der heißen Mai-Sonne und warteten auf ein Signal.
Das Signal kam aus einem Lautsprecher: Man übertrug live die Parade vom Roten Platz in Moskau, mit dem Ziel, dass überall im Land die Paraden zur gleichen Zeit begannen.
Der Sprecher kündigte feierliche die Kompanien mit ihren Kommandanten an und ich begann mich zu langweilen. Er sprach langsam und deutlich genug um ihn zu verstehen, aber nach einer Weile hörte ich gar nicht mehr zu. Unsere Soldaten rührten sich immer noch nicht und Dima weihte mich in ein Geheimnis ein: Das seien gar keine Soldaten, sondern Kollegen aus Telekommunikationsunternehmen, Polizisten und Studenten. Sogar eine Schülergruppe war dabei.

Der Sprecher begann eine Rede über das Ende des Kriegs und die tapferen Soldaten zu halten, unser Präsident sprach nun auch noch einige Wort und dann endlich setzten sich die Uniformierten in Bewegung, das heißt, sie drehten sich nach rechts um. Wieder passierte erstmal nichts, doch dann kam das Signal zum Losmarschieren. Sie stapften einmal die Straße hinunter und wieder hinauf, und dann war die Parade auch schon vorbei. Ich hatte ja gehofft, Herrn Kalaschnikow zu sehen, aber mit über 90 Jahren war er wahrscheinlich nicht mehr so sehr an Militärparaden interessiert. Gergö hatte behauptet, dass Kalaschnikow wahrscheinlich gar nicht mehr lebte, und dass sie ihn bei den wenigen offiziellen Veranstaltungen durch einen Doppelgänger ersetzt haben bzw. ersetzen werden. Das fiele erstmal nicht auf, höchstens vielleicht mit 120 Jahren. Russland ist schließlich ein Land, das vor allem von viel Schein beherrscht wird.

Im Laufe der Veranstaltung konnte ich immer weiter durch die Menschenmenge nach vorne rutschen, wenn sich Leute mit schwachen Blasen und quengelnden Kindern aus den ersten Reihen entfernten, sodass ich gegen Ende der Parade in der ersten Reihe stand.







Anschließend gingen wir in den Park hinunter zum ewigen Feuer. Der offene Platz war an diesem Tag voller Familien, die ihren Großeltern zuliebe diesen Tag feierten; sie legten rote Nelken an den Gedenksteinen nieder. Sehr viele Veteranen mit glänzenden Orden an der Brust hatten sich hier versammelt, und gebeugte Omichen schenkten ihnen Blumen. Aus den Lautsprechern kam traditionelle russische Musik. Die Menge drängte sich zusammen um Platz zu machen für den Wachwechsel: Junge Kerle mit gefährlichen Waffen im Stechschritt.



Nach den offiziellen Feierlichkeiten begannen die eigentlichen Feierlichkeiten, denn wir waren ja in Russland... Wir suchten den nächsten Supermarkt auf, ich besorgte die Lebensmittel für ein Picknick, und Dima den Wodka. Artjom und seine Freundin begleiteten uns zwar, aber sie machten keine Anstalten, sich am Feiern beteiligen zu wollen. Artjom war genau wie Olga ein Botanik, ein Streber, doch Olga stieß heute mit uns an, und zwar auf einem Spielplatz. Wir nahmen alle auf einem Karussell Platz, das sich bald mehr durch den Wodka drehte als es physikalisch möglich gewesen wäre.
Dima hatte ein Teufelszeug gekauft: Nemiroff mit Peperoni-Zusatz. Es brannte in Lunge und Augen, wenn man es sich die Kehle hinunter kippte. Zum Glück hatten wir Schokolade und Saft um den Geschmack auszulöschen, und Olga hatte Sandwiches geschmiert und mitgebracht. Ich hatte auch Sonnenblumenkerne gekauft, musste mir aber erklären lassen, dass zivilisierte Russen sowas eigentlich nie äßen. Es sei den sogenannten Gopniks vorbehalten - Leute mit geringer Bildung, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, und gegen Abend begannen, im Rudel Passanten anzumachen und zu versuchen, sie in einen Faustkampf zu verwickeln, oder auch jemandem die Gitarre zu klauen, wenn er sie mit sich herumtrug. Alles in allem keine Leute, denen man mit Freude im Dunkeln begegnet.

In unserer Spielplatzgesellschaft sah es nicht so aus, als wollen die meisten mit uns anstoßen; bisher tranken nur Olga, Dima und ich - deshalb kontaktierte Dima einen Bekannten, den er als "Trinker" bezeichnete. Wir trafen ihn auf einem anderen Spielplatz, er hatte eine 2-Liter-Plastik-Flasche Bier der Marke "grün" dabei, die er allein trank, nahm aber auch gern den Rest unseres Peperoni-Wodkas dazu. Wir merkten, dass unserer Vorräte mit ihm nicht ausreichen würde und gingen gemeinsam in den nächsten Supermarkt um mehr zu kaufen. Wir sprachen über Kalaschnikow und der Trinker wusste sogar, wo Herr Kalaschnikow wohnt und führte uns zu seinem Haus: Straße Sowjetskaja 21a, mitten im Zentrum. Die Information war wahrscheinlich korrekt, weil ich schon vorher gehört hatte, dass er irgendwo in der Sowjetskaja-Straße wohne. Klingeln wollte ich dann aber doch nicht. Was hätte ich auch mit ihm sprechen können?

Der Trinker bestand auch darauf, fettige Wurst zu kaufen, denn das sei die beste Kombination mit Wodka. Den Wodka spendierte er dann auch gleich. Wir fanden einen schönen ruhigen Platz auf einem Hinterhof, auf dem eine Bank stand, und daneben war ein Baum gefällt und in darauf sitzbare Stücke gesägt worden. Dima begann sie heran zu rollen und im Halbkreis um die Bank herum aufzustellen. Den Wodka schütteten wir in mitgebrachte Plastikbecher, die wir füllten, als wäre es nur Saft, die Wurst wurde nach dem Trinken herumgereicht wie ein Joint und jeder biss davon ab. Leider können die Russen keine Wurst herstellen; es schmeckt immer als wäre der Hauptbestandteil davon Pappe.
Der Trinker füllte unsere Gläser schneller als es mir lieb war und meinte dazu: "Zwischen dem ersten und zweiten Glas darf nach alter Tradition nicht viel Zeit vergehen." Ich entgegnete, es sei doch schon das fünfte Glas, doch er konterte, es sei das erste Glas von dieser Flasche... und so waren wir relativ gut abgefüllt als wir schließlich zu Stasya fuhren - sie hatte ich am 1. Mai kennengelernt und nicht gedacht, dass ich sie noch einmal wiedersehen würde.



Doch Stasya bildete praktisch das Zentrum dieses sehr ausgedehnten Freundeskreises. Bei ihr - oder genauer gesagt auf ihrem Hausdach - lief alles zusammen.
Sie wohnte im obersten Stockwerk eines Plattenbaus, zufälligerweise in der Nähe von Olga, Dima und auch des Trinkers. Und auch nur drei Busstopps entfernt befand sich unsere Uni. Izhevsk war wirklich ein Dorf - mit über 600.000 Einwohnern.

Es stellte sich als nicht besonders schwierig heraus, im angetrunkenen Zustand die Feuerleiter hochzuklettern, nachdem Dima es geschafft hatte, die schwere Dachluke aufzustoßen.





Natürlich konnte nach typisch-russischer Gemütlichkeit die Gitarre nicht fehlen, und so verbrachten wir den Rest des Nachmittags auf dem Dach, wobei am Anfang noch mehr gespielt wurde als nach der Leerung der restlichen Flaschen.



Die Sonne knallte von oben und wir alle bekamen einen Sonnenbrandt - außer Dima und Nastya, die sich intelligenterweise unter einen Sonnenschirm zurückgezogen hatten. Im Laufe des Abends kamen immer mehr Bekannte von Stasya. Ich war langsam besorgt, ob das Dach uns alle aushalten würde - es war schließlich nur ein Plattenbau, der mit Dachpappe abgedeckt war, und wie wir dort oben betrunken zwischen Antennen und hängenden Leitungen umherliefen, erschien mir auch nicht so besonders sicher. Aber wie immer, wenn man in einer Stimmung ist, kümmert man sich nicht darum.
Die Sonne begann klar und warm hinter den anderen Plattenbauten unterzugehen, im Stausee spiegelten sich die Fabriken an seinem Ufer - eine wahrhaft russische Romantik. Ein seltsamer Mann mit udmurtischer Kopfbedeckung begann auf Trommeln zu spielen. Wir lachten und scherzten, und je mehr der Abend fortschritt, desto mehr Russisch lernte ich... es waren vor allem Worte wie "Alkoholikerchen", und ich konnte auch selbst mit einigem Vokabular auftrumpfen, das man nicht unbedingt im Wörterbuch fand - als mich der Trinker zu beleidigen begann, ließ ich ihn wissen, dass ich seine Mutter gevögelt hätte. Stasya und ich gaben uns ein High-Five. Beim Rest des Abends wird jedoch meine Erinnerung langsam schwach, was aber hoffentlich nur daran liegt, dass es mittlerweile einen Monat her ist... wir gingen nach dem Feuerwerk nach draußen und endeten irgendwie in der Wohnung des Trinkers, der für alle einen großen Topf Pelmeni und Tee aufsetzte, allerdings besaß er nicht genug Geschirr für so viele Leute - wir waren mittlerweile bestimmt 10 Gäste; einige saßen um den Küchentisch, aßen und plauderten, andere gingen ins Wohnzimmer und begannen Musik abzuspielen. Olga wollte unbedingt wissen, ob Albert einen Forschungspreis gewonnen hatte, war aber zu schüchtern, um Internetzugang zu bitten. Ich fragte schließlich für sie und schüttelte innerlich den Kopf. Ein Partytier war sie nicht gerade. Doch ich sollte von ihr überrascht werden, denn wenige Minuten später begann sie mit mir zu tanzen - und wie! Auch die allgemeine Stimmung war irgendwo hin gekippt und wir konnten eine neu angekommene Bekannte von irgendwem beim Strippen bewundern. Wir waren wohl alle ziemlich hinüber. Dann begannen Olga und der Trinker wild zu knutschen - das erschien als offensichtliches Zeichen, dass der Abend vorbei war.
Dima und Nastya, und zwei mir unbekannte Partygäste begleiteten mich zum Wohnheim, wo ich überraschenderweise noch um diese Uhrzeit (war es drei Uhr morgens?) hineinkam, und ich musste gar nicht so lange klingeln und klopfen...





10.05.
Diese Nacht schlief ich schlecht. Es war kochend heiß im Zimmer, dass ich selbst mit offenem Fenster und ohne Decke noch schwitzte. Ich gab den Kampf schließlich auf, schnappte mir mein Notebook und ging ins Computerzimmer. Im Chat fand ich auch um diese Uhrzeit noch Leute aus Deutschland vor, dank der zwei Stunden Zeitunterschied. Nebenbei begann ich ein wenig und leise auf der Gitarre zu klimpern.
Gegen 5 Uhr ging die Sonne auf und ich fühlte mich müde genug zum Schlafen, außerdem war der erste Zocker schon wieder in den Computerraum gekommen und begann die Fußball-WM zu spielen.
Angenehmer war es zwar immer noch nicht geworden, aber für ein paar Stunden Schlaf reichte es.
Der Schädel brummte gewaltig, als ich gegen 10 Uhr aufstand. Nun war es doch die ideale Zeit, Olgas eingekochte Gurken auszuprobieren - die sollen angeblich helfen. Nur bekam ich das Glas nicht auf. Glücklicherweise fand ich Murik im Computerraum vor. Er sah mich mitleidig an und öffnete mir das Glas, indem er einfach den Deckel aufschnitt. Außerdem nötigte er mich dazu, Kefir zu probieren, denn das sei ebenfalls ein Wundermittel gegen den Kater. Ich holte ein Schnapsglas um die Flüssigkeit mit angemessener Vorsicht zu probieren. Es war das grausamste, das ich seit Langem probiert hatte, und ich konnte absolut nicht verstehen, wie Russen das normalerweise in 1-Liter-Beutel-Portionen trinken konnten. Die Gurken waren genauso grausam; mir gelang es nicht einmal eine halbe zu essen; sie waren völlig versalzen und hatten einen Nachgeschmack von Essig, sodass mir noch schlechter wurde als mir jetzt schon war... ich legte mich wieder ins Bett.

Am Nachmittag ging es mir langsam besser und ich ging Olga zu besuchen. Sie hatte entgegen aller Erwartungen die Nacht allein im eigenen Bett verbracht und war schon wieder fleißig am Lernen. Bald sollte die Prüfung in einem Fach stattfinden, zu dem es insgesamt wohl höchstens zwei Vorlesungen gegeben hatte, weil Albert natürlich immer etwas Wichtigeres zu erledigen gehabt hatte. Nun hatte er seinen Studenten aufgetragen, sein Buch zu dem Thema zu lesen. Das war allerdings auf Russisch, weshalb ich beschlossen hatte, diese Prüfung nicht mitzuschreiben. Aber ich hatte auch ohne diese Prüfung genug zu erledigen; da waren zum einen die üblichen Cisco-Prüfungen, und zum anderen drohte die Prüfung im Fach Antennen, zu der ich noch einen ganzen A4-Zettel mit Fragen ausarbeiten musste. - Dennoch, ein wenig Zeit zum Treffen mit Freunden blieb immer.

Olga tischte mir Kuchen auf und bestand darauf, dass ich auch welchen mit nach Hause nahm, denn sie hatten bereits zwei ganze Kuchen gegessen und konnten einfach nicht mehr. Sie hatten sie von Nachbarn und Freunden bekommen, genauer gesagt, Olgas Großmutter hatte sie bekommen, denn der 9. Mai war auch der Feiertag der Kriegsgeneration, die für all ihre Entbehrungen eben Kuchen bekamen.

Am Abend war ich bei Dima und Nastya eingeladen. Wir hatten davon gesprochen, dass sie einen seltsamen holländischen Film kannten, den ich mir unbedingt anschauen sollte - er hieß "Naar de Klote", was soviel hieß wie "in die Eier" oder weniger wörtlich heißt, dass alles den Bach runter geht.

Als ich heute zu ihnen kam und der Fahrstuhl auf jeder Etage anhält und die Türen öffnete, musste ich lächeln... das war so typisch Russland. Und ich habe mich so dran gewöhnt, dass immer etwas nicht ganz funktioniert, weggebrochen ist oder ungewöhnliche Geräusche macht, dass ich es echt vermissen werde, wenn ich Russland verlasse - sogar meinen Poltergeist-Kühlschrank, den ich mittlerweile gar nicht mehr hörte.

Dima öffnete mir grinsend die Tür und Nastya setzte Tee auf. Dann holte sie eine große Pfanne hervor und goss Öl hinein, dann Maiskörner aus einer Tüte hinterher. Das sollte Popcorn werden. Der erste Versuch verbrannte, und so gingen wir hinunter in den Supermarkt um eine neue Tüte zu kaufen - aber auch nicht mehr. Normalerweise wird so etwas zu einem ausgedehnten Einkaufsbummel, aber nicht bei Nastya. Die nächste Ladung gelang, aber als Nastya das Popcorn mit Salz anrichten wollte, stöhnte ich entsetzt auf. Waren die Deutschen denn die einzigen, die Popcorn süß aßen? Ich erzählte, dass man es wunderbar mit Honig zubereiten konnte, aber Honig war sehr teuer in Russland und Nastya hatte kein Glas im Haus. So aßen wir das Popcorn als Kompromiss nur mit Butter.

Der Film war wirklich ziemlich merkwürdig; es wurde wenig gesprochen, aber wenn, dann auf Holländisch. Eigentlich bestand der Film nur Techno-Musik und grellen Farben, und natürlich Drogen. Danach fühlten wir uns alle allein vom Anschauen des Films irgendwie high und beschlossen, die Runde in die Küche zu verlegen um Tee zu trinken.
Ich hatte einige der Ausdrücke übersetzt, hauptsächlich die Schimpfworte, und so fühlte sich nun Dima dazu verpflichtet, meinen russischen Schimpfwortschatz aufzubessern. Besonders lustig fanden wir es, als wir den holländischen und russischen Wortschatz abglichen - vor längeren hatten Matthias und ich die Theorie aufgestellt, dass jedes holländische Wort ein Schimpfwort in einer anderen Sprache ist. Zu der Sammlung kann man nun das Wort "schat" hinzufügen, das dem Russischen Wort für "scheißen" ziemlich ähnlich klingt.

Wie kam überhaupt ein holländischer Film nach Russland, fragte ich. Sie erzählten mir, dass ein Freund von ihnen den Film in einem alternativen Kino gezeigt hatte, und dass er sogar holländisch sprach und den Film für sie übersetzt hatte, wodurch sie den Sinn des Films zwischenzeitlich verstanden hatten, aber mittlerweile nicht mehr.

Nun wurde es spät und im Wohnheim war heute eine neue Etagen-Omi verantwortlich, von der ich nicht sagen konnte, ob sie das Zuspätkommen dulden würde, deshalb nahm ich gerne die Einladung an, bei Dima und Nastya zu übernachten. Ihre Wohnung war nicht groß; das Wohnzimmer wurde nachts durch Ausklappen der Couch zum Schlafzimmer, und erst bestanden sie darauf, dass ich das "Bett" nahm, aber ich erzählte ihnen, wie toll ich es in Usbekistan gefunden hatte, wo wir zu siebend auf Decken auf dem Boden geschlafen hatten, und dass ich es sogar bevorzugen würde, auf dem Boden zu schlafen... anders konnte man der Höflichkeit der Russen nicht entgegentreten.
Es wurde noch eine lange Nacht, wir schwatzend bestimmt bis 3 Uhr morgens durch und hörten selbst dann nicht auf, als wir schon im Dunkeln in den Betten lagen. Ich mochte die beiden wirklich gern; Dima und Nastya waren Menschen, auf die man immer zählen konnte.

11.05.
Dima und ich quälten uns früh am Morgen nur mit Mühe aus dem Bett, während Nastya schon munter in der Wohnung herumsprang. Mehr als 4 oder 5 Stunden Schlaf waren es bestimmt nicht gewesen, doch Nastya brauchte auch nicht mehr. Dima hingegen war eine Schlafmütze wie ich und lag bis zur letzten Minute im Bett, bis es wirklich Zeit war aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Es war wirklich keine gute strategische Planung gewesen, so einen Abend mitten in der Woche zu veranstalten.

Ich als fauler Student konnte mich noch einmal aufs Ohr hauen, was ich auch tat, jedoch nicht lange, da es noch genug für mich zu Studieren gab. Und damit natürlich wieder Verwirrungen, seit Albert wieder alles organisierte. Erst hieß es, die Praktika würden dieses Semester montags stattfinden, dann schickte Albert eine Korrektur nach: Nein, doch dienstags. Also war ich im festen Glauben, heute ein Praktikum zu haben, denn es war Dienstag, aber da flatterte von Albert eine Mail herein, in der er schrieb, die Vorlesungen für die Ägypter begännen wieder am Mittwoch, und das Praktikum fände am Donnerstag statt. Ich stellte noch einmal die Rückfrage: Ist das eine Ausnahme, dass das Praktikum am Donnerstag ist? Darauf erhielt ich keine Antwort mehr und beschloss, nicht auf gut Glück zu Gebäude 5 zu fahren, zumal auch der Russischkurs ausfiel, der davor hätte stattfinden sollen.

12.05.
Heute gab Albert die erste reguläre Veranstaltung seit fast drei Wochen.
Eigentlich war fast damit zu rechnen gewesen, dass mir er mich gleich als erstes fragte, warum ich denn gestern nicht zum Praktikum gegangen war - das war so typisch für ihn. Ich erklärte ihm, dass er in seiner Mail geschrieben hatte, das Praktikum fände am Donnerstag statt. Er erwiderte, dass er damit das Praktikum der Ägypter gemeint hatte. Ich sah ihn zweifelnd an: "Aber ich hab dir doch sogar noch eine Mail geschrieben und nachgefragt - liest du überhaupt meine Mails?" Daraufhin grinste er nur vielsagend. Doch damit war es nicht genug... in den nächsten Tagen zog er mich mehrfach damit auf, dass ich nicht vergessen solle, am Dienstag zum Praktikum zu gehen... Ich beschloss, diese Anmerkungen als Selbstironie durchgehen zu lassen. Zumal ich ja auch froh war, dass er von den Toten zurückgekehrt war, doch er hustete immer noch wie ein Kettenraucher. Ich gab ihm eine Packung Halstabletten, die ich zufällig dabei hatte und frage ihn, was ihm nun eigentlich gefehlt hätte, aber das wusste er auch nicht so genau. Er sei beim Arzt gewesen, der hätte ihm vor allem viel Schlaf verschrieben. Als es nach einer Woche immer noch nicht gebessert hatte, rief er einen befreundeten Arzt an und ließ sich über das Telefon diagnostizieren. Der Freund kam zur gleichen Schlussfolgerung wie der erste Arzt. Für mich klang das eher wie russisches Krankheitsroulette: "Entweder es ist was Harmloses, dann geht es von allein wieder weg - oder es ist etwas Ernstes, aber wie wahrscheinlich ist das?"
Ich bin auch etwas im Zweifel über die Versorgung in russischen Krankenhäusern, seit ich eine Comedy-Sendung im Fernsehen gesehen hatte, in der zwei Patienten Poker spielten - wer gewann, durfte sich den Tropf anstecken. Ein Krümelchen Wahrheit wird wohl in diesem Sketsch gesteckt haben.

Nach der Vorlesung hatte Albert etwas Zeit und wir beschlossen, das Mittagessen nachzuholen, zu dem wir uns vor seiner Grippe verabredet hatten. Wenn schon - denn schon, schien er sich zu denken und führte mich in ein gehobeneres Café aus - Café Bravo an der Wendeschleife der Straßenbahnlinie 1 - in dem er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war, aber er meinte, dass es nachts zu einem Striplokal wurde. Ich fragte nicht nach, woher er das wusste.
Ich bestellte das gleiche wie Albert, weil es das einfachste war, das gleiche noch einmal zu bestellen, anstatt sich durch den Dschungel russischer Wörter für Vorspeisen und Beilagen zu kämpfen. Es war ein Stück Fisch mit Gräten, und weiß Gott war ich froh, dass mir mein Vater beigebracht hatte, wie man die Rückengräte auf elegante Weise entfernte - wenn ich mir auch sonst nicht viel an Tischmanieren angeeignet hatte. Zum Nachtisch hatte ich mir eine Art Wackelpudding mit Früchten genommen, der jedoch gewöhnungsbedürftig süß im Vergleich zu seinen deutschen Verwandten war. Albert hatte sich eine andersfarbige Variante geholt und wir probierten gegenseitig von unseren Desserts. Hmm, Bazillen...
Wir sprachen auch darüber, dass es wohl langsam an der Zeit wäre, über meine Masterarbeit nachzudenken, oder sie zumindest an-zudenken, wobei ich das Wort "pre-think" kreierte und Albert mich zweifelnd ansah. Aber nach meiner Erklärung dieses Wortes versprach er, mir heute noch die Materialen zu schicken, die ich zu dem Thema lesen sollte. Ich fragte ihn, wie er sich nur immer an all die Sachen erinnern könne, die er noch zu erledigen hatte. Er erwiderte lachend: "Ich erinnere mich nicht!" Das erklärte einiges, und ich meinte, dass es nicht so dringend wäre, da ich sowieso noch den Rest der Woche für meine Antennen-Prüfung am Samstag lernen musste.

Wir gingen zu Fuß zurück zur Uni, und während wir lachend die bewaldeten Wege entlang spazierten, wurde mir erst bewusst, wie sehr ich ihn als Freund in den letzten Wochen vermisst hatte. Er konnte ein wirklich guter Freund sein, wenn er etwas Freizeit und nicht gerade zwölf andere Dinge zur gleichen Zeit zu erledigen hatte. Und er war auch so etwas wie ein Beschützer und eine Vaterfigur für mich.

Als ich nach Hause kam, lief das Wasser in der Dusche und heißer Dampf kam unter der Tür hervor. Erst kümmerte ich mich nicht darum, aber als eine Stunde später immer noch das Wasser lief, fragte ich mich dann doch, wie lange man so lange duschen konnte. Dann stellte später fest, dass das Licht aus war, öffnete die Tür und mir kam ein Schwall heiße Luft entgegen. Etwas erschrocken öffnete ich vorsichtig den Duschvorhang, einen geplatzten Boiler oder Schlimmeres erwartend, aber es lief einfach nur das heiße Wasser. Bestimmt schon den ganzen Tag. Ressourcen wurden in Russland gerne verschwendet. Ich schob mich an der Wand entlang zum Wasserhahn und drehte ihn ab. Meine Brille war sofort vom heißen Dampf beschlagen. Ich fragte mich ernsthaft, wie man die Duschen verlassen, das Licht löschen aber vergessen konnte, den Wasserhahn abzudrehen.

Heute Abend sollte ich jedoch hinter ein anderes Rätsel kommen: Seit Wochen schon war mir immer wieder ein seltsamer Geruch aufgefallen, etwa wie in Butter gebratenes Lachsfilet, aber sehr viel intensiver. Ich persönlich hatte es schon lange unter "Jemand kocht Essen" mental abgeheftet, aber Murik hatte mich wieder einmal darauf aufmerksam gemacht. Er hasste diesen Geruch und verrammelte ärgerlich die Balkontür im Computerraum als der Wind den Geruch ins Zimmer trieb. Auch er hatte lange gerätselt, woher dieser Geruch kam, und heute hatten sich die Verursacher gestellt: Die beiden Jungs aus irgendeinem -istan-Land, denen ich den Spitznamen "Frettchen-Brüder" gegeben hatte, saßen mit einer riesigen Wasserpfeife auf dem Balkon. Der Geruch kam von der Kohle, die sie in der Küche auf dem Ofen erhitzt hatten, und begleitet wurde ihre Tätigkeit von einem Geräusch, als würde ein Heißluftballon starten. Wasserpfeifen waren nichts Neues für mich nach zwei Monaten Usbekistan, aber so eine belästigende Variante wie diese hatte ich noch nie gesehen, gehört und gerochen.

Murik kam zwar auch aus einem -istan-Land, nämlich Turkmenistan, aber er hatte mit dieser Kultur nicht viel am Hut, was wahrscheinlich auch der Grund war, weshalb wir uns so gut verstanden. Und wahrscheinlich auch, weil er so gut Englisch sprach. Mit den anderen Jungs - außer Tofik - hatte ich selten mehr als ein "Privet" gewechselt. Es ist schwieriger als man denkt, alle Menschen gleich zu behandeln, und gerade bei jungen Männern aus islamisch geprägten Ländern scheint immer eine unsichtbare Barriere zwischen uns zu bestehen. Ich hatte tatsächlich ein engeres Verhältnis zu unseren Professoren als zu meinen ägyptischen Mitstudenten.

Ich hatte schon ein paarmal erwähnt, dass Murik gerne kochte. Das tat er vor allem, wenn seine Freundin zu Besuch war. So auch heute, und es blieb wieder ein großer Teller Suppe für mich übrig. Schon allein deshalb hatte es sich gelohnt, Geschirr zu kaufen, auch auf die Gefahr hin, dass es wieder geklaut werden würde. Der Suppenteller hatte einen Goldrand, und es stellte sich nicht als gute Idee heraus, die Suppe darin in der Mikrowelle aufzuwärmen, denn schon flogen die Funken. Ich rettete die Suppe in einen anderen Teller ohne Goldrand, und dann endlich konnte ich sie genießen... sie schickte mich auf eine kulinarische Kopfreise; ich war so begeistert davon, dass ich Murik bat, mir beizubringen, wie man so eine Suppe kochte. Er nahm mich beim Wort; schon wenige Tage später bekam ich eine erste Lektion im Kochen von Borschtsch-Eintopf.

13.05.
Diese Woche stand unter dem Thema "Feuerschutz", weshalb überall die Rauchmelder abgestaubt, manchmal auch kontrolliert wurden, und in allen Uni-Gebäuden und Wohnheimen Feuerübungen stattfinden sollte, die darin bestanden, dass jeder nach dem Hören des Alarms nach draußen rennen und 100 Meter vom Gebäude entfernt warten sollte.
Die verantwortlichen Organisationstalente hatten es geschafft, den Feueralarm genau dann anzusetzen, wenn Olga ihre Prüfung schrieb. Sie nutzten dafür ein Computersystem, das es unmöglich machte, die Prüfung zwischendrin zu pausieren - die Zeit lief weiter ab, genau 60 Minuten. Albert hatte schon gescherzt, dass er allein hinausrennen und sagen würde, er sei der einzige, der in diesem Kurs anwesend war. Aber es war Russland - da konnte man Gebäude-Evakuationen getrost ignorieren.

Nach der Prüfung traf ich mich mit Olga auf ein Picknick um die bestandene Prüfung zu feiern - natürlich hatte sie mit 97% abgeschlossen, etwas anderes hätte ich von ihr gar nicht erwartet. Nun, vielleicht 100%. Wir fuhren ins Zentrum, an den schönsten Platz der ganzen Stadt: Eingerahmt von Bäumen, Springbrunnen und einem Theater. Aus den Lautsprechern kam zum Sprudeln der Fontänen klassische Fahrstuhlmusik, und Olga zeigte sich sehr verblüfft, dass man in Europa Musik in Fahrstühlen hatte. Es war sehr heiß, schon seit Tagen waren um die 26-27 Grad mit prallem Sonnenschein und keinem Wölkchen am Himmel. So war es mir an der Zeit erschienen, doch einmal Sonnencreme zu kaufen - vorher hatte ich nicht damit gerechnet, mit in Russland einen Sonnenbrand zu holen, doch auch hier gab es heiße Sommer. Nicht weit entfernt befanden sich viele Kaufhäuser, und nach einer langen Suche fanden wir schließlich im Kellergeschoss des ZUM-Kaufhauses eine Drogerie, die überteuerte Sonnencreme verkaufte. Aber wahrscheinlich sind Kosmetikprodukte im Allgemeinen in Russland teurer als in Deutschland, selbst für ein einfaches Deo-Spray hatte ich gut 4 Euro gezahlt.


So saßen wir also am Springbrunnen und genossen es, dass der Wind ab und zu etwas Wasser zu uns trieb und uns abkühlte; wir schmierten uns gründlich mit der Sonnencreme ein, sodass viele Hautstellen noch weiß voller Creme waren, doch als ich sie Olga aus dem Gesicht wischen wollte, zeigte sich, wie gut vorbereitet russische Frauen waren: Sie hatte einen Spiegel dabei. Und das, obwohl sich für die russischen Frauen in den meisten öffentlichen Einrichtungen lebensgroße Spiegel befanden.
Ich hatte Birnen, Saft und Kekse dabei, und so ließen wir es uns gut gehen. Wahrscheinlich zu gut, denn eine Frau drückte uns einen Werbezettel der Anonymen Alkoholiker in die Hand. Wir lachten uns darüber schlapp.

Nach einer Stunde musste Olga schon wieder los, weiterlernen... wir nahmen ausnahmsweise die Straßenbahn, die nicht an meiner gewohnten Haltestelle hielt, sondern in der Nähe des Zoos. Hier begegnete mir eine völlig veränderte Landschaft. Seit dem letzten Mal war das Gras ist plötzlich in die Höhe geschossen und die Bäume hatten sich dicht begrünt und begannen zu blühen; es war ein regelrechter Dschungel im Vergleich zur kargen grauen Winterlandschaft. In der Tat sah alles so verändert aus, dass ich mich fragte, ob diese Bäume schon immer hier gestanden hatten.



Das Wetter war sehr ungewöhnlich für Mitte Mai, genau wie der Schnee Ende April. Ich war gespannt, welche Wetterkapriolen noch folgen würden.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Ich lebe noch! Teil 5. (02. Mai bis 08. Mai)

Von ruhigeren Tagen

2. Mai
Russland hat mich gelehrt, gelassener zu sein und nicht mehr alles so genau zu nehmen und verbissen zu sehen, wie ich es vielleicht vor drei Monaten getan hätte. Es wunderte mich, dass meine Arbeit unter dieser neuen Einstellung nicht sonderlich litt. Ich hatte zwar keine Vorlesungen und keinen rechten Termindruck, aber Cisco wollte trotzdem gemacht werden, und so verbrachte ich den halben Tag damit, im neuen Modul zu lesen; dann legte ich die Arbeit hin um an meinem Blog zu schreiben, und als Gergö in der Tür stand und fragte, ob ich Lust auf einen Spaziergang hatte, sagte ich gern zu, denn man konnte nicht mit gutem Gewissen bei diesem Wetter den ganzen Tag drin vor dem Computer hocken.
Wir gingen hinunter in den Kirov-Park, der auch nicht so wirklich ein Park war, sondern ein kleiner asphaltierter Jahrmarkt ohne Reitgeschäfte. Es wirkte ziemlich sowjetisch. Gergö sprach begeistert davon, wie letztes Jahr in diesem Park eine Go-Kart-Bahn aufgebaut gewesen war, die aus so halsbrecherischen Kurven bestand, dass er nur betrunken hatte fahren können. Ich sah ihn skeptisch an. Es lagen einige zerfahren Reifen aufgestapelt am Rand des breiten Wegs. Das einzige, was Gergö noch mehr begeistern konnte, war der Gedanke an ein kühles Bier im Biergarten, oder zumindest auf der Veranda einer Kneipe. Wir drehten eine Runde und ließen uns in dem Café mit dem großen Colt als Markenzeichen nieder. Es wurde schon kühl, wie immer, wenn es auf den Abend zuging, aber trotzdem bestellte ich mir ein Eis. Man isst in Russland schließlich sogar und vielleicht am liebsten Eis, wenn es kalt ist. Ich fröstelte, löffelte aber tapfer mein Vanille-Eis mit Sirup. Man kennt hier nicht so viele Varianten von Eiscreme wie es in deutschen Restaurants üblich ist, dafür kann man aus einer ganzen Liste von Garnierungen auswählen, zum Beispiel verschiedene Liköre oder diese dicke, süße russische Kondensmilch.
Gergö wäre gern noch eine Weile sitzen geblieben, aber ich wollte heute noch eine kleine Cisco-Zwischenprüfung ablegen und dafür noch das Kapitel zu Ende lesen. Gesagt, getan, ich bekam es genau bis Mitternacht hin und ging dann, wie ich es mir zur Gewohnheit gemacht hatte, ins Internet um mit meinen neuen Bekannten aus Russland, und alten Bekannten aus Deutschland zu chatten. Heute schrieben mich unerwartet viele Studenten an und fragten, was mit Albert sei, ob ich schon irgendetwas von ihm gehört hatte, denn er war mittlerweile schon eine Woche krank, und seit zwei Wochen hatte es keine regulären Vorlesungen mehr gegeben, aber die Prüfungszeit rückte näher und die Studenten mussten ihre Prüfungsvorleistungen abgeben, um zur Prüfung zugelassen zu werden, dafür mussten die Studenten Unterschriften in ihrem Studienbuch sammeln. Offiziell mussten die Prüfungsvorleistungen und Testate diese Woche abgeleistet werden.
Die Studenten waren nun alle sehr besorgt - weniger um Albert, sondern eher um ihr Studium, denn die Bürokratie in Russland konnte ihnen wohl schnell die Suppe versalzen. Ich machte mir hingegen langsam Sorgen um Albert, da er nicht einmal mehr E-Mails schrieb. Ich wusste, dass er nicht ohne E-Mails leben konnte, selbst im Zug nach Sankt Petersburg hat er immer wieder versucht, sein E-Mail-Postfach per Handy aufzurufen. Ich hatte ihm eine "Gute Besserung"-Grußkarte gezeichnet und per Mail geschickt, aber nichts darauf gehört, weshalb ich mich gestern per SMS nach seinem Befinden erkundigt hatte. Was ich hörte, klang nicht gut, er hatte seit Tagen hohes Fieber, schrieb er, und sein Englisch klang wie im Fieberwahn.

3. Mai
Ich war mit Olga zum Mittagessen verabredet und warte auf sie vor unserer Universität zu Füßen des Denkmals des Ewigen Studenten. Die Sonne schien warm auf mich hinab, das Thermometer zeigte 21 Grad und alles war wieder grün geworden, als hätte es den Wintereinbruch letzte Woche nie gegeben. "Ich versteh dich Kumpel", sagte ich zu ihm und berührte das steinerne Podest. "Ich will hier auch nicht mehr weg."
So saß ich da und beobachtete die Welt an mir vorbeiziehen, als wäre ich selbst eine ewige Statue. Nur Olga riss mich aus meinen Gedanken, als sie einige Minuten später angehastet kam. Sie konnte erstaunlich gut in Stöckelschuhen und knappem Rock rennen - wie es eben nur eine echte Russin konnte. Sie musste im Moment wie eine Dauerläuferin rennen um alle Prüfungsvorleistungen zu sammeln; jeden Tag Testate und Unterschriften, und so freute ich mich umso mehr, dass sie etwas Zeit für mich fand. Sie hatte vorgeschlagen, Bliny essen zu gehen; ich vermutete schon, dass wir in das Restaurant gehen würden, das mir schon Marina vor einigen Wochen gezeigt hatte, aber wir nahmen einen so verschlungenen Pfad dorthin, dass es eine völlige Überraschung war, dort anzukommen. Wir nahmen einen Weg durchs Grüne hinter den Wohnheimen entlang, an kaputten Zäunen vorbei und stiegen nur knapp über eine Ameisenstraße. Die Tierchen waren erstaunlich groß. Plötzlich stoppte Olga und deutete auf einen Baum: "Listwenitsa!" Sie hatte es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, mir russisch beizubringen und begann mit Dingen, die ich noch nicht mal auf Deutsch benennen konnte. Sie erzählte, dass sie als Kind die jungen Zweige dieses Baums gegessen hatte. Noch viele weitere dieser Bäume begegneten uns auf dem Weg, und von einem hingen die Zweige gerade niedrig genug hinunter, dass man sie mit etwas Geschick erreichen konnte. Olga sprang also - in ihren Stöckelschuhen - und erwischte einige Nadeln und teilte sie schwesterlich zwischen uns auf. Es schmeckte... harzig, zitronig, aber im Ganzen sehr aromatisch und lecker. Ich sprang ebenfalls den Baum an, erwischte den Zweig aber nur mit den Fingerspitzen. Ich schlug eine Räuberleiter vor, aber dann begann die schier endlose Diskussion, wer hochklettern und wer die Leiter sein sollte; schließlich hob sie mich kurzerhand an und drückte mich den Baum hoch. Ich schnappte den Ast - "got it!", rief ich und ließ mich hinunter gleiten, und dann fielen wir uns lachend in die Arme. Es war ein Spaß! Passanten schauen uns irritiert an und Olga meinte: "Die denken sicher wir sind verrückt." Nun, für mich war das normal, aber Olga war eine zurückhaltende Person, die nie etwas Unüberlegtes oder gar Verrücktes tat. Durch mich sah sie sich jedoch an ihre Kindheit zurückversetzt und war eher bereit, Dummheiten anzustellen. Ich habe diesen Effekt auf Menschen, die zu viel Zeit mit mir verbringen.
So standen wir also, die frischen grünen Triebe von den Zweigen knabbernd, am Wegesrand und lachten über uns selbst.
Schließlich kehrten wir in das Bliny-Restaurant ein. Olga bestand darauf zu bezahlen und sah mich ganz böse an, als ich meine Geldbörse hervorholte. Außerdem bestand sie darauf, mir gleich zwei Portionen zu kaufen und meinte, von einer würde ich doch nicht statt werden. Es war absolut sinnlos, ihr zu widersprechen, und am Ende teilten wir uns den dritten Eierkuchen, da ich bereits platzte.

Ich hatte Olga meine neuste Origami-Entdeckung aus dem Internet nachgebastelt, eine sternförmige Schachtel, die ich aus unterschiedlichen Papiergrößen zusammengefaltet hatte, sodass es eine Matroschka-Schachtel aus mehren kleineren Schachteln geworden war. Olga liebte mein Origami und wollte immer genau wissen, wie man diese oder jene Figur bastelte, so bestanden unsere Treffen zum großen Teil aus Papierfalten. Aber auch Olga hatte mir erwartungsgemäß etwas mitgebracht - sie hatte immer irgendetwas für mich dabei, meistens etwas Essbares, und die Überraschung lag darin, was es diesmal war. Nun, diesmal war es ein großes Glas selbsteingelegter Gewürzgurken. Sie hatte schon seit einer Weile davon gesprochen, mir echte russische Gurken zu bringen, sodass ich das Land auch kulinarisch kennenlernten konnte. Ich brachte es nicht übers Herz, ihr zu sagen, dass eingelegte Gurken für mich ein Graus waren.

Auf Heimweg fühlte ich mich plötzlich seltsam, der Boden schwankte ein wenig, meine Wangen glühten - war der Baum am Ende giftig gewesen? Was hatte ich da überhaupt gegessen? Ich fühlte mich so seltsam, dass ich nicht einmal zu Fuß die acht Etagen hinauf stieg, sondern den Fahrstuhl des Grauens nahm. Ich sagte zum ihm: "Ich weiß, du magst mich nicht, und ich mag dich nicht, aber können wir für heute unsere Differenzen beiseite legen?" Er quietschte zustimmend und trug mich nach oben, wo mit einem Krachen die Türen aufsprangen. Ich ging direkt in den Computerraum und fragte die Jungs, ob sie schon mal etwas von "Listwenitsa" gehört hatten, und ob das Zeug giftig war. Wie echte Computerverrückte schlugen sie es in Wikipedia nach. "Nein", meinte Murik schließlich, "ist nichts erwähnt." Ich bedankte mich, ging in mein Zimmer, ließ mich aufs Bett gleiten, das lustig hüpfte und schlief sofort ein.
Erst gegen 10 Uhr abends kam ich wieder zu mir und besah meine Finger, die leicht zitterten. Das Sprichwort stimmte durchaus - was für den Russen gut war, war für den Deutschen der Tod.

4. Mai
Viel zu früh am Morgen wurde ich von einem Klopfen geweckt. In meinem Nachthemd tapste ich zur Tür. Eine mir unbekannte Frau stand im Türrahmen und fragte mich wörtlich, ob sie an die Wand malen dürfte. Ich zweifelte schon an meinen Russischkenntnissen, aber dann wurde mir klar, was sie meinte: Sie hatte eine Schablone dabei und ging zu den Steckdosen, als ich nickte, um über selbigen mit ihrer Schablone "220V" zu schreiben. Aha. Welchen Sinn das machen sollte, die im ganzen Land gleiche Spannung über jede einzelne Steckdose in großen Buchstaben an die Wand zu schreiben, diese Frage stellte ich mir zwar schon, aber es war eindeutig zu früh am Morgen um ernsthaft darüber nachzudenken. Ich warf mich zurück ins Bett um noch eine Runde zu schlafen.
Heute hatte ich wieder nicht sehr viel vor, ein bisschen Selbststudium, Mittagessen mit Olga und am Abend ein Cisco-Praktikum. So ließ es sich schon leben...

Olga hatte sich für dieses Mittagessen etwas Besonderes ausgedacht - weil ich gestern schon so begeistert von diesen Zweigen gewesen bin, die übrigens von einer Lärche gestammt hatten, wollte sie heute einen Salat aus Löwenzahn und Gurken machen. Doch nicht nur das; sie hatte Krabben-Sticks gekauft, diese seltsamen, gepressten fischartige roten Rollen, die sie nun in den Topf bröckelte, den ich mitgebracht hatte. Wir saßen im Grünen hinter meinem Wohnheim, auf einer Bank gegenüber einem Spielplatz. Die Sonne schien herrlich, und der Baum über uns warf einen angenehmen Schatten. Wer hätte gedacht, dass Russland so schön sein konnte?
Während Olga also den Salat mit den echten Zutaten zubereitete, ging ich jungen Löwenzahn pflücken - der auf Russisch übrigens Oduwantschik hieß, wie mir Olga einbläute - und nahm auch etwas Schafgarbe dazu, wusch es mit Wasser rein und zerpflückte es in kleine Stückchen, die ich mit in den Salat warf. Daraus nahm Olga nun Portionen und wickelte sie in Lawasch ein, einer Art sehr dünnem Fladenbrot. Das war wohl das seltsamste Mittagessen, das ich je hatte, aber es schmeckte so gut, dass wir überlegten, einen Verkaufsstand aufzubauen und diese Kreation auf der Straße zu verkaufen.






Anschließend setzten wir eine weitere verrückte Idee in die Tat um: Wir wollten eine scheinbar wissenschaftliche Arbeit für Albert anfertigen, zum Thema "Studienkulturen" oder so etwas in der Art, die jedoch hauptsächlich scherzhaft seinem Ego schmeicheln sollte.
Olga war die Klassenstreberin unsere Gruppe und Albert ihr Lieblingsprofessor, und so drehten sich viele unserer Gespräche um ihn. Manchmal hatte ich das Gefühl, es war das einzige, worüber sie sich mit mir unterhalten wollte. Ich war mir relativ sicher, dass sie in ihn verknallt war, aber sie war zu schüchtern oder bescheiden um mit ihm über etwas anderes als das Studium zu sprechen, und so war sie sehr froh darüber, dass sie Informationen über ihn von mir erhalten konnte. Sie meinte, dass sie immer beeindruckter von ihm war, je mehr sie über ihn hörte. Ich lachte dann immer und sagte, sie solle einfach mal versuchen, mit ihm zu plaudern, statt immer nur so ernsthaft zu sein. Dieses Projekt sollte der erste Schritt dahin sein. Olga hatte drei Seiten vorgesehen: Das bekannte Bild nach Darwin, das die menschliche Evolution zeigte, mit Albert am Ende der Evolution - das sollte ich mit Photoshop machen. Dann ein weiteres Bild, das ihn mit Albert Einstein vergleichen sollte, und als drittes Bild ein Foto von uns beiden, die mit erstauntem und interessiertem Gesichtsausdruck nach oben schauten - Bildunterschrift: "Studenten aus allen Ländern hören ihm mit Erstaunen und Interesse zu."
Das Foto-Shooting stellte sich jedoch als schwierig heraus, und am Ende hatten wir um die 20 Fotos von uns; auf der Hälfte sahen wir aus, als hätten wir Blähungen, auf der anderen Hälfte konnten wir uns das Lachen nicht so recht verkneifen. So kam das dabei heraus:


Dann wurde es schon wieder Zeit für Olga heimzugehen; sie redete davon, einen Joghurt zu kaufen, der über dem Verfallsdatum war, für ein Testat am nächsten Tag für einen ungeliebten Professor. So recht verstand ich sie nicht, aber wir hatten oft nicht die Zeit, uns alles bis ins letzte Detail verständlich zu machen, denn ihr Englisch war eher bescheiden, und mein Russisch... ach, sprechen wir nicht davon...

Gegen 18 Uhr begann ich auch wieder mit dem Studieren, denn ich hatte ein Cisco-Praktikum. Ich hatte ja schon einige Male Bilder von unseren Vorlesungen und Praktika geschossen, die das Chaos ansatzweise darstellten, mit dem ich in Russland konfrontiert war, aber heute gelang es mir, ein sehr schönes Foto zu schießen, das eine typische Erklärung einer Aufgabenstellung zeigt:

Der Praktikumsbetreuer, Emilyanov, war mir nie besonders sympathisch gewesen, aber wenn er auf Russisch erklärt und solche Skizzen macht, und sich danach an seinen Computer setzt um im Internet zu surfen statt zu mir zu kommen und zu schauen, ob ich es auch verstanden habe - dann wird er mir regelrecht unsympathisch. Farin, der Praktikumsbetreuer der anderen Gruppe, war mir wesentlich sympathischer. Er sprach zwar kaum Englisch, aber er bemühte sich, den Stoff so rüberzubringen, dass es auch der letzte verstand, und knobelte schon mal zusammen mit den Studenten, wenn die Technik ein unerwartetes Verhalten zeigte.
Dennoch verließ ich die Praktika immer mit dem guten Gefühl, etwas erreicht und gelernt zu haben, denn am Ende funktionierten meine Konfigurationen - mit oder ohne Hilfe.

5. Mai
Und schon wieder wurde ich zu viel zu früher Stunde geweckt. Diesmal war es eine Putzfrau, die meinte, unbedingt mal bei uns staubsaugen zu müssen. Sie fragte mich, wo eine Steckdose war und ich deutete müde auf den Kühlschrank. Sie marschierte darauf zu und zog den Stecker mit Schwung aus der Wand, wodurch erwartungsgemäß die Steckdose hinterher geflogen kam. Ich konnte direkt sehen, wie auf ihrer Stirn das Wort "Error" erschien. Sie schaute mich hilflos an und marschierte dann raus um mit Verstärkung zurück zu kommen. Derweil hatte ich die Steckdose wieder in die Wand gesteckt und ein paar verstreute Kleidungsstücke vom Boden geräumt. Das brachte sie wahrscheinlich ganz aus dem Konzept, denn staubgesaugt hat sie bei uns nicht mehr.

Zum Mittag traf ich mich wieder mit Olga. Sie schien immer Angst zu haben, mich zu langweilen und machte sich viele Gedanken darüber, welches interessantes Ding sie mir bei jedem Treffen zeigen konnte. Heute brachte sie ein Gummiband mit, das sie zwischen sich und einem Baumstumpf spannte. Sie forderte mich auf, darüber zu springen. Ich sah sie skeptisch an, tat es aber. Sie spannte es höher. Es sei ein Spiel mit verschiedenen Sprungtechniken. Ich sah sie noch skeptischer an: "Wirklich? Bei diesem Wetter? In meinem Alter?", tat aber wie mir gesagt wurde. Ab der vierten Stufe war es nicht mehr möglich, darüber zu springen und ich forderte Olga auf, es selbst zu versuchen. Auch sie scheiterte an dieser Stufe und ich beschloss, dass wir genug Spaß aus diesem Gummiseil geholt hatten.
Sie zeigte mir den abgelaufenen Joghurt und sagte, dass sie am liebsten gewollte hatte, dass ihr gemeiner Professor diesen Joghurt aß. Ich schlug ihr vor, stattdessen sein Haus mit Toilettenpapier einzuwickeln, aber sie ging nicht darauf ein.

Wir gingen schließlich Pizza essen, und wieder waren saure Gurken darauf. Manchmal verstand ich die Russen einfach nicht - es grenzt doch an Vergewaltigung einer Pizza, saure Gurken darauf zu legen.
Olga hatte mich gestern gebeten, ihr eine bestimmte Origami-Blumenart vorzubasteln, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr an alle Faltmuster erinnern und hätte mich diesmal vor unserem Treffen darauf vorbereitet und ihr gleich zwei Exemplare mitgebracht. Sie war so dankbar, als hätte ich ihr einen Herzenswunsch erfüllt. Das ist auch typisch russisch: Unter Freunden ist man überschwänglicher und emotionaler als beispielsweise in Deutschland. Ich passte mich immer besser an das russische Verhalten an, und so gelang es mir heute, für unser Mittagessen zu bezahlen, indem ich Olga imitierte und streng "nein" sagte, und ihre Hand mit der Geldbörse wieder in die Tasche schob, und auf ihre Proteste hin noch einige weitere Male "nein" sagte.
Bald würde ich völlig in der russischen Kultur aufgegangen sein. Ich habe auch schon lange nicht mehr das Bedürfnis, Nachbarn zu grüßen oder im Supermarkt "Guten Tag" oder "danke" zu sagen, denn das tut man in Russland einfach nicht, denn auch keine Verkäuferin würde je das Wort "bitte" in den Mund nehmen.


Heute rief mich Gergö an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, mitzukommen, wenn er bei einer Bekannten von ihm Langos zubereitete - da ich das letzte Mal während der Konferenzzeit nichts davon abbekommen habe, weil mich vorher der Wodka ausgeknockt hatte. Gern sagte ich zu und freute mich schon, dass ich mit so vielen guten Malzeilen bald wieder zunehmen würde und mir doch keinen Gürtel kaufen musste.
Zur Udmurtischen Universität sollte ich kommen. Ich war zwar schon dort gewesen, aber wie ich dort hinkam, war mir entfallen. Gergö meinte, ich sollte die Straßenbahn ins Zentrum nehmen, ein Stop nach der Stelle, an der die meisten Straßenbahnen nach rechts abbogen - und dann immer gerade aus gehen. Seltsamerweise wusste ich genau, welche Stelle er meinte. Allerdings zweifelte ich etwas an mir, als ich plötzlich vor dem Präsidentenpalast stand. Ich rief ihn an und er meinte, ja, das sei schon richtig, ich solle weiter die Straße hinunter gehen. Und tatsächlich sah ich kurz darauf die grünen Gebäude der UdGU.
Es folgte die nächste Überraschung, als ich Gergö dort traf: Er brachte mich zum Wohnheim der Universität, in das wir einfach hineingehen konnten, wir mussten nur unsere Pässe bei Frau "Wachtjor" abgeben. Jeder Bewohner des Wohnheims durfte zwei Besucher auf diese Weise auf seinen Namen registrieren. Wenn jemand eine Party veranstalten wollte, musste er oder sie nicht besonders kreativ im Hineinschmuggeln der Leute werden, sondern bat einfach Mitbewohner, Gäste auf ihren Namen registrieren zu dürfen.
Die eigentliche Überraschung des Tages war jedoch, dass Susan - die uns eingeladen hatte - eine Deutsche war. Ich hatte zwar gewusst, dass sie am Deutschclub an der UdGU beteiligt war, aber Gergö hatte nie erwähnt, dass sie eine Landsfrau war.
In der Küche versammelten sich in der nächsten halben Stunde weitere Gäste, die in den Genuss von Gergös Langos kommen wollten, und sie alle sprachen deutsch. Selbst die Studenten, die nicht die deutsche Sprache studierten, versuchten sich mit uns auf Deutsch zu unterhalten... es war eine völlig andere Atmosphäre als in unserem Wohnheim: Die Studenten schienen alle miteinander befreundet zu sein, scherzten miteinander, die ganze Atmosphäre war offener und der Raum wirkte größer und heller - und vor allem gab es alle möglichen Kochutensilien, von einfachen Töpfen über Tassen und Tellern bis hin zu einem asiatischen Reiskochtopf. Bei wird alles sofort aus der Küche geklaut, und auf meine Anmerkung diesbezüglich begann eine lebhafte Diskussion, warum das wohl so sei. Man merkte, dass man es hier mit Geisteswissenschaftlern zu tun hatte.
Es heißt ja auch, dass man einem Studenten sein Studienfach ansieht und dass bestimmte Studienfächer eben Leute eines bestimmten Menschenschlags anzogen. Ich kam mir irgendwie deplatziert vor zwischen diesen Öko-Frauen, die sich weder die Achseln rasierten noch einen BH trugen und mit ihren stylischen, schwarz geränderten Brillen wie eine Mischung aus Domina und Oberlehrerin aussahen. Mit denen verbrachte Gergö also seine Freizeit. Ich hingegen spürte eher Kopfschmerzen kommen, je länger ich ihnen zuhörte und wusste nach diesem Abend, dass ich wohl nicht in dieser Clique enden würde.
Dennoch war der Abend nicht schlecht; ich beobachtete Gergö beim Zubereiten des Langos - diesmal sah ich die Fortsetzung, denn die ersten Schritte hatte er schon vor meiner Ankunft gemacht. Er füllte eine große Pfanne bis zur Hälfte mit Öl und warte, dass es anfing zu kochen. Dann nahm er etwas Teig in die Hand und knetete es zu einem Fladen, den er in das Öl legte. Als der Fladen durchgebraten war, nahm Gergö ihn heraus und ließ ihn abtropfen, sodass es gar nicht so fettig war wie erwartet. Oben drauf kam geriebener Käse und optional Knoblauchsalz.

Wir verbrachten ein paar Stunden über dies und das zu plaudern, aber diese Mädels konnten vor allem eine Menge reden ohne etwas zu sagen, und so war ich recht froh, als es Zeit zum Aufbruch war um noch rechtzeitig zurück in unser Wohnheim zu kommen. Auf dem Weg kaufte sich Gergö noch ein Bier aus einem Kiosk, der die ganze Nacht geöffnet hatte. Mittlerweile hatte ich den Eindruck, dass er schon vor dem Langos-Abend in die Flasche geschaut hatte. An diesem Abend hatte er natürlich auch stilecht mit Susan eine 2-Liter-Flasche Bier geleert - und das war nur die Menge Alkohol, von der ich wusste. Ich glaube, ich hatte ihn nie zuvor so dicht gesehen. Doch ich erfuhr Erstaunliches von ihm, das ich an dieser Stelle wirklich nicht niederschreiben kann...

Apropos saufen; in Russland gibt es für eine Berufsgruppe einen Ehrentag im Jahr; vor einer Woche war der Tag der Programmierer gewesen, und diesen Freitag würde der Tag der Telekommunikationsingenieure sein. Standesgemäß wird dies von ebenjenen Berufsgruppen begossen, obwohl niemand an diesem Tag oder dem darauffolgenden Tag frei bekommt.

Auf dem Weg nach Hause kamen wir an einer Tankstelle vorbei und wurden Zeugen, wie zwei Leute auf einen Tank-Laster kletterten um sich Benzin abzupumpen. Oder was soll das sonst gewesen sein?

6. Mai
Heute hatte Olga nur Zeit für einen Tee; wir trafen uns an Gebäude 1 und gingen in die Cafeteria im Untergeschoss, die man nur durch diesen gruseligen Gang erreichen konnte, in dem man mit Sicherheit eine gelungene Fortsetzung von "Blair Witch Project" drehen konnte.
Der Tee in unseren Cafeterien ist ebenfalls erwähnenswert: Erstens ist er wirklich spottbillig, und zweitens besteht er zur Hälfte nur aus Zucker. Ich übertreibe nicht, man kann wirklich seinen Löffel in den Tee hineinstellen. Deswegen ist es unmöglich, den Tee ganz auszutrinken, man muss immer das letzte Viertel im Glas lassen um keinen Zuckerschock zu bekommen.

Ich begleitete Olga danach noch zum Bus, denn sie wollte nun zu einer Prüfungskonsultation gehen. Auf dem kurzen Weg von vielleicht 500 Metern wurde sie ununterbrochen von Studenten angesprochen - sie alle erhofften sich eine letzte Hilfe vor der Prüfung, denn wie gesagt, sie war die Klassenstreberin.
Eine Studentin packte ihren Hefter aus und Olga erklärte ihr den Stoff geduldig, obwohl sie schon längst bei der Konsultation sein sollte. Die Uhrzeit an der Außenseite von Gebäude 1 zeigte an, dass sie noch Zeit hatte, aber natürlich ging die Uhr falsch. Wenn man genau hinsah, konnte man die richtige Uhrzeit auf der Uhr in dem Gebäude durch die Glastüren erkennen.
Währenddessen tuschelten die beiden anderen Studenten und lachten. Schließlich traute sich der Junge zu fragen: "War dein Großvater in der SS?" Ich lachte und sagte, der eine war zu jung, der andere fuhr Lastwagen in Afrika. Mädchen zischte: hab ich dir doch gesagt. Aber so fing es an, man merkte, dass der Tag des Sieges über Deutschland und den Faschismus näherrückte; am Integral-Gebäude hing ein Banner, auf dem "c dnjom pobedy" - "zum Tag des Sieges" stand und ein Feuerwerk abgebildet war. Er würde am 9. Mai stattfinden - ein Sonntag, weshalb auch Montag ein Feiertag werden würde.

7. Mai
Diesem Freitag merkte man an, dass ein langes Wochenende folgen würde; das Universitätsgelände war sichtbar weniger belebt als sonst, dafür stand ein großer Reisebus vor der Zufahrt und Studenten unter anderem in Paschas grüner Musikeruniform standen mit Gitarren, Koffern und Rucksäcken im Halbkreis unter den nun schon grünen Birken. Vom "Integral" kam Musik; dort war tatsächlich eine kleine Bühne aufgebaut und Studenten spielten Musik von Rock bis Hip Hop. Ich ließ mich ins Gras fallen; meine Schuhe hatte ich nur in der Hand getragen, weil es heiße 26 Grad waren und das eben zum Barfußlaufen einlud. Meine Laune war so hervorragend, dass ich mir eine Papierlilie ins Haar gesteckt hatte und wahrscheinlich sah ich wie ein Hippie aus, wie ich so im Gras lungerte. Einige Studenten warfen mit im Vorrübergehen kurze, verwunderte Blicke zu. Andere Studenten stellten sich im Halbkreis um die Bühne auf, ab und zu kam verhaltener Beifall. Ich lehnte mich zurück und genoss die Sonne, dann wurde es Zeit weiterzuziehen, denn heute war Albert wieder zurück in der Uni - noch nicht ganz gesund, hatte er mir gestern per SMS geschrieben, aber er musste die Prüfungsvorleistungen diese Woche noch abnehmen und bat mich, ebenfalls zu kommen, obwohl ich diese Prüfung nicht ablegen würde, da sie nur auf Russisch stattfand, und er insgesamt nur eine einzige Vorlesung in diesem Fach gehalten hatte, seit ich in Izhevsk angekommen war - jedes Mal hatte es einen anderen Grund gegeben, die Vorlesung ausfallen zu lassen.
Die anderen Studenten hatten zur Prüfungsvorbereitung einige Kapitel dem Buch gelesen, das er zu diesem Thema geschrieben hatte, aber ich besaß weder dieses Buch, noch hatte ich Lust es zu versuchen auf Russisch zu lesen. Dennoch hatte ich meine angefangen Praktika in diesem Fach an diesem Morgen noch schnell beendet, in eine schöne Form gebracht und ausgedruckt, weil Albert mich eben darum gebeten hatte.
Und so war es nun Zeit, mich auf den Weg zu machen. Ich wollte diesmal zu Fuß - natürlich barfuß - zu Gebäude 5 gehen, denn die Fußwege waren so herrlich voller feinem Sand, dass es sich anfühlte, als würde ich am Strand spazieren gehen. Im Winter war es der Dreck, der den Schnee schwarz färbte, aber im Sommer war es Sand. Als ich am Supermarkt vorbei kam, beschloss ich, zum Frühstück Eiscreme zu essen. Es war herrlicher, heißer Tag, wie man es sich gar nicht von Russland vorstellen konnte.

Ich war ein wenig zu früh angekommen und sprach eine ganze Weile mit dem Wachtmann auf Russisch - auch wenn das Gespräch immer etwas stockte, gelang es uns doch, Informationen auf Russisch auszutauschen... vielleicht lernte ich die Sprache ja doch noch. Auch mit der Frau, die das Anwesenheitsbuch führte, unterhielt ich mich auf Russisch, und als Olga schließlich kam waren meine ersten Gedanken auch auf Russisch und ich fragte mich, wie das wohl passiert war.
Wir warteten draußen in der Sonne und sie wies mich in einem neuen Spiel an, ihr auf Russisch zu sagen, in welche Richtung sie einen Schritt machen sollte. Pünktlich eine halbe Stunde zu spät kam auch schon Albert, wie immer grinsend, in alter Form, aber hustend wie ein Kettenraucher.
Die anderen Studenten stellten sich schon in einer Schlange auf um ihre Projekte möglichst schnell zu zeigen um dann ins Wochenende zu gehen, und ich sah schon, dass es etwas länger dauern würde und begann meine Russischkurs-Hausaufgaben zu erledigen.
Ich ließ auch Olga vor. Sie zeigte nicht nur ihr Projekt, sondern hatte auch Fragen zu ihrer Bachelor-Arbeit, deren Betreuer Albert war. Und als ihr die beiden so beobachtete, Seite an Seite über die Router gebeugt - Albert erklärend, Olga nickend - wurde mir mit einem warmen Gefühl klar, dass sie meine beiden liebsten Menschen hier in Russland waren. Schon seltsam, wie sich Dinge entwickeln. Vor drei Monaten war ich eine Fremde gewesen, und nun war ich umgeben von so vielen lieben Menschen, die die Fremde zur Heimat machten.

So war es mir eine umso größere Freude, dass wir Albert heute unsere spezielle Ausarbeitung geben konnten - ich hatte die Bilder mit Photoshop nach Olgas Angaben zusammengestellt, und es war ziemlich gut geworden. Olga hatte zu Hause geübt, wie sie Albert den Hefter mit erster Miene und wohlgewählten Worten überreichen konnte, als sei es ein ernsthaftes wissenschaftliches Projekt, und so dauerte es einige Sekunden bis Albert klar wurde, dass es ein Scherzprojekt war. Wie erwartet freute er sich ausgesprochen darüber und gab mit breitem Grinsen eine schwungvolle Unterschrift. Natürlich bekamen wir beide eine scherzhafte 5 dafür - die beste Note in Russland.

Wir saßen anschließend noch eine Weile zusammen und plauderten; Albert zwang mich wieder dazu, russisch zu sprechen, und am Abend schrieb mir Olga, wie böse sie mit mir war, weil ich vor ihr verborgen hätte, wie gut ich schon russisch spräche... ich weiß ehrlich gesagt nicht, wo sie das herausgehört hatte.

8. Mai
Wir hatten in dieser Woche eine richtige kleine Tradition entwickelt, uns jeden Tag zum Mittagessen oder auf einen Tee zu treffen, und so war es auch heute wieder. Olga kam wie immer zum Wohnheim und hatte mir eine selbstgemachte Suppe mitgebracht, die "Okroschka" genannt und aus Kwas oder saurer Sahne hergestellt wurde. Ich inspizierte die Suppe genauer... wahrscheinlich sollte ich eher beschreiben, was nicht in der Suppe war, denn da wäre ich schneller fertig... aber mal schauen: Gurke war darin, gekochtes Ei, Wurst, Kartoffel, Lauch... aber warum füge ich nicht einfach ein Bild davon an? Bitteschön, Okroschka:


An diesem Tag zeigte mir Olga, wie man Kränze aus Löwenzahn flechten kann, denn - wie gesagt - sie hatte das Bedürfnis, mir jeden Tag etwas Interessantes zu zeigen.

Und dieses Foto ist speziell für Matthias, der ausdrücklich darum gebeten hatte, mal wieder mein Gesicht zu sehen:


Noch eine Bemerkung am Rande:
Wie außerhalb jeglicher Zivilisation kam ich mir an einigen Tagen mit dem im Wohnheim verfügbaren Internetanschluss vor. Plötzlich konnte ich weder auf blog.de zugreifen, noch auf meinen deutschen Universitäts-E-Mail-Account. Zumindest das Problem mit meinen E-Mails war schnell auf das Netzwerk der ISTU zurück zu führen, wenn auch noch längst nicht damit gelöst. Nach einer Weile gelang es mir, zumindest wieder lesend auf meine E-Mails zuzugreifen; bis ich Senden konnte, dauerte es noch eine Weile länger. Murik empfahl mir, mich im Auslandsamt darüber zu beschweren, aber am nächsten Tag war dieses Problem bereits behoben. Nur blog.de wollte mich noch immer nicht auf seine Seiten lassen. Ilya hatte mir ebenfalls davon berichtet, und auch von der alternativen Internetverbindung im Wohnheim aus konnte man die Seiten nicht erreichen. Es schien ein russlandweites Problem zu sein und ich sponn schon wilde Verschwörungstheorien in meinem Kopf zusammen bis ich feststellte, dass das Problem nicht an Russland lag, sondern die Verbindung erst von blog.de zurückgewiesen wurde. Einige Tage später las ich im Newsletter der Seite, dass aufgrund einiger Angriffe auf blog.de der Zugang von Ländern wie Russland und China komplett gesperrt wurde. Natürlich kam ich über einen ausländischen Proxy-Server immer noch auf blog.de, aber es stellte sich als besonders langweilige langwierige Arbeit heraus, einen geeigneten kostenlosen Web-Proxy zu finden, der fehlerfrei mit blog.de zusammenarbeitete. Am Ende nahm ich zwei verschiedene Proxys für die unterschiedlichen Arbeitsschnitte beim Erstellen eines neuen Blog-Eintrags. Mit texkun.ip-now.net konnte ich den Eintrag erstellen und Fotos einbinden, die ich jedoch nur mit ianaz-proxy.com überhaupt erst hochladen konnte. Es dauerte die halbe Nacht bis ich meinen neusten Blog-Eintrag mit Fotos im Netz hatte. Beim nächsten Eintrag erklärte sich netterweise Matthias bereit, ihn für mich online zu stellen... auf ihn würde ich wohl noch eine Weile zurückgreifen müssen, denn von blog.de hieß es, dass die Sperrungen bis auf weiteres noch aufrecht gehalten werden mussten.