Von Reisevorbereitungen, Prüfungen auf russische Art, und was die Wohnwagenkolonne wirklich in Russland verloren hatte.
31.05.
Eine Wand aus Wasser krachte vom Himmel; ich kam mir vor wie in einem dieser U-Boot-Filme, als zufällig ich an der Küche vorbeiging und durch das offene Fenster das Wasser hinein peitschen sah. Bis ich das Fenster geschlossen hatte, war ich völlig durchnässt und wäre fast auf dem nassen Boden ausgerutscht. Als ich aufblickte, sah ich in der Tür eine Etagen-Omi stehen, die mich ansah, als hätte ich das Fenster geöffnet, nicht geschlossen. Ich wies sie darauf hin, sie solle vorsichtig auf dem Boden sein. In Russland gibt es wirklich keine halben Sachen, nur Extreme. Aber auch die anderen waren von dem plötzlichen Regenguss überrascht und erstaunt; sie standen an den Fenstern und Balkonen und beobachteten das Wasser, wie es einfach auf die Straße fiel ohne sich die Mühe zu machen, als Regen hinunterzukommen und die Bäume dabei schüttelte.
Es war heute schon den ganzen Tag so. Ich hatte mir im Tante-Emma-Laden im Erdgeschoss Milch kaufen wollen, musste dafür jedoch um das Haus herumgehen um den Laden zu erreichen. Das Wetter sah zu diesem Zeitpunkt noch schön aus, weshalb ich ohne Jacke und nur mit kurzem Shirt nach draußen ging. Beim Verlassen des Ladens jedoch begann es zum ersten Mal an diesem Tag zu regnen als bereitete man die nächste Sintflut vor.
Mit dem aufziehenden Wind und dem spritzenden Regen wurde es so kalt, dass ich fröstelte. Und wie ich so fröstelnd unter dem Regendach stand und es nicht aussah, als würde es je wieder aufhören, rannte ich die 100 Meter bis zum Hauseingang an den erstaunten Wartenden vorbei. Natürlich hörte der Regen auf sobald ich die Tür zu meinem Zimmer aufsperrte.
Olga drehte in der Zwischenzeit durch. Sie hatte einen wissenschaftlichen Artikel über ihre Diplomarbeit schreiben müssen um bessere Chancen zu haben, einen Masterstudienplatz zu bekommen. In ihrer Eile, es rechtzeitig fertig zu bekommen, überschrieb sie jedoch den fertigen Artikel mit einer älteren Version davon, und besaß keine Sicherheitskopie. Verzweifelt schrieb sie mir, wie dumm sie war, dass ihr so etwas passieren konnte. Aber helfen konnte ich ihr auch nicht. Am Ende des Abends schrieb sie mir froh, wie einfach es sei, den gleichen Artikel ein zweites Mal zu schreiben. Währenddessen hatte mich Stasya zu einem Festival eingeladen, das Ende Juni in Kazan stattfinden sollte, etwa 300 Kilometer von Izhevsk. Für russische Verhältnisse war das die Nachbarstadt. Sie wollten allesamt in einem Bus um Mitternacht dorthin fahren, einen Tag auf der Festwiese im Gras liegen und am Abend wieder zurück fahren, und das alles zum Preis von 9 Euro.
Ich war zuerst etwas unentschlossen; ich bin noch nie auf einem Festival gewesen und wahrscheinlich kannte ich keine einzige der Bands, die dort spielten. Dann sah ich die Liste der Bands auf der Webseite durch - und erkannte eine: Splin. Es war ein Lied dieser Gruppe, von dem mir Murik die Noten gegeben hatte, sodass ich es als erstes Stück auf der Gitarre lernen sollte. Mit hatte das Stück so gefallen, dass ich Murik um mehr Musik von Splin gebeten hatte. Und so hatten sie mich auf meinem MP3-Player nach Sankt Petersburg und durch die Stadt begleitet. Natürlich wollte ich diese Band live erleben!
01.06.
Schon Juni? Wie konnte das passieren?
Die letzte Zeit war hauptsächlich mit Lernen vergangen, und ich hatte viel schönes Wetter verpasst. Es war immer das Gleiche: Ich stand gegen 11 Uhr auf, und wenn ich nicht zur Uni musste, begann ich Material fürs Studium durchzuarbeiten, dachte irgendwann gegen 16 Uhr das erste Mal ans Mittagessen, erwärmte ein paar Pfannkuchen in der Mikrowelle, setzte mich wieder eine Zeitlang zum Lernen hin und vertrödelte den Rest des Abends im Internet um irgendwann zwischen ein und drei Uhr ins Bett zu gehen und gegen 11 wieder aufzustehen...
Tatsächlich ist die Prüfungszeit so uninteressant, dass es das Highlight meines Tages war, wenn ich in meiner Fertigsuppe zwei Päckchen Gewürze fand statt wie gewöhnlich nur eins.
Heute Morgen passierte mal was anderes, aber nur geringfügig: Als ich Zähne putzen wollte, kam das Wasser nur stoßweise aus der Leitung geschossen. Musste wohl irgendwo wieder eine Leitung geplatzt sein. "Russland halt" murmel ich und zuck mit den Schultern. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Gleichgültigkeit in Russland aufgeschnappt habe, aber es war wohl die beste Möglichkeit, im russischen Alltag zu bestehen. Gibts nicht - macht nichts.
Ich betrachtete mich im Badspiegel. Ich glaube, dass ich nie wieder so schlank sein werde wie in Russland. Meine Familie würde gut daran arbeiten, dass ich mein altes Gewicht wiedererlangte, wenn ich zurück nach Deutschland komme, das wusste ich jetzt schon.
Heute fand wieder eine Stunde im Russischkurs statt, nahm ich an, weil man uns sicher die Prüfungen vom letzten Mal zurück geben würde. Wahrscheinlich wieder nur mit Note "Bienchen".
Ich hatte auch keine Ahnung, wie lang der Kurs noch gehen würde. Die russischen Studenten hatten seit einiger Zeit keine Vorlesungen mehr, aber die Ägypter, mit denen ich Kurs hatte, waren wie ich später gekommen als das Semester in Russland begann. Seit ich immer vor Ende des Russischkurses zum Cisco-Praktikum musste, erfuhr ich einfach nichts mehr. Wahrscheinlich hätte ich auf schlicht und einfach alles vorbereitet sein müssen, denn heute fand die abschließende mündliche Prüfung statt, wie ich viel zu spät von Mina erfuhr, der vor der Stunde am Fahrstuhl stand und versuchte, seine Antworten auswendig zu lernen. Die Fragen hatte er von der anderen Gruppe Ägypter bekommen, die Mechatronik studierten und den Kurs schon letzte Woche abgeschlossen hatten.
Ich zuckte wieder mit den Schultern. Das würde schon klappen.
Unsere Lehrerin Tatjana gab jedem eine Liste mit Fragen zu unterschiedlichen Themengebieten, von denen wir uns eins aussuchen durften. Unter den Ägyptern hatte sich nur ein Themengebiet verbreitet, weshalb sie alle nur zu diesem abgefragt werden wollten.
Tatjana wies die Jungs, die in den Startlöchern standen wie Sprinter, mit gespielter Strenge darauf hin, Gentlemen zu sein und mich vorzulassen, da ich danach noch zum Praktikum musste.
So kam ich dran und suchte mir das Thema Hobbys aus und quatschte einfach auf Russisch drauf los, und tatsächlich klang es wohl, als hätte ich mir nicht gerade diese Sätze zurechtgelegt und auswendig gelernt. Tatjana stellte dann auch noch ein paar Rückfragen, wenn sie etwas besonders interessant fand, zum Beispiel, ob ich denn schon gut auf der Gitarre spiele, worauf ich ihr antwortete, dass mich meine Nachbarn schon hassten und jedes Mal, wenn ich übte, ihre Musik lauter drehten. Zumindest wollte ich das sagen, aber ob das so bei ihr angekommen ist, weiß ich nicht. Doch allein für den Mut zu sprechen gab sie mir 10 von 10 Punkten. Auf die schriftliche Prüfung der letzten Woche hatte ich 90 von 100 Punkten bekommen; das entsprach wohl einem Bienchen. Fröhlich grinsend ging ich zum Praktikum. Es hatte sich wirklich viel verändert seit meinem ersten Tag an dieser Uni. Auch im Praktikum hatte ich Erfolg; es waren nur noch wenige Studenten anwesend, sogar noch weniger als sonst, also zwei, und so konnte ich meine Aufgaben allein machen statt wie sonst im Zweierteam. Und prompt war ich auch als erste fertig. Es ging darum, Fehler in verschiedenen Konfigurationen zu finden; das fiel mir sehr leicht, nachdem ich in den letzten Tagen praktisch nur verschiedene Konfigurationen durchgesehen hatte und nun Fehler auf den ersten Blick erkannte.
Fast vor Triumpf schwebend verließ ich anschließend den Raum: Ich habe mich bewehrt, die Herausforderung angenommen und bestanden. Das Experiment Russlandstudium konnte als geglückt schon fast abgehakt werden. Wenn da nicht noch diese nervigen Prüfungen demnächst wären aber das blendete ich für heute lieber aus. Das Wetter war schön, die Welt war in Ordnung.
Als ich den Weg entlang zum Wohnheim spaziere, fiel mir auf, wie hoch das Gras auf den Wiesen stand, und wie schön die Blumen blühten. In Deutschland wäre man längst mit dem Rasenmäher gekommen, aber mir gefiel, dass die Wiesen hier nicht gemäht werden, und sich ein ganzer Zoo darin tummelte. Doch schon am nächsten Tag fand ich die Wiese gemäht vor, zumindest teilweise, dann war wahrscheinlich den Studenten die Lust vergangen.
02.06.
Ich hatte vor längerem schon mit Gergö eine Vereinbarung getroffen, dass ich Zsolt in meinem Zimmer aufnehmen würde, wenn Gergö Damenbesuch erwartet. Ausgerechnet heute war es soweit. Ich hatte auch bis 3:30 Uhr ein Lehrbuch durchgearbeitet und war noch nicht so richtig wach, als Zsolt gegen 11 Uhr an meine Tür klopfte und aufgenommen werden wollte. Ich sagte ihm, er könne bleiben, wenn er sich ruhig verhielt; ich wollte noch das Kapitel fertig durcharbeiten bevor ich schon wieder zur nächsten Lehrveranstaltung gehen musste. Es war der lange geplante und lange aufgeschobene Besuch des Switching-Centers des Mobilfunkanbieters MTS, in dem wir einmal sehen sollten, wie Mobilfunk wirklich funktionierte.
Zsolt saß mit im Schoß gefalteten Händen sehr aufrecht und geziert da, und wirkte ganz so, als läge ihm etwas auf der Zunge, was ich bestimmt nicht wissen wollte, weil es sicher wieder um sein ausschweifendes Liebesleben ging. Ich fragte ihn trotzdem. Ganz so schlimm wie befürchtet war es nicht, aber zurück zum Lernen kam ich auch nicht recht. Ich meinte zu ihm, wenn er sich langweile während ich unterwegs war, könnte er versuchen mein Zimmer aufzuräumen. Er war ein sehr ordnungsbesessener Mensch und hatte beim ersten Anblick meines Zimmers einen kleinen Schock bekommen. Dabei sah es gar nicht so schlimm aus eben der übliche Zustand in der Prüfungszeit: Da bleibt keine Zeit mehr, seine Aufzeichnungen vom Boden aufzuheben, wenn man sie einmal dort verteilt hatte um etwas nachzuschlagen. Nur in der Zeit vor den Prüfungen, in der man sich noch in Sicherheit wiegt, dass noch genug Zeit zum Lernen sein wird, wenn man ein paar Nachschichten schiebt, nur zu dieser Zeit ist das Zimmer des Durchschnittsstudenten aufgeräumt da wird Wäsche gewaschen und abgerissene Laschen an Handtücher genäht und sämtliche Bleistifte angespitzt und im 90°-Winkel zur Tischkante aufgereiht, um die Lernphase gründlich vorzubereiten, die man ohne äußere Störungen so richtig hart angehen will. Am Ende hat man ein glänzendes Zimmer, aber noch keine Seite vom Lehrbuch umgeblättert, das man als guter Student zur gründlichen Vorbereitung eben mal lesen wollte bis man sich denkt, dass man es eh nicht mehr schafft, und nur noch das Notwendigste durcharbeitet, in den letzten Nächten vor der Prüfung. Anders funktioniert das Studieren gar nicht. Außer vielleicht für Olga, die Lernen als Hobby und Freizeitbeschäftigung sieht.
Es wurde 12 Uhr, ich musste los. Ich ließ es noch 12:30 werden, aber dann musste ich wirklich los, denn später waren die Ägypter auch nie dran. Diesmal traf ich einige sogar schon am Schuhregal unseres Flurs, und dann wieder an der Bushaltestellte. Normalerweise blieben die Ägypter unter sich, aber wenn man schon mal zusammen an der Haltestelle stand, konnte man sich auch mal mit mir zum Plaudern im Bus zusammenstellen. Einer der Ägypter brachte die Fahrkartenverkäuferin zum Verzweiflung indem er mit einem 500-Rubel-Schein das 11-Rubel-Ticket bezahlte. Sie drohte ihm mütterlich lächelnd mit dem Finger; nur dieses eine Mal würde sie es ihm durchgehen lassen. Die Hälfte des Wechselgelds bestand aus Münzen, und der Ägypter grinste zurück.
Emilyanov war vorbildlich und schon am Treffpunkt. Die meisten Ägypter fehlten noch. Er fragte durch, ob alle ihren Reisepass dabei hatten, aber das musste man in Russland sowieso, sonst hatte man ein gewaltiges Problem, wenn die Miliz einen danach fragte. Als wir dann komplett waren, gingen mehr oder weniger geordnet zum Bus. Emilyanov hätte wohl am liebsten eine Zweierreihe gesehen und musste sich fühlen wie eine Kindergartentante. Ich gesellte mich zu ihm, beziehungsweise wurde ich im überfüllten Bus unter seine Achselhöhle gequetscht. Ich begann ihn ein wenig zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zu fragen; er musste wohl an etwas Ähnlichem arbeiten wie Albert, denn er war Alberts Doktorand. So richtig wollte er mit mir nicht sprechen, wie es seine Eigenart war. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, so korrekt und höflich-kühl war er. Er fragte mich auch ganz direkt, warum mich das interessierte. "Ich mache nur Konversation", antwortete ich und gab ihn schon fast wieder auf, dann fügte ich noch dazu, dass ich mich mit dem Thema auch beschäftigen musste, wenn ich meine Masterarbeit für Albert schrieb. Da begann Emilyanov ein bisschen aufzutauen und berichtete einige Details. Seine Arbeit wäre wohl auch erschienen, aber nicht mehr verfügbar, weil er es nur in geringer Auflage in der universitätseigenen Druckerei hatte drucken lassen.
Wir stiegen in einem mir unbekannten Teil von Izhevsk aus, der von Alleen beherrscht wurde. Emilyanov meinte, er sei einmal vor Jahren bei MTS gewesen und hoffte, es nun wiederzufinden. Wir kamen auf einen Hinterhof, der mit feindlich aussehendem Draht auf hohen Mauern und Zäunen bestückt war. Hier waren wir wohl richtig. Ein großer frei laufender Hund kam und entgegen; die Ägypterinnen wichen zurück, aber einige Jungs spielten mit dem Tier. Dann kam uns auch Professor Puschin entgegen, der bei MTS arbeitete und alles für den Besuch in die Wege geleitet hatte.
Durch eine schwere Hintertür gingen wir in das gut gesicherte Haus hinein, ein enges Treppenhaus hinauf. Auf der ersten Etage saß der Pförtner, dem wir unsere Reisepässe aushändigen sollten. Er verglich sie mit der Liste, die er vorliegen hatte, und die von mindestens fünf Stellen unterzeichnet war. Sie nahmen den Ägyptern noch das Versprechen ab, keine Terroristen zu sein, oder zumindest nichts anzufassen. Und als wir in die heiligen Hallen vorgelassen wurden, sahen wir auch warum: Der extrem gekühlte Raum war vollgestopft mit modernster Technik, die wahrscheinlich die ganze Republik mit Mobilfunkdaten versorgte. Es gab dutzende von Servern, die sämtliche Informationen von jedem Nutzer redundant speicherten; wir konnten sogar verfolgen, wer gerade mit wem telefonierte und wohin Rufumleitungen führten. Weiterhin zeigten sie uns, welche Messgeräte für Antennen sie zur Verfügung hatten und probierten es für uns an einer Testantenne aus, zeigten, wie sich das Signal änderte, wenn gar keine Antenne angeschlossen war und damit das Signal an der Austrittsstelle reflektiert wurde. Das ganze zog sich ein paar Stunden hin, vor allem da wir das ganze nur gruppenweise erleben durften. Gelangweilt hockten wir auf den Gängen, die Ägypter wirkten als heckten sie schon wieder Blödsinn aus, und besonders Emilyanov sah aus, als würde er lieber ganz wo anders sein. Ich wollte schon wieder zu ihm hingehen, ihm auf die Schulter klopfen und sagen: "Alles wird gut", aber da begann er zu telefonieren und ich sah meine moralische Verpflichtung erledigt.
Er brachte uns danach wieder vor die Tür und meinte, wir würden den Bus schon finden. Aber ganz verschwinden konnte er noch nicht, denn da waren drei Jungs, die unbedingt ein Taxi bestellt haben wollten. Das war ohne Russischkenntnisse jedoch reine Zeitverschwendung; schon für einen Russen war es eher eine Art Glücks- und Geduldsspiel, ein Taxi zu bekommen. Da rief entweder niemand zurück um die Nummer zu bestätigen, nachdem man schon das Taxi bestellt hatte, oder die Leitstelle wollte gerade kein Taxi in diesen Stadtteil schicken. Oder das Taxi wurde von einem zufälligen Passanten genommen, der es als Geschenk aus heiterem Himmel betrachtet, wenn es in seiner Nähe hielt. So blieb Emilyanov noch mit ihnen sitzen. Ob das so in seinem Vertrag stand?
Ich musste unbedingt auf dem Heimweg Schokolade und Fertignudeln kaufen, wenn ich die Prüfungszeit überstehen wollte, und dann weiterlernen. Meine neue Lieblingsschokolade nannte sich "Geschmack des Sommers" und war mit Erdbeerbrei gefüllt, der sogar theoretisch zum Teil aus Erdbeeren bestehen könnte.
Die Wegränder des Fußwegs waren weiß wie bei Aprilschnee. Die Birkenblätter häuteten sich; wie Schnee flog der Flaum umher, drang in jede Ritze; sogar im Nervenzentrum von MTS flogen einzelne Flöckchen durch die Gänge - durch jede noch so kurz offene Tür flog es hinein. Es gab ja so viele Birken in Russland, es war ein Nationalsymbol. Allein in Izhevsk waren sämtliche Campus-Grünflächen nur mit dieser Baumart bestückt. Das sah auch im Winter sehr schön aus, wenn die weißen Stämme aus dem weißen Schnee herausstaken. Auch im Frühlingsschnee sahen sie schön melancholisch aus. Und jetzt ließen sie selbst Schnee rieseln. Ich nahm eine Handvoll Birkenschnee und blies ihn davon.
Als ich wiederkam, fand ich mein Zimmer leer vor. Es war zwar nicht aufgeräumt, aber an-aufgeräumt. Zsolt hatte keinen rechten Anfang finden können und nur die vom Fensterbrett gewehten Origami-Sterne zusammengelesen und die Betten leergeräumt, die bei mir zur Ablage von allem dienten, das nichts auf dem Fußboden verloren hatte, aber auch nicht in die Schränke passte. Dann hatte Zsolt es aufgegeben und mir einen Zettel hinterlassen, auf dem zu lesen war, dass er wieder in sein Zimmer zurück durfte und sich für die Aufnahme in meinem bedankte.
Nun konnte ich mich wieder konzentriert meinen Ausarbeitungen widmen. Langsam begann ich durchzudrehen und malte kleine treppensteigende Männchen in das Word-Dokument, in dem ich meine Notizen speicherte. Sie sollten mir eine Gedächtnisstütze geben, wie Bits in verschiedenen Kodierungen dargestellt werden, steigende und fallende Flanken. Bald begann ich das Buch in Kindergartendeutsch zu übersetzen und nervös zu zappeln. Morgen sollte die Prüfung stattfinden, aber ich wusste immer noch nicht, wann. Albert hatte seit Tagen auf keine Anfrage geantwortet, weder per Mail, noch per SMS, aber das dauerte bei ihm naturgemäß länger. Wahrscheinlich würde ich es eine Stunde vor der Prüfung erfahren, und dann von den Ägyptern, die normalerweise eher [i]von mir[/i] die Informationen erhielten, aber manchmal doch eine Gruppenmail bekamen, die ich nicht erhielt.
Gegen 22 Uhr reichte es mir dann doch; ich sprang auf und schrieb eine weitere SMS, dass man doch wohl erwarten könnte, Prüfungstermine vor der Prüfung bekannt gegeben würden. Ich glaube aber, ich drückte es höflicher aus. Die Lust zum Lernen war mit mittlerweile vergangen, in meinem Kopf spukten tanzende Bits umher, und deshalb kontaktierte ich Olga: "Hättest du was dagegen, wenn ich vorbei käme?"
In Deutschland wäre es ein Unding, sich um diese Uhrzeit selbst einzuladen. In Russland wahrscheinlich auch, dachte ich mir, aber dann saß ich schon mit vollgepacktem Rucksack im Trolleybus. Die Fahrkartentante murmelte jedem Fahrgast, dem sie die Fahrkarte gab, irgendetwas zu. Leicht irritiert nahm ich die Fahrkarte und setze mich hin, stand dann aber doch noch mal auf, ging zu der Frau und fragte: "Entschuldigung, was haben Sie haben gesagt?", natürlich auf Russisch, deshalb hatte der Prozess in meinem Hirn so lang gedauert. Sie erklärte, es sei der letzte Bus, und der würde nicht bis zum Ende fahren, sondern ins Depot. Olgas Haltestelle "Magazin Podarki" wurde jedoch noch angefahren. Aber gut, mal gefragt zu haben.
Ich hatte zwar drauf bestanden, dass mich Olga nicht von der Haltestelle abholte, aber da stand sie, um mich vor den Gopniks zu beschützen, die nachts die Straßen belagerten. Das taten sie wohl auch tagsüber, aber da fielen sie nicht so auf.
Olga hatte noch einen ganzen Stapel Arbeit zu erledigen, aber vorher bestand sie darauf, einen Tee für uns zu machen und Essen für mich aufzutischen: Torte und Pizza, was eben im Haus war. Brav nahm ich ein wenig zu mir, wenn auch mit schlechtem Gewissen, sie aufzuhalten. Ich trank schnell aus und schickte sie streng an ihren Computer zurück. Ich setzte mich daneben, soweit ich Platz fand, auf einem Sofa, das eher als Kombination von Regal und Kleiderschrank diente. Alles wie in meiner eigenen Wohnung. Auch sonst erinnerte mich Olgas Zuhause eher an mein Wohnheimzimmer, auch von der Größe her, aber mit dem Unterschied, dass sie hier mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und zeitweise auch mit ihrem Bruder lebte. Sie selbst schlief auf der ausziehbaren Couch im Wohnzimmer, ihre Großmutter auf einem Feldbett im Gang zwischen Wohnzimmer und Korridorattrappe. Ihre Eltern schliefen in einem eigenen winzigen Zimmer, das Olga gleichzeitig als Arbeitszimmer diente, weil darin der einzige Computer stand. Es war kaum genug Platz für einen Stuhl zwischen dem Computer und dem Bett. Und in einer weiteren Nische stand die besagte Couch, auf der niemand hätte schlafen können, selbst wenn man sie leer geräumt hätte. Und es hätte auch niemand darauf schlafen wollen, da Olgas Mutter den Methan-, Kohlenstoffdioxid- und Schwefelwasserstoffgehalt im Zimmer auf ein gesundheitsbedenkliches Maß erhöhte.
Wir saßen etwa bis halb drei Uhr nachts, hörten auf die dabei entstehenden Geräusche und versuchten uns zu konzentrieren. Ich gab es bald auf und glaubte gar nicht mehr so recht an eine Prüfung am nächsten Tag. Stattdessen machte ich Origami, und Olga begann das Internet-Fotoalbum von Farin durchzublättern, in dem er erstaunlich oft mit nacktem Oberkörper zu sehen war.
Bald darauf gingen wir ins Bett, zusammen auf die ausklappbare Couch, aber einschlafen konnte ich nicht. Wir waren so nördlich, dass die Sonne schon wieder aufzugehen begann. Gegen halb vier war es bereits tageshell. Ich schlich mich über knarrende Böden in die Küche und begann mit der fetten Katze zu spielen, die auch Standardeinrichtung in jeder russischen Wohnung war. Olga hatte ich nicht aufgeweckt, aber das schwerhörige Großmütterchen, die nie mein "Guten Tag" erwiderte, stand plötzlich in der Küche; ich glaube, die schwache Blase hatte sie geweckt. Sie begann also mit mir um vier Uhr morgens zu diskutieren, warum ich unbedingt ins Bett zurück gehen sollte. Ich gab den Widerstand bald auf alten Leuten soll man nicht widersprechen, und schon gar nicht in Russland.
03.06.
Olga stand um 7 Uhr morgens auf um weiterzuarbeiten. Langsam fand ich sie ein bisschen gruselig. Ich bedankte mich für die geistige Ablenkung und das Dach überm Kopf und verabschiedete mich noch vor dem Frühstück, das mir Olgas Mutter anbot, die ich wegen ihres dicken schwarzen Schnurbarts erst für Olgas Vater hielt. Es war ein schöner Morgen, ideal für einen Spaziergang. Ich war zu müde um überhaupt zu merken, dass ich müde war. Aber ich erinnerte mich daran, dass ich schon seit ich in Izhevsk war, einige Dinge tun wollte, zu denen ich nie gekommen war; zum Beispiel in den Gorki-Park gehen, der über die warmen Monate zum Jahrmarkt wurde. Und ich hatte schon lange einfach einmal in irgendeinen Bus steigen und die Stadt auf gut Glück erkunden wollen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn eine Prüfung stattfinden sollte, konnte ich ja immer noch umkehren; mein Wissen reichte definitiv schon für eine Zwei aus, und dadurch, dass es wieder nur ein Test zum Ankreuzen war (das hatte Albert mir gezeigt), konnte man mit etwas mehr Glück als Verstand auch seine Eins bekommen.
So setzte ich mich in Bus 29, der mich immer nur zum nächsten großen Supermarkt gebracht hatte, und fuhr ihn weiter. Ich kam an eine schöne orthodoxe Kirche, in deren Hof Kunststudenten saßen und sie zeichneten, während ein Leichenwagen vorfuhr und ein Sarg ausgeladen wurde. Hinterdrein liefen alte und junge Frauen in schwarze Tücher gehüllt. Am Eingang der Kirche hing ein Spiegel, an dem noch mal der Sitz des Kopftuchs und die hervor schauende teure Frisur überprüft werden konnte. Russinnen sind immer schick, ich jedem Alter und bei jedem Anlass.
Es wurde langsam Mittag als ich das seltsamste Café der Stadt entdeckte. Der Besitzer hatte einfach alles gesammelt, was ja als Schrott fortgeschmissen worden war, hatte es im Freien um ein Bierzelt herum aufgestapelt und das ganze Museumscafé genannt. Es wirkte so schaurig, dass der Besitzer selbst auf der Straße stand und versuchte Passanten zu überreden, hier zum Mittag einzukehren. Ich ließ mich schnell überzeugen, was den Besitzer selbst überraschte und bestellte aus einer Laune heraus einen Salat mit eingeweichten Kartoffelchips und ein Bier der Marke "alte Mühle". Zu dieser Zeit auch etwa erhielt ich eine SMS von Albert, dass er meine erst jetzt erhalten hätte und die Prüfung für die andere Gruppe sei. "Welche andere Gruppe?", fragte ich mich, nahm es aber als Gottesgeschenk hin so hatte ich noch eine Galgenfrist bis zum Schreiben der Prüfung, wann auch immer das sein würde. Tatsächlich stellte sich einige Zeit später heraus, dass es genau die Prüfung war, für die ich gelernt hatte, aber dass Albert angenommen hatte, dass ich lieber die Cisco-Prüfung schreiben wollte. Das stimmte ja auch, aber ich wollte beide schreiben. Wir einigten uns anschließend darauf, dass ich sie schreiben könne, wann immer ich Lust dazu hatte. War das typisch Russland, oder nur typisch Albert?
Ich ließ mir also weiter die Sonne auf den Pelz scheinen. Lenin betrachtete mich stirnrunzelnd hinter schwarzen Brillengläsern, der Besitzer zeigte mir seine Geldscheinsammlung an der Wand; es waren sogar DDR-Mark dabei, merkte er stolz an.
Olga meldete sich später noch bei mir, mein Aufbruch sei zu übereilt gewesen, und ob ich ihr heute Abend wie versprochen beim Aufbau eines Netzwerks helfen könne. Da war ich schon im Vergnügungspark und saß mir Izhevsk von oben aus einem Riesenrad heraus an. Er wirkte aber eher deprimierend. Die Sonne hatte sich verzogen und kaum Leute waren an diesem Wochentag gekommen. Ein gelangweilter Shrek stand in der Gegend herum und wartete darauf, dass sich jemand mit ihm fotografieren lassen wollte, aber niemand kam. Spongebob hatten sie bereits ausgestopft und er konnte schon raten, wer als nächstes folgen würde.
Ich war schon lang nicht mehr auf solchen Reitgeschäften gewesen erstens, weil es die in meiner Gegend gar nicht so wirklich gab, und zweitens, weil die Preise dafür schon mehr als gepfeffert waren. Doch hier in Russland sparte man sich einfach die Kosten für die Wartung und verkaufte die Karten zu kommunistischen Preisen. Man wartete auch nicht, bis sich genügend Freiwillige gefunden hatten, so ein Gerät zu besteigen einer genügte vollkommen um die Maschine anzuwerfen. Wenn es einen Ort gab, an dem der Kapitalismus noch nicht angekommen war, dann war es dieser Park.
Ich nahm noch ein paar weitere Busse quer durch die Stadt ohne noch etwas Nennenswertes zu entdecken. Entweder hatte ich jetzt Izhevsk vollständig gesehen, oder die sehenswerten Orte und Örtchen versteckten sich sehr gut. Dann war es schon Zeit zur Uni zu gehen um mit Olga das Netzwerk aufzubauen. Wir waren allen. Das Gebäude Nummer 5 war zu neu um planwirtschaftlich bereits in den Hochschulalltag eingebunden zu sein. Olga hatte eine Genehmigung erhalten, sich den Schlüssel für den Computerraum geben zu lassen. Sie wollte aber nicht sagen, wem sie dafür eine Waffe an den Kopf gehalten hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man so eine Genehmigung als Student auf dem bürokratischen Weg erhielt.
Wir versuchten also das Netzwerk aufzubauen, aber das Netzwerk wollte nicht so recht. Später kam Farin vorbei und konnte nur teilweise herausfinden, warum es denn nicht wollte. Am Ende warfen wir einfach das Kabel weg, das uns so durch Nichtfunktionalität geärgert hatte.
Danach fand sich jemand ein, der Cisco nachschreiben wollte, und noch viel später kam Albert vorbei um ihn Cisco nachschreiben zu lassen. Es wurde ein lustiger Abend, man trank Kwas und stolperte über Kabel, ich sprach mit Albert wieder über meine Masterarbeit und gab ihm schließlich die Zusage, als er meinte, dass ich natürlich auch wissenschaftliche Artikel über meine Arbeit veröffentlichen müsse. Das war für mich eher die Sahnehaube auf der Torte. Aber langsam wurde ich hundemüde, es wurde bereits 22 Uhr, und der letzte Student saß immer noch an der praktischen Prüfung, da meine Albert zu mir, dass wir besser gehen, bevor es wieder zu regnen beginnt. Olga und Farin speicherten seit bestimmt einer halben Stunde Resultate ohne damit fertig zu werden; sie würden dann den Prüfung hinauskehren, wenn sie gingen.
Natürlich hatte es gerade begonnen zu schütten, als wir die Tür im Erdgeschoss erreichten. Albert rief seinen Bruder an, ob er ihn nicht abholen könnte. Wir warteten unter dem Regendach, aber schon bald darauf ließ der Regen nach; ich wollte mich nicht aufdrängen, also verabschiedete ich mich und sprintete zum Bus davon. Als ich am Wohnheim ankam, war es schon wieder trocken und windstill, nur der Geruch der nassen Erde ließ noch an den Regen denken. Mit beinahe letzter Kraft schleppte ich mich die acht Etagen nach oben und fiel ins Bett.
04.06.
Heute war wieder einmal ein typischer Prüfungsvorbereitungstag: Bis in den Nachmittag in Nachthemd im Bett hocken bleiben, mit dem Notebook auf dem Schoß verschiedene Übungen lösen, bis der Kopf schief am Hals hängt, oder sich zumindest so anfühlt.
Von Sina hatte ich lang nichts mehr gehört und fragte schließlich per SMS nach. Sie schrieb, sie hätte ihr Internet zerstört, aber diesmal so richtig böse, samt verlorenen Passwörtern. Ich bot ihr an, vorbeizukommen und mir das ganze mal anzuschauen. Später, meinte sie. Sie müsse an ihrer Diplomarbeit arbeiten, und dafür sei Internet pures Gift, weil sie sonst die ganze Zeit mit Freunden chatte. Das verstand ich. Das Haus wollte ich aber trotzdem verlassen bevor mir der Kopf ganz vom Hals fiel und wenn es nur zum Einkaufen war.
An der Rezeption saß ein weinendes Etagen-Großmütterchen: Ich sah sie überrascht und besorgt an, aber sie lächelte unter Tränen und deutete auf ein aufgeschlagenes Buch; es war ein trauriger Liebesroman, offensichtlich. Ich hatte mich schon längst gefragt, was die Etagenfrauen den ganzen Tag über machten. Einige sahen fern, aber sie konnten keinem Programm richtig folgen, da sie von jedem kommenden und gehenden Studenten aufschreiben mussten, zu welcher Zeit er sich von welchem Ort zu welchem bewegt hat. Zum Glück ist die Datenerhebung im Wohnheim noch analog, sodass diese Daten nicht so leicht an irgendwen verkauft werden können wie bei uns in Deutschland. Wobei mein Leben sowieso ein offenes Buch ist, sogar wörtlich, wenn man diesen Blog ausdruckt.
Was wollte ich nun eigentlich einkaufen? Ich hatte noch Pelmeni von gestern, oder vielleicht auch vorgestern im Kühlschrank, deren Ränder schon langsam hart und gelblich wurden und vermutlich schon den Geschmack des Kühlschranks angenommen hatten. Ich hatte auch noch ein Stück Käse im Kühlschrank, dessen Konsistenz sich auf die gleiche Weise verändert hatte also brauchte ich gar nichts neues einzukaufen, denn in der Kombination und mit genügend Gewürzen konnte ich eine Pelmeni-Käsepfanne zusammenbraten, wie ich sie bei Varya in Petersburg gegessen hatte.
Das Resultat war dann übrigens tatsächlich essbar, und ich dachte mir, dass ich vielleicht doch nicht so hoffnungslos im Haushalt bin.
Ich begann weiter Übungen machen, merkte meine Gedanken jedoch bald abschweifen und meine Finger begannen ganz ohne mein Zutun im Internet zu surfen. Ich klickte mich durch Farins Profil wie es Olga getan hatte, aber mich interessierten nicht so sehr die oberkörperfreien Fotos von ihm, sondern die beiden Fotos, auf denen er bis zu den Ohren mit Schlamm bedeckt in einer Höhle saß. Ich schrieb ihn schließlich an und fragte nach, wo das denn sei.
Farin schickte eine sehr ausführliche Antwort mit Internet-Links: Es gäbe ein riesiges Höhlensystem im Uralgebirge in der Nähe von Perm, der Ort hieße Gubakha und die Tropfsteinhöhle Rossiyskay, aber es sei nicht touristisch zugänglich, man müsse erst 100 bis 200 Meter wie ein Wurm durch ein Loch kriechen. Für Touristen gäbe es die Kungur-Eishöhle. Aber ich war Feuer und Flamme von der Schlammtropfsteinhöhle. Farin schickte mir die Busverbindungen und bot an, für mich bei den Leuten anzufragen, die ab und an von Izhevsk aus Ausflüge dorthin organisierten. Als nächstes wollte er mich zum Fallschirmspringen einladen, aber dafür war ich ja zu leicht.
05.06.
Bei der Prüfungsvorbereitung sah ich langsam das Licht am Ende des Tunnels, deshalb ging ich auch zur letzten Vorlesung von Professor Puschin, obwohl ich mir relativ sicher war, nicht daran teilzunehmen. Anders als die Ägypter hatte ich zum Thema Mobilfunk nie Vorlesungen besucht und konnte mit den ganzen Abkürzungen recht wenig anfangen, obwohl mir schon durch den Besuch des Switching Centers von MTS einiges klarer geworden war, aber zur Prüfung würde ich bestimmt schon in Sankt Petersburg sein und auf die Weißen Nächte anstoßen.
Diese Prüfung sollte erstaunlich einfach werden: Jeder Student durfte sich ein Thema aussuchen, zu dem er einen kurzen Vortrag halten sollte. Professor Puschin ließ durchblicken: Wer das Thema ordentlich bearbeitete, bekam eine Eins, und wer überhaupt nicht durchblickte, bekam schon für die Anwesenheit eine Zwei. Aber wie gesagt, da würde ich bereits in Sankt Petersburg sein. Ich fragte Puschin, ob ich die Prüfung irgendwann nachholen könne, wenn ich wollte; das bejahte er, aber wir beide wussten, dass sich das im Sand verlaufen würde.
Nach der Stunde spazierten wir wieder gemeinsam zurück Richtung Campus. Ich verspürte keine rechte Lust zum Weiterlernen, also begleitete ich Professor Puschin wieder in den Supermarkt, wo er Brot für seine Tochter kaufte, das sie so garn aß, beziehungsweise Buchstaben daraus knetete. Sie war erstaunlich wissbegierig, erzählte er. Sie wollte schon vor der Einschulung Schreiben und Rechnen lernen. Sie sprach mittlerweile besser Englisch als Russisch, berichtete er weiter. Langsam mache er sich Sorgen um ihr Russisch, da sie es wie eine Engländerin sprach, also komplett die Beugung der Wörter in den unterschiedlichen Fällen vergaß. Er meinte, dass er hoffe, dass seine Tochter ihn nicht in ein paar Jahren dafür böse sein wird, dass sie ihre Muttersprache nicht sicher beherrsche. Ich versuchte ihn zu beruhigen, dass ihr Russisch sicher besser wird, sobald sie in die Schule kommt, und dass sie ihre Englischkenntnisse sicher als Geschenk sehen wird.
Von Supermarkt aus begleitete ich Professor Puschin noch ein Stück weiter bis zu seiner Wohnung. Er deutete nach oben und meinte, sie sei nicht zu verwechseln. Es sah aus wie eine kleine Filiale des KGB mit all den Satellitenschüsseln und Antennen. Seine Nachbarn hätten sich schon bei ihm beschwert und über Kopfschmerzen geklagt, dabei sei es völlig unmöglich, dass die Antennen daran Schuld seien, meinte er; erstens seien es nur Empfangsantennen, und zweitens waren sie von den Nachbarwohnungen fort gerichtet. Aber damit konnte er internationales Fernsehen empfangen, sogar englischsprachige Trickfilme für seine Tochter.
Ich winkte ihm noch einmal zu, während mir das Wassereis über die Finger lief und vom Wind auf meine Jacke verteilt wurde. In aller Ruhe ließ ich mich auf dem Spielplatz nieder und putzte mich wie eine Katze, nur nicht direkt mit Zunge, sondern über den Umweg Taschentuch.
Auf dem Weg zurück zum Wohnheim kam ich wieder an dem Parkplatz vorbei, an dem letzten Samstag so viele Wohnwagen aus Deutschland und Holland gestanden hatten und siehe da, schon wieder stand der ganze Parkplatz voll. Die Camper saßen teilweise draußen vor ihren Wohnwagen in Liegestühlen oder räumten gerade etwas um. Es waren alles Deutsche, keine Holländer diesmal. Erst ging ich nur mich wundernd daran vorbei, kehrte dann jedoch um und ging zurück zu einem älteren Ehepaar, das sich gerade draußen ausruhte. Auf Deutsch rief ich über den Gitterzaun: "Entschuldigen Sie, was bringt sie eigentlich zu uns nach Izhevsk?"
Zuerst nahmen sie gar nicht so recht für voll, dass ich sie auf Deutsch angesprochen hatte, aber sie kamen näher und ich fragte noch einmal. Sie waren ganz überrascht, von jemandem in Russland auf Deutsch angesprochen zu werden, und noch überraschter, als ich mich als deutsche Studentin vorstellte. Der Mann bat mich kurz zu warten und ging in seinen Wohnwagen um eine Postkarte herauszuholen. Abgebildet war eine ganze Armee von Wohnwagen, darunter stand auf Deutsch, Russisch, Chinesisch, Persisch und Englisch, dass sie im Wohnwagen ein halbes Jahr lang Europa und Asien bereisten. Auf der Rückseite war eine Landkarte abgebildet, auf der die Reiseroute zu sehen war: Riga, Moskau, Novosibirsk, Baikalsee, Mongolei, Peking, andere chinesische Städte, Kirgisien, Usbekistan, und dann sogar der Iran, um danach über Armenien nach Istanbul zu fahren. Ja, da staunte ich; sie hatten sich einiges vorgenommen. Aber die Reise war organisiert. Wer Genaueres wissen will, kann hier weiterlesen: http://www.faszination-russland.de/asien-2010/wirsind/
Während wir uns unterhielten, kamen immer weitere Camper dazu, die neugierig geworden waren. Sie stellten immer die gleichen Fragen: Wo ich herkomme, wie lange ich hier bliebe, und vor allem warum ein jüngerer, freundlicher Mann schenkte mir eine Tafel deutsche Milka-Schokolade, daraufhin gab mir eine jüngere Frau ebenfalls eine Tafel, aber von Rittersport. Natürlich kann man deutsche Schokolade auch in Russland kaufen man kann sogar deutsche Schokolade kaufen, die gar keine deutsche Schokolade ist, wie zum Beispiel "AlpenGold". Ich bedankte mich dennoch herzlich ich war nun doch sehr froh über diese Begegnung. Es war lange her, dass ich mich wirklich mit Deutschen aller Dialekte unterhalten hatte, und es war nicht ganz so einfach zu folgen, und erst recht selbst zu sprechen. Ich stolperte mehrmals über meine eigene Zunge fast kam es mir so vor, als hätte ich die gesprochene deutsche Sprache verlernt. Auch meine Grammatik hatte schon begonnen zu leiden. Aber ich sagte mir, das sei schon ok, solange ich es noch merkte.
Wir kamen auf das Thema der legendären russischen Gastfreundschaft zu sprechen. Sie waren enttäuscht von der Kühle der Menschen auf den Straßen und in Geschäften. Das konnte ich bestätigen, aber sie glaubten mir nicht, dass es nur die eine Seite der Russen war, und dass in Wirklichkeit alles stimmte, was man sich darüber erzählte. Die Russen sind sehr herzliche und gastfreundliche Menschen, aber sie zeigen es eben nicht jedem, und schon gar nicht auf der Straße. Sie sind vielleicht ein bisschen wie die Amerikaner mit einem öffentlichen Gesicht und einen privaten Gesicht, nur dass sie sie genau umgekehrt verwenden. Aber so etwas ist wahrscheinlich schwer zu erfahren, wenn man im ganzen Rudel Wohnwagen durch die Städte zieht und überall nur einen Tag bleibt. Ich denke, im Osten werden sie vielleicht mehr Glück haben; dort, wo die Städte kleiner werden und sich immer weniger Touristen hin verirren dort sind die Leute noch neugierig auf Fremde und laden sie schon allein deswegen zu sich ein, um ihre Neugier zu stillen.
Die Schokolade schmolz mir in den Händen davon während wir da standen und plauderten. Eine der Frauen kam sogar aus Leipzig; sie unterhielt sich besonders interessiert mit mir, aber irgendwann brannte mir die Sonne zu stark auf der Haut, und zu Hause warteten noch Aufgaben, die gelöst werden wollten, deshalb verabschiedete ich mich und wünschte noch viel Glück auf der langen, langen Reise.
06.06.
Ich kam wieder sehr gut voran mit dem Lösen der praktischen Aufgaben, in denen es generell gesagt darum ging, bestimmte Funktionalitäten in simulierten Netzwerken zu aktivieren. Ich kam in der Tat so schnell voran, dass ich mich entschloss, die Einladung zu einer Konzertreihe namens Sound-Of-Summer anzunehmen, auf dem auch Sina spielen würde. Ihr Auftritt war gegen 19 Uhr, also machte ich mich in meinem Optimismus eine halbe Stunde früher auf den Weg, wusste aber nicht mehr genau, wie wir beim letzten Mal zu "Detskij Mir" gekommen waren, wo auch heute wieder das Konzert stattfinden würde. So fuhr ich erstmal zu weit, stieg unterhalb der gelben Kirche aus, die das Zentrum der Stadt bildete, und betrachtete die Stadtkarte, die ich nun immer dabei hatte. Alle Straßen um der Kirche herum hießen Krasnaya, aber wenn ich entgegengesetzt zur Fahrtrichtung der Trolleybusse immer geradeaus ging, musste ich irgendwann die Straßenbahnschienen kreuzen und damit schon recht nah sein. Ich bog in die Karl-Marx-Straße ein und sah die Lenin-Bibliothek, vor der Zsolt sich hatte fotografieren wollen ich war ganz nah dran, aber trotzdem zu spät. Als ich den Hof erreichte, aus dem laute Musik auf die Straße drang, sah ich Sina schon am Schlagzeug sitzen. Sie war völlig im Spiel versunken und bemerkte mich nicht. Dafür sahen mich Stasya und Nastya und winkten mir, mich an ihren Tisch zu setzen. Dima war nicht gekommen, weil er den ganzen Tag das Arbeiten an seiner Masterarbeit aufgeschoben hatte und sich aus dem schlechten Gewissen heraus den Konzertbesuch selbst untersagte. Ich vermutete, dass es ihn noch frustrierter machte, allein zu Hause zu sitzen, und dass er sich dadurch erst recht nicht nach Arbeit fühlte.
Dafür traf ich einen meiner Mitstudenten, Igor, nur fiel mir der Name genau zu dem Zeitpunkt nicht ein, als er mich fragte, ob ich mich an ihn erinnere. Na klar, er hatte bei Dima Gitarre gespielt. Er erzählte, dass es sich vor zwei Stunden ergeben hatte, dass er heute hier auftrat, mit Leuten, die vorher nie mit ihm zusammen gespielt hatten. Aber das machte nichts, denn es war eine Konzertreihe für Nachwuchsmusiker. Und vielleicht wurde aus dieser spontanen Zusammenfindung etwas mit Hand und Fuß.
Nach dem Auftritt fühlten sich alle Bandmitglieder hungrig, und so ging die ganze Gruppe inklusive uns Groupies in den Keller des Clubs und bestellten Pizza. Einige der jungen Leute kannte ich noch von einer flüchtigen Begegnung, andere waren mir neu. Das moppelige Grufti-Mädchen zum Beispiel, das nie ein Wort sagte, war offenbar immer dabei und gehörte praktisch zur Einrichtung des Clubs.
Ich begann wie immer mit dem Falten kleiner Origami-Figuren; die anderen baten mich, mir etwas von dem Papier abzugeben einige erinnerten sich immer noch daran, wie man einen Frosch bastelte, und einer der Jungs konnte sogar noch einen Kranich. Schnell verging so ein Abend. Und dann wollte Sina gern ein Eis essen, und immer wenn Sina mit dem Finger schnippte, sprang ich eben, also gab ich ihr ein Eis aus. Wir hatten kaum fertig gelöffelt, da kam Stasya zu uns an die Bar und meinte, sie wollten in das leerstehende Krankenhaus fahren, in dem sie als Wachtfrau arbeitet, aber sehr selten wirklich dort war, weil es langweilig und deprimierend war. Und auch ein bisschen gruselig. Sie hatte vor einiger Zeit mit Freunden dort Fotos geschossen, auf denen sie Farbe als Blutersatz benutzten. Blair Witch made in Russia.
Ich lehnte dankend ab, ich hatte mir für heute noch die letzten drei Aufgaben zu lösen vorgenommen. Stasya bot an, mich im Auto zum Wohnheim mitzunehmen. Wir mussten nur darauf warten.
Wieder standen wir vor dem Club und froren, da die Nächte viel kälter waren als der Tag, und die Mädchen nur Röcke oder kurze Hosen trugen. Ich besaß nur lange Jeans, fröstelte aber trotzdem.
Das Auto kam, es wurde von Mischas Bruder gefahren, der das völlige Gegenteil des Bassisten war er war eher vom Typ "Buchhalter". Ich wusste immer noch nicht so genau, wie man mit dem Auto zum Wohnheim kam und bat ihn, bei der Universität anzuhalten. Beim Aussteigen umarmte ich die Mädels so gut es ging halb noch im Auto stehend. Sina drückte mir hart eine Rippe ein. Aber ich war froh, zum Konzert gegangen zu sein. Man kann ja nicht immer lernen.
Aber nun musste ich wieder ran, und tatsächlich hatte ich wie geplant kurz vor Mitternacht meine Aufgaben beendet.
07.06.
Ich glaub, meine Nachbarn haben einen Baby-Schimpansen in ihrem Zimmer, von den Geräuschen zu urteilen, die man durch die Wand hört; es waren zwei Stimmen und ein trauriges Tiergeschrei. Ich wundere mich sowieso über nichts mehr. Außerdem kam nun langsam die Prüfungspanik auf. Ich wollte noch mal den theoretischen Teil wiederholen, wusste aber ganz genau, dass ich es nicht bis zur Prüfung in wenigen Stunden komplett schaffen würde, und dass ich den Anfang bestimmt schon wieder vergessen hatte, wenn ich am Ende angelangt war. In diese nervenaufgeriebene Stimmung kam Olga hinein, die mich anrief, weil einer der Ägypter sein Handy im Labor vergessen hatte, Ich sagte ihr, dass ich mich später darum kümmern wollte, aber sie war schon auf dem Weg, ließ sie mich wissen. Während ich also lernte, hüpfte ich immer wieder zur Tür und spähte, ob Olga schon da war, und wieder zurück zum Computer. Eine Viertelstunde später war ich völlig entnervt und rief sie an, wo sie denn stecke. Sie antwortete, dass sie schon selbst den Ägypter gefunden hatte, dessen Handy sie dabei hatte. Ich schüttelte ärgerlich den Kopf und las noch ein paar letzte Zeilen durch, packte dann entnervt zusammen und machte mich auf den Weg zum Bus. Auf den ich natürlich ewig warten musste. Doch im Bus besserte sich meine Laune, als ich ein Glücksticket bekam. Ich verspeiste es noch auf dem Weg zu Gebäude Nummer 5. Vielleicht konnte ich das Glück wirklich brauchen.
Tatsächlich hatte das Schicksal etwas Merkwürdiges angestellt: Nachdem ich den theoretischen Teil erfolgreich abgeschlossen hatte, bat ich Albert wohl im genau ungünstigsten Moment, mir die praktische Prüfung freizuschalten. Er wurde im selben Moment von zwei anderen Studenten angesprochen, und wie Männer so sind, können sie zwar versuchen, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, aber ein Ding wird immer darunter leiden.
Jedenfalls saß ich dann stirnrunzelnd vor der Aufgabenstellung: Frame Relay hatten wir das je behandelt? Ich erinnerte mich an nicht mehr als zwei Seiten dazu im Lehrmaterial. Wir hatten auch nie Übungen dazu bekommen. Ich fluchte innerlich und versuchte mein bestes. Andere Studenten gaben gleich auf, brachen die Prüfung ab und gingen nach Hause. So war ich bald allein im Raum. Albert kam zu mir um zu schauen, wie es lief. Ich meinte nur "schlecht ganz schlecht" und dass ich das Gefühl hatte, diesen Stoff überhaupt nie behandelt zu haben. Albert grinste und sagte, er würde wegschauen, wenn ich in die Kursunterlagen schauen wolle.
Ich fragte nach, ob er das ernst meinte. Ich blätterte also in den Materialen, fand aber nur die beiden Seiten, die ich in Erinnerung hatte, und die mir überhaupt nicht weiterhalfen.
Als ich schließlich nach einer anderthalb Stunde auf den Auswertungsbutton klickte, zeigte es mir mein Versagen schwarz auf weiß. "Diesmal sind es nur 50% geworden", meinte ich enttäuscht. "Kann ich sehen, was ich falsch gemacht habe?"
Das konnte Albert im Internet nachschauen. Er meinte dabei, ich solle nicht enttäuscht sein, 50% sei schon eine recht gute Leistung, die meisten Studenten hätten nur 50 oder 60% in dieser Prüfung erreicht, einige auch nur 20% oder weniger. Er ließ sich die Prüfungsliste anzeige, fand jedoch meinen Namen nicht. Ich sah genauer hin. Tatsächlich, mein Ergebnis stand nicht auf der Webseite. Albert navigierte auf die Übersichtsseite zurück, auf der alle Prüfungen aus sämtlichen Semestern aufgelistet waren. Ich sah mein Prüfungsergebnis schließlich in der Spalte rechts neben der Spalte, in der es stehen sollte und begann zu lachen: "Denkst du das Gleiche wie ich?", fragte ich Albert und ließ meine Kopf auf den Tisch sinken. Es dauerte einen Moment bis es auch bei ihm klick machte: Albert hatte mir nicht etwa die Prüfung von Modul 3 freigeschaltet, sondern ausversehen die Prüfung von Modul 4, das ich noch gar nicht begonnen hatte und dessen Prüfung ich erst in einem Monat ablegen sollte. Er begann ebenfalls zu lachen: "Dafür ist es nicht nur eine gute Leistung, sondern eine exzellente Leistung!"
Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig als die richtige Prüfung nachzuschreiben, und das am besten noch vor meiner Reise Sankt Petersburg die war schon übermorgen. Wir einigten uns darauf, dass ich sie direkt vor meiner Abreise am Mittwochnachmittag schreiben würde. Ich schüttelte müde den Kopf: "Du versuchst mich doch umzubringen, nicht wahr?" Das stritt er natürlich ab. Ich konnte ihm auch nicht böse sein; ich war vor allem erleichtet, dass das schlechte Resultat überhaupt kein schlechtes Resultat gewesen war - nachdem ich mich eine anderthalb Stunde lang gefragt hatte, ob ich einfach zu dämlich für diese Aufgaben war.
Es war schon fast 22 Uhr als wir das Gebäude verließen; es war noch recht hell draußen, schon die letzten Tage war es nachts nie lange dunkel geworden - wir waren doch ein Stück weiter nördlich als es auf den ersten Blick der Landkarte aussah.
Wir nahmen den Minibus zurück, und beim Abschied gab Albert mir ein flüchtiges Küsschen auf die Wange. Das hatte mich völlig unerwartet und etwas nass getroffen, sodass ich ihn in einer instinktiven, ruckartigen Bewegung mit meiner Brille erwischte. Wir sahen uns an und lachten.
08.06.
Eigentlich hatte ich heute meine Reisevorbereitungen abschließen wollen, aber durch das Versehen beim Schreiben der Prüfung, war ich noch einmal gezwungen in die Bücher zu schauen: Ich hatte nämlich das Thema der dritten Prüfung gesehen, als ich die vierte fälschlicherweise geschrieben hatte, und gerade auf dieses Thema hatte ich mich nicht sehr intensiv vorbereitet. So war es vielleicht doch das Glücksticket gewesen, das mir noch eine Chance zur besseren Vorbereitung gegeben hatte. Doch bevor ich mir dieses Thema in den Schädel prügeln musste, musste ich erst einmal zum Auslandsamt um mein Zugticket vorbeizubringen, das Alisa für die Registrierungsbehörde kopieren musste. Außerdem musste ich langsam beginnen, die Bürokratie anzugehen, die durch meine Entscheidung, die Masterarbeit hier zu schreiben, entstehen würde. Das ging im ersten Moment soweit reibungslos; Marina wollte mit Albert darüber sprechen, da sie mit ihm eh befreundet war.
Anschließend ging ich einkaufen, denn Sina hatte mir geschrieben, dass sich bei ihr eine Erkältung ankündigte deshalb wollte ich ihr Muttis Spezial-Vitaminsalat zubereiten. Ich kaufte gleich eine ganze Zwölferpackung Kiwis und ein Netz voller Zitronen. Das sollte genug Vitamine haben um das Immunsystem auf Touren zu bekommen.
Ich fand für mich selbst überraschend Sinas Wohnung sofort wieder. Es war auch nicht besonders schwer: An der Bushaltestelle die Straße überqueren, dann den Fußweg an den Plattenbauten so lang gehen, bis an der linken Straßenhälfte rechterhand ein großer Müllcontainer auftauchte. Dort musste man einbiegen, und es war gleich der erste Hauseingang. Der mit dem scheppernden Eisenrost vor der Tür, das nachts immer alle Nachbarn aufweckte, wenn jemand das Haus betrat.
Es hatte viel geregnet, wodurch die Straße links von Sinas Haus sogar jetzt noch überschwemmt war. Es sah aus wie die russische Variante einer holländischen Gracht.
Sina hörte mein Klingeln nicht sofort, weil sie gerade die Wohnung reinigte, las aber wenig später meine SMS und kam nach unten. Die Briefkästen waren noch in dem gleichen, in die Luft gesprengten Zustand wie beim letzen Mal.
Ich ging sogleich an die Arbeit, ihr den Salat zuzubereiten, während sie die Zitronen auspresste. Die brauchte ich zum Teil für den Salat, und zum Teil um Zitronentee daraus zu machen, wie ich ihn von meiner Oma kannte. Es sollte der Nachmittag der alten Familienrezepte werden.
Sina war begeistert von beidem. Ich war begeistert, dass es genauso schmeckte wie zu Hause. Dann musste Sina jedoch zur Bandprobe. Sie spielte nicht in einer, nicht in zwei, sondern gleich in vier Bands, und die fünfte stand schon am Taufbecken. Es sollte eine Mädels-Beatles-Coverband werden. Das größte Erfolgspotential hatte ihrer Meinung nach jedoch "Electric Snow", mit denen sie bei "Sound of Summer" am Sonntag gespielt hatte.
Ich erzählte von meinen Plänen, nach Ende des Semesters mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren, und sie hörte verzückt zu. Ich fragte sie, ob sie mitkommen wollte. Sie hatte schon nach Sankt Petersburg mitkommen wollen, saß jedoch noch an ihrer Diplomarbeit fest. Ich versprach, ihr die Details zukommen zu lassen, sobald ich sie selbst wusste. Es war gar nicht so einfach, überhaupt ein Datum für den Reisebeginn zu finden, und den brauchte ich um die entsprechenden Züge aus dem Internet herauszusuchen. Die echte Transsib fuhr nur alle zwei Tage, das waren die Züge von Moskau nach Wladiwostok und zurück. Aber auf Teilstrecken fuhren natürlich auch andere Züge, zum Beispiel von Moskau zum Baikalsee, oder von Novosibirsk nach Wladiwostok. Ich hatte sowieso nicht vor, komplett durchzufahren, sondern wollte an einigen interessanten Städten auf dem Weg aussteigen und einige Tage dort bleiben. Das erschwerte die Planung noch weiter: Ich wusste noch nicht genau, wie viele Wochen ich überhaupt frei hatte nach dem Schreiben der letzten Prüfung und bevor mein Visum auslief. Albert hatte zwar versprochen, dass ich die Prüfung eher schreiben konnte, aber er flog genau in diesem Zeitraum nach Ägypten für einen kleinen, inoffiziellen Urlaub, und wollte zu einem anderen Zeitpunkt in diesem Zeitraum an einer Konferenz teilnehmen. Genaue Daten Fehlanzeige. Es war schwierig, in Russland Plangenauigkeit zu erhalten.
Am Abend kam Zsolt vorbei und bereitete mir ein leckeres Letscho-Omelette zu, nachdem er ich ihm gestern gezeigt hatte, dass ich mittlerweile sogar eine Teetasse in meinem Hosenbund tragen könnte, weil ich so viel abgenommen hatte. Wir verabredeten uns für morgen Nachmittag direkt nach meiner Prüfung um zusammen Lebensmittel für unsere Reise nach Sankt Petersburg einzukaufen. Dann musste ich mich wieder an meine Aufgaben setzen
08.06.
Den Vormittag verbrachte ich damit, mir weiteres Wissen in den Kopf zu hämmern. Um 15 Uhr sollte ich mich im Computerraum einfinden um meine Prüfung nun endlich zu schreiben. Zu dieser Zeit traf ich auch Artjom wartend an. Er wollte zur mittwöchlichen Konsultationsstunde von Albert um sich neue Anweisungen zu seiner Bachelorarbeit zu holen. 40 min später kam auch Olga dazu und brachte diese seltsamen Beeren mit, die sie mir ganz zu Beginn unserer Freundschaft schon einmal geschenkt hatte. Sie waren schon etwas zermatscht und würden vermutlich sehr gut zerdrückt in Milch schmecken, überlegte ich mir, während ich nervös zappelte. Ich hatte Albert schon mehrmals versucht anzurufen und sendete schließlich eine SMS: Wenn du um vier noch nicht da bist, erwarten wir alle eine Eins auf unsere Arbeiten. Daraufhin schrieb er zurück, ich solle nach Hause gehen und morgen 16:30 meine Prüfung schreiben. Er saß in einer Kommission fest, von deren Tagung er vorher nichts gewusst hatte. Ich schrieb zurück, dass er doch wisse, dass ich heute noch nach Sankt Petersburg fuhr. Artjom hatte mir erzählt, dass Albert auch gerne pauschal Noten vergibt, wenn aus Zeitgründen keine Prüfung stattfinden konnte, deshalb fragte Albert geradeaus, ob er mir nicht einfach so 92% für die praktische Prüfung eintragen könne, ohne wirklich daran zu glauben, dass er darauf einging.
Daraufhin kam eine SMS: "Tut mir leid, du hast 100%. Viel Spaß auf der Reise!"
Russland ist seltsam.
31.05.
Eine Wand aus Wasser krachte vom Himmel; ich kam mir vor wie in einem dieser U-Boot-Filme, als zufällig ich an der Küche vorbeiging und durch das offene Fenster das Wasser hinein peitschen sah. Bis ich das Fenster geschlossen hatte, war ich völlig durchnässt und wäre fast auf dem nassen Boden ausgerutscht. Als ich aufblickte, sah ich in der Tür eine Etagen-Omi stehen, die mich ansah, als hätte ich das Fenster geöffnet, nicht geschlossen. Ich wies sie darauf hin, sie solle vorsichtig auf dem Boden sein. In Russland gibt es wirklich keine halben Sachen, nur Extreme. Aber auch die anderen waren von dem plötzlichen Regenguss überrascht und erstaunt; sie standen an den Fenstern und Balkonen und beobachteten das Wasser, wie es einfach auf die Straße fiel ohne sich die Mühe zu machen, als Regen hinunterzukommen und die Bäume dabei schüttelte.
Es war heute schon den ganzen Tag so. Ich hatte mir im Tante-Emma-Laden im Erdgeschoss Milch kaufen wollen, musste dafür jedoch um das Haus herumgehen um den Laden zu erreichen. Das Wetter sah zu diesem Zeitpunkt noch schön aus, weshalb ich ohne Jacke und nur mit kurzem Shirt nach draußen ging. Beim Verlassen des Ladens jedoch begann es zum ersten Mal an diesem Tag zu regnen als bereitete man die nächste Sintflut vor.
Mit dem aufziehenden Wind und dem spritzenden Regen wurde es so kalt, dass ich fröstelte. Und wie ich so fröstelnd unter dem Regendach stand und es nicht aussah, als würde es je wieder aufhören, rannte ich die 100 Meter bis zum Hauseingang an den erstaunten Wartenden vorbei. Natürlich hörte der Regen auf sobald ich die Tür zu meinem Zimmer aufsperrte.
Olga drehte in der Zwischenzeit durch. Sie hatte einen wissenschaftlichen Artikel über ihre Diplomarbeit schreiben müssen um bessere Chancen zu haben, einen Masterstudienplatz zu bekommen. In ihrer Eile, es rechtzeitig fertig zu bekommen, überschrieb sie jedoch den fertigen Artikel mit einer älteren Version davon, und besaß keine Sicherheitskopie. Verzweifelt schrieb sie mir, wie dumm sie war, dass ihr so etwas passieren konnte. Aber helfen konnte ich ihr auch nicht. Am Ende des Abends schrieb sie mir froh, wie einfach es sei, den gleichen Artikel ein zweites Mal zu schreiben. Währenddessen hatte mich Stasya zu einem Festival eingeladen, das Ende Juni in Kazan stattfinden sollte, etwa 300 Kilometer von Izhevsk. Für russische Verhältnisse war das die Nachbarstadt. Sie wollten allesamt in einem Bus um Mitternacht dorthin fahren, einen Tag auf der Festwiese im Gras liegen und am Abend wieder zurück fahren, und das alles zum Preis von 9 Euro.
Ich war zuerst etwas unentschlossen; ich bin noch nie auf einem Festival gewesen und wahrscheinlich kannte ich keine einzige der Bands, die dort spielten. Dann sah ich die Liste der Bands auf der Webseite durch - und erkannte eine: Splin. Es war ein Lied dieser Gruppe, von dem mir Murik die Noten gegeben hatte, sodass ich es als erstes Stück auf der Gitarre lernen sollte. Mit hatte das Stück so gefallen, dass ich Murik um mehr Musik von Splin gebeten hatte. Und so hatten sie mich auf meinem MP3-Player nach Sankt Petersburg und durch die Stadt begleitet. Natürlich wollte ich diese Band live erleben!
01.06.
Schon Juni? Wie konnte das passieren?
Die letzte Zeit war hauptsächlich mit Lernen vergangen, und ich hatte viel schönes Wetter verpasst. Es war immer das Gleiche: Ich stand gegen 11 Uhr auf, und wenn ich nicht zur Uni musste, begann ich Material fürs Studium durchzuarbeiten, dachte irgendwann gegen 16 Uhr das erste Mal ans Mittagessen, erwärmte ein paar Pfannkuchen in der Mikrowelle, setzte mich wieder eine Zeitlang zum Lernen hin und vertrödelte den Rest des Abends im Internet um irgendwann zwischen ein und drei Uhr ins Bett zu gehen und gegen 11 wieder aufzustehen...
Tatsächlich ist die Prüfungszeit so uninteressant, dass es das Highlight meines Tages war, wenn ich in meiner Fertigsuppe zwei Päckchen Gewürze fand statt wie gewöhnlich nur eins.
Heute Morgen passierte mal was anderes, aber nur geringfügig: Als ich Zähne putzen wollte, kam das Wasser nur stoßweise aus der Leitung geschossen. Musste wohl irgendwo wieder eine Leitung geplatzt sein. "Russland halt" murmel ich und zuck mit den Schultern. Ich weiß gar nicht, ob ich diese Gleichgültigkeit in Russland aufgeschnappt habe, aber es war wohl die beste Möglichkeit, im russischen Alltag zu bestehen. Gibts nicht - macht nichts.
Ich betrachtete mich im Badspiegel. Ich glaube, dass ich nie wieder so schlank sein werde wie in Russland. Meine Familie würde gut daran arbeiten, dass ich mein altes Gewicht wiedererlangte, wenn ich zurück nach Deutschland komme, das wusste ich jetzt schon.
Heute fand wieder eine Stunde im Russischkurs statt, nahm ich an, weil man uns sicher die Prüfungen vom letzten Mal zurück geben würde. Wahrscheinlich wieder nur mit Note "Bienchen".
Ich hatte auch keine Ahnung, wie lang der Kurs noch gehen würde. Die russischen Studenten hatten seit einiger Zeit keine Vorlesungen mehr, aber die Ägypter, mit denen ich Kurs hatte, waren wie ich später gekommen als das Semester in Russland begann. Seit ich immer vor Ende des Russischkurses zum Cisco-Praktikum musste, erfuhr ich einfach nichts mehr. Wahrscheinlich hätte ich auf schlicht und einfach alles vorbereitet sein müssen, denn heute fand die abschließende mündliche Prüfung statt, wie ich viel zu spät von Mina erfuhr, der vor der Stunde am Fahrstuhl stand und versuchte, seine Antworten auswendig zu lernen. Die Fragen hatte er von der anderen Gruppe Ägypter bekommen, die Mechatronik studierten und den Kurs schon letzte Woche abgeschlossen hatten.
Ich zuckte wieder mit den Schultern. Das würde schon klappen.
Unsere Lehrerin Tatjana gab jedem eine Liste mit Fragen zu unterschiedlichen Themengebieten, von denen wir uns eins aussuchen durften. Unter den Ägyptern hatte sich nur ein Themengebiet verbreitet, weshalb sie alle nur zu diesem abgefragt werden wollten.
Tatjana wies die Jungs, die in den Startlöchern standen wie Sprinter, mit gespielter Strenge darauf hin, Gentlemen zu sein und mich vorzulassen, da ich danach noch zum Praktikum musste.
So kam ich dran und suchte mir das Thema Hobbys aus und quatschte einfach auf Russisch drauf los, und tatsächlich klang es wohl, als hätte ich mir nicht gerade diese Sätze zurechtgelegt und auswendig gelernt. Tatjana stellte dann auch noch ein paar Rückfragen, wenn sie etwas besonders interessant fand, zum Beispiel, ob ich denn schon gut auf der Gitarre spiele, worauf ich ihr antwortete, dass mich meine Nachbarn schon hassten und jedes Mal, wenn ich übte, ihre Musik lauter drehten. Zumindest wollte ich das sagen, aber ob das so bei ihr angekommen ist, weiß ich nicht. Doch allein für den Mut zu sprechen gab sie mir 10 von 10 Punkten. Auf die schriftliche Prüfung der letzten Woche hatte ich 90 von 100 Punkten bekommen; das entsprach wohl einem Bienchen. Fröhlich grinsend ging ich zum Praktikum. Es hatte sich wirklich viel verändert seit meinem ersten Tag an dieser Uni. Auch im Praktikum hatte ich Erfolg; es waren nur noch wenige Studenten anwesend, sogar noch weniger als sonst, also zwei, und so konnte ich meine Aufgaben allein machen statt wie sonst im Zweierteam. Und prompt war ich auch als erste fertig. Es ging darum, Fehler in verschiedenen Konfigurationen zu finden; das fiel mir sehr leicht, nachdem ich in den letzten Tagen praktisch nur verschiedene Konfigurationen durchgesehen hatte und nun Fehler auf den ersten Blick erkannte.
Fast vor Triumpf schwebend verließ ich anschließend den Raum: Ich habe mich bewehrt, die Herausforderung angenommen und bestanden. Das Experiment Russlandstudium konnte als geglückt schon fast abgehakt werden. Wenn da nicht noch diese nervigen Prüfungen demnächst wären aber das blendete ich für heute lieber aus. Das Wetter war schön, die Welt war in Ordnung.
Als ich den Weg entlang zum Wohnheim spaziere, fiel mir auf, wie hoch das Gras auf den Wiesen stand, und wie schön die Blumen blühten. In Deutschland wäre man längst mit dem Rasenmäher gekommen, aber mir gefiel, dass die Wiesen hier nicht gemäht werden, und sich ein ganzer Zoo darin tummelte. Doch schon am nächsten Tag fand ich die Wiese gemäht vor, zumindest teilweise, dann war wahrscheinlich den Studenten die Lust vergangen.
02.06.
Ich hatte vor längerem schon mit Gergö eine Vereinbarung getroffen, dass ich Zsolt in meinem Zimmer aufnehmen würde, wenn Gergö Damenbesuch erwartet. Ausgerechnet heute war es soweit. Ich hatte auch bis 3:30 Uhr ein Lehrbuch durchgearbeitet und war noch nicht so richtig wach, als Zsolt gegen 11 Uhr an meine Tür klopfte und aufgenommen werden wollte. Ich sagte ihm, er könne bleiben, wenn er sich ruhig verhielt; ich wollte noch das Kapitel fertig durcharbeiten bevor ich schon wieder zur nächsten Lehrveranstaltung gehen musste. Es war der lange geplante und lange aufgeschobene Besuch des Switching-Centers des Mobilfunkanbieters MTS, in dem wir einmal sehen sollten, wie Mobilfunk wirklich funktionierte.
Zsolt saß mit im Schoß gefalteten Händen sehr aufrecht und geziert da, und wirkte ganz so, als läge ihm etwas auf der Zunge, was ich bestimmt nicht wissen wollte, weil es sicher wieder um sein ausschweifendes Liebesleben ging. Ich fragte ihn trotzdem. Ganz so schlimm wie befürchtet war es nicht, aber zurück zum Lernen kam ich auch nicht recht. Ich meinte zu ihm, wenn er sich langweile während ich unterwegs war, könnte er versuchen mein Zimmer aufzuräumen. Er war ein sehr ordnungsbesessener Mensch und hatte beim ersten Anblick meines Zimmers einen kleinen Schock bekommen. Dabei sah es gar nicht so schlimm aus eben der übliche Zustand in der Prüfungszeit: Da bleibt keine Zeit mehr, seine Aufzeichnungen vom Boden aufzuheben, wenn man sie einmal dort verteilt hatte um etwas nachzuschlagen. Nur in der Zeit vor den Prüfungen, in der man sich noch in Sicherheit wiegt, dass noch genug Zeit zum Lernen sein wird, wenn man ein paar Nachschichten schiebt, nur zu dieser Zeit ist das Zimmer des Durchschnittsstudenten aufgeräumt da wird Wäsche gewaschen und abgerissene Laschen an Handtücher genäht und sämtliche Bleistifte angespitzt und im 90°-Winkel zur Tischkante aufgereiht, um die Lernphase gründlich vorzubereiten, die man ohne äußere Störungen so richtig hart angehen will. Am Ende hat man ein glänzendes Zimmer, aber noch keine Seite vom Lehrbuch umgeblättert, das man als guter Student zur gründlichen Vorbereitung eben mal lesen wollte bis man sich denkt, dass man es eh nicht mehr schafft, und nur noch das Notwendigste durcharbeitet, in den letzten Nächten vor der Prüfung. Anders funktioniert das Studieren gar nicht. Außer vielleicht für Olga, die Lernen als Hobby und Freizeitbeschäftigung sieht.
Es wurde 12 Uhr, ich musste los. Ich ließ es noch 12:30 werden, aber dann musste ich wirklich los, denn später waren die Ägypter auch nie dran. Diesmal traf ich einige sogar schon am Schuhregal unseres Flurs, und dann wieder an der Bushaltestellte. Normalerweise blieben die Ägypter unter sich, aber wenn man schon mal zusammen an der Haltestelle stand, konnte man sich auch mal mit mir zum Plaudern im Bus zusammenstellen. Einer der Ägypter brachte die Fahrkartenverkäuferin zum Verzweiflung indem er mit einem 500-Rubel-Schein das 11-Rubel-Ticket bezahlte. Sie drohte ihm mütterlich lächelnd mit dem Finger; nur dieses eine Mal würde sie es ihm durchgehen lassen. Die Hälfte des Wechselgelds bestand aus Münzen, und der Ägypter grinste zurück.
Emilyanov war vorbildlich und schon am Treffpunkt. Die meisten Ägypter fehlten noch. Er fragte durch, ob alle ihren Reisepass dabei hatten, aber das musste man in Russland sowieso, sonst hatte man ein gewaltiges Problem, wenn die Miliz einen danach fragte. Als wir dann komplett waren, gingen mehr oder weniger geordnet zum Bus. Emilyanov hätte wohl am liebsten eine Zweierreihe gesehen und musste sich fühlen wie eine Kindergartentante. Ich gesellte mich zu ihm, beziehungsweise wurde ich im überfüllten Bus unter seine Achselhöhle gequetscht. Ich begann ihn ein wenig zu seiner wissenschaftlichen Arbeit zu fragen; er musste wohl an etwas Ähnlichem arbeiten wie Albert, denn er war Alberts Doktorand. So richtig wollte er mit mir nicht sprechen, wie es seine Eigenart war. Man hätte ihn für einen Deutschen halten können, so korrekt und höflich-kühl war er. Er fragte mich auch ganz direkt, warum mich das interessierte. "Ich mache nur Konversation", antwortete ich und gab ihn schon fast wieder auf, dann fügte ich noch dazu, dass ich mich mit dem Thema auch beschäftigen musste, wenn ich meine Masterarbeit für Albert schrieb. Da begann Emilyanov ein bisschen aufzutauen und berichtete einige Details. Seine Arbeit wäre wohl auch erschienen, aber nicht mehr verfügbar, weil er es nur in geringer Auflage in der universitätseigenen Druckerei hatte drucken lassen.
Wir stiegen in einem mir unbekannten Teil von Izhevsk aus, der von Alleen beherrscht wurde. Emilyanov meinte, er sei einmal vor Jahren bei MTS gewesen und hoffte, es nun wiederzufinden. Wir kamen auf einen Hinterhof, der mit feindlich aussehendem Draht auf hohen Mauern und Zäunen bestückt war. Hier waren wir wohl richtig. Ein großer frei laufender Hund kam und entgegen; die Ägypterinnen wichen zurück, aber einige Jungs spielten mit dem Tier. Dann kam uns auch Professor Puschin entgegen, der bei MTS arbeitete und alles für den Besuch in die Wege geleitet hatte.
Durch eine schwere Hintertür gingen wir in das gut gesicherte Haus hinein, ein enges Treppenhaus hinauf. Auf der ersten Etage saß der Pförtner, dem wir unsere Reisepässe aushändigen sollten. Er verglich sie mit der Liste, die er vorliegen hatte, und die von mindestens fünf Stellen unterzeichnet war. Sie nahmen den Ägyptern noch das Versprechen ab, keine Terroristen zu sein, oder zumindest nichts anzufassen. Und als wir in die heiligen Hallen vorgelassen wurden, sahen wir auch warum: Der extrem gekühlte Raum war vollgestopft mit modernster Technik, die wahrscheinlich die ganze Republik mit Mobilfunkdaten versorgte. Es gab dutzende von Servern, die sämtliche Informationen von jedem Nutzer redundant speicherten; wir konnten sogar verfolgen, wer gerade mit wem telefonierte und wohin Rufumleitungen führten. Weiterhin zeigten sie uns, welche Messgeräte für Antennen sie zur Verfügung hatten und probierten es für uns an einer Testantenne aus, zeigten, wie sich das Signal änderte, wenn gar keine Antenne angeschlossen war und damit das Signal an der Austrittsstelle reflektiert wurde. Das ganze zog sich ein paar Stunden hin, vor allem da wir das ganze nur gruppenweise erleben durften. Gelangweilt hockten wir auf den Gängen, die Ägypter wirkten als heckten sie schon wieder Blödsinn aus, und besonders Emilyanov sah aus, als würde er lieber ganz wo anders sein. Ich wollte schon wieder zu ihm hingehen, ihm auf die Schulter klopfen und sagen: "Alles wird gut", aber da begann er zu telefonieren und ich sah meine moralische Verpflichtung erledigt.
Er brachte uns danach wieder vor die Tür und meinte, wir würden den Bus schon finden. Aber ganz verschwinden konnte er noch nicht, denn da waren drei Jungs, die unbedingt ein Taxi bestellt haben wollten. Das war ohne Russischkenntnisse jedoch reine Zeitverschwendung; schon für einen Russen war es eher eine Art Glücks- und Geduldsspiel, ein Taxi zu bekommen. Da rief entweder niemand zurück um die Nummer zu bestätigen, nachdem man schon das Taxi bestellt hatte, oder die Leitstelle wollte gerade kein Taxi in diesen Stadtteil schicken. Oder das Taxi wurde von einem zufälligen Passanten genommen, der es als Geschenk aus heiterem Himmel betrachtet, wenn es in seiner Nähe hielt. So blieb Emilyanov noch mit ihnen sitzen. Ob das so in seinem Vertrag stand?
Ich musste unbedingt auf dem Heimweg Schokolade und Fertignudeln kaufen, wenn ich die Prüfungszeit überstehen wollte, und dann weiterlernen. Meine neue Lieblingsschokolade nannte sich "Geschmack des Sommers" und war mit Erdbeerbrei gefüllt, der sogar theoretisch zum Teil aus Erdbeeren bestehen könnte.
Die Wegränder des Fußwegs waren weiß wie bei Aprilschnee. Die Birkenblätter häuteten sich; wie Schnee flog der Flaum umher, drang in jede Ritze; sogar im Nervenzentrum von MTS flogen einzelne Flöckchen durch die Gänge - durch jede noch so kurz offene Tür flog es hinein. Es gab ja so viele Birken in Russland, es war ein Nationalsymbol. Allein in Izhevsk waren sämtliche Campus-Grünflächen nur mit dieser Baumart bestückt. Das sah auch im Winter sehr schön aus, wenn die weißen Stämme aus dem weißen Schnee herausstaken. Auch im Frühlingsschnee sahen sie schön melancholisch aus. Und jetzt ließen sie selbst Schnee rieseln. Ich nahm eine Handvoll Birkenschnee und blies ihn davon.
Als ich wiederkam, fand ich mein Zimmer leer vor. Es war zwar nicht aufgeräumt, aber an-aufgeräumt. Zsolt hatte keinen rechten Anfang finden können und nur die vom Fensterbrett gewehten Origami-Sterne zusammengelesen und die Betten leergeräumt, die bei mir zur Ablage von allem dienten, das nichts auf dem Fußboden verloren hatte, aber auch nicht in die Schränke passte. Dann hatte Zsolt es aufgegeben und mir einen Zettel hinterlassen, auf dem zu lesen war, dass er wieder in sein Zimmer zurück durfte und sich für die Aufnahme in meinem bedankte.
Nun konnte ich mich wieder konzentriert meinen Ausarbeitungen widmen. Langsam begann ich durchzudrehen und malte kleine treppensteigende Männchen in das Word-Dokument, in dem ich meine Notizen speicherte. Sie sollten mir eine Gedächtnisstütze geben, wie Bits in verschiedenen Kodierungen dargestellt werden, steigende und fallende Flanken. Bald begann ich das Buch in Kindergartendeutsch zu übersetzen und nervös zu zappeln. Morgen sollte die Prüfung stattfinden, aber ich wusste immer noch nicht, wann. Albert hatte seit Tagen auf keine Anfrage geantwortet, weder per Mail, noch per SMS, aber das dauerte bei ihm naturgemäß länger. Wahrscheinlich würde ich es eine Stunde vor der Prüfung erfahren, und dann von den Ägyptern, die normalerweise eher [i]von mir[/i] die Informationen erhielten, aber manchmal doch eine Gruppenmail bekamen, die ich nicht erhielt.
Gegen 22 Uhr reichte es mir dann doch; ich sprang auf und schrieb eine weitere SMS, dass man doch wohl erwarten könnte, Prüfungstermine vor der Prüfung bekannt gegeben würden. Ich glaube aber, ich drückte es höflicher aus. Die Lust zum Lernen war mit mittlerweile vergangen, in meinem Kopf spukten tanzende Bits umher, und deshalb kontaktierte ich Olga: "Hättest du was dagegen, wenn ich vorbei käme?"
In Deutschland wäre es ein Unding, sich um diese Uhrzeit selbst einzuladen. In Russland wahrscheinlich auch, dachte ich mir, aber dann saß ich schon mit vollgepacktem Rucksack im Trolleybus. Die Fahrkartentante murmelte jedem Fahrgast, dem sie die Fahrkarte gab, irgendetwas zu. Leicht irritiert nahm ich die Fahrkarte und setze mich hin, stand dann aber doch noch mal auf, ging zu der Frau und fragte: "Entschuldigung, was haben Sie haben gesagt?", natürlich auf Russisch, deshalb hatte der Prozess in meinem Hirn so lang gedauert. Sie erklärte, es sei der letzte Bus, und der würde nicht bis zum Ende fahren, sondern ins Depot. Olgas Haltestelle "Magazin Podarki" wurde jedoch noch angefahren. Aber gut, mal gefragt zu haben.
Ich hatte zwar drauf bestanden, dass mich Olga nicht von der Haltestelle abholte, aber da stand sie, um mich vor den Gopniks zu beschützen, die nachts die Straßen belagerten. Das taten sie wohl auch tagsüber, aber da fielen sie nicht so auf.
Olga hatte noch einen ganzen Stapel Arbeit zu erledigen, aber vorher bestand sie darauf, einen Tee für uns zu machen und Essen für mich aufzutischen: Torte und Pizza, was eben im Haus war. Brav nahm ich ein wenig zu mir, wenn auch mit schlechtem Gewissen, sie aufzuhalten. Ich trank schnell aus und schickte sie streng an ihren Computer zurück. Ich setzte mich daneben, soweit ich Platz fand, auf einem Sofa, das eher als Kombination von Regal und Kleiderschrank diente. Alles wie in meiner eigenen Wohnung. Auch sonst erinnerte mich Olgas Zuhause eher an mein Wohnheimzimmer, auch von der Größe her, aber mit dem Unterschied, dass sie hier mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und zeitweise auch mit ihrem Bruder lebte. Sie selbst schlief auf der ausziehbaren Couch im Wohnzimmer, ihre Großmutter auf einem Feldbett im Gang zwischen Wohnzimmer und Korridorattrappe. Ihre Eltern schliefen in einem eigenen winzigen Zimmer, das Olga gleichzeitig als Arbeitszimmer diente, weil darin der einzige Computer stand. Es war kaum genug Platz für einen Stuhl zwischen dem Computer und dem Bett. Und in einer weiteren Nische stand die besagte Couch, auf der niemand hätte schlafen können, selbst wenn man sie leer geräumt hätte. Und es hätte auch niemand darauf schlafen wollen, da Olgas Mutter den Methan-, Kohlenstoffdioxid- und Schwefelwasserstoffgehalt im Zimmer auf ein gesundheitsbedenkliches Maß erhöhte.
Wir saßen etwa bis halb drei Uhr nachts, hörten auf die dabei entstehenden Geräusche und versuchten uns zu konzentrieren. Ich gab es bald auf und glaubte gar nicht mehr so recht an eine Prüfung am nächsten Tag. Stattdessen machte ich Origami, und Olga begann das Internet-Fotoalbum von Farin durchzublättern, in dem er erstaunlich oft mit nacktem Oberkörper zu sehen war.
Bald darauf gingen wir ins Bett, zusammen auf die ausklappbare Couch, aber einschlafen konnte ich nicht. Wir waren so nördlich, dass die Sonne schon wieder aufzugehen begann. Gegen halb vier war es bereits tageshell. Ich schlich mich über knarrende Böden in die Küche und begann mit der fetten Katze zu spielen, die auch Standardeinrichtung in jeder russischen Wohnung war. Olga hatte ich nicht aufgeweckt, aber das schwerhörige Großmütterchen, die nie mein "Guten Tag" erwiderte, stand plötzlich in der Küche; ich glaube, die schwache Blase hatte sie geweckt. Sie begann also mit mir um vier Uhr morgens zu diskutieren, warum ich unbedingt ins Bett zurück gehen sollte. Ich gab den Widerstand bald auf alten Leuten soll man nicht widersprechen, und schon gar nicht in Russland.
03.06.
Olga stand um 7 Uhr morgens auf um weiterzuarbeiten. Langsam fand ich sie ein bisschen gruselig. Ich bedankte mich für die geistige Ablenkung und das Dach überm Kopf und verabschiedete mich noch vor dem Frühstück, das mir Olgas Mutter anbot, die ich wegen ihres dicken schwarzen Schnurbarts erst für Olgas Vater hielt. Es war ein schöner Morgen, ideal für einen Spaziergang. Ich war zu müde um überhaupt zu merken, dass ich müde war. Aber ich erinnerte mich daran, dass ich schon seit ich in Izhevsk war, einige Dinge tun wollte, zu denen ich nie gekommen war; zum Beispiel in den Gorki-Park gehen, der über die warmen Monate zum Jahrmarkt wurde. Und ich hatte schon lange einfach einmal in irgendeinen Bus steigen und die Stadt auf gut Glück erkunden wollen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn eine Prüfung stattfinden sollte, konnte ich ja immer noch umkehren; mein Wissen reichte definitiv schon für eine Zwei aus, und dadurch, dass es wieder nur ein Test zum Ankreuzen war (das hatte Albert mir gezeigt), konnte man mit etwas mehr Glück als Verstand auch seine Eins bekommen.
So setzte ich mich in Bus 29, der mich immer nur zum nächsten großen Supermarkt gebracht hatte, und fuhr ihn weiter. Ich kam an eine schöne orthodoxe Kirche, in deren Hof Kunststudenten saßen und sie zeichneten, während ein Leichenwagen vorfuhr und ein Sarg ausgeladen wurde. Hinterdrein liefen alte und junge Frauen in schwarze Tücher gehüllt. Am Eingang der Kirche hing ein Spiegel, an dem noch mal der Sitz des Kopftuchs und die hervor schauende teure Frisur überprüft werden konnte. Russinnen sind immer schick, ich jedem Alter und bei jedem Anlass.
Es wurde langsam Mittag als ich das seltsamste Café der Stadt entdeckte. Der Besitzer hatte einfach alles gesammelt, was ja als Schrott fortgeschmissen worden war, hatte es im Freien um ein Bierzelt herum aufgestapelt und das ganze Museumscafé genannt. Es wirkte so schaurig, dass der Besitzer selbst auf der Straße stand und versuchte Passanten zu überreden, hier zum Mittag einzukehren. Ich ließ mich schnell überzeugen, was den Besitzer selbst überraschte und bestellte aus einer Laune heraus einen Salat mit eingeweichten Kartoffelchips und ein Bier der Marke "alte Mühle". Zu dieser Zeit auch etwa erhielt ich eine SMS von Albert, dass er meine erst jetzt erhalten hätte und die Prüfung für die andere Gruppe sei. "Welche andere Gruppe?", fragte ich mich, nahm es aber als Gottesgeschenk hin so hatte ich noch eine Galgenfrist bis zum Schreiben der Prüfung, wann auch immer das sein würde. Tatsächlich stellte sich einige Zeit später heraus, dass es genau die Prüfung war, für die ich gelernt hatte, aber dass Albert angenommen hatte, dass ich lieber die Cisco-Prüfung schreiben wollte. Das stimmte ja auch, aber ich wollte beide schreiben. Wir einigten uns anschließend darauf, dass ich sie schreiben könne, wann immer ich Lust dazu hatte. War das typisch Russland, oder nur typisch Albert?
Ich ließ mir also weiter die Sonne auf den Pelz scheinen. Lenin betrachtete mich stirnrunzelnd hinter schwarzen Brillengläsern, der Besitzer zeigte mir seine Geldscheinsammlung an der Wand; es waren sogar DDR-Mark dabei, merkte er stolz an.
Olga meldete sich später noch bei mir, mein Aufbruch sei zu übereilt gewesen, und ob ich ihr heute Abend wie versprochen beim Aufbau eines Netzwerks helfen könne. Da war ich schon im Vergnügungspark und saß mir Izhevsk von oben aus einem Riesenrad heraus an. Er wirkte aber eher deprimierend. Die Sonne hatte sich verzogen und kaum Leute waren an diesem Wochentag gekommen. Ein gelangweilter Shrek stand in der Gegend herum und wartete darauf, dass sich jemand mit ihm fotografieren lassen wollte, aber niemand kam. Spongebob hatten sie bereits ausgestopft und er konnte schon raten, wer als nächstes folgen würde.
Ich war schon lang nicht mehr auf solchen Reitgeschäften gewesen erstens, weil es die in meiner Gegend gar nicht so wirklich gab, und zweitens, weil die Preise dafür schon mehr als gepfeffert waren. Doch hier in Russland sparte man sich einfach die Kosten für die Wartung und verkaufte die Karten zu kommunistischen Preisen. Man wartete auch nicht, bis sich genügend Freiwillige gefunden hatten, so ein Gerät zu besteigen einer genügte vollkommen um die Maschine anzuwerfen. Wenn es einen Ort gab, an dem der Kapitalismus noch nicht angekommen war, dann war es dieser Park.
Ich nahm noch ein paar weitere Busse quer durch die Stadt ohne noch etwas Nennenswertes zu entdecken. Entweder hatte ich jetzt Izhevsk vollständig gesehen, oder die sehenswerten Orte und Örtchen versteckten sich sehr gut. Dann war es schon Zeit zur Uni zu gehen um mit Olga das Netzwerk aufzubauen. Wir waren allen. Das Gebäude Nummer 5 war zu neu um planwirtschaftlich bereits in den Hochschulalltag eingebunden zu sein. Olga hatte eine Genehmigung erhalten, sich den Schlüssel für den Computerraum geben zu lassen. Sie wollte aber nicht sagen, wem sie dafür eine Waffe an den Kopf gehalten hatte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man so eine Genehmigung als Student auf dem bürokratischen Weg erhielt.
Wir versuchten also das Netzwerk aufzubauen, aber das Netzwerk wollte nicht so recht. Später kam Farin vorbei und konnte nur teilweise herausfinden, warum es denn nicht wollte. Am Ende warfen wir einfach das Kabel weg, das uns so durch Nichtfunktionalität geärgert hatte.
Danach fand sich jemand ein, der Cisco nachschreiben wollte, und noch viel später kam Albert vorbei um ihn Cisco nachschreiben zu lassen. Es wurde ein lustiger Abend, man trank Kwas und stolperte über Kabel, ich sprach mit Albert wieder über meine Masterarbeit und gab ihm schließlich die Zusage, als er meinte, dass ich natürlich auch wissenschaftliche Artikel über meine Arbeit veröffentlichen müsse. Das war für mich eher die Sahnehaube auf der Torte. Aber langsam wurde ich hundemüde, es wurde bereits 22 Uhr, und der letzte Student saß immer noch an der praktischen Prüfung, da meine Albert zu mir, dass wir besser gehen, bevor es wieder zu regnen beginnt. Olga und Farin speicherten seit bestimmt einer halben Stunde Resultate ohne damit fertig zu werden; sie würden dann den Prüfung hinauskehren, wenn sie gingen.
Natürlich hatte es gerade begonnen zu schütten, als wir die Tür im Erdgeschoss erreichten. Albert rief seinen Bruder an, ob er ihn nicht abholen könnte. Wir warteten unter dem Regendach, aber schon bald darauf ließ der Regen nach; ich wollte mich nicht aufdrängen, also verabschiedete ich mich und sprintete zum Bus davon. Als ich am Wohnheim ankam, war es schon wieder trocken und windstill, nur der Geruch der nassen Erde ließ noch an den Regen denken. Mit beinahe letzter Kraft schleppte ich mich die acht Etagen nach oben und fiel ins Bett.
04.06.
Heute war wieder einmal ein typischer Prüfungsvorbereitungstag: Bis in den Nachmittag in Nachthemd im Bett hocken bleiben, mit dem Notebook auf dem Schoß verschiedene Übungen lösen, bis der Kopf schief am Hals hängt, oder sich zumindest so anfühlt.
Von Sina hatte ich lang nichts mehr gehört und fragte schließlich per SMS nach. Sie schrieb, sie hätte ihr Internet zerstört, aber diesmal so richtig böse, samt verlorenen Passwörtern. Ich bot ihr an, vorbeizukommen und mir das ganze mal anzuschauen. Später, meinte sie. Sie müsse an ihrer Diplomarbeit arbeiten, und dafür sei Internet pures Gift, weil sie sonst die ganze Zeit mit Freunden chatte. Das verstand ich. Das Haus wollte ich aber trotzdem verlassen bevor mir der Kopf ganz vom Hals fiel und wenn es nur zum Einkaufen war.
An der Rezeption saß ein weinendes Etagen-Großmütterchen: Ich sah sie überrascht und besorgt an, aber sie lächelte unter Tränen und deutete auf ein aufgeschlagenes Buch; es war ein trauriger Liebesroman, offensichtlich. Ich hatte mich schon längst gefragt, was die Etagenfrauen den ganzen Tag über machten. Einige sahen fern, aber sie konnten keinem Programm richtig folgen, da sie von jedem kommenden und gehenden Studenten aufschreiben mussten, zu welcher Zeit er sich von welchem Ort zu welchem bewegt hat. Zum Glück ist die Datenerhebung im Wohnheim noch analog, sodass diese Daten nicht so leicht an irgendwen verkauft werden können wie bei uns in Deutschland. Wobei mein Leben sowieso ein offenes Buch ist, sogar wörtlich, wenn man diesen Blog ausdruckt.
Was wollte ich nun eigentlich einkaufen? Ich hatte noch Pelmeni von gestern, oder vielleicht auch vorgestern im Kühlschrank, deren Ränder schon langsam hart und gelblich wurden und vermutlich schon den Geschmack des Kühlschranks angenommen hatten. Ich hatte auch noch ein Stück Käse im Kühlschrank, dessen Konsistenz sich auf die gleiche Weise verändert hatte also brauchte ich gar nichts neues einzukaufen, denn in der Kombination und mit genügend Gewürzen konnte ich eine Pelmeni-Käsepfanne zusammenbraten, wie ich sie bei Varya in Petersburg gegessen hatte.
Das Resultat war dann übrigens tatsächlich essbar, und ich dachte mir, dass ich vielleicht doch nicht so hoffnungslos im Haushalt bin.
Ich begann weiter Übungen machen, merkte meine Gedanken jedoch bald abschweifen und meine Finger begannen ganz ohne mein Zutun im Internet zu surfen. Ich klickte mich durch Farins Profil wie es Olga getan hatte, aber mich interessierten nicht so sehr die oberkörperfreien Fotos von ihm, sondern die beiden Fotos, auf denen er bis zu den Ohren mit Schlamm bedeckt in einer Höhle saß. Ich schrieb ihn schließlich an und fragte nach, wo das denn sei.
Farin schickte eine sehr ausführliche Antwort mit Internet-Links: Es gäbe ein riesiges Höhlensystem im Uralgebirge in der Nähe von Perm, der Ort hieße Gubakha und die Tropfsteinhöhle Rossiyskay, aber es sei nicht touristisch zugänglich, man müsse erst 100 bis 200 Meter wie ein Wurm durch ein Loch kriechen. Für Touristen gäbe es die Kungur-Eishöhle. Aber ich war Feuer und Flamme von der Schlammtropfsteinhöhle. Farin schickte mir die Busverbindungen und bot an, für mich bei den Leuten anzufragen, die ab und an von Izhevsk aus Ausflüge dorthin organisierten. Als nächstes wollte er mich zum Fallschirmspringen einladen, aber dafür war ich ja zu leicht.
05.06.
Bei der Prüfungsvorbereitung sah ich langsam das Licht am Ende des Tunnels, deshalb ging ich auch zur letzten Vorlesung von Professor Puschin, obwohl ich mir relativ sicher war, nicht daran teilzunehmen. Anders als die Ägypter hatte ich zum Thema Mobilfunk nie Vorlesungen besucht und konnte mit den ganzen Abkürzungen recht wenig anfangen, obwohl mir schon durch den Besuch des Switching Centers von MTS einiges klarer geworden war, aber zur Prüfung würde ich bestimmt schon in Sankt Petersburg sein und auf die Weißen Nächte anstoßen.
Diese Prüfung sollte erstaunlich einfach werden: Jeder Student durfte sich ein Thema aussuchen, zu dem er einen kurzen Vortrag halten sollte. Professor Puschin ließ durchblicken: Wer das Thema ordentlich bearbeitete, bekam eine Eins, und wer überhaupt nicht durchblickte, bekam schon für die Anwesenheit eine Zwei. Aber wie gesagt, da würde ich bereits in Sankt Petersburg sein. Ich fragte Puschin, ob ich die Prüfung irgendwann nachholen könne, wenn ich wollte; das bejahte er, aber wir beide wussten, dass sich das im Sand verlaufen würde.
Nach der Stunde spazierten wir wieder gemeinsam zurück Richtung Campus. Ich verspürte keine rechte Lust zum Weiterlernen, also begleitete ich Professor Puschin wieder in den Supermarkt, wo er Brot für seine Tochter kaufte, das sie so garn aß, beziehungsweise Buchstaben daraus knetete. Sie war erstaunlich wissbegierig, erzählte er. Sie wollte schon vor der Einschulung Schreiben und Rechnen lernen. Sie sprach mittlerweile besser Englisch als Russisch, berichtete er weiter. Langsam mache er sich Sorgen um ihr Russisch, da sie es wie eine Engländerin sprach, also komplett die Beugung der Wörter in den unterschiedlichen Fällen vergaß. Er meinte, dass er hoffe, dass seine Tochter ihn nicht in ein paar Jahren dafür böse sein wird, dass sie ihre Muttersprache nicht sicher beherrsche. Ich versuchte ihn zu beruhigen, dass ihr Russisch sicher besser wird, sobald sie in die Schule kommt, und dass sie ihre Englischkenntnisse sicher als Geschenk sehen wird.
Von Supermarkt aus begleitete ich Professor Puschin noch ein Stück weiter bis zu seiner Wohnung. Er deutete nach oben und meinte, sie sei nicht zu verwechseln. Es sah aus wie eine kleine Filiale des KGB mit all den Satellitenschüsseln und Antennen. Seine Nachbarn hätten sich schon bei ihm beschwert und über Kopfschmerzen geklagt, dabei sei es völlig unmöglich, dass die Antennen daran Schuld seien, meinte er; erstens seien es nur Empfangsantennen, und zweitens waren sie von den Nachbarwohnungen fort gerichtet. Aber damit konnte er internationales Fernsehen empfangen, sogar englischsprachige Trickfilme für seine Tochter.
Ich winkte ihm noch einmal zu, während mir das Wassereis über die Finger lief und vom Wind auf meine Jacke verteilt wurde. In aller Ruhe ließ ich mich auf dem Spielplatz nieder und putzte mich wie eine Katze, nur nicht direkt mit Zunge, sondern über den Umweg Taschentuch.
Auf dem Weg zurück zum Wohnheim kam ich wieder an dem Parkplatz vorbei, an dem letzten Samstag so viele Wohnwagen aus Deutschland und Holland gestanden hatten und siehe da, schon wieder stand der ganze Parkplatz voll. Die Camper saßen teilweise draußen vor ihren Wohnwagen in Liegestühlen oder räumten gerade etwas um. Es waren alles Deutsche, keine Holländer diesmal. Erst ging ich nur mich wundernd daran vorbei, kehrte dann jedoch um und ging zurück zu einem älteren Ehepaar, das sich gerade draußen ausruhte. Auf Deutsch rief ich über den Gitterzaun: "Entschuldigen Sie, was bringt sie eigentlich zu uns nach Izhevsk?"
Zuerst nahmen sie gar nicht so recht für voll, dass ich sie auf Deutsch angesprochen hatte, aber sie kamen näher und ich fragte noch einmal. Sie waren ganz überrascht, von jemandem in Russland auf Deutsch angesprochen zu werden, und noch überraschter, als ich mich als deutsche Studentin vorstellte. Der Mann bat mich kurz zu warten und ging in seinen Wohnwagen um eine Postkarte herauszuholen. Abgebildet war eine ganze Armee von Wohnwagen, darunter stand auf Deutsch, Russisch, Chinesisch, Persisch und Englisch, dass sie im Wohnwagen ein halbes Jahr lang Europa und Asien bereisten. Auf der Rückseite war eine Landkarte abgebildet, auf der die Reiseroute zu sehen war: Riga, Moskau, Novosibirsk, Baikalsee, Mongolei, Peking, andere chinesische Städte, Kirgisien, Usbekistan, und dann sogar der Iran, um danach über Armenien nach Istanbul zu fahren. Ja, da staunte ich; sie hatten sich einiges vorgenommen. Aber die Reise war organisiert. Wer Genaueres wissen will, kann hier weiterlesen: http://www.faszination-russland.de/asien-2010/wirsind/
Während wir uns unterhielten, kamen immer weitere Camper dazu, die neugierig geworden waren. Sie stellten immer die gleichen Fragen: Wo ich herkomme, wie lange ich hier bliebe, und vor allem warum ein jüngerer, freundlicher Mann schenkte mir eine Tafel deutsche Milka-Schokolade, daraufhin gab mir eine jüngere Frau ebenfalls eine Tafel, aber von Rittersport. Natürlich kann man deutsche Schokolade auch in Russland kaufen man kann sogar deutsche Schokolade kaufen, die gar keine deutsche Schokolade ist, wie zum Beispiel "AlpenGold". Ich bedankte mich dennoch herzlich ich war nun doch sehr froh über diese Begegnung. Es war lange her, dass ich mich wirklich mit Deutschen aller Dialekte unterhalten hatte, und es war nicht ganz so einfach zu folgen, und erst recht selbst zu sprechen. Ich stolperte mehrmals über meine eigene Zunge fast kam es mir so vor, als hätte ich die gesprochene deutsche Sprache verlernt. Auch meine Grammatik hatte schon begonnen zu leiden. Aber ich sagte mir, das sei schon ok, solange ich es noch merkte.
Wir kamen auf das Thema der legendären russischen Gastfreundschaft zu sprechen. Sie waren enttäuscht von der Kühle der Menschen auf den Straßen und in Geschäften. Das konnte ich bestätigen, aber sie glaubten mir nicht, dass es nur die eine Seite der Russen war, und dass in Wirklichkeit alles stimmte, was man sich darüber erzählte. Die Russen sind sehr herzliche und gastfreundliche Menschen, aber sie zeigen es eben nicht jedem, und schon gar nicht auf der Straße. Sie sind vielleicht ein bisschen wie die Amerikaner mit einem öffentlichen Gesicht und einen privaten Gesicht, nur dass sie sie genau umgekehrt verwenden. Aber so etwas ist wahrscheinlich schwer zu erfahren, wenn man im ganzen Rudel Wohnwagen durch die Städte zieht und überall nur einen Tag bleibt. Ich denke, im Osten werden sie vielleicht mehr Glück haben; dort, wo die Städte kleiner werden und sich immer weniger Touristen hin verirren dort sind die Leute noch neugierig auf Fremde und laden sie schon allein deswegen zu sich ein, um ihre Neugier zu stillen.
Die Schokolade schmolz mir in den Händen davon während wir da standen und plauderten. Eine der Frauen kam sogar aus Leipzig; sie unterhielt sich besonders interessiert mit mir, aber irgendwann brannte mir die Sonne zu stark auf der Haut, und zu Hause warteten noch Aufgaben, die gelöst werden wollten, deshalb verabschiedete ich mich und wünschte noch viel Glück auf der langen, langen Reise.
06.06.
Ich kam wieder sehr gut voran mit dem Lösen der praktischen Aufgaben, in denen es generell gesagt darum ging, bestimmte Funktionalitäten in simulierten Netzwerken zu aktivieren. Ich kam in der Tat so schnell voran, dass ich mich entschloss, die Einladung zu einer Konzertreihe namens Sound-Of-Summer anzunehmen, auf dem auch Sina spielen würde. Ihr Auftritt war gegen 19 Uhr, also machte ich mich in meinem Optimismus eine halbe Stunde früher auf den Weg, wusste aber nicht mehr genau, wie wir beim letzten Mal zu "Detskij Mir" gekommen waren, wo auch heute wieder das Konzert stattfinden würde. So fuhr ich erstmal zu weit, stieg unterhalb der gelben Kirche aus, die das Zentrum der Stadt bildete, und betrachtete die Stadtkarte, die ich nun immer dabei hatte. Alle Straßen um der Kirche herum hießen Krasnaya, aber wenn ich entgegengesetzt zur Fahrtrichtung der Trolleybusse immer geradeaus ging, musste ich irgendwann die Straßenbahnschienen kreuzen und damit schon recht nah sein. Ich bog in die Karl-Marx-Straße ein und sah die Lenin-Bibliothek, vor der Zsolt sich hatte fotografieren wollen ich war ganz nah dran, aber trotzdem zu spät. Als ich den Hof erreichte, aus dem laute Musik auf die Straße drang, sah ich Sina schon am Schlagzeug sitzen. Sie war völlig im Spiel versunken und bemerkte mich nicht. Dafür sahen mich Stasya und Nastya und winkten mir, mich an ihren Tisch zu setzen. Dima war nicht gekommen, weil er den ganzen Tag das Arbeiten an seiner Masterarbeit aufgeschoben hatte und sich aus dem schlechten Gewissen heraus den Konzertbesuch selbst untersagte. Ich vermutete, dass es ihn noch frustrierter machte, allein zu Hause zu sitzen, und dass er sich dadurch erst recht nicht nach Arbeit fühlte.
Dafür traf ich einen meiner Mitstudenten, Igor, nur fiel mir der Name genau zu dem Zeitpunkt nicht ein, als er mich fragte, ob ich mich an ihn erinnere. Na klar, er hatte bei Dima Gitarre gespielt. Er erzählte, dass es sich vor zwei Stunden ergeben hatte, dass er heute hier auftrat, mit Leuten, die vorher nie mit ihm zusammen gespielt hatten. Aber das machte nichts, denn es war eine Konzertreihe für Nachwuchsmusiker. Und vielleicht wurde aus dieser spontanen Zusammenfindung etwas mit Hand und Fuß.
Nach dem Auftritt fühlten sich alle Bandmitglieder hungrig, und so ging die ganze Gruppe inklusive uns Groupies in den Keller des Clubs und bestellten Pizza. Einige der jungen Leute kannte ich noch von einer flüchtigen Begegnung, andere waren mir neu. Das moppelige Grufti-Mädchen zum Beispiel, das nie ein Wort sagte, war offenbar immer dabei und gehörte praktisch zur Einrichtung des Clubs.
Ich begann wie immer mit dem Falten kleiner Origami-Figuren; die anderen baten mich, mir etwas von dem Papier abzugeben einige erinnerten sich immer noch daran, wie man einen Frosch bastelte, und einer der Jungs konnte sogar noch einen Kranich. Schnell verging so ein Abend. Und dann wollte Sina gern ein Eis essen, und immer wenn Sina mit dem Finger schnippte, sprang ich eben, also gab ich ihr ein Eis aus. Wir hatten kaum fertig gelöffelt, da kam Stasya zu uns an die Bar und meinte, sie wollten in das leerstehende Krankenhaus fahren, in dem sie als Wachtfrau arbeitet, aber sehr selten wirklich dort war, weil es langweilig und deprimierend war. Und auch ein bisschen gruselig. Sie hatte vor einiger Zeit mit Freunden dort Fotos geschossen, auf denen sie Farbe als Blutersatz benutzten. Blair Witch made in Russia.
Ich lehnte dankend ab, ich hatte mir für heute noch die letzten drei Aufgaben zu lösen vorgenommen. Stasya bot an, mich im Auto zum Wohnheim mitzunehmen. Wir mussten nur darauf warten.
Wieder standen wir vor dem Club und froren, da die Nächte viel kälter waren als der Tag, und die Mädchen nur Röcke oder kurze Hosen trugen. Ich besaß nur lange Jeans, fröstelte aber trotzdem.
Das Auto kam, es wurde von Mischas Bruder gefahren, der das völlige Gegenteil des Bassisten war er war eher vom Typ "Buchhalter". Ich wusste immer noch nicht so genau, wie man mit dem Auto zum Wohnheim kam und bat ihn, bei der Universität anzuhalten. Beim Aussteigen umarmte ich die Mädels so gut es ging halb noch im Auto stehend. Sina drückte mir hart eine Rippe ein. Aber ich war froh, zum Konzert gegangen zu sein. Man kann ja nicht immer lernen.
Aber nun musste ich wieder ran, und tatsächlich hatte ich wie geplant kurz vor Mitternacht meine Aufgaben beendet.
07.06.
Ich glaub, meine Nachbarn haben einen Baby-Schimpansen in ihrem Zimmer, von den Geräuschen zu urteilen, die man durch die Wand hört; es waren zwei Stimmen und ein trauriges Tiergeschrei. Ich wundere mich sowieso über nichts mehr. Außerdem kam nun langsam die Prüfungspanik auf. Ich wollte noch mal den theoretischen Teil wiederholen, wusste aber ganz genau, dass ich es nicht bis zur Prüfung in wenigen Stunden komplett schaffen würde, und dass ich den Anfang bestimmt schon wieder vergessen hatte, wenn ich am Ende angelangt war. In diese nervenaufgeriebene Stimmung kam Olga hinein, die mich anrief, weil einer der Ägypter sein Handy im Labor vergessen hatte, Ich sagte ihr, dass ich mich später darum kümmern wollte, aber sie war schon auf dem Weg, ließ sie mich wissen. Während ich also lernte, hüpfte ich immer wieder zur Tür und spähte, ob Olga schon da war, und wieder zurück zum Computer. Eine Viertelstunde später war ich völlig entnervt und rief sie an, wo sie denn stecke. Sie antwortete, dass sie schon selbst den Ägypter gefunden hatte, dessen Handy sie dabei hatte. Ich schüttelte ärgerlich den Kopf und las noch ein paar letzte Zeilen durch, packte dann entnervt zusammen und machte mich auf den Weg zum Bus. Auf den ich natürlich ewig warten musste. Doch im Bus besserte sich meine Laune, als ich ein Glücksticket bekam. Ich verspeiste es noch auf dem Weg zu Gebäude Nummer 5. Vielleicht konnte ich das Glück wirklich brauchen.
Tatsächlich hatte das Schicksal etwas Merkwürdiges angestellt: Nachdem ich den theoretischen Teil erfolgreich abgeschlossen hatte, bat ich Albert wohl im genau ungünstigsten Moment, mir die praktische Prüfung freizuschalten. Er wurde im selben Moment von zwei anderen Studenten angesprochen, und wie Männer so sind, können sie zwar versuchen, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, aber ein Ding wird immer darunter leiden.
Jedenfalls saß ich dann stirnrunzelnd vor der Aufgabenstellung: Frame Relay hatten wir das je behandelt? Ich erinnerte mich an nicht mehr als zwei Seiten dazu im Lehrmaterial. Wir hatten auch nie Übungen dazu bekommen. Ich fluchte innerlich und versuchte mein bestes. Andere Studenten gaben gleich auf, brachen die Prüfung ab und gingen nach Hause. So war ich bald allein im Raum. Albert kam zu mir um zu schauen, wie es lief. Ich meinte nur "schlecht ganz schlecht" und dass ich das Gefühl hatte, diesen Stoff überhaupt nie behandelt zu haben. Albert grinste und sagte, er würde wegschauen, wenn ich in die Kursunterlagen schauen wolle.
Ich fragte nach, ob er das ernst meinte. Ich blätterte also in den Materialen, fand aber nur die beiden Seiten, die ich in Erinnerung hatte, und die mir überhaupt nicht weiterhalfen.
Als ich schließlich nach einer anderthalb Stunde auf den Auswertungsbutton klickte, zeigte es mir mein Versagen schwarz auf weiß. "Diesmal sind es nur 50% geworden", meinte ich enttäuscht. "Kann ich sehen, was ich falsch gemacht habe?"
Das konnte Albert im Internet nachschauen. Er meinte dabei, ich solle nicht enttäuscht sein, 50% sei schon eine recht gute Leistung, die meisten Studenten hätten nur 50 oder 60% in dieser Prüfung erreicht, einige auch nur 20% oder weniger. Er ließ sich die Prüfungsliste anzeige, fand jedoch meinen Namen nicht. Ich sah genauer hin. Tatsächlich, mein Ergebnis stand nicht auf der Webseite. Albert navigierte auf die Übersichtsseite zurück, auf der alle Prüfungen aus sämtlichen Semestern aufgelistet waren. Ich sah mein Prüfungsergebnis schließlich in der Spalte rechts neben der Spalte, in der es stehen sollte und begann zu lachen: "Denkst du das Gleiche wie ich?", fragte ich Albert und ließ meine Kopf auf den Tisch sinken. Es dauerte einen Moment bis es auch bei ihm klick machte: Albert hatte mir nicht etwa die Prüfung von Modul 3 freigeschaltet, sondern ausversehen die Prüfung von Modul 4, das ich noch gar nicht begonnen hatte und dessen Prüfung ich erst in einem Monat ablegen sollte. Er begann ebenfalls zu lachen: "Dafür ist es nicht nur eine gute Leistung, sondern eine exzellente Leistung!"
Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig als die richtige Prüfung nachzuschreiben, und das am besten noch vor meiner Reise Sankt Petersburg die war schon übermorgen. Wir einigten uns darauf, dass ich sie direkt vor meiner Abreise am Mittwochnachmittag schreiben würde. Ich schüttelte müde den Kopf: "Du versuchst mich doch umzubringen, nicht wahr?" Das stritt er natürlich ab. Ich konnte ihm auch nicht böse sein; ich war vor allem erleichtet, dass das schlechte Resultat überhaupt kein schlechtes Resultat gewesen war - nachdem ich mich eine anderthalb Stunde lang gefragt hatte, ob ich einfach zu dämlich für diese Aufgaben war.
Es war schon fast 22 Uhr als wir das Gebäude verließen; es war noch recht hell draußen, schon die letzten Tage war es nachts nie lange dunkel geworden - wir waren doch ein Stück weiter nördlich als es auf den ersten Blick der Landkarte aussah.
Wir nahmen den Minibus zurück, und beim Abschied gab Albert mir ein flüchtiges Küsschen auf die Wange. Das hatte mich völlig unerwartet und etwas nass getroffen, sodass ich ihn in einer instinktiven, ruckartigen Bewegung mit meiner Brille erwischte. Wir sahen uns an und lachten.
08.06.
Eigentlich hatte ich heute meine Reisevorbereitungen abschließen wollen, aber durch das Versehen beim Schreiben der Prüfung, war ich noch einmal gezwungen in die Bücher zu schauen: Ich hatte nämlich das Thema der dritten Prüfung gesehen, als ich die vierte fälschlicherweise geschrieben hatte, und gerade auf dieses Thema hatte ich mich nicht sehr intensiv vorbereitet. So war es vielleicht doch das Glücksticket gewesen, das mir noch eine Chance zur besseren Vorbereitung gegeben hatte. Doch bevor ich mir dieses Thema in den Schädel prügeln musste, musste ich erst einmal zum Auslandsamt um mein Zugticket vorbeizubringen, das Alisa für die Registrierungsbehörde kopieren musste. Außerdem musste ich langsam beginnen, die Bürokratie anzugehen, die durch meine Entscheidung, die Masterarbeit hier zu schreiben, entstehen würde. Das ging im ersten Moment soweit reibungslos; Marina wollte mit Albert darüber sprechen, da sie mit ihm eh befreundet war.
Anschließend ging ich einkaufen, denn Sina hatte mir geschrieben, dass sich bei ihr eine Erkältung ankündigte deshalb wollte ich ihr Muttis Spezial-Vitaminsalat zubereiten. Ich kaufte gleich eine ganze Zwölferpackung Kiwis und ein Netz voller Zitronen. Das sollte genug Vitamine haben um das Immunsystem auf Touren zu bekommen.
Ich fand für mich selbst überraschend Sinas Wohnung sofort wieder. Es war auch nicht besonders schwer: An der Bushaltestelle die Straße überqueren, dann den Fußweg an den Plattenbauten so lang gehen, bis an der linken Straßenhälfte rechterhand ein großer Müllcontainer auftauchte. Dort musste man einbiegen, und es war gleich der erste Hauseingang. Der mit dem scheppernden Eisenrost vor der Tür, das nachts immer alle Nachbarn aufweckte, wenn jemand das Haus betrat.
Es hatte viel geregnet, wodurch die Straße links von Sinas Haus sogar jetzt noch überschwemmt war. Es sah aus wie die russische Variante einer holländischen Gracht.
Sina hörte mein Klingeln nicht sofort, weil sie gerade die Wohnung reinigte, las aber wenig später meine SMS und kam nach unten. Die Briefkästen waren noch in dem gleichen, in die Luft gesprengten Zustand wie beim letzen Mal.
Ich ging sogleich an die Arbeit, ihr den Salat zuzubereiten, während sie die Zitronen auspresste. Die brauchte ich zum Teil für den Salat, und zum Teil um Zitronentee daraus zu machen, wie ich ihn von meiner Oma kannte. Es sollte der Nachmittag der alten Familienrezepte werden.
Sina war begeistert von beidem. Ich war begeistert, dass es genauso schmeckte wie zu Hause. Dann musste Sina jedoch zur Bandprobe. Sie spielte nicht in einer, nicht in zwei, sondern gleich in vier Bands, und die fünfte stand schon am Taufbecken. Es sollte eine Mädels-Beatles-Coverband werden. Das größte Erfolgspotential hatte ihrer Meinung nach jedoch "Electric Snow", mit denen sie bei "Sound of Summer" am Sonntag gespielt hatte.
Ich erzählte von meinen Plänen, nach Ende des Semesters mit der Transsibirischen Eisenbahn zu fahren, und sie hörte verzückt zu. Ich fragte sie, ob sie mitkommen wollte. Sie hatte schon nach Sankt Petersburg mitkommen wollen, saß jedoch noch an ihrer Diplomarbeit fest. Ich versprach, ihr die Details zukommen zu lassen, sobald ich sie selbst wusste. Es war gar nicht so einfach, überhaupt ein Datum für den Reisebeginn zu finden, und den brauchte ich um die entsprechenden Züge aus dem Internet herauszusuchen. Die echte Transsib fuhr nur alle zwei Tage, das waren die Züge von Moskau nach Wladiwostok und zurück. Aber auf Teilstrecken fuhren natürlich auch andere Züge, zum Beispiel von Moskau zum Baikalsee, oder von Novosibirsk nach Wladiwostok. Ich hatte sowieso nicht vor, komplett durchzufahren, sondern wollte an einigen interessanten Städten auf dem Weg aussteigen und einige Tage dort bleiben. Das erschwerte die Planung noch weiter: Ich wusste noch nicht genau, wie viele Wochen ich überhaupt frei hatte nach dem Schreiben der letzten Prüfung und bevor mein Visum auslief. Albert hatte zwar versprochen, dass ich die Prüfung eher schreiben konnte, aber er flog genau in diesem Zeitraum nach Ägypten für einen kleinen, inoffiziellen Urlaub, und wollte zu einem anderen Zeitpunkt in diesem Zeitraum an einer Konferenz teilnehmen. Genaue Daten Fehlanzeige. Es war schwierig, in Russland Plangenauigkeit zu erhalten.
Am Abend kam Zsolt vorbei und bereitete mir ein leckeres Letscho-Omelette zu, nachdem er ich ihm gestern gezeigt hatte, dass ich mittlerweile sogar eine Teetasse in meinem Hosenbund tragen könnte, weil ich so viel abgenommen hatte. Wir verabredeten uns für morgen Nachmittag direkt nach meiner Prüfung um zusammen Lebensmittel für unsere Reise nach Sankt Petersburg einzukaufen. Dann musste ich mich wieder an meine Aufgaben setzen
08.06.
Den Vormittag verbrachte ich damit, mir weiteres Wissen in den Kopf zu hämmern. Um 15 Uhr sollte ich mich im Computerraum einfinden um meine Prüfung nun endlich zu schreiben. Zu dieser Zeit traf ich auch Artjom wartend an. Er wollte zur mittwöchlichen Konsultationsstunde von Albert um sich neue Anweisungen zu seiner Bachelorarbeit zu holen. 40 min später kam auch Olga dazu und brachte diese seltsamen Beeren mit, die sie mir ganz zu Beginn unserer Freundschaft schon einmal geschenkt hatte. Sie waren schon etwas zermatscht und würden vermutlich sehr gut zerdrückt in Milch schmecken, überlegte ich mir, während ich nervös zappelte. Ich hatte Albert schon mehrmals versucht anzurufen und sendete schließlich eine SMS: Wenn du um vier noch nicht da bist, erwarten wir alle eine Eins auf unsere Arbeiten. Daraufhin schrieb er zurück, ich solle nach Hause gehen und morgen 16:30 meine Prüfung schreiben. Er saß in einer Kommission fest, von deren Tagung er vorher nichts gewusst hatte. Ich schrieb zurück, dass er doch wisse, dass ich heute noch nach Sankt Petersburg fuhr. Artjom hatte mir erzählt, dass Albert auch gerne pauschal Noten vergibt, wenn aus Zeitgründen keine Prüfung stattfinden konnte, deshalb fragte Albert geradeaus, ob er mir nicht einfach so 92% für die praktische Prüfung eintragen könne, ohne wirklich daran zu glauben, dass er darauf einging.
Daraufhin kam eine SMS: "Tut mir leid, du hast 100%. Viel Spaß auf der Reise!"
Russland ist seltsam.























