Freitag, 2. Juli 2010

Ich lebe noch! Teil 9. (25. Mai bis 30. Mai)

Von Musik, zu der man einfach trinken muss, Abenteuer Fahrkartenkauf und freudigen Zufällen.

25.05.
Beim Lernen sah ich langsam das Ufer nicht mehr; es wurden immer mehr Informationen, und der Stoff immer komplexer, und wenn ich die wichtigsten Zahlen nicht ständig nachschlagen oder von Neuem ausrechnen wollte, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich erinnerte mich, vor langem einmal etwas über Memotechniken gehört zu haben - Gedächtnistricks. Anstatt sich Zahlen zu merken, assoziierte man jede Zahl mit einem Gegenstand und dachte sich kleine Geschichten dazu aus. Ich beschloss es auszuprobieren - entweder es klappte und ersparte mir in Zukunft eine Menge Arbeit, oder ich hätte damit gerade mal eine halbe Stunde meines Lebens damit verschwendet.
Ich suchte nach dem Stichwort Memotechniken, fand heraus, dass es Mnemotechniken hieß, und fand gleich dazu einige Webseiten, die Zahlen-Gegenstand-Paare vorschlugen. Die 1 sollte das Einhorn sein, die 2 Zwillinge, die 3 ein Dreirad, die 4 ein Stuhl wegen der vier Beine, die 5 eine Hand, die 6 ein Würfel, die 7 der Siebenschläfer, die 8 eine Sanduhr, die 9 ein Kegelspiel und die 0 schließlich ein Ei. Damit konnte man arbeite. Ich dachte mir kleine Geschichten zu allen Zahlenpaaren aus, die ich mir merken sollte: 128 /25, 192 /26, 224 /27, 240 /28, 248 /29 und 252 /30. Bei der 30 stellte ich mir ein Dreirad mit eierförmigen Reifen vor, auf dem sich Zwillinge die Hand reichten - und schon hatte ich die 2-5-2. Ich war selbst beeindruckt, wie gut das funktionierte. Auch andersrum klappt es: Ich lese die Nummer 224, sehe vor meinem inneren Auge zwei aufeinander hockende, schlafende Zwillinge auf einem Stuhl und erinnere mich, dass Schlaf für die Nummer 7 - den Siebenschläfer - steht, also ist die andere Zahl aus dem Paar die 27.

Nach einigen weiteren Stunden Arbeit konnte ich zufrieden mit mir selbst Olga zu einem Picknick treffen. Sie hatte wieder nicht viel Zeit und kam gerade von der Uni, deshalb schlossen wir, das Picknick direkt hinter meinem Wohnheim zu veranstalten. Der 25. Mai war Welt-Handtuchtag und wurde im Gedenken an Douglas Adams von allen Anhängern gefeiert, indem sie den ganzen Tag ihr Handtuch überallhin mitnahmen. So hatte auch ich mein Handtuch dabei und nutze es als Picknickunterlage für uns - eine der vielen praktischen Verwendungsmöglichkeiten für ein Handtuch.
Olga und ich hatten uns im Laden um die Ecke Eis gekauft, saßen nun im Grünen und sie zeigte mir, wie Albert ihr Bachelorarbeitsthema mit Tipp-Ex korrigiert hatte um es allgemeiner zu machen, falls es Olga nicht gelang, mit dem OpNet-Simulator das gewünschte Ergebnis zu erzielen.



Zsolt lief an uns vorbei uns bemerkte uns erst gar nicht. Ich winkte ihm zu, daraufhin kam er zu uns und lehnte sich an den niedrigen Baum, der uns Schatten spendete. Er war wieder mal auf dem Weg zum Einkaufen und fragte, ob Olga wüsste, wo man hier Kopfhörer kaufen konnte. Ich schlug den Technocity-Elektromarkt um die Ecke vor, meinte aber, der sei etwas teuer. DVDs wollte er auch kaufen, sodass ich ihm die russischen Filme brennen konnte, über die wir schon gesprochen hatten.
Zsolt druckste herum und meinte, er würde ungern allein so etwas einkaufen gehen - er ist schon manchmal ein wenig aufdringlich und Olga ließ sich breitschlagen, mit ihm in den Markt zu gehen; sie musste sowieso nach Hause und der Markt lag auf dem Weg. Aber kurz noch eilte Zsolt ins Haus zurück und Olga beschloss in der Zwischenzeit, dass ich verspannt aussah und gab mir eine Rückenmassage. Es knackte und mein Rücken schmerzte noch mehr als vorher.

Im Technocitymarkt half Olga Zsolt - so gewissenhaft wie sie immer alles erledigte. Ich beriet ihn fachlich, welche DVDs er kaufen sollte und meinte, so viel wie hier würde ich nie für Kopfhörer ausgeben. Aber ich glaube, sehr professionell wirkte ich nicht mit meinem Strand-Outfit und dem Handtuch über den Schultern. Das Sicherheitspersonal beäugte mich misstrauisch.
Wir bekamen alles, was Zsolt wollte und gingen nach draußen und auseinander. An der Bushaltestelle standen Mädchen in Schuluniform mit Rüschen und große Schleifen im Haar, die an Anime-Fans erinnerten. Heute war der letzte Schultag, erklärte Olga, und traditionell putzten sich die Schüler so heraus um diesen Tag zu feier. Später erfuhr ich, dass sich im Stadtzentrum mehrere hundert Schüler in diesem Outfit versammelt hatten. Russland wurde von Tag zu Tag merkwürdiger.



Heute lief auch mein Visum ab und genau heute sollte ich das neue Visum bekommen. Organisationsfähigkeit ist doch eine Tugend in Russland. Alles lief glatt und ich bekam mein neues Visum im Auslandsamt - ein Extrazettel im Reisepass mit sechs Stempeln und eingeklebten Passfotos. Aliza fragte mich nach dem Sinn des Handtuchs, und ich setzte wieder an, den Handtuchtag zu erklären und von "Per Anhalter durch die Galaxis" zu erzählen, doch sie wurde abgelenkt und machte nicht den Eindruck, als würde sie es wirklich interessieren, und als sie sich mir wieder zuwendete, sagte ich stattdessen, wir hätten gerade ein Picknick gemacht. Was ja auch stimmte.

Langsam machte ich mich zu Fuß an diesem schönen Sommertag auf den Weg zum Russischkurs in Gebäude 5, im Sand entlang schlendernd und mich zum wiederholten Male fragend, weshalb die Straßen einen breiteren Sandstrand hatten als manches Seebad.
Auf dem Weg sprach mich ein gebeugtes Omachen an; sie hatte nur noch einen Zahn, der ihr an einer Seite des faltigen Munds hervorragte. Ich verstand gar nicht so recht was sie wollte, aber sie wiederholte ein Wort recht oft, das wie "Kopeke" klang. Ich kramte in meiner Hosentasche, in der ich immer ein paar Rubelstücke mit mir herumtrug und fischte ein 5-Rubel-Stück hervor, das ich ihr in die Hand drückte. Daraufhin wirkte sie sehr glücklich und segnete mich praktisch. Das musste ich nicht wörtlich verstehen, es war aus ihren Gesten ersichtlich. Dabei waren 5 Rubel kaum mehr als 10 Cent. Dafür hätte einen der durchschnittliche Penner in einer deutschen Fußgängerzone angemotzt.

Im Russischkurs erwartete uns eine Überraschungsprüfung. Obwohl es für die Ägypter keine Überraschung zu sein schien. Wahrscheinlich hatte unsere Lehrerin es in der letzten Stunde angekündigt, als ich bereits zum Cisco-Praktikum gegangen war. Offiziell überschnitten sich die beiden Lehrveranstaltungen nicht, aber da die Ägypter immer eine halbe Stunde zu spät kamen, verlängerte unsere Lehrerin den Unterricht normalerweise um mindestens eine halbe Stunde. So auch diesmal, und ich hätte es beinahe nicht geschafft, bis 18 Uhr fertig zu werden, da wir viel zu spät mit der Prüfung begonnen hatten. Ich dürfte wahrscheinlich einige Flüchtigkeitsfehler gemacht haben, aber Hauptsache ich hatte alles ausgefüllt und kam rechtzeitig zum Praktikum, denn Farin begann fing immer pünktlich an.
Es waren nicht mehr viele Studenten im Praktikum; das einzige andere Mädel hatte den Kurs geschmissen um sich auf ihre Bachelorarbeit konzentrieren zu können. Dafür traf ich wieder auf Olga, die wiederum Farin treffen wollte, unseren Praktikumsbetreuer. Er wiederum wollte, konnte und / oder sollte ihr bei ihrer Bachelorarbeit helfen. Dazu bauten sie zusammen ein Netzwerk auf und beobachteten die Messdaten. Als ich drei Stunden später mit meiner Praktikumsarbeit fertig war und die beiden immer noch schufteten, gesellte ich mich zu ihnen und versuchte nachzuvollziehen, an was sie experimentierten. Es war klar, dass sie an dem Abend nicht mehr fertig werden würden und sie an einem anderen Tag daran weiterarbeiten musste. Olga hatte die offizielle Erlaubnis erhalten, diesen Praktikumsraum auch ohne Betreuer zu betreten. Ich will gar nicht wissen, wie viel Bürokratie dafür notwendig gewesen war. Jedenfalls half ich ihr bei der Dokumentation der Programmeinstellungen, da sie es für eine Ingenieurin recht umständlich erledigte. Aber dieses Gefühl hatte ich immer, wenn ich einen Nicht-Informatikstudenten bei der Arbeit am Computer beobachtete. Natürlich gab es immer eine kürzere und effizientere Methode etwas am Computer zu erledigen als die Variante, die von den meisten Nutzern gewählt wird, und ich musste mich auch immer beherrschen, ihnen nicht in die Tastatur zu greifen um es mit wenigen Tastenkombinationen zu erledigen.

Olga packte einen Beutel aus ihrer Tasche aus und gab ihn mir. Ich betrachtete ihn neugierig; es war eindeutig etwas Essbares. "Piroschki", meinte Olga. "Für dich." Ich dankte ihr - hatte ich doch ganz vergessen, wie hungrig ich eigentlich war! Es waren Teigtaschen in der Art von der, die ich in Sankt Petersburg am Katharinenpalast gegessen hatte: Hefebrötchen, die aber nicht mit Reis, sondern mit Ei und Schnittlauch gefüllt waren. Irgendwann musste ich Olga nach dem Rezept fragen, denn sie waren klar selbstgemacht. Sie waren von außen sehr fettig, aber eindeutig nicht frittiert... eine seltsame Speise, aber meiner Meinung nach das Beste, was Russland kulinarisch zu bieten hatte.


Farin trank derweil Kwas aus einer 2-Liter-Flasche und bot uns davon an. Ich lehnte dankend ab, in Erinnerung an das Getränk bei Andrey und Tatiana. Es war schon 22:30 Uhr geworden, aber Olgas Problem blieb: Sie erhielt unmögliche Werte.
Doch für heute sollte es erstmal reichen, denn der Wachtmann stand schon ungeduldig im Türrahmen. Ich versprach Olga, das Netz beim nächsten Mal gemeinsam aufzubauen und half nun beim Abbauen.
Farin bot an, uns heimzufahren, obwohl es ein Umweg für ihn war. Er war schon ein echt netter Kerl. So kam ich noch rechtzeitig vor dem Absperren des Wohnheims an. In Zwickau hatte ich auch oft bis 23 Uhr in der Hochschule gearbeitet - weil schon 23:13 die letzte Bahn fuhr, und hier war 23 Uhr die Stichzeit, zu der das Wohnheim zugesperrt wurde. Es war fast, als sorgten sich die Verantwortlichen darum, dass wir nicht zu lange arbeiten...

26.05.
Heute fand die letzte Vorlesung des Semesters bei Albert statt; das stimmte mich etwas traurig. Wie schnell war die Zeit vergangen, und wie bald würde ich wieder in meinem alten Leben in Deutschland sein? Es sind Momente wie diese, die mich wieder dazu tendieren lassen, meine Masterarbeit in Izhevsk zu schreiben. Ich habe einfach das Gefühl hier noch nicht fertig zu sein. Mit was auch immer. Etwas weinerlich fragte ich Albert, ob er mich auch nicht vergessen würde... Ganz entrüstet meinte er: "Natürlich nicht!" Wir würden uns auch außerhalb der Vorlesungen sehen, versprach er.

Für heute Abend hatte mich Sina in einen Club eingeladen, in dem sie mit einer ihrer Bands experimentelle Musik spielen würde. Sie meinte, es würde fürchterlich und vor allem laut werden, aber wenn ich wollte, könnte ich vorbeikommen.
Nun suchte mich aber auch Zsolt auf und fragte, ob wir mal wieder gemeinsam russisch lernen wollten. Das hatte ich völlig verdrängt gehabt... es war ja auch von Beginn an ersichtlich gewesen, dass an diesem guten Vorsatz - zwei Stunden gemeinsam Russisch lernen pro Tag - nicht viel Haltbares gewesen war. Stattdessen fragte ich ihn, ob er in den Club mitkommen wollte. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, denn außer einiger spezieller Kontakte hatte er nicht viele Bekannte, mit denen er ausgehen konnte. Das wusste ich so genau, weil er mich mittlerweile für seine beste Freundin hielt und mir sehr detailliert schildete, was er mit diesen speziellen Kontakten so anstellte. Es kam mir fast so vor, als würde ich eine Folge "Sex and the City" anschauen. Als ich ihn darauf hinwies, meinte er: "Also ich bin auf jeden Fall eine Samantha". Zweifelsohne.
Seine Kontakte fand er über vkontakte; dort hatte er ein spezielles Profil nur für diesen Zweck angelegt, entsprechend freizügige Fotos hochgeladen und den Beziehungsstatus auf "es ist kompliziert" gesetzt. Mich wunderte vor allem, dass es so gut zu funktionieren schien.

Als ich Zsolt von meinen Plänen erzählte, nach Sankt Petersburg zu fahren, lud er sich auf seine typisch unaufdringliche-aufdringliche Art selbst ein. Eigentlich wollte ich ja mit Sina fahren, aber sie schrieb in dieser Zeit offiziell immer noch ihr Diplom und wusste noch nicht, ob sie rechtzeitig vor der Reise fertig werden würde. Ich wusste selbst nicht, ob ich überhaupt fahren konnte. Ich hatte zwar die Prüfungen mit Albert aushandelt, aber ich muss auch mit Professor Puschin darüber sprechen, wie er alles geplant hatte. Obwohl es natürlich nicht so schlimm wäre, diese Prüfung nicht zu schreiben, denn erstens verstand ich nichts vom aktuellen Stoff, zweitens interessierte mich der aktuelle Stoff auch nicht besonders, und drittens machte ich sowieso alle Prüfungen nur zum Spaß mit - außer vielleicht die Cisco-Prüfungen. Mittlerweile hatte ich mir zum Ziel gesetzt, ein offizielles Zertifikat zu erlangen. Falls ich die Prüfung von Modul 4 sehr gut bestand, würde ich auf die offizielle Prüfung einen ordentlichen Rabatt bekommen - statt 250 US-Dollar würde ich nur 60 bezahlen müssen. Aber das stand noch in weiter Zukunft; erst einmal galt es die Prüfungen zu bestehen und natürlich einen Schlafplatz in Couchsurfing zu organisieren. Die Weißen Nächte waren ein großes Event mit Festivals und Veranstaltungen aller Art; wahrscheinlich kam die halbe Welt zu dieser Zeit in die Stadt. Ich bereitete mich innerlich schon darauf vor, 20 bis 30 Leute anschreiben zu müssen bevor ich eine positive Zusage bekam. Bei Varya konnte ich diesmal nicht übernachten, weil sie nur Platz für eine Person hatte.

Zsolt wollte von mir wissen, welche Art von Club es war, in den wir gingen, und welche Kleidung angemessen wäre. Ich hatte selbst keine Ahnung und schickte Stasya eine SMS, von der ich wusste, dass sie immer mit von der Partie ist, wenn es um die Auftritte von Sina und ihren Bands ging. "Bringe einen Freund aus Ungarn mit, der wissen will, was er anziehen soll, was für ein Club ist das?" Zwar bekam ich darauf eine Antwort von ihr, aber nicht auf diese Frage. Dafür bekamen wir Instruktionen, welche Bahnen und Trolleybusse wir nehmen konnten. Wir sollten zu einer Haltestelle namens "Detskij Mir" kommen, nicht mehr zu Udmurtischen Universität, wie vorher verabredet.
Soweit, so gut.

Heute hatte wieder die Etagenfrau Dienst, die mir ab und zu ein Stück Schokolade zusteckte. Sie meinte, es sei an der Zeit, dass wir ordentlich Russisch mit ihr sprächen und quetsche und aus, wohin wir denn gehen wollten. Ich sagte ihr, wir gingen auf ein Konzert in einen Club... Quartier 18 war sein Name. Das sorgte für Verwirrungen, denn "Quartier" war das russische Wort für "Wohnung" und Bestandteil einer üblichen russischen Adresse. "Also doch kein Club, sondern zu Freunden nach Hause?" "Nein, doch, ein Club... mit Freunden" Wir grinsten uns an. Russisch war eine schwierige Sprache.
Zsolt hatte darauf bestanden, seine Schuhe noch putzen zu wollen, weshalb wir schon recht spät dran waren. Nur knapp erreichten wir bis 18 Uhr das Zentrum und hatten noch längst nicht den Club gefunden. Stasya korrigierte sich in einer SMS; sie hätte mir die falsche Busnummer geschrieben; wir sollten Bus 7 nehmen. Der war gerade an uns vorbeigefahren. Wir gingen zur nächsten Bushaltestelle, warteten dort auf Nummer 7, und schon der nächste Stop war die Haltestelle, an der wir mit Stasya verabredeten waren. Doch sie war nirgendwo zu sehen. Hatte das Konzert schon begonnen? Nein, sie rief an: Wo seid ihr denn? Seid ihr an der richtigen Haltestelle? Ich sehe euch nicht, welchen Bus habt ihr denn genommen? Beschreib mal, was du siehst...
Ich antwortete, dass wir direkt vor Detskij Mir standen, ein großes Geschäft mit Kinderspielzeug. Sogar der Straßenname stand direkt vor mir: Die Straße der Roten Armee. Sie verstand mich nicht. Nach einigem Hin- und Her gab sie das Telefon an einen Bekannten, und es dauerte gut eine Minute bis mir klar wurde, dass er deutsch sprach. Aber da hatte ich sie schon auf der anderen Straßenseite entdeckt und wirkte. Wir liefen aufeinander zu und umarmten uns. "Endlich, ich hatte mir schon Sorgen um euch gemacht!" rief Stasya und führte uns um die Ecke von Detskij Mir in einen Hintereingang, der in eine Bar führte. Sie hatten sich einen ungarisch klingenden Namen für Zsolt ausgedacht um ihn kostenlos in den Club zu bringen.
Das Konzert hatte noch nicht begonnen, weil das Equipment noch nicht da war. Sina schien auf Wolken zu gehen und überhaupt in ganz anderen Sphären zu schweben. Eine halbe Stunde später begannen sie trotzdem, obwohl die Hälfte der Ausrüstung noch fehlte. Genauso improvisiert die Musik. Aber Sina hat mich gewarnt. Laut wie ein Bombeneinschlag und völlig übersteuert peitschten schrille Töne aus den Lautsprechern. Es war so dunkel, dass ich Fotos machen musste um herauszufinden, wie es im Raum aussah. Der Sänger - wahrscheinlich auf Drogen - saß auf dem Fußboden und brabbelte irgendetwas ins Mikrofon. Später kamen Mikrophonständer hinzu, und plötzlich war ein Saxophonist zu hören. Man merkte, dass diese Musiker was auf dem Kasten hatten, aber experimentieren wollten. Anders als die Nachfolgegruppe, die laut Stasya vor einem Monat mit dem Spielen angefangen hatten. Früher, in den 90ern, war Izhevsk die russische Hauptstadt des Technos gewesen, doch heute nicht mehr, und Langeweile ist in die Musikszene eingezogen. Deshalb diese Suche nach etwas Neuem. Meiner Meinung nach hatten sie es noch nicht gefunden. Ich brauchte erstmal einen Drink.



Wir saßen mit einigen der Musikern und der engsten Fangemeinde zusammen, wobei nicht ganz auseinanderzuhalten war, wer wer war. Jeder spielte wahrscheinlich irgendein Instrument und trat hier und da einmal auf. Mir wurden so viele Leute an diesem Abend vorgestellt, ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an alle erinnern, und schon gar nicht an die Namen. Das würde beim nächsten Wiedersehen peinlich werden.
Der Sänger wirkte nun depressiver als vorhin, hatte aber definitiv etwas geraucht. Er war sehr selbstkritisch und ich versuchte nette Worte zu finden. Zsolt saß nur so steif und geziert da, wie er eben immer dasaß. Die Runde hatte sich zwei Pizzen bestellt, die schneller von den Tellern verschwunden waren als der Teller den Tisch berührt hatte. Es schien ihre Tradition zu sein: Erst spielen und sich dann eine Pizza teilen. Auch Schokolade lag auf dem Tisch, aber die mitgebrachte Weinflasche vom Beginn des Abends war auf Bitte der Clubbesitzer verschwunden.
Alle redeten darüber, dass Premierminister Vladimir Putin seit mindestens heute in der Stadt sei, aber keiner wusste, was er da machte. Später durchsuchte ich das Internet nach entsprechenden Nachrichten. Offenbar entwickelte man ein neues Kalaschnikow-Modell und hatte eine Regierungskonferenz zum Thema Export von modernen Handfeuerwaffen einberufen.

Zu später Stunde warteten wir mit der Band und dem Fankreis draußen auf der Straße in der kühlen Nachtluft auf den Wagen, der ihre Instrumente abholen sollte, die wir mit hochzutragen geholfen hatten. Das brachte uns wohl nun auch offiziell in den engeren Fankreis.
Auf dem Nachhauseweg wollte Zsolt unbedingt noch, dass ich ein Foto von ihm und Lenin machte, der wie eh und je vor seiner Bibliothek stand, aber es war viel zu finster dafür.
Seltsame Werbung begegnete und auf dem Weg zur Straßenbahn..."frau lust" - das zeigte, dass Deutsch wieder in Mode kam.


27.05.
Heute war es mal wieder Zeit für etwas Studium. Vor allem den organisatorischen Teil meines potentiellen Vorhabens, meine Masterarbeit in Russland zu schreiben, hatte ich etwas vor mir hergeschoben. Doch wenn man es genau betrachtete, war es gar nicht so viel... ich erhielt die Auskunft vom Auslandsamt, dass es kein Stipendium für eine so kurzfristige Entscheidung geben würde; mein Netzwerktechnikprofessor in Zwickau zeigte sich am Thema interessiert, das ich in Russland bearbeiten würde, und schien weniger daran interessiert, mir selbst ein Thema anzubieten, da es noch einige Monate in der Zukunft lag. Nur wenn ich wirklich in Russland bleiben sollte, musste ich etwas früher die entsprechenden Informationen einholen. So schien es mir, als würde mir die Entscheidung aus der Hand genommen werden. Weiterhin erfuhr ich, dass ein verwissenschaftlichter Reisebericht von mir in einem Sammelband nun doch endlich erscheinen sollte und schaffte es wieder einmal seit Langem einen Blogeintrag fertigzustellen. Auf diese Weise passierte nicht viel an diesem Tag, das es wert wäre, aufgeschrieben zu werden.

Zum Mittag kochte ich mir Pelmeni und bemerkte, dass ich langsam den Dreh rausbekomme. Wenn man die Teigtaschen mit einem Löffel aus dem Waser fischte statt das Wasser abzugießen, blieb eine Art Fleischbrühe zurück, die man sicher als Grundlage für eine Suppe verwenden konnte - sollte ich je herausfinden, wie man eine Suppe selbst zubereitete. Bis dahin aber trank ich es als die Fleischbrühe, die sie war, denn in Izhevsk gab es keine fertige Brühe in der Art, wie ich sie aus Deutschland gewohnt war. So bekam ich wieder ein Stück Heimat.

28.05.
Sina hatte gemeint, dass sie unmöglich sagen konnte, wann sie mit dem Diplom fertig werden würde, deshalb sollten Zsolt und ich uns erstmal allein die Tickets kaufen, und wenn sie die Zeit fand, würde sie sich ihr Ticket spontan kaufen. Viel Hoffnung setzte ich nicht darein, zumal Albert uns gewarnt hatte, dass im Sommer die Zugtickets sehr schnell ausverkauft waren. Das dürften wir den deutschen Touristen zu verdanken haben, wie ich in meinen ersten Internet-Recherchen zur transsibirischen Eisenbahn festgestellt hatte. Offenbar war halb Deutschland im Sommer unterwegs durch Sibirien. Die Russen hingegen konnten nicht nachvollziehen, was so fantastisch daran sein sollte, mit dem Zug eine Woche lang durch Russland und China zu fahren. Ich versuchte es zu erklären: Es sei das letzte Abenteuer... in Deutschland seien die Züge zu komfortabel und unpersönlich... man will doch die russische Seele entdecken... aber so richtig konnten meine Ausführungen nicht überzeugen. Dabei wollte ich selbst im Sommer nach meinen Prüfungen mit der Transsib nach Wladiwostok reisen. Wann hatte man sonst je die Gelegenheit dazu?

So traf ich mich heute also mit Zsolt zum Fahrkartenkauf. Das war gar nicht so einfach.
Wir musste zwar nicht hinaus zum Bahnhof fahren, da es eine offizielle Ticketverkaufsstelle und mehrere Reisebüros und Zh/D-Kassen im Zentrum gab, aber in der offiziellen Ticketverkaufsstelle machte niemand den Eindruck, uns Tickets verkaufen zu wollen. Zuerst plauderte die Verkäuferin am einzigen offenen Schalter mit einem Bekannten, und es ging ganz offensichtlich nicht um Zugtickets, während ihre Kolleginnen hinter "Dieser Schalter ist nicht besetzt"-Schildern dabei zuschauten.
Als der Mann gegangen war, ignorierte sie uns schließlich. Ich sagte probeweise "Guten Tag", aber sie hatte nicht einmal das Mikrophon angeschaltet. Ohne das war sie vollkommen abgeschottet hinter ihrem Panzerglas und musste sich nicht mit nervenden Kunden abplagen.
Wir standen also etwas unentschlossen da und warteten. Als wir nach fünf Minuten immer noch nicht gegangen waren, hatten wir wahrscheinlich eine Prüfung bestanden, in der wir beweisen mussten, dass es uns ernst war mit dem Fahrkartenkauf und erhielten schließlich die Erlaubnis zu sprechen.
"Ja?", meldete sie sich knapp. "Guten Tag", sagte ich, "Sprechen Sie Englisch?". "Nein." Ich tauschte einen resignierten Blick mit Zsolt aus. Er hatte sich schon im Vornherein geweigert, mit den Verkäufern auf Russisch zu sprechen. Das hieß wohl, dass es für mich es eine willkommene Gelegenheit sein musste, mein Russisch auszuprobieren.
Tatsächlich hatte ich während der Zeit in Izhevsk mein Russisch verbessern können, ohne es wirklich gesprochen zu haben. Trotzdem kam ich nur bis zur Hälfte des Fahrkartenkaufs. Es scheiterte an einer Rückfrage, die - wie mir heute klar ist - die gewünschte Lage der Sitze betraf. Im der gehobenen Coupé-Klasse gab es nur zwei Möglichkeiten: Oben oder unten zu schlafen. In der Platzkart-Klasse hingegen gab neben diesen beiden Optionen noch die Möglichkeit, seitlich oben und seitlich unten zu schlafen, erfuhr ich am Abend von Murik, der mir einen Wagon zur Verdeutlichung aufmalte.
Am Schalter stehend jedoch... fühlte ich mich eher hilflos und bat die Frau, mir das Wort aufzuschreiben und hielt mein Wörterbuch hoch. Nur dummerweise stand es nicht im Wörterbuch drin. Sie verlor schließlich die Geduld mit uns und sagte, wir sollten morgen mit einem Übersetzer wiederkommen. Ich schätze, da hatte sie keinen Dienst und es wäre nicht mehr ihr Problem.
Ich rief Olga an - wen sonst? Es war mit ein etwas unangenehm, weil ich wusste dass sie viel zu tun hatte, aber sie erklärte sich bereit, morgen mit uns zum Schalter zu kommen.

Da ich nun wieder jemanden zur Mittagszeit zur Seite hatte, beschloss ich kurzerhand, uns in ein Café auszuführen um einmal wieder etwas Anständiges zu essen, doch Zsolt wollte lieber Schuhe kaufen gehen. Ich schlug den Kompromiss vor: Erst etwas essen, und wenn er dann einen billigen Schuhladen sah, würde ich vielleicht mit hineinkommen und nur minimal darüber stöhnen, wie viele Paare er anprobierte.
Nach kurzem Suchen fand ich das Café wieder, das mir Dascha damals gezeigt hatte... damals, wie das klingt... als wäre ich seit Ewigkeiten hier. Und tatsächlich fühlt es sich so an.
Die Verkäuferin war freundlich und schien mich sogar wiederzuerkennen. Es war richtig angenehm, nicht wie beim Ticketkauf behandelt zu werden und ich ließ mich zu einem etwas großzügigeren Essen hinreisen: Lachs mit Kartoffelspalten, dazu Kompott aus Johannesbeeren. Für ein Café im Zentrum waren die Preise jedoch moderat. Und ich ließ es mir ordentlich schmecken. Zsolt hatte sich bereits etwas zum Mittagessen zu Hause zubereitet gehabt und sprach davon, wie er einige Gerichte schon genauso gut wie seine Mutter zubereiten konnte, und dass er auch einmal für mich etwas zubereiten wollte.


29.05.
Heute musste der Ticketkampf in die Endrunde gehen. Gestern Abend hatte ich mit Murik die Internetseite der russischen Eisenbahngesellschaft rzd.ru aufgerufen und versucht, darüber die Tickets zu kaufen - bis wir an die Stelle kamen, an der wir Reisepassnummern eintragen mussten, denn ich wusste die von Zsolt nicht, und es war schon nach 23 Uhr, also schlief er wohl schon fest, jedenfalls hatte es Gergö das ein oder andere Mal erwähnt, wenn er sich über Zsolt aufgeregte.
Also mussten wir doch persönlich hin... das heißt: Nicht wir gemeinsam, denn ich hatte völlig vergessen, dass ich heute, am Tag es Endkampfes, eine Vorlesung bei Professor Puschin hatte, und das auch noch zur gleichen Zeit, die ich mit Olga verabredete hatte.
Doch es war gar nicht nötig, persönlich anwesend zu sein. Bevor ich zur Vorlesung ging, klopfte ich an Zsolts Tür, gab ihm meinen Reisepass und erklärte ihm die Situation. Olga und er kannten sich ja, also dürfte das kein Problem sein, sagte ich mir, und ließ alles seinen Gang gehen. Den Preis für das Ticket hatten wir gestern im Internet herausgefunden, und viel mehr konnte es mit den Verkaufsgebühren gar nicht werden, schließlich war es immer noch Russland.

Ich hatte am Morgen wieder auf der Gitarre geübt und besah nun im Gehen und im Licht des Tages meine geschundenen Fingerkuppen - weiße Hornhaut in Fetzen und schwarze Streifen darüber - ich bin echt zum Gitarrenspieler geworden. Ich musste an Dieter Nuhr denken, der einmal Leute beschrieben hatte, die er besonders ekelig findet: "...und sich den Daumen wie eine Banane schält..." und ich musste lachen. Die Leute sahen mich im Vorbeigehen seltsam an.

Wie immer war ich pünktlich und die Ägypter zu spät, die Vorlesung unverständlich und Professor Puschin über unser mangelndes Interesse enttäuscht. Er fragte mich am Ende der Stunde, ob es denn nicht interessant für uns wäre. Ich lachte, deutete auf das Tafelbild, mit dem er uns versucht hatte, ein Prinzip zu verdeutlichen, und sagte, ich sei schon vor einer Stunde ausgestiegen, weil ich nie Elektrotechnik gelernt hatte. Ich wusste nur so viel von Elektrotechnik: Es war ein Schaltkreis. Die ganzen Symbole hatte ich nie zuvor gesehen. Professor Puschin zeigte sich überrascht: Wie, das habt ihr nie im Studium gelernt? Und auch nicht in der Schule?
Ich musste ihn enttäuschen. In Russland gehörte es vielleicht in die Schulausbildung. Ich hingegen hatte in meiner Schule bis zum Abitur Kunstwerke interpretieren und stilistische Mittel in Gedichten finden gelernt.

Heute war meine Laune durch das Wetter etwas gedrückt, aber das sollte sich bald ändern:
Welch seltsame Dinge manchmal geschehen - oder wie anders man empfindet, wenn man drei Monate in Russland gelebt hat... so geschah der erstaunlichste Zufall seit ich in Izhevsk bin:

Nach der Vorlesung fragte ich zur Herstellung von SIM-Karten nach, weshalb wir etwas länger blieben, dann erwähnte Professor Puschin, dass seine Tochter ihn um das besonders leckere, frische Brot aus dem Supermarkt neben ihrem Haus gebeten hatte. Ich bat ihn, mir diesen Bäcker zu zeigen, und so gingen wir gemeinsam in den Supermarkt. Neben dem frisch duftenden Brot kauften wir Salate ein. Die Russen machten wirklich aus allem Salat. Ich ließ mir einen Salat geben, der besonders seltsam aussah; seine Hauptzutat waren Möhren und Kartoffelchips.


Ich verabschiedete mich von Professor Puschin, dankte ihn für den Tipp und sah mich noch ein wenig um bevor ich mit den bezahlten Einkäufen nach draußen ging. Und nur weil mir eine ältere Frau entgegen kam, hielt ich ihr die Tür auf, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Tür auch für den Mann hinter mir aufzuhalten. Er bedankte sich auf Englisch, was mich so erstaunte, dass ich ihn darauf ansprach - hatte ich etwa meine Tarnung aufgegeben und mich alt Ausländerin zu erkennen gegeben, indem ich rücksichtsvoll war? Nein, der Mann kam aus - Amsterdam. Ich war darüber so erstaunt, dass wir ins Gespräch kamen. Sie waren im September losgefahren, quer durch Russland gefahren und planten bis nach China zu reisen. Ich ließ es mir nicht nehmen und begann auf Holländisch zu sprechen. Es war einfach nur toll, diese Sprache wieder zu hören und zu sprechen. Wir gingen gemeinsam bis zum "Campingplatz" - es war ein bewachter und umzäunter Parkplatz. Ich staunte nicht schlecht: Neben drei gelben Nummernschildern sah ich um die 10 deutsche Wohnwagen und einen Schweizer. Hier war ein richtiges Nest. Wie kam es, dass es mir vorher nie aufgefallen war, so nah an meinem Wohnheim?
Wir sprachen aber nur kurz und verabschiedeten uns. Eigentlich wollte ich noch länger mit ihm reden, von seiner Reise erfahren, und die Gewöhnung an die russische Lebensart hatte in mir das Gefühl hinterlassen, dass wir eigentlich eine Runde Tee zusammen trinken sollten. Zurück im Wohnheim überlegte ich, noch einmal vorbeizugehen, und dann tat ich es auch, kaufte eine Schachtel Pralinen auf dem Weg und ging zum Parkplatz. Viele Deutsche standen in der Gegend, nur von den Holländern keine Spur. Ich hätte sie nach ihren Plänen für heute fragen, oder ihnen vielleicht eine Stadttour anbieten sollen. So zog ich unverrichteter Dinge davon. Doch das Hochgefühl blieb. Es erstaunte mich selbst, wie froh mich diese Zufallsbegegnung gemacht hatte. Man lernt wohl doch die kleinen Dinge zu schätzen, wenn man sie lange nicht erlebt.


Zurück im Wohnheim erlebte ich dann wieder deutlich den Unterschied zwischen Westeuropäern und Russen - als ich für einen Mann mit Einkaufstaschen die Tür aufhielt, bedankte er sich überschwänglich und begann sofort im Plauderton mit mir ein Gespräch zu beginnen, und als es auf Russisch nicht ganz klappte, versuchte er es auf Englisch, und fragte mich zum Beispiel nach meinem Namen. Nach meinem Namen wurde ich außerhalb von Russland praktisch nie von Zufallsbekanntschaften gefragt, in Russland ist es jedoch eine der ersten Fragen. Es gab sie, die kleinen Kulturunterschiede und die russische Seele - es war vor allem eine ganze spezielle Art der Gemütlichkeit und Herzlichkeit, die man nicht sofort erfahren konnte, wenn man als Fremder nach Russland kommt, aber immer wieder erfährt - wenn man als Fremder nach Russland kommt.

Im Supermarkt hatte meine Neugier über mich gesiegt und ich hatte mir schließlich doch eine Flasche Kwas der Marke gekauft, wie sie Farin mir angeboten hatte. Zsolt kam zum Plaudern in meinem Zimmer vorbei, und diesmal war ich froh darüber, denn er war der einzige hier, der wusste, was es für mich bedeutete, Holländer zu treffen - ich erklärte ihm, dass es sich für mich so anfühlte, wie es wahrscheinlich für ihn war, wenn ihm Ungarn in diesem unbekannten Stück Russland begegnen würden. Zsolt liebte seine Heimat sehr; er war ein echter Patriot und verglich alles und jeden mit Ungarn. Ich begann mittlerweile mehr über Ungarn zu wissen als über Russland.
Ich öffnete die Flasche mit dem Kwas, das sofort wie aus einer Ölquelle zu sprudeln begann. Mit einem Hechtsprung schnappte ich mir mein Badehandtuch um die größte Sauerei zu vermeiden.


Als Zsolt gegangen war, musste ich mich einmal wieder an Cisco setzten und einige praktische Übungen lösen. Gegen drei Uhr morgens bemerkte ich, dass es schon wieder heller wurde und frage mich, wie weit nördlich wir eigentlich waren. Es schienen die Weißen Nächte schon in Izhevsk zu beginnen. Ihren Namen hatten sie von der Eigenart, dass es während dieser Zeit nie ganz dunkel wurde. Man kannte dieses Phänomen auch in anderen nördlichen Ländern als Polartag; dort kann man beobachten, wie die Sonne auch mal einfach gar nicht untergeht. In Sankt Petersburg hingegen dürfte ein Zustand der Dämmerung für einige Stunden zu erwarten sein, bevor die Sonne wieder aufging.

Ich überlegte noch etwas Anderes: Im Auslandsamt war für morgen, als praktisch heute, ein gemeinsames Fallschirmspringen angekündigt worden. Aliza wollte sich noch einmal deswegen bei mir melden, hatte es jedoch nie getan. Ich war mittlerweile sowieso zu leicht um überhaupt zum Fallschirmspringen zugelassen zu werden - das Mindestgewicht von 50 Kilogramm hatte ich schon in Deutschland nicht mehr erreicht, und das obwohl ich zu dieser Zeit nicht gerade dürr war. An mir war nur einfach nicht mehr Fleisch und Knochen dran. Wahrscheinlich wäre ich eh nicht gesprungen, denn es war schon ein gewisses Risiko damit verbunden. Bungee Jumping hingegen - vielleicht.
Aber mitgekommen und zugesehen hätte ich wahrscheinlich schon... wenn nicht immer noch so viele Aufgaben zu lösen wären, und ich nicht jetzt schon zu lange aufgeblieben war um schon 9 Uhr morgens aus dem Bett zu kommen...

30.05.
Heute musste ich noch die Übungen fertig machen, die mich fertig machten. Damit beschäftigte ich mich den ganzen Tag, schon halb auf dem Zahnfleisch herumrutschend und in Versuchung, in die Tischkante zu beißen. Schon seit Tagen saß ich an sogenannten Access-Listen, mit denen man sehr detailliert den Datenverkehr in Netzwerke hinein und aus ihnen heraus einschränken konnte. Dazu musste ich eine Aufgabe als Prüfungsvorleistung lösen. Ich wandte mich schließlich an Farin und schilderte mein Problem, das eigentlich nur darin bestand, dass ich in keiner einzigen Kombination der Befehle auf 100% kam. Zuerst hielt ich mich nur für schrecklich dämlich, aber nach einigen E-Mails mit Farin stellte sich heraus, dass ich zwar auch einen Denkfehler hatte, aber dass vor allem die Deppen von Cisco Fehler in die Aufgabenstellung eingebaut hatten. Farin meinte, es sei nicht möglich, in dieser Übung über 69% zu kommen und sendete mir zwei weitere Übungsaufgaben zum Thema. Nun biss ich wirklich in die Tischkante.

Nur zu gerne nahm ich Wowas Einladung auf eine kleine Ablenkung an. Er meldete sich immer noch mal von Zeit zu Zeit, auch wenn er selbst im Studium einen ganzen Brocken Arbeit hatte. Jeder schien im Moment an seiner Diplom- oder Bachelorarbeit zu schreiben; nur Pascha nicht, der war auf dem Fahrrad in der Republik unterwegs.
Wowa holte mich um 17 Uhr am Wohnheim ab. Ob ich schon im Kirow-Park gewesen sei? Nun, es war fast unmöglich, noch nicht dort gewesen zu sein, denn er lag gleich um die Ecke und hatte diesen sowjetischen Charme, der ihn zum idealen Naherholungsraum machte. Aber eigentlich war ich nur einmal mit Gergö dort gewesen.
Wir spazierten die Straße hinunter, durch den Park, vorbei an Gruppen von jungen Trinkern, die bei Einbruch der Dunkelheit wahrscheinlich zu Gopniks werden würden, und kamen schließlich über einen kleinen Weg hinunter zu Izhevsks einzigem Strand. Ich war schon vorher einmal hier gewesen, aber im Frühling, und hatte den Strand unverständlicherweise mit einer Schlammwiese verwechselt. Doch nun waren Volleyballnetze aufgebaut worden, kleine Kabinen zum Umkleiden standen auf dem Sand und sogar eine Art Rettungsschwimmer schien am Ufer des Stausees zu sitzen. Allerdings schwamm niemand. Es schien sich herumgesprochen zu haben, dass man von dem Wasser im besten Fall einen Ausschlag bekommt. Ich hatte zusätzlich dazu noch die Theorie, dass eine ganze Reihe von mutierten Seemonstern darin herumschwamm. Aber das glaubte mir dann doch niemand.
Wowa war mutig und wusch seine vom Sand staubig gewordenen Füße im Wasser. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm? Ich wollte abwarten, wie heiß es noch werden würde bevor ich wirklich dort baden ging. Von anderen hatte ich gehört, dass es viel schönere Seen in der Nähe, zum Beispiel 40 Kilometer entfernt gab, und dass wir vielleicht mal mit dem Auto hinfahren könnten. Aber das dürfte sich auch im Sand verlaufen...



Wir spazierten zurück und kamen an einem Dingens vorbei, das ich bisher nur im Dunkeln gesehen hatte. Ich hatte immer mal im Hellen vorbeikommen und es fotografieren wollen, war aber nie dazu gekommen. So war heute meine Gelegenheit, und da ist es:



Der Abend war noch so schön und warm, dass ich vorschlug, noch eben ein Eis essen zu gehen. Das nächstgelegene Café war das mit dem überdimensionalen Colt auf dem Dach und der schrecklichen Technomusik aus den Lautsprechern. Doch wie immer erfüllte es seinen Zweck, das nächstgelegene Café zu sein.
Ich hatte immer ein wenig den Eindruck, dass Wowa besorgt war, ob ich in Russland überlebte und ob ich es überhaupt hier aushielt... umso erstaunter schien er, als ich ihm davon erzählte, vielleicht noch ein Semester ist Russland bleiben zu wollen. Wenn wir über Deutschlandland und Russland sprachen, ließ er oft kein gutes Haar an seinem Land und lobte Deutschland für seine vielen tollen Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, und schüttelte den Kopf, wenn ich die ein oder andere Absonderlichkeit erzählte, die mir in Russland so untergekommen war, vielleicht auch nur vom Hörensagen. Ja, es sei alles wahr, bestätigte er.

Donnerstag, 1. Juli 2010

Ich lebe noch! Teil 8. (19. Mai bis 24. Mai)

Von schlechtem Essen, betrunkenen Ungarn und dem "anderen" Izhevsk

19.05.
Wenn man so anfängt, gesprochenes Russisch zu verstehen, bemerkt man, dass die Russen ziemlich sprechfaul sind. So heißt es zum Beispiel statt "sdrastwujte" einfach "sdrasdje" für "Grüßen Sie sich", und sämtlichen Zehnerzahlen wird die Zehn geklaut - statt "schestdesjat" (sechzig) sagte man einfach "schesjat", und das funktioniert für alle Zahlen, die ihre Zehnerform mit "-desjat" bilden. Auch in der geschriebenen Umgangssprache hatte ich verschiedene Abkürzungen gesehen, zum Beispiel "otsch" statt "otschen‘" für "sehr", das in der Abkürzung nur noch aus zwei kyrillischen Buchstaben besteht.

Heute fand die Vorlesung zu einem Fach statt, von dem ich schon fast vergessen hatte, das ich es belegte, weil die letzte Vorlesung darin schon weit über einen Monat her war. Albert hatte wohl auch gemerkt, dass die Zeit langsam etwas knapp wurde und kürzte kurzerhand den geplanten Stoff. Erwartungsgemäß beschwerte sich niemand. Die Hälfte der Studenten verbrachte eh die meiste Zeit mit dem Surfen im Internet, schaltete nach der Stunde die Computer nicht aus und verschwand in einer Staubwolke. Wie immer half ich Albert beim Ausschalten, und er fragte, ob ich schon gegessen hätte. Er hatte nicht viel Zeit, wollte aber in das kleine Café auf dem Weg zur Uni gehen. Das hatte allerdings geschlossen, und die Frau im Bäckerladen nebenan meinte, das sei wegen einer Feierlichkeit. Wir beschlossen, stattdessen in die Uni-Cafeteria zu gehen. Das war heute eine schlechte Entscheidung, denn alles, was es gab, war graue, matschige Fleischbrocken mit zerkochtem Buchweizen, der sich auf der Zunge anfühlte, wie sich mit großer Wahrscheinlichkeit eine lebende Nacktschnecke im Mund anfühlt.


Schon vorahnend, dass es nicht besonders gut schmecken würde, hatte ich mir eine Quarktasche dazu gekauft, aber selbst die war ungenießbar, weshalb ich das Essen beiseite legte und einen Zettel hervorkramte. Ich hatte letzten Samstag beim Albern mit Albert zur Prüfung viel herumgesponnen, und unter anderem waren wir darauf gekommen, seine Handschrift zu analysieren. Die Schriftprobe hatte ich durch einen automatischen Analysator im Internet gejagt und ließ ihn nun das Resultat wissen. Er hörte überaus interessiert zu, denn wenn er sich mit etwas gerne beschäftigte, dann war es mit ihm selbst. Das allerdings sagte das Analyseresultat nicht. Anderes, wie dass er gern im Mittelpunkt stand, eigensinnig war und Durchsetzungsvermögen hatte, stand drin und traf zu - neben etwa 20 anderen Eigenschaften. Ich hatte die Analyse auch für mich gemacht und ein ganz ähnliches Resultat bekommen, mit nur einigen wenigen Unterschieden - dass ich eben nicht gern im Mittelpunkt stand und unabhängig von der Wertung meiner Mitmenschen sei. Entweder waren uns sehr ähnlich, oder der Generator spuckt so allgemeine Ergebnisse aus, dass es immer stimmen musste.

Am Nachmittag war ich mit Olga verabredet. Sie fürchtete immer noch, dass ich verhungern würde und hatte mir eine Tüte mit Pfannkuchen und eine große Packung mit selbstgemachtem Rote-Beete-Salat mitgebracht. Dazu kaufte ich uns Eiscreme aus dem Laden im Untergeschoss meines Wohnheims - Marke "Sowjetunion". Das Eis bestand leider nicht aus rotem Kirsch- oder Erdbeereis, sondern simpler Vanille, die etwas zu stark gesalzen war - falls man Eis überhaupt Salz beimischt. Es war nur bedingt genießbar. Vor dem Salat hatte ich etwas Angst, denn ich hatte wahrscheinlich schon beim internationalen Abend etwas Derartiges probiert, und Rote Beete sind nun mal keine gute Kombination mit Fisch und Mayonnaise. Aber das kann man keinem Russen erzählen.



Endlich, am Abend, bekam ich das erste genießbare Essen des Tages: Gergö hatte mich auf selbstgemachten Palatschinken eingeladen. Palatschinken stellte sich als die ungarische Variante von Pfannkuchen heraus, und die Einladung als Vorwand zum Trinken. Auch Zsolt saß schon mit einer Flasche Wodka in der Küche, was mich wunderte, denn die beiden konnten sich eigentlich nicht riechen. Doch der Alkohol brachte Menschen zusammen. Den Leser wird es vielleicht verwundern zu lesen, dass ich - wieder - auf das Trinken verzichtete. Ich wollte den nächsten Morgen lieber mit Lernen verbringen als mit einem Kater. Außerdem konnte man beim Trinken mit den Ungarn nur verlieren.
Gergö wirkte wie immer, als hätte er schon fünf gerade sein lassen und führte vor, wie er die Pfannkuchen in die Luft werfend wenden konnte. Das Resultat sieht man auf dem zweiten Bild.



Dass es original-ungarischer Palatschinken war, bezweifelte ich noch, als Gergö als Füllung diese angedickte russische Milch vorschlug. Zsolt hatte sich genug Mut angetrunken um schon mal die Dose mit dem russischen Dosenöffner zu massakrieren.
Solange Gergö noch stehen konnte, wollte er auch die restliche Hefe verbrauchen, aus der er vor einigen Tagen, oder vielleicht auch Wochen, Langos gemacht hatte und lieh sich wieder meinen großen Topf aus. Ich war die einzige im Besitz eines Topfs, der noch sowohl Henkel als auch Deckel hatte. Um dass es so bliebe, hatte ich den Topf nicht zum öffentlichen Gut im Wohnheim gemacht, zumal ihn sich eh jemand innerhalb kürzester Zeit angeeignet hätte.
Gergö und Zsolt tranken im Minutentakt und hatten schon die Flasche fast geleert, obwohl Zsolt sich fein zurückhaltend immer nur das Glas halb vollschenkte, während er Gergös Glas bis zum Rand, und manchmal auch über den Rand füllte. Nun begann Gergö echten Palatschinken zuzubereiten, indem er dicke Käsescheiben in den Pfannkuchen einbuk und sie anschließend halbierte. So hatte ich mir das schon eher vorgestellt, obwohl ich immer noch die Bezeichnung "Schinken" irritierend fand.



Es war wieder mal einer dieser seltsamen Tage... während ich also dasaß, aß und beobachtete, wie die beiden Jungs immer betrunkener wurden, sollte sich ein weiteres Puzzlestück in eigentlich gelöst geglaubte Rätsel des seltsamen Fischgeruchs einfügen. Der Ägypter mit der lustigen Frisur, Ali, kam zu uns in die Küche und hielt ein seltsames Gefäß mit einer Metallzange in der Hand. Er schaltete den Ofen an und holte mit der Zange einige Stücken Kohle aus dem Gefäß und legte sie auf die blanke Herdplatte. Nach kurzer Zeit begann sich Rauch zu entwickeln, und als die Kohle langsam grau wurde und von innen zu glühen anfing, wendete Ali die Brocken wie Steaks, die dabei jedoch auseinander brachen und von der Kochplatte krümelten. Daher kam also die ganze Schweinerei; ich hatte mir schon ernsthaft gefragt, wie man allein mit dem Kochen von Lebensmittel den Ofen so verdrecken konnte. Als ich das erste Mal meine neue Pfanne ausprobiert hatte, hatte sich die Unterseite sofort schwarz verfärbt und war regelrecht klebrig worden und roch verbrannt. Auch jetzt verbreitete sie wieder ihren charakteristischen Geruch nach verbranntem Fisch. Ich fragte, welche Kohle sie denn dafür verwendeten, da meinte Ali, das sei normale Heizkohle. Langsam kroch ein immer dichter werdender Nebel durchs Zimmer und ich fühle mich mit einem Mal benommen und leicht schwindelig... Moment mal; ich war zwar nie gut in Chemie, aber entstand dabei nicht Kohlenmonoxid? Oder Dioxid? Auf jeden Fall kann es nichts Gesundes gewesen sein, und mit diesem Gedanken in meinem leichten Kopf rettete ich mich auf die Fensterbank und riss das Fenster weit auf, während wir alle hustend und keuchend stöhnten. Der Rauch wollte und wollte sich jedoch nicht verziehen; hätten wir einen Kanarienvogel im Zimmer gehabt, wär der uns wahrscheinlich von der Stange gekippt.




Als wir auch das überlebt hatten und Ali glücklich seine Wasserpfeife rauchen gegangen war, brachte mir Gergö weitere ungarische Schimpfworte bei und meinte, wenn ich sie könne, würde mich jeder für eine Ungarin halten. Es klang wie Os bos na bä und eigentlich schon gar nicht mehr wie eine Sprache. Gergö erklärte mir den grammatikalischen Hintergrund, aber das war mir dann doch zu fortgeschritten.
Die zweite Flasche Wodka war schon zur Hälfte geleert als Gergö aufstand um Wasser zu lassen und nicht mehr wiederkam.

Das Schöne daran, wenn man anderen Leuten beim Trinken Gesellschaft leistet, aber selbst nüchtern bleibt, ist, dass man einmal bewusst in diese Leute hineinhorchen kann, und mit etwas Fingerspitzengefühl bekommt man das ein oder andere Geheimnis aus ihnen heraus.
Hätte ich vorher geahnt, welche Lawine ich damit lostrat, hätte ich wohl nicht nachgebohrt. Doch einmal angefangen, ließ sich Zsolt nicht mehr stoppen und plauderte ein Geheimnis nach dem anderen aus. In den kommenden Tagen würde er das noch viel detaillierter tun, nur ahnte ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht...
Noch ein, zwei Gläser trank er noch, dann beendeten wir den Abend. Es dämmerte schon.
Am Ende blieb nur Chaos in der Küche zurück.

20.05.
Heute hatte ich richtig nett ausschlafen, dann im Nachthemd mein Cisco-Arbeitspaket für den Tag erledigt und mich erst am späten Nachmittag angezogen. Beim Beine-Vertreten traf ich auf Zsolt, der keineswegs verkatert aussah, während Gergö sicher noch irgendwo lag. Wir plauderten kurz, er erinnerte sich an alles und wollte gern darüber reden, also trafen wir uns ein paar Minuten später in der Küche auf einen Tee. Er hatte die gleiche Macke wie ich, nur Mineralwasser zum Teekochen zu verwenden und fragte extra nach, ob ich nicht etwa Leitungswasser genommen hatte. So plauderten wir. Irgendwann kamen wir darauf, dass wir beide auf einem bestimmten Niveau Russisch angekommen waren, aber uns immer noch nicht so recht verständen konnten, und dass wir wohl mehr Übung brauchten. Ich holte meine Lernmaterialen und Zsolt seine. Wir gingen den Bestand durch... damit konnte man arbeiten. Großspurig verabredeten wir uns, ab morgen jeden Tag zwei Stunden miteinander Russisch zu lernen.

21.05.
Zum Mittag traf ich Olga; sie kam einmal wieder von irgendetwas Offiziellem und trug ihr Kostüm dafür. Man hörte sie schon von Weitem mit ihren Stöckelschuhen klackern.
Viel Zeit hatte sie wieder nicht, aber wir wollten schon gemeinsam essen gehen. Sie meinte, es gäbe einen Ort in der Nähe, an dem sie im ersten Semester immer gegessen hätte. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass sie mich in die Kantine des Bürogebäudes führte, das mir mein Zimmer mit den blauen Buchstaben "KOMOS" ausleuchtete. Offenbar war es ganz normal für Studenten, in eine Firmenkantine zu gehen.

Das Essen sah dennoch nicht wesentlich besser aus als in der Universitätskantine: Die Salate waren eingetrocknet, das Fleisch grau, die Beilagen traurig. Allein die Okroschka-Suppe sah gut aus, und ich hatte sie noch davon in guter Erinnerung, als Olga sie selbst zubereitet hatte. Doch genau das war das Problem: Ich würde sicher enttäuscht davon sein, wenn sie nicht so gut schmeckte wie die von Olga, und dann keine Okroschka mehr mögen. Bevor ich zu Ende überlegen konnte, musste ich mich entscheiden, weil ich an der Reihe war, und nahm die Suppe. Es war enttäuschend. Sie schmeckte sauer wie vergammelte Milch, und Olga erklärte, dass man diese Suppe aus Kwas hergestellt hat, statt aus saurer Sahne. Das nahm ich so hin und schob die Suppe von mir. Olga wollte sie auch nicht essen. Schon der zweite kulinarische Auswärtsmisserfolg in Folge. Wahrscheinlich musste ich doch kochen lernen.



Anschließend wollte ich endlich einmal testen, ob es überhaupt möglich war, fremde Personen ins Wohnheim mitzunehmen, oder ob nur offiziell gesagt wurde, dass es möglich war, aber praktisch nicht zu erreichen?
So schleifte ich Olga ins Auslandsamt, wo ich auf Marina traf. Ich hatte Glück, denn sie hatte es noch nie zuvor gemacht und willigte ein, es sofort zu erledigen, denn für alles gab es ein erstes Mal. Sie erkundigte sich bei ihrer Kollegin, wie die Vorschriften dazu waren und begann, ein Dokument an Alizas Computer umzuschreiben, stellte mir Fragen zu meiner Uni und tippte weiter. Anschießend druckte sie es aus, sah es mit ihrer Kollegin durch und begann es wieder umzuschreiben. Nach bestimmt einer Viertelstunde war sie mit dem Resultat zufrieden und druckte es dreimal aus. Dann machte sie Kopien von Olgas Pass und Studentenausweis. Natürlich auch in dreifacher Ausfertigung. Das wurde aneinandergeheftet. Ein Exemplar blieb bei ihr, eins sollten wir beim Pförtner abgeben, das dritte bei meiner Etagen-Omi. Das war ja einfach. Nun wollten wir es auch gleich ausprobieren, und wir hatten Glück, es war nach 12 Uhr, denn erst ab dann begann die Besuchszeit. Und 10 Uhr abends wurden die Gäste dann nach draußen gekehrt. So lang blieb Olga nicht, aber sie willigte ein, Zsolt und mich eine halbe Stunde lang im Russischlernen zu unterstützen. Gesagt, getan. Sie begann Zsolt auf Russisch auszuquetschen bis er nur noch verzweifelt schaute. Ich glaube, so funktioniert das Russischlernen auf unserem Niveau einfach nicht. Was wir brauchen, sind vor allem die nächsten 2000 Vokabeln, aus denen man ein anständiges Gespräch überhaupt erst aufbauen konnte. Dafür mussten wir uns allein, oder auch zu zweit hinsetzen und unsere Lehrbücher durchgehen. Zwei Stunden pro Tag. Soweit zumindest der Plan.
Ich begleitete Olga zur Bushaltestelle und ging gedankenverloren zurück. So viel zu lernen, so wenig Zeit.

22.05.
An diesem Samstag begann die Vorlesungsreihe zum Thema "mobile Systeme" von vorn, nachdem wir die dafür geplante Vorlesungszeit für den Antennen-Stoff und die Faulheit der Masse der Ägypter geopfert hatten. Meinen Aufzeichnungen nach zu urteilen, hatten wir exakt die gleiche Vorlesung schon am Beginn des Semesters gehabt, aber ich verstand immer noch kein Wort. Professor Puschin schien nur Abkürzungen aneinander zu reihen, zog an der Tafel Pfeile vom einen zum anderen, und die Ägypter nickten. Ich gab den Kampf nach einer halben Stunde auf und begann Origami zu falten. Mir fehlten dafür einfach die Grundlagen, die hier vorausgesetzt wurden. Das Sinnvollste war wohl, diese Begriffe in Wikipedia nachzuschlagen.
Ich gab Professor Puschin gegenüber auch zu, dass ich keine Ahnung hatte und winkte ab, als er ansetzte, noch mal die Stunde zu wiederholen. Das würde ich schon selbst hinbekommen. Ich wischte demonstrativ die Tafel ab, und so gingen wir ein paar Minuten später wieder gemeinsam nach Hause. Es waren auch immer die gleichen Gespräche, die wir führten, hatte ich das Gefühl. Mittlerweile wusste ich so viel über zweisprachige Erziehung von Kindern, als hätte ich ein Buch darüber gelesen, und könnte jetzt vielleicht sogar eins darüber schreiben.
Und wie immer blieben wir noch kurz vor dem Supermarkt stehen, in den ich immer am Samstag nach der Vorlesung ging, und Professor Puschin verabschiedete sich mit einem Dank für die Gelegenheit, Deutsch zu sprechen.

Im Supermarkt sah ich mich heute ganz bewusst nach einem typisch-russischen Snack um, der mir in letzter Zeit öfters begegnet ist; meistens in Verbindung mit Bier: Zäher, salziger Käse, der wohl auch geräuchert und in Spaghettiform gepresst wurde. Das erste Mal hatte ich es in Usbekistan probiert. Dort war uns der Snack unter dem Namen "Fischstäbchen" präsentiert worden, und uns war schon nach dem ersten Bissen klar geworden, dass es höchstens Fischöl enthielt, aber das fiel in Usbekistan niemandem auf, weil Fisch eine eher ungewöhnliche Speise in solch einem Wüstenland war.
Nun hatte ich es bei Stasya auf dem Hausdach noch einmal probiert. Eigentlich mochte ich den Geschmack immer noch nicht recht, und gesund war das Zeug sicher auch nicht, aber irgendwie machte es innerhalb kürzester Zeit abhängig, besonders in Form eines Zopfes, weil man da mit seinem Essen spielen konnte.


Als ich zurück im Wohnheim war, ging ich Zsolt suchen um mit ihm die zwei Stunden Russischstudium durchzuziehen, aber ich traf ihn nur recht blass in der Küche an. Er meinte, er hätte gestern zu viel getrunken und könnte gerade im Moment, also heute, überhaupt nicht lernen.
Mir sollte es Recht sein, dann ich war auf ein Konzert eingeladen worden. Aber diesmal war es keins dieser coolen Konzerte, die hier praktisch jedes Wochenende stattfanden, sondern ein Musikschulkonzert. Dima und Nastya nahmen dort Gesangsunterricht, und jeder der einmal in einer Musikschule war, wird wissen, dass diese Konzerte relativ regelmäßig stattfanden um die Musikschüler zum Üben zu motivieren. Schon zu meinen eigenen Konzerten bin ich nie gern gegangen, aber nun dachte ich mir: Vielleicht ist es in Russland ja anders.
Dima hatte mich eingeladen, und Nastya wollte Olga dabei haben, und so traf ich mich vorher mit Olga, die aus irgendeinem Grund wusste, wo sich diese Schule befand.
Es war tatsächlich ein Schulgebäude, samt selbstgestalteten Wandaushängen und ausgestellten Basteleien.
Nastya hatte sich schon umgezogen, sie trug eine weiße Bluse und darüber eine schwarze Weste; Dima trug Jeans. Nein, er würde heute nicht mitsingen, meinte er. Zwingen konnten sie niemanden. Es war offensichtlich, dass er den Unterricht nur für Nastya mitbelegte.

Die Bühne war mit bunten Vorhängen und Luftballons geschmückt, und auch sonst hatte man sich ein wenig mehr ausgedacht als nur das einfache Aufführen von Stücken, die man in letzter Zeit gelernt hatte. Alles stand unter einem Thema, das - wie konnte es anders sein - immer noch der Sieg Russlands im zweiten Weltkrieg war. Dazu trugen einige Musikschüler Gedichte vor, und auch ein kleiner Sketch wurde mit eingebaut. Sonst wäre die dreistündige Vorstellung sicher langweilig geworden... Ich gebe es ja schon zu: Die dreistündige Vorstellung war langweilig. Schon nach der ersten Stunde begann ich Origami zu basteln. Zur erhöhten Schwierigkeit steckte ich Geldstücke in den Aurelio-Stern - um das geräuschlose Zusammenfalten zu erschweren.
Dann endlich kam Nastya dran. Sie sang im Chor und wirkte gar nicht froh dort auf der Bühne, eher ernst und konzentriert, während andere das Dauergrinsen gut trainiert hatten. Am talentiertesten war wohl eine Frau, die ich erst überhaupt nicht wahrnahm, weil sie gut zwei Köpfe kleiner war als der Rest, dafür jedoch einen guten Resonanzkörper hatte. Sie wäre wohl als Solistin glücklicher, dachte ich mir, und tatsächlich sah ich sie einige Wochen später auf einem kleinen Rock-Konzert für Nachwuchsmusiker in Izhevsk.

Nasyas Gruppe sang ein paar Lieder im Chor, dann kam bereits eine andere Gruppe dran. Jede Gruppe hatte eine ganze Reihe von Gitarrenspielern in ihrer Mitte. Zwar stand ein Klavier neben der Bühne, aber das benutzte niemand. Russland ist eben doch das Land der Gitarre. Als die Scorpions "Wind of Change" sangen, hätten sie gar nicht die singen müssen: "Let your balalaika sing / What my guitar wants to say", weil die Völkerverständigung schon auf Gitarren-Level geklappt hatte.





An diesem Abend waren wir alle zu Stasya aufs Dach eingeladen worden, aber je länger der Abend in dem Konzertzimmer wurde, desto mehr Wind zog auf und umso ungemütlicher sah es draußen aus. Langsam begann ich mich wirklich ein wenig zu langweilen und unruhig zu werden. Dima hatte sich aus Langeweile den dicken Pickel auf der Nase aufgekratzt und saß nun mit einem Heftpflaster quer über die Nase und sah aus wie ein Boxer.
Als das Konzert endlich vorbei war, wollten Dima und Nastya noch mit den anderen Schülern bleiben und Tee trinken. Wir verabredeten uns für den späteren Abend bei Stasya.
Olga war noch in einem feinen Kostüm und meinte, sich erst zu Hause umziehen zu wollen, da sie so unmöglich aufs Dach gehen konnte. Aber rennen konnte sie darin - in Minirock und Stöckelschuhen; als nämlich unser Bus an uns vorbei fuhr um 50 Meter entfernt an der Bushaltestelle zu halten, griff sie meine Hand und zog mich mit. Ich sah Olga vor meinem inneren Auge schon stolpern und fallen, aber sie rannte bald sicherer in den Stöckelschuhen auf dem unebenen Gehweg voller Steinen entlang als ich in meinen flachen Tretern. Das übte jede Russin wahrscheinlich schon von klein auf.

Bei Olga war wieder nur die seltsame Großmutter zu Hause; ihre Eltern lebten wahrscheinlich den ganzen Sommer in der Datsche auf dem Land. Olga bereitete Tee zu und wollte beginnen, Abendessen zuzubereiten. Ich fragte sie, ob sie nicht irgendwas gesagt hatte, dass sie sich nur umziehen wollte. Das kam wohl ein wenig zu unhöflich rüber, denn sie stellte den Topf wieder zur Seite und begann Brote zu schmieren, von denen sie mir natürlich auch anbot.
Schon 20 Minuten später kamen wir aus dem Haus, und zum Glück war es nicht weit zu Stasya, nur ein paar verwirrende Häuserecken waren zu umschiffen, dann standen wir vor dem Haus 397 in der Karl-Marx-Straße.
Sie waren schon längst nicht mehr auf dem Dach, sondern hatten sich in Stasyas Wohnung mit ihren Gitarren versammelt. Wieder traf ich auf mir unbekannte Freunde von Stasya, die ich später am Abend in vkontakte hinzufügte und mit ihnen chattete, bevor ich nie wieder von ihnen hörte.

Der Abend selbst begann erst gemütlich zu werden, als Olga schon nach Hause wollte... zum Lernen. Typisch Botanik - für Streber gab es immer etwas zu lernen, selbst wenn es Wochenende war und keine Prüfung in unmittelbarer Bedrohung anstand. Für mich hieß das, ebenfalls gehen zu müssen, denn sie war als mein Gast mitgekommen und eine seltsame Höflichkeit verlangte in Russland, dass ich sie nach Hause begleitete, selbst wenn sie nur um die Ecke wohnte. Bedauernd verabschiedete ich mich von Stasya und Sina, die gerade so fantastisch in Duo auf der Gitarre gespielt hatten. Dieses Lied hatten sie letztes Jahr für ihre Reise nach Sankt Petersburg einstudiert, als sie sich gemeinsam einige Zeit als Straßenmusikanten dort um die Runden gebracht hatten. Sie sprachen davon, es diesen Sommer wieder tun zu wollen - eine Wohnung für die ganze engere Clique zu mieten, denn das sei für einen Monat billiger als ein Jugendherbergszimmer für eine Woche.

Ich brachte also noch Olga bis zu Tür und überlegte, einfach wieder zur Party zu gehen, wenn ich sie sicher nach Hause gebracht hatte, aber sie machte mir einen Strich durch die Rechnung und bestand darauf, mich zum Bus zu bringen.
Russland hatte im Hockey gewonnen, offensichtlich. Singende, betrunkene Russen zogen die Straßen entlang, ihre Mädels in den Armen, die genauso fröhlich waren. Autos fuhren hupend vorbei, und aus ihren Fenstern flatterten Russlandfahnen. Nur der Bus kam ewig nicht, und als er kam, war es der letzte für heute und so voll, dass sich der Fahrkartenverkäufer kaum durch die Menge bewegen konnte.

Der Abend war noch jung, aber niemand war im Computerraum. Manchmal waren die Computersüchtigen alle gemeinsam verschwunden, aber ich hatte noch nicht herausfinden können, wohin. Aber ich vermutete, dass Alkohol eine Rolle spielte. Als es laut klopfte, fuhr ich erschrocken zusammen. Das Geräusch kam vom Balkon. Hatte mich jemand schon eine ganze Weile beobachtet und wollte jetzt fragen, ob er auch mal anfassen durfte? Nein, es waren nur zwei Ägypter, die mit ihren Freunden auf der Etage unter uns zusammengesessen hatten und die Etagen-Omi nicht wecken wollten, die ihnen die Eingangstür zu unserem Flur hätte aufsperren müssen - so nahmen sie also den Weg über die Feuerleiter zwischen den Balkonen. Sie bedankten sich froh und gingen schlafen, was ich jedoch noch lange nicht tat. Ich lebte wieder vollkommen nach deutscher Zeit und ging frühestens um zwei Uhr morgens ins Bett - 12 Uhr deutscher Zeit. Doch auch andere konnten nicht schlafen...

23.05.
An diesem Sonntagmorgen schnappte ich mir die Gitarre aus dem Computerraum und brachte sie in mein Zimmer zum Üben; ich spielte längst nicht so regelmäßig wie ich gerne wollte oder sollte, aber wenn ich die Gitarre dann mal in den Händen hatte, spielte ich so lang bis die Finger bluteten und ich Tränen in den Augen hatte. Aber auch das wurde mir gestern gesagt: Wenn ich irgendwas in Russland lernen sollte, dann ist es Russisch und die Gitarre zu spielen. Recht hat Stasya damit.


Für den restlichen Sonntag hatte ich etwas Lernen geplant, und dann am Abend vielleicht ein Treffen mit Sina... als gegen Mittag mein Handy zum wiederholten Male seit zwei Tagen mit der gleichen Nummer klingelte. Ich entschied, dass es vielleicht doch etwas Wichtiges war und ging ran. Normalerweise meldeten sich bei den mir unbekannten Nummern immer nur irgendwelche Fremden auf Russisch, weshalb ich nun normalerweise nicht mehr bei unbekannten Nummern ans Telefon ging.
Doch diesmal war es tatsächlich für mich. Ich hatte vor einiger Zeit meine Handynummer an einen Couchsurfer gegeben, der in Izhevsk wohnte und meinte, wir sollten uns irgendwann einmal treffen. Normalerweise verlief so etwas im Sand, aber nicht mit Andrey Babuschkin, der mich noch für den heutigen Nachmittag zum Grillen einlud. Er beschrieb mir den Weg mit der Straßenbahn und meinte, ich würde etwa eine Stunde bis zu seinem Haus brauchen. Sie selbst seien noch unterwegs, würden mich dann aber in einer unserthalben Stunde erwarten. "Sie" waren er und seine Frau Tatiana. Ich sah mir das Foto noch mal genauer an. Es war ein Ehepaar im mittleren Alter. Couchsurfing führte wirklich jeden mit jedem zusammen. Wahrscheinlich würden wir nichts gemeinsam haben, außer dass wir in der gleichen Internetgemeinschaft aktiv waren. Vielleicht würde es dennoch ein schöner Nachmittag werden, dachte ich mir und überlegte, was ich als Gastgeschenk mitbringen konnte - etwas, das im nächstgelegenen Laden im Untergeschoss des Wohnheims zu finden war, sonst würde ich mich verspäten. Schokolade. Wein? Oder...? Warum nicht einfach Origami mitbringen? Es ist das ideale Gastgeschenk: Hübsch, mit Liebe gemacht... Ich ging in mein Zimmer und suchte eine schöne Sphäre aus dem Regal.
Ich kann nicht sagen, wie während dieses kurzen Gedankengangs eine halbe Stunde vergangen war, aber ich war schon recht spät dran, denn der Weg zur Straßenbahn kostete mich gut 10 Minuten. Und natürlich kamen erst einmal alle anderen Straßenbahnlinien bevor eine Bahn der Linie 1 hielt, das war schon wieder 10 Minuten später. Während ich wartete, kramte ich in meinem Rucksack nach einem Faden und einer Schere - natürlich hatte ich beides dabei, denn ich trug immer einen ganzen Haushalt mir mit auf dem Rücken herum. Wie ein Schnecke. So schnitt ich noch schnell den Aufhänger zurecht und stieg in die Bahn ein.

Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen, aber: Ich hatte eine Stadtkarte dabei. Diese hatte ich mir am 9. Mai gekauft, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, wann oder warum. Die Karte half in der Groborientierung, war aber nutzlos, wenn man wirklich ein Haus finden wollte, und das obwohl sie im A4-Format war und gut 30 Seiten hatte. So etwas können nur Russen produzieren.

Ich fuhr durch das Stadtzentrum hindurch und erkannte schließlich den Weg zum Bahnhof wieder, der weit außerhalb der Stadt lag, aber bis zu Andrey war es noch weiter. Es wurde immer grüner und statt der sowjetischen Plattenbauten reihten sich nun kleine und windschiefe udmurtische Holzhäuser aneinander, die alle einen mehr oder weniger großen Garten besaßen. Das einzige, was noch schiefer als die Häuser war, waren die Gartenzäune ringsherum. Straßen gab es hier keine mehr; es waren bestenfalls Wiesen mit staubigen Reifenabdrücken.
In der Straßenbahn saßen hauptsächlich Omis mit pink-gemusterten Kopftüchern und die Haltestellennamen wurden immer seltsamer und unaussprechlicher, wenn man von der Gagarin-Straße einmal absieht, die ich sogar auf der Stadtkarte fand. Ich sollte an der Haltestelle Kirpitschnaja aussteigen, die erst angesagt wurde, als die Bahn schon davor anhielt und die Türen offen standen. Mit einem Sprint kam ich noch nach draußen und stand nun einsam und allein mitten in der Pampa. Wahrscheinlich war das das Ende der Welt. Irgendwo hinter einem der Büsche befand sich bestimmt ein schwarzer Abgrund, und wenn man weiterging, fiel man von der Erde hinunter in das Weltall. War das wirklich noch Izhevsk?

Ich wollte mich gerade bei Andrey melden, als mir ein kräftiger Mann zuwinkte. Das musste wohl Andrey sein. Erkannt hatte ich ihn nicht, aber er war der einzige Mensch weit und breit, also ging ich zu ihm hin. Er begrüßte mich überschwänglich. Es kamen nicht oft Couchsurfing-Gäste vorbei; praktisch war da nur Liam, der Engländer, mit dem ich auch schon Telefonnummern ausgetauscht hatte... ich entschuldigte mich, dass ich 20 Minuten zu spät war, das wäre mir in Deutschland nie passiert.

Wir überquerten die Schienen und einen Feldweg, der hier die Funktion einer Straße hatte, dann öffnete er ein großes, schweres Metalltor. Dahinter befand sich ein massives neugebautes Haus mit großem Garten samt Fischteich und Gewächshaus. Und natürlich einem Grill. Sofort nach meiner Ankunft begann Andrey das Fleisch in die Glut zu schieben. Ich überreichte Tatiana den Origami-Ball, den sie sogleich an der Küchenlampe aufhängte.
Wir gingen nach draußen und machten es uns auf der Holztreppe in der heißen Sommersonne gemütlich. Es stellte sich heraus, dass sie abenteuerlustige Leute waren, weit gereist und sehr neugierig auf mich - was mich denn eigentlich und überhaupt nach Izhevsk verschlagen hatte, wie ich es hier fand und welche Pläne ich noch hatte. Zwischenzeitlich kam ihre Tochter heim, die auch Informatik studierte, aber nicht mit mir auf Englisch sprechen wollte; später kam der Sohn hinzu, der gestern mit seiner Band in Kazan gespielt hatte, und ebenfalls mit mir kein Englisch sprechen wollte.

Bald war das Fleisch durch und wir gingen ins Haus. Die Kinder deckten fix den Tisch; Tatiana hatte alles schon vorbereitet und so kamen wir ohne Verzögerung zum Essen. Es war fantastisch, wieder etwas Gegrilltes zu essen. Andrey hatte ebenfalls Kartoffeln in die Glut gelegt, die er jetzt an alle verteilte. Sie sahen schön durchgebraten aus und wurden mit Schale gegessen. Dazu gab es noch einen leckeren Salat, und ich fühlte mich wie im Paradies. Nur eine Kleinigkeit störte das Abendessen: Mir wurde ein großes Bierglas voll mit selbstgemachem Kwas vor die Nase gestellte. In Erinnerung an den hervorragenden Geschmack in Sankt Petersburg hatte ich das Glas Kwas gerne angenommen. Doch es schmeckte überhaupt nicht nach dem Getränk, das ich kannte. Es enthielt keinerlei Zucker und schmeckte einfach nur sauer und nach abgestandenem Bier. Mit guter Mine zu bösem Spiel schaffte ich es dennoch, den Liter zu trinken. Tatiana zeigte mir sogar, wie man den Kwas selbst herstellen konnte: Es gab entsprechendes Pulver im Supermarkt, man fügt einfach Wasser und Geschmack hinzu, wie zum Beispiel durch Zucker, und dann lässt man es einige Tage stehen. Das könnte wahrscheinlich sogar ich hinbekommen.

Die Stunden vergingen schnell im Plaudern und ich stellte mit Erschrecken fest, dass ich eigentlich schon vor einer Stunde lose mit Sina verabredet gewesen war. Ich schrieb ihr eine SMS unterm Tisch und sie mir zurück, und schließlich verabredeten wir uns dazu, uns in der nächsten Stunde zu treffen. Sie war bei einem Freund im Krankenhaus und hatte zwar daran gedacht, dass wir uns treffen wollten, aber hatte es auch nicht so genau mit der Zeit genommen.
Wahrscheinlich war es etwas unhöflich, jetzt schon zu gehen, direkt vom Esstisch, aber bei dieser erlebten Gastfreudschaft hätte ich wahrscheinlich noch übernachten müssen, wenn ich alle Regeln der Höflichkeit beachtet hätte. Die Kinder waren schon wieder irgendwo anders - in diesem großen Haus oder draußen. Es war eine schöne Umgebung zum Aufwachsen, ganz anders als in der Innenstadt, in der die Wohnungen schmal und die Nachbarn hinter dünnen Wänden waren.

Andrey und Tatiana begleiteten mich bis zur Straßenbahn. Normalerweise fuhren nicht so viele Bahnen an ihrem Haus vorbei, erzählten sie mir, aber die Straßenbahntrasse zum Bahnhof würde gerade gebaut, und deshalb wurden sie umgeleitet. Sonst sei es hier noch viel ruhiger. Ich erkundigte mich, wie man überhaupt noch mit den Öffentlichen zum Bahnhof komme. Sie sahen sich überlegend an... von meinem Stadtteil "Metallurg"... ja, wahrscheinlich Bus 36. Mich beeindruckte, dass sie so etwas wissen konnten, zumal ich noch nirgendwo einen Übersichtsplan mit Buslinien gesehen hatte. Dankend, grüßend, winkend stieg ich in die Straßenbahn, die sich rumpelnd auf den unebenen Schienen in Bewegung setzte. Und wieder ging die Fahrt vorbei an den kleinen udmurtischen Holzhäusern mit den hübschen Fensterverzierungen, die immer in weiß, oder leuchtendem grün oder blau angestrichen waren und weit sichtbar bäuerlichen Charme verbreiteten.






Ich stieg am Hauptplatz aus, aber Sina ließ auf sich warten. Ich ließ mich am Springbrunnen vor dem Theater nieder und hörte auf die Musik, die jeden Tag die gleiche war. Der Mond hing groß und rund am Himmel über dem Theater, und das am frühen Abend. Es war ein herrlicher Sommerbeginn, und es blieb abends schon sehr lange hell.


Sina kam schließlich; sie hatte etwas länger gebraucht um mich zu finden, da sie sich weigerte eine Brille zu tragen und so Schlängellinien um die Leute auf dem Platz laufen musste um mich zu finden. Ihrem Freund im Krankenhaus ging es den Umständen entsprechend gut, und sie hatten die Wächterin des Krankenhausflurs in den Wahnsinn getrieben bis sie Sina schließlich rausgeschmissen hatte. Sie meinte, das nächste Mal durchs Fenster klettern zu wollen. Sie war schon ein seltsames Mädchen; sie verzauberte jeden mit ihren großen unschuldigen Reh-Augen, um deren Wirkung sie sich sehr bewusst war, und fragte sich dann, weshalb ihr die Kerle wie ein Rudel Hunde hinterher liefen. Wobei "sich fragen" nicht ganz richtig ist; ich glaube, sie nahm es innerlich lachend als Kompliment auf. Ich konnte nie ganz einschätzen, was sie dachte; und selbst als ich sie mit der Zeit besser kennenlernte, blieben immer wieder Fragezeichen zurück.

Wir gingen die Straße hinunter Richtung der großen gelben Newskij-Kathedrale, die einen Knotenpunkt für den öffentlichen Nahverkehr bildete, aber auch ein Zentrum des Nachtlebens darstellte. Sina führte uns in ein Café, das vor allem durch sein Zebra-Afrika-Design auffiel.
Ich war noch recht voll vom Grillen bei Andrey und Tatiana, aber eine kleine Süßigkeit passte schon noch in den Magen. Das dachte Sina auch und wir bestellten uns Eisspezialitäten aus der langen Liste der Dessert-Karte. Dazu natürlich eine Kanne Tee, denn wir waren in Russland. Mich wunderte schon, dass sie kein Brot dazu bestellte. Allerdings ließ sie sich von der Kellnerin einen Kugelschreiber geben und begann damit auf einer Serviette zu malen... einen Baum... einige Kritzeleien... ein paar Worte... sie sagte, das würde sie immer in Restaurants machen. Das war für mich das Stichwort, mein Origamipapier auszupacken. Und während wir uns kreativ betätigten, sprachen wir tiefsinnig. Es war eine der seltsamsten Verabredungen, die ich je hatte. Es war bereits 23 Uhr, aber wir wollten beide nicht, dass der Abend schon so schnell endete und gingen zu ihr nach Hause um weiter Tee zu trinken und zu philosophieren.



Sina hatte eine wahnsinnige Katze. Sie war sehr scheu und aggressiv zugleich. Einmal habe sie das Bein einer Freundin völlig zerkratzt, weil in ihrer Hosentasche ein Handy mit Vibrationsalarm geklingelt hatte, erzählte mir Sina auf dem Weg nach Hause. Wir stoppten in einem Supermarkt um für ein nächtliches Picknick einzukaufen. Was konnte ich der Katze mitbringen um mich bei ihr beliebt zu machen? Fisch? Aber nein, einen ganzen gefrorenen wollte ich ihr dann doch nicht mitbringen. Sina schlug vor, ich sollte ihr einfach das Abendessen für heute in den Fressnapf schütten.

Bei Sina angekommen, verhielt ich mich ruhig und wartete darauf, dass das Katzenbiest fertig wurde mich zu beschnuppern, doch dann schob Sina sie einfach zur Seite Richtung Küche, was sie beleidigt zur Kenntnis nahm. Wie abgemacht fütterte ich die Katze nun mit etwas Trockenfutter und stellte fest, dass sie eigentlich gar nicht so schlimm war. Nur streicheln ließ sie sich nicht, und das Handy hatte ich vorsichtshalber ausgeschaltet.


Sina besaß eine recht große Wohnung, die sie allein bewohnte, mit einem Zimmer allein für ihre Musikinstrumente, und so stellte es kein Problem für sie dar, dass ich über Nacht blieb. Nur die Katze war damit nicht ganz einverstanden und sprang die ganze Nacht auf mir herum. Manchmal rollte sie sich auch auf mir zum Schlafen zusammen und ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen, weil dieses Tier doch ein ziemliches Gewicht hatte und außerdem von meiner Bewegung aufgewacht wäre und wieder auf mit herumgesprungen wäre. So blieb ich die meiste Zeit in dieser Nacht wach und schlief nur kurz vor dem Klingeln meines Weckers um 11 Uhr morgens ein.
Wie gerädert stand ich auf. Sina wurde auch nur langsam wach, machte uns aber einen Tee und brachte mich eine halbe Stunde später zur Bushaltestelle. Sie selbst wollte den Tag nutzen um an ihrer Diplomarbeit zu schreiben, die sie schon eine ganze Weile vor sich herschob - deshalb ging sie mit ihrem Notebook zu einem Freund, der kein Internet besaß.
Irgendjemand hatte es lustig gefunden, die Briefkästen in ihrem Haus in die Luft zu sprengen. Dabei war er sehr gründlich vorgegangen. Eine schöne Wohngegend, und gar nicht so weit entfernt von meinem Wohnheim.


24.05.
Trotzdem hatte ich keine Zeit, am Wohnheim auszusteigen, als mein Bus daran vorbei fuhr, denn ich war schon recht spät dran für eine Vorlesung. Es musste heute auch ohne Notizblock und Notebook gehen.
Auf die Minute pünktlich, was mich selbst überraschte, kam ich in Gebäude 5 an und stellte noch ein bisschen mehr überrascht fest, dass Albert schon da war und gerade eine Art Rede hielt. Ich spähte zur offenen Tür hinein. Eine ganze Delegation hatte sich dort versammelt, Männer und Frauen in gehobener Kleidung. Ich wollte schon umkehren, weil ich annahm, dass der Unterricht heute ausfiel, doch in dem Moment änderte sich die Stimmung im Raum und alle Zeichen standen auf Aufbruch.
Die gehobenen Leute gingen nach draußen und an mir vorbei ohne mir viel Beachtung zu schenken, nur ein Mann sah mir ins Gesicht, und es dauerte einige Sekunden bis mein Hirn die Information verarbeitet hatte und meldete: Das war der Rektor. Er sagte guten Tag, und ich nur erstaunt, wie alt er von Nahem aussah und konnte gleich gar nichts erwidern. Langsam ratternd kam mein Hirn in Bewegung und schob ein "Guten Tag" hinter her, als Professor Yakimowitsch schon an mir vorbeigegangen war. Den Namen gab mein Hirn erst weitere 10 Sekunden später aus. Ich hatte das Gefühl, dass es heute im Sparmodus lief.

Als ich Albert auf die Delegation ansprach, meinte er, dass er sie schon seit 11 Uhr erwartet hatte, aber vielbeschäftigte Leute kamen nie pünktlich.
Seufzend setzte mich ich. Ich hatte die Entscheidung wieder vor mir hergeschoben, ob ich für meine Masterarbeit bleibe sollte oder nicht, und mit Albert kam natürlich wieder dieses Thema auf den Tisch. Ich hatte eine Pro-Kontra-Liste erstellt, die mir bei der Entscheidung helfen sollte. Im Moment war der Pro-Teil länger, aber die Liste veränderte sich ständig, wenn ich diese oder jene Information dazu erhielt, von der ich vorher nicht gewusst hatte, dass es ein Problem darstellen konnte oder mir ganz neue Möglichkeiten bot. Irgendwann wollte ich einfach nicht mehr darüber nachdenken. Ich lenkte das Thema auf Alberts eigene Arbeit und Olgas Bachelorarbeit, von der ich immer noch nicht genau verstanden hatte, was eigentlich ihre Aufgabe war. Albert erklärte, dass sie Netzwerksimulatoren mit realen Netzwerken verglich. Das hatte sie mir nie so gesagt... ob sie selbst wusste, was ihre Aufgabe war? Ich beschloss, ihr soweit möglich damit zu helfen, wenn sie wollte, und ich es konnte. Sie hatte über das Thema gestöhnt und gesagt, dass ihr die Programme Schwierigkeiten machten. Es war auch nicht genug Zeit dafür, so tief in das Thema einzugehen wie es vielleicht nötig wäre; die Studenten hatten maximal einen Monat für ihre Abschlussarbeit. Das deutete ich vor Albert an, und er gab zu, dass es sehr anspruchsvoll sei. Doch er erwartete viel von seiner besten Studentin, die er praktisch zu seiner Nachfolgerin ausbildete. Es gab zwar eine ganze Handvoll Streber in der Gruppe, aber nur ihr wollte er Forschungsarbeit geben, wenn er selbst das Forschungsstipendium gewann.
Ich glaube, auch auf mich hielt er große Stücke; Olga hatte einmal gesagt, wie stolz er sei, dass ich bei ihm studierte. Wahrscheinlich bin ich Dekor - eine Studentin aus Deutschland, damit konnte man sich schmücken. Denn ich bin keinesfalls eine gute Studentin. Mittelmaß, wenn überhaupt. Das habe ich ihm auch gesagt, aber Albert scheint in der Lage zu sein, bestimmte Informationen auszublenden und betitelte mich als die beste Studentin der Gruppe. Das war ein Punkt auf der Kontra-Liste für meine Masterarbeit: Mit solch hohen Erwartungen war die Enttäuschung vorprogrammiert. Aber vielleicht war das gerade die Herausforderung, die ich brauchte?

Wenn nicht unmittelbar eine Prüfung oder ein Termin anstand, fiel es mir schwer, Studienarbeit zu verrichten. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich es bis auf Sonntag geschafft hatte, im Zeitplan zu bleiben, den ich mir selbst zum Durcharbeiten des Cisco-Materials gesetzt hatte. Dennoch begann nun wieder der Stress, denn zusätzlich zu dem üblichen Material musste ich noch die praktischen Aufgaben für die Prüfung am 7. Juni lösen. Und dann standen weitere Prüfungen in den nächsten zwei Wochen an, denn die Ägypter mussten alle Prüfungen bis zum 14. Juni bestehen, da ein Teil der Gruppe danach abreisen würde. Nur wann genau die Prüfungen stattfanden, das hatte Albert noch nicht festgelegt und würde es wahrscheinlich erst relativ spontan entscheiden. Als ich ihn nach den Terminen fragte, hatte ich den Eindruck, ihn aus einem tiefen Schlaf geholt zu haben. Wie, wir mussten nun schon Prüfungen schreiben? Ich sah meine Möglichkeit kommen, selbst Einfluss zu nehmen, denn ich hatte bereits Pläne für den 9. bis 16. Juni, falls ich die Prüfungen so legen konnte, dass ich in der Zeit frei war: In Sankt Petersburg war es die Zeit der berühmten Weißen Nächte gekommen, und in Couchsurfing hatte man eine ganze Reihe von Events organisiert, die in dieser Zeit stattfinden sollten.
Ich meinte also zu Albert, es wäre schön, wenn meine letzte Prüfung die Cisco-Prüfung am 7. Juni wäre, die ja schon laut Vorlesungsplan so feststand. Das Problem sei nur die Prüfung im Fach Telekommunikation. Er nickte lächelnd und sagte, ich solle unbedingt nach Sankt Petersburg fahren, und wir würden die Prüfung auf den 3. oder 4. Juni legen; das gäbe den Ägyptern eine gute anderthalb Woche zum Lernen, und die Cisco-Prüfung für Modul 2, das ich schon abgeschlossen hatte, würde er eine Woche später ansetzen, wenn ich schon in Sankt Petersburg wäre.
Ich hatte es kaum für möglich gehalten, dass es so einfach wäre, die Prüfungstermine mit meinen Plänen abzustimmen und dankte Albert fröhlich. Nun würde ich bald einen weiteren Punkt von der Liste der Dinge, die ich im Leben tun wollte abhaken können. Diese Liste ist bereits recht alt, doch es scheint, als würden sich immer wieder Punkte darauf erfüllen. Die zweite Liste, Dinge, die ich im Leben schon getan habe wurde hingegen immer länger, und würde noch wesentlich länger werden, wenn ich sie um all die seltsamen Dinge ergänzen würde, die ich in Russland erlebt hatte. Diese Liste führte ich, um mich in schlechten Zeiten daran zu erinnern, wie schön das Leben sein konnte. Auch dieses Tagebuch wird einmal diese Funktion erfüllen, denn es ist wahr: Jetzt ist die beste Zeit meines Lebens. Und studieren zu gehen war die beste Entscheidung meines Lebens. Es eröffnete mir völlig neue Welten und brachte mich weiter als ich es je für möglich gehalten hatte.

Zurück im Wohnheim begann ich wieder Cisco durchzuarbeiten, doch auch andere Studenten hatten nun begonnen zu lernen, denn als ich den Computerraum betrat, waren sämtliche Arbeitsplätze belegt und kein Internetkabel mehr verfügbar. Kurzentschlossen klopfte ich an die Tür zur einer der Wohneinheiten der Ägypter, da ich im Vorübergehen im Korridor einmal einen WLAN-Router gesehen hatte und wollte darum bitten, dass sie mir das Passwort dafür gaben, sodass ich drahtloses Internet nutzen konnte. Nachdem ich versprochen hatte, niemandem sonst das Passwort zu verraten, sagte Mohammed es mir an. Eine Hand wusch die andere, sagte ich mir und beschloss, ihnen nach dem Ablegen der heutigen Kapitelprüfung meine Lösung für die praktische Prüfung am Ende von Modul 2 vorbeizubringen.

Obwohl ich im Nachbarzimmer war, stellte sich die drahtlose Verbindung als ziemlich schwach und instabil heraus, doch für meine Zwecke reichte es aus. Ich erhielt wieder um die 95% und klopfte wieder an die Tür. Es dauerte immer eine Weile bis jemand öffnete, und wenn jemand öffnete, dann ging es nur mit vorherigem lauten Diskutieren und halbnackt. Ich glaube, sie liefen die ganze Zeit völlig nackt in ihren Zimmern umher und diskutierten darüber, wer sich diesmal eine Hose überziehen sollte.
Ich meinte also, wenn sie die Aufgabenstellungen und Prüfungslösungen haben wollten, dann sollten sie mir einen USB-Stick geben. Das Kopieren dauerte nur zwei Minuten, aber selbst in dieser kurzen Zeit entbrannte wieder dieselbe Diskussion, wer diesmal die Tür öffnen sollte. Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee, eine Durchreiche einzubauen.

Eigentlich wollte ich nun mit einem Origami-Ball weitermachen, den ich am Sonntag begonnen und im Computerraum liegen gelassen hatte, aber sogar das angefangene Kunstwerk wurde hier geklaut... alles, was nicht nietundnagelfest und weggeschlossen war, verschwand. Ich hatte es für einen der Ägypter begonnen, der mich darum gebeten hatte, ihm ein ganz besonderes Origami zu machen, und hatte bei der Gelegenheit zugegeben, bereits zwei Stück aus der Universität mitgenommen zu haben. Zuerst wusste ich gar nicht, was er meinte, denn die Figuren hatten gestern immer noch auf dem Fensterbrett herumgelegen, aber später wurde mir klar, dass er die Figuren meinte, die ich bei Professor Puschin in der Vorlesung auf die Schnelle zusammengesteckt hatte. Natürlich hatte ich deren Verschwinden bemerkt, aber eher den Wachtmann Vladimir vermutet, der mir letztens erzählt hatte, dass er einen dieser Sterne repariert hatte, der offenbar zerfallen war. Aber wer Verwendung für einige Einzelteile hatte, konnte ich mir nicht erklären. Murik bot eine ganz nüchterne Erklärung an: Wahrscheinlich habe die Putzfrau die Teile weggeworfen, sie sei dumm. Eine ganz objektive Meinung war es nicht, denn er mochte sie nicht besonders, da sie ihn jeden Morgen mit dem Staubsauger aufweckte.