Sonntag, 13. November 2011

Auf zu neuen Abenteuern! (1.-10. November 2010)

1.11.
Dadurch dass ich nun für meinen Russischkurs beinahe jeden Tag durch die halbe Stadt in die Udmurtische Universität fahren musste und man für jedes öffentliche Verkehrsmittel neu bezahlen musste, würde sich ein Studentenmonatsticket für die öffentlichen Verkehrsmittel lohnen. Ich hatte im Auslandsamt nachgefragt, wo man es bekommen konnte und Marina hatte sich sogleich angeboten, mir eins zu besorgen. Es war ein kleines, halbtransparentes Kärtchen, das auf einen Namen ausgestellt wurde und ein Bildchen trug, das auf die Besonderheit des Monats wie den nächsten Feiertag hindeutete. Für November waren es im Matsch laufende Stiefel, die sich selbstständig fortbewegten und dabei einen Regenschirm trugen, auf den es schneite. Schöne Aussichten.
Heute aber hockte ich nur 13 bis 18 Uhr im Labor, und als das Internet zwischendurch ausfiel, bin ich richtig produktiv im Programmieren geworden…

Meine Abende verbrachte ich nun meistens mit Freunden in der ein oder anderen Konstellation. Heute sollte mal wieder ein Dima-Tag werden. Wir trafen uns direkt an der Haltestelle vor dem Labor, als er von Arbeit kam, nachdem ich ihm geschrieben hatte, dass wir eventuell alle bei Stasya im alten Krankenhaus, das sie heute wieder bewachte, zusammenkämen, weil Sina dies seit 18 Uhr plante. Wir konnten Stasya jedoch nicht erreichen und so ging ich erstmal mit Dima zu ihm nach Hause. Nastya arbeitete wieder lang; sie hatte Nebenjob als Englischlehrerin und rief an, dass sie erst nach 8 Uhr heimkommen würde, und dann um 8 rief sie noch einmal an, dass sie zu ihrer Gesangsgruppe gehen würde. Sina rief derweil völlig aufgelöst bei mir an und wollte endlich mit dem Trinken beginnen und auf keinen Fall zu Hause bleiben; wahrscheinlich hatte sie sich mit Andrey gestritten. Ich sah ratlos an Dima, und fragte ob sie vorbeikommen könnte. Er sah mich genau so ratlos an, mit einem Hauch Paranoia – würde es Nastya gutheißen, dass er mit zwei Frauen allein in ihrer Wohnung alkoholische Getränke konsumierte? Er telefonierte wieder mit Nastya, die sich zwar darüber wunderte, aber nichts dagegen hatte. Sina aber kam nicht und antwortete nicht mehr am Telefon, dafür erreichten wir Stasya in der Zwischenzeit. Ich legte Nastyas Gitarre zurück, auf der ich in der Zwischenzeit geklimpert hatte, und fuhr endlich mit Dima zum Krankenhaus.

Dort fanden wir Stasya zusammen mit einem alten Freund von ihr, Ilnur, dessen Freundin so extrem eifersüchtig auf Stasya war, dass sie ihm verboten hatte, Stasya zu treffen. Dies war ein rech typisches Verhalten für russische Frauen, die ihre Männer wie Hunde an der Leine hielten und mit Argusaugen darüber wachten, mit wem sie sprachen.
So saßen wir also zu viert in dem kleinen Zimmerchen und plauderten, bzw. ich hörte eher zu. Dabei platzte ich beinahe vor Energie und begann Handstände zu machen und in den langen, schmutzen Gängen ansatzweise auf Händen zu laufen. Der Abend wurde nicht lang, denn es war ein Wochentag; alle bis auf Stasya mussten nach Hause. Ich konnte auf keinen Fall jetzt schon schlafen, als die anderen um Mitternacht das Krankenhaus verließen, und so fragte ich Stasya, ob sie Gesellschaft wollte. "Ja", meinte sie, denn sie war nicht gern allein in diesem einsamen, kalten Gebäude, und sie habe manchmal das Gefühl, den Verstand zu verlieren.
Wir schliefen zusammen in dem kleinen Zimmer, das sie privat nutzen durfte. Es hatte eine Ausklappcouch, die gerade groß genug für zwei Leute war, und das Elektoheizgerät stand direkt auf dem unbezogenen Bett neben der Couch. Sicher war das nicht.
Wir sprachen noch ein wenig im Dunkeln, während wir auf der Couch lagen, inmitten einiger leichter Decken; sie sang ein Gutenachtlied. Ich schlief das erste Mal seit geraumer Zeit wieder richtig gut.

2.11.
7:30 klingelte Wecker, den Stasya snoozte bis 7:50 ihre Ablösung kam. Es war eine junge, derb fluchende Mutter, die sehr ausgelaugt wirkte.
Uns war sehr kalt nach dem Schlafen, obwohl es draußen nur nass war und nicht besonders kühl für diese Jahreszeit. Auf halben Weg mussten wir noch einmal umkehren, weil Stasya vergessen hatte, den Elektroheizer abzuschalten.

Wir nahmen matt und fröstelnd den Bus zusammen zurück in die Stadt. Ich merkte schon, dass ich zu nichts in der Lage war so früh am Morgen und legte mich noch eine Runde ins Bett bis etwa 11:30 Uhr, dann wurde ich von SMS geweckt - ich sollte ins Auslandsamt der UdGU kommen. Nun, ich musste eh zum Russischkurs in die UdGU. Ich hatte nur keinen Nerv gehabt, Hausaufgaben zu machen. Die begann ich schließlich an der Essensausgabe in der Kantine der UdGU beim Anstehen; die Schlange war so lang, dass ich die Hälfte der Aufgaben erledigt hatte bevor ich dran kam. Aber ach herje, ich hatte die Geldbörse zu Hause vergessen! Glücklicherweise hatte ich es mir angewöhnt, immer etwas Geld für den Bus in die Hosentasche zu stecken, selbst wenn ich das durch die Monatskarte jetzt nicht mehr brauchte. Es waren genau 52 Rubel, genug für Suppe und Kompott, und ich hatte sogar noch 20 Rubel übrig für ein Stück Kuchen.
Auf dem Weg nach draußen merkte ich erst, dass ich schon spät dran war und noch ins Wohnheim musste, wo der Unterricht manchmal stattfand. Mit 5 Minuten zu spät handelte ich mir schon einen tadelnden Blick ein – dabei war es doch Russland, das unorganisierteste Land, das ich kenne. Wir behandelten nun dritte Stunde in Folge den Genitiv. Ich schlief zwischendrin beinahe ein, aber, Bastian Sick wäre entzückt, wie exzessiv der Genitiv in Russland gebraucht wird: Bei der Verbindung von Substantiven, Datumsangaben aller Art, ein ganzer Haufen Ortangaben, nach Zahlen,… und dann gibt es den Genitiv auch noch in verschieden Formen in Singular und Plural… der Genitiv ist nicht tot! Nein, er hat seinen Tod inszeniert um sich in aller Ruhe nach Russland absetzen zu können…

Einer der anderen Studenten, Madschid, brachte nach der Stunde einen Geburtstagskuchen vorbei; denn es war anscheinend Tradition im Kurs zum Geburtstag und Abschied was zu schenken und mitzubringen. Aber ich hatte keine Zeit, musste Katja vom Auslandsamt treffen - sie stellte mir eine russische Studentin vor – Mascha. Sie sollte mit mir russisch üben, weil sie Lehreramt studierte und Erfahrungen sammeln wollte, und es stelle sich heraus, dass sie auch gerne Deutsch von mir lernen würde. Wir vereinbarten ein Treffen für Donnerstag um 11, ich sollte ein paar kleine Übungen vorbereiten, sie würde das Gleiche tun. Und fiel gerade rechtzeitig ein, dass dieser Donnerstag ein Feiertag, so verabredeten wir uns für den nächstem.

Ich fuhr zum Wohneim zurück, ergänzte meinen Blog und ging dann zur Abendvorlesung in die IzhGTU. Die Zimmertür stand entgegen der üblichen Sitte offen, aber weit und breit waren weder Albert noch Studenten zu sehen. Ich ging trotzdem hinein und begann die Russisch-Hausaufgaben für morgen zu machen. Die ersten Studenten trudelten verspätet ein; sie kamen nach Albert-Zeit, also eine halbe Stunde zu spät. Unter ihnen war auch ein alter Bekannter – Pascha; das wunderte mich. Olga kam nicht mehr. Pascha setzte sich neben mich und korrigierte aus Langeweile meine Hausaufgaben. Albert kam. Pascha entschuldigte sich bei ihm, vorher nach Hause gehen zu müssen... ich malte in mein Heftchen während Albert das erzählte, was ich alles schon wusste, aber nicht verstand, weil es Russisch war. Albert wirkte ebenfalls müde und schlief beim üblichen Kippeln auf dem Stuhl beinahe ein. Nach der Stunde erinnerte er sich von ganz allein daran, dass er mir noch Dokumente für meine Arbeit schicken wollte, ohne dass ich nachfragen musste, wie ich es immer tat. Wahrscheinlich hatte sein Gehirn schon die Assoziation geprägt, aber die funktionierte nur, wenn ich in der Nähe war. Sobald er zu Hause am Computer saß, hatte er es überlicherweise vergessen. Ja, ich würde ihn immer wieder daran erinnern, meinte ich zwinkernd. Ich wartete auf ihn während er zusammenpackte und wir unterhielten uns auf Russisch dabei - ein bisschen blie, ein bisschen blah; das klappte ganz gut auf Russisch. Er fuhr bald nach Moskau und dann kurz nach Italien, Rimini, das musste schön sein, und wir sprachen über die italienischen Städte, die er noch sehen sollte. Ich schlug Neapel mit dem Vesuv vor, in dessen Krater man hinunter schauen konnte, in dem es oft ein wenig dampfte, aber mitten in der Erklärung reicht mein Russisch nicht mehr aus.
Ich war wieder zu Sina eingeladen, also konnten wir den gleichen Bus nehmen.
Wie denn die Arbeit so liefe, fragte er... "Ähm…ja", konterte ich. Wir blödelten den ganzen Weg bis wir an der Haltestelle ausstiegen, in deren Nähe er und auch Sina wohnte. Es war kalt geworden, und so schwatzen wir dort nicht mehr lange; er ging einkaufen, ich zu Sina.

Sina hatte Besuch aus Perm. Sie goss mir Tee ein und erklärte, was gestern passiert war, aber nun fühle sie sich besser, meinte sie. Sie wirkte tatsächlich fröhlich, ausgelassen und hatte einen ganzen Haufen Pfannkuchen zubereitet.
An dem Abend erfuhr ich noch mehr; Vanya war offenbar vor einigen Jahren noch Alkoholiker gewesen und hatte Bier mit Kakerlakengift darin getrunken, auch wenn es sich mir nicht ganz erschloss, wie das passiert war. An einem Punkt hatte er gemerkt, dass es so nicht weitergehen konnte, und so hatten er und Lena begonnen, absolut abstinent und vegan zu leben. Ich wusste nicht viel über ihre Vergangenheit, konnte mir aber vorstellen, dass Lenas Bekehrung zum Hinduismus damit zu tun gehabt haben könnte.

Ich brachte Stasya dazu, Gitarre zu spielen und dazu zu singen, der Besuch stimmte ein, Sina klopfte auf der Trommel dazu. Vanya holte einen uralten unter dem Tisch Kassettenrecorder hervor und zweckentfremdete ihn als Klangmaschine durch das Öffnen der Kassettenfächer im Takt und ließ ab und zu ein den Tragegriff zuschnappen um Akzente zu setzen. Danach holte er einen Geigenbogen sonst woher her und hämmerte damit auf die Gitarre ein und nutzte schließlich die Gitarre als Trommel. Er brauchte keinen Alkohol um so drauf zu sein. Meine Energie war auf die anderen übergegangen, ich tanzte mit meinem Halstuch wie eine Bauchtänzerin; wir lachten alle und waren ausgelassen, und ich jubelte Stasya zu wie es Groupie.

Ich wollte nicht nach Hause, aber es wurde Zeit, denn es war schon halb 12, der letzte Bus fuhr in wenigen Minuten. Ich gesellte mich noch einmal zur Runde zum Passivrauchen im Hausflur, dann gingen wir alle zusammen zum Bus.
Ich spann mir Gedanken zusammen, als der Bus durch die Nacht rumpelte – ich würde Adventskalender für alle basteln. Und mit Farin zusammen eine Pyramide. Und das deutsche Weihnachtsfest als Feier organisieren, denn Weihnachten wurde in Russland durch ihren alten Kalender erst viel später gefeiert.

Im Wohnheim angekommen, ließ das Monster (den Hasen) frei; er freute sich, Mascha auch, die halb 1 kam, er rannte ihr ins Zimmer nach, sie schmiss ihn nach 10 Minuten raus. Er war verrückt und voller Energie wie ich, obwohl ich nun auch langsam die bleierne Müdigkeit spürte. Morgen wollte ich irgendwann ins Labor, dann mich am Abend mit jemandem treffen – ja, das war der Plan. Ein guter Plan, so ließ es sich leben. Vielleicht würde ich auch Materialen für die Kalender sammeln gehen - ein Monat war nicht viel Zeit, und es würde nicht leicht sein, überhaupt geeignete Materialen zu finden.

3.11.
Albert bestellte mich zu sich in einer Sache, die er am Telefon nicht besprechen wollte. Herrje, was konnte das sein? Als ich dann zu ihm ins geheime Büro kam, rückte er mit seinem Anliegen heraus: Ich sollte der Studentenzeitung der IzhGTU ein Interview geben.
Er meinte, das sei dann schon auf Russisch, aber sollte ja kein Problem für mich sein. Ich sah ihn zweifelnd an und schlug Miguel vor zum Übersetzen vor, oder noch besser: Wir könnten zusammen an dem Interview teilnehmen. Denn es ging darum, einen Einblick in das Leben ausländischer Studenten zu gewinnen, und Miguel und ich waren etwa aus dem gleichen Grund hier, wir beide schrieben unsere Masterarbeit bei Albert – mehr oder weniger.
Zurück im Wohnheim fand ich ihn im Computerraum der anderen Haushälfte. Er arbeitete an einem 1000-Teile-Puzzle. Montag passte ihm für das Interview.

Der Tag zog sich dahin; ich war mit Albert noch zum Mittagessen verabredet, aber erst um 15 Uhr schrieb er mir, dass er heute doch keine Zeit dafür hatte, und morgen flog er schon in den Urlaub. Ich sah in den Kühlschrank und kratzte zusammen, was man davon noch essen konnte. Es lagen noch Bananen von der letzten Feier im Kühlschrank; da ich keine Bananen mag, beschloss ich, sie Dima vorbeizubringen, sodass sie nicht unnötig schlecht wurden.
Ich passte ihn 18:30 Uhr nach der Arbeit ab, und er lud mich noch auf ein Tässchen Tee ein. Im Gegensatz zu ihm hatte ich danach immer noch die Energie, also machte ich mich auf den Weg zu Sina, wo ich jederzeit willkommen war.

4.11.
Sina rief mich an, dass wir uns um genau 15:40 im PastaHut, unserem Stammlokal, treffen würden. Doch irgendwie kam nichts in die Gänge. Ich fragte bei den anderen per SMS nach, ob sie auch kämen, erhielt aber keine Antwort. Erst als ich im Café angekommen war, klärte Sina mich auf: Sie hatte Streit mit Freund gehabt und war aus der Wohnung gestürmt. Ich kannte diese Situation und ihre Laune mittlerweile und wusste, dass sie nun trinken wollen würde, und dass es meine Aufgabe sein würde, sie am Abend sicher nach Hause zu bringen.

Gleich sah sie ein Sonderangebot: Ein ganzer Krug Bier und so viel Knoblauchbrot, wie man essen konnte. Sie rief weitere Freunde an, von denen sie wusste, dass sie Bier mochten, und bestellte sie ins Lokal, und haderte noch mit sich selbst, ob sie es sich erlauben konnte, mit dem Trinken zu beginnen, weil sie viel zu schnell über die Stränge schlug.
Mascha kam als erste. Sie hatte auch mit dem Trinken aufgehört, machte aber für heute eine Ausnahme - das war der Startschuss. Sina hatte so einen Zug drauf, dass ich sie besorgt aufforderte, noch was für die anderen übrig zu lassen. Ich hatte nur ein Glas Wein getrunken und bestellte weiter nichts, weil ich das Unheil schon kommen sah.

Die Runde wurde immer großer, erst kamen die Mitglieder der lautesten Rockband Izhevsk - die Mind Eaters - dann nacheinander Mascha, Mischa und Stasya; die Stühle und die der Nachbartische reichten kaum noch aus für uns, so wechselten wir an einen größeren Tisch. Ein Krug nach dem anderen wurde bestellt. Man begann mit einem spontanen Gesellschaftsspiel: "Wer bin ich" oder so etwas in der Art mit Zetteln an der Stirn, auf denen stand, wer man war, und es mit Hilfe der anderen erraten musste. Je länger der Abend wurde, desto ermüdender wurde das Spiel, weil sie es einfach nicht errieten. Die Runde wollte sich schließlich ins Krankenhaus verlegen. Sina war fröhlich gewesen, hatte aber immer aufs Telefon geschaut, erwartete den unvermeidlichen Anruf von Andrey, der kam, sobald wir auf der Straße waren. Unvermittelt explodierte sie und schimpfte in den schlimmsten Wörtern, die die russische Sprache zu bieten hatte. Die anderen gingen höflich außer Hörweite, aber das war mir egal. Sie drückte ihn weg, ging stur geradeaus und schlug dann wie ein Hase einen Bogen über die Straße von den anderen fort. Ich heftete mich an sie in passte auf, dass sie nicht unter den Bus kam. Ich versuchte sie zu beruhigen, aber sie wollte nur eins: Mehr Bier kaufen. Ich bestand darauf, sie nach Hause zu bringen. Wir fanden den Kompromiss erst Bier zu kaufen und dann nach Hause zu fahren.
Die Schaffnerin im Bus betrachtete Sina besorgt, sie sah nicht gut aus. Sina ignorierte ihre Fragen. Ich strich ihr sanft über den Rücken.
An der Haltestelle wurde sie wieder munterer, weil sie die Bierflasche nicht am Mülleimer geöffnet bekam. Ein Pärchen sah ihre Bemühungen und der Junge bot seine Hilfe an; mit viel Mühe bekam er die Flasche am Briefkasten geöffnet.
Ich verlangte, sie solle mir etwas von dem Bier abgeben, so dass sie nicht mehr zu viel davon trinken konnte. Es war ein grausiges Gesöff, aber Sina lachte schon wieder.
Ich brachte sie bis vor die Haustür, sie würde es mit Andrey schon regeln, wie immer. Für alle Fälle meinte ich, sie solle mich anrufen, egal wann. Ich schickte Stasya eine SMS, dass Sina ok war, aber dass wir nicht mehr zur ihr ins Krankenhaus kommen würden. Das Bier war mit in den Kopf gestiegen und schwamm dort im Kreis; ich ging lieber ins Bett.

5.11.
Am Abend bat Farin mich, dass ich ihn auf dem Tatarischen Basar in seinem kleinen Holzhaus besuchte, in dem er bis zum ersten Schnee wohnen würde.
Dazu brauchte ich zwei Busse, aber im Zentrum, wo ich umsteigen musste, kam ewig keine Anschlussbus. Aus irgendeinem Grund fuhr er wohl nach dem Sonntagsfahrplan 40 Minuten, stellte ich schließlich fest; derweil hatte sich Farin schon ins Auto gesetzt um mich abholen.

Seine Mutter hatte großzügig gekocht, Farins Nachbar und Jugendfreund Rawil saß auch mit am Tisch. Wir tranken Tee, aßen Vorsuppe aus selbst gemachten Lapscha-Nudeln, und Gemüse mit Fleisch. Wir sprachen über die Arbeit, aber Farin hatte sich noch etwas anderes vorgestellt: Rollschuhfahren! Er sah mich mit glänzenden Augen an. "Nein", meinte ich bedauernd. Ich hatte mir wohl einen Muskel in der Kniekehle eingeklemmt beim Handstandüben und war froh, wenn ich nicht laufen musste.


Stattdessen wart ich heute in einer Laune, in der ich alles wissen wollte und fragte Farin über seine Vergangenheit und die tatarische Kultur aus; wir beschlossen schließlich in seine Neubau-Wohnung zu fahren und alte Familienfotos anzuschauen. Wir nahmen auch die Gitarre und eine Festplatte mit, auf der Fotos waren, die Farin mir längst hatte geben wollen, denn im Moment war der Computer im Eimer (Mäuse?), aber vielleicht würde der Computer in seiner anderen Wohnung noch funktionieren.

Kurz vor seiner Wohnung sah ich einen Tatarischen Laden – der Name war unverkennbar tatarisch, denn in das Wort aus kyrillischen Buchstaben hatte sich ein auf dem Kopf stehendes "e" eingeschmuggelt. Die Tatarische Sprache brauchte mehr Buchstaben als im Russischen verfügbar waren, deshalb hatte man sich einige dazu erfunden, als man auf das kyrillische Alphabet umgestiegen war. Farin übersetze, der Laden hieß "Freude". Tatarisch war Farins Muttersprache, er hatte erst im Kindergarten russisch gelernt und sprach einige Laute etwas merkwürdig aus, obwohl er sonst russisch fließend sprach; wahrscheinlich sogar besser als Tatarisch, das er nicht einmal schreiben konnte. Bücher auf Tatarisch könnte er wohl auch nicht lesen, meinte er, weil er nur die Umgangssprache gelernt hatte. Die Umgangssprache war eine wilde Mischung aus Tatarisch und Russisch, von der ich immer wieder einiges verstand, weil mir die Struktur des Tatarischen und einige Wörter noch aus dem Usbekischen bekannt vorkamen –Turksprachen sind einander sehr ähnlich.

Wir kauften ordentlich ein: Eine Süßigkeit namens Tschak-Tschak, die aus klebrigen, finger- bis daumengroßen Stangen bestand, die aus frittiertem Teig bestanden, der vollkommen mit Honig oder einer Zuckerlösung bedeckt war.


Davon konnte einem bestimmt schlecht werden, wenn man zuviel davon aß, deshalb kauften wir auch ordentliches Essen ein.
Anschließend machten wir es uns bei Glühwein gemütlich.
Farin war jetzt 27. Im Alter von ungefähr 20 hatte er begonnen, sich die Haare wachsen zu lassen, Gitarre zu spielen und russischen Rock zu hören - davon zeugte noch ein Poster von Viktor Zoi an seiner Zimmertür. Er war richtig wild gewesen; es waren sogar Fotos dabei, in denen er sich wie Tarzan durch die Bäume hangelte, auf einigen war er sogar nackt, nur die Blöße mit einem Palmenblatt bedeckt. Dies war im russischen Süden, erklärte Farin. Man sah Bambusgewächse und Palmen, Strand und Berge – eine schöne Gegend.

Seine Mutter war früher eine echte Schönheit gewesen, hatte sehr spät geheiratet und dann auch einen noch älteren Mann, der schon zwei Mal verheiratet gewesen war. Auf den Fotos sah Farins Vater eher wie sein Großvater aus, mit grauen Haaren und dicker Brille. Sogar Farin hatte seine Mutter fragen müssen, welche Haarfarbe sein Vater früher gehabt hatte. Er lebte aber noch – im Sommer in der Datscha der Familie, deshalb hatte ich ihn nie zu Gesicht bekommen.
Farin war ein Einzelkind, aber tatsächlich kam aus einer riesigen tatarischen Familie. Beide Eltern hatten jeweils sieben Geschwister, und durch das mehrfache Heiraten seines Vaters hatte er auch eine ganze Reihe Halbschwestern und Halbbrüdern. Wahrscheinlich war der ganze tatarische Basar miteinander verwandt. Bei einer tatarischen Hochzeit kamen locker 200 Leute zusammen, bestätigte er.
Auch sein Name ungewöhnlich – es war eine Eigenkreation seiner Eltern aus ihren beiden Vornamen. Es gab den Namen offenbar kein zweites Mal - außer bei Farin Urlaub, und selbst der war ein Künstlername.

Farin stimmte die Gitarre, von der ein Wirbel abgebrochen war, sodass er sie mit einer Zange stimmen musste; dann sang ich meine Lieder und er zeichnete mich - ich hatte ihn dazu animieren wollen, das Malen wieder aufzunehmen; in vkontakte hatte ich gesehen, dass er ein außerordentliches Talent hatte. Er traute es sich nur nicht mehr zu, auf Papier zu malen, weil er dies seit der Schulzeit nicht mehr versucht hatte.
Mir gefiel, was ich über ihn entdeckte. Ich bat ihn, sich zu überlegen, die Haare wieder wachsen zu lassen. Aus ihm könnte man wieder einen lebenslustigen, jugendlich auftretenden Künstler machen, der auch gut in unsere kleine Clique passen würde. Es steckte noch in ihm, war aber unter einer staubigen Schicht Alltag verborgen.

6.11.
Farin hatte mich lange schlafen lassen für seine Verhältnisse. Als ich gegen 10 Uhr freiwillig aufstand, hatte er schon Frühstück vorbereitet: Eierspeckpfanne. Das Essen roch so deftig, dass sich mir der Magen umdrehte. Farin versuchte mich zu ermutigen, etwas zu essen, als sei ich ein depressives Zootier. Schließlich packte er mir ein kleines Paket für den Weg zusammen mit Süßem vom Vorabend und Rührei in einen kleinen Plastikbeutel.

Wir trödelten noch bis 13 Uhr herum, ich lernte ein paar tatarische Worte und wir räumten dabei auf. Draußen fiel mir eine seltsame Konstruktion auf: Es sah aus wie ein Spielplatzgerüst, führte aber in die Tiefe. Davor standen Leute mit Kanistern. Ich sah es mir genauer an – es war eine Wasserquelle. Farin aber verzog das Gesicht, diese Quelle sei nicht gut; es gäbe in Izhevsk nur eine, aus der man das Wasser trinken konnte, und die lag außerhalb.
Er setzte nahm mich im Auto bis zur einer Trolleybushaltestelle mit.
Sina schrieb, dass sie wieder an ihrem Album arbeiteten; ich solle kommen, wenn ich wollte, also fuhr direkt zu ihren durch.

Sina trommelte auf einer Teebüchse und Vanya spielte so laut auf der Gitarre, dass sie mein Klopfen an der Tür erst gar nicht hörten. Ich sah mich in der Runde um - Stasya fehlte. Sina erklärte, dass sie manchmal diese Stimmungen hatte, in denen sie den Kontakt zur Außenwelt abbrach. Es wurde Winter, eine lange, dunkle Zeit in Russland, die häufig Depressionen auslöste.

Sina hatte Essen gekocht, aber es sah nicht so nahrhaft aus; es bestand bestenfalls aus schleimigem Reis, optional mit Erbsen und Rote Beete-Salat. Ich holte die Vorräte von Farin aus dem Rucksack, die aber nicht begeistert aufgenommen wurden, weil sie Speck enthielten – manchmal vergaß ich, dass sie Vegetarier waren. Die Süßigkeiten hingegen mochten sie gern; die aßen wir zum Tee.
Wir wechselten alle hinüber ins Arbeitszimmer, wobei mir die Zimmeraufteilung von Sina noch nicht ganz so klar war, weil man in allen Zimmern die Gelegenheit zum Schlafen, Arbeiten und Musizieren hatte. Sie war heute wieder sehr aktiv und wechselte ständig vom Computer, wo die Jungs ihre aufgenommene Musik geschnitten, zur Leinwand und malte, oder begann zu lesen. Nach zwei Stunden löste sich die gemütliche Runde auf, denn 16 Uhr wollte Sina mit Andrey seine Eltern besuchen gehen.

7.11.
Der erste Schnee fiel! Zumindest schrieb mir Farin dies per SMS. Ich sprang aus dem Bett und wollte schon hinaus rennen und mich in den Schnee werfen, aber der Blick aus dem Fenster zeige, dass es zu wenig war um ein echtes Wintergefühl zu erzeugen. Ich ging zurück ins Bett und begann mit dem Computer auf dem Schoß etwas zu arbeiten. Das hatte sich als äußerst effektiv herausgestellt, weil ich im Zimmer kein Internet besaß, das mich hätte ablenken können.

Wahnsinn, um 16 Uhr war es schon wieder dunkel, da blieb einem die Lust, das Bett zu verlassen, im Keim stecken. Aber als sich Dima meldete, zog ich mir doch etwas über und fuhr in die Stadt um ihn und Nastya zu treffen.


Dima schrieb, sie hätten Schuhe eingekauft und würden nun heiße Schokolade trinken gehen, und ich könne sie in einem Café nahe dem Stadium treffen.
Vor mir stand eine junge Frau in der Straßenbahn und ignorierte demonstrativ die Fahrkartenverkäuferin, die ihr eine Karte verkaufen wollte. Eine Haltestelle spät stieg die Frau aus – wahrscheinlich dachte sie sich: "Was könnt sie mir schon anhaben, mich an der nächsten Haltestelle rauswerfen?"

Dima fing mich an der breiten Puschkinskaya Straße von der gegenüberliegenden Seite ab. Ich eilte zu ihm hinüber und gemeinsam gingen wir ins Café, wo Nastya schon saß. Das Café sah sehr gehoben aus, in einer Vitrine standen aus Schokolade gegossene Figuren, ein anderes Fenster zeigte Köstlichkeiten - Pralinen und Kunst aus Schokolade - die man sich bestellen konnte. Die Wände waren versehen mit Nachdrucken von Azteken-Zeichnungen.
Ganz am Ende des kleinen Cafes saß Nastya, neben ihr saß Sweta, ein Mädchen mit langen blonden Zöpfen, das ich ein paar Mal gesehen hatte, unter anderen in ihrer gemeinsamen Gesangsgruppe, deren Auftritt ich vor einiger Zeit in einer Schule gesehen hatte. Etwas verspätet kam ein Sascha hinzu, er war ebenfalls in der Gruppe, aber ich erkannte ihn erst nicht. Ich musste später schon sehr genau die Fotos studieren um ihn darauf zu entdecken. Aber schon der erste Blick hier im Café sagte mir alles: Strähniges Haar, langer Pony über die Augenbrauen gekämmt, gewinnendes Lächeln: Er spielte definitiv Gitarre.

Die Heiße Schokolade war im wahrsten Sinne des Wortes "heiße Schokolade" und nun verstand ich, warum wir eine große Kanne Wasser auf dem Tisch stehen hatten: Die geschmolzene Schokolade wurde mit heißem Minzwasser in einem Extrabecher kombiniert bzw. gelöffelt. Deswegen fand ich die heiße Schokolade so ungenießbar, als ich sie letzten Winter probiert hatte – man kann sie gar nicht pur trinken, obwohl das Becherchen so klein war.
Wir bestellten noch extra Tee dazu, denn von Tee bekommt man in Russland nie genug, und als die Kanne leer war, gleich noch eine. Die Runde war so gesellig, dass wir sie verlängerten und unser Stammlokal PastaHut gingen. Im Moment waren wir zu fünft, aber Dima war schon dabei, Stasya einzuladen, sodass es aufging, wenn wir zwei Pizzen bestellten. In Russland würde man kaum auf die Idee kommen, nur für sich eine Pizza zu bestellen und die Reste mit nach Hause zu nehmen – was hier auf den Tisch kam, wurde von allen am Tisch verputzt.

Es wurde spät und wir beschlossen, die Runde in Stasyas Krankenhaus zu verlegen, aber Sweta verabschiedete sich schon auf dem Weg zum Bus. Auch Nastya musste noch Vorlesungen vorbereiten, ließ aber ihren Ehemann Dima mit den anderen zum Trinken losziehen – eine tolle Frau. Nun überlegten wir - wollten wir wirklich trinken oder nicht? Das sollte sich entscheiden, wenn wir an der Haltestelle vor dem Krankenhaus waren, denn dort war ein Supermarkt bis 23 Uhr geöffnet. Wir nahmen dort einfach, was uns beim Einkaufen in unser Körbchen fiel... heute waren es Wermut und Saft. Noch ein Käsezopf dazu und Bonbons. Damit konnten sich alle anfreunden. An der Kasse noch ein paar Plastikbecher gekauft, denn die bekam man in Russland in jedem Supermarkt einzeln an der Kasse – weil gerne spontan in der freien Natur getrunken wird.

Es wurde noch ein lustiger Abend, wir philosophierten und kamen irgendwann auf die Idee, in einen alten, klapprigen Glasschrank zu klettern und darin ein Fotoshooting zu veranstalten – die Fotos sind alle ein bisschen psycho geworden. Ab und an gingen Stasya und Sascha zum Rauchen zur Hintertür, und Dima und ich kamen zum Passivrauchen mit. . Sascha sah aus wie der Sänger der 3Js, einer niederländischen Popband, fiel mir gerade auf. Ich erzählte es ihm, dabei kam das Gespräch auf Holland und ich gab ein paar holländische Floskeln zum besten, denn damit erntete ich immer Lachen und erstaunte Gesichter: "Goede Middag, schat" klingt in russischen Ohren wie ein dreckiger Fluch.
Meinen Muskeln ging es auch wieder besser, so ich konnte wieder Handstand üben, aber bevor das ganze böse endete, rief Nastya gegen halb eins an, dass es Zeit sei, nach Hause zu fahren, der letzte Trolleybus käme gleich. Dima hatte gleich wieder ein schlechtes Gewissen Nastya gegenüber, weil er so lange geblieben war, aber auch uns gegenüber, weil er schon gehen musste. Sasha zog mit davon, und ich blieb mit Stasya zum Übernachten.

8.11.
Der Boden vor Stasyas Krankenhaus war vom Regen aufgeweicht und mit kleinen Häubchen Schnee von dieser Nacht bedeckt. In den Fahrtspuren der Autos im Matsch bildete das Wasser kleine braune Kristallkrusten. Hunde jagten sich in der Kälte und Tauben pickten nach gefrorenen Brotkrumen zwischen den schneebedeckten Birkenblättern.
An die Uni hatte jemand mit Sprayfarbe "Stirb Kapitalismus, lebe Sozialismus" angesprüht. Der Himmel bezog sich mit dunkelgrauen Wölkchen, zwischen denen die Sonne hervorblitzte. Ein Wetter zum Zuhausebleiben.

Ich fühlte mich so müde, dass ich sogar vergessen hatte, das gekochte Essen vom ausgeschalteten Ofen zu holen. Ich war auch sehr abgelenkt gewesen, weil ich wieder einmal Gitarre spielte, bis mir die Haut in Fetzen von den Fingern hing… das ist keine Übertreibung.

Am Abend bin ich noch kurz zu Sina, denn sie wollte mir ihren Pass geben bzw. kopieren, sodass ich für sie eine Besuchererlaubnis in meinem Wohnheim beantragen konnte. Außerdem musste ich noch für die Weihnachtskalender einkaufen, die ich in Planung hatte: Geschenkpapier und Süßigkeiten, denn ich hatte eine alternative Idee zu den Pappkarton-Varianten… aber dazu später mehr. Und weil ich einmal im Karusel-Supermarkt war, kaufte ich mir noch frisches Tschak-Tschak mit Honig... davon wurde mir letztendlich schlecht, denn mehr als 100 Gramm vertrag ich nicht, aber es war so unglaublich lecker, dass ich gar nicht anders konnte, als es immer wieder zu kaufen und zu verspeisen.
An der Kasse beobachtete ich, wie eine ältere Frau einen Sammel-Bonuspunkt vom Boden abkratze bzw. es gelang nicht ihr. Sie sah auf und fragte mich, ob ich nicht auch einen Punkt erhalten hätte. Doch, das hatte ich; ich hatte den winzigen Sibersticker irgendwo ins Portmonee geworfen und suchte gut drei Minuten danach, in denen mich die Frau erwartungsvoll ansah. Als sie merkte, dass ich nicht aus Russland kam, bedankte sie sich in akzentfreiem Englisch: Thank you. Mehr war auch nicht drin.

Bei Sina war noch nichts los; Andrey war bei einer Probe seiner zweiten Band, und Sina malte wie immer in ihrem viel zu großen Hemdsfetzen, der auch ein Kissenbezug gewesen sein könnte. Sie hatte Stasya und Mischa noch nicht eingeladen. Aus Blödsinn planten wir meine große Tatarenhochzeit mit Farin und dem ganzen restlichen Tatarendorf, in dem er lebte; Sina wollte als mein Vater einspringen. Als Stasya kam, war sie davon so begeistert, dass sie meine Mutter spielen wollte. Auch sie kopierte nun noch ihren Ausweis um mich auch mal im Wohnheim besuchen zu können.

9.11.
Auch heute im Russischkurs nicht viel Brauchbares gelernt ("Du siehst aus wie Milch mit Blut" oder so ähnlich…). Am Abend bin ich dann nur noch ins ICQ gegangen. Der Hase war in den Käfig eingesperrt worden, weil er die Türrahmen zerfressen hatte wie ein Bieber. Das Vorhängeschloss hing davor, der Schlüssel lag nicht in zwischen den Schminksachen meiner Nachbarin, so konnte ich das arme Tier nicht aus dem viel zu kleinen Käfig holen.

10.11.
Ich weiß nicht, wie die Tage so fliegen können; ich bin wieder zu nichts gekommen. Abends fuhr ich zu Dima und Nastya, denn ich hatte sie gebeten, in ihre alten Fotoalben hineinschauen zu dürfen, wenn sie sie denn fanden…
Beim Verlassen des Wohnheims am Abend fragte mich eine Gruppe Studenten, ob Jacob hier wohnte. "Jakob aus Deutschland?", fragte ich zurück. Er einzige mir bekannte Jakob in Izhevsk, und es war definitiv kein russischer Name, und kein ägyptischer... aus Venezuela hatten wir nur die Miguels – wen könnten sie sonst suchen? Sie sahen sich an: "Nein." "Dann kenne ich ihn nicht." Sie blieben trotzdem vor dem Wohnheim stehen.

Dima hatte einige alte Fotos auf dem Computer gefunden, die er irgendwann mal begonnen hatte zu kategorisieren und sortieren, aber dann hatte er mittendrin aufgehört und im Resultat ein noch viel unübersichtlicheres System. Die Fotos waren nur wenige Jahre alt; in der einen oder anderen Form war die Gruppe schon lange zusammen gewesen und hatte gemeinsam Musikveranstaltungen besucht und in der gleichen Gruppe gesungen. Auch schon seit Ewigkeiten feierten sie in Stasyas Krankenhaus; es gab einige schöne und lustige Fotos von einer Ärzte-Kostümparty zu einem Geburtstag. Geändert hatte sich nur die Beziehungen zwischen den einzelnen Freunden – die einen waren zusammengekommen, die anderen auseinander gegangen und haben erst Jahre später (also jetzt) wieder begonnen miteinander zu sprechen. Stasyas Freund war in der Zwischenzeit in Südrussland studieren, und sie hatte seinen Job übernommen, das Krankenhaus zu bewachen. Nastya hatte sie kaum verändert, Dima war auf einigen Fotos kaum wieder zu erkennen. Aber zusammen waren sie so lange, dass es eine logische Konsequenz gewesen war, in diesem Sommer endlich zu heiraten.

Als zurückkam in mein Zimmer, wickelte ich die gekauften Bonbons, die ich für den Kalender vorgesehen hatte, in glänzendes Geschenkpapier und sortierte sie in Grüppchen. Bald hatte ich das ganze Bett voller eingepackter Bonbons in Haufen.
Danach war ich erstmal zufrieden und konnte doch nicht schlafen – ich lag bis fünf Uhr morgens wach, weil Hase draußen im Stall Radau macht (wahrscheinlich war er den ganzen Tag noch nicht freigekommen) und mir eine Comic-Idee nicht aus dem Kopf ging: Das Weltende und Zombies in Izhevsk.