28.9.
Entgegen aller Erwartungen kam der Bus zum Flughafen fast pünktlich. Schon jetzt - am Anfang seiner Route - war er so voll, dass es kaum noch möglich war, einen Stehplatz zu bekommen. War Schichtwechsel am Flughafen? Die Mitfahrenden waren jedenfalls ausschließlich Einheimische, einige waren sofort als Stewardessen zu erkennen.
Wir kamen nach deutscher Pünktlichkeit viel zu zeitig am Flughafen an und konnten noch nicht einmal an den Check-In. Aus den Lautsprechern klang Musik; es war der erschreckende Versuch, aus bayrischer Polka Fahrstuhlmusik zu machen. Wollten sie so den Terroristen gute Laune machen, in der Hoffnung, sie würden es sich noch einmal überlegen?
Als wir endlich an den Check-In kamen und schon fast an der Reihe waren, unsere Rucksäcke abzugeben, wurde die Warteschlange neu geordnet - alle, die nach Berlin unterwegs waren, sollten sich ganz wo anders und viel weiter hinten anstellen. Die Verantwortlichen wussten schon, dass es die deutschen Reisenden waren, die immer zu Zeit eingeplant hatten und deswegen Platz machen konnten für die anderen Reisenden, die sich erst eine halbe Stunde vor Abflug ein Taxi zum Flughafen nehmen. Dieser Zwischenfalls bestätigt die Deutschen natürlich darin, dass es gute Voraussicht war, so zeitig zu kommen - denn was wäre, wenn man selbst so spät kommen würde, und sich dann noch mal neu anstellen müsste?
Ich muss zugeben, dass ich bei jedem Aufenthalt im Ausland zu etwas werde, was ein Amerikaner "Time Nazi", also als "Zeit-Nazi" nennt. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass in der amerikanischen Umgangssprache "Nazi" mittlerweile nichts mehr mit dem 3. Reich zu tun hat, sondern für "ätzende, unangenehme, strikte Person" steht; also so, wie man sich in Amiland Deutsche vorstellt. Wenn ich im Ausland bin, trage ich wohl leider auch zu diesem Stereotypen bei. In Athen - und eigentlich auf unserer ganzen Reise - wurde meine Geduld wohl auch auf eine harte Probe gestellt, aber nun kehrten wir heim zu unseren immer-pünktlichen, kleinbürgerlichen Mitmenschen, die von den Holländern so nett "Moffen" genannt werden, und für die sicher jedes europäische Land ein eigenes Schimpfwort kennt - und wenn es nur unsere Unart beschreibt, Sauerkraut zu essen.
Aber Spaß beiseite; überall in auf unserer Reise habe ich mich willkommen gefühlt, auch wenn wir Deutschen noch ein bisschen an unserem Ruf feilen müssen.
Das Flugzeug Richtung Berlin hob ab. So schnell ging es Richtung Heimat. Mit einem Reisebus hätten wir gut zwei Tage durchfahren müssen, und es hätte genauso viel gekostet wie das Flugticket. In einer Woche gingen die Vorlesungen wieder los, und bis dahin musste noch einiges vorbereitet werden. Die Zeit war regelrecht gerast in den letzten beiden Wochen, und eh wir uns versehen, standen wir im kalten, regnerischen Berlin in der Nähe des Flughafens an der Straße und hielten die Daumen in die Luft. Mich überraschte ein wenig, dass Matthias immer noch die Anhalterschilder mit den Namen unserer Reiseziele aus seinem Rucksack hervorkramen konnte. Ich hatte vermutet, dass sie irgendwo in Budapest lagen.
Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht am ungünstigen Standort, oder daran, dass uns hauptsächlich Leihwagen und Taxis entgegen kamen - das Resultat blieb das Gleiche, es hielt niemand an.
Nach zwei Stunden gaben wir es auf und nahmen den nächsten Bus zum Bahnhof, und von dort aus den nächsten Zug Richtung Zwickau.
Fast wie im Roman "In 80 Tagen um die Welt" hatten wir jedes Verkehrsmittel unserer Zeit benutzt: LKW, PKW, Bus, Schiff, Fahrrad, Tretboot, Skilift, Flugzeug, Zug... nur einen Heißluftballon haben wir nicht auftreiben können. OK, ich gebe es ja zu, einen Elefanten auch nicht.
Ende.
Dienstag, 22. Dezember 2009
Athen, Teil 5
27.9.
Für unsere letzten Tag hatte sich Mary etwas Besonderes vorgenommen: Sie wollte uns Kap Sounion zeigen, zum antiken Tempel des Meeresgotts Poseidon. Sobald sie das Mittagessen fertig zubereitet hatte... auch zum Mittagessen sollte es etwas Besonderes geben, Pastitsio, eine Art Lasagne aus langen Röhrennudeln, Hackfleisch und Käsesahnecreme.
Da wir alle wussten, dass der halbe Tag vergangen sein würde, bis wir zu Mittag essen würden, verständigten wir uns darauf, dass Matthias und ich noch ein letztes Mal zu Strand gehen würden, und sie uns dann anriefe, wenn das Mittagessen fertig sei.
Aus dem Treffen zum Mittagessen wurde schließlich ein Treffen am Strand; Mary holte uns mit dem Auto ab, das Pastitsio in Tupperware gepackt und alles für ein Picknick vorbereitet. Sie erzählte, dass sie mit einer Gruppe Couchsurfer Kontakt aufgenommen hatte, die auch heute zu dem Tempel fahren wollten. Offenbar hatte es gestern oder vorgestern eine Couchsurfing-Strandparty gegeben, und der harte Rest war noch immer unterwegs.
Es war ein gutes Stück bis hinunter nach Kap Sounion, dem südlichste Zipfel der Halbinsel, auf der Athen lag. Die Sonne schien warm und das Wasser wirkte heute unglaublich blau. Ich konnte gar nicht genug Fotos vom Auto aus machen. Leider war meine 1-GB-Speicherkarte schon fast voll und ich fühlte mich wieder wie in den alten Zeiten, als man noch Filme mit 24, maximal 32 Bildern hatte und sich freute, wenn es doch noch ein halbes Bild mehr wurde als auf der Rolle geschrieben stand. Und auch nur die Hälfte der Bilder etwas geworden waren. Wie haben wir nur je ohne Digitalkamera leben können?
Noch auf dem Weg ließen wir uns das mitgebrachte Essen schmecken, weil Mary meinte, wir hätte nicht genug Zeit für ein Picknick. In der Tat war es spät geworden. Die anderen Couchsurfer waren schon in Aufbruch begriffen. Mary schickte uns zu den Ruinen hinauf, sodass wir sie uns anschauen konnten, bevor die Anlage für heute schloss, während sie mit den anderen noch kurz redete.
Der Tempel stand an der Spitze des Kaps wie ein Leuchtturm, durch dessen Säulen strahlend hell das Licht der sich senkenden Sonne fiel. Die vorgelagerte Insel schien unbewohnt, kleine Segelschiffe kreuzten vor der Küste, und kaum eine Welle kräuselte das blau glänzende Meer. Es war der schönste Ort der Welt einen Sonnenuntergang zu beobachten. Bald stieß Mary wieder zu uns. Sie war hier oft als Schulkind gewesen, aber zu ihrer Zeit konnte man die Tempelruinen noch betreten.
Viele Touristen kletterten mit Kameras bewaffnet über die Steine und Mauerblöcke; versuchend, den besten Blick auf den Tempel vor der untergehenden Sonne einzufangen.
Wir blieben, bis die letzten gelbroten Streifen über dem Meer verschwunden waren und die ersten Sterne erschienen. Länger hätten wir auch nicht bleiben können, denn eine Aufsichtsperson schickte uns alle nach draußen.
Auf dem Heimweg hielten wir noch ein letztes Mal am Strand. Die Luft war kühl geworden, aber das Wasser wirkte so verlockend wie eh und je, so dass ich noch einmal mit hochgekrempelten Hosenbeinen hineinsprang. Hoch über mir leuchtete der von Scheinwerfern angestrahlte Tempel, neben mir wippten kleine Boote an einem schmalen Holzsteg vertäut. Die Zeit in Athen war wirklich ein wohlverdienter Urlaub gewesen, nachdem wir anderthalb Monate lang durch Europa gereist, und an keinem Ort länger als ein paar Tage geblieben sind. So viel hatten wir gesehen, so viele hilfsbereite, liebenswerte, aber auch seltsame Menschen getroffen. Es war der beste Sommer meines Lebens; und jedem, der die Gelegenheit hat, rate ich: Probier es aus. Bereise deine Traumländer, lerne dabei die Menschen außerhalb des Hotelpools kennen. Es ist eine sehr bereichernde Erfahrung und dir wird bewusst werden, wie nah die ganze Welt doch zusammengerückt ist. Am Ende bleiben Freunde in der ganzen Welt, die man jederzeit wieder besuchen kann, und weiß, dass man jederzeit überall auf der Welt neue Freunde finden kann.
Die Tanknadel näherte sich verdächtig weit an die Null an. Nicht viele Tankstellen auf dieser Straße waren rund um die Uhr geöffnet. Wir hatten Glück und schafften es noch bis zu einer Tankstelle, die eher wie ein Hinterhof aussah, aber geöffnet war. Nun hatten wir wieder genug Sprit um einen kurzen Abstecher in die Berge zu machen. Mary erzählte, es sei Daphnis und ihr Lieblingsort, weil man von hieraus den schönsten Blick über Glyfada hat. Hell lag uns die Stadt zu Fußen. Leider wurden die Hänge immer höher bebaut, sodass es auch diesen Ort in Zukunft nicht mehr geben würde. Neben uns aus der Dunkelheit hoben sich weiße, hohe, halb fertig gestellte Villen. Ein kühler Wind kam auf, es war Zeit nach Hause zu kehren.
Zum letzten Mal in diesem Sommer packten wir unsere schweren Reiserucksäcke. Mary gab mir eine Metalldose für meine Olivenölflasche; die andere hatte ich ihr gegeben. In der Flughafen-Gepäckkontrolle am nächsten Tag würde man beim Röntgen ein seltsames Behältnis feststellen und meinen Rucksack durchsuchen, wobei die Unterseite dabei aufgeschlitzt wurde. Als wenn es nicht reichte, dass man nicht mal mehr ein Saftpäckchen ins Handgepäck stecken durfte...
Wir beschlossen, früh schlafen zu gehen, da gegen 5 Uhr morgens bereits unser Bus zum Flughafen abfuhr. Mary versprach, uns am Morgen zur Bushaltestelle zu fahren. Wir nahmen dankend an, weil wir sonst noch eine halbe Stunde vorher das Haus hätten verlassen müssen um die Bushaltestelle zu Fuß zu erreichen.
Donna war schon heute Vormittag abgereist, darum verabschiedeten wir uns nur von Daphni.
Ein letztes Mal hinterließen wir eine Postkarte von Zwickau mit ein paar netten Worten auf einem Nachttisch und legten uns schlafen.
Athen, Teil 4
26.9.
Mary hatte uns sei unserer Anreise allerlei schönen Orte zu zeigen versprochen - die schönsten Strände, die Cafés, den Marktplatz, einen Tempel am Meer, vielleicht eine griechische Insel wie Aegina... aber bisher hatte sich nichts daraus ergeben, weil wie bereits erwähnt der Tag hier nie vor 13 Uhr anfing.
Das sollte sich heute überraschend ändern. Es war zwar auch schon fast 11 Uhr als ich das erste Mal aus dem Bett tappte, aber Mary war auch schon in einem Zustand, der es ihr ermöglichte, mit Menschen zu kommunizieren. Nein, wach würde ich es nicht nennen. Ich begann das aus der letzten Nacht hervorgegangene Chaos zu beseitigen, als Mary aus dem Wohnzimmer kam, schon munterer, und vorschlug, zum Markt zu fahren um dort frisches Gemüse für einen Auflauf zu kaufen. Ich stimmte begeistert zu, während Matthias - der mit mir aufgestanden war - lieber zu Hause blieb um im Internet zu surfen; er nahm genau wie ich an, dass wir nur kurz zum Markt fuhren und zurück kamen.
Griechen lieben das Fluchen, besonders im Auto. Wenn Mary auf Englisch sprach, dann war es an mich gerichtet; sprach sie hingegen auf Griechisch, fluchte sie ganz eindeutig über die anderen Autofahrer. Mich beeindruckte, wie sie die ganze Zeit reden konnte, ohne einmal einen englischen Satz einzuwerfen.
Der Marktplatz war kleiner als erwartet; eigentlich war es nur ein Stück Querstraße, das nicht befahren wurde. Aber man sah, dass alles aus biologischem Anbau war, praktisch aus dem Garten der Verkäufer noch am selben Morgen gepflückt. Mary kannte viele der Verkäufer und wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte. Ihr Lieblingshändler verkaufte unter anderem selbstgepresstes Olivenöl; ich fragte, wie viel so eine Flasche kostete, und am Ende bekam ich zwei Flaschen geschenkt. Der Händler wollte demnächst nach Deutschland gehen und dort schon ein paar Freunde machen. Ich schrieb ihm meine Kontaktdaten auf und auch meinen Namen bei Couchsurfing, sodass er mich anschreiben konnte, wenn er zufällig in Zwickau war und eine Unterkunft suchte. Mary schien schon fast versucht zu sein, uns zu verkuppeln, obwohl er ein gutes Stück älter war als ich; sie überlegte, ihn heute für Abend einzuladen, denn sie plante, uns alle in einen Club zum Trinken und Tanzen auszuführen.
Wir hatten schon gut 20 Kilogramm Gemüse und Obst jeder Art gekauft, als es plötzlich anfing wie aus Eimern zu gießen. Darauf war man hier jedoch vorbereitet und schob nur die Sonnenschirme näher zusammen. So waren wir, während wir warteten, praktisch dazu gezwungen weiter einzukaufen. Mary fand eine Packung seltsamer Früchte und war begeistert: Als sie jung war, hatten sie einen Baum dieser Art in ihrem Garten gehabt, aber seitdem hatte sie diese Früchte nicht mehr gegessen. Sie sahen aus wie überbreite Datteln und schmeckten nach Birnen. Ich habe nie herausgefunden, wie sie hießen. Wir hoben die Kerne gut auf, sodass Mary sie später einpflanzen konnte.
Nun war ihre Laune erst recht so gut, dass sie beschloss, einen Abstecher zum Strand zu machen. Während wir fuhren, erzählte sie mir, wie es hier früher ausgesehen hatte: Unangerührte Natur, Wälder am Meer, schöne Orte für Picknicks damals mit ihren Eltern. Jetzt schossen überall neue Hotelanlagen und Wohnhäuser aus dem Boden; man brannte den Wald nieder um Platz dafür zu haben, denn diese Grundstücke mit Meerblick waren heiß begehrt.
Aber an einigen Stellen sah es noch genauso aus wie früher, erzählte sie. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Einzelne strohgedeckte Sonnenschirme standen auf dem sonst leeren Strand, dahinter begann der Wald. Fast versteckt lag ein Strandcafé mit weiteren Strohschirm und beigefarbenen Holztischen. Hier ließen wir uns nieder; Mary bestellte einen Kaffee, ich eine heiße Schokolade. Als ich bezahlen wollte, fauchte sie mich an wie eine Tigermami, wenn ihr Kleines in Gefahr war: "Denk nicht mal daran!" Dem konnte ich keinesfalls widersprechen und ließ mich einladen.
Also saßen wir noch ein wenig in der Mittagssonne, ließen den Blick über das Meer schweifen; ein Schwarm Seevögel flog immer wieder tief uns nah an uns vorbei; nicht weit entfernt lag eine rötliche kleine Felseninsel. Mary sagte, sie sei früher dorthin gelaufen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und während Mary einen Spaziergang am Strand entlang machte, krempelte ich mir die Hosenbeine hoch und wadete durch das gerademal kniehohe, klare Wasser zur Insel. Auf der Insel gab es Mauern der gleichen rötlichen Farbe wie das Inselgestein; vermutlich ein ehemaliges Haus, oder eine winzige Festung. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass sie Insel schöner von der Ferne aussah. Überall lagen Kronkorken und Scherben von Bierflaschen. Schade, dass man einen so schönen Ort so verkommen lassen muss. Den Strand reinigten sie schließlich auch per Hand, beziehungsweise mit einer Art Siebmüllbeutel.
Wir fuhren weiter zum nächsten Küstenabschnitt; es war eine Steilküste der gleichen rötlichen Farbe wie die Insel, deren Ausläufer weit in das klare, grünblaue Wasser reichten. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Felsen hinunter zum Wasser zu klettern, obwohl wir beide schon recht viel Lust hatten, schwimmen zu gehen. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und nach dem Essen noch einmal gemeinsam zum Baden loszufahren. Soweit jedenfalls der Plan. Mary bereitete einen wunderbaren Gemüseauflauf zu, aber dann war es schon nach 18 Uhr.
Wir bemerkten schon, dass es nichts mehr mit dem Baden werden würde, aber ich versuchte es trotzdem noch einmal und fragte Mary, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, auf ein Nachtbad zu gehen. Sie lehnte ab, denn heute wollte sie mit uns eigentlich in die Clubs ausgehen. Ach ja. Sie begann sich zurecht zu machen, während Matthias und ich noch eine Runde spazieren gingen. Wir waren mittlerweile erfahren genug in der griechischen Mentalität um zu wissen, dass in den nächsten Stunden nichts passieren würde.
Tatsächlich ging es gut an 23 Uhr heran, als ihr Bruder anrief, dass er jetzt kommen würde. Ich hatte mich auch ein wenig schick gemacht, trug ein Kleid und ein wenig Make-Up, das ich mit von Mary geliehen hatte. Ihr Bruder hatte seine Frau dabei, die aussah, als hätte sie exakt eine Schönheitsoperation zu viel gehabt. Ihr Dekolleté war ein Schaufenster und an ihrem Kichern hörte man schon, dass Marys Bruder sie nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet hatte.
Wir fuhren ein ganzes Stück bis ins Szeneviertel Gazi. Den Namen hatte dieser Stadtteil durch die ehemaligen Gaswerke. Nun waren in den Fabriken Diskotheken untergebracht und eine Bar jagte die nächste. Ganz Athen schien an diesem Samstag nach Gazi zu fahren; die Straßen waren hoffnungslos überfüllt und ich fragte mich ernsthaft, wo wir noch einen Parkplatz finden sollten. Wir waren in zwei Autos unterwegs; Mary hatte ihren gut 30 Jahre alten Wagen zu Hause stehen lassen und sich einen anderen von ihrer Familie geliehen, nur um sicher zu gehen, dass wir heute Nacht auch wieder zu Hause ankommen würden. Aber es gab nun mal keine echte Alternative zum Auto in Athen - die öffentlichen Verkehrsmittel stellten um Mitternacht ihren Dienst ein und fuhren erst wieder ab 6 Uhr morgens. Wir fanden einen Parkplatz in einer abgelegenen Seitenstraße, in die ich eigentlich kein Auto abgestellt hätte, und fanden die anderen an der ersten Imbissstube wieder. Donna war hungrig geworden und stopfte sich gerade einen ganzen Döner-Spieß in den Mund, oder zumindest tat sie das in meiner Vorstellung.
Ich war eigentlich nicht begeistert von der Idee, dass wir uns irgendwo in einer Bar einen Tisch nehmen wollten, weil uns Mary schon vorher erzählt hatte, dass man einen Tisch nur mit Getränken bekommt. Und schon eine billige Flasche Wein konnte in einer Bar gut in den dreistelligen Eurobereich gehen. Das lag daran, weil die Griechen eine andere Ausgeh-Mentalität hatten als die Deutschen. Man ging hier nicht in eine Bar um sich volllaufen zu lassen; etwas wie eine "Kneipentour" kannte man hier auch nicht. Stattdessen traf man sich mit Freunden wie zum Kaffeeklatsch und hielt sich schon mal bei nur einer Flasche Wein für eine ganze Gruppe von Leuten bis in die frühen Morgenstunden auf. Ich weiß nicht, was Ursache und was Wirkung war - war es griechische Kultur, einen Tisch die ganze Nacht lang besetzt zu halten und wenig zu trinken; oder war es durch die horrenden Preise dazu gekommen, dass sich die Griechen mit nur wenigen Getränken die ganze Nacht an einen Tisch klammerten, im Sinne von "wenn ich schon so viel dafür bezahlt habe, will ich auch etwas davon haben". Einige Rätsel müssen wohl ungelöst bleiben.
Mary hatte einen schönen Platz in einer gemütlichen Bar gefunden, aber ihr Bruder war schon Chauvinist der alten Schule und konnte keine Frau entscheiden lassen, wo wir den Abend verbringen würden. Deshalb stapfte er voran zu einer anderen Bar, die einfach nur überfüllt und laut war. Hier ließ er sich nieder und begann die Getränkekarte zu studieren. Ich hätte vielleicht ein Foto von der Karte machen sollen, denn im Nachhinein wird mir niemand glauben, dass das billigste Getränk - Cola - 12 Euro kostete, eine Flasche Jägermeister stolze 600 Euro, und der Champagner in die Preishöhe einer Jahresmiete ging.
Ich verzichtete dankend auf jeder Art von Getränk, genau wie Matthias. Die anderen ließen es vorsichtig angehen mit Tonic-Wasser oder Bier, nur die Frau des Bruders bestellte sich einen Cocktail. Nach einem kleinen Schluck ließ sie das Getränk zurück gehen. Wenig später bekam sie ein neues, das genauso aussah, aber vermutlich hatte der Barmann hineingespuckt. Sie nippte wieder nur vorsichtig und ließ am Ende das halbe Getränk stehen.
Der Abend wurde nur eins: Sehr lang und noch viel langweiliger. Es war viel zu laut für eine Unterhaltung und ich begann langsam in meinem kurzen Kleid zu frösteln. Niemand hatte überhaupt vorgehabt, Tanzen zu gehen, und ich hatte es erst recht nicht vor zu dieser schrecklichen, pochenden Musik. Ich überlegte mich abzusetzen, aber es begann leicht zu regnen, wodurch es noch kälter wurde.
Mein einziges Vergnügen in dieser Nacht bestand darin, mir neue deutsche Schimpfwörter auszudenken, um den Abend, Marys Bruder und seine Frau zu beschreiben. Kinder könnten mitlesen, also verzichte ich darauf, die Worte hier festzuhalten, nur so viel sei gesagt: Mir sind selten unsympathischere Menschen begegnet als diese beiden.
Gegen 3 Uhr morgens wurden wir endlich erlöst, weil wir aus der Bar rausgeschmissen wurden. Offenbar begann nun die private VIP-Party irgendeines reichen Schnösels.
Wahrscheinlich hatten wir uns alle den Abend anders gedacht - bis auf die Frau des Bruders, die hatte noch nie gedacht. Ich wollte nun schnell ins Bett gehen um noch etwas von unserem letzten Tag in Athen zu haben.
Mary hatte uns sei unserer Anreise allerlei schönen Orte zu zeigen versprochen - die schönsten Strände, die Cafés, den Marktplatz, einen Tempel am Meer, vielleicht eine griechische Insel wie Aegina... aber bisher hatte sich nichts daraus ergeben, weil wie bereits erwähnt der Tag hier nie vor 13 Uhr anfing.
Das sollte sich heute überraschend ändern. Es war zwar auch schon fast 11 Uhr als ich das erste Mal aus dem Bett tappte, aber Mary war auch schon in einem Zustand, der es ihr ermöglichte, mit Menschen zu kommunizieren. Nein, wach würde ich es nicht nennen. Ich begann das aus der letzten Nacht hervorgegangene Chaos zu beseitigen, als Mary aus dem Wohnzimmer kam, schon munterer, und vorschlug, zum Markt zu fahren um dort frisches Gemüse für einen Auflauf zu kaufen. Ich stimmte begeistert zu, während Matthias - der mit mir aufgestanden war - lieber zu Hause blieb um im Internet zu surfen; er nahm genau wie ich an, dass wir nur kurz zum Markt fuhren und zurück kamen.
Griechen lieben das Fluchen, besonders im Auto. Wenn Mary auf Englisch sprach, dann war es an mich gerichtet; sprach sie hingegen auf Griechisch, fluchte sie ganz eindeutig über die anderen Autofahrer. Mich beeindruckte, wie sie die ganze Zeit reden konnte, ohne einmal einen englischen Satz einzuwerfen.
Der Marktplatz war kleiner als erwartet; eigentlich war es nur ein Stück Querstraße, das nicht befahren wurde. Aber man sah, dass alles aus biologischem Anbau war, praktisch aus dem Garten der Verkäufer noch am selben Morgen gepflückt. Mary kannte viele der Verkäufer und wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte. Ihr Lieblingshändler verkaufte unter anderem selbstgepresstes Olivenöl; ich fragte, wie viel so eine Flasche kostete, und am Ende bekam ich zwei Flaschen geschenkt. Der Händler wollte demnächst nach Deutschland gehen und dort schon ein paar Freunde machen. Ich schrieb ihm meine Kontaktdaten auf und auch meinen Namen bei Couchsurfing, sodass er mich anschreiben konnte, wenn er zufällig in Zwickau war und eine Unterkunft suchte. Mary schien schon fast versucht zu sein, uns zu verkuppeln, obwohl er ein gutes Stück älter war als ich; sie überlegte, ihn heute für Abend einzuladen, denn sie plante, uns alle in einen Club zum Trinken und Tanzen auszuführen.
Wir hatten schon gut 20 Kilogramm Gemüse und Obst jeder Art gekauft, als es plötzlich anfing wie aus Eimern zu gießen. Darauf war man hier jedoch vorbereitet und schob nur die Sonnenschirme näher zusammen. So waren wir, während wir warteten, praktisch dazu gezwungen weiter einzukaufen. Mary fand eine Packung seltsamer Früchte und war begeistert: Als sie jung war, hatten sie einen Baum dieser Art in ihrem Garten gehabt, aber seitdem hatte sie diese Früchte nicht mehr gegessen. Sie sahen aus wie überbreite Datteln und schmeckten nach Birnen. Ich habe nie herausgefunden, wie sie hießen. Wir hoben die Kerne gut auf, sodass Mary sie später einpflanzen konnte.
Nun war ihre Laune erst recht so gut, dass sie beschloss, einen Abstecher zum Strand zu machen. Während wir fuhren, erzählte sie mir, wie es hier früher ausgesehen hatte: Unangerührte Natur, Wälder am Meer, schöne Orte für Picknicks damals mit ihren Eltern. Jetzt schossen überall neue Hotelanlagen und Wohnhäuser aus dem Boden; man brannte den Wald nieder um Platz dafür zu haben, denn diese Grundstücke mit Meerblick waren heiß begehrt.
Aber an einigen Stellen sah es noch genauso aus wie früher, erzählte sie. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Einzelne strohgedeckte Sonnenschirme standen auf dem sonst leeren Strand, dahinter begann der Wald. Fast versteckt lag ein Strandcafé mit weiteren Strohschirm und beigefarbenen Holztischen. Hier ließen wir uns nieder; Mary bestellte einen Kaffee, ich eine heiße Schokolade. Als ich bezahlen wollte, fauchte sie mich an wie eine Tigermami, wenn ihr Kleines in Gefahr war: "Denk nicht mal daran!" Dem konnte ich keinesfalls widersprechen und ließ mich einladen.
Also saßen wir noch ein wenig in der Mittagssonne, ließen den Blick über das Meer schweifen; ein Schwarm Seevögel flog immer wieder tief uns nah an uns vorbei; nicht weit entfernt lag eine rötliche kleine Felseninsel. Mary sagte, sie sei früher dorthin gelaufen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und während Mary einen Spaziergang am Strand entlang machte, krempelte ich mir die Hosenbeine hoch und wadete durch das gerademal kniehohe, klare Wasser zur Insel. Auf der Insel gab es Mauern der gleichen rötlichen Farbe wie das Inselgestein; vermutlich ein ehemaliges Haus, oder eine winzige Festung. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass sie Insel schöner von der Ferne aussah. Überall lagen Kronkorken und Scherben von Bierflaschen. Schade, dass man einen so schönen Ort so verkommen lassen muss. Den Strand reinigten sie schließlich auch per Hand, beziehungsweise mit einer Art Siebmüllbeutel.
Wir fuhren weiter zum nächsten Küstenabschnitt; es war eine Steilküste der gleichen rötlichen Farbe wie die Insel, deren Ausläufer weit in das klare, grünblaue Wasser reichten. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Felsen hinunter zum Wasser zu klettern, obwohl wir beide schon recht viel Lust hatten, schwimmen zu gehen. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und nach dem Essen noch einmal gemeinsam zum Baden loszufahren. Soweit jedenfalls der Plan. Mary bereitete einen wunderbaren Gemüseauflauf zu, aber dann war es schon nach 18 Uhr.
Wir bemerkten schon, dass es nichts mehr mit dem Baden werden würde, aber ich versuchte es trotzdem noch einmal und fragte Mary, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, auf ein Nachtbad zu gehen. Sie lehnte ab, denn heute wollte sie mit uns eigentlich in die Clubs ausgehen. Ach ja. Sie begann sich zurecht zu machen, während Matthias und ich noch eine Runde spazieren gingen. Wir waren mittlerweile erfahren genug in der griechischen Mentalität um zu wissen, dass in den nächsten Stunden nichts passieren würde.
Tatsächlich ging es gut an 23 Uhr heran, als ihr Bruder anrief, dass er jetzt kommen würde. Ich hatte mich auch ein wenig schick gemacht, trug ein Kleid und ein wenig Make-Up, das ich mit von Mary geliehen hatte. Ihr Bruder hatte seine Frau dabei, die aussah, als hätte sie exakt eine Schönheitsoperation zu viel gehabt. Ihr Dekolleté war ein Schaufenster und an ihrem Kichern hörte man schon, dass Marys Bruder sie nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet hatte.
Wir fuhren ein ganzes Stück bis ins Szeneviertel Gazi. Den Namen hatte dieser Stadtteil durch die ehemaligen Gaswerke. Nun waren in den Fabriken Diskotheken untergebracht und eine Bar jagte die nächste. Ganz Athen schien an diesem Samstag nach Gazi zu fahren; die Straßen waren hoffnungslos überfüllt und ich fragte mich ernsthaft, wo wir noch einen Parkplatz finden sollten. Wir waren in zwei Autos unterwegs; Mary hatte ihren gut 30 Jahre alten Wagen zu Hause stehen lassen und sich einen anderen von ihrer Familie geliehen, nur um sicher zu gehen, dass wir heute Nacht auch wieder zu Hause ankommen würden. Aber es gab nun mal keine echte Alternative zum Auto in Athen - die öffentlichen Verkehrsmittel stellten um Mitternacht ihren Dienst ein und fuhren erst wieder ab 6 Uhr morgens. Wir fanden einen Parkplatz in einer abgelegenen Seitenstraße, in die ich eigentlich kein Auto abgestellt hätte, und fanden die anderen an der ersten Imbissstube wieder. Donna war hungrig geworden und stopfte sich gerade einen ganzen Döner-Spieß in den Mund, oder zumindest tat sie das in meiner Vorstellung.
Ich war eigentlich nicht begeistert von der Idee, dass wir uns irgendwo in einer Bar einen Tisch nehmen wollten, weil uns Mary schon vorher erzählt hatte, dass man einen Tisch nur mit Getränken bekommt. Und schon eine billige Flasche Wein konnte in einer Bar gut in den dreistelligen Eurobereich gehen. Das lag daran, weil die Griechen eine andere Ausgeh-Mentalität hatten als die Deutschen. Man ging hier nicht in eine Bar um sich volllaufen zu lassen; etwas wie eine "Kneipentour" kannte man hier auch nicht. Stattdessen traf man sich mit Freunden wie zum Kaffeeklatsch und hielt sich schon mal bei nur einer Flasche Wein für eine ganze Gruppe von Leuten bis in die frühen Morgenstunden auf. Ich weiß nicht, was Ursache und was Wirkung war - war es griechische Kultur, einen Tisch die ganze Nacht lang besetzt zu halten und wenig zu trinken; oder war es durch die horrenden Preise dazu gekommen, dass sich die Griechen mit nur wenigen Getränken die ganze Nacht an einen Tisch klammerten, im Sinne von "wenn ich schon so viel dafür bezahlt habe, will ich auch etwas davon haben". Einige Rätsel müssen wohl ungelöst bleiben.
Mary hatte einen schönen Platz in einer gemütlichen Bar gefunden, aber ihr Bruder war schon Chauvinist der alten Schule und konnte keine Frau entscheiden lassen, wo wir den Abend verbringen würden. Deshalb stapfte er voran zu einer anderen Bar, die einfach nur überfüllt und laut war. Hier ließ er sich nieder und begann die Getränkekarte zu studieren. Ich hätte vielleicht ein Foto von der Karte machen sollen, denn im Nachhinein wird mir niemand glauben, dass das billigste Getränk - Cola - 12 Euro kostete, eine Flasche Jägermeister stolze 600 Euro, und der Champagner in die Preishöhe einer Jahresmiete ging.
Ich verzichtete dankend auf jeder Art von Getränk, genau wie Matthias. Die anderen ließen es vorsichtig angehen mit Tonic-Wasser oder Bier, nur die Frau des Bruders bestellte sich einen Cocktail. Nach einem kleinen Schluck ließ sie das Getränk zurück gehen. Wenig später bekam sie ein neues, das genauso aussah, aber vermutlich hatte der Barmann hineingespuckt. Sie nippte wieder nur vorsichtig und ließ am Ende das halbe Getränk stehen.
Der Abend wurde nur eins: Sehr lang und noch viel langweiliger. Es war viel zu laut für eine Unterhaltung und ich begann langsam in meinem kurzen Kleid zu frösteln. Niemand hatte überhaupt vorgehabt, Tanzen zu gehen, und ich hatte es erst recht nicht vor zu dieser schrecklichen, pochenden Musik. Ich überlegte mich abzusetzen, aber es begann leicht zu regnen, wodurch es noch kälter wurde.
Mein einziges Vergnügen in dieser Nacht bestand darin, mir neue deutsche Schimpfwörter auszudenken, um den Abend, Marys Bruder und seine Frau zu beschreiben. Kinder könnten mitlesen, also verzichte ich darauf, die Worte hier festzuhalten, nur so viel sei gesagt: Mir sind selten unsympathischere Menschen begegnet als diese beiden.
Gegen 3 Uhr morgens wurden wir endlich erlöst, weil wir aus der Bar rausgeschmissen wurden. Offenbar begann nun die private VIP-Party irgendeines reichen Schnösels.
Wahrscheinlich hatten wir uns alle den Abend anders gedacht - bis auf die Frau des Bruders, die hatte noch nie gedacht. Ich wollte nun schnell ins Bett gehen um noch etwas von unserem letzten Tag in Athen zu haben.
Athen, Teil 3
24.9.
Bevor wir zu Mary gingen, wurden wir von Ioannas Oma zum Mittag eingeladen. Es gab etwas ganz typisch Griechisches: Chorta und frittierte Spotten. Ich würde es im Nachhinein nicht als mein Leibgericht bezeichnen wollen, aber man konnte es durchaus essen. Bis auf die Sprotten. Oder das Chorta. Chorta muss ich vielleicht erklären; das ist eine Art Salat aus allerlei Kraut, das man am Wegesrand findet, zum Beispiel Löwenzahn oder das spinatähnliche Vlita, das dann in Olivenöl und Zitronensaft ertränkt wird.
Dazu gab es ein selbstgemachtes Getränk, eine Art sehr flüssiger Sirup, der durch den vielen Zucker teilweise kristallisiert ist und mit Wasser vermischt getrunken wird. Leitungswasser trank man hier nicht; jeder Haushalt hatte hier einen Wasserspender.
Ioanna war so nett, uns mit dem Auto zu Marys Haus zu fahren, weil es doch gute zwei Kilometer entfernt lag. Sie lebte weniger luxuriös, hatte zwei Kinder - eine vierzehnjährige Tochter und einen erwachsenen Sohn, der seinen Lebensunterhalt als DJ in angesagten Athener Clubs verdiente, das heißt, er wohnte noch bei Mutti. Wir sahen ihn recht selten, weil er bis in die Morgenstunden arbeitete und dann bis nachmittags schlief. Mary hatte zwei weitere Gäste, eine alte Freundin aus Kanada, die jedoch am gleichen Tag noch abreiste, und eine andere alte Freundin namens Donna aus England, die jedoch in Frankreich lebte. Sie entsprach keinem gängigen Schönheitsideal: Sie war aufgedunsen, brauchte etwa drei Stühle um irgendwo bequem sitzen zu können, trug bunte Kleider mit grausam tiefem Ausschnitt... es ist schwer zu beschreiben, aber man könnte sie sich etwa als Jabba The Hut aus Star Wars in einem Kleid vorstellen.
Es war ein buntes Durcheinander bei Mary. Sie und ihre Tochter Daphni schrien sich den ganzen Tag lang an; natürlich auf Griechisch, weshalb wir uns bestenfalls vorstellen konnten, worum es ging. Aber Mary meinte, das sei ganz normal, dass man Meinungsverschiedenheiten in dieser Lautstärke austrug - das war die typisch-griechische Mutterliebe, die nur das Beste für ihre Tochter wollte. Die wusste natürlich selbst am besten, was gut für sie war. Sie sah wie 16 aus und wollte am liebsten alles machen, was eine Sechszehnjährige durfte.
Das war es auch schon fast wieder für diesen Tag. Ach ja, am Strand waren wir noch einmal. Sonst ist ganz sicher nichts passiert.
25.9.
In Griechenland ticken die Uhren nicht anders, sondern gar nicht. Bei Mary gab es das Mittagessen erst gegen 17 Uhr; was etwa der Zeit entspricht, die man zum Wachwerden, Frühstücken und Einkaufen braucht. Zum Frühstück gegen Mittag saßen wir alle beieinander am Küchentisch und plauderten; Matthias Mary und ich an einer Seite, Donna uns gegenüber. Mary machte für jeden, was er oder sie gerne mochte; für mich gab es immer selbst gemachte Marmelade und Tee, für Matthias nichts und Kaffee, der mit Toilettenpapier gefiltert wurde, weil Mary die Filter ausgegangen waren. Oder es gab einfach Kaffee türkischer Art, also ohne Filter. Hier machte ich mir einen Spaß daraus, noch einmal Matthias' Zukunft zu lesen. An diesem Morgen war der Kaffeesatz eine musterlose braune Masse, die mich an irgendetwas erinnerte... ach ja! Strahlend verkündete ich Matthias, was ich in seiner Zukunft gesehen hatte: Die sah ziemlich scheiße aus.
Aber auch bei Mary hatten wir viel Zeit für uns allein, weil Donna die meiste Zeit andere alte Bekannte besuchte, Daphni in der Schule war, der Sohn schlief und Mary studierte. Sie war zwar schon über 40, aber arbeitslos und geschieden - aber das war wohl der perfekte Ausgangspunkt um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Geschichte zu studieren.
So fuhren wir also wieder einmal allein in die Stadt. Beziehungsweise, wir wären gern in die Stadt gefahren, wenn der Bus nur endlich kommen würde. Laut plan sollte er jede halbe Stunde kommen, aber wir waren nicht sicher, wann innerhalb einer Stunde. Diese Pläne waren sehr rätselhaft, und das nicht nur, weil sie auf Griechisch waren. Matthias forderte mich ungeduldig auf, etwas zu machen, am besten zu zaubern, dass der Bus endlich käme. Ich fragte, wie ich das denn machen soll, einfach so mit den Fingern schnipsen? Ich schnippte zur Bekräftigung der Aussage mit den Fingern, und wie aus dem Nichts fuhr ein Bus an uns vorbei. Es war zwar die falsche Richtung, aber die richtige Nummer. Ich musste wohl noch ein wenig üben...
Der Bus kam letztendlich doch, ob nun durch Magie oder ohne. In der Innenstadt war politisch etwas im Gange; Wahlwerbung eines furchtbar unsympathisch aussehenden rechten Politikers klebte an allen Bushaltestellen, und jetzt hatten sie in der Nähe des Parlaments einen Infostand aufgebaut, den wir weiträumig umgingen.
Vor dem Parlamentsgebäude marschierten seltsam angeputzte Wachen auf. Sie trugen schwarze Faltröcke, weiße Strümpfe und mit großen Bommeln bestückte Holzschuhe. Die Wachen wurden von echten Soldaten in Camouflage-Uniform bewacht.
Am Ende des traditionellen Aufmarschs bestürmten die zuschauenden Touristen die lustigen Wachen um ein Foto mit ihnen machen zu dürfen; sie standen richtig in einer Schlange an.
Wir vermieden den Trubel und gingen ins Museum für archaische Kunst, das uns Mary empfohlen hatte.
Im Untergeschoss des Museums waren immer wieder die gleiche Figuren ausgestellt: Eine nackte Frauengestalt, die ihre Arme verschränkt hielt und wahrscheinlich als Grabbeigabe diente. So hatte die Kulturgeschichte in Griechenland also angefangen.
Das Museum war riesig; mit den Etagen darüber konnte man wunderbar die weitere Entwicklung verfolgen, multimedial unterstützt. Hier konnte man sich eine ganze Weile aufhalten. Man konnte sogar verschiedenstes Kunsthandwerk anhand von Computer-Animationen und Filmen lernen. Im obersten Geschoss wurde schließlich das typische Leben aus der Antike dargestellt, unterstützt mit Filmen und Klängen.
Doch es wurde bald Zeit, nach Hause zurück zu kehren um uns mit Mary zu treffen, denn sie wollte etwas Leckeres für uns kochen.
Ich gesellte mich zu ihr in die Küche. Sie hatte viele verschiedene typisch-griechische Lebensmittel zusammengestellt; vor allem diese rote Erbsen-Linsenkreuzung ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Steine heraussuchen sollte, die offenbar immer wieder mal bei der Ernte in der Tüte landeten.
Dieses gutes Mal begossen wir später an diesem Abend noch mit Alkohol; ich hatte noch eine halbe Flasche Wodka aus Istanbul im Gepäck gehabt, und Mary geizte auch nicht mit Spirituosen. Sie holte den selbstgemachten Kirschlikör aus dem Schrank, an dem das Beste die Kirschen am Boden waren.
Wir hatten sehr viel Spaß in der Weiberrunde, während Matthias sich eher still volllaufen ließ. Erst als wir uns allesamt unter den Tisch getrunken hatten, gingen wir zu Bett.
Bevor wir zu Mary gingen, wurden wir von Ioannas Oma zum Mittag eingeladen. Es gab etwas ganz typisch Griechisches: Chorta und frittierte Spotten. Ich würde es im Nachhinein nicht als mein Leibgericht bezeichnen wollen, aber man konnte es durchaus essen. Bis auf die Sprotten. Oder das Chorta. Chorta muss ich vielleicht erklären; das ist eine Art Salat aus allerlei Kraut, das man am Wegesrand findet, zum Beispiel Löwenzahn oder das spinatähnliche Vlita, das dann in Olivenöl und Zitronensaft ertränkt wird.
Dazu gab es ein selbstgemachtes Getränk, eine Art sehr flüssiger Sirup, der durch den vielen Zucker teilweise kristallisiert ist und mit Wasser vermischt getrunken wird. Leitungswasser trank man hier nicht; jeder Haushalt hatte hier einen Wasserspender.
Ioanna war so nett, uns mit dem Auto zu Marys Haus zu fahren, weil es doch gute zwei Kilometer entfernt lag. Sie lebte weniger luxuriös, hatte zwei Kinder - eine vierzehnjährige Tochter und einen erwachsenen Sohn, der seinen Lebensunterhalt als DJ in angesagten Athener Clubs verdiente, das heißt, er wohnte noch bei Mutti. Wir sahen ihn recht selten, weil er bis in die Morgenstunden arbeitete und dann bis nachmittags schlief. Mary hatte zwei weitere Gäste, eine alte Freundin aus Kanada, die jedoch am gleichen Tag noch abreiste, und eine andere alte Freundin namens Donna aus England, die jedoch in Frankreich lebte. Sie entsprach keinem gängigen Schönheitsideal: Sie war aufgedunsen, brauchte etwa drei Stühle um irgendwo bequem sitzen zu können, trug bunte Kleider mit grausam tiefem Ausschnitt... es ist schwer zu beschreiben, aber man könnte sie sich etwa als Jabba The Hut aus Star Wars in einem Kleid vorstellen.
Es war ein buntes Durcheinander bei Mary. Sie und ihre Tochter Daphni schrien sich den ganzen Tag lang an; natürlich auf Griechisch, weshalb wir uns bestenfalls vorstellen konnten, worum es ging. Aber Mary meinte, das sei ganz normal, dass man Meinungsverschiedenheiten in dieser Lautstärke austrug - das war die typisch-griechische Mutterliebe, die nur das Beste für ihre Tochter wollte. Die wusste natürlich selbst am besten, was gut für sie war. Sie sah wie 16 aus und wollte am liebsten alles machen, was eine Sechszehnjährige durfte.
Das war es auch schon fast wieder für diesen Tag. Ach ja, am Strand waren wir noch einmal. Sonst ist ganz sicher nichts passiert.
25.9.
In Griechenland ticken die Uhren nicht anders, sondern gar nicht. Bei Mary gab es das Mittagessen erst gegen 17 Uhr; was etwa der Zeit entspricht, die man zum Wachwerden, Frühstücken und Einkaufen braucht. Zum Frühstück gegen Mittag saßen wir alle beieinander am Küchentisch und plauderten; Matthias Mary und ich an einer Seite, Donna uns gegenüber. Mary machte für jeden, was er oder sie gerne mochte; für mich gab es immer selbst gemachte Marmelade und Tee, für Matthias nichts und Kaffee, der mit Toilettenpapier gefiltert wurde, weil Mary die Filter ausgegangen waren. Oder es gab einfach Kaffee türkischer Art, also ohne Filter. Hier machte ich mir einen Spaß daraus, noch einmal Matthias' Zukunft zu lesen. An diesem Morgen war der Kaffeesatz eine musterlose braune Masse, die mich an irgendetwas erinnerte... ach ja! Strahlend verkündete ich Matthias, was ich in seiner Zukunft gesehen hatte: Die sah ziemlich scheiße aus.
Aber auch bei Mary hatten wir viel Zeit für uns allein, weil Donna die meiste Zeit andere alte Bekannte besuchte, Daphni in der Schule war, der Sohn schlief und Mary studierte. Sie war zwar schon über 40, aber arbeitslos und geschieden - aber das war wohl der perfekte Ausgangspunkt um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Geschichte zu studieren.
So fuhren wir also wieder einmal allein in die Stadt. Beziehungsweise, wir wären gern in die Stadt gefahren, wenn der Bus nur endlich kommen würde. Laut plan sollte er jede halbe Stunde kommen, aber wir waren nicht sicher, wann innerhalb einer Stunde. Diese Pläne waren sehr rätselhaft, und das nicht nur, weil sie auf Griechisch waren. Matthias forderte mich ungeduldig auf, etwas zu machen, am besten zu zaubern, dass der Bus endlich käme. Ich fragte, wie ich das denn machen soll, einfach so mit den Fingern schnipsen? Ich schnippte zur Bekräftigung der Aussage mit den Fingern, und wie aus dem Nichts fuhr ein Bus an uns vorbei. Es war zwar die falsche Richtung, aber die richtige Nummer. Ich musste wohl noch ein wenig üben...
Der Bus kam letztendlich doch, ob nun durch Magie oder ohne. In der Innenstadt war politisch etwas im Gange; Wahlwerbung eines furchtbar unsympathisch aussehenden rechten Politikers klebte an allen Bushaltestellen, und jetzt hatten sie in der Nähe des Parlaments einen Infostand aufgebaut, den wir weiträumig umgingen.
Vor dem Parlamentsgebäude marschierten seltsam angeputzte Wachen auf. Sie trugen schwarze Faltröcke, weiße Strümpfe und mit großen Bommeln bestückte Holzschuhe. Die Wachen wurden von echten Soldaten in Camouflage-Uniform bewacht.
Am Ende des traditionellen Aufmarschs bestürmten die zuschauenden Touristen die lustigen Wachen um ein Foto mit ihnen machen zu dürfen; sie standen richtig in einer Schlange an.
Wir vermieden den Trubel und gingen ins Museum für archaische Kunst, das uns Mary empfohlen hatte.
Im Untergeschoss des Museums waren immer wieder die gleiche Figuren ausgestellt: Eine nackte Frauengestalt, die ihre Arme verschränkt hielt und wahrscheinlich als Grabbeigabe diente. So hatte die Kulturgeschichte in Griechenland also angefangen.
Das Museum war riesig; mit den Etagen darüber konnte man wunderbar die weitere Entwicklung verfolgen, multimedial unterstützt. Hier konnte man sich eine ganze Weile aufhalten. Man konnte sogar verschiedenstes Kunsthandwerk anhand von Computer-Animationen und Filmen lernen. Im obersten Geschoss wurde schließlich das typische Leben aus der Antike dargestellt, unterstützt mit Filmen und Klängen.
Doch es wurde bald Zeit, nach Hause zurück zu kehren um uns mit Mary zu treffen, denn sie wollte etwas Leckeres für uns kochen.
Ich gesellte mich zu ihr in die Küche. Sie hatte viele verschiedene typisch-griechische Lebensmittel zusammengestellt; vor allem diese rote Erbsen-Linsenkreuzung ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Steine heraussuchen sollte, die offenbar immer wieder mal bei der Ernte in der Tüte landeten.
Dieses gutes Mal begossen wir später an diesem Abend noch mit Alkohol; ich hatte noch eine halbe Flasche Wodka aus Istanbul im Gepäck gehabt, und Mary geizte auch nicht mit Spirituosen. Sie holte den selbstgemachten Kirschlikör aus dem Schrank, an dem das Beste die Kirschen am Boden waren.
Wir hatten sehr viel Spaß in der Weiberrunde, während Matthias sich eher still volllaufen ließ. Erst als wir uns allesamt unter den Tisch getrunken hatten, gingen wir zu Bett.
Athen, Teil 2
21.09.-22.09.
Ich weiß nicht mehr so recht, was wir die nächsten beiden Tage unternommen haben, aber ich bin sicher, es involvierte: Aufstehen gegen Nachmittag, frühstücken, etwas planlos durch die Gegend oder zum Strand laufen, den ein- oder anderen Film aus Ioannas Sammlung anschauen und schlafen gehen.
Wir sind auch sicher einmal über eine Abzäunung geklettert und haben von einem riesigen Kakteenkonglomerat die Kaktusfeigen aufgelesen, und von abgesägten Bäumen die Früchte aufgelesen - Granatäpfel, die intakt oder halb zerfahren auf einer Straße lagen, oder sattgelbe Datteln von zersägten Palmen, die an ebenso sattgelben Wedeln wuchsen und etwas traurig auf der staubigen Straße lagen.
Ioanna ging jetzt schon ohne uns aus, ihre Mutter war auch eher selten in der Wohnung anwesend. Eigentlich ließen sie uns die meiste Zeit mit dem Hund allein, der nicht in die feine Wohnung durfte, aber auch nicht mehr allein nach draußen, seit er mal vom Nachbarn fast überfahren worden wäre. So sperrten sind den Köter auf den Balkon. Davon war er nicht besonders begeistert und versuchte bei jeder Gelegenheit in die Wohnung zu gelangen. Irgendwie hatte er es geschafft, als wir allein waren, und nun versuchte Matthias den Hund dazu zu bewegen, auf den Balkon zurück zu kehren. Ich hielt mich dabei schön im Hintergrund, weil ich schon vorher eine Begegnung mit seinen Zähnen gemacht hatte - als nicht Matthias Zähne, sondern die des Hundes. Ich hatte ihn streicheln wollen, und dabei hatte er nach mir geschnappt. In dem Moment hatte ich ihm die Freundschaft gekündigt. Also dem Hund, nicht Matthias.
Jedenfalls versuchte Matthias mit seiner Katzenkampferfahrung aus Helsinki den Hund auf den Balkon zu treiben. Das wollte der Hund ebenso wenig die Katze zuvor. Ein böses Knurren war aus der Ecke zu hören, in der er lag. Wütendes Bellen. Und der Hund hatte erfolgreich Matthias vertrieben. Wir ließen ihn an der Stelle liegen und beschlossen, dass es Ioannas Problem war. Wir hatten noch etwas Anderes zu tun: Wir hatten noch vier ungeöffnete Packungen Lokum aus Istanbul, von denen wir jeweils eine unseren Eltern mitbringen wollten, aber in jeder Packung war eine andere Sorte, und nur eine Sorte fanden wir zu eintönig. Also nahmen wir alle Packungen auseinander, mischten die Stücken und teilten wieder sie auf die vier Packungen auf. Sie enthielten jedoch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil Puderzucker und Kokosraspel, der nicht unbedingt am Lokum oder in den Packungen blieb, sondern sich über den blanken Glastisch verteilte, auf die schwarze Ledercouch und den glänzenden Marmorboden. Wir schafften es nur mühsam, den Ausgangszustand wiederherzustellen, und selbst dann fand Ioannas Mutter noch etwas Reststaub.
Wie es sich für Gäste gehörte, wurden wir nun langsam lästig.
Weil ich das vorhergesehen hatte, habe ich uns gleich zwei Gastgeber für die Zeit in Athen herausgesucht, wo wir immerhin stolze 11 Nächte verbringen wollten, bevor unser Flug zurück nach Berlin ging.
Praktischerweise konnte ich eine weitere Gastgeberin aus Glyfada finden, und wie es sich herausstellte, war es eine gute Freundin von Ioannas Mutter - und völlig unzuverlässig. Es war ihr zwar klar, dass wir zu ihr kommen würden um die restlichen Tage bei ihr zu verbringen, aber als es um die konkrete Umsetzung dieses Plans ging, kamen aus heiterem Himmel die Probleme. Nach einigem Hin und Her; nach Telefonaten von uns, Ioanna und ihrer Mutter, und als ich schon begonnen hatte nach alternativen Gastgebern zu suchen, kam das OK und konnten am 24.09. zu Mary übersiedeln.
23.09.
Ioanna wollte uns nichts ins Haus Schliemanns begleiten; Matthias wollte eigentlich auch nicht unbedingt hingehen, aber ich fand, wir konnten nicht nur den ganzen Tag herumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen - im übertragenen Sinne gesprochen, denn wir schafften es aus Faulheit oft nicht mal bis zum Stand hinunter. Heute wollten wir deshalb früh aufstehen und auf eigene Faust in die Stadt fahren, erst ein Stück mit dem Bus, dann mit der Metro. Die ganze Wohnung hatte still gelegen, als wir es am Morgen verließen, die Zimmer unserer Gastgeber waren verschlossen gewesen, und sie hatten nicht einmal gehört, wie wir uns Frühstück gemacht hatten. Es war der Schlaf der Partymenschen, die frühestens um vier Uhr morgens nach Hause kamen und noch eine Stunde brauchten, sich abzuschminken.
Wir machten uns also allein auf den Weg, und gegen 10 Uhr hatten wir das Museum auch schon fast gefunden. Aber praktisch konnte man es gar nicht übersehen: Es war ein prunkvoller Wohnpalast mit allerlei Verzierungen, einer gewundenen Außentreppe und einer nachgebildeten griechischen Frauenstatue in einem Blumenrondell im Garten. So hatte ich mir das Haus des wohl berühmtesten Hobbyarchäologen vorgestellt. Ein wenig befremdlich fand ich nur die Hakenkreuz-Verzierungen. Aber Schliemann lebte lange bevor dieses Symbol von den Nazis missbraucht wurde; zu seiner Zeit war es noch ein Glücks- oder auch Sonnensymbol. Auch der Rest des Hauses war nach Schliemanns Vorgaben von Ernst Ziller gestaltet worden; es war ein Gesamtkunstwerk mit seinen Mosaik-Fußböden, Wandverzierungen und Deckenmalereien.
Mittlerweile war das Haus ein Numismatisches Museum, also ein Münzmuseum. Und die Sammlung war beachtlich: Von den ersten ägyptischen Versuchen, ein Zahlungsmittel einzuführen, das jedoch so unförmig und schwer war, dass man nur immer eins auf einmal tragen konnte; von den ersten Münzfunden bis hin zur industriellen Prägung. Als EU-Studenten kamen wir wieder kostenlos ins Museum, und auch der Audio-Guide stand kostenlos zur Verfügung. Es gab tatsächlich zu fast jeder der hunderttausend Münzen eine Erwähnung auf dem Gerät, das uns auf Englisch mit Informationen überflutete. Etwa eine halbe Stunde lang hielt ich das aus, dann schaute ich mir nur noch die schönen Münzen an ohne mich über ihr Alter und ihre Herkunft und Geschichte zu informieren.
Anschließend an diese doch etwas eintönige Museumserfahrung brauchten wir etwas Auslauf und spazierte die vielen winzigen Gassen hinauf zur Akropolis, die wir dieses Mal auch betreten wollten. Als wir auch hier und in sämtliche angrenzenden Ausgrabungsstätten und Museen kostenlos hinein konnten, waren wir ziemlich beeindruckt. Davon könnte sich manch anderes Land eine Scheibe abschneiden.
Der Weg hinauf war steil und steinig, und man merkte wirklich, dass es die Festung des antiken Athens gewesen war. Der Marmor war über die Jahrtausende von unzählbaren Füßen glattgeschliffen worden und war nun stellenweise so glatt wie Eis. An dem riesigen Areal von Ruinen hatte der Zahn der Zeit nicht nur genagt, sondern sich regelrecht sattgegessen. Zwischen den Trümmern stiegen hunderte von Touristen umher und machten gegenseitig von sich Fotos. Der Blick auf die Stadt war beeindruckend; ein Meer aus weißen Häusern, nur unterbrochen vom Grün einzelner Wälder, und dahinter spiegelte sich die Sonne gleißend hell im Meer.
Viel gibt es sonst nicht dazu zur Akropolis sagen; ein riesiger Tempel folgt dem nächsten und man hatte sicher alle Hände voll damit zu tun, die noch stehenden Säulen davor zu bewahren, zu Staub zu zerfallen. Vor 2400 Jahren musste es hier beeindruckend ausgesehen haben, als hier gerademal die Farbe trocknete. Tatsächlich waren die antiken Tempel nicht weiß, sondern noch mindestens mit roter und blauer Farbe bemalt.
Viel, viel und noch viel mehr gibt es in Athen zu sehen; jeder Stein schien seine eigene Geschichte zu besitzen. Durch den angrenzenden Park kamen wir zu einem weiteren bedeutenden Platz, der Agora, einem antiken Versammlungsplatz mit wiederum einer ganzen Reihe von Bauwerken und Tempeln. Dort blieben wir bis zum Abend. Auf dem Weg zurück warfen Straßenhändler seltsame Gummifiguren in der Form von Tomaten auf die Straße, die dort ihre Form verloren und sehr zermatscht aussahen, bevor sie auf magische Weise ihre ursprüngliche Form annahmen. Es gab sie an jeder Straßenecke, als wäre ein Schiff, beladen mit diesem Kram, vor der Küste Athens gekentert. Wir suchten uns lieber richtige Souvenirs. Und Postkarten, die wir auch schon seit Längerem an die Heimat schreiben wollten. Ich hatte sogar noch einige Istanbul-Karten, die zu senden ich keine Zeit gefunden hatte, aber es würde wahrscheinlich nicht besonders auffallen, wenn sie von Griechenland aus abgeschickt werden würden.
Wenn wir vor lauter Zeit nur genug Lust dazu hätten...
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir das Zentrum von Glyfada erreicht und genehmigten uns dort zum Abendessen den leckersten Gyros, den ich je probiert habe - fairerweise muss gesagt sein, dass ich es vorher noch nie probiert habe. Das Fleisch war so zart, dass es fast von selbst aus dem Pita-Brot in den Mund fiel. Komisch fand ich nur, dass in dem eingewickelten Fleisch auch Pommes steckten.
Ioanna war noch zu Hause, als wir ankamen, doch heute geschah etwas Unglaubliches: Wir konnten sie für uns interessieren. Also mehr für unsere Reise; wir erzählten ihr von allen abenteuerlichen Gastgebern, die wir in den letzten zwei Monaten getroffen hatten, und Ioanna musste sich erstmal ein Bier holen. Vielleicht überlegte sie sich die Couchsurfing-Sache nochmal...
Ich weiß nicht mehr so recht, was wir die nächsten beiden Tage unternommen haben, aber ich bin sicher, es involvierte: Aufstehen gegen Nachmittag, frühstücken, etwas planlos durch die Gegend oder zum Strand laufen, den ein- oder anderen Film aus Ioannas Sammlung anschauen und schlafen gehen.
Wir sind auch sicher einmal über eine Abzäunung geklettert und haben von einem riesigen Kakteenkonglomerat die Kaktusfeigen aufgelesen, und von abgesägten Bäumen die Früchte aufgelesen - Granatäpfel, die intakt oder halb zerfahren auf einer Straße lagen, oder sattgelbe Datteln von zersägten Palmen, die an ebenso sattgelben Wedeln wuchsen und etwas traurig auf der staubigen Straße lagen.
Ioanna ging jetzt schon ohne uns aus, ihre Mutter war auch eher selten in der Wohnung anwesend. Eigentlich ließen sie uns die meiste Zeit mit dem Hund allein, der nicht in die feine Wohnung durfte, aber auch nicht mehr allein nach draußen, seit er mal vom Nachbarn fast überfahren worden wäre. So sperrten sind den Köter auf den Balkon. Davon war er nicht besonders begeistert und versuchte bei jeder Gelegenheit in die Wohnung zu gelangen. Irgendwie hatte er es geschafft, als wir allein waren, und nun versuchte Matthias den Hund dazu zu bewegen, auf den Balkon zurück zu kehren. Ich hielt mich dabei schön im Hintergrund, weil ich schon vorher eine Begegnung mit seinen Zähnen gemacht hatte - als nicht Matthias Zähne, sondern die des Hundes. Ich hatte ihn streicheln wollen, und dabei hatte er nach mir geschnappt. In dem Moment hatte ich ihm die Freundschaft gekündigt. Also dem Hund, nicht Matthias.
Jedenfalls versuchte Matthias mit seiner Katzenkampferfahrung aus Helsinki den Hund auf den Balkon zu treiben. Das wollte der Hund ebenso wenig die Katze zuvor. Ein böses Knurren war aus der Ecke zu hören, in der er lag. Wütendes Bellen. Und der Hund hatte erfolgreich Matthias vertrieben. Wir ließen ihn an der Stelle liegen und beschlossen, dass es Ioannas Problem war. Wir hatten noch etwas Anderes zu tun: Wir hatten noch vier ungeöffnete Packungen Lokum aus Istanbul, von denen wir jeweils eine unseren Eltern mitbringen wollten, aber in jeder Packung war eine andere Sorte, und nur eine Sorte fanden wir zu eintönig. Also nahmen wir alle Packungen auseinander, mischten die Stücken und teilten wieder sie auf die vier Packungen auf. Sie enthielten jedoch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil Puderzucker und Kokosraspel, der nicht unbedingt am Lokum oder in den Packungen blieb, sondern sich über den blanken Glastisch verteilte, auf die schwarze Ledercouch und den glänzenden Marmorboden. Wir schafften es nur mühsam, den Ausgangszustand wiederherzustellen, und selbst dann fand Ioannas Mutter noch etwas Reststaub.
Wie es sich für Gäste gehörte, wurden wir nun langsam lästig.
Weil ich das vorhergesehen hatte, habe ich uns gleich zwei Gastgeber für die Zeit in Athen herausgesucht, wo wir immerhin stolze 11 Nächte verbringen wollten, bevor unser Flug zurück nach Berlin ging.
Praktischerweise konnte ich eine weitere Gastgeberin aus Glyfada finden, und wie es sich herausstellte, war es eine gute Freundin von Ioannas Mutter - und völlig unzuverlässig. Es war ihr zwar klar, dass wir zu ihr kommen würden um die restlichen Tage bei ihr zu verbringen, aber als es um die konkrete Umsetzung dieses Plans ging, kamen aus heiterem Himmel die Probleme. Nach einigem Hin und Her; nach Telefonaten von uns, Ioanna und ihrer Mutter, und als ich schon begonnen hatte nach alternativen Gastgebern zu suchen, kam das OK und konnten am 24.09. zu Mary übersiedeln.
23.09.
Ioanna wollte uns nichts ins Haus Schliemanns begleiten; Matthias wollte eigentlich auch nicht unbedingt hingehen, aber ich fand, wir konnten nicht nur den ganzen Tag herumsitzen und uns die Sonne auf den Bauch scheinen lassen - im übertragenen Sinne gesprochen, denn wir schafften es aus Faulheit oft nicht mal bis zum Stand hinunter. Heute wollten wir deshalb früh aufstehen und auf eigene Faust in die Stadt fahren, erst ein Stück mit dem Bus, dann mit der Metro. Die ganze Wohnung hatte still gelegen, als wir es am Morgen verließen, die Zimmer unserer Gastgeber waren verschlossen gewesen, und sie hatten nicht einmal gehört, wie wir uns Frühstück gemacht hatten. Es war der Schlaf der Partymenschen, die frühestens um vier Uhr morgens nach Hause kamen und noch eine Stunde brauchten, sich abzuschminken.
Wir machten uns also allein auf den Weg, und gegen 10 Uhr hatten wir das Museum auch schon fast gefunden. Aber praktisch konnte man es gar nicht übersehen: Es war ein prunkvoller Wohnpalast mit allerlei Verzierungen, einer gewundenen Außentreppe und einer nachgebildeten griechischen Frauenstatue in einem Blumenrondell im Garten. So hatte ich mir das Haus des wohl berühmtesten Hobbyarchäologen vorgestellt. Ein wenig befremdlich fand ich nur die Hakenkreuz-Verzierungen. Aber Schliemann lebte lange bevor dieses Symbol von den Nazis missbraucht wurde; zu seiner Zeit war es noch ein Glücks- oder auch Sonnensymbol. Auch der Rest des Hauses war nach Schliemanns Vorgaben von Ernst Ziller gestaltet worden; es war ein Gesamtkunstwerk mit seinen Mosaik-Fußböden, Wandverzierungen und Deckenmalereien.
Mittlerweile war das Haus ein Numismatisches Museum, also ein Münzmuseum. Und die Sammlung war beachtlich: Von den ersten ägyptischen Versuchen, ein Zahlungsmittel einzuführen, das jedoch so unförmig und schwer war, dass man nur immer eins auf einmal tragen konnte; von den ersten Münzfunden bis hin zur industriellen Prägung. Als EU-Studenten kamen wir wieder kostenlos ins Museum, und auch der Audio-Guide stand kostenlos zur Verfügung. Es gab tatsächlich zu fast jeder der hunderttausend Münzen eine Erwähnung auf dem Gerät, das uns auf Englisch mit Informationen überflutete. Etwa eine halbe Stunde lang hielt ich das aus, dann schaute ich mir nur noch die schönen Münzen an ohne mich über ihr Alter und ihre Herkunft und Geschichte zu informieren.
Anschließend an diese doch etwas eintönige Museumserfahrung brauchten wir etwas Auslauf und spazierte die vielen winzigen Gassen hinauf zur Akropolis, die wir dieses Mal auch betreten wollten. Als wir auch hier und in sämtliche angrenzenden Ausgrabungsstätten und Museen kostenlos hinein konnten, waren wir ziemlich beeindruckt. Davon könnte sich manch anderes Land eine Scheibe abschneiden.
Der Weg hinauf war steil und steinig, und man merkte wirklich, dass es die Festung des antiken Athens gewesen war. Der Marmor war über die Jahrtausende von unzählbaren Füßen glattgeschliffen worden und war nun stellenweise so glatt wie Eis. An dem riesigen Areal von Ruinen hatte der Zahn der Zeit nicht nur genagt, sondern sich regelrecht sattgegessen. Zwischen den Trümmern stiegen hunderte von Touristen umher und machten gegenseitig von sich Fotos. Der Blick auf die Stadt war beeindruckend; ein Meer aus weißen Häusern, nur unterbrochen vom Grün einzelner Wälder, und dahinter spiegelte sich die Sonne gleißend hell im Meer.
Viel gibt es sonst nicht dazu zur Akropolis sagen; ein riesiger Tempel folgt dem nächsten und man hatte sicher alle Hände voll damit zu tun, die noch stehenden Säulen davor zu bewahren, zu Staub zu zerfallen. Vor 2400 Jahren musste es hier beeindruckend ausgesehen haben, als hier gerademal die Farbe trocknete. Tatsächlich waren die antiken Tempel nicht weiß, sondern noch mindestens mit roter und blauer Farbe bemalt.
Viel, viel und noch viel mehr gibt es in Athen zu sehen; jeder Stein schien seine eigene Geschichte zu besitzen. Durch den angrenzenden Park kamen wir zu einem weiteren bedeutenden Platz, der Agora, einem antiken Versammlungsplatz mit wiederum einer ganzen Reihe von Bauwerken und Tempeln. Dort blieben wir bis zum Abend. Auf dem Weg zurück warfen Straßenhändler seltsame Gummifiguren in der Form von Tomaten auf die Straße, die dort ihre Form verloren und sehr zermatscht aussahen, bevor sie auf magische Weise ihre ursprüngliche Form annahmen. Es gab sie an jeder Straßenecke, als wäre ein Schiff, beladen mit diesem Kram, vor der Küste Athens gekentert. Wir suchten uns lieber richtige Souvenirs. Und Postkarten, die wir auch schon seit Längerem an die Heimat schreiben wollten. Ich hatte sogar noch einige Istanbul-Karten, die zu senden ich keine Zeit gefunden hatte, aber es würde wahrscheinlich nicht besonders auffallen, wenn sie von Griechenland aus abgeschickt werden würden.
Wenn wir vor lauter Zeit nur genug Lust dazu hätten...
Bei Einbruch der Dunkelheit hatten wir das Zentrum von Glyfada erreicht und genehmigten uns dort zum Abendessen den leckersten Gyros, den ich je probiert habe - fairerweise muss gesagt sein, dass ich es vorher noch nie probiert habe. Das Fleisch war so zart, dass es fast von selbst aus dem Pita-Brot in den Mund fiel. Komisch fand ich nur, dass in dem eingewickelten Fleisch auch Pommes steckten.
Ioanna war noch zu Hause, als wir ankamen, doch heute geschah etwas Unglaubliches: Wir konnten sie für uns interessieren. Also mehr für unsere Reise; wir erzählten ihr von allen abenteuerlichen Gastgebern, die wir in den letzten zwei Monaten getroffen hatten, und Ioanna musste sich erstmal ein Bier holen. Vielleicht überlegte sie sich die Couchsurfing-Sache nochmal...
Athen, Teil 1
Die Tage in Athen vergehen gemächlich. Für unsere Gastgeberin beginnt der Tag erst nach 13 Uhr, was mir ganz recht ist. Wir sitzen dann jeden Mittag zusammen beim Frühstück und überlegen, was wir mit dem Tag anstellen könnten. Viel ist das nicht. Aber das macht nichts, denn hier ist das Paradies - man muss keinen Finger krümmen, wenn man nicht will, die Sonne scheint und überall wachsen köstliche Früchte, man muss nur zugreifen...
In der Tat sind in diesem noblen Athener Vorort sämtliche Straßen mit mediterranen Pflanzen gesäumt: Olivenbäume, Mandarinen und Granatäpfel, Dattelpalmen und riesigen Kakteen, die rote und gelbe Kaktusfeigen tragen. Letztere mussten wir nicht einmal pflücken, weil sie von selbst reif hinunter fielen.
Die Sträßchen sind meist wie ausgestorben, und in verwinkelten Wegen führen sie zum Strand oder ins belebte Stadtzentrum. Und wenn ich nicht aus lauter Faulheit gestorben bin, gibt es demnächst einen längeren Bericht,... (22.09.09)
19.09.
Wir hatten bis Mittag geschlafen, weil unser Zimmer durch die Holzblenden vor den Fenstern auch zur Mittagszeit noch so dunkel wie in der Nacht war. Als wir uns dann langsam aus dem Bett schälten, war Ioanna noch immer nicht wach. So saßen wir auf den hohen Barstühlen in der Küche und blickten nach draußen, wo die Sonne schon wieder warm schien. Doch bald kam auch Ioanna im Bademantel und gähnend aus ihrem Zimmer. Gemeinsam aßen wir Frühstück - um 13 Uhr. Ob wir heute etwas gemeinsam machen wollten? Sie wollte uns die Akropolis zeigen, aber heute noch nicht. Lieber erstmal an den Strand gehen. Eine weitere Stunde später tauchte ihr kleiner Cousin auf und wir gingen nach draußen und direkt zum Auto. Spaziergänge sind etwas Ungewöhnliches in Griechenland.
Ich wollte gern einen Reiseführer kaufen, deshalb fuhren wir ins Zentrum von Glyfada in den einzigen Buchladen, der noch geöffnet war, denn es war Samstag, und die Läden waren hier sogar noch öfters geschlossen als in Deutschland. Ich fand nur teure und schwere Reiseführer; alles, was klein und erschwinglich war, handelte nur von der Akropolis. Später sollte ich feststellen, dass es gar nicht viel mehr in Athen zu sehen gab. Wir mussten uns etwas beeilen, weil Ioanna in zweiter Reihe an einer Ampel geparkt hatte. Schnell fuhren wir hinunter Richtung Strand. Der Regen der letzten Nacht hatte seine Spuren hinterlassen, und in den großen Pfützen im Kieselsand spiegelten sich die untersetzten Dattelpalmen.
Wir fuhren mit dem Auto über den Strand fast bis zum Wasser, stiegen aus uns ließen uns auf die Steine plumpsen, doch schon bald quängelte Ioannas Cousin, dass er woanders hingehen wollte und außerdem Hunger hatte. So ging es zurück in die Innenstadt, wo er am liebsten etwas von McDonalds gegessen hätte, aber Ioanna bestand darauf, dass er etwas Nahrhaftes zu such nahm, und sie einigten sich auf Cola. Das Zentrum von Glyfada war vornehm und bestand eigentlich nur aus Boutiquen, Starbucks-Cafés und Zeitungskiosken. Wir liefen einmal die breite Fußgängerzone entlang, und dann wieder zurück um nach Hause zu fahren und das Mittagessen zu kochen. Es war mittlerweile 16:30 Uhr - Mittagszeit in Griechenland eben. Ioanna kochte Tagliatelle und ihr Cousin kochte eine leckere Käsesauce dazu.
Es war erstaunlich, wie schnell der Tag verging. Die griechische Mentalität hatte schon angefangen, auf uns abzufärben: Wir brauchten eine halbe Stunde um uns einen Film auszusuchen, den wir anschauen wollten, und dann gesellte sich Ioanna zu uns, die eigentlich lernen wollte, aber... dazu gab es noch genug Tage im Leben.
20.09.
Heute hatte uns Ioanna versprochen, mit uns einen Ausflug zur Hauptsehenswürdigkeit von Athen zu machen: Der Akropolis und dem neu eröffneten Akropolis-Museum, in dem so ziemlich alles ausgestellt wurde, was bei den Ausgrabungen vor Ort zum Vorschein gekommen war. Da es ihr mit uns allein zu langweilig gewesen wäre, lud sie ihre Freunde dazu ein. Wir wollten diesmal etwas zeitiger losfahren, aber ihre Freunde hatten keinerlei Zeitgefühl und kamen sogar noch später, als Ioanna als Verspätung einkalkuliert hatte. Wenn sogar eine Griechin von anderen Griechen sagt, dass sie zu spät sind... ist aus Vormittag Nachmittag geworden. Als wir zur Akropolis hinaus fuhren, trafen wir auf ein weiteres griechisches Phänomen: Das Parken an völlig unmöglichen Orten ungeachtet von Ausfahrten, Straßenzustand oder Verbotsschildern jeder Art. Ioannas Auto war schon so winzig, dass es zwischen zwei Absperrpfosten Platz finden würde, und trotzdem mussten wir drei Runden durch die Oberstadt drehen, bis wir von ihren Freunden aus dem anderen Auto angerufen wurden: Sie hätten eine Lücke für uns gefunden. Zwei Runden später hatten wir auch ihre Freunde gefunden, die jedoch den Kopf schüttelten; die Parklücke, die sie für Ioanna freigehalten hatten, war durch einen besonders aggressiven Fahrer erobert worden. Noch eine Runde später parkten wir in der Lücke, die Ioanna vor einer halben Stunde zu eng und ein wenig zu steil und zu nah an der Gasse den Berg hinauf gewesen war - die aber jetzt gerade richtig aussah. Bald hatten wir auch ihre Freunde wiedergefunden und gingen zusammen den Berg hinauf zu den hoch aufragenden Tempelruinen. Die Akropolis selbst ließen wir links liegen, weil der Eintritt laut unserer Gastgeberin 12 oder 16 Euro kostete, aber das neu gebaute Museum würde diesen Sommer - um Besucher anzulocken - nur zwei Euro Eintritt kosten. Für EU-Studenten war es sogar kostenlos.
Es war ein mächtiger, mehrgeschossiger Glasbau; sogar die Fußböden waren aus Glas, sodass man die darunter liegende Ausgrabungsstätte stehen konnte. Ioanna wünschte sich jetzt, keinen kurzen Rock angezogen zu haben. So viele Kunstgegenstände... dabei war besonders im Obergeschoss noch viel Platz gelassen worden für weitere Ausstellungsstücke. Man hatte die berühmte Parthenon-Fassade rekonstruiert und restauriert ausgestellt. Ein Film über die Zerstörung des Tempels wurde auf Englisch und Griechisch vorgeführt. Man hatte hier keine Kosten und Mühen gescheut, ein beeindruckendes Museum zu erschaffen. Wir hatten gar nicht die Zeit, die Ausstellungen genauer zu studieren, besonders da es schon 16 Uhr wurde, und diese Uhrzeit entsprach der normalen Mittagszeit in Griechenland, also gingen wir ein Restaurant aufsuchen. Eines ihrer Lieblingsrestaurants befand sich in der Nähe; dort gab es Kebab, angeblich das preiswerteste Essen in Griechenland. Das Restaurant war so billig, dass es keine Tischdecken gab, sondern große Stücke dünnen Papiers, die an Backpapier erinnerten. Während wir auf das Essen warten, erklärten Ioannas Freunde uns die Geheimnisse der griechischen Schrift. Eine Freundin stammte ursprünglich aus Deutschland und schien ganz froh, wieder einmal auf Deutsch sprechen zu können; sie malte für uns griechische Zeichen auf die Tischdecke und kreiste alle Zeichen ein, die gleich ausgesprochen wurden. Hier schien mir dringend mal eine Rechtschreibreform nötig.
Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Innenstadt. Schon von Weitem hörten wir lautes Trommeln; eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Trommeln bestückt, standen vor der Kulisse der Kapnikarea-Kirche. Auf unserer Reise hatten wir schon oft gesehen, dass junge Weltenbummler mit Instrumenten unterwegs waren um sich als Straßenmusiker das Mittagessen zu verdienen, aber eine so riesige Trommlergruppe war uns noch nicht begegnet. Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, und als die Stimmung begann ausgelassen zu werden, kamen junge Frauen hinzu und schwangen ihre Hüften im Takt. Das ganze wirkte so spontan, dass sich eine ältere Frau hinzugesellte und mittanzte. Ihr Lächeln gefror ein wenig ein, als sie merkte, dass es eine einstudierte Choreografie der Tänzerinnen war und verschwand unauffällig in der Menge. Die Performance wurde immer lauter und intensiver; die ersten Trommler bekamen rote Gesichter und das Publikum war aus dem Häuschen.
Wir wartete das Ende der Vorstellung nicht ab - auch weil es immer schwieriger wurde, nicht zur Seite abgedrängt zu werden, aber vor allem um die Ohren zu schonen. Wir spazierten durch die vielen Gassen der Innenstadt, in denen sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte, und unsere Mädels kauften sich dort: Gummibärchen. Hier bemerkte ich wieder, dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten stammten - wir verglichen sogar bei Postkarten auf den Cent, ob wir die nicht irgendwo billiger bekommen könnten uns freute uns umso mehr, wenn wir uns mal etwas gönnten, während unsere Gastgeberin und ihre Freunde in neuste Designerkleidung trugen, Privatunterricht nahmen und für viel Geld abends ausgingen. Aber gleichzeitig sparten sie beim Mittagessen. Vermutlich kam auch für sie das Geld nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie im vornehmsten Viertel der Stadt wohnten.
Langsam begaben wir uns auf den Nachhauseweg, verabredeten uns aber noch für den Abend zum gemeinsamen Ausführen der Hunde. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch zu diesem Treffen fast länger auf die anderen warteten als das eigentliche Treffen dauerte?
In der Tat sind in diesem noblen Athener Vorort sämtliche Straßen mit mediterranen Pflanzen gesäumt: Olivenbäume, Mandarinen und Granatäpfel, Dattelpalmen und riesigen Kakteen, die rote und gelbe Kaktusfeigen tragen. Letztere mussten wir nicht einmal pflücken, weil sie von selbst reif hinunter fielen.
Die Sträßchen sind meist wie ausgestorben, und in verwinkelten Wegen führen sie zum Strand oder ins belebte Stadtzentrum. Und wenn ich nicht aus lauter Faulheit gestorben bin, gibt es demnächst einen längeren Bericht,... (22.09.09)
19.09.
Wir hatten bis Mittag geschlafen, weil unser Zimmer durch die Holzblenden vor den Fenstern auch zur Mittagszeit noch so dunkel wie in der Nacht war. Als wir uns dann langsam aus dem Bett schälten, war Ioanna noch immer nicht wach. So saßen wir auf den hohen Barstühlen in der Küche und blickten nach draußen, wo die Sonne schon wieder warm schien. Doch bald kam auch Ioanna im Bademantel und gähnend aus ihrem Zimmer. Gemeinsam aßen wir Frühstück - um 13 Uhr. Ob wir heute etwas gemeinsam machen wollten? Sie wollte uns die Akropolis zeigen, aber heute noch nicht. Lieber erstmal an den Strand gehen. Eine weitere Stunde später tauchte ihr kleiner Cousin auf und wir gingen nach draußen und direkt zum Auto. Spaziergänge sind etwas Ungewöhnliches in Griechenland.
Ich wollte gern einen Reiseführer kaufen, deshalb fuhren wir ins Zentrum von Glyfada in den einzigen Buchladen, der noch geöffnet war, denn es war Samstag, und die Läden waren hier sogar noch öfters geschlossen als in Deutschland. Ich fand nur teure und schwere Reiseführer; alles, was klein und erschwinglich war, handelte nur von der Akropolis. Später sollte ich feststellen, dass es gar nicht viel mehr in Athen zu sehen gab. Wir mussten uns etwas beeilen, weil Ioanna in zweiter Reihe an einer Ampel geparkt hatte. Schnell fuhren wir hinunter Richtung Strand. Der Regen der letzten Nacht hatte seine Spuren hinterlassen, und in den großen Pfützen im Kieselsand spiegelten sich die untersetzten Dattelpalmen.
Wir fuhren mit dem Auto über den Strand fast bis zum Wasser, stiegen aus uns ließen uns auf die Steine plumpsen, doch schon bald quängelte Ioannas Cousin, dass er woanders hingehen wollte und außerdem Hunger hatte. So ging es zurück in die Innenstadt, wo er am liebsten etwas von McDonalds gegessen hätte, aber Ioanna bestand darauf, dass er etwas Nahrhaftes zu such nahm, und sie einigten sich auf Cola. Das Zentrum von Glyfada war vornehm und bestand eigentlich nur aus Boutiquen, Starbucks-Cafés und Zeitungskiosken. Wir liefen einmal die breite Fußgängerzone entlang, und dann wieder zurück um nach Hause zu fahren und das Mittagessen zu kochen. Es war mittlerweile 16:30 Uhr - Mittagszeit in Griechenland eben. Ioanna kochte Tagliatelle und ihr Cousin kochte eine leckere Käsesauce dazu.
Es war erstaunlich, wie schnell der Tag verging. Die griechische Mentalität hatte schon angefangen, auf uns abzufärben: Wir brauchten eine halbe Stunde um uns einen Film auszusuchen, den wir anschauen wollten, und dann gesellte sich Ioanna zu uns, die eigentlich lernen wollte, aber... dazu gab es noch genug Tage im Leben.
20.09.
Heute hatte uns Ioanna versprochen, mit uns einen Ausflug zur Hauptsehenswürdigkeit von Athen zu machen: Der Akropolis und dem neu eröffneten Akropolis-Museum, in dem so ziemlich alles ausgestellt wurde, was bei den Ausgrabungen vor Ort zum Vorschein gekommen war. Da es ihr mit uns allein zu langweilig gewesen wäre, lud sie ihre Freunde dazu ein. Wir wollten diesmal etwas zeitiger losfahren, aber ihre Freunde hatten keinerlei Zeitgefühl und kamen sogar noch später, als Ioanna als Verspätung einkalkuliert hatte. Wenn sogar eine Griechin von anderen Griechen sagt, dass sie zu spät sind... ist aus Vormittag Nachmittag geworden. Als wir zur Akropolis hinaus fuhren, trafen wir auf ein weiteres griechisches Phänomen: Das Parken an völlig unmöglichen Orten ungeachtet von Ausfahrten, Straßenzustand oder Verbotsschildern jeder Art. Ioannas Auto war schon so winzig, dass es zwischen zwei Absperrpfosten Platz finden würde, und trotzdem mussten wir drei Runden durch die Oberstadt drehen, bis wir von ihren Freunden aus dem anderen Auto angerufen wurden: Sie hätten eine Lücke für uns gefunden. Zwei Runden später hatten wir auch ihre Freunde gefunden, die jedoch den Kopf schüttelten; die Parklücke, die sie für Ioanna freigehalten hatten, war durch einen besonders aggressiven Fahrer erobert worden. Noch eine Runde später parkten wir in der Lücke, die Ioanna vor einer halben Stunde zu eng und ein wenig zu steil und zu nah an der Gasse den Berg hinauf gewesen war - die aber jetzt gerade richtig aussah. Bald hatten wir auch ihre Freunde wiedergefunden und gingen zusammen den Berg hinauf zu den hoch aufragenden Tempelruinen. Die Akropolis selbst ließen wir links liegen, weil der Eintritt laut unserer Gastgeberin 12 oder 16 Euro kostete, aber das neu gebaute Museum würde diesen Sommer - um Besucher anzulocken - nur zwei Euro Eintritt kosten. Für EU-Studenten war es sogar kostenlos.
Es war ein mächtiger, mehrgeschossiger Glasbau; sogar die Fußböden waren aus Glas, sodass man die darunter liegende Ausgrabungsstätte stehen konnte. Ioanna wünschte sich jetzt, keinen kurzen Rock angezogen zu haben. So viele Kunstgegenstände... dabei war besonders im Obergeschoss noch viel Platz gelassen worden für weitere Ausstellungsstücke. Man hatte die berühmte Parthenon-Fassade rekonstruiert und restauriert ausgestellt. Ein Film über die Zerstörung des Tempels wurde auf Englisch und Griechisch vorgeführt. Man hatte hier keine Kosten und Mühen gescheut, ein beeindruckendes Museum zu erschaffen. Wir hatten gar nicht die Zeit, die Ausstellungen genauer zu studieren, besonders da es schon 16 Uhr wurde, und diese Uhrzeit entsprach der normalen Mittagszeit in Griechenland, also gingen wir ein Restaurant aufsuchen. Eines ihrer Lieblingsrestaurants befand sich in der Nähe; dort gab es Kebab, angeblich das preiswerteste Essen in Griechenland. Das Restaurant war so billig, dass es keine Tischdecken gab, sondern große Stücke dünnen Papiers, die an Backpapier erinnerten. Während wir auf das Essen warten, erklärten Ioannas Freunde uns die Geheimnisse der griechischen Schrift. Eine Freundin stammte ursprünglich aus Deutschland und schien ganz froh, wieder einmal auf Deutsch sprechen zu können; sie malte für uns griechische Zeichen auf die Tischdecke und kreiste alle Zeichen ein, die gleich ausgesprochen wurden. Hier schien mir dringend mal eine Rechtschreibreform nötig.
Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Innenstadt. Schon von Weitem hörten wir lautes Trommeln; eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Trommeln bestückt, standen vor der Kulisse der Kapnikarea-Kirche. Auf unserer Reise hatten wir schon oft gesehen, dass junge Weltenbummler mit Instrumenten unterwegs waren um sich als Straßenmusiker das Mittagessen zu verdienen, aber eine so riesige Trommlergruppe war uns noch nicht begegnet. Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, und als die Stimmung begann ausgelassen zu werden, kamen junge Frauen hinzu und schwangen ihre Hüften im Takt. Das ganze wirkte so spontan, dass sich eine ältere Frau hinzugesellte und mittanzte. Ihr Lächeln gefror ein wenig ein, als sie merkte, dass es eine einstudierte Choreografie der Tänzerinnen war und verschwand unauffällig in der Menge. Die Performance wurde immer lauter und intensiver; die ersten Trommler bekamen rote Gesichter und das Publikum war aus dem Häuschen.
Wir wartete das Ende der Vorstellung nicht ab - auch weil es immer schwieriger wurde, nicht zur Seite abgedrängt zu werden, aber vor allem um die Ohren zu schonen. Wir spazierten durch die vielen Gassen der Innenstadt, in denen sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte, und unsere Mädels kauften sich dort: Gummibärchen. Hier bemerkte ich wieder, dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten stammten - wir verglichen sogar bei Postkarten auf den Cent, ob wir die nicht irgendwo billiger bekommen könnten uns freute uns umso mehr, wenn wir uns mal etwas gönnten, während unsere Gastgeberin und ihre Freunde in neuste Designerkleidung trugen, Privatunterricht nahmen und für viel Geld abends ausgingen. Aber gleichzeitig sparten sie beim Mittagessen. Vermutlich kam auch für sie das Geld nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie im vornehmsten Viertel der Stadt wohnten.
Langsam begaben wir uns auf den Nachhauseweg, verabredeten uns aber noch für den Abend zum gemeinsamen Ausführen der Hunde. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch zu diesem Treffen fast länger auf die anderen warteten als das eigentliche Treffen dauerte?
Freitag, 20. November 2009
Abreise aus Istanbul, Ankunft in Athen
18.9.
Irgendwie hatte mich Burcu dazu manipuliert aufzustehen und Brot zu holen, und so zog ich mich leise an, während Matthias noch schlief und stieg dann mit unseren letzten Münzen und ein paar Extramünzen von Burcu das dunkle Treppenhaus hinab, in dem ich immer das Gefühl hatte, es war mitten in der Nacht, weil durch die Fenster nur ein schwacher Lichtschimmer fiel, was hauptsächlich daran lag, weil es ein Kaminschacht mit Fenstern darin war.
Beim Bäcker um die Ecke hatten sie die Preise wieder erhöht. Für das Geld, das für zwei Brote reichten sollte, bekam ich nur noch knapp eins. Burcu meinte dann, dass sie sich mit den Preisen nicht einig werden könnten, und dass sie die Preise letzte Woche zu niedrig angesetzt hatten. Ich vermutete dahinter eher eine fortschreitende Inflation.
Die beiden Jungs wurden nur langsam wach; Matthias noch eher als Dan. Wir begannen unser Kater-Frühstück ohne ihn; es gab die gleiche Marmelade, wie wir sie gestern gekauft hatten, was uns daran erinnerte, die Marmelade hier zurück zu lassen, bevor sie am Flughafen für Flüssigsprengstoff gehalten und mit unserem Gepäck in die Luft gesprengt werden würde.
Der Tee war stark wie es türkischer Tee sein sollte, und langsam kehrte das Leben ins uns zurück.
Fast hätten wir es verpasst, zum Bus zu gehen, und der fuhr nur alle zwei Stunden. Wir hatten gestern nicht mal die Zeit gefunden, die Abfahrtsstelle zu suchen, was sich jetzt als Fehler herausstellte. Das Busabfahrtsgelände war groß genug um eine Militärbasis unterbringen zu können. Ich hatte den Gedanken, Leuten mit Koffern hinterher zu laufen, da sie sicher zum Flughafen wollten. Nur gab es davon keine. Ich fragte zwei Jungen nach der Busnummer; sie deuteten in irgendeine Richtung und verschwanden. Mehr durch Zufall fanden wir in dem Gewirr aus Buchstaben und Zahlen unseren Bus.
Doch die Inflation hatte auch die Verkehrsbetriebe erreicht. Das Geld, das wir noch übrig hatten, reichte gerade mal für ein Ticket, statt für zwei, wie Burcu uns versichert hatte. Leicht panisch suchten wir einen Ausweg. Jetzt noch einen Geldautomaten zu finden bevor der Bus losfuhr, war ein Ding der Unmöglichkeit; wir hätten zwar den nächsten Bus nehmen können und unser Flugzeug noch knapp erwischt, aber die Deutsche Überpünktlichkeit pochte uns im Blut, und so bot ich dem Fahrer Euros an. Der verstand mich nicht und rief ein Mädchen herbei, das es sich mit ihrem iPod ein paar Sitze weiter bequem gemacht hatte. Sie sprach englisch und vermittelte zwischen uns. Sie bot sogar an, für uns das Ticket zu bezahlen, aber der Fahrer winkte ab, nahm das Geld für ein Ticket, gab mir die restlichen paar Münzen zurück und winkte uns durch.
So viel Freundlichkeit war ein schönes Abschiedsgeschenk, und ich bedauerte es, Istanbul wieder verlassen zu müssen.
Wir fuhren fast genau eine Stunde zum Flughafen, auf der Straße, die vor einer Woche zu einem reißenden Fluss war. Ich fühlte mich ein wenig mulmig dabei uns beobachtete die wenigen Wolken am klaren Himmel. An den Straßenrändern sah man kaum noch Rückstände des Wassers; ab und an ein Sandsack, und sonst fiel nur auf, dass es ausgesprochen sauber aussah, als hätte man tagelang den angespülten Müll weggeräumt und wär danach noch mal mit einem Kamm über die Wiesen gegangen.
Wir waren natürlich viel zu früh am Flughafen und ließen uns zum Warten nieder. Abwechselnd erkundeten wir den Flughafen, aber er sah aus wie jeder andere Flughafen auch: Überteuerte Heißgetränke, unbezahlbare Souvenirs und sehr viele gelangweilte Leute. Das Mädchen war nach München unterwegs und rannte um ihr Flugzeug rechtzeitig zu erreichen. Nach einer Weile eröffnete der Schalter zum Check-In, und da standen wir wieder eine ganze Weile in der Schlange. Erst mit den seltsamen Fließbändern für Menschen hatten wir wieder Spaß - sie waren wie in einer Kunstausstellung ohne Erkennbaren Grund an eine bestimmte Stelle montiert worden, einfach mitten auf einen langen Gang, ohne Verbindung zu irgendwas.
In dem lang gezogenen Warteraum erwarteten viele Leute schon seit Langem das Boarding. Irgendwas schien nicht ganz zu stimmen, und dann liefen einige Reisende in einen anderen Bereich. Ich hätte auch gern gewusst, warum, aber die Ansagen waren nur auf Türkisch und Griechisch. Vielleicht auch auf Englisch, aber es lässt sich keine Sprache besonders gut verstehen, wenn der Ansager - während er in das Mikrofon spricht - unter Wasser Müsli isst.
Wir nahmen die 50:50-Chance und folgten den Leuten, und bestiegen dann auch ein Flugzeug, und das brachte uns sogar nach Athen.
Der Flug verging ... wie im Flug. Kaum hatten wir den Steigflug beendet, gingen wir schon wieder in den Sinkflug. In den zwei Minuten dazwischen brachten die Stewardessen Kaffee und feinsten gefriergetrocknet-vakuumverpackten Kuchen und Muffins, die nach Schinken schmeckten. Dennoch war es eine schöne Überraschung, dass es Essen kostenlos gab, denn die Flugtickets waren recht billig gewesen.
Alles ging nach Plan; wir verfolgten die Flugroute an den Monitoren und sahen aus dem Fenster unter uns die schönsten griechischen Inseln vorbei ziehen. Bald erreichten wir das Festland. Athen lag zwar nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, aber der neue Flughafen war weiter ins Inland gebaut. Griechenland war noch genau wie in meiner Erinnerung: Karg und bergig, mit Serpentinenstraßen, die kaum zweit Autos genug Platz boten aneinander vorbei zu fahren.
Es war noch immer schön warm als wir ausstiegen, obwohl es schon Abend wurde. Wir fanden sofort den Bus, dessen Nummer uns Ioanna geschrieben hatte, kauften die Tickets und freuten uns darüber, dass Griechenland den Euro hatte.
In den Bus stieg ebenfalls noch eine unglaublich nervtötende Familie. Es waren Menschen jener Art, denen man unter keinen Umständen länger als fünf Minuten zuhören will, und dann nach 15 Minuten ihre komplette Lebensgeschichte kennt. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie bald aussteigen würden, aber mein Draht nach oben war noch nie der beste - sie fuhren also bis zur Endhaltestelle. Dass wir auch zur Endhaltestelle fuhren, war hingegen nicht vorgesehen. Ich hätte mein Navi laufen lassen während wir fuhren, und es zeigte mir immerzu an, dass wir uns noch kilometerweit von unserem Zielort entfernt befanden. Die Zahl wurde jedoch weniger, weshalb ich mir keine Gedanken weiter machte. Dann rief Ioanna an, wo wir denn blieben. Wir beruhigten sie, dass wir auf dem Weg waren. Der angezeigte Weg wurde wieder länger. Erst nach einer Weile wurde uns bewusst, was da schief gelaufen war: Ich hatte ihre Adresse zwar korrekt ins Navi eingegeben, aber im Ort Athen, nicht in Glyfada, das ein eigenständiger Ort war, und nicht wie ursprünglich angenommen ein Stadtteil von Athen.
An der Endhaltestelle versuchte ich vom Busfahrer zu erfahren, wo ich hätte aussteigen sollen, denn es gab weder Durchsagen, noch eine Laufschrift mit der aktuellen Haltestelle, noch hielt der Bus irgendwo an, es sei denn, man drückte auf "στάση" - "Stop". So waren wir bald mit dem Abzählen der 15 Haltestellen durcheinander gekommen. Der Fahrer sprach kein Englisch, dafür half uns ein französisches Paar soweit es in ihren Kräften war, weil wir so nett waren, die auf dem Boden liegenden Euros, auf die wir alle schon gierig gestarrt hatten, nicht vor ihnen wegzuschnappen. Ein Kollege unseres Busfahrers erbarmte sich schließlich und wies und an, in einen parkenden Bus einzusteigen, den er nach dem Fertigrauchen Richtung Flughafen fahren würde. Wahrscheinlich begann sowieso seine Schicht, und vielleicht war es das erste Mal, dass dieser Bus laut Fahrplan fuhr. So hatten wir heute fast einen halben Tag umsonst und kostenlos in Bussen verbracht. Als wir dann endlich mit zwei Stunden Verspätung an der richtigen Haltestelle ausstiegen, auf die uns der Busfahrer und ein Fahrgast hingewiesen hatten, war unsere Gastgeberin sogar noch da und wartete auf uns. Sie war überraschend gut gelaunt und erzählte, wie die Leute sie angesprochen hatten: "Wenn du auf einen Kerl wartest - der ist es nicht wert" - "Ich warte auf ein Mädchen" - "Uhh..."
Ioanna war eine schrille, laute Griechin, die knallrotem Lippenstift zu einem grünen Kleid trug und sich die Haare orange gefärbt hatte. Sie fluchte laut und gern, besonders beim Autofahren, währenddessen sie sich schminkte und laut mit dem Radio mitsang. Sie fuhr mit ihrem winzigen Auto wie eine Irre und fluchte über die anderen Fahrer, rote Ampeln oder die niedrigen Olivenbäume, die die Straßen säumten und beim Parken ihre Äste an die Frontscheibe schlugen - "Damn olive trees!" rief sie dann auf Englisch aus. Von den griechischen Fluchen verstand ich weniger, aber ich lernte bald etwas Griechisch, zum Beispiel das Universalschimpfwort "Malakas", das ich hier nicht übersetzen möchte.
Ioanna lebte allein mit ihrer Mutter in einem riesigen Apartment in einem Haus, das ihrer Familie gehörte, im schönsten Vorort Athens. Die Marmorböden blitzen blank, aber die Einrichtung war sichtbar schon etwas älter, dennoch verbreiteten die zahlreichen Kunstgegenstände einen Hauch von Wohlstand. Wir gingen gemeinsam auf den ausladenden Balkon, der außen um die halbe Wohnung herum führte. Knurrend sprang uns ein Hund entgegen. Ioanna hatte uns schon gewarnt, dass ihr Hund Fremden gegenüber skeptisch war, und sie brachte einige Zeit damit zu, ihn zu beruhigen und ihn an uns zu gewöhnen.
Als Ioannas Mutter heimkam, setzte sie sich zu uns auf den Balkon und bereitete uns allen riesige Eisbecher mit den leckersten und edelsten Sorten zu. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung, das Eisessen. Die beiden waren sich erstaunlich ähnlich durch ihre schrille, laute Art - mit dem einzigen Unterschied, dass ihre Mutter rauchte wie ein Schlot und eine entsprechend tiefe Stimme hatte.
Ioanna liebte es auszugehen und wollte auch an diesem Abend noch in die Stadt. Sie lernte klassischen Tanz und wollte am liebsten Tanz-Therapeutin werden, nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr das Verkaufen von Autos im Familienbetrieb nicht sonderlich Spaß machte. So kam es, dass sie zum klassischen Tanz in ein spezielles Lokal ging, während wir uns ein wenig das nächtliche Athen ansehen wollten. Das wäre an sich keine schlechte Idee gewesen, wenn es nicht angefangen hätte wie aus Eimern zu gießen. Wir retteten uns in das erstbeste Lokal, wo ich einen Tee zum Aufwärmen trinken wollte. Matthias nahm ein kleines Bier und dann kam auch schon die Rechnung zusammen mit einer Schale Kartoffelchips, wobei die Rechnung gesalzener war als die Chips. 3,80 Euro für den Tee und 5 Euro für das Bier. Zuerst nahmen wir an, dass man uns ausgenommen hatte, weil wir Touristen waren. Später wurden wir von den Einheimischen aufgeklärt, dass das ganz normale Preise waren. Wenn ich es im Nachhinein betrachte, denke ich sogar, wir hatten noch Glück gehabt mit diesem Lokal. Aber dazu später mehr.
Wir verließen das Lokal nach einer Weile um nicht in die Verlegenheit zu geraten, weitere Getränke bestellen zu müssen und wanderten die Straßen entlang. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Nachtluft war kühl geworden. Ich wäre am liebsten vor einem Lüftungsgitter stehen geblieben, aber wir hatten Kontakt mit Ioanna aufnehmen können und waren frohen Mutes, bald nach Hause zu können. Es dauerte dennoch eine gute halbe Stunde bevor die das Lokal verließ und mit uns nach Hause fuhr. Um diese Uhrzeit war in Athen kein öffentliches Verkehrsmittel mehr unterwegs; die U-Bahnen fuhren bis Mitternacht und die Busse auch nicht viel länger. Deshalb hatte jeder Bewohner der Stadt ein Auto und es war immer ein völliges Verkehrschaos. Wahrscheinlich würden die meisten Athener nicht einmal die Öffentlichen nutzen, wenn das Angebot besser wäre. Es wurde auf eine andere Art versucht, die Leute von ihren Autos fortzubringen: Eine Aktion "Tag ohne Auto", an dem die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos waren. Und völlig überlastet.
Doch das war erst morgen.
Irgendwie hatte mich Burcu dazu manipuliert aufzustehen und Brot zu holen, und so zog ich mich leise an, während Matthias noch schlief und stieg dann mit unseren letzten Münzen und ein paar Extramünzen von Burcu das dunkle Treppenhaus hinab, in dem ich immer das Gefühl hatte, es war mitten in der Nacht, weil durch die Fenster nur ein schwacher Lichtschimmer fiel, was hauptsächlich daran lag, weil es ein Kaminschacht mit Fenstern darin war.
Beim Bäcker um die Ecke hatten sie die Preise wieder erhöht. Für das Geld, das für zwei Brote reichten sollte, bekam ich nur noch knapp eins. Burcu meinte dann, dass sie sich mit den Preisen nicht einig werden könnten, und dass sie die Preise letzte Woche zu niedrig angesetzt hatten. Ich vermutete dahinter eher eine fortschreitende Inflation.
Die beiden Jungs wurden nur langsam wach; Matthias noch eher als Dan. Wir begannen unser Kater-Frühstück ohne ihn; es gab die gleiche Marmelade, wie wir sie gestern gekauft hatten, was uns daran erinnerte, die Marmelade hier zurück zu lassen, bevor sie am Flughafen für Flüssigsprengstoff gehalten und mit unserem Gepäck in die Luft gesprengt werden würde.
Der Tee war stark wie es türkischer Tee sein sollte, und langsam kehrte das Leben ins uns zurück.
Fast hätten wir es verpasst, zum Bus zu gehen, und der fuhr nur alle zwei Stunden. Wir hatten gestern nicht mal die Zeit gefunden, die Abfahrtsstelle zu suchen, was sich jetzt als Fehler herausstellte. Das Busabfahrtsgelände war groß genug um eine Militärbasis unterbringen zu können. Ich hatte den Gedanken, Leuten mit Koffern hinterher zu laufen, da sie sicher zum Flughafen wollten. Nur gab es davon keine. Ich fragte zwei Jungen nach der Busnummer; sie deuteten in irgendeine Richtung und verschwanden. Mehr durch Zufall fanden wir in dem Gewirr aus Buchstaben und Zahlen unseren Bus.
Doch die Inflation hatte auch die Verkehrsbetriebe erreicht. Das Geld, das wir noch übrig hatten, reichte gerade mal für ein Ticket, statt für zwei, wie Burcu uns versichert hatte. Leicht panisch suchten wir einen Ausweg. Jetzt noch einen Geldautomaten zu finden bevor der Bus losfuhr, war ein Ding der Unmöglichkeit; wir hätten zwar den nächsten Bus nehmen können und unser Flugzeug noch knapp erwischt, aber die Deutsche Überpünktlichkeit pochte uns im Blut, und so bot ich dem Fahrer Euros an. Der verstand mich nicht und rief ein Mädchen herbei, das es sich mit ihrem iPod ein paar Sitze weiter bequem gemacht hatte. Sie sprach englisch und vermittelte zwischen uns. Sie bot sogar an, für uns das Ticket zu bezahlen, aber der Fahrer winkte ab, nahm das Geld für ein Ticket, gab mir die restlichen paar Münzen zurück und winkte uns durch.
So viel Freundlichkeit war ein schönes Abschiedsgeschenk, und ich bedauerte es, Istanbul wieder verlassen zu müssen.
Wir fuhren fast genau eine Stunde zum Flughafen, auf der Straße, die vor einer Woche zu einem reißenden Fluss war. Ich fühlte mich ein wenig mulmig dabei uns beobachtete die wenigen Wolken am klaren Himmel. An den Straßenrändern sah man kaum noch Rückstände des Wassers; ab und an ein Sandsack, und sonst fiel nur auf, dass es ausgesprochen sauber aussah, als hätte man tagelang den angespülten Müll weggeräumt und wär danach noch mal mit einem Kamm über die Wiesen gegangen.
Wir waren natürlich viel zu früh am Flughafen und ließen uns zum Warten nieder. Abwechselnd erkundeten wir den Flughafen, aber er sah aus wie jeder andere Flughafen auch: Überteuerte Heißgetränke, unbezahlbare Souvenirs und sehr viele gelangweilte Leute. Das Mädchen war nach München unterwegs und rannte um ihr Flugzeug rechtzeitig zu erreichen. Nach einer Weile eröffnete der Schalter zum Check-In, und da standen wir wieder eine ganze Weile in der Schlange. Erst mit den seltsamen Fließbändern für Menschen hatten wir wieder Spaß - sie waren wie in einer Kunstausstellung ohne Erkennbaren Grund an eine bestimmte Stelle montiert worden, einfach mitten auf einen langen Gang, ohne Verbindung zu irgendwas.
In dem lang gezogenen Warteraum erwarteten viele Leute schon seit Langem das Boarding. Irgendwas schien nicht ganz zu stimmen, und dann liefen einige Reisende in einen anderen Bereich. Ich hätte auch gern gewusst, warum, aber die Ansagen waren nur auf Türkisch und Griechisch. Vielleicht auch auf Englisch, aber es lässt sich keine Sprache besonders gut verstehen, wenn der Ansager - während er in das Mikrofon spricht - unter Wasser Müsli isst.
Wir nahmen die 50:50-Chance und folgten den Leuten, und bestiegen dann auch ein Flugzeug, und das brachte uns sogar nach Athen.
Der Flug verging ... wie im Flug. Kaum hatten wir den Steigflug beendet, gingen wir schon wieder in den Sinkflug. In den zwei Minuten dazwischen brachten die Stewardessen Kaffee und feinsten gefriergetrocknet-vakuumverpackten Kuchen und Muffins, die nach Schinken schmeckten. Dennoch war es eine schöne Überraschung, dass es Essen kostenlos gab, denn die Flugtickets waren recht billig gewesen.
Alles ging nach Plan; wir verfolgten die Flugroute an den Monitoren und sahen aus dem Fenster unter uns die schönsten griechischen Inseln vorbei ziehen. Bald erreichten wir das Festland. Athen lag zwar nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, aber der neue Flughafen war weiter ins Inland gebaut. Griechenland war noch genau wie in meiner Erinnerung: Karg und bergig, mit Serpentinenstraßen, die kaum zweit Autos genug Platz boten aneinander vorbei zu fahren.
Es war noch immer schön warm als wir ausstiegen, obwohl es schon Abend wurde. Wir fanden sofort den Bus, dessen Nummer uns Ioanna geschrieben hatte, kauften die Tickets und freuten uns darüber, dass Griechenland den Euro hatte.
In den Bus stieg ebenfalls noch eine unglaublich nervtötende Familie. Es waren Menschen jener Art, denen man unter keinen Umständen länger als fünf Minuten zuhören will, und dann nach 15 Minuten ihre komplette Lebensgeschichte kennt. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie bald aussteigen würden, aber mein Draht nach oben war noch nie der beste - sie fuhren also bis zur Endhaltestelle. Dass wir auch zur Endhaltestelle fuhren, war hingegen nicht vorgesehen. Ich hätte mein Navi laufen lassen während wir fuhren, und es zeigte mir immerzu an, dass wir uns noch kilometerweit von unserem Zielort entfernt befanden. Die Zahl wurde jedoch weniger, weshalb ich mir keine Gedanken weiter machte. Dann rief Ioanna an, wo wir denn blieben. Wir beruhigten sie, dass wir auf dem Weg waren. Der angezeigte Weg wurde wieder länger. Erst nach einer Weile wurde uns bewusst, was da schief gelaufen war: Ich hatte ihre Adresse zwar korrekt ins Navi eingegeben, aber im Ort Athen, nicht in Glyfada, das ein eigenständiger Ort war, und nicht wie ursprünglich angenommen ein Stadtteil von Athen.
An der Endhaltestelle versuchte ich vom Busfahrer zu erfahren, wo ich hätte aussteigen sollen, denn es gab weder Durchsagen, noch eine Laufschrift mit der aktuellen Haltestelle, noch hielt der Bus irgendwo an, es sei denn, man drückte auf "στάση" - "Stop". So waren wir bald mit dem Abzählen der 15 Haltestellen durcheinander gekommen. Der Fahrer sprach kein Englisch, dafür half uns ein französisches Paar soweit es in ihren Kräften war, weil wir so nett waren, die auf dem Boden liegenden Euros, auf die wir alle schon gierig gestarrt hatten, nicht vor ihnen wegzuschnappen. Ein Kollege unseres Busfahrers erbarmte sich schließlich und wies und an, in einen parkenden Bus einzusteigen, den er nach dem Fertigrauchen Richtung Flughafen fahren würde. Wahrscheinlich begann sowieso seine Schicht, und vielleicht war es das erste Mal, dass dieser Bus laut Fahrplan fuhr. So hatten wir heute fast einen halben Tag umsonst und kostenlos in Bussen verbracht. Als wir dann endlich mit zwei Stunden Verspätung an der richtigen Haltestelle ausstiegen, auf die uns der Busfahrer und ein Fahrgast hingewiesen hatten, war unsere Gastgeberin sogar noch da und wartete auf uns. Sie war überraschend gut gelaunt und erzählte, wie die Leute sie angesprochen hatten: "Wenn du auf einen Kerl wartest - der ist es nicht wert" - "Ich warte auf ein Mädchen" - "Uhh..."
Ioanna war eine schrille, laute Griechin, die knallrotem Lippenstift zu einem grünen Kleid trug und sich die Haare orange gefärbt hatte. Sie fluchte laut und gern, besonders beim Autofahren, währenddessen sie sich schminkte und laut mit dem Radio mitsang. Sie fuhr mit ihrem winzigen Auto wie eine Irre und fluchte über die anderen Fahrer, rote Ampeln oder die niedrigen Olivenbäume, die die Straßen säumten und beim Parken ihre Äste an die Frontscheibe schlugen - "Damn olive trees!" rief sie dann auf Englisch aus. Von den griechischen Fluchen verstand ich weniger, aber ich lernte bald etwas Griechisch, zum Beispiel das Universalschimpfwort "Malakas", das ich hier nicht übersetzen möchte.
Ioanna lebte allein mit ihrer Mutter in einem riesigen Apartment in einem Haus, das ihrer Familie gehörte, im schönsten Vorort Athens. Die Marmorböden blitzen blank, aber die Einrichtung war sichtbar schon etwas älter, dennoch verbreiteten die zahlreichen Kunstgegenstände einen Hauch von Wohlstand. Wir gingen gemeinsam auf den ausladenden Balkon, der außen um die halbe Wohnung herum führte. Knurrend sprang uns ein Hund entgegen. Ioanna hatte uns schon gewarnt, dass ihr Hund Fremden gegenüber skeptisch war, und sie brachte einige Zeit damit zu, ihn zu beruhigen und ihn an uns zu gewöhnen.
Als Ioannas Mutter heimkam, setzte sie sich zu uns auf den Balkon und bereitete uns allen riesige Eisbecher mit den leckersten und edelsten Sorten zu. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung, das Eisessen. Die beiden waren sich erstaunlich ähnlich durch ihre schrille, laute Art - mit dem einzigen Unterschied, dass ihre Mutter rauchte wie ein Schlot und eine entsprechend tiefe Stimme hatte.
Ioanna liebte es auszugehen und wollte auch an diesem Abend noch in die Stadt. Sie lernte klassischen Tanz und wollte am liebsten Tanz-Therapeutin werden, nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr das Verkaufen von Autos im Familienbetrieb nicht sonderlich Spaß machte. So kam es, dass sie zum klassischen Tanz in ein spezielles Lokal ging, während wir uns ein wenig das nächtliche Athen ansehen wollten. Das wäre an sich keine schlechte Idee gewesen, wenn es nicht angefangen hätte wie aus Eimern zu gießen. Wir retteten uns in das erstbeste Lokal, wo ich einen Tee zum Aufwärmen trinken wollte. Matthias nahm ein kleines Bier und dann kam auch schon die Rechnung zusammen mit einer Schale Kartoffelchips, wobei die Rechnung gesalzener war als die Chips. 3,80 Euro für den Tee und 5 Euro für das Bier. Zuerst nahmen wir an, dass man uns ausgenommen hatte, weil wir Touristen waren. Später wurden wir von den Einheimischen aufgeklärt, dass das ganz normale Preise waren. Wenn ich es im Nachhinein betrachte, denke ich sogar, wir hatten noch Glück gehabt mit diesem Lokal. Aber dazu später mehr.
Wir verließen das Lokal nach einer Weile um nicht in die Verlegenheit zu geraten, weitere Getränke bestellen zu müssen und wanderten die Straßen entlang. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Nachtluft war kühl geworden. Ich wäre am liebsten vor einem Lüftungsgitter stehen geblieben, aber wir hatten Kontakt mit Ioanna aufnehmen können und waren frohen Mutes, bald nach Hause zu können. Es dauerte dennoch eine gute halbe Stunde bevor die das Lokal verließ und mit uns nach Hause fuhr. Um diese Uhrzeit war in Athen kein öffentliches Verkehrsmittel mehr unterwegs; die U-Bahnen fuhren bis Mitternacht und die Busse auch nicht viel länger. Deshalb hatte jeder Bewohner der Stadt ein Auto und es war immer ein völliges Verkehrschaos. Wahrscheinlich würden die meisten Athener nicht einmal die Öffentlichen nutzen, wenn das Angebot besser wäre. Es wurde auf eine andere Art versucht, die Leute von ihren Autos fortzubringen: Eine Aktion "Tag ohne Auto", an dem die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos waren. Und völlig überlastet.
Doch das war erst morgen.
Istanbul, Tag 4
17.9.
Wir hatten uns am Morgen aus dem Haus geschlichen um Burcu nicht zu wecken, aber durch das Quietschen der Türen und der Nähe ihres Schlafzimmers zum Bad war es wohl nicht ganz unvermeidlich. Doch ich wollte nichts von unserem letzten vollen Tag in Istanbul vergeuden, auch wenn Matthias darüber murrte. Ich wollte, dass wir uns das Valens-Aquädukt ansahen, ein Relikt aus der römischen Zeit. Obwohl es schon im Jahr 375 gebaut wurde, blieb es bis ins 19. Jahrhundert zur Wasserversorgung der Stadt in Betrieb. Wer baut heutzutage noch so etwas Fantastisches? Heutzutage ist nichts mehr für die Ewigkeit gemacht; die Wasserleitungen in unseren Städten müssen doch nach spätestens 30 Jahren ausgetauscht werden.
Wir nahmen die Fähre auf die europäische Seite. Wir saßen auf dem Oberdeck, und gegenüber von uns eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind aß einen Muffin, stand auf und warf das Verpackungsmaterial über Bord. Wer jetzt denkt, dass die Mutter das Kind dafür rügen würde, irrt. Sie gab dem Kind das restliche Papier und ließ es das auch noch über Bord werfen. Ich fand das unglaublich, wenn ich das mit Deutschland verglich, wo jedes Kind schon mit der Muttermilch den Grünen Punkt aufnahm. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Grundschule zum Müllauflesen in den Wald gehen mussten. Der Wald war aber so sauber gewesen, dass die Lehrer selbst Plastikmüll entlang des Weges verteilten - natürlich sauber abgespült und abgezählt, sodass nichts zurück blieb.
Von der Anlegestelle aus hielten wir uns an einer Schnellstraße um nicht allzu bald verloren zu gehen, aber gleichzeitig versuchen wir einen Supermarkt zu finden, weil uns wie gesagt das Wasser ausgegangen war. Ich spürte das alte Notwasser im Bauch rumoren. War wirklich eine extrem blöde Idee gewesen, das zu trinken. Wir kamen durch ein ganzes Viertel von Teppichhändlern. In sämtlichen Läden und Einkaufszentren wurde nichts als Teppich verkauft und ein starker Geruch nach Leim lag in der Luft. Ich fragte mich langsam, ob die Geschäftslizenzen stadtviertelweise vergeben wurden, und ob wir wohl noch auf die Schokoladenstadt stoßen würden. Zunächst stießen wir auf das Aquädukt; das war doch auch etwas. Es bestand aus zwei Reihen steinerner Bögen, zwischen ihnen führte die Schnellstraße hindurch; es waren stolze zehn Fahrspuren. Zu einer Seite hin flachte sich das Bauwerk stufenweise ab um das Wasser durch das natürliche Gefälle zur Stadt hin zu transportieren. So stand es nun einfach da, 600 Meter lang, wie von einem Riesen aus einem anderen Land und einer anderen Zeit aus dem Boden gerissen und hier wieder abgelegt. Es war weder touristisch ausgebaut, noch abgesperrt; es stand einfach da. Ich schätze, dass sich eine Stadt wie Istanbul es leisten kann, nicht auf alle Denkmäler so viel Acht zu geben. Der Rest des kilometerlangen Aquädukt-Netzes war im Laufe der Zeit abgetragen und zum Bauen verwendet worden.
Wir kamen durch einen Park; hier beschloss ich mein Navi nach einem Supermarkt zu fragen. Überraschenderweise funktionierte das besser als zum Beispiel in Warschau, wo alle verzeichneten Geschäfte entweder schon pleite gemacht oder ihr Sortiment komplett umgestellt hatten.
Während ich auf ein Signal wartete, fiel mir eine Moschee auf, an der eine elektronische Tafel angebracht war. In roter Laufschrift konnte man lesen, wann das nächste Gebet stattfand. Es erstaunte mich manchmal, wie sehr manche Leute mit der Zeit gingen ohne auf Tradition zu verzichten.
Der Supermarkt war wirklich ein Supermarkt, mit angenehmer Kühlung. Wir kauften uns zur Abwechslung mal Saft und ein paar Kekse, damit setzten wir uns in den nahe gelegenen Park an einem Spielplatz und beobachteten den Mann, der sich an den Geräten zu schaffen machte. Mir wurde bewusst, dass es gar kein Spielplatz war, sondern eher ein Open-Air-Fitness-Studio.
Er fühlte sich wahrscheinlich zu beobachtet und verschwand.
Burcu hatte uns empfohlen, Miniaturk anzusehen - die Türkei im Handtaschenformat, die berühmtesten Denkmäler als Modell aufgebaut. Aus irgendeinem Grund versuchten wir nicht mal, es zu finden und liefen stattdessen quer durch die unbekannte Stadt. Ich hatte das gute Gefühl, eigentlich alles gesehen zu haben, was ich wollte. Nun war es an der Zeit, mit unserer gewohnten Gelassenheit an den Rest des Tages ranzugehen. Wir waren nicht die einzigen, die einfach in den Tag hineingingen. Da waren zum Beispiel diese freilaufenden Hühner mitten auf der Straße. Matthias war entzückt - so hatte er sich Istanbul eigentlich vorgestellt. Katzen und Hunde lagen im Schatten der Häuser und unter den parkenden Autos; es war ein idyllisches Bild.
Nach einer Weile erreichten wir das Marmarameer auf der anderen Seite der Stadt. Es war so unglaublich schmutzig, dass wir kaum unsere Füße hineinzuhalten trauten. Undefinierbares, schwammartiges Material, verschimmelte Lebensmittel und tote Fische trieben in der harmlos glänzenden Brühe mit der Strömung umher. Viele große graue Felsen lagen als Wellenbrecher im Wasser längs der Hafenmauer. Vereinzelt saßen Angler oder Touristen darauf, und an einer Stelle standen zwei junge Männer, die Miesmuscheln in einem großen Sack hin und her schleuderten und die zerbrochenen Schalen ins Wasser warfen. Wir machten es uns auf einem Stein bequem und beobachteten sie eine ganze Weile. Das Wasser unter ihnen glänzte durch das viele Perlmutt der Muschelschalen schon wie ein Spiegel. Den Muschelinhalt gab es vermutlich später geröstet an einem der vielen Imbissstände nahe der Altstadt. Stieg das Wasser leicht an? Eine Welle schwappte Matthias über den Hosenboden. Wahrscheinlich war es nur Einbildung. Als Matthias das Bein einschlief, machten wir uns auf den Weg in eine andere Richtung. Auf dem Weg lagen einzelne ausgemachte Muscheln, die eher wie in der Sonne verendete Nachtschnecken aussahen und fürchterlich nach faulem Fisch stanken. Wir nahmen einen Abstecher in eine Gasse Richtung Altstadt und waren mitten in einem armenischen Viertel gelandet. Alles wirkte ein wenig mehr wie Italien, eng beieinander stehende Häuser in freundlichen Rottönen gestrichen und mit verzierten Balkonen bestückt. Nur die Wäscheleinen von Haus zu Haus fehlten. Am Anfang dieser Straße stand eine Kirche, die auf Türkisch und mit armenischen Schriftzeichen ausgezeichnet war. Ich hatte leider nie die armenische Schrift lesen gelernt, kannte sie aber aus Büchern. Wir lugten durch das Eingangstor. Niemand war da. Ich hatte noch nie eine armenische Kirche von innen gesehen, wollte aber nicht weiter vordringen ohne von jemandem eingeladen zu werden. Weitere Gebäude mit armenischen Schriftzeichen folgten, wir gingen die gepflasterten Gassen entlang, die als Marktplatz verwendet wurden. Verkäufer saßen auf Decken neben dem Bordstein, ließen es aber gemütlich angehen. Dieses Viertel schien gar nicht mehr zur Türkei zu gehörten, selbst ältere Frauen liefen ohne Kopftuch umher. Vor einer weiteren Kirche wurden Bücher und CDs mit geistlicher Musik verkauft, und eh wir uns versehen, wurden wir in die Kirche hineingebeten. Es war ein merkwürdiger Ort; es erinnerte mich an die amerikanischen Kirche aus dem Fernsehen; es war eher ein Gemeindehaus, ausgelegt mit rötlichem Teppich, aber wir sollten die Schuhe nicht ausziehen. Auch als ich meine Strickjacke zuknöpfen wollte, wurde abgewinkt. Sie ließen uns und das amerikanische Paar, das mit uns hineingegangen war, wissen, dass hier alle Christen willkommen waren. Jetzt wurde es peinlich, denn sie wollten von uns wissen, welche Glaubensrichtung wir waren. Ich glaube, sie erwarteten, dass wir zum Beten hinein gegangen waren, aber ich wollte ungern sagen, dass wir Atheisten sind. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach sagen sollen, dass ich Pastafari bin - das klingt schön nach einer Religionsgemeinschaft und ist noch nicht mal gelogen. Pastafari nennen sich Anhänger einer Spaß-Religion, die das fliegende Spaghettimonster als Schöpfer der Welt verehren und eine gesunde Einstellung zu anderen Religionen haben, aber sie am liebsten auf die Schippe nehmen. Die Kunde des Spaghettimonsters ist vermutlich noch nicht bis ins armenische Viertel von Istanbul vorgedrungen und hätte mich wohl aus dieser Lage befreien können. Zum Glück konnte der Mann, der uns eingelassen hatte, weder deutsch noch englisch, weshalb wir mit Kopfschütteln davon kamen. Enttäuscht drehte es sich weg und wir verließen die Kirche auf der Stelle. Diplomaten werden wir wohl keine mehr werden.
Das Viertel wurde feiner und bestand nach einer Weile nur noch aus Restaurants mit angegliedertem Straßencafé, dann wurde es wieder belebter und bodenständiger. Es wurde Pilaw auf der Straße verkauft, aber ich fühlte mich überhaupt nicht hungrig, obwohl ich dieses Reisgericht seit unserer Ankunft hatte essen wollen. Wir spazierten daran vorbei und fanden uns mit einem Mal auf der chaotischen Hauptstraße wieder, an der auch die Straßenbahn hielt. Hier ragte die Konstantinsäule in die Luft, eingepackt wie zum Mitnehmen. Dem Schild an der Absperrung war zu entnehmen, dass sie restauriert wurde. Beeindruckende 1679 Jahre war sie alt. Man hatte sie schon Anfang des 12. Jahrhunderts reparieren müssen und hatte Ringe rundherum angebracht.
In der Straßenbahn konnte man auch wieder kaum stehen, und diesmal kam zu der klaustrophobischen Atmosphäre eine gruselige, laute, metallisch klingende Stimme hinzu. Zuerst dachte ich, es wäre eine Durchsage, aber immer mehr Leute schauten in eine bestimmte Richtung. Ich konnte den Mann von meinem Standort aus nicht sehen, aber ich glaube, er sprach durch eines dieser Geräte, die Leute bekommen, wenn ihnen durch zu exzessives Rauchen der Kehlkopf entfernt werden musste.
Ein letztes Mal nun fuhren wir mit der Straßenbahn, und ich war weiß Gott froh, dass kein religiöser Fanatiker auf die Idee gekommen war, uns darin in die Luft zu sprengen.
Noch eine letzte Station stand auf dem Plan bevor wir morgen nach Athen abfliegen würden - die große Autobahnbrücke über den Bosporus. Matthias wollte unbedingt einmal darunter stehen, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Laut Navi sollten es nicht mehr als 6 Kilometer sein... wir kamen an einer Hafenpromenade mit Cafés vorbei, an vielen hohen Mauern und Toren, verließen die Stadt und waren immer noch nicht da. Dann endlich waren wir fast zum Greifen nah - aber kamen nicht näher. Zu allen Seiten war der Zugang zur Brücke verbaut, und es war noch ein ganzes Stück um die Straße zu erreichen, die über die Brücke führte. Wir versuchten es noch von der Meeresseite aus, aber der Weg endete in einer Absperrung, die man nur durch Schwimmen hätte überwinden können. Wir ruhten uns auf einem Platz vor einem Café am Wasser aus und genossen den sich zum Ende neigenden Tag. Am Abend war dieser Teil der Stadt sicher ein beliebter Ort für junge Leute zum Ausgehen. Eine auffällige Moschee ragte über die Häuserdächer hinaus; sie wirkte barock - schwer und gleichzeitig verspielt. Durch ihre Eingangsportal glimmte ein wuchtiger Kronleuchter aus geschliffenem Glas. Doch es war Zeit, zu Burcu zurück zu kehren. Sie erwartete uns und einen weiteren Gast am Abend zum gemeinsamen Abendessen.
Wir nahmen die nächste Fähre zurück. Im Wartebereich lief türkisches Fernsehen auf einem Flachbildschirm an der Wand. Wir hatten den Akbil dort abgegeben, wo wir ihn gekauft hatten, und ich hatte auch nur noch einen Jeton übrig für die letzte Überfahrt mit der Fähre. Ich steckte ihn in den Automaten und er fiel durch. Ich probierte es noch mal. Irgendwann erbarmte sich jemand mich aufzuklären: Für die Fähre waren nur Fähren-Jetons gültig. Die kosteten genauso viel und sahen fast genau so aus wie die Straßenbahn-Jetons, aber vermutlich wollten die Verkehrsbetriebe die Möglichkeit haben, getrennt voneinander die Fahrpreise zu erhöhen.
Burcu war auch schon wieder zu Hause und hatte Tee und eine Vorsuppe vorbereitet. Die Suppe hatte eine senfige Farbe und bestand aus einer Reihe seltsamer Gewürze, die ich mir zeigen ließ, aber keine Ahnung hatte, wie man das Zeug auf Deutsch nennen würde. Es gab eine spezielle Gewürzmischung, die offenbar ganz typisch türkisch war, und die ließ ich mir für alle Fälle aufschreiben. Nur schade, dass ich den Zettel nicht mehr finde...
Burcu hatte sich die Mühe gemacht, eine spezielle türkische Frucht für uns zum Nachtisch zu reichen; sie begann zu erklären, wie man diese Frucht am besten isst, bis ich das Lachen nicht mehr halten konnte und ihr sagte, dass wir auch in Deutschland Datteln kannten.
Mit einiger Verspätung fand Burcus zweiter Couchsurfing-Gast ihr Zuhause. Es war ein US-Amerikaner, der als Lehrer im Irak arbeite. Sie war sehr begeistert von der Idee gewesen, dass ein idealistischer Amerikaner sich gegen seine eigene Regierung stellt und dort hilft, wo er am meisten gebraucht wird. Dementsprechend enttäuscht war sie, als sie erfuhr, dass Dan einfach nur in diese Arbeit hineingerutscht war, weil ihm das Geld ausgegangen war und er sonst keinen Job finden konnte. Auch er kannte Datteln. Ich hatte bei meinen Besuchern mehr Glück, wenn ich ihnen Rhabarber zu kosten gab, denn das hatte außerhalb von Deutschland noch nie jemand gesehen.
Nachdem sich Dan frisch gemacht hatte, beschlossen wir auszugehen. Burcu kannte einige gute Restaurants, in denen auch sie bekannt war, und wir bekamen den schönsten Tisch oben auf einer Dachterrasse. Die Restaurants dieser Straße hatten Vereinbarungen untereinander abgeschlossen, sodass man im einen die Vorspeise kaufen und in das nächste Restaurant mitnehmen konnte. Burcu suchte uns eine ganze Reihe an seltsamen grünen und braunen Dingen heraus, die wir unbedingt probieren sollten. Mein Magen rumorte immer noch, was angesichts des Essens nicht besser wurde. Es war eine seltsame Mischung aus scharf, noch schärfer und undefinierbar. Es war kein Wunder, dass immer für Wassernachschub durch die Kellner gesorgt wurde ohne dass wir es bestellen mussten.
Burcu war in ihrem Element als Gastgeberin und bestellte uns zusätzlich zu dem billigsten Dönergericht, das wir finden konnten, Türkische Pizza. Ich sah unser Restgeld schon im Nirgendwo verschwinden und ein Schuldenberg hinterlassen, doch dann bestand sie zum Glück darauf, uns die Pizza auszugeben.
Das Essen war gut, und dass muss es wirklich sein, wenn sogar ich das sage. Am Ende bekamen wir noch kostenlos einen Stammkundenkaffee bzw. -tee dazu, während um uns herum schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch Burcu hatte noch einen Spaß für uns in der Hinterhand: Die Zukunft im Kaffeesatz zu lesen. Wenn sich irgendein Kaffee dafür eignete, dann war dies türkischer, der eigentlich mehr aus Satz bestand als aus Wasser. Das funktionierte dann so: Burcu nahm die Tasse mit dem Satz und kippe sie auf die Untertasse um. Dann wartete sie einige Minuten darauf, dass sich ein interessantes Muster bildete. Die Zukunft las sie dann in der Tasse selbst, in deren Inneren sich filigrane Linien und Muster gebildet hatten. Ich sollte mich zuerst am Zukunftslesen versuchen. In Burcus Tasse war ein ganzer Wald zu sehen; das sagte mir, dass sie uns bald in Deutschland besuchen würde. In Dans Tasse hingegen war Wüste - er würde zurück in den Irak gehen. Irgendwie befriedigte meine Deutung sie nicht ganz. Aber dann wurden wir auch schon vor die Tür gekehrt.
Der Abend war schön und warm, und uns stand der Sinn nach ein wenig Alkohol. Es war zwar der Fastenmonat Ramadan, aber das stellte kein Problem dar, wenn man Alkohol kaufen wollte. Wir fanden einen kleinen Laden, der noch offen hatte und ich besorgte eine Flasche Wodka, die ich mit Kreditkarte bezahlen konnte. Dazu noch Saft, und wir waren für den Abend gerüstet. Die anderen besorgten sich Bier. Burcu brachte uns hinunter zum Hafen. Sie erzählte, es war sonst ein beliebter Ort für junge Leute, die dort auf den großen flachen Steinen saßen, tranken und Musik hörten. Sie hatte Musik auf ihrem Handy und stellte es laut. Während schon bald eine Diskussion über Musik entbrannte, trank ich einen Schluck von dem Wodka-Fusel und lehnte ich mich zurück, sah über das Wasser, in das sich die Lichter der Stadt mischten: Moscheen, Brücken, Häuser und Straßen - alles leuchtete über die Sterne hinweg. Das Wasser schlug sanft an die Steine und die Nacht legte ihren Mantel darüber. Ich schlug vor, baden zu gehen, doch das wurde mir dringend abgeraten, und auch ich erinnerte mich wieder an die Qualität des Meerwassers. So blieben wir weiter liegen und die Stunden zogen dahin. Wollten wir nicht morgen unsere letzten Stunden damit verbringen, die asiatische Seite von Istanbul anzusehen? Es war zu diesem Zeitpunkt schon relativ klar, dass wir wahrscheinlich lieber ausschlafen würden. Dieser Zeitpunkt war vier Uhr morgens. Wir begaben uns langsam auf dem Weg zurück, als uns Dan wiederfand, der nur eben einen Ort zur Erleichterung gesucht hatte und geschlagene 20 Minuten weg gewesen war.
Mir war alles recht. Burcu machte sich über mich lustig, weil ich selbst noch in meinem Zustand darauf achtete, dass alles Verpackungsmaterial ordnungsgemäß im überfüllten Papierkorb verschwand.
Ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, schauten wir uns noch eine halbe Stunde lang Burcus besten Kurzfilme an, von denen einer sogar mal bei einem Filmfestival gelaufen war. Bei einer Filmstudie über das nächtliche Istanbul, Prostituierte und Transen im Zeitraffer nickte ich kurz weg, wurde aber rechtzeitig munter um ihr zu sagen, wie toll ihre Filme waren. Dann fiel ich ins Bett.
Wir hatten uns am Morgen aus dem Haus geschlichen um Burcu nicht zu wecken, aber durch das Quietschen der Türen und der Nähe ihres Schlafzimmers zum Bad war es wohl nicht ganz unvermeidlich. Doch ich wollte nichts von unserem letzten vollen Tag in Istanbul vergeuden, auch wenn Matthias darüber murrte. Ich wollte, dass wir uns das Valens-Aquädukt ansahen, ein Relikt aus der römischen Zeit. Obwohl es schon im Jahr 375 gebaut wurde, blieb es bis ins 19. Jahrhundert zur Wasserversorgung der Stadt in Betrieb. Wer baut heutzutage noch so etwas Fantastisches? Heutzutage ist nichts mehr für die Ewigkeit gemacht; die Wasserleitungen in unseren Städten müssen doch nach spätestens 30 Jahren ausgetauscht werden.
Wir nahmen die Fähre auf die europäische Seite. Wir saßen auf dem Oberdeck, und gegenüber von uns eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind aß einen Muffin, stand auf und warf das Verpackungsmaterial über Bord. Wer jetzt denkt, dass die Mutter das Kind dafür rügen würde, irrt. Sie gab dem Kind das restliche Papier und ließ es das auch noch über Bord werfen. Ich fand das unglaublich, wenn ich das mit Deutschland verglich, wo jedes Kind schon mit der Muttermilch den Grünen Punkt aufnahm. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Grundschule zum Müllauflesen in den Wald gehen mussten. Der Wald war aber so sauber gewesen, dass die Lehrer selbst Plastikmüll entlang des Weges verteilten - natürlich sauber abgespült und abgezählt, sodass nichts zurück blieb.
Von der Anlegestelle aus hielten wir uns an einer Schnellstraße um nicht allzu bald verloren zu gehen, aber gleichzeitig versuchen wir einen Supermarkt zu finden, weil uns wie gesagt das Wasser ausgegangen war. Ich spürte das alte Notwasser im Bauch rumoren. War wirklich eine extrem blöde Idee gewesen, das zu trinken. Wir kamen durch ein ganzes Viertel von Teppichhändlern. In sämtlichen Läden und Einkaufszentren wurde nichts als Teppich verkauft und ein starker Geruch nach Leim lag in der Luft. Ich fragte mich langsam, ob die Geschäftslizenzen stadtviertelweise vergeben wurden, und ob wir wohl noch auf die Schokoladenstadt stoßen würden. Zunächst stießen wir auf das Aquädukt; das war doch auch etwas. Es bestand aus zwei Reihen steinerner Bögen, zwischen ihnen führte die Schnellstraße hindurch; es waren stolze zehn Fahrspuren. Zu einer Seite hin flachte sich das Bauwerk stufenweise ab um das Wasser durch das natürliche Gefälle zur Stadt hin zu transportieren. So stand es nun einfach da, 600 Meter lang, wie von einem Riesen aus einem anderen Land und einer anderen Zeit aus dem Boden gerissen und hier wieder abgelegt. Es war weder touristisch ausgebaut, noch abgesperrt; es stand einfach da. Ich schätze, dass sich eine Stadt wie Istanbul es leisten kann, nicht auf alle Denkmäler so viel Acht zu geben. Der Rest des kilometerlangen Aquädukt-Netzes war im Laufe der Zeit abgetragen und zum Bauen verwendet worden.
Wir kamen durch einen Park; hier beschloss ich mein Navi nach einem Supermarkt zu fragen. Überraschenderweise funktionierte das besser als zum Beispiel in Warschau, wo alle verzeichneten Geschäfte entweder schon pleite gemacht oder ihr Sortiment komplett umgestellt hatten.
Während ich auf ein Signal wartete, fiel mir eine Moschee auf, an der eine elektronische Tafel angebracht war. In roter Laufschrift konnte man lesen, wann das nächste Gebet stattfand. Es erstaunte mich manchmal, wie sehr manche Leute mit der Zeit gingen ohne auf Tradition zu verzichten.
Der Supermarkt war wirklich ein Supermarkt, mit angenehmer Kühlung. Wir kauften uns zur Abwechslung mal Saft und ein paar Kekse, damit setzten wir uns in den nahe gelegenen Park an einem Spielplatz und beobachteten den Mann, der sich an den Geräten zu schaffen machte. Mir wurde bewusst, dass es gar kein Spielplatz war, sondern eher ein Open-Air-Fitness-Studio.
Er fühlte sich wahrscheinlich zu beobachtet und verschwand.
Burcu hatte uns empfohlen, Miniaturk anzusehen - die Türkei im Handtaschenformat, die berühmtesten Denkmäler als Modell aufgebaut. Aus irgendeinem Grund versuchten wir nicht mal, es zu finden und liefen stattdessen quer durch die unbekannte Stadt. Ich hatte das gute Gefühl, eigentlich alles gesehen zu haben, was ich wollte. Nun war es an der Zeit, mit unserer gewohnten Gelassenheit an den Rest des Tages ranzugehen. Wir waren nicht die einzigen, die einfach in den Tag hineingingen. Da waren zum Beispiel diese freilaufenden Hühner mitten auf der Straße. Matthias war entzückt - so hatte er sich Istanbul eigentlich vorgestellt. Katzen und Hunde lagen im Schatten der Häuser und unter den parkenden Autos; es war ein idyllisches Bild.
Nach einer Weile erreichten wir das Marmarameer auf der anderen Seite der Stadt. Es war so unglaublich schmutzig, dass wir kaum unsere Füße hineinzuhalten trauten. Undefinierbares, schwammartiges Material, verschimmelte Lebensmittel und tote Fische trieben in der harmlos glänzenden Brühe mit der Strömung umher. Viele große graue Felsen lagen als Wellenbrecher im Wasser längs der Hafenmauer. Vereinzelt saßen Angler oder Touristen darauf, und an einer Stelle standen zwei junge Männer, die Miesmuscheln in einem großen Sack hin und her schleuderten und die zerbrochenen Schalen ins Wasser warfen. Wir machten es uns auf einem Stein bequem und beobachteten sie eine ganze Weile. Das Wasser unter ihnen glänzte durch das viele Perlmutt der Muschelschalen schon wie ein Spiegel. Den Muschelinhalt gab es vermutlich später geröstet an einem der vielen Imbissstände nahe der Altstadt. Stieg das Wasser leicht an? Eine Welle schwappte Matthias über den Hosenboden. Wahrscheinlich war es nur Einbildung. Als Matthias das Bein einschlief, machten wir uns auf den Weg in eine andere Richtung. Auf dem Weg lagen einzelne ausgemachte Muscheln, die eher wie in der Sonne verendete Nachtschnecken aussahen und fürchterlich nach faulem Fisch stanken. Wir nahmen einen Abstecher in eine Gasse Richtung Altstadt und waren mitten in einem armenischen Viertel gelandet. Alles wirkte ein wenig mehr wie Italien, eng beieinander stehende Häuser in freundlichen Rottönen gestrichen und mit verzierten Balkonen bestückt. Nur die Wäscheleinen von Haus zu Haus fehlten. Am Anfang dieser Straße stand eine Kirche, die auf Türkisch und mit armenischen Schriftzeichen ausgezeichnet war. Ich hatte leider nie die armenische Schrift lesen gelernt, kannte sie aber aus Büchern. Wir lugten durch das Eingangstor. Niemand war da. Ich hatte noch nie eine armenische Kirche von innen gesehen, wollte aber nicht weiter vordringen ohne von jemandem eingeladen zu werden. Weitere Gebäude mit armenischen Schriftzeichen folgten, wir gingen die gepflasterten Gassen entlang, die als Marktplatz verwendet wurden. Verkäufer saßen auf Decken neben dem Bordstein, ließen es aber gemütlich angehen. Dieses Viertel schien gar nicht mehr zur Türkei zu gehörten, selbst ältere Frauen liefen ohne Kopftuch umher. Vor einer weiteren Kirche wurden Bücher und CDs mit geistlicher Musik verkauft, und eh wir uns versehen, wurden wir in die Kirche hineingebeten. Es war ein merkwürdiger Ort; es erinnerte mich an die amerikanischen Kirche aus dem Fernsehen; es war eher ein Gemeindehaus, ausgelegt mit rötlichem Teppich, aber wir sollten die Schuhe nicht ausziehen. Auch als ich meine Strickjacke zuknöpfen wollte, wurde abgewinkt. Sie ließen uns und das amerikanische Paar, das mit uns hineingegangen war, wissen, dass hier alle Christen willkommen waren. Jetzt wurde es peinlich, denn sie wollten von uns wissen, welche Glaubensrichtung wir waren. Ich glaube, sie erwarteten, dass wir zum Beten hinein gegangen waren, aber ich wollte ungern sagen, dass wir Atheisten sind. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach sagen sollen, dass ich Pastafari bin - das klingt schön nach einer Religionsgemeinschaft und ist noch nicht mal gelogen. Pastafari nennen sich Anhänger einer Spaß-Religion, die das fliegende Spaghettimonster als Schöpfer der Welt verehren und eine gesunde Einstellung zu anderen Religionen haben, aber sie am liebsten auf die Schippe nehmen. Die Kunde des Spaghettimonsters ist vermutlich noch nicht bis ins armenische Viertel von Istanbul vorgedrungen und hätte mich wohl aus dieser Lage befreien können. Zum Glück konnte der Mann, der uns eingelassen hatte, weder deutsch noch englisch, weshalb wir mit Kopfschütteln davon kamen. Enttäuscht drehte es sich weg und wir verließen die Kirche auf der Stelle. Diplomaten werden wir wohl keine mehr werden.
Das Viertel wurde feiner und bestand nach einer Weile nur noch aus Restaurants mit angegliedertem Straßencafé, dann wurde es wieder belebter und bodenständiger. Es wurde Pilaw auf der Straße verkauft, aber ich fühlte mich überhaupt nicht hungrig, obwohl ich dieses Reisgericht seit unserer Ankunft hatte essen wollen. Wir spazierten daran vorbei und fanden uns mit einem Mal auf der chaotischen Hauptstraße wieder, an der auch die Straßenbahn hielt. Hier ragte die Konstantinsäule in die Luft, eingepackt wie zum Mitnehmen. Dem Schild an der Absperrung war zu entnehmen, dass sie restauriert wurde. Beeindruckende 1679 Jahre war sie alt. Man hatte sie schon Anfang des 12. Jahrhunderts reparieren müssen und hatte Ringe rundherum angebracht.
In der Straßenbahn konnte man auch wieder kaum stehen, und diesmal kam zu der klaustrophobischen Atmosphäre eine gruselige, laute, metallisch klingende Stimme hinzu. Zuerst dachte ich, es wäre eine Durchsage, aber immer mehr Leute schauten in eine bestimmte Richtung. Ich konnte den Mann von meinem Standort aus nicht sehen, aber ich glaube, er sprach durch eines dieser Geräte, die Leute bekommen, wenn ihnen durch zu exzessives Rauchen der Kehlkopf entfernt werden musste.
Ein letztes Mal nun fuhren wir mit der Straßenbahn, und ich war weiß Gott froh, dass kein religiöser Fanatiker auf die Idee gekommen war, uns darin in die Luft zu sprengen.
Noch eine letzte Station stand auf dem Plan bevor wir morgen nach Athen abfliegen würden - die große Autobahnbrücke über den Bosporus. Matthias wollte unbedingt einmal darunter stehen, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Laut Navi sollten es nicht mehr als 6 Kilometer sein... wir kamen an einer Hafenpromenade mit Cafés vorbei, an vielen hohen Mauern und Toren, verließen die Stadt und waren immer noch nicht da. Dann endlich waren wir fast zum Greifen nah - aber kamen nicht näher. Zu allen Seiten war der Zugang zur Brücke verbaut, und es war noch ein ganzes Stück um die Straße zu erreichen, die über die Brücke führte. Wir versuchten es noch von der Meeresseite aus, aber der Weg endete in einer Absperrung, die man nur durch Schwimmen hätte überwinden können. Wir ruhten uns auf einem Platz vor einem Café am Wasser aus und genossen den sich zum Ende neigenden Tag. Am Abend war dieser Teil der Stadt sicher ein beliebter Ort für junge Leute zum Ausgehen. Eine auffällige Moschee ragte über die Häuserdächer hinaus; sie wirkte barock - schwer und gleichzeitig verspielt. Durch ihre Eingangsportal glimmte ein wuchtiger Kronleuchter aus geschliffenem Glas. Doch es war Zeit, zu Burcu zurück zu kehren. Sie erwartete uns und einen weiteren Gast am Abend zum gemeinsamen Abendessen.
Wir nahmen die nächste Fähre zurück. Im Wartebereich lief türkisches Fernsehen auf einem Flachbildschirm an der Wand. Wir hatten den Akbil dort abgegeben, wo wir ihn gekauft hatten, und ich hatte auch nur noch einen Jeton übrig für die letzte Überfahrt mit der Fähre. Ich steckte ihn in den Automaten und er fiel durch. Ich probierte es noch mal. Irgendwann erbarmte sich jemand mich aufzuklären: Für die Fähre waren nur Fähren-Jetons gültig. Die kosteten genauso viel und sahen fast genau so aus wie die Straßenbahn-Jetons, aber vermutlich wollten die Verkehrsbetriebe die Möglichkeit haben, getrennt voneinander die Fahrpreise zu erhöhen.
Burcu war auch schon wieder zu Hause und hatte Tee und eine Vorsuppe vorbereitet. Die Suppe hatte eine senfige Farbe und bestand aus einer Reihe seltsamer Gewürze, die ich mir zeigen ließ, aber keine Ahnung hatte, wie man das Zeug auf Deutsch nennen würde. Es gab eine spezielle Gewürzmischung, die offenbar ganz typisch türkisch war, und die ließ ich mir für alle Fälle aufschreiben. Nur schade, dass ich den Zettel nicht mehr finde...
Burcu hatte sich die Mühe gemacht, eine spezielle türkische Frucht für uns zum Nachtisch zu reichen; sie begann zu erklären, wie man diese Frucht am besten isst, bis ich das Lachen nicht mehr halten konnte und ihr sagte, dass wir auch in Deutschland Datteln kannten.
Mit einiger Verspätung fand Burcus zweiter Couchsurfing-Gast ihr Zuhause. Es war ein US-Amerikaner, der als Lehrer im Irak arbeite. Sie war sehr begeistert von der Idee gewesen, dass ein idealistischer Amerikaner sich gegen seine eigene Regierung stellt und dort hilft, wo er am meisten gebraucht wird. Dementsprechend enttäuscht war sie, als sie erfuhr, dass Dan einfach nur in diese Arbeit hineingerutscht war, weil ihm das Geld ausgegangen war und er sonst keinen Job finden konnte. Auch er kannte Datteln. Ich hatte bei meinen Besuchern mehr Glück, wenn ich ihnen Rhabarber zu kosten gab, denn das hatte außerhalb von Deutschland noch nie jemand gesehen.
Nachdem sich Dan frisch gemacht hatte, beschlossen wir auszugehen. Burcu kannte einige gute Restaurants, in denen auch sie bekannt war, und wir bekamen den schönsten Tisch oben auf einer Dachterrasse. Die Restaurants dieser Straße hatten Vereinbarungen untereinander abgeschlossen, sodass man im einen die Vorspeise kaufen und in das nächste Restaurant mitnehmen konnte. Burcu suchte uns eine ganze Reihe an seltsamen grünen und braunen Dingen heraus, die wir unbedingt probieren sollten. Mein Magen rumorte immer noch, was angesichts des Essens nicht besser wurde. Es war eine seltsame Mischung aus scharf, noch schärfer und undefinierbar. Es war kein Wunder, dass immer für Wassernachschub durch die Kellner gesorgt wurde ohne dass wir es bestellen mussten.
Burcu war in ihrem Element als Gastgeberin und bestellte uns zusätzlich zu dem billigsten Dönergericht, das wir finden konnten, Türkische Pizza. Ich sah unser Restgeld schon im Nirgendwo verschwinden und ein Schuldenberg hinterlassen, doch dann bestand sie zum Glück darauf, uns die Pizza auszugeben.
Das Essen war gut, und dass muss es wirklich sein, wenn sogar ich das sage. Am Ende bekamen wir noch kostenlos einen Stammkundenkaffee bzw. -tee dazu, während um uns herum schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch Burcu hatte noch einen Spaß für uns in der Hinterhand: Die Zukunft im Kaffeesatz zu lesen. Wenn sich irgendein Kaffee dafür eignete, dann war dies türkischer, der eigentlich mehr aus Satz bestand als aus Wasser. Das funktionierte dann so: Burcu nahm die Tasse mit dem Satz und kippe sie auf die Untertasse um. Dann wartete sie einige Minuten darauf, dass sich ein interessantes Muster bildete. Die Zukunft las sie dann in der Tasse selbst, in deren Inneren sich filigrane Linien und Muster gebildet hatten. Ich sollte mich zuerst am Zukunftslesen versuchen. In Burcus Tasse war ein ganzer Wald zu sehen; das sagte mir, dass sie uns bald in Deutschland besuchen würde. In Dans Tasse hingegen war Wüste - er würde zurück in den Irak gehen. Irgendwie befriedigte meine Deutung sie nicht ganz. Aber dann wurden wir auch schon vor die Tür gekehrt.
Der Abend war schön und warm, und uns stand der Sinn nach ein wenig Alkohol. Es war zwar der Fastenmonat Ramadan, aber das stellte kein Problem dar, wenn man Alkohol kaufen wollte. Wir fanden einen kleinen Laden, der noch offen hatte und ich besorgte eine Flasche Wodka, die ich mit Kreditkarte bezahlen konnte. Dazu noch Saft, und wir waren für den Abend gerüstet. Die anderen besorgten sich Bier. Burcu brachte uns hinunter zum Hafen. Sie erzählte, es war sonst ein beliebter Ort für junge Leute, die dort auf den großen flachen Steinen saßen, tranken und Musik hörten. Sie hatte Musik auf ihrem Handy und stellte es laut. Während schon bald eine Diskussion über Musik entbrannte, trank ich einen Schluck von dem Wodka-Fusel und lehnte ich mich zurück, sah über das Wasser, in das sich die Lichter der Stadt mischten: Moscheen, Brücken, Häuser und Straßen - alles leuchtete über die Sterne hinweg. Das Wasser schlug sanft an die Steine und die Nacht legte ihren Mantel darüber. Ich schlug vor, baden zu gehen, doch das wurde mir dringend abgeraten, und auch ich erinnerte mich wieder an die Qualität des Meerwassers. So blieben wir weiter liegen und die Stunden zogen dahin. Wollten wir nicht morgen unsere letzten Stunden damit verbringen, die asiatische Seite von Istanbul anzusehen? Es war zu diesem Zeitpunkt schon relativ klar, dass wir wahrscheinlich lieber ausschlafen würden. Dieser Zeitpunkt war vier Uhr morgens. Wir begaben uns langsam auf dem Weg zurück, als uns Dan wiederfand, der nur eben einen Ort zur Erleichterung gesucht hatte und geschlagene 20 Minuten weg gewesen war.
Mir war alles recht. Burcu machte sich über mich lustig, weil ich selbst noch in meinem Zustand darauf achtete, dass alles Verpackungsmaterial ordnungsgemäß im überfüllten Papierkorb verschwand.
Ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, schauten wir uns noch eine halbe Stunde lang Burcus besten Kurzfilme an, von denen einer sogar mal bei einem Filmfestival gelaufen war. Bei einer Filmstudie über das nächtliche Istanbul, Prostituierte und Transen im Zeitraffer nickte ich kurz weg, wurde aber rechtzeitig munter um ihr zu sagen, wie toll ihre Filme waren. Dann fiel ich ins Bett.
Montag, 26. Oktober 2009
Istanbul, Tag 3
16.9.
Heute war Reste-Sightseeing angesagt - ich hatte uns vorgenommen, alle Sehenswürdigkeiten der Innenstadt zu besichtigen, die wir in den ersten beiden Tagen übersprungen hatten. Matthias hatte keine Stimme im Parlament und musste hinter mir und meinem Reiseführer hinterher trotten. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee von Innen sehen...
Wir begannen die Tour wieder im Park an der Blauen Moschee, aber aus ganz praktischen Gründen: Ich brauchte Internet, und dort gab es WLAN. Istanbul wollte als europäische Kulturhauptstadt 2010 etwas hermachen; sie nahmen nicht nur Restaurierungsarbeiten an den bekanntesten Kulturdenkmälern vor, sondern wollten der Stadt ein modernes Image geben - deshalb flächendeckendes drahtloses Internet im Park. Ein netter Gedanke, aber an der Umsetzung haperte es etwas. Bevor man ins Internet durfte, wurde man zu einer Webseite umgeleitet, auf der die Nutzungsbedingungen auf englisch und türkisch nachzulesen waren, die man erst mit einem Klick auf einen weißen Link auf weißem Grund zwischen den beiden Absätzen akzeptieren musste. Wahrscheinlich hatte schon jemand diese Netzwerke zum Filmesaugen gefunden, oder dahinter hing ein 56k-Modem - jedenfalls brauchte ich eine gute Stunde um das Foto vom 16.9. und die Meldung "Istanbul steht nicht unter Wasser" in den Blog hineinzubringen. Unter diesen Umständen möge man mir verzeihen, dass ich nicht mehr geschrieben habe...
Gegen 11 Uhr konnte die Tour nun fast losgehen. Erst gingen wir noch schnell in die Touristeninfo, weil wir uns nicht einigen konnten, wer die Türkeikarte, und wer die Istanbul-Stadtkarte behalten sollte und holten uns von jeder Sorte eine weitere. Dann entdeckten wir den Eis-Stand mit Slush, dieses gehäckselte Eis mit Farbe und Geschmack, und es kostete nur halb so viel wie in Hamburg und ein Viertel von allen anderen Ländern, wo wir es gesehen hatten. So verpflegt gingen wir Richtung Palast. Diesmal gingen wir durch die im Reiseführer beschriebene Holzhäusergasse und stießen auf die erste Touristengruppe. Die Anwohner ignorierten sie völlig und schlossen demonstrativ die Türen hinter sich, auch wenn sie nur die Zeitung holten, um den neugierigen Blicken ins Innere keine Chance zu geben. Zur anderen Seite hin bildete die Mauer zum Palast oder etwas anderem Wichtigen den Abschluss. Am Ende der Gasse führte ein goldverziertes Tor in einen weit ausladenden Innenhof - ein zweiter Eingang zum Palast. Er musste riesig sein. Wir folgten dem begrünten Weg, der sich in nach hundert Metern verzweigte. Der eine Weg führte zum Palasteingang, der andere war halb abgesperrt mit einem Schild davor: Betreten verboten. Man kann sich ausmalen, wohin die meisten Besucher als erstes gingen - könnte ja sein, dass man etwas verpasst, wenn man nicht den verbotenen Weg nimmt, oder noch schlimmer: Was ist, wenn man zurück aus dem Palast kommt und das Schild verschwunden ist?
Genug Touristen strömten dennoch zum Palasteingang, vor allem Reisegruppen mit Fähnchen und Regenschirmen; der Palast gehörte ja in jedes Reiseprogramm. Wir gingen nicht hinein, denn genauso abschreckend wie der bewaffnete Wachmann gestern waren die Eintrittspreise heute. Dabei hätte ich gern den Harem und die Schatzkammer gesehen, die so viele Autoren inspiriert haben. Allerdings wollte ich auch nicht mein Kreditkartenlimit sprengen. So gingen wir weiter; es gab noch genug zu sehen.
Zum Beispiel stellte sich der Bahnhof, an dem wir ursprünglich hätten ankommen sollen, als der Bahnhof des Orient Express' heraus. Diese berühmte Zuglinie endete hier in Istanbul im Sirkeci Gari, der extra zu diesem Zweck Ende 1800 gebaut wurde. Er wirkte genau, wie man sich ihn vorstellen würde: Innen wie eine gewöhnliche Bahnhofshalle, aber mit Fenstern wie aus einem Sultanspalast, ausgeschmückt mit Buntglas und Ornamenten.
Diese verspielte Leichtigkeit zu sehen ist immer wieder das schönste beim Reisen in orientalisch geprägte Länder. Am schönsten von allen sind aber die Moscheen. Davon standen heute eine ganze Menge auf dem Programm. Die erste war die Yeni Camii, die Neue Moschee direkt am Ufer des Goldenen Horns.
Im Innenhof wuschen sich gläubige Männer am schlösschenartigen Reinigungsbrunnen die Füße, die Hände und das Gesicht; es standen gruppen- und schlangenweise verhüllte Frauen und Touristen auf dem marmornen Boden, die darauf warteten, eingelassen zu werden. Es dauerte ein wenig, weil am Eingang erst die Schuhe ausgezogen und in Beutel verpackt werden mussten. Das gehörte zur üblichen Prozedur - an jeder größeren Moschee stand ein mit alten Tüten gefüllter Container, oder auch Ständer mit rollenweise aufgewickelten Tüten aus dem Supermarkt. Auf diese Weise konnte man seine Schuhe während des Besuchs bei sich tragen und es gab kein Chaos beim Verlassen der Moschee und Wiederfinden der Schuhe. Das konnten sich nur kleinere Moscheen leisten, die für diesen Zweck Schuhregale am Eingangsbereich aufgestellt hatten.
Für Touristinnen gab es oft einen weiteren Behälter mit Kopftüchern zum Ausleihen. Nicht jede war davon ausgesprochen begeistert. Ich hatte mein eigenes Kopftuch dabei, das aber nicht wie die ausgegebenen ein halbes Kleid war, deshalb knüpfte ich meine Strickjacke bis oben zu um meinen Ausschnitt zu verdecken. Später in der Moschee erklärte ein türkischer Touristenführer einer Gruppe Amerikanern den islamischen Glauben und warum alles so ist wie es ist. Zum Beispiel müssen sich die Frauen schlicht deshalb verhüllen und in einer anderen Ecke beten um die Männer nicht mit ihren Reizen abzulenken. Er zeigte bildlich, was passieren würde, wenn sich eine unverhüllte Frau vor einem Mann beten würde - das erfordert viel Hinknien und Vornüberbeugen, und die Konzentrationsfähigkeit des Mannes auf den Propheten ist dahin. Das Vornüberbeugen ist übrigens auch der Grund dafür, weshalb man sich vor dem Beten waschen muss: Wenn die Stirn den Boden berührt, auf dem der Vorgänger mit Schweißfüßen gestanden hat... als ich die Männer so beobachtete, fragte ich mich, bis in welches Alter man so beten konnte, und ob man die Religion wechseln konnte wegen Bandscheibenproblemen.
Wir mussten noch draußen warten bis das Mittagsgebet vorbei war, denn zur Gebetszeit waren keine Touristen zugelassen. Ein bisschen Hunger stellte sich ein. War es angemessen, in der Fastenzeit im Innenhof einer Moschee zu essen? Verstohlen holten wir den Rest des Lokums aus der Tasche und teilten es unauffällig untereinander auf - die meisten Leute hier waren eh Touristen.
Endlich konnten wir hinein. Die Touristen traten sich gegenseitig auf die Füße. Wie in einem Zoo war ein Teil der Moschee für die Betenden abgesperrt worden, vor dem sich die Touristen drängten, sie beobachteten und Fotos schossen. Seltsam, dass hier überhaupt Leute zum Beten hinkamen, wo es doch mindestens zehn andere Moscheen pro Quadratkilometer gab. Und wie konnte man sich in diesem herrlichen Fliesenparadies auf Gott und die Ewigkeit konzentrieren, wenn man von dieser ganz und gar irdischen Schönheit umgeben war?
Wir hörte eine Weile dem vorhin erwähnten Touristenführer zu, der seiner Gruppe einredete, man dürfte die Blaue Moschee während des Ramadans als Tourist nicht betreten. Er bemühte sich um Völkerverständigung; vielleicht wollte er deswegen seinen Landleuten eine weitere Gruppe lärmender Amerikaner ersparen.
Wir traten vor die Tür und gaben die Schuhbeutel zum Recycling zurück. Es war jedoch immer schwierig, in dem Gedränge die Schuhe an- und auszuziehen; es gab zwar die Möglichkeit, neben der Tür erhöht zu sitzen, aber der Ein- und Ausgangsbereich gehörte noch zur Moschee, und auf den Türmatten-Teppich durfte man auch nur barfuß laufen. Mich wunderte, dass sie in den Stoßzeiten überhaupt Touristen hineinlassen. Und dann stellte ich mir vor, wie so ein deutscher Dorfpriester die Heilige Messe abhält und eine Reisebusladung in Burkas gehüllte Touristinnen durch seiner Kirche laufend, schwatzend Fotos macht. Ob ihn nicht eine gewisse Verzweiflung überkommen würde?
Es war Zeit über das Mittagessen nachzudenken. Eigentlich dachten wir nicht weiter nach, sondern gingen gleich wieder an die Fischimbissstände am Ufer des Goldenen Horns, wenn wir schon einmal da waren. Wir liefen mit dem Essen noch ein Stück weiter, weil dort wieder die Verkäufer mit den lärmenden Spielzeugen saßen, und ich kann die Melodie jetzt beim Aufschreiben immer noch hören - über einen Monat später. Wir entdeckten, dass man die Brücke zum Genueser-Viertel auch unterhalb der Straße überqueren konnte. Dort hatten sich piekfeine Restaurants eingerichtet, die immer teurer wurden, je weiter man sich vom Ufer entfernte. Wir blieben am Geländer stehen und blickten auf das glitzernde Wasser. Mein Handy meldete sich; es wurde Zeit, dass ich mit unserer neuen Gastgeberin in Kontakt trat. Wir hatten mit Azat nur drei Übernachtungen verabredet; die letzten beiden Nächte wollten wir bei Burcu auf der asiatischen Seite Istanbuls bleiben. Sie war noch auf Arbeit und wir verabredeten uns für 19 Uhr. Das war natürlich eine völlig aus der Luft gegriffene Zeit, aber ich wollte ungern hinzufügen "falls wir dich finden..."
So, nun mussten wir uns sputen, dass wir mein geplantes Tagesprogramm durchziehen zu können. Armer Matthias. Wir gingen zurück zur Neuen Moschee, denn in ihrer unmittelbaren Nähe lag der Ägyptische Basar. Ich hatte nun Matthias überzeugt, dass wir undbedingt zweieinhalb Kilo Lokum bräuchten und zog ihn quer durch den Basar, bis wir vor dem entsprechenden Verkäufer standen. Wir ließen uns die fünf Packungen geben, aber das Geld dafür sollten wir im hinteren Teil des Ladens bei seinen Geschäftspartnern bezahlen. Die hatten eine richtige Ladentheke und eine moderne Kasse und machten sofort die romantische Basar-Stimmung zunichte. 15 Lira kostete es und ich bekam einen Kassenzettel. Einen Kassenzettel auf einem Basar? Das garantiert ja fast, dass man nicht mehr übers Ohr gehauen wird. Mir würde etwas fehlen ohne die kleinen Betrügereien und das Feilschen, das ja auch zum eigenen Gunsten ausgehen kann. Zum Beispiel gelang es mir bei einem Gewürzhändler; er war am Ende so erstaunt über mein Verhandeln, dass er mich fragte, ob ich verheiratet sei.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unser Einkaufsbummel auf dem Ägyptischen Basar schon zu dieser Tageszeit nicht die beste Idee war, weil wir jetzt die schweren Tüten durch die ganze Stadt schleppen mussten. Durch das dichte Marktgedränge bahnten wir uns den Weg zu einem dieser Fußwege, die einen Berg hinauf führten und aus in unregelmäßigen Abständen angebrachten Betonstufen bestanden. Dort rissen wir die erste Packung auf. Es stiebte heftig und der Puderzucker darin verteilte sich auf unsere Kleidung und den Boden. Es waren kleinere Stückchen Lokum in der Packung, in zartbunten Farben. Es gab zum Beispiel roséfarbene Rosenblüten-Stückchen, cremefarbene Orangen-Stückchen und zartgrüne Pfefferminzstückchen, die jedoch ein wenig an einen Zahnarztbesuch erinnerten. Wir packten es zusammen und gingen weiter. Irgendwo hier in diesem Gewirr von Menschen und Gassen musste eine weitere Moschee stehen, die clevererweise direkt in den Basar eingebaut wurde. Und plötzlich standen wir davor. Wie vom Reiseführer beschrieben, stand die Moschee hoch oben auf einem Sockel und in den Nischen in ihrem Sockel befanden sich Geschäfte. Es war nicht so einfach, den Eingang zu finden ohne ausversehen in einem der Läden zu landen. Schließlich fanden wir eine enge Gasse, die voller Waren vollgestellt war - ich glaube, es waren verpackte Stoffe - und sie führte zu einer Pforte. Männer saßen neben ihren ausgezogenen Schuhen auf dem Boden, und wir waren schon drauf und dran, umzukehren, als ein älterer Mann aufstand und uns hilfsbereit den Weg zum Eingang über eine Treppe nach oben zeigte. Ich weiß nicht, ob er Geld erwartete, aber zum Glück erwartet niemand, dass nur die Frau das Geld dabei hat und sich der Mann von ihr aushalten lässt. Eine exzellente Verwirrungstechnik, wie ich finde.
Die Basar-Moschee trug den Namen Rüstem Paşa und war besonders durch seine Vielzahl an unterschiedlichen und kunstvoll gestalteten Tulpenblütenfliesen bekannt geworden. 100 verschiedene Tulpenarten, schrieb mein Reiseführer. Ich fragte mich, wer das nachgezählt hatte. Sicher keine Frau, denn die durfte sich bestimmt nicht frei in der Moschee bewegen. Wir standen wieder hinter der Absperrung vor dem Zoo der Betenden. Es war eine kleinere Moschee; kein Vergleich mit den bisher gesehenen. Sie wirkte schon fast wie ein Wohnzimmer, mit dem blau besticktem rötlichen Teppich. die Minbar erinnerte ein wenig an einen offenen Kamin; es hätte nur noch ein Fernseher gefehlt. Unsere Schuhe hatten wir diesmal draußen im Schuhregal lassen müssen. Wahrscheinlich finden nicht viele Touristen diesen Ort, aber immer noch genug, um den Betenden einen Raum absperren zu müssen und draußen einen Souvenirstand mit nachgebildeten Fliesen und Postkartefotos der Fliesen zu haben. Aber es waren wirklich schöne Blumenmotive dabei. Da es in alten Zeiten verboten war, Menschen abzubilden, mussten sich die Künstler eben Alternativen einfallen lassen. Wir ruhten uns noch kurz aus und naschten Lokum. Matthias stöhnte auf, als ich ihm unser nächstes Ziel mitteilte: Die Süleyman-Moschee. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee betreten. Das war genau wie in Italien, als wir jede größere Kirche betreten hatten, und in Holland, wo wir in jedes Schifffahrtmuseum gegangen sind. Irgendwann reicht es... aber solange es nur Matthias reichte, gingen wir noch in Moscheen hinein. Die Süleymaniye stand wieder hoch oben auf einem Berg; unfaiererweise wurde dies auf der Stadtkarte nicht gekennzeichnet. Sollte ich jemals einen Istanbul-Reiseführer herausbringen, dann werde ich auf der Stadtkarte Höhenlinien wie in einem Atlas einzeichnen. Wir schnauften schon wieder in der Wärme, zum Glück waren die Gassen eng und schattig. Zu eng um gleichzeitig mit einem Auto hinein zu passen. Während Matthias floh, drückte ich mich in einen Hauseingang auf eine etwas erhöhte Stufe, aber selbst die ist kein Hindernis für einen echten Istanbuler Autofahrer. Wie er es schaffte, keinen Spiegel abzubrechen, ist mir bis heute ein Rätsel. Kisten standen im Weg, und junge Burschen zogen wie Esel vor ihre Karren gezäunt hinterher. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen, und hier sah ich die kleinste Moschee bisher; es war ein zwischen Häusern eingebauter Schuppen mit einem schön verzierten Fenster. Sie hatte nicht mal ein Minarett, dafür aber eine Hinweistafel, die sie als Moschee auszeichnete. An einer anderen Schuppenwand war mit weißer Farbe "Süleymaniye" geschrieben, versehen mit einem weißen Pfeil den Berg weiter hinauf. Die Gegend wurde vornehmer und die ersten Souvenirläden tauchten an den behauenen weißen Steinmauern auf. Vier Minarette erhoben sich hinter der Mauer, in die vergitterte Fenster eingelassen waren. Wir hatten die Süleymaniye gefunden. Auf dem Weg zum Eingang kamen wir an Restaurants vorbei, vor denen die bei uns längst aus der Mode geratenen Sitzsäcke lagen und Besucher anlocken sollten. Postkarten über Postkarten befanden sich an Ständern längs der Souvenirläden und ein traditionell gekleideter Mann mit einem riesigen, silbrig glänzenden Samowar auf dem Rücken versuchte Touristen zu einem Foto mit ihm zu überreden. Das machte er nicht etwa, weil es hier keine Karnevalsvereine gab, sondern um den Touristen Geld für das Foto abzuknöpfen. Das schienen die meisten zu wissen, weshalb sie dankend oder nicht dankend ablehnten. Der Samowar-Mann wurde langsam ärgerlich. Wahrscheinlich hatte er sich von der Investition in das Kostüm mehr versprochen.
Wir erreichten die Süleymaniye. Es war eine der prachtvollsten Moscheen, aber leider zur Renovierung geschlossen. Allein die Vorhalle konnte betreten werden. Sie war mit Hilfe einer hineingezogenen Zwischenwand vom eigentlichen Innenraum abgetrennt worden, man hatte eine Reihe von Lampen an jeder Seite aufgehängt und aus dem Vorraum eine provisorische Moschee gemacht. Viele Touristen liefen umher; auch zu ihnen hatten sich die Bauarbeiten noch nicht herumgesprochen. Jedoch gab es auf dem Gelände der Moschee noch eine Besonderheit: Ein islamischer Friedhof mit Mausoleen. Die Grabmale ragten wie Zeigefinger aus dem Boden, hoch wie eine Person, nach oben hin verdickt und oft mit einer steinernen Blume oder einem Turban abgeschlossen. Im Dunkeln musste es wie eine regungslose Armee, oder eher wie eine Wache aussehen. Eine Wache für die hier begrabenen Könige. Wie um ihre Harmlosigkeit zu betonen, räkelten sich junge Katzen auf den sonnengewärmten Steinen. Der Steinweg hindurch war ausgetreten von den Besuchern aus vielen Jahrhunderten. Jahrhunderten? Ich versuchte die in arabischen Buchstaben gemeißelten Grabsteininschriften zu entziffern, zumindest einen Namen, doch ich musste mich geschlagen geben. Das einzige, was ich lesen konnte, waren die Daten, und selbst die konnten eigentlich nicht stimmen - Strich, Strich mit einem Krakel, noch so einer, dann ein Strich mit zwei Krakeln - das war das Jahr 1223. Im Reiseführer stand, dass das Mausoleum es erst 1566 erbaut wurde. Dann fiel mir ein, dass die islamische Zeitrechnung erst deutlich später als die christliche begann. Erst jetzt wurde mir der Einfluss des Christentums auf den Rest der Welt bewusst - selbst in islamischen Ländern rechnet man jetzt in christlicher Zeit, und selbst die Wissenschaft schreibt "vor Christi Geburt". Wie soll es bei so einer Grundlage zu einem gerechten Frieden auf der Welt kommen? Aber woran denke ich schon wieder - Matthias langweilt sich, und ich stehe hier vor einem Grabstein und lasse meine Gedanken ins Seltsame schweifen. Es ist übrigens das Jahr 1808 oder 9 gewesen, wie ich später im Internet herausfand. Es erstaunt mich selbst immer wieder, was man alles im Internet erfahren kann.
Wir verließen das Moscheen-Gelände als zum Gebet gerufen wurde. Aber in welche Richtung lag die Innenstadt? Selbst auf einem Hügel zu stehen, hilft in einer Stadt wie Istanbul nicht weiter. Wir gingen durch ein Tor, das wir zunächst für ein Eingang zur Universität hielten, aber es war doch nur ein kleiner botanischer Garten mit vielen dutzend Katzen, die mit den Jugendlichen spielten, die eigentlich nur in Ruhe unter einem Baum sitzen und reden wollten. Es waren Mädchen mit Kopftuch, aber auch ohne Kopftuch. Ich finde, das sollte erwähnt werden.
Wir gingen auf dem gleichen Weg nach draußen zurück, denn der Weg durch den Garten war eine Sackgasse. Als wir genau in die andere Richtung gingen, kamen wir auf eine breite Straße, die uns bald zur richtigen Universität führte. Uns schon, die Autofahrer nicht. Die Straße war komplett dicht, und nicht mal mehr die Polizei kam durch. Die Polizisten benutzten ihre Sirene als Hupe und ließ die Fahrer irgendetwas durch ein Megafon wissen.
Es war eine westliche Geschäftsstraße, aber jeder Laden verkaufte nur eine Art von Ware. Wir kamen an einem Stoffgeschäft vorbei, an zwei Knopfläden, einem Gürtelgeschäft, einem Gürtelschnallengeschäft und schließlich nochmal an einem Stoffgeschäft. Hier kannte man jedenfalls keinen Mangel.
Wir gelangten an einen ausladenden, gepflasterten Platz, auf dem Schwärme von Tauben nach Brotkrumen pickten. Die türkische Fahne flatterte vor dem prunkvollen Eingangstor zum Campus der Universität. Leider war es zugeschlossen; es wäre sicher interessant gewesen, sich auf dem Universitätsgelände umzusehen. Gegenüber ragten die Minarette der ältesten original erhaltenen Moschee Istanbuls in die Luft. Matthias stöhnte nur auf und ich beschloss, ihn diesmal zu verschonen; besonders da ich den Eingang zum Bücherbasar entdeckt hatte. Dort wurden nicht nur Bücher verkauft, sondern auch gerahmte Kalligraphien, Schmuck und - war das ein Grabstein? Es war faszinierend anzusehen, auch wenn ich nicht unbedingt mit dem Plan hineingegangen war, etwas zu kaufen. In der Mitte dieser abgeschirmten Gasse stand sogar eine Reihe marmorner Waschbecken, vor denen ein alter Mann saß, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, eine Handvoll Flaggen zu verkauften. Ein Stückchen weiter tummelten sich so viele Kätzchen auf einem Haufen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sie waren alle so winzig, und so viele, überall. Wer sich wohl um sie kümmerte? Ich überlegte kurz, ein Kätzchen mitzunehmen, verwarf den Gedanken aber genauso schnell.
Wir kamen zurück ins bunte Treiben der Einkaufsstraßen und standen gleich darauf wieder vor dem Kuppelbasar - wie groß die Stadt doch ist! Wir hatten fast einen Tag gebraucht um wieder an eine Stelle zu kommen, die wir schon einmal gesehen hatten. Und dabei sind wir nur im Zentrum des europäischen Teils geblieben.
Es war 17 Uhr und langsam wurde es Zeit, zum Haus unseres Gastgebers zurück zu kehren, denn wir mussten noch unsere Rucksäcke holen und dann zur Fähre hinunter laufen, von der wir noch nicht mal genau wussten, wo sie abfuhr. Es gab ein ganzes Netz aus Fährlinien, und eine ganze Reihe von Häfen, die über die ganze Stadt verteilt waren. Von jedem Hafen wurde nur eine oder im Höchstfall zwei verschiedene Ziele angefahren, und wenn wir Glück hatten, würden wir vom Hafen in der Nähe unseres Gastgebers direkt nach Kadıköy kommen, ansonsten müssten wir improvisieren.
Die Straßenbahn waren wieder hoffnungslos überfüllt gewesen; nicht einmal die Hälfte aller Wartenden passte hinein.
Niemand war zu Hause. Wir ließen den Schlü ssel auf dem Tisch liegen und schnappten uns die Rucksäcke, die wir zum Glück schon am Morgen gepackt hatten. Jemand hatte das Bett zusammengeklappt und die Bettwäsche abgezogen. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Ich überlegte, mir die nicht geringen Kosten zu sparen, aber dann gewann meine Neugier. Es war die Schwester unseres Gastgebers, die besorgt war, dass sie beim Verlassen der Wohnung nach dem Aufräumen ausversehen zugeschlossen hatte und dachte, dass wir nicht mehr hinein kämen. Sie wollte lieber erstmal mich erreichen, bevor sie noch mal zurück kam um aufzusperren. Ich wurde nicht ganz schlau aus ihr, denn wir hatten ja den Schlüssel, aber ich bedankte mich für den Gedanken an uns. Nun machten wir uns auf den Weg.
Ach, ich hatte ganz vergessen, wie schwer mein Rucksack war. Ich spürte jeden Berg der Stadt in meinen Knochen. Matthias stöhnte auch auf; er hatte schließlich noch die Fünferpackung Lokum eingepackt. Nach etwa 20 Minuten ächzen kamen wir am Hafen an. In großen Buchstaben stand Kadıköy angeschrieben. Die Leute vor uns eilten hinein, das veranlasste uns hinterher zu rennen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig durch die Drehkreuze, keine Minute später legte die Fähre ab. Wir waren so erledigt, dass wir uns während der ganzen Fahrt nicht vom Platz bewegten. Wir hatten auch kein Wasser mehr übrig. Mir blieb nichts anderes übrig als mein Notwasser zu trinken, das nun allerdings schon seit zwei Wochen geöffnet war. Matthias riet mir noch dringend davon ab, und im Nachhinein denke ich, ich hätte auf ihn hören sollen.
Es war Abend geworden. Die Händler, die auf der Fähre zwischen den Reisenden umher liefen, verkauften ihre letzten Taschenlampen für heute. Es ging auf 19 Uhr zu; wir konnten es noch rechtzeitig zu Burcu schaffen.
Die asiatische Seite Istanbuls zeigte uns ihr lebhaftes Gesicht; überall waren Restaurants und Bars hell erleuchtet und viele junge Leute zogen über die Hafenpromenade. Wir hatten uns zu früh gefreut, dass wir noch so gut in der Zeit lagen. Ich hatte im Navi nur eine ungefähre Adresse eingeben können, weil Istanbul ein sehr seltsames Adressensystem hatte. Jedenfalls keins, aus dem man als Fremder schlau werden könnte: rihtim cad. nemlizade sok. kamer apt. Nr.31 D:7... so liefen wir prompt in die falsche Richtung, bis Matthias herausfand, dass man die Adresse ins Navi eingeben konnte, wenn man die Reihenfolge der Worte vertauschte und hier und da etwas dazu erfand. Viel zu spät und durchgeschwitzt kamen wir schließlich bei Burcu an. Sie empfing uns herzlich und bot uns gleich die Dusche an - ein Angebot, das man nicht abschlagen kann nach so einem Tag. Danach fühlte ich mich wie neu geboren. Burcu hatte derweil türkischen schwarzen Tee gekocht und meinte, für uns wolle sie ihn nicht so stark machen, weil wir sonst nicht schlafen könnten. Sie war sehr mütterlich, obwohl sie kaum älter wirkte aus Matthias. Eigentlich erzählte sie die ganze Zeit, und das auf Englisch und ausgesprochen schnell; sie verwendete dabei einen ganzen Haufen Worte, die ich noch nie zuvor gehört hatte. So war es mir seit Jahren nicht mehr ergangen. Ihr gingen auch nie die Themen aus, soweit ich das beurteilen konnte. Sie hatte ein wenig einen Narren an mir gefressen, glaube ich. Immer wenn Matthias außer Hörweite war, begann sie mit mir über ihre Pläne zu reden, eine Weltherrschaft des Bösen zu errichten. Es war eine sehr lustige Beschäftigung, und irgendwann stellte Burcu fest, dass sie wohl meine Schwester im Geiste sein musste - nein, besser, meine große Schwester. Ich fand es richtig schade, dass es langsam Zeit wurde ins Bett zu gehen, aber die Müdigkeit ist ein erbarmungsloser Gegner. Burcu hatte einen ganz eigenen Tagesrhythmus und wollte noch eine Weile wach bleiben um liegengebliebene Arbeit zu erledigen. Das kann man sich als Leiterin einer Werbeagentur wohl erlauben.
Heute war Reste-Sightseeing angesagt - ich hatte uns vorgenommen, alle Sehenswürdigkeiten der Innenstadt zu besichtigen, die wir in den ersten beiden Tagen übersprungen hatten. Matthias hatte keine Stimme im Parlament und musste hinter mir und meinem Reiseführer hinterher trotten. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee von Innen sehen...
Wir begannen die Tour wieder im Park an der Blauen Moschee, aber aus ganz praktischen Gründen: Ich brauchte Internet, und dort gab es WLAN. Istanbul wollte als europäische Kulturhauptstadt 2010 etwas hermachen; sie nahmen nicht nur Restaurierungsarbeiten an den bekanntesten Kulturdenkmälern vor, sondern wollten der Stadt ein modernes Image geben - deshalb flächendeckendes drahtloses Internet im Park. Ein netter Gedanke, aber an der Umsetzung haperte es etwas. Bevor man ins Internet durfte, wurde man zu einer Webseite umgeleitet, auf der die Nutzungsbedingungen auf englisch und türkisch nachzulesen waren, die man erst mit einem Klick auf einen weißen Link auf weißem Grund zwischen den beiden Absätzen akzeptieren musste. Wahrscheinlich hatte schon jemand diese Netzwerke zum Filmesaugen gefunden, oder dahinter hing ein 56k-Modem - jedenfalls brauchte ich eine gute Stunde um das Foto vom 16.9. und die Meldung "Istanbul steht nicht unter Wasser" in den Blog hineinzubringen. Unter diesen Umständen möge man mir verzeihen, dass ich nicht mehr geschrieben habe...
Gegen 11 Uhr konnte die Tour nun fast losgehen. Erst gingen wir noch schnell in die Touristeninfo, weil wir uns nicht einigen konnten, wer die Türkeikarte, und wer die Istanbul-Stadtkarte behalten sollte und holten uns von jeder Sorte eine weitere. Dann entdeckten wir den Eis-Stand mit Slush, dieses gehäckselte Eis mit Farbe und Geschmack, und es kostete nur halb so viel wie in Hamburg und ein Viertel von allen anderen Ländern, wo wir es gesehen hatten. So verpflegt gingen wir Richtung Palast. Diesmal gingen wir durch die im Reiseführer beschriebene Holzhäusergasse und stießen auf die erste Touristengruppe. Die Anwohner ignorierten sie völlig und schlossen demonstrativ die Türen hinter sich, auch wenn sie nur die Zeitung holten, um den neugierigen Blicken ins Innere keine Chance zu geben. Zur anderen Seite hin bildete die Mauer zum Palast oder etwas anderem Wichtigen den Abschluss. Am Ende der Gasse führte ein goldverziertes Tor in einen weit ausladenden Innenhof - ein zweiter Eingang zum Palast. Er musste riesig sein. Wir folgten dem begrünten Weg, der sich in nach hundert Metern verzweigte. Der eine Weg führte zum Palasteingang, der andere war halb abgesperrt mit einem Schild davor: Betreten verboten. Man kann sich ausmalen, wohin die meisten Besucher als erstes gingen - könnte ja sein, dass man etwas verpasst, wenn man nicht den verbotenen Weg nimmt, oder noch schlimmer: Was ist, wenn man zurück aus dem Palast kommt und das Schild verschwunden ist?
Genug Touristen strömten dennoch zum Palasteingang, vor allem Reisegruppen mit Fähnchen und Regenschirmen; der Palast gehörte ja in jedes Reiseprogramm. Wir gingen nicht hinein, denn genauso abschreckend wie der bewaffnete Wachmann gestern waren die Eintrittspreise heute. Dabei hätte ich gern den Harem und die Schatzkammer gesehen, die so viele Autoren inspiriert haben. Allerdings wollte ich auch nicht mein Kreditkartenlimit sprengen. So gingen wir weiter; es gab noch genug zu sehen.
Zum Beispiel stellte sich der Bahnhof, an dem wir ursprünglich hätten ankommen sollen, als der Bahnhof des Orient Express' heraus. Diese berühmte Zuglinie endete hier in Istanbul im Sirkeci Gari, der extra zu diesem Zweck Ende 1800 gebaut wurde. Er wirkte genau, wie man sich ihn vorstellen würde: Innen wie eine gewöhnliche Bahnhofshalle, aber mit Fenstern wie aus einem Sultanspalast, ausgeschmückt mit Buntglas und Ornamenten.
Diese verspielte Leichtigkeit zu sehen ist immer wieder das schönste beim Reisen in orientalisch geprägte Länder. Am schönsten von allen sind aber die Moscheen. Davon standen heute eine ganze Menge auf dem Programm. Die erste war die Yeni Camii, die Neue Moschee direkt am Ufer des Goldenen Horns.
Im Innenhof wuschen sich gläubige Männer am schlösschenartigen Reinigungsbrunnen die Füße, die Hände und das Gesicht; es standen gruppen- und schlangenweise verhüllte Frauen und Touristen auf dem marmornen Boden, die darauf warteten, eingelassen zu werden. Es dauerte ein wenig, weil am Eingang erst die Schuhe ausgezogen und in Beutel verpackt werden mussten. Das gehörte zur üblichen Prozedur - an jeder größeren Moschee stand ein mit alten Tüten gefüllter Container, oder auch Ständer mit rollenweise aufgewickelten Tüten aus dem Supermarkt. Auf diese Weise konnte man seine Schuhe während des Besuchs bei sich tragen und es gab kein Chaos beim Verlassen der Moschee und Wiederfinden der Schuhe. Das konnten sich nur kleinere Moscheen leisten, die für diesen Zweck Schuhregale am Eingangsbereich aufgestellt hatten.
Für Touristinnen gab es oft einen weiteren Behälter mit Kopftüchern zum Ausleihen. Nicht jede war davon ausgesprochen begeistert. Ich hatte mein eigenes Kopftuch dabei, das aber nicht wie die ausgegebenen ein halbes Kleid war, deshalb knüpfte ich meine Strickjacke bis oben zu um meinen Ausschnitt zu verdecken. Später in der Moschee erklärte ein türkischer Touristenführer einer Gruppe Amerikanern den islamischen Glauben und warum alles so ist wie es ist. Zum Beispiel müssen sich die Frauen schlicht deshalb verhüllen und in einer anderen Ecke beten um die Männer nicht mit ihren Reizen abzulenken. Er zeigte bildlich, was passieren würde, wenn sich eine unverhüllte Frau vor einem Mann beten würde - das erfordert viel Hinknien und Vornüberbeugen, und die Konzentrationsfähigkeit des Mannes auf den Propheten ist dahin. Das Vornüberbeugen ist übrigens auch der Grund dafür, weshalb man sich vor dem Beten waschen muss: Wenn die Stirn den Boden berührt, auf dem der Vorgänger mit Schweißfüßen gestanden hat... als ich die Männer so beobachtete, fragte ich mich, bis in welches Alter man so beten konnte, und ob man die Religion wechseln konnte wegen Bandscheibenproblemen.
Wir mussten noch draußen warten bis das Mittagsgebet vorbei war, denn zur Gebetszeit waren keine Touristen zugelassen. Ein bisschen Hunger stellte sich ein. War es angemessen, in der Fastenzeit im Innenhof einer Moschee zu essen? Verstohlen holten wir den Rest des Lokums aus der Tasche und teilten es unauffällig untereinander auf - die meisten Leute hier waren eh Touristen.
Endlich konnten wir hinein. Die Touristen traten sich gegenseitig auf die Füße. Wie in einem Zoo war ein Teil der Moschee für die Betenden abgesperrt worden, vor dem sich die Touristen drängten, sie beobachteten und Fotos schossen. Seltsam, dass hier überhaupt Leute zum Beten hinkamen, wo es doch mindestens zehn andere Moscheen pro Quadratkilometer gab. Und wie konnte man sich in diesem herrlichen Fliesenparadies auf Gott und die Ewigkeit konzentrieren, wenn man von dieser ganz und gar irdischen Schönheit umgeben war?
Wir hörte eine Weile dem vorhin erwähnten Touristenführer zu, der seiner Gruppe einredete, man dürfte die Blaue Moschee während des Ramadans als Tourist nicht betreten. Er bemühte sich um Völkerverständigung; vielleicht wollte er deswegen seinen Landleuten eine weitere Gruppe lärmender Amerikaner ersparen.
Wir traten vor die Tür und gaben die Schuhbeutel zum Recycling zurück. Es war jedoch immer schwierig, in dem Gedränge die Schuhe an- und auszuziehen; es gab zwar die Möglichkeit, neben der Tür erhöht zu sitzen, aber der Ein- und Ausgangsbereich gehörte noch zur Moschee, und auf den Türmatten-Teppich durfte man auch nur barfuß laufen. Mich wunderte, dass sie in den Stoßzeiten überhaupt Touristen hineinlassen. Und dann stellte ich mir vor, wie so ein deutscher Dorfpriester die Heilige Messe abhält und eine Reisebusladung in Burkas gehüllte Touristinnen durch seiner Kirche laufend, schwatzend Fotos macht. Ob ihn nicht eine gewisse Verzweiflung überkommen würde?
Es war Zeit über das Mittagessen nachzudenken. Eigentlich dachten wir nicht weiter nach, sondern gingen gleich wieder an die Fischimbissstände am Ufer des Goldenen Horns, wenn wir schon einmal da waren. Wir liefen mit dem Essen noch ein Stück weiter, weil dort wieder die Verkäufer mit den lärmenden Spielzeugen saßen, und ich kann die Melodie jetzt beim Aufschreiben immer noch hören - über einen Monat später. Wir entdeckten, dass man die Brücke zum Genueser-Viertel auch unterhalb der Straße überqueren konnte. Dort hatten sich piekfeine Restaurants eingerichtet, die immer teurer wurden, je weiter man sich vom Ufer entfernte. Wir blieben am Geländer stehen und blickten auf das glitzernde Wasser. Mein Handy meldete sich; es wurde Zeit, dass ich mit unserer neuen Gastgeberin in Kontakt trat. Wir hatten mit Azat nur drei Übernachtungen verabredet; die letzten beiden Nächte wollten wir bei Burcu auf der asiatischen Seite Istanbuls bleiben. Sie war noch auf Arbeit und wir verabredeten uns für 19 Uhr. Das war natürlich eine völlig aus der Luft gegriffene Zeit, aber ich wollte ungern hinzufügen "falls wir dich finden..."
So, nun mussten wir uns sputen, dass wir mein geplantes Tagesprogramm durchziehen zu können. Armer Matthias. Wir gingen zurück zur Neuen Moschee, denn in ihrer unmittelbaren Nähe lag der Ägyptische Basar. Ich hatte nun Matthias überzeugt, dass wir undbedingt zweieinhalb Kilo Lokum bräuchten und zog ihn quer durch den Basar, bis wir vor dem entsprechenden Verkäufer standen. Wir ließen uns die fünf Packungen geben, aber das Geld dafür sollten wir im hinteren Teil des Ladens bei seinen Geschäftspartnern bezahlen. Die hatten eine richtige Ladentheke und eine moderne Kasse und machten sofort die romantische Basar-Stimmung zunichte. 15 Lira kostete es und ich bekam einen Kassenzettel. Einen Kassenzettel auf einem Basar? Das garantiert ja fast, dass man nicht mehr übers Ohr gehauen wird. Mir würde etwas fehlen ohne die kleinen Betrügereien und das Feilschen, das ja auch zum eigenen Gunsten ausgehen kann. Zum Beispiel gelang es mir bei einem Gewürzhändler; er war am Ende so erstaunt über mein Verhandeln, dass er mich fragte, ob ich verheiratet sei.
Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unser Einkaufsbummel auf dem Ägyptischen Basar schon zu dieser Tageszeit nicht die beste Idee war, weil wir jetzt die schweren Tüten durch die ganze Stadt schleppen mussten. Durch das dichte Marktgedränge bahnten wir uns den Weg zu einem dieser Fußwege, die einen Berg hinauf führten und aus in unregelmäßigen Abständen angebrachten Betonstufen bestanden. Dort rissen wir die erste Packung auf. Es stiebte heftig und der Puderzucker darin verteilte sich auf unsere Kleidung und den Boden. Es waren kleinere Stückchen Lokum in der Packung, in zartbunten Farben. Es gab zum Beispiel roséfarbene Rosenblüten-Stückchen, cremefarbene Orangen-Stückchen und zartgrüne Pfefferminzstückchen, die jedoch ein wenig an einen Zahnarztbesuch erinnerten. Wir packten es zusammen und gingen weiter. Irgendwo hier in diesem Gewirr von Menschen und Gassen musste eine weitere Moschee stehen, die clevererweise direkt in den Basar eingebaut wurde. Und plötzlich standen wir davor. Wie vom Reiseführer beschrieben, stand die Moschee hoch oben auf einem Sockel und in den Nischen in ihrem Sockel befanden sich Geschäfte. Es war nicht so einfach, den Eingang zu finden ohne ausversehen in einem der Läden zu landen. Schließlich fanden wir eine enge Gasse, die voller Waren vollgestellt war - ich glaube, es waren verpackte Stoffe - und sie führte zu einer Pforte. Männer saßen neben ihren ausgezogenen Schuhen auf dem Boden, und wir waren schon drauf und dran, umzukehren, als ein älterer Mann aufstand und uns hilfsbereit den Weg zum Eingang über eine Treppe nach oben zeigte. Ich weiß nicht, ob er Geld erwartete, aber zum Glück erwartet niemand, dass nur die Frau das Geld dabei hat und sich der Mann von ihr aushalten lässt. Eine exzellente Verwirrungstechnik, wie ich finde.
Die Basar-Moschee trug den Namen Rüstem Paşa und war besonders durch seine Vielzahl an unterschiedlichen und kunstvoll gestalteten Tulpenblütenfliesen bekannt geworden. 100 verschiedene Tulpenarten, schrieb mein Reiseführer. Ich fragte mich, wer das nachgezählt hatte. Sicher keine Frau, denn die durfte sich bestimmt nicht frei in der Moschee bewegen. Wir standen wieder hinter der Absperrung vor dem Zoo der Betenden. Es war eine kleinere Moschee; kein Vergleich mit den bisher gesehenen. Sie wirkte schon fast wie ein Wohnzimmer, mit dem blau besticktem rötlichen Teppich. die Minbar erinnerte ein wenig an einen offenen Kamin; es hätte nur noch ein Fernseher gefehlt. Unsere Schuhe hatten wir diesmal draußen im Schuhregal lassen müssen. Wahrscheinlich finden nicht viele Touristen diesen Ort, aber immer noch genug, um den Betenden einen Raum absperren zu müssen und draußen einen Souvenirstand mit nachgebildeten Fliesen und Postkartefotos der Fliesen zu haben. Aber es waren wirklich schöne Blumenmotive dabei. Da es in alten Zeiten verboten war, Menschen abzubilden, mussten sich die Künstler eben Alternativen einfallen lassen. Wir ruhten uns noch kurz aus und naschten Lokum. Matthias stöhnte auf, als ich ihm unser nächstes Ziel mitteilte: Die Süleyman-Moschee. Am Ende des Tages wollte er nie wieder eine Moschee betreten. Das war genau wie in Italien, als wir jede größere Kirche betreten hatten, und in Holland, wo wir in jedes Schifffahrtmuseum gegangen sind. Irgendwann reicht es... aber solange es nur Matthias reichte, gingen wir noch in Moscheen hinein. Die Süleymaniye stand wieder hoch oben auf einem Berg; unfaiererweise wurde dies auf der Stadtkarte nicht gekennzeichnet. Sollte ich jemals einen Istanbul-Reiseführer herausbringen, dann werde ich auf der Stadtkarte Höhenlinien wie in einem Atlas einzeichnen. Wir schnauften schon wieder in der Wärme, zum Glück waren die Gassen eng und schattig. Zu eng um gleichzeitig mit einem Auto hinein zu passen. Während Matthias floh, drückte ich mich in einen Hauseingang auf eine etwas erhöhte Stufe, aber selbst die ist kein Hindernis für einen echten Istanbuler Autofahrer. Wie er es schaffte, keinen Spiegel abzubrechen, ist mir bis heute ein Rätsel. Kisten standen im Weg, und junge Burschen zogen wie Esel vor ihre Karren gezäunt hinterher. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen, und hier sah ich die kleinste Moschee bisher; es war ein zwischen Häusern eingebauter Schuppen mit einem schön verzierten Fenster. Sie hatte nicht mal ein Minarett, dafür aber eine Hinweistafel, die sie als Moschee auszeichnete. An einer anderen Schuppenwand war mit weißer Farbe "Süleymaniye" geschrieben, versehen mit einem weißen Pfeil den Berg weiter hinauf. Die Gegend wurde vornehmer und die ersten Souvenirläden tauchten an den behauenen weißen Steinmauern auf. Vier Minarette erhoben sich hinter der Mauer, in die vergitterte Fenster eingelassen waren. Wir hatten die Süleymaniye gefunden. Auf dem Weg zum Eingang kamen wir an Restaurants vorbei, vor denen die bei uns längst aus der Mode geratenen Sitzsäcke lagen und Besucher anlocken sollten. Postkarten über Postkarten befanden sich an Ständern längs der Souvenirläden und ein traditionell gekleideter Mann mit einem riesigen, silbrig glänzenden Samowar auf dem Rücken versuchte Touristen zu einem Foto mit ihm zu überreden. Das machte er nicht etwa, weil es hier keine Karnevalsvereine gab, sondern um den Touristen Geld für das Foto abzuknöpfen. Das schienen die meisten zu wissen, weshalb sie dankend oder nicht dankend ablehnten. Der Samowar-Mann wurde langsam ärgerlich. Wahrscheinlich hatte er sich von der Investition in das Kostüm mehr versprochen.
Wir erreichten die Süleymaniye. Es war eine der prachtvollsten Moscheen, aber leider zur Renovierung geschlossen. Allein die Vorhalle konnte betreten werden. Sie war mit Hilfe einer hineingezogenen Zwischenwand vom eigentlichen Innenraum abgetrennt worden, man hatte eine Reihe von Lampen an jeder Seite aufgehängt und aus dem Vorraum eine provisorische Moschee gemacht. Viele Touristen liefen umher; auch zu ihnen hatten sich die Bauarbeiten noch nicht herumgesprochen. Jedoch gab es auf dem Gelände der Moschee noch eine Besonderheit: Ein islamischer Friedhof mit Mausoleen. Die Grabmale ragten wie Zeigefinger aus dem Boden, hoch wie eine Person, nach oben hin verdickt und oft mit einer steinernen Blume oder einem Turban abgeschlossen. Im Dunkeln musste es wie eine regungslose Armee, oder eher wie eine Wache aussehen. Eine Wache für die hier begrabenen Könige. Wie um ihre Harmlosigkeit zu betonen, räkelten sich junge Katzen auf den sonnengewärmten Steinen. Der Steinweg hindurch war ausgetreten von den Besuchern aus vielen Jahrhunderten. Jahrhunderten? Ich versuchte die in arabischen Buchstaben gemeißelten Grabsteininschriften zu entziffern, zumindest einen Namen, doch ich musste mich geschlagen geben. Das einzige, was ich lesen konnte, waren die Daten, und selbst die konnten eigentlich nicht stimmen - Strich, Strich mit einem Krakel, noch so einer, dann ein Strich mit zwei Krakeln - das war das Jahr 1223. Im Reiseführer stand, dass das Mausoleum es erst 1566 erbaut wurde. Dann fiel mir ein, dass die islamische Zeitrechnung erst deutlich später als die christliche begann. Erst jetzt wurde mir der Einfluss des Christentums auf den Rest der Welt bewusst - selbst in islamischen Ländern rechnet man jetzt in christlicher Zeit, und selbst die Wissenschaft schreibt "vor Christi Geburt". Wie soll es bei so einer Grundlage zu einem gerechten Frieden auf der Welt kommen? Aber woran denke ich schon wieder - Matthias langweilt sich, und ich stehe hier vor einem Grabstein und lasse meine Gedanken ins Seltsame schweifen. Es ist übrigens das Jahr 1808 oder 9 gewesen, wie ich später im Internet herausfand. Es erstaunt mich selbst immer wieder, was man alles im Internet erfahren kann.
Wir verließen das Moscheen-Gelände als zum Gebet gerufen wurde. Aber in welche Richtung lag die Innenstadt? Selbst auf einem Hügel zu stehen, hilft in einer Stadt wie Istanbul nicht weiter. Wir gingen durch ein Tor, das wir zunächst für ein Eingang zur Universität hielten, aber es war doch nur ein kleiner botanischer Garten mit vielen dutzend Katzen, die mit den Jugendlichen spielten, die eigentlich nur in Ruhe unter einem Baum sitzen und reden wollten. Es waren Mädchen mit Kopftuch, aber auch ohne Kopftuch. Ich finde, das sollte erwähnt werden.
Wir gingen auf dem gleichen Weg nach draußen zurück, denn der Weg durch den Garten war eine Sackgasse. Als wir genau in die andere Richtung gingen, kamen wir auf eine breite Straße, die uns bald zur richtigen Universität führte. Uns schon, die Autofahrer nicht. Die Straße war komplett dicht, und nicht mal mehr die Polizei kam durch. Die Polizisten benutzten ihre Sirene als Hupe und ließ die Fahrer irgendetwas durch ein Megafon wissen.
Es war eine westliche Geschäftsstraße, aber jeder Laden verkaufte nur eine Art von Ware. Wir kamen an einem Stoffgeschäft vorbei, an zwei Knopfläden, einem Gürtelgeschäft, einem Gürtelschnallengeschäft und schließlich nochmal an einem Stoffgeschäft. Hier kannte man jedenfalls keinen Mangel.
Wir gelangten an einen ausladenden, gepflasterten Platz, auf dem Schwärme von Tauben nach Brotkrumen pickten. Die türkische Fahne flatterte vor dem prunkvollen Eingangstor zum Campus der Universität. Leider war es zugeschlossen; es wäre sicher interessant gewesen, sich auf dem Universitätsgelände umzusehen. Gegenüber ragten die Minarette der ältesten original erhaltenen Moschee Istanbuls in die Luft. Matthias stöhnte nur auf und ich beschloss, ihn diesmal zu verschonen; besonders da ich den Eingang zum Bücherbasar entdeckt hatte. Dort wurden nicht nur Bücher verkauft, sondern auch gerahmte Kalligraphien, Schmuck und - war das ein Grabstein? Es war faszinierend anzusehen, auch wenn ich nicht unbedingt mit dem Plan hineingegangen war, etwas zu kaufen. In der Mitte dieser abgeschirmten Gasse stand sogar eine Reihe marmorner Waschbecken, vor denen ein alter Mann saß, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, eine Handvoll Flaggen zu verkauften. Ein Stückchen weiter tummelten sich so viele Kätzchen auf einem Haufen, wie ich es noch nie gesehen hatte. Sie waren alle so winzig, und so viele, überall. Wer sich wohl um sie kümmerte? Ich überlegte kurz, ein Kätzchen mitzunehmen, verwarf den Gedanken aber genauso schnell.
Wir kamen zurück ins bunte Treiben der Einkaufsstraßen und standen gleich darauf wieder vor dem Kuppelbasar - wie groß die Stadt doch ist! Wir hatten fast einen Tag gebraucht um wieder an eine Stelle zu kommen, die wir schon einmal gesehen hatten. Und dabei sind wir nur im Zentrum des europäischen Teils geblieben.
Es war 17 Uhr und langsam wurde es Zeit, zum Haus unseres Gastgebers zurück zu kehren, denn wir mussten noch unsere Rucksäcke holen und dann zur Fähre hinunter laufen, von der wir noch nicht mal genau wussten, wo sie abfuhr. Es gab ein ganzes Netz aus Fährlinien, und eine ganze Reihe von Häfen, die über die ganze Stadt verteilt waren. Von jedem Hafen wurde nur eine oder im Höchstfall zwei verschiedene Ziele angefahren, und wenn wir Glück hatten, würden wir vom Hafen in der Nähe unseres Gastgebers direkt nach Kadıköy kommen, ansonsten müssten wir improvisieren.
Die Straßenbahn waren wieder hoffnungslos überfüllt gewesen; nicht einmal die Hälfte aller Wartenden passte hinein.
Niemand war zu Hause. Wir ließen den Schlü ssel auf dem Tisch liegen und schnappten uns die Rucksäcke, die wir zum Glück schon am Morgen gepackt hatten. Jemand hatte das Bett zusammengeklappt und die Bettwäsche abgezogen. In diesem Moment klingelte mein Telefon. Ich überlegte, mir die nicht geringen Kosten zu sparen, aber dann gewann meine Neugier. Es war die Schwester unseres Gastgebers, die besorgt war, dass sie beim Verlassen der Wohnung nach dem Aufräumen ausversehen zugeschlossen hatte und dachte, dass wir nicht mehr hinein kämen. Sie wollte lieber erstmal mich erreichen, bevor sie noch mal zurück kam um aufzusperren. Ich wurde nicht ganz schlau aus ihr, denn wir hatten ja den Schlüssel, aber ich bedankte mich für den Gedanken an uns. Nun machten wir uns auf den Weg.
Ach, ich hatte ganz vergessen, wie schwer mein Rucksack war. Ich spürte jeden Berg der Stadt in meinen Knochen. Matthias stöhnte auch auf; er hatte schließlich noch die Fünferpackung Lokum eingepackt. Nach etwa 20 Minuten ächzen kamen wir am Hafen an. In großen Buchstaben stand Kadıköy angeschrieben. Die Leute vor uns eilten hinein, das veranlasste uns hinterher zu rennen. Wir kamen gerade noch rechtzeitig durch die Drehkreuze, keine Minute später legte die Fähre ab. Wir waren so erledigt, dass wir uns während der ganzen Fahrt nicht vom Platz bewegten. Wir hatten auch kein Wasser mehr übrig. Mir blieb nichts anderes übrig als mein Notwasser zu trinken, das nun allerdings schon seit zwei Wochen geöffnet war. Matthias riet mir noch dringend davon ab, und im Nachhinein denke ich, ich hätte auf ihn hören sollen.
Es war Abend geworden. Die Händler, die auf der Fähre zwischen den Reisenden umher liefen, verkauften ihre letzten Taschenlampen für heute. Es ging auf 19 Uhr zu; wir konnten es noch rechtzeitig zu Burcu schaffen.
Die asiatische Seite Istanbuls zeigte uns ihr lebhaftes Gesicht; überall waren Restaurants und Bars hell erleuchtet und viele junge Leute zogen über die Hafenpromenade. Wir hatten uns zu früh gefreut, dass wir noch so gut in der Zeit lagen. Ich hatte im Navi nur eine ungefähre Adresse eingeben können, weil Istanbul ein sehr seltsames Adressensystem hatte. Jedenfalls keins, aus dem man als Fremder schlau werden könnte: rihtim cad. nemlizade sok. kamer apt. Nr.31 D:7... so liefen wir prompt in die falsche Richtung, bis Matthias herausfand, dass man die Adresse ins Navi eingeben konnte, wenn man die Reihenfolge der Worte vertauschte und hier und da etwas dazu erfand. Viel zu spät und durchgeschwitzt kamen wir schließlich bei Burcu an. Sie empfing uns herzlich und bot uns gleich die Dusche an - ein Angebot, das man nicht abschlagen kann nach so einem Tag. Danach fühlte ich mich wie neu geboren. Burcu hatte derweil türkischen schwarzen Tee gekocht und meinte, für uns wolle sie ihn nicht so stark machen, weil wir sonst nicht schlafen könnten. Sie war sehr mütterlich, obwohl sie kaum älter wirkte aus Matthias. Eigentlich erzählte sie die ganze Zeit, und das auf Englisch und ausgesprochen schnell; sie verwendete dabei einen ganzen Haufen Worte, die ich noch nie zuvor gehört hatte. So war es mir seit Jahren nicht mehr ergangen. Ihr gingen auch nie die Themen aus, soweit ich das beurteilen konnte. Sie hatte ein wenig einen Narren an mir gefressen, glaube ich. Immer wenn Matthias außer Hörweite war, begann sie mit mir über ihre Pläne zu reden, eine Weltherrschaft des Bösen zu errichten. Es war eine sehr lustige Beschäftigung, und irgendwann stellte Burcu fest, dass sie wohl meine Schwester im Geiste sein musste - nein, besser, meine große Schwester. Ich fand es richtig schade, dass es langsam Zeit wurde ins Bett zu gehen, aber die Müdigkeit ist ein erbarmungsloser Gegner. Burcu hatte einen ganz eigenen Tagesrhythmus und wollte noch eine Weile wach bleiben um liegengebliebene Arbeit zu erledigen. Das kann man sich als Leiterin einer Werbeagentur wohl erlauben.
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