28.9.
Entgegen aller Erwartungen kam der Bus zum Flughafen fast pünktlich. Schon jetzt - am Anfang seiner Route - war er so voll, dass es kaum noch möglich war, einen Stehplatz zu bekommen. War Schichtwechsel am Flughafen? Die Mitfahrenden waren jedenfalls ausschließlich Einheimische, einige waren sofort als Stewardessen zu erkennen.
Wir kamen nach deutscher Pünktlichkeit viel zu zeitig am Flughafen an und konnten noch nicht einmal an den Check-In. Aus den Lautsprechern klang Musik; es war der erschreckende Versuch, aus bayrischer Polka Fahrstuhlmusik zu machen. Wollten sie so den Terroristen gute Laune machen, in der Hoffnung, sie würden es sich noch einmal überlegen?
Als wir endlich an den Check-In kamen und schon fast an der Reihe waren, unsere Rucksäcke abzugeben, wurde die Warteschlange neu geordnet - alle, die nach Berlin unterwegs waren, sollten sich ganz wo anders und viel weiter hinten anstellen. Die Verantwortlichen wussten schon, dass es die deutschen Reisenden waren, die immer zu Zeit eingeplant hatten und deswegen Platz machen konnten für die anderen Reisenden, die sich erst eine halbe Stunde vor Abflug ein Taxi zum Flughafen nehmen. Dieser Zwischenfalls bestätigt die Deutschen natürlich darin, dass es gute Voraussicht war, so zeitig zu kommen - denn was wäre, wenn man selbst so spät kommen würde, und sich dann noch mal neu anstellen müsste?
Ich muss zugeben, dass ich bei jedem Aufenthalt im Ausland zu etwas werde, was ein Amerikaner "Time Nazi", also als "Zeit-Nazi" nennt. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass in der amerikanischen Umgangssprache "Nazi" mittlerweile nichts mehr mit dem 3. Reich zu tun hat, sondern für "ätzende, unangenehme, strikte Person" steht; also so, wie man sich in Amiland Deutsche vorstellt. Wenn ich im Ausland bin, trage ich wohl leider auch zu diesem Stereotypen bei. In Athen - und eigentlich auf unserer ganzen Reise - wurde meine Geduld wohl auch auf eine harte Probe gestellt, aber nun kehrten wir heim zu unseren immer-pünktlichen, kleinbürgerlichen Mitmenschen, die von den Holländern so nett "Moffen" genannt werden, und für die sicher jedes europäische Land ein eigenes Schimpfwort kennt - und wenn es nur unsere Unart beschreibt, Sauerkraut zu essen.
Aber Spaß beiseite; überall in auf unserer Reise habe ich mich willkommen gefühlt, auch wenn wir Deutschen noch ein bisschen an unserem Ruf feilen müssen.
Das Flugzeug Richtung Berlin hob ab. So schnell ging es Richtung Heimat. Mit einem Reisebus hätten wir gut zwei Tage durchfahren müssen, und es hätte genauso viel gekostet wie das Flugticket. In einer Woche gingen die Vorlesungen wieder los, und bis dahin musste noch einiges vorbereitet werden. Die Zeit war regelrecht gerast in den letzten beiden Wochen, und eh wir uns versehen, standen wir im kalten, regnerischen Berlin in der Nähe des Flughafens an der Straße und hielten die Daumen in die Luft. Mich überraschte ein wenig, dass Matthias immer noch die Anhalterschilder mit den Namen unserer Reiseziele aus seinem Rucksack hervorkramen konnte. Ich hatte vermutet, dass sie irgendwo in Budapest lagen.
Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht am ungünstigen Standort, oder daran, dass uns hauptsächlich Leihwagen und Taxis entgegen kamen - das Resultat blieb das Gleiche, es hielt niemand an.
Nach zwei Stunden gaben wir es auf und nahmen den nächsten Bus zum Bahnhof, und von dort aus den nächsten Zug Richtung Zwickau.
Fast wie im Roman "In 80 Tagen um die Welt" hatten wir jedes Verkehrsmittel unserer Zeit benutzt: LKW, PKW, Bus, Schiff, Fahrrad, Tretboot, Skilift, Flugzeug, Zug... nur einen Heißluftballon haben wir nicht auftreiben können. OK, ich gebe es ja zu, einen Elefanten auch nicht.
Ende.
Dienstag, 22. Dezember 2009
Athen, Teil 5
27.9.
Für unsere letzten Tag hatte sich Mary etwas Besonderes vorgenommen: Sie wollte uns Kap Sounion zeigen, zum antiken Tempel des Meeresgotts Poseidon. Sobald sie das Mittagessen fertig zubereitet hatte... auch zum Mittagessen sollte es etwas Besonderes geben, Pastitsio, eine Art Lasagne aus langen Röhrennudeln, Hackfleisch und Käsesahnecreme.
Da wir alle wussten, dass der halbe Tag vergangen sein würde, bis wir zu Mittag essen würden, verständigten wir uns darauf, dass Matthias und ich noch ein letztes Mal zu Strand gehen würden, und sie uns dann anriefe, wenn das Mittagessen fertig sei.
Aus dem Treffen zum Mittagessen wurde schließlich ein Treffen am Strand; Mary holte uns mit dem Auto ab, das Pastitsio in Tupperware gepackt und alles für ein Picknick vorbereitet. Sie erzählte, dass sie mit einer Gruppe Couchsurfer Kontakt aufgenommen hatte, die auch heute zu dem Tempel fahren wollten. Offenbar hatte es gestern oder vorgestern eine Couchsurfing-Strandparty gegeben, und der harte Rest war noch immer unterwegs.
Es war ein gutes Stück bis hinunter nach Kap Sounion, dem südlichste Zipfel der Halbinsel, auf der Athen lag. Die Sonne schien warm und das Wasser wirkte heute unglaublich blau. Ich konnte gar nicht genug Fotos vom Auto aus machen. Leider war meine 1-GB-Speicherkarte schon fast voll und ich fühlte mich wieder wie in den alten Zeiten, als man noch Filme mit 24, maximal 32 Bildern hatte und sich freute, wenn es doch noch ein halbes Bild mehr wurde als auf der Rolle geschrieben stand. Und auch nur die Hälfte der Bilder etwas geworden waren. Wie haben wir nur je ohne Digitalkamera leben können?
Noch auf dem Weg ließen wir uns das mitgebrachte Essen schmecken, weil Mary meinte, wir hätte nicht genug Zeit für ein Picknick. In der Tat war es spät geworden. Die anderen Couchsurfer waren schon in Aufbruch begriffen. Mary schickte uns zu den Ruinen hinauf, sodass wir sie uns anschauen konnten, bevor die Anlage für heute schloss, während sie mit den anderen noch kurz redete.
Der Tempel stand an der Spitze des Kaps wie ein Leuchtturm, durch dessen Säulen strahlend hell das Licht der sich senkenden Sonne fiel. Die vorgelagerte Insel schien unbewohnt, kleine Segelschiffe kreuzten vor der Küste, und kaum eine Welle kräuselte das blau glänzende Meer. Es war der schönste Ort der Welt einen Sonnenuntergang zu beobachten. Bald stieß Mary wieder zu uns. Sie war hier oft als Schulkind gewesen, aber zu ihrer Zeit konnte man die Tempelruinen noch betreten.
Viele Touristen kletterten mit Kameras bewaffnet über die Steine und Mauerblöcke; versuchend, den besten Blick auf den Tempel vor der untergehenden Sonne einzufangen.
Wir blieben, bis die letzten gelbroten Streifen über dem Meer verschwunden waren und die ersten Sterne erschienen. Länger hätten wir auch nicht bleiben können, denn eine Aufsichtsperson schickte uns alle nach draußen.
Auf dem Heimweg hielten wir noch ein letztes Mal am Strand. Die Luft war kühl geworden, aber das Wasser wirkte so verlockend wie eh und je, so dass ich noch einmal mit hochgekrempelten Hosenbeinen hineinsprang. Hoch über mir leuchtete der von Scheinwerfern angestrahlte Tempel, neben mir wippten kleine Boote an einem schmalen Holzsteg vertäut. Die Zeit in Athen war wirklich ein wohlverdienter Urlaub gewesen, nachdem wir anderthalb Monate lang durch Europa gereist, und an keinem Ort länger als ein paar Tage geblieben sind. So viel hatten wir gesehen, so viele hilfsbereite, liebenswerte, aber auch seltsame Menschen getroffen. Es war der beste Sommer meines Lebens; und jedem, der die Gelegenheit hat, rate ich: Probier es aus. Bereise deine Traumländer, lerne dabei die Menschen außerhalb des Hotelpools kennen. Es ist eine sehr bereichernde Erfahrung und dir wird bewusst werden, wie nah die ganze Welt doch zusammengerückt ist. Am Ende bleiben Freunde in der ganzen Welt, die man jederzeit wieder besuchen kann, und weiß, dass man jederzeit überall auf der Welt neue Freunde finden kann.
Die Tanknadel näherte sich verdächtig weit an die Null an. Nicht viele Tankstellen auf dieser Straße waren rund um die Uhr geöffnet. Wir hatten Glück und schafften es noch bis zu einer Tankstelle, die eher wie ein Hinterhof aussah, aber geöffnet war. Nun hatten wir wieder genug Sprit um einen kurzen Abstecher in die Berge zu machen. Mary erzählte, es sei Daphnis und ihr Lieblingsort, weil man von hieraus den schönsten Blick über Glyfada hat. Hell lag uns die Stadt zu Fußen. Leider wurden die Hänge immer höher bebaut, sodass es auch diesen Ort in Zukunft nicht mehr geben würde. Neben uns aus der Dunkelheit hoben sich weiße, hohe, halb fertig gestellte Villen. Ein kühler Wind kam auf, es war Zeit nach Hause zu kehren.
Zum letzten Mal in diesem Sommer packten wir unsere schweren Reiserucksäcke. Mary gab mir eine Metalldose für meine Olivenölflasche; die andere hatte ich ihr gegeben. In der Flughafen-Gepäckkontrolle am nächsten Tag würde man beim Röntgen ein seltsames Behältnis feststellen und meinen Rucksack durchsuchen, wobei die Unterseite dabei aufgeschlitzt wurde. Als wenn es nicht reichte, dass man nicht mal mehr ein Saftpäckchen ins Handgepäck stecken durfte...
Wir beschlossen, früh schlafen zu gehen, da gegen 5 Uhr morgens bereits unser Bus zum Flughafen abfuhr. Mary versprach, uns am Morgen zur Bushaltestelle zu fahren. Wir nahmen dankend an, weil wir sonst noch eine halbe Stunde vorher das Haus hätten verlassen müssen um die Bushaltestelle zu Fuß zu erreichen.
Donna war schon heute Vormittag abgereist, darum verabschiedeten wir uns nur von Daphni.
Ein letztes Mal hinterließen wir eine Postkarte von Zwickau mit ein paar netten Worten auf einem Nachttisch und legten uns schlafen.
Athen, Teil 4
26.9.
Mary hatte uns sei unserer Anreise allerlei schönen Orte zu zeigen versprochen - die schönsten Strände, die Cafés, den Marktplatz, einen Tempel am Meer, vielleicht eine griechische Insel wie Aegina... aber bisher hatte sich nichts daraus ergeben, weil wie bereits erwähnt der Tag hier nie vor 13 Uhr anfing.
Das sollte sich heute überraschend ändern. Es war zwar auch schon fast 11 Uhr als ich das erste Mal aus dem Bett tappte, aber Mary war auch schon in einem Zustand, der es ihr ermöglichte, mit Menschen zu kommunizieren. Nein, wach würde ich es nicht nennen. Ich begann das aus der letzten Nacht hervorgegangene Chaos zu beseitigen, als Mary aus dem Wohnzimmer kam, schon munterer, und vorschlug, zum Markt zu fahren um dort frisches Gemüse für einen Auflauf zu kaufen. Ich stimmte begeistert zu, während Matthias - der mit mir aufgestanden war - lieber zu Hause blieb um im Internet zu surfen; er nahm genau wie ich an, dass wir nur kurz zum Markt fuhren und zurück kamen.
Griechen lieben das Fluchen, besonders im Auto. Wenn Mary auf Englisch sprach, dann war es an mich gerichtet; sprach sie hingegen auf Griechisch, fluchte sie ganz eindeutig über die anderen Autofahrer. Mich beeindruckte, wie sie die ganze Zeit reden konnte, ohne einmal einen englischen Satz einzuwerfen.
Der Marktplatz war kleiner als erwartet; eigentlich war es nur ein Stück Querstraße, das nicht befahren wurde. Aber man sah, dass alles aus biologischem Anbau war, praktisch aus dem Garten der Verkäufer noch am selben Morgen gepflückt. Mary kannte viele der Verkäufer und wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte. Ihr Lieblingshändler verkaufte unter anderem selbstgepresstes Olivenöl; ich fragte, wie viel so eine Flasche kostete, und am Ende bekam ich zwei Flaschen geschenkt. Der Händler wollte demnächst nach Deutschland gehen und dort schon ein paar Freunde machen. Ich schrieb ihm meine Kontaktdaten auf und auch meinen Namen bei Couchsurfing, sodass er mich anschreiben konnte, wenn er zufällig in Zwickau war und eine Unterkunft suchte. Mary schien schon fast versucht zu sein, uns zu verkuppeln, obwohl er ein gutes Stück älter war als ich; sie überlegte, ihn heute für Abend einzuladen, denn sie plante, uns alle in einen Club zum Trinken und Tanzen auszuführen.
Wir hatten schon gut 20 Kilogramm Gemüse und Obst jeder Art gekauft, als es plötzlich anfing wie aus Eimern zu gießen. Darauf war man hier jedoch vorbereitet und schob nur die Sonnenschirme näher zusammen. So waren wir, während wir warteten, praktisch dazu gezwungen weiter einzukaufen. Mary fand eine Packung seltsamer Früchte und war begeistert: Als sie jung war, hatten sie einen Baum dieser Art in ihrem Garten gehabt, aber seitdem hatte sie diese Früchte nicht mehr gegessen. Sie sahen aus wie überbreite Datteln und schmeckten nach Birnen. Ich habe nie herausgefunden, wie sie hießen. Wir hoben die Kerne gut auf, sodass Mary sie später einpflanzen konnte.
Nun war ihre Laune erst recht so gut, dass sie beschloss, einen Abstecher zum Strand zu machen. Während wir fuhren, erzählte sie mir, wie es hier früher ausgesehen hatte: Unangerührte Natur, Wälder am Meer, schöne Orte für Picknicks damals mit ihren Eltern. Jetzt schossen überall neue Hotelanlagen und Wohnhäuser aus dem Boden; man brannte den Wald nieder um Platz dafür zu haben, denn diese Grundstücke mit Meerblick waren heiß begehrt.
Aber an einigen Stellen sah es noch genauso aus wie früher, erzählte sie. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Einzelne strohgedeckte Sonnenschirme standen auf dem sonst leeren Strand, dahinter begann der Wald. Fast versteckt lag ein Strandcafé mit weiteren Strohschirm und beigefarbenen Holztischen. Hier ließen wir uns nieder; Mary bestellte einen Kaffee, ich eine heiße Schokolade. Als ich bezahlen wollte, fauchte sie mich an wie eine Tigermami, wenn ihr Kleines in Gefahr war: "Denk nicht mal daran!" Dem konnte ich keinesfalls widersprechen und ließ mich einladen.
Also saßen wir noch ein wenig in der Mittagssonne, ließen den Blick über das Meer schweifen; ein Schwarm Seevögel flog immer wieder tief uns nah an uns vorbei; nicht weit entfernt lag eine rötliche kleine Felseninsel. Mary sagte, sie sei früher dorthin gelaufen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und während Mary einen Spaziergang am Strand entlang machte, krempelte ich mir die Hosenbeine hoch und wadete durch das gerademal kniehohe, klare Wasser zur Insel. Auf der Insel gab es Mauern der gleichen rötlichen Farbe wie das Inselgestein; vermutlich ein ehemaliges Haus, oder eine winzige Festung. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass sie Insel schöner von der Ferne aussah. Überall lagen Kronkorken und Scherben von Bierflaschen. Schade, dass man einen so schönen Ort so verkommen lassen muss. Den Strand reinigten sie schließlich auch per Hand, beziehungsweise mit einer Art Siebmüllbeutel.
Wir fuhren weiter zum nächsten Küstenabschnitt; es war eine Steilküste der gleichen rötlichen Farbe wie die Insel, deren Ausläufer weit in das klare, grünblaue Wasser reichten. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Felsen hinunter zum Wasser zu klettern, obwohl wir beide schon recht viel Lust hatten, schwimmen zu gehen. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und nach dem Essen noch einmal gemeinsam zum Baden loszufahren. Soweit jedenfalls der Plan. Mary bereitete einen wunderbaren Gemüseauflauf zu, aber dann war es schon nach 18 Uhr.
Wir bemerkten schon, dass es nichts mehr mit dem Baden werden würde, aber ich versuchte es trotzdem noch einmal und fragte Mary, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, auf ein Nachtbad zu gehen. Sie lehnte ab, denn heute wollte sie mit uns eigentlich in die Clubs ausgehen. Ach ja. Sie begann sich zurecht zu machen, während Matthias und ich noch eine Runde spazieren gingen. Wir waren mittlerweile erfahren genug in der griechischen Mentalität um zu wissen, dass in den nächsten Stunden nichts passieren würde.
Tatsächlich ging es gut an 23 Uhr heran, als ihr Bruder anrief, dass er jetzt kommen würde. Ich hatte mich auch ein wenig schick gemacht, trug ein Kleid und ein wenig Make-Up, das ich mit von Mary geliehen hatte. Ihr Bruder hatte seine Frau dabei, die aussah, als hätte sie exakt eine Schönheitsoperation zu viel gehabt. Ihr Dekolleté war ein Schaufenster und an ihrem Kichern hörte man schon, dass Marys Bruder sie nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet hatte.
Wir fuhren ein ganzes Stück bis ins Szeneviertel Gazi. Den Namen hatte dieser Stadtteil durch die ehemaligen Gaswerke. Nun waren in den Fabriken Diskotheken untergebracht und eine Bar jagte die nächste. Ganz Athen schien an diesem Samstag nach Gazi zu fahren; die Straßen waren hoffnungslos überfüllt und ich fragte mich ernsthaft, wo wir noch einen Parkplatz finden sollten. Wir waren in zwei Autos unterwegs; Mary hatte ihren gut 30 Jahre alten Wagen zu Hause stehen lassen und sich einen anderen von ihrer Familie geliehen, nur um sicher zu gehen, dass wir heute Nacht auch wieder zu Hause ankommen würden. Aber es gab nun mal keine echte Alternative zum Auto in Athen - die öffentlichen Verkehrsmittel stellten um Mitternacht ihren Dienst ein und fuhren erst wieder ab 6 Uhr morgens. Wir fanden einen Parkplatz in einer abgelegenen Seitenstraße, in die ich eigentlich kein Auto abgestellt hätte, und fanden die anderen an der ersten Imbissstube wieder. Donna war hungrig geworden und stopfte sich gerade einen ganzen Döner-Spieß in den Mund, oder zumindest tat sie das in meiner Vorstellung.
Ich war eigentlich nicht begeistert von der Idee, dass wir uns irgendwo in einer Bar einen Tisch nehmen wollten, weil uns Mary schon vorher erzählt hatte, dass man einen Tisch nur mit Getränken bekommt. Und schon eine billige Flasche Wein konnte in einer Bar gut in den dreistelligen Eurobereich gehen. Das lag daran, weil die Griechen eine andere Ausgeh-Mentalität hatten als die Deutschen. Man ging hier nicht in eine Bar um sich volllaufen zu lassen; etwas wie eine "Kneipentour" kannte man hier auch nicht. Stattdessen traf man sich mit Freunden wie zum Kaffeeklatsch und hielt sich schon mal bei nur einer Flasche Wein für eine ganze Gruppe von Leuten bis in die frühen Morgenstunden auf. Ich weiß nicht, was Ursache und was Wirkung war - war es griechische Kultur, einen Tisch die ganze Nacht lang besetzt zu halten und wenig zu trinken; oder war es durch die horrenden Preise dazu gekommen, dass sich die Griechen mit nur wenigen Getränken die ganze Nacht an einen Tisch klammerten, im Sinne von "wenn ich schon so viel dafür bezahlt habe, will ich auch etwas davon haben". Einige Rätsel müssen wohl ungelöst bleiben.
Mary hatte einen schönen Platz in einer gemütlichen Bar gefunden, aber ihr Bruder war schon Chauvinist der alten Schule und konnte keine Frau entscheiden lassen, wo wir den Abend verbringen würden. Deshalb stapfte er voran zu einer anderen Bar, die einfach nur überfüllt und laut war. Hier ließ er sich nieder und begann die Getränkekarte zu studieren. Ich hätte vielleicht ein Foto von der Karte machen sollen, denn im Nachhinein wird mir niemand glauben, dass das billigste Getränk - Cola - 12 Euro kostete, eine Flasche Jägermeister stolze 600 Euro, und der Champagner in die Preishöhe einer Jahresmiete ging.
Ich verzichtete dankend auf jeder Art von Getränk, genau wie Matthias. Die anderen ließen es vorsichtig angehen mit Tonic-Wasser oder Bier, nur die Frau des Bruders bestellte sich einen Cocktail. Nach einem kleinen Schluck ließ sie das Getränk zurück gehen. Wenig später bekam sie ein neues, das genauso aussah, aber vermutlich hatte der Barmann hineingespuckt. Sie nippte wieder nur vorsichtig und ließ am Ende das halbe Getränk stehen.
Der Abend wurde nur eins: Sehr lang und noch viel langweiliger. Es war viel zu laut für eine Unterhaltung und ich begann langsam in meinem kurzen Kleid zu frösteln. Niemand hatte überhaupt vorgehabt, Tanzen zu gehen, und ich hatte es erst recht nicht vor zu dieser schrecklichen, pochenden Musik. Ich überlegte mich abzusetzen, aber es begann leicht zu regnen, wodurch es noch kälter wurde.
Mein einziges Vergnügen in dieser Nacht bestand darin, mir neue deutsche Schimpfwörter auszudenken, um den Abend, Marys Bruder und seine Frau zu beschreiben. Kinder könnten mitlesen, also verzichte ich darauf, die Worte hier festzuhalten, nur so viel sei gesagt: Mir sind selten unsympathischere Menschen begegnet als diese beiden.
Gegen 3 Uhr morgens wurden wir endlich erlöst, weil wir aus der Bar rausgeschmissen wurden. Offenbar begann nun die private VIP-Party irgendeines reichen Schnösels.
Wahrscheinlich hatten wir uns alle den Abend anders gedacht - bis auf die Frau des Bruders, die hatte noch nie gedacht. Ich wollte nun schnell ins Bett gehen um noch etwas von unserem letzten Tag in Athen zu haben.
Mary hatte uns sei unserer Anreise allerlei schönen Orte zu zeigen versprochen - die schönsten Strände, die Cafés, den Marktplatz, einen Tempel am Meer, vielleicht eine griechische Insel wie Aegina... aber bisher hatte sich nichts daraus ergeben, weil wie bereits erwähnt der Tag hier nie vor 13 Uhr anfing.
Das sollte sich heute überraschend ändern. Es war zwar auch schon fast 11 Uhr als ich das erste Mal aus dem Bett tappte, aber Mary war auch schon in einem Zustand, der es ihr ermöglichte, mit Menschen zu kommunizieren. Nein, wach würde ich es nicht nennen. Ich begann das aus der letzten Nacht hervorgegangene Chaos zu beseitigen, als Mary aus dem Wohnzimmer kam, schon munterer, und vorschlug, zum Markt zu fahren um dort frisches Gemüse für einen Auflauf zu kaufen. Ich stimmte begeistert zu, während Matthias - der mit mir aufgestanden war - lieber zu Hause blieb um im Internet zu surfen; er nahm genau wie ich an, dass wir nur kurz zum Markt fuhren und zurück kamen.
Griechen lieben das Fluchen, besonders im Auto. Wenn Mary auf Englisch sprach, dann war es an mich gerichtet; sprach sie hingegen auf Griechisch, fluchte sie ganz eindeutig über die anderen Autofahrer. Mich beeindruckte, wie sie die ganze Zeit reden konnte, ohne einmal einen englischen Satz einzuwerfen.
Der Marktplatz war kleiner als erwartet; eigentlich war es nur ein Stück Querstraße, das nicht befahren wurde. Aber man sah, dass alles aus biologischem Anbau war, praktisch aus dem Garten der Verkäufer noch am selben Morgen gepflückt. Mary kannte viele der Verkäufer und wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte. Ihr Lieblingshändler verkaufte unter anderem selbstgepresstes Olivenöl; ich fragte, wie viel so eine Flasche kostete, und am Ende bekam ich zwei Flaschen geschenkt. Der Händler wollte demnächst nach Deutschland gehen und dort schon ein paar Freunde machen. Ich schrieb ihm meine Kontaktdaten auf und auch meinen Namen bei Couchsurfing, sodass er mich anschreiben konnte, wenn er zufällig in Zwickau war und eine Unterkunft suchte. Mary schien schon fast versucht zu sein, uns zu verkuppeln, obwohl er ein gutes Stück älter war als ich; sie überlegte, ihn heute für Abend einzuladen, denn sie plante, uns alle in einen Club zum Trinken und Tanzen auszuführen.
Wir hatten schon gut 20 Kilogramm Gemüse und Obst jeder Art gekauft, als es plötzlich anfing wie aus Eimern zu gießen. Darauf war man hier jedoch vorbereitet und schob nur die Sonnenschirme näher zusammen. So waren wir, während wir warteten, praktisch dazu gezwungen weiter einzukaufen. Mary fand eine Packung seltsamer Früchte und war begeistert: Als sie jung war, hatten sie einen Baum dieser Art in ihrem Garten gehabt, aber seitdem hatte sie diese Früchte nicht mehr gegessen. Sie sahen aus wie überbreite Datteln und schmeckten nach Birnen. Ich habe nie herausgefunden, wie sie hießen. Wir hoben die Kerne gut auf, sodass Mary sie später einpflanzen konnte.
Nun war ihre Laune erst recht so gut, dass sie beschloss, einen Abstecher zum Strand zu machen. Während wir fuhren, erzählte sie mir, wie es hier früher ausgesehen hatte: Unangerührte Natur, Wälder am Meer, schöne Orte für Picknicks damals mit ihren Eltern. Jetzt schossen überall neue Hotelanlagen und Wohnhäuser aus dem Boden; man brannte den Wald nieder um Platz dafür zu haben, denn diese Grundstücke mit Meerblick waren heiß begehrt.
Aber an einigen Stellen sah es noch genauso aus wie früher, erzählte sie. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Einzelne strohgedeckte Sonnenschirme standen auf dem sonst leeren Strand, dahinter begann der Wald. Fast versteckt lag ein Strandcafé mit weiteren Strohschirm und beigefarbenen Holztischen. Hier ließen wir uns nieder; Mary bestellte einen Kaffee, ich eine heiße Schokolade. Als ich bezahlen wollte, fauchte sie mich an wie eine Tigermami, wenn ihr Kleines in Gefahr war: "Denk nicht mal daran!" Dem konnte ich keinesfalls widersprechen und ließ mich einladen.
Also saßen wir noch ein wenig in der Mittagssonne, ließen den Blick über das Meer schweifen; ein Schwarm Seevögel flog immer wieder tief uns nah an uns vorbei; nicht weit entfernt lag eine rötliche kleine Felseninsel. Mary sagte, sie sei früher dorthin gelaufen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und während Mary einen Spaziergang am Strand entlang machte, krempelte ich mir die Hosenbeine hoch und wadete durch das gerademal kniehohe, klare Wasser zur Insel. Auf der Insel gab es Mauern der gleichen rötlichen Farbe wie das Inselgestein; vermutlich ein ehemaliges Haus, oder eine winzige Festung. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass sie Insel schöner von der Ferne aussah. Überall lagen Kronkorken und Scherben von Bierflaschen. Schade, dass man einen so schönen Ort so verkommen lassen muss. Den Strand reinigten sie schließlich auch per Hand, beziehungsweise mit einer Art Siebmüllbeutel.
Wir fuhren weiter zum nächsten Küstenabschnitt; es war eine Steilküste der gleichen rötlichen Farbe wie die Insel, deren Ausläufer weit in das klare, grünblaue Wasser reichten. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Felsen hinunter zum Wasser zu klettern, obwohl wir beide schon recht viel Lust hatten, schwimmen zu gehen. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und nach dem Essen noch einmal gemeinsam zum Baden loszufahren. Soweit jedenfalls der Plan. Mary bereitete einen wunderbaren Gemüseauflauf zu, aber dann war es schon nach 18 Uhr.
Wir bemerkten schon, dass es nichts mehr mit dem Baden werden würde, aber ich versuchte es trotzdem noch einmal und fragte Mary, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, auf ein Nachtbad zu gehen. Sie lehnte ab, denn heute wollte sie mit uns eigentlich in die Clubs ausgehen. Ach ja. Sie begann sich zurecht zu machen, während Matthias und ich noch eine Runde spazieren gingen. Wir waren mittlerweile erfahren genug in der griechischen Mentalität um zu wissen, dass in den nächsten Stunden nichts passieren würde.
Tatsächlich ging es gut an 23 Uhr heran, als ihr Bruder anrief, dass er jetzt kommen würde. Ich hatte mich auch ein wenig schick gemacht, trug ein Kleid und ein wenig Make-Up, das ich mit von Mary geliehen hatte. Ihr Bruder hatte seine Frau dabei, die aussah, als hätte sie exakt eine Schönheitsoperation zu viel gehabt. Ihr Dekolleté war ein Schaufenster und an ihrem Kichern hörte man schon, dass Marys Bruder sie nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet hatte.
Wir fuhren ein ganzes Stück bis ins Szeneviertel Gazi. Den Namen hatte dieser Stadtteil durch die ehemaligen Gaswerke. Nun waren in den Fabriken Diskotheken untergebracht und eine Bar jagte die nächste. Ganz Athen schien an diesem Samstag nach Gazi zu fahren; die Straßen waren hoffnungslos überfüllt und ich fragte mich ernsthaft, wo wir noch einen Parkplatz finden sollten. Wir waren in zwei Autos unterwegs; Mary hatte ihren gut 30 Jahre alten Wagen zu Hause stehen lassen und sich einen anderen von ihrer Familie geliehen, nur um sicher zu gehen, dass wir heute Nacht auch wieder zu Hause ankommen würden. Aber es gab nun mal keine echte Alternative zum Auto in Athen - die öffentlichen Verkehrsmittel stellten um Mitternacht ihren Dienst ein und fuhren erst wieder ab 6 Uhr morgens. Wir fanden einen Parkplatz in einer abgelegenen Seitenstraße, in die ich eigentlich kein Auto abgestellt hätte, und fanden die anderen an der ersten Imbissstube wieder. Donna war hungrig geworden und stopfte sich gerade einen ganzen Döner-Spieß in den Mund, oder zumindest tat sie das in meiner Vorstellung.
Ich war eigentlich nicht begeistert von der Idee, dass wir uns irgendwo in einer Bar einen Tisch nehmen wollten, weil uns Mary schon vorher erzählt hatte, dass man einen Tisch nur mit Getränken bekommt. Und schon eine billige Flasche Wein konnte in einer Bar gut in den dreistelligen Eurobereich gehen. Das lag daran, weil die Griechen eine andere Ausgeh-Mentalität hatten als die Deutschen. Man ging hier nicht in eine Bar um sich volllaufen zu lassen; etwas wie eine "Kneipentour" kannte man hier auch nicht. Stattdessen traf man sich mit Freunden wie zum Kaffeeklatsch und hielt sich schon mal bei nur einer Flasche Wein für eine ganze Gruppe von Leuten bis in die frühen Morgenstunden auf. Ich weiß nicht, was Ursache und was Wirkung war - war es griechische Kultur, einen Tisch die ganze Nacht lang besetzt zu halten und wenig zu trinken; oder war es durch die horrenden Preise dazu gekommen, dass sich die Griechen mit nur wenigen Getränken die ganze Nacht an einen Tisch klammerten, im Sinne von "wenn ich schon so viel dafür bezahlt habe, will ich auch etwas davon haben". Einige Rätsel müssen wohl ungelöst bleiben.
Mary hatte einen schönen Platz in einer gemütlichen Bar gefunden, aber ihr Bruder war schon Chauvinist der alten Schule und konnte keine Frau entscheiden lassen, wo wir den Abend verbringen würden. Deshalb stapfte er voran zu einer anderen Bar, die einfach nur überfüllt und laut war. Hier ließ er sich nieder und begann die Getränkekarte zu studieren. Ich hätte vielleicht ein Foto von der Karte machen sollen, denn im Nachhinein wird mir niemand glauben, dass das billigste Getränk - Cola - 12 Euro kostete, eine Flasche Jägermeister stolze 600 Euro, und der Champagner in die Preishöhe einer Jahresmiete ging.
Ich verzichtete dankend auf jeder Art von Getränk, genau wie Matthias. Die anderen ließen es vorsichtig angehen mit Tonic-Wasser oder Bier, nur die Frau des Bruders bestellte sich einen Cocktail. Nach einem kleinen Schluck ließ sie das Getränk zurück gehen. Wenig später bekam sie ein neues, das genauso aussah, aber vermutlich hatte der Barmann hineingespuckt. Sie nippte wieder nur vorsichtig und ließ am Ende das halbe Getränk stehen.
Der Abend wurde nur eins: Sehr lang und noch viel langweiliger. Es war viel zu laut für eine Unterhaltung und ich begann langsam in meinem kurzen Kleid zu frösteln. Niemand hatte überhaupt vorgehabt, Tanzen zu gehen, und ich hatte es erst recht nicht vor zu dieser schrecklichen, pochenden Musik. Ich überlegte mich abzusetzen, aber es begann leicht zu regnen, wodurch es noch kälter wurde.
Mein einziges Vergnügen in dieser Nacht bestand darin, mir neue deutsche Schimpfwörter auszudenken, um den Abend, Marys Bruder und seine Frau zu beschreiben. Kinder könnten mitlesen, also verzichte ich darauf, die Worte hier festzuhalten, nur so viel sei gesagt: Mir sind selten unsympathischere Menschen begegnet als diese beiden.
Gegen 3 Uhr morgens wurden wir endlich erlöst, weil wir aus der Bar rausgeschmissen wurden. Offenbar begann nun die private VIP-Party irgendeines reichen Schnösels.
Wahrscheinlich hatten wir uns alle den Abend anders gedacht - bis auf die Frau des Bruders, die hatte noch nie gedacht. Ich wollte nun schnell ins Bett gehen um noch etwas von unserem letzten Tag in Athen zu haben.
Athen, Teil 3
24.9.
Bevor wir zu Mary gingen, wurden wir von Ioannas Oma zum Mittag eingeladen. Es gab etwas ganz typisch Griechisches: Chorta und frittierte Spotten. Ich würde es im Nachhinein nicht als mein Leibgericht bezeichnen wollen, aber man konnte es durchaus essen. Bis auf die Sprotten. Oder das Chorta. Chorta muss ich vielleicht erklären; das ist eine Art Salat aus allerlei Kraut, das man am Wegesrand findet, zum Beispiel Löwenzahn oder das spinatähnliche Vlita, das dann in Olivenöl und Zitronensaft ertränkt wird.
Dazu gab es ein selbstgemachtes Getränk, eine Art sehr flüssiger Sirup, der durch den vielen Zucker teilweise kristallisiert ist und mit Wasser vermischt getrunken wird. Leitungswasser trank man hier nicht; jeder Haushalt hatte hier einen Wasserspender.
Ioanna war so nett, uns mit dem Auto zu Marys Haus zu fahren, weil es doch gute zwei Kilometer entfernt lag. Sie lebte weniger luxuriös, hatte zwei Kinder - eine vierzehnjährige Tochter und einen erwachsenen Sohn, der seinen Lebensunterhalt als DJ in angesagten Athener Clubs verdiente, das heißt, er wohnte noch bei Mutti. Wir sahen ihn recht selten, weil er bis in die Morgenstunden arbeitete und dann bis nachmittags schlief. Mary hatte zwei weitere Gäste, eine alte Freundin aus Kanada, die jedoch am gleichen Tag noch abreiste, und eine andere alte Freundin namens Donna aus England, die jedoch in Frankreich lebte. Sie entsprach keinem gängigen Schönheitsideal: Sie war aufgedunsen, brauchte etwa drei Stühle um irgendwo bequem sitzen zu können, trug bunte Kleider mit grausam tiefem Ausschnitt... es ist schwer zu beschreiben, aber man könnte sie sich etwa als Jabba The Hut aus Star Wars in einem Kleid vorstellen.
Es war ein buntes Durcheinander bei Mary. Sie und ihre Tochter Daphni schrien sich den ganzen Tag lang an; natürlich auf Griechisch, weshalb wir uns bestenfalls vorstellen konnten, worum es ging. Aber Mary meinte, das sei ganz normal, dass man Meinungsverschiedenheiten in dieser Lautstärke austrug - das war die typisch-griechische Mutterliebe, die nur das Beste für ihre Tochter wollte. Die wusste natürlich selbst am besten, was gut für sie war. Sie sah wie 16 aus und wollte am liebsten alles machen, was eine Sechszehnjährige durfte.
Das war es auch schon fast wieder für diesen Tag. Ach ja, am Strand waren wir noch einmal. Sonst ist ganz sicher nichts passiert.
25.9.
In Griechenland ticken die Uhren nicht anders, sondern gar nicht. Bei Mary gab es das Mittagessen erst gegen 17 Uhr; was etwa der Zeit entspricht, die man zum Wachwerden, Frühstücken und Einkaufen braucht. Zum Frühstück gegen Mittag saßen wir alle beieinander am Küchentisch und plauderten; Matthias Mary und ich an einer Seite, Donna uns gegenüber. Mary machte für jeden, was er oder sie gerne mochte; für mich gab es immer selbst gemachte Marmelade und Tee, für Matthias nichts und Kaffee, der mit Toilettenpapier gefiltert wurde, weil Mary die Filter ausgegangen waren. Oder es gab einfach Kaffee türkischer Art, also ohne Filter. Hier machte ich mir einen Spaß daraus, noch einmal Matthias' Zukunft zu lesen. An diesem Morgen war der Kaffeesatz eine musterlose braune Masse, die mich an irgendetwas erinnerte... ach ja! Strahlend verkündete ich Matthias, was ich in seiner Zukunft gesehen hatte: Die sah ziemlich scheiße aus.
Aber auch bei Mary hatten wir viel Zeit für uns allein, weil Donna die meiste Zeit andere alte Bekannte besuchte, Daphni in der Schule war, der Sohn schlief und Mary studierte. Sie war zwar schon über 40, aber arbeitslos und geschieden - aber das war wohl der perfekte Ausgangspunkt um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Geschichte zu studieren.
So fuhren wir also wieder einmal allein in die Stadt. Beziehungsweise, wir wären gern in die Stadt gefahren, wenn der Bus nur endlich kommen würde. Laut plan sollte er jede halbe Stunde kommen, aber wir waren nicht sicher, wann innerhalb einer Stunde. Diese Pläne waren sehr rätselhaft, und das nicht nur, weil sie auf Griechisch waren. Matthias forderte mich ungeduldig auf, etwas zu machen, am besten zu zaubern, dass der Bus endlich käme. Ich fragte, wie ich das denn machen soll, einfach so mit den Fingern schnipsen? Ich schnippte zur Bekräftigung der Aussage mit den Fingern, und wie aus dem Nichts fuhr ein Bus an uns vorbei. Es war zwar die falsche Richtung, aber die richtige Nummer. Ich musste wohl noch ein wenig üben...
Der Bus kam letztendlich doch, ob nun durch Magie oder ohne. In der Innenstadt war politisch etwas im Gange; Wahlwerbung eines furchtbar unsympathisch aussehenden rechten Politikers klebte an allen Bushaltestellen, und jetzt hatten sie in der Nähe des Parlaments einen Infostand aufgebaut, den wir weiträumig umgingen.
Vor dem Parlamentsgebäude marschierten seltsam angeputzte Wachen auf. Sie trugen schwarze Faltröcke, weiße Strümpfe und mit großen Bommeln bestückte Holzschuhe. Die Wachen wurden von echten Soldaten in Camouflage-Uniform bewacht.
Am Ende des traditionellen Aufmarschs bestürmten die zuschauenden Touristen die lustigen Wachen um ein Foto mit ihnen machen zu dürfen; sie standen richtig in einer Schlange an.
Wir vermieden den Trubel und gingen ins Museum für archaische Kunst, das uns Mary empfohlen hatte.
Im Untergeschoss des Museums waren immer wieder die gleiche Figuren ausgestellt: Eine nackte Frauengestalt, die ihre Arme verschränkt hielt und wahrscheinlich als Grabbeigabe diente. So hatte die Kulturgeschichte in Griechenland also angefangen.
Das Museum war riesig; mit den Etagen darüber konnte man wunderbar die weitere Entwicklung verfolgen, multimedial unterstützt. Hier konnte man sich eine ganze Weile aufhalten. Man konnte sogar verschiedenstes Kunsthandwerk anhand von Computer-Animationen und Filmen lernen. Im obersten Geschoss wurde schließlich das typische Leben aus der Antike dargestellt, unterstützt mit Filmen und Klängen.
Doch es wurde bald Zeit, nach Hause zurück zu kehren um uns mit Mary zu treffen, denn sie wollte etwas Leckeres für uns kochen.
Ich gesellte mich zu ihr in die Küche. Sie hatte viele verschiedene typisch-griechische Lebensmittel zusammengestellt; vor allem diese rote Erbsen-Linsenkreuzung ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Steine heraussuchen sollte, die offenbar immer wieder mal bei der Ernte in der Tüte landeten.
Dieses gutes Mal begossen wir später an diesem Abend noch mit Alkohol; ich hatte noch eine halbe Flasche Wodka aus Istanbul im Gepäck gehabt, und Mary geizte auch nicht mit Spirituosen. Sie holte den selbstgemachten Kirschlikör aus dem Schrank, an dem das Beste die Kirschen am Boden waren.
Wir hatten sehr viel Spaß in der Weiberrunde, während Matthias sich eher still volllaufen ließ. Erst als wir uns allesamt unter den Tisch getrunken hatten, gingen wir zu Bett.
Bevor wir zu Mary gingen, wurden wir von Ioannas Oma zum Mittag eingeladen. Es gab etwas ganz typisch Griechisches: Chorta und frittierte Spotten. Ich würde es im Nachhinein nicht als mein Leibgericht bezeichnen wollen, aber man konnte es durchaus essen. Bis auf die Sprotten. Oder das Chorta. Chorta muss ich vielleicht erklären; das ist eine Art Salat aus allerlei Kraut, das man am Wegesrand findet, zum Beispiel Löwenzahn oder das spinatähnliche Vlita, das dann in Olivenöl und Zitronensaft ertränkt wird.
Dazu gab es ein selbstgemachtes Getränk, eine Art sehr flüssiger Sirup, der durch den vielen Zucker teilweise kristallisiert ist und mit Wasser vermischt getrunken wird. Leitungswasser trank man hier nicht; jeder Haushalt hatte hier einen Wasserspender.
Ioanna war so nett, uns mit dem Auto zu Marys Haus zu fahren, weil es doch gute zwei Kilometer entfernt lag. Sie lebte weniger luxuriös, hatte zwei Kinder - eine vierzehnjährige Tochter und einen erwachsenen Sohn, der seinen Lebensunterhalt als DJ in angesagten Athener Clubs verdiente, das heißt, er wohnte noch bei Mutti. Wir sahen ihn recht selten, weil er bis in die Morgenstunden arbeitete und dann bis nachmittags schlief. Mary hatte zwei weitere Gäste, eine alte Freundin aus Kanada, die jedoch am gleichen Tag noch abreiste, und eine andere alte Freundin namens Donna aus England, die jedoch in Frankreich lebte. Sie entsprach keinem gängigen Schönheitsideal: Sie war aufgedunsen, brauchte etwa drei Stühle um irgendwo bequem sitzen zu können, trug bunte Kleider mit grausam tiefem Ausschnitt... es ist schwer zu beschreiben, aber man könnte sie sich etwa als Jabba The Hut aus Star Wars in einem Kleid vorstellen.
Es war ein buntes Durcheinander bei Mary. Sie und ihre Tochter Daphni schrien sich den ganzen Tag lang an; natürlich auf Griechisch, weshalb wir uns bestenfalls vorstellen konnten, worum es ging. Aber Mary meinte, das sei ganz normal, dass man Meinungsverschiedenheiten in dieser Lautstärke austrug - das war die typisch-griechische Mutterliebe, die nur das Beste für ihre Tochter wollte. Die wusste natürlich selbst am besten, was gut für sie war. Sie sah wie 16 aus und wollte am liebsten alles machen, was eine Sechszehnjährige durfte.
Das war es auch schon fast wieder für diesen Tag. Ach ja, am Strand waren wir noch einmal. Sonst ist ganz sicher nichts passiert.
25.9.
In Griechenland ticken die Uhren nicht anders, sondern gar nicht. Bei Mary gab es das Mittagessen erst gegen 17 Uhr; was etwa der Zeit entspricht, die man zum Wachwerden, Frühstücken und Einkaufen braucht. Zum Frühstück gegen Mittag saßen wir alle beieinander am Küchentisch und plauderten; Matthias Mary und ich an einer Seite, Donna uns gegenüber. Mary machte für jeden, was er oder sie gerne mochte; für mich gab es immer selbst gemachte Marmelade und Tee, für Matthias nichts und Kaffee, der mit Toilettenpapier gefiltert wurde, weil Mary die Filter ausgegangen waren. Oder es gab einfach Kaffee türkischer Art, also ohne Filter. Hier machte ich mir einen Spaß daraus, noch einmal Matthias' Zukunft zu lesen. An diesem Morgen war der Kaffeesatz eine musterlose braune Masse, die mich an irgendetwas erinnerte... ach ja! Strahlend verkündete ich Matthias, was ich in seiner Zukunft gesehen hatte: Die sah ziemlich scheiße aus.
Aber auch bei Mary hatten wir viel Zeit für uns allein, weil Donna die meiste Zeit andere alte Bekannte besuchte, Daphni in der Schule war, der Sohn schlief und Mary studierte. Sie war zwar schon über 40, aber arbeitslos und geschieden - aber das war wohl der perfekte Ausgangspunkt um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Geschichte zu studieren.
So fuhren wir also wieder einmal allein in die Stadt. Beziehungsweise, wir wären gern in die Stadt gefahren, wenn der Bus nur endlich kommen würde. Laut plan sollte er jede halbe Stunde kommen, aber wir waren nicht sicher, wann innerhalb einer Stunde. Diese Pläne waren sehr rätselhaft, und das nicht nur, weil sie auf Griechisch waren. Matthias forderte mich ungeduldig auf, etwas zu machen, am besten zu zaubern, dass der Bus endlich käme. Ich fragte, wie ich das denn machen soll, einfach so mit den Fingern schnipsen? Ich schnippte zur Bekräftigung der Aussage mit den Fingern, und wie aus dem Nichts fuhr ein Bus an uns vorbei. Es war zwar die falsche Richtung, aber die richtige Nummer. Ich musste wohl noch ein wenig üben...
Der Bus kam letztendlich doch, ob nun durch Magie oder ohne. In der Innenstadt war politisch etwas im Gange; Wahlwerbung eines furchtbar unsympathisch aussehenden rechten Politikers klebte an allen Bushaltestellen, und jetzt hatten sie in der Nähe des Parlaments einen Infostand aufgebaut, den wir weiträumig umgingen.
Vor dem Parlamentsgebäude marschierten seltsam angeputzte Wachen auf. Sie trugen schwarze Faltröcke, weiße Strümpfe und mit großen Bommeln bestückte Holzschuhe. Die Wachen wurden von echten Soldaten in Camouflage-Uniform bewacht.
Am Ende des traditionellen Aufmarschs bestürmten die zuschauenden Touristen die lustigen Wachen um ein Foto mit ihnen machen zu dürfen; sie standen richtig in einer Schlange an.
Wir vermieden den Trubel und gingen ins Museum für archaische Kunst, das uns Mary empfohlen hatte.
Im Untergeschoss des Museums waren immer wieder die gleiche Figuren ausgestellt: Eine nackte Frauengestalt, die ihre Arme verschränkt hielt und wahrscheinlich als Grabbeigabe diente. So hatte die Kulturgeschichte in Griechenland also angefangen.
Das Museum war riesig; mit den Etagen darüber konnte man wunderbar die weitere Entwicklung verfolgen, multimedial unterstützt. Hier konnte man sich eine ganze Weile aufhalten. Man konnte sogar verschiedenstes Kunsthandwerk anhand von Computer-Animationen und Filmen lernen. Im obersten Geschoss wurde schließlich das typische Leben aus der Antike dargestellt, unterstützt mit Filmen und Klängen.
Doch es wurde bald Zeit, nach Hause zurück zu kehren um uns mit Mary zu treffen, denn sie wollte etwas Leckeres für uns kochen.
Ich gesellte mich zu ihr in die Küche. Sie hatte viele verschiedene typisch-griechische Lebensmittel zusammengestellt; vor allem diese rote Erbsen-Linsenkreuzung ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Steine heraussuchen sollte, die offenbar immer wieder mal bei der Ernte in der Tüte landeten.
Dieses gutes Mal begossen wir später an diesem Abend noch mit Alkohol; ich hatte noch eine halbe Flasche Wodka aus Istanbul im Gepäck gehabt, und Mary geizte auch nicht mit Spirituosen. Sie holte den selbstgemachten Kirschlikör aus dem Schrank, an dem das Beste die Kirschen am Boden waren.
Wir hatten sehr viel Spaß in der Weiberrunde, während Matthias sich eher still volllaufen ließ. Erst als wir uns allesamt unter den Tisch getrunken hatten, gingen wir zu Bett.
Athen, Teil 2
21.09.-22.09.
Ich weiß nicht mehr so recht, was wir die nächsten beiden Tage unternommen haben, aber ich bin sicher, es involvierte: Aufstehen gegen Nachmittag, frühstücken, etwas planlos durch die Gegend oder zum Strand laufen, den ein- oder anderen Film aus Ioannas Sammlung anschauen und schlafen gehen.
Wir sind auch sicher einmal über eine Abzäunung geklettert und haben von einem riesigen Kakteenkonglomerat die Kaktusfeigen aufgelesen, und von abgesägten Bäumen die Früchte aufgelesen - Granatäpfel, die intakt oder halb zerfahren auf einer Straße lagen, oder sattgelbe Datteln von zersägten Palmen, die an ebenso sattgelben Wedeln wuchsen und etwas traurig auf der staubigen Straße lagen.
Ioanna ging jetzt schon ohne uns aus, ihre Mutter war auch eher selten in der Wohnung anwesend. Eigentlich ließen sie uns die meiste Zeit mit dem Hund allein, der nicht in die feine Wohnung durfte, aber auch nicht mehr allein nach draußen, seit er mal vom Nachbarn fast überfahren worden wäre. So sperrten sind den Köter auf den Balkon. Davon war er nicht besonders begeistert und versuchte bei jeder Gelegenheit in die Wohnung zu gelangen. Irgendwie hatte er es geschafft, als wir allein waren, und nun versuchte Matthias den Hund dazu zu bewegen, auf den Balkon zurück zu kehren. Ich hielt mich dabei schön im Hintergrund, weil ich schon vorher eine Begegnung mit seinen Zähnen gemacht hatte - als nicht Matthias Zähne, sondern die des Hundes. Ich hatte ihn streicheln wollen, und dabei hatte er nach mir geschnappt. In dem Moment hatte ich ihm die Freundschaft gekündigt. Also dem Hund, nicht Matthias.
Jedenfalls versuchte Matthias mit seiner Katzenkampferfahrung aus Helsinki den Hund auf den Balkon zu treiben. Das wollte der Hund ebenso wenig die Katze zuvor. Ein böses Knurren war aus der Ecke zu hören, in der er lag. Wütendes Bellen. Und der Hund hatte erfolgreich Matthias vertrieben. Wir ließen ihn an der Stelle liegen und beschlossen, dass es Ioannas Problem war. Wir hatten noch etwas Anderes zu tun: Wir hatten noch vier ungeöffnete Packungen Lokum aus Istanbul, von denen wir jeweils eine unseren Eltern mitbringen wollten, aber in jeder Packung war eine andere Sorte, und nur eine Sorte fanden wir zu eintönig. Also nahmen wir alle Packungen auseinander, mischten die Stücken und teilten wieder sie auf die vier Packungen auf. Sie enthielten jedoch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil Puderzucker und Kokosraspel, der nicht unbedingt am Lokum oder in den Packungen blieb, sondern sich über den blanken Glastisch verteilte, auf die schwarze Ledercouch und den glänzenden Marmorboden. Wir schafften es nur mühsam, den Ausgangszustand wiederherzustellen, und selbst dann fand Ioannas Mutter noch etwas Reststaub.
Wie es sich für Gäste gehörte, wurden wir nun langsam lästig.
Weil ich das vorhergesehen hatte, habe ich uns gleich zwei Gastgeber für die Zeit in Athen herausgesucht, wo wir immerhin stolze 11 Nächte verbringen wollten, bevor unser Flug zurück nach Berlin ging.
Praktischerweise konnte ich eine weitere Gastgeberin aus Glyfada finden, und wie es sich herausstellte, war es eine gute Freundin von Ioannas Mutter - und völlig unzuverlässig. Es war ihr zwar klar, dass wir zu ihr kommen würden um die restlichen Tage bei ihr zu verbringen, aber als es um die konkrete Umsetzung dieses Plans ging, kamen aus heiterem Himmel die Probleme. Nach einigem Hin und Her; nach Telefonaten von uns, Ioanna und ihrer Mutter, und als ich schon begonnen hatte nach alternativen Gastgebern zu suchen, kam das OK und konnten am 24.09. zu Mary übersiedeln.
23.09.
Ioanna wollte uns nichts ins Haus Schliemanns begleiten; Matthias wollte eigentlich auch nicht unbedingt hingehen, aber ich fand, wir konnten nicht nur den ganzen Tag herumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen - im übertragenen Sinne gesprochen, denn wir schafften es aus Faulheit oft nicht mal bis zum Stand hinunter. Heute wollten wir deshalb früh aufstehen und auf eigene Faust in die Stadt fahren, erst ein Stück mit dem Bus, dann mit der Metro. Die ganze Wohnung hatte still gelegen, als wir es am Morgen verließen, die Zimmer unserer Gastgeber waren verschlossen gewesen, und sie hatten nicht einmal gehört, wie wir uns Frühstück gemacht hatten. Es war der Schlaf der Partymenschen, die frühestens um vier Uhr morgens nach Hause kamen und noch eine Stunde brauchten, sich abzuschminken.
Wir machten uns also allein auf den Weg, und gegen 10 Uhr hatten wir das Museum auch schon fast gefunden. Aber praktisch konnte man es gar nicht übersehen: Es war ein prunkvoller Wohnpalast mit allerlei Verzierungen, einer gewundenen Außentreppe und einer nachgebildeten griechischen Frauenstatue in einem Blumenrondell im Garten. So hatte ich mir das Haus des wohl berühmtesten Hobbyarchäologen vorgestellt. Ein wenig befremdlich fand ich nur die Hakenkreuz-Verzierungen. Aber Schliemann lebte lange bevor dieses Symbol von den Nazis missbraucht wurde; zu seiner Zeit war es noch ein Glücks- oder auch Sonnensymbol. Auch der Rest des Hauses war nach Schliemanns Vorgaben von Ernst Ziller gestaltet worden; es war ein Gesamtkunstwerk mit seinen Mosaik-Fußböden, Wandverzierungen und Deckenmalereien.
Mittlerweile war das Haus ein Numismatisches Museum, also ein Münzmuseum. Und die Sammlung war beachtlich: Von den ersten ägyptischen Versuchen, ein Zahlungsmittel einzuführen, das jedoch so unförmig und schwer war, dass man nur immer eins auf einmal tragen konnte; von den ersten Münzfunden bis hin zur industriellen Prägung. Als EU-Studenten kamen wir wieder kostenlos ins Museum, und auch der Audio-Guide stand kostenlos zur Verfügung. Es gab tatsächlich zu fast jeder der hunderttausend Münzen eine Erwähnung auf dem Gerät, das uns auf Englisch mit Informationen überflutete. Etwa eine halbe Stunde lang hielt ich das aus, dann schaute ich mir nur noch die schönen Münzen an ohne mich über ihr Alter und ihre Herkunft und Geschichte zu informieren.
Anschließend an diese doch etwas eintönige Museumserfahrung brauchten wir etwas Auslauf und spazierte die vielen winzigen Gassen hinauf zur Akropolis, die wir dieses Mal auch betreten wollten. Als wir auch hier und in sämtliche angrenzenden Ausgrabungsstätten und Museen kostenlos hinein konnten, waren wir ziemlich beeindruckt. Davon könnte sich manch anderes Land eine Scheibe abschneiden.
Der Weg hinauf war steil und steinig, und man merkte wirklich, dass es die Festung des antiken Athens gewesen war. Der Marmor war über die Jahrtausende von unzählbaren Füßen glattgeschliffen worden und war nun stellenweise so glatt wie Eis. An dem riesigen Areal von Ruinen hatte der Zahn der Zeit nicht nur genagt, sondern sich regelrecht sattgegessen. Zwischen den Trümmern stiegen hunderte von Touristen umher und machten gegenseitig von sich Fotos. Der Blick auf die Stadt war beeindruckend; ein Meer aus weißen Häusern, nur unterbrochen vom Grün einzelner Wälder, und dahinter spiegelte sich die Sonne gleißend hell im Meer.
Viel gibt es sonst nicht dazu zur Akropolis sagen; ein riesiger Tempel folgt dem nächsten und man hatte sicher alle Hände voll damit zu tun, die noch stehenden Säulen davor zu bewahren, zu Staub zu zerfallen. Vor 2400 Jahren musste es hier beeindruckend ausgesehen haben, als hier gerademal die Farbe trocknete. Tatsächlich waren die antiken Tempel nicht weiß, sondern noch mindestens mit roter und blauer Farbe bemalt.
Viel, viel und noch viel mehr gibt es in Athen zu sehen; jeder Stein schien seine eigene Geschichte zu besitzen. Durch den angrenzenden Park kamen wir zu einem weiteren bedeutenden Platz, der Agora, einem antiken Versammlungsplatz mit wiederum einer ganzen Reihe von Bauwerken und Tempeln. Dort blieben wir bis zum Abend. Auf dem Weg zurück warfen Straßenhändler seltsame Gummifiguren in der Form von Tomaten auf die Straße, die dort ihre Form verloren und sehr zermatscht aussahen, bevor sie auf magische Weise ihre ursprüngliche Form annahmen. Es gab sie an jeder Straßenecke, als wäre ein Schiff, beladen mit diesem Kram, vor der Küste Athens gekentert. Wir suchten uns lieber richtige Souvenirs. Und Postkarten, die wir auch schon seit Längerem an die Heimat schreiben wollten. Ich hatte sogar noch einige Istanbul-Karten, die zu senden ich keine Zeit gefunden hatte, aber es würde wahrscheinlich nicht besonders auffallen, wenn sie von Griechenland aus abgeschickt werden würden.
Wenn wir vor lauter Zeit nur genug Lust dazu hätten...
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir das Zentrum von Glyfada erreicht und genehmigten uns dort zum Abendessen den leckersten Gyros, den ich je probiert habe - fairerweise muss gesagt sein, dass ich es vorher noch nie probiert habe. Das Fleisch war so zart, dass es fast von selbst aus dem Pita-Brot in den Mund fiel. Komisch fand ich nur, dass in dem eingewickelten Fleisch auch Pommes steckten.
Ioanna war noch zu Hause, als wir ankamen, doch heute geschah etwas Unglaubliches: Wir konnten sie für uns interessieren. Also mehr für unsere Reise; wir erzählten ihr von allen abenteuerlichen Gastgebern, die wir in den letzten zwei Monaten getroffen hatten, und Ioanna musste sich erstmal ein Bier holen. Vielleicht überlegte sie sich die Couchsurfing-Sache nochmal...
Ich weiß nicht mehr so recht, was wir die nächsten beiden Tage unternommen haben, aber ich bin sicher, es involvierte: Aufstehen gegen Nachmittag, frühstücken, etwas planlos durch die Gegend oder zum Strand laufen, den ein- oder anderen Film aus Ioannas Sammlung anschauen und schlafen gehen.
Wir sind auch sicher einmal über eine Abzäunung geklettert und haben von einem riesigen Kakteenkonglomerat die Kaktusfeigen aufgelesen, und von abgesägten Bäumen die Früchte aufgelesen - Granatäpfel, die intakt oder halb zerfahren auf einer Straße lagen, oder sattgelbe Datteln von zersägten Palmen, die an ebenso sattgelben Wedeln wuchsen und etwas traurig auf der staubigen Straße lagen.
Ioanna ging jetzt schon ohne uns aus, ihre Mutter war auch eher selten in der Wohnung anwesend. Eigentlich ließen sie uns die meiste Zeit mit dem Hund allein, der nicht in die feine Wohnung durfte, aber auch nicht mehr allein nach draußen, seit er mal vom Nachbarn fast überfahren worden wäre. So sperrten sind den Köter auf den Balkon. Davon war er nicht besonders begeistert und versuchte bei jeder Gelegenheit in die Wohnung zu gelangen. Irgendwie hatte er es geschafft, als wir allein waren, und nun versuchte Matthias den Hund dazu zu bewegen, auf den Balkon zurück zu kehren. Ich hielt mich dabei schön im Hintergrund, weil ich schon vorher eine Begegnung mit seinen Zähnen gemacht hatte - als nicht Matthias Zähne, sondern die des Hundes. Ich hatte ihn streicheln wollen, und dabei hatte er nach mir geschnappt. In dem Moment hatte ich ihm die Freundschaft gekündigt. Also dem Hund, nicht Matthias.
Jedenfalls versuchte Matthias mit seiner Katzenkampferfahrung aus Helsinki den Hund auf den Balkon zu treiben. Das wollte der Hund ebenso wenig die Katze zuvor. Ein böses Knurren war aus der Ecke zu hören, in der er lag. Wütendes Bellen. Und der Hund hatte erfolgreich Matthias vertrieben. Wir ließen ihn an der Stelle liegen und beschlossen, dass es Ioannas Problem war. Wir hatten noch etwas Anderes zu tun: Wir hatten noch vier ungeöffnete Packungen Lokum aus Istanbul, von denen wir jeweils eine unseren Eltern mitbringen wollten, aber in jeder Packung war eine andere Sorte, und nur eine Sorte fanden wir zu eintönig. Also nahmen wir alle Packungen auseinander, mischten die Stücken und teilten wieder sie auf die vier Packungen auf. Sie enthielten jedoch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil Puderzucker und Kokosraspel, der nicht unbedingt am Lokum oder in den Packungen blieb, sondern sich über den blanken Glastisch verteilte, auf die schwarze Ledercouch und den glänzenden Marmorboden. Wir schafften es nur mühsam, den Ausgangszustand wiederherzustellen, und selbst dann fand Ioannas Mutter noch etwas Reststaub.
Wie es sich für Gäste gehörte, wurden wir nun langsam lästig.
Weil ich das vorhergesehen hatte, habe ich uns gleich zwei Gastgeber für die Zeit in Athen herausgesucht, wo wir immerhin stolze 11 Nächte verbringen wollten, bevor unser Flug zurück nach Berlin ging.
Praktischerweise konnte ich eine weitere Gastgeberin aus Glyfada finden, und wie es sich herausstellte, war es eine gute Freundin von Ioannas Mutter - und völlig unzuverlässig. Es war ihr zwar klar, dass wir zu ihr kommen würden um die restlichen Tage bei ihr zu verbringen, aber als es um die konkrete Umsetzung dieses Plans ging, kamen aus heiterem Himmel die Probleme. Nach einigem Hin und Her; nach Telefonaten von uns, Ioanna und ihrer Mutter, und als ich schon begonnen hatte nach alternativen Gastgebern zu suchen, kam das OK und konnten am 24.09. zu Mary übersiedeln.
23.09.
Ioanna wollte uns nichts ins Haus Schliemanns begleiten; Matthias wollte eigentlich auch nicht unbedingt hingehen, aber ich fand, wir konnten nicht nur den ganzen Tag herumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen - im übertragenen Sinne gesprochen, denn wir schafften es aus Faulheit oft nicht mal bis zum Stand hinunter. Heute wollten wir deshalb früh aufstehen und auf eigene Faust in die Stadt fahren, erst ein Stück mit dem Bus, dann mit der Metro. Die ganze Wohnung hatte still gelegen, als wir es am Morgen verließen, die Zimmer unserer Gastgeber waren verschlossen gewesen, und sie hatten nicht einmal gehört, wie wir uns Frühstück gemacht hatten. Es war der Schlaf der Partymenschen, die frühestens um vier Uhr morgens nach Hause kamen und noch eine Stunde brauchten, sich abzuschminken.
Wir machten uns also allein auf den Weg, und gegen 10 Uhr hatten wir das Museum auch schon fast gefunden. Aber praktisch konnte man es gar nicht übersehen: Es war ein prunkvoller Wohnpalast mit allerlei Verzierungen, einer gewundenen Außentreppe und einer nachgebildeten griechischen Frauenstatue in einem Blumenrondell im Garten. So hatte ich mir das Haus des wohl berühmtesten Hobbyarchäologen vorgestellt. Ein wenig befremdlich fand ich nur die Hakenkreuz-Verzierungen. Aber Schliemann lebte lange bevor dieses Symbol von den Nazis missbraucht wurde; zu seiner Zeit war es noch ein Glücks- oder auch Sonnensymbol. Auch der Rest des Hauses war nach Schliemanns Vorgaben von Ernst Ziller gestaltet worden; es war ein Gesamtkunstwerk mit seinen Mosaik-Fußböden, Wandverzierungen und Deckenmalereien.
Mittlerweile war das Haus ein Numismatisches Museum, also ein Münzmuseum. Und die Sammlung war beachtlich: Von den ersten ägyptischen Versuchen, ein Zahlungsmittel einzuführen, das jedoch so unförmig und schwer war, dass man nur immer eins auf einmal tragen konnte; von den ersten Münzfunden bis hin zur industriellen Prägung. Als EU-Studenten kamen wir wieder kostenlos ins Museum, und auch der Audio-Guide stand kostenlos zur Verfügung. Es gab tatsächlich zu fast jeder der hunderttausend Münzen eine Erwähnung auf dem Gerät, das uns auf Englisch mit Informationen überflutete. Etwa eine halbe Stunde lang hielt ich das aus, dann schaute ich mir nur noch die schönen Münzen an ohne mich über ihr Alter und ihre Herkunft und Geschichte zu informieren.
Anschließend an diese doch etwas eintönige Museumserfahrung brauchten wir etwas Auslauf und spazierte die vielen winzigen Gassen hinauf zur Akropolis, die wir dieses Mal auch betreten wollten. Als wir auch hier und in sämtliche angrenzenden Ausgrabungsstätten und Museen kostenlos hinein konnten, waren wir ziemlich beeindruckt. Davon könnte sich manch anderes Land eine Scheibe abschneiden.
Der Weg hinauf war steil und steinig, und man merkte wirklich, dass es die Festung des antiken Athens gewesen war. Der Marmor war über die Jahrtausende von unzählbaren Füßen glattgeschliffen worden und war nun stellenweise so glatt wie Eis. An dem riesigen Areal von Ruinen hatte der Zahn der Zeit nicht nur genagt, sondern sich regelrecht sattgegessen. Zwischen den Trümmern stiegen hunderte von Touristen umher und machten gegenseitig von sich Fotos. Der Blick auf die Stadt war beeindruckend; ein Meer aus weißen Häusern, nur unterbrochen vom Grün einzelner Wälder, und dahinter spiegelte sich die Sonne gleißend hell im Meer.
Viel gibt es sonst nicht dazu zur Akropolis sagen; ein riesiger Tempel folgt dem nächsten und man hatte sicher alle Hände voll damit zu tun, die noch stehenden Säulen davor zu bewahren, zu Staub zu zerfallen. Vor 2400 Jahren musste es hier beeindruckend ausgesehen haben, als hier gerademal die Farbe trocknete. Tatsächlich waren die antiken Tempel nicht weiß, sondern noch mindestens mit roter und blauer Farbe bemalt.
Viel, viel und noch viel mehr gibt es in Athen zu sehen; jeder Stein schien seine eigene Geschichte zu besitzen. Durch den angrenzenden Park kamen wir zu einem weiteren bedeutenden Platz, der Agora, einem antiken Versammlungsplatz mit wiederum einer ganzen Reihe von Bauwerken und Tempeln. Dort blieben wir bis zum Abend. Auf dem Weg zurück warfen Straßenhändler seltsame Gummifiguren in der Form von Tomaten auf die Straße, die dort ihre Form verloren und sehr zermatscht aussahen, bevor sie auf magische Weise ihre ursprüngliche Form annahmen. Es gab sie an jeder Straßenecke, als wäre ein Schiff, beladen mit diesem Kram, vor der Küste Athens gekentert. Wir suchten uns lieber richtige Souvenirs. Und Postkarten, die wir auch schon seit Längerem an die Heimat schreiben wollten. Ich hatte sogar noch einige Istanbul-Karten, die zu senden ich keine Zeit gefunden hatte, aber es würde wahrscheinlich nicht besonders auffallen, wenn sie von Griechenland aus abgeschickt werden würden.
Wenn wir vor lauter Zeit nur genug Lust dazu hätten...
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir das Zentrum von Glyfada erreicht und genehmigten uns dort zum Abendessen den leckersten Gyros, den ich je probiert habe - fairerweise muss gesagt sein, dass ich es vorher noch nie probiert habe. Das Fleisch war so zart, dass es fast von selbst aus dem Pita-Brot in den Mund fiel. Komisch fand ich nur, dass in dem eingewickelten Fleisch auch Pommes steckten.
Ioanna war noch zu Hause, als wir ankamen, doch heute geschah etwas Unglaubliches: Wir konnten sie für uns interessieren. Also mehr für unsere Reise; wir erzählten ihr von allen abenteuerlichen Gastgebern, die wir in den letzten zwei Monaten getroffen hatten, und Ioanna musste sich erstmal ein Bier holen. Vielleicht überlegte sie sich die Couchsurfing-Sache nochmal...
Athen, Teil 1
Die Tage in Athen vergehen gemächlich. Für unsere Gastgeberin beginnt der Tag erst nach 13 Uhr, was mir ganz recht ist. Wir sitzen dann jeden Mittag zusammen beim Frühstück und überlegen, was wir mit dem Tag anstellen könnten. Viel ist das nicht. Aber das macht nichts, denn hier ist das Paradies - man muss keinen Finger krümmen, wenn man nicht will, die Sonne scheint und überall wachsen köstliche Früchte, man muss nur zugreifen...
In der Tat sind in diesem noblen Athener Vorort sämtliche Straßen mit mediterranen Pflanzen gesäumt: Olivenbäume, Mandarinen und Granatäpfel, Dattelpalmen und riesigen Kakteen, die rote und gelbe Kaktusfeigen tragen. Letztere mussten wir nicht einmal pflücken, weil sie von selbst reif hinunter fielen.
Die Sträßchen sind meist wie ausgestorben, und in verwinkelten Wegen führen sie zum Strand oder ins belebte Stadtzentrum. Und wenn ich nicht aus lauter Faulheit gestorben bin, gibt es demnächst einen längeren Bericht,... (22.09.09)
19.09.
Wir hatten bis Mittag geschlafen, weil unser Zimmer durch die Holzblenden vor den Fenstern auch zur Mittagszeit noch so dunkel wie in der Nacht war. Als wir uns dann langsam aus dem Bett schälten, war Ioanna noch immer nicht wach. So saßen wir auf den hohen Barstühlen in der Küche und blickten nach draußen, wo die Sonne schon wieder warm schien. Doch bald kam auch Ioanna im Bademantel und gähnend aus ihrem Zimmer. Gemeinsam aßen wir Frühstück - um 13 Uhr. Ob wir heute etwas gemeinsam machen wollten? Sie wollte uns die Akropolis zeigen, aber heute noch nicht. Lieber erstmal an den Strand gehen. Eine weitere Stunde später tauchte ihr kleiner Cousin auf und wir gingen nach draußen und direkt zum Auto. Spaziergänge sind etwas Ungewöhnliches in Griechenland.
Ich wollte gern einen Reiseführer kaufen, deshalb fuhren wir ins Zentrum von Glyfada in den einzigen Buchladen, der noch geöffnet war, denn es war Samstag, und die Läden waren hier sogar noch öfters geschlossen als in Deutschland. Ich fand nur teure und schwere Reiseführer; alles, was klein und erschwinglich war, handelte nur von der Akropolis. Später sollte ich feststellen, dass es gar nicht viel mehr in Athen zu sehen gab. Wir mussten uns etwas beeilen, weil Ioanna in zweiter Reihe an einer Ampel geparkt hatte. Schnell fuhren wir hinunter Richtung Strand. Der Regen der letzten Nacht hatte seine Spuren hinterlassen, und in den großen Pfützen im Kieselsand spiegelten sich die untersetzten Dattelpalmen.
Wir fuhren mit dem Auto über den Strand fast bis zum Wasser, stiegen aus uns ließen uns auf die Steine plumpsen, doch schon bald quängelte Ioannas Cousin, dass er woanders hingehen wollte und außerdem Hunger hatte. So ging es zurück in die Innenstadt, wo er am liebsten etwas von McDonalds gegessen hätte, aber Ioanna bestand darauf, dass er etwas Nahrhaftes zu such nahm, und sie einigten sich auf Cola. Das Zentrum von Glyfada war vornehm und bestand eigentlich nur aus Boutiquen, Starbucks-Cafés und Zeitungskiosken. Wir liefen einmal die breite Fußgängerzone entlang, und dann wieder zurück um nach Hause zu fahren und das Mittagessen zu kochen. Es war mittlerweile 16:30 Uhr - Mittagszeit in Griechenland eben. Ioanna kochte Tagliatelle und ihr Cousin kochte eine leckere Käsesauce dazu.
Es war erstaunlich, wie schnell der Tag verging. Die griechische Mentalität hatte schon angefangen, auf uns abzufärben: Wir brauchten eine halbe Stunde um uns einen Film auszusuchen, den wir anschauen wollten, und dann gesellte sich Ioanna zu uns, die eigentlich lernen wollte, aber... dazu gab es noch genug Tage im Leben.
20.09.
Heute hatte uns Ioanna versprochen, mit uns einen Ausflug zur Hauptsehenswürdigkeit von Athen zu machen: Der Akropolis und dem neu eröffneten Akropolis-Museum, in dem so ziemlich alles ausgestellt wurde, was bei den Ausgrabungen vor Ort zum Vorschein gekommen war. Da es ihr mit uns allein zu langweilig gewesen wäre, lud sie ihre Freunde dazu ein. Wir wollten diesmal etwas zeitiger losfahren, aber ihre Freunde hatten keinerlei Zeitgefühl und kamen sogar noch später, als Ioanna als Verspätung einkalkuliert hatte. Wenn sogar eine Griechin von anderen Griechen sagt, dass sie zu spät sind... ist aus Vormittag Nachmittag geworden. Als wir zur Akropolis hinaus fuhren, trafen wir auf ein weiteres griechisches Phänomen: Das Parken an völlig unmöglichen Orten ungeachtet von Ausfahrten, Straßenzustand oder Verbotsschildern jeder Art. Ioannas Auto war schon so winzig, dass es zwischen zwei Absperrpfosten Platz finden würde, und trotzdem mussten wir drei Runden durch die Oberstadt drehen, bis wir von ihren Freunden aus dem anderen Auto angerufen wurden: Sie hätten eine Lücke für uns gefunden. Zwei Runden später hatten wir auch ihre Freunde gefunden, die jedoch den Kopf schüttelten; die Parklücke, die sie für Ioanna freigehalten hatten, war durch einen besonders aggressiven Fahrer erobert worden. Noch eine Runde später parkten wir in der Lücke, die Ioanna vor einer halben Stunde zu eng und ein wenig zu steil und zu nah an der Gasse den Berg hinauf gewesen war - die aber jetzt gerade richtig aussah. Bald hatten wir auch ihre Freunde wiedergefunden und gingen zusammen den Berg hinauf zu den hoch aufragenden Tempelruinen. Die Akropolis selbst ließen wir links liegen, weil der Eintritt laut unserer Gastgeberin 12 oder 16 Euro kostete, aber das neu gebaute Museum würde diesen Sommer - um Besucher anzulocken - nur zwei Euro Eintritt kosten. Für EU-Studenten war es sogar kostenlos.
Es war ein mächtiger, mehrgeschossiger Glasbau; sogar die Fußböden waren aus Glas, sodass man die darunter liegende Ausgrabungsstätte stehen konnte. Ioanna wünschte sich jetzt, keinen kurzen Rock angezogen zu haben. So viele Kunstgegenstände... dabei war besonders im Obergeschoss noch viel Platz gelassen worden für weitere Ausstellungsstücke. Man hatte die berühmte Parthenon-Fassade rekonstruiert und restauriert ausgestellt. Ein Film über die Zerstörung des Tempels wurde auf Englisch und Griechisch vorgeführt. Man hatte hier keine Kosten und Mühen gescheut, ein beeindruckendes Museum zu erschaffen. Wir hatten gar nicht die Zeit, die Ausstellungen genauer zu studieren, besonders da es schon 16 Uhr wurde, und diese Uhrzeit entsprach der normalen Mittagszeit in Griechenland, also gingen wir ein Restaurant aufsuchen. Eines ihrer Lieblingsrestaurants befand sich in der Nähe; dort gab es Kebab, angeblich das preiswerteste Essen in Griechenland. Das Restaurant war so billig, dass es keine Tischdecken gab, sondern große Stücke dünnen Papiers, die an Backpapier erinnerten. Während wir auf das Essen warten, erklärten Ioannas Freunde uns die Geheimnisse der griechischen Schrift. Eine Freundin stammte ursprünglich aus Deutschland und schien ganz froh, wieder einmal auf Deutsch sprechen zu können; sie malte für uns griechische Zeichen auf die Tischdecke und kreiste alle Zeichen ein, die gleich ausgesprochen wurden. Hier schien mir dringend mal eine Rechtschreibreform nötig.
Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Innenstadt. Schon von Weitem hörten wir lautes Trommeln; eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Trommeln bestückt, standen vor der Kulisse der Kapnikarea-Kirche. Auf unserer Reise hatten wir schon oft gesehen, dass junge Weltenbummler mit Instrumenten unterwegs waren um sich als Straßenmusiker das Mittagessen zu verdienen, aber eine so riesige Trommlergruppe war uns noch nicht begegnet. Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, und als die Stimmung begann ausgelassen zu werden, kamen junge Frauen hinzu und schwangen ihre Hüften im Takt. Das ganze wirkte so spontan, dass sich eine ältere Frau hinzugesellte und mittanzte. Ihr Lächeln gefror ein wenig ein, als sie merkte, dass es eine einstudierte Choreografie der Tänzerinnen war und verschwand unauffällig in der Menge. Die Performance wurde immer lauter und intensiver; die ersten Trommler bekamen rote Gesichter und das Publikum war aus dem Häuschen.
Wir wartete das Ende der Vorstellung nicht ab - auch weil es immer schwieriger wurde, nicht zur Seite abgedrängt zu werden, aber vor allem um die Ohren zu schonen. Wir spazierten durch die vielen Gassen der Innenstadt, in denen sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte, und unsere Mädels kauften sich dort: Gummibärchen. Hier bemerkte ich wieder, dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten stammten - wir verglichen sogar bei Postkarten auf den Cent, ob wir die nicht irgendwo billiger bekommen könnten uns freute uns umso mehr, wenn wir uns mal etwas gönnten, während unsere Gastgeberin und ihre Freunde in neuste Designerkleidung trugen, Privatunterricht nahmen und für viel Geld abends ausgingen. Aber gleichzeitig sparten sie beim Mittagessen. Vermutlich kam auch für sie das Geld nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie im vornehmsten Viertel der Stadt wohnten.
Langsam begaben wir uns auf den Nachhauseweg, verabredeten uns aber noch für den Abend zum gemeinsamen Ausführen der Hunde. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch zu diesem Treffen fast länger auf die anderen warteten als das eigentliche Treffen dauerte?
In der Tat sind in diesem noblen Athener Vorort sämtliche Straßen mit mediterranen Pflanzen gesäumt: Olivenbäume, Mandarinen und Granatäpfel, Dattelpalmen und riesigen Kakteen, die rote und gelbe Kaktusfeigen tragen. Letztere mussten wir nicht einmal pflücken, weil sie von selbst reif hinunter fielen.
Die Sträßchen sind meist wie ausgestorben, und in verwinkelten Wegen führen sie zum Strand oder ins belebte Stadtzentrum. Und wenn ich nicht aus lauter Faulheit gestorben bin, gibt es demnächst einen längeren Bericht,... (22.09.09)
19.09.
Wir hatten bis Mittag geschlafen, weil unser Zimmer durch die Holzblenden vor den Fenstern auch zur Mittagszeit noch so dunkel wie in der Nacht war. Als wir uns dann langsam aus dem Bett schälten, war Ioanna noch immer nicht wach. So saßen wir auf den hohen Barstühlen in der Küche und blickten nach draußen, wo die Sonne schon wieder warm schien. Doch bald kam auch Ioanna im Bademantel und gähnend aus ihrem Zimmer. Gemeinsam aßen wir Frühstück - um 13 Uhr. Ob wir heute etwas gemeinsam machen wollten? Sie wollte uns die Akropolis zeigen, aber heute noch nicht. Lieber erstmal an den Strand gehen. Eine weitere Stunde später tauchte ihr kleiner Cousin auf und wir gingen nach draußen und direkt zum Auto. Spaziergänge sind etwas Ungewöhnliches in Griechenland.
Ich wollte gern einen Reiseführer kaufen, deshalb fuhren wir ins Zentrum von Glyfada in den einzigen Buchladen, der noch geöffnet war, denn es war Samstag, und die Läden waren hier sogar noch öfters geschlossen als in Deutschland. Ich fand nur teure und schwere Reiseführer; alles, was klein und erschwinglich war, handelte nur von der Akropolis. Später sollte ich feststellen, dass es gar nicht viel mehr in Athen zu sehen gab. Wir mussten uns etwas beeilen, weil Ioanna in zweiter Reihe an einer Ampel geparkt hatte. Schnell fuhren wir hinunter Richtung Strand. Der Regen der letzten Nacht hatte seine Spuren hinterlassen, und in den großen Pfützen im Kieselsand spiegelten sich die untersetzten Dattelpalmen.
Wir fuhren mit dem Auto über den Strand fast bis zum Wasser, stiegen aus uns ließen uns auf die Steine plumpsen, doch schon bald quängelte Ioannas Cousin, dass er woanders hingehen wollte und außerdem Hunger hatte. So ging es zurück in die Innenstadt, wo er am liebsten etwas von McDonalds gegessen hätte, aber Ioanna bestand darauf, dass er etwas Nahrhaftes zu such nahm, und sie einigten sich auf Cola. Das Zentrum von Glyfada war vornehm und bestand eigentlich nur aus Boutiquen, Starbucks-Cafés und Zeitungskiosken. Wir liefen einmal die breite Fußgängerzone entlang, und dann wieder zurück um nach Hause zu fahren und das Mittagessen zu kochen. Es war mittlerweile 16:30 Uhr - Mittagszeit in Griechenland eben. Ioanna kochte Tagliatelle und ihr Cousin kochte eine leckere Käsesauce dazu.
Es war erstaunlich, wie schnell der Tag verging. Die griechische Mentalität hatte schon angefangen, auf uns abzufärben: Wir brauchten eine halbe Stunde um uns einen Film auszusuchen, den wir anschauen wollten, und dann gesellte sich Ioanna zu uns, die eigentlich lernen wollte, aber... dazu gab es noch genug Tage im Leben.
20.09.
Heute hatte uns Ioanna versprochen, mit uns einen Ausflug zur Hauptsehenswürdigkeit von Athen zu machen: Der Akropolis und dem neu eröffneten Akropolis-Museum, in dem so ziemlich alles ausgestellt wurde, was bei den Ausgrabungen vor Ort zum Vorschein gekommen war. Da es ihr mit uns allein zu langweilig gewesen wäre, lud sie ihre Freunde dazu ein. Wir wollten diesmal etwas zeitiger losfahren, aber ihre Freunde hatten keinerlei Zeitgefühl und kamen sogar noch später, als Ioanna als Verspätung einkalkuliert hatte. Wenn sogar eine Griechin von anderen Griechen sagt, dass sie zu spät sind... ist aus Vormittag Nachmittag geworden. Als wir zur Akropolis hinaus fuhren, trafen wir auf ein weiteres griechisches Phänomen: Das Parken an völlig unmöglichen Orten ungeachtet von Ausfahrten, Straßenzustand oder Verbotsschildern jeder Art. Ioannas Auto war schon so winzig, dass es zwischen zwei Absperrpfosten Platz finden würde, und trotzdem mussten wir drei Runden durch die Oberstadt drehen, bis wir von ihren Freunden aus dem anderen Auto angerufen wurden: Sie hätten eine Lücke für uns gefunden. Zwei Runden später hatten wir auch ihre Freunde gefunden, die jedoch den Kopf schüttelten; die Parklücke, die sie für Ioanna freigehalten hatten, war durch einen besonders aggressiven Fahrer erobert worden. Noch eine Runde später parkten wir in der Lücke, die Ioanna vor einer halben Stunde zu eng und ein wenig zu steil und zu nah an der Gasse den Berg hinauf gewesen war - die aber jetzt gerade richtig aussah. Bald hatten wir auch ihre Freunde wiedergefunden und gingen zusammen den Berg hinauf zu den hoch aufragenden Tempelruinen. Die Akropolis selbst ließen wir links liegen, weil der Eintritt laut unserer Gastgeberin 12 oder 16 Euro kostete, aber das neu gebaute Museum würde diesen Sommer - um Besucher anzulocken - nur zwei Euro Eintritt kosten. Für EU-Studenten war es sogar kostenlos.
Es war ein mächtiger, mehrgeschossiger Glasbau; sogar die Fußböden waren aus Glas, sodass man die darunter liegende Ausgrabungsstätte stehen konnte. Ioanna wünschte sich jetzt, keinen kurzen Rock angezogen zu haben. So viele Kunstgegenstände... dabei war besonders im Obergeschoss noch viel Platz gelassen worden für weitere Ausstellungsstücke. Man hatte die berühmte Parthenon-Fassade rekonstruiert und restauriert ausgestellt. Ein Film über die Zerstörung des Tempels wurde auf Englisch und Griechisch vorgeführt. Man hatte hier keine Kosten und Mühen gescheut, ein beeindruckendes Museum zu erschaffen. Wir hatten gar nicht die Zeit, die Ausstellungen genauer zu studieren, besonders da es schon 16 Uhr wurde, und diese Uhrzeit entsprach der normalen Mittagszeit in Griechenland, also gingen wir ein Restaurant aufsuchen. Eines ihrer Lieblingsrestaurants befand sich in der Nähe; dort gab es Kebab, angeblich das preiswerteste Essen in Griechenland. Das Restaurant war so billig, dass es keine Tischdecken gab, sondern große Stücke dünnen Papiers, die an Backpapier erinnerten. Während wir auf das Essen warten, erklärten Ioannas Freunde uns die Geheimnisse der griechischen Schrift. Eine Freundin stammte ursprünglich aus Deutschland und schien ganz froh, wieder einmal auf Deutsch sprechen zu können; sie malte für uns griechische Zeichen auf die Tischdecke und kreiste alle Zeichen ein, die gleich ausgesprochen wurden. Hier schien mir dringend mal eine Rechtschreibreform nötig.
Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Innenstadt. Schon von Weitem hörten wir lautes Trommeln; eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Trommeln bestückt, standen vor der Kulisse der Kapnikarea-Kirche. Auf unserer Reise hatten wir schon oft gesehen, dass junge Weltenbummler mit Instrumenten unterwegs waren um sich als Straßenmusiker das Mittagessen zu verdienen, aber eine so riesige Trommlergruppe war uns noch nicht begegnet. Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, und als die Stimmung begann ausgelassen zu werden, kamen junge Frauen hinzu und schwangen ihre Hüften im Takt. Das ganze wirkte so spontan, dass sich eine ältere Frau hinzugesellte und mittanzte. Ihr Lächeln gefror ein wenig ein, als sie merkte, dass es eine einstudierte Choreografie der Tänzerinnen war und verschwand unauffällig in der Menge. Die Performance wurde immer lauter und intensiver; die ersten Trommler bekamen rote Gesichter und das Publikum war aus dem Häuschen.
Wir wartete das Ende der Vorstellung nicht ab - auch weil es immer schwieriger wurde, nicht zur Seite abgedrängt zu werden, aber vor allem um die Ohren zu schonen. Wir spazierten durch die vielen Gassen der Innenstadt, in denen sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte, und unsere Mädels kauften sich dort: Gummibärchen. Hier bemerkte ich wieder, dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten stammten - wir verglichen sogar bei Postkarten auf den Cent, ob wir die nicht irgendwo billiger bekommen könnten uns freute uns umso mehr, wenn wir uns mal etwas gönnten, während unsere Gastgeberin und ihre Freunde in neuste Designerkleidung trugen, Privatunterricht nahmen und für viel Geld abends ausgingen. Aber gleichzeitig sparten sie beim Mittagessen. Vermutlich kam auch für sie das Geld nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie im vornehmsten Viertel der Stadt wohnten.
Langsam begaben wir uns auf den Nachhauseweg, verabredeten uns aber noch für den Abend zum gemeinsamen Ausführen der Hunde. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch zu diesem Treffen fast länger auf die anderen warteten als das eigentliche Treffen dauerte?
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