Donnerstag, 27. Mai 2010

Ich lebe noch! Teil 4. (25. April bis 01. Mai)

Vom Tanz in den Frühling, einen zweiten Wintereinbruch und aufmarschierenden Altkommunisten

Diesen Sonntag wollte ich gemütlich angehen lassen. Ich sollte wohl damit anfangen, das dritte Cisco-Modul zu studieren, da ich am Montag die Vorlesung dazu hatte und lieber etwas vorarbeiten wollte um dieser Vorlesung auf Russisch folgen zu können. Wobei - niemand aus meiner Gruppe wollte im Moment mit Cisco weitermachen, da sie für das dritte und vierte Modul bezahlen mussten, und so bestand eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass ich allein in der Vorlesung sitzen würde. Dann konnte ich vielleicht Albert überzeuge, sie auf Englisch zu halten. Wenn er sie für eine Person überhaupt halten würde. Aber wir werden sehen.
Ich hatte gerade mit Cisco angefangen und die Arbeit wieder zur Seite gelegt um mir ein frühes Mittagessen zu kochen, als mich die Omi des Tages (die Etagenfrau) abfing und mich bat, ihr Origami beizubringen. Während das Essen also vor sich hin kochte, zeigte ich ihr, wie man Lilien faltet. Was bekam sie überraschend schnell zustande, und gleich wollte sie mehr lernen. Ich hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit, dachte ich zumindest, und begann ihr eine andere Grundform beizubringen, da rief Pascha an und sagte, dass der Tanzwettbewerb jetzt schon begann statt wie angekündigt erst um 13 Uhr. Eilig verschlang ich die Nudeln während ich mich anzog und mich bei der Omi des Tages entschuldigte, dass ich schon zu spät dran sei... Die Blätter ließ ich ihr da, weil sie meinte, dass sie noch üben wolle.



Das "Integral" lag zum Glück nicht weit entfernt, so erreichte ich es schnell. Am Eingang wurde ich von mehreren Seiten gleichzeitig auf Russisch angesprochen, was meine geistigen Fähigkeiten deutlich überschritt, weshalb ich automatisch auf Englisch antwortete, dass sie doch bitte langsamer sprechen sollten. Es ergab nicht viel Sinn in dem Moment, aber es erreichte seinen Zweck. Das Mädchen an der Kasse lachte und stellte sich auf Englisch vor. Pascha hatte erwähnt, dass ich kommen würde, erfuhr ich. Und ich durfte kostenlos rein. Ein anderes Mädchen, das ständig das Telefon am Ohr hatte, forderte mich auf, mit ihr zu kommen; sie wollte mich zu Pascha bringen. Der spielte aber schon auf seiner Gitarre, zusammen mit seinen Gruppenkameraden. Sie trugen seltsame Uniformen voller Anstecker, die wie Orden aussahen. Um sie herum standen hunderte von Studenten in seltsamen bunten Kostümen, die sich alle eingehenkelt hatten und zu der Gitarrenmusik mitsangen und die Hüften schwangen. Es erinnerte eher an Karneval und ich dachte, ich sei im falschen Film.



Egal wie lange man in Russland ist, man wird immer wieder überrascht, besonders wenn man denkt, dass man alles gesehen hat. Nach einigen Lieder vor Schluss und ich stellte fest, dass es nur die Einstimmung auf den Tanzwettbewerb gewesen war. Im Gedränge fanden Pascha, Olga und ich uns schließlich wieder; Olga war erst nicht reingekommen, weil die Karten ausverkauft gewesen waren. Dann hatte man sich entschieden, mehr Zuschauer hinein zu lassen. Der Zuschauerraum füllte sich bis auf den letzten Platz, und selbst dann riss der Strom der Zuschauer nicht ab. Es wurden schließlich die Emporen geöffnet, und ein Erdbeben verursachend stürmten die Zuschauer nach oben. Viele hatten lange Flaggen dabei um ihr Lieblingsteam wie bei einem Sportwettbewerb anzufeuern.
Dann begann es.
Die Tanzstile wurden von den Teilnehmern wild gemixt; in einem Moment wurde Ballett getanzt, und im nächsten wechselte dieselbe Tanzgruppe zu modernem Ausdruckstanz, Breakdance oder etwas ganz Eigenartigem. Zwischendurch führten die Veranstalter kleine Sketsche zum Thema "Mafia" und "Gangster in Chicago" auf.
Die Gruppen hatten sich alle sehr viel Mühe gegeben, eine Hintergrundgeschichte für sich zu finden; einige brachten eigene Bühnenbilder mit oder nutzen Lichteffekte, andere kleideten sich als fette Fliegen und ließen sich in einer Tanzperformance von einem Riesenschuh erschlagen, oder andere brachten die Teletubbies mit auf die Bühne oder legten kleine Strips ein.



Sehr viele Teilnehmer setzten auf Nostalgie; führten russische Tänze in traditionellen Kostümen auf oder tanzten zu bekannten Liedern aus Sowjetzeiten, bei denen das Publikum hysterisch zu klatschen und jubeln anfang. Diesmal fand keine Kalaschnikow ihren Weg auf die Bühne, dafür aber eine übergroße rote Sowjetunion-Flagge.
Ein Junge, der nicht ganz 10 Jahre alt gewesen sein konnte, führte beeindruckenden Breakdance auf, wirbelte in Saltos durch die Luft und drehte sich auf dem Kopf stehend.
Mitten in der Veranstaltung begann man unvermittelte den gefallenen Soldaten des zweiten Weltkriegs zu gedenken; wir alle mussten aufstehen und eine Schweigeminute einlegen. Dabei war es noch nicht einmal der neunte Mai, an dem der Tag des Sieges über Deutschland gefeiert wird. Das ist eben auch Russland...
Der ganze Wettbewerb dauerte drei Stunden; am Ende wurde der dritte, zweite und drei erste Plätze vergeben, und am Ende noch der wahre Sieger des Wettbewerbs, die die Trophäe bekam. Diese Gruppe hatte auf die Jungtalent-Karte gesetzt und gewonnen. Sie hatten ein Mädchen zu ihrem Star gemacht, das gerade mal sechs Jahre alt war, aber erstaunlich viel Talent hatte. Der Saal tobte als die Gewinner bekanntgegeben wurden, Zuschauer wurden ausversehen von Fahnen erschlagen und alles taumelte in einen Freudentanz.
Pascha brauchte länger nach draußen, da er einen ganzen Haufen Leute umarmen musste. Olga und ich warteten draußen auf ihn.

Die Sonne schien hoch am schon sommerlichen Frühlingshimmel und wir kamen darauf, dass es eine gute Idee wäre, ein Eis zu essen. Als wir dann im Laden waren, kamen wir darauf, dass wir im Wald ein Lagerfeuer machen könnten. So kauften wir Würste, Saft und Plastikbecher und gingen in den nie so weit entfernten Wald - der in diesem Fall gleich hinterm Haus begann. Es hat manchmal auch einen Vorteil, in der Pampa zu leben...
Wir waren nicht die einzigen mit dieser Idee gewesen, schon auf den ersten 100 Metern brannten zwei Lagerfeuer. Wir fanden den perfekten Platz nah am Wegesrand mit einem Baumstumpf als Tisch, dem umgesägten Baum als Sitzplatz und einen Platz in der Mitte mit angesengten Holzscheiten, die wir nur noch von Bier- und Schnapsflaschen befreien mussten. Pascha und ich begannen Holz zu sammeln, Olga kümmerte sich um unsere Vorräte, öffnete die Wurstpackung und teilte das Brot ohne ein Messer zu haben in relativ regelmäßige Scheiben.
Wir mussten nicht einmal Rinde besorgen, da noch genug trockener Pappkarton von unseren Vorgängern dagelassen worden war. Wir begannen mit trockenen Ästen und Farnen und steckten dann größere Äste nach. Olga bemühte sich derweil, die gefrorenen Würstchen auf Äste zu spießen. Sie nahm das schmale Ende dafür, das sich erwartungsgemäß bog und wand. Praktischerweise hatte ich meine Schere dabei und schnitze zwei schöne Spieße für unsere Würstchen.
Pascha begann auf der Gitarre zu spielen und zu singen, Olga grillte die Würstchen und ich hielt das Feuer am Leben. Viele Äste waren noch nass und morsch, und im Feuer begannen sie einen dichten weißen Rauch freizusetzen. Ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend es war, sich um ein Lagerfeuer zu kümmern, aber der russische Wald war eine schier unerschöpfliche Quelle für Feuerholz, selbst wenn es jeden Tag ein Lagerfeuer an dieser Stelle geben sollte.
Es kamen immer wieder Leute vorbei, einige blieben stehen um zu plaudern; sie hatten Pascha singen gehört und waren ganz interessiert... am Ende hatte Pascha die Telefonnummer eines Mädchens, das noch einen Tanzpartner suchte.
Der Wind blies die Asche munter durch die Luft und drehte so oft, dass man gar nicht schnell genug in Deckung gehen konnte. Am Ende rochen wir alle wie frisch gegrillte Würstchen, meine Finger schmerzten von den sperrigen Ästen und den Malen, als ich beim Nachlegen dem Feuer zu nahe gekommen war, aber es hatte sich absolut gelohnt. Es war das beste Abendessen seit Langem für uns alle, lachten wir und warfen die verbrannten Wurststücke zurück ins Feuer.
Langsam verlosch das Feuer und es wurde kühl, obwohl es ein schöner, sonniger Frühsommertag war. Wir traten schließlich das Lagerfeuer breit und überlegten uns, wie wir die Glut löschen sollten. Viel würde wahrscheinlich nicht passieren können, wenn wir es einfach so liegen ließen, aber wir waren ja vorbildlich... Pascha poste also erstmal für die Kamera, dass es aussah, als würde er das Feuer auspinkeln, dann zog mich Olga fort, dass Pascha es - mangels Wasser - wirklich auspinkeln konnte.





Die beiden brachten mich zurück zum Wohnheim. Anders als gestern trug Olga kein kurzes Röckchen und musste nicht rennen um warm zu bleiben. Dabei war das Wetter heute so angenehm warm gewesen, sodass sogar ich einen Rock angezogen hätte, wenn ich so etwas besitzen würde.
Ich hätte beide gern noch in mein Zimmer auf einen Tee eingeladen, aber ohne offizielle Erlaubnis durfte niemand hoch, obwohl ich von einer Liste gehört hatte, auf der alle Studenten standen, die mit den Ägyptern in Kontakt treten sollten und deshalb von 12 bis 18 Uhr Zugang zum Wohnheim hatten. Wer auf der Liste stand, wusste allerdings niemand, und selbst, ob diese Liste es bis in die Amtsstuben hinein und wieder hinaus geschafft hatte, war nicht bekannt. Ich stütze mich hier auf Gerüchte. Schön wäre es natürlich, Besuch empfangen zu können - dann hätte ich endlich mal einen Grund, mein Zimmer aufzuräumen.

Für Montag war ich mit Albert zum Mittagessen verabredet gewesen, aber am Morgen schrieb er mir per SMS, dass er sich plötzlich überhaupt nicht gesund fühle und ins Krankenhaus gehen wollte. Er hatte schon am Samstag am Telefon nicht gut geklungen und es schien noch schlimmer geworden zu sein. Ich bat ihn, mich auf dem Laufenden zu halten, da ich nicht einschätzen konnte, wie schlimm es um ihn stand, wenn er schon ins Krankenhaus musste, aber wahrscheinlich hatte er gemeint, dass er zu seinem Hausarzt ging, denn unser Krankenhausbesuch vor dem Wettbewerb im Wald war auch nur ein Besuch beim Hausarzt gewesen, der seine Praxis eben im Universitätskrankenhaus hatte. Ich vermutete, dass es in Russland üblicher war als bei uns.
Sorgen machte ich mir erst, als ich bis Dienstagabend nichts mehr von ihm hörte und fragte schließlich nach. Der Arzt hatte keine Ahnung, was Albert fehlte, hatte ihm aber zu viel Schlaf geraten, und das tat er den ganzen Tag, schrieb er. Dann hörte ich bis Mai nichts mehr von ihm. Es musste ihn wirklich schlimm erwischt haben, denn er schickte keine einzige E-Mail in dieser Zeit, nicht einmal eine Cisco-Rund-Mail an alle Studenten, mit denen er sonst fast jeden Tag mein Postfach füllte. Fristen wurden nicht verlängert, und Studenten hingen so kurz vor den Prüfungen in der Luft. Viele schrieben mich an, ob ich Neuigkeiten bezüglich seines Verbleibs hatte, aber ich musste sie enttäuschen. Niemand schien zu wissen, wann - oder ob er wiederkommen würde. Vor zwanzig Jahren hätte man wohl vermutet, er sei in den Westen geflüchtet.

Zumindest hatte ich so im Bereich des Studiums eine ganze Menge Freizeit, die ich mit Genuss nicht zu nutzen wusste, soll heißen, ich gammelte die nächste Zeit eigentlich nur herum. Die Vorlesung bei Professor Puschin fiel wie schon erwähnt durch den Ersten-Mai-Feiertag aus, und unser Stundenplan war geändert worden, sodass ich das Cisco-Praktikum gleich im Anschluss des Russisch-Kurses am Dienstag hatte, statt wie vorher am Freitag. Das hieß für mich nun, dass ich ohne Alberts Verlesungen nur noch einen Unterrichtstag pro Woche hatte. Das klang vielleicht am Anfang toll, aber schon nach ein paar Tagen begann ich mich unglaublich zu langweilen und mich nach einem geregelten Studienalltag zurück zu sehnen. Meine letzte richtige Vorlesung bei Albert hatte noch vor Sankt Petersburg stattgefunden, und das war schon über zwei Wochen her, als er mir an jenem Montag mitteilte, dass bis auf weiteres sämtliche Vorlesungen ausfielen. Und dann begann es zu schneien.

Zuerst hielten wir es für eine seltsame Wetterlaune, als Murik und ich an diesem Abend aus dem Fenster schauten und unseren Augen nicht so recht trauen wollten. Der Schnee lag bereits fingerdick auf dem Balkongeländer. Murik meinte, das es morgen früh sicher wegschmelzen würde.
Als ich an diesem Abend vom Cisco-Praktikum nach Hause kam, das ausnahmsweise am Montag stattfand, hatte die die plötzliche Kälte wohl bemerkt, aber angenommen, dass ich es mir einbildete und zu dünn angezogen war. Dem Thermometer am Gebäude 1 konnte man auch nicht mehr vertrauen; das hatte gestern nach unserem Lagerfeuer -1 Grad angezeigt.

Doch der Schnee wollte gar nicht mehr aufhören zu fallen. Es schneite die gesamte Nacht durch und am Dienstagmorgen wirbelten noch immer die Flocken durch die Luft, der Boden war mit einer dicken Lage Schneematsch bedeckt und die Autos vor dem Wohnheim hatten eine weiße Haube bekommen. Die ersten grünen Blätter der Birken waren unter dem Schnee verschwunden, die Zweige hingen traurig nach unten; nur an wenigen Stellen schimmerte noch etwas Grün hindurch.
Meinen Wintermantel und die Stiefel hatte ich schon ganz hinten im Schrank verstaut, und nun musste ich alles wieder vorkramen; Mütze, Schal und Handschuhe. Was war das nur für ein Wetter? Hatte uns der isländische Vulkan nun eine neue Eiszeit beschert?








Der Schnee blieb noch bis Donnerstag liegen. Während dieser Zeit wurde ich immer wieder mit dem Satz "frohes neues Jahr" begrüßt. Das war der typische russische Humor.

Dass der Schnee zu schmelzen begann, spürten wir als erstes im Computerraum des Wohnheims, denn dort tropfte er in flüssiger Form durch die Decke. Beim Hineinkommen wäre ich fast über einen Eimer zum Wasserauffangen gestolpert. Über die ganze Länge des Raumes hin zog sich ein breiter Streifen, aus dem es munter tropfte. Murik hatte seinen Computer ein Stück zur Seite gerückt und mit Plastiktüten abgedeckt. Das Dach sei schon seit Monaten undicht, meinte er nur. Repariert werden würde es - genau wie die Tür - wahrscheinlich nie.
Mein Stammplatz war zu einem kleinen Teich geworden und mein Origami eingeweicht. Nach zwei Monaten in Russland nahm ich es nur noch mit einem Schulterzucken hin und suchte mir trockeneren Platz.



Während der vielen Freizeit, die ich nun hatte, kam ich endlich zu vielen Dingen, die ich lange Zeit aufgeschoben hatte, zum Beispiel das Bezahlen meiner Miete. Während des ersten Monats hier hatte niemand so recht gewusst, wo ich die bezahlen musste, aber selbst als Marina es für mich herausgefunden hatte, gingen noch gut zwei Wochen ins Land bis ich mich dazu aufraffte, es zu erledigen. Das Lustige daran ist, dass ich wahrscheinlich überhaupt keine Miete hätte bezahlen müssen, wenn ich mich nicht bei der Kassenstelle gemeldet hätte, denn dort gab es keinerlei Akte von mir, kein Vermerk über mich. Marina und ich standen also gut 20 Minuten an der Kassenstelle während gleich drei Mitarbeiter versuchten herauszufinden, wer ich war und wofür ich zahlen musste. Wir plauderten in der Zwischenzeit, denn es gab immer etwas mit ihr zu bereden und zu diskutieren, weswegen meine Auslandsamtaufenthalte gewöhnlich nicht mit "kurz vorbeischauen" erledigt waren. Doch ich mochte sie gern, und mit unseren Unterhaltungen verlernten wir beide unser Deutsch nicht... ich fand es sehr amüsant, dass sie auch mit Gergö immer auf Deutsch sprach - eine Russin und ein Ungar unterhielten sich lieber in der Weltsprache Deutsch.
Eine Mitarbeiterin der Kasse kam schließlich mit einer Liste zurück, in die sich mich nun eintragen hatte und ich bezahlte sowohl für die zwei Monate und die genau abgezählten Tage, die ich nun schon hier war, als auch für den nächsten Monat. Die Miete war ab Mai auf 1900 Rubel erhöht worden, und das waren immer noch nicht ganz 50 Euro.

Ich habe übrigens endlich das Einkaufszentrum "Talisman" gefunden, das Albert mir vor einigen empfohlen hatte. Ich hatte die Suche nie ganz aufgegeben, aber mein Scheitern praktisch akzeptiert. Und nun folgte ich der Wegbeschreibung der Lehrerin, die ich im Zug von Sankt Petersburg zurück kennengelernt hatte. Sie hatte nämlich einen großen Supermarkt in der Nähe meiner Universität gekannt und mir den Straßenverlauf aufgemalt. Und zufällig befand sich dieser Supermarkt im gesuchten Einkaufszentrum. Das Einkaufszentrum sah eher steril und unbewohnt aus; es gab viel freie Geschäftsfläche und kaum Kunden, doch im Keller befand ich der Supermarkt, und es war das Paradies: 100 Meter Nudeln, 50 Meter saure Gurken, 200 Meter Grillzubehör... das brauchte ich zwar alles nicht, aber es war schön zu wissen, dass es hier existierte, wenn man es einmal brauchen sollte. Als Kind des Kapitalismus fühle ich mich nur in diesen riesigen Supermärkten wirklich zu Hause.
Nur dummerweise hatte ich nicht mehr viel Bargeld dabei und man hatte vergessen, in diesem Einkaufszentrum einen Geldautomaten aufzubauen. So konnte ich mich leider nicht dem Einkaufsrausch hingeben, sondern kaufte nur das Allernötigste vom Unnötigen. Was es zum Beispiel gab... Milch in echten Packungen statt in der labbrigen Tüte, die mir einmal fast übers Notebook ausgekippt war... es gab eine Menge Tiefgefrorenes - wie Pommes Fittes! Nach monatelanger Suche lagen sie schon fast unauffällig in der Tiefkühltruhe, sogar mehrere Sorten. So viel Auswahlmöglichkeit überforderte mich mittlerweile. Wie haben wir das in Deutschland noch mal gemacht? Ach ja, nach dem Preis-Mengenverhältnis geschaut. Lang ist’s her.
Wo ich schon einmal hier war, holte ich mir einen großen Vorrat Tiefgefrorenes, das ich nur noch in der Mikrowelle erhitzen musste und mir so trotz allgemeiner Faulheit regelmäßige Malzeiten erlauben würde.
Am Fleischstand traute ich meinen Augen nicht: Waren das Schnitzel? Echte deutsche, fertig panierte und abgepackte Schnitzel? Nein, war es nicht, stellte ich draußen fest. Es war eine Art frittierter Kartoffelteig gewesen, der mit Schlachtabfällen gefüllt war. Die Knorpel knackten zwischen meinen Zähnen und ich spuckte die Masse aus. Unglaublich, was in Russland als Mahlzeit verkauft wurde.

Nur eine Kleinigkeit hatte ich nicht bedacht als ich mir all die tiefgefrorenen Leckereien kaufte: Ich konnte sie nicht in der Mikrowelle zubereiten, weil mir doch mein Teller geklaut worden war und sich ein Metalltopf oder Plastikgeschirr wirklich schlecht in der Mikrowelle machte. Vorerst briet ich mir mein Tiefgefrorenes in der Pfanne und schnitt die verbrannten Stellen großzügig ab. Doch ich würde nicht um das Kaufen eines neuen Tellers herumkommen, wenn ich einigermaßen zivilisiert leben wollte.

Am Dienstag bekamen wir auch unsere Russischprüfung korrigiert zurück. Unter meiner stand nur
"molodez" als Note, was soviel hieß wie "Prachtkerl". Aber es war wohl dieser Kindergartenprüfung angemessen; fast hätte ich erwartet, einen Bienchen-Stempel darunter zu finden und dann noch ein Bienchen ins Mutti-Heft zu bekommen. Nicht mal die Ägypter wussten, wofür sie diese Prüfung geschrieben hatten - ob sie dafür eine Notenbescheinigung bekamen oder nicht. Ich fände es schon praktisch eine offizielle Bescheinigung zu haben, obwohl es bei einer Sprache wirklich egal ist, ob man einen Kurs erfolgreich abgeschlossen hat oder nicht, am Ende zählt, wie gut man sie sprechen konnte. Und da war ich noch auf einem langen Weg.

Am Donnerstag war ich wieder einmal in der Schule Nummer 22 eingeladen um die 9. Klasse wiederzusehen. In der Stunde sollte es um Musik gehen. Wowa wäre gern mitgekommen, hatte aber keine Zeit. Er schrieb mir den Namen der Bushaltestelle, an der ich aussteigen sollte, und so machte ich mich kurz nach 9 auf den Weg. Bus Nummer 14 kam sogar nach einer Weile; auf dem Weg erkannte ich die Landwirtschaftliche Akademie wieder, die geschlossenen Fabriken, die "Deutschen Häuser" - eine neuere Wohnsiedlung mit blau-weißen Verzierungen - und erreichte meine Haltestelle, deren Namen ich überflog, feststellte, dass es nicht meine Haltestelle war, weil sie mit "A" begann und ärgerte mich, dass alle Straßen in Russland gleich aussahen. Erst als der Bus abfuhr, stellte ich fest, dass es gar kein A gewesen war, sondern ein hochgerutschtes russisches D, und dass es sehr wohl meine Haltestelle gewesen war. Das war doch schon fast zu peinlich um es hier zu schreiben. Aber gerade lustig genug dafür. Dank dieses Anfängerfehlers bekam ich die Gelegenheit, etwas Morgensport zu machen, da ich mich beeilen musste, von der nächsten Haltestelle aus die Schule rechtzeitig zu erreichen.

Natalija kam mich am Eingang abholen, aber Zeit für Tee hatten wir nicht mehr. Die Gruppe war kleiner als bei meinem ersten Besuch, gerade fünf Schüler. Die beiden Mädchen hatten einen Vortrag über ihre Lieblingssängerin vorbereitet, von der ich noch nie gehört hatte, die aber unter den Jugendlichen offenbar zur Zeit ganz oben in der Beliebtheitsskala stand. Ich fühlte mich plötzlich so alt. Die Mädels hatten Texte und Bilder aus der deutschen Wikipedia oder Bravo oder woher-auch-immer in eine Powerpoint-Präsentation kopiert und lasen sie abwechselnd vor. Anschließend spielten sie ein Musikvideo vor, in der sich eine nackte junge Frau mit Flüssigkeiten einrieb. Wenn das die jungen Mädchen von heute begeisterte, wie sollte die nächste Generation da noch eins draufsetzen können? Als ich in ihrem Alter war, galt Britney Spears als anzüglich und mir wurde verboten das Wort "geil" zu sagen. Hätten wir nur auf unsere Eltern gehört, wäre uns das vielleicht erspart geblieben.
Umso überraschter war ich vom nächsten Vortrag - über Tschajkowskij.
Das Mädchen erzählte, dass sie seine Klavierstücke selbst in der Musikschule lernte und ein großer Bewunderer seiner Kompositionen war. Nach dem Vortrag stellten Natalja und ich Fragen dazu, und Natalija ermunterte ihre Schüler dazu, sich bei Fragen, wie etwas richtig auf Deutsch hieß, an mich zu wenden.

Die Jungs hielten keine Vorträge, sondern spielten Gitarre und sangen dazu. Der erste Junge war richtig talentiert und Natalija erzählte, dass sein Vater ein Jazz-Orchester in Izhevsk leitete, und schlug vor dass wir alle gemeinsam einmal zu einem der Konzerte gehen sollten. Der zweite Junge war weniger begabt, spielte aber trotzdem mit Hingabe.

Wieder einmal bestätigte sich meine Theorie, dass jeder - absolut jede männliche Person in Russland Gitarre spielen konnte. Die einzige Ausnahme davon war Dima. Meine Gruppenkameraden spielten; Albert hatte es gelernt; Professor Puschin offenbar auch, denn es war eine sehr abgenutzte Gitarre gewesen, die er zur Antennenvorlesung mitgebracht hatte; und sogar in unserem Computerraum im Wohnheim lag eine Gitarre herum, auf der Murik und Tofik von Zeit zu Zeit das Lied "Nothing else matters" einübten.
Nach dem Schreiben dieser Zeilen ritt mich plötzlich der Gedanke: Warum lernte ich nicht das Gitarre-Spielen? Beseelt von dieser Idee ging ich ins Computerzimmer, wo sich Murik eingeschlossen hatte und an seinem Projekt arbeitete. Er hatte eine sehr interessante Art zu arbeiten: Auf einem Monitor hatte er sein Projekt, und auf dem anderen Monitor lief ein Film, den er sich überhaupt nicht anschaute und auch nicht zuzuhören schien. Er meinte, damit könne er besser arbeiten, wenn die Arbeit besonders langweilig und eintönig war. Später probierte ich es selbst aus und stellte fest, dass er Recht hatte. Normalerweise schweiften meine Gedanken beim Lesen des Cisco-Materials im Minutentakt ab, aber mit einem Film im Hintergrund schaffte ich es viel länger ohne Unterbrechung das Material durchzuarbeiten. Wahrscheinlich wurde mein Unterbewusstsein mit dem Film so beschäftigt, dass es nicht mehr selbst für Ablenkung sorgen konnte. Aber das nur am Rande.
Ich sagte Murik also dass ich Gitarrenspielen lernen wollte und fragte, ob ich mit der Gitarre ein wenig probieren dürfte. Er grinste und begann mir Gitarrenunterricht zu geben. Zuerst die Haltung: Frauen spielten mit übereinandergeschlagenen Beinen die Gitarre seitwärts haltend, während Männer sie zwischen die Beine nahmen und schräg nach oben hielten. Aha. Rechte Hand Seite mit dem Klangkörper, die linke drückte die Seiten nieder. Der Daumen musste auf der Rückseite in die Mitte sitzen, und die Hand gerade sein, nur die Finger durften geknickt werden. Man spielte mit den Fingerspitzen, zeigte mir Murik, also ging ich mir kurzentschlossen meine langen Fingernägel abschneiden. Jetzt wurde mir auch klar, weswegen nur die männlichen Russen auf der Gitarre spielten, denn eine richtige russische Frau ging lieber zur Maniküre.

Murik spielte mir eine Tonleiter vor und zeigte mir die Gitarren-Noten am Computer. Verwirrend war für mich nur, dass die russischen Noten nicht c d e f und so weiter hießen, sondern do re mi sol... Murik hatte mir eine Übersicht über die Gitarrenseiten und Abschnitte in diesem Schema gemalt und übersetzte es anschließend für mich auf dem Papier, was eine ziemliche Konzentrationsübung darstellte und drei Anläufe brauchte.
Dann ließ er mich es selbst probieren und bald darauf spielte ich schon "alle meine Entchen". Besonders musikalisch bin ich nicht, aber vom jahrelangen Keyboard-Unterricht musste wohl doch etwas hängengeblieben sein.
Meine Finger begannen unglaublich zu schmerzen, und mein Ringfinger sah schon richtig blau aus. Konnte man blaue Flecken an den Fingerspitzen bekommen? Im Moment fühlte es sich ganz danach an.

Aber zurück an die Schule Nummer 22, denn diese Unterrichtsstunde war nicht das einzige, was mich an diesem Tag erwartete. Natalija überrumpelte mich etwas, als sie davon zu erzählen begann, dass heute ein Gedichtwettbewerb der Deutschklassen stattfinden sollte. Ob ich daran interessiert sei?
Eh ich mich versah, saß ich in der Jury und vergab Punkte für die Gedichtvorträge der 5. bis 7. Klasse. Die Jüngsten hatten sehr einfache Gedichte von teilweise nur wenigen Zeilen, aber einige waren richtig talentiert und trugen die Gedichte mit einer starken Betonung und sehr guten Aussprache vor - ich war wirklich beeindruckt.
Nach der ersten Runde wurde ich in die nächste weitergereicht. Die Lehrerinnen wechselten sich immer ab, sodass keine Lehrerin ihre eigene Klasse bewerten musste. Und so saß ich immer mit anderen Lehrerinnen zusammen in der Pause und musste die immer-gleichen Fragen beantworten, wie "was isst du am liebsten hier in Russland", sodass ich mir am Ende wie in einer Zeitschleife vorkam. Insgesamt waren es vier Runden mit jeweils anderen Schülern und Altersstufen, wobei die Hälfte der Schüler nicht anwesend war und ein paar Schüler neu hinzukamen, die nicht auf der Liste standen... ein Wunder, dass wir mit der Punktevergabe nicht durcheinander kamen. Wir durften auch nur Punkte von 0 bis 2 vergeben, was nicht viel Spielraum ließ, selbst wenn man halbe Punkte hinzu nahm. Am Ende musste ich den neuen Lehrerinnen in den nachfolgenden Runden das Punktesystem erklären.
Die älteren Schüler trugen komplizierte Gedichte vor, drei von ihnen sogar den Erlkönig von Goethe, und das vielleicht besser als manch deutscher Schüler... irgendwas musste am russischen Schulsystem dran sein. Wer in der Schule Nummer 22 deutsch gelernt hatte, konnte es danach auch. Wenn ich im Gegensatz dazu an mein Schulfranzösisch denke - davon ist nur ein trauriger Rest hängengeblieben.
Am Ende kamen die kleinsten Schüler dran, die 3. Klasse, wenn ich mich recht erinnere. Sie waren schneller mit ihren kleinen Gedichten fertig als ich die Punkte eintragen konnte. Danach machte Natalija Erinnerungsfotos, von denen ich auch gern eins teilen möchte:

Auch wenn es vielleicht nicht danach klingt, mir hatte es viel Spaß gemacht, und ich bekam auch wieder ein leckeres Essen in der Schulkantine, und überlegte mir, öfters zu kommen, allein schon wegen der vorzüglichen Behandlung an dieser Schule.
Ende Juni sollte ich noch einmal wiederkommen um die älteren Schüler auf ihren Aufenthalt in Lüneburg vorzubereiten. Ich sagte gerne zu.

Ich hatte mit Erstaunen festgestellt, dass das Semester praktisch schon zu Ende war - es hatte ja auch einige Wochen vor meiner Ankunft angefangen, aber trotzdem hat mich das plötzliche Ende überrascht. Wir würden keine gemeinsamen Vorlesungen mehr haben, denn keiner der russischen Studenten führte den Cisco-Kurs fort, weil sie alle ihre Diplomarbeit schreiben mussten. Erst im Herbst wollten einige wieder damit beginnen, falls sie im Masterstudiengang aufgenommen werden würden.

Aber nur weil wir keine Vorlesungen mehr hatten, hieß das nicht, dass wir keine Zeit mehr miteinander verbringen konnten - in Russland war man schließlich gut vernetzt; jeder besaß die Handynummer von jedem und in vkontakte wird man sowieso von allen Seiten angeschrieben. Und so schlug Artjom vor, dass wir uns morgen zum Mittagessen treffen konnten, und am Abend sollte ich bei Dima zu Besuch kommen. Und das war es, was Russland so liebenswert machte - nicht das unbedingt Land, sondern die Menschen. Dies würde es schwer machen, Izhevsk zu verlassen. Doch mein Aufenthalt hier näherte sich unerbittlich und spürbar der Halbzeit.

Ich traf mich also gegen Mittag mit Artjom - wobei mich Russland schon so beeinflusst hatte, dass ich zu spät kam, obwohl ich nur 8 Etagen nach unten gehen musste um ihn zu treffen. In der Zeit unterhielt er sich mit der Wachtjor-Frau im Erdgeschoss und erfuhr, dass er auf der geheimnisvollen Liste stand, von der wir alle nur gerüchteweise gehört hatten: Die Liste der Studenten, die die Erlaubnis hatten, das Wohnheim zu betreten. Artjom war einer der Studenten gewesen, der sich vor Monaten eingetragen hatte, und wahrscheinlich der erste, der diesbezüglich nachgefragt hatte. Wir hakten es unter "gut zu wissen" ab und gingen spazieren. Artjom hatte vor, mir ein sehr gutes Pfannkuchen-Café zu zeigen, das ganz in der Nähe lag, und tatsächlich bin ich jeden Tag mit dem Bus daran vorbeigefahren, wenn ich zu Gebäude 5 musste.
Das Café wirkte gemütlich, mit einfachen Holzstühlen und Tischen, die so eng standen, dass man den Bauch einziehen musste, wenn jemand hinter einem Platz nehmen wollte - ganz zu schweigen von aufstehen und den Platz verlassen.
Die Pfannkuchen waren wieder gefaltete französische Crêpes, die in Butter schwammen - die russische Variante eben. Aber da ich Butter sogar roh aß, gefiel mir diese Machart sogar besser als die vertraute französische Art.
Mittlerweile war es mir zu einer persönlichen Tradition geworden, von jedem gemeinsamen Essen mit einem Bekannten ein Foto zu schießen. Es brauchte eine ganze Reihe von Anläufen bis ich Artjom mit einem Lachen auf dem Foto erwischte - er lachte zwar die ganze Zeit, aber immer, wenn ich auf den Auslöser drückte, war seine Miene ernst. Aber nur präsentiere ich stolz: Einen lachenden Artjom:


Nach dem Essen hatten wir noch etwas Zeit bevor Artjom zu einer Vorlesung musste, also begleitete er mich ins Auslandsamt, den ich brauchte meinen Reisepass zurück - das heißt, ich brauchte ihn eigentlich nicht, aber wenn mich ein Polizist danach fragte, sollte ich ihn wohl dabei haben. Und dieses Wochenende würden die Demonstrationen zum ersten Mai stattfinden und das Polizeiaufgebot dementsprechend erhöht sein.
Das Auslandsamt war jedoch verschlossen - das erste Mal, dass ich es erlebte. Normalerweise war es nur leer und irgendwann kam jemand aus einem der innen angeschlossenen Büros.
Auf dem Rückweg begegnete uns Zsolt, der seltsame ungarische Mitbewohner von Gergö, den ich ewig nicht gesehen hatte. Aber besonders schlimm fand ich es nicht, da ich ihn als etwas langweilig empfand, und Gergö mochte ihn auch nicht besonders, sodass es für mich nie einen Grund gegeben hatte, näher mit ihm in Kontakt zu treten. Bis heute. Denn als er ebenfalls von den verschlossenen Türen zurück kam, gesellte er sich zu uns, da er Artjom von einer früheren Gelegenheit kannte... natürlich, es war Izhevsk, jeder kannte hier jeden von irgendeiner früheren Gelegenheit. So kam es zum fliegenden Wechsel der Gesprächspartner, da Artjom im gleichen Moment von einigen Kommilitonen in ein Gespräch verwickelt wurde. Wir beschlossen auf Artjom zu warten und setzten uns in die Sonne. Wir stellten fest, dass wir beide auf unseren Reisepass warteten -Zsolt wollte am Abend in einen Club gehen, der Ermäßigungen für Ausländer bot, und allein mit schlechtem Russisch bekam man den Rabatt wahrscheinlich nicht.
Ich rief schließlich Aliza an, die versprach, dass wir die Pässe 16 Uhr abholen könnten.
Zsolt hatte wie Gergö eigentlich nichts zu tun, da sie beide keine Kurse an der Universität belegten, deshalb beschloss er, sich uns anzuschließen. Artjom und ich wollten noch ein wenig spazieren gehen, und so liefen wir zu dritt eine Runde um den Block. Es war heiß und der Wind trieb den losen Sand auf den Wegen in sämtliche unbedeckten Körperöffnungen. Reden konnten wir so nicht, ohne ein Häufchen Sand danach auszuspucken. Artjom verabschiedete sich bald um zur Vorlesung zu gehen, und ich meinte, ich nun wollte einkaufen gehen. Das war Zsolts Stichwort, denn einkaufen was sowas wie ein Hobby für ihn - ganz besonders da ich in den großen "Karusel"-Supermarkt im Talisman-Einkaufszentrum gehen wollte.
Ich hatte die Nummer des Busses vergessen, aber Zsolt war sich ganz sicher, dass es Nummer 22 war. Erst 10 Minuten später stellten wir fest, dass Bus 22 gar nicht von dieser Haltestelle abfuhr. Er erinnerte sich, dass er das letzte Mal von der nächsten Haltestelle abgefahren war, also gingen wir eine Haltestelle weiter - und wieder kein Bus 22. Von allen Busnummern sah mir die 29 am sympathischsten aus, und ich zog den sich zierenden Zsolt in den nächsten Bus der Nummer 29 hinein. Meine Wahl hatte sich als richtig erwiesen, wir kamen an dem vertrauten Straßenmärktchen vorbei, wo ich mit Murik vor scheinbar Ewigkeiten den Dosenöffner gekauft hatte, dann fuhren wir an den schiefen Zäunen einer Gartenkolonie vorbei und erreichten das Einkaufszentrum.
Zsolt war ganz in seinem Element, und auch ich begann den riesigen Supermarkt so richtig zu genießen. Das erste Mal hatte ich nicht viel Geld dabei gehabt und bei jedem Artikel den Gesamtpreis im Kopf überschlagen, aber diesmal konnte ich in die vollen gehen - und sogar Geschirr kaufen. Die Suche nach dem verschwundenen Teller hatte ich nun aufgegeben und kaufte mir deshalb gleich drei Teller verschiedener Größe und Tiefe aus dem Sonderangebot. Das sollte erstmal reichen, und wenn mir diese Teller auch geklaut würden, wusste ich nun, wo ich preiswertes Geschirr kaufen konnte. Am Ende würde ich das ganze Wohnheim allein ausstatten.
Zsolt erwies sich als ein Gentleman. Er bot an, meinen schweren, mit Getränken vollgepackten Rucksack zu tragen, wenn er seine Weinflasche dort mit unterbringen könnte. Das Angebot ließ ich mir nicht zweimal machen, dass ich hatte es mit dem Einkaufen etwas übertrieben und befürchtete schon, der Rucksack würde mir noch auf dem Rücken auseinanderbrechen. Zsolt stöhnte beim Anheben des Rucksacks, hielt sich aber tapfer.

Es war nun schon fast 16 Uhr und wir lagen gut in der Zeit um unsere Pässe abzuholen. Nur dummerweise hatte ich nicht bemerkt, dass Aliza versucht hatte mich anzurufen, doch ich konnte sie selbst nicht erreichen. Dafür hatte Dima angerufen um sicher zu stellen, dass ich die Einladung nicht vergessen hatte und den Weg zu seinem Haus wiederfinden würde - es war ja schon eine Weile her, als wir nach dem Cisco-Praktikum zum Teetrinken und Pelmeni-Essen bei ihm waren. Ich bestätigte, dass ich es noch wusste: Hinter dem Supermarkt in der Nähe der Haltestelle bei Gebäude 5. Alles klar, Wohnung Nummer 26.

Im Auslandsamt arbeitete nur eine einzige Mitarbeiterin, mit der keiner von uns bisher Kontakt gehabt hatte. Aus irgendeinem komischen Grund versuchen wir beide mit ihr auf Russisch zu sprechen bis sie uns nach einigen Minuten mit einem recht guten Englisch erlöste. Sie versuchte irgendjemanden zu erreichen, der vom Verbleib unserer Reisepässe wusste. Doch alle Handys, die sie anrief, klingelten in diesem leeren Büro. Es war heute eine seltsame Atmosphäre in der Universität. Kaum jemand schon noch im Gebäude zu sein, und die wenigen, die noch da waren, befanden sich geistig schon im Wochenende und den Feierlichkeiten zum ersten Mai. Ich wollte morgen unbedingt die Demonstrationen sehen, denn im Internet hatte ich Fotos gefunden, die hunderte von Menschen mit roten Sowjetunion-Flaggen zeigten, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Allerdings hatte mir noch niemand sagen können, wo genau es war ("im Zentrum"), und wann es begann ("morgens"). Niemand schien ernsthaft Interesse daran zu haben, es sich anzuschauen.

Jedenfalls wären wir fast unverrichteter Dinge zurück ins Wohnheim gegangen, wenn nicht Marina gekommen wäre und meinte, dass Aliza die Reisepässe um 18 Uhr ins Wohnheim bringen wollte.
Unerwarteterweise klappte es. Sie gab mir auch die Pässe für Zsolt und Gergö, die ich gleich zu ihnen brachte. Eigentlich war ich gerade auf dem Sprung, da ich ja noch zu Dima wollte, aber die Situation, in der ich Aliza nun sah, war einfach zu köstlich um gerade jetzt das Haus zu verlassen: Etwa 15 Ägypter standen um sie herum und redeten auf sie ein. Sie schaute wie ein Reh von einem zum anderen: "Aber das kann ich nicht machen..." Was hatten sich die Ägypter jetzt schon wieder ausgedacht? Ich fragte, was los sei. Sie erklärten mir, dass sie versuchten, unsere Prüfung im Fach "Antennen" um eine Woche zu verschieben, da sie nächste Woche über die Feiertage nach Jekaterinburg fahren wollten, aber eben unsere Prüfung dummerweise an jenem Samstag stattfinden sollte.
"Du kannst doch sicher etwas machen, wenn du nur mit ihm reden würdest...", bat Mohammed Aliza wieder.
"Aber ich kenne ihn doch nicht mal!"
Mir wäre es nur allzu recht gewesen, die Prüfung zu verschieben, das ich noch nicht einmal angefangen hatte, die Prüfungsfragen auszuarbeiten, die uns Professor Puschin gegeben hatte - und es war eine ziemliche Liste, die einem schon auf den ersten Blick die Laune verdarb.
"Könntest du ihn nicht anrufen und mit ihm reden?"
"Aber ich habe nicht mal seine Telefonnummer...", meinte sie schon ganz verzweifelt. Aber irgendwie hatte sie es schon einmal erreicht, eine Vorlesung bei diesem Professor ausfallen zu lassen - nämlich als es um den Wettbewerb im Wald ging. Natürlich war es nur eine Ausrede von Aliza, dass sie seine Telefonnummer nicht hatte, und so zog ich meinen Trumpf aus dem Ärmel und mein Handy aus der Hosentasche: "Also ich hab seine Telefonnummer"
Mohammed nahm sein Handy und speicherte die Nummer ab. Dann reichte er es Aliza.
"Bitte, biiiiitte!"
Sie wand sich. "Warum ruft ihr nicht selber an?"
Die Ägypter redeten sich heraus, alle auf einmal... "Sein Englisch ist so schlecht... wir verstehen ihn nicht... " Sie wussten, dass sie mehr Erfolg in ihrem Plan haben würden, wenn jemand Offizielles vom Auslandsamt um eine Verschiebung der Prüfung bat.
So ging es noch eine ganze Weile und ich musste nun wirklich los. Das letzte Argument, das ich noch hörte, war: "Ich kann ihn doch nicht anrufen, wenn ich seinen Vatersnamen nicht kenne." Das versetzte die Ägypter in Erstaunen. Vatersname? Was ist das denn? Sie schienen wirklich nicht viel Kontakt zu Russen zu haben. Ich sprang ein und erklärte, dass es eigentlich nicht korrekt war, wenn wir Albert "Dr. Abilvo" nannten, erstens weil er seinen Doktortitel noch gar nicht hatte, und zweitens, weil man in Russland als höfliche Anrede eine Kombination aus Vornamen und Vatersnamen verwendete. Der Vatersname setzt sich zusammen aus dem tatsächlichen Namen des Vaters und dem
Anhang der Nachsilbe -owitsch oder auch -ewitsch für einen Mann, und -owna oder -ewna für eine Frau. Im Fall von Albert wäre dies "Albert Wienerowitsch".
Allerdings gelang es mir nie, seinen Vatersnamen ohne breites Grinsen auszusprechen, und ich hatte schon für sehr viel Heiterkeit unter meinen russischen Kommilitonen gesorgt, wenn ich ihnen erklärte, was im Deutschen eine Wiener ist.
Manche Ägypter hatten es sich teilweise noch einfacher gemacht und nannten ihn einfach "Dr. Albert". Ich fand, das klang irgendwie niedlich, wie eine Sendung über einen Tierarzt.

Das Ende der Verhandlungen mit Aliza hörte ich jedenfalls nicht mehr; ich schlug noch vor, sie sollten auf der Internetseite der ISTU im Professorenverzeichnis nach seinen Vatersnamen schauen, dann machte ich mich wirklich auf den Weg. Erst am nächsten Tag traf ich Mohammed wieder und erfuhr, dass sie Aliza erfolgreich überredet hatten, und sie wiederum Professor Puschin erfolgreich überredet hatte.

Ich erreichte Dimas Haus noch nicht allzu spät - dachte ich. Als ich bei der Nummer 26 klingelte, hörte ich eine fremde russische Stimme aus der Gegensprechanlage. Ich entschuldigte mich, dass ich einen Fehler gemacht hatte, konnte aber nicht erklären, worin der Fehler bestand und entfernte mich vom Haus um Dima anzurufen. Er beschloss mich von der Bushaltestelle abzuholen um weitere Missverständnisse zu vermeiden. Ich wartete also. Zwei Mädchen im Alter von vielleicht 15 kamen auf mich zu und baten mich um Geld. Sie sahen aus, als würden sie den ganzen Tag nichts anderes machen. Ich hatte keine Lust, mich darauf einzulassen und sprach demonstrativ auf Englisch, dass ich sie nicht verstand. Auf diese Weise wird man hier am schnellsten Leute los, die etwas von einem wollen. Und tatsächlich zogen sie - nach einem weiteren erfolglosen Versuch, mir auf Russisch Geld abzuknöpfen - davon.
Dima kam und als ich ihm von der Begegnung erzählte, meinte er, ja, das sei normal, und ich konnte froh sein, dass es die Mädels gewesen waren, und nicht die Männer, die hinter ihnen standen. Dieses Stück Information war mein "Was-zum-Teufel-Moment des Tages". Mit diesem Begriff hatte ich begonnen, die Dinge zu bezeichnen, die mich in Russland immer noch von Tag zu Tag überraschen oder ganz unerwartet treffen. Tatsächlich hatte ich jeden Tag einen dieser Momente. Ich musste dafür manchmal noch nicht mal das Haus verlassen. Zum Beispiel als ich mir letztens ein Butterbrot mit Käsebelag schmierte. Als ich den Käse aus der Folienverpackung nahm, bemerkte ich einen Metallstreifen und sah genauer hin: Es war eine Diebstahlsicherung. Für Käse. Das muss man den Russen erstmal nachmachen.

Dima hatte dazu gemeint, dass die Russen sehr gern kleine Dinge wie ein Stück Käse in ihren Taschen verschwinden ließen. Tatsächlich hatten mir schon mehrere Leute bestätigt, dass die Russen alles mitnahmen, was nicht niet- und nagelfest war. Zum Beispiel als ich im Zug nach Sankt Petersburg meinen Handy-Akku an einer der Steckdosen im Gang auflud, hatte Albert darüber den Kopf geschüttelt und darauf bestanden, dass ich mein Handy an eine Steckdose steckte, die sich in Sichtweite unseres Coupés befand. Angesichts dieser Informationen bin ich dafür, unsere Vorurteilsstruktur zu überdenken - wenn nicht mal die Russen ihren eigenen Landsleuten vertrauen, wird es Zeit, die Polen vom Ruf der Langfinger Europas zu befreien und den Russen diesen Titel zu verpassen. .

Dimas Haus ließ sich übrigens leicht finden; es stellte sich heraus, dass es zwei Supermärkte an der Bushaltestelle gab, deren Hinterhöfe sich erstaunlich ähnlich sahen.
In der Wohnung traf ich auch endlich Dimas Verlobte Nastja. Vom ersten Eindruck der Wohnung hatte ich angenommen, dass sie eine dieser "meine Lieblingsfarbe ist rosa"-Frauen sei, mit denen nur schwer ein gemeinsames Gesprächsthema zu finden ist, aber ich wurde positiv überrascht, denn sie war bodenständig und kumpelhaft, und so hatten wir drei eine tolle Zeit zusammen. Nastja fiel es am Anfang schwer, Englisch zu sprechen, denn sie hatte seit Jahren keine Übung mehr darin bekommen, aber nach einer Weile lief es wie geschmiert.
Sie hatte gerade das Abendessen zubereitete, eine Gemüsepfanne mit Hühnerkeulen, und ich bereute es schon, am Mittag essen gegangen zu sein. Tatsächlich schien es immer öfter so zu kommen, dass ich einen Tag lang überhaupt nichts Gescheites aß und am nächsten Tag gleich zweimal gutes Essen bekam. Ich musste lernen, wie ein Hamster auf Vorrat zu fressen.

Wir saßen noch bis 23 Uhr zusammen und tranken Tee. Solche gemütlichen Abende würden mir in Deutschland wirklich fehlen. Oder vielleicht war es die Gelegenheit, die russische Gemütlichkeit in Deutschland einzuführen?
Wir hätten sicher noch länger gesessen, aber ich musste mich langsam auf den Weg zurück machen, wenn ich nicht vor verschlossener Tür sitzen wollte - wobei ich natürlich noch später als 23 Uhr ins Wohnheim kam, aber ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, so ein Großmütterchen später als Mitternacht zu wecken, dass sie mich hinein ließ.

Übrigens hatte ich erstaunliches Glück, dass ich an diesem Tag die Bekanntschaft mit Nastja gemacht hatte, denn sie wurde von ihrem Arbeitgeber verpflichtet, an den Demonstrationen zum ersten Mai teilzunehmen, und so verabredeten wir uns, morgen gemeinsam ins Zentrum zu fahren und zusammen daran teilzunehmen. Nastja und Dima boten mir an, gleich bei ihnen zu übernachten, aber ich wollte ihre Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.

Im Internet traf ich noch auf Olga, die meinte, seit Ewigkeiten nicht mehr an den Demonstrationen teilgenommen zu haben, und so verabredete ich mich mit ihr im Zentrum - passenderweise vor der Lenin-Bibliothek.

Am nächsten Tag fuhr ich also um 8:30 erstmal zu Dima und Nastja. Es fiel mir schwer, um diese Uhrzeit aus dem Bett zu kommen - Russland hatte mich mit seinen 12-Uhr-Vorlesungen zu sehr verwöhnt, und ich brauchte mittlerweile einen Wecker um überhaupt um 11 Uhr aufstehen zu können.

Bei Dima und Nastja bekam ich erstmal einen warmen Tee, und Nastja bat mich, in der Küche mit ihr platzzunehmen, da Dima am Morgen von einem Arbeitskollegen angerufen worden war - ohne ihn ging nichts auf Arbeit, nicht mal an einem Feiertag. Nun musste Dima über Internet ein Problem beheben, und wir nutzten die Zeit für ein kleines Frühstück. Olga wartete sicher schon im Zentrum. Ich gab ihr bescheid, dass es wohl ein bisschen länger dauern würde.

Als wir schließlich das Haus verließen, schien die ganze Stadt auf den Beinen zu sein. Nastja grüßte einen uns entgegenkommenden bärtigen Mann und meinte, das sei ihr Chef, der ihr gesagt hatte, sie solle an den Demonstrationen teilnehmen - er selbst war gerade auf dem Weg in seine Datsche, sein Wochenendhäuschen.
Die öffentlichen Verkehrsmittel waren so ausgelastet, dass kaum in die Straßenbahn hinein kamen. Wir standen dicht aneinander gedrängt, aber irgendwie schaffte es die Ticketverkäuferin, sich durch die Menge zu drücken und Fahrkarten zu verkaufen.
Wir stiegen an der Karl-Marx-Straße aus und zur Richtung Lenin-Bibliothek, wo uns Olga entgegen kam. An der Straßenkreuzung sah ich schon die riesigen roten Flaggen durch die Luft wehen und Polizisten Wache stehen.
Ich machte Olga mit Dima und Nastja bekannt. Es war seltsam, einmal selbst Leute vorzustellen statt immer nur vorgestellt zu werden.
Gemeinsam gingen wir in Richtung der Kommunisten und bekamen schon auf dem Weg von einer älteren Frau eine Zeitung namens "Russische Patrioten" in die Hand gedrückt. Dima lachte sich schlapp.
Unter den Kommunisten befanden sich nicht nur ältere Leute, die sich die alten Zeiten zurückwünschten, sondern auch erstaunlich viele junge Leute. Dima erklärte, dass die meisten von ihnen Studenten waren, die von den Kommunisten angeworben wurden, oder auf Gut Glück zu den Demonstrationen kamen um sich etwas Geld dazu zu verdienen, nach dem Motto: Unter welcher Flagge laufe ich heute mal?
Ich finde, gerade bei den Kommunisten hat das Anwerben von Demonstranten etwas zutiefst Ironisches.
Zu meinem Glück hatten sie heute nicht allzu viel Erfolg mit dem Anwerben gehabt und hatten noch bündelweise Kommunistenfahnen zu vergeben. Als ich meinte, wie gern ich so eine Flagge hätte, sprang Olga sofort los und kam eine Minute später mit einer Flagge zurück, die sie mir schenkte. Sofort begannen wir Fotos zu machen: Mich mit der Fahne vor den Kommunisten, und dann Dima und ich posierend als die Statue "Der Arbeiter & die Kolchosebäuerin", die im Vorspann alter Sowjetfilme zu sehen war. 


Dann bemerkte ich etwas Interessantes: Diese Kommunisten trugen nicht etwa Bilder von Lenin mit sich herum, sondern Bilder von Stalin auf großen Plakaten. Ich hatte zwar davon gehört, dass es in Russland noch einen Personenkult um Stalin gab, aber es selbst zu sehen, war schon etwas anderes.


Doch nicht nur Kommunisten waren gekommen, sondern eine ganze Reihe von Leuten, die wie Nastja ihre Arbeitsstelle repräsentieren mussten. Zumindest das erinnerte noch an die "guten alten Zeiten".
Dima kommentierte es so: "Der Hälfte der Leute wurde von ihrem Chef das Teilnehmen verordnet. Der Rest will die alten Zeiten wiederhaben oder sucht Krach mit der Polizei." Dabei deutete er auf eine kleine Gruppe junger Leute unter einer schwarzen Flagge. Es waren linke Antifaschisten, auf deren Flagge stand: "Izhevsk ohne Nazis". Dima meinte, dass sie normalerweise schon vorher von der Polizei aussortiert und gar nicht erst auf die Demo gelassen werden. Er erzählte, dass er selbst mal mit Freunden dabei mitmachen wollte, doch er hatte sich verspätet, und als er kam, waren alle seine Freunde schon verhaftet worden.

Während die Demo noch stand, gingen wir die Straße entlang um die Spitze der Parade zu finden. Es wurde immer mehr zum Volksfest je weiter wir vordrangen: Familien mit kleinen Kindern, die vollbepackt mit bunten Luftballons waren; Banner mit Firmenlogos spannten sich über den Menschenzug, russische und udmurtische Fahnen wurden durch die Luft geschwenkt, und sogar Leute in udmurtischer Nationaltracht liefen mit auf der Parade. Von der Partei "Einiges Russland" bekam ich ein Bändchen in den Farben Russlands, das ich mir das Schleife an meiner Jacke anbinden sollte. So gab ich ein seltsames Bild ab: Mit Kommunistenflagge und Abzeichen der regierenden Partei.


Das Militär durfte natürlich auch nicht fehlen! In einem Armeefahrzeug, das lustigerweise aus dem Bestand der US-Armee war, fuhren ein paar alte Veteranen mitten im Demonstrationszug. Stilecht war an dem Fahrzeug eine Kalaschnikow montiert.
Wir reihten uns vor ihnen in die Parade ein und liefen mit bis zum Präsidentenpalast, vor dem eine Tribüne aufgebaut war und der Präsident der udmurtischen Republik, Alexander Wolkow, breit grinsend und winkend die Demonstranten grüßte.



Doch hier näherte sich die Demonstration schon dem Ende. Es war eine unglaubliche Menge an Teilnehmern gewesen, aber die Parade selbst ging nur über einige Straßenzüge.
Wir stellten uns an den Straßenrand und beobachteten noch eine Weile Demonstranten kommen und sich sofort nach dem Passieren des Präsidentenpalast zu zerstreuen. Als letztes kamen die Kommunisten langsam anmarschiert, mit alten sowjetischen Siegesliedern und einer Ernsthaftigkeit, als hätte es niemals die Perestroika gegeben.
Aber nun begannen die richtigen Feierlichkeiten: Schon auf der Straße gossen sich die Teilnehmer klare Flüssigkeiten in ihre Becher und Tassen, die ganz eindeutig kein Wasser waren.
Nastja, Dima, ich und ein Großmütterchen, das sich zu uns gesellt hat. In der Kaffeetasse war eindeutig kein Kaffee.

Wir vier entschlossen uns, das Großmütterchen allein mit ihrem Wässerchen zu lassen und ein Café aufzusuchen, in dem wir zu Mittag essen konnten. Wir bestellten uns Pizza und Pasta - Gerichte, die es hier in jedem Café zu geben schien. Russische Pizza ist sehr gut und kann durchaus mit italienischer Pizza mithalten, allerdings ist der Belag manchmal etwas gewöhnungsbedürftig; so bekam ich heute eine Pizza mit Oliven, Wurststreifen und sauren Gurken.
Olga und ich begannen bald mit den Servietten Origami zu falten, und dann bat sie mich, ihr eine andere Figur beizubringen, die sie in meinem Fotoalbum in vkontakte gesehen hatte.
Später stieß eine weitere Bekannte von Dima zu uns; sie hatte einen seltsamen Mann dabei, der genau so aussah, wie man sich immer einen psychopathischen Massenmörder vorstellte: Hoch gewachsen mit extrem langen und dünnen Fingern; er wirkte ruhig und in sich gekehrt, aber sein Blick ließ meine Nackenhaare sich aufstellen. Ich sah mich schon gefesselt in einem Keller liegen und ihn mit psychopathischem Grinsen eine Kreissäge anschalten.
Nun, dieser Mann sollte keine Bekanntschaft von mir werden; er war ein Programmierer aus Moskau und nur bei Stasya auf Besuch, die ihn vorher auch nur über Internet kannte. Stasya hingegen sollte mir in den nächsten Wochen jedoch eine Freundin werden, und als wir später einmal über diesen seltsamen Mann sprachen, meinte sie: "Wir wollten zusammen nach Frankreich fahren, aber als ich ihn persönlich kennenlernte, wusste ich, dass ich es mit ihm auf keinen Fall unternehmen konnte."

Für heute allerdings war unser Treffen eher kurz. Olga musste nach Hause und wir verließen kurz darauf das Café um zu einem Open-Air-Konzert auf dem Hauptplatz der Stadt zu gehen, bevor sie am Abend alle zusammen in eine Biker-Kneipe gehen wollten, dann heute war auch der Start eines Motorrad-Treffens gewesen. Ich fühlte mich unglaublich müde und fand die Vorstellung eines Biker-Treffens überhaupt nicht verlockend, weshalb ich mich erst auf den Rand eines Springbrunnens zum Entspannen legte, und als ich dort einnickt, verabschiedete ich mich von den anderen - für heute seien es genug Abendteuer gewesen.

Zurück im Wohnheim traf ich Gergö im Gang und roch sehr genau, wie er seinen ersten Mai verbracht hatte, obwohl er gut einen Meter von mir entfernt stand. Ich witzelte, dass wir beide eine Fahne bekommen hätten - ich eine zum Schwenken, er eine von Trinken. Er war zu dicht um den Witz auf Deutsch zu verstehen. Er meinte, dass er den ganzen Vormittag schon getrunken hatte; er war mit Freunden beim Grillen gewesen und irgendwann weggenickt. Jetzt bräuchte er eine Dusche und dann sollte es weitergehen. Er lud mich dazu ein, aber ich lehnte dankend ab. Genug der Abendteuer! Ich wollte mich ein wenig ausruhen und dann die schon etwas zu lange wartende Arbeit fürs Studium in Angriff nehmen. Es war schwierig, sich bei so tollem Wetter und ständig ausfallenden Vorlesungen zum Selbststudium zu zwingen...

Samstag, 8. Mai 2010

Ich lebe noch! Teil 3. (17. bis 24. April)

Nach all den Abenteuern der letzten beiden Wochen begann mich der Alltag einzuholen... aber nur für eine kurze Zeit...

Wörter, die einen wahnsinnig machen.
Wenn man sie eine ganze Weile lang in jedem Satz hört, aber deren die Bedeutung einem entfallen ist. In der letzten Vorlesung vor der Prüfung hatte Albert ständig etwas gesagt, das wie strjoch klang - es kam mir sehr bekannt vor, aber im Wörterbuch fand ich es nicht. Erst heute stieß ich durch Zufall in meinen Notizen auf das Wort - kein Wunder, dass ich es nicht gefunden hatte, es waren zwei Wörter, die man zusammenzog: s trjoch, wörtlich "mit" drei, und plötzlich ergab das ganze Sinn; es war die Rede von den Prüfungsterminen gewesen, und gemeint war "ab drei Uhr".
Montag ab drei.
Es war Samstag. Mir blieb nur heute und morgen, und der halbe Montag zum Lernen für die Prüfung, die eigentlich aus zwei Prüfungen bestand, eine theoretischen und einer praktischen. Die theoretische Prüfung machte mir längst nicht so viel Angst wie die praktische, deshalb beschloss ich mit den praktischen Übungen anzufangen. Doch mitten in der zweiten Übung fiel mir ein, dass ich heute noch Vorlesungen hatte. Sollte ich gehen oder nicht? Ach zum Teufel, ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg.
Wie immer war ich die erste halbe Stunde mit Professor Puschin allein, aber diesmal kam es mir ganz gelegen, weil er während meiner Sankt Petersburg-Reise eine Ersatzvorlesung für die Ägypter gehalten hatte und er mir nun kurz den Stoff jener Stunde zusammenfasste. In diesem Fach musste ich zwar keine Prüfung schreiben, aber ich wollte es zumindest versuchen. Eigentlich musste ich in keinem der Fächer in Russland eine Prüfung schreiben, aber so brachte ich mich dazu die Vorlesungen ernst zu nehmen.
Die Ägypter schienen alles immer lockerer zu nehmen; sie hatten mittlerweile den Dreh raus, wie sie Professor Puschin um den Finger wickeln konnten und verkürzten unsere Vorlesungszeit heute um zwei Stunden, sodass wir schon gegen 16 Uhr frei bekamen. Wie immer blieb ich noch fünf Minuten länger Professor Puschin beim Zusammenräumen zu helfen, und die Computer auszuschalten, die die Ägypter hatten laufen lassen, und nahm den gröbsten Müll mit auf den Weg nach unten. Natürlich gab es keine Papierkörbe in den Zimmern; es war immer noch Russland.
Nach der Stunde übte Professor Puschin gern sein Deutsch mit mir; heute schlug er vor, zur Universität zurück zu laufen statt den Bus zu nehmen, sodass wir etwas mehr Zeit zum Sprechen hatten, außerdem war das Wetter mittlerweile schön frühlingshaft geworden; ein lebhafter Wind wehte und die Sonne schien warm.

Zu Hause angekommen fand ich eine große Überraschung in meinem Postfach: Es war die Aufgabenstellung für die praktische Prüfung. Einige der Studenten hatten diese Prüfung schon am Freitag geschrieben, aber wie ich hörte, waren die meisten durchgefallen. Also hatte einer von ihnen ein Foto der Aufgabenstellung gemacht, und das wurde per E-Mail an sämtliche Studenten des Kurses verteilt; und so hatte es auch mich erreicht. Ich war beeindruckt von dem Zusammenhalt der russischen Studenten, dieser Gruppe. Keiner versuchte, einen persönlichen Vorteil zu bekommen, stattdessen wurden alle mit den gleichen Informationen versorgt. Ein anderer Student hatte seine Lösung der Prüfung gleich hinterher geschickt. Ich sah sie durch und es sah ganz gut aus, wenn sie auch nicht vollständig war; einige Teile fehlten und andere waren nicht ganz korrekt, so beschloss ich, die Prüfung selbst zu lösen und die Lösung an die restlichen Studenten zu verschicken. Die einzige Schwierigkeit war, dass die Aufgabenstellung auf Russisch war. Es dauerte fast doppelt so lang sie zu übersetzen wie das Lösen der Aufgaben, aber es gelang mir. Die Aufgaben hatten es teilweise in sich, besonders da mir der praktische Teil der Aufgabenstellung fehlte, in dem das Netzwerk simuliert wurde. So musste ich mir selbst ein Netzwerk aufbauen, das ungefähr so aussehen musste wie das in den Aufgabenstellungen vorgegebene. Tatsächlich war ich ziemlich nah dran gewesen bis auf ein paar Details.
An meine Lösungen schrieb ich noch Kommentare für die anderen Studenten und schickte es zurück an alle Empfänger der Aufgabenstellung.
Das klang jetzt vielleicht nach einer einfachen Übung, aber in Wirklichkeit dauerte es den restlichen Samstag und den ganzen Sonntag bis weit nach Mitternacht bis ich sowohl mit den praktischen Übungen als auch mit dem Lösen der Prüfung fertig geworden war. Aber danach konnte ich im Schlaf Cisco-Router konfigurieren, und das ich auch. Leider wusste mein Traumlexikon nicht, was es bedeutet, wenn man von lebenden Netzwerkkabeln gewürgt wird.

Nach nur sechs Stunden Schlaf wurde ich von Aliza geweckt, die mich anrief und sagt, sie sei ihm Wohnheim und bräuchte meine Zugtickets um Kopien davon zu machen für meine Abmeldeantrag, den sie vor meiner Abreise aufgesetzt hatte. Und dann brauchte sie meinen Reisepass für die erneute Registrierung. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich ihr mit meiner Reise so viel Arbeit gemacht hatte. Ich tappte barfuß und im Nachthemd in den Flur und gab ihr das Verlangte. Nun fragte sie mich zum aberhundertsten Male, wie lang ich in Izhevsk bleiben wollte. Das sei wichtig, da jeder Tag Anwesenheit zwei Rubel kostete, die ich noch bezahlen müsste. Ich sah sie zweifelnd an. 2 Rubel war überhaupt nichts, das waren 5 Cent. Ich sagte ihr, sie solle mich ruhig bis Mittag August registrieren, und wenn ich früher abreiste, dann konnte das Registrierungsamt den Euro gern behalten. Zusätzliche 1000 Rubel waren für die Visumsverlängerung selbst fällig - 25 Euro. Sollte mir Recht sein, solange ich mich jetzt wieder ins Bett legen konnte. Aliza bedankte sich und ging, nur um eine halbe Stunde später wieder anzurufen und mich zu bitten, meine Migrationskarte auf dem Weg zur Prüfung vorbeizubringen.

Jedenfalls verging so der Montag, und die letzten Stunden wollte ich zum Lernen der Theorie verwenden und wahllos das Material überfliegen, das ich immer noch nicht gelesen hatte.
Dann überlegte ich es mir anders, denn um 12 hielt Albert für die Ägypter eine Vorlesung zu eben jenem Stoff, zu dem ich 15 Uhr meine Prüfung schreiben würde, also ging ich hin.

In das Auslandsamt zu kommen stellte sich heute als schwierig heraus. Ein Teil des Gebäudes war abgesperrt worden, weil gerade das brüchige Treppenhaus erneuert wurde. Ich folgte kurzerhand der Frau vor mir, die fast in das abgesperrte Treppenhaus marschiert wäre und nun einen alternativen Weg einschlug. Wir marschierten quer durch das ganze Gebäude und wirklich, hinter sonst verschlossenen und gut als Büroeingang getarnten Türen gab es einen zweiten Aufgang im hinteren Bereich des Gebäudes. Völlig entnervt kam ich im Auslandsamt an. Ich hatte einfach nicht die Energie für eine Schnitzeljagd so kurz vor einer Prüfung. Aliza hatte Kopien von meinem Reisepass gemacht und gab ihn mir wieder, denn es war keine gute Idee, ohne Pass in Russland auf der Straße zu sein, falls doch mal ein Polizist die Papiere sehen wollte. Sie meinte allerdings, sie würde den Pass am Donnerstag noch einmal brauchen, aber dann könnte sie mir wahrscheinlich schon meinen Studentenausweis geben, sodass ich ein offizielles Dokument der Universität hatte.

Nun machte ich mich auf den Weg zur Vorlesung.
Als ich das Gebäude Nummer 5 betrat, rief die Frau in der Garderobe ganz begeistert aus: "Manetschka prischla!", grob übersetzt: "Manjachen ist zurück!". Sie hatte sich gewundert, warum ich die ganze letzte Woche nicht zu den Vorlesungen gekommen war und hatte schon gedacht, dass ich krank gewesen sei. Wahrscheinlich hätte ich ihnen allen etwas von meiner Reise mitbringen sollen.

Albert kam nicht so spät wie üblich, sodass ich kaum fünf Minuten lang in meinen Aufzeichnungen hatte lesen können.
Theoretisch beherrschte ich den Stoff ja, aber Cisco hatte diese Eigenart, Fragen zu stellen, mit denen man absolut nicht gerechnet hat, und genau deshalb sollte man das Kursmaterial gründlich durchgelesen haben. Das habe ich zugegebenermaßen nicht mit allen Kapiteln gemacht, da man zum Beispiel mit Wikipedia wesentlich schneller und kompakter die wesentlichen Informationen erhielt. Ich sagte mir: "Mut zur Lücke" und setzte mich in die Vorlesung der Ägypter ohne viel davon mitzunehmen, und danach in die Prüfung.

Olga wirkte sehr nervös, Pascha überhaupt nicht. Als ich ihn fragte, warum, sagte er, dass er die Prüfung heute nicht mitschreiben konnte, da er es nicht rechtzeitig geschafft hatte, die Kapitelprüfungen zu bestehen. Pascha hatte sowieso ein wenig getrödelt, was den Cisco-Kurs anging. Erst in jener Woche, in der ich in Sankt Petersburg war, hatte er angefangen Kapitel 1 zu lesen, während die meisten anderen gerade das letzte Kapitel fertiggestellt hatten. Während dieser Woche las er Tag und Nacht nur das Cisco-Kursmaterial, erzählte er. Dennoch hatte am Ende die Zeit nicht gereicht. Doch bei Albert war es kein Problem; er meinte, Pascha solle einfach bei der Nachprüfung am Donnerstag mitschreiben. Das ist jedoch nicht typisch für Russland; andere Professoren hätten ihn eiskalt durchfallen lassen. Albert hingegen hatte das Bedürfnis, von allen gemocht zu werden und war deswegen milde.
Pascha verabschiedete sich, die Prüfung begann. Ich hatte Glück und bekam viele Fragen zum Thema Routing, mit dem ich mich nun wirklich bis zum Erbrechen auseinandergesetzt hatte - sowohl jetzt in Cisco, als auch letztes Semester in Zwickau. Nach der Routing-Vorlesung letztes Semester hatte kräftig auf die - wenn auch nur knapp - bestandene Prüfung angestoßen und versucht, den ganzen Stoff aus dem Hirn heraus zu spülen , und dennoch war ein Rest hängen geblieben, den ich im Cisco-Kurs dieses Semester nutzen konnte.
Ich wurde zur gleichen Zeit wie Artjom fertig, 30 Minuten vor der eigentlichen Abgabe. Das Resultat bekamen wir sofort angezeigt, und es überraschte mich doch gewaltig: 90%, das entsprach einer 1. Albert gratulierte, schüttelte mir die Hand und trug mir eine 5 ein. Das war in Russland die beste Note. Dann sahen wir uns gemeinsam an, welche Fehler ich gemacht hatte. Es waren vermeidbare Fehler gewesen - hätte ich den Rest des Materials durchgelesen...
Nachdem auch der Rest der Klasse fertig war, begann die praktische Prüfung, auf die ich mich wesentlich besser vorbereitet fühlte. Aber genau dieser Hochmut wurde mir zum Verhängnis. Es war zwar genau die gleiche Prüfung wie ich sie per Mail bekommen hatte, aber irgendwo hatte ich einen Fehler gemacht und kam nicht darauf, wo. Ich saß die vollen anderthalb Stunden vor meinem Netzwerk und probierte sämtliche Tricks aus, eine Verbindung herzustellen, die sich partout nicht herstellen ließ. Hätte ich wirklich angewendet, was ich gelernt habe, hätte ich wohl die bottom-up Troubleshooting-Herangehensweise angewendet und festgestellt, dass ich nur das falsche Kabel verwendet hatte - ein Fehler, der einen dazu verführt, seinen Kopf auf die Tischplatte zu hauen.
Dennoch hatte ich am Ende 92% erreicht. Und lustigerweise hatte das der Rest des Kurses auch, ganz im Gegensatz zu den Leuten, die schon am Freitag geschrieben hatten. Ich weiß nicht, ob Albert etwas ahnte, aber ich würde es ihm sicher nicht sagen. Er schien einfach nur froh darüber zu sein, dass so viele seiner Studenten so erfolgreich abgeschnitten hatten.

Auch Olga hatte gerade ihre Prüfung beendet, kam zu mir und holte nun etwas aus ihrer Tasche hervor. Ich lachte in Erwartung, was es diesmal sein würde, denn sie hatte immer etwas für mich dabei - ob es gefrorene Früchte, Saft, Marmelade aus ihrem Garten, oder Kekse und Schokolade war - sie schien es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht zu haben, mich durchzufüttern. Umso mehr überraschte es mich, dass sie etwas Ananas-förmiges auf Papier aus ihrer Tasche zog. Es war eine spezielle Art von modularem Origami, das sie in den letzten Vorlesungen ausprobiert hatte, aus hunderten Papierstücken. Es war nur leider etwas instabil und beim Transportieren zerbrochen. Die nächsten zehn Minuten beobachtete ich sie dabei, wie sie es sorgfältig wieder zusammensetzte und machte Fotos davon. Sie meinte, das sei nicht nötig, weil sie es mir schenken wollte, aber tatsächlich zerbrach es mir auf dem Heimweg trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder, und dann war ich ganz froh, eine bebilderte Anleitung zu haben, wie man es wieder richten konnte.

Am lieben hätte ich an diesem Abend auf die bestandenen Prüfungen angestoßen, aber schon am nächsten Tag hatte ich die nächste Prüfung. Ich hätte es gar nicht mitbekommen, wenn ich nicht zufällig mit den Ägyptern auf das Thema gekommen wäre, was eigentlich erstaunlich ist, da wir kaum miteinander reden. Es sollte eine Zwischenprüfung in unserem Russischkurs stattfinden. Zur letzten Unterrichtsstunde war ich ja in Sankt Petersburg gewesen, deshalb schnappte ich mir einen der Ägypter, der mir im Gang mit seinen Aufzeichnungen entgegen kam und bat ihn, die neusten Materialien abfotografieren zu dürfen. Mir war es leider noch nicht gelungen, mir ihre Namen zu merken. Fiel es mir schon mit vertrauten Namen schwer, so waren ägyptische Namen völlig unmöglich im Kopf zu behalten. Gergö hatte gewitzelt, dass sie sowieso alle Achmed und Mohammed heißen, womit er gar nicht mal zu Unrecht hatte, aber trotzdem muss man doch wissen, wen man mit Achmed, und wen man mit Mohammed ansprechen sollte. Eigentlich kannte ich nur einen der Jungs mit Namen, das war Mina, der Junge mit der lustigen Frisur, der auf dem internationalen Abend so ausgelassen tanzend auf einem der Fotos zu sehen ist.

Als ich mir die Aufzeichnungen so durchblätterte, stellte ich fest, dass sie im Kurs genau auf den Tag gewartet hatten, an dem ich einmal nicht da war, um dann endlich etwas Kompliziertes zu besprechen. Für den Stoff der letzten Unterrichtsstunden hätte ich nicht lernen brauchen; für diesen neuen Stoff schon. Und so setzte ich mich wieder auf meine vier Buchstaben und versuchte von den Beispielen auf den Übungsblättern und meinem Wörterbuch grammatikalische Regeln abzuleiten.


Die Prüfung am nächsten Tag war entgegen meiner Erwartungen ein Lacher. Erstmal war nicht mal unsere Lehrerin pünktlich - oder vielleicht war sie es, aber wir haben sie nicht finden können. Das Gebäude Nummer 5 war schon auf die große internationale Konferenz vorbereitet worden und die meisten der Unterrichtsräume durften nicht mehr betreten werden, da sie für die internationalen Gäste glänzen mussten. Dem war auch unser Raum zum Opfer gefallen, ließ uns die Sekretärin wissen. Ich hatte durch Zufall einen Ägypter aus der Maschinenbau-Fachgruppe getroffen, der ebenfalls heute die Prüfung schreiben wollte, da sein Russischkurs die Prüfung in der Woche schreiben würde, die er in Moskau verbringen wollte. Wir suchten also gemeinsam unsere Lehrerin und den Raum, und schon 15 Minuten nach Unterrichtsbeginn waren wir erfolgreich. Die anderen Ägypter trudelten gute 30 Minuten später ein. Unsere Lehrerin machte zwar eine saure Miene und meinte "ne seriosnye studenty", teilte ihnen dennoch das Prüfungsblatt aus. Mit dem ersten Teil war ich innerhalb weniger Minuten fertig gewesen, denn es war ein einfacher Multiple Choice-Test zum Ankreuzen. Dann gab sie mir das Unterrichtsmaterial vom letzten Mal und den Aufgabenbogen zum zweiten Teil, der sich lustigerweise genau auf die Vokabeln des Textes bezog, den sie mir gerade gegeben hatte. Ich fragte, ob ich den Text verwenden könnte, und sie nickte. Sie half aber auch den Ägyptern während ihrer Prüfung indem sie ihnen die Lösungen für einige schwierigere Aufgaben sagte. Es war wie im Kindergarten; viele der Jungs hörten ihr dabei gar nicht zu, sondern fragten quer durch das Klassenzimmer ihre Freunde nach der Lösung.

Dieser Tag und diese Prüfung waren so sinnlos gewesen, dass ich mit gutem Gewissen darauf anstoßen konnte, dass sie vorbei waren. Ich fand Murik wie immer im Computerraum unseres Wohnheims und fragte, ob er Lust hatte, mit anzustoßen. Das war eine rhetorische Frage. Ich holte meine immer noch fast volle Flasche Nermiroff Birke, und Murik brachte die Gläser. Sonst hatte er immer für die Destillate gesorgt.
"Auf Routingverfahren", sagte ich. Er lachte, wie verrückt die Informatiker sind. "Nein, nein, nicht auf Routingverfahren, sondern darauf, sie zu vergessen", stellte ich richtig.
Nach den zweiten 50 Gram Wodka begann ich mir einen Cocktail aus Saft und Marmelade zu mischen und lebhaft mit Murik zu diskutieren. Wenn ich mich nur noch daran erinnern könnte, über was... ich weiß nur noch, wie befreiend es war, sich mal wieder gehen zu lassen und nicht an Prüfungen denken zu müssen. Ebenfalls ganz weit fort schob ich den Gedanken, dass ich Albert versprochen hatte, morgen um 9:30 Uhr auf der internationalen Konferenz unserer Universität teilzunehmen. Der internationalen Konferenz waren nämlich die internationalen Gäste ausgegangen - der isländische Vulkan hatte mit perfektem Timing den europäischen Luftverkehr lahm gelegt, sodass viele Gäste überhaupt nicht anreisen konnten. Albert hatte beklagt, dass er die Zugtickets für die tschechische Delegation online gekauft und sie nun nicht stornieren konnte. Außerdem saß er auf Konzert-Tickets und es schien eine Menge freie Plätze in den Veranstaltungen zu geben, die für die internationalen Gäste der Konferenz geplant worden waren. Hätte ich nur zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, wie die nächsten Tage ablaufen würden - ich hätte alles ganz anders gemacht...

Tapfer ging ich am nächsten Tag um 9:20 Uhr zur Konferenz - nicht zu schnell, die Säfte wallten mir im Magen. Vielleicht waren das doch ein paar Gramm Wodka zu viel gewesen. Im "Integral" angekommen wollte ich am liebsten gleich wieder hinaus an die frische Luft gehen. Aber das Begrüßungskomitee am Ein- bzw. Ausgang lächelte so freundlich, dass ich nicht den Eindruck machen wollte, gleich wieder zu verschwinden. So gab ich meine Jacke ab und ging nach oben. Der Saal war festlich geschmückt mit blinkenden Lichterketten, und Leinwänden, auf denen Videos liefen, die zeigen, wie toll die Universität war, und ich verstand nur immer Kalaschnikow, das Blinken machte mich wuschig und ich ging wieder hinunter in die Eingangshalle, mich darauf konzentrierend meinen Mageninhalt im Magen zu behalten.
Albert hatte mir gestern noch geschrieben, dass er auch am Morgen dabei sein würde, doch ich sah weit und breit keine Spur von ihm. Sein Chef lief mich kurz über den Weg ohne mich wiederzuerkennen. Ich wollte lieber gar nicht in den Spiegel blicken. Ich fühlte mich deplatziert zwischen den Repräsentanten verschiedener Universitäten um Ämter, zwischen aufgetakelten Studentinnen, die wahrscheinlich aus rein optischen Gründen zu dieser Veranstaltung geschickt worden waren. Kurz sah ich eine Gruppe Auslandsamtmitarbeiter, aber als ich vor einem Fotografen in Deckung ging, waren sie wieder in der Menge verschwunden. Viele, viele Gruppenfotos wurden gemacht für wer-weiß-welche Berichte. Studentische Reporter eilten beschäftigt aussehend zwischen den Gästen umher. Sergey, der Leiter des Auslandsamts, kam mir entgegen und wunderte sich, mich hier zu sehen. Ich könne schon in den Saal gehen, in dem der Konferenzauftakt stattfand. Jetzt war meine letzte Chance dahin, zu entkommen. Wenigstens war es in dem Saal angenehm kühl, und vielleicht konnte ich währenddessen ein Nickerchen halten.

Gerade als ich es mir gemütlich gemacht hatte, begann die Auftaktveranstaltung und das ganze Publikum stand auf während eine Hymne aus den Lautsprechern tönte, die ich wohl aus irgendeinem Film kannte, aber nicht einordnen konnte. Wieder einmal hatte das Bildungssystem versagt. Der Text klang lateinisch, was konnte das wohl sein?
Unten auf der Bühne standen ergriffen die offiziellen Sprecher der Konferenz, von denen ich nur unseren Rektor, Boris Jakimowitsch, erkannte. Er leitete die Konferenz ein und stellte die Gäste vor. Er war offensichtlich beliebt und hat Humor, und er hatte etwas Schlaues an sich, etwas Katzenhaftes - durch die Beleuchtung durch die Scheinwerfer von oben bekam er sogar scheinbar die Schnurbarthaare einer Katze, da sich das Licht am Gestell seiner Brille brach und Schatten warf.

Insgesamt saßen neben unserem Rektor sieben Gäste auf der Bühne; zwei ausländische Delegierte, zwei der Gäste waren wohl auch hochrangige Politiker der udmurtischen Republik, aber natürlich hatte ich noch nie von denen gehört. Ich war schon froh, dass ich den udmurtischen Präsidenten erkennen würde, wenn er vor mir stünde, was sowieso relativ unwahrscheinlich war. Die restlichen Sprecher kamen von der Universität selbst. Aber damit war die Vorstellung der Gäste nicht beendet. Ich schwöre - er hat allein 6 Minuten lang alle Partneruniversitäten der ISTU in In- und Ausland aufgezählt. Das dauerte etwas länger, weil die meisten Universitäten staatlich-technisch waren, und schon das Wort "staatlich" hatte im Russischen 5 Silben. Die ISTU beispielsweise heißt offiziell Izhevskij Gosudarstwennij Technikscheskij Universitet. Nun muss man sich vorstellen, dass auch zwanzig andere Universitäten so oder so ähnlich hießen. Mich wunderte, dass Jakimowitsch danach keinen Knoten in der Zunge hatte.

Die Konferenz war erstaunlich groß aufgezogen worden, es gab viele technische Spielereien wie Leinwände mit Kamerabild Bild-in-Bild, die Übersetzung der russischen Vorträge über Funkkopfhörer, etc... aber Präsentationen können die meisten Teilnehmer nicht erstellen. Ganze Textblöcke hatten sie in Powerpoint kopiert bis die Seite voll war, mit höchstens Schriftgröße 12. Oft hätte man sich einen Fortschrittsbalken auf den Seiten gewünscht, oder zumindest eine Übersicht oder wenigstens eine Einleitung am Anfang des Vortrags um zu wissen, ob der Vortragende schon irgendwie nah an dem Punkt der Rede war. Aber die meisten hatten sowieso keinen Punkt. "Bologna-Reform toll, wir machen sie mit, deswegen sind wir toll" war alles, was ich irgendwie heraushören konnte. Die meisten Teilnehmer schienen von der Veranstaltung zu Tode gelangweilt zu sein. Selbst die sieben Sprecher auf der Bühne, die sich mit nicht enden wollenden Vorträgen abwechselnden, waren vom Vortrag ihrer Kollegen so gelangweilt, dass sie während der Präsentation miteinander plauderten oder auf einen Arm gestützt wegnickten. Wenn sie überhaupt bleiben. Nach anderthalb Stunden saßen nur noch vier Zuhörer auf der Bühne. Selbst der Rektor verschwand einmal für 20 Minuten.
Im Saal klingelten währenddessen Handys, aber statt die Handys peinlich berührt auszuschalten, gingen die Angerufenen ran und telefonierten mit nur mäßig gesenkter Stimme.
Ich weiß nicht, warum ich die vollen drei Stunden blieb. Wahrscheinlich, weil ich meine Chance zu entkommen verpasst hatte; es gab keine offizielle Pause, aber nach einem besonders hirnzerfräßenden Vortrag verschwand plötzlich ein gutes Drittel der Zuhörer aus dem Saal. Das bekam ich nur zu spät mit; ich stand ja immer noch ein ganzes Stück neben mir. Mit einem Kater auf eine russische Konferenz zu gehen war wirklich nur etwas für Masochisten und ich begann innerlich auf Albert zu schimpfen, dass er mich dazu veranlasst hatte zu kommen und selbst nie aufgetaucht war.



Es wurde nur noch schlimmer in der letzten Stunde. Man schaltete eine Telekonferenz mit dem Rektor einer tschechischen Partneruniversität, der so unglaublich langweilig war, dass ich kurz davor war, in die Stuhllehne meines Vordermanns zu beißen; aber zumindest hatte der Sprecher einen lustigen russischen Akzent, den ich sogar heraushörte; es klang wie schweizerisch, er zog die As und Endungen unheimlich in die Läääänge durch die Nase.

Nur ein einziger Vortrag fand auf Englisch statt, und es war auch der einzige, der sich kritischer über die Probleme mit der Bologna-Reform äußerte, allerdings las er nur ab und kam auch er nicht so richtig zu einem Punkt, was vielleicht auch daran lag, dass sich zwischendurch der Übersetzer einschaltete, der die Folien ins Russische übersetze. Davon irritiert übersprang der Sprecher oft halbe Folien, und in der Zusammenfassung erwähnte er völlig neue Punkte, die er vorher noch gar nicht angesprochen hatte. All die Vortragenden heute hätten sich mal in ein "Seminar Kommunikation" einschreiben sollen. Und ich hätte die Konferenz auf Video mitschneiden sollen um es an meiner Heimathochschule vorzuführen, wenn die Professoren das nächte mal unseren Präsentationsstil kritisierten.

Das einzig-Positive an diesem Konferenzauftakt war, dass er ohne anschließende Diskussionsrunde endete. Alle Teilnehmer nahmen hin, was ihnen gesagt worden war, und selbst wenn sie Fragen gehabt hätten, hätten sie keine Gelegenheit gehabt, sie zu stellen, denn sofort nach dem letzten Vortrag wurde die Veranstaltung aufgelöst. Russland ist immer noch sehr autoritär und hat keine Diskussionskultur, was viele Professoren hier bedauern. Russische Studenten arbeiten in der Vorlesung normalerweise nicht mit und stellen keine Fragen. Gar einen Professor in Frage zu stellen und zu kritisieren - das wäre in Russland undenkbar. Teilweise auch von beiden Seiten, sowohl der Studenten- als auch der Professorenseite, denn viele der älteren Professoren bewerteten die Studenten nach Nase, und wer einmal aufmüpfig gewesen ist, bekommt es in der Prüfung zu spüren. Ich hatte mit Albert und Professor Puschin als Lehrkräfte wirklich Glück gehabt. Oder wahrscheinlich war sich die Universitätsleitung über die Eigenarten ihrer Professoren bewusst und ließ die schlimmsten lieber nicht auf ausländische Studenten los.

Auf dem Weg nach Hause schwor ich mir, dass ich um die anderen Veranstaltung der mehrtägigen Konferenz einen weiten Bogen machen wollte, außer vielleicht das Konzert morgen Nachmittag.
In den Supermarkt musste ich heute noch gehen, bevor ich mich aufs Ohr hauen wollte. Aber Moment, wie war noch mal der Weg zum Supermarkt? Ich stand geschlagene zwei Minuten vor dem Ausgang des Veranstaltungsgebäudes und versuchte mich zu erinnern, in welche Richtung ich gehen musste, aber an der Stelle im Hirn, an der es gespeichert sein sollte, war nur statisches Rauschen. Ich sollte wahrscheinlich wirklich nicht mehr so viel trinken. Das klingt jetzt vielleicht schlimmer als es war; diesen Supermarkt hatte ich erst zwei oder drei Mal besucht, weil er mir zu weit entfernt war, aber in dem Gebäude gab es Geldautomaten im Gegensatz zu meinem Stammsupermarkt um die Ecke. Ich ging in Gedanken die verschiedenen Wege ab, die mir von hier aus zur Verfügung standen und entschied mich für einen Weg, von dem ich keine Ahnung hatte, wohin er führte. Auf diese Weise fand ich eine Abkürzung zu meinem gesuchten Supermarkt. Und die Moral von der Geschichte: Alkohol ist dein Freund.

Das Wetter war richtig frühlingshaft geworden und die Wege lagen zum Großteil trocken. Jetzt da der Schnee geschmolzen und der Schlamm fast verschwunden war, stellte ich überrascht fest, dass auf viele der Straßen Zebrastreifen gemalt waren, sogar an der riesigen Kreuzung, die mir in der Anfangszeit Angst gemacht hat - zumindest auf dem ersten Meter auf jeder Seite der Straße war ein Rest eines Zebrastreifens zu erkennen, über Jahrzehnte gut konserviert von den Schneebergen an den Straßenrändern.

Frühstück oder Mittag hatte ich noch nicht gegessen, aber der Appetit kam mir mit dem Spaziergang zurück und ich kaufte mir ein großes Eis im Supermarkt. Eiscreme war in Russland erstaunlich billig, genau wie Brot und andere Grundnahrungsmittel. Fast als wäre der Kapitalismus hier nie aufgeschlagen.

Zu Hause machte ich den Versuch zu kochen. Am Ende kam so eine Art Milchreis mit saurer Sahne dabei raus. Besser als nichts. Danach legte ich mich schlafen und als das auch nicht den erhofften Effekt hatte - den Kater loszuwerden - ging ich hinunter an den See zum Spazieren. Die Nachtluft war angenehm frisch, aber nicht kühl. Wir hatten den Winter wohl überstanden; nur der See zeigte sich noch von seiner winterlichen Seite, da er teilweise noch zugefroren war. Die ersten Jugendlichen hatten sich auf der Liegewiese und den Steingeländern am Seeufer zusammengefunden. Eine Gruppe hatte einen Laptop dabei, aus dem Musik spielte. Hier konnte man es eine Weile aushalten.



Ich muss sagen, es fällt mir nun, zwei Wochen später, relativ schwer die Ereignisse der Konferenz zu rekonstruieren. Ich stütze mich bei meinen Berichten vor allem auf die Zeitstempel von meinen Fotos und vereinzelten Notizen in meinem Handy...

So bin ich ziemlich sicher, dass es am nächsten Tag war, dass ich mit Pascha verabredet war, auf den zweiten Teil der Konferenz zu gehen. Eigentlich wollten wir nur zusammen auf das Konzert gehen, aber Albert hatte mich am Abend kontaktiert, dass ich mir unbedingt die fachlichen Vorträge anhören sollte, die an diesem Tag stattfanden. Er selbst würde diesmal da sein, weil er eine der Vortragsreihen organisiert hatte und auch selbst darin einen Vortrag halten wollte. Allein wollte ich mir das allerdings nicht antun, denn vom Konferenzauftakt war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Allein wäre ich sicher auch nicht hingegangen, aber mit Pascha erschien mir die Vorstellung erträglicher.
Ich schaute also das Programmheftchen durch, das mir Albert geschickt hatte, und fand ihn in Sektion 2, Zimmer 404. Bei dieser Zimmernummer meldete sich mein Sinn für Nerd-Humor und meinte, das Zimmer würde ich eh nicht finden. Alle Nicht-Nerds können diesen Kommentar ignorieren.

Jedenfalls begann die Veranstaltung wieder um 9:30, weshalb ich mich mit Pascha um 9 Uhr an den Flugabwehrkanonen treffen wollte. Einige Minuten später kam er außer Atem und schwitzend auf dem Fahrrad an und entschuldigte sich, dass er erst noch zu seinem Onkel fahren müsse, aber dass er uns dann mit dem Auto zur Konferenz fahren würde. So geschah es und wir kamen rechtzeitig an, und fanden das Zimmer 404 leider sofort. Es war ein relativ kleines Zimmer, nicht mehr als 20 Leute passten hinein. Wir standen etwas verloren davor. Sollten wir hineingehen? Das Zimmer war voller Anzugträger, und Pascha trug ein durchgeschwitztes orangefarbenes Shirt. Wir gingen wieder hinunter zur Garderobe, wo sich Pascha seine Jacke holte und überzog.
Zurück oben am Zimmer fragte uns eine adrett gekleidete Frau, ob wir eingeladen seien. Ich sagte ihr, dass Albert Abilvo gesagt hatte, dass wir kommen konnten. Sie lächelte höflich und meinte, sie müsse den Leiter dieser Vorlesungsreihe fragen. Das kam mir schon ein wenig merkwürdig vor, da Albert ja der Leiter hätte sein sollen... aber ich erkannte seinen Chef, und mit ihm redete die Begrüßungsdame jetzt. Ich weiß nicht, ob er mich jetzt erkannte, aber wir durften Platz nehmen, wenn nicht noch mehr geladene Teilnehmer kamen. Tatsächlich blieb es bei den knapp 20 Teilnehmern, die sich im Moment im Zimmer befanden. Und dreimal kann geraten werden, wer nicht unter den Teilnehmern war: Albert. Langsam fragte ich mich, ob er mich veräppeln wollte.

Und wieder verschwendete ich auf dieser Konferenz drei Stunden meines Lebens. Ich fragte mich ernsthaft, was mit mir los war, dass ich mich hatte überreden lassen, wieder auf diese Konferenz zu gehen, obwohl ich doch genau gewusst hatte, was mich da erwartete: Endlose Vorträge auf Russisch während die Übersetzerin Däumchen drehte, unmotivierte Vortragende und ein noch unmotivierterer Leiter der Vortragsreihe, der die Vortragenden knallhart unterbrach, wenn sie die vorgegebene Präsentationszeit überschritten und auch sonst die meiste Zeit damit beschäftigt war, auf die Uhr zu sehen. Dabei war nur knapp die Hälfte aller Vortragenden überhaupt erschienen. Es waren hauptsächlich Professoren aus Syrien und der Slowakei, die ihre Vorträge auf Russisch hielten und darin hauptsächlich ihre Universitäten vorstellten. Natürlich hatte sich kaum einer die Mühe gemacht, seine Präsentationsfolien aus seiner Muttersprache zu übersetzen. Ich überstand diese Zeit nur, weil Pascha und ich per Handy Kommentare zu diesem grottenschlechten Programm und über Alberts Chef austauschte, der immer roter anzulaufen schien je länger der Vortragende seine Zeit überzog.
Der Chef schien es genauso satt zu haben wie wir und schlug den Zuhörern vor, dass wir statt einer Mittagspause früher Schluss machen könnten, wenn wir die letzten beiden Vorträge vorzogen. Allgemeine Begeisterung. Diese Konferenz war einer selbsternannten internationalen Universität einfach nicht würdig. Mittlerweile war ich richtig sauer auf Albert und vermutete allerlei böse Absichten bei ihm. Erst später erfuhr ich, dass er an diesem Morgen auf mich gewartet und mich nicht kontaktiert hatte, weil er angenommen hatte, dass ich lieber zu Hause geblieben war und noch schlief. Das Problem lag wahrscheinlich bei der ganzen Organisation der ganzen Konferenz, die man bestenfalls russisch nennen konnte, sodass Alberts Vortragsreihe nun auf einer anderen Etage mit ganz anderen Teilnehmern stattgefunden hatte. Er meinte, ich sei in der schlechtesten Vortragsreihe gelandet; in seiner eigenen seien es durchweg fachliche Vorträge aus dem Bereich Telekommunikation auf Englisch gewesen.
Da ich das aber zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass es nur ein Kommunikationsproblem gewesen war, war ich sauer auf ihn und schwor mir zum zweiten Mal, dass ich auf keine Veranstaltung der Konferenz mehr gehen würde, egal wie nachdrücklich er mich bat hinzugehen. Natürlich ahnt der werte Leser schon, dass sich der Vorsatz nicht lange hielt...

Aber erstmal musste ich ins Auslandsamt, denn ich hatte Aliza ja versprochen, ihr gegen Mittag meinen Reisepass vorbeizubringen. Sie hatte eine kleine Überraschung für mich: Drei Freikarten zu einem Jazz-Konzert am Samstagabend. Offenbar hatten sie den halben Saal für die erwarteten internationalen Konferenzgäste aufgekauft und nun da keiner kam, blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, die Tickets zu verschenken. Ich bot Pascha an, mitzukommen und überlegte mir, die dritte Karte Olga zu geben, und so machte ich es auch. Sie beide wollten gern mitkommen.

Nun erst gingen Pascha und ich essen; es gab in einem heruntergekommenen Gebäude nahe seines Wohnheims eine billige Kantine. Sie gehörte noch zum Campus genau wie Paschas Wohnheim, und langsam bekam ich den Eindruck, dass das ganze Viertel zur Universität gehörte. Einige Konferenzteilnehmer waren in diese Kantine zum Essen gekommen, obwohl für die geladenen Gäste Frühstück, Mittagessen und Abendessen im Programm integriert und bezahlt war.
Hier gab es entgegen aller Erwartungen keinen Omelette-Fisch auf Nudeln, sondern eine Soljanka, in die wirklich alles hineingeschnitten war. Der Salat war auf die gleiche Weise gemacht. Nach ein paar Bissen von beidem überließ ich meine Portion Pascha.

Für das Konzert heute hatte Pascha keine Zeit mehr, denn die Cisco-Nachprüfung würde schon morgen stattfinden und es blieb ihm immer noch ein Kapitel zu lesen. Ich war in einer etwas destruktiven Stimmung nach diesen beiden Konferenzerfahrungen und hielt es für besser, nicht zu viel allein mit meinen Gedanken zu sein, da dabei sicher nur Blödsinn herauskommen würde. Ich fragte ihn, ob wir zusammen lernen wollten, denn ich wusste ja, was in der Prüfung dran kam und konnte ihm helfen, aber er meinte, es hätte nicht viel Sinn, weil er auf Russisch lernte und ich auf Englisch. Er wollte aber anrufen, wenn er Fragen hatte.

Zurück in meinem Zimmer stellte ich mein Notebook auf volle Lautstärke und spielte Rammstein ab. Sowas hörte ich mir normalerweise überhaupt nicht an und ich besaß diese Musik nur für meine russischen Bekannten, die alle aus irgendeinem seltsamen Grund Rammstein liebten, aber diesmal passte es perfekt zur Stimmung des Tages. Meine Rettung war Gergö, der plante die ungarische Spezialität "Langos" zuzubereiten und fragte, ob ich Lust hätte, ihm dabei zu helfen. "Helfen" stellte sich als Euphemismus, eine liebevolle Umschreibung heraus; gemeint war, ich sollte den Wodka und die Gläser bringen.


Die ersten 100 Gramm flossen schnell unsere Kehlen hinunter. Der Langos-Hefeteig stand derweil zum Aufgehen im Ofen. Ich war vorher noch nie in der Küche des gegenüberliegenden Gebäudeteils gewesen, wo Gergö wohnte. Es wirkte alles sehr viel sauberer, aber nur auf den ersten Blick. Als ich es mir auf dem Fensterbrett gemütlich machte, blieb ich kleben. Aber zumindest klebte ich hier nicht am Fußboden fest wie in unserer Küche. Auch Abdul, der Nigerianer, der mein Origami so bewundert hatte, stand in der Küche und bereitete das Essen zu. Im Moment taute er gefrorene Hühnerbrust unter fließendem (kalten!) Wasser auf. Ich konnte die Ressourcenverschwendung nicht mit ansehen und drehte den Hahn zu, als er den Raum verließ. Wir hatten kaum mehr als zwei Worte gewechselt, seit ich zu Ostern nicht seiner christlichen Sekte beitreten wollte, für die er Werbeblätter verteilte. Das Gespräch war etwa so abgelaufen: "Ich habe hier etwas Interessantes, wo du auch mal hingehen solltest." "Klar, was ist es?" "Meine Kirche" "Nein, danke." "Wie, nein danke?" "Nein danke, ich glaube nicht an Gott" "Du glaubst also schon, also glaubst du an Gott" "Hä? Nein, ich bin Atheist" "Erzähl mir von dieser Religion" [pause] "Gott - existiert - nicht." Daraufhin wurde das Verhältnis zwischen uns ein wenig eisig. Doch heute, als er uns trinken sah, kam er das erste Mal wieder auf mich zu und begann ein Gespräch, aber wahrscheinlich wollte er mich nur von meinem dunklen Pfad abbringen. Es war auch eine seiner ersten Fragen gewesen, als er sich bei unserem Kennenlernen neugierig in meinem Zimmer umsah: "Du trinkst doch nicht etwas?" Ich sah schon, wir würden nicht die besten Freunde werden.
Gergö holte den Teig aus dem Ofen, der ein wenig zu viel Wärme abbekommen hatte und nun zu einem Brot gebacken war. Zumindest die oberen Zentimeter. Er bat mich ihm zu helfen, diesen gebackenen Teig zu essen bevor er aus den darunterliegenden Schichten Langos machen konnte.



Gergös Marketing-Professor aus Ungarn, der für die Konferenz angereist war, gesellte sich zu uns und bat, etwas von dem Wodka abbekommen zu dürfen. Ich hatte ihn an einem der letzten Abende schon kurz kennengelernt; er war ein Mittvierziger, hatte lange strähnige Haare, die langsam grau wurden, und ein forsches Lächeln. Noch viel schneller flossen mit ihm die nächsten 100 Gramm. Ich hatte noch kein richtiges Mittagessen gehabt und war auch sonst nicht gerade trinkfest, deshalb hielt ich nicht einmal lang genug durch um den fertigen Langos essen zu können. An viel erinnere ich mich nicht, außer dass plötzlich alles schwankte und dass ich an einem Moment auf dem Boden meines Badezimmers hockte und am späten Nachmittag auf der Wiese am Stausee aufwachte, auf meinem Handtuch liegend, eine Schale Pralinen daneben, die mit Gras bedeckt waren. So etwas war mir noch nie passiert und ich zweifelte ernsthaft an mir. Wahrscheinlich waren 200 Gramm Wodka innerhalb einer halben Stunde doch meine Verträglichkeitsobergrenze.
Aber gut, dass ich das herausgefunden hatte.

Ich blieb noch eine Weile liegen und genoss die späte Sonne. Mein Handy vibrierte. Es war Gergö, der wissen wollte, wo ich abgeblieben war. Er und sein Professor waren in der Zwischenzeit in die Innenstadt gegangen um weiterzutrinken. Auch Albert hatte in der Zwischenzeit versucht mich zu erreichen und hatte schließlich eine SMS geschrieben, dass er vor dem Konzert auf mich wartete. Das war vor zwei Stunden gewesen. Ich erinnerte mich, dass ich immer noch böse auf ihn war, weil er mich schon zweimal auf der Konferenz versetzt hatte, und löschte die SMS. Schwankend stand ich auf und begab mich auf den Weg zu Gergö, der am Telefon gemeint hatte, sie würden am Völkerfreundschaftsdenkmal auf mich warten. Langsam wurde die Welt wieder stabil.

Wir gingen zu dritt in eine Kneipe, die Bier in 1-Liter-Gläsern servierte und deshalb Gergös Lieblingsort war. Er liebte Bier wirklich. Die beiden sahen ziemlich angeheitert aus, und Gergö erzählte, dass sie nach meinem rätselhaften Verschwinden zusammen noch eine Flasche Wodka geleert hatten. Wie viel Wodka passte in einen Ungarn hinein? Ich hatte langsam den Eindruck, dass die Ungarn noch schlimmer als die Russen tranken, aber sie meinten, dass sie eigentlich nur Russland als Ausrede benutzten, ausnahmsweise so richtig einen zu kippen. Wer’s glaubt...
Wir hatten einen herrlichen Abend, allerdings trank ich nicht weiter, obwohl mich die beiden den ganzen Abend zu überreden versuchten, auch ein Bier zu bestellen. Bier mochte ich überhaupt nicht und winkte dankend ab. Wodka wollte ich mir auch nicht wieder antun. Ich bestellte mir ein Eis, und Andras - so hieß der Professor - bestellte sich die Snackkarte rauf und runter und baggerte dabei die Kellnerin an. Er sprach nur ein paar Worte Russisch und betrachtete es als Herausforderung, möglichst so zu wirken, als würde er Russisch verstehen. Und er war wirklich gut darin.
Ich lernte währenddessen ungarisch. Das wichtigste Wort überhaupt, versicherte mir Andras, war "bazmeg", das auf die gleiche Weise verwendet wurde wie der Engländer "well" sagte, oder der Deutsche "ähm", und es konnte auch als Ersatz für das Wort "bitte" verwendet werden. Dabei suggerierte dieser Ausdruck auf eine unhöfliche Weise, dass sich die angesprochene Person mit sich selbst vergnügen sollte. Doch als echter Ungar sagte man es eben. Die nächste halbe Stunde folgten dutzende von Beispielen, wie man das Wort verwenden konnte, aber die Hauptaufmerksamkeit der beiden Jungs lag auf den vielen Mädels, die fast alle ohne männliche Begleitung in diese Kneipe gekommen waren.
Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber plötzlich waren wir in eine hitzigen Diskussion verwickelt, welche Berufsgruppe das Böse persönlich war - Wirtschaftler oder Ingenieure? Gergö studierte Wirtschaft, wenn er mal studierte, und Andras unterrichtete Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing. Und vermarkten konnte er sich wirklich ausgezeichnet. Ich glaube, ich hatte die besseren Argumente, als ich Ingenieure verteidigte, aber er schaffte es, mir sämtliche stichhaltigen Fakten auf bizarre Weise zu verdrehen, dass sie plötzlich für ihn sprachen. Wir wurden immer lauter und lachten Tränen dabei.
Wir diskutieren ebenfalls darüber, wie gutmütig ein Professor sein durfte ohne von den Studenten dafür ausgenutzt zu werden, und er hatte einen interessanten Punkt: Er setzte nur einen einzigen Zeitpunkt fest, an dem eine Arbeit fertiggestellt und präsentiert werden muss, die restlichen Meilensteine setzte er relativ locker für seine Studenten, denn in der Arbeitswelt zählte nur das Resultat, das am Ende dem Kunden präsentiert wurde - alles davor ist firmenintern. Ich hielt nur dagegen, dass das Studium den Studenten nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Organisationsfähigkeit und Selbstdisziplin beibringen sollte, denn im Beruf war es zu spät, dies zu lernen. Andras meinte nur schlicht, das sei nicht seine Aufgabe.

Es war spät geworden, aber längst noch nicht Zeit nach Hause zu gehen. Die Kneipe hatte sich sichtbar geleert und die Kellnerin kam nun öfters und versuchte noch so viel Bier wie möglich an den Mann zu bringen. Sie brachte ein Beutel mit Losen darin, aus dem Gergö und ich jeweils eins ziehen sollten. Gergö bekam eine Niete - und ich ein Freibier. Andras hatte doch noch seinen Willen bekommen und ich musste ein Bier trinken. Der Geschmack war sogar noch schlimmer als in meiner Erinnerung, aber ich schluckte tapfer nach und nach den halben Liter hinunter und bestellte eine Sprite um den Geschmack loszuwerden.

Es wurde zwei Uhr morgens bis wir aufbrachen. Ich war sehr gespannt, ob uns die Etagen-Omi noch hineinlassen würde, oder ob überhaupt noch jemand da war, der uns hineinlassen konnte. Wir nahmen das erstbeste Taxi vom Hauptplatz ohne über den Preis zu verhandeln, aber durch drei geteilt war der Preis ganz annehmbar. Ich war die einzige, die unsere Adresse noch aussprechen konnte und wie durch ein Wunder kamen wir im Wohnheim an.
Die Haupt-Tür war nicht zugesperrt, nur auf den einzelnen Etagen waren die Türen abgeschlossen. Andras wohnte auf der 7. Etage, beschloss aber, dass es zu früh war mit dem Trinken aufzuhören und kam mit uns auf die 9. Etage, wo uns die Etagen-Omi nach minutenlangem Klingeln öffnete. Sie wirkte nicht böse, aber Andras wollte sie nicht hineinlassen. Es kam zu einer heftigen Diskussion, in der Andras vergebens einen Schmollmund und Hundeblick machte; diese kleine Frau stand da wie ein Offizier und drängte ihn Richtung Tür. Erst als sie ihm mit der Polizei drohte, gab er nach und trollte sich.

Gergö und ich beschlossen, dass es ohne ihn keinen Sinn hatte, weiterzutrinken und verabschiedeten uns. Müde war ich trotzdem noch nicht und ging meine E-Mails abrufen. Im dunklen Computerraum saßen die üblichen Leute - Murik, Tofik, Pavel... und blickten mich an hungrige Vampire als ich die Tür öffnete und Licht hineinströmte. Ihre Gesichter wurden nur halb von ihren Monitoren erleuchtet. Ich fröstelte leicht. "Hey, Jungs!" meinte ich und der Bann war gebrochen. Oder meine Fantasie hatte mir einen Streich gespielt.

Albert hatte eine lange E-Mail geschrieben, in der er das Missverständnis von der heutigen Konferenz aufklärte, nachdem ich ihm in einer ruhigen Minute in der Kneipe eine SMS geschrieben hatte, dass ich noch immer böse auf ihn war, dass er mich so versetzt hatte. Er schrieb auch, dass ich morgen wieder auf eine Veranstaltung der Konferenz gehen sollte, aber dass es diesmal keine Vorträge waren, sondern eine Ausfahrt in das Tschajkowskij-Museum der Nachbarstadt. Er wollte mich halb 10 anrufen um mich daran zu erinnern. Ich sah skeptisch auf die Uhr; es war fast drei Uhr morgens und ich schrieb ihm zurück, dass ich bis eben mit den Ungarn getrunken hatte und sicher morgen nicht in der Lage sei, früh genug für diesen Ausflug aufzustehen.

In meinem Zimmer war es unglaublich heiß, sogar jetzt im Frühling wurde noch wie wahnsinnig geheizt, und ohne offenes Fenster ging man krachen, denn die Heizung ließ sich bekanntermaßen nicht abstellen. Ich konnte nicht einschlafen. Es war schon 3:30 Uhr. Gegen 5:30 wachte ich auf. Na immerhin, zwei Stunden geschlafen. Das Fenster war in der Nacht von selbst zugegangen und mein Zimmer hatte sich in eine Sauna verwandelt. Ich öffnete das Fenster wieder und klemmte ein Buch dazwischen. Gegen 7 wachte ich das nächte Mal auf, wälzte mich bis 8 Uhr herum und beschloss, den Kampf aufzugeben und aufzustehen. Als mich Albert anrief, war ich längst auf den Beinen und hatte meinen Reisepass aus dem Auslandsamt abgeholt. Albert hatte sich erkältet und hustete mir ins Telefon. Er erklärte mir, wo der Bus wartete und ich bedankte mich für die Information und begab mich auf den Weg zurück zum Wohnheim, denn ich hatte keine Lust, nach dieser Nacht so übermüdet eine Stunde Bus zu fahren, durch ein langweiliges Museum zu laufen und dann eine Stunde wieder zurück zu fahren. Dummerweise traf ich Andras auf dem Weg, der mich überzeugte, doch mitzukommen. Ich weiß nicht, wie er es aus dem Bett geschafft hat, und warum.
Der Bus war schon voller Studenten und ein paar Konferenzteilnehmern. Andras und ich nahmen die letzten freien Plätze nebeneinander ein. Schon als der Bus anfuhr, meldete sich mein Magen und ich wusste, dass es keine gute Idee gewesen war mitzukommen. Andras sah auch nicht besser aus. Jeder Zombie enthielt mehr Leben als er an diesem Morgen. Wir setzten unsere Unterhaltung vom Vorabend fort und waren bald wieder in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Der ganze Bus schwieg. Ich glaube, sie hörten uns zu, obwohl - oder vielleicht auch weil - wir wahrscheinlich die einzigen waren, die englisch sprachen.

Ich glaube, ohne Andras hätte ich den Ausflug nicht durchgestanden. Demonstrativ boykottierte er das Gruppenfoto vor der Tschajkowskij-Statue und knipste mich an einer Straßenlaterne. Besonders im Museum - es war ein Freilichtmuseum, genauer gesagt, das Gehöft der Familie Tschajkowskij - lockerte er die Stimmung auf und vertrieb die Langeweile.
Obwohl sich die Reiseleiterin bewusst war, dass wir beide nicht genug Russisch sprachen um der Tour folgen zu können, und obwohl sie selbst gut Englisch sprach, verzichtete sie darauf, für uns zu übersetzen. Das war wieder mal so typisch für diese Konferenz gewesen. Andras begann also seine eigene Übersetzung der Tour. Er erzählte, dass in dem Gebäude rechts von uns die Schweine gehalten wurden, und - ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen - dass sie eigentlich keine Schweine waren, sondern eine Kreuzung aus Scheinen (auf Englisch "pig") und Yaks, also praktisch Pigyaks. Diese haben den ganzen Morgen geschrien und Tschajkowskij den Schlaf geraubt, deswegen hat er am Morgen gezittert und irgendwie ist daraus seine Musik geworden... bei Andras klang diese Geschichte glaubwürdiger. So ging es jedenfalls die nächste Stunde mit allerlei weiterem Blödsinn. Irgendwann begann ich mit Origamifalten und die daraus entstandenen Blumen versteckten wir unauffällig im Museum, aber die Aufpasser-Omis schickten uns streng immer wieder zu unserer Gruppe zurück. Andras machte sich einen Spaß daraus, Absperrungen zu übertreten, und die Omis schauten schon ganz sauer.
Das Museum war wahrscheinlich nicht mal mit englischer Führung spannender als eine Briefmarkensammlung und so waren wir nicht traurig, es hinter uns zu lassen, nur von den imaginären Pigyaks verabschiedeten wir uns mit schwerem Herzen.

Andras dachte schon wieder ans Trinken und meinte, wir würden in Izhevsk am besten als erstes einen Supermarkt aufsuchen. Ich lehnte dankend ab, ich hatte genug getrunken.
Offiziell hätte die Konferenz wohl noch weitergehen sollen; ich hörte, ein Besuch im Kalaschnikow-Museum war geplant gewesen, aber nach unserer Ankunft in Izhevsk zerstreute sich die Reisegruppe schnell. Die Studenten verschwanden plaudernd, die Syrer waren verschwunden, und es blieben nur noch die slowakische Gruppe und der eine Tscheche übrig. Slowaken und Ungarn konnten sich nicht besonders leiden, meinte Andras und verabschiedete sich von dem Tschechen, dessen Zug nach Moskau bereits in einer Stunde fahren würde. Lustigerweise trafen wir ihn zehn Minuten später im Supermarkt in der Spirituosen-Abteilung wieder. Er kaufte sich Kalaschnikow-Wodka als Souvenir für zu Hause. Andras tat es ihm gleich, jedoch nicht um den Wodka als Souvenir zu haben, sondern um ihn am besten gleich heute Nachmittag zu trinken. Zuerst wollte er mich jedoch zum Essen ausführen. Das war mir etwas unangenehm, weil er schon den ganzen Vormittag davon gesprochen hatte, wie gern er die Zeit mit mir verbrachte und eine ganze Menge Süßholz raspelte. Mein Ausweg war, Gergö anzurufen und ihn zu fragen, ob er mitkommen wollte, denn anschließend wollten wir auf eigene Faust ins Kalaschnikow-Museum gehen und ich meinte zu Andras, dass Gergö sicher begeistert davon wäre. Andras war nicht so begeistert davon Gergö mitzunehmen, ließ mich aber gewähren.

In der Straßenbahn wollte es der Zufall, dass Andras ein glückbringendes Ticket bekam und mit Vergnügen überzeugte ich ihn, dass er es essen musste um sein Glück einzulösen. Überzeugt war er davon nicht, aber es wäre nicht Andras gewesen, wenn er es nicht trotzdem getan hätte.

Wir gingen zuerst ins Museum weil wir befürchteten, es nach unserem späten Mittagessen schon geschlossen, aber es hätte bis 19 Uhr offen gehabt. Mit unseren Studentenausweisen bekamen wir einen Rabatt, aber auch Andras bekam ein billigeres Ticket, und ich weiß nicht, wie er es angestellt hatte, aber er muss ziemlich überzeugend einen Russen gespielt haben. Ohne mit der Wimper zu zucken bestätigte er alles, was der Kartenverkäufer sagte, ohne eine Ahnung zu haben, was der Verkäufer sagte. Er sah sich unsere Ausweise sehr gründlich an, wie um sicher zu stellen, dass wir uns den Rabatt von einem Euro Fünfzig auch verdient hatten.

Gerade als wir die Tour durch das Museum begonnen hatten, schrieb mir Albert, dass ich mir die Karte für das Konzert heute Abend jetzt bei ihm in Gebäude 5 abholen könne. Das hatte ich ganz verdrängt - eine weitere Veranstaltung, in der mich Albert unbedingt sehen wollte. Er hatte die Konzertkarten für die Tschechen besorgt, die nicht angereist waren, und mir schon am Morgen gesagt, das ich für sie dort hingehen solle - die anderen Konferenzgäste würden auch in dieses Konzert gehen und ein Bus würde uns alle fahren.
Von den Konferenzgästen waren nur noch die Slowaken übrig, war ich mir relativ sicher; und auch Andras machte nicht den Eindruck, der Typ für klassische Musik zu sein, vor allem, wenn er stattdessen den Abend mit alkoholischen Getränke verbringen konnte. Ich sagte also ab. Ich hatte wirklich genug von den Konferenzveranstaltungen und wollte lieber einen ruhigen Abend zu Hause verbringen und etwas früher zu Bett gehen. Eine bescheidene Hoffnung in Gesellschaft meiner beiden Kampftrinker-Ungarn.

Zum Abschluss des Museumsbesuchs gingen wir natürlich noch in den Keller um dort zu schießen, wobei ich diesmal verzichtete. Ich war ausgehungert und müde; es war 17 Uhr und höchste Zeit zum Mittagessen zu gehen.



Gergö hatte es sich in den Kopf gesetzt, uns in diese kleine Pizzeria zu führen, in der wir schon einmal gegessen hatten und für die Besitzer ein paar deutsche Sätze hatten schreiben sollen. Nun fing es dummerweise an zu regnen - das erste Mal, wenn ich mich recht erinnere, seit ich in Izhevsk war; davor war es immer nur Schnee gewesen. Wir begannen eiliger zu gehen und Gergös Orientierungssinn immer mehr zu misstrauen, da wir eindeutig zu oft rechts abgebogen waren. Andras und ich zogen ihn erst auf, und dann meuterten wir und gingen entschlossen in das nächstbeste Café um dem Regen zu entkommen. Zu Gergös Ärger war es ein Restaurant, das sämtliche Speisen aus Fisch zubereitete - für ihn das allerabgrundtief verabscheuungswürdigste Essen überhaupt - und sogar die Lasagne bestand zum Großteil aus Fisch, was man natürlich von außen nicht sah. Nun war Gergö böse mit uns und schwor, dass die Pizzeria nur noch zwei Minuten entfernt gewesen war. Tatsächlich kamen wir auf dem Heimweg daran vorbei. Was schreibe ich "Heimweg"? Meine beiden Alkis wollten natürlich in die nächste Kneipe einkehren. Ich sagte ihnen: "ich passe." "Aber warum?", wollte Andras wissen und setzte seinen Hundeblick auf. Ich hatte eindeutig zu viel in den letzten Tagen getrunken; die Ungarn waren nicht gut für mich, meine Leber und meinen Schlafzyklus. Ich meinte schließlich scherzhaft, das einzige, was ich trinken würde, wäre ein Erdbeer-Caipi-Cocktail. Und ehe ich die Chance hatte, eine Bushaltestelle zu erreichen, saßen wir in einer Cocktail-Bar. Ich weiß nicht, wie Andras es anstellte mich immer wieder zum Trinken zu bringen, wenn ich es gar nicht wollte.
Ich stellte mir vor, wie die Konferenztage anders verlaufen wären. Am ersten Tag hätte ich ausschlafen und spazieren und ausnüchtern gehen sollen, am zweiten Tag hätte ich mit Pascha in die Veranstaltungsreihe von Albert gehen können und anschließend ins Konzert. Dabei hätte ich sicher den einen tschechischen Professor näher kennengelernt und wäre nicht zum Trinken gekommen, da dieser Professor sich im Zuge einer offiziellen Veranstaltung hatte volllaufen lassen, zu der ich nicht eingeladen gewesen war. Am nächsten Tag hätte ich mich sicher im Tschajkowskij-Museum zu Tode gelangweilt, aber am Abend hätte ich sicher nicht in dieser Cocktailbar gesessen und einen verlorenen Kampf gegen die Müdigkeit geführt. Hätte, hätte, hätte... Einen Erdbeer-Caipi hatten sie nicht auf der Karte, die uns sowieso Rätsel aufgab. Gergö bestellte sich sogar ausversehen einen alkoholfreien Cocktail - ein wahrer Weltuntergang. Ich bekam zu meiner Überraschung einen Glühwein mit Zimt und Orangenschale, konnte aber beim besten Willen nicht mehr sagen, was ich bestellt hatte. Nachdem wir auch diese Getränke besiegt hatten, wollten die beiden in eine richtige Bierkneipe gehen und ich verabschiedete mich. Andras bestand jedoch darauf, mich nach Hause zu begleiten, und ich konnte nichts machen um ihn abzuschütteln. Er war mir schon in der Bar zu nah auf die Pelle gerutscht und ich konnte mir gut vorstellen, was er wirklich plante, als er darauf bestand mich heimzubringen.
Meine Vermutung bestätigte sich, als Andras sich auch an der Tür nicht abschütteln ließ. Ich sagte ihm, dass Gergö auf ihn wartete, doch er meinte, er würde lieber Zeit mit mir verbringen. Ich sagte, ich wolle schlafen gehen, was er als Einladung verstand. "Nein", stellte ich klar. Ich war nicht sicher, ob er es akzeptiert hatte und schloss mich vorsichtshalber von innen in meinem Zimmer ein. Tatsächlich rüttelte es eine Weile später an meiner Zimmertür. Ich hatte schon geschlafen und weiß bis heute nicht, wer es gewesen war; Gergö bezeugte am nächsten Tag, dass Andras sofort wieder zu ihm zurück in die Stadt gefahren war...

Dennoch hatte ich diese Nacht das erste mal seit Tagen wieder richtig geschlafen und fühle mich erfrischt. Das musste ich auch sein, denn ich hatte heute wieder Vorlesungen, schließlich war Samstag. Die letzten Tage waren viele Lehrveranstaltungen wegen der Konferenz ausgefallen, doch heute waren alle Gäste abgereist, die Asche war aus dem europäischen Luftraum abgezogen und der Alltag begann wieder. Auch Andras war schon am Morgen abgereist und ich war ziemlich froh darüber, obwohl ich natürlich eine interessante und tolle Zeit dank ihm erlebt hatte. Aber das ist wie Torte-Essen: Man kann es einfach nicht jeden Tag den ganzen Tag lang machen, sonst wird einem schlecht davon. Aber natürlich möchte man es einmal ausprobieren und stell am Ende fest: Ja, davon wird einem wirklich schlecht.

Ich kam diesmal noch viel früher als normalerweise zur Vorlesung und traf Professor Puschin mit Wladimir, dem Wachtmann, plaudernd an. Die Garderobe sollte heute geschlossen bleiben, denn im Frühling und Sommer trugen die Studenten keine Jacken und Mäntel mehr. Für die, die dennoch eine Jacke trugen wie er selbst, wollte Professor Puschin Garderobenständer mit nach oben nehmen. Er war schon vollbepackt wie ein Lastesel, deshalb wollte ich ihm beim Tragen helfen; das lehnte er vehement ab, aber ich war schneller mit den Garderobenständern verschwunden als er sie mir abnehmen konnte. Die einzige Schwierigkeit war, ihn mit den beiden Ständern nicht k.o. zu schlagen als er mir helfen wollte, sie aus dem Fahrstuhl wieder hinaus zu tragen.

Es war herrlich, nach zwei Wochen wieder im Alltag zu stehen - die Ägypter kamen zu spät, Professor Puschin bemühte sich nach Kräften, die Vorlesung interessant zu gestalten und die Ägypter überzeugten ihn wie immer, die Vorlesung um ein paar Stunden zu verkürzen. Ich begleitete ihn wie gewöhnlich zurück zur Universität, wir übten Deutsch und er bedankte sich. Nur schade, dass ich diese Zeit bald ihrem Ende zuneigte. Schon in der nächsten Veranstaltung sollten wir eine Prüfung schreiben. Die würde allerdings erst in 14 Tagen sein, da nächsten Samstag der "Tag der Arbeit und des Frühlings" war - der erste Mai.

Eine Stunde später trag ich Pascha und Olga vor dem "Integral", denn heute fand als allerletzte Veranstaltung im Rahmen der Konferenz ein Jazz-Konzert statt. Draußen wurde schon die Ella zur Einstimmung gespielt und auf den Tickets stand "nur Dummköpfe hören keinen Jazz". Der Saal war bis auf den letzten Platz voll; es sollten Jazz-Combos aus ganz Russland auftreten. Es war ein fantastisches Jazz-Konzert, unbeschreiblich. In der zweiten Hälfte spielte eine Big Band aus Novosibirsk, und ich erkannte die Studenten wieder, die mit uns ins Tschajkowskij-Museum gefahren waren. Das erklärte auch, weshalb eines der Mädchen in dem Museum auf dem Klavier hatte spielen dürfen.







Nach dem Konzert bedankte sich Olga überschwänglich für die Einladung. Doch auch für Morgen stand wieder eine außergewöhnliche Veranstaltung an, zu der uns diesmal Pascha einlud: Ein studentischer Tanzwettbewerb. Wir konnten gespannt sein.