11.10.
Wie versprochen schaute ich vor dem Russischkurs bei Johanna im Wohnheim vorbei um ihr beim Bearbeiten einer Webseite zu helfen. Ich vermutete, sie war die einzige in ihrem Fachbereich, die keine Angst vor Computern hatte, deshalb hatte sie den Auftrag erhalten, neue Inhalte auf die Fachbereitswebseite zu stellen. Das war ihr nicht überall gelungen und so konnte sich nicht erklären, warum das gleiche System nicht auf allen Seiten funktionierte.
Ich warf einen Blick drauf - da hatte jemand begonnen, die Webpräsenz auf PHP umzustellen, aber die Hälfte der Seite bei simplem HTML belassen, das sich ohne weiteres editieren ließ. Die restlichen Seiten zog ich zu mir aufs Notebook, denn ich hatte bei mir die entsprechende Software installiert, um nach dem Editieren gleich das Resultat sehen zu können ohne sie erst ins Internet laden zu müssen. Auf Johannas Anweisung hin löschte ich Menüpunkte oder fügte ich hier und da etwas formatierten Text aus Dokumenten ein. An einigen Stellen war es eher eine Schnitzeljagd, herauszufinden, wo sich der Programmierer die Textquelle für seine Ausgaben auf der Webseite gedacht hatte. Johanna schrieb sich alles detailliert in ihr Notizheft und fragte dann, ob ich Hunger hätte. Sie kochte Nudeln für uns beide, die wir direkt am Computer mit etwas Pesto aßen, während ich noch einige Änderungen vornahm. Ich fand es lustig - ich programmierte für Essen. Wir kamen zu spät zum Unterricht, und ich war trotzdem nicht ganz fertig geworden. Johanna versicherte mir aber, dass sie den Rest allein schaffen würde, und wenn nicht, dann würde sie mich am Abend anrufen.
Nach dem Kurs fragte mich Susen, ob ich nicht Kontakte zur Stadt Perm hätte, weil sie dort eine Theateraufführung im Rahmen ihres Auftrags, die deutsche Sprache zu verbreiten, plante. Ich schlug ihr die Mädels von der Touristeninformation vor, mit denen ich im Sommer meine beiden Abende in Perm verbracht hatte, konnte aber keine Handynummer von ihnen finden. Ich versprach Susen, ihr am Abend den Link zu ihren Profilen in vkontakte zu schicken, denn dort hatte sogar die Touristeninfo selbst ein eigenes Profil.
Ich hatte nun selbst noch etwas zu erledigen: Den Russischkurs zu bezahlen. Man hatte mich angerufen, als ich gerade im Bus zu Uni unterwegs war; am Telefon sprachen sie sicherheitshalber englisch, aber im Büro sprachen sie grundsätzlich in einem sehr langsamen und deutlichen Russisch, von dem sie sich durch nichts abbringen ließen.
Der Kurs schien immer billiger zu werden, jetzt nur noch 6800 Rubel. Ich sollte in Zimmer 240 Gebäude 1 gehen, dort eine Rechnung abholen und damit zur Kasse gehen, dort bezahlen, die Quittung abholen und zum Zimmer 240 zurück bringen und dort meinen Vertrag abholen. So einfach war alles.
Michael zeigt mir, wo sich das Zimmer und das Gebäude befand, weil er sowieso auf dem Weg in die Richtung war: Zum Schwimmbad der Universität, in der er die für Lehrer freie Schwimmzeit nutzen konnte. Der Gebäudekomplex befand sich auf der anderen Straßenseite, konnte aber durch eine überdachte Brücke erreicht werden, die auf beiden Seiten keine Etage traf und deshalb aus vielen Extratreppen bestand.
Gerade als ich alles erledigt hatte, fragte mich Stasya per SMS, ob ich Zeit hätte; sie müsse irgendwie eine Stunde herumkriegen.
Wir trafen uns draußen bei der Puschkin-Statue, wo sie sich erstmal eine Zigarette ansteckte. Ein seltsamer Kerl, der sich sowohl Sascha als auch Kyrill nannte, gesellte sich zu uns. Er hatte einen irren Blick, sah uns aber selten direkt an, und schwankte die ganze Zeit hin und her. Er war Alkoholiker, erklärte mir Stasya später, aber auch ein Tunichtgut und Musiker. Jetzt erinnerte ich mich an ihn: Er war der Kerl gewesen, der so verzweifelt nach Komplimenten gefischt hatte, als ich mit Zsolt zu einem Konzert von ihm gewesen war. Kyrill-Sascha hatte bei diesem Konzert die meiste Zeit als Frontmann auf dem Boden gesessen und ab und zu ins Mikrophon gebrüllt.
Nun hatte er entweder sein Studium beendet - oder wahrscheinlicher war er rausgeflogen - und nun drohte ihm der Einzug in die Armee, weshalb er sich nun noch irrer verhielt um stattdessen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden.
Wir holten uns gemeinsam ein verspätetes Mittagessen um 15:30 Uhr; ich lud sie ein, weil ich wusste, dass sie chronisch pleite war. Ich nahm eine Suppe, die Stasya ekelig and, und nahm geklopftes graues Hackfleisch, das ich ekelig fand. Das Fleisch musste sie mit Löffel und Gabel essen, denn Messer konnten nur gegen Vorlage des Ausweises in der Küche ausgeliehen werden. War dies eine Sicherheitsmaßnahme gegen den Terrorismus in der Küche? Um zu vermeiden, dass die Küchenfrauen mit einem stumpfen Blechmesser bedroht wurden, wenn sie zu lange schwatzten und sich selbst erstmal essen holten, statt es an Studenten auszugeben? Gerade als ich davon überzeugt gewesen war, dass mich in Russland nichts mehr verblüffen konnte, kam so etwas.
Stasya holte sich noch einen Tee; der wurde aus großem Bottich auf kleine Plastiktassen mit Zitronen darin gekippt, sodass sich immer eine riesige Pfütze auf diesem Teil des Tresens befand.
Im Russischkurs hatten wir diesen alten sowjetischen Slapstick-Comedy-Film "Operation Ü" angesehen, weil unsere Lehrerin in der Unterrichtszeit etwas anderes zu erledigen hatte, deshalb hatte sie uns wie in der Schulzeit vor dem Fernseher geparkt, und um sicher zu gehen, dass wir den Film auch wirklich ansahen, hatte sie uns als Hausaufgabe aufgetragen, eine Zusammenfassung des Films zu schreiben. Ich kannte ihn schon, denn Murik hatte ihn mir damals aus dem Netz geladen und darauf bestanden, dass ich ihn mir ansah, denn es war erstens ein Klassiker, und zweitens wurde darin kaum gesprochen.
Ich hatte allerdings nicht die geringste Lust, den Film zusammenfassen, deshalb fragte Stasya, ob sie den Film zufällig kannte. Natürlich, den kannte jedes Kind, wie alle sowjetischen Klassiker; sie und Kyrill-Sascha machten sich sofort an die Arbeit und amüsierten sich so prächtig dabei, dass sie stellenweise nur noch lachend auf dem Tisch liegen konnten.
Nachdem wir aufgebrochen war, hatte ich immer noch anderthalb Stunde Zeit, im Labor etwas für mein Projekt zu tun. Um 18 Uhr begann ein Cisco-Praktikum, aber schon 20 Minuten vorher kam der Praktikumsbetreuer Emilyanov hereingeschneit, mit dem ich im letzten Jahr lange nicht auf einen grünen Zweig gekommen war.
Heut wirkte er sehr gut gelaunt; ich wollte schon aufbrechen, da bat er mich, von meinem Projekt zu erzählen und ich umriss ihm meine Idee. "Tolle Idee", fand er. "Wenn ich sie so umsetzen kann", fügte ich hinzu.
Zu Hause spielte ich wieder stundenlang mit dem Hasen meiner Nachbarin - ich war nun praktisch seine Patentante. "Groß bist du geworden!", sagte ich zu ihm wie eine alte Tante es sagen würde. Er war wirklich erstaunlich gewachsen; die dunkelgrauen und weißen Flecken in seinem Fell waren fast völlig herausgewachsen, sodass er nun fast ganz grau aussah, und er hatte hasentypische Verhaltensweisen aufgenommen wie sich auf den Boden zu werfen und die Beine lang fortzustrecken. Er wurde auch immer frecher und neugieriger, und holte ein Tablett unterm Kühlschrank hervor, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es sich dort befand. Der Hase stecke neugierig seinen Kopf unter den Kühlschrank, sodass ich fürchtete, er würde darunter verschwinden und es zu seinem neuen Versteck machen - nun da sein Hintern zu dick geworden war, um unter den Schrank zu kriechen. Ich schob das Tablett wieder unter den Kühlschrank, und der Hase holte es direkt wieder hervor. Für mich wiederholte er den Trick netterweise, sodass ich ihn dabei filmen konnte.
12.10.
Heute fand der Russischkurs im Wohnheim statt und ich verspätete mich, weil ich vorher in der Cafeteria essen gegangen war und nicht mehr daran gedacht hatte, dass sie das Zimmer geändert hatten. Das passierte einigen von uns in den nächsten Wochen immer wieder, einmal sogar unserer Lehrerin, die sich selbst über ihre ständigen Stundenplanänderung verwirrt hatte.
Johanna hatte mir gestern Abend schon per SMS geschrieben, und dass sie es selbst geschafft hatte, die Webseite fertig zu bearbeiten und sogar die News auf der Seite einzutragen, und als ich nun zum Kurs kam, war sie immer noch genau so euphorisch darüber, aber beschwert sich scherzhaft, dass sie sich von nun an wohl die Webseitenverantwortliche auf Lebenszeit war.
Ich improvisierte Hausaufgaben, die ich gestern nicht mehr fertig gemacht hatte und die Lehrerin verschwand nach 20 Minuten zu einer Versammlung und ließ uns mit Prüfungsaufgaben zur Übung allein. Susen schlug vor zusammenzuarbeiten, aber unser Klassenstreber Steve wollte das nicht, und so schrieb ich nur von Susen ab, die schon nach 10 Minuten verschwand, machte den Rest selbst nach Gefühl, denn gelernt hatte ich diesem Teil russischer Grammatik noch nicht.
In unserer technischen Universität fand seit einigen Tagen eine kleine Honig- und Handarbeitsmesse statt, auf der Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Waren zum Verkauf anboten. Als Ort hatten sie die Eingangshalle des Hauptgebäudes gewählt, die immer für Kleinveranstaltungen aller Art herhalten musste.
Am Abend war ich mit Dima verabredet, aber auch Sina hatte mich um ein Treffen gebeten: Electric Snow hatte heute eine Bandprobe und ich sollte Videos davon machen. Dima schien nicht abgeneigt, zusammen mit mir zur Probe zu gehen, zumal sicher auch Stasya kommen würde.
Nach eine Tasse Tee und einer Runde Teegeplauder bei Dima zu Hause, das lange überfällig gewesen war, machten wir uns auf den Weg. Sina hatte gesagt, wir sollten den Bus 36 nehmen, aber der kam und kam nicht, doch plötzlich zog mich Dima in einen haltenden Trolleybus, denn darin hatte unsere Bekannten und Freunde entdeckt: Stasya, Mischa, Sina und Andrey.
Wir stiegen an der Haltestelle des Stahlwerks Izhstal aus, wo Vanya und Lena schon auf uns warteten. Sie führten uns durch ein verworrenes Labyrinth aus leer stehenden Fabrikgebäuden, dann betraten wir ein altes Bürogebäude. Hinter einer gut verriegelten Tür lag der seltsamste Korridor, den ich je gesehen habe: Um einen Stuhl herum lagen dutzende Schuhe verstreut, die Wände und Türen waren mit riesigen Zeichnungen beklebt, die man bestenfalls als durchgedreht bezeichnen konnte. In einer der Türen befand ich ein Loch, und ringsherum hatte man jemanden gemalt, der seinen blanken Hintern zeigte, und dort braun eingefärbt. Daneben hingen Plakate der Bands, die vermutlich hier probten, und von denen ich mindestens eine gedämpft durch eine der vielen Türen hören konnte. Ihren Plakaten nach zu urteilen, betrieben sie eine Mischung aus Death Metal und Satanismus, kombiniert mit Leichenfleddern.
Wir gingen in den ersten Raum, der völlig schwarz war - bis auf die Stellen, an denen der Stoff von der Wand gerissen war.
Die Jungs bauten auf und stimmten ihre Instrumente, Sina setzte sich hinter das Schlagzeug, das schon im Raum stand und befestigte ihre eigenen, mitgebrachten Schlagzeugteile daran. Es war wie ein Baukasten.
Dima, Stasya, Mischa und ich setzten uns eng beieinander auf den Boden des kleinen Raums und bevor die Musik zu dröhnen begann, fragte ich Sina, was mit ihrem früheren Proberaum passiert war. Eine ihrer anderen Bands hätte dort nach dem Proben randaliert, gab Sina zu, daraufhin seien sie rausgeflogen.
Dima nahm Sinas Digicam, ich nahm meine, und wir filmten und fotografierten die nächste Stunde über; ich nahm mir die einzelnen Bandmitglieder vor, Dima fand jedoch die Deckenlampe sehr viel faszinierender und fotografierte sie mit allerlei verschiedenen Einstellungen. Stasya knüpfte in der Zwischenzeit ein Armband, Mischa saß einfach nur mit seinem Halblächeln da, wie er es immer tat. Niemand konnte erraten, was wirklich in seinem Kopf vorging. Die beiden schienen an den Krach gewöhnt zu sein, aber Dima und ich wurden langsam taub und verließen den Proberaum. Ich glaube, wir hatten genug Bild- und Videomaterial gesammelt, fanden aber nie raus, wofür wir das eigentlich getan hatten. Draußen im Gang fanden wir einen Tisch und ein angekohltes Sofa vor, und auf beiden stapelten sich die Zigarettenkippen. Dort warteten wir auf das Ende der Probe. Dima würde wohl kein Fan von Electric Snow werden; ich hingegen fand diesen chaotischen Krach von Zeit zu Zeit sogar entspannend.
Stasya gesellte sich zum Rauchen zu uns, und dann war die Probe auch schon beendet. Sie bezahlten den Vermieter bar auf die Hand und packten ihre Instrumente ein. Es war schon nach 21 Uhr und wir mussten einen anderen Weg aus dem Gebäude herausnehmen, sodass ich vollends verwirrt war und es sicher nie wiederfinden würde. Wie erwartet wollte Sina nun nach der Anstrengung Schokolade essen - genau genommen wollte sie immer Schokolade essen, weshalb achtete ich mittlerweile darauf, immer eine Tafel dabei zu haben. Ich verteilte die Tafel auch an die anderen während wir langsam Richtung Bushaltestelle gingen. Lena und Vanya waren im Auto gekommen, luden alle Instrumente ein und boten an, zwei oder drei von uns Richtung Zentrum mitzunehmen. Vor lauter Höflichkeit standen wir alle ein wenig ratlos um das Auto herum und keiner wollte einsteigen. Schließlich schob Andrey Sina ins Auto und es war entschieden.
Dima, Stasya, Mischa und ich mussten ewig auf einen Bus warten, der nicht nur ins Depot fuhr und überlegten schon, einfach nach Hause zu laufen, denn die Stadt war für 600.000 Einwohner recht kompakt, sodass man in zwei Stunden zu Fuß unseren Stadtteil durchaus erreichen konnte. Aber wir kamen doch noch mit dem Bus nach Hause, beziehungsweise ging Mischa wahrscheinlich zu Stasya nach Hause. Niemand sprach darüber, aber alle vermuteten, dass zwischen ihnen etwas lief.
13.10.
Es war Dienstag, der Dreizehnte. Ich verdammte den Tag schon mit den ersten Minuten. Es war zu heiß gewesen in der Nacht, weil man in Russland nur Extreme kannte - erst hatte man gar nicht geheizt, und sorgte man praktisch im Alleingang für die globale Erwärmung. Ich hatte mich die ganze Nacht lang unruhig umhergewälzt und nur ab und zu Schlaf gefunden, durchzogen von Alpträumen, sodass ich gerade lang genug verschlief, dass es sich nicht mehr lohnte zum Russischkurs zu fahren.
Mein Magen zog sich zusammen, ich tappte ächzend Richtung Badezimmer, kippte fast um, weil mir schwarz vor Augen wurde, und im Bad rutschte ich unvermittelt aus und fiel fast ins Klo, knallte dann aber doch nur gegen die Tür. Saß dann auf der Schlüssel, während von oben Wassertropfen auf meinen Kopf klatschten. Zum Glück wohnte über uns niemand mehr; nur das Dach war undicht. Aber so wusste man wenigstens, dass es regnete, ohne aus dem Fenster schauen zu müssen.
Der Hasenkäfig stand im Korridor, der Hase hatte darin wieder mal gewütet und seine Trinkflasche abgerissen, die nun neben dem Käfig auf dem Boden lag. Ich befestigte sie lustlos und überlegte schon, wieder ins Bett zu gehen, da rief Alisa rief an, ich sollte heute zum Unterschreiben von meinem Studienvertrag ins Auslandsamt kommen. Nichts lag mir im Moment ferner als das Haus zu verlassen. Ich schnappte mir meine Gitarre und kam in eine kreative Phase, in der ich ein Lied weiter schrieb, dessen erste Zeilen ich bereits vor über 10 Jahren gedichtet hatte, und zu denen ich vor kurzem auf der Gitarre eine Melodie gefunden hatte.
Kurz vor ihrer Mittagspause raffte ich mich auf, ins Auslandsamt zu gehen, in der Uni war noch immer Honigmarkt, ich unterschrieb schnell, kaufte noch schneller saure Sahne im Laden des Wohnheims, setzte Wasser auf, warf ein paar gefroren Pelmeni hinein, und weil der Tag eh schon im Eimer war, konnte ich auch gleich nach dem Mittagessen ins Labor gehen. Den Schlüssel holte ich um 13 Uhr, kam aber bis zum Abend zu keinem rechten Ergebnis, weshalb ich Farins Angebot annahm "etwas Lustiges zusammen zu unternehmen". Er holte mir direkt nach der Arbeit von dem Labor ab und ich sprang ihn zu einer Umarmung regelrecht an. Genau in dem Moment kam einer seiner Studenten vorbei und verschwand im nächsten Moment peinlich berührt, als er uns so sah.
Farin ging nach draußen und sprach ein paar Worte mit ihm, dann versuchte er mir zu erklären, was er für heute geplant hatte. Ich gab den Versucht, es bei seinem Englisch zu verstehen, bald auf und ließ mich einfach mitnehmen.
Wir fuhren zu einem Einkaufszentrum. Im oberen Stockwerk befand sich eine Freizeithalle mit Schlittschuh- und Rollerskate-Bahn und einem 4D-Kino, also 3D mit beweglichen Sitzen. Wir waren die einzigen, die das Kino besuchten und konnten uns einen Film aussuchen. Ich war für "Space Wars" und Farin war dafür, weil ich dafür war.
Drinnen wirkte der Film nach der ersten Gewöhnung sogar recht real, und ich begann das Steuer zu übernehmen, das es natürlich überhaupt nicht gab und riss den unsichtbaren Steuerknüppel hoch, denn wir kamen einem Asteroidengürtel im All zu nahe, außerdem rückten uns unsere Feinde bedrohlich nahe; ich bellte Farin Kommandos zu, er solle schießen; er stimmte begeistert ein. Ich rief ihm zu: "Keine Sorge, ich werde uns hier schon lebend rausbringen", und ließ uns haarscharf durch einen Ventilator fliegen.
Vor uns explodierte etwas. Ich schrie auf: "Verdammt, die sprengen uns in die Luft!" und steuerte weitere waghalsige Flugmanöver, die uns wieder nahe an Asteroiden brachten. Zu nah... "Puh, die Schilde halten!" Wir lachten uns dabei kaputt. Natürlich hatte ich keinerlei Kontrolle, ich hatte ja noch nicht mal eine Steuerkonsole, aber das brauchte man nicht, wenn man genügend Fantasie hatte. Ich glaube nicht, dass ich je in einem Flugsimulator so viel Spaß gehabt hatte wie heute. Aber schon nach vier Minuten war alles vorbei.
Danach waren wir uns einig, entweder Rollerskaten oder Eislaufen zu wollen. Auf Rollschuhen war er nicht so oft unterwegs, also gingen wir zur Rollerbahn. Dort musste er erstmal einen Mitgliedskarte ausfüllen um überhaupt auf die Bahn zu dürfen, aber eine reichte für uns beide. Für eine Stunde und zwei Personen inklusive ausgeliehener Rollerskates kostete der Spaß 220 Rubel, also etwa 5,50 Euro. Es gab sogar Wegwerfsöckchen dazu. Wir fotografierten uns gegenseitig bei den ersten tappigen Versuchen, überhaupt erstmal die Skates anzuziehen.
Dann ging es auf die Bahn. Hier war ich wieder in meinem Element - so oft war ich in Zwickau nachts auf den leeren, kaputten Straßen um die Häuser gefahren. Bremsen konnte ich noch perfekt auf den Punkt genau, und enge Kreise ziehen klappte auch noch. Wir begannen schneller zu fahren und uns zu jagen. Ich schlug einen Haken nach dem anderen und entkam Farin immer, indem ich abrupt die Richtung änderte. Nach einer Viertelstunde waren wir völlig erschöpft und ließen uns in die Bar nebenan ausrollen, nahmen zwei große Kübel 7up für je 30 Rubel und tranken um die Wette und stürmten dann wieder auf die Bahn. Wir wurden mutiger und ladeten öfters auf dem Boden, Farin versuchte sich an mir festzuhalten, ich griff seine Hand und zog ihn in einem eleganten Bogen über den Fliesenboden, ließ ihn dann aber los, womit er nicht gerechnet hatte. In der Überraschung verstrichen einige Sekunden, dann konnte er nicht mehr rechtzeitig die Richtung ändern und knallte laut an einen Pfosten. Ihm war nichts passiert, aber er hatte mit den Skates eine ganze Reihe Fliesen beim Aufprall aus der Wand gebrochen. Wir sahen uns nervös um, Farin schaute fragend die Kartenverkäuferin an, aber die blieb stumm sitzen. Wir skateten also einfach weiter und lachten uns schlapp.
Nachdem die Stunde abgelaufen war, kam der Manager auf Farin zu und redete ärgerlich auf ihn ein, aber Konsequenzen schien es keine zu geben. Farin verteidigte sich mit Lausbubengrinsen, dass sie die Wände entweder härter oder weicher machen müssten.
Nun musste er leider schon nach Hause, denn sein Vater hatte usbekische Schwarzarbeiter gefunden, die für ihn ein Loch vor seinem Haus für die geplante Kläranlage graben würden. Er wollte mich aber noch schnell zum Wohnheim zurückfahren, doch er vergaß beinahe wieder loszufahren, weil ich ihn über die tatarische Sprache ausfragte, denn er war der einzige Tatare in meinem Bekanntenkreis, dessen Muttersprache es war; außerdem interessierte es mich, ob er persönlich erfahren hätte, dass Russen Tataren nicht mögen, weil ich von einigen Bekannten derartige Vorurteile gehört hatte, aber Farin meinte, zumindest in Udmurtien würden Tataren respektiert. Dann kamen wir noch auf die Gretchenfrage und stellten fest, dass wir auf dem gleichen Standpunkt standen, was Religion anging - er kam aus einer muslimischen Familie, hatte aber mit Religion nichts am Hut, respektierte jedoch den Glauben anderer.
Es war schade, den Abend schon enden zu lassen, aber die Arbeit rief. Wir versprachen uns gegenseitig, diesen Abend auf jeden Fall irgendwann zu wiederholen.
Dieser Tag lehrte doch ganz eindeutig, dass man den Tag nicht vor dem Abend verdammen sollte.
14.10.
Nach zwei Vorlesungseinheiten Russisch sollte heute unsere endgültige Russifizierung stattfinden: Wir waren eingeladen, uns einer Art Initiationsritus für Studenten zu unterziehen. Wir waren alle recht skeptisch und fürchteten, dass sie mit uns etwas anstellen würden wie unsere Gesichter in nicht-abwaschbarer Farbe anzumalen, oder ohne Hosen draußen an einem Lampenposten aufzuhängen, wo wir sie selbst wieder herunterholen mussten. Die anderen Deutschen im Kurs winkten gleich ab, nur Michael wollte mitkommen, obwohl er genau genommen gar kein Student, sondern Englischlehrer war.
Er bat mich vorher jedoch darum, dass er einen Abstecher in ein Büro seines Fachbereich machen durfte, weil er vorhin mit den Mädels dort einen Tee getrunken, aber die Tasse nicht weggeräumt hatte; der Gedanken daran hatte ihn nicht losgelassen - er fühlte sich verantwortlich, seine Teetasse aufzuwaschen, selbst wenn er weder wusste, wo er sie abwaschen konnte, noch wohin er sie danach stellen sollte.
Eines der Mädels kam ins Büro und meinte, das würde sie schon für ihn erledigen; "aber vielleicht wollt ihr beide erstmal eine Tasse Tee trinken?", fragte sich freundlich. Michael hatte es eigentlich eilig; er wollte vor dem Studententreffen einen Router kaufen, war aber zu höflich, das offen zu sagen. Wenn russische und amerikanische Höflichkeit aufeinandertreffen, resultierte das in einer Endlosschleife: In Russland bot man aus Herzlichkeit sofort alles an, und in Amerika konnte man nichts ablehnen und musste das Angebot der Höflichkeit wegen dem Gegenüber wiederholen, selbst wenn man es gar nicht meinte, und wenn der Gegenüber eine Russin war, freute sie sich darüber und nahm es an, weil sie gar nicht auf den Gedanken kam, dass es nur oberflächliche Höflichkeit wie die Begrüßung "how are you?" war, in der es nie jemanden kratze, wie der Gegenüber wirklich fühlte.
Ein zweites Mädel kam dazu. Ich sah das ganze ausarten und sprang ein. In Deutschland kannte man überhaupt keine Höflichkeit und war deshalb immer pünktlich. Zumindest war das meine Theorie. Ich fragte Michael laut also, ob er nicht einen Router kaufen gehen wollte und danach verabredet war. Da gab er es zu, und sie ließen uns gehen, meinten aber noch, dass es schön war, endlich "seine Freundin" getroffen zu haben. Michael warf den Kopf zurück, wie er es immer tat, wenn er Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte und lachte dann, als er verstand, dass sie mich für seine Freundin Laura hielten. Er klärte das Missverständnis auf, dann gingen wir endlich. Im Treppenhaus trafen wir Stasya, sie lud mich zur Bandprobe von Electric Snow ein und wir verabredeten, dass wir uns nach dem Ritus in der Stadt treffen würden.
Michael hatte schnell einen WLAN-Router gekauft und währenddessen mit den Verkäufern geschwatzt. Hier sei es etwas teurer, aber der Service gut.
Man erwartete uns schon zur Initiation.
In den kleinen, stickigem, nach Schweiß riechenden Raum teilten sie Plastikbecher mit Tee aus. Michael kannte einige der anwesenden ausländischen Studenten: Ein Mädchen aus Finnland, ein paar Jungs aus Venezuela. Die meisten Studenten im Raum waren russische Studenten, der überwiegende Teil Mädels, aber auch ein blondierter Kerl in enger Weste und Schlips, der sich selbst als die wichtigste Person im Raum sah.
Sie wollten unsere E-Mail-Adressen, dann forderte sie uns auf, einer nach dem anderen im Kreis sitzend ein paar Worte über sich selbst auf Russisch zu sagen, und dann begannen die Spiele: A4-Blätter mit russischen Sprichwörtern darauf waren in ihre Wörter zerschnitten worden und sollten auf dem Tisch sollten sortiert werden, das fertige Sprichwort sollte diskutiert werden und dann musste ein ähnliches Sprichwort in der eigenen Sprache gefunden werden. Das war etwa der Punkt, an dem mein Interesse für den Rest des Abends in den Minusbereich übertrat. In diesem Moment wünschte ich mir schon fast eine Hosenjagd in der Kälte.
Wir gingen dann auch wirklich nach draußen, aber nur auf den Korridor - um einen udmurtischen Tanz zu lernen, der hauptsächlich dazu diente, über die eigenen Füße zu stolpern. Zurück im Zimmer wurde noch mehr Tee getrunken und dann ein anderes Spiel begonnen, das ich nicht ganz verstand; es war wohl ein Abschlagspiel, in dem man eine Schnur mit beiden Händen halten und so einen Kreis mit den anderen bilden musste; dann versuchte eine Person in der Mitte des Kreises den Schnurträgern auf die Finger zu schlagen, aber die durften nur je eine Hand vom Seil nehmen. Wer abgeschlagen wurde oder mit beiden Händen losgelassen hatte, musste in den Kreis, aber bevor er seinen Nachfolger abschlagen konnte, musste ein Huhn nachmachen, oder 5 russische Berühmtheiten. Ich sah auf die Uhr und beschloss, dass eine Stunde zu früh dran zu sein unter "Pünktlichkeit" fiel und machte mich aus dem Staub. Drinnen im Zimmer lagen Perepetschki zum Abendbrot aus, aber das war nichts, was mich noch länger an diesem Ort ausharren ließ, und das Russischsprechen den ganzen Tag lang zerrte mir langsam an den Nerven, so erklärte ich den Organisatoren auf Englisch, dass ich versprochen hatte, Videos auf der Bandprobe von Electric Snow zu drehen - das klang überzeugend genug.
Ich rief Stasya schon im Laufen an; ja, sie war auf dem Weg zu Sina. Ich könne jeden Trolleybus von der Uni aus nehmen, meinte sie. Das tat ich und rannte sogar, weil ich den Trolley gerade an der Haltestelle stehen sah, bemerkte aber erst als ich drin saß, dass ich in die falsche Richtung unterwegs war. Ich wollte bei der nächsten Gelegenheit in die Gegenrichtung umsteigen, aber es kam überhaupt kein Trolley meiner Linie mehr vorbei; sie fuhren alle ins Depot in der Gegenrichtung. Also nahm ich stattdessen einen der Linie 6, die an meinem Wohnheim vorbeifahren würde; von dort aus konnte ich wie sonst auch den Bus 29 zu Sina nehmen - nur hatte ich nicht bedacht, dass diese Route in Gegenrichtung verlief, sodass ich schon wieder in die falsche Richtung unterwegs war. Bevor ich ganz die Orientierung verlor, fragte ich mich schließlich durch.
An einer großen Kreuzung stieg ich aus und verglich die an der Haltestelle angeschriebenen Busse mit denen, die ich mir auf meiner Stadtkarte nahe Sinas Haus notiert hatte.
Zur Sicherheit fragte ich vor dem Einsteigen, der Trolley an der Universität vorbeifuhr. Die Schaffnerin war nicht nur hilfsbereit, sondern zu hilfsbereit und studierte die Stadtkarte mit mir, und empfahl mir schließlich eine andere Haltestelle als ich allein genommen hätte... dann stand ich mitten in der Nacht auf einer Straße ohne Namen, die Karte in der Hand und ging in eine beliebige Richtung los als Stasya anrief, wo ich denn bliebe, sie müssten jetzt das Haus verlassen und könnten nicht länger auf mich warten. Sie wies mich an, einen Trolley der Linie 9 bis Izhstal zu nehmen, und dort am Proberaum würden wir uns treffen, versprach sie. Schon allein für Irrfahrten wie diese wäre es praktisch, eine Monatskarte zu haben. Stasya hatte eine spezielle Monatskarte für Studenten, die fast alle öffentlichen Verkehrsmittel galt und sogar billiger war als die Monatskarte für den Bus, aber die Kioske, an denen sie verkauft wurden, waren nur wenige Tage am Monatsende und Monatsbeginn geöffnet, hatte mir Stasya erklärt.
Der Trolley war wieder mal völlig überfüllt, ich passte kaum in die Tür, aber er brachte mich zuverlässig zu Izhstal.
Dort angekommen rief ich Stasya an; sie meinte, sie brauchten noch etwa 20 Minuten. Es begann zu regnen. Ich war auf dem Weg, richtig schlechte Laune zu bekommen, da rief Stasya zurück und entschuldigte sich; Vanya sei auf dem Weg und würde mich gleich treffen. Tatsächlich war er zwei Minuten später da, das hagere Gesicht vom Lampenschein in eine Kraterlandschaft verwandelt. Er umarmte mich und ging voran, sah sich aber immer wieder nach mir um und versuchte etwas Konversation zu betreiben mit dem wenigen Deutsch, an das er aus der Schule erinnerte.
Lena wartete im parkenden Auto, sie packten die Instrumente aus und trugen sie allein in den Proberaum - Musiker gaben ihre Instrumente ungern aus der Hand.
Stasya, Sina und Andrey kamen bald darauf. Ihnen hatten meine Fotos vom letzten Mal gefallen; sie seien genauso verrückt wie ihre Musik, und so wurde ich zum offiziellen Fotografen von Electric Snow ernannt; Sina merkte lachend an, dass ich so nun auch kostenlos auf ihre Konzerte kam. Begeistert schoss ich wieder Fotos und Videos bis die Speicherkarte voll war.
Es wurde wieder laut, Erholung davon holte ich mir beim Passivrauchen Stasya draußen auf dem Korridor. Hatte ich beim letzten Konzert noch gescherzt, ein Groupie zu sein, befand ich mich nun auf dem besten Weg dorthin. Es erstaunte mich immer wieder, welchen Einfluss Russland auf mich ausübte; früher hatte ich nichts mit Rockmusik am Hut gehabt, und nun war ich mitten in einem Kreis von Rockmusikern gelandet, und ich genoss diesen neuen Aspekt in meinem Leben.
Nach der Probe quetschten wir uns alle ins Auto; Stasya und ich wurden im Zentrum abgesetzt; von dort aus mehr Busse in unsere Richtung.
Bis Mitternacht quälte ich meine Nachbarn wieder mit meinem Gitarrenspiel und Liederdichten, doch ich glaube, sie hörten es gar nicht, denn ihr Fernseher lief grundsätzlich auf voller Lautstärke.
Ihr Häschen saß wieder die ganze Nacht lang bei mir und schaute mit mir fern, wenn es nicht gerade übermütig umher sprang. Auf meinem Bett warf es sich auf die Seite, hatte zu viel Schwung, überschlugt sich und rollte vom Bett hinunter.
15.10.
Heute traf ich mich mit Sina schon mittags um ihr die Foto von gestern zu geben. Sie war gerade wieder dabei, Kekse zu backen, und am Nachmittag gingen wir zu Stasya, weil sie sich von Stasya ein Kleid umnähen lassen wollte. Sina betrachtete meinen zerschlissenen Rucksack und schlug vor, ihn zu reparieren und bei der Gelegenheit etwas aufzumotzen. "Ja, warum nicht", meinte ich, ahnte jedoch schon das Unheil.
Bei Stasya zu Hause tranken wir erstmal eine Tasse Tee in Gesellschaft ihrer Großmutter, ein würdevolle alte Frau und laut Stasya die intelligenteste Person, die sie kannte. Sie führte als Beweis an, dass sie nicht versuchte, ihr Schuldeutsch an mir auszuprobieren, was mir mittlerweile wohl schon sichtbar auf die Nerven ging - würde ich ständig Lob für Belanglosigkeiten aussprechen wollen, wäre ich Kindergärtnerin geworden.
Wir sprachen über die unterschiedlichen Nationalitäten in unserer Republik; die meisten Leute in den Städten sahen sich einfach als Russen; wer sich als udmurtisch bezeichnete, war in der Regel traditionell orientiert, studierte die Sprache in der Universität, weil es sowieso egal war, welche Geisteswissenschaft man in Russland studierte, und zog danach oft wieder aufs Land zur Familie. Die Familie spielte sowohl bei Udmurten als auch bei Tataren eine große Rolle, wobei Tataren jedoch stolzer auf ihre Herkunft zu sein schienen und selbstbewusster in ihrer eigenen Gesellschaft neben den anderen lebten. Das sah man auch daran, dass die Tataren in Izhevsk vornehmlich in ihrem eigenen Stadtteil "Tatarischer Basar" wohnten, in ihren traditionellen Holzhäusern wie auf dem Lande.
Sogar ein verrückter Rockmusiker wie Vanya war im Grunde seines Herzens traditionell und wollte eine Frau, die für ihn am Herd stand. Er war Tatare, sie war Udmurtin - das passte zusammen. Sina erzählte die ganze Geschichte, weshalb Lena in der Band sang: Sie war immer sauer gewesen, wenn Vanya abends so lange mit seinen Bandkollegen probte statt zu Hause bei ihr zu sein. Da hatte er irgendwann ein Machtwort gesprochen: "Du singst jetzt mit uns in der Band!" Und nun war das einzige Problem, das er noch hatte, dass sie immer müde auf den Proben war und ihn drängte, dass sie doch nach Hause gehen mögen.
In der Zwischenzeit war auch Mischa gekommen und trank Tütenkaffee während Sina und Stasya an dem Kleid herumschneiderten.
Ich hatte vorgeschlagen, eine Webseite für Electric Snow zu machen und bastelte nun an einem ersten Entwurf und an einem Logo.
Gegen 16:00 mussten wir das nette Beisammensein jedoch auflösen, denn Stasya und ich mussten zur Uni, aber nach ihrer Doppelvorlesung wollten wir uns wieder bei Sina treffen, oder ein bisschen später. Ich wollte nach meinem Russischkurs noch ein wenig an meinem Projekt arbeiten, aber schon auf dem Weg von der Uni zurück verwarf ich diese Idee und vertrödelte die Zeit auf der Gitarre.
Als ich mich dann auf den Weg zu Sina machte, stand ich im Bus plötzlich Albert gegenüber. Ich hatte ihn einen Moment lang nicht erkannt, weil sich alle Tataren mittleren Alters so ähnlich sahen und alle die gleiche Mütze trugen, aber sein breites Grinsen unterschied ihn von allen anderen. Er hatte mich eigentlich schon am Montag oder Dienstag zur Besprechung meines Projekts treffen wollen; heute war Freitag, und vertröstete mich auf Mittwoch - machte nichts, ich hatte eh nicht nennenswert gearbeitet.
Bei Sina saßen Mischa und Stasya schon in der Küche und blätterten in Büchern; die Stimmung war nicht gezwungen, sondern hing einfach im Raum, ohne Druck, den Besuch amüsieren zu müssen. Sina hatte gefragt, ob ich sie nicht langsam leid sei, aber gerade diese Ungezwungenheit und Gelassenheit fand ich überaus anziehend. Hier war jeder er selbst, und jeder wusste, was in dem anderen vorging, und wie man damit umzugehen hatte; sie waren langjährige Freunde, und ich begann dazu zu gehören.
16.10.
Ein neues Wochenende brach an. Farin rief mich an und fragte, ob ich heute schon Pläne hätte, und wenn nicht, könnten wir gemeinsam einkaufen gehen, wie er es mir versprochen hatte, in einen billigen Laden namens Troika, der sich als vietnamesisch-chinesischer Basar in einem Gebäudekomplex in der Nähe des Tatarischen Basars herausstellte.
Ich willigte ein, obwohl ich einkaufen hasste, denn gestern war der Reißverschluss an meiner Winterjacke endgültig und unreparierbar zerbrochen, und ich konnte nicht den ganzen Winter meine Herbstjacke unter der Winterjacke tragen.
Farin wollte im Zentrum auf mich warten. Ich kam eine ganze Viertelstunde zu spät, weil ich mir noch die Haare hatte föhnen und Geld holen müssen. Ich entschuldigte mich, bin jetzt nicht mehr deutsch, seit dem Initiationsritus an der UdGU. Wobei ich den nicht mal bis zum Ende mitgemacht hatte - so war ich vielleicht noch zu retten.
Wir sahen uns ein wenig an den Ständen um; die Wände dahinter waren bis zur Decke mit Jacken behangen. Die meisten waren überteuerte, unechte Pelzmäntel, aber davon hätte ich mir nicht mal einen gekauft, wenn es erlaubt gewesen wäre, sie nach Deutschland einzuführen. Ich fand schnell eine unaufdringliche graue Jacke, die jedoch schlecht vernäht war; die Verkäuferin suchte geschwind eine neue, bessere heraus, und Farin handelte sie von 3000 auf 2500 Rubel runter; billiger bekam man eine Winterjacke in Russland kaum.
Farin schlug vor, ich könnte trotzdem noch selbst neuen Reißverschluss in meine alte Jacke einnähen. Ich zeigte ihm den Vogel - ich wäre schon völlig überfordert gewesen, einen Knopf anzunähen.
Im nächsten Laden kauften wir farblich passend dazu eine Mütze, die sehr warm war und lustige Bommeln an den Seiten hatte. Auch eine neue Mütze war nötig gewesen, denn meine alte löste sich mittlerweile in ihre Wollbestandteile auf; die Bommel war schon im letzten Jahr verloren gegangen.
Farin plauderte mit dem Verkäufer. Der Verkäufer fragte ihn, ob ich seine Schwester sei; das verneinte er und bezeichnete mich als seine feste Freundin. Ich sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an - das hatte er aber allein entschieden, ohne mich zu fragen. Wobei es sowieso schon jeder seiner Freunde und seine Mutter glaubte, weil ich mir ab und zu von ihm ein Küsschen geben ließ und mich vor seinen Freunden nicht wehrte, wenn er mir den Arm um die Schulter legte.
Nun wollte mir Farin ein schickes Oberteil schenken, aber ich winkte dankend ab; ich konnte die ganzen Klamotten beim besten Willen nicht mit nach Deutschland nehmen, dazu reichte der Platz in meinem Koffer nicht.
Farin wollte sich eine Geldbörse kaufen, brauchte zum Aussuchen aber Ewigkeiten, sodass ich mich müde auf der Treppe niederließ, während er durch die Läden zog. Als er nach mir sah, hatte er zwar den Beutel mit meinen Einkäufen dabei, aber nicht seine eigene Tasche. Ich machte ihn darauf aufmerksam, er bekam einen panischen Ausdruck auf dem Gesicht und rannte davon, kam aber schon wenige Minuten später triumphierend mit seiner Tasche zurück.
Als letztes wollte er eine Kopflampe für seine Außentoilette kaufen, denn dort gab es keinen Strom, und im Dunkeln hatte es sich wohl als schwierig herausgestellt, die Löcher zu treffen. Ich hielt das für eine gute Idee und kaufte mir auch eine, denn bei uns im Wohnheim war ja auch ständig das Licht im Bad kaputt. Und für unseren lange schon geplanten Ausflug in die Höhlen bei Perm, war so eine Lampe auch sehr praktisch.
In diesem Krimskramsladen entdeckte ich eine Hülle für den Studentenausweis, die die meisten Studenten besaßen und wollte mir auch eine kaufen, aber der Verkäufer schüttelte den Kopf - das sei die letzte Hülle, die wollte er nicht verkaufen. Ich wusste nicht, ob das nur eine Verkaufsstrategie war, oder der Verkäufer ein Idiot - jedenfalls verließen wir den Laden gleich darauf und Farin versprach, in anderen Läden danach Ausschau zu halten.
Außerdem brauchte ich Ohrenstöpsel, fiel mir ein. Heute Abend würde ein großes Rockkonzert stattfinden, bei dem auch Electric Snow spielte, und das ganze nannte sich "Overground Festival", würde aber definitiv ein Underground-Konzert werden, wenn ich von ihrer Musik auf den Rest der Bands schließen konnte. Einen Auftritt dieser Art hielt ich ohne Ohrenschutz aus, aber gleich sechs Bands dieser Art würden für Tinitus sorgen, daran zweifelte ich nicht.
Doch wo konnte man Ohrenstöpsel kaufen? Von Stasya wusste ich, dass sie in Russland Berushy hießen, sodass es kein Problem war, Farin zu erklären, was ich wollte.
Er fragte in insgesamt 4 Apotheken danach, aber entweder führten sie diesen Artikel überhaupt nicht, oder hatten gerade nichts vorrätig. Als letzte Möglichkeit schlug Farin vor, in einen Laden für Arbeitsschutzkleidung zu gehen. Auf dem Weg gerieten wir in einen Flashmop vor dem Zirkus, in den wir sofort hineingezogen worden. Ein professioneller Kameramann filmte uns beim Bilden einer menschlichen Kette, doch bald rochen wir, dass der Flashmop gar keiner war, sondern eine Werbeaktion für einen Schokoladenhersteller. Ein echter Flashmop war ein im Internet verabredetes Zusammentreffen von Fremden an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, und auf ein bestimmtes Signal hin begannen alle, etwas vorher abgesprochenes Verrücktes zu tun, wie beispielsweise sich gegenseitig mit Kissen zu schlagen, die sie vorher versteckt getragen hatten.
Der Kameramann und sein Kollege waren begeistert, dass sie einen Ausländer - also mich - erwischt hatten und filmten drauflos. Doch sie wollten die Aktion noch größer haben und schickten jeden der Teilnehmer los noch einen weiteren Teilnehmer von der Straße zu holen, in der gleichen Art, wie sie uns angeworben hatten, aber Farin gelang es nicht, die Passanten zu überzeugen und wurde langsam ungeduldig; er hatte heute noch viel zu erledigen: Er wollte mit seinen Freund und Nachbarn Rawil einen Ofen für sein Banya selbst aus Stahlplatten zusammenschweißen, weil ein neuer Ofen zu teuer gewesen wäre.
Aber da hielt uns schon das nächste auf: Ein hübsches Mädel versuchte uns einen Handyvertrag aufzuschwatzen. Ich lachte und sagte, ich sei schon bei MTS. Farin druckste und zögerte lange, war am Ende jedoch ihrem Charme erlegen und gab ihr seine Ausweisdaten. Sie dankte ihm kokett und lief eilig zum MTS-Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite, da rief Farin ihr nach, wie sie heiße, aber sie hörte ihn schon nicht mehr. Er meinte, ihren Namen hätte er schon gern erfahren. ich riet ihm, ihr nachzurennen, aber das wollte er dann doch nicht.
Zufällig hatte sich heute Roman per SMS bei mir gemeldet und gefragt, ob wir uns nicht mal wieder treffen wollten; ich schlug das Underground-Rockkonzert heute Abend vor und fragte ihn nach Ohrstöpseln - seine Eltern waren doch Ärzte, die mussten wissen, wo es so etwas gab.. Aber tatsächlich fanden Farin und ich sie noch vor dem Arbeitsschutzladen in der nächsten Apotheke. In den Laden gingen wir trotzdem, denn Farin wollte die Preise für Bohrmaschinen vergleichen; er liebte die deutschen Fabrikate, die aber sehr teuer in Russland waren. Ich glaube, ihn Deutschland könnte ich ihn morgens in einem Baumarkt absetzten und müsste ihn erst abends wieder abholen.
Nun war es wirklich Zeit für uns beide nach Hause zu gehen; ich wollte noch etwas an meinem Projekt arbeiten, entschied mich aber schon auf dem Weg zum Zentrum anders, weil mein Magen zu knurren begonnen hatte und Abendbrot verlangte. Auch Farin, der mich eigentlich an der nächsten Haltestelle hatte absetzen wollen, überlegte es sich auf dem Weg anders und fuhr mich bis zum Wohnheim. Das graue Herbstwetter machte träge und erstickte die Lust am Arbeiten im Keim.
Ins Wohnheim hinein durfte er nicht ohne offizielle Erlaubnis in dreifacher Ausfertigung und mit Begründung, warum er ins Wohnheim wollte, aber wir saßen noch etwas im Auto beisammen und hörten Musik. Ausgerechnet auf die Grand-Prix-Gruppe Brainstorm hatten wir uns musikgeschmackstechnisch einigen können; aber eigentlich war ich schon froh, dass ich nicht mehr Techno anhören musste, wenn ich bei ihm mitfuhr. Ich bedankte mich für den Ausflug, gab ihm ein Küsschen und ging.
Ich kochte mir ein paar Pelmeni und ging dann auf die Suche Miguel, den ich schon über Internet eingeladen hatte, denn diese Veranstaltungen wurden alle über vkontakte organisiert. Er war schon seit Tagen nicht aufzufinden gewesen; ich hatte ihn zum Beispiel zu den Proben von Electric Snow einladen wollen. Sein Handy funktionierte nun überhaupt nicht mehr; ich konnte ihn weder per SMS noch mit einem Anruf erreichen.
Aber da ich ihn über Internet eingeladen hatte, wusste er theoretisch, zu welcher Zeit er wohin kommen musste. So ging ich allein in den Club; es war sowieso noch über eine Stunde bis zum offiziellen Beginn; Stasya hatte mir geschrieben, dass wir uns schon vorher treffen sollten. Außerdem hatte sie gemeint, ich käme kostenlos in den Club hinein, wenn ich meinen Namen sagte - das hätte die Band geregelt. Aber davon wusste der Türsteher nichts, ich stand nur auf der Liste mit dem halben Preis. Als ich die Diskussion schon aufgegeben hatte und eine Eintrittskarte kaufen wollte, kamen die anderen zum Eingang und begrüßten mich mit Umarmungen und erklärten dem Türsteher, dass ich zur Gruppe gehöre. Er nickte und ließ mich durch. Das war schon ein ziemlich cooles Gefühl.
Es waren noch keine anderen Besucher da. Es wurden wohl auch nicht mehr erwartet, denn zu Konzerten dieser Art kamen normalerweise nur die Bands selbst und ihre engsten Anhänger wie Stasya und ich, und nur ab und zu ein Besucher, der sich verirrt hatte, aber in der Regel schnell wieder verschwand.
Roman hatte erst jetzt die SMS erhalten, dass wir uns früher trafen und kam erst, als das Konzert schon begonnen hatte - wobei man das sowieso nicht so genau sagen konnte, der der Übergang vom Instrumentenstimmen zum eigentlichen Spielen fließend war, und sich die Musik oft nicht vom Einspielen unterschied... besonders bei der ersten Band, die nur aus einem gelangweilten Schlagzeuger, einem Saxophonist und einem Waldhornspieler bestand, die improvisierten.
Da stand also Roman plötzlich in der Tür und ich sprang ihm entgegen; bei der Umarmung hob er mich in die Luft. Die anderen waren neugierig geworden, kamen allesamt zu uns und stellten sich selbst vor. So wurde er sofort in die Gruppe aufgenommen. Dima tauchte kurz darauf auf, aber ohne Nastya, die lautes Geräuschdurcheinander nicht mochte.
Sina war nervös, sie tigerte wie eine Leopardin im Käfig umher und biss Stasya unvermittelt in die Schulter, hüpfte mit einem quietschenden Geräusch davon und begann mit einem offenbar alten Freund zu tanzen, den ich nicht kannte. Auch Vanya drehte durch und kletterte eine Stange hoch; Roman fotografierte alles mit seiner professionellen Ausrüstung. Sina hatte derweil begonnen, ihren Freund Andrey anzustarren, der unbeirrt zurückstarrte. Sie sagte mir leise und ernst, dass sie ihn hasste, aber nach ihrem Auftritt kullerte sie sich schon wieder mit ihm auf einem Sofa herum. Wahrscheinlich war es ihre Version von Lampenfieber.
Als ihr Fotograf sah ich es als meine Aufgabe an, ein Gruppenfoto von ihnen zu machen, und nach ein paar Versuchen bestanden sie darauf, dass ich auch mit aufs Foto kam. Das Resultat gefiel mir so, dass ich es später rahmen lassen wollte. Wenn mir nur eine einzige Erinnerung von Russland bleiben sollte, dann war es diese.
Nun begann das Konzert aber wirklich; Mischa hatte sich zu den drei Pfeifen gesellt und improvisierte mit einer E-Gitarre dazu.
Es versuchte wie Blues zu klingen, klang aber nur grausig; sie kamen einfach nicht mit ihrer Musik in Gang, bis Sina die Geduld verlor und sich selbst ans Schlagzeug setzte und einen schnelleren Rhythmus anschlug; sofort veränderte sich die Musik und der Laden begann zu rocken. Als nächstes versuchte sich der Saxophonist der Gruppe als Solist und sang zotige Lieder ohne Melodie während er Gitarre spielte. Zumindest meinte Roman, die Texte seien witzig und unübersetzbar.
Dann war Electric Snow an der Reihe und Roman schoss Fotos in der Geschwindigkeit einer Kalaschnikow, wenn sie Fotos schießen würde. Das Resultat sahen ziemlich cool aus; man konnte teilweise die Farben der Beleuchtung auf den Gesichtern wechseln sehen ohne dass sich das Ausdruck in den Gesichtern geändert hatte. Ich filmte den Auftritt in der Zwischenzeit und klatschte begeistert nach jeder Nummer - als nur einer von drei Leuten.
In der Zwischenzeit war auch Miguel im Club aufgekreuzt, aber schon eine halbe Stunde später fehlte jeder Spur von ihm; er erzählte mir später, dass er sich nicht gut gefühlt hatte.
Ich war sehr froh über die Ohrenstöpsel, die die Lautstärke auf ein erträgliches Maß reduzierten ohne dass von der Musik etwas verloren ging.
Drei Jungs mit E-Gitarren, die sich Pyramidka (Pyramidchen) nannten, kamen als nächstes an die Reihe; sie waren gut, aber ihnen fehlten echte Lieder und ein Sänger.
Danach wurde es chaotisch, die "Band" bestand aus vielen Musikern, die mir irgendwie bekannt vorkamen; Sascha zum Beispiel, den wir beim letzten Mal der Pizzeria getroffen hatten, und der andere Sascha, der sich Kyrill nannte und mit Stasya und mir vor einigen Tagen meine Hausaufgaben gemacht hatte. Heute war er merkwürdigerweise nüchtern, trug eine Wintermütze und war davon überzeugt, nicht spielen zu können. Eigentlich war geplant gewesen, dass Stasya während des ganzen Auftritts diese Mütze tragen und auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum sitzen sollte. Als abzusehen war, dass aus Kyrills Auftritt nichts werden würde, rannten viele andere Musiker auf die Bühne zum Improvisieren während Mischa, der eigentlich in dieser Band spielte, sich von der Bühne zurück zog. Am Ende standen 2x E-Bass, 2x E-Gitarre, 3x Schlagzeug, 3 Sänger und Lena mit dem Tamburin auf der Bühne. Mischa machte dabei ein freundliches Gesicht und dachte sich wahrscheinlich einfach, dass sein E-Bass wohl nicht gebraucht wurde. Das richtige Chaos brach aber erst auf der Bühne aus, als einer der Musiker Kyrill anrempelte und sie - gespielt oder nicht - aufeinander losgingen und dabei fast die Stehlampe umrissen. Sina hatte sie ganze Zeit am Schlagzeug improvisierte Textzeilen ins Mikrophon geschrien, aber nun schrie sie wirklich, als sie glaubte, alles würde ihr ins Schlagzeug kippen. Es war unglaublich, dass dabei noch Musik zustande kam.
Zu einem Ende mit großem Finale kam es nur, weil der Clubbetreiber sie nur bis 22 Uhr hatte auftreten lassen wollen und drohte, sie von der Bühne holen zu lassen.
Wir warteten, dass sie die Bühne abbauten und halfen, die Instrumente nach oben auf die Straße zu bringen und in das Auto von Mischas Bruder zu laden. Normalerweise gingen sie nach ihrem Auftritt eine Pizza essen, aber heute war abzusehen, dass es wohl nichts werden würde, deshalb schlug ich Stasya, Dima und Roman vor, allein eine Pizzeria aufzusuchen; Stasya hatte aber eine bessere Idee: Pizza zum Mitnehmen zu bestellen und dann zusammen alle in das legendäre leerstehendes Krankenhaus zu gehen, das sie bewachte. So zogen wir zu zehnt los. Electric Snow war nach Hause gefahren, aber andere Musiker hatten sich uns angeschlossen. Ich war sehr gespannt darauf und stellte es mir als einen sehr gruseligen Ort vor - ich mochte Krankenhäuser schon nicht, wenn sie im Normalbetrieb waren, aber ein leerstehendes Krankenhaus klang nach Horrorfilmen à la Frankenstein. Und hatte Stasya nicht erzählt, dass sie darin einmal einen Horrorfilm gedreht hatten?
Wir gingen zur Haltestelle und nahmen den gleichen Bus, den ich nach Hause genommen hätte, fuhren aber ein Stück weiter bis zur Pizzeria, in der ich manchmal essen gegangen war. Während die anderen vier Packungen Pizza kauften und fünf erhielten, holte ich mit Sascha Schokolade, Orangensaft und Wodka im Supermarkt nebenan.
Wir trafen uns auf der Straße wieder und gingen zu Fuß zum Krankenhaus, das nur wenige Querstraßen von hier entfernt lag; es musste die Gegend sein, in der ich letzten Winter einmal so verloren gegangen war, dass mich nur Matthias mit GPS und Google Maps hatte retten können.
Das Krankenhaus entpuppte sich als gar nicht so gruselig, eher gemütlich; es gab ein altes Sofa und einen Fernseher in einem Gemeinschaftsraum, und ein altes Krankenhausbett in stand daneben. Wir füllten die Plastikbecher, die wir zum Wodka gekauft hatten, aber viele tranken einfach nur Tee. Ich beschloss, dass ich lange genug trocken geblieben war, denn dieser Tag schrie einfach nach Feiern. Dima verließ uns für eine halbe Stunde um Nastya hinzu zu holen, und Mischa ging Sina holen. Wir zogen in einen größeren Raum um, in dem Matratzen auf dem Boden lagen, die Roman auf Stasyas Anweisung dorthin gebracht hatte.
Es war eine noch seltsamere Party als Stasyas berüchtigten Hausdachpartys.
Gegen zwei Uhr morgens wurden die ersten jedoch müde und blieben einfach auf den Matratzen liegen; andere plauderten und lachten noch. Die ersten gingen heim, aber ich hatte mich längst damit abgefunden, hier zu übernachten, denn ich kam um diese Uhrzeit sowieso nicht mehr ins Wohnheim hinein - falls ich es überhaupt finden sollte und nicht die ganze Nacht draußen umher irrte. Ich holte mir meine Jacke und machte es mir auf einer Matratze bequem, wo ich schließlich einnickte, aber Stasya weckte mich und bugsierte mich in den ersten Raum zurück, der wärmer war als er Raum, in dem wir alle gesessen beziehungsweise gelegen hatte. Ich rollte mich auf dem Sofa zusammen und schlief wieder ein.
17.10.
Kurz vor 8 Uhr morgens wurde ich von Roman sanft geweckt, sodass ich ihn erst gar nicht für voll nahm, aber Stasya kam dazu bestätigte, dass wir alle aufstehen und das Krankenhaus verlassen müssten, weil ihre Wachablösung gleich käme.
Ich nippte etwas alten Tee mit Krümeln von gestern Abend und versuchte wach zu werden. Roman sah auch etwas zerstört aus, nur Mischa wirkte frisch wie immer und lächelte sein leises Halblächeln.
Die Zeit verging langsam, während wir in der Eingangshalle saßen und weniger als zweieinhalb Worte wechselten und den letzten Müll wegräumten. Stasya schließlich keine Lust mehr auf die Ablösung zu warten und wir verließen alle zusammen das Krankenhaus.
Es war angenehm kühl am Morgen und ich fühlte mich erstaunlich gut, obwohl ich gestern ausgiebig getrunken hatte; wahrscheinlich war es nur billiger Sekt, der mir so sehr zusetzte. Miguel würde sich grün und blau ärgern, wenn ich ihm davon erzählte, was er verpasst hatte.
Es war tatsächlich die Gegend, in der ich so verloren gegangen war, und Stasya meinte, die Irrenanstalt befände ich ganz in der Nähe, aber es sei nicht das Haus Nummer 100, sondern nur recht nahe daran. Roman bestätigte das, wusste aber auch nicht die genaue Nummer.
Wir deponierten den Müllsack im nächsten Container und spazierten Richtung Stadtzentrum. ich staunte nicht schlecht, als wir plötzlich vor meiner Uni standen, aber es war die gleiche Seite, an der ich damals auch herausgekommen war.
Bevor ich mich verabschiedete, verabredete ich mich mit Roman zum Austausch der Fotos, aber doch wie ursprünglich gesagt nicht zum Mittagessen, sondern eher zum Abendbrot.
Ich fiel sofort wie ein Stein ins Bett, als ich im Wohnheim angekommen war. Schlafen konnte ich aber nur bis 11 Uhr, als ich von einer überfröhlichen Krankenschwester oder so etwas in der Art mit einem lautem Klopfen an die Tür geweckt zu wurde. Sie redete wie ein Gebirgsbach auf Russisch auf mich ein, und ich konnte nur sagen: "English, please."
Sie schaut mir erst verwirrt an, schien nachzudenken und es sich anders zu überlegen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.
Der Hase meiner Nachbarin rannte schon wieder umher; ich ließ ihn in mein Zimmer. Er hatte einen ausgesprochenen Nagetrieb entwickelt und fraß ein Loch in die Ersatz-Matratze, die an der Wand lehnte, und dann in die Wand selbst. Bis ich es bemerkt hatte, war der Schaden schon angerichtet, aber der Hase hatte außer meinem Zimmer auch schon den Korridor verwüstet, in dem er normalerweise frei herumlief. Dort hatte er nicht nur die Farbe von der Wand genagt, sondern auch den Putz, sodass stellenweise regelrecht Löcher in der Wand klafften.
Ich stand immer noch ein Stück neben mir, als mir Roman am späten Nachmittag per SMS schrieb, er würde bei sich zu Hause auf mich warten und beschrieb mir den Weg. Ich hatte schon den Schuhen im Flur gestanden und den Schlüssel abgegeben, als mir einfiel, dass ich das Geschenk vergessen hatte, das ich ihm aus Holland mitgebracht hatte. Ich holte den Schlüssel wieder, schlüpfte aus den Schuhen, ging ins Zimmer, holte das Geschenk, sperrte ab, gab den Schlüssel ab, zog die Schuhe an, zog die Schuhe wieder aus, holte den Schlüssel und ging zurück in mein Zimmer, weil ich das falsche Geschenk eingepackt hatte.
Die Etagenfrau hatte mein Weggehen schon notiert und wunderte sich über mich.
Hase lief mir mittlerweile überall hin hinterher - aus dem Zimmer heraus, wenn ich herraus ging, und hinein, wenn ich hinein ging. Nun hatte er es sich auch in den Kopf gesetzt, mir auch hinaus in den Gang zu folgen, der unsere Wohneinheit mit den anderen verband und ganz nach draußen führte. Es war nicht leicht, den Hasen abzuschütteln. Ich ließ mich vor die Tür plumpsen und versuchte ihn wieder hineinzudrängen und schloss vorsichtig die Tür um ihm die Nase nicht einzuklemmen.
Ich stand schon wieder in Schuhen am Ausgang, da sah ich plötzlich etwas Hasenartiges, glaubte an eine Täuschung, schaute weg und wieder hin. Es war verschwunden, aber die Tür zu unserer Wohneinheit stand offen - ich sprang aus den Schuhen und sprintete hinter dem Hasen her. Die Etagenfrau im Nebenzimmer musste mich mittlerweile für völlig debil halten.
Der Hase dachte gar nicht daran, sich wieder einfangen zu lassen; er war schneller und schlug Haken, in andere Wohneinheiten hinein. Schließlich gelang es mir ihn zu packen und unauffällig zurück in unsere eigene Wohneinheit zu tragen - ich wusste ja nicht, ob die Etagenfrau von ihrem neuen Haustief wusste. Der Hase hatte es wirklich geschafft, die Tür aufzudrücken. Er zappelte und wollte partout nicht zurück in sein kleines Zimmerchen, aber ich kannte kein Erbarmen und drückte ich die Tür nun schneller und fester zu - mit dem Hasen auf der anderen Seite, prüfte noch mal, ob sie fest genug zu war und machte mich dann endlich auf den Weg.
In Russland machte mir mittlerweile nichts mehr Angst; ich hatte es mir sogar angewöhnt, den Fahrstuhl des Grauens zu nutzen statt die Treppen zu Fuß zu gehen. Im Fahrstuhl traf ich den Beweis, dass selbst Russen mit ihrer Technik nicht klarkamen: Ein Besucher stand bei uns im 8. Stock im Fahrstuhl und wollte eigentlich in den 5., aber die Taste 5 führt ja in den achten Stock. Er fragte mich, welche Taste sonst gewählt werden müsse. Ich sagte im Kopf den Abzählreim "eene meene mopel" auf, weil ich zu faul war zum Rechnen und drückte auf die Taste 3, und tatsächlich hielt der Fahrstuhl im 5 Stock. Der Mann bedankte sich und ich war erstaunt über mich selbst.
Roman hatte geschrieben, ich sollte den Trolleybus Nummer 6 bis zu Rosselhoz-Bank nehmen. Ich stieg an der ersten Haltestelle mit genuscheltem Wort "Bank" aus, das war aber eine zu früh, denn nach Romans Beschreibung musste der Bus erst um die Ecke fahren. Ich sah den Bus einige hundert Meter um eine Ecke fahren und beschloss, diese eine Haltestelle zu laufen. Für Roman, der an der Haltestelle auf mich gewartet hatte und nur kurz in einen Laden gegangen war, sah es so aus, als wäre ich aus dem Nichts erschienen, weil gerade kein Bus weit und breit zu sehen war. Er wunderte sich aufrichtig und ich ließ ihn in dem Glauben, dass ich mich von einem Ort zum anderen teleportieren konnte.
Endlich lernte ich Romans sagenumwobene Eltern kennen - beides Ärzte, und gute noch dazu, eine Seltenheit in Russland, wenn man Roman glauben durfte. Seine Mutter lachte ständig, tätschelte mir die Schulter und gab nicht eher nach, bis ich mit ihnen am Tisch saß und von der Fisch-Suppe aß, die sie gerade zum Abendbrot aufgetischt hatte.
Danach gab es noch Tee und ein Kuchen wurde angeschnitten. Ich fühlte mich wie die lange verlorene Tochter, die zur Familie zurückgekommen war.
Ich hatte Roman einige holländische Süßigkeiten mitgebracht und die mit Hilfe von Rubeln gepressten 5-Cent-Münzen. Sein Vater war auch in Holland gewesen und erkannte die Süßigkeiten wieder. Sie alle bedankten sich überschwänglich bei mir für die Mitbringsel, sodass ich fast rot wurde.
Sie hatten gestern die letzten gelben Tomaten aus ihrem Garten geholt und schenken sie mir in rauen Mengen. In der Wohnung waren einige seltsame Dinge aufgebaut, und ich wollte lieber nicht fragen, welchen Zweck sie erfüllten, aber mindestens eins der Dinge stellte sich als Stickrahmen heraus; Romans Mutter liebte Handarbeiten.
Wir gingen in sein Zimmer zum Anschauen der Fotos und er schenkte mir eine DVD, auf die er die Fotos gebrannt hatte. Er wollte mir erst eine zweite für die Electric Snower mitgeben, aber nun hatte sich Stasya angemeldet - sie wollte eben bei Roman vorbeischauen um die Fotos abzuholen. Sie hatte Dima im Schlepptau - wieder ohne Nastya und seltsam nachdenklich in jeder Bewegung erstarrend, wie er es seit Herbstbeginn sehr auffällig tat. Ich glaube, all meine Freunde hier waren etwas merkwürdig. Und das Wetter macht es nur extremer.
Während die drei zusammen noch einmal die Fotos durchschauten, sah ich mich in Romans Zimmer um; das Buchregal bog sich unter "Was-Ist-Was"-Bänden. Ich war begeistert - die hatte ich als Kind auch gesammelt hab, tatsächlich waren es die gleichen Bücher, nur auf Russisch, mit den gleichen Bildern und dem gleichen Inhalt. Meine Lieblingsbeschäftigung mit diesen Büchern war es früher gewesen, die bunte Liste mit den anderen noch verfügbaren Bänden durchzuschauen um herauszufinden, welche Bände ich schon hatte, und welche ich unbedingt noch lesen wollte. Ich besaß wohl alle Bände zum Thema Astronomie, Physik, Geologie und Archäologie, und Roman hatte eine ähnliche Sammlung vorzuweisen. Als ich nun die Bücher durchblätterte, schaute ich nach alter Gewohnheit in die Übersicht mit allen Bänden und war erstaunt, dass gar nicht viele davon ins Russische übersetzt worden waren und die meisten in der Vorschau im Originalen Deutsch abgedruckt waren.
Nach der Dia-Show setzen wir uns noch einmal für eine Tasse Tee in der Küche zusammen und Roman begann wieder eine seiner halben Verschwörungstheorien zu erzählen, die ich so gerne hörte - von den Chemiefabriken im Umkreis von Izhevsk, die eigentlich chemische Waffen in ungefährliche Chemikalien umwandeln sollten, aber langsam eine ökologische Katastrophe erzeugten, weil die Fabriken so schlecht gewartet worden waren. Zu meinem leichten Erstaunen bestätigte Dima diese Informationen. Die Fabriken standen bei den Dörfern Kambarka and Kizner und insgesamt waren wohl 4000 bis 5000 Menschen direkt von den Auswirkungen betroffen. Romans Vater untersuchte regelmäßig die Bewohner; vor allem Lungenkrankheiten waren dort sehr verbreitet, erzählte Roman; sie wurden dort durch die Luft dort regelrecht vergiftet. Außerdem wurden dort genug chemische Waffen gelagert, dass bei einem GAU halb Europa vergiftet werden würde.
Ich nahm zurück, dass mir in Russland nichts mehr Angst machte. Dieses Land war marode und dadurch eine tickende Zeitbombe.
In den 90ern beispielsweise hatte es laut Roman in Sibirien einen größeren radioaktiven GAU gegeben als damals in Tschernobyl, aber diese Gegend war unbewohnt, weshalb dieses Vorfall wenig öffentliche Empörung erzeugte und in weiten Kreisen vielleicht gar nicht bekannt geworden war. Und hatte man nicht im kirgisischen Gebirge zu Sowjetzeiten Atommüll eingelagert, das von Erdbeben und Erdrutschen bedroht war? Wenn dort wirklich einmal etwas schief ginge, wäre auf einen Schlag halb Zentralasien verseucht, das vom Wasser aus den Flüssen dieser Gebirge lebt. Dagegen war Gorleben das reinste Hochsicherheitslabor.
Aber das einzige, was man machen konnte, war - wahnsinnig zu werden, wenn man zu viel darüber nachdachte.
Wir brachen schließlich auf um zu Sina zu gehen. Dima stand unter Nastyas Pantoffel traute sich nicht ohne ihre Erlaubnis mitzukommen und versuchte sie 10 Minuten lang auf dem Handy zu erreichen. Als er damit keinen Erfolg hatte, ging er lieber trotzdem nach Hause.
Bei Sina war gerade eine Nachfeier zum Konzert im Gange - eigentlich eine After-After-Party; Sina stand mit Lena in der Küche und buk Pizza; Vanya, Mischa und Sinas alte Freundin Mascha saßen und standen daneben; Andrey war auch irgendwo - die Stühle reichten nicht aus in dieser kleinen Wohnung.
Vanya und ich konnten uns wie immer nicht so richtig unterhalten und begannen auf einen Scherz der anderen hin ein Städte-Spiel zu spielen: Einer nannte eine Stadt, und der andere musste eine Stadt mit dem Endbuchstaben der letztgenannten Stadt finden, und so weiter. Wir amüsierten uns herrlich dabei, aber noch viel mehr amüsierten sich unsere Freunde um uns herum, die uns dabei zusahen. Das Spiel besaß jedoch ein natürliches Ende, weil fast alle russischen Städte auf k enden - manche auch auf ov, und fast alle deutsche hingegen auf n, und es gab einfach nur eine begrenzte Anzahl von Städten, die mit K, V oder N begannen. Einmal endete eine Stadt auf ы (ausgesprochen wie eine Mischung aus i und ü), aber es gab wohl in der ganzen weiten Welt keine Stadt, die mit ы begann.
Also die Pizza fertig war, machten wir es uns im Schlafzimmer auf dem Boden bequem, wo Sina sogar eine Tischdecke für uns ausgebreitet hatte. Sina verschwand jedoch gleich wieder in der Küche. Ich schaute später nach ihr; sie buk wieder Kekse. Ich leistete ihr Gesellschaft, aber helfen lassen wollte sie sich nicht - dabei war es so einfach, dass sogar ich es könnte: Teig, Rosinen in Zimt vermischt darauf, und noch eine Schicht Teig oben drüber.
Sina gesellte sich erst wieder zu den anderen, als sie die Kekse sicher aus dem Ofen geholt hatte. Es wurde sehr viel gelacht, Sina sogar hysterische Tränen, und Vanya schnappte sich eine der vielen Gitarren, spielte und sang; auch Sina stimmte dann mit ein. Nur sc
Wie versprochen schaute ich vor dem Russischkurs bei Johanna im Wohnheim vorbei um ihr beim Bearbeiten einer Webseite zu helfen. Ich vermutete, sie war die einzige in ihrem Fachbereich, die keine Angst vor Computern hatte, deshalb hatte sie den Auftrag erhalten, neue Inhalte auf die Fachbereitswebseite zu stellen. Das war ihr nicht überall gelungen und so konnte sich nicht erklären, warum das gleiche System nicht auf allen Seiten funktionierte.
Ich warf einen Blick drauf - da hatte jemand begonnen, die Webpräsenz auf PHP umzustellen, aber die Hälfte der Seite bei simplem HTML belassen, das sich ohne weiteres editieren ließ. Die restlichen Seiten zog ich zu mir aufs Notebook, denn ich hatte bei mir die entsprechende Software installiert, um nach dem Editieren gleich das Resultat sehen zu können ohne sie erst ins Internet laden zu müssen. Auf Johannas Anweisung hin löschte ich Menüpunkte oder fügte ich hier und da etwas formatierten Text aus Dokumenten ein. An einigen Stellen war es eher eine Schnitzeljagd, herauszufinden, wo sich der Programmierer die Textquelle für seine Ausgaben auf der Webseite gedacht hatte. Johanna schrieb sich alles detailliert in ihr Notizheft und fragte dann, ob ich Hunger hätte. Sie kochte Nudeln für uns beide, die wir direkt am Computer mit etwas Pesto aßen, während ich noch einige Änderungen vornahm. Ich fand es lustig - ich programmierte für Essen. Wir kamen zu spät zum Unterricht, und ich war trotzdem nicht ganz fertig geworden. Johanna versicherte mir aber, dass sie den Rest allein schaffen würde, und wenn nicht, dann würde sie mich am Abend anrufen.
Nach dem Kurs fragte mich Susen, ob ich nicht Kontakte zur Stadt Perm hätte, weil sie dort eine Theateraufführung im Rahmen ihres Auftrags, die deutsche Sprache zu verbreiten, plante. Ich schlug ihr die Mädels von der Touristeninformation vor, mit denen ich im Sommer meine beiden Abende in Perm verbracht hatte, konnte aber keine Handynummer von ihnen finden. Ich versprach Susen, ihr am Abend den Link zu ihren Profilen in vkontakte zu schicken, denn dort hatte sogar die Touristeninfo selbst ein eigenes Profil.
Ich hatte nun selbst noch etwas zu erledigen: Den Russischkurs zu bezahlen. Man hatte mich angerufen, als ich gerade im Bus zu Uni unterwegs war; am Telefon sprachen sie sicherheitshalber englisch, aber im Büro sprachen sie grundsätzlich in einem sehr langsamen und deutlichen Russisch, von dem sie sich durch nichts abbringen ließen.
Der Kurs schien immer billiger zu werden, jetzt nur noch 6800 Rubel. Ich sollte in Zimmer 240 Gebäude 1 gehen, dort eine Rechnung abholen und damit zur Kasse gehen, dort bezahlen, die Quittung abholen und zum Zimmer 240 zurück bringen und dort meinen Vertrag abholen. So einfach war alles.
Michael zeigt mir, wo sich das Zimmer und das Gebäude befand, weil er sowieso auf dem Weg in die Richtung war: Zum Schwimmbad der Universität, in der er die für Lehrer freie Schwimmzeit nutzen konnte. Der Gebäudekomplex befand sich auf der anderen Straßenseite, konnte aber durch eine überdachte Brücke erreicht werden, die auf beiden Seiten keine Etage traf und deshalb aus vielen Extratreppen bestand.
Gerade als ich alles erledigt hatte, fragte mich Stasya per SMS, ob ich Zeit hätte; sie müsse irgendwie eine Stunde herumkriegen.
Wir trafen uns draußen bei der Puschkin-Statue, wo sie sich erstmal eine Zigarette ansteckte. Ein seltsamer Kerl, der sich sowohl Sascha als auch Kyrill nannte, gesellte sich zu uns. Er hatte einen irren Blick, sah uns aber selten direkt an, und schwankte die ganze Zeit hin und her. Er war Alkoholiker, erklärte mir Stasya später, aber auch ein Tunichtgut und Musiker. Jetzt erinnerte ich mich an ihn: Er war der Kerl gewesen, der so verzweifelt nach Komplimenten gefischt hatte, als ich mit Zsolt zu einem Konzert von ihm gewesen war. Kyrill-Sascha hatte bei diesem Konzert die meiste Zeit als Frontmann auf dem Boden gesessen und ab und zu ins Mikrophon gebrüllt.
Nun hatte er entweder sein Studium beendet - oder wahrscheinlicher war er rausgeflogen - und nun drohte ihm der Einzug in die Armee, weshalb er sich nun noch irrer verhielt um stattdessen in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen zu werden.
Wir holten uns gemeinsam ein verspätetes Mittagessen um 15:30 Uhr; ich lud sie ein, weil ich wusste, dass sie chronisch pleite war. Ich nahm eine Suppe, die Stasya ekelig and, und nahm geklopftes graues Hackfleisch, das ich ekelig fand. Das Fleisch musste sie mit Löffel und Gabel essen, denn Messer konnten nur gegen Vorlage des Ausweises in der Küche ausgeliehen werden. War dies eine Sicherheitsmaßnahme gegen den Terrorismus in der Küche? Um zu vermeiden, dass die Küchenfrauen mit einem stumpfen Blechmesser bedroht wurden, wenn sie zu lange schwatzten und sich selbst erstmal essen holten, statt es an Studenten auszugeben? Gerade als ich davon überzeugt gewesen war, dass mich in Russland nichts mehr verblüffen konnte, kam so etwas.
Stasya holte sich noch einen Tee; der wurde aus großem Bottich auf kleine Plastiktassen mit Zitronen darin gekippt, sodass sich immer eine riesige Pfütze auf diesem Teil des Tresens befand.
Im Russischkurs hatten wir diesen alten sowjetischen Slapstick-Comedy-Film "Operation Ü" angesehen, weil unsere Lehrerin in der Unterrichtszeit etwas anderes zu erledigen hatte, deshalb hatte sie uns wie in der Schulzeit vor dem Fernseher geparkt, und um sicher zu gehen, dass wir den Film auch wirklich ansahen, hatte sie uns als Hausaufgabe aufgetragen, eine Zusammenfassung des Films zu schreiben. Ich kannte ihn schon, denn Murik hatte ihn mir damals aus dem Netz geladen und darauf bestanden, dass ich ihn mir ansah, denn es war erstens ein Klassiker, und zweitens wurde darin kaum gesprochen.
Ich hatte allerdings nicht die geringste Lust, den Film zusammenfassen, deshalb fragte Stasya, ob sie den Film zufällig kannte. Natürlich, den kannte jedes Kind, wie alle sowjetischen Klassiker; sie und Kyrill-Sascha machten sich sofort an die Arbeit und amüsierten sich so prächtig dabei, dass sie stellenweise nur noch lachend auf dem Tisch liegen konnten.
Nachdem wir aufgebrochen war, hatte ich immer noch anderthalb Stunde Zeit, im Labor etwas für mein Projekt zu tun. Um 18 Uhr begann ein Cisco-Praktikum, aber schon 20 Minuten vorher kam der Praktikumsbetreuer Emilyanov hereingeschneit, mit dem ich im letzten Jahr lange nicht auf einen grünen Zweig gekommen war.
Heut wirkte er sehr gut gelaunt; ich wollte schon aufbrechen, da bat er mich, von meinem Projekt zu erzählen und ich umriss ihm meine Idee. "Tolle Idee", fand er. "Wenn ich sie so umsetzen kann", fügte ich hinzu.
Zu Hause spielte ich wieder stundenlang mit dem Hasen meiner Nachbarin - ich war nun praktisch seine Patentante. "Groß bist du geworden!", sagte ich zu ihm wie eine alte Tante es sagen würde. Er war wirklich erstaunlich gewachsen; die dunkelgrauen und weißen Flecken in seinem Fell waren fast völlig herausgewachsen, sodass er nun fast ganz grau aussah, und er hatte hasentypische Verhaltensweisen aufgenommen wie sich auf den Boden zu werfen und die Beine lang fortzustrecken. Er wurde auch immer frecher und neugieriger, und holte ein Tablett unterm Kühlschrank hervor, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass es sich dort befand. Der Hase stecke neugierig seinen Kopf unter den Kühlschrank, sodass ich fürchtete, er würde darunter verschwinden und es zu seinem neuen Versteck machen - nun da sein Hintern zu dick geworden war, um unter den Schrank zu kriechen. Ich schob das Tablett wieder unter den Kühlschrank, und der Hase holte es direkt wieder hervor. Für mich wiederholte er den Trick netterweise, sodass ich ihn dabei filmen konnte.
12.10.
Heute fand der Russischkurs im Wohnheim statt und ich verspätete mich, weil ich vorher in der Cafeteria essen gegangen war und nicht mehr daran gedacht hatte, dass sie das Zimmer geändert hatten. Das passierte einigen von uns in den nächsten Wochen immer wieder, einmal sogar unserer Lehrerin, die sich selbst über ihre ständigen Stundenplanänderung verwirrt hatte.
Johanna hatte mir gestern Abend schon per SMS geschrieben, und dass sie es selbst geschafft hatte, die Webseite fertig zu bearbeiten und sogar die News auf der Seite einzutragen, und als ich nun zum Kurs kam, war sie immer noch genau so euphorisch darüber, aber beschwert sich scherzhaft, dass sie sich von nun an wohl die Webseitenverantwortliche auf Lebenszeit war.
Ich improvisierte Hausaufgaben, die ich gestern nicht mehr fertig gemacht hatte und die Lehrerin verschwand nach 20 Minuten zu einer Versammlung und ließ uns mit Prüfungsaufgaben zur Übung allein. Susen schlug vor zusammenzuarbeiten, aber unser Klassenstreber Steve wollte das nicht, und so schrieb ich nur von Susen ab, die schon nach 10 Minuten verschwand, machte den Rest selbst nach Gefühl, denn gelernt hatte ich diesem Teil russischer Grammatik noch nicht.
In unserer technischen Universität fand seit einigen Tagen eine kleine Honig- und Handarbeitsmesse statt, auf der Bewohner der umliegenden Dörfer ihre Waren zum Verkauf anboten. Als Ort hatten sie die Eingangshalle des Hauptgebäudes gewählt, die immer für Kleinveranstaltungen aller Art herhalten musste.
Am Abend war ich mit Dima verabredet, aber auch Sina hatte mich um ein Treffen gebeten: Electric Snow hatte heute eine Bandprobe und ich sollte Videos davon machen. Dima schien nicht abgeneigt, zusammen mit mir zur Probe zu gehen, zumal sicher auch Stasya kommen würde.
Nach eine Tasse Tee und einer Runde Teegeplauder bei Dima zu Hause, das lange überfällig gewesen war, machten wir uns auf den Weg. Sina hatte gesagt, wir sollten den Bus 36 nehmen, aber der kam und kam nicht, doch plötzlich zog mich Dima in einen haltenden Trolleybus, denn darin hatte unsere Bekannten und Freunde entdeckt: Stasya, Mischa, Sina und Andrey.
Wir stiegen an der Haltestelle des Stahlwerks Izhstal aus, wo Vanya und Lena schon auf uns warteten. Sie führten uns durch ein verworrenes Labyrinth aus leer stehenden Fabrikgebäuden, dann betraten wir ein altes Bürogebäude. Hinter einer gut verriegelten Tür lag der seltsamste Korridor, den ich je gesehen habe: Um einen Stuhl herum lagen dutzende Schuhe verstreut, die Wände und Türen waren mit riesigen Zeichnungen beklebt, die man bestenfalls als durchgedreht bezeichnen konnte. In einer der Türen befand ich ein Loch, und ringsherum hatte man jemanden gemalt, der seinen blanken Hintern zeigte, und dort braun eingefärbt. Daneben hingen Plakate der Bands, die vermutlich hier probten, und von denen ich mindestens eine gedämpft durch eine der vielen Türen hören konnte. Ihren Plakaten nach zu urteilen, betrieben sie eine Mischung aus Death Metal und Satanismus, kombiniert mit Leichenfleddern.
Wir gingen in den ersten Raum, der völlig schwarz war - bis auf die Stellen, an denen der Stoff von der Wand gerissen war.
Die Jungs bauten auf und stimmten ihre Instrumente, Sina setzte sich hinter das Schlagzeug, das schon im Raum stand und befestigte ihre eigenen, mitgebrachten Schlagzeugteile daran. Es war wie ein Baukasten.
Dima, Stasya, Mischa und ich setzten uns eng beieinander auf den Boden des kleinen Raums und bevor die Musik zu dröhnen begann, fragte ich Sina, was mit ihrem früheren Proberaum passiert war. Eine ihrer anderen Bands hätte dort nach dem Proben randaliert, gab Sina zu, daraufhin seien sie rausgeflogen.
Dima nahm Sinas Digicam, ich nahm meine, und wir filmten und fotografierten die nächste Stunde über; ich nahm mir die einzelnen Bandmitglieder vor, Dima fand jedoch die Deckenlampe sehr viel faszinierender und fotografierte sie mit allerlei verschiedenen Einstellungen. Stasya knüpfte in der Zwischenzeit ein Armband, Mischa saß einfach nur mit seinem Halblächeln da, wie er es immer tat. Niemand konnte erraten, was wirklich in seinem Kopf vorging. Die beiden schienen an den Krach gewöhnt zu sein, aber Dima und ich wurden langsam taub und verließen den Proberaum. Ich glaube, wir hatten genug Bild- und Videomaterial gesammelt, fanden aber nie raus, wofür wir das eigentlich getan hatten. Draußen im Gang fanden wir einen Tisch und ein angekohltes Sofa vor, und auf beiden stapelten sich die Zigarettenkippen. Dort warteten wir auf das Ende der Probe. Dima würde wohl kein Fan von Electric Snow werden; ich hingegen fand diesen chaotischen Krach von Zeit zu Zeit sogar entspannend.
Stasya gesellte sich zum Rauchen zu uns, und dann war die Probe auch schon beendet. Sie bezahlten den Vermieter bar auf die Hand und packten ihre Instrumente ein. Es war schon nach 21 Uhr und wir mussten einen anderen Weg aus dem Gebäude herausnehmen, sodass ich vollends verwirrt war und es sicher nie wiederfinden würde. Wie erwartet wollte Sina nun nach der Anstrengung Schokolade essen - genau genommen wollte sie immer Schokolade essen, weshalb achtete ich mittlerweile darauf, immer eine Tafel dabei zu haben. Ich verteilte die Tafel auch an die anderen während wir langsam Richtung Bushaltestelle gingen. Lena und Vanya waren im Auto gekommen, luden alle Instrumente ein und boten an, zwei oder drei von uns Richtung Zentrum mitzunehmen. Vor lauter Höflichkeit standen wir alle ein wenig ratlos um das Auto herum und keiner wollte einsteigen. Schließlich schob Andrey Sina ins Auto und es war entschieden.
Dima, Stasya, Mischa und ich mussten ewig auf einen Bus warten, der nicht nur ins Depot fuhr und überlegten schon, einfach nach Hause zu laufen, denn die Stadt war für 600.000 Einwohner recht kompakt, sodass man in zwei Stunden zu Fuß unseren Stadtteil durchaus erreichen konnte. Aber wir kamen doch noch mit dem Bus nach Hause, beziehungsweise ging Mischa wahrscheinlich zu Stasya nach Hause. Niemand sprach darüber, aber alle vermuteten, dass zwischen ihnen etwas lief.
13.10.
Es war Dienstag, der Dreizehnte. Ich verdammte den Tag schon mit den ersten Minuten. Es war zu heiß gewesen in der Nacht, weil man in Russland nur Extreme kannte - erst hatte man gar nicht geheizt, und sorgte man praktisch im Alleingang für die globale Erwärmung. Ich hatte mich die ganze Nacht lang unruhig umhergewälzt und nur ab und zu Schlaf gefunden, durchzogen von Alpträumen, sodass ich gerade lang genug verschlief, dass es sich nicht mehr lohnte zum Russischkurs zu fahren.
Mein Magen zog sich zusammen, ich tappte ächzend Richtung Badezimmer, kippte fast um, weil mir schwarz vor Augen wurde, und im Bad rutschte ich unvermittelt aus und fiel fast ins Klo, knallte dann aber doch nur gegen die Tür. Saß dann auf der Schlüssel, während von oben Wassertropfen auf meinen Kopf klatschten. Zum Glück wohnte über uns niemand mehr; nur das Dach war undicht. Aber so wusste man wenigstens, dass es regnete, ohne aus dem Fenster schauen zu müssen.
Der Hasenkäfig stand im Korridor, der Hase hatte darin wieder mal gewütet und seine Trinkflasche abgerissen, die nun neben dem Käfig auf dem Boden lag. Ich befestigte sie lustlos und überlegte schon, wieder ins Bett zu gehen, da rief Alisa rief an, ich sollte heute zum Unterschreiben von meinem Studienvertrag ins Auslandsamt kommen. Nichts lag mir im Moment ferner als das Haus zu verlassen. Ich schnappte mir meine Gitarre und kam in eine kreative Phase, in der ich ein Lied weiter schrieb, dessen erste Zeilen ich bereits vor über 10 Jahren gedichtet hatte, und zu denen ich vor kurzem auf der Gitarre eine Melodie gefunden hatte.
Kurz vor ihrer Mittagspause raffte ich mich auf, ins Auslandsamt zu gehen, in der Uni war noch immer Honigmarkt, ich unterschrieb schnell, kaufte noch schneller saure Sahne im Laden des Wohnheims, setzte Wasser auf, warf ein paar gefroren Pelmeni hinein, und weil der Tag eh schon im Eimer war, konnte ich auch gleich nach dem Mittagessen ins Labor gehen. Den Schlüssel holte ich um 13 Uhr, kam aber bis zum Abend zu keinem rechten Ergebnis, weshalb ich Farins Angebot annahm "etwas Lustiges zusammen zu unternehmen". Er holte mir direkt nach der Arbeit von dem Labor ab und ich sprang ihn zu einer Umarmung regelrecht an. Genau in dem Moment kam einer seiner Studenten vorbei und verschwand im nächsten Moment peinlich berührt, als er uns so sah.
Farin ging nach draußen und sprach ein paar Worte mit ihm, dann versuchte er mir zu erklären, was er für heute geplant hatte. Ich gab den Versucht, es bei seinem Englisch zu verstehen, bald auf und ließ mich einfach mitnehmen.
Wir fuhren zu einem Einkaufszentrum. Im oberen Stockwerk befand sich eine Freizeithalle mit Schlittschuh- und Rollerskate-Bahn und einem 4D-Kino, also 3D mit beweglichen Sitzen. Wir waren die einzigen, die das Kino besuchten und konnten uns einen Film aussuchen. Ich war für "Space Wars" und Farin war dafür, weil ich dafür war.
Drinnen wirkte der Film nach der ersten Gewöhnung sogar recht real, und ich begann das Steuer zu übernehmen, das es natürlich überhaupt nicht gab und riss den unsichtbaren Steuerknüppel hoch, denn wir kamen einem Asteroidengürtel im All zu nahe, außerdem rückten uns unsere Feinde bedrohlich nahe; ich bellte Farin Kommandos zu, er solle schießen; er stimmte begeistert ein. Ich rief ihm zu: "Keine Sorge, ich werde uns hier schon lebend rausbringen", und ließ uns haarscharf durch einen Ventilator fliegen.
Vor uns explodierte etwas. Ich schrie auf: "Verdammt, die sprengen uns in die Luft!" und steuerte weitere waghalsige Flugmanöver, die uns wieder nahe an Asteroiden brachten. Zu nah... "Puh, die Schilde halten!" Wir lachten uns dabei kaputt. Natürlich hatte ich keinerlei Kontrolle, ich hatte ja noch nicht mal eine Steuerkonsole, aber das brauchte man nicht, wenn man genügend Fantasie hatte. Ich glaube nicht, dass ich je in einem Flugsimulator so viel Spaß gehabt hatte wie heute. Aber schon nach vier Minuten war alles vorbei.
Danach waren wir uns einig, entweder Rollerskaten oder Eislaufen zu wollen. Auf Rollschuhen war er nicht so oft unterwegs, also gingen wir zur Rollerbahn. Dort musste er erstmal einen Mitgliedskarte ausfüllen um überhaupt auf die Bahn zu dürfen, aber eine reichte für uns beide. Für eine Stunde und zwei Personen inklusive ausgeliehener Rollerskates kostete der Spaß 220 Rubel, also etwa 5,50 Euro. Es gab sogar Wegwerfsöckchen dazu. Wir fotografierten uns gegenseitig bei den ersten tappigen Versuchen, überhaupt erstmal die Skates anzuziehen.
Dann ging es auf die Bahn. Hier war ich wieder in meinem Element - so oft war ich in Zwickau nachts auf den leeren, kaputten Straßen um die Häuser gefahren. Bremsen konnte ich noch perfekt auf den Punkt genau, und enge Kreise ziehen klappte auch noch. Wir begannen schneller zu fahren und uns zu jagen. Ich schlug einen Haken nach dem anderen und entkam Farin immer, indem ich abrupt die Richtung änderte. Nach einer Viertelstunde waren wir völlig erschöpft und ließen uns in die Bar nebenan ausrollen, nahmen zwei große Kübel 7up für je 30 Rubel und tranken um die Wette und stürmten dann wieder auf die Bahn. Wir wurden mutiger und ladeten öfters auf dem Boden, Farin versuchte sich an mir festzuhalten, ich griff seine Hand und zog ihn in einem eleganten Bogen über den Fliesenboden, ließ ihn dann aber los, womit er nicht gerechnet hatte. In der Überraschung verstrichen einige Sekunden, dann konnte er nicht mehr rechtzeitig die Richtung ändern und knallte laut an einen Pfosten. Ihm war nichts passiert, aber er hatte mit den Skates eine ganze Reihe Fliesen beim Aufprall aus der Wand gebrochen. Wir sahen uns nervös um, Farin schaute fragend die Kartenverkäuferin an, aber die blieb stumm sitzen. Wir skateten also einfach weiter und lachten uns schlapp.
Nachdem die Stunde abgelaufen war, kam der Manager auf Farin zu und redete ärgerlich auf ihn ein, aber Konsequenzen schien es keine zu geben. Farin verteidigte sich mit Lausbubengrinsen, dass sie die Wände entweder härter oder weicher machen müssten.
Nun musste er leider schon nach Hause, denn sein Vater hatte usbekische Schwarzarbeiter gefunden, die für ihn ein Loch vor seinem Haus für die geplante Kläranlage graben würden. Er wollte mich aber noch schnell zum Wohnheim zurückfahren, doch er vergaß beinahe wieder loszufahren, weil ich ihn über die tatarische Sprache ausfragte, denn er war der einzige Tatare in meinem Bekanntenkreis, dessen Muttersprache es war; außerdem interessierte es mich, ob er persönlich erfahren hätte, dass Russen Tataren nicht mögen, weil ich von einigen Bekannten derartige Vorurteile gehört hatte, aber Farin meinte, zumindest in Udmurtien würden Tataren respektiert. Dann kamen wir noch auf die Gretchenfrage und stellten fest, dass wir auf dem gleichen Standpunkt standen, was Religion anging - er kam aus einer muslimischen Familie, hatte aber mit Religion nichts am Hut, respektierte jedoch den Glauben anderer.
Es war schade, den Abend schon enden zu lassen, aber die Arbeit rief. Wir versprachen uns gegenseitig, diesen Abend auf jeden Fall irgendwann zu wiederholen.
Dieser Tag lehrte doch ganz eindeutig, dass man den Tag nicht vor dem Abend verdammen sollte.
14.10.
Nach zwei Vorlesungseinheiten Russisch sollte heute unsere endgültige Russifizierung stattfinden: Wir waren eingeladen, uns einer Art Initiationsritus für Studenten zu unterziehen. Wir waren alle recht skeptisch und fürchteten, dass sie mit uns etwas anstellen würden wie unsere Gesichter in nicht-abwaschbarer Farbe anzumalen, oder ohne Hosen draußen an einem Lampenposten aufzuhängen, wo wir sie selbst wieder herunterholen mussten. Die anderen Deutschen im Kurs winkten gleich ab, nur Michael wollte mitkommen, obwohl er genau genommen gar kein Student, sondern Englischlehrer war.
Er bat mich vorher jedoch darum, dass er einen Abstecher in ein Büro seines Fachbereich machen durfte, weil er vorhin mit den Mädels dort einen Tee getrunken, aber die Tasse nicht weggeräumt hatte; der Gedanken daran hatte ihn nicht losgelassen - er fühlte sich verantwortlich, seine Teetasse aufzuwaschen, selbst wenn er weder wusste, wo er sie abwaschen konnte, noch wohin er sie danach stellen sollte.
Eines der Mädels kam ins Büro und meinte, das würde sie schon für ihn erledigen; "aber vielleicht wollt ihr beide erstmal eine Tasse Tee trinken?", fragte sich freundlich. Michael hatte es eigentlich eilig; er wollte vor dem Studententreffen einen Router kaufen, war aber zu höflich, das offen zu sagen. Wenn russische und amerikanische Höflichkeit aufeinandertreffen, resultierte das in einer Endlosschleife: In Russland bot man aus Herzlichkeit sofort alles an, und in Amerika konnte man nichts ablehnen und musste das Angebot der Höflichkeit wegen dem Gegenüber wiederholen, selbst wenn man es gar nicht meinte, und wenn der Gegenüber eine Russin war, freute sie sich darüber und nahm es an, weil sie gar nicht auf den Gedanken kam, dass es nur oberflächliche Höflichkeit wie die Begrüßung "how are you?" war, in der es nie jemanden kratze, wie der Gegenüber wirklich fühlte.
Ein zweites Mädel kam dazu. Ich sah das ganze ausarten und sprang ein. In Deutschland kannte man überhaupt keine Höflichkeit und war deshalb immer pünktlich. Zumindest war das meine Theorie. Ich fragte Michael laut also, ob er nicht einen Router kaufen gehen wollte und danach verabredet war. Da gab er es zu, und sie ließen uns gehen, meinten aber noch, dass es schön war, endlich "seine Freundin" getroffen zu haben. Michael warf den Kopf zurück, wie er es immer tat, wenn er Zeit zum Nachdenken gewinnen wollte und lachte dann, als er verstand, dass sie mich für seine Freundin Laura hielten. Er klärte das Missverständnis auf, dann gingen wir endlich. Im Treppenhaus trafen wir Stasya, sie lud mich zur Bandprobe von Electric Snow ein und wir verabredeten, dass wir uns nach dem Ritus in der Stadt treffen würden.
Michael hatte schnell einen WLAN-Router gekauft und währenddessen mit den Verkäufern geschwatzt. Hier sei es etwas teurer, aber der Service gut.
Man erwartete uns schon zur Initiation.
In den kleinen, stickigem, nach Schweiß riechenden Raum teilten sie Plastikbecher mit Tee aus. Michael kannte einige der anwesenden ausländischen Studenten: Ein Mädchen aus Finnland, ein paar Jungs aus Venezuela. Die meisten Studenten im Raum waren russische Studenten, der überwiegende Teil Mädels, aber auch ein blondierter Kerl in enger Weste und Schlips, der sich selbst als die wichtigste Person im Raum sah.
Sie wollten unsere E-Mail-Adressen, dann forderte sie uns auf, einer nach dem anderen im Kreis sitzend ein paar Worte über sich selbst auf Russisch zu sagen, und dann begannen die Spiele: A4-Blätter mit russischen Sprichwörtern darauf waren in ihre Wörter zerschnitten worden und sollten auf dem Tisch sollten sortiert werden, das fertige Sprichwort sollte diskutiert werden und dann musste ein ähnliches Sprichwort in der eigenen Sprache gefunden werden. Das war etwa der Punkt, an dem mein Interesse für den Rest des Abends in den Minusbereich übertrat. In diesem Moment wünschte ich mir schon fast eine Hosenjagd in der Kälte.
Wir gingen dann auch wirklich nach draußen, aber nur auf den Korridor - um einen udmurtischen Tanz zu lernen, der hauptsächlich dazu diente, über die eigenen Füße zu stolpern. Zurück im Zimmer wurde noch mehr Tee getrunken und dann ein anderes Spiel begonnen, das ich nicht ganz verstand; es war wohl ein Abschlagspiel, in dem man eine Schnur mit beiden Händen halten und so einen Kreis mit den anderen bilden musste; dann versuchte eine Person in der Mitte des Kreises den Schnurträgern auf die Finger zu schlagen, aber die durften nur je eine Hand vom Seil nehmen. Wer abgeschlagen wurde oder mit beiden Händen losgelassen hatte, musste in den Kreis, aber bevor er seinen Nachfolger abschlagen konnte, musste ein Huhn nachmachen, oder 5 russische Berühmtheiten. Ich sah auf die Uhr und beschloss, dass eine Stunde zu früh dran zu sein unter "Pünktlichkeit" fiel und machte mich aus dem Staub. Drinnen im Zimmer lagen Perepetschki zum Abendbrot aus, aber das war nichts, was mich noch länger an diesem Ort ausharren ließ, und das Russischsprechen den ganzen Tag lang zerrte mir langsam an den Nerven, so erklärte ich den Organisatoren auf Englisch, dass ich versprochen hatte, Videos auf der Bandprobe von Electric Snow zu drehen - das klang überzeugend genug.
Ich rief Stasya schon im Laufen an; ja, sie war auf dem Weg zu Sina. Ich könne jeden Trolleybus von der Uni aus nehmen, meinte sie. Das tat ich und rannte sogar, weil ich den Trolley gerade an der Haltestelle stehen sah, bemerkte aber erst als ich drin saß, dass ich in die falsche Richtung unterwegs war. Ich wollte bei der nächsten Gelegenheit in die Gegenrichtung umsteigen, aber es kam überhaupt kein Trolley meiner Linie mehr vorbei; sie fuhren alle ins Depot in der Gegenrichtung. Also nahm ich stattdessen einen der Linie 6, die an meinem Wohnheim vorbeifahren würde; von dort aus konnte ich wie sonst auch den Bus 29 zu Sina nehmen - nur hatte ich nicht bedacht, dass diese Route in Gegenrichtung verlief, sodass ich schon wieder in die falsche Richtung unterwegs war. Bevor ich ganz die Orientierung verlor, fragte ich mich schließlich durch.
An einer großen Kreuzung stieg ich aus und verglich die an der Haltestelle angeschriebenen Busse mit denen, die ich mir auf meiner Stadtkarte nahe Sinas Haus notiert hatte.
Zur Sicherheit fragte ich vor dem Einsteigen, der Trolley an der Universität vorbeifuhr. Die Schaffnerin war nicht nur hilfsbereit, sondern zu hilfsbereit und studierte die Stadtkarte mit mir, und empfahl mir schließlich eine andere Haltestelle als ich allein genommen hätte... dann stand ich mitten in der Nacht auf einer Straße ohne Namen, die Karte in der Hand und ging in eine beliebige Richtung los als Stasya anrief, wo ich denn bliebe, sie müssten jetzt das Haus verlassen und könnten nicht länger auf mich warten. Sie wies mich an, einen Trolley der Linie 9 bis Izhstal zu nehmen, und dort am Proberaum würden wir uns treffen, versprach sie. Schon allein für Irrfahrten wie diese wäre es praktisch, eine Monatskarte zu haben. Stasya hatte eine spezielle Monatskarte für Studenten, die fast alle öffentlichen Verkehrsmittel galt und sogar billiger war als die Monatskarte für den Bus, aber die Kioske, an denen sie verkauft wurden, waren nur wenige Tage am Monatsende und Monatsbeginn geöffnet, hatte mir Stasya erklärt.
Der Trolley war wieder mal völlig überfüllt, ich passte kaum in die Tür, aber er brachte mich zuverlässig zu Izhstal.
Dort angekommen rief ich Stasya an; sie meinte, sie brauchten noch etwa 20 Minuten. Es begann zu regnen. Ich war auf dem Weg, richtig schlechte Laune zu bekommen, da rief Stasya zurück und entschuldigte sich; Vanya sei auf dem Weg und würde mich gleich treffen. Tatsächlich war er zwei Minuten später da, das hagere Gesicht vom Lampenschein in eine Kraterlandschaft verwandelt. Er umarmte mich und ging voran, sah sich aber immer wieder nach mir um und versuchte etwas Konversation zu betreiben mit dem wenigen Deutsch, an das er aus der Schule erinnerte.
Lena wartete im parkenden Auto, sie packten die Instrumente aus und trugen sie allein in den Proberaum - Musiker gaben ihre Instrumente ungern aus der Hand.
Stasya, Sina und Andrey kamen bald darauf. Ihnen hatten meine Fotos vom letzten Mal gefallen; sie seien genauso verrückt wie ihre Musik, und so wurde ich zum offiziellen Fotografen von Electric Snow ernannt; Sina merkte lachend an, dass ich so nun auch kostenlos auf ihre Konzerte kam. Begeistert schoss ich wieder Fotos und Videos bis die Speicherkarte voll war.
Es wurde wieder laut, Erholung davon holte ich mir beim Passivrauchen Stasya draußen auf dem Korridor. Hatte ich beim letzten Konzert noch gescherzt, ein Groupie zu sein, befand ich mich nun auf dem besten Weg dorthin. Es erstaunte mich immer wieder, welchen Einfluss Russland auf mich ausübte; früher hatte ich nichts mit Rockmusik am Hut gehabt, und nun war ich mitten in einem Kreis von Rockmusikern gelandet, und ich genoss diesen neuen Aspekt in meinem Leben.
Nach der Probe quetschten wir uns alle ins Auto; Stasya und ich wurden im Zentrum abgesetzt; von dort aus mehr Busse in unsere Richtung.
Bis Mitternacht quälte ich meine Nachbarn wieder mit meinem Gitarrenspiel und Liederdichten, doch ich glaube, sie hörten es gar nicht, denn ihr Fernseher lief grundsätzlich auf voller Lautstärke.
Ihr Häschen saß wieder die ganze Nacht lang bei mir und schaute mit mir fern, wenn es nicht gerade übermütig umher sprang. Auf meinem Bett warf es sich auf die Seite, hatte zu viel Schwung, überschlugt sich und rollte vom Bett hinunter.
15.10.
Heute traf ich mich mit Sina schon mittags um ihr die Foto von gestern zu geben. Sie war gerade wieder dabei, Kekse zu backen, und am Nachmittag gingen wir zu Stasya, weil sie sich von Stasya ein Kleid umnähen lassen wollte. Sina betrachtete meinen zerschlissenen Rucksack und schlug vor, ihn zu reparieren und bei der Gelegenheit etwas aufzumotzen. "Ja, warum nicht", meinte ich, ahnte jedoch schon das Unheil.
Bei Stasya zu Hause tranken wir erstmal eine Tasse Tee in Gesellschaft ihrer Großmutter, ein würdevolle alte Frau und laut Stasya die intelligenteste Person, die sie kannte. Sie führte als Beweis an, dass sie nicht versuchte, ihr Schuldeutsch an mir auszuprobieren, was mir mittlerweile wohl schon sichtbar auf die Nerven ging - würde ich ständig Lob für Belanglosigkeiten aussprechen wollen, wäre ich Kindergärtnerin geworden.
Wir sprachen über die unterschiedlichen Nationalitäten in unserer Republik; die meisten Leute in den Städten sahen sich einfach als Russen; wer sich als udmurtisch bezeichnete, war in der Regel traditionell orientiert, studierte die Sprache in der Universität, weil es sowieso egal war, welche Geisteswissenschaft man in Russland studierte, und zog danach oft wieder aufs Land zur Familie. Die Familie spielte sowohl bei Udmurten als auch bei Tataren eine große Rolle, wobei Tataren jedoch stolzer auf ihre Herkunft zu sein schienen und selbstbewusster in ihrer eigenen Gesellschaft neben den anderen lebten. Das sah man auch daran, dass die Tataren in Izhevsk vornehmlich in ihrem eigenen Stadtteil "Tatarischer Basar" wohnten, in ihren traditionellen Holzhäusern wie auf dem Lande.
Sogar ein verrückter Rockmusiker wie Vanya war im Grunde seines Herzens traditionell und wollte eine Frau, die für ihn am Herd stand. Er war Tatare, sie war Udmurtin - das passte zusammen. Sina erzählte die ganze Geschichte, weshalb Lena in der Band sang: Sie war immer sauer gewesen, wenn Vanya abends so lange mit seinen Bandkollegen probte statt zu Hause bei ihr zu sein. Da hatte er irgendwann ein Machtwort gesprochen: "Du singst jetzt mit uns in der Band!" Und nun war das einzige Problem, das er noch hatte, dass sie immer müde auf den Proben war und ihn drängte, dass sie doch nach Hause gehen mögen.
In der Zwischenzeit war auch Mischa gekommen und trank Tütenkaffee während Sina und Stasya an dem Kleid herumschneiderten.
Ich hatte vorgeschlagen, eine Webseite für Electric Snow zu machen und bastelte nun an einem ersten Entwurf und an einem Logo.
Gegen 16:00 mussten wir das nette Beisammensein jedoch auflösen, denn Stasya und ich mussten zur Uni, aber nach ihrer Doppelvorlesung wollten wir uns wieder bei Sina treffen, oder ein bisschen später. Ich wollte nach meinem Russischkurs noch ein wenig an meinem Projekt arbeiten, aber schon auf dem Weg von der Uni zurück verwarf ich diese Idee und vertrödelte die Zeit auf der Gitarre.
Als ich mich dann auf den Weg zu Sina machte, stand ich im Bus plötzlich Albert gegenüber. Ich hatte ihn einen Moment lang nicht erkannt, weil sich alle Tataren mittleren Alters so ähnlich sahen und alle die gleiche Mütze trugen, aber sein breites Grinsen unterschied ihn von allen anderen. Er hatte mich eigentlich schon am Montag oder Dienstag zur Besprechung meines Projekts treffen wollen; heute war Freitag, und vertröstete mich auf Mittwoch - machte nichts, ich hatte eh nicht nennenswert gearbeitet.
Bei Sina saßen Mischa und Stasya schon in der Küche und blätterten in Büchern; die Stimmung war nicht gezwungen, sondern hing einfach im Raum, ohne Druck, den Besuch amüsieren zu müssen. Sina hatte gefragt, ob ich sie nicht langsam leid sei, aber gerade diese Ungezwungenheit und Gelassenheit fand ich überaus anziehend. Hier war jeder er selbst, und jeder wusste, was in dem anderen vorging, und wie man damit umzugehen hatte; sie waren langjährige Freunde, und ich begann dazu zu gehören.
16.10.
Ein neues Wochenende brach an. Farin rief mich an und fragte, ob ich heute schon Pläne hätte, und wenn nicht, könnten wir gemeinsam einkaufen gehen, wie er es mir versprochen hatte, in einen billigen Laden namens Troika, der sich als vietnamesisch-chinesischer Basar in einem Gebäudekomplex in der Nähe des Tatarischen Basars herausstellte.
Ich willigte ein, obwohl ich einkaufen hasste, denn gestern war der Reißverschluss an meiner Winterjacke endgültig und unreparierbar zerbrochen, und ich konnte nicht den ganzen Winter meine Herbstjacke unter der Winterjacke tragen.
Farin wollte im Zentrum auf mich warten. Ich kam eine ganze Viertelstunde zu spät, weil ich mir noch die Haare hatte föhnen und Geld holen müssen. Ich entschuldigte mich, bin jetzt nicht mehr deutsch, seit dem Initiationsritus an der UdGU. Wobei ich den nicht mal bis zum Ende mitgemacht hatte - so war ich vielleicht noch zu retten.
Wir sahen uns ein wenig an den Ständen um; die Wände dahinter waren bis zur Decke mit Jacken behangen. Die meisten waren überteuerte, unechte Pelzmäntel, aber davon hätte ich mir nicht mal einen gekauft, wenn es erlaubt gewesen wäre, sie nach Deutschland einzuführen. Ich fand schnell eine unaufdringliche graue Jacke, die jedoch schlecht vernäht war; die Verkäuferin suchte geschwind eine neue, bessere heraus, und Farin handelte sie von 3000 auf 2500 Rubel runter; billiger bekam man eine Winterjacke in Russland kaum.
Farin schlug vor, ich könnte trotzdem noch selbst neuen Reißverschluss in meine alte Jacke einnähen. Ich zeigte ihm den Vogel - ich wäre schon völlig überfordert gewesen, einen Knopf anzunähen.
Im nächsten Laden kauften wir farblich passend dazu eine Mütze, die sehr warm war und lustige Bommeln an den Seiten hatte. Auch eine neue Mütze war nötig gewesen, denn meine alte löste sich mittlerweile in ihre Wollbestandteile auf; die Bommel war schon im letzten Jahr verloren gegangen.
Farin plauderte mit dem Verkäufer. Der Verkäufer fragte ihn, ob ich seine Schwester sei; das verneinte er und bezeichnete mich als seine feste Freundin. Ich sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an - das hatte er aber allein entschieden, ohne mich zu fragen. Wobei es sowieso schon jeder seiner Freunde und seine Mutter glaubte, weil ich mir ab und zu von ihm ein Küsschen geben ließ und mich vor seinen Freunden nicht wehrte, wenn er mir den Arm um die Schulter legte.
Nun wollte mir Farin ein schickes Oberteil schenken, aber ich winkte dankend ab; ich konnte die ganzen Klamotten beim besten Willen nicht mit nach Deutschland nehmen, dazu reichte der Platz in meinem Koffer nicht.
Farin wollte sich eine Geldbörse kaufen, brauchte zum Aussuchen aber Ewigkeiten, sodass ich mich müde auf der Treppe niederließ, während er durch die Läden zog. Als er nach mir sah, hatte er zwar den Beutel mit meinen Einkäufen dabei, aber nicht seine eigene Tasche. Ich machte ihn darauf aufmerksam, er bekam einen panischen Ausdruck auf dem Gesicht und rannte davon, kam aber schon wenige Minuten später triumphierend mit seiner Tasche zurück.
Als letztes wollte er eine Kopflampe für seine Außentoilette kaufen, denn dort gab es keinen Strom, und im Dunkeln hatte es sich wohl als schwierig herausgestellt, die Löcher zu treffen. Ich hielt das für eine gute Idee und kaufte mir auch eine, denn bei uns im Wohnheim war ja auch ständig das Licht im Bad kaputt. Und für unseren lange schon geplanten Ausflug in die Höhlen bei Perm, war so eine Lampe auch sehr praktisch.
In diesem Krimskramsladen entdeckte ich eine Hülle für den Studentenausweis, die die meisten Studenten besaßen und wollte mir auch eine kaufen, aber der Verkäufer schüttelte den Kopf - das sei die letzte Hülle, die wollte er nicht verkaufen. Ich wusste nicht, ob das nur eine Verkaufsstrategie war, oder der Verkäufer ein Idiot - jedenfalls verließen wir den Laden gleich darauf und Farin versprach, in anderen Läden danach Ausschau zu halten.
Außerdem brauchte ich Ohrenstöpsel, fiel mir ein. Heute Abend würde ein großes Rockkonzert stattfinden, bei dem auch Electric Snow spielte, und das ganze nannte sich "Overground Festival", würde aber definitiv ein Underground-Konzert werden, wenn ich von ihrer Musik auf den Rest der Bands schließen konnte. Einen Auftritt dieser Art hielt ich ohne Ohrenschutz aus, aber gleich sechs Bands dieser Art würden für Tinitus sorgen, daran zweifelte ich nicht.
Doch wo konnte man Ohrenstöpsel kaufen? Von Stasya wusste ich, dass sie in Russland Berushy hießen, sodass es kein Problem war, Farin zu erklären, was ich wollte.
Er fragte in insgesamt 4 Apotheken danach, aber entweder führten sie diesen Artikel überhaupt nicht, oder hatten gerade nichts vorrätig. Als letzte Möglichkeit schlug Farin vor, in einen Laden für Arbeitsschutzkleidung zu gehen. Auf dem Weg gerieten wir in einen Flashmop vor dem Zirkus, in den wir sofort hineingezogen worden. Ein professioneller Kameramann filmte uns beim Bilden einer menschlichen Kette, doch bald rochen wir, dass der Flashmop gar keiner war, sondern eine Werbeaktion für einen Schokoladenhersteller. Ein echter Flashmop war ein im Internet verabredetes Zusammentreffen von Fremden an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit, und auf ein bestimmtes Signal hin begannen alle, etwas vorher abgesprochenes Verrücktes zu tun, wie beispielsweise sich gegenseitig mit Kissen zu schlagen, die sie vorher versteckt getragen hatten.
Der Kameramann und sein Kollege waren begeistert, dass sie einen Ausländer - also mich - erwischt hatten und filmten drauflos. Doch sie wollten die Aktion noch größer haben und schickten jeden der Teilnehmer los noch einen weiteren Teilnehmer von der Straße zu holen, in der gleichen Art, wie sie uns angeworben hatten, aber Farin gelang es nicht, die Passanten zu überzeugen und wurde langsam ungeduldig; er hatte heute noch viel zu erledigen: Er wollte mit seinen Freund und Nachbarn Rawil einen Ofen für sein Banya selbst aus Stahlplatten zusammenschweißen, weil ein neuer Ofen zu teuer gewesen wäre.
Aber da hielt uns schon das nächste auf: Ein hübsches Mädel versuchte uns einen Handyvertrag aufzuschwatzen. Ich lachte und sagte, ich sei schon bei MTS. Farin druckste und zögerte lange, war am Ende jedoch ihrem Charme erlegen und gab ihr seine Ausweisdaten. Sie dankte ihm kokett und lief eilig zum MTS-Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite, da rief Farin ihr nach, wie sie heiße, aber sie hörte ihn schon nicht mehr. Er meinte, ihren Namen hätte er schon gern erfahren. ich riet ihm, ihr nachzurennen, aber das wollte er dann doch nicht.
Zufällig hatte sich heute Roman per SMS bei mir gemeldet und gefragt, ob wir uns nicht mal wieder treffen wollten; ich schlug das Underground-Rockkonzert heute Abend vor und fragte ihn nach Ohrstöpseln - seine Eltern waren doch Ärzte, die mussten wissen, wo es so etwas gab.. Aber tatsächlich fanden Farin und ich sie noch vor dem Arbeitsschutzladen in der nächsten Apotheke. In den Laden gingen wir trotzdem, denn Farin wollte die Preise für Bohrmaschinen vergleichen; er liebte die deutschen Fabrikate, die aber sehr teuer in Russland waren. Ich glaube, ihn Deutschland könnte ich ihn morgens in einem Baumarkt absetzten und müsste ihn erst abends wieder abholen.
Nun war es wirklich Zeit für uns beide nach Hause zu gehen; ich wollte noch etwas an meinem Projekt arbeiten, entschied mich aber schon auf dem Weg zum Zentrum anders, weil mein Magen zu knurren begonnen hatte und Abendbrot verlangte. Auch Farin, der mich eigentlich an der nächsten Haltestelle hatte absetzen wollen, überlegte es sich auf dem Weg anders und fuhr mich bis zum Wohnheim. Das graue Herbstwetter machte träge und erstickte die Lust am Arbeiten im Keim.
Ins Wohnheim hinein durfte er nicht ohne offizielle Erlaubnis in dreifacher Ausfertigung und mit Begründung, warum er ins Wohnheim wollte, aber wir saßen noch etwas im Auto beisammen und hörten Musik. Ausgerechnet auf die Grand-Prix-Gruppe Brainstorm hatten wir uns musikgeschmackstechnisch einigen können; aber eigentlich war ich schon froh, dass ich nicht mehr Techno anhören musste, wenn ich bei ihm mitfuhr. Ich bedankte mich für den Ausflug, gab ihm ein Küsschen und ging.
Ich kochte mir ein paar Pelmeni und ging dann auf die Suche Miguel, den ich schon über Internet eingeladen hatte, denn diese Veranstaltungen wurden alle über vkontakte organisiert. Er war schon seit Tagen nicht aufzufinden gewesen; ich hatte ihn zum Beispiel zu den Proben von Electric Snow einladen wollen. Sein Handy funktionierte nun überhaupt nicht mehr; ich konnte ihn weder per SMS noch mit einem Anruf erreichen.
Aber da ich ihn über Internet eingeladen hatte, wusste er theoretisch, zu welcher Zeit er wohin kommen musste. So ging ich allein in den Club; es war sowieso noch über eine Stunde bis zum offiziellen Beginn; Stasya hatte mir geschrieben, dass wir uns schon vorher treffen sollten. Außerdem hatte sie gemeint, ich käme kostenlos in den Club hinein, wenn ich meinen Namen sagte - das hätte die Band geregelt. Aber davon wusste der Türsteher nichts, ich stand nur auf der Liste mit dem halben Preis. Als ich die Diskussion schon aufgegeben hatte und eine Eintrittskarte kaufen wollte, kamen die anderen zum Eingang und begrüßten mich mit Umarmungen und erklärten dem Türsteher, dass ich zur Gruppe gehöre. Er nickte und ließ mich durch. Das war schon ein ziemlich cooles Gefühl.
Es waren noch keine anderen Besucher da. Es wurden wohl auch nicht mehr erwartet, denn zu Konzerten dieser Art kamen normalerweise nur die Bands selbst und ihre engsten Anhänger wie Stasya und ich, und nur ab und zu ein Besucher, der sich verirrt hatte, aber in der Regel schnell wieder verschwand.
Roman hatte erst jetzt die SMS erhalten, dass wir uns früher trafen und kam erst, als das Konzert schon begonnen hatte - wobei man das sowieso nicht so genau sagen konnte, der der Übergang vom Instrumentenstimmen zum eigentlichen Spielen fließend war, und sich die Musik oft nicht vom Einspielen unterschied... besonders bei der ersten Band, die nur aus einem gelangweilten Schlagzeuger, einem Saxophonist und einem Waldhornspieler bestand, die improvisierten.
Da stand also Roman plötzlich in der Tür und ich sprang ihm entgegen; bei der Umarmung hob er mich in die Luft. Die anderen waren neugierig geworden, kamen allesamt zu uns und stellten sich selbst vor. So wurde er sofort in die Gruppe aufgenommen. Dima tauchte kurz darauf auf, aber ohne Nastya, die lautes Geräuschdurcheinander nicht mochte.
Sina war nervös, sie tigerte wie eine Leopardin im Käfig umher und biss Stasya unvermittelt in die Schulter, hüpfte mit einem quietschenden Geräusch davon und begann mit einem offenbar alten Freund zu tanzen, den ich nicht kannte. Auch Vanya drehte durch und kletterte eine Stange hoch; Roman fotografierte alles mit seiner professionellen Ausrüstung. Sina hatte derweil begonnen, ihren Freund Andrey anzustarren, der unbeirrt zurückstarrte. Sie sagte mir leise und ernst, dass sie ihn hasste, aber nach ihrem Auftritt kullerte sie sich schon wieder mit ihm auf einem Sofa herum. Wahrscheinlich war es ihre Version von Lampenfieber.
Als ihr Fotograf sah ich es als meine Aufgabe an, ein Gruppenfoto von ihnen zu machen, und nach ein paar Versuchen bestanden sie darauf, dass ich auch mit aufs Foto kam. Das Resultat gefiel mir so, dass ich es später rahmen lassen wollte. Wenn mir nur eine einzige Erinnerung von Russland bleiben sollte, dann war es diese.
Nun begann das Konzert aber wirklich; Mischa hatte sich zu den drei Pfeifen gesellt und improvisierte mit einer E-Gitarre dazu.
Es versuchte wie Blues zu klingen, klang aber nur grausig; sie kamen einfach nicht mit ihrer Musik in Gang, bis Sina die Geduld verlor und sich selbst ans Schlagzeug setzte und einen schnelleren Rhythmus anschlug; sofort veränderte sich die Musik und der Laden begann zu rocken. Als nächstes versuchte sich der Saxophonist der Gruppe als Solist und sang zotige Lieder ohne Melodie während er Gitarre spielte. Zumindest meinte Roman, die Texte seien witzig und unübersetzbar.
Dann war Electric Snow an der Reihe und Roman schoss Fotos in der Geschwindigkeit einer Kalaschnikow, wenn sie Fotos schießen würde. Das Resultat sahen ziemlich cool aus; man konnte teilweise die Farben der Beleuchtung auf den Gesichtern wechseln sehen ohne dass sich das Ausdruck in den Gesichtern geändert hatte. Ich filmte den Auftritt in der Zwischenzeit und klatschte begeistert nach jeder Nummer - als nur einer von drei Leuten.
In der Zwischenzeit war auch Miguel im Club aufgekreuzt, aber schon eine halbe Stunde später fehlte jeder Spur von ihm; er erzählte mir später, dass er sich nicht gut gefühlt hatte.
Ich war sehr froh über die Ohrenstöpsel, die die Lautstärke auf ein erträgliches Maß reduzierten ohne dass von der Musik etwas verloren ging.
Drei Jungs mit E-Gitarren, die sich Pyramidka (Pyramidchen) nannten, kamen als nächstes an die Reihe; sie waren gut, aber ihnen fehlten echte Lieder und ein Sänger.
Danach wurde es chaotisch, die "Band" bestand aus vielen Musikern, die mir irgendwie bekannt vorkamen; Sascha zum Beispiel, den wir beim letzten Mal der Pizzeria getroffen hatten, und der andere Sascha, der sich Kyrill nannte und mit Stasya und mir vor einigen Tagen meine Hausaufgaben gemacht hatte. Heute war er merkwürdigerweise nüchtern, trug eine Wintermütze und war davon überzeugt, nicht spielen zu können. Eigentlich war geplant gewesen, dass Stasya während des ganzen Auftritts diese Mütze tragen und auf der Bühne mit dem Rücken zum Publikum sitzen sollte. Als abzusehen war, dass aus Kyrills Auftritt nichts werden würde, rannten viele andere Musiker auf die Bühne zum Improvisieren während Mischa, der eigentlich in dieser Band spielte, sich von der Bühne zurück zog. Am Ende standen 2x E-Bass, 2x E-Gitarre, 3x Schlagzeug, 3 Sänger und Lena mit dem Tamburin auf der Bühne. Mischa machte dabei ein freundliches Gesicht und dachte sich wahrscheinlich einfach, dass sein E-Bass wohl nicht gebraucht wurde. Das richtige Chaos brach aber erst auf der Bühne aus, als einer der Musiker Kyrill anrempelte und sie - gespielt oder nicht - aufeinander losgingen und dabei fast die Stehlampe umrissen. Sina hatte sie ganze Zeit am Schlagzeug improvisierte Textzeilen ins Mikrophon geschrien, aber nun schrie sie wirklich, als sie glaubte, alles würde ihr ins Schlagzeug kippen. Es war unglaublich, dass dabei noch Musik zustande kam.
Zu einem Ende mit großem Finale kam es nur, weil der Clubbetreiber sie nur bis 22 Uhr hatte auftreten lassen wollen und drohte, sie von der Bühne holen zu lassen.
Wir warteten, dass sie die Bühne abbauten und halfen, die Instrumente nach oben auf die Straße zu bringen und in das Auto von Mischas Bruder zu laden. Normalerweise gingen sie nach ihrem Auftritt eine Pizza essen, aber heute war abzusehen, dass es wohl nichts werden würde, deshalb schlug ich Stasya, Dima und Roman vor, allein eine Pizzeria aufzusuchen; Stasya hatte aber eine bessere Idee: Pizza zum Mitnehmen zu bestellen und dann zusammen alle in das legendäre leerstehendes Krankenhaus zu gehen, das sie bewachte. So zogen wir zu zehnt los. Electric Snow war nach Hause gefahren, aber andere Musiker hatten sich uns angeschlossen. Ich war sehr gespannt darauf und stellte es mir als einen sehr gruseligen Ort vor - ich mochte Krankenhäuser schon nicht, wenn sie im Normalbetrieb waren, aber ein leerstehendes Krankenhaus klang nach Horrorfilmen à la Frankenstein. Und hatte Stasya nicht erzählt, dass sie darin einmal einen Horrorfilm gedreht hatten?
Wir gingen zur Haltestelle und nahmen den gleichen Bus, den ich nach Hause genommen hätte, fuhren aber ein Stück weiter bis zur Pizzeria, in der ich manchmal essen gegangen war. Während die anderen vier Packungen Pizza kauften und fünf erhielten, holte ich mit Sascha Schokolade, Orangensaft und Wodka im Supermarkt nebenan.
Wir trafen uns auf der Straße wieder und gingen zu Fuß zum Krankenhaus, das nur wenige Querstraßen von hier entfernt lag; es musste die Gegend sein, in der ich letzten Winter einmal so verloren gegangen war, dass mich nur Matthias mit GPS und Google Maps hatte retten können.
Das Krankenhaus entpuppte sich als gar nicht so gruselig, eher gemütlich; es gab ein altes Sofa und einen Fernseher in einem Gemeinschaftsraum, und ein altes Krankenhausbett in stand daneben. Wir füllten die Plastikbecher, die wir zum Wodka gekauft hatten, aber viele tranken einfach nur Tee. Ich beschloss, dass ich lange genug trocken geblieben war, denn dieser Tag schrie einfach nach Feiern. Dima verließ uns für eine halbe Stunde um Nastya hinzu zu holen, und Mischa ging Sina holen. Wir zogen in einen größeren Raum um, in dem Matratzen auf dem Boden lagen, die Roman auf Stasyas Anweisung dorthin gebracht hatte.
Es war eine noch seltsamere Party als Stasyas berüchtigten Hausdachpartys.
Gegen zwei Uhr morgens wurden die ersten jedoch müde und blieben einfach auf den Matratzen liegen; andere plauderten und lachten noch. Die ersten gingen heim, aber ich hatte mich längst damit abgefunden, hier zu übernachten, denn ich kam um diese Uhrzeit sowieso nicht mehr ins Wohnheim hinein - falls ich es überhaupt finden sollte und nicht die ganze Nacht draußen umher irrte. Ich holte mir meine Jacke und machte es mir auf einer Matratze bequem, wo ich schließlich einnickte, aber Stasya weckte mich und bugsierte mich in den ersten Raum zurück, der wärmer war als er Raum, in dem wir alle gesessen beziehungsweise gelegen hatte. Ich rollte mich auf dem Sofa zusammen und schlief wieder ein.
17.10.
Kurz vor 8 Uhr morgens wurde ich von Roman sanft geweckt, sodass ich ihn erst gar nicht für voll nahm, aber Stasya kam dazu bestätigte, dass wir alle aufstehen und das Krankenhaus verlassen müssten, weil ihre Wachablösung gleich käme.
Ich nippte etwas alten Tee mit Krümeln von gestern Abend und versuchte wach zu werden. Roman sah auch etwas zerstört aus, nur Mischa wirkte frisch wie immer und lächelte sein leises Halblächeln.
Die Zeit verging langsam, während wir in der Eingangshalle saßen und weniger als zweieinhalb Worte wechselten und den letzten Müll wegräumten. Stasya schließlich keine Lust mehr auf die Ablösung zu warten und wir verließen alle zusammen das Krankenhaus.
Es war angenehm kühl am Morgen und ich fühlte mich erstaunlich gut, obwohl ich gestern ausgiebig getrunken hatte; wahrscheinlich war es nur billiger Sekt, der mir so sehr zusetzte. Miguel würde sich grün und blau ärgern, wenn ich ihm davon erzählte, was er verpasst hatte.
Es war tatsächlich die Gegend, in der ich so verloren gegangen war, und Stasya meinte, die Irrenanstalt befände ich ganz in der Nähe, aber es sei nicht das Haus Nummer 100, sondern nur recht nahe daran. Roman bestätigte das, wusste aber auch nicht die genaue Nummer.
Wir deponierten den Müllsack im nächsten Container und spazierten Richtung Stadtzentrum. ich staunte nicht schlecht, als wir plötzlich vor meiner Uni standen, aber es war die gleiche Seite, an der ich damals auch herausgekommen war.
Bevor ich mich verabschiedete, verabredete ich mich mit Roman zum Austausch der Fotos, aber doch wie ursprünglich gesagt nicht zum Mittagessen, sondern eher zum Abendbrot.
Ich fiel sofort wie ein Stein ins Bett, als ich im Wohnheim angekommen war. Schlafen konnte ich aber nur bis 11 Uhr, als ich von einer überfröhlichen Krankenschwester oder so etwas in der Art mit einem lautem Klopfen an die Tür geweckt zu wurde. Sie redete wie ein Gebirgsbach auf Russisch auf mich ein, und ich konnte nur sagen: "English, please."
Sie schaut mir erst verwirrt an, schien nachzudenken und es sich anders zu überlegen und verschwand. Ich sah sie nie wieder.
Der Hase meiner Nachbarin rannte schon wieder umher; ich ließ ihn in mein Zimmer. Er hatte einen ausgesprochenen Nagetrieb entwickelt und fraß ein Loch in die Ersatz-Matratze, die an der Wand lehnte, und dann in die Wand selbst. Bis ich es bemerkt hatte, war der Schaden schon angerichtet, aber der Hase hatte außer meinem Zimmer auch schon den Korridor verwüstet, in dem er normalerweise frei herumlief. Dort hatte er nicht nur die Farbe von der Wand genagt, sondern auch den Putz, sodass stellenweise regelrecht Löcher in der Wand klafften.
Ich stand immer noch ein Stück neben mir, als mir Roman am späten Nachmittag per SMS schrieb, er würde bei sich zu Hause auf mich warten und beschrieb mir den Weg. Ich hatte schon den Schuhen im Flur gestanden und den Schlüssel abgegeben, als mir einfiel, dass ich das Geschenk vergessen hatte, das ich ihm aus Holland mitgebracht hatte. Ich holte den Schlüssel wieder, schlüpfte aus den Schuhen, ging ins Zimmer, holte das Geschenk, sperrte ab, gab den Schlüssel ab, zog die Schuhe an, zog die Schuhe wieder aus, holte den Schlüssel und ging zurück in mein Zimmer, weil ich das falsche Geschenk eingepackt hatte.
Die Etagenfrau hatte mein Weggehen schon notiert und wunderte sich über mich.
Hase lief mir mittlerweile überall hin hinterher - aus dem Zimmer heraus, wenn ich herraus ging, und hinein, wenn ich hinein ging. Nun hatte er es sich auch in den Kopf gesetzt, mir auch hinaus in den Gang zu folgen, der unsere Wohneinheit mit den anderen verband und ganz nach draußen führte. Es war nicht leicht, den Hasen abzuschütteln. Ich ließ mich vor die Tür plumpsen und versuchte ihn wieder hineinzudrängen und schloss vorsichtig die Tür um ihm die Nase nicht einzuklemmen.
Ich stand schon wieder in Schuhen am Ausgang, da sah ich plötzlich etwas Hasenartiges, glaubte an eine Täuschung, schaute weg und wieder hin. Es war verschwunden, aber die Tür zu unserer Wohneinheit stand offen - ich sprang aus den Schuhen und sprintete hinter dem Hasen her. Die Etagenfrau im Nebenzimmer musste mich mittlerweile für völlig debil halten.
Der Hase dachte gar nicht daran, sich wieder einfangen zu lassen; er war schneller und schlug Haken, in andere Wohneinheiten hinein. Schließlich gelang es mir ihn zu packen und unauffällig zurück in unsere eigene Wohneinheit zu tragen - ich wusste ja nicht, ob die Etagenfrau von ihrem neuen Haustief wusste. Der Hase hatte es wirklich geschafft, die Tür aufzudrücken. Er zappelte und wollte partout nicht zurück in sein kleines Zimmerchen, aber ich kannte kein Erbarmen und drückte ich die Tür nun schneller und fester zu - mit dem Hasen auf der anderen Seite, prüfte noch mal, ob sie fest genug zu war und machte mich dann endlich auf den Weg.
In Russland machte mir mittlerweile nichts mehr Angst; ich hatte es mir sogar angewöhnt, den Fahrstuhl des Grauens zu nutzen statt die Treppen zu Fuß zu gehen. Im Fahrstuhl traf ich den Beweis, dass selbst Russen mit ihrer Technik nicht klarkamen: Ein Besucher stand bei uns im 8. Stock im Fahrstuhl und wollte eigentlich in den 5., aber die Taste 5 führt ja in den achten Stock. Er fragte mich, welche Taste sonst gewählt werden müsse. Ich sagte im Kopf den Abzählreim "eene meene mopel" auf, weil ich zu faul war zum Rechnen und drückte auf die Taste 3, und tatsächlich hielt der Fahrstuhl im 5 Stock. Der Mann bedankte sich und ich war erstaunt über mich selbst.
Roman hatte geschrieben, ich sollte den Trolleybus Nummer 6 bis zu Rosselhoz-Bank nehmen. Ich stieg an der ersten Haltestelle mit genuscheltem Wort "Bank" aus, das war aber eine zu früh, denn nach Romans Beschreibung musste der Bus erst um die Ecke fahren. Ich sah den Bus einige hundert Meter um eine Ecke fahren und beschloss, diese eine Haltestelle zu laufen. Für Roman, der an der Haltestelle auf mich gewartet hatte und nur kurz in einen Laden gegangen war, sah es so aus, als wäre ich aus dem Nichts erschienen, weil gerade kein Bus weit und breit zu sehen war. Er wunderte sich aufrichtig und ich ließ ihn in dem Glauben, dass ich mich von einem Ort zum anderen teleportieren konnte.
Endlich lernte ich Romans sagenumwobene Eltern kennen - beides Ärzte, und gute noch dazu, eine Seltenheit in Russland, wenn man Roman glauben durfte. Seine Mutter lachte ständig, tätschelte mir die Schulter und gab nicht eher nach, bis ich mit ihnen am Tisch saß und von der Fisch-Suppe aß, die sie gerade zum Abendbrot aufgetischt hatte.
Danach gab es noch Tee und ein Kuchen wurde angeschnitten. Ich fühlte mich wie die lange verlorene Tochter, die zur Familie zurückgekommen war.
Ich hatte Roman einige holländische Süßigkeiten mitgebracht und die mit Hilfe von Rubeln gepressten 5-Cent-Münzen. Sein Vater war auch in Holland gewesen und erkannte die Süßigkeiten wieder. Sie alle bedankten sich überschwänglich bei mir für die Mitbringsel, sodass ich fast rot wurde.
Sie hatten gestern die letzten gelben Tomaten aus ihrem Garten geholt und schenken sie mir in rauen Mengen. In der Wohnung waren einige seltsame Dinge aufgebaut, und ich wollte lieber nicht fragen, welchen Zweck sie erfüllten, aber mindestens eins der Dinge stellte sich als Stickrahmen heraus; Romans Mutter liebte Handarbeiten.
Wir gingen in sein Zimmer zum Anschauen der Fotos und er schenkte mir eine DVD, auf die er die Fotos gebrannt hatte. Er wollte mir erst eine zweite für die Electric Snower mitgeben, aber nun hatte sich Stasya angemeldet - sie wollte eben bei Roman vorbeischauen um die Fotos abzuholen. Sie hatte Dima im Schlepptau - wieder ohne Nastya und seltsam nachdenklich in jeder Bewegung erstarrend, wie er es seit Herbstbeginn sehr auffällig tat. Ich glaube, all meine Freunde hier waren etwas merkwürdig. Und das Wetter macht es nur extremer.
Während die drei zusammen noch einmal die Fotos durchschauten, sah ich mich in Romans Zimmer um; das Buchregal bog sich unter "Was-Ist-Was"-Bänden. Ich war begeistert - die hatte ich als Kind auch gesammelt hab, tatsächlich waren es die gleichen Bücher, nur auf Russisch, mit den gleichen Bildern und dem gleichen Inhalt. Meine Lieblingsbeschäftigung mit diesen Büchern war es früher gewesen, die bunte Liste mit den anderen noch verfügbaren Bänden durchzuschauen um herauszufinden, welche Bände ich schon hatte, und welche ich unbedingt noch lesen wollte. Ich besaß wohl alle Bände zum Thema Astronomie, Physik, Geologie und Archäologie, und Roman hatte eine ähnliche Sammlung vorzuweisen. Als ich nun die Bücher durchblätterte, schaute ich nach alter Gewohnheit in die Übersicht mit allen Bänden und war erstaunt, dass gar nicht viele davon ins Russische übersetzt worden waren und die meisten in der Vorschau im Originalen Deutsch abgedruckt waren.
Nach der Dia-Show setzen wir uns noch einmal für eine Tasse Tee in der Küche zusammen und Roman begann wieder eine seiner halben Verschwörungstheorien zu erzählen, die ich so gerne hörte - von den Chemiefabriken im Umkreis von Izhevsk, die eigentlich chemische Waffen in ungefährliche Chemikalien umwandeln sollten, aber langsam eine ökologische Katastrophe erzeugten, weil die Fabriken so schlecht gewartet worden waren. Zu meinem leichten Erstaunen bestätigte Dima diese Informationen. Die Fabriken standen bei den Dörfern Kambarka and Kizner und insgesamt waren wohl 4000 bis 5000 Menschen direkt von den Auswirkungen betroffen. Romans Vater untersuchte regelmäßig die Bewohner; vor allem Lungenkrankheiten waren dort sehr verbreitet, erzählte Roman; sie wurden dort durch die Luft dort regelrecht vergiftet. Außerdem wurden dort genug chemische Waffen gelagert, dass bei einem GAU halb Europa vergiftet werden würde.
Ich nahm zurück, dass mir in Russland nichts mehr Angst machte. Dieses Land war marode und dadurch eine tickende Zeitbombe.
In den 90ern beispielsweise hatte es laut Roman in Sibirien einen größeren radioaktiven GAU gegeben als damals in Tschernobyl, aber diese Gegend war unbewohnt, weshalb dieses Vorfall wenig öffentliche Empörung erzeugte und in weiten Kreisen vielleicht gar nicht bekannt geworden war. Und hatte man nicht im kirgisischen Gebirge zu Sowjetzeiten Atommüll eingelagert, das von Erdbeben und Erdrutschen bedroht war? Wenn dort wirklich einmal etwas schief ginge, wäre auf einen Schlag halb Zentralasien verseucht, das vom Wasser aus den Flüssen dieser Gebirge lebt. Dagegen war Gorleben das reinste Hochsicherheitslabor.
Aber das einzige, was man machen konnte, war - wahnsinnig zu werden, wenn man zu viel darüber nachdachte.
Wir brachen schließlich auf um zu Sina zu gehen. Dima stand unter Nastyas Pantoffel traute sich nicht ohne ihre Erlaubnis mitzukommen und versuchte sie 10 Minuten lang auf dem Handy zu erreichen. Als er damit keinen Erfolg hatte, ging er lieber trotzdem nach Hause.
Bei Sina war gerade eine Nachfeier zum Konzert im Gange - eigentlich eine After-After-Party; Sina stand mit Lena in der Küche und buk Pizza; Vanya, Mischa und Sinas alte Freundin Mascha saßen und standen daneben; Andrey war auch irgendwo - die Stühle reichten nicht aus in dieser kleinen Wohnung.
Vanya und ich konnten uns wie immer nicht so richtig unterhalten und begannen auf einen Scherz der anderen hin ein Städte-Spiel zu spielen: Einer nannte eine Stadt, und der andere musste eine Stadt mit dem Endbuchstaben der letztgenannten Stadt finden, und so weiter. Wir amüsierten uns herrlich dabei, aber noch viel mehr amüsierten sich unsere Freunde um uns herum, die uns dabei zusahen. Das Spiel besaß jedoch ein natürliches Ende, weil fast alle russischen Städte auf k enden - manche auch auf ov, und fast alle deutsche hingegen auf n, und es gab einfach nur eine begrenzte Anzahl von Städten, die mit K, V oder N begannen. Einmal endete eine Stadt auf ы (ausgesprochen wie eine Mischung aus i und ü), aber es gab wohl in der ganzen weiten Welt keine Stadt, die mit ы begann.
Also die Pizza fertig war, machten wir es uns im Schlafzimmer auf dem Boden bequem, wo Sina sogar eine Tischdecke für uns ausgebreitet hatte. Sina verschwand jedoch gleich wieder in der Küche. Ich schaute später nach ihr; sie buk wieder Kekse. Ich leistete ihr Gesellschaft, aber helfen lassen wollte sie sich nicht - dabei war es so einfach, dass sogar ich es könnte: Teig, Rosinen in Zimt vermischt darauf, und noch eine Schicht Teig oben drüber.
Sina gesellte sich erst wieder zu den anderen, als sie die Kekse sicher aus dem Ofen geholt hatte. Es wurde sehr viel gelacht, Sina sogar hysterische Tränen, und Vanya schnappte sich eine der vielen Gitarren, spielte und sang; auch Sina stimmte dann mit ein. Nur sc


















