27.03.
Die Udmurtische Universität UdSU
Im letzten Eintrag hatte ich von der Korruption an den Universitäten geschrieben - nun hatte ich die Chance, mit Studenten der UdSU darüber zu sprechen, und lustigerweise hatten sie die gleichen Behauptungen über Korruption über die ISTU gehört und meinten, bei ihnen selbst gäbe es so etwas nur äußerst selten, wenn überhaupt, und schon gar nicht in ihrem Fachbereich. Ich vermute stark, dass die Funktionstüchtigkeit dieses Systems von der Geheimhaltung der tatsächlich stattfindenden Praktiken abhängt.
An diesem Tag war ich also an der UdSU, weil ich es Dascha versprochen hatte. Sie holte mich von der ISTU ab um sicher zu gehen, dass ich nicht verloren ging (ich hatte ihr von meinem abenteuerlichen Weg vom Einkaufen zurück erzählt).
Alles war grün. Also zumindest die Häuser des UdSU-Campus. Sonst lag immer noch ein Haufen Schnee an den Straßenrändern herum, der quer durchgeschnitten worden war und aussah wie die Bilder aus den Geografie-Büchern. Wahrscheinlich lag er schon lang genug um das ein oder andere Skelett darin zu entdecken. Je mehr der Schnee schmolz, desto mehr Geld fand ich auch auf der Straße. Doch ich war nicht die einzige, die es aufsammelte. Alte Frauen und Kinder taten es genauso gern. In der Tat gibt es die Tradition bei Hochzeiten, nicht nur Reis zu werfen, sondern auch kleine Münzen, und dann entbrennt immer ein Wettstreit zwischen den alten Leuten und den Kindern, wer die meisten Münzen an sich raffen konnte.
Auch die UdSU bestand aus vielen Einzelgebäuden, wirkte aber viel gemütlicher als die ISTU, zum Beispiel wurde ganz auf Kriegsgerät verzichtet. In dem Gebäude, in das mich Dascha brauchte, gab es viel Holz statt nur Sowjetbeton; an den Wänden hingen schwarze Bretter mit vielen losen Zetteln, aber auch mit Arbeiten von Studenten; es wirkte wie eine alte Stadtbibliothek und sehr viel persönlicher und gemütlicher als die ISTU. Auf einem der Gänge gab es einen kleinen Stand mit Coca Cola-Tischen und einer freundlichen Verkäuferin, mit der Dascha kurz plauderte. Hier tranken wir einen Tee, da wir noch viel zu früh für den Beginn der Deutschstunde waren, in der ich sprechen sollte. Ab und zu schauten Klassenkameraden von Dascha vorbei, die uns vom Treppenhaus aus gesehen hatten. Ich glaube, es wäre es sehr schöner Ort zum Studieren. Es gab auch viele Sitzgelegenheiten außerhalb der Klassenzimmer für Studenten, die auf ihre Professoren warten.
Unser Klassenzimmer war offen, als wir davor ankamen. Es erinnerte an ein Wohnzimmer einer alten Frau, mit Blumentapete bis an die hohe Decke hinauf verschönert, obwohl es offensichtlich die besten Jahre schon hinter sich hatte.
Die Klasse war klein, gerade mal 7 Studentinnen, und jede von ihnen hatte Süßigkeiten und Kuchen mitgebracht; und Tee holten wir aus der Mensa. Die Lehrerin schien dem Film "die wunderbare Welt der Amelie" entsprungen zu sein; sie war nett und neugierig. Wir sprachen über alles Mögliche - das Leben an einer deutschen Universität, Universitätspolitik bis hin zu europäischen Problemen. Ich hatte sämtliche Bücher und Zeitschriften mitgebracht, die ich nach Russland mitgenommen hatte - viele waren es nicht - aber auch sie regten das Gespräch an, wenn es ein wenig stockte. Die Studentinnen trauten sich nicht so recht, mit mir auf Deutsch zu sprechen, und ich konnte sie verstehen; mir ging es mit Russisch genauso. Aber im Endeffekt kam das Gespräch ins Rollen; ich gab Sächsisch zum Besten, und als die Lehrerin zur nächsten Stunde fortmusste, begannen auch die Studenten zu fragen, wie zum Beispiel: "Was machst du in deiner Freizeit?" und "Wie lernt man in Deutschland Männern kennen?". Am Ende spielte ich ihnen noch ein Teil eines Hörbuchs vor: Bastian Sick - "der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", denn dieser Autor kam bei Deutschlernenden besonders gut an. Er hatte den Dreh raus, wie man so ein langweiliges Thema wie die deutsche Grammatik interessant und frisch darstellen konnte.
Nach der Stunde knipsten wir gegenseitig Fotos zur Erinnerung und tauschten E-Mail-Adressen und Handynummern aus. Ich versicherte, dass ich gerne noch einmal kommen würde und bedankte mich für den warmen Empfang und all die Süßigkeiten.
Dascha brachte mich noch zurück zur ISTU, obwohl ich ihr sagte, dass ich den Weg vom Zentrum aus sicher auch allein finden würde, aber sie meinte, es wäre eine Deutschstunde für sie und dass sie es gern tat.
Ich fühlte mich erschöpft. Ich war schon gegen vier Uhr morgens das erste Mal aufgewacht, und gegen 6 Uhr noch mal als meine Nachbarin aufstand. Nun hatte ich den ganzen Tag Zeit bis ich 18 Uhr zum Cisco-Praktikum musste. Wobei "musste" nicht das richtige Wort war; eigentlich musste ich nur alle zwei Wochen zum Praktikum, aber ich nutzte gern die Gelegenheit unter Leute zu kommen und mehr Erfahrung um Umgang mit Cisco-Hardware zu bekommen. Zumal ich dann im Praktikum nächste Woche den Studenten der anderen Gruppe dabei helfen konnte. Mittlerweile hatte ich schon das Gefühl, richtig Ahnung von Cisco-Routern zu haben. Zumindest hatte ich es so lange, bis ich am Abend wieder im Praktikum saß. Wir sollten uns in Gruppen zusammenschließen, da wir mehrere Router miteinander verbinden mussten und es einfach nicht genug Router für alle Studenten gab.
Einer der Studenten, die ich für Althippies gehalten hatte, sprach mich an. Es stellte sich heraus, dass sie keine Studenten, sondern Systemadministratoren waren, die nur an dem Cisco-Kurs der Universität teilnahmen, weil sie sich ein Cisco-Zertifikat erarbeiten wollten.
Nun, die Verwechslung mit Hippies war durchaus nicht aus der Luft gegriffen; sie trugen ihr Haar lang und wirkten immerzu entspannt und lässig, und zu Vorlesungen kamen sie nur selten. Der älteste von ihnen hatte einen gemütlichen Bierbauch, der jüngere - er hieß Dima - war drahtig und sprach ein gutes Englisch. Er erklärte mir alles, was sie an den Routern konfigurierten und gab mir bestimmte Aufgaben. Er war er wesentlich besserer Lehrer als dieser BWLer-Verschnitt Emiljanov, der nur ab und zu durch die Reihen Schritt und schaute, was die Studenten so trieben. Am Ende hatte ich wirklich komplett begriffen, was das Ziel des Praktikums gewesen war und wie dieses Ziel erreicht werden sollte. Wir hatten mehrere Netzwerke einzeln konfiguriert und unter einander verbunden, hatten statische Routen eingerichtet und zwei verschiedene dynamische Routing-Protokolle konfiguriert. Es war sehr faszinierend gewesen, aber am Ende des Abends fühlte ich mich wie erschlagen. Dima begleitete mich noch zum Bus, wie es bisher jeder getan hatte, den ich im Praktikum kennenlernte - sogar die Frauen. Es muss sich dabei um eine mir unbekannte Form der Höflichkeit handeln.
Aber noch mehr Unerwartetes ereignete sich.
Zum Beispiel gab es gerade eben ein leises Klopfen an meiner Tür. Es war so leise, dass ich es erst ignorierte, doch als es sich wiederholte, öffnete ich die Tür. Es war ein mir unbekannter Mann, der fragte, ob er hinein kommen durfte. Etwas skeptisch ließ ich ihn in mein Zimmer. Er sagt, er hieße Abdul und komme aus Nigeria. Er hatte mein Origami bewundert, das mittlerweile überall im ganzen Wohnheim auslag und hatte mich deshalb aufgesucht um mich kennenzulernen.
Nun sah er sich neugierig nach typisch-afrikanischer Art in meinem Zimmer um, fasste alles an und stellte Frage darüber: "Oh, was ist das?", "Warum hast du das festgeklebt?", "Trinkst du etwa Alkohol?"
Ich fand ihn amüsant, war aber ganz froh, dass er fort musste, weil offenbar ein Taxi auf ihn wartete. Ich hatte immer noch so meine Probleme mit aufgedrehten Leuten umzugehen, die zu schnell zu persönlich wurden.
Und fast hätte ich vergessen, zur Vorlesung zu gehen.
Heute Morgen war ich wieder umsonst gekommen, genau wie die ägyptischen Studenten. Die Schuld lag irgendwo zwischen mir und Dr. Abilvo. Die Ägypter hatten mich gebeten, ihn zu kontaktieren um ihn zu fragen, wann die Vorlesung von Professor Puschin morgen stattfinden würde. Diese Woche hatten wir mehrmals darüber diskutiert, dass wir laut Lehrplan noch drei weitere Zeitstunden Vorlesungen haben sollten. Die Ägypter hatten sich mit Dr. Abilvo geeinigt, diese Stunden auf den Samstag hinzuzufügen. Nun wusste aber niemand eine genaue Uhrzeit, wann die erste Vorlesungseinheit stattfinden sollte. Ich fragte Dr. Abilvo per Mail, ob er mit Professor Puschin darüber gesprochen hatte, wann die Vorlesung am Samstag stattfindet, und ob er vielleicht eine Kontaktnummer hätte. Zurück kam die Antwort, dass er den Ägyptern bescheid gegeben hätte, dass die Vorlesung um 11 beginnt.
Natürlich war ich als erste da, doch der Wachtmann von Gebäude 5 meinte, dass kein Professor für Etage 8 einen Schlüssel abgeholt hätte; tatsächlich fände nur in Etage 2 eine Vorlesung statt. Er begleitete mich nach oben. Mittlerweile funktionierten die Fahrstühle und beinahe alle Zimmer besaßen ein Schild mit ihrer Nummer neben der Tür. Ich weiß nicht, wann das Gebäude eingeweiht worden war, aber der Tag kann noch nicht allzu lang zurück liegen. Die Fahrstühle waren eisig und ein kalter Wind kam aus ihnen beim Öffnen der Türen. Obwohl sie so neu waren, konnte ich der russischen Technik immer noch nicht so ganz vertrauen; der Fahrstuhl machte einen Satz und krachte, als er oben einrastete.
Niemand hielt sich auf dieser Etage auf. Ich wollte dennoch das akademische Viertel warten. Vladimir - so hieß der Wachtmann - holte mir einen Stuhl und bat mich, darauf neben der Garderobe platzzunehmen. Wir begannen zu dritt zu unterhalten, Vladimir, Nadeschka die Garderoben-Frau und ich. Letztens hatte mir Vladimir eine Visitenkarte von seinem Familiengeschäft gegeben, einem Hersteller von Mützen. Dafür kann ich hier gleich ein wenig Werbung machen (falls irgendjemand, der das liest, jemals nach Izhevsk kommen sollte): http://radkecaps.livejournal.com/
Vladimir
Vladimir wusste auch nicht, wen man noch anrufen könnte, also rief ich nach dem akademischen Viertel Dr. Abilvo an. Er bat mich zu warten während er Professor Puschin anrief. Kurz darauf rief er zurück und sagte, dass wir mit Professor Puschin letzte Woche eine neue Uhrzeit vereinbart hatten und es 14 Uhr gewesen sei. Das stimmte. Allerdings hatten wir alle angenommen, dass Dr. Abilvo mit Professor Puschin in der Zwischenzeit über seine gewünschte Stundenplanerweiterung gesprochen hatte. Nun, wahrscheinlich hätte ich noch expliziter nachfragen können, ob er mit Professor Puschin über den neuen Stundenplan gesprochen hat, aber was einmal geschehen ist, kann man nicht ändern. Die ersten der Ägypter würden wahrscheinlich in 10 Minuten ankommen, wie immer eine halbe Stunde zu spät zur Vorlesungen. Ich hätte sie angerufen um bescheid zu geben, aber ich hatte noch keine ihrer Handynummern. Kurzerhand schrieb ich eine englische Botschaft auf den Zettel, dass die Vorlesung erst 14 Uhr stattfinden wird und bat Vladimir sie den Ägyptern zu übergeben, wenn sie kamen. Die meisten von ihnen sprachen erst wenige russische Worte und würden sicher eine Weile brauchen, die Situation zu verstehen.
Zurück im Wohnheim begann ich zu kochen und wartete darauf, dass die Ägypter zurück kamen und ließ mir dann eine Handynummer geben um solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Ebenso wollte ich mir von Professor Puschin seine Handynummer geben lassen um unabhängig von Dr. Abilvo zu sein. Wenn es sein muss, werde ich im Alleingang Russland durchorganisieren... ;)
Langsam hatte ich die ständigen Lapscha-Nudeln satt, die ja eigentlich nur nach Geschmackverstärker schmeckten, und kochte mir richtige Nudeln, die mir nur ein wenig trocken schienen. Ich sah meine Vorräte durch und fand eine Dose Erbsen. Passt sowas zu Nudeln? Egal, ich war hungrig. Und es war die ideale Gelegenheit, den Dosenöffner auszuprobieren.
Meine ersten bescheidenen Versuche mit dem Dosenöffner
Dieses Gerät war ein Universal-Werkzeug, mit dem zum Beispiel auch Flaschen öffnen konnte, war mir erzählt worden. Nur wie man es genau benutzt, ist wahrscheinlich ein physikalisches Experiment wert. Ich präparierte die Arbeitsfläche, nahm alles weg, das durch die Gegend fliegen und in Körperteilen feststecken konnte. Zuerst versuchte ich mit dem länglichen Ende des Wundergeräts, doch auch mit großer Mühe konnte ich kein Loch in die Dose stechen. Das kürzere Ende wirke spitzer und schärfer, und damit bekam ich tatsächlich ein Loch in die Dose. Und wie weiter? Ich nahm das lange Ende und versuche damit die Umrisse des Dosendeckels nachzuziehen. Am Ende hatte ich ein mittelgroßes Loch in der Dose, das jedoch groß genug für praktische Dinge war, wie zum Beispiel die Erbsen hinaus zu holen ohne mir dabei in den Finger zu schneiden, und ich erklärte das Experiment für gelungen.
Das war also mein Vormittag und ich eilte zum Bus und zur Vorlesung, um meinem Ruf treu zu bleiben.
Professor Puschin wartete schon mit Vladimir am Eingang und wirkte, als mache er sich Sorgen, dass es seine Schuld war. Ich beruhigte ihn und erzählte meine Seite des Missverständnisses, dann gingen wir Problem Nummer 2 an - der Schlüssel zum Unterrichtsraum ließ sich nicht finden.
Dieses Problem war auch relativ schnell geklärt; ein Schlüssel der Nummer 806 führte in einen Raum mit der Nummer 808, und in diesem fand sich der Schlüssel für die 803 - unserem Unterrichtsraum.
Wir unterhielten uns wieder auf Deutsch während wir auf die Ägypter warteten, die wie ein Uhrwerk genau eine halbe Stunde zu spät kamen. Es waren schon wieder weiniger Studenten geworden.
Professor Puschin erzählte grinsend, wie kinderleicht für ihn das Thema Antennen sei. Seine erste Antenne hat er mit 10 Jahren gebaut, und sie funktionierte. Er deutete auf den Stuhl und meinte, dass er selbst daraus eine funktionierende Antenne bauen könne. Ich glaubte es ihm.
Das finde ich so faszinierend an russischen Ingenieuren: Sie können mit den geringsten Mittel Ungeheures schaffen. Zum Beispiel die russische Raumstation Mir - sie hatte man nach 15 Jahren nur aus Kostengründen vom Himmel holen müssen, und das obwohl sie nur für 7 Jahre Lebensdauer ausgelegt gewesen war. Und jeder, der mal in einem Trainingsmodul für die Mir gewesen ist - wie in der Raumfahrausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz - wird von diesen Zahlen noch beeindruckter sein.
Die Vorlesung hatte erst den Eindruck gemacht, sehr trocken zu werden, aber die Zeit verging schnell und ich begann langsam hinter die Funktionsweise von Antennen und der Ausbreitung von Signalen zu steigen. Vielleicht war diese Vorlesung doch sehr sinnvoll. In meiner Heimathochschule hätte ich jedenfalls nie die physikalischen Grundlagen in diesem Detailgrad kennengelernt, und wer weiß, wann ich dieses Wissen noch gebrauchen konnte.
Nach der Stunde brachte mich Professor Puschin wieder zum Wohnheim zurück.
Heute Abend musste er auf Arbeit gehen, erzählte er mir auf dem Weg, denn überall in seiner Firma wurde die Systemzeit der Computer und Programme umgestellt. Zuerst hielt ich es für die Sommerzeit-Umstellung, von der mir von mehrfach berichtet worden war. Erst als ich später im Internet einen Artikel fand, wurde mir klar, was hier wirklich gespielt wurde: In Moskau hatte man sich entschieden, die Anzahl der Zeitzonen in Russland von 11 auf 9 zu reduzieren. Das geht in Russland so einfach. Bei der Zeitumstellung wird Udmurtien einfach auf Moskauer Zeit gesetzt, das heißt einfach, dass bei uns die Uhren diesmal nicht umgestellt werden, aber dummerweise sind die Computer auf eine Zeitzone eingestellt, in der die Sommerzeitumstellung berücksichtigt wird, sodass sämtliche Computer dieser Zeitzone auf eine neue Zeitzone umgestellt werden müssen.
Das heißt, ab morgen bin ich eine Stunde näher an Deutschland.
Professor Puschin liebt das Autofahren; er lenkte auf der schneebedeckten Straße in einem Zug um und fuhr in die Gegenrichtung davon.
Und was ist sonst so in der Zwischenzeit passiert?
Ab und zu habe ich richtig gutes Essen bekommen. Zum Beispiel war ich wie verabredet mit Marina vom Auslandsamt und ihrem Bruder Dima Crêpes im neu eröffneten Restaurant, übersetzt "Öfchen", gegessen. Es war kein Restaurant wie wir es in Deutschland kennen, sondern eher eine gehobene Kantine, in der es nur Crêpes gab. Das Pizza-Restaurant funktionierte ähnlich. Man gab seine Bestellung an der Theke ab und erhielt eine Nummer, die aufgerufen wurde, wenn das Essen fertig war. Den Tee konnte man sich selbst an einem Heißwasserspender aufgießen.
Marina bestand darauf mich einzuladen. Dima kam ein wenig später; ursprünglich war er mit Freunden im Banja, der russische Sauna, verabredet gewesen, hatte sich dann aber doch für das Pfannkuchenessen entschieden.
Sie sprachen beide sehr gut deutsch und wollten mit mir gerne die Sprache üben... und alles Mögliche erfahren. Wir amüsierten uns herrlich und blieben noch lange nach dem Abholen unserer Tabletts sitzen. Es war schon spät, als sie mich zum Wohnheim zurück begleiteten und mich zu ihren Eltern aufs Land einluden. Darüber freute ich mich besonders.
Übrigens gibt es in Izhevsk keinen McDonald's. Dafür Sushi-Restaurants, Mexikanische Steakhäuser und was weiß ich alles, aber eben keinen McDonald's. Beinahe, als würde Izhevsk gar nicht existieren.
Und auch Murik dachte einmal mehr an mich, als er sich aus einer Laune heraus einen großen Sahnekuchen kaufte, weil das gut zum Tee passte, den er sich gegen die ankommende Erkältung aufbrühte. Den Tee lehnte ich dankend ab, weil ich immer noch nicht besonders überzeugt von dem Leitungswasser war, aber das Kuchenstück nahm ich gerne an. Es war sehr süß, aber auf eine gute Weise, mit Sahne, Kirsche und Schokoladenstreusel. Langsam hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nie etwas mitbrachte, aber Murik meinte, dass ich meinen Teil durch meine Erzählungen über die deutsche Sicht der Dinge leistete. Ich ließ ihn dennoch das Headset behalten, das er sich von mir ausgeliehen hatte. Ich konnte mit dieser mickrigen Internetverbindung sowieso nicht telefonieren.
Murik brachte auch immer gern etwas zum Anstoßen. An einem Abend leeren wir eine schon fast leere Flasche Wodka, die sich seit Ewigkeiten in seinem Kühlschrank befunden hatte, wie er meinte. Das ist in Russland schon Grund genug zu trinken - Verzeihung, zu feiern.
Die Marke hieß Nemiroff; es war ein ukrainisches Fabrikat und wurde aus Birke hergestellt. Dieser Birkenwodka war der beste, den ich je probiert habe. Den konnte man nicht einfach so hinter kippen, den musste man sich auf der Zunge zergehen lassen und den Nachgeschmack auf sich wirken lassen. Erst schmeckt er ein wenig holzig und kitzelt die Zunge, doch dann setzt sich langsam das süße Aroma von Honig durch, das seine volle Süße genau dann entfaltet, wenn sich seine Wärme in der Magengegend ausbreitet.
Es überrascht vielleicht, dass man muss in Russland 21 Jahre alt sein muss um harten Alkohol kaufen zu dürfen. Als ich mir am nächsten Tag selbst eine Flasche Nemiroff Birke kaufen ging, war überrascht, dass man mich nicht nach dem Alter fragte oder einen Pass sehen wollte. Man hielt mich immer für maximal 15 Jahre alt, wenn ich Alkohol kaufen ging und war dann peinlich berührt, sich so verschätzt zu haben, aber ich lache dann nur und sage, dass es jedem so ergeht. So hatte ich mich schon fast darauf gefreut, meinen Pass vorzeigen zu müssen - aber nichts dergleichen. Die junge Verkäuferin lächelte nur freundlich, was sowieso eine Seltenheit für Russland war.
Und immer, wenn man denkt, es könnte einen nichts mehr aus der Ruhe bringen, erlebt man neue Ungeheuerlichkeiten... gerade wollte sich Murik seine Zigarette anzünden - an der Deckenlampe, deren Glas er dafür abnahm. In der Nähe von Rauchmeldern. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, meinte er, dass es Russland sei - sie würden eh nicht funktionieren.
Und ich hatte immer angenommen, dass ich in Russland kalt duschen müsste, aber im Gegenteil - nicht das Warmwasser ist das Problem, sondern das kalte Wasser. Oft ist tagelang das Kaltwasser weg, und ich kann nur so lang duschen, wie lauwarmes Wasser in der Leitung ist, sonst springe ich von einem Bein aufs andere und japse, weil es zu heiß wird. Haare waschen - fast unmöglich ohne Verbrennungen ersten Grades.
Und zum Schluss noch eine typische Vorlesung:
Das Ding, was Dr. Abilvo angemalt hat, war irgendein Insekt, das mit dem Aufkommen von drahtlosen Netzwerken verschwunden ist, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Im Vordergrund sieht man schon, wie mein Origami die ganze Hochschule einnimmt.
Das wärs fürs erste wieder von mir...
Eure Manja
Die Udmurtische Universität UdSU
Im letzten Eintrag hatte ich von der Korruption an den Universitäten geschrieben - nun hatte ich die Chance, mit Studenten der UdSU darüber zu sprechen, und lustigerweise hatten sie die gleichen Behauptungen über Korruption über die ISTU gehört und meinten, bei ihnen selbst gäbe es so etwas nur äußerst selten, wenn überhaupt, und schon gar nicht in ihrem Fachbereich. Ich vermute stark, dass die Funktionstüchtigkeit dieses Systems von der Geheimhaltung der tatsächlich stattfindenden Praktiken abhängt.
An diesem Tag war ich also an der UdSU, weil ich es Dascha versprochen hatte. Sie holte mich von der ISTU ab um sicher zu gehen, dass ich nicht verloren ging (ich hatte ihr von meinem abenteuerlichen Weg vom Einkaufen zurück erzählt).
Alles war grün. Also zumindest die Häuser des UdSU-Campus. Sonst lag immer noch ein Haufen Schnee an den Straßenrändern herum, der quer durchgeschnitten worden war und aussah wie die Bilder aus den Geografie-Büchern. Wahrscheinlich lag er schon lang genug um das ein oder andere Skelett darin zu entdecken. Je mehr der Schnee schmolz, desto mehr Geld fand ich auch auf der Straße. Doch ich war nicht die einzige, die es aufsammelte. Alte Frauen und Kinder taten es genauso gern. In der Tat gibt es die Tradition bei Hochzeiten, nicht nur Reis zu werfen, sondern auch kleine Münzen, und dann entbrennt immer ein Wettstreit zwischen den alten Leuten und den Kindern, wer die meisten Münzen an sich raffen konnte.
Auch die UdSU bestand aus vielen Einzelgebäuden, wirkte aber viel gemütlicher als die ISTU, zum Beispiel wurde ganz auf Kriegsgerät verzichtet. In dem Gebäude, in das mich Dascha brauchte, gab es viel Holz statt nur Sowjetbeton; an den Wänden hingen schwarze Bretter mit vielen losen Zetteln, aber auch mit Arbeiten von Studenten; es wirkte wie eine alte Stadtbibliothek und sehr viel persönlicher und gemütlicher als die ISTU. Auf einem der Gänge gab es einen kleinen Stand mit Coca Cola-Tischen und einer freundlichen Verkäuferin, mit der Dascha kurz plauderte. Hier tranken wir einen Tee, da wir noch viel zu früh für den Beginn der Deutschstunde waren, in der ich sprechen sollte. Ab und zu schauten Klassenkameraden von Dascha vorbei, die uns vom Treppenhaus aus gesehen hatten. Ich glaube, es wäre es sehr schöner Ort zum Studieren. Es gab auch viele Sitzgelegenheiten außerhalb der Klassenzimmer für Studenten, die auf ihre Professoren warten.
Unser Klassenzimmer war offen, als wir davor ankamen. Es erinnerte an ein Wohnzimmer einer alten Frau, mit Blumentapete bis an die hohe Decke hinauf verschönert, obwohl es offensichtlich die besten Jahre schon hinter sich hatte.
Die Klasse war klein, gerade mal 7 Studentinnen, und jede von ihnen hatte Süßigkeiten und Kuchen mitgebracht; und Tee holten wir aus der Mensa. Die Lehrerin schien dem Film "die wunderbare Welt der Amelie" entsprungen zu sein; sie war nett und neugierig. Wir sprachen über alles Mögliche - das Leben an einer deutschen Universität, Universitätspolitik bis hin zu europäischen Problemen. Ich hatte sämtliche Bücher und Zeitschriften mitgebracht, die ich nach Russland mitgenommen hatte - viele waren es nicht - aber auch sie regten das Gespräch an, wenn es ein wenig stockte. Die Studentinnen trauten sich nicht so recht, mit mir auf Deutsch zu sprechen, und ich konnte sie verstehen; mir ging es mit Russisch genauso. Aber im Endeffekt kam das Gespräch ins Rollen; ich gab Sächsisch zum Besten, und als die Lehrerin zur nächsten Stunde fortmusste, begannen auch die Studenten zu fragen, wie zum Beispiel: "Was machst du in deiner Freizeit?" und "Wie lernt man in Deutschland Männern kennen?". Am Ende spielte ich ihnen noch ein Teil eines Hörbuchs vor: Bastian Sick - "der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", denn dieser Autor kam bei Deutschlernenden besonders gut an. Er hatte den Dreh raus, wie man so ein langweiliges Thema wie die deutsche Grammatik interessant und frisch darstellen konnte.
Nach der Stunde knipsten wir gegenseitig Fotos zur Erinnerung und tauschten E-Mail-Adressen und Handynummern aus. Ich versicherte, dass ich gerne noch einmal kommen würde und bedankte mich für den warmen Empfang und all die Süßigkeiten.
Dascha brachte mich noch zurück zur ISTU, obwohl ich ihr sagte, dass ich den Weg vom Zentrum aus sicher auch allein finden würde, aber sie meinte, es wäre eine Deutschstunde für sie und dass sie es gern tat.
Ich fühlte mich erschöpft. Ich war schon gegen vier Uhr morgens das erste Mal aufgewacht, und gegen 6 Uhr noch mal als meine Nachbarin aufstand. Nun hatte ich den ganzen Tag Zeit bis ich 18 Uhr zum Cisco-Praktikum musste. Wobei "musste" nicht das richtige Wort war; eigentlich musste ich nur alle zwei Wochen zum Praktikum, aber ich nutzte gern die Gelegenheit unter Leute zu kommen und mehr Erfahrung um Umgang mit Cisco-Hardware zu bekommen. Zumal ich dann im Praktikum nächste Woche den Studenten der anderen Gruppe dabei helfen konnte. Mittlerweile hatte ich schon das Gefühl, richtig Ahnung von Cisco-Routern zu haben. Zumindest hatte ich es so lange, bis ich am Abend wieder im Praktikum saß. Wir sollten uns in Gruppen zusammenschließen, da wir mehrere Router miteinander verbinden mussten und es einfach nicht genug Router für alle Studenten gab.
Einer der Studenten, die ich für Althippies gehalten hatte, sprach mich an. Es stellte sich heraus, dass sie keine Studenten, sondern Systemadministratoren waren, die nur an dem Cisco-Kurs der Universität teilnahmen, weil sie sich ein Cisco-Zertifikat erarbeiten wollten.
Nun, die Verwechslung mit Hippies war durchaus nicht aus der Luft gegriffen; sie trugen ihr Haar lang und wirkten immerzu entspannt und lässig, und zu Vorlesungen kamen sie nur selten. Der älteste von ihnen hatte einen gemütlichen Bierbauch, der jüngere - er hieß Dima - war drahtig und sprach ein gutes Englisch. Er erklärte mir alles, was sie an den Routern konfigurierten und gab mir bestimmte Aufgaben. Er war er wesentlich besserer Lehrer als dieser BWLer-Verschnitt Emiljanov, der nur ab und zu durch die Reihen Schritt und schaute, was die Studenten so trieben. Am Ende hatte ich wirklich komplett begriffen, was das Ziel des Praktikums gewesen war und wie dieses Ziel erreicht werden sollte. Wir hatten mehrere Netzwerke einzeln konfiguriert und unter einander verbunden, hatten statische Routen eingerichtet und zwei verschiedene dynamische Routing-Protokolle konfiguriert. Es war sehr faszinierend gewesen, aber am Ende des Abends fühlte ich mich wie erschlagen. Dima begleitete mich noch zum Bus, wie es bisher jeder getan hatte, den ich im Praktikum kennenlernte - sogar die Frauen. Es muss sich dabei um eine mir unbekannte Form der Höflichkeit handeln.
Aber noch mehr Unerwartetes ereignete sich.
Zum Beispiel gab es gerade eben ein leises Klopfen an meiner Tür. Es war so leise, dass ich es erst ignorierte, doch als es sich wiederholte, öffnete ich die Tür. Es war ein mir unbekannter Mann, der fragte, ob er hinein kommen durfte. Etwas skeptisch ließ ich ihn in mein Zimmer. Er sagt, er hieße Abdul und komme aus Nigeria. Er hatte mein Origami bewundert, das mittlerweile überall im ganzen Wohnheim auslag und hatte mich deshalb aufgesucht um mich kennenzulernen.
Nun sah er sich neugierig nach typisch-afrikanischer Art in meinem Zimmer um, fasste alles an und stellte Frage darüber: "Oh, was ist das?", "Warum hast du das festgeklebt?", "Trinkst du etwa Alkohol?"
Ich fand ihn amüsant, war aber ganz froh, dass er fort musste, weil offenbar ein Taxi auf ihn wartete. Ich hatte immer noch so meine Probleme mit aufgedrehten Leuten umzugehen, die zu schnell zu persönlich wurden.
Und fast hätte ich vergessen, zur Vorlesung zu gehen.
Heute Morgen war ich wieder umsonst gekommen, genau wie die ägyptischen Studenten. Die Schuld lag irgendwo zwischen mir und Dr. Abilvo. Die Ägypter hatten mich gebeten, ihn zu kontaktieren um ihn zu fragen, wann die Vorlesung von Professor Puschin morgen stattfinden würde. Diese Woche hatten wir mehrmals darüber diskutiert, dass wir laut Lehrplan noch drei weitere Zeitstunden Vorlesungen haben sollten. Die Ägypter hatten sich mit Dr. Abilvo geeinigt, diese Stunden auf den Samstag hinzuzufügen. Nun wusste aber niemand eine genaue Uhrzeit, wann die erste Vorlesungseinheit stattfinden sollte. Ich fragte Dr. Abilvo per Mail, ob er mit Professor Puschin darüber gesprochen hatte, wann die Vorlesung am Samstag stattfindet, und ob er vielleicht eine Kontaktnummer hätte. Zurück kam die Antwort, dass er den Ägyptern bescheid gegeben hätte, dass die Vorlesung um 11 beginnt.
Natürlich war ich als erste da, doch der Wachtmann von Gebäude 5 meinte, dass kein Professor für Etage 8 einen Schlüssel abgeholt hätte; tatsächlich fände nur in Etage 2 eine Vorlesung statt. Er begleitete mich nach oben. Mittlerweile funktionierten die Fahrstühle und beinahe alle Zimmer besaßen ein Schild mit ihrer Nummer neben der Tür. Ich weiß nicht, wann das Gebäude eingeweiht worden war, aber der Tag kann noch nicht allzu lang zurück liegen. Die Fahrstühle waren eisig und ein kalter Wind kam aus ihnen beim Öffnen der Türen. Obwohl sie so neu waren, konnte ich der russischen Technik immer noch nicht so ganz vertrauen; der Fahrstuhl machte einen Satz und krachte, als er oben einrastete.
Niemand hielt sich auf dieser Etage auf. Ich wollte dennoch das akademische Viertel warten. Vladimir - so hieß der Wachtmann - holte mir einen Stuhl und bat mich, darauf neben der Garderobe platzzunehmen. Wir begannen zu dritt zu unterhalten, Vladimir, Nadeschka die Garderoben-Frau und ich. Letztens hatte mir Vladimir eine Visitenkarte von seinem Familiengeschäft gegeben, einem Hersteller von Mützen. Dafür kann ich hier gleich ein wenig Werbung machen (falls irgendjemand, der das liest, jemals nach Izhevsk kommen sollte): http://radkecaps.livejournal.com/
Vladimir
Vladimir wusste auch nicht, wen man noch anrufen könnte, also rief ich nach dem akademischen Viertel Dr. Abilvo an. Er bat mich zu warten während er Professor Puschin anrief. Kurz darauf rief er zurück und sagte, dass wir mit Professor Puschin letzte Woche eine neue Uhrzeit vereinbart hatten und es 14 Uhr gewesen sei. Das stimmte. Allerdings hatten wir alle angenommen, dass Dr. Abilvo mit Professor Puschin in der Zwischenzeit über seine gewünschte Stundenplanerweiterung gesprochen hatte. Nun, wahrscheinlich hätte ich noch expliziter nachfragen können, ob er mit Professor Puschin über den neuen Stundenplan gesprochen hat, aber was einmal geschehen ist, kann man nicht ändern. Die ersten der Ägypter würden wahrscheinlich in 10 Minuten ankommen, wie immer eine halbe Stunde zu spät zur Vorlesungen. Ich hätte sie angerufen um bescheid zu geben, aber ich hatte noch keine ihrer Handynummern. Kurzerhand schrieb ich eine englische Botschaft auf den Zettel, dass die Vorlesung erst 14 Uhr stattfinden wird und bat Vladimir sie den Ägyptern zu übergeben, wenn sie kamen. Die meisten von ihnen sprachen erst wenige russische Worte und würden sicher eine Weile brauchen, die Situation zu verstehen.
Zurück im Wohnheim begann ich zu kochen und wartete darauf, dass die Ägypter zurück kamen und ließ mir dann eine Handynummer geben um solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Ebenso wollte ich mir von Professor Puschin seine Handynummer geben lassen um unabhängig von Dr. Abilvo zu sein. Wenn es sein muss, werde ich im Alleingang Russland durchorganisieren... ;)
Langsam hatte ich die ständigen Lapscha-Nudeln satt, die ja eigentlich nur nach Geschmackverstärker schmeckten, und kochte mir richtige Nudeln, die mir nur ein wenig trocken schienen. Ich sah meine Vorräte durch und fand eine Dose Erbsen. Passt sowas zu Nudeln? Egal, ich war hungrig. Und es war die ideale Gelegenheit, den Dosenöffner auszuprobieren.
Meine ersten bescheidenen Versuche mit dem Dosenöffner
Dieses Gerät war ein Universal-Werkzeug, mit dem zum Beispiel auch Flaschen öffnen konnte, war mir erzählt worden. Nur wie man es genau benutzt, ist wahrscheinlich ein physikalisches Experiment wert. Ich präparierte die Arbeitsfläche, nahm alles weg, das durch die Gegend fliegen und in Körperteilen feststecken konnte. Zuerst versuchte ich mit dem länglichen Ende des Wundergeräts, doch auch mit großer Mühe konnte ich kein Loch in die Dose stechen. Das kürzere Ende wirke spitzer und schärfer, und damit bekam ich tatsächlich ein Loch in die Dose. Und wie weiter? Ich nahm das lange Ende und versuche damit die Umrisse des Dosendeckels nachzuziehen. Am Ende hatte ich ein mittelgroßes Loch in der Dose, das jedoch groß genug für praktische Dinge war, wie zum Beispiel die Erbsen hinaus zu holen ohne mir dabei in den Finger zu schneiden, und ich erklärte das Experiment für gelungen.
Das war also mein Vormittag und ich eilte zum Bus und zur Vorlesung, um meinem Ruf treu zu bleiben.
Professor Puschin wartete schon mit Vladimir am Eingang und wirkte, als mache er sich Sorgen, dass es seine Schuld war. Ich beruhigte ihn und erzählte meine Seite des Missverständnisses, dann gingen wir Problem Nummer 2 an - der Schlüssel zum Unterrichtsraum ließ sich nicht finden.
Dieses Problem war auch relativ schnell geklärt; ein Schlüssel der Nummer 806 führte in einen Raum mit der Nummer 808, und in diesem fand sich der Schlüssel für die 803 - unserem Unterrichtsraum.
Wir unterhielten uns wieder auf Deutsch während wir auf die Ägypter warteten, die wie ein Uhrwerk genau eine halbe Stunde zu spät kamen. Es waren schon wieder weiniger Studenten geworden.
Professor Puschin erzählte grinsend, wie kinderleicht für ihn das Thema Antennen sei. Seine erste Antenne hat er mit 10 Jahren gebaut, und sie funktionierte. Er deutete auf den Stuhl und meinte, dass er selbst daraus eine funktionierende Antenne bauen könne. Ich glaubte es ihm.
Das finde ich so faszinierend an russischen Ingenieuren: Sie können mit den geringsten Mittel Ungeheures schaffen. Zum Beispiel die russische Raumstation Mir - sie hatte man nach 15 Jahren nur aus Kostengründen vom Himmel holen müssen, und das obwohl sie nur für 7 Jahre Lebensdauer ausgelegt gewesen war. Und jeder, der mal in einem Trainingsmodul für die Mir gewesen ist - wie in der Raumfahrausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz - wird von diesen Zahlen noch beeindruckter sein.
Die Vorlesung hatte erst den Eindruck gemacht, sehr trocken zu werden, aber die Zeit verging schnell und ich begann langsam hinter die Funktionsweise von Antennen und der Ausbreitung von Signalen zu steigen. Vielleicht war diese Vorlesung doch sehr sinnvoll. In meiner Heimathochschule hätte ich jedenfalls nie die physikalischen Grundlagen in diesem Detailgrad kennengelernt, und wer weiß, wann ich dieses Wissen noch gebrauchen konnte.
Nach der Stunde brachte mich Professor Puschin wieder zum Wohnheim zurück.
Heute Abend musste er auf Arbeit gehen, erzählte er mir auf dem Weg, denn überall in seiner Firma wurde die Systemzeit der Computer und Programme umgestellt. Zuerst hielt ich es für die Sommerzeit-Umstellung, von der mir von mehrfach berichtet worden war. Erst als ich später im Internet einen Artikel fand, wurde mir klar, was hier wirklich gespielt wurde: In Moskau hatte man sich entschieden, die Anzahl der Zeitzonen in Russland von 11 auf 9 zu reduzieren. Das geht in Russland so einfach. Bei der Zeitumstellung wird Udmurtien einfach auf Moskauer Zeit gesetzt, das heißt einfach, dass bei uns die Uhren diesmal nicht umgestellt werden, aber dummerweise sind die Computer auf eine Zeitzone eingestellt, in der die Sommerzeitumstellung berücksichtigt wird, sodass sämtliche Computer dieser Zeitzone auf eine neue Zeitzone umgestellt werden müssen.
Das heißt, ab morgen bin ich eine Stunde näher an Deutschland.
Professor Puschin liebt das Autofahren; er lenkte auf der schneebedeckten Straße in einem Zug um und fuhr in die Gegenrichtung davon.
Und was ist sonst so in der Zwischenzeit passiert?
Ab und zu habe ich richtig gutes Essen bekommen. Zum Beispiel war ich wie verabredet mit Marina vom Auslandsamt und ihrem Bruder Dima Crêpes im neu eröffneten Restaurant, übersetzt "Öfchen", gegessen. Es war kein Restaurant wie wir es in Deutschland kennen, sondern eher eine gehobene Kantine, in der es nur Crêpes gab. Das Pizza-Restaurant funktionierte ähnlich. Man gab seine Bestellung an der Theke ab und erhielt eine Nummer, die aufgerufen wurde, wenn das Essen fertig war. Den Tee konnte man sich selbst an einem Heißwasserspender aufgießen.
Marina bestand darauf mich einzuladen. Dima kam ein wenig später; ursprünglich war er mit Freunden im Banja, der russische Sauna, verabredet gewesen, hatte sich dann aber doch für das Pfannkuchenessen entschieden.
Sie sprachen beide sehr gut deutsch und wollten mit mir gerne die Sprache üben... und alles Mögliche erfahren. Wir amüsierten uns herrlich und blieben noch lange nach dem Abholen unserer Tabletts sitzen. Es war schon spät, als sie mich zum Wohnheim zurück begleiteten und mich zu ihren Eltern aufs Land einluden. Darüber freute ich mich besonders.
Übrigens gibt es in Izhevsk keinen McDonald's. Dafür Sushi-Restaurants, Mexikanische Steakhäuser und was weiß ich alles, aber eben keinen McDonald's. Beinahe, als würde Izhevsk gar nicht existieren.
Und auch Murik dachte einmal mehr an mich, als er sich aus einer Laune heraus einen großen Sahnekuchen kaufte, weil das gut zum Tee passte, den er sich gegen die ankommende Erkältung aufbrühte. Den Tee lehnte ich dankend ab, weil ich immer noch nicht besonders überzeugt von dem Leitungswasser war, aber das Kuchenstück nahm ich gerne an. Es war sehr süß, aber auf eine gute Weise, mit Sahne, Kirsche und Schokoladenstreusel. Langsam hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nie etwas mitbrachte, aber Murik meinte, dass ich meinen Teil durch meine Erzählungen über die deutsche Sicht der Dinge leistete. Ich ließ ihn dennoch das Headset behalten, das er sich von mir ausgeliehen hatte. Ich konnte mit dieser mickrigen Internetverbindung sowieso nicht telefonieren.
Murik brachte auch immer gern etwas zum Anstoßen. An einem Abend leeren wir eine schon fast leere Flasche Wodka, die sich seit Ewigkeiten in seinem Kühlschrank befunden hatte, wie er meinte. Das ist in Russland schon Grund genug zu trinken - Verzeihung, zu feiern.
Die Marke hieß Nemiroff; es war ein ukrainisches Fabrikat und wurde aus Birke hergestellt. Dieser Birkenwodka war der beste, den ich je probiert habe. Den konnte man nicht einfach so hinter kippen, den musste man sich auf der Zunge zergehen lassen und den Nachgeschmack auf sich wirken lassen. Erst schmeckt er ein wenig holzig und kitzelt die Zunge, doch dann setzt sich langsam das süße Aroma von Honig durch, das seine volle Süße genau dann entfaltet, wenn sich seine Wärme in der Magengegend ausbreitet.
Es überrascht vielleicht, dass man muss in Russland 21 Jahre alt sein muss um harten Alkohol kaufen zu dürfen. Als ich mir am nächsten Tag selbst eine Flasche Nemiroff Birke kaufen ging, war überrascht, dass man mich nicht nach dem Alter fragte oder einen Pass sehen wollte. Man hielt mich immer für maximal 15 Jahre alt, wenn ich Alkohol kaufen ging und war dann peinlich berührt, sich so verschätzt zu haben, aber ich lache dann nur und sage, dass es jedem so ergeht. So hatte ich mich schon fast darauf gefreut, meinen Pass vorzeigen zu müssen - aber nichts dergleichen. Die junge Verkäuferin lächelte nur freundlich, was sowieso eine Seltenheit für Russland war.
Und immer, wenn man denkt, es könnte einen nichts mehr aus der Ruhe bringen, erlebt man neue Ungeheuerlichkeiten... gerade wollte sich Murik seine Zigarette anzünden - an der Deckenlampe, deren Glas er dafür abnahm. In der Nähe von Rauchmeldern. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, meinte er, dass es Russland sei - sie würden eh nicht funktionieren.
Und ich hatte immer angenommen, dass ich in Russland kalt duschen müsste, aber im Gegenteil - nicht das Warmwasser ist das Problem, sondern das kalte Wasser. Oft ist tagelang das Kaltwasser weg, und ich kann nur so lang duschen, wie lauwarmes Wasser in der Leitung ist, sonst springe ich von einem Bein aufs andere und japse, weil es zu heiß wird. Haare waschen - fast unmöglich ohne Verbrennungen ersten Grades.
Und zum Schluss noch eine typische Vorlesung:
Das Ding, was Dr. Abilvo angemalt hat, war irgendein Insekt, das mit dem Aufkommen von drahtlosen Netzwerken verschwunden ist, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Im Vordergrund sieht man schon, wie mein Origami die ganze Hochschule einnimmt.
Das wärs fürs erste wieder von mir...
Eure Manja



































