Vom Tanz in den Frühling, einen zweiten Wintereinbruch und aufmarschierenden Altkommunisten
Diesen Sonntag wollte ich gemütlich angehen lassen. Ich sollte wohl damit anfangen, das dritte Cisco-Modul zu studieren, da ich am Montag die Vorlesung dazu hatte und lieber etwas vorarbeiten wollte um dieser Vorlesung auf Russisch folgen zu können. Wobei - niemand aus meiner Gruppe wollte im Moment mit Cisco weitermachen, da sie für das dritte und vierte Modul bezahlen mussten, und so bestand eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass ich allein in der Vorlesung sitzen würde. Dann konnte ich vielleicht Albert überzeuge, sie auf Englisch zu halten. Wenn er sie für eine Person überhaupt halten würde. Aber wir werden sehen.
Ich hatte gerade mit Cisco angefangen und die Arbeit wieder zur Seite gelegt um mir ein frühes Mittagessen zu kochen, als mich die Omi des Tages (die Etagenfrau) abfing und mich bat, ihr Origami beizubringen. Während das Essen also vor sich hin kochte, zeigte ich ihr, wie man Lilien faltet. Was bekam sie überraschend schnell zustande, und gleich wollte sie mehr lernen. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit, dachte ich zumindest, und begann ihr eine andere Grundform beizubringen, da rief Pascha an und sagte, dass der Tanzwettbewerb jetzt schon begann statt wie angekündigt erst um 13 Uhr. Eilig verschlang ich die Nudeln während ich mich anzog und mich bei der Omi des Tages entschuldigte, dass ich schon zu spät dran sei... Die Blätter ließ ich ihr da, weil sie meinte, dass sie noch üben wolle.
Das "Integral" lag zum Glück nicht weit entfernt, so erreichte ich es schnell. Am Eingang wurde ich von mehreren Seiten gleichzeitig auf Russisch angesprochen, was meine geistigen Fähigkeiten deutlich überschritt, weshalb ich automatisch auf Englisch antwortete, dass sie doch bitte langsamer sprechen sollten. Es ergab nicht viel Sinn in dem Moment, aber es erreichte seinen Zweck. Das Mädchen an der Kasse lachte und stellte sich auf Englisch vor. Pascha hatte erwähnt, dass ich kommen würde, erfuhr ich. Und ich durfte kostenlos rein. Ein anderes Mädchen, das ständig das Telefon am Ohr hatte, forderte mich auf, mit ihr zu kommen; sie wollte mich zu Pascha bringen. Der spielte aber schon auf seiner Gitarre, zusammen mit seinen Gruppenkameraden. Sie trugen seltsame Uniformen voller Anstecker, die wie Orden aussahen. Um sie herum standen hunderte von Studenten in seltsamen bunten Kostümen, die sich alle eingehenkelt hatten und zu der Gitarrenmusik mitsangen und die Hüften schwangen. Es erinnerte eher an Karneval und ich dachte, ich sei im falschen Film.
Egal wie lange man in Russland ist, man wird immer wieder überrascht, besonders wenn man denkt, dass man alles gesehen hat. Nach einigen Lieder vor Schluss und ich stellte fest, dass es nur die Einstimmung auf den Tanzwettbewerb gewesen war. Im Gedränge fanden Pascha, Olga und ich uns schließlich wieder; Olga war erst nicht reingekommen, weil die Karten ausverkauft gewesen waren. Dann hatte man sich entschieden, mehr Zuschauer hinein zu lassen. Der Zuschauerraum füllte sich bis auf den letzten Platz, und selbst dann riss der Strom der Zuschauer nicht ab. Es wurden schließlich die Emporen geöffnet, und ein Erdbeben verursachend stürmten die Zuschauer nach oben. Viele hatten lange Flaggen dabei um ihr Lieblingsteam wie bei einem Sportwettbewerb anzufeuern.
Dann begann es.
Die Tanzstile wurden von den Teilnehmern wild gemixt; in einem Moment wurde Ballett getanzt, und im nächsten wechselte dieselbe Tanzgruppe zu modernem Ausdruckstanz, Breakdance oder etwas ganz Eigenartigem. Zwischendurch führten die Veranstalter kleine Sketsche zum Thema "Mafia" und "Gangster in Chicago" auf.
Die Gruppen hatten sich alle sehr viel Mühe gegeben, eine Hintergrundgeschichte für sich zu finden; einige brachten eigene Bühnenbilder mit oder nutzen Lichteffekte, andere kleideten sich als fette Fliegen und ließen sich in einer Tanzperformance von einem Riesenschuh erschlagen, oder andere brachten die Teletubbies mit auf die Bühne oder legten kleine Strips ein.
Sehr viele Teilnehmer setzten auf Nostalgie; führten russische Tänze in traditionellen Kostümen auf oder tanzten zu bekannten Liedern aus Sowjetzeiten, bei denen das Publikum hysterisch zu klatschen und jubeln anfang. Diesmal fand keine Kalaschnikow ihren Weg auf die Bühne, dafür aber eine übergroße rote Sowjetunion-Flagge.
Ein Junge, der nicht ganz 10 Jahre alt gewesen sein konnte, führte beeindruckenden Breakdance auf, wirbelte in Saltos durch die Luft und drehte sich auf dem Kopf stehend.
Mitten in der Veranstaltung begann man unvermittelte den gefallenen Soldaten des zweiten Weltkriegs zu gedenken; wir alle mussten aufstehen und eine Schweigeminute einlegen. Dabei war es noch nicht einmal der neunte Mai, an dem der Tag des Sieges über Deutschland gefeiert wird. Das ist eben auch Russland...
Der ganze Wettbewerb dauerte drei Stunden; am Ende wurde der dritte, zweite und drei erste Plätze vergeben, und am Ende noch der wahre Sieger des Wettbewerbs, die die Trophäe bekam. Diese Gruppe hatte auf die Jungtalent-Karte gesetzt und gewonnen. Sie hatten ein Mädchen zu ihrem Star gemacht, das gerade mal sechs Jahre alt war, aber erstaunlich viel Talent hatte. Der Saal tobte als die Gewinner bekanntgegeben wurden, Zuschauer wurden ausversehen von Fahnen erschlagen und alles taumelte in einen Freudentanz.
Pascha brauchte länger nach draußen, da er einen ganzen Haufen Leute umarmen musste. Olga und ich warteten draußen auf ihn.
Die Sonne schien hoch am schon sommerlichen Frühlingshimmel und wir kamen darauf, dass es eine gute Idee wäre, ein Eis zu essen. Als wir dann im Laden waren, kamen wir darauf, dass wir im Wald ein Lagerfeuer machen könnten. So kauften wir Würste, Saft und Plastikbecher und gingen in den nie so weit entfernten Wald - der in diesem Fall gleich hinterm Haus begann. Es hat manchmal auch einen Vorteil, in der Pampa zu leben...
Wir waren nicht die einzigen mit dieser Idee gewesen, schon auf den ersten 100 Metern brannten zwei Lagerfeuer. Wir fanden den perfekten Platz nah am Wegesrand mit einem Baumstumpf als Tisch, dem umgesägten Baum als Sitzplatz und einen Platz in der Mitte mit angesengten Holzscheiten, die wir nur noch von Bier- und Schnapsflaschen befreien mussten. Pascha und ich begannen Holz zu sammeln, Olga kümmerte sich um unsere Vorräte, öffnete die Wurstpackung und teilte das Brot ohne ein Messer zu haben in relativ regelmäßige Scheiben.
Wir mussten nicht einmal Rinde besorgen, da noch genug trockener Pappkarton von unseren Vorgängern dagelassen worden war. Wir begannen mit trockenen Ästen und Farnen und steckten dann größere Äste nach. Olga bemühte sich derweil, die gefrorenen Würstchen auf Äste zu spießen. Sie nahm das schmale Ende dafür, das sich erwartungsgemäß bog und wand. Praktischerweise hatte ich meine Schere dabei und schnitze zwei schöne Spieße für unsere Würstchen.
Pascha begann auf der Gitarre zu spielen und zu singen, Olga grillte die Würstchen und ich hielt das Feuer am Leben. Viele Äste waren noch nass und morsch, und im Feuer begannen sie einen dichten weißen Rauch freizusetzen. Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend es war, sich um ein Lagerfeuer zu kümmern, aber der russische Wald war eine schier unerschöpfliche Quelle für Feuerholz, selbst wenn es jeden Tag ein Lagerfeuer an dieser Stelle geben sollte.
Es kamen immer wieder Leute vorbei, einige blieben stehen um zu plaudern; sie hatten Pascha singen gehört und waren ganz interessiert... am Ende hatte Pascha die Telefonnummer eines Mädchens, das noch einen Tanzpartner suchte.
Der Wind blies die Asche munter durch die Luft und drehte so oft, dass man gar nicht schnell genug in Deckung gehen konnte. Am Ende rochen wir alle wie frisch gegrillte Würstchen, meine Finger schmerzten von den sperrigen Ästen und den Malen, als ich beim Nachlegen dem Feuer zu nahe gekommen war, aber es hatte sich absolut gelohnt. Es war das beste Abendessen seit Langem für uns alle, lachten wir und warfen die verbrannten Wurststücke zurück ins Feuer.
Langsam verlosch das Feuer und es wurde kühl, obwohl es ein schöner, sonniger Frühsommertag war. Wir traten schließlich das Lagerfeuer breit und überlegten uns, wie wir die Glut löschen sollten. Viel würde wahrscheinlich nicht passieren können, wenn wir es einfach so liegen ließen, aber wir waren ja vorbildlich... Pascha poste also erstmal für die Kamera, dass es aussah, als würde er das Feuer auspinkeln, dann zog mich Olga fort, dass Pascha es - mangels Wasser - wirklich auspinkeln konnte.
Die beiden brachten mich zurück zum Wohnheim. Anders als gestern trug Olga kein kurzes Röckchen und musste nicht rennen um warm zu bleiben. Dabei war das Wetter heute so angenehm warm gewesen, sodass sogar ich einen Rock angezogen hätte, wenn ich so etwas besitzen würde.
Ich hätte beide gern noch in mein Zimmer auf einen Tee eingeladen, aber ohne offizielle Erlaubnis durfte niemand hoch, obwohl ich von einer Liste gehört hatte, auf der alle Studenten standen, die mit den Ägyptern in Kontakt treten sollten und deshalb von 12 bis 18 Uhr Zugang zum Wohnheim hatten. Wer auf der Liste stand, wusste allerdings niemand, und selbst, ob diese Liste es bis in die Amtsstuben hinein und wieder hinaus geschafft hatte, war nicht bekannt. Ich stütze mich hier auf Gerüchte. Schön wäre es natürlich, Besuch empfangen zu können - dann hätte ich endlich mal einen Grund, mein Zimmer aufzuräumen.
Für Montag war ich mit Albert zum Mittagessen verabredet gewesen, aber am Morgen schrieb er mir per SMS, dass er sich plötzlich überhaupt nicht gesund fühle und ins Krankenhaus gehen wollte. Er hatte schon am Samstag am Telefon nicht gut geklungen und es schien noch schlimmer geworden zu sein. Ich bat ihn, mich auf dem Laufenden zu halten, da ich nicht einschätzen konnte, wie schlimm es um ihn stand, wenn er schon ins Krankenhaus musste, aber wahrscheinlich hatte er gemeint, dass er zu seinem Hausarzt ging, denn unser Krankenhausbesuch vor dem Wettbewerb im Wald war auch nur ein Besuch beim Hausarzt gewesen, der seine Praxis eben im Universitätskrankenhaus hatte. Ich vermutete, dass es in Russland üblicher war als bei uns.
Sorgen machte ich mir erst, als ich bis Dienstagabend nichts mehr von ihm hörte und fragte schließlich nach. Der Arzt hatte keine Ahnung, was Albert fehlte, hatte ihm aber zu viel Schlaf geraten, und das tat er den ganzen Tag, schrieb er. Dann hörte ich bis Mai nichts mehr von ihm. Es musste ihn wirklich schlimm erwischt haben, denn er schickte keine einzige E-Mail in dieser Zeit, nicht einmal eine Cisco-Rund-Mail an alle Studenten, mit denen er sonst fast jeden Tag mein Postfach füllte. Fristen wurden nicht verlängert, und Studenten hingen so kurz vor den Prüfungen in der Luft. Viele schrieben mich an, ob ich Neuigkeiten bezüglich seines Verbleibs hatte, aber ich musste sie enttäuschen. Niemand schien zu wissen, wann - oder ob er wiederkommen würde. Vor zwanzig Jahren hätte man wohl vermutet, er sei in den Westen geflüchtet.
Zumindest hatte ich so im Bereich des Studiums eine ganze Menge Freizeit, die ich mit Genuss nicht zu nutzen wusste, soll heißen, ich gammelte die nächste Zeit eigentlich nur herum. Die Vorlesung bei Professor Puschin fiel wie schon erwähnt durch den Ersten-Mai-Feiertag aus, und unser Stundenplan war geändert worden, sodass ich das Cisco-Praktikum gleich im Anschluss des Russisch-Kurses am Dienstag hatte, statt wie vorher am Freitag. Das hieß für mich nun, dass ich ohne Alberts Verlesungen nur noch einen Unterrichtstag pro Woche hatte. Das klang vielleicht am Anfang toll, aber schon nach ein paar Tagen begann ich mich unglaublich zu langweilen und mich nach einem geregelten Studienalltag zurück zu sehnen. Meine letzte richtige Vorlesung bei Albert hatte noch vor Sankt Petersburg stattgefunden, und das war schon über zwei Wochen her, als er mir an jenem Montag mitteilte, dass bis auf weiteres sämtliche Vorlesungen ausfielen. Und dann begann es zu schneien.
Zuerst hielten wir es für eine seltsame Wetterlaune, als Murik und ich an diesem Abend aus dem Fenster schauten und unseren Augen nicht so recht trauen wollten. Der Schnee lag bereits fingerdick auf dem Balkongeländer. Murik meinte, das es morgen früh sicher wegschmelzen würde.
Als ich an diesem Abend vom Cisco-Praktikum nach Hause kam, das ausnahmsweise am Montag stattfand, hatte die die plötzliche Kälte wohl bemerkt, aber angenommen, dass ich es mir einbildete und zu dünn angezogen war. Dem Thermometer am Gebäude 1 konnte man auch nicht mehr vertrauen; das hatte gestern nach unserem Lagerfeuer -1 Grad angezeigt.
Doch der Schnee wollte gar nicht mehr aufhören zu fallen. Es schneite die gesamte Nacht durch und am Dienstagmorgen wirbelten noch immer die Flocken durch die Luft, der Boden war mit einer dicken Lage Schneematsch bedeckt und die Autos vor dem Wohnheim hatten eine weiße Haube bekommen. Die ersten grünen Blätter der Birken waren unter dem Schnee verschwunden, die Zweige hingen traurig nach unten; nur an wenigen Stellen schimmerte noch etwas Grün hindurch.
Meinen Wintermantel und die Stiefel hatte ich schon ganz hinten im Schrank verstaut, und nun musste ich alles wieder vorkramen; Mütze, Schal und Handschuhe. Was war das nur für ein Wetter? Hatte uns der isländische Vulkan nun eine neue Eiszeit beschert?
Der Schnee blieb noch bis Donnerstag liegen. Während dieser Zeit wurde ich immer wieder mit dem Satz "frohes neues Jahr" begrüßt. Das war der typische russische Humor.
Dass der Schnee zu schmelzen begann, spürten wir als erstes im Computerraum des Wohnheims, denn dort tropfte er in flüssiger Form durch die Decke. Beim Hineinkommen wäre ich fast über einen Eimer zum Wasserauffangen gestolpert. Über die ganze Länge des Raumes hin zog sich ein breiter Streifen, aus dem es munter tropfte. Murik hatte seinen Computer ein Stück zur Seite gerückt und mit Plastiktüten abgedeckt. Das Dach sei schon seit Monaten undicht, meinte er nur. Repariert werden würde es - genau wie die Tür - wahrscheinlich nie.
Mein Stammplatz war zu einem kleinen Teich geworden und mein Origami eingeweicht. Nach zwei Monaten in Russland nahm ich es nur noch mit einem Schulterzucken hin und suchte mir trockeneren Platz.
Während der vielen Freizeit, die ich nun hatte, kam ich endlich zu vielen Dingen, die ich lange Zeit aufgeschoben hatte, zum Beispiel das Bezahlen meiner Miete. Während des ersten Monats hier hatte niemand so recht gewusst, wo ich die bezahlen musste, aber selbst als Marina es für mich herausgefunden hatte, gingen noch gut zwei Wochen ins Land bis ich mich dazu aufraffte, es zu erledigen. Das Lustige daran ist, dass ich wahrscheinlich überhaupt keine Miete hätte bezahlen müssen, wenn ich mich nicht bei der Kassenstelle gemeldet hätte, denn dort gab es keinerlei Akte von mir, kein Vermerk über mich. Marina und ich standen also gut 20 Minuten an der Kassenstelle während gleich drei Mitarbeiter versuchten herauszufinden, wer ich war und wofür ich zahlen musste. Wir plauderten in der Zwischenzeit, denn es gab immer etwas mit ihr zu bereden und zu diskutieren, weswegen meine Auslandsamtaufenthalte gewöhnlich nicht mit "kurz vorbeischauen" erledigt waren. Doch ich mochte sie gern, und mit unseren Unterhaltungen verlernten wir beide unser Deutsch nicht... ich fand es sehr amüsant, dass sie auch mit Gergö immer auf Deutsch sprach - eine Russin und ein Ungar unterhielten sich lieber in der Weltsprache Deutsch.
Eine Mitarbeiterin der Kasse kam schließlich mit einer Liste zurück, in die sich mich nun eintragen hatte und ich bezahlte sowohl für die zwei Monate und die genau abgezählten Tage, die ich nun schon hier war, als auch für den nächsten Monat. Die Miete war ab Mai auf 1900 Rubel erhöht worden, und das waren immer noch nicht ganz 50 Euro.
Ich habe übrigens endlich das Einkaufszentrum "Talisman" gefunden, das Albert mir vor einigen empfohlen hatte. Ich hatte die Suche nie ganz aufgegeben, aber mein Scheitern praktisch akzeptiert. Und nun folgte ich der Wegbeschreibung der Lehrerin, die ich im Zug von Sankt Petersburg zurück kennengelernt hatte. Sie hatte nämlich einen großen Supermarkt in der Nähe meiner Universität gekannt und mir den Straßenverlauf aufgemalt. Und zufällig befand sich dieser Supermarkt im gesuchten Einkaufszentrum. Das Einkaufszentrum sah eher steril und unbewohnt aus; es gab viel freie Geschäftsfläche und kaum Kunden, doch im Keller befand ich der Supermarkt, und es war das Paradies: 100 Meter Nudeln, 50 Meter saure Gurken, 200 Meter Grillzubehör... das brauchte ich zwar alles nicht, aber es war schön zu wissen, dass es hier existierte, wenn man es einmal brauchen sollte. Als Kind des Kapitalismus fühle ich mich nur in diesen riesigen Supermärkten wirklich zu Hause.
Nur dummerweise hatte ich nicht mehr viel Bargeld dabei und man hatte vergessen, in diesem Einkaufszentrum einen Geldautomaten aufzubauen. So konnte ich mich leider nicht dem Einkaufsrausch hingeben, sondern kaufte nur das Allernötigste vom Unnötigen. Was es zum Beispiel gab... Milch in echten Packungen statt in der labbrigen Tüte, die mir einmal fast übers Notebook ausgekippt war... es gab eine Menge Tiefgefrorenes - wie Pommes Fittes! Nach monatelanger Suche lagen sie schon fast unauffällig in der Tiefkühltruhe, sogar mehrere Sorten. So viel Auswahlmöglichkeit überforderte mich mittlerweile. Wie haben wir das in Deutschland noch mal gemacht? Ach ja, nach dem Preis-Mengenverhältnis geschaut. Lang ists her.
Wo ich schon einmal hier war, holte ich mir einen großen Vorrat Tiefgefrorenes, das ich nur noch in der Mikrowelle erhitzen musste und mir so trotz allgemeiner Faulheit regelmäßige Malzeiten erlauben würde.
Am Fleischstand traute ich meinen Augen nicht: Waren das Schnitzel? Echte deutsche, fertig panierte und abgepackte Schnitzel? Nein, war es nicht, stellte ich draußen fest. Es war eine Art frittierter Kartoffelteig gewesen, der mit Schlachtabfällen gefüllt war. Die Knorpel knackten zwischen meinen Zähnen und ich spuckte die Masse aus. Unglaublich, was in Russland als Mahlzeit verkauft wurde.
Nur eine Kleinigkeit hatte ich nicht bedacht als ich mir all die tiefgefrorenen Leckereien kaufte: Ich konnte sie nicht in der Mikrowelle zubereiten, weil mir doch mein Teller geklaut worden war und sich ein Metalltopf oder Plastikgeschirr wirklich schlecht in der Mikrowelle machte. Vorerst briet ich mir mein Tiefgefrorenes in der Pfanne und schnitt die verbrannten Stellen großzügig ab. Doch ich würde nicht um das Kaufen eines neuen Tellers herumkommen, wenn ich einigermaßen zivilisiert leben wollte.
Am Dienstag bekamen wir auch unsere Russischprüfung korrigiert zurück. Unter meiner stand nur
"molodez" als Note, was soviel hieß wie "Prachtkerl". Aber es war wohl dieser Kindergartenprüfung angemessen; fast hätte ich erwartet, einen Bienchen-Stempel darunter zu finden und dann noch ein Bienchen ins Mutti-Heft zu bekommen. Nicht mal die Ägypter wussten, wofür sie diese Prüfung geschrieben hatten - ob sie dafür eine Notenbescheinigung bekamen oder nicht. Ich fände es schon praktisch eine offizielle Bescheinigung zu haben, obwohl es bei einer Sprache wirklich egal ist, ob man einen Kurs erfolgreich abgeschlossen hat oder nicht, am Ende zählt, wie gut man sie sprechen konnte. Und da war ich noch auf einem langen Weg.
Am Donnerstag war ich wieder einmal in der Schule Nummer 22 eingeladen um die 9. Klasse wiederzusehen. In der Stunde sollte es um Musik gehen. Wowa wäre gern mitgekommen, hatte aber keine Zeit. Er schrieb mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte, und so machte ich mich kurz nach 9 auf den Weg. Bus Nummer 14 kam sogar nach einer Weile; auf dem Weg erkannte ich die Landwirtschaftliche Akademie wieder, die geschlossenen Fabriken, die "Deutschen Häuser" - eine neuere Wohnsiedlung mit blau-weißen Verzierungen - und erreichte meine Haltestelle, deren Namen ich überflog, feststellte, dass es nicht meine Haltestelle war, weil sie mit "A" begann und ärgerte mich, dass alle Straßen in Russland gleich aussahen. Erst als der Bus abfuhr, stellte ich fest, dass es gar kein A gewesen war, sondern ein hochgerutschtes russisches D, und dass es sehr wohl meine Haltestelle gewesen war. Das war doch schon fast zu peinlich um es hier zu schreiben. Aber gerade lustig genug dafür. Dank dieses Anfängerfehlers bekam ich die Gelegenheit, etwas Morgensport zu machen, da ich mich beeilen musste, von der nächsten Haltestelle aus die Schule rechtzeitig zu erreichen.
Natalija kam mich am Eingang abholen, aber Zeit für Tee hatten wir nicht mehr. Die Gruppe war kleiner als bei meinem ersten Besuch, gerade fünf Schüler. Die beiden Mädchen hatten einen Vortrag über ihre Lieblingssängerin vorbereitet, von der ich noch nie gehört hatte, die aber unter den Jugendlichen offenbar zur Zeit ganz oben in der Beliebtheitsskala stand. Ich fühlte mich plötzlich so alt. Die Mädels hatten Texte und Bilder aus der deutschen Wikipedia oder Bravo oder woher-auch-immer in eine Powerpoint-Präsentation kopiert und lasen sie abwechselnd vor. Anschließend spielten sie ein Musikvideo vor, in der sich eine nackte junge Frau mit Flüssigkeiten einrieb. Wenn das die jungen Mädchen von heute begeisterte, wie sollte die nächste Generation da noch eins draufsetzen können? Als ich in ihrem Alter war, galt Britney Spears als anzüglich und mir wurde verboten das Wort "geil" zu sagen. Hätten wir nur auf unsere Eltern gehört, wäre uns das vielleicht erspart geblieben.
Umso überraschter war ich vom nächsten Vortrag - über Tschajkowskij.
Das Mädchen erzählte, dass sie seine Klavierstücke selbst in der Musikschule lernte und ein großer Bewunderer seiner Kompositionen war. Nach dem Vortrag stellten Natalja und ich Fragen dazu, und Natalija ermunterte ihre Schüler dazu, sich bei Fragen, wie etwas richtig auf Deutsch hieß, an mich zu wenden.
Die Jungs hielten keine Vorträge, sondern spielten Gitarre und sangen dazu. Der erste Junge war richtig talentiert und Natalija erzählte, dass sein Vater ein Jazz-Orchester in Izhevsk leitete, und schlug vor dass wir alle gemeinsam einmal zu einem der Konzerte gehen sollten. Der zweite Junge war weniger begabt, spielte aber trotzdem mit Hingabe.
Wieder einmal bestätigte sich meine Theorie, dass jeder - absolut jede männliche Person in Russland Gitarre spielen konnte. Die einzige Ausnahme davon war Dima. Meine Gruppenkameraden spielten; Albert hatte es gelernt; Professor Puschin offenbar auch, denn es war eine sehr abgenutzte Gitarre gewesen, die er zur Antennenvorlesung mitgebracht hatte; und sogar in unserem Computerraum im Wohnheim lag eine Gitarre herum, auf der Murik und Tofik von Zeit zu Zeit das Lied "Nothing else matters" einübten.
Nach dem Schreiben dieser Zeilen ritt mich plötzlich der Gedanke: Warum lernte ich nicht das Gitarre-Spielen? Beseelt von dieser Idee ging ich ins Computerzimmer, wo sich Murik eingeschlossen hatte und an seinem Projekt arbeitete. Er hatte eine sehr interessante Art zu arbeiten: Auf einem Monitor hatte er sein Projekt, und auf dem anderen Monitor lief ein Film, den er sich überhaupt nicht anschaute und auch nicht zuzuhören schien. Er meinte, damit könne er besser arbeiten, wenn die Arbeit besonders langweilig und eintönig war. Später probierte ich es selbst aus und stellte fest, dass er Recht hatte. Normalerweise schweiften meine Gedanken beim Lesen des Cisco-Materials im Minutentakt ab, aber mit einem Film im Hintergrund schaffte ich es viel länger ohne Unterbrechung das Material durchzuarbeiten. Wahrscheinlich wurde mein Unterbewusstsein mit dem Film so beschäftigt, dass es nicht mehr selbst für Ablenkung sorgen konnte. Aber das nur am Rande.
Ich sagte Murik also dass ich Gitarrenspielen lernen wollte und fragte, ob ich mit der Gitarre ein wenig probieren dürfte. Er grinste und begann mir Gitarrenunterricht zu geben. Zuerst die Haltung: Frauen spielten mit übereinandergeschlagenen Beinen die Gitarre seitwärts haltend, während Männer sie zwischen die Beine nahmen und schräg nach oben hielten. Aha. Rechte Hand Seite mit dem Klangkörper, die linke drückte die Seiten nieder. Der Daumen musste auf der Rückseite in die Mitte sitzen, und die Hand gerade sein, nur die Finger durften geknickt werden. Man spielte mit den Fingerspitzen, zeigte mir Murik, also ging ich mir kurzentschlossen meine langen Fingernägel abschneiden. Jetzt wurde mir auch klar, weswegen nur die männlichen Russen auf der Gitarre spielten, denn eine richtige russische Frau ging lieber zur Maniküre.
Murik spielte mir eine Tonleiter vor und zeigte mir die Gitarren-Noten am Computer. Verwirrend war für mich nur, dass die russischen Noten nicht c d e f und so weiter hießen, sondern do re mi sol... Murik hatte mir eine Übersicht über die Gitarrenseiten und Abschnitte in diesem Schema gemalt und übersetzte es anschließend für mich auf dem Papier, was eine ziemliche Konzentrationsübung darstellte und drei Anläufe brauchte.
Dann ließ er mich es selbst probieren und bald darauf spielte ich schon "alle meine Entchen". Besonders musikalisch bin ich nicht, aber vom jahrelangen Keyboard-Unterricht musste wohl doch etwas hängengeblieben sein.
Meine Finger begannen unglaublich zu schmerzen, und mein Ringfinger sah schon richtig blau aus. Konnte man blaue Flecken an den Fingerspitzen bekommen? Im Moment fühlte es sich ganz danach an.
Aber zurück an die Schule Nummer 22, denn diese Unterrichtsstunde war nicht das einzige, was mich an diesem Tag erwartete. Natalija überrumpelte mich etwas, als sie davon zu erzählen begann, dass heute ein Gedichtwettbewerb der Deutschklassen stattfinden sollte. Ob ich daran interessiert sei?
Eh ich mich versah, saß ich in der Jury und vergab Punkte für die Gedichtvorträge der 5. bis 7. Klasse. Die Jüngsten hatten sehr einfache Gedichte von teilweise nur wenigen Zeilen, aber einige waren richtig talentiert und trugen die Gedichte mit einer starken Betonung und sehr guten Aussprache vor - ich war wirklich beeindruckt.
Nach der ersten Runde wurde ich in die nächste weitergereicht. Die Lehrerinnen wechselten sich immer ab, sodass keine Lehrerin ihre eigene Klasse bewerten musste. Und so saß ich immer mit anderen Lehrerinnen zusammen in der Pause und musste die immer-gleichen Fragen beantworten, wie "was isst du am liebsten hier in Russland", sodass ich mir am Ende wie in einer Zeitschleife vorkam. Insgesamt waren es vier Runden mit jeweils anderen Schülern und Altersstufen, wobei die Hälfte der Schüler nicht anwesend war und ein paar Schüler neu hinzukamen, die nicht auf der Liste standen... ein Wunder, dass wir mit der Punktevergabe nicht durcheinander kamen. Wir durften auch nur Punkte von 0 bis 2 vergeben, was nicht viel Spielraum ließ, selbst wenn man halbe Punkte hinzu nahm. Am Ende musste ich den neuen Lehrerinnen in den nachfolgenden Runden das Punktesystem erklären.
Die älteren Schüler trugen komplizierte Gedichte vor, drei von ihnen sogar den Erlkönig von Goethe, und das vielleicht besser als manch deutscher Schüler... irgendwas musste am russischen Schulsystem dran sein. Wer in der Schule Nummer 22 deutsch gelernt hatte, konnte es danach auch. Wenn ich im Gegensatz dazu an mein Schulfranzösisch denke - davon ist nur ein trauriger Rest hängengeblieben.
Am Ende kamen die kleinsten Schüler dran, die 3. Klasse, wenn ich mich recht erinnere. Sie waren schneller mit ihren kleinen Gedichten fertig als ich die Punkte eintragen konnte. Danach machte Natalija Erinnerungsfotos, von denen ich auch gern eins teilen möchte:
Auch wenn es vielleicht nicht danach klingt, mir hatte es viel Spaß gemacht, und ich bekam auch wieder ein leckeres Essen in der Schulkantine, und überlegte mir, öfters zu kommen, allein schon wegen der vorzüglichen Behandlung an dieser Schule.
Ende Juni sollte ich noch einmal wiederkommen um die älteren Schüler auf ihren Aufenthalt in Lüneburg vorzubereiten. Ich sagte gerne zu.
Ich hatte mit Erstaunen festgestellt, dass das Semester praktisch schon zu Ende war - es hatte ja auch einige Wochen vor meiner Ankunft angefangen, aber trotzdem hat mich das plötzliche Ende überrascht. Wir würden keine gemeinsamen Vorlesungen mehr haben, denn keiner der russischen Studenten führte den Cisco-Kurs fort, weil sie alle ihre Diplomarbeit schreiben mussten. Erst im Herbst wollten einige wieder damit beginnen, falls sie im Masterstudiengang aufgenommen werden würden.
Aber nur weil wir keine Vorlesungen mehr hatten, hieß das nicht, dass wir keine Zeit mehr miteinander verbringen konnten - in Russland war man schließlich gut vernetzt; jeder besaß die Handynummer von jedem und in vkontakte wird man sowieso von allen Seiten angeschrieben. Und so schlug Artjom vor, dass wir uns morgen zum Mittagessen treffen konnten, und am Abend sollte ich bei Dima zu Besuch kommen. Und das war es, was Russland so liebenswert machte - nicht das unbedingt Land, sondern die Menschen. Dies würde es schwer machen, Izhevsk zu verlassen. Doch mein Aufenthalt hier näherte sich unerbittlich und spürbar der Halbzeit.
Ich traf mich also gegen Mittag mit Artjom - wobei mich Russland schon so beeinflusst hatte, dass ich zu spät kam, obwohl ich nur 8 Etagen nach unten gehen musste um ihn zu treffen. In der Zeit unterhielt er sich mit der Wachtjor-Frau im Erdgeschoss und erfuhr, dass er auf der geheimnisvollen Liste stand, von der wir alle nur gerüchteweise gehört hatten: Die Liste der Studenten, die die Erlaubnis hatten, das Wohnheim zu betreten. Artjom war einer der Studenten gewesen, der sich vor Monaten eingetragen hatte, und wahrscheinlich der erste, der diesbezüglich nachgefragt hatte. Wir hakten es unter "gut zu wissen" ab und gingen spazieren. Artjom hatte vor, mir ein sehr gutes Pfannkuchen-Café zu zeigen, das ganz in der Nähe lag, und tatsächlich bin ich jeden Tag mit dem Bus daran vorbeigefahren, wenn ich zu Gebäude 5 musste.
Das Café wirkte gemütlich, mit einfachen Holzstühlen und Tischen, die so eng standen, dass man den Bauch einziehen musste, wenn jemand hinter einem Platz nehmen wollte - ganz zu schweigen von aufstehen und den Platz verlassen.
Die Pfannkuchen waren wieder gefaltete französische Crêpes, die in Butter schwammen - die russische Variante eben. Aber da ich Butter sogar roh aß, gefiel mir diese Machart sogar besser als die vertraute französische Art.
Mittlerweile war es mir zu einer persönlichen Tradition geworden, von jedem gemeinsamen Essen mit einem Bekannten ein Foto zu schießen. Es brauchte eine ganze Reihe von Anläufen bis ich Artjom mit einem Lachen auf dem Foto erwischte - er lachte zwar die ganze Zeit, aber immer, wenn ich auf den Auslöser drückte, war seine Miene ernst. Aber nur präsentiere ich stolz: Einen lachenden Artjom:
Nach dem Essen hatten wir noch etwas Zeit bevor Artjom zu einer Vorlesung musste, also begleitete er mich ins Auslandsamt, den ich brauchte meinen Reisepass zurück - das heißt, ich brauchte ihn eigentlich nicht, aber wenn mich ein Polizist danach fragte, sollte ich ihn wohl dabei haben. Und dieses Wochenende würden die Demonstrationen zum ersten Mai stattfinden und das Polizeiaufgebot dementsprechend erhöht sein.
Das Auslandsamt war jedoch verschlossen - das erste Mal, dass ich es erlebte. Normalerweise war es nur leer und irgendwann kam jemand aus einem der innen angeschlossenen Büros.
Auf dem Rückweg begegnete uns Zsolt, der seltsame ungarische Mitbewohner von Gergö, den ich ewig nicht gesehen hatte. Aber besonders schlimm fand ich es nicht, da ich ihn als etwas langweilig empfand, und Gergö mochte ihn auch nicht besonders, sodass es für mich nie einen Grund gegeben hatte, näher mit ihm in Kontakt zu treten. Bis heute. Denn als er ebenfalls von den verschlossenen Türen zurück kam, gesellte er sich zu uns, da er Artjom von einer früheren Gelegenheit kannte... natürlich, es war Izhevsk, jeder kannte hier jeden von irgendeiner früheren Gelegenheit. So kam es zum fliegenden Wechsel der Gesprächspartner, da Artjom im gleichen Moment von einigen Kommilitonen in ein Gespräch verwickelt wurde. Wir beschlossen auf Artjom zu warten und setzten uns in die Sonne. Wir stellten fest, dass wir beide auf unseren Reisepass warteten -Zsolt wollte am Abend in einen Club gehen, der Ermäßigungen für Ausländer bot, und allein mit schlechtem Russisch bekam man den Rabatt wahrscheinlich nicht.
Ich rief schließlich Aliza an, die versprach, dass wir die Pässe 16 Uhr abholen könnten.
Zsolt hatte wie Gergö eigentlich nichts zu tun, da sie beide keine Kurse an der Universität belegten, deshalb beschloss er, sich uns anzuschließen. Artjom und ich wollten noch ein wenig spazieren gehen, und so liefen wir zu dritt eine Runde um den Block. Es war heiß und der Wind trieb den losen Sand auf den Wegen in sämtliche unbedeckten Körperöffnungen. Reden konnten wir so nicht, ohne ein Häufchen Sand danach auszuspucken. Artjom verabschiedete sich bald um zur Vorlesung zu gehen, und ich meinte, ich nun wollte einkaufen gehen. Das war Zsolts Stichwort, denn einkaufen was sowas wie ein Hobby für ihn - ganz besonders da ich in den großen "Karusel"-Supermarkt im Talisman-Einkaufszentrum gehen wollte.
Ich hatte die Nummer des Busses vergessen, aber Zsolt war sich ganz sicher, dass es Nummer 22 war. Erst 10 Minuten später stellten wir fest, dass Bus 22 gar nicht von dieser Haltestelle abfuhr. Er erinnerte sich, dass er das letzte Mal von der nächsten Haltestelle abgefahren war, also gingen wir eine Haltestelle weiter - und wieder kein Bus 22. Von allen Busnummern sah mir die 29 am sympathischsten aus, und ich zog den sich zierenden Zsolt in den nächsten Bus der Nummer 29 hinein. Meine Wahl hatte sich als richtig erwiesen, wir kamen an dem vertrauten Straßenmärktchen vorbei, wo ich mit Murik vor scheinbar Ewigkeiten den Dosenöffner gekauft hatte, dann fuhren wir an den schiefen Zäunen einer Gartenkolonie vorbei und erreichten das Einkaufszentrum.
Zsolt war ganz in seinem Element, und auch ich begann den riesigen Supermarkt so richtig zu genießen. Das erste Mal hatte ich nicht viel Geld dabei gehabt und bei jedem Artikel den Gesamtpreis im Kopf überschlagen, aber diesmal konnte ich in die vollen gehen - und sogar Geschirr kaufen. Die Suche nach dem verschwundenen Teller hatte ich nun aufgegeben und kaufte mir deshalb gleich drei Teller verschiedener Größe und Tiefe aus dem Sonderangebot. Das sollte erstmal reichen, und wenn mir diese Teller auch geklaut würden, wusste ich nun, wo ich preiswertes Geschirr kaufen konnte. Am Ende würde ich das ganze Wohnheim allein ausstatten.
Zsolt erwies sich als ein Gentleman. Er bot an, meinen schweren, mit Getränken vollgepackten Rucksack zu tragen, wenn er seine Weinflasche dort mit unterbringen könnte. Das Angebot ließ ich mir nicht zweimal machen, dass ich hatte es mit dem Einkaufen etwas übertrieben und befürchtete schon, der Rucksack würde mir noch auf dem Rücken auseinanderbrechen. Zsolt stöhnte beim Anheben des Rucksacks, hielt sich aber tapfer.
Es war nun schon fast 16 Uhr und wir lagen gut in der Zeit um unsere Pässe abzuholen. Nur dummerweise hatte ich nicht bemerkt, dass Aliza versucht hatte mich anzurufen, doch ich konnte sie selbst nicht erreichen. Dafür hatte Dima angerufen um sicher zu stellen, dass ich die Einladung nicht vergessen hatte und den Weg zu seinem Haus wiederfinden würde - es war ja schon eine Weile her, als wir nach dem Cisco-Praktikum zum Teetrinken und Pelmeni-Essen bei ihm waren. Ich bestätigte, dass ich es noch wusste: Hinter dem Supermarkt in der Nähe der Haltestelle bei Gebäude 5. Alles klar, Wohnung Nummer 26.
Im Auslandsamt arbeitete nur eine einzige Mitarbeiterin, mit der keiner von uns bisher Kontakt gehabt hatte. Aus irgendeinem komischen Grund versuchen wir beide mit ihr auf Russisch zu sprechen bis sie uns nach einigen Minuten mit einem recht guten Englisch erlöste. Sie versuchte irgendjemanden zu erreichen, der vom Verbleib unserer Reisepässe wusste. Doch alle Handys, die sie anrief, klingelten in diesem leeren Büro. Es war heute eine seltsame Atmosphäre in der Universität. Kaum jemand schon noch im Gebäude zu sein, und die wenigen, die noch da waren, befanden sich geistig schon im Wochenende und den Feierlichkeiten zum ersten Mai. Ich wollte morgen unbedingt die Demonstrationen sehen, denn im Internet hatte ich Fotos gefunden, die hunderte von Menschen mit roten Sowjetunion-Flaggen zeigten, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allerdings hatte mir noch niemand sagen können, wo genau es war ("im Zentrum"), und wann es begann ("morgens"). Niemand schien ernsthaft Interesse daran zu haben, es sich anzuschauen.
Jedenfalls wären wir fast unverrichteter Dinge zurück ins Wohnheim gegangen, wenn nicht Marina gekommen wäre und meinte, dass Aliza die Reisepässe um 18 Uhr ins Wohnheim bringen wollte.
Unerwarteterweise klappte es. Sie gab mir auch die Pässe für Zsolt und Gergö, die ich gleich zu ihnen brachte. Eigentlich war ich gerade auf dem Sprung, da ich ja noch zu Dima wollte, aber die Situation, in der ich Aliza nun sah, war einfach zu köstlich um gerade jetzt das Haus zu verlassen: Etwa 15 Ägypter standen um sie herum und redeten auf sie ein. Sie schaute wie ein Reh von einem zum anderen: "Aber das kann ich nicht machen..." Was hatten sich die Ägypter jetzt schon wieder ausgedacht? Ich fragte, was los sei. Sie erklärten mir, dass sie versuchten, unsere Prüfung im Fach "Antennen" um eine Woche zu verschieben, da sie nächste Woche über die Feiertage nach Jekaterinburg fahren wollten, aber eben unsere Prüfung dummerweise an jenem Samstag stattfinden sollte.
"Du kannst doch sicher etwas machen, wenn du nur mit ihm reden würdest...", bat Mohammed Aliza wieder.
"Aber ich kenne ihn doch nicht mal!"
Mir wäre es nur allzu recht gewesen, die Prüfung zu verschieben, das ich noch nicht einmal angefangen hatte, die Prüfungsfragen auszuarbeiten, die uns Professor Puschin gegeben hatte - und es war eine ziemliche Liste, die einem schon auf den ersten Blick die Laune verdarb.
"Könntest du ihn nicht anrufen und mit ihm reden?"
"Aber ich habe nicht mal seine Telefonnummer...", meinte sie schon ganz verzweifelt. Aber irgendwie hatte sie es schon einmal erreicht, eine Vorlesung bei diesem Professor ausfallen zu lassen - nämlich als es um den Wettbewerb im Wald ging. Natürlich war es nur eine Ausrede von Aliza, dass sie seine Telefonnummer nicht hatte, und so zog ich meinen Trumpf aus dem Ärmel und mein Handy aus der Hosentasche: "Also ich hab seine Telefonnummer"
Mohammed nahm sein Handy und speicherte die Nummer ab. Dann reichte er es Aliza.
"Bitte, biiiiitte!"
Sie wand sich. "Warum ruft ihr nicht selber an?"
Die Ägypter redeten sich heraus, alle auf einmal... "Sein Englisch ist so schlecht... wir verstehen ihn nicht... " Sie wussten, dass sie mehr Erfolg in ihrem Plan haben würden, wenn jemand Offizielles vom Auslandsamt um eine Verschiebung der Prüfung bat.
So ging es noch eine ganze Weile und ich musste nun wirklich los. Das letzte Argument, das ich noch hörte, war: "Ich kann ihn doch nicht anrufen, wenn ich seinen Vatersnamen nicht kenne." Das versetzte die Ägypter in Erstaunen. Vatersname? Was ist das denn? Sie schienen wirklich nicht viel Kontakt zu Russen zu haben. Ich sprang ein und erklärte, dass es eigentlich nicht korrekt war, wenn wir Albert "Dr. Abilvo" nannten, erstens weil er seinen Doktortitel noch gar nicht hatte, und zweitens, weil man in Russland als höfliche Anrede eine Kombination aus Vornamen und Vatersnamen verwendete. Der Vatersname setzt sich zusammen aus dem tatsächlichen Namen des Vaters und dem
Anhang der Nachsilbe -owitsch oder auch -ewitsch für einen Mann, und -owna oder -ewna für eine Frau. Im Fall von Albert wäre dies "Albert Wienerowitsch".
Allerdings gelang es mir nie, seinen Vatersnamen ohne breites Grinsen auszusprechen, und ich hatte schon für sehr viel Heiterkeit unter meinen russischen Kommilitonen gesorgt, wenn ich ihnen erklärte, was im Deutschen eine Wiener ist.
Manche Ägypter hatten es sich teilweise noch einfacher gemacht und nannten ihn einfach "Dr. Albert". Ich fand, das klang irgendwie niedlich, wie eine Sendung über einen Tierarzt.
Das Ende der Verhandlungen mit Aliza hörte ich jedenfalls nicht mehr; ich schlug noch vor, sie sollten auf der Internetseite der ISTU im Professorenverzeichnis nach seinen Vatersnamen schauen, dann machte ich mich wirklich auf den Weg. Erst am nächsten Tag traf ich Mohammed wieder und erfuhr, dass sie Aliza erfolgreich überredet hatten, und sie wiederum Professor Puschin erfolgreich überredet hatte.
Ich erreichte Dimas Haus noch nicht allzu spät - dachte ich. Als ich bei der Nummer 26 klingelte, hörte ich eine fremde russische Stimme aus der Gegensprechanlage. Ich entschuldigte mich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, konnte aber nicht erklären, worin der Fehler bestand und entfernte mich vom Haus um Dima anzurufen. Er beschloss mich von der Bushaltestelle abzuholen um weitere Missverständnisse zu vermeiden. Ich wartete also. Zwei Mädchen im Alter von vielleicht 15 kamen auf mich zu und baten mich um Geld. Sie sahen aus, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Ich hatte keine Lust, mich darauf einzulassen und sprach demonstrativ auf Englisch, dass ich sie nicht verstand. Auf diese Weise wird man hier am schnellsten Leute los, die etwas von einem wollen. Und tatsächlich zogen sie - nach einem weiteren erfolglosen Versuch, mir auf Russisch Geld abzuknöpfen - davon.
Dima kam und als ich ihm von der Begegnung erzählte, meinte er, ja, das sei normal, und ich konnte froh sein, dass es die Mädels gewesen waren, und nicht die Männer, die hinter ihnen standen. Dieses Stück Information war mein "Was-zum-Teufel-Moment des Tages". Mit diesem Begriff hatte ich begonnen, die Dinge zu bezeichnen, die mich in Russland immer noch von Tag zu Tag überraschen oder ganz unerwartet treffen. Tatsächlich hatte ich jeden Tag einen dieser Momente. Ich musste dafür manchmal noch nicht mal das Haus verlassen. Zum Beispiel als ich mir letztens ein Butterbrot mit Käsebelag schmierte. Als ich den Käse aus der Folienverpackung nahm, bemerkte ich einen Metallstreifen und sah genauer hin: Es war eine Diebstahlsicherung. Für Käse. Das muss man den Russen erstmal nachmachen.
Dima hatte dazu gemeint, dass die Russen sehr gern kleine Dinge wie ein Stück Käse in ihren Taschen verschwinden ließen. Tatsächlich hatten mir schon mehrere Leute bestätigt, dass die Russen alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Zum Beispiel als ich im Zug nach Sankt Petersburg meinen Handy-Akku an einer der Steckdosen im Gang auflud, hatte Albert darüber den Kopf geschüttelt und darauf bestanden, dass ich mein Handy an eine Steckdose steckte, die sich in Sichtweite unseres Coupés befand. Angesichts dieser Informationen bin ich dafür, unsere Vorurteilsstruktur zu überdenken - wenn nicht mal die Russen ihren eigenen Landsleuten vertrauen, wird es Zeit, die Polen vom Ruf der Langfinger Europas zu befreien und den Russen diesen Titel zu verpassen. .
Dimas Haus ließ sich übrigens leicht finden; es stellte sich heraus, dass es zwei Supermärkte an der Bushaltestelle gab, deren Hinterhöfe sich erstaunlich ähnlich sahen.
In der Wohnung traf ich auch endlich Dimas Verlobte Nastja. Vom ersten Eindruck der Wohnung hatte ich angenommen, dass sie eine dieser "meine Lieblingsfarbe ist rosa"-Frauen sei, mit denen nur schwer ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden ist, aber ich wurde positiv überrascht, denn sie war bodenständig und kumpelhaft, und so hatten wir drei eine tolle Zeit zusammen. Nastja fiel es am Anfang schwer, Englisch zu sprechen, denn sie hatte seit Jahren keine Übung mehr darin bekommen, aber nach einer Weile lief es wie geschmiert.
Sie hatte gerade das Abendessen zubereitete, eine Gemüsepfanne mit Hühnerkeulen, und ich bereute es schon, am Mittag essen gegangen zu sein. Tatsächlich schien es immer öfter so zu kommen, dass ich einen Tag lang überhaupt nichts Gescheites aß und am nächsten Tag gleich zweimal gutes Essen bekam. Ich musste lernen, wie ein Hamster auf Vorrat zu fressen.
Wir saßen noch bis 23 Uhr zusammen und tranken Tee. Solche gemütlichen Abende würden mir in Deutschland wirklich fehlen. Oder vielleicht war es die Gelegenheit, die russische Gemütlichkeit in Deutschland einzuführen?
Wir hätten sicher noch länger gesessen, aber ich musste mich langsam auf den Weg zurück machen, wenn ich nicht vor verschlossener Tür sitzen wollte - wobei ich natürlich noch später als 23 Uhr ins Wohnheim kam, aber ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, so ein Großmütterchen später als Mitternacht zu wecken, dass sie mich hinein ließ.
Übrigens hatte ich erstaunliches Glück, dass ich an diesem Tag die Bekanntschaft mit Nastja gemacht hatte, denn sie wurde von ihrem Arbeitgeber verpflichtet, an den Demonstrationen zum ersten Mai teilzunehmen, und so verabredeten wir uns, morgen gemeinsam ins Zentrum zu fahren und zusammen daran teilzunehmen. Nastja und Dima boten mir an, gleich bei ihnen zu übernachten, aber ich wollte ihre Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.
Im Internet traf ich noch auf Olga, die meinte, seit Ewigkeiten nicht mehr an den Demonstrationen teilgenommen zu haben, und so verabredete ich mich mit ihr im Zentrum - passenderweise vor der Lenin-Bibliothek.
Am nächsten Tag fuhr ich also um 8:30 erstmal zu Dima und Nastja. Es fiel mir schwer, um diese Uhrzeit aus dem Bett zu kommen - Russland hatte mich mit seinen 12-Uhr-Vorlesungen zu sehr verwöhnt, und ich brauchte mittlerweile einen Wecker um überhaupt um 11 Uhr aufstehen zu können.
Bei Dima und Nastja bekam ich erstmal einen warmen Tee, und Nastja bat mich, in der Küche mit ihr platzzunehmen, da Dima am Morgen von einem Arbeitskollegen angerufen worden war - ohne ihn ging nichts auf Arbeit, nicht mal an einem Feiertag. Nun musste Dima über Internet ein Problem beheben, und wir nutzten die Zeit für ein kleines Frühstück. Olga wartete sicher schon im Zentrum. Ich gab ihr bescheid, dass es wohl ein bisschen länger dauern würde.
Als wir schließlich das Haus verließen, schien die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Nastja grüßte einen uns entgegenkommenden bärtigen Mann und meinte, das sei ihr Chef, der ihr gesagt hatte, sie solle an den Demonstrationen teilnehmen - er selbst war gerade auf dem Weg in seine Datsche, sein Wochenendhäuschen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel waren so ausgelastet, dass kaum in die Straßenbahn hinein kamen. Wir standen dicht aneinander gedrängt, aber irgendwie schaffte es die Ticketverkäuferin, sich durch die Menge zu drücken und Fahrkarten zu verkaufen.
Wir stiegen an der Karl-Marx-Straße aus und zur Richtung Lenin-Bibliothek, wo uns Olga entgegen kam. An der Straßenkreuzung sah ich schon die riesigen roten Flaggen durch die Luft wehen und Polizisten Wache stehen.
Ich machte Olga mit Dima und Nastja bekannt. Es war seltsam, einmal selbst Leute vorzustellen statt immer nur vorgestellt zu werden.
Gemeinsam gingen wir in Richtung der Kommunisten und bekamen schon auf dem Weg von einer älteren Frau eine Zeitung namens "Russische Patrioten" in die Hand gedrückt. Dima lachte sich schlapp.
Unter den Kommunisten befanden sich nicht nur ältere Leute, die sich die alten Zeiten zurückwünschten, sondern auch erstaunlich viele junge Leute. Dima erklärte, dass die meisten von ihnen Studenten waren, die von den Kommunisten angeworben wurden, oder auf Gut Glück zu den Demonstrationen kamen um sich etwas Geld dazu zu verdienen, nach dem Motto: Unter welcher Flagge laufe ich heute mal?
Ich finde, gerade bei den Kommunisten hat das Anwerben von Demonstranten etwas zutiefst Ironisches.
Zu meinem Glück hatten sie heute nicht allzu viel Erfolg mit dem Anwerben gehabt und hatten noch bündelweise Kommunistenfahnen zu vergeben. Als ich meinte, wie gern ich so eine Flagge hätte, sprang Olga sofort los und kam eine Minute später mit einer Flagge zurück, die sie mir schenkte. Sofort begannen wir Fotos zu machen: Mich mit der Fahne vor den Kommunisten, und dann Dima und ich posierend als die Statue "Der Arbeiter & die Kolchosebäuerin", die im Vorspann alter Sowjetfilme zu sehen war.
Dann bemerkte ich etwas Interessantes: Diese Kommunisten trugen nicht etwa Bilder von Lenin mit sich herum, sondern Bilder von Stalin auf großen Plakaten. Ich hatte zwar davon gehört, dass es in Russland noch einen Personenkult um Stalin gab, aber es selbst zu sehen, war schon etwas anderes.
Doch nicht nur Kommunisten waren gekommen, sondern eine ganze Reihe von Leuten, die wie Nastja ihre Arbeitsstelle repräsentieren mussten. Zumindest das erinnerte noch an die "guten alten Zeiten".
Dima kommentierte es so: "Der Hälfte der Leute wurde von ihrem Chef das Teilnehmen verordnet. Der Rest will die alten Zeiten wiederhaben oder sucht Krach mit der Polizei." Dabei deutete er auf eine kleine Gruppe junger Leute unter einer schwarzen Flagge. Es waren linke Antifaschisten, auf deren Flagge stand: "Izhevsk ohne Nazis". Dima meinte, dass sie normalerweise schon vorher von der Polizei aussortiert und gar nicht erst auf die Demo gelassen werden. Er erzählte, dass er selbst mal mit Freunden dabei mitmachen wollte, doch er hatte sich verspätet, und als er kam, waren alle seine Freunde schon verhaftet worden.
Während die Demo noch stand, gingen wir die Straße entlang um die Spitze der Parade zu finden. Es wurde immer mehr zum Volksfest je weiter wir vordrangen: Familien mit kleinen Kindern, die vollbepackt mit bunten Luftballons waren; Banner mit Firmenlogos spannten sich über den Menschenzug, russische und udmurtische Fahnen wurden durch die Luft geschwenkt, und sogar Leute in udmurtischer Nationaltracht liefen mit auf der Parade. Von der Partei "Einiges Russland" bekam ich ein Bändchen in den Farben Russlands, das ich mir das Schleife an meiner Jacke anbinden sollte. So gab ich ein seltsames Bild ab: Mit Kommunistenflagge und Abzeichen der regierenden Partei.
Das Militär durfte natürlich auch nicht fehlen! In einem Armeefahrzeug, das lustigerweise aus dem Bestand der US-Armee war, fuhren ein paar alte Veteranen mitten im Demonstrationszug. Stilecht war an dem Fahrzeug eine Kalaschnikow montiert.
Wir reihten uns vor ihnen in die Parade ein und liefen mit bis zum Präsidentenpalast, vor dem eine Tribüne aufgebaut war und der Präsident der udmurtischen Republik, Alexander Wolkow, breit grinsend und winkend die Demonstranten grüßte.
Doch hier näherte sich die Demonstration schon dem Ende. Es war eine unglaubliche Menge an Teilnehmern gewesen, aber die Parade selbst ging nur über einige Straßenzüge.
Wir stellten uns an den Straßenrand und beobachteten noch eine Weile Demonstranten kommen und sich sofort nach dem Passieren des Präsidentenpalast zu zerstreuen. Als letztes kamen die Kommunisten langsam anmarschiert, mit alten sowjetischen Siegesliedern und einer Ernsthaftigkeit, als hätte es niemals die Perestroika gegeben.
Aber nun begannen die richtigen Feierlichkeiten: Schon auf der Straße gossen sich die Teilnehmer klare Flüssigkeiten in ihre Becher und Tassen, die ganz eindeutig kein Wasser waren.
Nastja, Dima, ich und ein Großmütterchen, das sich zu uns gesellt hat. In der Kaffeetasse war eindeutig kein Kaffee.
Wir vier entschlossen uns, das Großmütterchen allein mit ihrem Wässerchen zu lassen und ein Café aufzusuchen, in dem wir zu Mittag essen konnten. Wir bestellten uns Pizza und Pasta - Gerichte, die es hier in jedem Café zu geben schien. Russische Pizza ist sehr gut und kann durchaus mit italienischer Pizza mithalten, allerdings ist der Belag manchmal etwas gewöhnungsbedürftig; so bekam ich heute eine Pizza mit Oliven, Wurststreifen und sauren Gurken.
Olga und ich begannen bald mit den Servietten Origami zu falten, und dann bat sie mich, ihr eine andere Figur beizubringen, die sie in meinem Fotoalbum in vkontakte gesehen hatte.
Später stieß eine weitere Bekannte von Dima zu uns; sie hatte einen seltsamen Mann dabei, der genau so aussah, wie man sich immer einen psychopathischen Massenmörder vorstellte: Hoch gewachsen mit extrem langen und dünnen Fingern; er wirkte ruhig und in sich gekehrt, aber sein Blick ließ meine Nackenhaare sich aufstellen. Ich sah mich schon gefesselt in einem Keller liegen und ihn mit psychopathischem Grinsen eine Kreissäge anschalten.
Nun, dieser Mann sollte keine Bekanntschaft von mir werden; er war ein Programmierer aus Moskau und nur bei Stasya auf Besuch, die ihn vorher auch nur über Internet kannte. Stasya hingegen sollte mir in den nächsten Wochen jedoch eine Freundin werden, und als wir später einmal über diesen seltsamen Mann sprachen, meinte sie: "Wir wollten zusammen nach Frankreich fahren, aber als ich ihn persönlich kennenlernte, wusste ich, dass ich es mit ihm auf keinen Fall unternehmen konnte."
Für heute allerdings war unser Treffen eher kurz. Olga musste nach Hause und wir verließen kurz darauf das Café um zu einem Open-Air-Konzert auf dem Hauptplatz der Stadt zu gehen, bevor sie am Abend alle zusammen in eine Biker-Kneipe gehen wollten, dann heute war auch der Start eines Motorrad-Treffens gewesen. Ich fühlte mich unglaublich müde und fand die Vorstellung eines Biker-Treffens überhaupt nicht verlockend, weshalb ich mich erst auf den Rand eines Springbrunnens zum Entspannen legte, und als ich dort einnickt, verabschiedete ich mich von den anderen - für heute seien es genug Abendteuer gewesen.
Zurück im Wohnheim traf ich Gergö im Gang und roch sehr genau, wie er seinen ersten Mai verbracht hatte, obwohl er gut einen Meter von mir entfernt stand. Ich witzelte, dass wir beide eine Fahne bekommen hätten - ich eine zum Schwenken, er eine von Trinken. Er war zu dicht um den Witz auf Deutsch zu verstehen. Er meinte, dass er den ganzen Vormittag schon getrunken hatte; er war mit Freunden beim Grillen gewesen und irgendwann weggenickt. Jetzt bräuchte er eine Dusche und dann sollte es weitergehen. Er lud mich dazu ein, aber ich lehnte dankend ab. Genug der Abendteuer! Ich wollte mich ein wenig ausruhen und dann die schon etwas zu lange wartende Arbeit fürs Studium in Angriff nehmen. Es war schwierig, sich bei so tollem Wetter und ständig ausfallenden Vorlesungen zum Selbststudium zu zwingen...
Diesen Sonntag wollte ich gemütlich angehen lassen. Ich sollte wohl damit anfangen, das dritte Cisco-Modul zu studieren, da ich am Montag die Vorlesung dazu hatte und lieber etwas vorarbeiten wollte um dieser Vorlesung auf Russisch folgen zu können. Wobei - niemand aus meiner Gruppe wollte im Moment mit Cisco weitermachen, da sie für das dritte und vierte Modul bezahlen mussten, und so bestand eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass ich allein in der Vorlesung sitzen würde. Dann konnte ich vielleicht Albert überzeuge, sie auf Englisch zu halten. Wenn er sie für eine Person überhaupt halten würde. Aber wir werden sehen.
Ich hatte gerade mit Cisco angefangen und die Arbeit wieder zur Seite gelegt um mir ein frühes Mittagessen zu kochen, als mich die Omi des Tages (die Etagenfrau) abfing und mich bat, ihr Origami beizubringen. Während das Essen also vor sich hin kochte, zeigte ich ihr, wie man Lilien faltet. Was bekam sie überraschend schnell zustande, und gleich wollte sie mehr lernen. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit, dachte ich zumindest, und begann ihr eine andere Grundform beizubringen, da rief Pascha an und sagte, dass der Tanzwettbewerb jetzt schon begann statt wie angekündigt erst um 13 Uhr. Eilig verschlang ich die Nudeln während ich mich anzog und mich bei der Omi des Tages entschuldigte, dass ich schon zu spät dran sei... Die Blätter ließ ich ihr da, weil sie meinte, dass sie noch üben wolle.
Das "Integral" lag zum Glück nicht weit entfernt, so erreichte ich es schnell. Am Eingang wurde ich von mehreren Seiten gleichzeitig auf Russisch angesprochen, was meine geistigen Fähigkeiten deutlich überschritt, weshalb ich automatisch auf Englisch antwortete, dass sie doch bitte langsamer sprechen sollten. Es ergab nicht viel Sinn in dem Moment, aber es erreichte seinen Zweck. Das Mädchen an der Kasse lachte und stellte sich auf Englisch vor. Pascha hatte erwähnt, dass ich kommen würde, erfuhr ich. Und ich durfte kostenlos rein. Ein anderes Mädchen, das ständig das Telefon am Ohr hatte, forderte mich auf, mit ihr zu kommen; sie wollte mich zu Pascha bringen. Der spielte aber schon auf seiner Gitarre, zusammen mit seinen Gruppenkameraden. Sie trugen seltsame Uniformen voller Anstecker, die wie Orden aussahen. Um sie herum standen hunderte von Studenten in seltsamen bunten Kostümen, die sich alle eingehenkelt hatten und zu der Gitarrenmusik mitsangen und die Hüften schwangen. Es erinnerte eher an Karneval und ich dachte, ich sei im falschen Film.
Egal wie lange man in Russland ist, man wird immer wieder überrascht, besonders wenn man denkt, dass man alles gesehen hat. Nach einigen Lieder vor Schluss und ich stellte fest, dass es nur die Einstimmung auf den Tanzwettbewerb gewesen war. Im Gedränge fanden Pascha, Olga und ich uns schließlich wieder; Olga war erst nicht reingekommen, weil die Karten ausverkauft gewesen waren. Dann hatte man sich entschieden, mehr Zuschauer hinein zu lassen. Der Zuschauerraum füllte sich bis auf den letzten Platz, und selbst dann riss der Strom der Zuschauer nicht ab. Es wurden schließlich die Emporen geöffnet, und ein Erdbeben verursachend stürmten die Zuschauer nach oben. Viele hatten lange Flaggen dabei um ihr Lieblingsteam wie bei einem Sportwettbewerb anzufeuern.
Dann begann es.
Die Tanzstile wurden von den Teilnehmern wild gemixt; in einem Moment wurde Ballett getanzt, und im nächsten wechselte dieselbe Tanzgruppe zu modernem Ausdruckstanz, Breakdance oder etwas ganz Eigenartigem. Zwischendurch führten die Veranstalter kleine Sketsche zum Thema "Mafia" und "Gangster in Chicago" auf.
Die Gruppen hatten sich alle sehr viel Mühe gegeben, eine Hintergrundgeschichte für sich zu finden; einige brachten eigene Bühnenbilder mit oder nutzen Lichteffekte, andere kleideten sich als fette Fliegen und ließen sich in einer Tanzperformance von einem Riesenschuh erschlagen, oder andere brachten die Teletubbies mit auf die Bühne oder legten kleine Strips ein.
Sehr viele Teilnehmer setzten auf Nostalgie; führten russische Tänze in traditionellen Kostümen auf oder tanzten zu bekannten Liedern aus Sowjetzeiten, bei denen das Publikum hysterisch zu klatschen und jubeln anfang. Diesmal fand keine Kalaschnikow ihren Weg auf die Bühne, dafür aber eine übergroße rote Sowjetunion-Flagge.
Ein Junge, der nicht ganz 10 Jahre alt gewesen sein konnte, führte beeindruckenden Breakdance auf, wirbelte in Saltos durch die Luft und drehte sich auf dem Kopf stehend.
Mitten in der Veranstaltung begann man unvermittelte den gefallenen Soldaten des zweiten Weltkriegs zu gedenken; wir alle mussten aufstehen und eine Schweigeminute einlegen. Dabei war es noch nicht einmal der neunte Mai, an dem der Tag des Sieges über Deutschland gefeiert wird. Das ist eben auch Russland...
Der ganze Wettbewerb dauerte drei Stunden; am Ende wurde der dritte, zweite und drei erste Plätze vergeben, und am Ende noch der wahre Sieger des Wettbewerbs, die die Trophäe bekam. Diese Gruppe hatte auf die Jungtalent-Karte gesetzt und gewonnen. Sie hatten ein Mädchen zu ihrem Star gemacht, das gerade mal sechs Jahre alt war, aber erstaunlich viel Talent hatte. Der Saal tobte als die Gewinner bekanntgegeben wurden, Zuschauer wurden ausversehen von Fahnen erschlagen und alles taumelte in einen Freudentanz.
Pascha brauchte länger nach draußen, da er einen ganzen Haufen Leute umarmen musste. Olga und ich warteten draußen auf ihn.
Die Sonne schien hoch am schon sommerlichen Frühlingshimmel und wir kamen darauf, dass es eine gute Idee wäre, ein Eis zu essen. Als wir dann im Laden waren, kamen wir darauf, dass wir im Wald ein Lagerfeuer machen könnten. So kauften wir Würste, Saft und Plastikbecher und gingen in den nie so weit entfernten Wald - der in diesem Fall gleich hinterm Haus begann. Es hat manchmal auch einen Vorteil, in der Pampa zu leben...
Wir waren nicht die einzigen mit dieser Idee gewesen, schon auf den ersten 100 Metern brannten zwei Lagerfeuer. Wir fanden den perfekten Platz nah am Wegesrand mit einem Baumstumpf als Tisch, dem umgesägten Baum als Sitzplatz und einen Platz in der Mitte mit angesengten Holzscheiten, die wir nur noch von Bier- und Schnapsflaschen befreien mussten. Pascha und ich begannen Holz zu sammeln, Olga kümmerte sich um unsere Vorräte, öffnete die Wurstpackung und teilte das Brot ohne ein Messer zu haben in relativ regelmäßige Scheiben.
Wir mussten nicht einmal Rinde besorgen, da noch genug trockener Pappkarton von unseren Vorgängern dagelassen worden war. Wir begannen mit trockenen Ästen und Farnen und steckten dann größere Äste nach. Olga bemühte sich derweil, die gefrorenen Würstchen auf Äste zu spießen. Sie nahm das schmale Ende dafür, das sich erwartungsgemäß bog und wand. Praktischerweise hatte ich meine Schere dabei und schnitze zwei schöne Spieße für unsere Würstchen.
Pascha begann auf der Gitarre zu spielen und zu singen, Olga grillte die Würstchen und ich hielt das Feuer am Leben. Viele Äste waren noch nass und morsch, und im Feuer begannen sie einen dichten weißen Rauch freizusetzen. Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend es war, sich um ein Lagerfeuer zu kümmern, aber der russische Wald war eine schier unerschöpfliche Quelle für Feuerholz, selbst wenn es jeden Tag ein Lagerfeuer an dieser Stelle geben sollte.
Es kamen immer wieder Leute vorbei, einige blieben stehen um zu plaudern; sie hatten Pascha singen gehört und waren ganz interessiert... am Ende hatte Pascha die Telefonnummer eines Mädchens, das noch einen Tanzpartner suchte.
Der Wind blies die Asche munter durch die Luft und drehte so oft, dass man gar nicht schnell genug in Deckung gehen konnte. Am Ende rochen wir alle wie frisch gegrillte Würstchen, meine Finger schmerzten von den sperrigen Ästen und den Malen, als ich beim Nachlegen dem Feuer zu nahe gekommen war, aber es hatte sich absolut gelohnt. Es war das beste Abendessen seit Langem für uns alle, lachten wir und warfen die verbrannten Wurststücke zurück ins Feuer.
Langsam verlosch das Feuer und es wurde kühl, obwohl es ein schöner, sonniger Frühsommertag war. Wir traten schließlich das Lagerfeuer breit und überlegten uns, wie wir die Glut löschen sollten. Viel würde wahrscheinlich nicht passieren können, wenn wir es einfach so liegen ließen, aber wir waren ja vorbildlich... Pascha poste also erstmal für die Kamera, dass es aussah, als würde er das Feuer auspinkeln, dann zog mich Olga fort, dass Pascha es - mangels Wasser - wirklich auspinkeln konnte.
Die beiden brachten mich zurück zum Wohnheim. Anders als gestern trug Olga kein kurzes Röckchen und musste nicht rennen um warm zu bleiben. Dabei war das Wetter heute so angenehm warm gewesen, sodass sogar ich einen Rock angezogen hätte, wenn ich so etwas besitzen würde.
Ich hätte beide gern noch in mein Zimmer auf einen Tee eingeladen, aber ohne offizielle Erlaubnis durfte niemand hoch, obwohl ich von einer Liste gehört hatte, auf der alle Studenten standen, die mit den Ägyptern in Kontakt treten sollten und deshalb von 12 bis 18 Uhr Zugang zum Wohnheim hatten. Wer auf der Liste stand, wusste allerdings niemand, und selbst, ob diese Liste es bis in die Amtsstuben hinein und wieder hinaus geschafft hatte, war nicht bekannt. Ich stütze mich hier auf Gerüchte. Schön wäre es natürlich, Besuch empfangen zu können - dann hätte ich endlich mal einen Grund, mein Zimmer aufzuräumen.
Für Montag war ich mit Albert zum Mittagessen verabredet gewesen, aber am Morgen schrieb er mir per SMS, dass er sich plötzlich überhaupt nicht gesund fühle und ins Krankenhaus gehen wollte. Er hatte schon am Samstag am Telefon nicht gut geklungen und es schien noch schlimmer geworden zu sein. Ich bat ihn, mich auf dem Laufenden zu halten, da ich nicht einschätzen konnte, wie schlimm es um ihn stand, wenn er schon ins Krankenhaus musste, aber wahrscheinlich hatte er gemeint, dass er zu seinem Hausarzt ging, denn unser Krankenhausbesuch vor dem Wettbewerb im Wald war auch nur ein Besuch beim Hausarzt gewesen, der seine Praxis eben im Universitätskrankenhaus hatte. Ich vermutete, dass es in Russland üblicher war als bei uns.
Sorgen machte ich mir erst, als ich bis Dienstagabend nichts mehr von ihm hörte und fragte schließlich nach. Der Arzt hatte keine Ahnung, was Albert fehlte, hatte ihm aber zu viel Schlaf geraten, und das tat er den ganzen Tag, schrieb er. Dann hörte ich bis Mai nichts mehr von ihm. Es musste ihn wirklich schlimm erwischt haben, denn er schickte keine einzige E-Mail in dieser Zeit, nicht einmal eine Cisco-Rund-Mail an alle Studenten, mit denen er sonst fast jeden Tag mein Postfach füllte. Fristen wurden nicht verlängert, und Studenten hingen so kurz vor den Prüfungen in der Luft. Viele schrieben mich an, ob ich Neuigkeiten bezüglich seines Verbleibs hatte, aber ich musste sie enttäuschen. Niemand schien zu wissen, wann - oder ob er wiederkommen würde. Vor zwanzig Jahren hätte man wohl vermutet, er sei in den Westen geflüchtet.
Zumindest hatte ich so im Bereich des Studiums eine ganze Menge Freizeit, die ich mit Genuss nicht zu nutzen wusste, soll heißen, ich gammelte die nächste Zeit eigentlich nur herum. Die Vorlesung bei Professor Puschin fiel wie schon erwähnt durch den Ersten-Mai-Feiertag aus, und unser Stundenplan war geändert worden, sodass ich das Cisco-Praktikum gleich im Anschluss des Russisch-Kurses am Dienstag hatte, statt wie vorher am Freitag. Das hieß für mich nun, dass ich ohne Alberts Verlesungen nur noch einen Unterrichtstag pro Woche hatte. Das klang vielleicht am Anfang toll, aber schon nach ein paar Tagen begann ich mich unglaublich zu langweilen und mich nach einem geregelten Studienalltag zurück zu sehnen. Meine letzte richtige Vorlesung bei Albert hatte noch vor Sankt Petersburg stattgefunden, und das war schon über zwei Wochen her, als er mir an jenem Montag mitteilte, dass bis auf weiteres sämtliche Vorlesungen ausfielen. Und dann begann es zu schneien.
Zuerst hielten wir es für eine seltsame Wetterlaune, als Murik und ich an diesem Abend aus dem Fenster schauten und unseren Augen nicht so recht trauen wollten. Der Schnee lag bereits fingerdick auf dem Balkongeländer. Murik meinte, das es morgen früh sicher wegschmelzen würde.
Als ich an diesem Abend vom Cisco-Praktikum nach Hause kam, das ausnahmsweise am Montag stattfand, hatte die die plötzliche Kälte wohl bemerkt, aber angenommen, dass ich es mir einbildete und zu dünn angezogen war. Dem Thermometer am Gebäude 1 konnte man auch nicht mehr vertrauen; das hatte gestern nach unserem Lagerfeuer -1 Grad angezeigt.
Doch der Schnee wollte gar nicht mehr aufhören zu fallen. Es schneite die gesamte Nacht durch und am Dienstagmorgen wirbelten noch immer die Flocken durch die Luft, der Boden war mit einer dicken Lage Schneematsch bedeckt und die Autos vor dem Wohnheim hatten eine weiße Haube bekommen. Die ersten grünen Blätter der Birken waren unter dem Schnee verschwunden, die Zweige hingen traurig nach unten; nur an wenigen Stellen schimmerte noch etwas Grün hindurch.
Meinen Wintermantel und die Stiefel hatte ich schon ganz hinten im Schrank verstaut, und nun musste ich alles wieder vorkramen; Mütze, Schal und Handschuhe. Was war das nur für ein Wetter? Hatte uns der isländische Vulkan nun eine neue Eiszeit beschert?
Der Schnee blieb noch bis Donnerstag liegen. Während dieser Zeit wurde ich immer wieder mit dem Satz "frohes neues Jahr" begrüßt. Das war der typische russische Humor.
Dass der Schnee zu schmelzen begann, spürten wir als erstes im Computerraum des Wohnheims, denn dort tropfte er in flüssiger Form durch die Decke. Beim Hineinkommen wäre ich fast über einen Eimer zum Wasserauffangen gestolpert. Über die ganze Länge des Raumes hin zog sich ein breiter Streifen, aus dem es munter tropfte. Murik hatte seinen Computer ein Stück zur Seite gerückt und mit Plastiktüten abgedeckt. Das Dach sei schon seit Monaten undicht, meinte er nur. Repariert werden würde es - genau wie die Tür - wahrscheinlich nie.
Mein Stammplatz war zu einem kleinen Teich geworden und mein Origami eingeweicht. Nach zwei Monaten in Russland nahm ich es nur noch mit einem Schulterzucken hin und suchte mir trockeneren Platz.
Während der vielen Freizeit, die ich nun hatte, kam ich endlich zu vielen Dingen, die ich lange Zeit aufgeschoben hatte, zum Beispiel das Bezahlen meiner Miete. Während des ersten Monats hier hatte niemand so recht gewusst, wo ich die bezahlen musste, aber selbst als Marina es für mich herausgefunden hatte, gingen noch gut zwei Wochen ins Land bis ich mich dazu aufraffte, es zu erledigen. Das Lustige daran ist, dass ich wahrscheinlich überhaupt keine Miete hätte bezahlen müssen, wenn ich mich nicht bei der Kassenstelle gemeldet hätte, denn dort gab es keinerlei Akte von mir, kein Vermerk über mich. Marina und ich standen also gut 20 Minuten an der Kassenstelle während gleich drei Mitarbeiter versuchten herauszufinden, wer ich war und wofür ich zahlen musste. Wir plauderten in der Zwischenzeit, denn es gab immer etwas mit ihr zu bereden und zu diskutieren, weswegen meine Auslandsamtaufenthalte gewöhnlich nicht mit "kurz vorbeischauen" erledigt waren. Doch ich mochte sie gern, und mit unseren Unterhaltungen verlernten wir beide unser Deutsch nicht... ich fand es sehr amüsant, dass sie auch mit Gergö immer auf Deutsch sprach - eine Russin und ein Ungar unterhielten sich lieber in der Weltsprache Deutsch.
Eine Mitarbeiterin der Kasse kam schließlich mit einer Liste zurück, in die sich mich nun eintragen hatte und ich bezahlte sowohl für die zwei Monate und die genau abgezählten Tage, die ich nun schon hier war, als auch für den nächsten Monat. Die Miete war ab Mai auf 1900 Rubel erhöht worden, und das waren immer noch nicht ganz 50 Euro.
Ich habe übrigens endlich das Einkaufszentrum "Talisman" gefunden, das Albert mir vor einigen empfohlen hatte. Ich hatte die Suche nie ganz aufgegeben, aber mein Scheitern praktisch akzeptiert. Und nun folgte ich der Wegbeschreibung der Lehrerin, die ich im Zug von Sankt Petersburg zurück kennengelernt hatte. Sie hatte nämlich einen großen Supermarkt in der Nähe meiner Universität gekannt und mir den Straßenverlauf aufgemalt. Und zufällig befand sich dieser Supermarkt im gesuchten Einkaufszentrum. Das Einkaufszentrum sah eher steril und unbewohnt aus; es gab viel freie Geschäftsfläche und kaum Kunden, doch im Keller befand ich der Supermarkt, und es war das Paradies: 100 Meter Nudeln, 50 Meter saure Gurken, 200 Meter Grillzubehör... das brauchte ich zwar alles nicht, aber es war schön zu wissen, dass es hier existierte, wenn man es einmal brauchen sollte. Als Kind des Kapitalismus fühle ich mich nur in diesen riesigen Supermärkten wirklich zu Hause.
Nur dummerweise hatte ich nicht mehr viel Bargeld dabei und man hatte vergessen, in diesem Einkaufszentrum einen Geldautomaten aufzubauen. So konnte ich mich leider nicht dem Einkaufsrausch hingeben, sondern kaufte nur das Allernötigste vom Unnötigen. Was es zum Beispiel gab... Milch in echten Packungen statt in der labbrigen Tüte, die mir einmal fast übers Notebook ausgekippt war... es gab eine Menge Tiefgefrorenes - wie Pommes Fittes! Nach monatelanger Suche lagen sie schon fast unauffällig in der Tiefkühltruhe, sogar mehrere Sorten. So viel Auswahlmöglichkeit überforderte mich mittlerweile. Wie haben wir das in Deutschland noch mal gemacht? Ach ja, nach dem Preis-Mengenverhältnis geschaut. Lang ists her.
Wo ich schon einmal hier war, holte ich mir einen großen Vorrat Tiefgefrorenes, das ich nur noch in der Mikrowelle erhitzen musste und mir so trotz allgemeiner Faulheit regelmäßige Malzeiten erlauben würde.
Am Fleischstand traute ich meinen Augen nicht: Waren das Schnitzel? Echte deutsche, fertig panierte und abgepackte Schnitzel? Nein, war es nicht, stellte ich draußen fest. Es war eine Art frittierter Kartoffelteig gewesen, der mit Schlachtabfällen gefüllt war. Die Knorpel knackten zwischen meinen Zähnen und ich spuckte die Masse aus. Unglaublich, was in Russland als Mahlzeit verkauft wurde.
Nur eine Kleinigkeit hatte ich nicht bedacht als ich mir all die tiefgefrorenen Leckereien kaufte: Ich konnte sie nicht in der Mikrowelle zubereiten, weil mir doch mein Teller geklaut worden war und sich ein Metalltopf oder Plastikgeschirr wirklich schlecht in der Mikrowelle machte. Vorerst briet ich mir mein Tiefgefrorenes in der Pfanne und schnitt die verbrannten Stellen großzügig ab. Doch ich würde nicht um das Kaufen eines neuen Tellers herumkommen, wenn ich einigermaßen zivilisiert leben wollte.
Am Dienstag bekamen wir auch unsere Russischprüfung korrigiert zurück. Unter meiner stand nur
"molodez" als Note, was soviel hieß wie "Prachtkerl". Aber es war wohl dieser Kindergartenprüfung angemessen; fast hätte ich erwartet, einen Bienchen-Stempel darunter zu finden und dann noch ein Bienchen ins Mutti-Heft zu bekommen. Nicht mal die Ägypter wussten, wofür sie diese Prüfung geschrieben hatten - ob sie dafür eine Notenbescheinigung bekamen oder nicht. Ich fände es schon praktisch eine offizielle Bescheinigung zu haben, obwohl es bei einer Sprache wirklich egal ist, ob man einen Kurs erfolgreich abgeschlossen hat oder nicht, am Ende zählt, wie gut man sie sprechen konnte. Und da war ich noch auf einem langen Weg.
Am Donnerstag war ich wieder einmal in der Schule Nummer 22 eingeladen um die 9. Klasse wiederzusehen. In der Stunde sollte es um Musik gehen. Wowa wäre gern mitgekommen, hatte aber keine Zeit. Er schrieb mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte, und so machte ich mich kurz nach 9 auf den Weg. Bus Nummer 14 kam sogar nach einer Weile; auf dem Weg erkannte ich die Landwirtschaftliche Akademie wieder, die geschlossenen Fabriken, die "Deutschen Häuser" - eine neuere Wohnsiedlung mit blau-weißen Verzierungen - und erreichte meine Haltestelle, deren Namen ich überflog, feststellte, dass es nicht meine Haltestelle war, weil sie mit "A" begann und ärgerte mich, dass alle Straßen in Russland gleich aussahen. Erst als der Bus abfuhr, stellte ich fest, dass es gar kein A gewesen war, sondern ein hochgerutschtes russisches D, und dass es sehr wohl meine Haltestelle gewesen war. Das war doch schon fast zu peinlich um es hier zu schreiben. Aber gerade lustig genug dafür. Dank dieses Anfängerfehlers bekam ich die Gelegenheit, etwas Morgensport zu machen, da ich mich beeilen musste, von der nächsten Haltestelle aus die Schule rechtzeitig zu erreichen.
Natalija kam mich am Eingang abholen, aber Zeit für Tee hatten wir nicht mehr. Die Gruppe war kleiner als bei meinem ersten Besuch, gerade fünf Schüler. Die beiden Mädchen hatten einen Vortrag über ihre Lieblingssängerin vorbereitet, von der ich noch nie gehört hatte, die aber unter den Jugendlichen offenbar zur Zeit ganz oben in der Beliebtheitsskala stand. Ich fühlte mich plötzlich so alt. Die Mädels hatten Texte und Bilder aus der deutschen Wikipedia oder Bravo oder woher-auch-immer in eine Powerpoint-Präsentation kopiert und lasen sie abwechselnd vor. Anschließend spielten sie ein Musikvideo vor, in der sich eine nackte junge Frau mit Flüssigkeiten einrieb. Wenn das die jungen Mädchen von heute begeisterte, wie sollte die nächste Generation da noch eins draufsetzen können? Als ich in ihrem Alter war, galt Britney Spears als anzüglich und mir wurde verboten das Wort "geil" zu sagen. Hätten wir nur auf unsere Eltern gehört, wäre uns das vielleicht erspart geblieben.
Umso überraschter war ich vom nächsten Vortrag - über Tschajkowskij.
Das Mädchen erzählte, dass sie seine Klavierstücke selbst in der Musikschule lernte und ein großer Bewunderer seiner Kompositionen war. Nach dem Vortrag stellten Natalja und ich Fragen dazu, und Natalija ermunterte ihre Schüler dazu, sich bei Fragen, wie etwas richtig auf Deutsch hieß, an mich zu wenden.
Die Jungs hielten keine Vorträge, sondern spielten Gitarre und sangen dazu. Der erste Junge war richtig talentiert und Natalija erzählte, dass sein Vater ein Jazz-Orchester in Izhevsk leitete, und schlug vor dass wir alle gemeinsam einmal zu einem der Konzerte gehen sollten. Der zweite Junge war weniger begabt, spielte aber trotzdem mit Hingabe.
Wieder einmal bestätigte sich meine Theorie, dass jeder - absolut jede männliche Person in Russland Gitarre spielen konnte. Die einzige Ausnahme davon war Dima. Meine Gruppenkameraden spielten; Albert hatte es gelernt; Professor Puschin offenbar auch, denn es war eine sehr abgenutzte Gitarre gewesen, die er zur Antennenvorlesung mitgebracht hatte; und sogar in unserem Computerraum im Wohnheim lag eine Gitarre herum, auf der Murik und Tofik von Zeit zu Zeit das Lied "Nothing else matters" einübten.
Nach dem Schreiben dieser Zeilen ritt mich plötzlich der Gedanke: Warum lernte ich nicht das Gitarre-Spielen? Beseelt von dieser Idee ging ich ins Computerzimmer, wo sich Murik eingeschlossen hatte und an seinem Projekt arbeitete. Er hatte eine sehr interessante Art zu arbeiten: Auf einem Monitor hatte er sein Projekt, und auf dem anderen Monitor lief ein Film, den er sich überhaupt nicht anschaute und auch nicht zuzuhören schien. Er meinte, damit könne er besser arbeiten, wenn die Arbeit besonders langweilig und eintönig war. Später probierte ich es selbst aus und stellte fest, dass er Recht hatte. Normalerweise schweiften meine Gedanken beim Lesen des Cisco-Materials im Minutentakt ab, aber mit einem Film im Hintergrund schaffte ich es viel länger ohne Unterbrechung das Material durchzuarbeiten. Wahrscheinlich wurde mein Unterbewusstsein mit dem Film so beschäftigt, dass es nicht mehr selbst für Ablenkung sorgen konnte. Aber das nur am Rande.
Ich sagte Murik also dass ich Gitarrenspielen lernen wollte und fragte, ob ich mit der Gitarre ein wenig probieren dürfte. Er grinste und begann mir Gitarrenunterricht zu geben. Zuerst die Haltung: Frauen spielten mit übereinandergeschlagenen Beinen die Gitarre seitwärts haltend, während Männer sie zwischen die Beine nahmen und schräg nach oben hielten. Aha. Rechte Hand Seite mit dem Klangkörper, die linke drückte die Seiten nieder. Der Daumen musste auf der Rückseite in die Mitte sitzen, und die Hand gerade sein, nur die Finger durften geknickt werden. Man spielte mit den Fingerspitzen, zeigte mir Murik, also ging ich mir kurzentschlossen meine langen Fingernägel abschneiden. Jetzt wurde mir auch klar, weswegen nur die männlichen Russen auf der Gitarre spielten, denn eine richtige russische Frau ging lieber zur Maniküre.
Murik spielte mir eine Tonleiter vor und zeigte mir die Gitarren-Noten am Computer. Verwirrend war für mich nur, dass die russischen Noten nicht c d e f und so weiter hießen, sondern do re mi sol... Murik hatte mir eine Übersicht über die Gitarrenseiten und Abschnitte in diesem Schema gemalt und übersetzte es anschließend für mich auf dem Papier, was eine ziemliche Konzentrationsübung darstellte und drei Anläufe brauchte.
Dann ließ er mich es selbst probieren und bald darauf spielte ich schon "alle meine Entchen". Besonders musikalisch bin ich nicht, aber vom jahrelangen Keyboard-Unterricht musste wohl doch etwas hängengeblieben sein.
Meine Finger begannen unglaublich zu schmerzen, und mein Ringfinger sah schon richtig blau aus. Konnte man blaue Flecken an den Fingerspitzen bekommen? Im Moment fühlte es sich ganz danach an.
Aber zurück an die Schule Nummer 22, denn diese Unterrichtsstunde war nicht das einzige, was mich an diesem Tag erwartete. Natalija überrumpelte mich etwas, als sie davon zu erzählen begann, dass heute ein Gedichtwettbewerb der Deutschklassen stattfinden sollte. Ob ich daran interessiert sei?
Eh ich mich versah, saß ich in der Jury und vergab Punkte für die Gedichtvorträge der 5. bis 7. Klasse. Die Jüngsten hatten sehr einfache Gedichte von teilweise nur wenigen Zeilen, aber einige waren richtig talentiert und trugen die Gedichte mit einer starken Betonung und sehr guten Aussprache vor - ich war wirklich beeindruckt.
Nach der ersten Runde wurde ich in die nächste weitergereicht. Die Lehrerinnen wechselten sich immer ab, sodass keine Lehrerin ihre eigene Klasse bewerten musste. Und so saß ich immer mit anderen Lehrerinnen zusammen in der Pause und musste die immer-gleichen Fragen beantworten, wie "was isst du am liebsten hier in Russland", sodass ich mir am Ende wie in einer Zeitschleife vorkam. Insgesamt waren es vier Runden mit jeweils anderen Schülern und Altersstufen, wobei die Hälfte der Schüler nicht anwesend war und ein paar Schüler neu hinzukamen, die nicht auf der Liste standen... ein Wunder, dass wir mit der Punktevergabe nicht durcheinander kamen. Wir durften auch nur Punkte von 0 bis 2 vergeben, was nicht viel Spielraum ließ, selbst wenn man halbe Punkte hinzu nahm. Am Ende musste ich den neuen Lehrerinnen in den nachfolgenden Runden das Punktesystem erklären.
Die älteren Schüler trugen komplizierte Gedichte vor, drei von ihnen sogar den Erlkönig von Goethe, und das vielleicht besser als manch deutscher Schüler... irgendwas musste am russischen Schulsystem dran sein. Wer in der Schule Nummer 22 deutsch gelernt hatte, konnte es danach auch. Wenn ich im Gegensatz dazu an mein Schulfranzösisch denke - davon ist nur ein trauriger Rest hängengeblieben.
Am Ende kamen die kleinsten Schüler dran, die 3. Klasse, wenn ich mich recht erinnere. Sie waren schneller mit ihren kleinen Gedichten fertig als ich die Punkte eintragen konnte. Danach machte Natalija Erinnerungsfotos, von denen ich auch gern eins teilen möchte:
Auch wenn es vielleicht nicht danach klingt, mir hatte es viel Spaß gemacht, und ich bekam auch wieder ein leckeres Essen in der Schulkantine, und überlegte mir, öfters zu kommen, allein schon wegen der vorzüglichen Behandlung an dieser Schule.
Ende Juni sollte ich noch einmal wiederkommen um die älteren Schüler auf ihren Aufenthalt in Lüneburg vorzubereiten. Ich sagte gerne zu.
Ich hatte mit Erstaunen festgestellt, dass das Semester praktisch schon zu Ende war - es hatte ja auch einige Wochen vor meiner Ankunft angefangen, aber trotzdem hat mich das plötzliche Ende überrascht. Wir würden keine gemeinsamen Vorlesungen mehr haben, denn keiner der russischen Studenten führte den Cisco-Kurs fort, weil sie alle ihre Diplomarbeit schreiben mussten. Erst im Herbst wollten einige wieder damit beginnen, falls sie im Masterstudiengang aufgenommen werden würden.
Aber nur weil wir keine Vorlesungen mehr hatten, hieß das nicht, dass wir keine Zeit mehr miteinander verbringen konnten - in Russland war man schließlich gut vernetzt; jeder besaß die Handynummer von jedem und in vkontakte wird man sowieso von allen Seiten angeschrieben. Und so schlug Artjom vor, dass wir uns morgen zum Mittagessen treffen konnten, und am Abend sollte ich bei Dima zu Besuch kommen. Und das war es, was Russland so liebenswert machte - nicht das unbedingt Land, sondern die Menschen. Dies würde es schwer machen, Izhevsk zu verlassen. Doch mein Aufenthalt hier näherte sich unerbittlich und spürbar der Halbzeit.
Ich traf mich also gegen Mittag mit Artjom - wobei mich Russland schon so beeinflusst hatte, dass ich zu spät kam, obwohl ich nur 8 Etagen nach unten gehen musste um ihn zu treffen. In der Zeit unterhielt er sich mit der Wachtjor-Frau im Erdgeschoss und erfuhr, dass er auf der geheimnisvollen Liste stand, von der wir alle nur gerüchteweise gehört hatten: Die Liste der Studenten, die die Erlaubnis hatten, das Wohnheim zu betreten. Artjom war einer der Studenten gewesen, der sich vor Monaten eingetragen hatte, und wahrscheinlich der erste, der diesbezüglich nachgefragt hatte. Wir hakten es unter "gut zu wissen" ab und gingen spazieren. Artjom hatte vor, mir ein sehr gutes Pfannkuchen-Café zu zeigen, das ganz in der Nähe lag, und tatsächlich bin ich jeden Tag mit dem Bus daran vorbeigefahren, wenn ich zu Gebäude 5 musste.
Das Café wirkte gemütlich, mit einfachen Holzstühlen und Tischen, die so eng standen, dass man den Bauch einziehen musste, wenn jemand hinter einem Platz nehmen wollte - ganz zu schweigen von aufstehen und den Platz verlassen.
Die Pfannkuchen waren wieder gefaltete französische Crêpes, die in Butter schwammen - die russische Variante eben. Aber da ich Butter sogar roh aß, gefiel mir diese Machart sogar besser als die vertraute französische Art.
Mittlerweile war es mir zu einer persönlichen Tradition geworden, von jedem gemeinsamen Essen mit einem Bekannten ein Foto zu schießen. Es brauchte eine ganze Reihe von Anläufen bis ich Artjom mit einem Lachen auf dem Foto erwischte - er lachte zwar die ganze Zeit, aber immer, wenn ich auf den Auslöser drückte, war seine Miene ernst. Aber nur präsentiere ich stolz: Einen lachenden Artjom:
Nach dem Essen hatten wir noch etwas Zeit bevor Artjom zu einer Vorlesung musste, also begleitete er mich ins Auslandsamt, den ich brauchte meinen Reisepass zurück - das heißt, ich brauchte ihn eigentlich nicht, aber wenn mich ein Polizist danach fragte, sollte ich ihn wohl dabei haben. Und dieses Wochenende würden die Demonstrationen zum ersten Mai stattfinden und das Polizeiaufgebot dementsprechend erhöht sein.
Das Auslandsamt war jedoch verschlossen - das erste Mal, dass ich es erlebte. Normalerweise war es nur leer und irgendwann kam jemand aus einem der innen angeschlossenen Büros.
Auf dem Rückweg begegnete uns Zsolt, der seltsame ungarische Mitbewohner von Gergö, den ich ewig nicht gesehen hatte. Aber besonders schlimm fand ich es nicht, da ich ihn als etwas langweilig empfand, und Gergö mochte ihn auch nicht besonders, sodass es für mich nie einen Grund gegeben hatte, näher mit ihm in Kontakt zu treten. Bis heute. Denn als er ebenfalls von den verschlossenen Türen zurück kam, gesellte er sich zu uns, da er Artjom von einer früheren Gelegenheit kannte... natürlich, es war Izhevsk, jeder kannte hier jeden von irgendeiner früheren Gelegenheit. So kam es zum fliegenden Wechsel der Gesprächspartner, da Artjom im gleichen Moment von einigen Kommilitonen in ein Gespräch verwickelt wurde. Wir beschlossen auf Artjom zu warten und setzten uns in die Sonne. Wir stellten fest, dass wir beide auf unseren Reisepass warteten -Zsolt wollte am Abend in einen Club gehen, der Ermäßigungen für Ausländer bot, und allein mit schlechtem Russisch bekam man den Rabatt wahrscheinlich nicht.
Ich rief schließlich Aliza an, die versprach, dass wir die Pässe 16 Uhr abholen könnten.
Zsolt hatte wie Gergö eigentlich nichts zu tun, da sie beide keine Kurse an der Universität belegten, deshalb beschloss er, sich uns anzuschließen. Artjom und ich wollten noch ein wenig spazieren gehen, und so liefen wir zu dritt eine Runde um den Block. Es war heiß und der Wind trieb den losen Sand auf den Wegen in sämtliche unbedeckten Körperöffnungen. Reden konnten wir so nicht, ohne ein Häufchen Sand danach auszuspucken. Artjom verabschiedete sich bald um zur Vorlesung zu gehen, und ich meinte, ich nun wollte einkaufen gehen. Das war Zsolts Stichwort, denn einkaufen was sowas wie ein Hobby für ihn - ganz besonders da ich in den großen "Karusel"-Supermarkt im Talisman-Einkaufszentrum gehen wollte.
Ich hatte die Nummer des Busses vergessen, aber Zsolt war sich ganz sicher, dass es Nummer 22 war. Erst 10 Minuten später stellten wir fest, dass Bus 22 gar nicht von dieser Haltestelle abfuhr. Er erinnerte sich, dass er das letzte Mal von der nächsten Haltestelle abgefahren war, also gingen wir eine Haltestelle weiter - und wieder kein Bus 22. Von allen Busnummern sah mir die 29 am sympathischsten aus, und ich zog den sich zierenden Zsolt in den nächsten Bus der Nummer 29 hinein. Meine Wahl hatte sich als richtig erwiesen, wir kamen an dem vertrauten Straßenmärktchen vorbei, wo ich mit Murik vor scheinbar Ewigkeiten den Dosenöffner gekauft hatte, dann fuhren wir an den schiefen Zäunen einer Gartenkolonie vorbei und erreichten das Einkaufszentrum.
Zsolt war ganz in seinem Element, und auch ich begann den riesigen Supermarkt so richtig zu genießen. Das erste Mal hatte ich nicht viel Geld dabei gehabt und bei jedem Artikel den Gesamtpreis im Kopf überschlagen, aber diesmal konnte ich in die vollen gehen - und sogar Geschirr kaufen. Die Suche nach dem verschwundenen Teller hatte ich nun aufgegeben und kaufte mir deshalb gleich drei Teller verschiedener Größe und Tiefe aus dem Sonderangebot. Das sollte erstmal reichen, und wenn mir diese Teller auch geklaut würden, wusste ich nun, wo ich preiswertes Geschirr kaufen konnte. Am Ende würde ich das ganze Wohnheim allein ausstatten.
Zsolt erwies sich als ein Gentleman. Er bot an, meinen schweren, mit Getränken vollgepackten Rucksack zu tragen, wenn er seine Weinflasche dort mit unterbringen könnte. Das Angebot ließ ich mir nicht zweimal machen, dass ich hatte es mit dem Einkaufen etwas übertrieben und befürchtete schon, der Rucksack würde mir noch auf dem Rücken auseinanderbrechen. Zsolt stöhnte beim Anheben des Rucksacks, hielt sich aber tapfer.
Es war nun schon fast 16 Uhr und wir lagen gut in der Zeit um unsere Pässe abzuholen. Nur dummerweise hatte ich nicht bemerkt, dass Aliza versucht hatte mich anzurufen, doch ich konnte sie selbst nicht erreichen. Dafür hatte Dima angerufen um sicher zu stellen, dass ich die Einladung nicht vergessen hatte und den Weg zu seinem Haus wiederfinden würde - es war ja schon eine Weile her, als wir nach dem Cisco-Praktikum zum Teetrinken und Pelmeni-Essen bei ihm waren. Ich bestätigte, dass ich es noch wusste: Hinter dem Supermarkt in der Nähe der Haltestelle bei Gebäude 5. Alles klar, Wohnung Nummer 26.
Im Auslandsamt arbeitete nur eine einzige Mitarbeiterin, mit der keiner von uns bisher Kontakt gehabt hatte. Aus irgendeinem komischen Grund versuchen wir beide mit ihr auf Russisch zu sprechen bis sie uns nach einigen Minuten mit einem recht guten Englisch erlöste. Sie versuchte irgendjemanden zu erreichen, der vom Verbleib unserer Reisepässe wusste. Doch alle Handys, die sie anrief, klingelten in diesem leeren Büro. Es war heute eine seltsame Atmosphäre in der Universität. Kaum jemand schon noch im Gebäude zu sein, und die wenigen, die noch da waren, befanden sich geistig schon im Wochenende und den Feierlichkeiten zum ersten Mai. Ich wollte morgen unbedingt die Demonstrationen sehen, denn im Internet hatte ich Fotos gefunden, die hunderte von Menschen mit roten Sowjetunion-Flaggen zeigten, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allerdings hatte mir noch niemand sagen können, wo genau es war ("im Zentrum"), und wann es begann ("morgens"). Niemand schien ernsthaft Interesse daran zu haben, es sich anzuschauen.
Jedenfalls wären wir fast unverrichteter Dinge zurück ins Wohnheim gegangen, wenn nicht Marina gekommen wäre und meinte, dass Aliza die Reisepässe um 18 Uhr ins Wohnheim bringen wollte.
Unerwarteterweise klappte es. Sie gab mir auch die Pässe für Zsolt und Gergö, die ich gleich zu ihnen brachte. Eigentlich war ich gerade auf dem Sprung, da ich ja noch zu Dima wollte, aber die Situation, in der ich Aliza nun sah, war einfach zu köstlich um gerade jetzt das Haus zu verlassen: Etwa 15 Ägypter standen um sie herum und redeten auf sie ein. Sie schaute wie ein Reh von einem zum anderen: "Aber das kann ich nicht machen..." Was hatten sich die Ägypter jetzt schon wieder ausgedacht? Ich fragte, was los sei. Sie erklärten mir, dass sie versuchten, unsere Prüfung im Fach "Antennen" um eine Woche zu verschieben, da sie nächste Woche über die Feiertage nach Jekaterinburg fahren wollten, aber eben unsere Prüfung dummerweise an jenem Samstag stattfinden sollte.
"Du kannst doch sicher etwas machen, wenn du nur mit ihm reden würdest...", bat Mohammed Aliza wieder.
"Aber ich kenne ihn doch nicht mal!"
Mir wäre es nur allzu recht gewesen, die Prüfung zu verschieben, das ich noch nicht einmal angefangen hatte, die Prüfungsfragen auszuarbeiten, die uns Professor Puschin gegeben hatte - und es war eine ziemliche Liste, die einem schon auf den ersten Blick die Laune verdarb.
"Könntest du ihn nicht anrufen und mit ihm reden?"
"Aber ich habe nicht mal seine Telefonnummer...", meinte sie schon ganz verzweifelt. Aber irgendwie hatte sie es schon einmal erreicht, eine Vorlesung bei diesem Professor ausfallen zu lassen - nämlich als es um den Wettbewerb im Wald ging. Natürlich war es nur eine Ausrede von Aliza, dass sie seine Telefonnummer nicht hatte, und so zog ich meinen Trumpf aus dem Ärmel und mein Handy aus der Hosentasche: "Also ich hab seine Telefonnummer"
Mohammed nahm sein Handy und speicherte die Nummer ab. Dann reichte er es Aliza.
"Bitte, biiiiitte!"
Sie wand sich. "Warum ruft ihr nicht selber an?"
Die Ägypter redeten sich heraus, alle auf einmal... "Sein Englisch ist so schlecht... wir verstehen ihn nicht... " Sie wussten, dass sie mehr Erfolg in ihrem Plan haben würden, wenn jemand Offizielles vom Auslandsamt um eine Verschiebung der Prüfung bat.
So ging es noch eine ganze Weile und ich musste nun wirklich los. Das letzte Argument, das ich noch hörte, war: "Ich kann ihn doch nicht anrufen, wenn ich seinen Vatersnamen nicht kenne." Das versetzte die Ägypter in Erstaunen. Vatersname? Was ist das denn? Sie schienen wirklich nicht viel Kontakt zu Russen zu haben. Ich sprang ein und erklärte, dass es eigentlich nicht korrekt war, wenn wir Albert "Dr. Abilvo" nannten, erstens weil er seinen Doktortitel noch gar nicht hatte, und zweitens, weil man in Russland als höfliche Anrede eine Kombination aus Vornamen und Vatersnamen verwendete. Der Vatersname setzt sich zusammen aus dem tatsächlichen Namen des Vaters und dem
Anhang der Nachsilbe -owitsch oder auch -ewitsch für einen Mann, und -owna oder -ewna für eine Frau. Im Fall von Albert wäre dies "Albert Wienerowitsch".
Allerdings gelang es mir nie, seinen Vatersnamen ohne breites Grinsen auszusprechen, und ich hatte schon für sehr viel Heiterkeit unter meinen russischen Kommilitonen gesorgt, wenn ich ihnen erklärte, was im Deutschen eine Wiener ist.
Manche Ägypter hatten es sich teilweise noch einfacher gemacht und nannten ihn einfach "Dr. Albert". Ich fand, das klang irgendwie niedlich, wie eine Sendung über einen Tierarzt.
Das Ende der Verhandlungen mit Aliza hörte ich jedenfalls nicht mehr; ich schlug noch vor, sie sollten auf der Internetseite der ISTU im Professorenverzeichnis nach seinen Vatersnamen schauen, dann machte ich mich wirklich auf den Weg. Erst am nächsten Tag traf ich Mohammed wieder und erfuhr, dass sie Aliza erfolgreich überredet hatten, und sie wiederum Professor Puschin erfolgreich überredet hatte.
Ich erreichte Dimas Haus noch nicht allzu spät - dachte ich. Als ich bei der Nummer 26 klingelte, hörte ich eine fremde russische Stimme aus der Gegensprechanlage. Ich entschuldigte mich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, konnte aber nicht erklären, worin der Fehler bestand und entfernte mich vom Haus um Dima anzurufen. Er beschloss mich von der Bushaltestelle abzuholen um weitere Missverständnisse zu vermeiden. Ich wartete also. Zwei Mädchen im Alter von vielleicht 15 kamen auf mich zu und baten mich um Geld. Sie sahen aus, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Ich hatte keine Lust, mich darauf einzulassen und sprach demonstrativ auf Englisch, dass ich sie nicht verstand. Auf diese Weise wird man hier am schnellsten Leute los, die etwas von einem wollen. Und tatsächlich zogen sie - nach einem weiteren erfolglosen Versuch, mir auf Russisch Geld abzuknöpfen - davon.
Dima kam und als ich ihm von der Begegnung erzählte, meinte er, ja, das sei normal, und ich konnte froh sein, dass es die Mädels gewesen waren, und nicht die Männer, die hinter ihnen standen. Dieses Stück Information war mein "Was-zum-Teufel-Moment des Tages". Mit diesem Begriff hatte ich begonnen, die Dinge zu bezeichnen, die mich in Russland immer noch von Tag zu Tag überraschen oder ganz unerwartet treffen. Tatsächlich hatte ich jeden Tag einen dieser Momente. Ich musste dafür manchmal noch nicht mal das Haus verlassen. Zum Beispiel als ich mir letztens ein Butterbrot mit Käsebelag schmierte. Als ich den Käse aus der Folienverpackung nahm, bemerkte ich einen Metallstreifen und sah genauer hin: Es war eine Diebstahlsicherung. Für Käse. Das muss man den Russen erstmal nachmachen.
Dima hatte dazu gemeint, dass die Russen sehr gern kleine Dinge wie ein Stück Käse in ihren Taschen verschwinden ließen. Tatsächlich hatten mir schon mehrere Leute bestätigt, dass die Russen alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Zum Beispiel als ich im Zug nach Sankt Petersburg meinen Handy-Akku an einer der Steckdosen im Gang auflud, hatte Albert darüber den Kopf geschüttelt und darauf bestanden, dass ich mein Handy an eine Steckdose steckte, die sich in Sichtweite unseres Coupés befand. Angesichts dieser Informationen bin ich dafür, unsere Vorurteilsstruktur zu überdenken - wenn nicht mal die Russen ihren eigenen Landsleuten vertrauen, wird es Zeit, die Polen vom Ruf der Langfinger Europas zu befreien und den Russen diesen Titel zu verpassen. .
Dimas Haus ließ sich übrigens leicht finden; es stellte sich heraus, dass es zwei Supermärkte an der Bushaltestelle gab, deren Hinterhöfe sich erstaunlich ähnlich sahen.
In der Wohnung traf ich auch endlich Dimas Verlobte Nastja. Vom ersten Eindruck der Wohnung hatte ich angenommen, dass sie eine dieser "meine Lieblingsfarbe ist rosa"-Frauen sei, mit denen nur schwer ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden ist, aber ich wurde positiv überrascht, denn sie war bodenständig und kumpelhaft, und so hatten wir drei eine tolle Zeit zusammen. Nastja fiel es am Anfang schwer, Englisch zu sprechen, denn sie hatte seit Jahren keine Übung mehr darin bekommen, aber nach einer Weile lief es wie geschmiert.
Sie hatte gerade das Abendessen zubereitete, eine Gemüsepfanne mit Hühnerkeulen, und ich bereute es schon, am Mittag essen gegangen zu sein. Tatsächlich schien es immer öfter so zu kommen, dass ich einen Tag lang überhaupt nichts Gescheites aß und am nächsten Tag gleich zweimal gutes Essen bekam. Ich musste lernen, wie ein Hamster auf Vorrat zu fressen.
Wir saßen noch bis 23 Uhr zusammen und tranken Tee. Solche gemütlichen Abende würden mir in Deutschland wirklich fehlen. Oder vielleicht war es die Gelegenheit, die russische Gemütlichkeit in Deutschland einzuführen?
Wir hätten sicher noch länger gesessen, aber ich musste mich langsam auf den Weg zurück machen, wenn ich nicht vor verschlossener Tür sitzen wollte - wobei ich natürlich noch später als 23 Uhr ins Wohnheim kam, aber ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, so ein Großmütterchen später als Mitternacht zu wecken, dass sie mich hinein ließ.
Übrigens hatte ich erstaunliches Glück, dass ich an diesem Tag die Bekanntschaft mit Nastja gemacht hatte, denn sie wurde von ihrem Arbeitgeber verpflichtet, an den Demonstrationen zum ersten Mai teilzunehmen, und so verabredeten wir uns, morgen gemeinsam ins Zentrum zu fahren und zusammen daran teilzunehmen. Nastja und Dima boten mir an, gleich bei ihnen zu übernachten, aber ich wollte ihre Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.
Im Internet traf ich noch auf Olga, die meinte, seit Ewigkeiten nicht mehr an den Demonstrationen teilgenommen zu haben, und so verabredete ich mich mit ihr im Zentrum - passenderweise vor der Lenin-Bibliothek.
Am nächsten Tag fuhr ich also um 8:30 erstmal zu Dima und Nastja. Es fiel mir schwer, um diese Uhrzeit aus dem Bett zu kommen - Russland hatte mich mit seinen 12-Uhr-Vorlesungen zu sehr verwöhnt, und ich brauchte mittlerweile einen Wecker um überhaupt um 11 Uhr aufstehen zu können.
Bei Dima und Nastja bekam ich erstmal einen warmen Tee, und Nastja bat mich, in der Küche mit ihr platzzunehmen, da Dima am Morgen von einem Arbeitskollegen angerufen worden war - ohne ihn ging nichts auf Arbeit, nicht mal an einem Feiertag. Nun musste Dima über Internet ein Problem beheben, und wir nutzten die Zeit für ein kleines Frühstück. Olga wartete sicher schon im Zentrum. Ich gab ihr bescheid, dass es wohl ein bisschen länger dauern würde.
Als wir schließlich das Haus verließen, schien die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Nastja grüßte einen uns entgegenkommenden bärtigen Mann und meinte, das sei ihr Chef, der ihr gesagt hatte, sie solle an den Demonstrationen teilnehmen - er selbst war gerade auf dem Weg in seine Datsche, sein Wochenendhäuschen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel waren so ausgelastet, dass kaum in die Straßenbahn hinein kamen. Wir standen dicht aneinander gedrängt, aber irgendwie schaffte es die Ticketverkäuferin, sich durch die Menge zu drücken und Fahrkarten zu verkaufen.
Wir stiegen an der Karl-Marx-Straße aus und zur Richtung Lenin-Bibliothek, wo uns Olga entgegen kam. An der Straßenkreuzung sah ich schon die riesigen roten Flaggen durch die Luft wehen und Polizisten Wache stehen.
Ich machte Olga mit Dima und Nastja bekannt. Es war seltsam, einmal selbst Leute vorzustellen statt immer nur vorgestellt zu werden.
Gemeinsam gingen wir in Richtung der Kommunisten und bekamen schon auf dem Weg von einer älteren Frau eine Zeitung namens "Russische Patrioten" in die Hand gedrückt. Dima lachte sich schlapp.
Unter den Kommunisten befanden sich nicht nur ältere Leute, die sich die alten Zeiten zurückwünschten, sondern auch erstaunlich viele junge Leute. Dima erklärte, dass die meisten von ihnen Studenten waren, die von den Kommunisten angeworben wurden, oder auf Gut Glück zu den Demonstrationen kamen um sich etwas Geld dazu zu verdienen, nach dem Motto: Unter welcher Flagge laufe ich heute mal?
Ich finde, gerade bei den Kommunisten hat das Anwerben von Demonstranten etwas zutiefst Ironisches.
Zu meinem Glück hatten sie heute nicht allzu viel Erfolg mit dem Anwerben gehabt und hatten noch bündelweise Kommunistenfahnen zu vergeben. Als ich meinte, wie gern ich so eine Flagge hätte, sprang Olga sofort los und kam eine Minute später mit einer Flagge zurück, die sie mir schenkte. Sofort begannen wir Fotos zu machen: Mich mit der Fahne vor den Kommunisten, und dann Dima und ich posierend als die Statue "Der Arbeiter & die Kolchosebäuerin", die im Vorspann alter Sowjetfilme zu sehen war.
Dann bemerkte ich etwas Interessantes: Diese Kommunisten trugen nicht etwa Bilder von Lenin mit sich herum, sondern Bilder von Stalin auf großen Plakaten. Ich hatte zwar davon gehört, dass es in Russland noch einen Personenkult um Stalin gab, aber es selbst zu sehen, war schon etwas anderes.
Doch nicht nur Kommunisten waren gekommen, sondern eine ganze Reihe von Leuten, die wie Nastja ihre Arbeitsstelle repräsentieren mussten. Zumindest das erinnerte noch an die "guten alten Zeiten".
Dima kommentierte es so: "Der Hälfte der Leute wurde von ihrem Chef das Teilnehmen verordnet. Der Rest will die alten Zeiten wiederhaben oder sucht Krach mit der Polizei." Dabei deutete er auf eine kleine Gruppe junger Leute unter einer schwarzen Flagge. Es waren linke Antifaschisten, auf deren Flagge stand: "Izhevsk ohne Nazis". Dima meinte, dass sie normalerweise schon vorher von der Polizei aussortiert und gar nicht erst auf die Demo gelassen werden. Er erzählte, dass er selbst mal mit Freunden dabei mitmachen wollte, doch er hatte sich verspätet, und als er kam, waren alle seine Freunde schon verhaftet worden.
Während die Demo noch stand, gingen wir die Straße entlang um die Spitze der Parade zu finden. Es wurde immer mehr zum Volksfest je weiter wir vordrangen: Familien mit kleinen Kindern, die vollbepackt mit bunten Luftballons waren; Banner mit Firmenlogos spannten sich über den Menschenzug, russische und udmurtische Fahnen wurden durch die Luft geschwenkt, und sogar Leute in udmurtischer Nationaltracht liefen mit auf der Parade. Von der Partei "Einiges Russland" bekam ich ein Bändchen in den Farben Russlands, das ich mir das Schleife an meiner Jacke anbinden sollte. So gab ich ein seltsames Bild ab: Mit Kommunistenflagge und Abzeichen der regierenden Partei.
Das Militär durfte natürlich auch nicht fehlen! In einem Armeefahrzeug, das lustigerweise aus dem Bestand der US-Armee war, fuhren ein paar alte Veteranen mitten im Demonstrationszug. Stilecht war an dem Fahrzeug eine Kalaschnikow montiert.
Wir reihten uns vor ihnen in die Parade ein und liefen mit bis zum Präsidentenpalast, vor dem eine Tribüne aufgebaut war und der Präsident der udmurtischen Republik, Alexander Wolkow, breit grinsend und winkend die Demonstranten grüßte.
Doch hier näherte sich die Demonstration schon dem Ende. Es war eine unglaubliche Menge an Teilnehmern gewesen, aber die Parade selbst ging nur über einige Straßenzüge.
Wir stellten uns an den Straßenrand und beobachteten noch eine Weile Demonstranten kommen und sich sofort nach dem Passieren des Präsidentenpalast zu zerstreuen. Als letztes kamen die Kommunisten langsam anmarschiert, mit alten sowjetischen Siegesliedern und einer Ernsthaftigkeit, als hätte es niemals die Perestroika gegeben.
Aber nun begannen die richtigen Feierlichkeiten: Schon auf der Straße gossen sich die Teilnehmer klare Flüssigkeiten in ihre Becher und Tassen, die ganz eindeutig kein Wasser waren.
Nastja, Dima, ich und ein Großmütterchen, das sich zu uns gesellt hat. In der Kaffeetasse war eindeutig kein Kaffee.
Wir vier entschlossen uns, das Großmütterchen allein mit ihrem Wässerchen zu lassen und ein Café aufzusuchen, in dem wir zu Mittag essen konnten. Wir bestellten uns Pizza und Pasta - Gerichte, die es hier in jedem Café zu geben schien. Russische Pizza ist sehr gut und kann durchaus mit italienischer Pizza mithalten, allerdings ist der Belag manchmal etwas gewöhnungsbedürftig; so bekam ich heute eine Pizza mit Oliven, Wurststreifen und sauren Gurken.
Olga und ich begannen bald mit den Servietten Origami zu falten, und dann bat sie mich, ihr eine andere Figur beizubringen, die sie in meinem Fotoalbum in vkontakte gesehen hatte.
Später stieß eine weitere Bekannte von Dima zu uns; sie hatte einen seltsamen Mann dabei, der genau so aussah, wie man sich immer einen psychopathischen Massenmörder vorstellte: Hoch gewachsen mit extrem langen und dünnen Fingern; er wirkte ruhig und in sich gekehrt, aber sein Blick ließ meine Nackenhaare sich aufstellen. Ich sah mich schon gefesselt in einem Keller liegen und ihn mit psychopathischem Grinsen eine Kreissäge anschalten.
Nun, dieser Mann sollte keine Bekanntschaft von mir werden; er war ein Programmierer aus Moskau und nur bei Stasya auf Besuch, die ihn vorher auch nur über Internet kannte. Stasya hingegen sollte mir in den nächsten Wochen jedoch eine Freundin werden, und als wir später einmal über diesen seltsamen Mann sprachen, meinte sie: "Wir wollten zusammen nach Frankreich fahren, aber als ich ihn persönlich kennenlernte, wusste ich, dass ich es mit ihm auf keinen Fall unternehmen konnte."
Für heute allerdings war unser Treffen eher kurz. Olga musste nach Hause und wir verließen kurz darauf das Café um zu einem Open-Air-Konzert auf dem Hauptplatz der Stadt zu gehen, bevor sie am Abend alle zusammen in eine Biker-Kneipe gehen wollten, dann heute war auch der Start eines Motorrad-Treffens gewesen. Ich fühlte mich unglaublich müde und fand die Vorstellung eines Biker-Treffens überhaupt nicht verlockend, weshalb ich mich erst auf den Rand eines Springbrunnens zum Entspannen legte, und als ich dort einnickt, verabschiedete ich mich von den anderen - für heute seien es genug Abendteuer gewesen.
Zurück im Wohnheim traf ich Gergö im Gang und roch sehr genau, wie er seinen ersten Mai verbracht hatte, obwohl er gut einen Meter von mir entfernt stand. Ich witzelte, dass wir beide eine Fahne bekommen hätten - ich eine zum Schwenken, er eine von Trinken. Er war zu dicht um den Witz auf Deutsch zu verstehen. Er meinte, dass er den ganzen Vormittag schon getrunken hatte; er war mit Freunden beim Grillen gewesen und irgendwann weggenickt. Jetzt bräuchte er eine Dusche und dann sollte es weitergehen. Er lud mich dazu ein, aber ich lehnte dankend ab. Genug der Abendteuer! Ich wollte mich ein wenig ausruhen und dann die schon etwas zu lange wartende Arbeit fürs Studium in Angriff nehmen. Es war schwierig, sich bei so tollem Wetter und ständig ausfallenden Vorlesungen zum Selbststudium zu zwingen...









































