Dienstag, 27. April 2010

Ich lebe noch! Teil 1. (05. bis 10. April 2010)

Ich habe lange nichts geschrieben - Russland hat mir keine Atempause gelassen. Kurz gesagt: Ich bin in Sankt Petersburg gewesen und habe es sogar wieder zurück geschafft; habe ein Überlebenstraining im Wald absolviert, bin "Lehrerin" an einer Schule gewesen, hatte Prüfungen, habe von Ungarn das Trinken gelernt und mich tagelang auf einer internationalen Konferenz zu Tode gelangweilt. Das und noch viel mehr erfährst du, wenn du weiterliest... ;)

Mit schöner Regelmäßigkeit platzen im Frühling die Wasserleitungen. Hier habe ich ein sehr schönes Exemplar vor die Kamera bekommen, das auf typisch-russische Weise provisorisch repariert wurde:


Frühling heißt auch Frühjahrsputz: Die Straßen und Wege werden gekehrt und vom Müll befreit, der sich seit dem ersten Schneefall dort angesammelt hat. Das letzte Eis wird zerstochen und weggeschafft; das darunter zum Vorschein kommende Laub wird zusammengefegt und entsorgt. Am Ende werden alle Bordsteine weiß angestrichen. Kosten entstehen der Universität für ihr riesiges Gelände keine, denn nach russischer Tradition müssen die Studenten im ersten und zweiten Semester als Arbeitssklaven herhalten. Das gehört wie der Sportunterricht zum Pflichtprogramm.


Als ich in meiner Winterjacke und Mütze das Haus verlassen wollte, wies mich die Etagen-Omis darauf hin, dass es draußen warm, ja gar heiß sei. Skeptisch wie ich auf den Schnee hin, der noch in großen Haufen in der Sonne glänzte, da lachten sie. Ich konnte immer nur sehr schwer einschätzen, wie kalt oder warm es draußen war, wenn ich nur aus dem Fenster schaute, aber tatsächlich war ich froh, dass ich von der Mütze nicht abbringen lassen hatte, denn selbst wenn es für russische Verhältnisse Frühling war, pfiff mir der Wind noch ein wenig zu frisch um die Ohren. Das Thermometer zeigte 6 Grad plus.

Und es taute immer noch. Die Flüsse auf den Gehwegen und Straßen wollten überhaupt nicht mehr abreißen, sodass ich langsam nicht mehr daran glaubte, dass das ganze Wasser vom Schnee kommen konnte. Wahrscheinlich wurden sie von hunderten Wasserrohrbrüchen in der ganzen Stadt gespeist.
Viele Fußwege waren überhaupt nicht mehr begehbar, und die Schlaglöcher füllten sich zu Baggerseen auf. Ich sah schon einen Comic vor mir, in dem ein Auto auf der einen Seite in das Schlagloch hineinfuhr und auf der anderen Seite nicht wieder hinaus kam.
Aber da habe ich meine Wattwanderungen, nach denen ich mich so viele tausend Kilometer von der Nordsee entfernt gesehnt hatte - jeden Tag auf den Straßen.
Einen Vorteil hatte das ganze Wasser: Wenn die Schuhe von einer Schlammlawine völlig verdreckt waren, konnten sie im nächsten Weg sauber gewaschen werden. Der beste Fluss dieser Art floss direkt an meiner Uni vorbei, wo einmal das Fußweg zu Gebäude 1 gewesen war; er war klar und tief genug um selbst den Dreck auf Knöchelhöhe abzuwaschen.




So wundert es wahrscheinlich keinen, dass ich mir schließlich eine Erkältung zuzog.
Bekommen hatte ich sie wahrscheinlich von meinem nächtlichen Spaziergang am Montagabend. Ich hatte mich in den abendlichen Temperaturen verschätzt, denn obwohl es tagsüber schon frühlingshaft warm war, wurde es nachts überraschend frisch, besonders am Stausee, der immer noch zugefroren war.
Ich war also nicht warm genug angezogen gewesen und hatte mir noch dazu nasse Füße geholt. Das hatte ich davon.
Auf dem Heimweg am Rand der Innenstadt hielt ein Auto neben mir, der Fahrer sprach mich an, aber er fragte definitiv nicht nach dem Weg. Wahrscheinlich war es ein eindeutiges Signal in Russland, wenn ein Mädchen ohne Begleitung gegen 10 Uhr abends unterwegs war. Als ich später Murik davon erzählte, meinte er: "Im besten Fall wollte dich der Fahrer auf ein Date einladen, aber auf jeden Fall wollte er dich mit nach Hause nehmen..."
Aus ebendiesen Gründen wollte ich in Zukunft auf nächtliche Spaziergänge verzichten, obwohl die St-Michaels-Kathedrale nachts wirklich wunderschön aussieht:


Trotz dickem Kopf, verstopfter Nase und rauer Kehle ging ich zu den Vorlesungen. Es brauchte schon mehr als ein paar Viren um mich zum Vorlesungsschwänzen zu bringen. In Russland verstand das niemand. Wahrscheinlich auch nicht in Deutschland. Ich bin zum Streber mutiert seit ich in Russland bin. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so viel Faulenzertum und Schwänzerei unter den Studenten und unter den Professoren sehe, dass ich das Bedürfnis habe, ein wenig Ordnung hineinzubringen. So haben sich sicher auch die Preußen gefühlt als sie die Bürokratie nach Russland exportiert hatten... Zumindest das hatte sich als schwerer Fehler herausgestellt, der sich seit Jahrzehnen an allen Deutschen rächte, die Russland betraten und dort mit irgendeiner Behörde zu tun hatten.

Zum Glück war Dienstag und die einzige Vorlesung war der Russischunterricht. Doch als ich ankam, traf ich nur auf die Sekretärin des Fachbereichs. Die wusste auch nicht, wo meine Lehrerin war, klemmte sich aber gleich hinters Telefon um es herauszufinden, während ich mich zur ihr auf die Couch setzten sollte. Das war doch mal nett. Nach einer Weile erreichte sie sie. Offenbar hatten die Ägypter sie überredet, den Kurs ausfallen zu lassen, weil sie morgen ihre erste große Cisco-Prüfung schreiben würden, und mich hatte mal wieder keiner informiert. Aber eigentlich hätte ich es mir denken können, weil die Vorlesungen gestern schon aus dem gleichen Grund ausgefallen waren. Zumindest darüber war ich informiert gewesen, denn nach über einem Monat hatte ich es endlich erreicht, dass mich Dr. Abilvo über solche Änderungen informierte - per E-Mail, oder kurzfristiger auch per SMS. Mittlerweile duzten wir uns übrigens, deshalb werde ich ihn ab diesem Eintrag auch nur noch "Albert" nennen, wenn ich von ihm schreibe.

Albert hatte mich also informiert, dass die normalen Vorlesungen am Mittwoch - dem Prüfungstag - nicht stattfinden würden, aber dass ich gerne in den Computerraum kommen könne, in dem die Prüfung stattfand, um an meinem Netzwerksimulator-Projekt weiterzuarbeiten. Ich fühlte mich immer noch nicht besser, ging aber trotzdem hin, denn es stimmte - ich hatte tatsächlich noch einiges in diesem Fach zu erledigen, und außerdem klang es, als wollte Albert, dass ich ihm in der langen, langweiligen Aufsichtszeit ein wenig Gesellschaft leistete.

Also kam ich pünktlich um 12 zu Prüfungsbeginn, auch die Ägypter waren schon fünf Minuten später da, nur Albert ließ auf sich warten. Als er schließlich kam, verquatschten wir die nächsten fünf Minuten bis wir merkten, dass die Ägypter auf den Prüfungsbeginn warteten. Entschuldigend schaltete er die Prüfungen online frei, und dann setzten wir unser Gespräch während der Prüfung fort. Ganze anderthalb Stunden planten wir, was ich mir in Sankt Petersburg alles anschauen sollte - auf jeden Fall das nachgebildete Bernsteinzimmer in der Eremitage, verschiedene Schlösser, Gebäude, Festungen ringsherum, den Aurora-Kreuzer, mit dem die Revolution gestartet hat, und ganz besonders die Stadt Puschkin und Peterhof; davon schwärmte er besonders. Sankt Petersburg musste eine wunderschöne Stadt sein. Den Ägyptern war meine Anwesenheit auch ganz recht, denn ich lenkte Albert ab während sie sich leise über die Prüfungslösungen unterhalten konnten. Nur wenn das Gemurmel zu laut wurde, schlug er mit der Faust auf den Tisch und bat um Ruhe.

Natürlich bemerkte Albert, dass ich krank war. Nun haben Russen ganz eigene Vorstellungen davon, wie man eine Erkältung am besten auskuriert. Muriks Vorschlag, eine Scheibe Zitrone in den Tee zu legen, klang ja noch ganz vernünftig, aber Albert griff tief in die Hausmittelchen-Kiste: Heiße Milch sollte ich trinken mit Honig und etwas Butter; dazu sollte ich noch Zitrone hinzufügen und 50 Gramm Wodka. Mir drehte sich schon beim Gedanken der Magen um, und Albert lachte auch noch so verschmitzt dabei - doch er versicherte mir, dass es helfe und dass ich es unbedingt probieren müsste vor dem Schlafengehen. Und am nächsten Tag eine eisige Dusche, das würde er auch jeden Morgen machen und es würde seine Abwehrkräfte stärken. Davon war ich noch weniger zu überzeugen und versprach, es erstmal mit dem Honig-Gemisch zu versuchen, wenn ich Honig im Laden finden sollte.

Die Prüfungen zogen sich hin. Pro Gruppe gab es zwei Prüfungen zu je 90 Minuten - eine praktische und eine theoretische. So kam ich an diesem Tag doch noch zum Arbeiten an meinem Projekt und Albert doch noch zur Prüfungsaufsicht.

Am Nachmittag musste Albert kurz weg um auf den letzten Drücker einige Dokumente für seine Dienstreise unterschreiben zu lassen und überließ mir die Prüfungsaufsicht. Sofort nachdem er zu Tür heraus war, hörten die Ägypter auf zu flüstern und fingen laut zu reden an. Ich wies sie mit zwinkernder Strenge zurecht. Das half etwa eine Minute. "Bitte, Jungs", versuchte ich an sie zu appellieren, "wenn Dr. Abilvo zurück kommt, will er sicher wissen, wie ihr euch benommen habt." So ging es eine Weile hin und her bis ich es aufgab und darauf setzte, dass Albert nicht vor Ende der aktuellen Prüfung zurück kam. Die Rechnung ging auf; in der Tat kam er so spät, dass mich die nächste Gruppe der Prüflinge schon bat, ihn anzurufen und zu fragen, wo er denn bleibe. Er war noch schnell im Supermarkt gewesen und hatte mir Honig mitgebracht. Nun hatte ich keine Ausrede mehr für meine Hustenmedizin.

Gegen 20:15 waren die letzten Studenten mit ihrer Prüfung fertig. Die Ergebnisse waren durchwachsen gewesen, und man sah genau, wer in den Zwischenprüfungen die Ergebnisse nur abgeschrieben hatte. Ich half Albert noch beim Zusammenräumen und wir verließen wieder mal als letzte das Gebäude Nummer 5; nur noch der Wachmann mit der großen Zahnlücke war da, der mich immer mit Vornamen ansprach und irgendetwas auf Russisch nuschelte, das ich nur in den seltensten Fällen verstand. Die Garderobenfrau war auch schon zu Hause, sodass ich selbst hinter die Garderobe ging um meine Jacke zu holen. Ich fühlte mich schon wie zu Hause...

Auf dem Heimweg erzählte Albert wieder von einer Konferenz Mitte April, zu der ich mitkommen sollte, weil dort auch deutsche und tschechische Gäste dabei waren, mit denen er befreundet war und der Kulturaustausch sicher sehr interessant werden würde. Genau an diesem Punkt hätte ich abwehren müssen, denn ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde...

Ich hatte ihn noch gefragt, wie ich am Sonntag Abend am besten zum Bahnhof kommen könne, der recht weit außerhalb der Stadt lag, da meinte Albert, er würde ein Taxi nehmen, und die Uni läge auf dem Weg, da könnte er mich gleich mitnehmen. Das Angebot nahm ich gern an. Vielleicht auch deswegen hatte ich keine Zweifel mehr an seiner Nettigkeit und Herzensgüte, und probierte das Anti-Erkältungsgebräu aus, als ich zu Hause ankam.

Das Stück Butter begann in der heißen Milch langsam zu schmelzen, der Honig versank sang- und klanglos in den Tiefen. Das sah schon mal ganz gut aus. Ein bisschen Wodka hinein, und dann ein paar Spritzer Zitrone. Plötzlich begannen die Zutaten miteinander chemisch zu reagieren. Die Milch verwandelte sich in eine Art dickflüssige, flockige Buttermilch und schmeckte grauenhaft süß-sauer. Nur mit Mühe würgte ich die Milchbröckchen runter und redete mir ein, dass es eine gute Medizin war... Ich wusste schon ganz genau, wie Albert reagieren wird, wenn ich ihm von dieser Erfahrung berichte: Er wird sich totlachen. Dieser Scherzkeks.


Am nächsten Tag wurde ich von einer SMS geweckt. Albert hatte es sich nicht nehmen lassen, mich daran erinnern, dass ich kalt duschen gehen sollte. Mein Kopf war zu schwer als dass sich daran so etwas wie ein einiger Willen gegen diese Anweisung wehren können. Ehe mein Kopf also bemerkte, was ich tat, stand mein Körper schon in der Dusche und das eiskalte Wasser prasselte auf mich hinab. Mit einem Schrei waren Körper und Geist plötzlich wieder vereint und ich sprang aus der Dusche.
Aber Albert hatte Recht gehabt; ich fühlte mich danach erstaunlich erfrischt und munter.

Doch ich wollte dennoch nicht ganz auf echte Medizin verzichten; vor allem brauchte ich etwas gegen die Kopfschmerzen, da ich meine mitgebrachten Tabletten nirgendwo finden konnte. Vielleicht lagen sie noch in irgendeiner Umzugskiste bei meinen Eltern. Es ist keine gute Idee, gleichzeitig den Reisekoffer zu packen und Umzugskartons zu sortieren. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Medizin in Russland kostete und überlegt, ob ich vorher zum Geldautomaten gehen sollte. Ich bat die Verkäuferin in der Apotheke um Paracetamol und hielt schon den 500-Rubel-Schein (etwa 12 Euro) in der Hand, aber sie fragte mich, ob ich nicht mit Münzen zahlen könne. Die Packung kostete 4 Rubel, das waren gerade mal 10 Cent. Murik erklärt mir am Abend, dass diese Medizin so billig war, weil sie staatlich hergestellt wurde.

Zitronenpulver mit Vitamin C fand ich jedoch nirgends. Wahrscheinlich schaute ich nicht an den richtigen Stellen, denn Honig hatte ich auch keinen gefunden, als ich vor einiger Zeit schon mal im Supermarkt danach suchte. Ersatzhalber kaufte ich mir viel Obst mit echten Vitaminen. Das Supermarktsortiment war oft noch sehr sowjetisch - was da ist, ist da; was nicht da ist, kommt auch nicht allzu bald wieder rein. Kiwis gab es zum Beispiel nur in einem Supermarkt von meinen drei Stammsupermärkten in der Nähe der Universität. Dafür sind Granatäpfel sehr beliebt beziehungsweise unbeliebt. In allen Supermärkten stapeln sie sich bis sie braun und weich werden, aber niemand kauft sie. Lieber wird Granatapfelsaft oder -sirup getrunken.

Nun hatte ich Wowa schon vor einer Weile versprochen, dass ich mich auch einmal an seiner alten Schule, dem Lyzeum Nummer 22, als Trophäe aus Deutschland vorführen lassen würde. An einem Donnerstag Anfang April war es dann soweit. Wir trafen uns zu einer mir mittlerweile unmenschlich früh erscheinenden Uhrzeit - 9 Uhr morgens und nahmen den Bus zu seiner alten Schule. Es war Schule in typischer Sowjetbauweise, in Nachbarschaft mit anderen Schulen, aber sie hatte eine Statue von Puschkin vor ihrem Eingang stehen und grenzte sich als Eliteschule ab. Es war eine der weniger Schulen, die Deutsch als erste Fremdsprache unterrichteten.
In dieser Gegend war Wowa aufgewachsen. Alle Neubaublöcke waren auf eine bestimmte Weise angeordnet, sodass sich zwischen ihnen Innenhöfe auftaten. Früher spielten die Kinder der aneinander grenzenden Neubaublöcke auf den Innenhöfen gegeneinander Fußball, erzählte Wowa. Auf jeden Fall sei man seinerzeit öfters draußen gewesen als heutzutage.
Eins muss man den Russen lassen, Spielplätze gab es an jeder Ecke.

Wowa hatte mich vom Wohnheim abgeholt um sicher zu gehen, dass ich auf dem Weg nicht verloren ging und bestand darauf, mir das Busticket zu bezahlen, wenn er mich schon zu seiner alten Schule schleifte. In der Eingangshalle stand in bunten Buchstaben "Herzlich willkommen" auf Deutsch und an einer Tischtennisplatte spielten einige Jungs gegeneinander. Die Zimmer waren gemütlich und mit vielen Postern, Pflanzen und Krimskrams in Schränken ausgestattet. Wowas ehemalige Klassenlehrerin empfing uns herzlich. Sie war klein und munter, und freute sich sehr darüber Wowa wiederzusehen. Ich kann mir keine Lehrer vorstellen, die ich mit einer solchen Freude begrüßen würde. Himmel, ich kann mich ja kaum an die Namen von denen erinnern. Aber hier in Russland bleibt eine Klassenlehrerin für gewöhnlich die ganze Schulzeit über die Klassenlehrerin für eine Gruppe von Schülern. Wowa meinte, dass seine Lehrerin schon so etwas wie eine Verwandte für ihn war.
Er musste schon wieder los, das Studium rief. So blieb ich mit der Lehrerin allein. Sie bot mir gleich das Du an und setzte Tee auf. Wir hatten noch etwas Zeit zum Plaudern bevor die erste Stunde anfing. Auch diese Schule hatte Verbindungen nach Lüneburg. Langsam hielt ich es für keinen Zufall mehr. Wahrscheinlich wurde diese Stadt systematisch mit russischen Schülern, Studenten und Lehrern gefüllt und in ein paar Jahren von einem russischen Oligarchen ganz aufgekauft werden.
Langsam füllte sich der Raum. Die Schüler waren schüchtern, und Natalija forderte jeden einzelnen auf, sich mit mir bekannt zu machen. Zwei mutige Mädchen setzten sich zu mir auf das Sofa und begannen mir Fragen zu stellen und nach jedem Satz zu kichern. Ich erfuhr, dass es die 9. Klasse war, oder besser eine Gruppe der 9. Klasse, denn es wurde in Gruppen zu 10 bis 15 Schülern unterrichtet. Natalija war fortgegangen um Schüler aus den anderen Gruppen zu suchen. Es war eine Gelegenheit, die sich nicht oft bot - für die meisten war ich wahrscheinlich sogar die erste Deutsche, die sie bisher in ihrem Leben getroffen haben.
Natalija eröffnete schließlich die Stunde, stellt mich kurz vor und ging dann zur Seite um mich vortragen zu lassen. Vorbereitet hatte ich nichts, aber mitgebracht hatte ich wieder das Heftchen von Zwickau, meinen Laptop und einen Haufen anderen Krimskrams. Ich stellte mich vor, ordnete mich geographisch und begann dann von Zwickau zu erzählen; vom Leben in Deutschland und was-weiß-ich alles. Die Schüler saßen im Kreis und sahen mich erwartungsvoll an, einige schliefen aber auch. Ich sah Natalja an und mir wurde klar, dass ich die ganze Stunde Zeit hatte etwas zu finden, was die Schüler interessierte. Als mir schließlich die Ideen ausgingen, begann wir es etwas interaktiver zu gestalten und forderten die Schüler auf, Fragen zu stellen. Sie interessierten sich hauptsächlich für Musik; für das Ausgehen und Einkaufen. Hätte ich eigentlich wissen können.
Am Ende der Stunde hatten wir richtig Spaß und einige bedauerten sogar, dass die Stunde vorbei war. Ich schrieb noch meine E-Mail-Adresse an, viele Schüler verabschiedeten sich persönlich von mir, sagten, dass sie es sehr interessant fanden und hofften, dass ich noch einmal wiederkommen könnte. Das freute mich sehr. So ein Feedback hatte ich für meinen Informatikkurs an meiner Uni eher selten bekommen.
Natalija fragte mich, ob sie noch einen Tee aufsetzen sollte. Wir warteten darauf, etwas von Wowa zu hören, der an die Schule zurück kommen wollte. Während wir Tee tranken und warteten, kam die nächste Schulklasse schon hinein. Diesmal war es die 7. Klasse. Ich wurde wieder vorgestellt, und eigentlich erwartete Natalija gar nicht, dass ich noch eine weitere Stunde blieb, aber sie freute sich sehr, als ich zustimmte zu bleiben.
Mit den jüngeren Schülern war es noch schwieriger, da sie nur wenig Deutsch verstanden. Ich erzählte langsamer und wartete an schwierigen Stellen darauf, dass Natalija übersetzte und das Gesagte mit den Schülern besprach und baute dementsprechend meine Beschreibungen weiter auf. Ich kramte mit Mühe in meinem Hirn nach irgendetwas, das interessant für sie sein konnte, und schließlich fiel mir die Legende vom Moosmännchen wieder ein. Jetzt war ich richtig froh, erst zu Weihnachten das Buch über die Moosmännchen-Legende von meinem Nachbarn gelesen zu haben. Allerdings sparte ich mir die blutigen Details. Von den Schülern erfuhr ich, dass es in Russland eine ähnliche Legende gab, allerdings war es ein böser Geist, erzählte ein Schüler. Ein anderer sagte, das stimme nicht, es sei ein gutes Moosmännchen. Wahrscheinlich gab es mehr als eine Legende. Wenn Leute lange genug nur von Wald umgeben lebten, entfaltete sich die Fantasie.
Nach dieser Stunde sollte eine weitere 7. Klasse kommen, aber ich fühlte mich erstmal völlig erschöpft. Natalija schlug vor, etwas essen zu gehen. Es gab eine Kantine im Erdgeschoss, in der einige arme Schüler in blaue Rüschenschürzten und Pioniermützen den Aufräumdienst übernehmen mussten. Ich kannte (und verabscheute) so etwas wie Tischdienst zwar auch noch, aber die Uniformen waren sicher für den größten Teil der Unlust der Schüler verantwortlich. Die älteren Schüler mussten im normalen Schulalltag keine Schuluniformen tragen, dafür aber die ersten Schulklassen: Die Mädchen in Rock und Bluse, die Jungs schick in schwarz-weiß.
Natalija gab mir das Essen aus und nahm mir das Versprechen ab, dass ich noch einmal wiederkommen würde. Dann ging es zurück ins Klassenzimmer und ich begann wieder vom Moosmännchen zu erzählen...





Zufällig traf ich Aliza auf der Straße. Sie kam gerade aus dem Studentenwohnheim zurück. Dort hatte sie die auf Englisch übersetzten Spielregeln zu dem Waldwettbewerb abgeliefert, die wir letztens im Englisch-Club abgesprochen hatten, aber dabei zu keinem Ergebnis gekommen waren. Sie meinte, Gergö hätte eine Kopie der Spielregeln, und wie es der Zufall so wollte, traf ich ihn gleich im Gang. Wir machten es uns bei mir auf einem der vielen Betten bequem und begannen zu lesen. Die Übersetzung ergab stellenweise so wenig Sinn, dass wir das Schlimmste befürchten mussten. Das fing schon an mit den Dingen, die wir mitbringen sollten: Streichhölzer in einer hermetisch versiegelten Packung, eine gezwirbelte Schnur, Schienen und ein Desinfektionsmittel. Was hatten die mit uns vor? Fragen sollte es zu Themen geben wie: "Azimut" und "Das Bestimmen der vier Ecken der Erde". Zumindest letzteres konnte man etwas gutem Willen als "Himmelsrichtungen" verstehen. Punkteabzug gab es beispielsweise für: "Das Betreten der Bühne", "Das Herunterfallen vom Seil", "Fehler beim Geben der Ersten Hilfe"... Beim Lesen wurde mir immer mulmiger zumute und ich überlegte, wie ich mich da noch aus der Affäre ziehen konnte. Die Zeit für diesen Wettbewerb konnte ich auch sinnvoller und schmerzfreier mit Lernen verbringen. Der Wettbewerb fand am Samstag statt, am Sonntag fuhr ich schon nach Sank Petersburg, und wenn ich von dort wiederkam, hatte ich nur noch ein Wochenende Zeit zur Vorbereitung einer großen Cisco-Prüfung. Und ein Tag dieses Wochenendes wurde schon von der Antennen-Vorlesung eingenommen. Viel Zeit würde also nicht bleiben und ich musste mir zumindest das Vorlesungsmaterial mit auf meine große Reise nehmen und dann auf der über 30 Stunden langen Zugfahrt lernen. Als ich meine Bedanken Gergö erzählte, sagte er grinsend, dass es zu spät dafür sei, die Sache hinzuwerfen. Für morgen früh hatten wir alle einen Arzttermin um festzustellen, ob wir körperlich überhaupt in der Lage waren, teilzunehmen. Darauf setzte ich nun meine Hoffnungen. Ich hatte wirklich ein ganzes Stück abgenommen und wog schon zum Blutspenden zu wenig.
Gergö hingegen war beim Lesen immer begeisterter geworden. Er war so guter Laune, dass er meinte, er wolle den Birkenwodka ausprobieren, den ich ihm vor ein paar Tagen schon mal versprochen hatte. "Ich habe eine neue Sorte Wodka entdeckt" reicht als Grund zum Trinken in Russland völlig aus. Murik stieß zum Beispiel seit ein paar Tagen auf den Frühling an. Als ich ihn fragte, was es denn schon wieder zu feiern gab, meinte er fröhlich: "Es ist Frühling!" - "Darauf habt ihr doch schon gestern angestoßen" - "Es ist immer noch Frühling!"

Am nächsten Morgen trafen wir uns wie verabredet um ins Universitätskrankenhaus zu gehen. Es war eine Poliklinik mit vielen verschiedenen Ärzten, überraschend modern eingerichtet, wenn auch der Putz von den Wänden bröckelte.
Egor, einer meiner Kommilitonen, sollte als Übersetzer am Wettbewerb teilnehmen. Er war sehr ehrgeizig sein Englisch zu verbessern und lernte jeden Tag neue Vokabeln, obwohl er schon ziemlich gut Englisch sprach, und ihn hier sowieso niemand versteht, wenn er ungewöhnliche englische Wörter lernt. Ich glaube, das Bedürfnis kommt daher, dass er Russisch als Muttersprache hat, und im Russischen gibt es nun mal für ein und dieselbe Sache mindestens drei Worte. Außerdem war der Wettbewerb eine willkommene Alternative zu einer seitenlangen Übersetzungsarbeit, die er sonst für sein Studium hätte anfertigen müssen.
Viel untersuchte die Ärztin bei mir nicht; sie drückte mal hier in die Därme, hörte den Herzschlag, steckten mir das Fieberthermometer unter die Achsel und schaute nicht einmal auf das Resultat der Messung. Ich hatte knapp 35 Grad Körpertemperatur, was mir doch etwas unwahrscheinlich vorkam.
Die russischen Teams waren gründlicher untersucht worden, beispielsweise mit Bluttest, erzählte Pascha später. Ihn hatten sie dabei aussortiert.

An diesem Freitag überlegte zum ersten Mal, das Cisco-Praktikum einfach sausen zu lassen, weil ich sowieso jede Woche hinging, obwohl ich nur alle zwei Wochen offiziell dort hingehen musste. Im Internet traf Igor aus meiner Gruppe; er war auch gerade dabei, sich dazu aufzuraffen, zum Praktikum zu gehen. Oder es bleiben zu lassen. Sollten wir eine Münze werfen? Wir rafften uns schließlich doch dazu auf, und nur vier Minuten zu spät trafen uns zufällig vor Gebäude 5. Es waren keine Plätze mehr frei, also setzten wir uns zu Pavel, den ich zu dieser einen Cisco-Vorlesung kennengelernt hatte, zu denen sonst niemand gekommen war; neben ihm saß Dima, der mir beim Praktikum vor zwei Wochen alles so gut erklärt hatte. So arbeiteten zu viert zusammen, wobei arbeiten vielleicht nicht das richtige Wort war... erst schwatzten Dima und ich, dann machte sich Dima mit den anderen bekannt - er war je kein Student, sondern besuchte auf Firmenkosten den Cisco-Kurs... dann kamen sie ins Diskutieren und am Ende lud Dima uns alle zu sich nach Hause zum Tee ein; zuerst war ich ein wenig skeptisch, weil ich nicht wusste, dass die anderen auch mitkommen sollten - zu einem kaum-Bekannten nach 21 Uhr mit nach Hause zu gehen, war in Deutschland eine eindeutige Einladung, in Russland aber ganz normal. Tee hieß auch nicht nur Tee, deswegen gingen wir noch schnell im Supermarkt vorbei, wo er Kekse und Pelmeni kaufte. Zu Hause kochte er für uns und wir hatten ein gutes Abendessen; Dimas Perserkatze saß mit am Tisch, wir tranken den Tee, den er als Sud machte und Wasser darauf kippte, von dem er selbst meinte, dass es nicht von der besten Qualität zu sein schien. Dinge schwammen darin. Aber rein damit, ich hatte die Kohletabletten ja nicht umsonst aus Deutschland mitgenommen. Ich schlug vor, die Keime mit Wodka abzutöten, aber zu trinken begannen wir nicht. Stattdessen schnappte sich Igor die Gitarre und begann darauf zu spielen. Dann übernahm Pavel, der sich erst etwas genierte, aber sich als unglaubliches Talent entpuppte. Er spielte eine eingängige Melodie und sang auf Russisch dazu. Igor stimmte in den Refrain mit ein. Ich war begeistert - hatte ich es doch für ein Märchen gehalten, dass Russen zusammenkommen und anfangen zu singen. Doch es ist tatsächlich so. Fast jeder Russe scheint Gitarre spielen zu können. Ich dachte an den alten russischen Film "Ironie des Schicksals", in dem auch immer wieder zur Gitarre gegriffen wurde. Schön, dass sich die alten Gebräuche offenbar erhalten haben. Zu schnell wurde es 23 Uhr und ich musste nach Hause; gerade war ein weiterer Freund gekommen, der anbot, mich nach Hause zu fahren, und dann begleiteten mich alle Jungs im Auto zum Wohnheim, und stiegen sogar noch aus, mich bis zur Tür zu bringen, die fünf Meter entfernt war.
So hatte es sich wirklich gelohnt, zum Praktikum zu gehen. Vielleicht würde sich auch der Wettbewerb im Wald lohnen.





Für den Waldwettbewerb hatten wir am Samstag vorlesungsfrei bekommen. Davon hätte Professor Puschin, der die Vorlesung hielt, beinahe selbst nichts erfahren, wenn ich nicht mit ihm in der Woche zuvor darüber gesprochen hätte. Aliza hatte uns versprochen, dass sie etwas arrangieren würde, sodass wir nicht zur Vorlesung gehen mussten. Für einen Moment dachte ich, das Arrangement darin bestünde darin, dass einfach niemand zur Vorlesung ginge und Professor Puschin daraufhin auch nach Hause gehen würde. Doch es schien, als hätte Aliza etwas organisiert - nur war wieder einmal Albert der Flaschenhals gewesen, in dem die Information stecken geblieben war. Als Professor Puschin ihn auf dem Handy anrief, bestätigte er, dass es so eine Abmachung gegeben hat.
Ich weiß nicht, ob es in Russland überall so ist, dass bis zur letzten Minute niemand informiert wird, oder ob es nur in meinem Umfeld vermehrt auftritt. Aber auf jeden Fall war es eine glückliche Fügung, dass ich mich mit Albert so gut verstand, denn dadurch war ich nun immer eine der ersten, die alle wichtigen Information von ihm erhielt, und konnte nun sogar schon die anderen Studenten über neue Entwicklungen informieren, bevor sie die entsprechende E-Mail von ihm erhielten.

Die Teams sollten zeitlich versetzt an den Start gehen; unser Team kam als letztes um 13:15 an die Reihe. Optimistisch wie sie im Auslandsamt immer noch waren, hatten sie den Ägyptern gesagt, dass wir uns um 12:40 Uhr treffen würden. Gergö, Egor, eine Freundin von Aliza und ich warteten missmutig. Zwei der Ägypter waren schon aufgetaucht. Der Rest machte sich noch schick, gelte sich die Haare oder schlief noch. Einer der Jungs war ganz verschwunden und seit gestern Abend noch nicht wieder aufgetaucht.

Wir hatten uns gut vorbereitet; wir hatten dürres, trockenes Holz für das Lagerfeuer, einen Erste-Hilfe-Kasten, Arbeitshandschuhe,... die Aufgaben konnten für uns kommen. Ich hatte gestern Abend im Internet recherchiert, wie man mit einer Analoguhr die Himmelsrichtung bestimmen konnte, da ich relativ sicher war, dass es eine der Aufgaben sein würde. Weiterhin hatte ich mich heute Morgen beim Duschen mit viel Duschgel und danach mit Zeckenschutz eingerieben, denn ich hatte irgendwann einmal gelesen, dass diese Biester von dem Geruch von Schweiß angezogen werden.
Aber die Sorge um Zecken war umsonst gewesen, stellte ich fest, als wir 13:25 mit einem Ägypter zu wenig im Wald ankamen, denn es war noch zu kalt für Zecken. Im Wald lag noch der Schnee auf den Wegen und wurde nur an den Straßenrändern langsam zu einer instabilen Masse, in der man immer wieder an unerwarteten Stellen einbrach, zum Beispiel wenn man einen Hang hinaufstieg und es der einzige Halt war. Schon nach 10 Minuten sahen wir aus wie Säue.

Ich trug auch nicht unbedingt die geeignetste Kleidung für diese Tour: Jeans, Stiefel, Pullover und eine Winterjacke, die ich bei sämtlichen Seilaktivitäten ausziehen musste, da sie mir sonst im Weg war. Von den Organisatoren wurde ich deshalb zunächst für die Übersetzerin gehalten. Dabei gab es eine Frauenquote im Wettbewerb: Normalerweise mussten es drei Frauen pro Team in den Mannschaften der anderen Fakultäten sein.
Ich glaube, ich war die einzige weibliche Austauschstudentin, der man es zumuten konnte an dem Wettbewerb teilzunehmen, denn die Ägypterinnen waren alle etwas molliger und trugen die traditionelle Kleidung mit Kopftuch. Das wäre definitiv nichts geworden, wenn ich mir revuepassieren lasse, was im Wettbewerb auf uns zukam. Wir mussten Hindernisse und Aufgaben anhand einer Karte im Wald finden; es war weniger eine Schnitzeljagd als eher ein Staffellauf im Gelände. Wir mussten uns beeilen, da wir schon zu spät an den Start gegangen waren und es Punkteabzug dafür gab. Die erste Aufgabe war das Klettern an zwei in Schmetterlingsform gespannten Seilen. Es war eine Frage von Konzentration und Balance, nicht von Muskelkraft, obwohl ich schon danach den Muskelkater ankommen spürte, weil ich die Beinmuskeln stark anspannen musste um das Vibrieren des Seils auszugleichen. Aber ich schaffte es während mich die anderen anfeuerten. Die meisten schafften es, nur ein moppeliger Ägypter fiel vom Seit runter und brachte uns Punkteabzug.
Ich fand diese Aufgabe gar nicht so schlimm wie befürchtet. Weiter zur nächsten....
Es folgte eine Seilaktivität nach der anderen: Sich einen Berg kopfüber hinuntergleiten lassen... Gergö war zu groß und blieb in einem Tannenbäumchen hängen. Mir zog es dabei fast die Hose aus; ich hatte doch einigermaßen abgenommen. Dann war noch das Balancieren auf Seil über einem Fluss während man sich an zweitem Seil festgehalten hat, gut gesichert. Wir waren ziemlich gut und bekamen nur Punkteabzug für einen Linienübertritt - wir hatten ein Stück orangefarbenes Holz nicht gesehen, auf das uns niemand hingewiesen hatte, und offenbar war es eine Art Sicherheitsmarkierung gewesen.
Spätestens nach dem Abseilen von einer Klippe am See konnte man seine Hose nur noch wegwerfen oder sich mit ihr zusammen in der Waschmaschine einweichen lassen. Es herrschte strahlender Sonnenschein, weshalb die letzten Schneereste an dieser Klippe schmolzen, sich mit der rotbraunen Erde vermischten und am unteren Ende ein Moor bildeten. Einen offiziellen Weg zurück nach oben gab es nicht; wir mussten ein Stück neben der Klippe einen weniger steilen Abhang ohne Seil nach oben klettern. Meine Handschuhe waren völlig durchgeweicht und der Schlamm tropfte von ihnen herunter. Doch zum Glück waren wir schon fast am Ende.
Als letzte Aufgabe sollten wir einen imaginären offenen Bruch behandeln. Wäre es ein echter Fall gewesen, wäre uns der Junge wahrscheinlich umgekippt und verblutet; Gergö war der einzige mit einer ungefähren Vorstellung, was zu tun war.









Am Ende standen wir aber ganz gut mit den Punkten da, trotz Zeitpunkteabzug. Gergö war wegen der ständigen Unpünktlichkeit der Ägypter schon richtig sauer und schwor nie wieder was mit ihnen zusammen zu machen. Ich schlug vor, den langsamsten im Wald zu verlieren, aber sie passten zu gut aufeinander auf, auch wenn das hieß, Zeitpunkte zu verlieren, weil einer unbedingt etwas Wichtiges zu erledigen hatte wie Fotos zu machen oder zu telefonieren. Sie waren schon seltsame Leute; auch von anderen hörte ich immer wieder, wie schwer es war, mit ihnen auszukommen. Sie verbrachten mehr Zeit damit sich die Haare zu stylen als die meisten Frauen im Bad verbringen; sie hingen sich immer in den Armen, nannten sich gegenseitig "Habiba", von dem ich mir ziemlich sicher bin, dass es "Schatz" heißt, und vor allem sangen gern grundlos bei allem, was sie taten... plötzlich wusste ich es: Sie waren die ägyptischen Village People.

Bei unserer Rückkehr ins Wohnheim wies mich Aliza darauf hin, dass sie eine Art Antrag von mir brauchte, wenn ich vorhatte, Izhevsk für mehr als drei Tage zu verlassen. Ich hatte am Vortrag Marina meine genauen Reisedaten nach Sankt Petersburg hin und zurück durchgegeben und gedacht, dass ich damit schon mehr getan hatte als der verreisende Durchschnittsstudent. Aber weit gefehlt... Aliza setzte schnell Dokument für meine Reise auf - zum offiziellen Abmelden beim Leiter des Auslandsamts, und dann zur Abmeldung aus Izhevsk. Auch die Registrierung bei den Behörden sei nach meiner Rückkehr wieder nötig, informierte sie mich. So würde ich weiterhin noch ewig auf meine Visumsverlängerung und meinen Studentenausweis warten müssen, dabei würde ich den in Sankt Petersburg sicher brauchen können um Ermäßigungen in Museen zu erhalten. Sankt Petersburg... morgen war es schon soweit.

Sonntag, 4. April 2010

Was sonst noch passierte IV

04.04.
Immer noch passiert so viel, dass ich gar nicht die Zeit finde, alles aufzuschreiben - und meistens geht es Schlag auf Schlag, da die Informationen in Russland immer ein Stückchen brauchen um ihren Empfänger zu erreichen und eine Vorbereitung somit fast unmöglich machen.

So traf ich zum Beispiel eines Abends eine müde Aliza an der Rezeption zwischen den arabischen Studenten an - sie waren Alizas persönlicher Sack Flöhe, die sie hüten musste, und jeden Tag gab es etwas anderes, um das sie sich kümmern musste, wusste ich von Marina. Man sah ihr an, dass sie sich langsam fragte, warum sie diesen Job angenommen hatte.
Sie grüßte mich und sagte, sie sei froh mich zu sehen, da sie mich schon gesucht hatte; es würde eine Art Wettbewerb im Wald stattfinden und sie würde sich freuen, wenn ich da mitmachen könnte, und dann sollte ich mich am nächsten Tag um 19 Uhr vor Gebäude 3 einfinden. Die Puzzlestücke passten zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz zusammen, aber ich konnte durch hartnäckiges Nachfragen herausfinden, dass es wohl eine Art Schnitzeljagd sein musste. Die Araber schienen auch relativ begeistert von der Idee zu sein. Dennoch war ich am nächsten Tag die einzige, die 19 Uhr vor Gebäude 3 wartete. Die Ägypterinnen hatten mir gesagt, dass sie sich auf eine Prüfung vorbereiten mussten und deswegen wahrscheinlich nicht kommen würden, und die Jungs waren wahrscheinlich wieder ausgeflogen; ein Teil von ihnen lernte zwar ab und zu, aber der größte Teil von ihnen schien sich die Nächte in den Bars um die Ohren zu schlagen.
Als ich mich schon fragte, ob ich am richtigen Tag zur richtigen Zeit am richten Ort war, kam Aliza mit einer Freundin, nur 15 Minuten zu spät. Doch statt in den Wald zu gehen, gingen wir in das Unigebäude hinein bis in die oberste Etage zu abgenutzten Treppen hinauf. In einem Klassenzimmer warteten schon andere Studentinnen und ein Student, und das Rätsel begann sich aufzuklären: Es fand nicht etwa ein Wettbewerb statt, sondern der mysteriöse und sagenumwobene Englisch-Club, zu dem ich immer eingeladen war, wenn er nicht stattfand.
Als einziger weiterer Ausländer war der Wikinger-Ungar anwesend. Die Russinnen plauderten fröhlich durcheinander und begannen die Bänke so zu verschieben, dass wir im Kreis sitzen konnten. Keiner der Anwesenden schien vorzuhaben, auf Englisch zu sprechen, also wandte ich mich an den Wikinger, der still dasaß. Er hieß Gergö und sprach kaum mehr Russisch als "Hallo", "Auf Wiedersehen" und "Ich spreche kein Russisch". Dafür sprach er sehr gutes Deutsch - besser sogar als Englisch - und wir begannen demonstrativ auf Deutsch zu sprechen.
Nach einer Weile wurde es stiller, als immer mehr begannen uns zuzuhören. Irritiert sah sich Gergö um, und die Russinnen lachten; sie hatten versucht herauszufinden, was wir da überhaupt sprachen.
Dann begann Aliza die Runde anzuleiten; sie trug dafür einen Hosenanzug und wirkte sehr professionell: Die Spielregeln für den Wettbewerb sollten durchgegangen werden. Nun endlich erfuhren wir, worum es gehen sollte: Jede Fakultät der ISTU stellte ein Team aus 10 Studenten auf, die beweisen sollten, dass sie im Wald überleben konnten. Dazu gehörte die Orientierung mit Hilfe der Himmelsrichtungen (ich grinste, weil ich an mein Supermarkt-Nachhauseweg-Abenteuer dachte), das Entfachen eines Lagerfeuer, das Kennen der Verkehrsregeln (wie das ins Überleben im Wald passte, wusste ich nicht), und zwischendurch sollten wir sportliche Aufgaben bewältigen und im Schnitzeljagdteil Rätsel lösen um den nächsten Hinweis zu bekommen. Allerdings reichten ihre Englischkennnisse nicht aus, und die kompletten Regeln zu übersetzen. Einen Russisch-Übersetzer wollten sie uns für die zu entschlüsselnden Hinweise mitgeben, aber das Team sollte in der Mehrheit aus Ausländern bestehen um die internationalen Studenten zu vertreten. Sie begannen das Team in Abwesenheit potentieller Mitglieder zu erstellen, gaben dann den Versuch auf und diskutierten darüber, dass man mal darüber diskutieren müsste, sich einen Team-Namen und eine Präsentation für das Team einfallen zu lassen. Die Diskussionssprache wechselte zunehmend zu Russisch, also begannen Gergö und ich wieder auf Deutsch zu sprechen. Ich war noch etwas skeptisch, was diesen Wettbewerb anging, aber er war abenteuerlustiger. Er wollte auch einen Fallschirmsprung machen, solang er in Russland war, erzählte er. Die Ausbildung dafür dauerte angeblich nur einen Tag, und dann durfte man für wenig Geld allein aus dem Flugzeug springen, statt wie in Europa üblich mit einem Partner. Klang faszinierend, wäre mir aber zu gefährlich.
Die Runde löste sich langsam auf ohne zu einem Resultat gekommen zu sein. Irgendwas würden die Araber schon übermorgen vorführen; die Regel des Spiels würden wir noch herausfinden, wenn wir es begonnen, und ein Team-Name kommt sicher auch noch zustande, und wenn es "das internationale Team" ist.
Um es zu einem vollständig deutschen Abend zu machen, gingen Gergö und ich zusammen noch ein Bier trinken; das heißt, er nahm ein Bier und ich ein Eis. Das Bier wurde in einem original Münchener Bierkrug serviert, und auch am Tisch gegenüber standen Becks‘. Wir waren in ein Restaurant hinter einer Kegelbahn direkt an den Campus angrenzend eingekehrt. Die Türen waren dicke Bunkertüren, sie erinnerten an ein U-Boot, und tatsächlich tropfte Wasser von der Decke in einen Eimer. Die Garderobenfrau wischte nebenbei die Treppen und sogar den Teppich mit einem Mopp und Wasser.



Es war schon spät geworden, als wir beschlossen ins Wohnheim zurück zu gehen. Gergö bestand darauf, die Rechnung zu übernehmen um sein Russisch ausprobieren zu können. Als die beiden Frauen an der Bar ihn überhaupt nicht verstanden, eilte ich zur Hilfe und erklärte, was wir hatten, da Gergö sich nur noch an das Wort für "Bier" erinnerte. Aber das führte dazu, dass wir beinahe wir das Gleiche noch einmal bestellt hätten, anstatt die Rechnung zu bekommen. Das Missverständnis wurde aufgeklärt, alle lachten, und Gergö gab gut Trinkgeld und sorgte für die nächste Verwirrung. Die Kellnerin schien nicht zu verstehen, weshalb er mehr bezahlen wollte als die Rechnung war; schließlich ließ er das Wechselgeld einfach auf dem Tisch liegen.
Nun war es schon nach 23 Uhr, und wir mussten eigentlich bis 23 Uhr im Wohnheim zurück sein, da nur so lang die Rezeption besetzt war. Aber das war wieder nur eine offizielle Sache, sagte Gergö. Er war oft weit nach 23 Uhr ins Wohnheim hinein gekommen, als er letztes Jahr schon einmal für kurze Zeit in Izhevsk gelebt hatte.
Wir klingelten an der verschlossenen Tür unserer Etage, mehrfach, und nach fünf Minuten kam eine Etagen-Frau, die uns aber überhaupt nicht böse war. Sie hatte ferngesehen und uns erst nicht gehört.

Am nächsten Tag kam ich wieder recht spät nach Hause und geriet wieder in einen Mob von arabischen Studenten, und in deren Mitte eine müde Aliza. Sie meinte, wir müssten uns nun dringend einen Team-Namen überlegen, ein Motto dazu, und eine Präsentation. Und das bis morgen früh um 11 Uhr, da zu diesem Zeitpunkt die offizielle Präsentation der teilnehmenden Teams stattfinden würde. Mittlerweile war die Begeisterung der Ägypter geweckt und sie hatten schon drei Teams gebildet statt einem einzigen internationalen. Ich wurde einer dieser Gruppen zugeteilt, die sich bereits einen arabischen Gruppennamen und ein mir ebenso unverständliches Motto überlegt hatte, das ich auswendig lernen sollte. Ich hatte zwar ein Semester lang arabisch an einer Volkshochschule gelernt, aber mehr als das Wort "in" konnte ich darin nicht lesen. Und offenbar war es unmöglich, dieses Motto zu übersetzen; sie stocherten eine Weile in englischen Vokabeln herum und am Ende war ich nicht wesentlich schlauer, was sie mit hatten sagen wollen. So lasen sie es mir Wort für Wort vor und verlangten, dass ich es nachsprach und auswendig lernte. Ich sah ein bisschen verzweifelt auf den drei Zeilen langen Text und als ich hörte, dass die ägyptischen Mädels noch Team-Mitglieder suchten, wechselte ich kurzerhand die Seiten, unter der Bedingung, dass wir kein arabisches Motto wählen würden. Kurz darauf stieß Gergö zu uns und kam mit in unser neues Team. Wir begannen uns Gedanken über unseren Team-Namen und unser Motto zu machen, aber eine echte Zusammenarbeit war es nicht, da die Ägypterinnen bald in Arabisch verfielen, und Gergö und ich wieder in Deutsch. Einer der Jungs vom anderen Team war außerdem zum Spionieren gekommen und versuchte die Mädels vom Nachdenken abzuhalten. Gergö und ich einigten uns schließlich auf einige Vorschläge, die wir den Ägypterinnen präsentierten. Die waren ihren nicht lustig genug. Sie hatten sich in der Zwischenzeit überlegt, die "Ghostwhisperer" zu sein, nach der gleichnamigen Fernsehserie über eine Frau, die mit Geistern sprechen konnte. Es sah nicht aus, als würden wir auf einen gemeinsamen Nenner kommen, und es wurde schon zu spät am Abend um noch klar denken zu können. Aliza war längst nach Hause gegangen. Dann fiel zumindest Gergö noch ein Motto ein, auf das wir uns einigen konnten: "Wir können alles - außer Russisch". Außerdem legten wir als provisorischen Namen "die Vereinigung der internationalen Studenten" fest und begannen über eine Präsentation unseres Teams für morgen nachzudenken. Aliza hatte von den Jungs gewollt, dass sie etwas tanzten, wie zum internationalen Abend. Diesen Gedanken griffen die Mädels wieder auf; vielleicht auch etwas zu singen, oder beides. Aber dann etwas Internationales. Gergö fiel ein deutsches Kinderlied ein, von einem roten Pferd und einer Fliege und tanzte einen seltsamen Kindertanz passend dazu vor, aber wir kamen schnell darin überein, dass es nicht genug Wodka in Russland für uns gab, um uns diesen Tanz vor der versammelten Universität vortanzen zu lassen.

Ich hatte keine Lust mehr auf diese Diskussion, die nirgendwo hinführen würde, und erklärte kurzerhand, dass unsere Präsentation darin bestehen würde, Süßigkeiten in die versammelte Menge zu werfen, und ging ins Bett.
Ich stellte mir den Wecker, sodass ich rechtzeitig aufwachen würde, um im nächsten Supermarkt Bonbons kaufen zu können, die wurfgerecht waren, das heißt gut eingepackt, denn der Campus war durch den vor einigen Tagen eingebrochenen Frühling zu einer Mischung aus Fluss und Moor geworden.

So geschah es, ich besorgte die Süßigkeiten und alle anderen mussten nur noch auftauchen. Aber selbst das war zu viel verlangt. Ich wartete mit Gergö erst vor dem Wohnheim, wo wir nach einer Weile eine Freundin von Aliza antrafen, die die Aufgabe hatte, die Ägypter zusammen zu trommeln. Wir gingen schon mal vor zum Integral-Gebäude, vor dem sich mittlerweile schon viele Studenten versammelt hatten. Sie waren wesentlich besser vorbereitet als wir, trugen gleichfarbige T-Shirts, oder zumindest gleichartige Strumpfhosen auf dem Kopf; dazu hatte fast jedes Team eine Flagge mit ihrem Symbol und einem Spruch, und alles schien unter einem Motto zu stehen. Für die einen war es wohl Karneval, für andere "sexy Krankenschwestern", oder für eine andere Gruppe "rauchen ist schlecht für die Gesundheit". Sie trugen selbstausgedruckte Rauchverbotsschilder auf ihren Rücken. Als Aliza zu uns stieß, erzählte sie, dass eigentlich die Gesundheitswoche gefeiert wurde. Zusätzlich war es der erste April, der auch hier der Tag des Lachens war und ebenfalls gefeiert wurde. Ich fand den Tag nicht besonders feierlich, aber dazu später mehr.
Soweit, so erwartet, keiner der Ägypter hatte sich bisher blicken lassen. Die russischen Studenten führten Tänze und Sketsche auf, und Aliza stand wie auf heißen Kohlen, da keines der drei angekündigten internationalen Teams auftrittsbereit, geschweige denn anwesend war. Sie war kurz davor, das ganze abzublasen, was jedoch dazu geführt hätte, dass wir nicht an der Schnitzeljagd hätten teilnehmen können. Ich bot an, allein mit Gergö die internationalen Studenten zu vertreten, als dann doch endlich die Ägypter kamen. Gergö meinte, es sei sehr optimistisch gewesen, den Ägyptern 11 Uhr als Anfangszeit zu nennen, wenn es schon um 11:30 begann. Doch die nächste Überraschung folgte: Die Ägypter hatten gar nicht vor, bei der Team-Präsentation aufzutreten; sie mussten die Abschlussprüfung für das Cisco-Modul 1 ablegen, die ich schon vor drei Wochen bestanden hatte und deshalb nicht darüber informiert worden war. Dass sie eine Prüfung hatten, schien niemand von ihnen während der Vorbereitung für nötig gehalten zu erwähnen. Es stellte sich jedoch glücklicherweise heraus, dass vier Ägypter aus welchen Gründen auch immer nicht an der Prüfung teilnahmen, und genau diese vier scheuchte Aliza gerade noch rechtzeitig auf die Bühne, wobei einer von ihnen entkam. So tanzen die drei Übriggebliebenen irgendetwas Orientalisches, während Gergö und ich Bonbons warfen. Passend zur Gesundheitswoche. Die Studenten waren begeistert, und auch die Punkterichterin schien amüsiert, als sie sich Notizen machte. Nach vielleicht einer Minute war alles vorbei und die Menge begann sich aufzulösen und die restlichen Bonbons aufzulesen. Wir waren die letzte Gruppe gewesen.
Es war die ideale Zeit zum Mittagessen, aber vorher mussten wir noch ins Auslandsamt um unseren Vertrag mit der Universität zu unterschreiben, der bestätigte, dass wir hier studierten. Ich fand es amüsant, dass es fünf Wochen gedauert hatte, diesen Vertrag für mich fertig zu machen und war froh, dass ich ihn keiner deutschen Stelle vorweisen musste; die russische Bürokratie hätte mich in Teufels Küche gebracht.
Nun würde ich auch endlich einen Studentenausweis bekommen, und es gab eine weitere gute Neuigkeit: Mein Visum konnte bis Mitte August verlängert werden. Das gab mir genug Zeit, nach Ende des Semesters durch Russland zu reisen, wie ich es gehofft und geplant hatte. Hätte ich das gestern gewusst, hätte ich mich vielleicht nicht so spontan dafür entschieden, nächste Woche nach Sankt Petersburg zu fahren.

Ja, richtig gehört, ich fahre nach Sankt Petersburg, mitten in der Vorlesungszeit.
Das kam so: Dr. Abilvo liebt ja das Reisen genau so wie ich; es ist eins unserer Lieblingsthemen. Er meinte, dass es Zeit für mich sei, Russland zu entdecken, denn mein Aufenthalt hier kann nicht nur aus Studieren bestehen, sondern darin, Land und Leute kennenzulernen. Ich meinte bisher immer, dass ich einfach zu deutsch sei, einfach für ein paar Tage die Uni zu schwänzen; ich kam ja sogar zu Vorlesungen, zu denen ich gar nicht gehen musste. Man konnte Russland nicht an einem einzelnen Sonntag erkunden, dafür war alles zu weit entfernt; schon bis in die nächste Stadt brauchte man einen halben Tag mit dem Zug.
Da erzählte er mir von der Konferenz, auf die er am 11. April fahren würde. Sie fand in Moskau statt und dauerte ein paar Tage, also würde er etwa eine Woche fortbleiben. Gedanken darum, wer ihn vertreten sollte, hatte er sich noch nicht gemacht, vielleicht konnte ja sein Doktorand für ein, zwei Vorlesungen einspringen, meinte er. Jedenfalls führte eins zum anderen, und eh ich mich versah, redeten wir darüber, dass ich mir in dieser Woche Sankt Petersburg anschauen sollte. Er suchte auch gleich die Zugverbindungen aus dem Internet heraus. Es fuhr nur alle zwei Tage ein Zug nach Moskau und Sankt Petersburg, und es war sogar der ein und derselbe Zug. So lag es nah, den Zug am gleichen Tag zu nehmen wie Dr. Abilvo. Er meinte, ich müsse für die Karten nicht mal zum Bahnhof fahren, sondern könnte sie in der Stadt an verschiedenen Verkaufsstellen bekommen. So fuhren wir nach der Vorlesung gemeinsam mit einem Sammeltaxi der Linie 52 zur nächsten Verkaufsstelle, die gottweißwo lag. Die Bushaltestelle, an der wir ausstiegen, hatte nicht einmal einen Namen. Ich war nicht überzeugt davon, diesen Ort allein wiederzufinden. Wir stiegen auf den letzten Eisschollen balancierend durch den Matsch den Fußweg entlang und bogen dann in einen Hinterhof, auf dem wir durch einen Wareneingang mit der Aufschrift "Kassa" ein Haus betraten, in dem sich völlig überraschend für mich ein Reisebüro befand. Vier Uhren hingen an der Wand; die ersten beiden zeigten die gleiche Zeit, darunter stand "Moskau" und "Izhevsk". Die Zeitzonenumstellung hatte die Reisebürobesitzer geärgert. Nun konnten sie nur noch den Unterschied zu London und New York sinnvoll anzeigen.
Dr. Abilvo war so nett, für mich das Zugticket mit zu bestellen; wir würde im Coupé fahren, im Viererabteil, wie ich es schon auf der Hinfahrt von Moskau aus getan hatte. Nur der Preis war diesmal sehr gesalzen; eine Fahrkarte Izhevsk - Sankt Petersburg kostetet hin und zurück umgerechnet 200 Euro. Gut, das entsprach etwa dem Preis der Deutschen Bahn für eine Fahrt mit dem ICE einmal quer durch Deutschland, aber es überraschte mich schon ein wenig, da ich für die Hinfahrt gerade mal 22 Euro bezahlt hatte. Offenbar war die Strecke Moskau - Agryz wesentlich billiger als Moskau - Izhevsk, denn auch Dr. Abilvo zahlte gut 150 Euro.

Als ich das Ticket in den Händen hielt, fühlte ich mich wie elektrisiert. Ich konnte es noch gar nicht recht glauben, wie mich die russische Spontanität ganz kalt erwischt hatte. Dr. Abilvo grinste nur breit und forderte mich auf, mein Ticket genauestens zu kontrollieren. Am 11.4. um 21:40 werden wir abfahren; einen Tag später kommen wir am Abend in Moskau an, und dann am nächsten Morgen um sechs bin ich schon in Sankt Petersburg. Zurück geht es am 15.4. am Nachmittag, womit ich am Freitagabend zurück in Izhevsk sein werde - gerade pünktlich genug für die erste reguläre Vorlesung am Samstag.
Ich schüttelte den Kopf über mich, aber ich war euphorisch - was ich alles noch organisieren musste! Ich musste mir über Couchsurfing eine Unterkunft beschaffen, einkaufen, Bargeld holen, Geld auf mein Handy laden, da es teurer war, quer durchs Land zu telefonieren als innerhalb der Stadt. Und ich hatte eine Bekannte in Sankt Petersburg, mit der ich seit Ewigkeiten nicht mehr geschrieben hatte, aber sie hatte angeboten - sollte ich jemals nach Petersburg kommen - dann würde sie mir eine Stadttour geben.
Doch erstmal musste ich etwas essen; ich hatte in der Aufregung komplett das Mittagessen vergessen. Meine Laune war so hervorragend, dass ich beschloss, in ein Restaurant zu gehen.
Auf dem Campus gab es ein Restaurant mit einem großen leuchtenden Colt als Logo, an dem ich jeden Tag vorbei ging mit dem Gedanken, dass ich irgendwann dort noch essen gehen würde, wenn ich Zeit hatte, und jemanden, der mitkam - aber wann würde das schon mal sein? Also ging ich hinein. Es war gut besucht; an den eng beieinander stehenden Tischen saßen hauptsächlich Studenten, die rauchten und tranken und Snacks aßen. Ich ließ mir die Karte geben, die mir gleich ein Rätsel aufgab. Ich war zu hungrig um mir das alles durchzulesen, also bestellte ich mir das erste, das ich lesen konnte. Meine Lasagne kam mit Salat und einem Becherchen saure Sahne, und ich muss wirklich ausgehungert gewesen sein, denn die Tomate zerging prickelnd auf der Zunge, als sei sie die beste Tomate gewesen, die ich je gegessen habe. In Wahrheit war sie wohl eingelegt gewesen und schmeckte deshalb so seltsam. Die Lasagne war schnell verputzt, es war keine große Portion, und danach kam auch schon der frischgepresste Granatapfelsaft, der genauso viel kostete, wie die Lasagne. Bei den Preisen konnte man schon öfters essen gehen.
Das Konzept "Trinkgeld" konnte ich nicht erklären, obwohl ich ihr sagte, dass ich soundsoviel bezahlen wollte und sie mir nur zwei Hunderter als Wechselgeld bringen sollte. Am Ende ließ ich die Zehnerscheine (umgerechnet vielleicht 70 Cent) im Rechnungsetui liegen.

Murik meinte später am Abend, als ich ihm von meinem spontanen Ticketkauf erzählte, das sei der russische Frühling, der mache einen verrückt.
Tatsächlich machte der russische Frühling mich vor allem in der Hinsicht verrückt, dass ich ständig meine Kleidung wechseln und Schuhe putzen musste um nicht am Ende wie eine Moorleiche auszusehen. Alles, was sich über Monate im Schnee angesammelt hatte, kam nun zum Vorschein; es war unglaublich viel Müll, aber noch viel mehr Dreck. Ich habe nie im Leben schwärzeren Schnee gesehen als in Russland. Die Rückstände des geschmolzenen Schnees verwandeln selbst die gepflasterten Fußwege in Morast. Nur auf den Fußwegen, die meistens in der Sonne und an einem Hang liegen, schmilzt genug Schnee schnell genug um die Fußwege regelrecht frei zu spülen. Manchmal sieht es regelrecht wie ein Wasserrohbruch oder ein Flussbett aus.
Gerade mein Spaziergang mit Gergö um die kleine russische Pizzeria wiederzufinden, in der er letztes Jahr so gern gegessen hatte, wurde zur Trecking-Tour durch die halbe Stadt bis wir das Zentrum erreicht hatten: Wasserfälle auf den Fußwegen, unterirdische Eiswasserflüsse, zwei Meter hoch spritzende Atlantikwellen von den vorbeifahrenden Autos, die hier durch echte Schlaglöcher fuhren - nicht nur die, die wir in Deutschland dafür hielten. Schön fand ich auch den reißenden Fluss unter einem wartenden Bus, der in jeder Nachrichtensendung als Bild einer Katastrophe durchgegangen wäre. Nur in Russland ließ sich niemand davon stören, und mit einem Mal wurde mir klar, weshalb alle Frauen diese hochhackigen Schuhe trugen - damit konnten sie wie ein Storch durch den Schlamm staksen ohne sich die Hosen schmutzig zu machen.














In der Pizzeria beäugte man uns wieder neugierig als wären wir die ersten Deutschen, die jemals dieses Restaurant betreten hatten, wobei Gergö natürlich Ungar war, aber das hörte man nicht. Ich versuchte so weit es ging für ihn die Karte zu übersetzen, aber an einigen Zutaten musste ich auch passen. Lustig wurde es noch, als er seine Pizza ohne Pilze, aber dafür mit Salami haben wollte. Auch die Kellnerin amüsierte sich gut, und ich bewunderte seinen Mut, mit so geringen Russischkenntnissen einfach darauf los zu sprechen, auch wenn das Resultat nur selten das war, was er zu erreichen hoffte. Auch ich beginne durch ihn endlich auf Russisch zu kommunizieren statt auf Englisch auszuweichen. Dr. Abilvo versuchte mich auch schon seit einiger Zeit zum Russischsprechen zu bekommen; verstehen würde ich ja schon sehr viel, meinte er, aber ich müsse wirklich das Sprechen üben. Ich vermute schon, dass es mir auf der Zugfahrt nicht erspart bleibt, da auch der über fünfzigjährige Leiter des Fachbereichs Telekommunikation mitfährt, der sicher kein Englisch spricht, und auch auf der Rückfahrt werde ich 30 Stunden ohne Begleiter im Zug verbringen und sicher in das ein oder andere Gespräch verwickelt werden.
Dr. Abilvo und ich haben übrigens angefangen, uns über die Internetseite vkontakte auf Russisch zu schreiben. Das funktioniert schon ganz gut und er korrigiert meine Fehler. Nur im echten Leben laufen unsere russischen Dialoge eher so ab: "Wie ist dein Russisch?" "Öhm, schlecht wie immer" "Warum?" "Weil ich faul bin", und dann machen wir auf Englisch weiter.

In der Pizzeria sollten Gergö und ich zum Abschied noch ein paar Sätze auf Deutsch schreiben, bat uns die Kellnerin. Irgendwas. Ich schrieb ihr auf: "Willkommen in unserem Restaurant. Vielen Dank für Ihren Besuch". Ich fragte mich ernsthaft, was sie damit anfangen wollte.

Noch etwas Seltsames geschah, als ich mit Gergö in die Stadt unterwegs war, ein unheimlicher Dunkelmann mit rasiertem Kopf sprach uns in einer Gasse an; ich verstand ihn nicht ganz, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er dabei die Worte "Magazin Kalaschnikow" sagte. Wollte er uns Waffen verkaufen, oder hat er uns nur nach dem nächsten Waffenladen gefragt? Das eine wie das andere war gruselig genug, und glücklicherweise hatte ihn Gergö schnell mit seinem einzigen perfekten russischen Satz abgewimmelt: "Ich spreche kein Russisch."

Nun kamen wir zu Hause an; der Schlamm war mir bis über die Knöchel gegangen, und die Autofahrer waren auch nicht besonders zögerlich durch die wassergefüllten Schlaglöcher gebraust - es wurde Zeit; ich hatte mich einen Monat lang darum gedrückt, aber nun musste ich wirklich meine Sachen waschen. Murik half; er schickte mich noch mit Zettel los, auf dem die Bezeichnung für zwei andere Waschmittel stand, da das von mir gekaufte gerade gut genug für Socken sei. Dann zeigte er mir die nötigen Einstellungen für verschiedene Kleidungsarten, die man in einer Gebrauchsanweisung nachlesen konnte, die aussah, als wäre sie selbst mal mit gewaschen worden.
Zwei Stunden später waren beide Maschinen durch und das einzige Problem war, einen freien Platz am Wäscheständer zu finden. Außerdem vielleicht die diebischen Elstern im Wohnheim. Seit zwei Tagen suchte ein Mädchen auf unserem Flur nach ihren Sachen und die Etagenfrauen halfen beim Fahnden, indem sie uns aushorchten. Als weibliche Person war ich natürlich verdächtig, aber ich vermute eher, dass jemand seiner Freundin ein Geschenk gemacht hat.

Ich freue mich übrigens immer sehr, wenn Muriks Freundin zu Besuch kommt, denn dann kocht er immer etwas Leckeres, und meistens fällt noch etwas für mich dabei ab.
Letztens gab es eine Suppe, die so schmeckte wie ein Pinienwald roch; sie bestand aus Buchweizen, Kartoffeln, einem Kleks saure Sahne, und gekochten Möhren, die ich normalerweise nicht gegessen hätte, aber einen Monat Russland hilft, seine Essgewohnheiten zu überdenken.

Auch mit Wodka geizt Murik nicht und findet immer wieder Anlässe zum Anstoßen. Zum Beispiel aß ich an einem Abend gefrorene Kirschen, und als er mich fragte, warum ich das tat, meinte ich nur: "Langeweile. Aus Hunger isst man ja keine gefrorenen Kirschen."
Murik verließ das Zimmer und kam gleich mit zwei gefüllten Schnapsgläsern zurück. "Russen trinken Wodka, wenn sie fröhlich sind, wenn sie traurig sind, und wenn sie gelangweilt sind." Na dann prost!
Diesmal war es Wodka der Marke Kalaschnikow. Diese Sorte wird für Touristen auch in einer Kalaschnikow-förmigen Flasche verkauft. Im Geschmack war er sehr herb und betäubte sofort meinen Rachen und dann meine Beine, während sich das Brennen bis in Nase und Ohren zog. Guter Stoff; als würde man Benzin trinken. Nicht dass ich es schon mal versucht hätte.

Sonst ging wieder alles seinen gewohnten Gang.
Zu den Vorlesungen bin ich immer noch meistens als einzige pünktlich, obwohl ich beginne das russische System für mich auszunutzen, indem ich vor jeder Vorlesung eine Schätzung anstelle, wie spät Dr. Abilvo diesmal zur Vorlesung kommen wird, basierend darauf, was er an diesem Tag noch zu erledigen hat. Denn das war ein positiver Nebeneffekt meines Comics: Seit ich ihm den Comic mit den Zuspätkomm-Spekulationen gezeigt hatte, erzählte er mir, welche offiziellen Treffen, Anträge und sonstige Arbeiten bei ihm anstanden.

Und einmal kam er überhaupt nicht zu spät. Ich hatte auf dem Gang vor dem Unterrichtsraum gewartet und sah ihn an wie ein Gespenst - es war 7 Minuten vor Unterrichtsbeginn. Er bemerkte mein Erstaunen und sagte "I‘m real" - "Ich bin es wirklich".

Aber schon am nächsten Tag wurde wieder einmal nach 12:30 bis Dr. Abilvo zu seiner 12Uhr-Vorlesung kam. Er gab sich diesmal sichtlich Mühe, die englischen Wörter nun korrekt auszusprechen, nachdem ich ihm letzte Woche eine kleine Nachhilfestunde in englischer Aussprache gegeben hatte. Ich hatte es nicht mal mit anhören können, wie er von "Anwälten" (lawyers) statt "Schichten" (layers) sprach, und ähnlichen gröberen Schnitzern. Er hatte die Kritik dankbar angenommen. Diese Stunde notierte ich mich weitere Worte, mit denen er Probleme hatte. Wenn er es sich schon in den Kopf gesetzt hatte, mir bei Russisch zu helfen, dann durfte ich ihm wohl bei Englisch helfen...
Wir verquatschten wieder die ganze Pause und auf dem Heimweg die Zeit bis er zum nächsten Meeting musste. Ein Meeting hieß für mich und den Rest der Klasse, dass er wieder sehr spät zur nächsten Vorlesung kommen würde, also hatte ich wahrscheinlich genug Zeit, erst einkaufen zu gehen und dann etwas zu kochen.

Im Computerraum traf ich auf Murik, der endlich mit seiner Abschlussarbeit angefangen hatte, nachdem er die letzte Woche hauptsächlich seine Maus und Tastatur gereinigt hatte. Ich wollte mir ein paar Rezepte für Pfannkuchen aus dem Netz laden, aber da bot er mir kurzerhand an, mir zu zeigen, wie man Pfannkuchen auf russische Art macht.
Zunächst begann er das Eigelb vom Eiweiß zu trennen und das Eiweiß zu Schaum zu schlagen, während er das Eigelb mit Mehl, Milch, etwas Salz und nur wenig Zucker verrührte. Am Ende mischte er das Eiweiß unter den Teig und begann die Pfanne einzufetten, indem er ein Stück Watte in Öl tauchte und dann die Pfanne damit einrieb. Er beherrschte es meisterhaft, die Pfannkuchen hauchdünn wie Crêpes zu machen, indem er die Pfanne schwenkte, und ließ die Pfannkuchen sogar zum Wenden durch die Luft hüpfen.







Es war schon 18 Uhr als der Stapel Pfannkuchen fertig war; eigentlich hatte jetzt schon die Vorlesung angefangen, aber ich kannte meinen Professor mittlerweile und wusste, dass er nicht vor 18:20 auftauchen würde, sodass ich mindestens bis 18:10 Zeit hatte das Haus zu verlassen. Die Vorlesung fand ja glücklicherweise auf dem Campus statt und nicht außerhalb in Gebäude 5.
Tofik - einer der Computernerds, der schon zur Einrichtung des Computerraum gehörte - hatte die ganze Zeit auf dem Fensterbrett gehockt, uns beim Kochen zugeschaut und Musik abgespielt. Jetzt wollte er gehen, aber ich lud ihn ein, zum Essen zu bleiben, denn wir hatten genug Pfannkuchen für drei Personen. Ich hatte auf Muriks Hinweis hin auch saure Sahne - Smetana - besorgt, weil er meinte, das gehöre einfach zu russischen Pfannkuchen dazu. Ich stellte noch mein Glas Nutella dazu, und zusammen ergab es die beste Kombination von allen: Nutella-Sahne-Pfannkuchen. So werde ich mir auch in Zukunft in Deutschland die Pfannkuchen machen.

Dann musste ich mich sputen, da es schon fast 18:20 war, aber Dr. Abilvo war immer noch nicht da, als ich etwas außer Atem ankam. Pascha und Olga kamen gleich zu mir; Olga hatte wieder an mich gedacht und mir etwas aus ihrem Garten mitgebracht: Eine Art Sirup aus Pfirsichen; genug zu trinken für zwei Wochen, wenn man ihn - wie sie sagte - mit 3:1 Teilen Wasser mischt. Die beiden hatten offenbar über mich geredet und drängten mich dazu, ihnen zu zeigen, wie man so einen Origami-Stern herstellt, wie ich ihn beim Treffen mit Pascha und Dascha in der Pizzeria gemacht hatte. Tatsächlich kam Dr. Abilvo so spät, dass ich ihnen die vollständigen Arbeitsschritte zur Herstellung eines Moduls beibringen konnte, von denen sechs Stück zu einem Stern zusammengesetzt werden. So setzten wir die Arbeit daran in der Stunde fort; Pascha saß neben mir, aber Olga auf der nächsten Bankreihe, und so war es schwierig, sich auszutauschen und Hilfe zu geben, wenn sie bei einem Schritt nicht weiter wusste, aber wir schafften es immer wieder, das gefaltete Papier unauffällig auszutauschen, bis es Dr. Abilvo einmal doch bemerkte. Aber er lachte nur und zwinkerte uns zu. Also stellten wir den Stern fertig, und dann noch einen zweiten, sodass sie beide etwas mit nach Hause nehmen konnten.
Ich begann mit einem Kaleidozyklus - eine Origami-Variante, die man in sich selbst verdrehen kann und wie bei einem Kaleidoskop neue Muster erhält. Pascha sah neugierig hin und fragte, ob ich es ihnen in der Pause beibringen könne. Nur gab es diesmal keine Pause, denn Dr. Abilvo wollte offenbar nach Hause und machte eine halbe Stunde eher Schluss. Während ihn noch ein paar Studenten mit Fragen bestürmten, zeigte ich die Herstellung der Kaleidozyklus-Module. Pascha biss sich die Zähne beim Zusammenfügen der letzten beiden Module aus; ich gab ihm eine Tüte dafür und meinte lachend, dass er dafür die ganze Nacht Zeit hatte. Er freute sich hingegen über die Tüte - als Souvenir aus Deutschland.

Mittlerweile habe ich eine neue Mode gestartet, ließ mich letztens Olga wissen. Sie hatte angefangen, anderen Studenten das Origami beizubringen, das ich ihr gezeigt hatte, und nun bastelten sie die ganzen Vorlesungen hindurch. Dr. Abilvo fand es amüsant und schlug vor, eine Pflicht-Origami-Veranstaltung für die Studenten einzuführen. Dann begann er mit den Origami-Bällen zu jonglieren. Er war wirklich ein außergewöhnlicher Lehrer.
Vielleicht ein wenig zu außergewöhnlich. Am ersten April erlaubte er sich einen Scherz auf Kosten seiner Studenten. Er informierte sie per E-Mail, dass wir vom Stoff her schon sehr weit fortgeschritten waren, sodass wir die Endprüfung für das Cisco-Modul 2 vorziehen zu können, und zwar auf Montag. Das war in vier Tagen. Natürlich protestierten die Studenten, aber er blieb den ganzen Tag über bei seiner Geschichte, dass die Prüfung eher stattfinden würde, und damit basta.
Ich bekam das Ganze nur verzögert mit, weil er mich nicht mit in den Scherz einbezogen hatte, aber natürlich hörte ich es am Nachmittag des ersten Aprils von den anderen Studenten über vkontakte. Ich glaubte es sofort, denn er hatte mich schon oft vergessen, wenn er wichtige E-Mails an den ganzen Kurs versandte. Allerdings erreichte mich auch die Entwarnung erst relativ spät, als ich schon unzählige Stunden in die Prüfungsvorbereitung gesteckt hatte.
Ich wusste nicht, ob ich sauer oder froh sein sollte, denn einerseits hatte ich mir viel Arbeit zur Prüfungsvorbereitung jetzt schon abgenommen, aber andererseits fand ich diesen Scherz gemein und tüftelte zusammen mit anderen Studenten an Racheplänen, die wir aber wahrscheinlich nie umsetzen werden, weil Dr. Abilvo ein so netter Mensch ist, dem man einfach nichts lange übelnehmen kann.

Ich hoffe nur, dass ihm nichts passiert, wenn er in Moskau ist. Am Montag hatte es in der Moskauer Metro die schwersten Terroranschläge seit 6 Jahren gegeben. Im Moment hätte ich wirklich Bedenken, in dieser Stadt zu sein. Aber hier in Izhevsk redet man nicht einmal darüber. Moskau scheint so weit entfernt zu sein, wie ein anderes Land. Man sieht die Ereignisse zwar in den Nachrichten, aber auf den Straßen und unter den Studenten spricht niemand darüber. Auch als ich Murik darauf ansprach, ob er es schon gehört hatte, bestätigte er es nur kurz in ernstem Tonfall, und auch Tofik blieb einen Moment lang still, und dann zockten sie weiter ihre Online-Killerspiele. Vielleicht redet man hier auch einfach nicht über solche Themen; selbst Dr. Abilvo ging nicht darauf ein. Ich habe vergessen, Professor Puschin zu fragen, der für politische Themen eher offen ist. Wir hatten diesen Samstag aber auch nicht viel Zeit zum Reden; in der Mittagspause fuhren er zum Essen nach Hause, und nach der Vorlesung ging er auf die Geburtstagsfeier einer Verwandten. Ich wusste es schon sehr zu schätzen, dass er noch einige Minuten länger blieb um mir etwas zu erklären, das ich in der Vorlesung nicht gleich verstanden hatte. Wir waren die letzten an diesem späten Samstagnachmittag; vor uns war schon längst ausgekehrt worden und nach uns wurde abgeschlossen. Professor Puschin gab mir ohne mich zu fragen das Busticket aus und meinte, es kostete eh so gut wie nichts. Er hatte ein Glücksticket bekommen. Ich fragte ihn, ob er dran glaube, und er sagte, dass er nicht einmal wisse, wann ein Ticket Glück bringe. Dr. Abilvo hingegen hatte den Aberglauben gekannt, als ich ihn danach fragte. Daran glauben würde er allerdings nicht, und er sagte noch, dass sich die Leute einen Scherz mit mir erlaubt hatten, die meinten, dass ich das Ticket essen müsste. Murik hingegen kannte den Aberglauben das Ticket essen zu müssen und wusste dazu noch eine Geschichte: Einer seiner Kommilitonen hatte vor seiner Abschlussprüfung eine ganze Sammlung Bustickets mitgebracht und suchte aus dem Haufen die glücksbringenden heraus. Und dann aß er sie alle auf einmal.
Daraus kann auch abgeleitet werden, dass Glück aufschiebbar ist, und dass das Essen des Tickets dem Einlösen des Glücks beim Schicksal entspricht. Russland ist merkwürdig. Aber ich finde diesen speziellen Aberglauben sehr schön und freue mich immer auf mein Busticket, und außerdem trainiert es das Kopfrechnen. Schon allein deswegen würde ich mir keine Monatskarte zulegen. Und das zweite Ticket, das ich verspeist habe, hat gar nicht mehr so schlecht geschmeckt; ein bisschen wie das Esspapier, das wir als Kinder so mochten.

Ich fragte mich noch, ob es irgendeinen Aberglauben gab, der die Leute davon abhielt, verlorene Münzen vom Boden aufzuheben. Wahrscheinlich lag es eher daran, dass sie nichts wert waren. Ich zählte zum Spaß mal, wie viele Münzen in innerhalb des Tauwetters der letzten Tage gefunden hatte. Es waren 62 Münzen im Wert von insgesamt nicht ganz 15 Cent. Manchmal fand ich so viel Kleingeld auf einem Weg, dass ich schon dachte, jemand hätte seinen Nachhauseweg mit Münzen markiert. Ich hob alle Münzen auf, die ich fand, denn so hatte ich immer genug Kleingeld für den Bus, denn von den 11 Rubeln für ein Ticket schien immer einer zu fehlen, wenn ich in meinem Geldbeutel danach kramte. Dann holte ich die aufgesammelten Münzen der letzten Tage aus der Hosentasche hervor und zählte den einen Rubel davon zusammen. Gergö sah keine einzige der Münzen auf dem Boden liegen, wenn wir spazieren gingen, aber er hatte eine ganz eigene Theorie darüber: Es gibt nur zwei Arten von Menschen - die einen finden Münzen, und die andere sehen Sternschnuppen. Die einen schauen nach unten, die anderen nach oben. Er selbst war ein Sternschnuppen-Typ. Ich denke allerdings, dass es noch eine dritte Sorte Mensch gibt - und zwar diejenigen, die weder nach oben noch nach unten schauen und deshalb auf Straßenkreuzungen nicht überfahren werden.
Dabei merke ich jetzt nach dem Abklingen des ersten Schocks beim Anblick der russischen Straßen, wie rücksichtsvoll die meisten Autofahrer sind. Auf dicht befahrenen Straßen überqueren Fußgänger einfach nach Laune die Straße, und meistens geht das nicht mal schief. Einige Fahrer halten sogar, wenn sie Leute am Straßenrand stehen sehen, die aussehen, als würden sie die Straße überqueren wollen.

Was gibt es sonst Neues?
Den Russisch-Sprachkurs besuche ich immer noch, obwohl mich meine Lehrerin schon fragte, weshalb ich überhaupt mit den Arabern lerne, weil ich doch eigentlich schon weiter fortgeschritten bin. Nun, es gab einfach keinen weiteren Kurs. Ich hatte mit Gergö darüber gesprochen, der meinte vielleicht könnte ich bei dem Tandem-Kurs der Ungarn mitmachen, der ihm viel zu schnell ging.
Aber bis dahin komme ich immer schön pünktlich zum Russischkurs der Ägypter und nutze ihre halbe Stunde Verspätung für ein wenig Privatunterricht. Und als wir letztens eine Übung machten, die darin bestand einen Berg voll Satzschnipsel in sinnvolle Sätze zusammen zu legen, bat mich die Lehrerin sogar, den Ägyptern dabei zu helfen und deren Fehler zu korrigieren. Es ist wesentlich schwerer für arabisch sprechende Leute russisch zu lernen, da es eine völlig andere Sprachfamilie ist. Ich hingegen habe das Gefühl, dass ich russisch in diesem halben Jahr den Griff bekommen kann, wenn mir weiterhin sämtliche Freunde und Bekannte metaphorisch in den Hintern treten um mich zum Russischsprechen zu bringen... :)

Und sonst noch Neues?
Heute war ich mit Dascha im Zoo; davon habe ich ein paar schöne Fotos gemacht. Der ganze Zoo ist noch sehr neu, gerade mal zwei Jahre alt.












   

Danach gingen wir noch in ein Café um etwas zum Mittag zu essen. Café bieten um die Mittagszeit auch warme Speisen, sodass man nicht unbedingt in ein Restaurant gehen muss. Ich wäre gern chinesisch essen gegangen und fragte Dascha danach. Sie brachte mich zu einem japanischen Sushi-Restaurant und war überrascht, als ich meinte, dass es einen riesigen Unterschied zwischen diesen beiden Küchen gab. Ich begann von gebratenen Nudeln und Ente zu erzählen und bekam bei ihrem Gesichtsausdruck den Eindruck, dass es in Izhevsk keine chinesischen Restaurants gab. Bald fuhr Dascha nach Deutschland zu einem Studentenaustausch; ich gab ihr den Rat, sie solle unbedingt mal an einem chinesischen Imbiss essen.





Gerade als ich aus der Stadt zurück kam, traf ich auf Gergö, der gerade auf dem Weg war, in die Stadt zu fahren um sich eine orthodoxe Ostermesse anzusehen. Er meinte, das gehöre zum kulturellen Programm für Russland dazu. Ich schnappte mir mein Kopftuch und begleitete ihn. Es war eine gute Idee gewesen, das Kopftuch mitzunehmen, denn in der Kirche trugen selbst die jungen Frauen Kopftücher, allerdings nicht wie im Islam, sondern modisch gebunden, sodass ihre Frisur gut sichtbar war. Die Kirche war mit Weihrauchduft erfüllt und Chorgesänge tönten aus den Lautsprechern. Ich hatte selten so viele Menschen in einer Kirche gesehen wie heute. Es war kaum möglich zu sehen, was am Altar vorging, da eine zu große Menschenmenge wie bei einem Konzert davor stand. Sie alle bekreuzigten sich mehrfach und verbeugten sich leicht, oder auch tiefer auf ein mir unbekanntes Zeichen hin. Dies wiederholte sich mehrfach. Andere Gläubige zündeten lange gelbe Kerzen an und steckten sie in die übervollen Leuchter. Viele ältere Frauen saßen einfach nur auf den runden Bänken an den Säulen. Ich ließ mich ebenfalls nieder, während Gergö etwas verloren zwischen den Gläubigen aussah. Mir gegenüber saß eine Mutter mit ihrem jungen Sohn, der sich die Ohren zuhielt und sich die Kapuze über den Kopf zog und quängelte, dass er nach Hause wollte. Sie versuchte ihn leise zur Vernunft zu bringen.

Ostern wurde hier in den Familien wahrscheinlich nicht viel anders als in Deutschland gefeiert; ein Hinweis darauf war die Ostereierfarbe im Supermarkt. Davon abgesehen gab es eine besondere Leckerei zu Ostern; eine Art hoher Rosinen-Kuchen mit einer dicken Schicht aus Zuckerguss, die bunt dekoriert ist.


Eine andere religiöse Feier begingen die Ägypter; was genau, das wusste ich nicht, aber aus ihrem Zimmer rief der Muezzin blechern auf Tonband zum Gebet; ich dachte schon, ich wäre wieder in Istanbul. Gehört hatte ich es nur, weil ich gerade etwas in der Küche kochte. Die Etagenfrau schaute mich ganz erstaunt an und fragte mach, was die Ägypter in dem Zimmer trieben. Nur das zu erklären - dafür reichten meine Russischkenntnisse definitiv nicht aus.


                                            Ein Klamottenladen in der Izhevsker Innenstadt