Sonntag, 9. Januar 2011

Auf zu neuen Abenteuern! So kann man leben. (10.-17. Oktober)

11.10.
Wie versprochen schaute ich vor dem Russischkurs bei Johanna im Wohnheim vorbei um ihr beim Bearbeiten einer Webseite zu helfen. Ich vermutete, sie war die einzige in ihrem Fachbereich, die keine Angst vor Computern hatte, deshalb hatte sie den Auftrag erhalten, neue Inhalte auf die Fachbereitswebseite zu stellen. Das war ihr nicht überall gelungen und so konnte sich nicht erklären, warum das gleiche System nicht auf allen Seiten funktionierte.
Ich warf einen Blick drauf - da hatte jemand begonnen, die Webpräsenz auf PHP umzustellen, aber die Hälfte der Seite bei simplem HTML belassen, das sich ohne weiteres editieren ließ. Die restlichen Seiten zog ich zu mir aufs Notebook, denn ich hatte bei mir die entsprechende Software installiert, um nach dem Editieren gleich das Resultat sehen zu können ohne sie erst ins Internet laden zu müssen. Auf Johannas Anweisung hin löschte ich Menüpunkte oder fügte ich hier und da etwas formatierten Text aus Dokumenten ein. An einigen Stellen war es eher eine Schnitzeljagd, herauszufinden, wo sich der Programmierer die Textquelle für seine Ausgaben auf der Webseite gedacht hatte. Johanna schrieb sich alles detailliert in ihr Notizheft und fragte dann, ob ich Hunger hätte. Sie kochte Nudeln für uns beide, die wir direkt am Computer mit etwas Pesto aßen, während ich noch einige Änderungen vornahm. Ich fand es lustig - ich programmierte für Essen. Wir kamen zu spät zum Unterricht, und ich war trotzdem nicht ganz fertig geworden. Johanna versicherte mir aber, dass sie den Rest allein schaffen würde, und wenn nicht, dann würde sie mich am Abend anrufen.

Nach dem Kurs fragte mich Susen, ob ich nicht Kontakte zur Stadt Perm hätte, weil sie dort eine Theateraufführung im Rahmen ihres Auftrags, die deutsche Sprache zu verbreiten, plante. Ich schlug ihr die Mädels von der Touristeninformation vor, mit denen ich im Sommer meine beiden Abende in Perm verbracht hatte, konnte aber keine Handynummer von ihnen finden. Ich versprach Susen, ihr am Abend den Link zu ihren Profilen in vkontakte zu schicken, denn dort hatte sogar die Touristeninfo selbst ein eigenes Profil.

Ich hatte nun selbst noch etwas zu erledigen: Den Russischkurs zu bezahlen. Man hatte mich angerufen, als ich gerade im Bus zu Uni unterwegs war; am Telefon sprachen sie sicherheitshalber englisch, aber im Büro sprachen sie grundsätzlich in einem sehr langsamen und deutlichen Russisch, von dem sie sich durch nichts abbringen ließen.

Der Kurs schien immer billiger zu werden, jetzt nur noch 6800 Rubel. Ich sollte in Zimmer 240 Gebäude 1 gehen, dort eine Rechnung abholen und damit zur Kasse gehen, dort bezahlen, die Quittung abholen und zum Zimmer 240 zurück bringen und dort meinen Vertrag abholen. So einfach war alles.

Michael zeigt mir, wo sich das Zimmer und das Gebäude befand, weil er sowieso auf dem Weg in die Richtung war: Zum Schwimmbad der Universität, in der er die für Lehrer freie Schwimmzeit nutzen konnte. Der Gebäudekomplex befand sich auf der anderen Straßenseite, konnte aber durch eine überdachte Brücke erreicht werden, die auf beiden Seiten keine Etage traf und deshalb aus vielen Extratreppen bestand.

Gerade als ich alles erledigt hatte, fragte mich Stasya per SMS, ob ich Zeit hätte; sie müsse irgendwie eine Stunde herumkriegen.
Wir trafen uns draußen bei der Puschkin-Statue, wo sie sich erstmal eine Zigarette ansteckte. Ein seltsamer Kerl, der sich sowohl Sascha als auch Kyrill nannte, gesellte sich zu uns. Er hatte einen irren Blick, sah uns aber selten direkt an, und schwankte die ganze Zeit hin und her. Er war Alkoholiker, erklärte mir Stasya später, aber auch ein Tunichtgut und Musiker. Jetzt erinnerte ich mich an ihn: Er war der Kerl gewesen, der so verzweifelt nach Komplimenten gefischt hatte, als ich mit Zsolt zu einem Konzert von ihm gewesen war. Kyrill-Sascha hatte bei diesem Konzert die meiste Zeit als Frontmann auf dem Boden gesessen und ab und zu ins Mikrophon gebrüllt.
Nun hatte er entweder sein Studium beendet - oder wahrscheinlicher war er rausgeflogen - und nun drohte ihm der Einzug in die Armee, weshalb er sich nun noch irrer verhielt um stattdessen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden.

Wir holten uns gemeinsam ein verspätetes Mittagessen um 15:30 Uhr; ich lud sie ein, weil ich wusste, dass sie chronisch pleite war. Ich nahm eine Suppe, die Stasya ekelig and, und nahm geklopftes graues Hackfleisch, das ich ekelig fand. Das Fleisch musste sie mit Löffel und Gabel essen, denn Messer konnten nur gegen Vorlage des Ausweises in der Küche ausgeliehen werden. War dies eine Sicherheitsmaßnahme gegen den Terrorismus in der Küche? Um zu vermeiden, dass die Küchenfrauen mit einem stumpfen Blechmesser bedroht wurden, wenn sie zu lange schwatzten und sich selbst erstmal essen holten, statt es an Studenten auszugeben? Gerade als ich davon überzeugt gewesen war, dass mich in Russland nichts mehr verblüffen konnte, kam so etwas.

Stasya holte sich noch einen Tee; der wurde aus großem Bottich auf kleine Plastiktassen mit Zitronen darin gekippt, sodass sich immer eine riesige Pfütze auf diesem Teil des Tresens befand.

Im Russischkurs hatten wir diesen alten sowjetischen Slapstick-Comedy-Film "Operation Ü" angesehen, weil unsere Lehrerin in der Unterrichtszeit etwas anderes zu erledigen hatte, deshalb hatte sie uns wie in der Schulzeit vor dem Fernseher geparkt, und um sicher zu gehen, dass wir den Film auch wirklich ansahen, hatte sie uns als Hausaufgabe aufgetragen, eine Zusammenfassung des Films zu schreiben. Ich kannte ihn schon, denn Murik hatte ihn mir damals aus dem Netz geladen und darauf bestanden, dass ich ihn mir ansah, denn es war erstens ein Klassiker, und zweitens wurde darin kaum gesprochen.

Ich hatte allerdings nicht die geringste Lust, den Film zusammenfassen, deshalb fragte Stasya, ob sie den Film zufällig kannte. Natürlich, den kannte jedes Kind, wie alle sowjetischen Klassiker; sie und Kyrill-Sascha machten sich sofort an die Arbeit und amüsierten sich so prächtig dabei, dass sie stellenweise nur noch lachend auf dem Tisch liegen konnten.

Nachdem wir aufgebrochen war, hatte ich immer noch anderthalb Stunde Zeit, im Labor etwas für mein Projekt zu tun. Um 18 Uhr begann ein Cisco-Praktikum, aber schon 20 Minuten vorher kam der Praktikumsbetreuer Emilyanov hereingeschneit, mit dem ich im letzten Jahr lange nicht auf einen grünen Zweig gekommen war.
Heut wirkte er sehr gut gelaunt; ich wollte schon aufbrechen, da bat er mich, von meinem Projekt zu erzählen und ich umriss ihm meine Idee. "Tolle Idee", fand er. "Wenn ich sie so umsetzen kann", fügte ich hinzu.

Zu Hause spielte ich wieder stundenlang mit dem Hasen meiner Nachbarin - ich war nun praktisch seine Patentante. "Groß bist du geworden!", sagte ich zu ihm wie eine alte Tante es sagen würde. Er war wirklich erstaunlich gewachsen; die dunkelgrauen und weißen Flecken in seinem Fell waren fast völlig herausgewachsen, sodass er nun fast ganz grau aussah, und er hatte hasentypische Verhaltensweisen aufgenommen wie sich auf den Boden zu werfen und die Beine lang fortzustrecken. Er wurde auch immer frecher und neugieriger, und holte ein Tablett unterm Kühlschrank hervor, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es sich dort befand. Der Hase stecke neugierig seinen Kopf unter den Kühlschrank, sodass ich fürchtete, er würde darunter verschwinden und es zu seinem neuen Versteck machen - nun da sein Hintern zu dick geworden war, um unter den Schrank zu kriechen. Ich schob das Tablett wieder unter den Kühlschrank, und der Hase holte es direkt wieder hervor. Für mich wiederholte er den Trick netterweise, sodass ich ihn dabei filmen konnte.

12.10.
Heute fand der Russischkurs im Wohnheim statt und ich verspätete mich, weil ich vorher in der Cafeteria essen gegangen war und nicht mehr daran gedacht hatte, dass sie das Zimmer geändert hatten. Das passierte einigen von uns in den nächsten Wochen immer wieder, einmal sogar unserer Lehrerin, die sich selbst über ihre ständigen Stundenplanänderung verwirrt hatte.

Johanna hatte mir gestern Abend schon per SMS geschrieben, und dass sie es selbst geschafft hatte, die Webseite fertig zu bearbeiten und sogar die News auf der Seite einzutragen, und als ich nun zum Kurs kam, war sie immer noch genau so euphorisch darüber, aber beschwert sich scherzhaft, dass sie sich von nun an wohl die Webseitenverantwortliche auf Lebenszeit war.

Ich improvisierte Hausaufgaben, die ich gestern nicht mehr fertig gemacht hatte und die Lehrerin verschwand nach 20 Minuten zu einer Versammlung und ließ uns mit Prüfungsaufgaben zur Übung allein. Susen schlug vor zusammenzuarbeiten, aber unser Klassenstreber Steve wollte das nicht, und so schrieb ich nur von Susen ab, die schon nach 10 Minuten verschwand, machte den Rest selbst nach Gefühl, denn gelernt hatte ich diesem Teil russischer Grammatik noch nicht.

In unserer technischen Universität fand seit einigen Tagen eine kleine Honig- und Handarbeitsmesse statt, auf der Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Waren zum Verkauf anboten. Als Ort hatten sie die Eingangshalle des Hauptgebäudes gewählt, die immer für Kleinveranstaltungen aller Art herhalten musste.

Am Abend war ich mit Dima verabredet, aber auch Sina hatte mich um ein Treffen gebeten: Electric Snow hatte heute eine Bandprobe und ich sollte Videos davon machen. Dima schien nicht abgeneigt, zusammen mit mir zur Probe zu gehen, zumal sicher auch Stasya kommen würde.
Nach eine Tasse Tee und einer Runde Teegeplauder bei Dima zu Hause, das lange überfällig gewesen war, machten wir uns auf den Weg. Sina hatte gesagt, wir sollten den Bus 36 nehmen, aber der kam und kam nicht, doch plötzlich zog mich Dima in einen haltenden Trolleybus, denn darin hatte unsere Bekannten und Freunde entdeckt: Stasya, Mischa, Sina und Andrey.

Wir stiegen an der Haltestelle des Stahlwerks Izhstal aus, wo Vanya und Lena schon auf uns warteten. Sie führten uns durch ein verworrenes Labyrinth aus leer stehenden Fabrikgebäuden, dann betraten wir ein altes Bürogebäude. Hinter einer gut verriegelten Tür lag der seltsamste Korridor, den ich je gesehen habe: Um einen Stuhl herum lagen dutzende Schuhe verstreut, die Wände und Türen waren mit riesigen Zeichnungen beklebt, die man bestenfalls als durchgedreht bezeichnen konnte. In einer der Türen befand ich ein Loch, und ringsherum hatte man jemanden gemalt, der seinen blanken Hintern zeigte, und dort braun eingefärbt. Daneben hingen Plakate der Bands, die vermutlich hier probten, und von denen ich mindestens eine gedämpft durch eine der vielen Türen hören konnte. Ihren Plakaten nach zu urteilen, betrieben sie eine Mischung aus Death Metal und Satanismus, kombiniert mit Leichenfleddern.
Wir gingen in den ersten Raum, der völlig schwarz war - bis auf die Stellen, an denen der Stoff von der Wand gerissen war.
Die Jungs bauten auf und stimmten ihre Instrumente, Sina setzte sich hinter das Schlagzeug, das schon im Raum stand und befestigte ihre eigenen, mitgebrachten Schlagzeugteile daran. Es war wie ein Baukasten.

Dima, Stasya, Mischa und ich setzten uns eng beieinander auf den Boden des kleinen Raums und bevor die Musik zu dröhnen begann, fragte ich Sina, was mit ihrem früheren Proberaum passiert war. Eine ihrer anderen Bands hätte dort nach dem Proben randaliert, gab Sina zu, daraufhin seien sie rausgeflogen.
Dima nahm Sinas Digicam, ich nahm meine, und wir filmten und fotografierten die nächste Stunde über; ich nahm mir die einzelnen Bandmitglieder vor, Dima fand jedoch die Deckenlampe sehr viel faszinierender und fotografierte sie mit allerlei verschiedenen Einstellungen. Stasya knüpfte in der Zwischenzeit ein Armband, Mischa saß einfach nur mit seinem Halblächeln da, wie er es immer tat. Niemand konnte erraten, was wirklich in seinem Kopf vorging. Die beiden schienen an den Krach gewöhnt zu sein, aber Dima und ich wurden langsam taub und verließen den Proberaum. Ich glaube, wir hatten genug Bild- und Videomaterial gesammelt, fanden aber nie raus, wofür wir das eigentlich getan hatten. Draußen im Gang fanden wir einen Tisch und ein angekohltes Sofa vor, und auf beiden stapelten sich die Zigarettenkippen. Dort warteten wir auf das Ende der Probe. Dima würde wohl kein Fan von Electric Snow werden; ich hingegen fand diesen chaotischen Krach von Zeit zu Zeit sogar entspannend.

Stasya gesellte sich zum Rauchen zu uns, und dann war die Probe auch schon beendet. Sie bezahlten den Vermieter bar auf die Hand und packten ihre Instrumente ein. Es war schon nach 21 Uhr und wir mussten einen anderen Weg aus dem Gebäude herausnehmen, sodass ich vollends verwirrt war und es sicher nie wiederfinden würde. Wie erwartet wollte Sina nun nach der Anstrengung Schokolade essen - genau genommen wollte sie immer Schokolade essen, weshalb achtete ich mittlerweile darauf, immer eine Tafel dabei zu haben. Ich verteilte die Tafel auch an die anderen während wir langsam Richtung Bushaltestelle gingen. Lena und Vanya waren im Auto gekommen, luden alle Instrumente ein und boten an, zwei oder drei von uns Richtung Zentrum mitzunehmen. Vor lauter Höflichkeit standen wir alle ein wenig ratlos um das Auto herum und keiner wollte einsteigen. Schließlich schob Andrey Sina ins Auto und es war entschieden.

Dima, Stasya, Mischa und ich mussten ewig auf einen Bus warten, der nicht nur ins Depot fuhr und überlegten schon, einfach nach Hause zu laufen, denn die Stadt war für 600.000 Einwohner recht kompakt, sodass man in zwei Stunden zu Fuß unseren Stadtteil durchaus erreichen konnte. Aber wir kamen doch noch mit dem Bus nach Hause, beziehungsweise ging Mischa wahrscheinlich zu Stasya nach Hause. Niemand sprach darüber, aber alle vermuteten, dass zwischen ihnen etwas lief.

13.10.
Es war Dienstag, der Dreizehnte. Ich verdammte den Tag schon mit den ersten Minuten. Es war zu heiß gewesen in der Nacht, weil man in Russland nur Extreme kannte - erst hatte man gar nicht geheizt, und sorgte man praktisch im Alleingang für die globale Erwärmung. Ich hatte mich die ganze Nacht lang unruhig umhergewälzt und nur ab und zu Schlaf gefunden, durchzogen von Alpträumen, sodass ich gerade lang genug verschlief, dass es sich nicht mehr lohnte zum Russischkurs zu fahren.
Mein Magen zog sich zusammen, ich tappte ächzend Richtung Badezimmer, kippte fast um, weil mir schwarz vor Augen wurde, und im Bad rutschte ich unvermittelt aus und fiel fast ins Klo, knallte dann aber doch nur gegen die Tür. Saß dann auf der Schlüssel, während von oben Wassertropfen auf meinen Kopf klatschten. Zum Glück wohnte über uns niemand mehr; nur das Dach war undicht. Aber so wusste man wenigstens, dass es regnete, ohne aus dem Fenster schauen zu müssen.
Der Hasenkäfig stand im Korridor, der Hase hatte darin wieder mal gewütet und seine Trinkflasche abgerissen, die nun neben dem Käfig auf dem Boden lag. Ich befestigte sie lustlos und überlegte schon, wieder ins Bett zu gehen, da rief Alisa rief an, ich sollte heute zum Unterschreiben von meinem Studienvertrag ins Auslandsamt kommen. Nichts lag mir im Moment ferner als das Haus zu verlassen. Ich schnappte mir meine Gitarre und kam in eine kreative Phase, in der ich ein Lied weiter schrieb, dessen erste Zeilen ich bereits vor über 10 Jahren gedichtet hatte, und zu denen ich vor kurzem auf der Gitarre eine Melodie gefunden hatte.
Kurz vor ihrer Mittagspause raffte ich mich auf, ins Auslandsamt zu gehen, in der Uni war noch immer Honigmarkt, ich unterschrieb schnell, kaufte noch schneller saure Sahne im Laden des Wohnheims, setzte Wasser auf, warf ein paar gefroren Pelmeni hinein, und weil der Tag eh schon im Eimer war, konnte ich auch gleich nach dem Mittagessen ins Labor gehen. Den Schlüssel holte ich um 13 Uhr, kam aber bis zum Abend zu keinem rechten Ergebnis, weshalb ich Farins Angebot annahm "etwas Lustiges zusammen zu unternehmen". Er holte mir direkt nach der Arbeit von dem Labor ab und ich sprang ihn zu einer Umarmung regelrecht an. Genau in dem Moment kam einer seiner Studenten vorbei und verschwand im nächsten Moment peinlich berührt, als er uns so sah.

Farin ging nach draußen und sprach ein paar Worte mit ihm, dann versuchte er mir zu erklären, was er für heute geplant hatte. Ich gab den Versucht, es bei seinem Englisch zu verstehen, bald auf und ließ mich einfach mitnehmen.
Wir fuhren zu einem Einkaufszentrum. Im oberen Stockwerk befand sich eine Freizeithalle mit Schlittschuh- und Rollerskate-Bahn und einem 4D-Kino, also 3D mit beweglichen Sitzen. Wir waren die einzigen, die das Kino besuchten und konnten uns einen Film aussuchen. Ich war für "Space Wars" und Farin war dafür, weil ich dafür war.
Drinnen wirkte der Film nach der ersten Gewöhnung sogar recht real, und ich begann das Steuer zu übernehmen, das es natürlich überhaupt nicht gab und riss den unsichtbaren Steuerknüppel hoch, denn wir kamen einem Asteroidengürtel im All zu nahe, außerdem rückten uns unsere Feinde bedrohlich nahe; ich bellte Farin Kommandos zu, er solle schießen; er stimmte begeistert ein. Ich rief ihm zu: "Keine Sorge, ich werde uns hier schon lebend rausbringen", und ließ uns haarscharf durch einen Ventilator fliegen.
Vor uns explodierte etwas. Ich schrie auf: "Verdammt, die sprengen uns in die Luft!" und steuerte weitere waghalsige Flugmanöver, die uns wieder nahe an Asteroiden brachten. Zu nah... "Puh, die Schilde halten!" Wir lachten uns dabei kaputt. Natürlich hatte ich keinerlei Kontrolle, ich hatte ja noch nicht mal eine Steuerkonsole, aber das brauchte man nicht, wenn man genügend Fantasie hatte. Ich glaube nicht, dass ich je in einem Flugsimulator so viel Spaß gehabt hatte wie heute. Aber schon nach vier Minuten war alles vorbei.

Danach waren wir uns einig, entweder Rollerskaten oder Eislaufen zu wollen. Auf Rollschuhen war er nicht so oft unterwegs, also gingen wir zur Rollerbahn. Dort musste er erstmal einen Mitgliedskarte ausfüllen um überhaupt auf die Bahn zu dürfen, aber eine reichte für uns beide. Für eine Stunde und zwei Personen inklusive ausgeliehener Rollerskates kostete der Spaß 220 Rubel, also etwa 5,50 Euro. Es gab sogar Wegwerfsöckchen dazu. Wir fotografierten uns gegenseitig bei den ersten tappigen Versuchen, überhaupt erstmal die Skates anzuziehen.
Dann ging es auf die Bahn. Hier war ich wieder in meinem Element - so oft war ich in Zwickau nachts auf den leeren, kaputten Straßen um die Häuser gefahren. Bremsen konnte ich noch perfekt auf den Punkt genau, und enge Kreise ziehen klappte auch noch. Wir begannen schneller zu fahren und uns zu jagen. Ich schlug einen Haken nach dem anderen und entkam Farin immer, indem ich abrupt die Richtung änderte. Nach einer Viertelstunde waren wir völlig erschöpft und ließen uns in die Bar nebenan ausrollen, nahmen zwei große Kübel 7up für je 30 Rubel und tranken um die Wette und stürmten dann wieder auf die Bahn. Wir wurden mutiger und ladeten öfters auf dem Boden, Farin versuchte sich an mir festzuhalten, ich griff seine Hand und zog ihn in einem eleganten Bogen über den Fliesenboden, ließ ihn dann aber los, womit er nicht gerechnet hatte. In der Überraschung verstrichen einige Sekunden, dann konnte er nicht mehr rechtzeitig die Richtung ändern und knallte laut an einen Pfosten. Ihm war nichts passiert, aber er hatte mit den Skates eine ganze Reihe Fliesen beim Aufprall aus der Wand gebrochen. Wir sahen uns nervös um, Farin schaute fragend die Kartenverkäuferin an, aber die blieb stumm sitzen. Wir skateten also einfach weiter und lachten uns schlapp.


Nachdem die Stunde abgelaufen war, kam der Manager auf Farin zu und redete ärgerlich auf ihn ein, aber Konsequenzen schien es keine zu geben. Farin verteidigte sich mit Lausbubengrinsen, dass sie die Wände entweder härter oder weicher machen müssten.

Nun musste er leider schon nach Hause, denn sein Vater hatte usbekische Schwarzarbeiter gefunden, die für ihn ein Loch vor seinem Haus für die geplante Kläranlage graben würden. Er wollte mich aber noch schnell zum Wohnheim zurückfahren, doch er vergaß beinahe wieder loszufahren, weil ich ihn über die tatarische Sprache ausfragte, denn er war der einzige Tatare in meinem Bekanntenkreis, dessen Muttersprache es war; außerdem interessierte es mich, ob er persönlich erfahren hätte, dass Russen Tataren nicht mögen, weil ich von einigen Bekannten derartige Vorurteile gehört hatte, aber Farin meinte, zumindest in Udmurtien würden Tataren respektiert. Dann kamen wir noch auf die Gretchenfrage und stellten fest, dass wir auf dem gleichen Standpunkt standen, was Religion anging - er kam aus einer muslimischen Familie, hatte aber mit Religion nichts am Hut, respektierte jedoch den Glauben anderer.

Es war schade, den Abend schon enden zu lassen, aber die Arbeit rief. Wir versprachen uns gegenseitig, diesen Abend auf jeden Fall irgendwann zu wiederholen.
Dieser Tag lehrte doch ganz eindeutig, dass man den Tag nicht vor dem Abend verdammen sollte.

14.10.
Nach zwei Vorlesungseinheiten Russisch sollte heute unsere endgültige Russifizierung stattfinden: Wir waren eingeladen, uns einer Art Initiationsritus für Studenten zu unterziehen. Wir waren alle recht skeptisch und fürchteten, dass sie mit uns etwas anstellen würden wie unsere Gesichter in nicht-abwaschbarer Farbe anzumalen, oder ohne Hosen draußen an einem Lampenposten aufzuhängen, wo wir sie selbst wieder herunterholen mussten. Die anderen Deutschen im Kurs winkten gleich ab, nur Michael wollte mitkommen, obwohl er genau genommen gar kein Student, sondern Englischlehrer war.

Er bat mich vorher jedoch darum, dass er einen Abstecher in ein Büro seines Fachbereich machen durfte, weil er vorhin mit den Mädels dort einen Tee getrunken, aber die Tasse nicht weggeräumt hatte; der Gedanken daran hatte ihn nicht losgelassen - er fühlte sich verantwortlich, seine Teetasse aufzuwaschen, selbst wenn er weder wusste, wo er sie abwaschen konnte, noch wohin er sie danach stellen sollte.
Eines der Mädels kam ins Büro und meinte, das würde sie schon für ihn erledigen; "aber vielleicht wollt ihr beide erstmal eine Tasse Tee trinken?", fragte sich freundlich. Michael hatte es eigentlich eilig; er wollte vor dem Studententreffen einen Router kaufen, war aber zu höflich, das offen zu sagen. Wenn russische und amerikanische Höflichkeit aufeinandertreffen, resultierte das in einer Endlosschleife: In Russland bot man aus Herzlichkeit sofort alles an, und in Amerika konnte man nichts ablehnen und musste das Angebot der Höflichkeit wegen dem Gegenüber wiederholen, selbst wenn man es gar nicht meinte, und wenn der Gegenüber eine Russin war, freute sie sich darüber und nahm es an, weil sie gar nicht auf den Gedanken kam, dass es nur oberflächliche Höflichkeit wie die Begrüßung "how are you?" war, in der es nie jemanden kratze, wie der Gegenüber wirklich fühlte.

Ein zweites Mädel kam dazu. Ich sah das ganze ausarten und sprang ein. In Deutschland kannte man überhaupt keine Höflichkeit und war deshalb immer pünktlich. Zumindest war das meine Theorie. Ich fragte Michael laut also, ob er nicht einen Router kaufen gehen wollte und danach verabredet war. Da gab er es zu, und sie ließen uns gehen, meinten aber noch, dass es schön war, endlich "seine Freundin" getroffen zu haben. Michael warf den Kopf zurück, wie er es immer tat, wenn er Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte und lachte dann, als er verstand, dass sie mich für seine Freundin Laura hielten. Er klärte das Missverständnis auf, dann gingen wir endlich. Im Treppenhaus trafen wir Stasya, sie lud mich zur Bandprobe von Electric Snow ein und wir verabredeten, dass wir uns nach dem Ritus in der Stadt treffen würden.

Michael hatte schnell einen WLAN-Router gekauft und währenddessen mit den Verkäufern geschwatzt. Hier sei es etwas teurer, aber der Service gut.

Man erwartete uns schon zur Initiation.
In den kleinen, stickigem, nach Schweiß riechenden Raum teilten sie Plastikbecher mit Tee aus. Michael kannte einige der anwesenden ausländischen Studenten: Ein Mädchen aus Finnland, ein paar Jungs aus Venezuela. Die meisten Studenten im Raum waren russische Studenten, der überwiegende Teil Mädels, aber auch ein blondierter Kerl in enger Weste und Schlips, der sich selbst als die wichtigste Person im Raum sah.
Sie wollten unsere E-Mail-Adressen, dann forderte sie uns auf, einer nach dem anderen im Kreis sitzend ein paar Worte über sich selbst auf Russisch zu sagen, und dann begannen die Spiele: A4-Blätter mit russischen Sprichwörtern darauf waren in ihre Wörter zerschnitten worden und sollten auf dem Tisch sollten sortiert werden, das fertige Sprichwort sollte diskutiert werden und dann musste ein ähnliches Sprichwort in der eigenen Sprache gefunden werden. Das war etwa der Punkt, an dem mein Interesse für den Rest des Abends in den Minusbereich übertrat. In diesem Moment wünschte ich mir schon fast eine Hosenjagd in der Kälte.
Wir gingen dann auch wirklich nach draußen, aber nur auf den Korridor - um einen udmurtischen Tanz zu lernen, der hauptsächlich dazu diente, über die eigenen Füße zu stolpern. Zurück im Zimmer wurde noch mehr Tee getrunken und dann ein anderes Spiel begonnen, das ich nicht ganz verstand; es war wohl ein Abschlagspiel, in dem man eine Schnur mit beiden Händen halten und so einen Kreis mit den anderen bilden musste; dann versuchte eine Person in der Mitte des Kreises den Schnurträgern auf die Finger zu schlagen, aber die durften nur je eine Hand vom Seil nehmen. Wer abgeschlagen wurde oder mit beiden Händen losgelassen hatte, musste in den Kreis, aber bevor er seinen Nachfolger abschlagen konnte, musste ein Huhn nachmachen, oder 5 russische Berühmtheiten. Ich sah auf die Uhr und beschloss, dass eine Stunde zu früh dran zu sein unter "Pünktlichkeit" fiel und machte mich aus dem Staub. Drinnen im Zimmer lagen Perepetschki zum Abendbrot aus, aber das war nichts, was mich noch länger an diesem Ort ausharren ließ, und das Russischsprechen den ganzen Tag lang zerrte mir langsam an den Nerven, so erklärte ich den Organisatoren auf Englisch, dass ich versprochen hatte, Videos auf der Bandprobe von Electric Snow zu drehen - das klang überzeugend genug.


Ich rief Stasya schon im Laufen an; ja, sie war auf dem Weg zu Sina. Ich könne jeden Trolleybus von der Uni aus nehmen, meinte sie. Das tat ich und rannte sogar, weil ich den Trolley gerade an der Haltestelle stehen sah, bemerkte aber erst als ich drin saß, dass ich in die falsche Richtung unterwegs war. Ich wollte bei der nächsten Gelegenheit in die Gegenrichtung umsteigen, aber es kam überhaupt kein Trolley meiner Linie mehr vorbei; sie fuhren alle ins Depot in der Gegenrichtung. Also nahm ich stattdessen einen der Linie 6, die an meinem Wohnheim vorbeifahren würde; von dort aus konnte ich wie sonst auch den Bus 29 zu Sina nehmen - nur hatte ich nicht bedacht, dass diese Route in Gegenrichtung verlief, sodass ich schon wieder in die falsche Richtung unterwegs war. Bevor ich ganz die Orientierung verlor, fragte ich mich schließlich durch.
An einer großen Kreuzung stieg ich aus und verglich die an der Haltestelle angeschriebenen Busse mit denen, die ich mir auf meiner Stadtkarte nahe Sinas Haus notiert hatte.
Zur Sicherheit fragte ich vor dem Einsteigen, der Trolley an der Universität vorbeifuhr. Die Schaffnerin war nicht nur hilfsbereit, sondern zu hilfsbereit und studierte die Stadtkarte mit mir, und empfahl mir schließlich eine andere Haltestelle als ich allein genommen hätte... dann stand ich mitten in der Nacht auf einer Straße ohne Namen, die Karte in der Hand und ging in eine beliebige Richtung los als Stasya anrief, wo ich denn bliebe, sie müssten jetzt das Haus verlassen und könnten nicht länger auf mich warten. Sie wies mich an, einen Trolley der Linie 9 bis Izhstal zu nehmen, und dort am Proberaum würden wir uns treffen, versprach sie. Schon allein für Irrfahrten wie diese wäre es praktisch, eine Monatskarte zu haben. Stasya hatte eine spezielle Monatskarte für Studenten, die fast alle öffentlichen Verkehrsmittel galt und sogar billiger war als die Monatskarte für den Bus, aber die Kioske, an denen sie verkauft wurden, waren nur wenige Tage am Monatsende und Monatsbeginn geöffnet, hatte mir Stasya erklärt.

Der Trolley war wieder mal völlig überfüllt, ich passte kaum in die Tür, aber er brachte mich zuverlässig zu Izhstal.
Dort angekommen rief ich Stasya an; sie meinte, sie brauchten noch etwa 20 Minuten. Es begann zu regnen. Ich war auf dem Weg, richtig schlechte Laune zu bekommen, da rief Stasya zurück und entschuldigte sich; Vanya sei auf dem Weg und würde mich gleich treffen. Tatsächlich war er zwei Minuten später da, das hagere Gesicht vom Lampenschein in eine Kraterlandschaft verwandelt. Er umarmte mich und ging voran, sah sich aber immer wieder nach mir um und versuchte etwas Konversation zu betreiben mit dem wenigen Deutsch, an das er aus der Schule erinnerte.

Lena wartete im parkenden Auto, sie packten die Instrumente aus und trugen sie allein in den Proberaum - Musiker gaben ihre Instrumente ungern aus der Hand.

Stasya, Sina und Andrey kamen bald darauf. Ihnen hatten meine Fotos vom letzten Mal gefallen; sie seien genauso verrückt wie ihre Musik, und so wurde ich zum offiziellen Fotografen von Electric Snow ernannt; Sina merkte lachend an, dass ich so nun auch kostenlos auf ihre Konzerte kam. Begeistert schoss ich wieder Fotos und Videos bis die Speicherkarte voll war.


Es wurde wieder laut, Erholung davon holte ich mir beim Passivrauchen Stasya draußen auf dem Korridor. Hatte ich beim letzten Konzert noch gescherzt, ein Groupie zu sein, befand ich mich nun auf dem besten Weg dorthin. Es erstaunte mich immer wieder, welchen Einfluss Russland auf mich ausübte; früher hatte ich nichts mit Rockmusik am Hut gehabt, und nun war ich mitten in einem Kreis von Rockmusikern gelandet, und ich genoss diesen neuen Aspekt in meinem Leben.
Nach der Probe quetschten wir uns alle ins Auto; Stasya und ich wurden im Zentrum abgesetzt; von dort aus mehr Busse in unsere Richtung.

Bis Mitternacht quälte ich meine Nachbarn wieder mit meinem Gitarrenspiel und Liederdichten, doch ich glaube, sie hörten es gar nicht, denn ihr Fernseher lief grundsätzlich auf voller Lautstärke.
Ihr Häschen saß wieder die ganze Nacht lang bei mir und schaute mit mir fern, wenn es nicht gerade übermütig umher sprang. Auf meinem Bett warf es sich auf die Seite, hatte zu viel Schwung, überschlugt sich und rollte vom Bett hinunter.

15.10.
Heute traf ich mich mit Sina schon mittags um ihr die Foto von gestern zu geben. Sie war gerade wieder dabei, Kekse zu backen, und am Nachmittag gingen wir zu Stasya, weil sie sich von Stasya ein Kleid umnähen lassen wollte. Sina betrachtete meinen zerschlissenen Rucksack und schlug vor, ihn zu reparieren und bei der Gelegenheit etwas aufzumotzen. "Ja, warum nicht", meinte ich, ahnte jedoch schon das Unheil.

Bei Stasya zu Hause tranken wir erstmal eine Tasse Tee in Gesellschaft ihrer Großmutter, ein würdevolle alte Frau und laut Stasya die intelligenteste Person, die sie kannte. Sie führte als Beweis an, dass sie nicht versuchte, ihr Schuldeutsch an mir auszuprobieren, was mir mittlerweile wohl schon sichtbar auf die Nerven ging - würde ich ständig Lob für Belanglosigkeiten aussprechen wollen, wäre ich Kindergärtnerin geworden.

Wir sprachen über die unterschiedlichen Nationalitäten in unserer Republik; die meisten Leute in den Städten sahen sich einfach als Russen; wer sich als udmurtisch bezeichnete, war in der Regel traditionell orientiert, studierte die Sprache in der Universität, weil es sowieso egal war, welche Geisteswissenschaft man in Russland studierte, und zog danach oft wieder aufs Land zur Familie. Die Familie spielte sowohl bei Udmurten als auch bei Tataren eine große Rolle, wobei Tataren jedoch stolzer auf ihre Herkunft zu sein schienen und selbstbewusster in ihrer eigenen Gesellschaft neben den anderen lebten. Das sah man auch daran, dass die Tataren in Izhevsk vornehmlich in ihrem eigenen Stadtteil "Tatarischer Basar" wohnten, in ihren traditionellen Holzhäusern wie auf dem Lande.
Sogar ein verrückter Rockmusiker wie Vanya war im Grunde seines Herzens traditionell und wollte eine Frau, die für ihn am Herd stand. Er war Tatare, sie war Udmurtin - das passte zusammen. Sina erzählte die ganze Geschichte, weshalb Lena in der Band sang: Sie war immer sauer gewesen, wenn Vanya abends so lange mit seinen Bandkollegen probte statt zu Hause bei ihr zu sein. Da hatte er irgendwann ein Machtwort gesprochen: "Du singst jetzt mit uns in der Band!" Und nun war das einzige Problem, das er noch hatte, dass sie immer müde auf den Proben war und ihn drängte, dass sie doch nach Hause gehen mögen.

In der Zwischenzeit war auch Mischa gekommen und trank Tütenkaffee während Sina und Stasya an dem Kleid herumschneiderten.
Ich hatte vorgeschlagen, eine Webseite für Electric Snow zu machen und bastelte nun an einem ersten Entwurf und an einem Logo.

Gegen 16:00 mussten wir das nette Beisammensein jedoch auflösen, denn Stasya und ich mussten zur Uni, aber nach ihrer Doppelvorlesung wollten wir uns wieder bei Sina treffen, oder ein bisschen später. Ich wollte nach meinem Russischkurs noch ein wenig an meinem Projekt arbeiten, aber schon auf dem Weg von der Uni zurück verwarf ich diese Idee und vertrödelte die Zeit auf der Gitarre.
Als ich mich dann auf den Weg zu Sina machte, stand ich im Bus plötzlich Albert gegenüber. Ich hatte ihn einen Moment lang nicht erkannt, weil sich alle Tataren mittleren Alters so ähnlich sahen und alle die gleiche Mütze trugen, aber sein breites Grinsen unterschied ihn von allen anderen. Er hatte mich eigentlich schon am Montag oder Dienstag zur Besprechung meines Projekts treffen wollen; heute war Freitag, und vertröstete mich auf Mittwoch - machte nichts, ich hatte eh nicht nennenswert gearbeitet.

Bei Sina saßen Mischa und Stasya schon in der Küche und blätterten in Büchern; die Stimmung war nicht gezwungen, sondern hing einfach im Raum, ohne Druck, den Besuch amüsieren zu müssen. Sina hatte gefragt, ob ich sie nicht langsam leid sei, aber gerade diese Ungezwungenheit und Gelassenheit fand ich überaus anziehend. Hier war jeder er selbst, und jeder wusste, was in dem anderen vorging, und wie man damit umzugehen hatte; sie waren langjährige Freunde, und ich begann dazu zu gehören.

16.10.
Ein neues Wochenende brach an. Farin rief mich an und fragte, ob ich heute schon Pläne hätte, und wenn nicht, könnten wir gemeinsam einkaufen gehen, wie er es mir versprochen hatte, in einen billigen Laden namens Troika, der sich als vietnamesisch-chinesischer Basar in einem Gebäudekomplex in der Nähe des Tatarischen Basars herausstellte.
Ich willigte ein, obwohl ich einkaufen hasste, denn gestern war der Reißverschluss an meiner Winterjacke endgültig und unreparierbar zerbrochen, und ich konnte nicht den ganzen Winter meine Herbstjacke unter der Winterjacke tragen.

Farin wollte im Zentrum auf mich warten. Ich kam eine ganze Viertelstunde zu spät, weil ich mir noch die Haare hatte föhnen und Geld holen müssen. Ich entschuldigte mich, bin jetzt nicht mehr deutsch, seit dem Initiationsritus an der UdGU. Wobei ich den nicht mal bis zum Ende mitgemacht hatte - so war ich vielleicht noch zu retten.

Wir sahen uns ein wenig an den Ständen um; die Wände dahinter waren bis zur Decke mit Jacken behangen. Die meisten waren überteuerte, unechte Pelzmäntel, aber davon hätte ich mir nicht mal einen gekauft, wenn es erlaubt gewesen wäre, sie nach Deutschland einzuführen. Ich fand schnell eine unaufdringliche graue Jacke, die jedoch schlecht vernäht war; die Verkäuferin suchte geschwind eine neue, bessere heraus, und Farin handelte sie von 3000 auf 2500 Rubel runter; billiger bekam man eine Winterjacke in Russland kaum.
Farin schlug vor, ich könnte trotzdem noch selbst neuen Reißverschluss in meine alte Jacke einnähen. Ich zeigte ihm den Vogel - ich wäre schon völlig überfordert gewesen, einen Knopf anzunähen.
Im nächsten Laden kauften wir farblich passend dazu eine Mütze, die sehr warm war und lustige Bommeln an den Seiten hatte. Auch eine neue Mütze war nötig gewesen, denn meine alte löste sich mittlerweile in ihre Wollbestandteile auf; die Bommel war schon im letzten Jahr verloren gegangen.

Farin plauderte mit dem Verkäufer. Der Verkäufer fragte ihn, ob ich seine Schwester sei; das verneinte er und bezeichnete mich als seine feste Freundin. Ich sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an - das hatte er aber allein entschieden, ohne mich zu fragen. Wobei es sowieso schon jeder seiner Freunde und seine Mutter glaubte, weil ich mir ab und zu von ihm ein Küsschen geben ließ und mich vor seinen Freunden nicht wehrte, wenn er mir den Arm um die Schulter legte.
Nun wollte mir Farin ein schickes Oberteil schenken, aber ich winkte dankend ab; ich konnte die ganzen Klamotten beim besten Willen nicht mit nach Deutschland nehmen, dazu reichte der Platz in meinem Koffer nicht.

Farin wollte sich eine Geldbörse kaufen, brauchte zum Aussuchen aber Ewigkeiten, sodass ich mich müde auf der Treppe niederließ, während er durch die Läden zog. Als er nach mir sah, hatte er zwar den Beutel mit meinen Einkäufen dabei, aber nicht seine eigene Tasche. Ich machte ihn darauf aufmerksam, er bekam einen panischen Ausdruck auf dem Gesicht und rannte davon, kam aber schon wenige Minuten später triumphierend mit seiner Tasche zurück.
Als letztes wollte er eine Kopflampe für seine Außentoilette kaufen, denn dort gab es keinen Strom, und im Dunkeln hatte es sich wohl als schwierig herausgestellt, die Löcher zu treffen. Ich hielt das für eine gute Idee und kaufte mir auch eine, denn bei uns im Wohnheim war ja auch ständig das Licht im Bad kaputt. Und für unseren lange schon geplanten Ausflug in die Höhlen bei Perm, war so eine Lampe auch sehr praktisch.

In diesem Krimskramsladen entdeckte ich eine Hülle für den Studentenausweis, die die meisten Studenten besaßen und wollte mir auch eine kaufen, aber der Verkäufer schüttelte den Kopf - das sei die letzte Hülle, die wollte er nicht verkaufen. Ich wusste nicht, ob das nur eine Verkaufsstrategie war, oder der Verkäufer ein Idiot - jedenfalls verließen wir den Laden gleich darauf und Farin versprach, in anderen Läden danach Ausschau zu halten.

Außerdem brauchte ich Ohrenstöpsel, fiel mir ein. Heute Abend würde ein großes Rockkonzert stattfinden, bei dem auch Electric Snow spielte, und das ganze nannte sich "Overground Festival", würde aber definitiv ein Underground-Konzert werden, wenn ich von ihrer Musik auf den Rest der Bands schließen konnte. Einen Auftritt dieser Art hielt ich ohne Ohrenschutz aus, aber gleich sechs Bands dieser Art würden für Tinitus sorgen, daran zweifelte ich nicht.

Doch wo konnte man Ohrenstöpsel kaufen? Von Stasya wusste ich, dass sie in Russland Berushy hießen, sodass es kein Problem war, Farin zu erklären, was ich wollte.
Er fragte in insgesamt 4 Apotheken danach, aber entweder führten sie diesen Artikel überhaupt nicht, oder hatten gerade nichts vorrätig. Als letzte Möglichkeit schlug Farin vor, in einen Laden für Arbeitsschutzkleidung zu gehen. Auf dem Weg gerieten wir in einen Flashmop vor dem Zirkus, in den wir sofort hineingezogen worden. Ein professioneller Kameramann filmte uns beim Bilden einer menschlichen Kette, doch bald rochen wir, dass der Flashmop gar keiner war, sondern eine Werbeaktion für einen Schokoladenhersteller. Ein echter Flashmop war ein im Internet verabredetes Zusammentreffen von Fremden an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, und auf ein bestimmtes Signal hin begannen alle, etwas vorher abgesprochenes Verrücktes zu tun, wie beispielsweise sich gegenseitig mit Kissen zu schlagen, die sie vorher versteckt getragen hatten.

Der Kameramann und sein Kollege waren begeistert, dass sie einen Ausländer - also mich - erwischt hatten und filmten drauflos. Doch sie wollten die Aktion noch größer haben und schickten jeden der Teilnehmer los noch einen weiteren Teilnehmer von der Straße zu holen, in der gleichen Art, wie sie uns angeworben hatten, aber Farin gelang es nicht, die Passanten zu überzeugen und wurde langsam ungeduldig; er hatte heute noch viel zu erledigen: Er wollte mit seinen Freund und Nachbarn Rawil einen Ofen für sein Banya selbst aus Stahlplatten zusammenschweißen, weil ein neuer Ofen zu teuer gewesen wäre.

Aber da hielt uns schon das nächste auf: Ein hübsches Mädel versuchte uns einen Handyvertrag aufzuschwatzen. Ich lachte und sagte, ich sei schon bei MTS. Farin druckste und zögerte lange, war am Ende jedoch ihrem Charme erlegen und gab ihr seine Ausweisdaten. Sie dankte ihm kokett und lief eilig zum MTS-Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite, da rief Farin ihr nach, wie sie heiße, aber sie hörte ihn schon nicht mehr. Er meinte, ihren Namen hätte er schon gern erfahren. ich riet ihm, ihr nachzurennen, aber das wollte er dann doch nicht.

Zufällig hatte sich heute Roman per SMS bei mir gemeldet und gefragt, ob wir uns nicht mal wieder treffen wollten; ich schlug das Underground-Rockkonzert heute Abend vor und fragte ihn nach Ohrstöpseln - seine Eltern waren doch Ärzte, die mussten wissen, wo es so etwas gab.. Aber tatsächlich fanden Farin und ich sie noch vor dem Arbeitsschutzladen in der nächsten Apotheke. In den Laden gingen wir trotzdem, denn Farin wollte die Preise für Bohrmaschinen vergleichen; er liebte die deutschen Fabrikate, die aber sehr teuer in Russland waren. Ich glaube, ihn Deutschland könnte ich ihn morgens in einem Baumarkt absetzten und müsste ihn erst abends wieder abholen.

Nun war es wirklich Zeit für uns beide nach Hause zu gehen; ich wollte noch etwas an meinem Projekt arbeiten, entschied mich aber schon auf dem Weg zum Zentrum anders, weil mein Magen zu knurren begonnen hatte und Abendbrot verlangte. Auch Farin, der mich eigentlich an der nächsten Haltestelle hatte absetzen wollen, überlegte es sich auf dem Weg anders und fuhr mich bis zum Wohnheim. Das graue Herbstwetter machte träge und erstickte die Lust am Arbeiten im Keim.
Ins Wohnheim hinein durfte er nicht ohne offizielle Erlaubnis in dreifacher Ausfertigung und mit Begründung, warum er ins Wohnheim wollte, aber wir saßen noch etwas im Auto beisammen und hörten Musik. Ausgerechnet auf die Grand-Prix-Gruppe Brainstorm hatten wir uns musikgeschmackstechnisch einigen können; aber eigentlich war ich schon froh, dass ich nicht mehr Techno anhören musste, wenn ich bei ihm mitfuhr. Ich bedankte mich für den Ausflug, gab ihm ein Küsschen und ging.

Ich kochte mir ein paar Pelmeni und ging dann auf die Suche Miguel, den ich schon über Internet eingeladen hatte, denn diese Veranstaltungen wurden alle über vkontakte organisiert. Er war schon seit Tagen nicht aufzufinden gewesen; ich hatte ihn zum Beispiel zu den Proben von Electric Snow einladen wollen. Sein Handy funktionierte nun überhaupt nicht mehr; ich konnte ihn weder per SMS noch mit einem Anruf erreichen.

Aber da ich ihn über Internet eingeladen hatte, wusste er theoretisch, zu welcher Zeit er wohin kommen musste. So ging ich allein in den Club; es war sowieso noch über eine Stunde bis zum offiziellen Beginn; Stasya hatte mir geschrieben, dass wir uns schon vorher treffen sollten. Außerdem hatte sie gemeint, ich käme kostenlos in den Club hinein, wenn ich meinen Namen sagte - das hätte die Band geregelt. Aber davon wusste der Türsteher nichts, ich stand nur auf der Liste mit dem halben Preis. Als ich die Diskussion schon aufgegeben hatte und eine Eintrittskarte kaufen wollte, kamen die anderen zum Eingang und begrüßten mich mit Umarmungen und erklärten dem Türsteher, dass ich zur Gruppe gehöre. Er nickte und ließ mich durch. Das war schon ein ziemlich cooles Gefühl.
Es waren noch keine anderen Besucher da. Es wurden wohl auch nicht mehr erwartet, denn zu Konzerten dieser Art kamen normalerweise nur die Bands selbst und ihre engsten Anhänger wie Stasya und ich, und nur ab und zu ein Besucher, der sich verirrt hatte, aber in der Regel schnell wieder verschwand.

Roman hatte erst jetzt die SMS erhalten, dass wir uns früher trafen und kam erst, als das Konzert schon begonnen hatte - wobei man das sowieso nicht so genau sagen konnte, der der Übergang vom Instrumentenstimmen zum eigentlichen Spielen fließend war, und sich die Musik oft nicht vom Einspielen unterschied... besonders bei der ersten Band, die nur aus einem gelangweilten Schlagzeuger, einem Saxophonist und einem Waldhornspieler bestand, die improvisierten.

Da stand also Roman plötzlich in der Tür und ich sprang ihm entgegen; bei der Umarmung hob er mich in die Luft. Die anderen waren neugierig geworden, kamen allesamt zu uns und stellten sich selbst vor. So wurde er sofort in die Gruppe aufgenommen. Dima tauchte kurz darauf auf, aber ohne Nastya, die lautes Geräuschdurcheinander nicht mochte.

Sina war nervös, sie tigerte wie eine Leopardin im Käfig umher und biss Stasya unvermittelt in die Schulter, hüpfte mit einem quietschenden Geräusch davon und begann mit einem offenbar alten Freund zu tanzen, den ich nicht kannte. Auch Vanya drehte durch und kletterte eine Stange hoch; Roman fotografierte alles mit seiner professionellen Ausrüstung. Sina hatte derweil begonnen, ihren Freund Andrey anzustarren, der unbeirrt zurückstarrte. Sie sagte mir leise und ernst, dass sie ihn hasste, aber nach ihrem Auftritt kullerte sie sich schon wieder mit ihm auf einem Sofa herum. Wahrscheinlich war es ihre Version von Lampenfieber.
Als ihr Fotograf sah ich es als meine Aufgabe an, ein Gruppenfoto von ihnen zu machen, und nach ein paar Versuchen bestanden sie darauf, dass ich auch mit aufs Foto kam. Das Resultat gefiel mir so, dass ich es später rahmen lassen wollte. Wenn mir nur eine einzige Erinnerung von Russland bleiben sollte, dann war es diese.


Nun begann das Konzert aber wirklich; Mischa hatte sich zu den drei Pfeifen gesellt und improvisierte mit einer E-Gitarre dazu.
Es versuchte wie Blues zu klingen, klang aber nur grausig; sie kamen einfach nicht mit ihrer Musik in Gang, bis Sina die Geduld verlor und sich selbst ans Schlagzeug setzte und einen schnelleren Rhythmus anschlug; sofort veränderte sich die Musik und der Laden begann zu rocken. Als nächstes versuchte sich der Saxophonist der Gruppe als Solist und sang zotige Lieder ohne Melodie während er Gitarre spielte. Zumindest meinte Roman, die Texte seien witzig und unübersetzbar.
Dann war Electric Snow an der Reihe und Roman schoss Fotos in der Geschwindigkeit einer Kalaschnikow, wenn sie Fotos schießen würde. Das Resultat sahen ziemlich cool aus; man konnte teilweise die Farben der Beleuchtung auf den Gesichtern wechseln sehen ohne dass sich das Ausdruck in den Gesichtern geändert hatte. Ich filmte den Auftritt in der Zwischenzeit und klatschte begeistert nach jeder Nummer - als nur einer von drei Leuten.

In der Zwischenzeit war auch Miguel im Club aufgekreuzt, aber schon eine halbe Stunde später fehlte jeder Spur von ihm; er erzählte mir später, dass er sich nicht gut gefühlt hatte.
Ich war sehr froh über die Ohrenstöpsel, die die Lautstärke auf ein erträgliches Maß reduzierten ohne dass von der Musik etwas verloren ging.
Drei Jungs mit E-Gitarren, die sich Pyramidka (Pyramidchen) nannten, kamen als nächstes an die Reihe; sie waren gut, aber ihnen fehlten echte Lieder und ein Sänger.
Danach wurde es chaotisch, die "Band" bestand aus vielen Musikern, die mir irgendwie bekannt vorkamen; Sascha zum Beispiel, den wir beim letzten Mal der Pizzeria getroffen hatten, und der andere Sascha, der sich Kyrill nannte und mit Stasya und mir vor einigen Tagen meine Hausaufgaben gemacht hatte. Heute war er merkwürdigerweise nüchtern, trug eine Wintermütze und war davon überzeugt, nicht spielen zu können. Eigentlich war geplant gewesen, dass Stasya während des ganzen Auftritts diese Mütze tragen und auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum sitzen sollte. Als abzusehen war, dass aus Kyrills Auftritt nichts werden würde, rannten viele andere Musiker auf die Bühne zum Improvisieren während Mischa, der eigentlich in dieser Band spielte, sich von der Bühne zurück zog. Am Ende standen 2x E-Bass, 2x E-Gitarre, 3x Schlagzeug, 3 Sänger und Lena mit dem Tamburin auf der Bühne. Mischa machte dabei ein freundliches Gesicht und dachte sich wahrscheinlich einfach, dass sein E-Bass wohl nicht gebraucht wurde. Das richtige Chaos brach aber erst auf der Bühne aus, als einer der Musiker Kyrill anrempelte und sie - gespielt oder nicht - aufeinander losgingen und dabei fast die Stehlampe umrissen. Sina hatte sie ganze Zeit am Schlagzeug improvisierte Textzeilen ins Mikrophon geschrien, aber nun schrie sie wirklich, als sie glaubte, alles würde ihr ins Schlagzeug kippen. Es war unglaublich, dass dabei noch Musik zustande kam.
Zu einem Ende mit großem Finale kam es nur, weil der Clubbetreiber sie nur bis 22 Uhr hatte auftreten lassen wollen und drohte, sie von der Bühne holen zu lassen.

Wir warteten, dass sie die Bühne abbauten und halfen, die Instrumente nach oben auf die Straße zu bringen und in das Auto von Mischas Bruder zu laden. Normalerweise gingen sie nach ihrem Auftritt eine Pizza essen, aber heute war abzusehen, dass es wohl nichts werden würde, deshalb schlug ich Stasya, Dima und Roman vor, allein eine Pizzeria aufzusuchen; Stasya hatte aber eine bessere Idee: Pizza zum Mitnehmen zu bestellen und dann zusammen alle in das legendäre leerstehendes Krankenhaus zu gehen, das sie bewachte. So zogen wir zu zehnt los. Electric Snow war nach Hause gefahren, aber andere Musiker hatten sich uns angeschlossen. Ich war sehr gespannt darauf und stellte es mir als einen sehr gruseligen Ort vor - ich mochte Krankenhäuser schon nicht, wenn sie im Normalbetrieb waren, aber ein leerstehendes Krankenhaus klang nach Horrorfilmen à la Frankenstein. Und hatte Stasya nicht erzählt, dass sie darin einmal einen Horrorfilm gedreht hatten?

Wir gingen zur Haltestelle und nahmen den gleichen Bus, den ich nach Hause genommen hätte, fuhren aber ein Stück weiter bis zur Pizzeria, in der ich manchmal essen gegangen war. Während die anderen vier Packungen Pizza kauften und fünf erhielten, holte ich mit Sascha Schokolade, Orangensaft und Wodka im Supermarkt nebenan.

Wir trafen uns auf der Straße wieder und gingen zu Fuß zum Krankenhaus, das nur wenige Querstraßen von hier entfernt lag; es musste die Gegend sein, in der ich letzten Winter einmal so verloren gegangen war, dass mich nur Matthias mit GPS und Google Maps hatte retten können.

Das Krankenhaus entpuppte sich als gar nicht so gruselig, eher gemütlich; es gab ein altes Sofa und einen Fernseher in einem Gemeinschaftsraum, und ein altes Krankenhausbett in stand daneben. Wir füllten die Plastikbecher, die wir zum Wodka gekauft hatten, aber viele tranken einfach nur Tee. Ich beschloss, dass ich lange genug trocken geblieben war, denn dieser Tag schrie einfach nach Feiern. Dima verließ uns für eine halbe Stunde um Nastya hinzu zu holen, und Mischa ging Sina holen. Wir zogen in einen größeren Raum um, in dem Matratzen auf dem Boden lagen, die Roman auf Stasyas Anweisung dorthin gebracht hatte.
Es war eine noch seltsamere Party als Stasyas berüchtigten Hausdachpartys.
Gegen zwei Uhr morgens wurden die ersten jedoch müde und blieben einfach auf den Matratzen liegen; andere plauderten und lachten noch. Die ersten gingen heim, aber ich hatte mich längst damit abgefunden, hier zu übernachten, denn ich kam um diese Uhrzeit sowieso nicht mehr ins Wohnheim hinein - falls ich es überhaupt finden sollte und nicht die ganze Nacht draußen umher irrte. Ich holte mir meine Jacke und machte es mir auf einer Matratze bequem, wo ich schließlich einnickte, aber Stasya weckte mich und bugsierte mich in den ersten Raum zurück, der wärmer war als er Raum, in dem wir alle gesessen beziehungsweise gelegen hatte. Ich rollte mich auf dem Sofa zusammen und schlief wieder ein.

17.10.
Kurz vor 8 Uhr morgens wurde ich von Roman sanft geweckt, sodass ich ihn erst gar nicht für voll nahm, aber Stasya kam dazu bestätigte, dass wir alle aufstehen und das Krankenhaus verlassen müssten, weil ihre Wachablösung gleich käme.
Ich nippte etwas alten Tee mit Krümeln von gestern Abend und versuchte wach zu werden. Roman sah auch etwas zerstört aus, nur Mischa wirkte frisch wie immer und lächelte sein leises Halblächeln.
Die Zeit verging langsam, während wir in der Eingangshalle saßen und weniger als zweieinhalb Worte wechselten und den letzten Müll wegräumten. Stasya schließlich keine Lust mehr auf die Ablösung zu warten und wir verließen alle zusammen das Krankenhaus.
Es war angenehm kühl am Morgen und ich fühlte mich erstaunlich gut, obwohl ich gestern ausgiebig getrunken hatte; wahrscheinlich war es nur billiger Sekt, der mir so sehr zusetzte. Miguel würde sich grün und blau ärgern, wenn ich ihm davon erzählte, was er verpasst hatte.

Es war tatsächlich die Gegend, in der ich so verloren gegangen war, und Stasya meinte, die Irrenanstalt befände ich ganz in der Nähe, aber es sei nicht das Haus Nummer 100, sondern nur recht nahe daran. Roman bestätigte das, wusste aber auch nicht die genaue Nummer.
Wir deponierten den Müllsack im nächsten Container und spazierten Richtung Stadtzentrum. ich staunte nicht schlecht, als wir plötzlich vor meiner Uni standen, aber es war die gleiche Seite, an der ich damals auch herausgekommen war.

Bevor ich mich verabschiedete, verabredete ich mich mit Roman zum Austausch der Fotos, aber doch wie ursprünglich gesagt nicht zum Mittagessen, sondern eher zum Abendbrot.
Ich fiel sofort wie ein Stein ins Bett, als ich im Wohnheim angekommen war. Schlafen konnte ich aber nur bis 11 Uhr, als ich von einer überfröhlichen Krankenschwester oder so etwas in der Art mit einem lautem Klopfen an die Tür geweckt zu wurde. Sie redete wie ein Gebirgsbach auf Russisch auf mich ein, und ich konnte nur sagen: "English, please."
Sie schaut mir erst verwirrt an, schien nachzudenken und es sich anders zu überlegen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.

Der Hase meiner Nachbarin rannte schon wieder umher; ich ließ ihn in mein Zimmer. Er hatte einen ausgesprochenen Nagetrieb entwickelt und fraß ein Loch in die Ersatz-Matratze, die an der Wand lehnte, und dann in die Wand selbst. Bis ich es bemerkt hatte, war der Schaden schon angerichtet, aber der Hase hatte außer meinem Zimmer auch schon den Korridor verwüstet, in dem er normalerweise frei herumlief. Dort hatte er nicht nur die Farbe von der Wand genagt, sondern auch den Putz, sodass stellenweise regelrecht Löcher in der Wand klafften.

Ich stand immer noch ein Stück neben mir, als mir Roman am späten Nachmittag per SMS schrieb, er würde bei sich zu Hause auf mich warten und beschrieb mir den Weg. Ich hatte schon den Schuhen im Flur gestanden und den Schlüssel abgegeben, als mir einfiel, dass ich das Geschenk vergessen hatte, das ich ihm aus Holland mitgebracht hatte. Ich holte den Schlüssel wieder, schlüpfte aus den Schuhen, ging ins Zimmer, holte das Geschenk, sperrte ab, gab den Schlüssel ab, zog die Schuhe an, zog die Schuhe wieder aus, holte den Schlüssel und ging zurück in mein Zimmer, weil ich das falsche Geschenk eingepackt hatte.

Die Etagenfrau hatte mein Weggehen schon notiert und wunderte sich über mich.
Hase lief mir mittlerweile überall hin hinterher - aus dem Zimmer heraus, wenn ich herraus ging, und hinein, wenn ich hinein ging. Nun hatte er es sich auch in den Kopf gesetzt, mir auch hinaus in den Gang zu folgen, der unsere Wohneinheit mit den anderen verband und ganz nach draußen führte. Es war nicht leicht, den Hasen abzuschütteln. Ich ließ mich vor die Tür plumpsen und versuchte ihn wieder hineinzudrängen und schloss vorsichtig die Tür um ihm die Nase nicht einzuklemmen.
Ich stand schon wieder in Schuhen am Ausgang, da sah ich plötzlich etwas Hasenartiges, glaubte an eine Täuschung, schaute weg und wieder hin. Es war verschwunden, aber die Tür zu unserer Wohneinheit stand offen - ich sprang aus den Schuhen und sprintete hinter dem Hasen her. Die Etagenfrau im Nebenzimmer musste mich mittlerweile für völlig debil halten.

Der Hase dachte gar nicht daran, sich wieder einfangen zu lassen; er war schneller und schlug Haken, in andere Wohneinheiten hinein. Schließlich gelang es mir ihn zu packen und unauffällig zurück in unsere eigene Wohneinheit zu tragen - ich wusste ja nicht, ob die Etagenfrau von ihrem neuen Haustief wusste. Der Hase hatte es wirklich geschafft, die Tür aufzudrücken. Er zappelte und wollte partout nicht zurück in sein kleines Zimmerchen, aber ich kannte kein Erbarmen und drückte ich die Tür nun schneller und fester zu - mit dem Hasen auf der anderen Seite, prüfte noch mal, ob sie fest genug zu war und machte mich dann endlich auf den Weg.

In Russland machte mir mittlerweile nichts mehr Angst; ich hatte es mir sogar angewöhnt, den Fahrstuhl des Grauens zu nutzen statt die Treppen zu Fuß zu gehen. Im Fahrstuhl traf ich den Beweis, dass selbst Russen mit ihrer Technik nicht klarkamen: Ein Besucher stand bei uns im 8. Stock im Fahrstuhl und wollte eigentlich in den 5., aber die Taste 5 führt ja in den achten Stock. Er fragte mich, welche Taste sonst gewählt werden müsse. Ich sagte im Kopf den Abzählreim "eene meene mopel" auf, weil ich zu faul war zum Rechnen und drückte auf die Taste 3, und tatsächlich hielt der Fahrstuhl im 5 Stock. Der Mann bedankte sich und ich war erstaunt über mich selbst.

Roman hatte geschrieben, ich sollte den Trolleybus Nummer 6 bis zu Rosselhoz-Bank nehmen. Ich stieg an der ersten Haltestelle mit genuscheltem Wort "Bank" aus, das war aber eine zu früh, denn nach Romans Beschreibung musste der Bus erst um die Ecke fahren. Ich sah den Bus einige hundert Meter um eine Ecke fahren und beschloss, diese eine Haltestelle zu laufen. Für Roman, der an der Haltestelle auf mich gewartet hatte und nur kurz in einen Laden gegangen war, sah es so aus, als wäre ich aus dem Nichts erschienen, weil gerade kein Bus weit und breit zu sehen war. Er wunderte sich aufrichtig und ich ließ ihn in dem Glauben, dass ich mich von einem Ort zum anderen teleportieren konnte.

Endlich lernte ich Romans sagenumwobene Eltern kennen - beides Ärzte, und gute noch dazu, eine Seltenheit in Russland, wenn man Roman glauben durfte. Seine Mutter lachte ständig, tätschelte mir die Schulter und gab nicht eher nach, bis ich mit ihnen am Tisch saß und von der Fisch-Suppe aß, die sie gerade zum Abendbrot aufgetischt hatte.
Danach gab es noch Tee und ein Kuchen wurde angeschnitten. Ich fühlte mich wie die lange verlorene Tochter, die zur Familie zurückgekommen war.
Ich hatte Roman einige holländische Süßigkeiten mitgebracht und die mit Hilfe von Rubeln gepressten 5-Cent-Münzen. Sein Vater war auch in Holland gewesen und erkannte die Süßigkeiten wieder. Sie alle bedankten sich überschwänglich bei mir für die Mitbringsel, sodass ich fast rot wurde.

Sie hatten gestern die letzten gelben Tomaten aus ihrem Garten geholt und schenken sie mir in rauen Mengen. In der Wohnung waren einige seltsame Dinge aufgebaut, und ich wollte lieber nicht fragen, welchen Zweck sie erfüllten, aber mindestens eins der Dinge stellte sich als Stickrahmen heraus; Romans Mutter liebte Handarbeiten.

Wir gingen in sein Zimmer zum Anschauen der Fotos und er schenkte mir eine DVD, auf die er die Fotos gebrannt hatte. Er wollte mir erst eine zweite für die Electric Snower mitgeben, aber nun hatte sich Stasya angemeldet - sie wollte eben bei Roman vorbeischauen um die Fotos abzuholen. Sie hatte Dima im Schlepptau - wieder ohne Nastya und seltsam nachdenklich in jeder Bewegung erstarrend, wie er es seit Herbstbeginn sehr auffällig tat. Ich glaube, all meine Freunde hier waren etwas merkwürdig. Und das Wetter macht es nur extremer.

Während die drei zusammen noch einmal die Fotos durchschauten, sah ich mich in Romans Zimmer um; das Buchregal bog sich unter "Was-Ist-Was"-Bänden. Ich war begeistert - die hatte ich als Kind auch gesammelt hab, tatsächlich waren es die gleichen Bücher, nur auf Russisch, mit den gleichen Bildern und dem gleichen Inhalt. Meine Lieblingsbeschäftigung mit diesen Büchern war es früher gewesen, die bunte Liste mit den anderen noch verfügbaren Bänden durchzuschauen um herauszufinden, welche Bände ich schon hatte, und welche ich unbedingt noch lesen wollte. Ich besaß wohl alle Bände zum Thema Astronomie, Physik, Geologie und Archäologie, und Roman hatte eine ähnliche Sammlung vorzuweisen. Als ich nun die Bücher durchblätterte, schaute ich nach alter Gewohnheit in die Übersicht mit allen Bänden und war erstaunt, dass gar nicht viele davon ins Russische übersetzt worden waren und die meisten in der Vorschau im Originalen Deutsch abgedruckt waren.

Nach der Dia-Show setzen wir uns noch einmal für eine Tasse Tee in der Küche zusammen und Roman begann wieder eine seiner halben Verschwörungstheorien zu erzählen, die ich so gerne hörte - von den Chemiefabriken im Umkreis von Izhevsk, die eigentlich chemische Waffen in ungefährliche Chemikalien umwandeln sollten, aber langsam eine ökologische Katastrophe erzeugten, weil die Fabriken so schlecht gewartet worden waren. Zu meinem leichten Erstaunen bestätigte Dima diese Informationen. Die Fabriken standen bei den Dörfern Kambarka and Kizner und insgesamt waren wohl 4000 bis 5000 Menschen direkt von den Auswirkungen betroffen. Romans Vater untersuchte regelmäßig die Bewohner; vor allem Lungenkrankheiten waren dort sehr verbreitet, erzählte Roman; sie wurden dort durch die Luft dort regelrecht vergiftet. Außerdem wurden dort genug chemische Waffen gelagert, dass bei einem GAU halb Europa vergiftet werden würde.
Ich nahm zurück, dass mir in Russland nichts mehr Angst machte. Dieses Land war marode und dadurch eine tickende Zeitbombe.
In den 90ern beispielsweise hatte es laut Roman in Sibirien einen größeren radioaktiven GAU gegeben als damals in Tschernobyl, aber diese Gegend war unbewohnt, weshalb dieses Vorfall wenig öffentliche Empörung erzeugte und in weiten Kreisen vielleicht gar nicht bekannt geworden war. Und hatte man nicht im kirgisischen Gebirge zu Sowjetzeiten Atommüll eingelagert, das von Erdbeben und Erdrutschen bedroht war? Wenn dort wirklich einmal etwas schief ginge, wäre auf einen Schlag halb Zentralasien verseucht, das vom Wasser aus den Flüssen dieser Gebirge lebt. Dagegen war Gorleben das reinste Hochsicherheitslabor.
Aber das einzige, was man machen konnte, war - wahnsinnig zu werden, wenn man zu viel darüber nachdachte.

Wir brachen schließlich auf um zu Sina zu gehen. Dima stand unter Nastyas Pantoffel traute sich nicht ohne ihre Erlaubnis mitzukommen und versuchte sie 10 Minuten lang auf dem Handy zu erreichen. Als er damit keinen Erfolg hatte, ging er lieber trotzdem nach Hause.

Bei Sina war gerade eine Nachfeier zum Konzert im Gange - eigentlich eine After-After-Party; Sina stand mit Lena in der Küche und buk Pizza; Vanya, Mischa und Sinas alte Freundin Mascha saßen und standen daneben; Andrey war auch irgendwo - die Stühle reichten nicht aus in dieser kleinen Wohnung.

Vanya und ich konnten uns wie immer nicht so richtig unterhalten und begannen auf einen Scherz der anderen hin ein Städte-Spiel zu spielen: Einer nannte eine Stadt, und der andere musste eine Stadt mit dem Endbuchstaben der letztgenannten Stadt finden, und so weiter. Wir amüsierten uns herrlich dabei, aber noch viel mehr amüsierten sich unsere Freunde um uns herum, die uns dabei zusahen. Das Spiel besaß jedoch ein natürliches Ende, weil fast alle russischen Städte auf k enden - manche auch auf ov, und fast alle deutsche hingegen auf n, und es gab einfach nur eine begrenzte Anzahl von Städten, die mit K, V oder N begannen. Einmal endete eine Stadt auf ы (ausgesprochen wie eine Mischung aus i und ü), aber es gab wohl in der ganzen weiten Welt keine Stadt, die mit ы begann.

Also die Pizza fertig war, machten wir es uns im Schlafzimmer auf dem Boden bequem, wo Sina sogar eine Tischdecke für uns ausgebreitet hatte. Sina verschwand jedoch gleich wieder in der Küche. Ich schaute später nach ihr; sie buk wieder Kekse. Ich leistete ihr Gesellschaft, aber helfen lassen wollte sie sich nicht - dabei war es so einfach, dass sogar ich es könnte: Teig, Rosinen in Zimt vermischt darauf, und noch eine Schicht Teig oben drüber.

Sina gesellte sich erst wieder zu den anderen, als sie die Kekse sicher aus dem Ofen geholt hatte. Es wurde sehr viel gelacht, Sina sogar hysterische Tränen, und Vanya schnappte sich eine der vielen Gitarren, spielte und sang; auch Sina stimmte dann mit ein. Nur sc

Auf zu neuen Abenteuern! Glazov. (9.-10. Oktober)

9.10.
Ich hatte noch gut 10 Minuten Zeit bis mein Bus nach Glozov abfuhr und damit gerechnet, noch mindestens 10 mehr warten zu müssen, aber der Bus stand sogar schon mit offenen Türen an der Haltestelle und mehr als eine Busladung von Leuten versuchte hineinzudrängen. Ich hielt mein Ticket bereit und wurde vorgelassen; viele der Wartenden hatten es wohl nicht geschafft, vorher ein Ticket zu kaufen und waren in der Hoffnung gekommen, dass es noch freie Plätze gab.
Ich nahm meinen Rucksack mit zu meinem Platz statt ihn zum Gepäck im unteren Teil des Reisebusses legen zu lassen, denn ich hatte mein Notebook dabei für den Fall, dass es auf der Fahrt oder bei Dascha langweilig werden sollte, und das gab ich definitiv nicht aus der Hand. Ich konnte es schon nicht gut mit ansehen, wenn meine Freunde ihre Notebooks von ihren Katzen als Heizkissen nutzen ließen.

Farin schrieb mir gegen halb 10 eine SMS und gratulierte mir zum frühen Morgen. Manchmal war er wirklich merkwürdig. Die nächsten Stunden versuchte ich noch etwas Schlaf zu bekommen, das war aber allein durch die Enge und den schweren Rucksack kaum möglich.
Dascha, ihr Ehemann Ilya und ihr Sohn Max warteten in Glazov schon am Busbahnhof, der eigentlich nur ein Parkplatz vor dem Rathaus war. Glazov selbst wirkte so winzig, dass ich es kaum als Stadt bezeichnen würde, dennoch war dieses Städtchen überregional bekannt, vor allem für seine Wodka- und Uranproduktion. Auch Ilya arbeitete in der Fabrik zur Anreicherung von Uran, während seine Schwester in der zweiten Schlüsselindustrie arbeitete.

Wir fuhren ein Stück aus der Stadt hinaus; die wohnten in einem typischen Plattenbau, wo sie eine kleine Wohnung hatten. Im Wohnzimmer stand neben dem Sofa das Kinderbettchen des anderthalbjährigen Max, und ich ahnte, dass ich in dieser Nacht nicht viel Schlaf finden wurde. Wahrscheinlich hatte Dascha meine Gedanken erraten und beschlossen, dass wir das Wochenende bei ihrer Schwiegermutter verbringen würden.

Ich packte meine Gastgeschenke aus; darunter war ein Bär, der bayrisch jodeln konnte. Den hatte ich als Scherzgeschenk aus Deutschland mitgebracht, aber nun konnte ich ihn tatsächlich gut gebrauchen. Max war jedoch eher skeptisch, was das Geschenk anging.
Dascha tischte derweil das Essen auf; sie hatte einen typisch-russischen Kartoffel-Fleisch-Auflauf in blumenvasenförmigen Behältnissen zubereitet; für jeden von uns einen. Sie selbst kam jedoch kaum zum Essen, weil ihr Sohn begann zu schreien, als er uns essen sah - er wollte auch etwas davon abbekommen. Sie zerdrückte die Kartoffeln und versuchte sie schnell abzukühlen, auf dass er zu schreien aufhören möge.

Nach dem Essen packten sie ihn gut ein, packten ein paar Sachen zusammen und luden alles ins Auto. Die Schwiegermutter wohne allein in einem alten Holzhaus ein Stück außerhalb der Stadt, das nur über einen Schlammweg erreichbar war. Das Haus hatte der Großvater noch selbst errichtet und Kartoffeln auf dem Acker nebenan angebaut. Der Garten war auch ohne den Acker groß genug um sie mit Gemüse über den Winter zu bringen. Mittlerweile war alles abgeerntet, auch das Gewächshaus, aber der ganze Keller lag voller Kartoffeln, Kohl und Kürbissen. Draußen rankten sich Weinpflanzen mit nun braunen Blättern über eine simple Hollywoodschaukel. Daneben befand sich ein kleiner, künstlicher Teich mit einer dünnen Eisschicht darauf. Auf einer Bank stand ein alter, silberner Samowar, und an der Hauswand hingen dörfliche Flechtarbeiten und direkt am Eingang wuchs über eine ganze Hausseite hinweg die größte Petersilie, die ich je gesehen hatte.


Im Schuppen lagen riesige Mengen Feuerholz aufgestapelt - kein Wunder, es musste für den ganzen Winter reichen, das Haus war nicht an das Heizsystem der Stadt angeschlossen.
Wir feuerten gleich das Banya an, sodass wir es am Abend nutzen konnten. Es befand sich innerhalb des Komplexes aus Haus, Werkstadt und Sommerterrasse - ein sehr gemütlicher Ort, aber mittlerweile etwas marode, weshalb sie an dieser Stelle ein neues Haus bauen wollten, wenn es Zeit und Geld zuließen.

Obwohl wir gerade erst gegessen hatten, luden sich mich in die Küche ein, deren längste Wand mit einer Landschaftstapete beklebt war, bei der jeder Tapetenbahn einen anderen Farbton hatte und nicht mit der nächsten zusammenpasste. Ich solle doch unbedingt die selbstgemachten Perepetschi probieren; dies war eine udmurtisches Gericht, das an Minipizza erinnerte und mit Pilzen oder Hackfleisch bedeckt war. Die Pilz-Session sei mit dem Frost der letzten Nächte nun leider schon vorbei, bedauerte Dascha, sonst hätten wir zusammen Pilze suchen gehen können.


Wir tranken einen Tee mit echtem Honig aus einem großen Fass und fuhren dann zurück in die Stadt, wo Dascha mir in einem Museum von der Geschichte der Stadt erzählen wollte. Das erste war geschlossen, fand Ilya heraus, während wir im Auto warteten und diskutieren. Dascha war keine typische Hausfrau, wenn auch in den Traditionen ihrer Familie und dem Leben in einer Kleinstadt verwurzelt. Sie hatte Journalistik studiert und versuchte nun nach der Babypause Arbeit in diesem Bereich zu finden, schien aber nicht so recht eine Kariere anzustreben. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie zwei sich eigentlich ausschließende Dinge zur gleichen Zeit glaubte; zum Beispiel war sie eigentlich gegen das frühe Heiraten und Familiegründen, und dass sich die Mädels so extrem für die Männer herausputzten, wie sie es in Russland eben taten, aber wenn sie selbst eine Tochter hätte, würde sie sie genau so erziehen, gab sie zu. Dascha war sogar so traditionell, dass sie ihre Schwiegermutter siezte, wie es früher üblich gewesen war.
Ich mochte Dascha schon gern im Laufe der Zeit, die ich mit ihr verbrachte, aber wirklich Freundinnen wären wir wohl nie geworden, dazu befanden wir uns auf zu unterschiedlichen Lebensabschnitten, obwohl wir fast gleich alt waren, und kamen aus zu unterschiedlichen Kreisen.

Das zweite Museum war geöffnet und zeigte genau das, was Dascha mit hatte zeigen wollen - von den ersten archäologischen Ausgrabungen über traditionelle Kleidung der Dorfbewohner bis zum Handel mit Europa und den daher stammenden "modernen" Haushaltsgeräten wie Kaffeemühlen. Niemand sonst war im Museum, deshalb war man dort umso froher über uns und gab uns eine Führung durch die wenigen Räume. Im Verkaufsraum gab es umso mehr Volkskunst zu kaufen. Für die Touristen - aber wer kam schon nach Glazov? Dascha hatte mich ja auch nur eingeladen, weil nie ein Couchsurfer bei ihr nach einer Übernachtung angefragt hatte.

Wir gingen anschließend etwas spazieren. Am Platz des Ewigen Feuers, das an den zweiten Weltkrieg und die tapferen Vaterlandsverteidiger erinnern sollte, merkte ich an, dass es wohl zum großen Teil der russische Winter gewesen sei, der die Nazis damals glücklicherweise aufgehalten hatte, aber Dascha meinte, das sei ein heikles Thema, und man dürfte keinesfalls etwas gegen die Veteranen sagen, und auch nicht ihren Ruhm schmälern. In Russland war man trotz vieler Missständen stolz auf sein Land, und darauf, Russe zu sein - auch wenn als Vielvölkerstaat vielleicht gar keine Russen gab. Auf der sicheren Seite war man als Ausländer nur, wenn man sich nicht dazu äußerte.

Wir kamen an einen Park und wechselten das Thema: Hier hatten sie geheiratet und ein Band an einen Baum gebunden - ob es noch da hing? Gegenüber hing ein riesiges Plakat mit einer bebrillten alten Dame, und in ihrem Hintergrund ein Schwarzweißfoto einer Schlittschuhläuferin - Irina Rodnina; sie machte Werbung für die allgegenwärtige Einheitspartei Russlands, die Partei Putins und Medwedjews. Morgen waren Wahlen. Dascha wollte zum ersten Mal wählen gehen, aber nur um ihre Unzufriedenheit mit der Regierungspartei auszudrücken, deshalb wollte sie die Kommunisten wählen, wusste aber genau, dass das nichts ändern würde. Ich bat sie, zur Wahl mitkommen zu dürfen.

Anschließend fuhren wir auf den einzigen Berg in der ganzen Gegend; hier waren die archäologischen Ausgrabungen gemacht worden, und man sah immer noch die Stellen, die wie umgegrabene Beete aussahen. Man hatte von hier eine wunderschöne Aussicht auf wilde, dürre Wiesen, sumpfartige Gewässer und blattlose Bäume.


Auf dem Rückweg schloss sich direkt vor uns die Schranke an einem Eisenbahnübergang. Das konnte sehr lange dauern, denn in Russland waren die Güterzüge oft kilometerlang, und die Schranken gingen manchmal schon eine halbe Stunde vor der Ankunft des Zuges zu und nach Durchfahrt des Zuges nicht mehr auf. Kurzentschlossen lenkte Ilya den Wagen um und fuhr einen Schleichweg entlang zu einer Unterführung, die uns unter den Gleisen durchführte, aber dort blieben wir erstmal im Schlamm stecken und brauchten ein paar Anläufe um freizukommen.

Zu Hause gab es gleich wieder Tee und selbstbackenden Kuchen, der aus mehreren Schichten Keksen und süßer Milchcreme bestand. Dann war es schon Zeit ins Banya zu gehen. Dascha gab mir ein altmodisches, ausgebeultes Gewand als Bademantel und ließ mir Zeit mich in dem gemütlichen kleinen Zimmer umzuziehen, in dem ich auch heute Nacht allein schlafen sollte. Wir schlüpften in Schlappen und gingen gemeinsam ins Banya. Sie hatte schon ein Bündel Birkenzweige besorgt; es gab weitere, teilweise kleinere Bündel aus Eichenzweigen, und sogar aus Nadelzweigen - für die Extremmassage vermutlich.

Dascha machte zwei Aufgüsse mit heißem Wasser, dann machten wir es uns in der Hitze gemütlich. Sie klopfte mich mit den Birkenzweigen kräftig durch, wollte sich aber selbst nicht durchklopfen lassen, weil sie selbst schon genug Übung darin hatte, sich selbst mit den Zweigen zu bearbeiten.
Wir hatten am Nachmittag darüber gescherzt, dass wir vom Banya direkt in den kleinen Teich mit der Eisschicht springen könnten, und nun stellte ich fest, dass es gar kein Scherz gewesen war - Ilya hatte es tatsächlich gewagt und das Wasser dabei so aufgeheizt, dass das Eis geschmolzen war. Nun konnte ich es mir nicht nehmen lassen und sprang selbst kurz ins Wasser, japste, sprang heraus und gleich wieder hinein, nur um sofort wieder herauszuspringen und zum Banya zurück zu rennen um mich wieder aufzuwärmen.

Als wir fertig waren, ging Ilyas Mutter schwitzen, und danach ging Dascha ihren Sohn im nicht mehr so heißen Banya waschen. Wer gerade nicht im Banya war, saß mit dem Rest der Familie zusammen im Wohnzimmer, in Bademantel, Decken und wolligen Hausschuhen und tranken selbstgemachtes Wildkirschkompott. In der Zwischenzeit war Ilyas jüngere Schwester gekommen, aber sie mochte das Banya nicht und wartete nur darauf, dass wir uns lang genug ausgeruht hatten, sodass wir gemeinsam ausgehen konnten. Ich hatte ihnen derweil Fotos auf meinem Notebook gezeigt; Dascha war besonders an den Fotos einer typisch-deutschen Hochzeit interessiert und fragte mich aus, welche Bräuche wir hatten.
Ilyas Schwester hatte in der Zwischenzeit eine uralte, verstimmte Gitarre vom Schrank geholt, konnte aber selbst wegen der langen Fingernägel nicht mehr darauf spielen, aber Max krabbelte auf dem Instrument herum und erzeugte mit erstauntem Blick Töne. So sog er die Musik schon mit der Muttermilch auf. Ilya versuchte sie zu stimmen, aber sie war schon angebrochen und nur noch als Spielzeug für Max geeignet.
Ich hatte bald darauf wieder mit Origami begonnen und nun wollte Ilyas Schwester unbedingt alles lernen, was ich ihr in der kurzen Zeit bebringen konnte, aber wir brachen kurz darauf schon auf.

Dascha hatte gern tanzen gehen wollen, aber davon war niemand so recht begeistert gewesen, also fuhren wir in einen gemütlichen Pub und tranken Bier, das auch in Glazov gebraut worden war. Ich war nie ein Fan von Bier gewesen, und von diesem auch nicht, und so ließ ich die Hälfte stehen während wir weiter Origami-Kaleidozyklen falteten.
Nach einer Stunde fuhren wir auch schon wieder nach Hause. Wir waren alle recht erschöpft und hatten viele Pläne für morgen, denn morgen Abend würde ich schon wieder zurück nach Izhevsk fahren.

10.10.
Noch vor dem Mittagessen fuhren wir alle gemeinsam hinaus in den Wald: Dascha, ihr Sohn, ihr Mann und dessen Mutter. Sie hatten Essen für ein Picknick zusammengepackt und hofften, im Wald doch noch ein paar Pilze zu finden.
Es war ein wirklich goldener Herbst, die Birken leuchteten hellgelb, aber der Boden war schon gefroren und Reif hatte sich an den Rändern der kleinen Pflänzchen gebildet, die zwischen den vertrockneten Gräsern hervorschauten. Pilze gab es nur noch wenige, hauptsächlich Fliegenpilze, die selbst erfroren und eingeknickt dalagen, als konnten sie das Gewicht ihres eigenen Huts nicht mehr halten, und ihre knackige rote Haut hatte sich in faltiges Leder verwandelt. Es war einer der letzten schönen Tage vor dem Einbruch des Winters, das konnte man schon an der frischen, würzigen Luft riechen.


Ilyas Mutter sammelte Reisig und vertrocknete Hagebutten, Ilya hatte einen Pilz gefunden, und ich ein Stück frisches Holz zum Nagen für den Hasen meiner Nachbarin, aber sonst waren wir leer ausgegangen. Wir breiteten eine Zeitung um niedrigen Gras aus und legten das mitgebrachte essen darauf: Perepetschki, frische Gurken und Brot. Ilya breitete seine Jacke daneben auf dem Boden auf, sodass wir uns setzen konnten und schnitt Muster in die Gurken bevor er seien Sohn damit fütterte, der uns erstaunt ansah.


Ich würzte mein Brot mit der Schafgarbe, die überall um uns herum wuchs, denn an Brotaufstrich hatte niemand gedacht. Als wir fertig gegessen hatten, warf Dascha das restliche Stückchen Brot in den Wald und rief "Lisewitschku!"
Sie erklärte, Lisewitschok war ein Waldgeist, oder vielleicht waren es auch mehrere Waldgeister, die in Russlands weiten Wäldern lebten und verschiedene Gestalten annehmen können, zum Beispiel die von Tieren. Sie waren mal gut, oder auch mal schlecht gelaunt. Wenn sie gut gelaunt waren, halfen sie beispielsweise Menschen, die sich im Wald verirrt hatten; waren sie schlecht gelaunt, spielten sie ihnen Streiche und ließen sie sich im Wald verirren. Man konnte sie besänftigen, indem man ihnen Gaben brachte, zum Beispiel Essensreste. Dascha glaubte nicht an Waldgeister, aber es hatte sich wohl durch den Volksglauben so eingebürgert, dass man ohne nachzudenken Essensreste in den Wald warf, dass sie es auch einfach tat.

Der Volksglauben und die Dörfer, in denen daran festgehalten wurde, starben langsam aus. Wir kamen an einigen winzigen Siedlungen vorbei, die völlig unbewohnt aussahen. Dascha erklärte, dass hier nur noch die alten Leute lebten, die hier aufgewachsen waren; ihre Kinder und Enkel waren in die Stadt gezogen, weil es in so einem Dorf weder Arbeit noch eine Schule und oft nicht mal einen Lebensmittelladen gab. Ich stellte es mir gruselig vor, hier zu leben, vielleicht als letzter Mensch im ganzen Dorf, und dass es niemanden gab, der einem im Notfall helfen konnte. Und wie die Familie am Wochenende zu Besuch kommt und im Haus nur noch eine Mumie vorfindet. Kein Wunder, dass es hier spukte - hier will doch niemand begraben sein.

Als wir zurück waren, begann wir das Abendessen zuzubereiten. Dascha mische Hackfleisch mit Zwiebelstücken während ihre Schwiegermutter den vorbereiteten Teig ausrollte und kleine, runde Scheibchen ausstach. Wir wollten Manti herstellen; es war eine Teigtaschenart ähnlich zu Pelmeni, aber ein wenig anders gefaltet: Man füllte sie erst mit einen Löffel Fleischfüllung und faltete sie dreieckig zusammen. Ich kannte Manti noch aus Usbekistan, hatte sie aber größer und gar nicht dreieckig in Erinnerung. Aber wahrscheinlich waren es sibirische oder ukrainische Manti, oder jemand hatte bei der Überlieferung des Rezepts nicht richtig aufgepasst.
Die fertig gefalteten Manti wurden dann jedoch nicht wie Pelmeni in Wasser sondern über Dampf gar gekocht.



Dascha erzählte mir, dass man in unserer Republik Udmurtien davon überzeugt war, Pelmeni erfunden zu haben, während man das gleiche in Sibirien und anderen Gegenden behauptete. Aber nur in Izhevsk befände sich ein Pelmeni-Monument um der Erfindung der Pelmeni zu gedenken. Und selbst falls man es nicht hier erfunden hatte, käme zumindest der Name "Pelmeni" aus der udmurtischen Sprache. Wo aber sich das Denkmal befand, konnte sie mich nicht sagen; sie hatte es selbst noch nicht herausgefunden.

Zum Essen gab es sauer eingelegte Pilze, die aussahen wie eingelegte Schnecken und nach schleimigen sauren Gurken schmeckten. Man schien in Russland der Überzeugung zu sein, alles einkochen zu können.
Anschließend brachen wir auf, es war schon später Nachmittag, und wir wollten noch zur Wahl fahren bevor sie mich zum Bus brachten. Ich bedanke mich bei der Schwiegermutter, die mich zu einen weiteren Besuch einlud.

Das Wahllokal war in einer Schule untergebracht, und auch sonst unterschied sich die Wahl nicht sehr von den Wahlen in Deutschland. An den Wänden hingen Plakate, die den Wähler informieren sollten, wie er seine beiden Kreuze zu setzen hatte. Es schien auch ein System nach Erst- und Zweitstimme zu geben, das jedoch scheinbar automatisch dafür sorgt, dass parteienlose Kandidaten weniger Stimmen bekamen.
Ob bei den Wahlen alles mit rechten Dingen zuging? Die deutschen Studenten im Wohnheim hatten mit dem Gedanken gespielt, sich als Wahlbeobachter zu verkleiden und in dem Aufzug in ein Wahllokal zu gehen, aber sie waren zu besorgt gewesen, dass sie durch diese Aktion von der Uni fliegen würden.

Es standen vier Parteien zur Wahl: Die amtierende Partei "Einheitspartei Russlands", und dass es aussah wie Demokratie, gab es drei weitere Parteien für jeden Geschmack: Die Ultrarechten, die Kommunisten, und die Liberalen gelb auf blauem Grund. Jede Partei hatte ihre Spitzenkandidaten aufgestellt, und das war der amüsanteste Teil: Statt eines Wahlprogramms hatte man persönliche Steckbriefe der Kandidaten mit einer genauen Aufstellung ihres Vermögens abgedruckt. So war unter jeder Foto zu lesen, wie viel sie im Jahr 2009 verdient hatten, wie viel von dem Geld auf ihrem Konto auf der Bank untergebracht war, welches Auto sie fuhren, wie groß ihre Wohnung war und ob sie eine Datscha besaßen. Es waren alle bescheidenen Männer, stand es hier schwarz auf weiß, und keiner von ihnen hatte eine Datscha. Ich witzelte, das seien alle Ne-udatschniks, also Verlierer; es war ein Wortspiel im Russischen, dass das Wort "Verlierer" so klang wie jemand, der "nicht auf der Datsche" war.
Außerdem zerrann diesen armen Männern das Geld zwischen den Fingern; sie leisteten sich nichts, und am Ende hatten sie von ihren 18.000 Euro Jahreseinkommen nur 500 Euro auf der Bank. Es war ein wirklich seltsames System, sich den Kandidat nach der vermuteten geringsten Korruption herauszusuchen.


Dascha und Ilya machten ihr Kreuzchen im Geheimen, nachdem sie ihren Pass vorgezeigt hatten; einige gelangweilte, aber gut angezogene Wahlhelfer saßen herum, aßen und tranken noch besser.

Wir hatten nun immer noch ein Stündchen Zeit bis mein Bus fuhr und spazierten einige Runden durch das kleine Zentrum. Einen der Läden hatte ich vorher noch nicht entdeckt: Es war ein Souvenirgeschäft, in dem es nur Alkohol aus Glazover Produktion gab. In den Vitrinen lagen fein geschliffene Flaschen aus, unter anderem für 90 Euro den Kalaschnikow-Wodka, in einer Flasche, die wie ein Kalaschnikow-Maschinengewehr geformt war.


Dascha tuschelte mit Ilya während ich mir das Sortiment ansah, dann kauften sie etwas und schenkten es mir zum Abschied: Eine Zusammenstellung kleiner Flaschen mit allen Spirituosen, die in Glazov gebrannt wurden. Ich bedankte mich ein wenig beschämt; ich hatte noch nicht wieder mit dem Trinken angefangen, aber es war gut, für "den Fall dass" einen Vorrat zu Hause zu haben.

Nun standen schon drei Sapsan-Busse auf dem Parkplatz und fuhren alle zur gleichen Zeit ab. Dascha beruhigt mich, dass wir gleich nachfragen könnten, ob dieser Bus der richtige war. Wir stellten uns in die Schlange und wechselten ein paar letzte Worte, aber irgendwie waren uns mittlerweile die Themen ausgegangen. Ich kam an die Reihe, der Fahrer akzeptierte mein Ticket, und nach einmal winken waren die beiden schon verschwunden.
Nach nur zweieinhalb Stunden war ich um 21:00 Uhr zurück in Izhevsk. Einige junge Leute hatte vor der Ankunft mit dem Fahrer diskutiert und ihn gebeten, schon an der Tankstelle am Ortseingang zu halten, an der wir sowieso vorbeikamen - und das war ganz in der Nähe meines Wohnheims.

Der Hase meiner Nachbarin sprang lustig auf mich zu und folgte mir sofort in mein Zimmer, als ich die Tür aufschloss. Dieses Tier war ein ausgesprochen guter Müllverwerter; ich gab ihm das halbgegessene und ausgetrocknete Hörnchen, das ich vor meiner Abreise nicht mehr hatte essen wollen. Auf diese Weise konnte ich ihn gleichzeitig davon abhalten, meinen Müllbeutel zu durchwühlen, in dem er immer etwas Schmackhaftes wie Orangenschalen oder alte Teebeutel fand.

Auf zu neuen Abenteuern! Anleitung zur Prokrastination. (02. - 08.Oktober)

2.10.
Seit Tagen hatte ich schon Probleme mit dem Einschlafen und noch größere mit dem Aufstehen. War ich letztes Semester 11 Uhr aufgestanden, wurde es jetzt schon 13 Uhr. Die Müdigkeit schien aber auf allen Nicht-Russen zu liegen; gestern hatte Michael davon erzählt, und dass er fast den Kurs verschlafen hätte, und seiner Freundin ging es genauso, und die Deutschen überlebten vermutlich nur durch ihren Kaffee. Es war wohl das Wetter und die Kälte, die einen nur ins warme Bett kriechen lassen wollte. Die Heizungen waren wieder abgeschaltet worden, und wieder kam das Leben selbst nicht so recht in den Gang. Es war Samstag und alles lief darauf hinaus, dass wir uns am Abend auf ein Blueskonzert treffen; die ganze Clique um Stasya wollte kommen, oder zumindest hatte sie es angekündigt. Ich stellte bald fest, dass sich die Herbstmüdigkeit nicht auf die Ausländer beschränkte - bei uns war sie nur ausgeprägter.

Stasya ging durch eine Phase und wollte nun auch nicht mehr Stasya genannt werden, sondern Nastya oder etwas ganz anderes, aber um Verwirrungen zu vermeiden, nenne ich sie hier weiter Stasya während ich im realen Leben damit Begann sie nach Sinas Beispiel Stacy zu nennen.

Ich hatte es mir währenddessen in den Kopf gesetzt, Okroschka zu kochen, obwohl dies eine Sommersuppe war, aber ich hatte vor gerade an diesem Tag beim Nachtragen meines Blog davon geschrieben, sodass geschah, was mittlerweile immer geschah, wenn ich meinen Blog nachtrug: Kaum hatte ich geschrieben, wie einfach es vermutlich zuzubereiten sei, wollte ich es ausprobieren. Heute würde ich nicht mehr genug Zeit dafür haben, aber morgen konnte ich es zum Mittag in Angriff nehmen, wenn ich jetzt die Zutaten besorgte. Statt zum meinem Stamm-Supermarkt Karusel fuhr nur bis runter in den teureren Hypermarkt Gastronom, den ich in den ersten Monaten gar nicht als Supermarkt für voll genommen hatte - eher als Boutiquenzentrum oder Hotel wahrgenommen. Ich musste mich beeilen, denn um 18:30 wollte ich Dima zu treffen um gemeinsam zum Club zu fahren, aber dorthin wollte ich ungern den Sack Kartoffeln mitnehmen, den ich gerade gekauft hatte, deshalb musste ich schnell zurück zum Wohnheim alles abladen - und nur 10 Minuten zu spät bei den beiden an, verständigte sie aber auf dem Weg darüber.
Dima kam mir mit Nastya schon entgegen. Nastya würde uns nicht begleiten, sie wollte zu einem Privatkonzert von Freunden, während Dima lieber mit uns ausgehen wollte, aber wenn man in einer so gesunden Beziehung ist wie die beiden lebt, kann man auch mal getrennt ausgehen. Ich beobachtete lächelnd, wie er liebevoll versuchte Nastya den Kopf zu wärmen, weil sie keine Mütze trug.

Wir mussten ewig auf eine Straßenbahn warten, und dann war es eine, die uns nicht zum Club bringen würde. Am Samstagabend fuhren offenbar kaum noch öffentliche Verkehrsmittel. Da es aber schon spät war, nahmen wir die nächste Straßenbahn, die in eine für uns nur wenig günstige Richtung fuhr und liefen den Rest des Weges, während Nastya zu ihrer Feier weiterfuhr.
Nach gut 500 Metern zu Fuß hatten wir es aber auch geschafft; Izhevsk war ja wirklich nicht groß.
Der Club Aviator neben Kentucky Fried Chicken sah von außen aus wie ein Mobilfunkladen, war innen aber flugzeugtechnisch ausgestaltet. Stasya und Mischa warteten schon auf uns am Eingang. Der Eintritt kostete 150 Rubel, das war mehr als für ein abendliches Konzert üblich war, aber dafür leuchteten die Eintrittskarten im Schwarzlicht. Dann wurden unsere Taschen durchsucht und wir wurden wie am Flughafen mit Metalldetektoren abgesucht. Es musste ein ganz besonderer Club sein, oder nur der alltägliche Wahnsinn.

Ich hatte auch Dascha und Miguel für Stasya eingeladen, aber beide hatten die Einladung wohl zu spät gesehen - zumindest schrieb Miguel mir am nächsten Tag per SMS, dass er unheimlich gerne mitgegangen wäre, schon allein um meine verrückten Musiker-Freunde kennenzulernen. Die waren heute aber gar nicht recht verrückt drauf, und viele waren es auch nicht. Der Club war mäßig gefüllt, obwohl es von der Geräuschkulisse her nach einem großen Konzert klang - das lag daran, dass man einen Live-Mitschnitt eines Konzerts aus der Sound-Anlage abspielte, inklusive jubelndem Publikum.
Dann kam das ganze jedoch in echt: Die Gruppe nannte sich Blues Doctors und spielte eine Mischung aus Blues und Rock, wobei sie kräftig in die Saiten ihrer Gitarren schlugen.
Bald darauf hatten sie keine Lust mehr, ihr Programm weiter aufzuführen und forderten das Publikum zu einer Jam-Session auf, bei der jeder Musiker mitspielen sollte, wenn er sich traute. Ich fürchtete mich eher und befürchtete das Schlimmste als sie "freies Mikrophon" ankündigten, aber glücklicherweise war kein Möchtegern-Superstar anwesend. Statt schmerzhaft in den Ohren wurde es nur ewig lang, jedes dauerte Lied 10-15 Minuten. Nastya und Mischa waren tanzen gegangen, Dima und ich hingen etwas müde herum und er scherzte, dass man eigentlich über alles singen könne - den Sänger der Band verstünde man ja sowieso nicht, weil es ihm an Englischkenntnissen mangelte. Ich schaute Dima nur verdutzt an: "Wie, der singt auf Englisch?" Und wie die kreativen Säfte hier zusammenflossen, kamen wir auf eine revolutionäre Idee: Wir sollten Lieder zu Quelltext dichten, also das, was wir programmiert hatten, auch singen und spielen, und so eine Art Nerd-Rock-Welle lostreten, spannen wir.
Gegen 22 Uhr war das Konzert zu Ende, Dima wollte Kopfschmerztabletten kaufen, die anderen ins Café gehen, aber ich entschloss mich zum Wohnheim zurückzukehren. Sie alle begleiteten erst mich zur Haltestelle und warteten bis ich in der Bahn saß, dann wollten sie sich um Dima kümmern. Getrunken hatte heute niemand; Stasya blieb so nüchtern wie ich - ich hatte wie vielen von uns seit jenem Ereignis, das wir respektvoll Champagnerabend nannten, keinen Tropfen mehr angerührt und war ganz froh drüber.

Der Gedanke an die Vertonung von Quelltexten hatte mich begeistert und auf dem ganzen Weg nach Hause nicht losgelassen; als ich in mein Zimmer kam, warf ich die Jacke achtlos aufs Bett, nahm die Gitarre, setzte mich an den Computer, klickte auf "Aufnahme" und begann das erstbeste zu singen, das mir in den Kopf kam: Eine Cisco-Routerkonfiguration. Nach nur 18 Aufnahmen war ich schließlich zufrieden damit und trug das Notebook auf den Gang, wo immer noch das Internetkabel aus der Tür hing, um die Aufnahme schnell ins Internet hochzuladen um sie Dima zu zeigen.

Als ich dort im Gang saß, wurde von einem Jungen angesprochen - wie sich herausstellte, war er erst vor zwei Tagen aus Ungarn angereist, sprach Deutsch und hieß - Gergö. Erst vorgestern hatte ich mit Susen darüber gesprochen, dass uns Gergö fehlte. Und nun war er wieder da - nun, fast. Er sah unserem Gergö auch gar nicht ähnlich, aber die anderen Gemeinsamkeiten waren schon erstaunlich. Es würde wahrscheinlich verwirrend werden, wenn das Original Anfang nächsten Jahres zurück kam, wie er es geplant hatte.

Ich plauderte lang auf dem Gang sitzend mit dem neuen Gergö, aber da es recht ungemütlich war, fragte ich, ob wir uns nicht zu einem Tee in sein oder mein Zimmer zurückziehen wollten. Wir gingen in seins, das direkt neben dem Computerraum lag, und er bot mir an, das Kabel bei ihm im Zimmer zu nutzen statt auf dem Gang, weil es lang genug war in sein Zimmer zu reichen. Er setzte Teewasser auf, hatte sogar 3 Teegläser im Zimmer, aber er lebte im Moment allein darin. Es war Muriks altes Zimmer - beinahe hätte ich es nicht wiedererkannt, weil es so ordentlich aussah.
Ich ging noch eben ins mein Zimmer und holte deutschen Tee und Kekse, denn ohne Süßes wollte ich schon gar keinen Tee mehr trinken. Wir plauderten weiter bis er gegen 2 Uhr morgens zu gähnen anfing ; ich hatte ihm Tipps zu Izhevsk und dem Leben in Russland gegeben, aber in Russland war er schon früher gewesen, hatte er erzählt. Er schien auch viel besser vorbereitet zu sein als der erste Gergö und sprach sogar genug Russisch um die Vorlesungen hier besuchen zu können.

Mein Hasenfreund rannte wieder wie wild in meinem Zimmer umher und ich überlegte, ihn die Nacht bei mir bleiben zu lassen, weil es im Korridor unserer WG so kalt war, dass er ganz kalte Ohren hatte - aber das hätte Mascha wahrscheinlich nicht gefallen, die ihn nachts immer einfing, wenn sie von der Arbeit kam und ihn in den Käfig sperrte.

3.10.
Ich wachte auf mit dem Cisco-Lied im Kopf auf, das ich gedichtet hatte und das mir mittlerweile auf die Nerven ging. Ich glaubte, es unbewusst an einen populären Song angelehnt zu haben, kam aber beim besten Willen nicht drauf, an welchen.
Mit neuer Energie stand ich schon 11 Uhr auf, statt wie bisher 13 Uhr, und begann in der Küche zu werkeln, Kartoffeln und Eier zu kochen, wobei mir einfiel, dass ich gar nicht so richtig wusste, wie man das machte. Ich holte mein Notebook und schlug es im Internet nach, nahm das Notebook mit in die Küche, befolgte exakt die Anleitung - und tatsächlich, die Eier wurden perfekt, goldgelb und hartgekocht mit nur ein bisschen Flüssigkeit in der Mitte - wie aus dem Handel. Pures Anfängerglück, sagte ich mir. Ich hatte sie aus dem eiskalten Kühlschrank genommen und in das schon angewärmte Wasser auf den Herd gelegt bzw. geworfen, wodurch ich mir das Anpieksen hatte sparen können, weil sie dadurch leicht angebrochen waren, und hatte dann wartete ich, bis das Wasser kochte und stoppte von diesem Zeitpunkt an die Zeit - 7 Minuten. Danach hatte ich sie in eine Schale mit kaltem Wasser zum Abschrecken geworfen. Ich war stolz wie eine Hausfrau am ersten gelungenen Weihnachtsbraten. Zumindest meinte ich, dass man sich dann wohl so fühlte, denn ich war noch meilenweit von einem Weihnachtsbraten entfernt.


Für Okroschka musste ich alle Zutaten möglichst klein schneiden; ich schnitt winzige Radieschen-Würfelchen, dann die Geflügelwurst klein, die frischen Gurken und nach dem abkühlen auch die Eier und die Pellkartoffeln, ließ das Ganze etwas stehen, kippte dann alles in einen Topf, rührte kräftig - fertig. Nein, die Hauptzutat fehlte noch: Kwas, jenes Getränk, das ich den ganzen Sommer über getrunken hatte, und das wie eine Mischung aus Bier und Limonade schmeckte. Im Winter gab es das zwar nicht mehr frisch, aber in Flaschen.
Ich nahm mir etwas des Essensgemischs aus dem Topf auf den Teller und kippte Kwas, und zur Sicherheit auch saure Sahne darüber. Es schmeckte genau wie bei Ilnur in Kazan. Dort hatte es mir eigentlich nicht geschmeckt, aber wenn man etwas selbst kochte, legte man andere Maßstäbe und Erwartungen an das Gekochte an. Und wahrscheinlich gewöhnte man sich auch an den seltsamen Geschmack von dem Zeug, wenn man nur oft genug damit gequält worden war. Ich beschloss, es beim nächsten Mal in Deutschland für Matthias zuzubereiten.




Ich klopfte drüben bei Gergö, der gerade aufgestanden war, und fragte ihn, ob er ein Tellerchen probieren wollte. Er war tapfer und kam mit seinem Teller zu mir rüber, fand aber eine Portion davon ausreichend und aß nie wieder bei mir. Wir plauderten wieder bis zwei Uhr, aber diesmal nachmittags - er war mit einer Freundin verabredet, und ich mit Farin; ich wollte Farin noch etwas beim Banyabau helfen und dann mit ihm zum Konzert der berühmten russischen Gruppe Bi-2 gehen, die damit das Einkaufszentrum Talisman eröffneten, das eigentlich schon seit einem halben Jahr offen war, aber bisher hatte es einen sehr leeren Eindruck gemacht - doch nun waren alle Ladenflächen vermietet und mit der offiziellen Einweihung sollte und dem Konzert sollte das Einkaufszentrum bekannt gemacht werden.

Als ich um 15 Uhr bei Farin ankam, wurde ich wie immer zuerst von seiner Mutter zum Teetrinken und Naschen animiert: Eierkuchen, selbstgemachte Marmelade, Weintrauben… wer gut aß, konnte gut arbeiten.
Dann zogen wir uns alte Sachen drüber, behielten unsere guten Sachen aber noch darunter, denn es war schon sehr kalt draußen. Farin gab mir spezielle Schuhe und einen ganzen Sack voller Socken, die ich alle übereinander ziehen sollte. "Matroschka-Socken", witzelte ich.

Diesmal stand ein echter Betonmixer bei Farin im Garten; war von seinem Nachbarn Rawil selbstgebaut worden. Ich schaufelte den Sand und den Zement rein während Farin ihn verteilte. Rawil selbst kam auch vorbei um nach dem Rechten zu schauen; er warf einen Blick in das Banya mit dem Betonfundament und meinte "Ochujenno!". Farin erklärte, dies sei eine weitere Ausdrucksform der Mutterflüche und hieß so viel wie "scheiße ist das geil". Rawil könne sich den ganzen Tag lang nur in Mat‘ ausdrücken ohne auch nur einmal dabei auf Standardrussisch zurückgreifen zu müssen, fügte Farin hinzu.

Das Banya war wirklich ziemlich geil geworden, stimmte ich Rawil zu. Stolz zeigte mir Farin den Dachboden, wo noch der Rauchabzug hineinkommen sollte. Wir waren auf einer klapprigen Leiter hinaufgeklettert und saßen nun in Bergen von Isolation. Dieses Banya war bestimmt so perfekt isoliert, dass man es selbst im tiefsten Winter nur einmal anheizen musste und es dann eine ganze Woche lang durchlief.

Bisher hatte Farin es mir nicht zugetraut, den Beton aufzutragen, aber nun wollte er unbedingt ein gespieltes Interview mit mir machen und drückte mir die Kelle in die Hand und filmte mich wie ich den letzten Beton gerade strich. Dabei stellte er mir Fragen wie - warum ein Arbeiter aus Deutschland nach Russland kam. Manchmal war er schon ein bisschen seltsam.

Bevor wir zum Konzert konnten, wurde ich wieder zum Essen gezwungen; seine Mutter hatte selbst geschnittene tatarische Nudeln zubereitete - sie hatte wirklich einen Teig ausgerollt und daraus Nudeln geschnitten, bestätigte Farin mir. Diese hatte sie dann in Fleischbrühe mit Senf gekocht, und dazu gab es den Krauteintopf, den ich schon kannte - Kapusta, das einzige Wort, das ich auf Russisch, aber nicht auf Englisch kannte.

Wir wussten nicht, wann das Konzert beginnen sollte, denn das hatte aus Prinzip nirgendwo auf den Plakaten gestanden, sodass die Besucher in der Zwischenzeit einkaufen gingen. Wir machten uns erst nach 19 Uhr auf den Weg, aber ich bestand darauf, noch schnell ins Wohnheim zu fahren, das auf dem Weg lag, weil ich mich weigerte, Farins Toilette noch mal zu benutzen.
Als wir um 20 Uhr ankamen, erfuhren wir, dass die Band schon eine Stunde lang spielte. Es war nicht weiter schwer gewesen, den Ort des Geschehens zu finden - man musste nur den Leuten und rollenden Bierflaschen auf dem Boden folgen. Wahrscheinlich hatten sie es deshalb Open Air ausgerichtet statt direkt im Einkaufszentrum. Ich hatte mir bis dato nicht vorstellen können, dass es in Izhevsk so viele junge Leute gab; es war eine riesige, wogende Masse, die meisten von ihnen betrunken. Die Band setzte gerade zum großen Finale mit sehr populären Songs an, von denen ich keinen kannte, aber alle anderen konnten mitsingen. Farin versuchte mir die Musik zu erklären, in der Art von "das ist ein ganz bekanntes Lied, aber schon alt" und "das Lied ist eigentlich von Splin". Er ließ sich leicht von der Stimmung mitreißen und begann wie ein Schulmädchen auf einem Tokio-Hotel-Konzert zu jubeln. Seine Stimme war so hoch, als hätte ihm gerade ein Hund in die Eier gebissen. Man konnte es wahrscheinlich bis zur Bühne hören. Ich sah mich hektisch um, ob irgendwer in der Nähe stand, der mich vielleicht kannte. Im Momenten wie diesen war mir Farin ausgesprochen peinlich, weshalb ich ihn auch später nicht zu Konzerten mitnehmen wollte, zu denen ich mit meinen Freunden ging.
Abgesehen davon hatte Farin eine Menge guter Eigenschaften, zum Beispiel bestand er darauf, mich auf seinen Schultern zu tragen, dass ich über die Leute vor uns schauen konnte. Das erschien mir erst keine gute Idee - es war da oben etwas wackelig, besonders wenn er zur Musik abging, außerdem war nicht davon überzeugt, dass er mich lange halten konnte, denn er war kaum größer als ich und eher schmächtig gebaut - aber es klappte, ich fiel nicht hinunter, er brach sich nicht das Rückrat - nur die Kamera fiel beim etwas rauen Absteigen aus geringer Entfernung auf den Boden. So kamen wir alle mit Kratzern davon.


Die Band gab die letzte Zugabe und die Menge begann sich aufzulösen. Bald saßen auf dem Platz nur noch die Schaschlik- und Leuchtarmbänder-Verkäufer. Wir gingen im Talisman umher, aber hier war es einfach zu teuer um einkaufen zu gehen; Farin versprach, mich später in einen billigeren Laden namens Troika mitzunehmen.
Wir gingen zurück zum Auto, das er direkt vor dem Einkaufszentrum halb quer auf einem Fußweg geparkt hatte. Er hatte mir versprochen, mir bei einer Russischhausaufgabe zu helfen, aber es war zu spät, wieder zu ihm nach Hause zu fahren, so fuhren wir zum nächstbesten Café. Auf dem Weg zum Wohnheim lag nur noch das Café "Bolschoj Kusch" mit dem großen Colt über der Eingangstür; der Name könnte übersetzt wohl "der große Fang" heißen, erklärte mir Farin mit Händen und Füßen.

Farin bestellte sich Eierkuchen und einen Früchteeisbecher - und wunderte mich, wie er jetzt schon wieder essen konnte. Ich nahm nur eine Käseplatte.
Russland war definitiv kein Käseland. Neben zwei Sorten Hartkäse gab es nur noch einige Stränge des geräucherten und gesalzenen Zopfkäses, von dem ich noch nicht mal überzeugt war, dass es sich dabei um Käse handelte. In Usbekistan war uns das gleiche Zeugs als "fish sticks" verkauft worden.

Aus dem Hausaufgabenmachen wurde bald eine ausgiebige Lektion in Mutterflüchen. Ich war fasziniert davon - sie gehorchten einer eigenen Grammatik, einer eigenen Logik und konnten durch Vor- und Nachsilben, und sogar durch Betonung völlig die Bedeutung ändern. Im Prinzip baute sich alles um das Wort "chuj" - "Schwanz" auf. Die einfachste Form war "na chuj", auf dem "na" betont und drückte allgemeinen Unwillen aus; praktisch so etwas wie "zum Teufel", aber ausgesprochen vulgär. Fügte man die Nachsilbe "ya" an, auf welcher der Ausdruck auch betont wurde, erhielt man ein Fragewort, das eine vulgäre Frage nach dem Grund ausdrückte. Es gab unzählige Kombinationsmöglichkeiten, aber alle fast gingen auf irgendein standardsprachliches Wort zurück, dessen Wurzel man gegen "chuj" ausgetauscht hatte.

4.10.
Und wieder war es Montag. Um 11 Uhr stand ich auf, mit etwas weniger Elan, aber immerhin. Wenigstens konnte ich es mir mit dem Kurs nicht mehr erlauben, bis 13 Uhr zu schlafen. So notierte ich schnell einige Zeilen für den Blog Notizen und macht mich auf den Weg zur Uni in wieder genau 40 Minuten inklusive Fußweg und dem Warten auf den Bus. In der Kantine verbrachte ich nicht mehr als 20 Minuten inklusive Anstehen. So ließ sich ein Rhythmus finden, notierte ich.

Im Kurs wurden wir wieder auf Russisch ganz allgemeine Dinge gefragt, wie: "Wann fährst du nach Deutschland zurück?" Gute Frage, überlegte ich. Wenn sich Albert weiterhin nicht auskäste, und der Kurs auf diesem Anspruchsniveau bleibt, könnte ich das ganze Projekt durchaus noch schieben und auch noch im Frühling in Izhevsk sein. Die Vorstellung gefiel mir.

Im Trolleybus auf dem Weg nach Hause bemerkte ich zum ersten Mal, dass Münzen an der Scheibe der Fahrerkabine steckten. Es hatten sich schon dicke, schwarze Ränder um sie herum gebildet - es war sicher Not-Wechselgeld, und es verrottete, weil die Fahrkartenverkäuferin immer eine riesige Tasche mit Münzen mit sich herumschleppen musste, obwohl davon sicher auf Dauer Rückenschmerzen bekam.

Zu Hause aß ich die Reste der Okroschka, und stellte fest, dass sie auch ohne Kwas genießbar war, vielleicht sogar mehr als mit Kwas. Ich beschloss, meine Wäsche zu waschen, aber die Waschmaschinen waren belegt, sodass ich weiterhin beschloss, in zwei Stunden noch mal nachzuschauen, ob sie frei waren, hatte es bis dahin aber wieder vergessen. Ich begann ein Lied auf der Gitarre klimpern, das mir im Kopf herumging, und als mir die Finger schmerzten, setzte ich das Blogschreiben fort, wobei sie bei jedem Tastendruck seltsam vibrierten - als wollten sie sich beschweren, dass ich zu viel Gitarre spielte... So ließ es sich eigentlich ganz gut leben - ich hatte etwas Sinnvolles zu tun, aber nicht zu viel davon. Nur das Cobol-Lied wollte nicht so richtig gelingen. Meine Cisco-Ballade hatte sich zu einem Erfolg unter meinen Nerd-Freunden entwickelt, und auch Sina hatte hineingehört und es cool gefunden. Aber nun war es schwierig ein Nachfolger nach einem solchen Hit zu schreiben. An Cobol lag es jedenfalls nicht, denn diese Programmiersprache hatte sich selbst den Anspruch gestellt, wie ein Buch lesbar zu sein, und somit war sie auch gut singbar. Wahrscheinlich reichten meine kreativen Säfte nur für ein gutes Lied - ich war ein One-Hit-Wonder, nur dass es keiner außerhalb meiner Freundesliste bemerkt hatte.

Am Abend setzte ich mich ein paar Stunden hin um eine Simpsons-Folge anschauen, die selbst nur 20 Minuten dauerte, aber bis durch die dünne Leitung die Bits durchgebröckelt waren, hatte ich die Zeit anderweitig im Internet durchgebracht.

5.10.
Eine E-Mail hatte mich heute völlig überrascht: Wo mein Artikel für die neue Ausgabe bliebe, heute sei Redaktionsschluss. Ich hatte zwar immer die Sitzungsprotokolle heruntergeladen und virtuell abgeheftet, aber nie durchgelesen, sodass ich nun meine letzte Verbindung nach Zwickau verloren hatte und völlig uninformiert über alles war, was dort vor sich ging. Schnell schrieb ich irgendwas Positives über das Leben in Russland und erfuhr später, dass die meisten anderen sogar noch später dran waren als ich.

Plötzlich klopfte es an meiner Tür - ein nervöser, dunkelhaariger junger Mann stand davor und stellte sich als Peter vor - es war der Peter aus Ungarn, der nie vorher aufgetaucht war und der angeblich Kontakte zur UdGU besaß. Hätte ich auf seine Kontakte gewartet, wäre ich nie im Kurs angekommen, denn er wollte bei dieser Gelegenheit mich fragen, wo ich Russisch lernte.

Meine in Russland aufgeschnappte Gastfreundschaft übernahm und ich bat ihn, reinzukommen und erstmal einen Tee mit mir zu trinken, gleichzeitig suche ich etwas Essbares und fand eingeschweißte bunte Ananasstückchen, die ich für so eine oder ähnliche Gelegenheit gekauft hatte. Wir lernten uns ein wenig näher kennen; er war ein ganz anderer Typ als beide Gergös, stiller, aber auch interessierter an meinen Hinweisen und Vorschlägen. Ich erzählte ihm von dem Kurs und zeigte ihm meine Bücher zum Durchblättern, und schlug ihm vor, mit mir zur UdGU zu kommen und dort den Einstufungstest zu machen. Peter wollte vor allem wissen, wie das Niveau im Kurs war, weil er nur Grundkenntnisse der russischen Sprache besaß; ich versicherte ihm, dass das Niveau nicht zu hoch war und man Rücksicht auf den unterschiedlichen Stand der Teilnehmer nahm. Er wirkte unentschlossen und wir vertagten die Entscheidung. Wir beide wollten noch mal zum Gergö; ich um ihn zum Stammtisch einzuladen, und Peter um... keine Ahnung, mein Ungarisch beschränkt sich auf "köszönöm" und "bazmeg". Gergö kam gerne mit zum Stammtisch um sein Deutsch aufzupolieren.

In der Cafeteria der UdGU gab es neben normalen Gerichten aus grauem Fleisch, die es auch in der IzhGTU gab, ein gutes Angebot aus essbaren Mahlzeiten und nicht-abenteuerlich aussehender Suppe, und eine ganze Reihe fertig präparierter Teller mit der seltsamsten Suppe, die ich je gesehen hatte: Da schwammen getrocknete Pflaumen und Aprikosen mit Reis, Rosinen und saurer Sahne umher, und in einer der Suppenteller paddelte eine Fliege hilflos umher. Ich nahm diesen Teller um die Fliege aus der Suppe zu retten und diese Suppe mal zu probieren; ich nahm an, dass es mir sowieso nicht schmecken würde, und es wäre ja die absurd, eine Suppe ohne Fliege zurück gehen zu lassen.
Zu meiner Überraschung war die Suppe nicht nur essbar, sondern regelrecht köstlich. Sie war kalt und aus dem Getränk "Kisel" hergestellt, das mir schon in Moskau so geschmeckt hatte - es war einfach eine riesige Portionen rote Grütze. Mit Reis und saurer Sahne.


Der Kurs diesmal wieder voll. Ich erzählte Susen vom neuen Gergö, und sie war genauso begeistert wie ich. Wie erwartet bat sie, dass ich ihn zum Stammtisch morgen mitbringen sollte.
Noch vor Ende des Kurses verschwand sie, weil sie selbst eine Vorlesung hatte, und ich wollte direkt von der Uni zu Sina fahren, dabei stieß ich jedoch in noch nicht von mir kartographisierte Bereiche vor und ging prompt auf dem Weg mit dem Trolleybus verloren, fand jedoch die Straßen auf der Stadtkarte und trug die Buslinien nach. So vervollständigte sich das Bild.

Sina hatte gerade ein Blech Kekse gebacken, als ich kam, und betrachtete sie kritisch; gestern seien sie besser gewesen. Ich fand sie gelungen. Als nächstes nahm Sina eine Krautpfanne wie bei Farin in Angriff, dabei musste sie die Zucchini kosten, ob es daran bittere Stellen gab; die gab es zuhauf und sie sprach wild umher, auf das bittere Ding fluchend. Davon abgesehen wurde sie zur Hausfrau. Sie meinte, sich auf diese Weise für ihren kleinen Haushalt nützlich machen zu können, denn sie hatte seit dem Ende ihres Studiums in diesem Sommer noch nicht nach einem Job gesucht. Sie brauchte im Moment kein Geld, denn als Weisenkind hatte sie während des Studiums eine stattliche Stütze erhalten, von der sie nun noch immer gut leben konnte. Dennoch meinte sie, irgendetwas machen zu müssen - so schön das Nichtstun und Zeichnen den ganzen Tag lang auch war. Wenn dann ihr Freund von Arbeit zurück kam, stand das Essen auf dem Tisch und frische Plätzchen waren gebacken. Aber als Hausfrau wollte sie sich nicht bezeichnen lassen.

Stasya kam vorbei, und ich beschwerte mich zum ersten Mal nicht, dass sie nur russisch sprachen - das half mir beim Lernen. Nur wenn ich es gar nicht verstand, wiederholte sie es auf Englisch. Sie erzählt, dass es heute morgen einen Wasserrohrbruch in dem leerstehenden Krankenhaus gegeben hatte, das sie bewachte; und endlich wurde mir klar, wozu sie dort eigentlich Wache hielt: Falls genau so etwas Unerwartetes geschah. Das heißt, völlig unerwartet war es nicht geschehen. Vor einer Woche waren schon Klempner dort gewesen, hatten ein bisschen herumgeflucht und das Hauptventil nicht finden können, dann waren sie wieder abgezogen, und nun war die Leitung gebrochen.
Stasya war von dem aus der Decke fließenden Wasser wach geworden und hatte ihren Chef angerufen. Der wusste auch nicht so richtig, was man in einem solchen Fall machen sollte und sagte ihr nur, dass er sich etwas ausdenken würde. Dann hatte Stasya das Krankenhaus an ihrer Ablösung übergeben, während das Wasser schon einen Fluss bildete - aber ihr Problem war es nicht mehr.

Als ich nach Hause kam, schaffte ich es auch endlich Wäsche zu waschen - so gefiel es mir, immer etwas zu tun zu haben, und wenn es Hausarbeit war. Ich traf auch zufällig wieder Miguel und erzählte ihm von Freitag, und er ärgerte sich schwarz darüber, dass sein Handy ihm die Nachricht nicht früher übermittelt hatte.

Bis Mitternacht löste ich dann die Hausaufgabe, sich ein russisches Bewerbungsgespräch auszudenken. Wir hatten einen Text als Vorlage erhalten, sodass es kein Ding der Unmöglichkeit für mich war, allerdings hatte ich keine Ahnung, wie die Gehälter für einen Informatiker in Russland aussahen; das im Text angegebene Gehalt klang nicht, als könnte man davon leben, und wahrscheinlich entsprach beides der Realität. Irina hatte beim Lesen des Textes erzählt, dass sie nur als Lehrerin arbeiten konnte, weil ihr Mann auch Geld verdiente - allein könnte sie sich zum Beispiel mit diesem Beruf keine Wohnung leisten.

Um Mitternacht war ich noch nicht müde und konnte beim besten Willen nicht schlafen gehen, obwohl ich morgen für meine Verhältnisse früh aufstehen musste um pünktlich 9:50 an der UdGU meinen Kurs besuchen zu können. Gegend die innere Uhr zu kämpfen war zwecklos, so schnappte ich mir noch mal die Gitarre und setzte mich wieder an das Cobol-Lied, nahm neue Varianten auf ohne recht zufrieden damit zu sein; ich müsste mir die schönsten Stellen heraussuchen und zusammenbasten, überlegte ich, aber interessanter war es im Moment für mich, ob man wirklich aus allen Texten etwas machen konnte. Ich hatte Matthias gebeten, mir Quellcodes aus früheren Studienjahren zu schicken und probierte nun alles aus von, von der Clusterprogrammierung bis hin zu einem riesigen Java-Projekt, dass so viele Import-Anweisungen hatte, dass diese allein für das ganze Lied ausreichten - das heißt, als Lied konnte man es noch nicht bezeichnen, dafür war mein Experiment zu roh, aber ich konnte sich etwas daraus machen, wenn ich mal genug Energie dafür hatte und einen Sinn darin finden würde, dieses Projekt ernsthaft zu beginnen.

6.10.
In der Nacht träume ich von meinem ehemaligen Professor Puschin und wachte mit dem gleichen positiven Gefühl auf, das man hat, wenn man einen guten alten Bekannten getroffen hat. Die gute Laune hielt jedoch nicht lange an: Sie verschwand schlagartig, als die stets gut gelaunte und immer lächelnde Irina mit Schwung das Klassenzimmer betrat und eine Videokassette mit Kinderfilmen in den Videorekorder einlegte. Wenn ich gegen irgendwas allergisch war, dann waren es grundlos fröhliche Leute am frühen Morgen, die mich zwangen, Krokodilen mit Piepsstimmen russisch sprechend zuzuhören. Während des Films nickte ich halb ein.

Richtig schlechte Laune bekam ich aber erst, als ich nicht meine mühsam erstellte Hausaufgabe vorlesen, sondern improvisieren sollte - vor allem, weil es nicht so recht klappte. Beim Essen musste ich dann ewig anstehen, die Schlange bewegte sich über Strecken gar nicht, und dort, wo ich anstand, kam überhaupt niemand zur Bedienung. Andere drängten sich an mir vorbei und ich war nicht sicher, ob ich das System hier begriff. Mittlerweile war ich richtig sauer auf den ganzen Rest der Welt, löffelte schnell meine Suppe, als ich sie endlich bekommen hatte, und ging kochend nach Hause, wo ich bin ins Bett warf. Ich hatte definitiv eine üble Allergie gegen Morgenstunden entwickelt.

Am Nachmittag wurde ich von einem aufgebrachtem Peter aufgesucht - er hatte in der UdGU den Einstufungstest geschrieben, war aber als für den Fortgeschrittenenkurs zu schlecht eingestuft wurde, und einen Anfängerkurs gab es nicht. Seine einzige Möglichkeit, russisch zu lernen, war mit einem Privatlehrer zwei Mal pro Woche für 600 Rubel pro Stunde, hatte man Peter in Kenntnis gesetzt. So viel Geld hatte er nicht, regte er sich auf und zitterte dabei regelrecht. Ich empfahl ihm, zur Probe morgen mal an meinem Kurs teilzunehmen, denn der Test gab keinerlei Auskunft über die Sprachfähigkeiten, sondern über gelernte Grammatik, und ich glaubte einfach nicht, dass er schlechter russisch sprach als Tsau. Ich lieh Peter meine Bücher aus und meinte, er solle es sich bis morgen überlegen und mir die Bücher vor dem Kurs vorbeibringen. Ich fotografierte nur eben schnell die Hausaufgaben ab und löste sie von den Fotos am Computer, als Peter gegangen war.

Als ich anschließend meine E-Mails durchging, staunte ich nicht schlecht: Albert schrieb mir stolz - so stolz wie es nur Männer sein können - er hätte es endlich geschafft, mir die Erlaubnis für das Labor zu besorgen. Ich müsste nur hingehen, meinen Namen sagen und den Schlüssel verlangen. Er hatte mir sogar einen entsprechenden russischen Satz aufgeschrieben. Doch ich würde frühestens am Freitag Zeit dafür haben, es auszuprobieren, denn am Donnerstag hatte ich eine Doppelstunde, und um 18 Uhr fand schon ein Praktikum im Labor statt, wie beinahe jeden Tag von 18 bis 21 Uhr, sodass ich kaum zu meinen produktivsten Stunden dort arbeiten können würde.

Heute um 18 Uhr traf sich der deutsche Stammtisch im Café Tschaschka - den Ort kannte ich, es war Sinas Lieblingscafé. Eine halbe Stunde vorher klopfte ich beim neuen Gergö, und 15 Minuten später gingen wir zusammen los. Er kannte Izhevsk noch nicht besonders gut und hatte noch nicht mal gewusst, dass die Straßenbahn bei uns in der Nähe hielt; so konnte ich gleich Touristenführer spielen. Susen rief mich an, als wir schon fast am Café waren, dass es zu viele Studenten geworden waren und sie sich nun doch zur Pizzeria in der Nähe der UdGU bewegten, wie sie es geplant hatte, denn im Tschaschka gab es insgesamt nicht mehr als 15 Plätze, und sie waren bereits über 15 Leute.

Ich wusste genau, welche Pizzeria sie meinte, dennoch war es schwierig, sie zu finden - am richtigen Gebäude waren wir, das konnte man an der Aufschrift "Pizzeria" sehen, aber es gab mehr Eingänge als Fenster, und keiner führte zu einem Restaurant. Ich rief sie an und ließ mir den Weg beschreiben; wir mussten nur die Treppen nach unten steigen und durch den verwinkelten, gefliesten Gang gehen, der mich eher an eine öffentliche Toilette erinnerte, und schon entdeckte ich sie. Steve und einige andere Deutsche saßen mit am Tisch und tranken Bier aus kleinen Gläsern, die Mädels bekamen Strohhalme zu ihrem Bier. Ich stellte Gergö vor, der freundlich begrüßt wurde. Er schien nicht so richtig zu wissen, was er hielt sollte, außer eben auf Deutsch zu sprechen, was ja der Hauptgrund für das Treffen war, da erklärte ich ihm, dass es darum ginge, Mädels zu treffen. Daran schien er aber auch nicht interessiert zu sein.

Dann begannen die Spiele - Stille Post und andere Kindereien. Das war etwas so typisch Deutsches - nein, nicht Stille Post, sondern dass man den Abend krampfhaft mit Spielen aufzulockern versuchte statt ihn einfach dorthin laufen zu lassen, wohin er laufen wollte. Als sich das erst Mädel verabschiedete, brachen auch Gergö und ich einverständlich auf und gingen mit dem Mädel - Lidya - zusammen zur Bushaltestelle, stellten aber fest, dass der letzte Bus schon gefahren war. Ich versicherte Gergö, dass die Trolleybusse und Straßenbahnen noch mindestens bis Mitternacht fahren würden. Vorher gingen wir mit Lidya aber noch ein wenig spazieren, wobei ich glaube, dass es für Gergö ein weniger freiwillig Spaziergang war, denn er wusste einfach nicht, wo die Straßenbahnen hielten und musste mir folgen.
Ich brachte ihn dann aber wie versprochen zur Bahn, aber die fuhr nicht so wie erwartet - Linie 10k fuhr offenbar eine Strecke ab als Linie 10, wohinter sicher auch eine gewisse Logik stand. Gergö schien auf jeden Fall die Nase voll zu haben. Hatte er in der Pizzeria noch davon gesprochen, zu Hause zusammen einen Tee trinken zu wollen, verabschiedete er sich nun einfach und ging in sein Zimmer, obwohl es noch nicht spät war. Er hatte das lange Kabel aus der Tür mittlerweile über den Gang in sein Zimmer verlegt, sodass ich mir bei nächster Gelegenheit das Computerzimmer aufschließen ließ und beim Verlassen des Zimmers ein zweites Kabel unter der Tür hindurch in den Gang verlegte um nicht ständig bei Gergö klopfen und um das Kabel bitten zu müssen. Er war ständig im Internet und ich wollte ihn ungern dabei stören. Ich ahnte nach diesem Abend, dass wir wohl keine echten Freunde werden würden, zumal es ihm unangenehm gewesen war, in der Öffentlichkeit mit mir zu sprechen, weil wir stets von allen Umstehenden neugierig angeschaut wurden; sie fragten sich bestimmt, in welcher Sprache wir wohl sprachen, und was zwei Ausländer überhaupt nach Izhevsk führte. Ich hatte mich an dieses Zoo-Dasein schon gewöhnt - Gergö hingegen sprach gut genug Russisch um sich hier russische Freunde zu suchen und nicht aufzufallen.

7.10.
Ich hatte mir schon die Jacke übergezogen und wollte gerade Peter anrufen, da brachte er mir die Bücher wieder, die ich ihm ausgeliehen hatte und ließ mich wissen, dass er nicht mitkommen wollte, denn er hatte sich die Sache mit dem Privatlehrer noch mal durch den Kopf gehen lassen: Er war fest entschlossen, russisch zu lernen - koste es, was es wollte.

Die Busse waren heute wieder völlig überfüllt und die Trolleys komplett aus dem Straßenbild verschwunden. Das musste doch nicht sein, dachte ich; das war etwas, was man sich wirklich aus Deutschland abschauen könnte: Wie Ersatzverkehr organisiert.

Im Zentrum machte ich einen Abstecher zum Ticketschalter der Sapsan-Busgesellschaft, denn ich hatte Daschas Einladung nicht weiter hinausschieben können und ihr versprochen, sie dieses Wochenende in Glazov zu besuchen. Draußen standen die Abfahrtszeiten angeschrieben, die Busse fuhren etwa alle anderthalb Stunden. Ich wollte den ersten am Samstag nehmen, weil ich den letzten am Freitag nach meinem Russischkurs kaum schaffen würde, und dann den letzten am Sonntag Abend zurück nach Izhevsk.

Die Verkäuferin saß wie hier üblich hinter Panzerglas und sprach durch ein Mikrofon. Ich fragte sie, ob sie englisch könne und sie verneinte erwartungsgemäß.
Aber es ging auch - und sogar recht gut - auf Russisch. Ein Busticket zu bekommen stellte sich als wesentlich leichter heraus ein Zugticket am Bahnhof zu kaufen, und so hielt ich schon nach wenigen Minuten das Hin- und Rückfahrtsticket in der Hand - jedoch ohne rechte Lust dort hinzufahren.

Im Kurs traf ich wieder auf Susen; wir waren beide enttäuscht von Gergö, der eben kein Klon von unserem Gergö war. Unser Gergö war offener, lebensbejahender und nahm alles viel gelassener als der neue Gergö, der sich sogar Sorgen um sein Studium hier machte. Wir vermissten unseren alten Gergö, aber wir waren wohl die einzigen, denn das Auslandsamt der IzhGTU ignorierte seine Anfragen, ob er ein zweites Mal nach Izhevsk kommen könnte, hatte er mir geschrieben.

Nach drei Stunden russisch brummte mir der Schädel - prosto dochuja. Die Lehrerin Irina hatte die Hausaufgaben in unseren Notizheftchen korrigiert und dabei musste sie die gekritzelten Schimpfworte von Farin gesehen haben, die von den Abend stammten, an dem er mir systematisch Mutterflüche erklärt hatte - aber sie ließ sich nichts anmerken, sondern grinste fröhlich wie immer und lobte uns mit den immer gleichen Worten. Ich glaube, sie war ein Roboter, auf penetrant-fröhlich programmiert.

Am Ausgang traf ich Stasya, die sich weigerte, mit mir auf Englisch zu sprechen bis ich auf Russisch antwortete - angeblich fehlerfrei - das erstaunte sie so, dass sie wieder zu englisch wechselte. "Was sollen wir heute Abend machen? Bei Sina treffen?", fragte sie, und natürlich war das auch schon die Antwort.
Ich musste vorher nur noch einkaufen gehen, denn mir waren die Tütensuppen ausgegangen, und ohne die konnte ich wohl kaum überleben. Stasya hatte noch eine Vorlesung, aber wollte danach gleich zu Sina fahren, wo wir uns zu treffen versprachen.

Und meine Haare brauchten mal dringend eine Wäsche. Ich kam gerade aus der Dusche und wollte sie föhnen, da klopfte es hart an meine Tür und die nervöse Etagenfrau forderte mich auf, mich mit den anderen im Computerraum zu versammeln und meinen Reisepass mitzubringen - die Migrationspolizei stand vor der Tür, aber wenigstens durfte ich mir noch etwas anziehen.

Es war wie beim ersten Mal letztes Jahr; es war sogar die gleiche Beamtin. Nicht viele Studenten waren für die Kontrolle anwesend, aber alle drängelten sich vor, allen voran die Frettchenbrüder, die mit der Beamtin gleich zu plaudern begonnen hatten, während die beiden Uniformierten, die mit ihr gekommen waren, gelangweilt dastanden. Sie waren wohl für den Fall anwesend, dass mit den Papieren etwas nicht in Ordnung war und der Student fliehen wollte.

Je länger es dauerte, desto schlechter wurde meine Laune, und am Ende waren nur noch ich und ein Junge aus Nigeria übrig, der Mitleid mit mir bekam und für mich übersetzte, was die Beamtin von mir wollte. Hauptsächlich war dies eine Unterschrift auf dutzenden Zetteln, dann ließ sie mich gehen.

Schlecht gelaunt wegen dieser Zeitverschwendung föhnte ich mir die Haare und fuhr dann zu Sina, wo sich meine Laune innerhalb weniger Minuten besserte. Stasya schon da; sie sang und spielte Gitarre und drängten mich, ebenfalls auf der Gitarre zu spielen. Ich gab nach und sang 99 Luftballons, denn das war das einzige Lied, das ich auswendig spielen konnte. Als meine Freundinnen waren sie gezwungen, mir dazu ein Kompliment zu machen, und das taten sie auch. Dann spielten sie zusammen und sangen - sie hatten ein neues Bandprojekt geplant, etwas in Richtung Blues. Ich fragte sie, ob sie nicht von einem neuen Bandprojekt für Miguel wüssten. Sie versprachen, sich umzuhören. Für eine so kleine Stadt gab es eine erstaunlich große kreative Szene, und jeder konnte auftreten, wenn er wollte. Das sah man gut an Sinas Band "Electric Snow", in der Lena, die nur selten eine Note traf, nur deshalb die Sängerin von geworden war, weil sie mit dem Gitaristen zusammen war. Jeder wusste, dass sie grauenvoll sang, aber niemand sagte etwas. Sina meinte, in ein paar Jahren würde sich Lena ganz darauf konzentrierten, Hausfrau zu sein, und bis dahin würde sich eine andere Sängerin gefunden haben - und wenn sie selbst neben dem Schlafzeugspiel singen müsse.

Bevor wir nach Hause gingen, bat mich Stasya, mit ihr schnell eine Zigarette rauchen zu gehen. Also in meinem Fall hieß das, daneben zu stehen und passiv zu rauchen, aber ich tat ihr den Gefallen.

Im Korridor saß Bailey's eingesperrt im Käfig und tat mir leid, wie er versuchte die Gitter durchzunagen, so lud ich ihn wieder ein, in mein Zimmer zu kommen. Das kluge Häschen verstand und folgte mir auf den Fuß, als ich ihn befreite.

8.10.
Ich hatte bis 3 Uhr morgens nicht einschlafen, weil ich den Fehler gemacht hatte, als Gutenachthörspiel den "Schwarm" von Frank Schätzing anzuhören; das war so spannend, dass an Schlafen nicht zu denken war. Ich zwang mich, mich davon losreißen und mit "der Name der Rose" entgegenzuwirken, das mir normalerweise innerhalb von wenigen Minuten den Schlaf brachte. Den Anfang kannte ich mittlerweile auswendig ohne je das Ende gehört zu haben.

Es funktionierte bestens, aber gegen 7 Uhr wurde ich wieder durch meine Nachbarn geweckt, deren Lieblingsbeschäftigung offenbar Krach am frühen Morgen war. Um 10 Uhr quälte ich mich schwummrig aus dem Bett, um 11 Uhr kam ich am Labor an und folgte Alberts Anweisungen. Lustigerweise hatte man schon auf mich gewartet und wollte mir direkt den Schlüssel geben, ohne dass ich mein Anliegen vortragen musste.

So betrat ich das Labor, den Schlüssel schwingend: "Mein Reich", dachte ich lächelnd.
Zunächst schaltete ich drei Computer an, installierte alle notwendigen Programme und probierte meine selbstgeschriebenen Quelltexte aus, und ärgerte mich, dass die Fehlermeldungen nur auf Russisch kamen und konnte nicht herausfinden, wo ich die Sprache umstellen konnte. Wie immer, wenn ich das Herumprobieren leid war, holte ich mir eine zweite Meinung und begann mit Matthias über ICQ zu plaudern, der wie ich vor sich hin prokrastinierte.

Um 13:50 schrieb mir Albert eine SMS: "Treffen zum Mittagessen 14:10". Ich ließ alles stehen und meldete mich beim Portier ab, aber nur kurz zum Mittagessen. Es erstaunte mich, dass man mein Russisch mittlerweile verstand und nicht mehr für eine Fantasiesprache hielt.

Ich fuhr schnell mit dem Bus zum Hauptgebäude der Uni und betrachtete die Werbung für die Monatskarte genauer und überlegte, dass es sich durchaus lohnen würde, eine zu kaufen - so oft wie ich jetzt täglich hin und her fahren musste, kam ich tatsächlich rein rechnerisch auf nur ein Drittel vom Fahrpreis pro Ticket, wenn ich eine Monatskarte nutzen würde. Außerdem gingen mir langsam die 10-Rubel-Scheine aus, von denen ich immer einen ganzen Pack in der Hosentasche mit mir herumgetragen hatte. Versuchte man mit einem Schein größer als 50 Rubel zu bezahlen, wurde der Fahrkartenverkäufer in der Regel sauer.

Albert kam mit Schwung angerannt und traf gleich wieder einen Kollegen, mit dem er ein paar Worte wechselte und schon wieder halb am Laufen Richtung Cafeteria war, bevor ich mich überhaupt umgedreht hatte. Er trug wieder einen Anzug, das war ein Zeichen der Art, wie dass die Zugvögel nach Süden flogen: Es wurde nun Winter.

Ich löffelte meine Suppe in der Zeit, die Albert für seine Suppe und Hauptspeise brauchte, weil ich die ganze Zeit schnatterte. Es gab viel zu bereden in der kurzen Zeit, vor allem musste ich ihm meine neuen Pläne erklären, dass ich nun erstmal den Intensivkurs Russisch durchzog, aber wie erwartet ließ er mir freie Hand in meiner Planung. Wir wollten uns am Montag oder Dienstag noch einmal treffen zur genauen Absprache. Albert erklärte, warum er in letzter Zeit so beschäftigt gewesen war, er hatte sich für einen Forschungspreis beworben, dafür hatte er 300 Seiten schreiben müssen. Die Erlaubnis hatte er tatsächlich vergessen und erst Anfang der Woche in Auftrag gegeben, erfuhr ich 10 Minuten später von Marina im Auslandsamt. Alisa hatte angerufen, dass sie den Ausweis fertig hatten, so machte ich einen Abstecher zu ihnen ins Auslandsamt - perfektes Zeitmanagement.

Bei der Gelegenheit klärte ich gleich offiziell, ob es möglich wäre, länger als geplant in Izhevsk bleiben und sprach mit dem Leiter des Auslandsamts, der unerwarteterweise gerade Zeit hatte; er meinte, das sei alles kein Problem. Nun brauchte ich nur noch das OK meines betreuenden Professors in Deutschland, aber auch ihn kannte ich als verständnisvollen Menschen, sodass ich mir keine Sorgen machte.
Dann ging ich zurück ins Labor, eine gute Stunde hatte ich noch Zeit zum Arbeiten, in der ich feststellte, dass ich vermutlich nichts an den Fehlermeldungen verändern konnte, da sie direkt vom Betriebssystem kamen, was mir durch eine Nachfrage in einem Forum bestätigt worden war; dann hastete ich los zum Russischkurs.

Johanna, die mit mir im Kurs Russisch lernte, bat mich, ihr beim Ändern einer Webseite zu helfen - "OK, am Montag eine Stunde vor Kursbeginn", plante ich ein. Ich begann zu begreifen wie sich Albert fühlte.
Im Kurs fand ich es richtig lustig; ich wurde sicherer im Sprechen und begann sogar kleine Witze zu machen, die niemand verstand. Währenddessen schrieb ich heimlich SMS unter der Bank um zu erfahren, was genau für heute Abend geplant war; Johanna gab mir weniger heimlich ihre Telefonnummer und wurde freundlich von Irina dafür gerügt.

Nach der Stunde musste mich beeilen, denn hatte nur eine Stunde und 10 Minuten um zum Wohnheim zu kommen, Miguel abzuholen und mit ihm zum Club Kwartira 18 zu kommen. Dort würde unter anderem auch Sina mit ihrer Band Electric Snow als Vorgruppe einer bekannteren Band spielen, aber wahrscheinlich nicht zum Stimmungsanheizen, sondern um zufällige Gäste zu vergraulen, ich ihre Musik richtig in Erinnerung hatte.

Im Bus hatte ich nur noch einen 100er-Schein und die Fahrkartenverkäuferin sah mich frustriert an, als sie sich gezwungen sah, den zu wechseln, denn sie hatte selbst kaum noch Wechselgeld in ihrer großen Tasche. Ich nahm mein Ticket und packte eine Tafel Schokolade aus, riss sie an und reichte sie der Frau. Sie war ganz erstaunt und erfreut, meinte jedoch, dass ihre Finger ganz schmutzig seien, kam dann aber auf die Idee, zwei Stücke des Papiers abzureißen und damit die Schokolade anzufassen. Wir unterhielten uns ein wenig, so weit es mein Russisch zuließ. Wir teilten so einen kleinen, sehr zwischenmenschlichen Moment, aber ich glaube nicht, dass wir uns wiedererkennen würden, falls wir uns später noch einmal im Bus begegnen sollten.

Auf dem Heimweg gab ich Miguel per SMS bescheid, er solle sich bereit halten, und gabelte ihn im Korridor auf, als er gerade sein Zimmer verließ, dann liefen wir eilig gemeinsam zum Bus und den Rest zu Fuß zum Club.
Der Eintritt war 100 Rubel - 50, wenn man auf der Liste stand, dafür hatten wir uns in vkontakte zu spät in die entsprechende Veranstaltung eingetragen, aber spanisch sprechender Angestellter kam dazu und wechselte ein paar Worte mit Miguel - und so kamen wir auf die Liste; ich zwar als Nadja, aber Hauptsache überhaupt.

Da standen wir erstmal drinnen in der Nähe der Bar und ich spähte nach vertrauten Gesichtern. Ein langhaariger Typ sprach mich auf Englisch an und meinte, wir hätten uns vorgestern in der Pizzeria getroffen. Mein Gedächtnis war an dieser Stelle blank. Echt? Wann war ich das letzte Mal Pizza essen? Dann kam es langsam zurück zu mir - ach ja, das war zum Deutschen Stammtisch, und er war der einzige gewesen, der kein Deutsch gesprochen hatte, weil er die udmurtische Sprache studierte. Wir hatten uns dort wohl kurz unterhalten, aber mein Gedächtnis radierte normalerweise sehr zuverlässig alle Begegnungen aus, die weniger als zwei Minuten dauerten. Es fiel mir schon schwer genug, mich an Namen zu erinnern - das klappte normalerweise erst nach der dritten Begegnung.
Herr Unbekannt wartete auf die Mädels, die ihn zum Stammtisch mitgeschleift hatten und er dachte, ich wäre mit den Mädels zusammen angekommen. "Nein", erklärte ich, "ich bin wegen den der ersten Band hier". Sie hingegen waren Freunde der zweiten Band, die auf Udmurtisch sangen und gerade von einer Tournee durch Finnland zurück gekommen waren.

Ein anderer langhaariger Typ kam auf mich zu und sprach mich an; er sah vertraut aus - ach ja, das war der legendäre Vanya Morrison mit seiner Freundin Lena - sie waren 50% von Electric Snow.
Ich war schon ein bisschen stolz, von den Bandmitgliedern angesprochen zu werden, die ich kaum kannte, und konnte ihn direkt Miguel vorstellen, den ich ja nur deswegen mitgenommen hatte - dass er Musiker kennenlernen konnte, und dass sich für ihn so vielleicht eine Gelegenheit ergab, mit ihnen zusammen zu spielen.

Wir standen beisammen bis Sina und Andrey auftauchten; auch sie stellte ich Miguel vor, dann war es Zeit für ihren Auftritt. Wieder konnte man ihre Musik hauptsächlich als "laut" beschreiben, Vanya hüpfte mit seiner E-Gitarre wild umher, während Andrey cool mit seinem E-Bass dastand und auf Sina schaute, die kräftig ins Schlagzeug haute. Lena stand irgendwie unbeteiligt mit ihrem Tamburin am Mikrophon und sang zu jedem Lied mit schwacher Stimme ein paar Zeilen - es war das komplette Gegenteil von der zweiten Band, die eine Lead-Sängerin mit beeindruckender Stimme hatte, die die ganze Bühne einzunehmen schien. Sie wirkten sehr professionell, während sich Sina mit Lena und Vanya auf der Bühne fast in einen Streit verfielt, denn die beiden wollten unbedingt das neue Lied spielen, das sie nach Sinas Meinung noch nicht genug geübt hatten, und Sina fragte Lena giftig, ob sie sich überhaupt an den Text erinnern konnte. Dabei war es im Grund egal, ob Lena den Text kannte oder nicht, denn man verstand ihn bei dem Krach und ihrer unscheinbaren Stimme sowieso nicht.

Langsam füllte sich der Raum. Die andere Band hatte mehr Fans und dazu noch viele Freunde vom Studium, die alle gekommen waren um sie zu feiern. Die Sängerin und der Gitarrist waren ein echtes Powerduo und heizten die Stimmung mächtig an.
Mir wurde es nun zu laut, außerdem wollte ich nach Sina schauen, die direkt nach dem letzten Song, über den sie sich so aufgeregt hatte, heraus gerannt war. Im nächsten Raum traf ich sie mit Andrey und Vanya; Lena war schon zu anderem Konzert aufgebrochen. So saßen wir zu viert auf einer Sofa-Kante, während im Nebenraum die Party tobte. Vanya wollte wissen, wie ich das Konzert fand; ich trug mit dem Lob dick auf - dass ich Electric Snow viel lieber mochte als diesen Mainstream nebenan, und bezeichnete mich als Groupie. Vanya grinste über beide Ohren. Ich erinnerte mich wieder, wo ich ihn kennengelernt hatte; es war kurz vor meiner Abreise diesen Sommer gewesen, als ich bei einem Konzert draußen auf Sina gewartet hatte. Er hatte sich zu mir gesetzt und ich hatte meine Skittles mit ihm geteilt - eine Süßigkeit, die ich in dieser Zeit ständig gegessen hatte.

Irgendwie schafften wir es immer, uns zu unterhalten; er sprach sogar mehr Deutsch als Englisch, was jedoch nicht mehr als zehn unzusammenhängende Worte waren - aber was ihm an Worten fehlte, machte er mit Enthusiasmus wett.

Sie drei sprachen davon, noch irgendwo hingehen zu wollen, also holte Miguel hinzu. Er und Vanya verstanden sich sofort bestens, als Miguel erzählte, dass er auch Gitarist war. "Willst du mein Instrument sehen?", fragte Vanya. "Oh ja, gern", antwortete Miguel froh grinsend. Wie zwei Kinder gingen sie zum Spielen - die Gitarre bewundern.

Ich traf währenddessen sämtliche anderen Deutsche, die sich im Moment in Izhevsk aufhielten, und auch Michael aus dem Russischkurs - die Welt war schon klein und kam hier in Kwartira 18 zusammen.
Vanya und Miguel kamen zurück, Sina und Andrey kämpften mit Schlagzeugstöcken als würden sie fechten, doch es herrschte Aufbruchsstimmung: Stasya war in der Zwischenzeit endlich angekommen, wartete jedoch mit Mischa draußen, weil sie nicht für ein halbes Konzert hatten Eintritt zahlen wollen. Stasya hatte wieder Ärger mit den Klempnern in ihrem Krankenhaus gehabt und warten müssen, bis sie ihre Arbeit beendet hatten.
Wir gingen noch schnell in den "VIP-Raum" des Clubs, weil die Band kurz etwas mit den Besitzern klären wollte. Ich hatte bis dato gar nicht gewusst, wie viele Räume es hier gab.


Nun gingen wir alle im PastaHut gegenüber Pizza essen, die sich wohl früher mal PizzaHut genannt hatte, bis es den echten Managern von PizzaHut aufgefallen war. Daraufhin hatte sich diese Pizzeria umbenannt und das bekannte Symbol einfach umgedreht - auf diese Weise hatten sie nicht mal die Glasscheiben austauschen müssen, sondern einfach in der Halterung umgedreht.

Dort traf kurz nach uns auch die Gruppe rum um die andere Band ein und ärgerte sich, dass wir den letzten großen Tisch erwischt hatten. Wir saßen gemütlich zusammen, es wurden zwei Pizzas für die ganze Gruppe bestellt und am Ende gab jeder so viel Geld zur Rechnung hinzu, wie er glaubte gegessen zu haben. Sina war schwankte wieder zwischen euphorisch und niedergeschlagen, und malte sich den gesamten Unterarm mit Kugelschreiber voll. Der Rest entspannte sich beim Essen und tauschte sich mit den anderen über das Konzert aus.
Bald stieß ein gewisser Sascha zu uns, den ich wohl auch diesen Sommer kennengelernt hatte, aber mich beim besten Willen nicht mit an ihn erinnern konnte. Er sprach ein wenig englisch und ich erfuhr, dass er ebenfalls im Bereich Telekommunikation arbeitete. Miguel verstand sich wunderbar mit allen; er war besserer Treffer als Zsolt, der allen nur merkwürdig vorgekommen war, als ich ihn im Sommer einmal zum Konzert mitgenommen hatte.
Miguel wurde sogar zu späteren Veranstaltungen eingeladen und hätte auch zur Sushi-Party von Sina morgen Abend mitkommen können - zumindest wenn ich hingegangen wäre, aber ich war zu diesem Zeitpunkt ja leider schon in Glazov bei Dascha. Sina sagte mir später, dass es ihr einfach zu umständlich gewesen war, ihm den Weg zu ihr nach Hause zu erklären, deshalb hatte sie ihm gesagt, sie wüssten noch nicht, wann und ob die Party zustanden kommen würde. Aber prinzipiell konnte ich ihn mir gut als Teil der großen Clique rund um Sina und Stasya vorstellen.

Auf dem Heimweg dankte mir Miguel strahlend, dass ich ihn mitgenommen hatte, denn das hatte er sich lange gewünscht, in Izhevsk einen solchen Ort wie Kwartira 18 zu finden, und solche coolen Leute wie meine Freunde zu treffen. Er fragte mich fast ungläubig, wie es möglich war, dass ich solche tollen Leute kannte, und ich erklärte es ihm: Zuerst hatte ich Dima im Cisco-Praktikum kennengelernt, der mich spontan zu sich nach Hause eingeladen hatte; durch ihn hatte ich Stasya kennengelernt, die mich wiederum auf einer ihrer Partys mit Sina bekannt gemacht hatte, um die wiederum die ganzen durchgeknallten Musiker schwirrten. In Russland musste man nur eine einzige Person kennenlernen, dann ergab sich der Rest, weil man viel bereitwilliger den Freunden und Freundesfreunden vorgestellt wurde als beispielsweise in Deutschland - besonders wenn man ein Mädchen aus dem Ausland war.