Donnerstag, 17. Februar 2011

Auf zu neuen Abenteuern! Ein neuer Normalzustand. (18.-27. Oktober 2010)

18.10.
In Russland ist es immer das gleiche: Wenn einmal etwas organisiert wurde, dann wusste bestenfalls der Organisator davon.
So stand ich heute vor dem verschlossenen Klassenzimmer, in dem mein Russischkurs stattfinden sollte, da kam zufällig meine Lehrerin vorbei und fragte mich, was ich hier suchte. Ich hatte längst Susen kontaktiert und erfahren, dass sich der Kursplan wieder geändert hatte, und dass wir bei der anderen Lehrerin im Wohnheim Unterricht hatten. Ich war schon spät dran, aber die Lehrerin Tatjana war nervtötend hilfsbereit und hörte gar mir gar nicht zu, dass mir Susen gerade geschrieben hatte - sie war schon am Telefonieren mit dem Auslandsamt und gab mir schließlich die Informationen, die ich schon kannte. Ich bedankte mich geduldig für die Hilfe und konnte mich endlich auf den Weg machen.

Statt der erwarteten Lehrerin Irina war eine Ersatzlehrerin war da - wahrscheinlich hatte sie eine Besprechung oder einen anderen Termin aufgebrummt bekommen, denn auch die Organisation auf höherer Ebene war nicht weniger chaotisch.
Heute sollten wir Personenbeschreibungen machen und sagen, wem wir ähnlich waren, wer wir sein wollten und wer nicht. Unser Klassenstreber Steve wollte nicht wie Medvedjew sein. Die Lehrerin korrigierte seinen Satz und schrieb ihn an die Tafel, und wir alle notierten uns den Satz in unser Notizbuch: "Er ist in den Händen von Putin" - und da sage mal einer, Russland sei nicht offen für Kritik. Steve wollte lieber sein wie Helmut Schmidt, und behauptete, er sei Angela Merkel ähnlich. Ich verschluckte mich beim Kichern. Dieser Steve hielt mich für verrückt, aber über ihn könnte ich das gleiche sagen. Ich glaube, eine gewisse Macke ist Grundvoraussetzung um als Europäer in die russische Provinz zu gehen.

Um 14 Uhr wurden wir aus dem Kurs abgeholt, also zumindest Michael und ich, denn ich hatte ihn gebeten, mich in die Liste für den Ausflug zur St. Michaels-Kathedrale einzutragen, oder wie wir sie nannten: die rote Kirche. Denn es gab nur noch eine weitere große Kathedrale in Izhevsk, das war die gelbe Kirche, und die trug einen unaussprechlichen Namen.
Zwei Mädels aus dem Auslandsamt der UdGU begleiteten uns, und ein irakischer Student. Ein weiterer Deutscher, Jakob, wollte uns an der Kirche treffen, kam dort aber nie an. Währenddessen begann die Führung durch den Assistent des Diakons; er trug eine schwarze Robe mit weiten Ärmeln und einen schwarzen Bienenstockhut. Die nächste Stunde folgte nur Langeweile, denn er erklärte jedes der Wandbilder einzeln, und das auf Russisch. Schön war die Kathedrale schon; hatte neben dem normalen, überkuppelten Kirchkörper noch einen Keller wie die Kirche-auf-Blut in Jekaterinburg. Darin wirkte alles seltsam gedrängt, und die Wanddekoration war im Grundton in Bärchenrosa gehalten. Einige seltsame Gegenstände standen in diesem Kellerraum; ein riesiger Weihwasserkübel aus Gold, und in einer Ecke eine Art Riesen-Samowar zum Selbstabfüllen von Weihwasser.

Nach der Führung für zwei Euro pro Person blieben Michael, ich und eines der Mädels noch in der Kirche um die nachfolgende Zeremonie anzusehen.
Wir drei standen am Eingang und hatten ins in russischen Hochzeitstraditionen festdiskutiert, sodass wir den Beginn schon halb verpasst hatten. Jemand kam mit dem Weihrauchgefäß und besprenkelte jede Ecke mit Duft. In dem Kirchflügel, der für Männer bestimmt war, stand der Diakon und sang monoton während der Chor zwischendrin einsetzte, aber irgendwie glaube ich, nur auf CD.
Die orthodoxe Liturgie erschien mir seltsam: Er ging durch die Altartüren, sang mal davor, mal dahinter, und wechselte sich ab mit einem Sänger, der sich im Gehen ein schwarzes Buch vors Gesicht hielt und daraus noch monotoner vorsang. Noch mehr gähnende Langeweile breitete sich aus und wir nickten im Stehen fast weg, so war es nicht mal meine Idee gewesen, die Kirche frühzeitig zu verlassen. Michael war nur umher gewandert; wir lasen ihn ein und gingen. Es waren nur etwa 10 Leute bei der Messe anwesend gewesen, die Hälfte davon waren Reinigungsfrauen, die die Kerzenleuchter sauber hielten und die abgebrannten Kerzen entfernten. Und ein Mädchen blies so schnell sie konnte Kerzen im Kreis aus. Ich wusste nicht, ob das zum Programm gehörte, oder ob sie einfach nur eine Verrückte war, die sich einfach nur gern in der Kirche aufhielt.

Ich war nun unentschlossen, wohin ich gehen sollte; ich hatte ja meine Kamera bei Sina vergessen und sollte sie holen gehen, weil ich ja nie wusste, was als nächstes passieren würde, und ob ich es fotografieren musste. Ich rief Sina an, aber die war mit Andrey auf Arbeit; nun arbeiten sie schon zu zweit ohne Bezahlung für eine Malerei, wobei es bei Sina sicher nur inoffiziell war. Sie wollte nur aus dem Haus kommen, aber sich keine ernsthafte Arbeit in ihrem Feld suchen, weil sie einen Bürojob langweilig fand und lieber körperlich arbeiten wollte.
Sie meinte, ich könnte am Abend vorbeikommen und die Kamera holen, doch als ich kam, war die Bude schon wieder voll - es war eine after-after-Party im Gange mit dem bärtigen Wowa, Vanya, Stasya und Mischa bei Sina und Andrey. Sie meinten, sie waren alle selbst und gegenseitig überrascht gewesen, sich zu sehen, denn es war nicht verabredet gewesen. Sinas Wohnung hatte sich zu einem zentralen Treffpunkt für alle entwickelt, die nicht wussten, was sie mit ihrem Abend anfangen sollten.
Stasya hatte heute schon Vorlesungen in zwei Fremdsprachen gehabt, und als ich mit meinem Englisch kam, kippte in ihrem Kopf ein Notschalter um und sie vergaß alle Sprachen, und weigerte sich, überhaupt zu sprechen und zog sich ins Band zurück.
Ich fuhr dann schon gegen 21 Uhr zurück zum Wohnheim - ich hatte seit langem keine E-Mails mehr beantwortet und Matthias fühlte sich vernachlässigt.

19.10.
Der Russischkurs fand heute wieder im Wohnheim statt, aber ich wurde nicht hineingelassen. Die Lehrerin sei noch nicht da, und bis nicht sicher war, dass der Kurs überhaupt stattfand, gab es keinen Grund, mich ins Wohnheim einzulassen. Diese Wachtjorka war schlimmer als eine Oberschwester im Krankenhaus.

Tatjana kam angerannt und entschuldigte sich für die Verspätung, und ich wurde nun auch eingelassen, gegen Abgabe des Reisepasses natürlich. Die Grammatik heute ließ meinen Kopf brummen. Nach der Vorlesung wurden wir zu verschiedenen Vorträgen eingeladen, sogar über interessante Themen wie russischen Rock, aber diese Unterrichtsstunde hatte mein Bedürfnis nach der russischen Sprache erstmal gesättigt, und so fuhr ich nach Hause, während der Rest des Kurses vermutlich einfach nur zu träge war, das Wohnheim zu verlassen, weil sie ja hier wohnten. Im Herbst war das Leben hier so langsam und die freie Energie am Boden.

Zu Hause setzte ich mich hin, den Blog zu schreiben, da meldete sich Farin. Wir hatten vorher einmal über das Pelmeni-Denkmal gesprochen, und nun bot er an, es mit mir zu suchen, und dann noch etwas Süßes essen zu gehen.
Er hatte sich die Adresse angesehen und wusste, wo es zu finden war, und als wir dort ankamen, wusste ich auch wo wir waren - in diesem Café hatten wir schon einmal zusammen gegessen. Das Denkmal stand direkt daneben, und ich hatte es beim ersten Mal einfach nicht für voll genommen. Es war auch nicht besonders beeindruckend; es war eine riesige Betongabel in einem leeren Blumenkasten mit einem passenden Knödel zwischen den Zinken. Aber mit Farin wurde sogar so etwas Ödes interessant; er bestand darauf, mich aus einem bestimmten Winkel zu fotografieren, sodass es so aussah, als würde ich in die Betonteigtasche beißen.


Bis Mitternacht saßen wir in dem Café bei Nachtisch aus drei Schokosorten und tranken Tee. Ich fragte ihn, wie er sich das mit uns denn vorstelle - nächstes Jahr plante ich ja meine Masterarbeit zu beenden und abzureisen. Er meinte, daran wolle er nicht denken.

20.10.
Um eine für mich unmenschliche Zeit - 8:50 quälte ich mich aus dem Bett, nur um auf dem Weg angerufen zu werden, dass heute kein Russischkurs stattfand. Ich überlegte, mich wieder ins warme Bett zu legen, aber so war ich einmal auf dem Weg, da konnte ich auch ins Labor gehen. Nach einem Abstecher in den Supermarkt prokrastinierte ich bis 16 Uhr vor mich hin, halb schlafend, halb im Chat hängend. Diese Morgenstunden brachten mir überhaupt nichts, außer dass mein Tag dadurch im Eimer war.
Am Nachmittag schaute Albert vorbei, wir diskutierten etwas über mein Projekt, aber er war nicht meinetwegen gekommen, sondern wegen seines neuen Doktoranden, der im Prinzip die gleiche Arbeit machen sollte wie ich, nur in einer anderen Programmiersprache. Albert fragte mich auch immer wieder zu Programmierfragen, weil er in diesem Bereich nie gemacht hatte, nur Simulationen, und ich zog gekonnt Halbwissen aus dem Hut.

Ich beschloss, dass es auch heute nichts mehr aus meinem Projekt werden würde und fuhr zurück zum Wohnheim, als auch Albert sich auf den Weg machte. Er fragte mich, wie es mit meinem Russisch stünde. Wir begannen uns ein wenig auf Russisch zu unterhalten und Albert schlug vor, dass ich einen seiner Kurse besuchen könnte um noch mehr Russisch zu üben. Und er fragte, weshalb ich meine alten Klassenkameraden vom letzten Semester noch nicht wiedergesehen hatte. Wie sollte ich ihm das auf Russisch erklären - dass ich mich bei Herumtreibern und Musikern aufgenommen und wohler fühlte als bei Strebern aus meinem Fachbereich und seit Wochen nicht mehr an sie gedacht hatte?
Auf dem Heimweg war Stau, aber es war noch genug Zeit, mein Notebook ins Wohnheim zu schaffen und dann zu Dima zu fahren, der um 18:30 von Arbeit kommen wollte. Ich war genau auf die Minute da, aber Dima kam aber später, während ein seltsamer Mann von seinem Hund vor der Tür gehalten wurde, weil er nicht auf Kommandos hörte und ohne Aufforderung "sitz" machte und nicht ins Haus wollte. Ich rutschte gelangweilt auf dem wackeligen Geländer herum und beobachtete die hängenden Kabel an der Hauswand. Gleich würde ich anfangen zu bellen wie ein herrenloser Hund - aber da kam Dima endlich.

Nastya kam erst sehr spät, denn sie forschte für ihre Doktorarbeit und verbrachte die Abende im Labor. Niemand wusste so recht, was sie machte, aber es hatte wohl etwas mit der Lebensmittelindustrie zu tun. Ihre Arbeit war so geheim, dass sie laut ihres Vertrags das Land für die nächsten Jahre nicht verlassen durfte.

Dima wärmte Abendessen auf, das er aus einer kleinen Wanne schöpfte, die ihm vermutlich wieder seine Eltern mitgegeben hatten. Dazu tranken wir Tee, aber der übliche schwarze Tee war aufgebracht, sodass Dima sich nun traute, den Tee auszuprobieren, den ich ihnen geschenkt hatte.
Wir glitten bald in politische Diskussionen ab, wodurch ich bis fast Mitternacht blieb, dann musste ich wirklich zurück zum Wohnheim, obwohl sie mir Übernachtung angeboten hatten, aber ich stand nicht gern so früh auf wie die beiden. Ich wollte lieber wie gewohnt morgen um 11 Uhr aufstehen und die drei Seiten Russischhausaufgaben machen bevor ich zum Kurs ging.

21.10.
Die Hausaufgaben bekam ich in einer Stunde zwar nicht fertig, aber ich löste sie noch im Stehen, während ich in der Cafeteria beim Essen anstand und auch danach, während ich meine Suppe löffelte. Es waren nur immer wieder die gleichen Regeln, die angewendet werden mussten; es war das gleiche Prinzip wie in der Schule: Regeln pauken bis zum Erbrechen. Dieses System hatte zwar ganz eindeutig seine Mängel in der Schülermotivation, aber wenn man einmal so gepaukt hatte, dann blieb das Wissen für immer. In der Schule habe ich so französisch gelernt, und bis zum heutigen Tag beherrsche ich noch tadellos die französische Grammatik und erinnere mich an französische Vokabeln , wenn ich eigentlich nach Worten in einer anderen Sprache suche. Dennoch kann ich französisch absolut nicht mehr sprechen, weil wir dies nie besonders intensiv geübt hatten - dazu müsste ich schon ein halbes Jahr nach Frankreich gehen.

Am Abend ging ich noch zu Sina. Es regnete leicht. Stasya rief an, ich solle bitte Kekse mitbringen, wenn ich noch auf dem Weg war. Das versprach ich ihr, aber wo war der nächste Supermarkt? Ich irrte etwas umher und entdeckte, dass sich direkt neben Sinas Haus einer befand, aber der war für ein ungeübtes Auge gut getarnt, denn in den meisten Wohngebieten war der Supermarkt nur ein grauer Klotz zwischen einigen Häuserzeilen, die genau solche grauen Klötze waren. Aber mit genug Erfahrung in sowjetischer Architektur konnte man den Supermarkt in einem der Klötze erkennen.

Stasya war wieder mit Mischa gekommen, sie tranken Kaffee, ich Tee. Sina saß malend auf dem Fußboden in der Küche, wir saßen daneben, auf Stühlen oder auf dem Boden und taten irgendwie gar nichts. Es war der erste richtig ruhige Abend, völlig natürlich, wie in einer Familie.

22.10.
Der Herbst wurde langsam arg deprimierend, es regnete beständig, und der Regen wurde nur von Nieselregen abgelöst, die Bäume verloren die Blätter und die Menschen beugten sich gegen den nasskalten Wind.


ich war von Susen zu einem Seminar eingeladen worden, das für Studenten der deutschen Sprache abgehalten wurde: Erfolgreiche Kommunikation - mit Emotionen in Argumentationen umgehen können.
Sie meinte, es wäre schön, eine Muttersprachlerin dabei zu haben, da sie selbst die meiste Zeit Verpflichtungen hatte und nicht anwesend sein konnte.
Als sie 9 Uhr als Beginn angekündigt hatte, knirschte ich schon etwas mit den Zähnen, aber dann hatten die Organisatoren wohl eingesehen, dass zu dieser Zeit niemand kommen würde und den Beginn auf 10 Uhr verschoben.

Ich kannte einige der Gesichter, und zu meiner Freude war auch Dascha dabei, die ich seit dem deutschen Filmabend nicht mehr gesehen hatte. Wir wurden aufgefordert, uns ganz klassisch wie in einer Selbsthilfegruppe im Kreis zu setzen, mit Namenskärtchen natürlich, und uns vorzustellen.
Dann sollten wir den Begriff "Kommunikation" definieren. Jeder erhielt dafür zwei bunte Kärtchen und einen Edding. Fünf Jahre Informatik gingen an einem nicht spurlos vorbei, und so malte ich das Model eines Informationskanals auf - darüber freute sich der Leiter des Seminars besonders, weil es nicht nur Stichworte waren und man es so gut auf die zwischenmenschliche Kommunikation beziehen konnte. Das konnte ein langer Tag werden...
Der Leiter kam aus Ungarn, sprach aber perfekt Deutsch. Warum hatte niemand deutsch gesprochen, als Matthias und ich bei Budapest gestrandet waren? Jedenfalls hielt der Leiter mit dem unaussprechlichen Namen einen Vortrag über Überzeugungsstrategien, dann folgte eine Selbsteinteilung aller Seminarteilnehmer in Gruppen von Persönlichkeiten nach einem Distanz-Wechsel-Typ-Schema, für das auf den Fußboden ein Koordinatensystem geklebt worden war. Die Teilnehmer sollten sich in dem Quadranten positionieren, in dem sie sich am wohlsten fühlten. Typisch Geisteswissenschaftler, sie konnten sogar Emotionen in der Mathematik finden. Dann sollten wir darüber diskutieren, welche Vor- und Nachteile unsere Persönlichkeit hatte, und welche Gemeinsamkeiten wir mit den anderen Gruppen in den anderen Quadranten hatten. Als Muttersprachlerin wurde ich in die Rolle der Gruppenleiterin gedrängt, die ich aber gekonnt abstreifte mit dem Todschlagargument "ich kann es, aber ihr müsst es lernen". Diese immerwährende Diskussion machte mich müde - als könnten Geisteswissenschaftler nichts auf den Punkt bringen und in eine Formel quetschen, die dann für alle Zeiten gültig war.

In der Mittagspause fanden die schüchterne Lena und die aufgekratzte Ksenia mit mir am Tisch zusammen. Wir waren aus drei verschiedenen Persönlichkeitsgruppen und ich stellte wirklich fest, dass ich mit Lena aus der Nähe-Dauer-Gruppe am wenigsten Schnittpunkte hatte. Vielleicht gab es auch in der Geisteswissenschaft Modelle, die funktionierten, auch wenn es heißt, dass jedes Modell in einer Geisteswissenschaft mit einem anderen widerlegt werden könne.

Sprachwissenschaftler hatten genau wie Physiker einen ausgeprägten Spieltrieb, und so war unsere erste Aufgabe nach dem Mittagessen ein Rollenspiel, in dem wir uns in Vierergruppen zusammenfinden und umweltfreundliche Stofftüten diskutieren sollten. Dazu wurden die Rollen zufällig verteilt, und weil einigen ihre Rolle nicht gefielt, tauschten sie untereinander. Bis sich dann die Gruppen zusammengefunden hatte, waren bestimmt 10 Minuten vergangen.
Ich freute mich über meine Rolle als ärgerliche, ungeduldige Großmutter und fand richtig Spaß an der Rolle und überforderte die Umweltschützerin sichtlich mit meinen irrationalen Argumenten. Susen war inzwischen gekommen und gesellte sich zu uns um Protokoll unserer spielerischen Auseinandersetzung zu führen.


Die anschließende Diskussion verzögerte sich wieder ein Stück, weil sich einige Gruppen zum Diskutieren in andere Räume zurückgezogen hatten und nun nicht mehr auffindbar waren. Es wurde herumtelefoniert und einzelne Leute verschwanden auf der Suche nach den Gruppen, aber am Ende kamen bestimmt fast alle Studenten wieder zusammen und es wurde über das Rollenspiel und das Seminar insgesamt diskutiert, alles bei laufender Kamera, wodurch sich nur wenige zu sprechen trauten. Es folge eine weitere Auswertung mit SMS-Methode, bei der vorgab, einem Freund in einer SMS über das Seminar zu berichten, und dann noch mit einer rote/grüne-Karten-Methode, aber die meisten Leute im Seminar wollten einfach nur noch schlafen gehen, dabei war es erst 16 Uhr und das Seminar hatte bis 18 Uhr gehen sollen.

Am Abend fuhr ich wieder zu Sina - ich konnte nicht genug von der warmen Atmosphäre in ihrer Küche bekommen. Die Etagenomi war müde als ich das Wohnheim verließ und wollte sicher schon 22 Uhr ins Bett gehen; sie meinte zu mir: "Zieh dann einfach die Tür hinter dir zu, wenn du zurück kommst." So würde ich sie nicht durch mein Klingeln an der Tür aus dem Schlaf reißen.

Stasya und Mischa waren bereits bei Sina. Sie tranken Kaffee und blätterten in Büchern und sprachen über eine gemeinsame Lehrerin mit dem klangvollen Namen Marosowa, die sie unglaublich begeisterte. Sie hatten bei ihr eine Vorlesung über die russische Gegenwartskultur besucht und diskutieren nun immer noch darüber. Sina und Mischa hatten beide zwar schon ihr Studium beendet, aber für diese Lehrerin kamen sie gerne zurück an die Uni. Was machte eigentlich Mischa nach dem Studium? Sina hatte mal erzählt, dass sie ihn auf dem Arbeitsamt ausgelacht haben, weil im Bereich Anthropologie / Sozialkunde studiert hatte - das war einer der Ehefrauen-Studiengänge, nach denen man sich keinen Job suchte, sondern einen Mann. Den Studiengang hatten sie sogar abgeschafft als Mischa damit fertig war.

Es hatte den ganzen Tag nicht aufgehört zu regnen; auf den Straßen befanden sich schon wieder unglaubliche Wassermassen, die nirgendwohin abfließen konnten, sodass sie Straßen über einen Meter Breite knöcheltief unter Wasser standen und man sie nur mit Anlauf springend überqueren konnte. Auf dem Heimweg im Bus stellte ich fest, dass vereinzelte Russen doch einen Sinn für Münzen hatten statt das Portmonee mit dem Kleingeld einfach über dem Gully auszuleeren: Ein Rubel lag auf dem Boden im Bus und ein Passagier trat unauffällig drauf um ihn bei nächster Gelegenheit aufzuheben, denn auch die Schaffnerin hatte schon dorthin gelinst. Vielleicht weil Wirtschaftskrise war.

23.10.
Diesen Morgen schlief ich einmal wieder richtig aus - das hatte schon mal gut getan. Das Labor war laut Stundenplan besetzt und ein Russischkurs fand heute nicht statt, also hatte ich Zeit, mein Zimmer aufzuräumen und Wäsche zu waschen, was beides dringend nötig gewesen war. Mein Blick fiel auf den Kürbis auf meinem Kühlschrank, den ich für Halloween besorgt hatte. Ich wusste nicht, ob so er lange durchhalten würde und nahm ihn auseinander um die Kürbisfleischstücke einzufrieren. Doch mein hausfrauliches Talent hielt sich in Grenzen; am Ende sahen meine Finger schlimmer zerschunden aus als nach dem Gitarrespielen. Ich ging in die Küche um das Blut abzuwaschen und um die Kerne zu reinigen und zu trocknen.

Stasya meldete sich; am Nachmittag würden unsere Freunde von Electric Snow in einem Tonstudio zusammenkommen um ihr erstes Album aufzunehmen. Sie wusste selbst nicht genau, wo sich das Tonstudio befand, wollte mich aber an der Straßenbahnhaltestelle "irgendwas-irgendwas Reduktor" treffen, sobald sie ihre Pflichten als vorbildliche Enkelin erledigt hatte - sie war schon den ganzen Tag auf den Beinen um mit ihrer Oma Schuhe kaufen zu gehen.

Ich gab ihr bescheid, dass ich in 30 Minuten kommen würde und rief sie auch von unterwegs noch einmal an. So stand sie bereits an der Haltestelle, als ich aus der Straßenbahn ausstieg und zitterte sichtlich in ihrem Rock und hüpfte umher. Warum in aller Welt hatte sie sich so leicht gekleidet, fragte ich sie. Stasya meinte, diese Kleidung würde ihre Professorin Marosowa schätzen - sie schien diese Professorin regelrecht zu verehren.
Ich gab Stasya meine Wollhandschuhe, die sie erst nicht haben wollte, bis ich ihr zeigte, dass ich für alle Fälle immer zwei Paar dabei hatte.

Wir fanden das Aufnahmestudio nur, weil Vanya zu einer Raucherpause nach draußen kam. Es war in einem Keller in einem Gewerbezentrum untergebracht, hinter schweren Türen und Gittern, in einem Kellerverschlag aus Sowjetzeiten. Aber dort war es sehr gemütlich; blauer Teppichbelang hing an den Wänden, und die Decke hing durch den dicken Stoff und das Isolationsmaterial nach unten gewölbt; es sah aus, als würde uns der Raum auf den Kopf fallen. 



Weil es mir nach einer Stunde schon zu langweilig wurde, ging ich die Verschläge erkunden. Das Licht funktionierte nicht überall, so stolperte ich mit meinem Handy als Taschenlampe durch die baufälligen und voller Schutt liegenden Kellerräume. Die schwere Gittertür war mittlerweile geschlossen, es gab also kein Entkommen... die Musik, die aus dem Tonstudio drang, passte gut dazu; es gab dem ganzen eine überirdisch-gruselige Stimmung, die sich perfekt für Musikvideos eignete - ich schnitt nun also draußen mit statt drinnen.

Ich wartete, bis sie eine Pause machten, dann gesellte ich mich wieder zu ihnen. Lena wurde müde, aber bis 17 Uhr hatten sie den Raum noch gemietet, und so lang wurde gespielt und gesungen, ordnete Vanya an. Sina meinte, daran sah man, dass Lena keine Musikerin war, denn als Musiker spielte man trotz Erschöpfung und körperlicher Wehwehchen weiter, über Stunden, die ganze Nacht durch, wenn es sein musste, um das Album fertig zu bekommen.
Ich machte es mir auf dem Boden gemütlich und las die Texte durch, die Lena dabei hatte. Soweit ich weiß, hat niemand, inklusive Lena, die Texte jemals verstanden. Sie sprach kein Englisch, sang aber englische Gedichte von Emily Dickens. Wenn ich ihren Gesang mit dem Text verglich, konnte ich nur ansatzweise Gemeinsamkeiten feststellen. Stasya scherzte, dass Lena auf Udmurtisch sang.

Lena war zwar müde, aber nicht zu müde um mir noch einen Vortrag darüber zu halten, dass Fleischessen schlecht ist und nur Milch getrunken werden dürfe, weil das etwas sei, das Kühe freiwillig gaben. Ich nickte freundlich und sagte Stasya leise meinen Lieblingsspruch zu diesem Thema: "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg". Sie lachte dankbar, denn auch ihr ging Lena auf die Nerven.

Auf dem Heimweg verabschiedete sich Lena von uns um nach Hause zu fahren während Vanya noch mit uns kam. Mit ihren geschulterten Instrumenten passten sie kaum in den vollen Bus.
Vanya bekam als Wechselgeld ein 2 Rubel-Stück mit Juri Gagarin hinten drauf, sehr selten, meinte er zu mir und schenkte es mir. Wir kommunizierten ja nicht viel, aber meistens waren wir uns einig - zum Beispiel waren wir irgendwie darauf gekommen, dass Demokratie nicht funktionierte. Ich wusste selbst nicht, warum bei Vanya immer so seltsame Themen aufkamen, besonders da wir uns nicht wirklich unterhielten.

Auf dem Weg zu Sina beschlossen wir, Lebensmittel einkaufen gehen- Stasya und ich waren die einzigen, die Geld dabei hatten, und so wurden wir losgeschickt, Tee und Gebäck zu holen. Für uns selbst kauften wir Fleisch- bzw. Fischsalat. Die anderen waren ja auch Vegetarier und würden davon nichts essen wollen, aber Lenas Gerede über heilige Kühe hatte uns hungrig gemacht. Sina wollte zwar auch einen Salat machen, den sie als Kartoffelsalat bezeichnete, aber natürlich nur aus Kartoffeln und Gurken. Die Portionen in Russland waren schon gewöhnungsbedürftig klein, aber wenn man dazu noch nur vegetarisch aß, war man nach dem Essen hungriger als zuvor.

Mischa war auch schon wieder da, als Stasya und ich bei Sina ankommen.
Alles wie immer, ein sehr angenehmer Abend: Wir kamen in der Küche zusammen, tranken Tee aus der französischen Teepresse, aßen Kekse und plauderten. Und wenn so viele Musiker auf einem Haufen zusammen kommen, wird auch musiziert: Mischa spiele Gitarre mit einem Kuscheltier statt einem Plektron im Nebenzimmer. Durch den Krach angelockt, schnappte sich Stasya die andere Gitarre und Sina stimmte singend ein, Vanya gesellte sich dazu und übernahm Mischas Gitarre und spielte darauf wilde Solos, die mehr oder weniger zur Melodie passten. Sinas ganze Wohnung sah aus wie ein Musikgeschäft - sie besaß jedes Instrument von der einfachen Blockflöte über ein Keyboard bis hin zum Xylophon.

Ich begann die Webseite für Electric Snow weiterzubasteln, als mir eine Lösung für ein früheres Problem mit dem Seitenlayout einfiel. Am Ende war es sehr bunt, und als Krönung setze ich elektrischen Schnee drauf: Blitze, die in Schneefallbewegung die Seite hinterrieselten. Sina war begeistert davon und bestand darauf, es den anderen zu zeigen. Vanya saß mit Andrey, der sich immer etwas außerhalb hielt, am Computer und bearbeitete ihre aufgenommenen Songs mit einem professionellen Programm. Die größte Herausforderung war, Lenas Stimme einigermaßen gut klingen zu lassen.
Sina hatte schon wieder angefangen zu malen, der Tee war ausgetrunken und es war Zeit, aufzubrechen, sodass ich um 23 Uhr wieder im Wohnheim aufschlagen würde.
Stasya und Mischa sahen das auch für sich selbst als Aufbruchszeichen und nach einer Runde Passivrauchen begleiteten mich noch zum Bus.

24.10.
Es war Sonntag, aber ich konnte nicht ausschlafen - aus keinem bestimmten Grund; ich schlief im Allgemeinen schlecht in letzter Zeit. Ich setzte mich mal wieder ans Blogschreiben, denn es war noch viel aufzuholen, und dann war ich so in diese Tätigkeit versunken, dass ich eigentlich keine Lust verspürte, auf das Konzert von Andreys anderer Band zu gehen, auf das mich Stasya einlud. Aber bisher war alles Gute in meinem Leben aus Zufällen entstanden, vor allem immer dann, wenn ich es am wenigsten erwartet hatte, also sagte ich zu. Die Erfahrung zeigte, dass eine verpasste Chance mehr reute als einige Stunden Zeit verplempert zu haben.

Im Gang traf ich Gergö, der ebenfalls gerade das Haus verließ um zu einem Konzert zu gehen. War es am Ende das gleiche? Er versuchte nun immer mit mir auf Deutsch zu sprechen; das ging ab und zu schief, aber meistens funktionierte es. Wir nahmen den gleichen Bus, stiegen an der gleichen Haltestelle aus, aber nur, weil ich dort umsteigen musste.
Wir standen an der roten Fußgängerampel und ein altes, gebeugten Mütterchen stand vor uns und bat ein wartendes Mädchen irgendetwas, aber sie ignorierte die Alte. Die Ampel schaltete auf Grün, und der junge Mann, den sie als nächstes anbettelte, überquerte einfach die Straße; sie streckte flehend die Hand aus, aber nicht mit der Handfläche nach oben wie man nach Geld bettelt, sondern als wollte sie, dass ihr jemand die Hand reichte. Ich begriff nach einigen Augenblicken, was sie wollte: Dass ihr jemand über die Straße half. Ich ergriff ihre Hand und spürte die Wärme durch meinen Handschuh und eine seltsame Wandlung ging in mir vor, wie in einem Märchen; vor meinem inneren Auge sah ich sie sich schon in eine Fee oder einen Rosenbusch verwandeln. Sie dankte mir und segnete mich die ganze Zeit über, während ich sie langsam über die Straße führte, ihre Hand abstützend, bereit zuzugreifen, falls sie stolperte. Sie lief so eilig wie es ihr möglich war, auf den Stock gestützt. Eine unglaublich starke Emotion ergriff von mir Besitz; ich konnte kaum glauben, dass jemand für so eine kleine Geste so dankbar war. Die Fußgängerampel wechselte schon von grün zu rot, aber wir waren noch mitten auf der Straße. Die Autofahrer hielten noch, ich machte ihnen ein Zeichen, weiterhin stehen zu bleiben und überwand die letzten Meter. Auf der anderen Seite ließ ich die Alte vorsichtig los, die mir immer noch dankte, aber ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte, schließlich entschied ich mich, einfach Gergö hinterher zu hechten, warf ihr noch im Laufen letzte Blicke zu; sie schien zu wissen, wohin sie jetzt gehen musste.
Bisher hatte ich es für einen Mythos gehalten, dass alte Frauen Hilfe brauchten beim Straßenüberqueren; es erstaunte mich, jemanden so hilflos zu sehen.

Ich erwischte sofort den Bus zur Uni, dort wollten Sina und Stasya auf mich warten, aber nun stellte sich heraus, dass ich auf sie warten musste - sie waren wohl ganz in der Nähe, fanden mich aber nicht. Stasya rief an, ich solle auf die andere Straßenseite kommen, aber schon im Gehen sah ich sie 20 Meter von mir entfernt, neben der hohen Gestalt von Mischa.
Wir gingen in eine Gegend, die voller Sporthallen war, man hörte draußen die Pfiffe und sah Leute auf Laufbändern durch die Fenster. Ich befürchtete schon das Schlimmste - wie diese Schulkonzerte in Turnhallen, die rochen, als hätte darin gerade ein Wettkampf stattgefunden. Doch der Auftrittsort stellte sich als gemütliches Café im Untergeschoss eines Fitnessstudios heraus. Stasya rauchte noch eine, und Sina wollte auch noch nicht rein, weil sie die Musik nicht mochte, und speziell den Sänger nicht. Ihr Freund Andrey spielte Bass in der Band, die es schon seit 8 Jahren gab. Dementsprechend größer war die Anhängerschaft bzw. die Aufnahme im Allgemeinen durch die Cafébesucher.
Wir setzten uns abseits und Sina ließ uns in die Aufnahmen von ihrer Band Electric Snow hineinhören, die sie letztens im Studio in Auftrag gegeben hatten; Andrey hatte sie zu Hause digital nachbearbeitet. Ich war überrascht - was hatten sie nur mit Lenas Stimme gemacht? Sie klang ja richtig gut auf der Aufnahme, also verglichen mit den Originalaufnahmen.

Wir vertrieben uns die Zeit, und es dauerte und dauerte, denn der Sänge liebte nichts mehr als seine eigene Stimme und machte locker ein 3-Stunden-Programm aus dem Auftritt. Sina malte mit Kuli auf einem Block und ich machte Origami. Mischa hatte mich das noch nicht machen sehen, so konnte ich ihn beeindrucken und schenkte ihm gleich das ganze Zeug. Er bedankte sich sehr ausführlich und sehr poetisch, meinte Stasya, die mitgehört hatte; aber sie könne es nicht übersetzten und ich es nicht verstehen.

So schlimm wie Sina die Musik empfand, war sie gar nicht, wenn man sich einmal dran gewöhnt hatte. Nach dem Konzert kam Andrey strahlend zu uns und wollte sollte Sina auf die Afterparty mitnehmen. Sie machte ihm auf ihre Weise eine Szene: Sie starrte ihn gespenstisch still an und sprach nur leise, und das für mehr als 10 Minuten. Es war ein Kampf von Wille gegen Wille, und dann wechselte das Gespräch ins Telepathische. Ich wusste aus Beobachtung, dass sie das länger als eine halbe Stunde durchhalte konnte, und so beschlossen Stasya und ich zu gehen. Sina hatte Mischa irgendwie eingegarnt zu bleiben; er warte draußen auf sie, wo Stasya rauchte, als wir uns verabschiedeten.
Wir nahmen die Straßenbahn Nummer 7, und ich stellte fest, dass wir ganz in der Nähe das Tonstudios gewesen waren. Stasya stieg am Gastronom aus, ich am Zoo. Ich mochte diesen Heimweg nicht; er war zwar nicht viel länger als der Weg vom Bus nach Hause, aber führte nur geradeaus an einer wenig belebten Wohnsiedlung und dem Zoo vorbei.

Das ungute Gefühl verfestigte sich. Vor mir liefen Gopniks, aber - ich traute meinen Augen kaum - sie hatten eine Waffe. Sie feuerten eine Kugel in die Büsche - erleichtert stellte ich fest, es war nur eine Softair war, wie ich auch eine besaß, aber die Plastikkügelchen konnten aber trotzdem schmerzen, also hielt ich lieber Abstand. Als sie stehenblieben, ging ich etwas schneller und mit betont sicherem Schritt an ihnen vorbei, während sie auf eine Glasflasche im Gebüsch schossen. Ohne weitere Zwischenfälle gelangte ich am Wohnheim an.

Am Hauseingang fand ich ein Blümchen, fand es schön und ideal zum Trocknen und nahm es mit. Der Hase meiner Nachbarin schaute mich mit großen Augen an und rappelte im Käfig; ich ließ mich erweichen und ließ ihn frei; legte die Blume aufs Bett und zog meine Jacke aus. Doch eh ich mich versah, war Bailey's aufs Bett gesprungen und fraß die Blume, bevor er es sich in dem Berg aus frischer Wäsche gemütlich gemacht.
Er hatte einen erstaunlichen Nagetrieb entwickelt; er fraß erst meine Sonnenblumenkerne und dann das Bett und die Wand, so sehr ich auch zischte und ihn ermahnte. Das hatte ich von meinen Nachbarn oft durch die dünnen Wände gehört. Er sah mich nur erstaunt an und machte weiter.

Wenn Bailey's bei mir im Zimmer war, ließ ich immer die Tür auf, sodass er wie gewohnt sein Geschäft in Maschas Schuhen erledigen konnte. Als er Mascha nun von der Arbeit kommen hörte, sprang er in den Gang hinaus und ich schloss schnell die Tür hinter ihm und begutachtete die Schäden im Putz.
Erst beim Zähneputzen hörte ich seltsame Geräusche aus der Dusche - ein Rascheln, Kauen... Mascha hatte sie den Stall samt Hase in die Dusche verfrachtet; wer weiß warum.

25.10.
Heute konnte ich mal wieder einen Nachmittag im Internet herumbringen, weil nach neuem Plan kein Russischkurs am Montag mehr stattfand. Ich hatte mich zur Abwechslung im Computerzimmer einquartiert und bemerkte einen Vogel immer wieder kommen. Er hackte sich ein Loch zwischen Fenster und Hauswand, riss dabei kleinere und größere Stücke der Isolation heraus. Schön, dachte ich mir nur, ein neues Haustier.

Ich traf meinen alten Bekannten Pascha im ICQ, der gerade in einer langweiligen Vorlesung saß; wir verabredeten uns für Pizza gegen 19:20 Uhr, aber daraus wurde 19:30, weil mein Schlüssel irgendwo im Zimmer verloren gegangen war - was seltsam war, weil ich ihn immer in meiner Hosentasche aufbewahrte, wenn ich im Wohnheim war. Und wenn ich das Wohnheim verließ, gab ich ihn ja bei der Wachtjorka ab.
Wir plauderten ein bisschen - er fragte mich nach meiner Reise und der Zeit zu Hause, und ich hätte ihm am liebsten einfach einen Link auf diesen Blog gegeben, aber er wollte ja erst jetzt ernsthaft mit dem Deutschlernen beginnen.

Während wir an unserer Pizza knabberten, lud mich Dima per SMS ein, vorbeizukommen. Ich sagte ihm zu, denn mit Pascha und anderen ehemaligen Mitstudenten dauerte ein Treffen eh nie lang, weil wir eben keine echten Freunde waren und nichts Tiefgehendes zu diskutieren hatten. Mit Dima war es anders; mit ihm verflogen die Stunden während wir über seltsame Besonderheiten von Sprachen diskutierten, oder wir uns einfach aus unserem Leben erzählten.
Ich gab Pascha eine Postkarte von Zwickau, dazu Moosmännchen-Schnaps und RussischBrot - damit konnte er Deutsch üben, scherzte ich. Er fragte mich, war er für mich tun konnte, da legte ich ihm mein Arbeitsheft unter die Nase und ließ mir das verrückte russische Jahreszahlen-System erklären. Bei Datumsangaben konnte man bis zu vier Mal den Genitiv verwenden: Der fünfundzwanzigste des Augusts des Jahres des 2010... oder so etwas in der Art.

26.10.
Im Russischkurs quälten wir uns immer noch mit Datumsangaben. Danach unterhielt ich mich noch mit Michael über die Halloweenparty, die er für Sonntag planten. Sofort wurde meine Lehrerin Tatjana hellhörig und forderte 10 Rubel Strafe ein, weil ich mich auf Englisch mit Michael unterhalten hatte, wo wir doch untereinander auf Russisch sprechen sollten. Ich gab ihr die 10 Rubel für die scherzhafte Sprache und sah sie mit traurigem Hundeblick an: Jetzt hatte ich nicht mehr genug Geld für den Bus nach Hause... sie gab es mir zurück. Michael versuchte die Unterhaltung auf Russisch fortzusetzen, aber schon am Wort für Kürbis scheiterte es. "Tykwa", informierte uns Tatjana. Als sie weg war, wechselten wir wieder zu Englisch. Michael hatte keinen Kürbis finden können, sondern nur eine kürbisähnliche Frucht und meinte, ich könne meinen Kürbis gern mitbringen, wenn ich zur Party kommen wolle. Oder war es so, dass ich, wenn ich ihn mitbringe, zur Halloweenparty am Sonntag eingeladen war?

Ich hatte noch ein paar Stunden Zeit bevor ich zu meiner ersten Telekommunikationsvorlesung dieses Semester gehen musste. Es war Alberts Idee gewesen, dass ich mit Hilfe dieser Vorlesung mein Russisch verbessern konnte, denn die Inhalte kannte ich schon vom letzten Semester: Ethernet.
Ich befreite den Hasen, der sofort neben mich aufs Bett sprang und von meinen Snacks naschte. Die Instant-Nudeln, die ich getrocknet wie Kartoffelchips aß, wurde jetzt immer schneller alle, weil ich sie ja jetzt mit dem Hasen teilen musste.

18:30 sollte die Vorlesung beginnen, also machte ich mich um 18:30 auf den Weg; Albert hatte sie schon von 18 Uhr auf 18:30 verschoben, kam trotzdem noch zu spät - wie erwartet. Und weil er schon zu spät gekommen war, drängten die ersten Studenten schon gegen 20 Uhr, Schluss zu machen statt bis 21:30 durchzuhalten. Albert grüßte das und hastete durch die letzten Folien, aber nach Hause ließen sie ihn noch nicht - erst quälte er die Studenten noch mit Fragen zum Praktikum, dann musste er noch eine mündliche Prüfung der neuen drei Studenten abnehmen, und dann auch ich noch fragen... Ich blieb erstmal sitzen; ich hatte ja Zeit. Ich wollte mich am späteren Abend mit Sina treffen, denn sie war gerade erst auf dem Heimweg von einem udmurtischen Konzert, auf dem mein halber Freundeskreis gewesen war.

Die letzten Studenten waren gegangen, ich wartete noch eben auf Albert, der den Beamer abschaltete, dann gingen wir gemeinsam zum Bus. Ich wusste zwar, dass wir in die gleiche Richtung fahren würden, war dann aber doch überrascht, dass wir sogar an der gleichen Haltestelle ausstiegen. Wir gingen auch noch ein Stück des Weges von der Haltestelle zusammen; er erzählte vom Straßennamen: diese war nach einem amerikanischen Bankräuber benannt worden, der das Geld der kommunistischen Partei gespendet hat, und am Ende waren wir mitten in der Diskussion über eine neue Revolution in Russland und standen vor der Ampel, die rot, grün und wieder rot wurde. Es ist schön, wenn man sich mit seinen Professoren so gut unterhalten konnte.

Bei Sina saß schon wieder die übliche Clique: Mischa und Stasya bei Sina und Andrey.
Stasya hatte heute schon den ganzen Tag das Wort "Stammtisch" auf den Gängen der UdGU gehört und fragte mich, ob ich vorhatte, morgen zum Stammtisch zu gehen. Ich bestätigte das etwas grummelnd. Susen, die normalerweise alles organisierte, war in Perm und hatte Steve und mich gebeten hatte, die Organisation stattdessen zu übernehmen. Organisiert hatte ich nichts, aber ich fühlte mich verpflichtet, zumindest dort aufzutauchen.

Wie gewohnt fuhr ich gegen 22:30 von Sina nach Hause um pünktlich um 23 Uhr im Wohnheim zu sein, bevor die Türen zugesperrt wurden.
Der Hase lief immer noch im Flur herum und folgte mir sofort in mein Zimmer. Er war mittlerweile so anhänglich geworden, dass er mir überall hin folgte und im Kreis um meine Beine rannte, sodass ich konzentriert aufpassen musst, ihn nicht aus Versehen zu treten; er folgte mir sogar schon ins Bad und wartete brav, bis ich mein Geschäft erledigt hatte.

27.10.
Den Vormittag beziehungsweise Nachmittag brachte ich damit zu, einen Projektplan zu erstellen um mal eine genaue Übersicht zu erhalten, was eigentlich in meinem Projekt gemacht werden musste. Dann machte ich Mittagessen schon lohnte es sich nicht mehr, ins Labor zu gehen, weil ich um 18 Uhr beim Stammtisch nahe der UdGU sein sollte.

Um 17 Uhr verließ ich das Haus um zum Treffpunkt zu fahren; Steve hatte alles organisiert und einen großen Tisch im Pizzahaus reserviert - daran hätte ich gar nicht gedacht.
Es waren schon einige Leute in der Pizzeria und ich freute mich, keinen langweiligen Abend unter Fremden verbringen zu müssen, denn meine gute Bekannte Dascha war da, dazu noch einige Deutschstudenten, die ich vom Sehen her kannte, und ein seltsamer Kauz, der sich einen deutschen Namen gegeben hatte und deutsche Musik machte. Seinen echten Namen wollte er nicht preisgeben, weil er sich als Deutscher fühlte.

Ich begann mit den Mädels Origami zu falten, das Steve irgendwie zu ärgern schien, und er begann seine vorbereiteten Spiele. Ich verdrückte mich eine Stunde später zusammen mit Dascha, weil es unhöflich gewesen wäre, die Runde früher zu verlassen. Dascha war mit Freunden im Club Aviator treffen, aber auch Steve hatte sich als besondere Überraschung einfallen lassen, mit dem gesamten Stammtisch ins Aviator zu gehen. Da merkte man wieder, wie klein Izhevsk war.
Ich hatte nur wenig Lust auf einen überfüllten Club und fuhr lieber zu Sina, die mir Selbstgebackenes versprochen hatte. Sie hatte tatsächlich einen Kürbiskuchen gebacken, der erstaunlicherweise sogar geschmeckt hatte - meine persönliche Erfahrungen mit Kürbiskuchen waren immer gegenteilig gewesen.

Die Küche wirkte seltsam leer ohne die anderen, und Andrey war auf Bandprobe. So kamen wir bald auf Frauengespräche und Themen, die für Niemandes Ohren bestimmt waren.
Nein, noch jemand anderes war mit uns in der Küche: Sinas Katze, die ihre rolligen Tage hatte und kläglich miaute. Doch in diesem Zustand ließ sich die sonst so scheue und aggressive Katze streicheln.

Mascha kam gegen 22 Uhr vorbei und wir machten meine Russisch-Hausaufgaben zusammen: 20 Möglichkeiten Millionär zu werden. Unsere Fantasie kannte kleine Grenzen. Als wir in der nächsten Unterrichtsstunde unsere Ergebnisse verglichen, wurde ich kritisiert, dass der Großteil meiner Ideen nicht so ganz legal war. Ist ja klar - sonst wäre ich doch mittlerweile schon Millionär.
Um 11 kam Andrey zurück und erst da merkte, ich wie spät es schon geworden war.
Doch ich war nicht die einzige Nachtschwärmerin: Vor dem Wohnheim stand Gergö; er war von ein paar Gopniks aufgegabelt worden und nun luden sie ihn und auch mich zum Trinken ein; sie seien nur noch zwei Tage lang in Izhevsk - ich redete mich raus, ich hätte morgen früh Vorlesungen, und übermorgen musste ich mich mit meinen Musikerfreunden treffen und ihnen eine Webseite gestalten, was sogar stimmte. Einer der Typen gab mir zum Abschied einen Handkuss und mich schauderte es vor Ekel. Gergö blieb bei ihnen; er war auch schon leicht angetrunken. Ich hatte ihn eigentlich nie so eingeschätzt, sondern eher als zukunftsorientierter Erfolgsmensch. Aber das hielt ihn wohl nicht davon ab, von Zeit zu Zeit mit Asozialen trinkend durch die Gegend zu ziehen.

Ich wollte noch eben meine E-Mails lesen, als ich feststellte, dass mein Internetkabel geklaut worden war, das immer als der Tür hing - da musste wohl auch eins im anderen Computerzimmer mitgehen lassen, oder ich würde kein Internet mehr haben. Für den Moment ließ ich mir das Zimmer aufsperren und inspizierte, welche Kabel sonst noch am Router hingen. Die meisten führten in die Wand; es sah so aus, als wäre dieser einfache Router hier auf dem Fußboden ein zentraler Verteiler. Wahrscheinlich würde ich den Internetzugang der halben Etage lahmlegen, wenn ich ihn vom Strom nehmen würde. Ich lieh mir stattdessen ein Kabel aus, das in einen der beiden Computer führte.