Dienstag, 28. September 2010

Nachgetragen. Teil 2. (21. Juni bis 25 Juni)

21.06. Bisher waren meine Sommerreisepläne recht wenig konkret gewesen, doch heute wollte ich mich hinsetzen und den Reiseplan ausarbeiten. Es reicht ja nicht festzulegen, in welchen Städten ich wie lange bleiben wollte - ich musste auch die Entfernungen zwischen den Städten in Betracht ziehen, die meistens eine ganze Tagesreise auseinander lagen, weshalb die Züge zwischen ihnen nicht so häufig fuhren wie man es vielleicht aus Deutschland gewöhnt war. Nur funktionierte die Webseite der russischen Eisenbahn rzd.ru schon seit Tagen nicht so recht; wahrscheinlich war der Server hoffnungslos überlastet von den vielen Anfragen, die in der Hauptreisezeit gestellt wurden. Gleichzeitig wurden neue Skripte aus dem Server ausgetestet, die sich mit neuen Oberflächen zeigten und den Server manchmal für Stunden lahmlegten.
Nach ewigem Probieren hatte ich schon herausgefunden, dass sich die Seite immer dann aufhängte, wenn an diesem Tag Resultat verfügbar war und die Suchanfrage in Leere lief. Statt minutenlang auf das Verschwinden der Sanduhr zu warten, konnte man dann einfach die Startseite neu aufrufen und eine Weißere Anfrage stellen. Zu meinem Bestürzen stellte ich fest, dass die Tickets bereits einen Monat vorher schon fast ausverkauft waren, besonders auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn. Wahrscheinlich war das die Schuld der deutschen Reiseunternehmen, die sich die Tickets schon am Herausgabetag sechs Wochen vor Abfahrt sicherten und für den russischen Reisenden nur noch Restposten hinterließen, zum Beispiel die Sitze neben den Toiletten. Erst später erfuhr ich, dass mit Absicht von der Eisenbahngesellschaft nur ein Teil der Tickets am Herausgabetag freigegeben wurden, sodass niemand alle kaufen und teuer verkaufen konnte, und an den Bahnhöfen einige Tage vor der Abfahrt immer noch ein Restbestand an Tickets vorhanden war. Außerdem konkurrierte ich überhaupt nicht mit den deutschen Transsib-Touristen um die Tickets, denn sie fuhren normalerWeiße zWeiße Klasse, während ich in der billigeren dritten Klasse fahren wollte. Aber all das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für mich sah es so aus, als gäbe es in jedem der Züge, die ich nehmen wollte, nur noch eine Handvoll billige Tickets, und es wurden von Tag zu Tag weniger.
Ich musste schleunigst mit Sina darüber reden, denn wenn sie wirklich mitwollte, mussten wir uns die Tickets in den nächsten Tagen kaufen. GlücklicherWeiße hatte sie heute Abend wieder eine Bandprobe, zu der sie mich eingeladen hatte.

Doch vorher musste ich noch ins Auslandsamt um mir das Datum für meine Rückkehr nach Izhevsk im September bestätigen zu lassen, sodass ich den Flug buchen konnte, denn ich hatte noch nicht mal ein Flugticket zurück nach Deutschland für Mitte August, und gerade jetzt waren die Flüge ausgesprochen günstig zu buchen, 170 Euro hin und zurück, direkt über die Webseite von Aeroflot.

Eine der Etagenfrauen schenkte mir ab und zu etwas Schokolade, heute gab sie mir beim Verlassen des Wohnheims feine, dunkle Gorki-Schokolade, die sie aus Moskau mitgebracht hatte. Die Etagenfrauen waren wirklich wie Ersatzgroßmütter für uns. Ich beschloss, ihr auch etwas aus Deutschland mitzubringen.

Ich traf Sina nahe der Udmurtischen Universität, wir wollten erst spazieren gehen und dann zur Probe. Es war ein schöner warmer Tag, der nach Eiscreme roch. Überall waren kleine Eisstände auf Rädern aufgebaut, oder auch an Kiosken standen die Kunden vor dem Eis Schlange. Die Fußwege waren gepflastert mit Eis, das offenbar doch nicht so gut geschmeckt hatte und auf den Boden geworfen worden war.

Nun auch selbst an Eis kauend gingen wir Weißer zur UdGU, setzten uns dort zu den Füßen Puschkins und ich erklärte ihr meinen Reiseplan: Wir könnten am 18., 20. oder 22. Juli abfahren, das kam noch ganz darauf an, wann ich meine letzte Prüfung schreiben konnte. Dann würden wir nach Jekaterinburg und Novosibirsk zum Baikalsee fahren - denn bis Wladiwostok war es einfach zu weit - dort drei Tage verbringen und über Krasnoyarsk nach Izhevsk zurückfahren, wo ich meinen Reisekoffer und sie sich ihre Gitarre holen könnte um dann gemeinsam nach Moskau zu fahren, von wo aus sie dann nach Sankt Petersburg Weißerfahren könnte und ich nach Deutschland flog. Sie nickte lächelnd auf den Boden schauen und meinte, sie hoffe, dass alles so klappen würde.

Dann machten wir uns auf den Weg zum Proberaum. Sina war schon leicht panisch, ob wir es rechtzeitig schaffen würden; für den letzten Kilometer sprangen wir schließlich in einen Bus.
Der Proberaum befand sich erstaunlich nah an meinem Wohnheim, nur noch ein Stückchen Weißer die sandige Straße Richtung Standrand, wo es gar nichts mehr gab - außer diesem alten Naturkundemuseum, dessen alte Büroräume als Privatbüros oder Bandraum vermietet wurden. Es erinnerte mich an einen Zoo, in dem ich einmal gewesen bin, aber ich konnte mich absolut nicht daran erinnert, wo das gewesen sein sollte: Ein überdachter Innenhof, in dem wahrscheinlich einmal Bananenstauten wuchsen oder künstliche Bäume ausgestopfte Affen trugen. Nun wirkte es sehr verlassen und schaurig.
Der dicke Schlüssel klemmt, die Tür quietsche, dann konnten wir uns alle in den kleinen, muffeligen Proberaum drängen, in dem die Instrument verteilt waren und Kabel zwischen ihnen auf dem Boden verliefen. An der Wand hing eine alte, vergilbte Karte der Sowjetunion, am Balkon stand ein zerschlissenes Sofa.
Neben den Mitgliedern der Band war auch Stasya gekommen, die eigentlich Wachdienst in einem leerstehenden Krankenhaus hatte, es jedoch meistens vermied, dort zu sein. Sie ging auf den Balkon zum Rauchen während die anderen aufbauten. Wir unterhielten uns kurz. Ihr langjähriger Freund war für einige Wochen zurückgekommen und sie wusste nicht so recht, wohin es mit ihnen gehen sollte. Von diesem geheimnisvollen Freund hatte ich schon gehört, aber gesehen hatte ich ihn nie und wusste nicht so recht, was ich ihr raten sollte. Sina meinte, er würde Stasya verändern, wenn er bei ihr war. Aber wer verändert sich nicht, wenn er oder sie bei einer Person ist, die er oder sie beeindrucken will?



Sina begann auf ihr Schlagzeug einzuschlagen, die Jungs ihre Gitarren zu quälen. Es war hauptsächlich Krach. Stasya und ich nahmen auf dem Sofa Platz und hörten zu. In einer Pause gingen alle auf den Balkon um zu rauchen oder frische Kirschen zu essen. So oft wie sie spielten, hatte sich da offenbar ein gewisser Ablauf eingebürgert. Danach ging Stasya ihren Freund zu treffen, während Weißere Leute zu den Probe
n stießen. Es waren schon die Mitglieder von Sinas zWeißer Band, die im Anschluss proben würden. Ich als ihr neuer Groupie blieb. Ich hatte die wissenschaftlichen Arbeiten von Albert dabei, die ich lesen sollte, und ich stellte mit Erstaunen fest, wie gut ich mich in diesem Lärm darauf konzentrieren konnte. Es war fast, als hämmerte das Schlagzeug und die Bässe sämtliche andere Gedanken aus meinem Kopf heraus. Ich begann sogar die Vektoren und Formeln zu verstehen.
Wenn es gar zu laut wurde, trat ich auf den Balkon hinaus. Es war ein einiger langer Balkon für sämtliche Büros neben dem Proberaum. Man konnte durch die verschmutzen und angebrochenen Fenster hineinsehen; in einigen standen nur Kisten, in anderen befand sich tatsächlich ein Büro, in dem sogar Pflanzen standen. Eine Wespe zwängte sich mehrmals durch einen Ritz in der Hauswand hinein; wahrscheinlich hatte sie darin ein Nest.
Als ich nicht mehr im Zimmer war, begannen sich Sina und Mischa anzuschreien. Er warf ihr vor, alles falsch zu machen, sie schrie zurück, dass sie es machte wie im Buch und dass er völlig falsch lag. Erst weit nach 22 Uhr waren sie fertig; Sina hatte schlechte Laune und Mischa sprach nicht mehr mit der Gruppe.
Wir gingen gemeinsam nach draußen, Sina meldete die Gruppe beim Wachtjor ab und bestand darauf, an meinem Wohnheim vorbeizugehen um mich dort zu verabschieden, aber schon am Unigebäude schickte ich sie nach Hause; es war schon spät, und sie sollte bei Mischa bleiben, der in ihrer Nähe wohnte. Die beiden hatten immer wieder ihr kleinen Zoffs, waren aber so etwas wie beste Freunde, vermutete ich von ihren Erzählungen her.


22.06.
Als ich heute in den Computerraum ging, wurde gerade für neuen Toner gesammelt, sodass wir Weißer drucken konnte. Dafür wurden 30 Rubel von jedem verlangt, der den Drucker mitbenutzte. 30 Rubel waren weniger als ein Euro, aber ich hatte gerade kein Kleingeld, da meinte Murik, ich könnte ihm auch einfach ein Eurostück geben; das redete ich ihm aus, da er es eh nicht umtauschen konnte, denn in Wechselstuben nahmen sie normalerWeiße nur Scheine. Ich versprach, es nach dem Einkaufen vorbeizubringen. Ich musste eh einmal wieder meinen Vorrat an Naschwerk aufstocken - seit Petersburg hatte ich eine neue Sucht: Skittles. Dies war eine amerikanische Süßigkeit, die offenbar so ungesund war, dass man sie in der EU nie zugelassen hätte, denn dort hatte ich sie noch nicht gesehen - ich kannte sie nur aus amerikanischen Fernsehsendungen. Es gab sie in vier verschieden Sorten, von verschiedenen Fruchtzusammenstellungen bis hin zur sauren Variante. MittlerWeiße aß ich bestimmt zwei Packungen pro Tag.

Heute fand wieder ein Praktikum statt, aber da der Vorlesungsstoff praktisch nur aus Marketingkonzepten bestand, konnte im Praktikum nichts Sinnvolles gemacht werden. Die meisten Praktikumsaufgaben bestanden darin, sich auf der Cisco-Webseite durch die Produktpalette zu klicken. Emilyanov begann mit einer anderen Übung, die überhaupt nichts mit dem Vorlesungsstoff zu tun hatte, nur um irgendwie die Stunden zu füllen.
Albert war noch von der letzten Vorlesungseinheit im Raum und nahm mich zum Plaudern beiseite. Er hatte jetzt schon konkretere Pläne für seinen Urlaub, Verzeihung, Dienstreise. Er wollte tatsächlich auf eine Konferenz in Ulan Ude, eine Stadt in der Nähe des Baikalsees, aber erst nach 10 Tagen Aufenthalt in Ägypten. Er meinte, es sei kein Problem, wenn ich schon am 18. Juli fahren wollte, wir können die Prüfung am 16. oder 17. schreiben. Ich bat ihn noch um eine Konsultationsstunde wegen meiner Masterarbeit bevor er wegfuhr um meine Fragen rund um den schwer verständlichen Inhalt loswerden zu können und zeigte ihm die mit Anmerkungen und Fragezeichen versehenen Zettelstapel und zwei mit Fragen vollgekritzelte A4-Notizblätter. Er warf einen Blick drauf und meinte: "Morgen, OK?"

Albert packte zusammen und ich gesellte mich wieder zur Gruppe um Emilyanov. MittlerWeiße zeigte er uns Videos mit semitechnischem Inhalt und schickte uns eine halbe Stunde eher nach Hause. Ich blieb noch um kurz fragen, was ich verpasst hatte, obwohl ich bezWeißelte, dass ich irgendetwas verpasst hatte. Emilyanov erklärte mir, dass auf dem Video Glasfaserkabel repariert wurden mit einem Gerät namens Splicer von Fujikura. Ich heuchelte wohl aus Versehen zu viel Interesse, woraufhin er die Firmenwebseite suchte um den Preis für das Gerät herauszufinden. Aber so baute sich wohl doch langsam ein freundschaftlich-ähnliches Verhältnis zwischen uns auf. Ich bin eine harmoniebedürftige Person, die so etwas braucht.

Am Abend wollte eigentlich Zsolt für mich kochen, aber er kam heute nicht um an meine Tür zu klopfen und im Moment genoss ich lieber die Stille. Ich hatte zu viele Geschichten von ihm gehört. Ich sollte ihm wohl noch die DVD mit den russischen Filmen brennen, aber das Brennprogramm müsste ich erst aus dem Internet herunterladen, dazu in den Computerraum gehen und sowieso installieren, und ach... Ich spürte die Müdigkeit schon in allen Gliedern; es war ja auch schon fast 23 Uhr... ich müsste mir wohl auch mal von Murik das Stimmprogramm für die Gitarre geben lassen... und überhaupt die Master-Vereinbarung drucken zu lassen um sie Albert zum Unterschreiben vorzulegen… Also doch die Müdigkeit überwinden und einfach mal anpacken.

23.06.
Es war schon seit Wochen warm, aber nun kletterten die Temperaturen jeden Tag auf 30 Grad. Mein Fenster stand den ganzen Tag und die ganze Nacht offen, aber es war drinnen wie draußen - einfach zu heiß. Ich überlegt schon mit offener Kühlschranktür zu schlafen und kühlte mein Notebook mit allem, was ich an Gefrorenem im Gefrierfach finden konnte.
Ich vermied es, das Haus zu verlassen, denn dann musste ich mir Jeans anziehen, weil ich es noch nicht geschafft hatte, mir einen Rock zu kaufen. Aber irgendwann musste ich nach Draußen gehen, schon allein um etwas Essbares zu finden. Ich sah in den Kühlschrank. Dort lag eine beachtliche Menge Schokolade, aber sonst nicht viel. Ich kochte etwas Wasser und kippte es über eine Packung Tütennudeln. Das musste für heute noch ausreichen. Ich setzte mich wieder in Spaghettiträgerhemd an den Computer und schwitzte noch ein bisschen. Ich überlegte, wenn schon in Russland 30 Grad sind, wie wird es dann erst für Albert in Ägypten werden? Ich hatte ihm schon im Mai von seiner Idee abgeraten, aber wenn sich dieser Mann einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war jedes Weißere Wort sinnlos.
Ich versuchte mich noch einmal mit Duschen abzukühlen, aber das Wasser war gleich zu eisig, wie direkt von einem Gletscher abgepumpt. Offenbar hatte man im Sommer das warme Wasser abgestellt um die Rohre für den Winter instand zu setzen.

Ich hatte gerade wieder Alberts Dokumente in die Hand genommen, da vibrierte mein Handy; Albert schrieb, wir könnten uns 14:20 zum Mittagessen treffen. Ich lachte unwillkürlich auf. So eine präzise Uhrzeit würde er doch eh nie einhalten können.
Tatsächlich wurde es 14:40 bis er joggend in der Eingangshalle von Gebäude 1 ankam, wo wir uns treffen wollten. Es blieb kaum Zeit hallo zu sagen, er bedeutete mir mit einer Geste, schnell mitzukommen und begrüßte gleichzeitig einen Kollegen und wechselte ein paar Worte im Laufen mit ihm und drehte dabei fast eine Pirouette. Wir gingen in die nächste Cafeteria - aber nicht etwa die im Keller, sondern eine bessere, die mir Albert schon ein paar Mal empfohlen hatte.
Ich holte mir nur ein Tellerchen Suppe und einen Salat, weil es viel zu heiß zum Essen war; Albert war vor mir dran gewesen und schon wieder verschwunden als ich an den Tisch kam, auf den er sein Tablett abgestellt hatte. Entweder war ich heute sehr langsam, oder er hatte es eilig. Sekunden später kam er mit Besteck für sich zurück, bemerkte, dass er vergessen hatte, Besteck für mich mitzubringen und verschwand noch einmal bevor ich überhaupt aufstehen konnte. Vermutlich lebte er gerade auf einer anderen Zeitebene. Im Nu schaufelte er seine Suppe, den Hauptgang, den Salat zum Nachtisch und sah schon unauffällig auf meine noch halbvolle Schüssel. Wir hatten noch nicht mal angefangen, über die Arbeit zu sprechen und er wirkte, als müsste er schon wieder los. Ich bot ihm an, dass er ruhig schon aufbrechen könne, wenn er einen Termin hatte, aber er winkte ab - nur Vorlesungen. Die Studenten seien es ja gewöhnt, dass er zu spät kam.
"Aber wann können wir die Konsultation machen?", fragte ich ihn und legte einen Zahn zu beim Essen. Er überlegte kurz und versprach, mir bescheid zu geben.

Tatsächlich schrieb er mir noch am gleichen Nachmittag eine SMS, ich solle um 20 Uhr zu ihm ins Büro kommen. Da kamen alte Erinnerungen hoch. Wobei sie noch gar nicht so alt waren, die Erinnerungen; es kam mir nur als eine extrem lange Zeit vor, seit ich das erste Mal verschüchtert vor Alberts Büro stand und genau die verabredete Uhrzeit abwartete bevor ich anklopfte.
Nur dass er diesmal nicht drinnen wartete, sondern aus einer Meute von Studenten am anderen Ende des Korridors kam, die ihn mit letzten Fragen zu ihrer Bachelorarbeit bestürmt hatten, denn morgen fand die Vor-Verteidigung ihrer Arbeiten statt, erzählte mir Albert dann. Ich solle auch kommen, es sei sicher interessant für mich. Ich sah ihn skeptisch an. Das letzte Mal, als er mir gegenüber diese Worte äußerte, hatte ich mich drei Tage lang durch die internationale Konferenz der LangeWeiße gequält.

Wie beim ersten Mal bot mir Albert Tee und Süßigkeiten an und hätte wieder auch dann Wasser angesetzt, wenn ich abgelehnt hätte. Neugierig sah ich mich um. Dort, wo der Tee und die Süßigkeiten gelagert wurden, standen bestimmt 20 gebrauchte Wodkagläser in allen Größen und Formen. Einige davon hätten gut und gern auch Teelichterbecher sein können.

Die nächsten zwei Stunden gingen wir meine Notizen durch und Albert erklärte so gut wie möglich, was er sich dabei gedacht hatte, aber an einem Punkt meinte er, dass die Mathematik dahinter gar nicht so wichtig sein, und dass es nur eine formelle AusdrucksWeiße war, die eben in eine wissenschaftliche Arbeit gehört. Ab und an wurden wir von seinem Chef unterbrochen, den ich noch aus dem Zug nach Moskau kannte, wenn er ins Büro kam um irgendwelche Unterlagen zu holen oder zu bringen. Aber gegen 22 Uhr ging er doch nach Hause, wie es sich für den Leiter einer Einrichtung eigentlich schon viel früher gehörte. Albert und ich brüteten immer noch über den Zetteln, wurden aber immer ausgelassener dabei, wie es eben passiert, wenn das Gehirn vom Denken langsam zu Gulasch wird. Die letzten Fragen rauschten nur noch durch. Nachdem ich den letzten Zettel umgedreht hatte und einen ganzen Stapel neuen Papiers mit Notizen und Skizzen darauf erhalten hatte, lächelte Albert plötzlich verschmitzt, verschwand hinter der Anrichte und brachte eine Flasche und zwei Teelichtergläser mit. Es sei guter russischer Cognac, meinte er und schenkte die Gläser halbvoll. Es war nicht mehr viel in der Flasche und mich hätte gern interessiert, wie viel Liter in so einem Professorenbüro in Russland wöchentlich flossen.

Wir stießen auf unsere Zusammenarbeit an. Ich freute mich ja, dass er sein Versprechen eingelöst hatte, dass wir einmal zusammen trinken würden, aber es kam ein bisschen plötzlich und ich hatte mich essenstechnisch nicht auf Alkohol vorbereitet; nicht mehr lange und es würde mir unglaublich zu Kopf steigen. Albert holte nun auch noch Tafeln feiner Schokolade mit 70% Kakao-Anteil und goss schon die zWeiße Runde ein. Auf den ersten müsse immer ein zWeißer folgen, behauptete Albert. Wir stießen auf das Wiedersehen im September an.
Es war nun schon fast 23 Uhr und er beschloss, sich ein Taxi zu rufen. Es sei in 10 Minuten da, meinte er, und begann zusammenzuräumen. Er bestand darauf, dass ich die übriggebliebenen Täfelchen Schokolade mitnahm. Ich hielt mich etwas am Stuhl fest und räumte die Süßigkeiten zusammen. Der Cognac war richtig gut gewesen, anders als die Würgehilfe, die wir in Sankt Peterburg getrunken hatten; diesen Trunk hätte ich am liebsten wie Wein genossen, aber Albert hatte darauf bestanden, ihn in einem Zug hinterzukippen. Nun drehte sich alles ein wenig. Die Müdigkeit, die Hitze des Tages und das wenige Essen waren keine gute Kombination gewesen.
Ich hielt jedoch tapfer durch und stapfte neben ihm die Treppen hinunter. Er entschuldigte sich beim Wachtmann, dass es ein wenig später geworden war.

Vom Taxi war noch nichts zu sehen. Ich bot Albert an, mit ihm auf das Taxi zu warten und dann nach Hause zu gehen; ich wohnte ja gleich um die Ecke. Da fuhr auch schon das Taxi ein, wir umarmten uns und wüNächten uns eine gute Nacht. Von da an wurde es ein wenig verwischt in meinem Gedächtnis. Das spiegelte auch die Fotos wieder, die ich an diesem Abend gemacht hatte. Als ich die Fotos am nächsten Tag durchging, fand ich etwa zwanzig dieser Art vor:

Ich musste mich wohl irgendwann hingesetzt haben, um an dem bunten Blumenbeet vor unserer Uni schnuppern zu können, beziehungsWeiße umgefallen sein, denn ich fand viele Blumen im Großformat auf meiner Speicherkarte vor. Das Umgefallensein schlussfolgerte ich aus den blauen Flecken, die schon am nächsten Tag meinen Hintern zierten.

24.06.
Im Halbschlaf wälzte ich mich im Bett herum und fragte mich, warum mir alles weh tat. Beim Aufwachen kam dann die Erinnerung bruchstückhaft zurück und ich grinste. So etwas kann einem auch nur in Russland passieren. Ich hüpfte aus dem Bett und betrachtete meinen Allerwertesten im Spiegel. Es sah aus, als hätte mir jemand das Logo der Love Parade auf den Hintern tattoowiert. Weißer oben fand ich noch eine Schürfwunde, die erst richtig weh tat, nachdem ich sie entdeckt hatte. Auf was war ich da gelandet? Ich hatte die dunkle Erinnerung, gepfählt worden zu sein, glaubte aber selbst schon, dass ich diesen speziellen Teil des Abends nur geträumt hatte.
Auf dem Weg zur Uni inspizierte ich die Gegend nach Pfählen auf dem Weg, oder nach sonstigen spitzen Gegenständen. Das Love Parade-Logo hatte ich wahrscheinlich dem Asphalt zu verdanken - und den Treppen. Die waren schon im Nächternen Zustand relativ schwer zu erklimmen.

Mit einem Kater kämpfend ging ich erst ins Auslandsamt, dann zur Vor-Verteidigung und hatte das dumme Gefühl, dass sich alles wiederholte. Tatsächlich war Albert wie erwartet nicht da und das Zimmer voller aufgeregter Studenten, die ich nicht kannte. Ich ging nach draußen, wo ich mehr Platz hatte und ließ mich auf dem Boden nieder, nur um gleich wieder aufzustehen, weil mir mein angeschlagener Hintern das Sitzen vorerst verWeißerte. Ich begann halb an die Wand gelehnt einen Programmauflaufplan zu zeichnen. Drei Weißere Studenten warteten mit mir draußen; sie warten auf Albert um bei ihm eine Prüfung nachzuschreiben, konnte ich herausfinden. Sie fanden es ausgesprochen lustig, mit mir auf Russisch zu sprechen; so was wie mich hatten sie noch nicht gesehen: Einen Ausländer - an der ISTU. Jemand kam nach draußen und zische uns an, dass wir leiser sein sollten, denn drinnen ging das Durchbraten der Studenten vonstatten. Als Grillmeister diente eine wahrhafte Hexe, die einige der Studenten so zur Schnecke machte, dass diese gar nichts mehr sagen konnten und einfach gingen. Später, als die Studenten meiner Gruppe hinzukamen, erzählte mir Egor, dass diese Professorin von nichts Ahnung habe außer von ihrem Spezialgebiet, zu dem sie jedes Jahr die gleiche Aufgabe als Bachelorarbeit herausgab. Das wussten die Studenten und schrieben vom vorherigen Jahrgang ab. Die aktuelle Studentin hatte jedoch nur ihren Name auf die Arbeit vom letzten Jahr draufgeschrieben und war dabei erwischt worden. NormalerWeiße fiele das nicht auf, behauptete er, aber manchmal schauen sich die Professoren die Arbeit übers Deckblatt hinausgehend an.

Albert kam eine Stunde zu spät und sah sehr müde aus. Später erfuhr ich von Olga, dass er nach unserem kleinen Anstoßen noch die Präsentationen einiger Studenten korrigiert und den Bachelor-Arbeiten einen letzen Schliff gegeben hatte. Ich hatte einen Fitnessdrink für ihn aus dem Supermarkt mitgebracht und drängte mich in einer Pause zwischen zwei Präsentationen durch die Mengen wartender Studenten zu ihm durch. Nun sah ich auch, dass die Hexe vorher nicht allein gewesen war; Emilyanov und das Mädchen, das bei ihm ihre Masterarbeit schrieb, saßen bei ihr. Nur hörte irgendwie niemand mehr zu. Im Zimmer war eine Lautstärke wie in einem Kindergarten. Die Studenten diskutierten miteinander, während einer ihrer Mitstudenten seinen Vortrag hielt; die Begutachter diskutieren ebenfalls, aber sie telefonierten auch, schrieben SMS, gingen mitten im Vortrag nach draußen oder surften auf dem Laptop im Internet.
Ich fragte mich, warum dieser ganze Zirkus überhaupt aufgeführt wurde. Auch das erklärte mir Egor. Das sei allein dafür, dass die Studenten ihre Bachelorarbeit rechzeitig fertig stellten; außerdem erhielten sie bei dieser Präsentation letzte HinWeiße für ihre Arbeit.
Ich bat Egor, doch ein wenig leiser zu sprechen, weil jeder unser Gespräch hören konnte, oder es zumindest mehr auffiel, weil es auf Englisch geführt wurde. Doch offenbar war er nicht in der Lage, auf Englisch zu flüstern. Ich begann das Gespräch schließlich abzuwürgen.

Ich sah mich um, doch ich konnte Pascha nirgendwo entdecken. Besonders auf seine Arbeit war ich gespannt, weil er sie etwa vor einer Woche begonnen hatte und vorgestern noch nicht einmal die Hälfte geschafft hatte. Er hatte mich an jenem Abend kontaktiert und nach der Befestigung einer Antenne an einem WLAN-Router gefragt. Das klang für mich nach einem Fall für Professor Puschin und ich hatte Pascha die Handynummer geschickt.
Schließlich kam Pascha angerannt; er war gerade mit dem Drucken seiner Arbeit fertig geworden, hatte aber noch keine Präsentation zusammengestellt. Ich schlug vor, dass er es jetzt noch machen könnte, wir waren immerhin in einem Computerpool. Er überlegte kurz und setzte sich dann tatsächlich an einen freien Rechner. Die anderen Rechner waren mit Studenten besetzt, die auf die gleiche Idee gekommen waren. Nur leider funktionierte die USB-Schnittstelle im Moment nicht, sodass er sein Datenmaterial nicht auf seinen Computer übertragen konnte. Aber auch dafür hatte er eine Lösung: Er bat einen seiner Mitbewohner, die Daten per E-Mail zu ihm zu schicken. In der Zwischenzeit wurde Pascha schon das zWeiße Mal von der Hexe aufgerufen, er möge doch bitte seinen Vortrag halten. Pascha versuchte sie zu beschwichtigen: Bitte, geben Sie mir noch Zeit, ich habe Probleme mit meiner Präsentation, die USB-Karte wird nicht erkannt… Ich schlug vor, einer anderen Datei die Datei-Endung einer PowerPoint-Präsentation zu geben. Das würde beim Öffnen eine Fehlermeldung geben und er konnte dann die Hexe verzWeißelt anschauen: "Da muss etwas beim Kopieren schiefgegangen sein!" Daran hatte er auch schon gedacht, meinte er. Unter russischen Studenten hatten sich diese kleinen Tricks und Ausreden offenbar auch schon verbreitet.

Diese Veranstaltung zog sich noch lange in den Abend hinein. So langweilig war es nicht geworden, aber doch zu lang für meinen Geschmack. Ich verabschiedete mich ohne die Vorträge von Egor oder Pascha gehört zu haben. Aber das hatten sicher nicht einmal die Anwesenden.

Eigentlich hatte ich schlafen gehen wollen, aber da tat sich noch einmal ein Problem auf: Übermorgen wollten wir mit der halben Stadt nach Kazan zum "Creation of Peace"-Festival fahren, aber niemand hatte sich dafür verantwortlich gefühlt, mir ein Busticket mitzukaufen: Stasya dachte, Nastya kümmerte sich darum, und Nastya hatte mich vergessen, weil ich zu dieser Zeit in Sankt Petersburg gewesen war. Nun waren alle Bustickets ausverkauft, aber Nastya versprach, etwas zu organisiere.


25.06.
Tatsächlich erhielt ich schon am Vormittag von Nastya eine Mail mit den Handy- und ICQ-Nummern zweier Bekannten, die eine Fahrgemeinschaft nach Kazan bildeten. Ich meldete mich gleich bei ihnen und erhielt die Zusage; es kostete mich ebenfalls nur 350 Rubel.
Ich hatte eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet. Nun musste ich plötzlich so viel organisieren, zum Beispiel eine Unterkunft in Kazan, weil meine Fahrgemeinschaft nicht wie der Reisebus noch am gleichen Abend zurück nach Izhevsk fahren würde, sondern erst am nächsten Vormittag. Ohne erst nach potentiellen Couchsurfing-Gastgeberm zu suchen, setzte ich gleich eine Last-Minute-Anfrage mit meiner Handynummer ab und ging los um Proviant einzukaufen.

So gern ich in den großen Karusel-Supermarkt ging, so sehr ging er mir manchmal auf die Nerven. Ich konnte ihre Werbeansagen praktisch auswendig ohne die Worte zu verstehen und hatte mich schon ein paar Mal dabei erwischt, ihr Werbelied vor mich hingesummt zu haben. Heute aber ging mir vor allem einer der Einkaufenden auf die Nerven. Es war ein überall behaarter Typ mit Bierbauch, der nur ein schwarzes Netzhemd und eine Jogginghose trug. Bei dem Anblick schüttelte es mich innerlich. Er sah aus wie eine schwule männliche Prostituierte mit diesen Fäden, die über seine Brustwarzen gespannt waren. Als ich das sah, dachte ich nur: Igitt, bloß kein zWeißes Mal hinschauen.
Doch er lief mir immer wieder über den Weg. Ich konnte gar nicht schnell genug an die Kasse kommen und vergaß sie Hälfte von dem, was ich kaufen wollte.

Am Abend traf ich kurz auf Sina. Wir hatten uns am Nachmittag am Telefon gestritten, weil sie es wieder nicht geschafft hatte, mit mir die Zugtickets für unsere Reise kaufen zu gehen. Ich konnte sie schon aus zwei Gründen nicht allein besorgen: Ich brauchte Sinas Reisepass, und am Schalter nahmen sie mich allein nie für voll. Das hatte ich ja schon beim letzten Ticketkauf gemerkt. Nun kam sie nach der Bandprobe am Wohnheim vorbei und erklärte mir die Situation: Sie konnte nicht die vollen drei oder vier Wochen mit mir verreisen, weil ihre Bandmitglieder gedroht hatten, sie sonst zu ersetzen, und ihre Musik war ihr das Wichtigste im Leben, und sie hatte es nicht übers Herz gebracht, es mir zu sagen, weil sie mich nicht enttäuschen wollte. Dann sah sie mich mit großen Rehaugen an und meinte, eine Woche lang könnte sie schon mit mir verreisen, oder vielleicht bis zum Baikalsee. Ich rechnete ihr vor, wie lang wir allein bis zum Baikalsee unterwegs sein würden, und sie ließ den Kopf wieder hängen. Ich schlug vor, dass wir bei meiner Rückkehr von Kazan noch einmal darüber reden könnten.
Ganz in der Nähe begann ein Feuerwerk. Wahrscheinlich heiratete jemand.

Donnerstag, 23. September 2010

Nachgetragen. Teil 1. (17. Juni bis 20. Juni)

17.06.
Nun, was hatte ich in der Woche Sankt Petersburg verpasst? Eigentlich nichts. Die Ägypter hatten ihre Prüfungen geschrieben und wussten nun endlich, wie es mit dem Studium Weißerging – nämlich gar nicht. Von der Uni war ein Kurs zum Thema Satellitenkommunikation geplant gewesen, die Ägypter hatten lieber den Cisco-Kurs fortsetzen wollen, was der Uni jedoch zu teuer war, und auch in der verfügbaren Zeit kaum machbar. So war die Hälfte der Ägypter bereits in der Abreise begriffen, ein anderer Teil wollte noch ein paar Wochen lang ein Praktikum in verschiedenen Firmen machen und boten mir an, mich dort anzuschließen, aber ich ahnte schon, dass ich nicht genug Zeit dafür haben würde, weil ich noch ein gesamtes Cisco-Modul durcharbeiten musste, und das recht zügig, sodass ich eher auf meine Abschlussreise durch Russland gehen konnte. Laut Kursplan wären nur knapp drei Wochen am Ende dafür übrig geblieben, das reichte aber kaum, wenn ich wirklich bis nach Wladiwostok fahren und auf dem Weg noch einige interessante Städte sehen wollte.
Langsam sollte ich wohl auch den Flug nach Deutschland zurück buchen und darauf aufbauend meine Abschlussreise konkreter planen, Zugverbindungen heraussuchen und über Couchsurfing Übernachtungsmöglichkeiten finden. Ich müsste nur erstmal von Albert erfahren, an welchem Tag ich meine vorgezogene Prüfung schreiben dürfte. So richtig Laune ihn zu kontaktieren hatte ich aber auch nicht, da ich im Lesen seiner wissenschaftlichen Arbeiten noch nicht wesentlich Weißer gekommen war und ich vermutete, dass er sich gern mal darüber unterhalten würde.

Murik saß immer noch wie eh und je an seiner Abschlussarbeit im Computerzimmer, das hieß, er spielte Kriegsspiele mit den anderen Jungs dort. Ich meinte zu ihm, ich wollte mir nun auch eine Gitarre kaufen; das versuchte er mir auszureden, doch als er merkte, dass etwas aus meinem Trotzkopf nicht mehr herauszuschlagen ist, wenn es erst einmal drin ist, gab er mir Tipps, worauf ich beim Kauf achten sollte: Dass sie möglichst aus einem Stück besteht, dass die Saiten nicht sehr weit vom Klangkörper abstehen dürften, und so Weißer. Die Hälfte davon hatte ich bereits wieder vergessen als ich das Zimmer verließ.
Nun gab ich auf Russisch die Suchzeile "b/u Gitarre Izhevsk" in Google ein und wurde prompt fündig. Es gab drei aktuelle Angebote, teils gebraucht, teils neu, und alle im unteren Preisbereich. Ich schrieb schließlich dem Verkäufer mit dem preisgünstigsten Angebot eine SMS: "Ist die Gitarre noch nicht verkauft? Bitte nur mit SMS antworten, weil ich schlecht russisch spreche."
Zurück kam ein einziges Wort: "ДА", also ja.
Ich schrieb zurück: "Die alte für 1000 Rubel?"
Und erhielt eine sehr kryptische Antwort: "НОВАЯ ПОЛТОР" – das hieß etwa "neu anderthalb"
Nach kurzem Überlegen kam ich dann drauf: Die alte hatte er wohl schon verkauft und wollte jetzt auch eine neue loswerden, für 1500 Rubel, etwa 40 Euro. Das war auch das Angebot der anderen Verkäufer, also fragte ich, ob ich mir die Gitarre mal ansehen durfte. Daraufhin kam:
"ЗАВТРА В ВОСЕМЬ ОКОЛО ЦЕНТР ГАИ"
Langsam wurde mir der Mann zu anstrengend. Was soll das schon wieder sein? Um acht Uhr ja, aber morgens oder abends, und wo ist das "Zentrum GAI"? Ich fragte Murik um Rat. Der druckte mir gleich eine Landkarte aus, markierte mir die Stelle und suchte mir den entsprechenden Bus dorthin heraus. Manchmal wusste ich wirklich nicht, wie ich ohne ihn in Russland zurechtkommen sollte.

Nun musste ich mich aber mal auf dem Weg ins Auslandsamt machen um mich zurückzumelden. Alisa war zwar nicht auffindbar, aber Marina registrierte meine Rückkehr und wollte Alisa Bescheid geben. Nur schien es irgendwie noch ein Geldproblem zu geben, weshalb ich mich morgen noch mal im Auslandsamt melden sollte.
Da ich einmal auf dem Weg war, ging ich einkaufen, und zwar im schönen riesigen Karusel-Supermarkt, denn ich hatte schon vor meiner Abreise die Salat-Theke für mich entdeckt. Salat ist ja nicht einfach nur Salat in Russland – da gab es so viele verschieden Sorten aus den unterschiedlichsten Zutaten. Mein Liebling war der Salat "Belye rosy"; er bestand aus Hühnerbruststückchen, Majonäse, Erbsen, saure Gurke, Dosenchampignons, Dill und Zwiebeln und war gut gewürzt. Den könnte man auch mal selbst machen. Heute aber nahm ich den Vinaigrette-Salat. Als ich ihn dann schon auf dem Weg zum Bus in mich hinein spachtelte, dachte ich plötzlich: "So weit ist es schon mit dir gekommen, du isst freiwillig rote Beete. Wenn das deine alten Kindergärtnerinnen wüssten!" Denen hatte ich dieses Gemüse noch um die Ohren gehauen.
Russland hatte schon einen seltsamen Einfluss auf mich.

Doch etwas wird man nie los: Die natürliche Faulheit. Als ich gekochte, ungeschälte Kartoffeln auf der Salat-Theke entdeckt hatte, beschloss ich, dass es förmlich nach "Kartoffeln mit Quark" zum Mittag roch – ein Gericht, das ich mir schon allein deswegen nicht zubereiten würde, weil es rohe Kartoffeln involviert und mir die Anstrengung allgemein zu groß ist, Kartoffeln zu kochen.
Doch wo sollte ich den Quark herbekommen? Ganz einfach: Statt Quark saure Sahne verwenden, das ist eh fast das Gleiche.

Zu Hause wartete noch etwas mehr Arbeit auf mich, zum Beispiel wollte die Wäsche mal wieder gewaschen werden. Die saß schon aufrecht auf meinem Stuhl und bat mich darum.
Während die beiden Maschinen liefen, die ich für mich beansprucht hatte, setzte ich mich wieder hin und studierte ein wenig vor mich hin, bis mich mein Handy daran erinnert, dass ich noch einige andere Dinge zum Abschluss meiner Petersburgreise zu erledigen hatte: Ein ganzer Stapel Handynummern und Emailadressen hatte sich auf der Reise angesammelt, und sie alle musste ich aus Höflichkeit kontaktieren, oder weil sie mir vielleicht doch noch mal nützlich sein könnten. In Russland läuft alles über Vitamin Bekanntschaft. Dann musste ich Julia noch eine Referenz in Couchsurfing schreiben, denn das gehörte zum Anstand, wenn man sich bei einem Fremden ein paar Tage hat durchfüttern lassen. Referenzen sollen die Gastgeber bewerten und loben sie meist in den Himmel. Auch dieser Tradition schloss ich mich im Allgemeinen an.
Dann wollten noch Fotos sortiert und ein Teil davon für Freunde ins Internet hochgeladen werden, und ein Teil des Teils für diesen Blog aufbereitet werden. Und natürlich wollte der Blog auch noch geschrieben werden, aber das verzögerte sich immer Weißer aufgrund der vielen Aufgaben im Studium, oder einfach aus Faulheit.
Am Schluss noch nach Romas Vorbild Gitarrenlernvideos von Youtube herunterladen und dann war es schon Zeit zum Schlafengehen, wenn ich morgen früh meinen Gitarrenverkäufer treffen wollte.

18.06.
Ich musste gar nicht lang warten, bis mein Bus Richtung Zentrum der GAI fuhr, die, wie mir Murik erklärt hatte, die Verkehrspolizei war. So hatte ich ein nicht ganz so mulmiges Gefühl im Bauch, mich mit einem Unbekannten im Nirgendwo zu treffen. Schon die Art wie er seine SMS-Nachrichten geschrieben hatte, war mir etwas mehrwürdig vorgekommen, aber auf keinen Fall vertrauenserweckend, es klang eher wie Verbrecher-Slang.

Die Bushaltestellen rauschten an uns vorbei, aber in dieser abgelegenen Gegend hatte sich niemand mehr die Mühe gemacht, an den Haltestellen einen Namen anzubringen. Schließlich ging ich zum Fahrer und fragte, ob er mir Bescheid sagen könnte, wenn wir am Zentrum der GAI anhielten. Er meinte, das wäre die vorherige Haltestelle gewesen. Schnell stieg ich aus und vergaß fast, ihn für die Fahrt zu bezahlen, riss dann aber noch mal die Tür auf, bevor er wegfahren konnte und drückte ihm die abgezählten Münzen in die Hand. Die eine Haltestelle konnte ich wohl zurücklaufen, zumal es nicht ratsam war, die Straße zu überqueren um auf den rückkehrenden Bus zu warten, da die Straße eine Art Autobahn war. So ging ich vorsichtig am Seitenstreifen zurück und war am Zentrum der GAI, die natürlich weder durch ein Schild gekennzeichnet war, noch irgendwie den Eindruck machte, eine Behörde zu sein.
Ich schrieb meinem Gitarrendealer eine SMS, ich wäre jetzt da und er würde mich erkennen, weil ich ein dickes grünes Wörterbuch mit mir herumtrage. Es war kurz vor acht. Er schrieb, er käme gleich, und so wartete ich. Nach einigen Minuten schon kam er mir entgegen und forderte mich auf, mit ihm zu kommen. Da war das mulmige Gefühl wieder. Er hatte zwar kein Verbrechergesicht, aber das hatten ja auch nur die Verbrecher in Disneyfilmen. Als er mich dann auch noch aufforderte, ins Auto zu steigen, blieb ich lieber draußen stehen. Angelogen hatte er mich nicht, denn in seinem Auto lag wirklich eine Gitarre. Aber das hätte auch nur zum Locken sein können. Er nahm sie heraus und schmetterte kurz ein paar Akkorde, dann gab er sie mir, dass ich sie ausprobieren sollte.
Die Seiten ließen sich nur schwer drücken, und insgesamt schien sie alle Mängel zu haben, vor denen mich Murik gewarnt hatte, aber die Trägheit gewann bei meinem Entscheidungskampf die Oberhand, oder vielleicht war ich auch nur froh, dass ich nicht entführt worden war – dieses Mal. Wer weiß, wie es beim nächsten Mal sein würde. Jedenfalls kaufte ich die Gitarre ohne zu handeln und machte mich aus dem Staub.

Es war der gleiche Fahrer im Bus zurück. Er grinste mich an. Ob denn alles geklappt hätte? Ja, meinte ich, und stellte mich mit dem großen Instrument in den engen Gang.
Zu Hause erhielt ich eine seltsame SMS, der Dealer schrieb mir auf Russisch: "Willst du, dass ich dir Gitarrespielen beibringe, und du mir dafür deine Sprache beibringst?" Ich vermutete sofort wieder eine Falle und schrieb, ich hätte kein Geld für Gitarrenunterricht, außerdem hätte ich schon einen Freund, und dass meine Sprache Deutsch sei, und er das sicher nicht lernen wollte. Er schrieb zurück, dann wolle er lieber von mir Englisch lernen, und bezahlen müsse ich auch nichts. Ich war trotzdem skeptisch, gab ihm aber meine E-Mail-Adresse und bat ihn, per Mail Weißerzuschreiben, da es nicht so teuer wie SMS wäre. Danach hörte ich nie wieder etwas von ihm.

Beim zWeißen Versuch Alisa zu finden, hatte ich sie heute angetroffen, aber das Geldproblem war lediglich, dass sie mir noch Wechselgeld wiedergeben musste. Das hätte mir zwar auch Marina zurück geben können, aber wir waren noch immer in Russland, da gibt es keine einfachen bürokratischen Lösungen.

19.06.
Heute gelang es mir sowohl meinen Blog fortzuführen, also auch das erste Kapitel den neuen Cisco-Kurses durchzuarbeiten; ich war selbst erstaunt wie schnell es diesmal ging und wie konzentriert ich arbeiten konnte, wenn ich wusste, dass ich nicht viel Zeit zu verschwenden hatte, denn um 19 Uhr mit Sina im Zentrum verabredet.
Erwartungsgemäß kam sie zu spät, weil der Bus in die falsche Richtung gefahren war, berichtete sie. Irgendwie vermutete ich zwar, dass nicht der Bus das Problem gewesen ist, sondern eher ihre Weißerung eine Brille zu tragen, aber ich lächelte nur kommentarlos.
Wir gingen in ihr Lieblingscafé und ich erfuhr so manches über sie: Dass sie gleich in vier Bands Schlagzeug spielte und die fünfte schon geplant war, aber ihr Band mit der größten Erfolgsaussicht "elektrischer Schnee" hieß; dass ihr Lieblingsessen Pizza war, aber nur vegetarisch – eine Macke, die sich auch noch nicht sehr weit in Russland verbreitet hat. Heute aber bestellten wir Crèpes. Diese beiden Gerichte könnte man zur russischen nationalen Küche zählen, wenn es nicht darum ginge, wer sie erfunden hat, sondern wie beliebt sie sind. Nur die Beilagen sind immer etwas gewöhnungsbedürftig – Pizza mit saurer Gurke, und Pfannkuchen mit griechischer Salatfüllung "Tomate und Mozzarella".
Ich sollte von Petersburg erzählen, weil es ihre Stadt war, in die sie einmal ziehen wollte, und sie dadurch es nacherlebte. Ich berichtete also von all meinen… nennen wir es "Abenteuern" und sie hörte zu. Da kamen wir vom hundertsten ins Tausendste und so verflog der Abend im Nu.

Ich brachte sie noch nach Hause. Weil sie fror, legte ich im Gehen einen Arm um sie und rieb sie ein wenig warm – dadurch hätten wir fast einen Auffahrunfall verursacht, weil einer ihrer Nachbarn im Auto lieber auf uns als auf die Straße schaute. Russische Männer kamen mir schon manchmal etwas seltsam vor. Beim Abschied umarmten wir uns und wurden dabei von den gleichen Nachbarn aus dem Auto angeglotzt, behauptete Sina. Sie lud noch mich ein, bei einer Bandprobe dabei zu sein; morgen würden sie wieder spielen.

Von Gergö hatte ich eine ganze Weiße nichts mehr gehört, weil ihm auf der Baikalsee-Insel Olchon das Geld auf dem Handy ausgegangen war und es dort weit und breit wohl keinen Automaten zum Aufladen gab. Ich stellte mir den Ort vor wie eine dieser Inseln, auf denen der Schiffbrüchige im Comic immer strandet: Ein Hügel aus Sand mit einer Palme drauf. Oder in Russland eben mit einer Birke.
Am 23. käme er jedenfalls zurück, schrieb mir Gergö per SMS, er sei schon wieder in Irkutsk. Wir sollten dann unbedingt ein Bier zusammen trinken.

20.06.
Dieser Sonntag wurde ein typischer Studiertag, mit ein paar Nachträgen im Blog und dem zWeißen Kapitel des neuen Cisco-Moduls, das immer größerer Käse zu werden schien. Es gab kaum noch Informationen zu neuen Technologien, stattdessen wurden dem Leser immer neue Marketingbegriffe untergejubelt. Ich blätterte das Modul durch und stellte fest, dass es bis zum sechsten oder siebten Kapitel so Weißerging und seufzte resigniert. Wenigstens würde es nicht so lang dauern, versuchte ich mich aufzumuntern, denn ohne neue Technologien gab es auch weniger verzwickte Übungen. Das war kein echter Trost, denn nach dem Ende des zWeißen Kapitels wäre ich liebend gern anstelle der nächsten vier Marketingkapitel wieder an Access-Listen verzWeißelt.

Aus Sinas Bandprobe wurde irgendwie nichts, vielleicht wollte sie mich auch einfach nicht dabei haben; außerdem schrieb sie, sie sei erschöpft vom Schreiben ihrer Diplomarbeit, aber morgen könnte ich kommen.
So setzte ich mich selbst mit meiner Gitarre hin und spielte, bis meine Finger bei der kleinsten Berührung seltsam zu vibrieren begannen. Bei genauerer Betrachtung schien auch ein Stück Haut am kleinen Finger zu fehlen. Ein echter Musiker würde aus mir wahrscheinlich nicht werden, aber bei diesem Einsatz würde ich wohl bald ein Lied spielen können

Mittwoch, 15. September 2010

Weiße Nächte in Sankt Petersburg, Teil 3

14.06.
An diesem Morgen verschliefen wir. Es war Montag, aber heute hatte Julia Zeit für uns: Sie wollte uns die die Festung Kronstadt zeigen. Die wurde tatsächlich so deutsch geschrieben, selbst auf Russisch – Кронштадт – denn die russischen Zaren waren glühende Deutschlandfans und holten sich teilWeiße sogar ihre Frauen aus den deutschen Adelshäusern.
Zunächst nahmen wir den Zug bis Oranienbaum, denn von dort fuhr eine Fähre zur Insel Kotlin, auf der sich die Festung befand. Als Tourist ohne russische Sprachkenntnisse den Fährhafen zu suchen, ist nicht zu empfehlen, denn wir mussten erst eine ganze Weiße durch eine heruntergekommene, dorfähnliche Siedlung laufen bis wir ans Wasser kamen, und von dort aus immer noch ein Stück den Hafen entlang bis wir an der Fähre kamen.
Julia kaufte uns die Tickets und wir gingen zwischen parkenden und fahrenden Autos an Bord. Es überraschte mich, dass doch so viele Leute auf die Insel wollten, die Fähre war halb gefüllt an diesem trüben und kühlen Montag.
Auf der Insel kam noch der kalte und Seewind dazu, der einen bis in die Knochen fuhr.
Die Fähre fuhr alle drei Stunden zurück. Julia zeigte ihre ausgedruckte Inselkarte einem freundlichen Mann und fragte nach dem Weg. Er begleitete uns sogar noch ein Stück und erklärte die Sehenswürdigkeiten auf dem Weg: Den Kanal, die Hochwassermarke, die Boje… dann wurde es ihm wahrscheinlich auch langweilig und er verabschiedete sich. Als er feststellte, dass ich auf Deutschland kam, war er ganz begeistert und probierte in seinem Schuldeutsch mit mir zu sprechen. Jeder meint, mir damit eine Freude zu machen. Ich lächelte höflich und nickte.

Wir waren an dem Wunschbaum der Insel angekommen: Ein hoher Baum aus Metall, an dem drei große metallene Eulen angebracht waren. Sie hingen nicht umsonst wie Körbchen daran, denn ihr Sinn war, Geld aufzufangen, das die Leute von unten hineinzuwerfen versuchten um einen freien Wunsch zu erhalten. In eine der Eulen war "Gesundheit" eingraviert, in die nächste "Liebe" und in die dritte "Erfolg". Liebe und Erfolg gelangen mir zu treffen, aber in die Gesundheit wollte selbst nach 10 Minuten keine Münze hineinfallen. Drei kleine Jungs taten es uns gleich und warfen ihr Geld nach oben. Wahrscheinlich wohnten sie hier und hatten keine andere Beschäftigung. Zumindest blieb man so fit, wenn man dem wieder heruntergefallenen Geld hinterher hechtete – oder wenn einem der Wurf gelang, musste man anschließend einige Runden um den Baum rennen und ihm anschließend den Wunsch in das metallene Ohr flüstern.


Auf unserem Weißeren Spaziergang um die Insel sahen wir die schönste Kirche – verhangen, das übliche ewige Feuer, ein paar Kanonen und einen ganzen Haufen Statuen. Aber auch Künstler hatten sich auf der Insel ausgetobt – ob es nun Landschaftsgraffiti an einer besonders hässlichen Wand mit Stacheldraht war, oder ein durchgeknallter Müllsammler, der Autoreifen zu Tierfiguren schnitt oder bunten Müll an eine Wand klebte, sodass von der Ferne betrachtet ein Portrait entstand. Er hatte ebenfalls ein geflügeltes trojanisches Pferd gebaut und einen Roboter in einen Käfig gesperrt.




Die Insel besaß auch einen Badestrand, nur weit und breit keine Urlauber. Nur zwei wagemutige Jungs standen in Badehose am Ufer und betrachteten das aufgewühlte Ostseewasser. Einer hielt den Fuß hinein und überlegte es noch einmal.
Ab und an machten wir eine Rast; Julia hatte Unmengen von Proviant eingepackt und versorgte uns wie eine Mutter, schnitt uns das Gemüse und schmierte und das Brot. Trotzdem konnten wir nicht widerstehen, zurück am Fährhafen eine frisch gegrillte Wiener zu essen. Eigentlich hatten wir uns nur heißen Tee zum Aufwärmen kaufen wollen, aber sie rochen so verführerisch. Richtige deutsche Würste in Semmel und mit Ketchup bekam man in Russland eben nur in Sankt Petersburg.

Wir waren früh genug zurück gekommen, dass noch Zeit hatte, den Petersburger Ikea zu finden, denn ich hatte Sina versprochen, dass ich ihr schwedische Schokolade von dort mitbringen würde. In Izhevsk gab es keinen Ikea – wir hatten ja noch nicht mal einen McDonalds.
Der Weg zum Ikea war ein kleines Abendteuer. Julia beschrieb mir zwar den Weg, und dass ich von der Metrostation Prospekt Bolschewikow einen kostenlosen Bus zum Ikea nehmen konnte. Den sah ich weit und breit jedoch nicht und stieg schließlich mit einem Bein in einen Bus, auf dem zumindest das Wort "kostenlos" stand, aber das war er nicht, wurde mir sogar halb auf Englisch von einer alten Frau erklärt, als sie bemerkte, dass mein Russisch eher holprig war. Ich sollte eine Metrostation Weißerfahren und dort wäre der Bus, und er sei sogar gelb, und Ikea stehe darauf. So fuhr ich also zur Ulitsa Dybenko. Der gesuchte Bus hielt dann auch direkt vor mir und viele Leute stiegen aus. Aber der Fahrer ließ mich nicht einsteigen, sondern wies mich darauf hin, dass er gleich an der anderen Straßenseite halten würde; das sei der offizielle Einstieg. Auf der anderen Straßenseite fand ich ihn dann auch, aber er meinte, er würde hier nur parken und Pause haben; der offizielle Einstieg sei noch mal 200 Meter von hier. Ich bedankte mich schon leicht frustriert und fand schließlich die Haltestelle. Allerdings erst, als der Bus schon an mir vorbeigefahren war. Doch der nächste Bus kam bald. Es war sehr viel Andrang, und jeder Bus war brechend voll, sodass sogar die Stehplätze hart umkämpft waren.
Doch ich schaffte es zum Ikea, kaufte drei Sorten Schokolade – und für mich gleich zwei schwedische Würstchen, die den deutschen recht ähnlich sahen, denn heute war ich wieder auf den Geschmack gekommen. Hier fühlte ich mich wieder lebendig, der Ikea Food Shop war herrlich europäisch! Viele der Speisen kannte ich selbst noch aus Schweden und bekam richtig Heimweh – nein, das ist das falsche Wort. Nennen wir es Europaweh. Noch schöner war, von den Verkäufern in fließendem Englisch angesprochen zu werden, als sie bei meiner Bestellung "2 xot doga i… coke?" merkten, dass ich wohl keine Russin war. Sofort fragte die junge Frau: "Wo kommst du her?" So plauderten wir kurz soweit es die Kundenlage zuließ. Am Ende dankte ich ihr für das Gespräch, denn das hatte meinen kleinen Europaurlaub noch echter gemacht. Nun wusste ich, wohin ich gehen musste, wenn mich Russland einmal mehr überwältigte – in den nächsten Ikea, die europäische Oase.
Es ist kaum verwunderlich, dass ich nicht sofort wieder gehen wollte, also schlenderte ich noch ein wenig durch die Ikea und fand – Dosenöffner. Nach nur wenigen Monaten hatte ich also den lang gesuchten europäischen Dosenöffner gefunden und kaufte ihn trotzdem nicht, weil ich festgestellt hatte, dass ich höchstens einmal im Monat überhaupt eine Dose öffnete.
Als nächstes schob ich schwungvoll einen Einkaufswagen durch die riesigen Hallen eines Gypermarktes – der große Bruder eines Supermarktes, und wurde dann erst durch eine SMS von Zsolt aufmerksam, dass es Zeit war, zurückzukehren, denn wir wollten noch die Weißen Nächte draußen miterleben. Ich gab ihm bescheid, dass ich unterwegs sei, aber dass sie mit dem Einkaufen nicht auf mich warten sollten, dann packte ich noch ein paar Snacks in meinen Korb, stand ewig an der Kasse an und hastete zum überfüllten Bus. Es war nun schon nach 22 Uhr.
Die Metro hingegen war fast leer, weil diese Linie hier begann. Mir gegenüber saß ein junger Mann, der offenbar gerade von seiner Datscha kam und einen riesigen Strauß Flieder dabei hatte. Er reichte mir einen Zweig und ich bedankte mich verlegen. Beim Aussteigen verloren wir uns aus den Augen, aber der betörende Duft des Flieders blieb noch lange hängen und hob meine Laune Weißer an.
Im Bus von Prospekt Veteranov saß ich neben einem jungen Mann, der die englischsprachige Zeitung Petersburg Times las. Weil mir gerade danach war, sprach ich ihn an; er war aus Kasachstan, ein Student, und versuchte im Moment sein Englisch zu verbessern. Aber bald stieg er wie alle anderen aus, und es blieb nur noch ich übrig. An der Endhaltestelle kam mir schon Zsolt entgegen; es war spät geworden, wir mussten uns beeilen um den letzten Bus zu erwischen. Er und Julia hatten schon alles dabei, nun musste nur noch der letzte Bus kommen.
Eine ganze Reihe von Bussen fuhr an uns vorbei oder bog vorher ab, aber sie fuhren alle nicht ins Zentrum oder zu einer Metrostation. Eine Straßenbahn schrammte die Schienen entlang; eines ihrer Räder schlug Funken. Manchmal machten mir die nicht vorhandenen Sicherheitsstandards in Russland Angst.

Plötzlich hellte sich Julias Gesicht auf: Das war unser Bus.
Doch er fuhr nicht ganz bis ins Zentrum, wir waren sogar noch ein ganzes Stück davon entfernt, als der Fahrer meinte, das sei die Endhaltestelle. Zum Laufen war es zu weit, doch zurück kamen wir jetzt auch nicht mehr. Ich schlug vor, per Anhalter zu fahren, denn das klappte in Russland in den Innenstädten leichter als in Deutschland, da es immer ein paar Fahrer gab, die sich als Aushilfstaxifahrer etwas Geld hinzuverdienen wollten.
Julia stimmte zu, aber erst mussten wir an einen günstigeren Ort laufen.
Schließlich standen wir an einer leeren breiten Straße, auf der im Minutentakt Autos vorbeifuhren. Doch schon nach wenigen Minuten hielt ein Auto an – von der Gegenseite. Für 300 Rubel würden sie uns ins Zentrum bringen. Das waren etwa 8 Euro und damit noch unter der Hälfte von dem, was man für ein echtes Taxi in Petersburg blechen müsste.

Sie fuhren eine ganze Weiße durch die Stadt, und ich glaube auch im Kreis, aber sie setzten uns direkt vor der Eremitage ab. Rein zeitlich gesehen hätten die Brücken schon längst hochgezogen sein müssen, aber als wir ankamen, hatten wir noch genug Zeit, uns in den erwartungsvollen Menschenmassen ein schönes Plätzchen zu suchen, an dem wir das Hochziehen der Brücke beobachten konnte. Die Eremitage hinter uns war hell erleuchtet, genau wie die anderen historischen Gebäude am gegenüberliegenden Neva-Ufer und die Brücken, die uns mit der Vasilij-Insel verbanden.
Ich hatte Insa, Varyas Mitbewohnerin per SMS gefragt, ob heute Nacht etwas gefeiert wurde, aber sie meinte, heute würden sie einen ruhigen Abend auf ihrer Insel machen. Nachdem die Brücken hochgezogen waren, kamen sie sowieso nicht mehr von der Insel herunter, und wenn sie in der Stadt feiern waren – nicht mehr hinauf. Erst am frühen Morgen werden die Brücken wieder hinuntergelassen und die Metro öffnet erst um 5:45 wieder ihre Pforten.

Plötzlich war es so weit: Mitten auf der Brücke hob sich ein Stück Straße an. Von der Seite konnte man es sogar noch besser sehen. Die Leute standen und staunten, Straßenmusiker spielten und Akrobaten spuckten Feuer. Es war ein regelrechtes Volksfest. Die Leute tranken, fotografierten und staunten noch ein bisschen mehr.



Von der Schlossbrücke aus spazierten wir noch ein gutes Stück Weißer bis wir ein schönes Plätzchen für unser nächtliches Picknick gefunden hatten: Einen verlassenen Anlegesteg, der leicht schaukelnd auf dem Wasser schwamm. Von hieraus konnte man den gesamten Uferbereich auf beiden Seiten überblicken: Die golden leuchtenden Türme der Peter-und-Paul-Festung, die Eremitage und die unterbrochenen Bögen von gleich drei Brücken. Es war schon sehr dunkel, weil der Himmel bewölkt gewesen war, aber schon nach einer Stunde dämmerte es schon wieder.
Die Menschenmassen begannen sich aufzulösen, es zog eine kühle Prise auf. Wir hatten zum Warmbleiben heiße Schokolade und Cognac dabei, der jedoch so berzig schmeckte, dass wir damit den Geschmack der Schokolade nicht verderben wollten.

Ich hatte Kaviar gekauft, aber der bestand nur aus Gelee und schmeckte nach dem Metall der Dose, in der er verkauft wurde. Das ließen wir dann auch sein. Stattdessen hatten wir Lawaschbrot, die restlichen Quarkkeulchen, Bouletten und Gemüse. Julia hatte sich sehr viel Mühe für uns gemacht.
Bis halb vier Uhr morgens hielten wir es auf dem Bootssteg aus; ab und zu legte ein spätes Boot mit Touristen an, die sich über uns amüsierten; ab und an regnete es auch, aber es war ein sehr gemütliches Beieinander. Doch als am Morgen die Wolkendecke aufbrach, fanden wir es an der Zeit, einen Spaziergang zu unternehmen.


Es war schon wieder recht hell geworden und die Beleuchtung sämtlicher öffentlicher Gebäude erlosch Punkt vier. Kaum jemand war zu dieser Zeit unterwegs, nur ein paar Betrunkene warfen sich Schimpfworte an den Kopf. Ein trübes Licht lag über den Straßen, aber schon gegen fünf Uhr war es schon wieder taghell. Zu diesem Zeitpunkt saßen wir schon erschöpft und müde auf einer Bank vor der Metro Gostinij Dvor. Ich hielt uns wach, indem ich auf meinem Smartphone Lieder von Zemfira abspielte. Julia kannte die meisten und sang mit. Nur Zsolt wirkte etwas verstimmt.
Als es auf sechs Uhr zuging, sammelten sich immer mehr Nachtschwärmer vor der Metrostation und wirkten allesamt wie Zombies, die in ein Haus mit besonders vielen leckeren Menschen eindringen wollten, aber das Grunzen und Stöhnen war etwas leise.
Wortlos wurden uns die Jetons verkauft; die Angestellten wirkten selbst noch wie Zombies zu so früher Stunde. An viel erinnere ich mich danach nicht mehr, nur dass wir bei Julia angekommen sofort ins Bett fielen. Den Wecker musste ich wohl noch gestellt haben, sodass wir unseren Zug nicht verpassen würden. Denn es war mittlerWeiße schon der Tag der Abreise.

15.06.
Um 15 Uhr fuhr unser Zug, wir beschlossen also gegen 13 Uhr das Haus zu verlassen, obwohl das viel zu früh war, selbst für meine Verhältnisse. Julia würden wir nicht mehr antreffen, weil sie nach nur drei Stunden Schlaf auf Arbeit gegangen war und danach sicher gleich im Bett verschwinden würde. Gewusst hatten wir vorher nicht, dass sie an diesem Tag arbeiten musste, und ich glaubte sogar in Erinnerung zu haben, dass sie meinte, frei zu haben. Es war wieder ein typischer Fall von Misskommunikation kombiniert mit russischer Höflichkeit.

Nun, mit dem heutigen Tag war nicht mehr viel anzufangen; wir standen gegen 12 Uhr auf, packten, gingen noch mal ins Bad, hinterließen Julia eine Dankesbotschaft und verabschiedeten uns von Roma, der sich die meiste Zeit in sein Zimmer zurückgezogen hatte um auf der Gitarre zu üben. Dazu sah er sich Videos bei Youtube an, in denen Hobbygitarristen anderen Hobbygitarristen ihre Tricks und Kniffe zeigten. Für uns unterbrach er kurz sein Spiel und verschloss die Tür hinter uns, weil russische Türen eben so funktionierten, dass man sie entweder von innen verriegeln oder von außen mit einem Schlüssel zusperren musste.

Ich übernahm wieder die Führung und brachte uns zurück zum Bahnhof, las die Anzeigetafeln und brachte uns zum entsprechenden Gleis. Ich merke nun, dass ich bereit war für Moskau – eine Stadt, der ich Respekt entgegenbrachte, wenn nicht gar mit einem etwas mulmigen Gefühl an sie dachte. Doch ich hatte Sankt Petersburg nun zweimal gesehen – aber immer noch etwas übrig gelassen für eine Rückkehr, zum Beispiel den Turmaufstieg in der Isaakskathedrale. Nun war es Zeit für etwas Neues: Meine nächste Stadt würde Moskau sein. Aber das lag noch in den Sternen, wenn man davon absah, dass wir durchfahren würden auf dem Weg nach Izhevsk.
Ich bin ganz froh, wieder nach Izhevsk zurück zu kommen; es war wie eine Heimkehr.

16.06.
Die Reise verlief diesmal ereignislos, sah man einmal von den schnarchenden Glatzen ab, die sich mitten in der Nacht in den Betten uns gegenüber niederließen. Gesehen hatte ich sie in der Nacht nicht, aber als ich von ihrem Schnarchen erwachte, überlegte ich eine ganze Weiße, etwas dagegen zu unternehmen. Zum Glück tat ich nichts, denn wie ich am Morgen feststellte, schien mit den beiden nicht gut Kischenessen zu sein. Sie passten perfekt ins Klischee des deutschen Nazis: Grobschlächtig, schlecht gelaunt und ganz allgemein nicht die Hellsten. Doch zum Glück fuhren sie nicht weit und wir hatten sie schon gegen Mittag wieder los.

Genau nach Plan kamen wir am späten Abend in Izhevsk an und mussten nun ein Taxi nehmen um noch rechtzeitig zum Wohnheim zu kommen, bevor sie uns vielleicht nicht mehr hineinließen.
Ich hatte keine rechte Lust mehr und meinte zu Zsolt, er sollte uns einen Taxifahrer ansprechen. Zsolt zierte sich, wollte sich einen schönen Taxifahrer aussuchen, aber dann sprachen sie uns schon an, und da Zsolt nicht reagierte, begann ich das Gespräch. Gleich der erste wollte uns übers Ohr hauen – 500 Rubel wollte er für die Fahrt, dabei kannte ich genau den Preis und schrieb den auch auf einen kleinen Zettel, den ich für solche Zwecke dabei hatte. Gerade wenn man sich in der Sprache unsicher war, hatte es sich als günstig herausgestellt, den Fahrpreis schwarz auf weiß zu haben, bevor man in ein Taxi einstieg. Der Fahrer ließ scheinbar mit sich handeln und schrieb 300 Rubel auf den Zettel. Ich setzte ein 150 darunter – der maximale Preis, den man für diese Strecke zahlte. Der Mann schüttelte den Kopf und wir gingen Weißer. Ich hoffte, dass sie nicht alle in einer Art Taximafia zusammenarbeiteten und wollte gerade den nächsten ansprechen, als mich der erste Fahrer noch mal zurück rief: Er selbst würde nicht für 150 fahren, aber sein Kollege wohl. So wahrte er sich sein Gesicht und wir bekamen unsere Fahrt zu einem vernünftigen Preis.

Am Wohnheim angekommen wunderten wir uns erst einmal, wie viel sich in einer Woche hatte verändern können. Der Haupteingang war abgesperrt, ein Schild hing daran, auf dem etwas stand, das keiner von uns lesen konnte. Wir klopften zögerlich an, merkten aber bald, dass sich hier niemand melden würde. Schließlich gingen wir um das Haus herum und fanden einen Hinterausgang, der sonst verschlossen war. Hier öffnete man uns. Offenbar wurde das Wohnheim renoviert, und man begann von außen.

Mein Handy erinnerte mich vibrierend an so vieles, das ich noch erledigen sollte… aber das hatte Zeit für morgen.

Weiße Nächte in Sankt Petersburg, Teil 2

12.06.
Es war ein Picknick und Grillfest an der Peter-und-Paul-Festung geplant gewesen, aber das war wörtlich ins Wasser gefallen. Dafür hatte Tanja für uns Zeit gefunden – meine liebe Freundin, die mich schon beim letzten Mal so informativ durch Sankt Petersburg begleitet hatte.
Mit Zsolt dauerte es immer ein bisschen länger. Bis er aufgestanden, sich hübsch gemacht und gefrühstückt hatte, war der halbe Vormittag vorbei. Um 10 erwartete uns Tanja an der Gorkovskaya-Metrostation, deshalb trieb ich den schnutenziehenden Zsolt zur Eile an, der sich Weißer in aller Ruhe sein Brot schmierte. Ich merkte schon, dass wir es mit dem direkten, aber langsamen Bus nicht rechtzeitig schaffen würden und schlug vor, stattdessen mit irgendeinem Bus bis zur nächsten Metro zu fahren. Zsolt war eher skeptisch, aber er überließ mir die Führung, da ich erstens Sankt Petersburg besser kannte als er, und zWeißens er ein Landei war.
An der Bushaltestelle zeigte ich ihm meinen Plan auf: Auf Pappen in den Fenstern der Busse und Marschrutkas – die Kleinbusse – waren die größten Haltestellen auf der Busroute angeschrieben, da es keine Übersichtspläne darüber an den Bushaltestellen gab. An einigen Haltestellen auf den Infopappen stand ein "M" voran, das bedeutete, dass es eine Metrostation war. Die nächste Metro war Prospekt Veteranov. Tatsächlich brauchte der Bus nur 20 Minuten bis dorthin, und wir mussten nicht mal auf einen warten, weil die meisten Busse an dieser Metrostation vorbeifuhren. Und mit der Metro war es eine Frage von wenigen Minuten ins Zentrum zu kommen.

Obwohl wir gerade pünktlich ankamen, wartete Tanja schon auf uns. Die Deutschlernenden nahmen die deutsche Pünktlichkeit noch viel ernster als die Deutschen selbst.
Ich war richtig froh über das Wiedersehen, Tanja auch, wir umarmten uns und gaben uns Küsschen. Sie wollte uns die Peter-und-Paul-Festung zeigen, wo sie am Montag ein Praktikum beginnen würde. Dementsprechend viel wusste sie über die Festung und begann schon auf dem Weg zu erzählen.
Zsolt verstand kein Deutsch, und für ihn hörte sich deutsch wie das Kratzen von Fingernägeln auf einer Tafel an, deshalb war er den ganzen Tag säuerlich. Ich hatte ihn jedoch vorgewarnt, dass ich auch alte Bekannte in Petersburg wiedertreffen wollte und dass wir nicht die ganze Zeit zusammen verbringen würden. Er hatte sich ebenfalls spezielle Bekannte in Petersburg über Internet suchen wollen, mit denen er abends auch in spezielle Bars gehen wollte, aber dann war er zu träge gewesen und hängte sich nun der Einfachheit halber an mich.

Zsolt sammelte Münzen, genau wie ich, und er war jedes Mal wieder erstaunt, wie viele ich einfach so auf dem Boden fand. So hatte ich ein Spiel draus gemacht, ihn auf Münzen aufmerksam zu machen, die auf dem Boden lagen, aber an der Festung lagen ganz besonders viele – so viele, dass er sich schon selbst nicht mehr danach bücken wollte, aber das war gar nichts gegen die Geldhaufen im Inneren. Tanja erklärte, eine Münze an einen Ort zu werfen heißt, dass man dahin zurück kommt.
Gerade beim Münzenauflesen sah man ganz genau, wer von den Besuchern Russe war, und wer Ausländer, denn die Russen ließen die Münzen liegen, während besonders japanische Touristen fast die ganze Zeit gebückt liefen.

Als wir zur goldenen Turmspitze der Peter-und-Paul-Kathedrale aufblickten, erzählte uns Tanja eine höchstinteressante Geschichte: Woher die typisch-russische Geste kommt, sich mit Daumen und Zeigefinger seitlich an die Kehle zu schnipsen – mit der Bedeutung: "Lass uns Wodka trinken"
In einem Sturm wurde die goldene Figur auf der Spitze schwer beschädigt, und einer, der nicht viel zu verlieren hatte, erklärte sich bereit, dort hochzuklettern und die Figur zu reparieren. Das gelang ihm und er wurde mit einem hübschen Sümmchen Rubel belohnt, und mit einem Becher vom Zaren, der ihn berechtigte, in Russlands Kneipen kostenlos trinken zu dürfen. Nun verlor der Mann im Suff immer wieder den Becher und musste sich einen neuen geben lassen. Irgendwann verlor der Zar jedoch die Geduld und brannte ihm das Zeichen direkt in den Hals ein. Nun musste er nur noch an seinen Hals deuten, wenn er durch die Kneipen zog und trinken wollte. Diese Geste hat sich dann irgendwann eingebürgert, aber kaum noch einer weiß heute noch, warum man diese Geste so macht.

Im Innenhof der Festung fand eine Militärparade statt, denn heute war der "Tag Russlands". Es war ein neuerer Feiertag, der noch nicht so recht akzeptiert war. Nach der Neuordnung der politischen Verhältnisse aufgekommen, hieß er zunächst "Unabhängigkeitstag", aber da fragte sich die meisten Russen: "Wovon denn unabhängig?". Dann wurde er in den "Tag Russlands" umbenannt und mit allerhand Patriotismus angefüllt. Aber so richtig mochte man den Tag auch noch nicht, deshalb wurde der "Feiertag der Stadt" mit ihm zusammengelegt, denn der wurde von den Bewohnern jeder Stadt gern gefeiert.
Einige Schaulustige standen um die Absperrungen, in denen die Parade stattfand, und auf den Bänken im Innenhof um über die Köpfe der anderen hinwegsehen zu können. Eine Gruppe Soldaten verband das Marschieren mit russischen Folkloretänzen, und die Zuschauer bewarfen sie mit Münzen. Der ganze Boden glänzte schon in Silber und die Soldaten, die gerade nicht mit Marschieren beschäftigt waren, lasen sie auf.



Das Innere der Kathedrale war prachtvoll. Sie war mittlerWeiße ein Museum, sodass Eintritt verlangt werden konnte. Mit unseren russischen StudentenausWeißen wären wir jedoch billiger hinein gekommen, wenn heute nicht der Tag Russlands gewesen wäre – deshalb kamen wir sogar kostenlos hinein. Wir erhielten eine Eintrittskarte, die für sämtliche Sehenswürdigkeiten galt. Erst als wir uns alles anschauen wollten, stellten wir fest, dass die meisten geschlossen waren. Nicht aus Gründen der Renovierung, sondern aus Prinzip. Ein Wachtmann schloss vor unserer Nase die Tür, obwohl es noch früh am Nachmittag war und meinte dazu schlicht, es sei jetzt eben geschlossen.

Dennoch gab es genug anderes Interessantes zu sehen. Es war schließlich die Festung, aus der heraus Sankt Petersburg überhaupt erst entstanden war. Hier lagen die Zaren begraben, und mittlerWeiße sogar die letzte Zarenfamilie, die in Jekaterinburg ermordet und begraben worden war, deren sterbliche Überreste aber vor nicht allzu langer Zeit nach Sankt Petersburg überführt worden waren um nun hier begraben zu werden.
Hier befand sich auch das Gefängnis der Stadt, in der erst die Adligen die Revolutionäre einsperrten, und nach der Revolution die Revolutionäre die Adligen.
Auch in Museen kann man sich amüsieren, so fand Tanja es überaus komisch, im Gefängnis die Aufschrift für Besucher zu sehen: "Kein Ausgang", und Zsolt wollte unbedingt auf einem der spartanischen Metallbetten fotografiert werden. Es war sehr dunkel, und wenn ein Gefangener besonders aufmüpfig war, kam er in eine spezielle Zelle, in die gar kein Licht fiel. Tanja erzählte, er gäbe einen Gefängnisgarten, in dem die Gefangenen ein wenig an die frische Luft gehen durften, aber dorthin ist praktisch nie jemand gegangen, weil es so schrecklich deprimierend war, wieder in das kalte, dunkle Gemäuer zurück zu müssen. Wachsfiguren verdeutlichten die Geschichte.



Ich war ganz froh, wieder draußen zu sein. Am Ausgang scharrten sich dutzende von Touristen um die sitzende Statue von Zar Peter dem Ersten. Er war auch für die heutige Zeit ein Riese gewesen, hatte jedoch einen verhältnismäßig kleinen Kopf, meinte Tanja, was man normalerWeiße nicht so abgebildet hatte, deshalb hatte diese Darstellung für eine hitzige Diskussion unter den Petersburgern gesorgt. Trotz seiner Gestalt war er ein ziemlicher Frauenheld gewesen und soll über hundert uneheliche Kinder gezeugt haben. Seine Fruchtbarkeit soll sich sogar noch in dieser Statue niederschlagen, weshalb jede Frau, die sich auf seinen Schoß setzt, angeblich bald darauf schwanger wird.

Wir spazierten mit Tanja Weißer durch die Stadt. Ich hatte mittlerWeiße regelrechte Entzugserscheinungen vom Gitarrenspielen und sah mich vergebens nach einem Musikgeschäft um. Hätte ich jetzt eine preiswerte gefunden, ich hätte sie gekauft.
Stattdessen kehrten wir in ein kleines Café ein und gönnten uns alle ein Stück Kuchen. Ich hätte lieber etwas Herzhaftes gegessen, aber die Erfahrung zeigte, dass man es sich in der Petersburger Innenstadt als armer Student nicht leisten konnte. Dann war es auch schon Zeit, sich mit den anderen Couchsurfern zu treffen: Es ging in das Restaurationsarchiv der Eremitage.

Am Treffpunkt sammelte sich nur eine kleine Gruppe zusammen, die sich unter Leitung von Sergey aufmachte das zu sehen, was selten ein Tourist sah. Kein Wunder, das Archiv befand sich in einem abgelegenen Industrieviertel, das nur aus Plattenbauten zu bestehen schien. Weit und breit keine Menschenseele Ich vermutete schon, dass sie uns hierher gelockt hatten um uns nun unsere Organe zu entnehmen, aber da kamen wir schon an ein Gebäude mit einer Glaspyramide über dem Eingangsbereich.
In einem schlichten Empfangsbereich mit Bänken vor der Garderobe warteten wir, ob doch noch ein paar Weißere Besucher kamen, denn sonst wäre die Führung recht teuer geworden, und ohne Führung durfte man nicht hinein. Ich hatte Tanja jene Origamifigur geschenkt, die ich bei unserem letzten Treffen nicht ganz hatte fertigstellen können, und nun wollte sie unbedingt wissen, wie man die selbst falten konnte. Sie hatte den Dreh schon ganz gut raus, als beschlossen wurde, dass wir nun doch mit den paar Leuten, die wir waren, hineingingen.
Die Archivangestellte öffnete schwere Türen vor uns und achtete streng darauf, dass wir alle zusammenblieben und nicht etwa einer in einem luftdichten Raum eingesperrt blieb bis die nächste Gruppe irgendwann einmal vorbeikam.
Man bekam hier schöne Einblicke, wie die Sammlerstücke aussahen, bevor sie restauriert und ausgestellt wurden, aber das war auch schon alles Interessante. Wir liefen stundenlang von Raum zu Raum, während die Angestellte monoton über die Ausstellungsstücke referierte und ich mit Tanja um die Wette faltete. Zsolt langweilte sich auch, geriet aber in Verzückung, als wir in das Lager mit den kostbaren alten Möbeln kamen. Er hatte selbst Antiquariaten-Händler werden wollen, aber sein Vater hatte es nicht zugelassen, und so hatte Zsolt schließlich Wirtschaft studiert. Genau wie Gergö erfüllte er das Klischee, dass man Wirtschaft studiert, wenn man nicht weiß, was man studieren soll.

Mit der Zeit wurde mir in dem Archiv so langweilig, dass ich begann, Alberts wissenschaftliche Arbeiten zu lesen. Ich atmete regelrecht auf, als wir nach dem großen Kutschen-Lagerraum am Ende angelangt waren. Tanja – obwohl kunstinteressiert – hatte den Ausflug auch für einen Schuss in den Ofen gehalten und verabschiedete sich nun von uns; sie musste sich auf ihren Praktikumsbeginn morgen vorbereiten. Auch der Rest der Couchsurfergruppe löste sich am Ausgang auf. Es hätte zwar noch eine Party am Abend gegeben, aber erst in einigen Stunden, und man würde sich eventuell wiedertreffen, versprach man sich halbherzig.

Tanja bestand darauf, uns noch bis zur Moskovskij Vokzal-Metrostation im Zentrum zu bringen, von dort aus wollten Zsolt und ich einen Stadtspaziergang machen. Praktisch hieß das, er wollte Schuhe und Klamotten kaufen gehen, obwohl er genau wusste, dass er es sich nicht leisten konnte. Er hatte ein Stipendium von weniger als zweihundert Euro für drei Monate erhalten, und würde den Rest erst bekommen, wenn er zurück nach Ungarn kam und seinen Bericht über das Studium und seine Forschungsergebnisse abgegeben hatte. DummerWeiße hatte er weder ein Forschungsthema, noch Vorlesungen an der Uni, noch nennenswert Russischunterricht. Er überlegte sich, etwas zur Geschichte der Kraftfahrzeugproduktion in Izhevsk zu schreiben… bald.
Nun, trotzdem ging er in einen schicken Kleidungsladen mit internationalem Namen und sah sich verzückt um – nur um nach den Preisen zu schauen, behauptete er. Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und las Weißer an Alberts Forschungsberichten. So müssen sich die Männer fühlen, wenn sie von ihren Frauen zum Shoppen mitgenommen werden.
Irgendwann hatte sich Zsolt genug ausgetobt und wir beschlossen, einen Happen essen zu gehen, weshalb wir so weit wie möglich die Innenstadt verließen. Auf dem Weg fand sich tatsächlich ein typisch-russisches Café, in dem man auch am späten Nachmittag noch Mittagessen bekam. Und das sogar recht gut: Kartoffelbrei und Schnitzel, russische Pizza, die eher wie ein Tortenförmchen aussah, und gedünstetes Grünes, das als Gemüse verkauft wurde. Dafür waren die Preise human.

Wir kehrten auch bald darauf zu Julia zurück, die schon wieder fürstlich für uns aufgetischt hatte, sodass die kleine Glasplatte des Tisches unter der Last beinahe brach. Mit einer Flasche Wein setzten wir uns vor den Fernseher, unterhielten uns über google translate, aßen wie vom kalten Buffet und zeigten uns gegenseitig Videoclips bei youtube.
Irgendwann kamen wir auf die blöde Idee, Karaoke zu singen. Zsolt war sofort Feuer und Flamme und sang ein ungarisches Nationallied nach dem anderen, sehr schief und sehr eifrig. Wenn das Lied fertig durchgesungen war, schaute er uns mit Rehaugen an und bat, dass er das nächste Lied noch singen dürfte, das er schon in der Vorschau sah. Die einzige Möglichkeit, ihn davon abzuhalten war, Julia zu bitten, doch mal ein russisches Lied zu singen. Das tat sie auch mit Begeisterung, aber irgendwann hörten wir dann doch auf, allein schon um zu vermeiden, dass sich die Nachbarn beschweren kamen.


13.06.
An diesem Morgen hatten wir uns eigentlich vorgenommen, in die eigentliche Eremitage zu gehen – eine der bedeutendsten und größten Kunstsammlungen der Welt. Beim letzten Mal in Petersburg war ich auch schon dort gewesen, hatte aber bestimmt nicht alles gesehen, denn es war ein riesiger Gebäudekomplex, mehr wie ein Labyrinth als ein Museum. Aber Zsolt trödelte an diesem Morgen wieder erstaunlich lange herum, sodass bei unserer Ankunft an der Eremitage die Schlange von Besuchswilligen schon bis weit in den Hof hinein stand. Es war keine gute Idee, an einem verregneten Sonntag im Sommer in die Eremitage gehen zu wollen. Zsolt hatte auch keine Lust stundenlang zu warten und redete sich ein, die Bilder im Internet sowieso anschauen zu können.
So war zumindest mein Vormittag gerettet, denn ich hatte Varya, meiner letzten Gastgeberin, versprochen, sie nach der Eremitage zu besuchen.
Ich meinte zu Zsolt, er könne sich in der Zwischenzeit ein anderes Museum ansehen, wie das russische Museum in der Innenstadt – oder gleich die Innenstadt. Doch er blieb an mir kleben. Er konnte einem schon ziemlich auf die Nerven fallen.
Auf der Vasilij-Insel, wo Varya wohnte, wurde ich ihn endlich los, als ich einen schönen großen Buchladen für ihn fand. Ein bisschen fühlte ich mich schon als würde ich einen Hund aussetzen, aber ich hatte auch mal ein Anrecht auf meine Ruhe. Ich sagte ihm, ich würde mich melden…

Kurz vor Varyas Haus unternahm ich einen kleinen Abstecher in den Supermarkt, bei dem es deutsche Pfannkuchen gab, und dann noch zum Brothändler, der das leckere deutsche "Kernbrot" verkaufte, das jeder in Varyas Wohngemeinschaft so gern aß – kein Wunder, es waren drei deutsche Studenten.
Ich bekam die letzten zwei Brote und ging stolz mit meiner Beute zu Varya.
Am Fenster rief Varyas kleiner Sohn Ilya schon: Es ist Manja!

Hier bei Varya fühlte ich mich endlich wieder wie unter Freunden, ein Stück Zuhause, wenn man so will. Bei ihr wurde ich begrüßt wie ein alter Freund, nahm an dem kleinen Küchentisch Platz als wäre ich nie weg gewesen und begann das Gespräch als hätten wir es nur kurz unterbrochen. Ilya wirbelte um uns herum wie er es immer tat, nur eins hatte sich verändert: Eine neue Dusche wurde ins Bad eingebaut, weshalb Bauteile im sowieso schon engen Flur standen und ein Arbeiter immer wieder in der Wohnung auftauchte und dann eine Weiße im Bad werkelte bis er merkte, dass er anderes Werkzeug oder andere Teile brauchte. Ab und zu krachte es, ansonsten war Varyas Wohnung ungewöhnlich ruhig; die drei Studenten waren nicht zu Hause, die aktuelle Couchsurferin auch nicht und auch sonst hing keine Freundin von Irgendjemanden mit in der Küche herum. So konnten wir uns ungestört unseren Frauengesprächen widmen, und ich spürte wieder die Seelenverwandtschaft zwischen uns. Und ich wusste nun ganz genau, wie man sich fühlt, wenn man eigentlich gar nichts unternehmen will sondern im Hier und Jetzt glücklich ist mit einer Tasse Tee. Im Nu wurde aus der geplanten Stunde ein ganzer Nachmittag. Halb eins war ich gekommen und nun war es schon fast um fünf. Ich hatte mit Julia nur locker ausgemacht, dass wir uns am Abend für einen Spaziergang treffen würden und versuchte es nun so weit wie möglich herauszuschieben. Ich wusste nicht, ob Zsolt es allein bis zu Julia nach Hause schaffen würde und ob er überhaupt ihre Handynummer hatte, aber er würde sich schon melden, wenn es Probleme gäbe, schob ich den Gedanken davon.

Ein anderer Gedanke kam dafür umso aufdringlicher: Wir hatten zu viel Tee getrunken und mussten langsam aber sicher aufs Klo. Die Arbeit im Bad schien jedoch kein Ende zu nehmen. Varya fragte immer wieder, wie lang es noch dauern würde: Zuerst war es eine halbe Stunde; nach der halben Stunde 20 Minuten, und nach 20 Minuten wieder eine halbe Stunde.
Irgendwann hielten wir es nicht mehr aus und gingen bei den Nachbarn klingeln. Die hatten einen böse bellenden Hund, den sie in einem Zimmer einsperrten, bevor sie öffneten. Varya stellte sich als Nachbarin von der Etage drüber vor und wir wurden hineingelassen. Es war interessant für mich, dass sich selbst in Russland die Nachbarn nicht unbedingt kennen.

Nun konnten wir auch wieder mit dem Teetrinken beginnen. Essen gab es auch reichlich dazu: Bei Ankunft wurde mir gleich der Gemüsereis vom Mittag auf den Teller gestapelt, später hatte Ilya Lust etwas zu essen und Varya kochte Nudeln mit Käse für ihn, aber sie kochte gleich so viel, dass sie mir auch noch etwas davon auftischen konnte.


Anschließend holte sie Eis aus dem Kühlschrank, und natürlich kamen noch die Pfannkuchen und das Brot dazu, das am schnellsten gegessen wurde; wie erwartet freuten sich die Deutschen am meisten darüber. Langsam füllte sich die Wohnung wieder: Alte Bekannte, neue Bekannte. Ihre aktuelle Couchsurferin kam aus Polen, aber normalerWeiße sammelte Varya Deutsche, zumindest erhielt man diesen Eindruck, wenn man sich die Gäste ansah, mit denen sie sich normalerWeiße und gerne umgab.
Sie wollte auch selbst ihr Deutsch verbessern und sich dann an einer renommierten Filmakademie bewerben. Dafür arbeitete sie seit einiger Zeit an einem Animationsfilm zum Thema "selbstgewählte Einsamkeit". Als es in der Küche zu voll wurde, zogen wir uns in ihr Zimmer zurück und sie zeigte mir ihre Arbeit, während Ilya zwischen uns herumkrabbelte – er hielt uns offenbar für eine Mischung aus Berg und Höhle. Er war sehr aufgeweckt; ich glaube, er hätte keine Probleme in Deutschland.
Ich fand Varyas Arbeiten sehr beeindruckend, auch weil ich wusste, wie viel Arbeit dahinter steckte. Sie hatte bereits eine Webseite dazu gestaltet um ihr Werk auszustellen: http://tovaria.narod.ru/

Ich erzählte Varya, dass ich jetzt begonnen hatte Gitarre zu spielen und auf der Suche nach einer billigen war, das veranlasste Varya sofort das Internet zu durchforsten nach Second-Hand-Angeboten in Sankt Petersburg und schrieb auch direkt zwei Händler an. Sie meinte, wenn es nicht klappte, müsste ich selbst nach "b/u" suchen, das sei die gebräuchlichste Abkürzung für Second Hand im Russischen.

Nun, bis 18:30 konnte ich mich noch bei Varya zurückziehen, dann wurde ich wirklich erwartet.
Schweren Herzens verabschiedete ich mich von allen und versprach wiederzukommen, wenn ich die Möglichkeit hatte. Nur die deutschen Studenten würde ich wohl nicht wiedersehen, sie gingen nach dem Semester Sankt Petersburg zurück an ihre deutsche Universität. Aber vielleicht klappte es noch in meiner kurzen Zeit hier, dass wir abends zusammen weggingen? Die Handynummern hatten wir schon beim letzten Mal ausgetauscht. Noch ein paar letzte Umarmungen, dann war ich wieder auf dem Weg.

Zsolt hatte Julia offenbar wiedergefunden, und nun warteten sie auf mich an der Moskovskij Metro. Das interpretierte ich als die Metrostation am Moskovskij-Bahnhof. Damit lag ich knapp daneben, aber das wurde mir erst bewusst, als sie auch nach 20 Minuten nicht zum Vereinbarten Treffpunkt kamen. Ich sah mir das Liniennetz der Metro noch mal genau an und fand tatsächlich etwas außerhalb eine Metrostation namens Moskovskaya. Nachdem das Missverständnis aufgeklärt war, machte ich mich auf den Weg dorthin. Ich fand die beiden schließlich bei McDonalds, wo sie gerade fertig zu Abend gegessen hatten. Nun wollte uns Julia etwas ganz Tolles zeigen: Den Leninplatz.
Leninstatuen stehen zwar überall in der Stadt, aber diese stand vor einem Gebäude, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich war, und inmitten einer Springbrunnenanlage.


Der Regen wurde schwächer, als wir davor standen, dafür trieb der Wind das Wasser der Fontänen zu uns. Wir schossen einige Fotos und zogen dann Weißer zum Finnischen Bahnhof, wo uns Lenin schon wieder von seinem hohen Sockel aus anschaute. Auch hier befanden sich wieder Springbrunnenanlagen, und der Himmel zog blau auf. Gegen Abend wurde es immer wieder recht schön in Petersburg.

Zsolt wollte unbedingt den Kreuzer Aurora sehen, also spazierten wir am Neva-Ufer entlang bis wir ihn fanden. Das war ein langes Stück Weg, da vor allem niemand von uns so genau wusste, wo das Schiff vor Anker lag. Einige Angler standen am Ufer. Ich fragte mich, ob sie den Fisch selber aßen oder verkauften. Das Wasser der Neva war so verunreinigt, dass sogar das Baden verboten war, deswegen würde ich auf Fisch in einem Petersburger Restaurant lieber verzichten.

Als wir den Kreuzer fanden, bestand Zsolt darauf, dass ich ihn fotografierte, aber er war mit keinem der Fotos zufrieden und probierte immer wieder neue Posen aus. Langsam ging mir Zsolt ganz gewaltig auf die Nerven. Ich wusste, dass er nicht schwimmen konnte – es war die ideale Gelegenheit, ihn unauffällig loszuwerden, fantasierte ich. Dann ging er auch noch freiwillig die Treppen hinunter an die von Wasser leicht überspülte Plattform unterhalb der Brücke. Ich holte meine Kamera und meinte, jetzt würde ich ein schönes Foto von ihm machen, er solle nur noch einen Schritt zurücktreten, und noch einen… aber da sprang er schon zurück zum Ufer, als ihm eine Welle über die Schuhe rollte. Schade…



Die Aurora selbst konnten wir nicht besichtigen, dafür aber besichtigten wir ausgiebig die Souvenirstände davor. Zsolt wollte sich eine Matrosenuniform kaufen, aber schon mit dem Matrosenhut sah er mehr als bescheuert aus. Sonst gab es die gleichen Souvenirs wie überall in Sankt Petersburg: Kühlschrankmagnete mit Sehenswürdigkeiten der Stadt darauf, bedruckte Teetassen und Flachmänner.

Gegen 23 Uhr stand die Sonne schon tief über dem Horizont, aber untergehen wollte sie nicht. Die Häuser entlang des Neva-Ufers waren in ein atmosphärisches gelbes Licht getaucht. Viele Spaziergänger wanderten eine für den Straßenverkehr wegen Bauarbeiten gesperrte Brücke entlang. Schon wieder herrschte eine rechte Endzeitstimmung – die Ruhe, das Licht und bleigraue Wasser.


Wir überlegten uns, dass wir eine Nacht draußen verbringen sollten um das Öffnen der Brücken in der Dämmerung zu beobachten – es war eines der Wahrzeichen der Stadt, denn die Brücken öffneten sich nur von etwa ein Uhr morgens bis fünf Uhr morgens. Wenn auf den Fotos also der Hintergrund hell war, wusste man, dass es während der Weißen Nächte aufgenommen worden war.
Jedoch war es heute schon zu spät, denn wir waren überhaupt nicht mit Vorräten eingedeckt und hatten auch keine Sitzkissen dabei um die Nacht gemütlich herumzubringen.
Julia meinte, ihr sei es Recht, und morgen wollten wir es angehen.

Nun aber mussten wir zurück zur Metro um noch einen letzten Bus von Prospekt Veteranov zu bekommen. Die Stadt begann jetzt erst richtig zu erwachen, an jeder Ecke stand ein Straßenmusiker, und die Instrumente wurden immer exotischer. Ich hatte Sina versprochen, sie alle zu fotografieren, weil sie selbst wohl keine Möglichkeit haben würde, dieses Jahr als Straßenmusiker in Sankt Petersburg ihr Geld zu verdienen.
Trotz später Stunde stand die Miliz noch Wache, aber sie bewegten sich kaum, nicht mal, wenn ein junger Bursche, der nicht für die Metro zahlen wollte, einfach über das Drehkreuz sprang und dabei einen kurzen Alarm auslöste. Wegen den 50 Cent lohnt sich der Aufwand nicht, dachten sie sich wahrscheinlich.

Zurück zu Hause bei Julia begann sie wieder Berge von Essen aufzutischen. Sie hatte am Nachmittag russische Quarkkeulchen mit undefinierbarem Gemüse eingebackenen zubereitet und setzte sie uns nun vor. Jeder nahm höflich ein Stück und aß es ebenso höflich auf, hatte aber plötzlich danach keinen Hunger mehr. Außerdem hatte ich ein Kernbrot mitgebracht, dazu typisch-deutsche Salami mit großen Fettgrieben, und Pfannkuchen waren auch noch da. Da lebt schön, man wie Gott in Frankreich, in Russland