Samstag, 27. März 2010

Was sonst noch passierte III

27.03.

                     Die Udmurtische Universität UdSU

Im letzten Eintrag hatte ich von der Korruption an den Universitäten geschrieben - nun hatte ich die Chance, mit Studenten der UdSU darüber zu sprechen, und lustigerweise hatten sie die gleichen Behauptungen über Korruption über die ISTU gehört und meinten, bei ihnen selbst gäbe es so etwas nur äußerst selten, wenn überhaupt, und schon gar nicht in ihrem Fachbereich. Ich vermute stark, dass die Funktionstüchtigkeit dieses Systems von der Geheimhaltung der tatsächlich stattfindenden Praktiken abhängt.

An diesem Tag war ich also an der UdSU, weil ich es Dascha versprochen hatte. Sie holte mich von der ISTU ab um sicher zu gehen, dass ich nicht verloren ging (ich hatte ihr von meinem abenteuerlichen Weg vom Einkaufen zurück erzählt).
Alles war grün. Also zumindest die Häuser des UdSU-Campus. Sonst lag immer noch ein Haufen Schnee an den Straßenrändern herum, der quer durchgeschnitten worden war und aussah wie die Bilder aus den Geografie-Büchern. Wahrscheinlich lag er schon lang genug um das ein oder andere Skelett darin zu entdecken. Je mehr der Schnee schmolz, desto mehr Geld fand ich auch auf der Straße. Doch ich war nicht die einzige, die es aufsammelte. Alte Frauen und Kinder taten es genauso gern. In der Tat gibt es die Tradition bei Hochzeiten, nicht nur Reis zu werfen, sondern auch kleine Münzen, und dann entbrennt immer ein Wettstreit zwischen den alten Leuten und den Kindern, wer die meisten Münzen an sich raffen konnte.

Auch die UdSU bestand aus vielen Einzelgebäuden, wirkte aber viel gemütlicher als die ISTU, zum Beispiel wurde ganz auf Kriegsgerät verzichtet. In dem Gebäude, in das mich Dascha brauchte, gab es viel Holz statt nur Sowjetbeton; an den Wänden hingen schwarze Bretter mit vielen losen Zetteln, aber auch mit Arbeiten von Studenten; es wirkte wie eine alte Stadtbibliothek und sehr viel persönlicher und gemütlicher als die ISTU. Auf einem der Gänge gab es einen kleinen Stand mit Coca Cola-Tischen und einer freundlichen Verkäuferin, mit der Dascha kurz plauderte. Hier tranken wir einen Tee, da wir noch viel zu früh für den Beginn der Deutschstunde waren, in der ich sprechen sollte. Ab und zu schauten Klassenkameraden von Dascha vorbei, die uns vom Treppenhaus aus gesehen hatten. Ich glaube, es wäre es sehr schöner Ort zum Studieren. Es gab auch viele Sitzgelegenheiten außerhalb der Klassenzimmer für Studenten, die auf ihre Professoren warten.
Unser Klassenzimmer war offen, als wir davor ankamen. Es erinnerte an ein Wohnzimmer einer alten Frau, mit Blumentapete bis an die hohe Decke hinauf verschönert, obwohl es offensichtlich die besten Jahre schon hinter sich hatte.
Die Klasse war klein, gerade mal 7 Studentinnen, und jede von ihnen hatte Süßigkeiten und Kuchen mitgebracht; und Tee holten wir aus der Mensa. Die Lehrerin schien dem Film "die wunderbare Welt der Amelie" entsprungen zu sein; sie war nett und neugierig. Wir sprachen über alles Mögliche - das Leben an einer deutschen Universität, Universitätspolitik bis hin zu europäischen Problemen. Ich hatte sämtliche Bücher und Zeitschriften mitgebracht, die ich nach Russland mitgenommen hatte - viele waren es nicht - aber auch sie regten das Gespräch an, wenn es ein wenig stockte. Die Studentinnen trauten sich nicht so recht, mit mir auf Deutsch zu sprechen, und ich konnte sie verstehen; mir ging es mit Russisch genauso. Aber im Endeffekt kam das Gespräch ins Rollen; ich gab Sächsisch zum Besten, und als die Lehrerin zur nächsten Stunde fortmusste, begannen auch die Studenten zu fragen, wie zum Beispiel: "Was machst du in deiner Freizeit?" und "Wie lernt man in Deutschland Männern kennen?". Am Ende spielte ich ihnen noch ein Teil eines Hörbuchs vor: Bastian Sick - "der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", denn dieser Autor kam bei Deutschlernenden besonders gut an. Er hatte den Dreh raus, wie man so ein langweiliges Thema wie die deutsche Grammatik interessant und frisch darstellen konnte.


Nach der Stunde knipsten wir gegenseitig Fotos zur Erinnerung und tauschten E-Mail-Adressen und Handynummern aus. Ich versicherte, dass ich gerne noch einmal kommen würde und bedankte mich für den warmen Empfang und all die Süßigkeiten.

Dascha brachte mich noch zurück zur ISTU, obwohl ich ihr sagte, dass ich den Weg vom Zentrum aus sicher auch allein finden würde, aber sie meinte, es wäre eine Deutschstunde für sie und dass sie es gern tat.
Ich fühlte mich erschöpft. Ich war schon gegen vier Uhr morgens das erste Mal aufgewacht, und gegen 6 Uhr noch mal als meine Nachbarin aufstand. Nun hatte ich den ganzen Tag Zeit bis ich 18 Uhr zum Cisco-Praktikum musste. Wobei "musste" nicht das richtige Wort war; eigentlich musste ich nur alle zwei Wochen zum Praktikum, aber ich nutzte gern die Gelegenheit unter Leute zu kommen und mehr Erfahrung um Umgang mit Cisco-Hardware zu bekommen. Zumal ich dann im Praktikum nächste Woche den Studenten der anderen Gruppe dabei helfen konnte. Mittlerweile hatte ich schon das Gefühl, richtig Ahnung von Cisco-Routern zu haben. Zumindest hatte ich es so lange, bis ich am Abend wieder im Praktikum saß. Wir sollten uns in Gruppen zusammenschließen, da wir mehrere Router miteinander verbinden mussten und es einfach nicht genug Router für alle Studenten gab.
Einer der Studenten, die ich für Althippies gehalten hatte, sprach mich an. Es stellte sich heraus, dass sie keine Studenten, sondern Systemadministratoren waren, die nur an dem Cisco-Kurs der Universität teilnahmen, weil sie sich ein Cisco-Zertifikat erarbeiten wollten.
Nun, die Verwechslung mit Hippies war durchaus nicht aus der Luft gegriffen; sie trugen ihr Haar lang und wirkten immerzu entspannt und lässig, und zu Vorlesungen kamen sie nur selten. Der älteste von ihnen hatte einen gemütlichen Bierbauch, der jüngere - er hieß Dima - war drahtig und sprach ein gutes Englisch. Er erklärte mir alles, was sie an den Routern konfigurierten und gab mir bestimmte Aufgaben. Er war er wesentlich besserer Lehrer als dieser BWLer-Verschnitt Emiljanov, der nur ab und zu durch die Reihen Schritt und schaute, was die Studenten so trieben. Am Ende hatte ich wirklich komplett begriffen, was das Ziel des Praktikums gewesen war und wie dieses Ziel erreicht werden sollte. Wir hatten mehrere Netzwerke einzeln konfiguriert und unter einander verbunden, hatten statische Routen eingerichtet und zwei verschiedene dynamische Routing-Protokolle konfiguriert. Es war sehr faszinierend gewesen, aber am Ende des Abends fühlte ich mich wie erschlagen. Dima begleitete mich noch zum Bus, wie es bisher jeder getan hatte, den ich im Praktikum kennenlernte - sogar die Frauen. Es muss sich dabei um eine mir unbekannte Form der Höflichkeit handeln.

Aber noch mehr Unerwartetes ereignete sich.
Zum Beispiel gab es gerade eben ein leises Klopfen an meiner Tür. Es war so leise, dass ich es erst ignorierte, doch als es sich wiederholte, öffnete ich die Tür. Es war ein mir unbekannter Mann, der fragte, ob er hinein kommen durfte. Etwas skeptisch ließ ich ihn in mein Zimmer. Er sagt, er hieße Abdul und komme aus Nigeria. Er hatte mein Origami bewundert, das mittlerweile überall im ganzen Wohnheim auslag und hatte mich deshalb aufgesucht um mich kennenzulernen.
Nun sah er sich neugierig nach typisch-afrikanischer Art in meinem Zimmer um, fasste alles an und stellte Frage darüber: "Oh, was ist das?", "Warum hast du das festgeklebt?", "Trinkst du etwa Alkohol?"
Ich fand ihn amüsant, war aber ganz froh, dass er fort musste, weil offenbar ein Taxi auf ihn wartete. Ich hatte immer noch so meine Probleme mit aufgedrehten Leuten umzugehen, die zu schnell zu persönlich wurden.
Und fast hätte ich vergessen, zur Vorlesung zu gehen.
Heute Morgen war ich wieder umsonst gekommen, genau wie die ägyptischen Studenten. Die Schuld lag irgendwo zwischen mir und Dr. Abilvo. Die Ägypter hatten mich gebeten, ihn zu kontaktieren um ihn zu fragen, wann die Vorlesung von Professor Puschin morgen stattfinden würde. Diese Woche hatten wir mehrmals darüber diskutiert, dass wir laut Lehrplan noch drei weitere Zeitstunden Vorlesungen haben sollten. Die Ägypter hatten sich mit Dr. Abilvo geeinigt, diese Stunden auf den Samstag hinzuzufügen. Nun wusste aber niemand eine genaue Uhrzeit, wann die erste Vorlesungseinheit stattfinden sollte. Ich fragte Dr. Abilvo per Mail, ob er mit Professor Puschin darüber gesprochen hatte, wann die Vorlesung am Samstag stattfindet, und ob er vielleicht eine Kontaktnummer hätte. Zurück kam die Antwort, dass er den Ägyptern bescheid gegeben hätte, dass die Vorlesung um 11 beginnt.
Natürlich war ich als erste da, doch der Wachtmann von Gebäude 5 meinte, dass kein Professor für Etage 8 einen Schlüssel abgeholt hätte; tatsächlich fände nur in Etage 2 eine Vorlesung statt. Er begleitete mich nach oben. Mittlerweile funktionierten die Fahrstühle und beinahe alle Zimmer besaßen ein Schild mit ihrer Nummer neben der Tür. Ich weiß nicht, wann das Gebäude eingeweiht worden war, aber der Tag kann noch nicht allzu lang zurück liegen. Die Fahrstühle waren eisig und ein kalter Wind kam aus ihnen beim Öffnen der Türen. Obwohl sie so neu waren, konnte ich der russischen Technik immer noch nicht so ganz vertrauen; der Fahrstuhl machte einen Satz und krachte, als er oben einrastete.
Niemand hielt sich auf dieser Etage auf. Ich wollte dennoch das akademische Viertel warten. Vladimir - so hieß der Wachtmann - holte mir einen Stuhl und bat mich, darauf neben der Garderobe platzzunehmen. Wir begannen zu dritt zu unterhalten, Vladimir, Nadeschka die Garderoben-Frau und ich. Letztens hatte mir Vladimir eine Visitenkarte von seinem Familiengeschäft gegeben, einem Hersteller von Mützen. Dafür kann ich hier gleich ein wenig Werbung machen (falls irgendjemand, der das liest, jemals nach Izhevsk kommen sollte): http://radkecaps.livejournal.com/

                                                    Vladimir

Vladimir wusste auch nicht, wen man noch anrufen könnte, also rief ich nach dem akademischen Viertel Dr. Abilvo an. Er bat mich zu warten während er Professor Puschin anrief. Kurz darauf rief er zurück und sagte, dass wir mit Professor Puschin letzte Woche eine neue Uhrzeit vereinbart hatten und es 14 Uhr gewesen sei. Das stimmte. Allerdings hatten wir alle angenommen, dass Dr. Abilvo mit Professor Puschin in der Zwischenzeit über seine gewünschte Stundenplanerweiterung gesprochen hatte. Nun, wahrscheinlich hätte ich noch expliziter nachfragen können, ob er mit Professor Puschin über den neuen Stundenplan gesprochen hat, aber was einmal geschehen ist, kann man nicht ändern. Die ersten der Ägypter würden wahrscheinlich in 10 Minuten ankommen, wie immer eine halbe Stunde zu spät zur Vorlesungen. Ich hätte sie angerufen um bescheid zu geben, aber ich hatte noch keine ihrer Handynummern. Kurzerhand schrieb ich eine englische Botschaft auf den Zettel, dass die Vorlesung erst 14 Uhr stattfinden wird und bat Vladimir sie den Ägyptern zu übergeben, wenn sie kamen. Die meisten von ihnen sprachen erst wenige russische Worte und würden sicher eine Weile brauchen, die Situation zu verstehen.

Zurück im Wohnheim begann ich zu kochen und wartete darauf, dass die Ägypter zurück kamen und ließ mir dann eine Handynummer geben um solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Ebenso wollte ich mir von Professor Puschin seine Handynummer geben lassen um unabhängig von Dr. Abilvo zu sein. Wenn es sein muss, werde ich im Alleingang Russland durchorganisieren... ;)

Langsam hatte ich die ständigen Lapscha-Nudeln satt, die ja eigentlich nur nach Geschmackverstärker schmeckten, und kochte mir richtige Nudeln, die mir nur ein wenig trocken schienen. Ich sah meine Vorräte durch und fand eine Dose Erbsen. Passt sowas zu Nudeln? Egal, ich war hungrig. Und es war die ideale Gelegenheit, den Dosenöffner auszuprobieren.

Meine ersten bescheidenen Versuche mit dem Dosenöffner

Dieses Gerät war ein Universal-Werkzeug, mit dem zum Beispiel auch Flaschen öffnen konnte, war mir erzählt worden. Nur wie man es genau benutzt, ist wahrscheinlich ein physikalisches Experiment wert. Ich präparierte die Arbeitsfläche, nahm alles weg, das durch die Gegend fliegen und in Körperteilen feststecken konnte. Zuerst versuchte ich mit dem länglichen Ende des Wundergeräts, doch auch mit großer Mühe konnte ich kein Loch in die Dose stechen. Das kürzere Ende wirke spitzer und schärfer, und damit bekam ich tatsächlich ein Loch in die Dose. Und wie weiter? Ich nahm das lange Ende und versuche damit die Umrisse des Dosendeckels nachzuziehen. Am Ende hatte ich ein mittelgroßes Loch in der Dose, das jedoch groß genug für praktische Dinge war, wie zum Beispiel die Erbsen hinaus zu holen ohne mir dabei in den Finger zu schneiden, und ich erklärte das Experiment für gelungen.

Das war also mein Vormittag und ich eilte zum Bus und zur Vorlesung, um meinem Ruf treu zu bleiben.
Professor Puschin wartete schon mit Vladimir am Eingang und wirkte, als mache er sich Sorgen, dass es seine Schuld war. Ich beruhigte ihn und erzählte meine Seite des Missverständnisses, dann gingen wir Problem Nummer 2 an - der Schlüssel zum Unterrichtsraum ließ sich nicht finden.
Dieses Problem war auch relativ schnell geklärt; ein Schlüssel der Nummer 806 führte in einen Raum mit der Nummer 808, und in diesem fand sich der Schlüssel für die 803 - unserem Unterrichtsraum.

Wir unterhielten uns wieder auf Deutsch während wir auf die Ägypter warteten, die wie ein Uhrwerk genau eine halbe Stunde zu spät kamen. Es waren schon wieder weiniger Studenten geworden.

Professor Puschin erzählte grinsend, wie kinderleicht für ihn das Thema Antennen sei. Seine erste Antenne hat er mit 10 Jahren gebaut, und sie funktionierte. Er deutete auf den Stuhl und meinte, dass er selbst daraus eine funktionierende Antenne bauen könne. Ich glaubte es ihm.
Das finde ich so faszinierend an russischen Ingenieuren: Sie können mit den geringsten Mittel Ungeheures schaffen. Zum Beispiel die russische Raumstation Mir - sie hatte man nach 15 Jahren nur aus Kostengründen vom Himmel holen müssen, und das obwohl sie nur für 7 Jahre Lebensdauer ausgelegt gewesen war. Und jeder, der mal in einem Trainingsmodul für die Mir gewesen ist - wie in der Raumfahrausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz - wird von diesen Zahlen noch beeindruckter sein.

Die Vorlesung hatte erst den Eindruck gemacht, sehr trocken zu werden, aber die Zeit verging schnell und ich begann langsam hinter die Funktionsweise von Antennen und der Ausbreitung von Signalen zu steigen. Vielleicht war diese Vorlesung doch sehr sinnvoll. In meiner Heimathochschule hätte ich jedenfalls nie die physikalischen Grundlagen in diesem Detailgrad kennengelernt, und wer weiß, wann ich dieses Wissen noch gebrauchen konnte.

Nach der Stunde brachte mich Professor Puschin wieder zum Wohnheim zurück.
Heute Abend musste er auf Arbeit gehen, erzählte er mir auf dem Weg, denn überall in seiner Firma wurde die Systemzeit der Computer und Programme umgestellt. Zuerst hielt ich es für die Sommerzeit-Umstellung, von der mir von mehrfach berichtet worden war. Erst als ich später im Internet einen Artikel fand, wurde mir klar, was hier wirklich gespielt wurde: In Moskau hatte man sich entschieden, die Anzahl der Zeitzonen in Russland von 11 auf 9 zu reduzieren. Das geht in Russland so einfach. Bei der Zeitumstellung wird Udmurtien einfach auf Moskauer Zeit gesetzt, das heißt einfach, dass bei uns die Uhren diesmal nicht umgestellt werden, aber dummerweise sind die Computer auf eine Zeitzone eingestellt, in der die Sommerzeitumstellung berücksichtigt wird, sodass sämtliche Computer dieser Zeitzone auf eine neue Zeitzone umgestellt werden müssen.
Das heißt, ab morgen bin ich eine Stunde näher an Deutschland.

Professor Puschin liebt das Autofahren; er lenkte auf der schneebedeckten Straße in einem Zug um und fuhr in die Gegenrichtung davon.
Und was ist sonst so in der Zwischenzeit passiert?
Ab und zu habe ich richtig gutes Essen bekommen. Zum Beispiel war ich wie verabredet mit Marina vom Auslandsamt und ihrem Bruder Dima Crêpes im neu eröffneten Restaurant, übersetzt "Öfchen", gegessen. Es war kein Restaurant wie wir es in Deutschland kennen, sondern eher eine gehobene Kantine, in der es nur Crêpes gab. Das Pizza-Restaurant funktionierte ähnlich. Man gab seine Bestellung an der Theke ab und erhielt eine Nummer, die aufgerufen wurde, wenn das Essen fertig war. Den Tee konnte man sich selbst an einem Heißwasserspender aufgießen.
Marina bestand darauf mich einzuladen. Dima kam ein wenig später; ursprünglich war er mit Freunden im Banja, der russische Sauna, verabredet gewesen, hatte sich dann aber doch für das Pfannkuchenessen entschieden.




Sie sprachen beide sehr gut deutsch und wollten mit mir gerne die Sprache üben... und alles Mögliche erfahren. Wir amüsierten uns herrlich und blieben noch lange nach dem Abholen unserer Tabletts sitzen. Es war schon spät, als sie mich zum Wohnheim zurück begleiteten und mich zu ihren Eltern aufs Land einluden. Darüber freute ich mich besonders.

Übrigens gibt es in Izhevsk keinen McDonald's. Dafür Sushi-Restaurants, Mexikanische Steakhäuser und was weiß ich alles, aber eben keinen McDonald's. Beinahe, als würde Izhevsk gar nicht existieren.

Und auch Murik dachte einmal mehr an mich, als er sich aus einer Laune heraus einen großen Sahnekuchen kaufte, weil das gut zum Tee passte, den er sich gegen die ankommende Erkältung aufbrühte. Den Tee lehnte ich dankend ab, weil ich immer noch nicht besonders überzeugt von dem Leitungswasser war, aber das Kuchenstück nahm ich gerne an. Es war sehr süß, aber auf eine gute Weise, mit Sahne, Kirsche und Schokoladenstreusel. Langsam hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich nie etwas mitbrachte, aber Murik meinte, dass ich meinen Teil durch meine Erzählungen über die deutsche Sicht der Dinge leistete. Ich ließ ihn dennoch das Headset behalten, das er sich von mir ausgeliehen hatte. Ich konnte mit dieser mickrigen Internetverbindung sowieso nicht telefonieren.

Murik brachte auch immer gern etwas zum Anstoßen. An einem Abend leeren wir eine schon fast leere Flasche Wodka, die sich seit Ewigkeiten in seinem Kühlschrank befunden hatte, wie er meinte. Das ist in Russland schon Grund genug zu trinken - Verzeihung, zu feiern.
Die Marke hieß Nemiroff; es war ein ukrainisches Fabrikat und wurde aus Birke hergestellt. Dieser Birkenwodka war der beste, den ich je probiert habe. Den konnte man nicht einfach so hinter kippen, den musste man sich auf der Zunge zergehen lassen und den Nachgeschmack auf sich wirken lassen. Erst schmeckt er ein wenig holzig und kitzelt die Zunge, doch dann setzt sich langsam das süße Aroma von Honig durch, das seine volle Süße genau dann entfaltet, wenn sich seine Wärme in der Magengegend ausbreitet.
Es überrascht vielleicht, dass man muss in Russland 21 Jahre alt sein muss um harten Alkohol kaufen zu dürfen. Als ich mir am nächsten Tag selbst eine Flasche Nemiroff Birke kaufen ging, war überrascht, dass man mich nicht nach dem Alter fragte oder einen Pass sehen wollte. Man hielt mich immer für maximal 15 Jahre alt, wenn ich Alkohol kaufen ging und war dann peinlich berührt, sich so verschätzt zu haben, aber ich lache dann nur und sage, dass es jedem so ergeht. So hatte ich mich schon fast darauf gefreut, meinen Pass vorzeigen zu müssen - aber nichts dergleichen. Die junge Verkäuferin lächelte nur freundlich, was sowieso eine Seltenheit für Russland war.


Und immer, wenn man denkt, es könnte einen nichts mehr aus der Ruhe bringen, erlebt man neue Ungeheuerlichkeiten... gerade wollte sich Murik seine Zigarette anzünden - an der Deckenlampe, deren Glas er dafür abnahm. In der Nähe von Rauchmeldern. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, meinte er, dass es Russland sei - sie würden eh nicht funktionieren.

Und ich hatte immer angenommen, dass ich in Russland kalt duschen müsste, aber im Gegenteil - nicht das Warmwasser ist das Problem, sondern das kalte Wasser. Oft ist tagelang das Kaltwasser weg, und ich kann nur so lang duschen, wie lauwarmes Wasser in der Leitung ist, sonst springe ich von einem Bein aufs andere und japse, weil es zu heiß wird. Haare waschen - fast unmöglich ohne Verbrennungen ersten Grades.


Und zum Schluss noch eine typische Vorlesung:


Das Ding, was Dr. Abilvo angemalt hat, war irgendein Insekt, das mit dem Aufkommen von drahtlosen Netzwerken verschwunden ist, wenn ich ihn richtig verstanden habe. Im Vordergrund sieht man schon, wie mein Origami die ganze Hochschule einnimmt.

Das wär’s fürs erste wieder von mir...
Eure Manja

Mittwoch, 24. März 2010

Was sonst noch passierte II

24.03.

Was sonst noch passierte... es ist schwer, einen großen roten Faden durch all meine Erlebnisse zu ziehen; meist sind es Einzelereignisse, die ich sehr interessant finde; und der Rest ist Alltägliches, von dem ich wirklich nicht berichten muss.
In Zukunft werde ich weiter auf diese Weise schreiben: Ich werde eine Reihe von Ereignissen und Bemerkungen sammeln und dann vielleicht einmal pro Woche veröffentlichen.



Ich habe das Gefühl, ich werde hier noch zum Professoren-Liebling, einfach nur durch deutsche Pünktlichkeit. Erinnert ihr euch an den Prof, der vier Stunden lang über Antennen reden kann ohne eine Pause einlegen zu müssen? Letzte Woche hatte ich mich eher verdrückt und war auch auf der Suche nach dem Raum später gekommen, das heißt, fast zeitgleich mit den ägyptischen Studenten. Diesen Samstag hatten wir ausreichend Gelegenheit einander kennenzulernen. Ich war wie üblich fünf Minuten zu früh und Professor Puschin war im Gegensatz zu Dr. Abilvo ebenfalls immer ein wenig eher da. Auf allen Tischen lagen Stapel unterschiedlichster Kopien, die er gerade zum heutigen Vorlesungsmaterial zusammenstellte, dabei ging er reihum durch die Bankreihen und nahm dabei immer eine Kopie von jedem Stapel auf - in einer Geschwindigkeit, dass sich die ägyptischen Studenten noch 20 Minuten verspäten mussten, dass er rechtzeitig fertig wurde, also bot ich meine Hilfe an. Während wir dann also durch die Bankreihen gingen, unterhielten wir uns; er wollte sein Deutsch üben. Ich war beeindruck wie gut er sprach; er meinte, er hätte das letzte Mal vor drei Jahren auf Deutsch gesprochen. Ich erfuhr jede Menge weiterer Sachen über ihn, zum Beispiel, dass er 42 Jahre war, zwei Töchter hatte, eine in meinem Alter, die andere gerade mal drei Jahre alt und ein kleiner Zappelphilipp... Ich betrachtete mir diesen Professor näher. Er wirkte irgendwie schrullig, was vielleicht daran lag, dass er sein Handy um den Hals hängen hatte und es unter der Spitze seiner Krawatte hervorschaute. Er hatte eine riesige Hornbrille und lichter werdendes Haar, und er lächelte immer etwas abwesend.
Er war einer der Professoren, der sich darum sorgte, was seine Studenten von ihm denken, und dass seine Vorlesung interessant für sie ist. In jeder Stunde fragte er mehrmals, ob sie es interessant fanden, und die Studenten schrecken aus ihrem Halbschlaf aus und bestätigten höflich, dass es interessant sei. Ich begann bald mit Origamifalten. Er schien es nicht zu bemerken, obwohl ich den Stern auf dem Tisch zusammensetzte. Tatsächlich fragte er mich nach der Stunde, ob ich das Origami gemacht hätte, und vor allem wann und wie lange ich dafür brauchte.
Er griff zu ungewöhnlichen Methoden um uns den Stoff begreiflich zu machen. Zum Beispiel hatte er heute eine Fernsehantenne vom Dach mitgebacht, ein dickes Kabel, einen Wellenleiter, der selbstgebastelt aussah, was vielleicht daran lag, dass ein Nestlé-Plastikdeckel in der Konstruktion Verwendung fand, und Prof. Puschin hatte sogar eine alte Gitarre mitgebacht. Damit erklärte er den Unterschied zwischen stehenden und bewegten Wellen, glaube ich zumindest. Ich wusste nicht, dass Wellen stehen können, und auch Ali, einer der arabischen Studenten, mit dem ich am Abend darüber sprach, hatte keine Ahnung, was und Prof. Puschin damit eigentlich hatte sagen wollen.



Nichtsdestotrotz überstanden wir alle die Stunde; es kam einige Bewegung in die Klasse, als der Spezialstift für die Tafel den Geist aufgab und er stattdessen begann, alle Skizzen auf Papier an seinem Schreibtisch zu malen. Die Hälfte der Klasse stand um ihn herum, die andere Hälfte spielte am Computer oder war gegangen. "Es ist nicht interessant?", fragte er in die Runde der Leute, die nicht einmal den Anschein machte, zuzuhören. "Doch, doch!", bestätigten sie, und setzten noch ihr neusten russischen Vokabeln hinzu: "sehr müde" und "alles" (vsjo), was Russen gerne sagten, wenn sie mit etwas abschlossen, oder meinten, dass etwas genug wäre, wie zum Beispiel der Unterricht, und sie nach Hause wollten. Lachend gab der Professor nicht nach, erst 10 Minuten vor 14 Uhr machte er Anstalten, den Unterricht zu beenden, indem er fragte, was sie nächste Woche hören wollten.
Man sah ihnen an, dass sie eigentlich gar nichts hören wollten, und es war noch nicht einmal die Hälfte der Gruppe überhaupt erschienen. Sie überredeten ihn, die Vorlesung regulär auf 14 Uhr zu verlegen. Wahrscheinlich war den meisten 11 Uhr zu früh und sie wollten gern ausschlafen.

Nach der Vorlesung begann Prof. Puschin wieder das Gespräch mit mir, diesmal aber auf Englisch, und ehe ich mich versah, diskutierten wir die Auswirkungen des Euros auf Ostdeutschland und Europa und über die Weltwirtschaftkrise. Wir hatten eine gute halbe Stunde verquatscht, als er meinte, dass er los müsse, aber mich in seinem Auto mitnehmen wolle, weil er sowieso Richtung Campus fuhr. So brachte er mich also noch nach Hause und bedankte sich für das Gespräch.
Ich hatte die ganze Woche überlegt, diese Vorlesung sausen zu lassen, da mich der Stoff nicht besonders interessierte und sie auch noch am Samstag war, aber konnte man einen so netten Professor enttäuschen? Am Ende kommt gar niemand mehr zu seinen Vorlesungen...


Meine Handynummer hatte sich wie vermutet an die unterschiedlichsten Stellen verbreitet, aber nun zog das Internet nach. Über das Studivz-Pendant "Vkontakte" kontaktierten mich immer wieder neue Leute, die mich irgendwann mal gesehen hatten oder Freunde von Freunden waren... so zum Beispiel Dascha, die als Freundin von Pascha (warum klingen eigentlich alle Spitznamen wie die russische Antwort auf die Telertubbies?) zu mir in Kontakt trat und begeistert davon war, mit mir ihr Deutsch zu üben. Sie studierte an der anderen große Universität der Stadt und sprach fast perfekt deutsch. Wir verabredeten uns für Sonntag auf einen Kaffee, aus dem dann durch einen Vorschlag Paschas der Besuch eines Wettkamps wurde.
Was genau das für ein Wettkampf war, konnte mir allerdings niemand in 160 Zeichen erklären.
So trafen wir uns um 10 an den Flugabwehrkanonen. Pascha hatte die Grippe gehabt und hustete tapfer gegen den eiskalten Wind. Ein Freund begleitete ihn; er hielt einen flachen geschnitzten Knüppel und schlug damit gegen einen Tennisball. Das war der Sport, in dem der Wettkampf stattfinden sollte. Lapta nannte es sich und war wohl eine Art Nationalsport.





Der Kunstrasen auf dem Sportplatz war völlig vereist und zugeschneit und nur wenige Studenten standen in der Gegend herum. Der Wettkampf sollte erst in zwei Stunden losgehen, weshalb wir zurück zur Uni gingen um einen schönen, heißen Tee zu trinken. Das Wetter war heute so glasklar und eisig wie die mächtigen Eiszapfen an allen Dächern.
Das Café war ein größerer Kiosk mit zwei Stehtischen, aber zumindest standen diese drinnen. Wir tranken Tee aus Plastiktassen und verständigten uns in einem Sprachgemisch aus Deutsch, Englisch und Russisch, wobei oft die Bedeutung auf der Strecke blieb.
Zurück am Sportplatz schien es noch viel kälter geworden zu sein. Mittlerweile waren die Spiele im Gange und ich versuchte den Spielregeln zu folgen, die mir erklärt wurden. Es ergab nicht allzu viel Sinn. Der höhere Sinn hinter dem Spiel schien zu sein, möglichst viel zu rennen. Bei den eisigen Temperaturen in Russland konnte ich mich vorstellen, dass deshalb dieser Sport so beliebt geworden war. Selbst die Schiedsrichter(innen) rannten um das Feld herum. In ihren kurzen Röckchen froren sie sich noch mehr den Hintern ab als wir. Minus 15 Grad. Feierlich war das nicht mehr.
Es waren einige hartgesottene Fans gekommen, von denen jede Gruppe eine selbst hergestellte Fahne schwenkte und jubelte um ihr Team anzufeuern. Es wirkte reichlich mager. Auch wir verließen den Sportplatz bald wieder um uns aufzuwärmen. Diesmal gingen wir in eine Pizzeria.
Erstaunlich, wie gut die Russen Pizza backen konnten. Sie war hauchdünn und knusprig, und mit feinstem Käse belegt. Wir teilten uns eine große Pizza, womit ihr ursprünglich gar nicht gerechnet hatte. Als ich die Pizza auswählte, herrschte irgendwie ein stilles Einverständnis, dass wir sie uns teilten, nur wurde ich nicht eingeweiht. Als ich die Pizza bezahlen wollte, flog wie selbstverständlich ein Schein von Dascha mit auf den Tresen. So teilten wir uns die Pizza und ich hatte wieder etwas über Russland gelernt.

                                         Dascha und Pascha

Die russischen Vorschriften und der Bürokratiewahn sind einfach unmöglich. Ich wollte Pascha und Dascha zum internationalen Abend einladen, aber sie durften nicht einmal das Studentenwohnheim betreten. Zuerst müssten sie in der Universität einen Antrag stellen, auf dass sie eine persönliche Einladung in das Studentenwohnheim bekamen, die sie in zweifacher Ausfertigung einmal unten beim Portier und oben bei der Etagenfrau abgeben mussten. Allerdings war heute Sonntag, sodass niemand in der Uni war, den man um diese Einladung bitten konnte.
Zunächst akzeptierte ich diese Vorschrift, weil ich das Einhalten von Vorschriften - so unnütz sie auch sind - aus Deutschland gewohnt bin. Allerdings bekam ich innerhalb der nächsten Stunde den Eindruck, dass heute Abend eine ganze Reihe von fremden Studenten anwesend sein würden, denn die Etagenfrau bat mich, meine Schuhe in mein Zimmer zu nehmen, und falls ich etwas zu kochen hatte, sollte ich es lieber vor 18 Uhr tun, weil ab dann ein ziemlicher Betrieb herrschen würde. So kontaktierte ich Aliza, die den Abend mitorganisierte, aber sie meinte, es gäbe eine Gästeliste, auf den sie niemanden weiter setzen konnte oder wollte. Das verdarb mir gleich wieder die Laune. Ich hatte mir gestern so viel Mühe gemacht, Kartoffeln zu Pommes zu schneiden, und dann durfte ich noch nicht mal jemanden dazu einladen. Die hatten selbst geplant gehabt, etwas Gekochtes mitzubringen und mir zu helfen.
Ich habe mich noch immer nicht entschieden, ob ich Russland überhaupt mag. Wie kann ein Land, das so viel von spontaner Gastfreundschaft hält, nur so starrsinnig und bürokratisch sein?
Im Allgemeinen habe ich mitbekommen, dass die hier lebenden Deutschen das Leben in Russland als sportliche Herausforderung sehen - ein Beweis, wie hartgesotten sie sind. Diese Art von Begeisterung mag mir einfach fehlen.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich mit dem Zubereiten der Speisen für den internationalen Abend.
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Die Etagenfrau hatte mich schon gewarnt, dass ab 18 Uhr die Küche blockiert sein würde wegen den Vorbereitungen für ebendiesen. Ich schmierte kleine Häppchen auf Weißbrot nach typisch-holländischer Art, das heißt möglichst süß und abenteuerlich in der Zusammenstellung. Im Laden hatte ich zwar keine Schokostreusel gefunden, aber dafür bunte Kuchenstreusel, die ich als Hagelslag ausgeben konnte. In Holland gab es diesen in bestimmt 20 Varianten zu kaufen - von Schokostreusel verschiedener Schokoladensorten über Schokoflocken bis hin zu Anisprodukten und diesen Zuckerbröseln, aus denen man in Deutschland Tee macht. Mit dem, was man in Russland bekommen konnte, wurde es nur halb so abenteuerlich wie in Holland, aber es sollte reichen. Von einer Schokoladentafel kratzte ich Schokoflocken ab, kombinierte es mit Nutella und Erdnussbutter, Butter und Popcorn, bis ich merkte, dass es gesalzenes Popcorn war. Das ließ sich besser mit Käse kombinieren. Dann begann ich Zwiebeln zu schneiden und mir dabei die Augen aus dem Kopf zu heulen. Waren die schon immer so gemein, oder waren das spezielle russische Zwiebeln mit extra Säure? Ich hatte vor, sie etwas anzubraten, aber das wurde nicht so recht, und am Ende schmeckten sie süß. Zum Glück kannte niemand die originalen Patatje Oorlog. Wie ich aus der gekühlten Erdnussbutter-Schoko-Paste eine Sauce machen sollte, wusste ich auch noch nicht, entschloss mich dann aber einfach, alles in den Topf zu kratzen und mit etwas Wasser kurz zu erhitzen - nur solang bis es sich rühren ließ. Das füllte ich in die Plastikbecher, die ich heute beim Teetrinken mit Dascha und Pascha hatte mitgehen lassen. Die Majonäse füllte ich in meine Keramik-Teetasse um. Nun war nur noch das Problem, wie ich ohne Friteuse Pommes machen sollte. Ich besaß keine weiteren Gefäße, sodass ich gezwungen war, das ganze Kilo geschnittener Kartoffeln auf einmal zu frittieren. Ich kippte kurzentschlossene eine halbe Flasche Sonnenblumenöl mit den Kartoffeln und Salz in den Topf und ließ es erstmal antauen. Oder vielmehr war das Antauenlassen eine Ausrede um mich in der Küche aufhalten zu können, wo die Ägypter schon fleißig am Kochen waren. Ich wollte nach all der Arbeit nicht einfach wieder vergessen werden. Natürlich kamen die russischen Gäste dieses Abends zu spät; einige kannte ich noch vom Wintersport-Ausflug. Ich setzte die Kartoffeln auf und bereitete mich darauf vor, dass das Öl es wie wild zu spritzen begann - doch nichts dergleichen passierte. Wahrscheinlich war die Menge dafür zu groß, dass sie sich nicht schnell genug erhitzen konnte. Die öligen Kartoffeln tauten langsam auf, und nach einer halben Stunde hatte ich tatsächlich so etwas Ähnliches wie Pommes. Sie waren weich, aber nicht von der Art wie es gekochte Kartoffeln sind; sie schmeckten ein wenig wie vogtländische Bambes.










Wir begannen den Abend erst über anderthalb Stunde später, weil wir erst auf die Ägypter warteten, und dann auf die Ungarn, die in der Zwischenzeit wieder gegangen waren. Sie waren erst letzte Woche angekommen und studierten Wirtschaftssprachen. Hier in Izhevsk würden sie erstmal einen Russischkurs machen, und dann weitersehen. Der eine hatte einen unaussprechlichen Namen und sah eher wie ein Wikinger aus als wie ein Ungar. Der anderere ließ vermuten, dass der deutsche Komiker Bastian Pastewka einen schwulen ungarischen Sohn hatte. Er saß mit kokett in den Schoß gefalteten Händen da und erzählte, wie wahnsinnig gern er Kleidung einkaufen ging. Währenddessen hatten die Ägypter begonnen, sich auszuziehen und wilde Tänze zu Musik aus einem Notebook veranstalten, während andere im Kreis um die standen und die ägyptische Flagge schwenkten.
Der Abend konnte wohl losgehen.
Jeder sollte sein Essen vorstellen. Die Ägypter hatten ganze Arbeit geleistet, ab er auch die Russen hatten typische Salate mitgebracht. Meine bunten Häppchen sahen sogar ganz gut zwischen den vielen Speisen aus, denn ich hatte eine Glasplatte aus meinem Kühlschrank als Unterlage benutzt und Taschentüchern als Serviettenersatz verwendet. Alle lachten als ich das Wort "Hagelslag" sagte und wollten es noch mal hören um sicher zu sein, dass sie sich nicht verhört hatten. Ausgesprochen klingt es typisch holländisch mit einem ständigen Kratzen in der Kehle "Hachelslach" und muss das Seltsamste sein, was die Russen hier je gehört haben, wenn man von ihrer Reaktion ausgeht.
Die Ungarn hatten auch kaltes Buffet gemacht, Brötchen mit dicken Scheiben Käse, ungarischer Salami und scharfer Sauce.
Am Anfang war ich noch ganz damit beschäftigt, verschiedenen Leuten Patatje Oorlog aufzutun und zusammen zu mixen, sodass sie ja nicht die Erdnussbutter oder Majonäse vergaßen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so viele mutige Leute gab, die ihrem Magen so etwas aussetzen wollten.
Dann konnte ich selbst zugreifen; die russischen Salate waren gewöhnungsbedürftig, wobei der Salat mit den getrockneten Pflaumen und dem Käse und dem ganzen anderen Zeug darin ganz gut schmeckte. Bis ich mich zum ägyptischen Essen durchgegessen hatte, war fast alles alle. Aber ich hatte genug durcheinander gegessen, dass mein Magen anfing zu hüpfen und sich irgendwie flauschig anfühlte.

Nach dem Essen versuchte Aliza die Gruppe zu animieren, die Spiele zu beginnen. Im gleichen Moment stürzten sämtliche Ägypter ohne Erklärung los, zogen sich an und verließen das Haus. Ein bisschen enttäuscht fragte Aliza den letzten, ob sie wiederkämen, was er bestätige. Was jedoch niemand so recht glaubte.
Tatsächlich kamen sie eine halbe Stunde später zurück. Die Partystimmung war in der Zwischenzeit einer Stille gewichen. Sie erklärten, dass sie einem Freund in der Straßenbahn zu Hilfe geeilt sind. Der hatte sie angerufen, weil er von einem Betrunkenen belästigt wurde. Der ganzen Horde kräftiger Ägypter hat er wohl nicht standgehalten, und so konnten sie alle unbeschadet zurückkehren.
Als dann wirklich der lang befürchtete Spiele-Abend anbrach, zog ich mich zurück. Ich hatte noch schlechte Erinnerungen an unsere internationalen Abende in Deutschland, die jeden Kindergarten Konkurrenz machen konnten.

Der Computerraum war von Innen zugeschlossen, wie öfters schon in den letzten Tagen. Murik öffnete. Sie waren beim Trinken. Was denn gefeiert werde, fragte ich. "Wir sind Russen - wir finden immer einen Grund", antwortete er.
Ich glaube eher, sie hielten geheime Vereinssitzungen einer noch geheimeren Gesellschaft ab. Regelrecht gruselig wirkte es, wenn in diesen Momenten auch das Licht ausgeschaltet war und mich blasse, von Monitoren beleuchtete Gesichter anstarrten. Vielleicht waren sie Vampire, oder mutierten zu irgendwas Gremlin-Artigem. Vielleicht verschwanden sie auch unter den Tischen wie Kakerlaken, wenn ich das Licht einschaltete.

Mittlerweile bin ich recht froh darüber, in meinem Zimmer kein Internet zu haben, denn dieser Computerraum war das soziale Zentrum der Nerd-Gesellschaft hier im Wohnheim, die ich mittlerweile alle vom Sehen kannte.
Doch nicht nur mit ihnen knüpfte ich Kontakte. Zum Beispiel traf ich eines Morgens eine Putzfrau in diesem Zimmer, die gerade die Balkontür zum Lüften öffnete. Dabei schlug die Zimmertür durch den Luftstrom zu und ihr gelang es nicht, die Tür wieder zu öffnen. Mittlerweile war ich geübt genug, ihr zu helfen und befreite sie mit einem Handgriff. Überhaupt freundete ich mich mit mittlerweile mit allen Etagenfrauen, Putzfrauen, Garderobenfrauen und Wachtmännern an. Man kannte mich, man grüßte mich, wechselte ein paar Worte auf Deutsch und fragte mich Sachen auf Russisch.
Vielleicht lag es daran, dass ich fast immer allein unterwegs war, oder dass ich einfach freundlich war, lächelte und mindestens hallo, bitte, danke, und auf Wiedersehen zu jedem sagte. Das war mehr als die meisten Russen taten. Besonders die jungen Frauen waren in der Regel von einer erstaunlichen Arroganz umgeben.

An diesem Morgen begann meine Integration in Russland: Ich erhielt ein Busticket, aus dessen ersten und letzten drei Ziffern sich jeweils die Quersumme 12 ergab. Nun musste ich es verspeisen.
Ich überlegte, ob ich wirklich diesen Aberglauben mitmachen sollte. Und überhaupt, warum musste man es essen und konnte es nicht einfach behalten? Doch Integration bedeutet eben, im Zweifelsfall ein Busticket zu verspeisen. Ich roch probehalber daran. Es war einfaches Altpapier. Gesund war es wahrscheinlich nicht, aber - na sdarowje! Ich schluckte es hinter. Es stach ein wenig an den Kanten. Gerne hätte ich es mit Wodka hinuntergespült Doch ich musste zur Vorlesung.

Dr. Abilvo glänzte mal wieder durch Abwesenheit. Stattdessen kam einer seiner Doktoranden um die Vorlesungszeit zu übernehmen und etwas anderes mit uns durchzunehmen. Ich erfuhr, dass die ägyptischen Studenten ein weiteres Fach hatten, das sich mit einer meiner russischen Vorlesungen überschnitt. So hatte ich heute einmal dieses Fach. Ich hätte auch heimfahren können, aber da ich schon einmal hier war, konnte ich es auch mitmachen. Den Unterricht leitete der BWL-Schnösel-Typ vom Cisco-Praktikum letzte Woche. Bah, war der unsympathisch! Ich versuchte mich mit ihm zu unterhalten, aber bei dem schaffte ich es nicht mal, mich zum Schleimen aufzuraffen. Nach einer Anmerkung, wie gut die Universität doch sei, gab ich auf. Als die Ägypter eintrafen, begann er mit der Ankündigung, nächste Woche einen Test schreiben zu wollen; jede Frage sollte 4 Punkte erhalten, und für jedes Mal Sprechen während der Prüfung wollte er demjenigen 4 Punkte abziehen. Wahrscheinlich würde er bei den Ägyptern in den negativen Punktebereich kommen.

Er schien auch selbst nicht zu viel Ahnung zu haben. Er zeigte und, wie man mit einem Programm zur Netzwerksimulation umging und schaffte es selbst nicht, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen. Als ich die Lösung für das Problem gefunden hatte, schaute er nur kurz hin und schien meine Lösung nicht so recht ernst zu nehmen. Ich begann Origami zu falten.
In der Pause gab er mir eine Aufgabe, die er keine Lust hatte selbst zu erledigen; ich sollte einen Router seinen Aufzeichnungen nach konfigurieren.
In der nächsten Stunde begann er ein wenig Vorlesung zu halten und erzählte dabei schon wieder teilweise Käse. Dann sollten wir beginnen, ein drahtloses Netzwerk den Anleitungen entsprechend aufzubauen und zu konfigurieren. Dass unsere Computer überhaupt keine Netzwerkkarten mit Drahtlosadapter hatten, hielt er nicht für nötig zu erwähnen. Er ließ uns richtig dämlich fühlen, als er zu uns kam um uns zu helfen, das drahtlose Netzwerk mit Kabeln zu simulieren. Doch wenn man davon absah, war es eine lustige Stunde. Ich hatte mich mit den drei ägyptischen Mädchen zusammengetan, wovon zwei nur gelangweilt herumsaßen und die Stunde möglichst ohne Arbeit herumbringen wollten. Die andere sprach überraschend gut English und ging mit mir systematisch das Problem an, obwohl sie meinte, dass sie nicht so recht begreife, was wir gerade taten. Mir erschien es auch ein wenig sinnlos, aber ich erklärte es ihr.
Am Ende der Stunde plauderten wir noch etwas und rutschten gemeinsam die glatten Fußwege hinunter. Sie erzählte, dass Schnee und Eis etwas völlig Neues für sie sei, weil sie natürlich in Ägypten so etwas nicht hatten, und dass sie in der Zeit jeden Tag mehrmals hingefallen sei. Sie fragte, ob wir in Deutschland Schnee hatten. Ich sagte: "Ja, aber wir machen was dagegen."

Ich konnte mich nicht lange aufhalten; meine nächste Vorlesung begann bald. Ob Dr. Abilvo heute Abend wenigstens kommen würde? Als ich das Gebäude pünktlich 18 Uhr erreichte, erlebte ich eine Enttäuschung: Niemand wartete vor der Tür. Wahrscheinlich hatten alle wieder eine E-Mail erhalten, dass die Vorlesung ausfiele - nur ich nicht. Ich schickte eine SMS an Artjom um zu fragen, ob etwas Entsprechendes geschehen sei. Das Senden brachte eine Fehlermeldung. Ich hatte nur noch zwei Rubel auf dem Handy, was so gut wie nichts war und für keine SMS mehr reichte. So konnte ich auch nicht Dr. Abilvo anrufen. Was sollte ich machen, das akademische Viertel warten oder nach Hause gehen? Es war gut, dass ich mich entschieden hatte, zu bleiben, denn nach 10 Minuten kam ein Mädchen aus meiner Klasse. Es war Olga, die immer Schokolade an alle austeilte. Sie sagte mir in brüchigem Englisch, dass sie etwas für mich hatte und holte eine Margarine-Packung hervor, die bis oben hin mit länglichen, dunkelrot-bläulichen Beeren gefüllt war. Sie waren tiefgefroren, aber schon leicht angetaut. Ich solle sie probieren. Ich nahm eine und meinte, die schmecken toll, wie Eiscreme. In der Tat mochte ich diesen Geschmack. Vermutlich waren sie sogar gesund. Olga lachte und sagte, die sollte ich zu Hause aufgetaut essen. Die Beeren nannten sich жимолость, das spricht man "Schimolost" aus. Ich hatte noch nie davon gehört, aber sie schienen mit Heidelbeeren verwandt zu sein, auch wenn ich kein Biologe bin - ich gehe bei meiner biologischen Analyse davon aus, dass sie die Finger auf die gleiche Weise blau färbten.
Nach einigen Minuten kam ein weiterer Student. Das war alles. Ich fragte, warum sonst niemand erschienen war - ob sie etwas wüssten, das wir nicht wussten? Mit Hilfe des Wörterbuchs schafften wir sogar eine Unterhaltung zu führen, in der ich erfuhr, dass die Studenten seine Vorlesung nicht besonders interessant fanden und sowieso das Warten und seine Art leid waren. Das fand ich seltsam, denn zu einer anderen Gelegenheit hatte ich herausgehört, dass sie Dr. Abilvo sehr gern mochten.
Olga hatte kein Handy dabei, aber der andere Student - Pavel Nummer 2 - hatte eins dabei, und sogar Geld darauf. Ich gab ihm die Nummer von Dr. Abilvo, Pavel rief an, und er bestätigte, dass er unterwegs war.

Wie eine Vorlesung abläuft, ist jedes Mal wieder eine Überraschung. Letzte Woche war der Raum voller Studenten, inklusiver einem Trio Alt-Hippies in der vordersten Reihe. Niemand hatte besonders viel Aufmerksamkeit für den Vorlesungsinhalt übrig gehabt und ich konnte mit Pascha unbemerkt Schiffe versenken spielen, kichern und uns darüber lustig machen, wie Dr. Abilvo kippelte, zappelte und gelegentlich aufsprang um mit dem Rednerpult zu tanzen.
Heute hingegen wurde es nicht mehr als wie drei, auch nicht nach mehr als 25 Minuten Warten auf Dr. Abilvo oder andere Studenten. Es erwies sich als schwierig, unter diesen Umständen in der Menge zu verschwinden. So quälte mich Dr. Abilvo die ganze Stunde über mit Fragen auf Russisch und grinste mich dabei an wie der Weihnachtsmann. Wahrscheinlich meinte er, mir einen Gefallen zu tun, mir die Gelegenheit zu geben russisch zu sprechen. Währenddessen saß meine Konzentration weinend im Keller und eigentlich dachte ich nur noch darüber nach, wie ich meine neuste Comic-Idee umsetzen konnte - Thema: Warum eigentlich Dr. Abilvo immer zu spät kommt. Das Vorlesungsthema war sowieso alter Kaffee für mich: Distance Vector und Link State Routingverfahren. Zu diesem Thema habe ich ein ganzes Semester lang in Deutschland nicht zugehört.
In der Pause ging es weiter mit der Ausfragerei auf Russisch; aber nur von Dr. Abilvo, während die anderen sich in brüchigem Englisch mitmischten. Es war eine lustige Runde, und wären wir in Deutschland gewesen, wären wir sicher mit dem Professor Kaffeetrinken gegangen.

Am Abend begann ich mein neues Abilvo-Comic-Projekt: Was macht er denn stattdessen, wenn er zu spät kommt oder gar nicht? Was kann so wichtig sein?


Der erste Gedanke war schon während des Wartens auf ihn gekommen: Vielleicht war er ein Bösewicht wie aus einem James-Bond-Film, der an seinen Welteroberungsplänen arbeitete?
Das erste Bild mit ihm im Hühnerkostüm war zugegebenermaßen die Rache dafür, dass er mich in der Vorlesung die ganze Zeit auf Russisch ausgefragte hatte. Später am Abend, als ich den ganzen Comic fertig gestellt hatte, schickte ich es ihm per Mail, um sicher zu gehen, dass er auch etwas davon hatte.
Kurz nach Mitternacht kam eine Mail zurück, in der er mit lachendem Smiley erklärte, warum er immer so beschäftigt sei, und schrieb, dass ich gut zeichnen könne. Na bitte, Humor hatte er nun auch offiziell.

Ich hatte auch noch ein wenig mit meinen Klassenkameraden im Internet geschrieben, in einem Mischmasch aus Englisch und Russisch um es uns gegenseitig beizubringen.

Am nächsten Tag wurde ich ins Auslandsamt gerufen. Das wurde auch Zeit, dachte ich, denn die Visumsverlängerung stand schon eine ganze Weile im Raum, und ich hatte auch schon mehrmals gebeten, dass man mir sagen möge, wo und wie ich meine Miete bezahlen konnte. Doch es stand nichts Amtliches an; Marina wollte ein wenig plaudern und sich mit mir verabreden um uns ein wenig auszutauschen. Ich schätze, dass sie jede Gelegenheit nutzt, ihr Deutsch zu üben. In ihrem Büro steht eine ganze Enzyklopädie auf Deutsch und eine Sammlung von Andenken aus verschiedenen deutschen Städten. Wir verabredeten uns für Donnerstagabend - dem einzigen Wochentag, an dem ich abends Zeit hatte. Ihr Bruder sollte auch mitkommen - einer der Jungs, die mich bei meiner Ankunft vom Bahnhof abgeholt hatten. Izhevsk ist wirklich ein Dorf, und jeder kennt jeden. Bestimmt aber kennen sich alle, die Deutsch sprechen. Am Freitag würde ich für Dascha als Trophäe in ihrer Deutschgruppe auftreten und über irgendein Thema sprechen, das ich mir noch überlegen musste. Zur Not würde ich das Thema "Dialekte" wählen. In weiser Voraussicht hatte ich einen kleinen Sächsisch-Sprachführer mit nach Russland genommen.


Es wird Frühling. Wenn hier ein bisschen die Sonne scheint, läuft sofort das Wasser in Strömen die Straße runter. schnelle, schmutzige Ströme, die enthüllen, wie viel Dreck sich den ganzen Winter lang an den Straßen angesammelte hat. Es sind trotzdem noch Minusgrade, und die Fußwege sind so glatt wie Eisbahnen. An der Treppe des Hauptgebäudes wird die Eisdecke zerstoßen und zur Seite geschaufelt. Vor meiner Unterkunft sehe ich zum ersten Mal in Russland Streusand.
Marina hatte mich schon gewarnt, dass der Frühling die Stadt deprimierend aussehen lassen wird. Der Winter sähe hingegen wunderschön aus. Mich hatte allerdings schon der Winter deprimiert.


Dr. Abilvo hatte einen neuen Rekord im Zuspätkommen gesetzt: 45 Minuten. Doch mittlerweile hatte ich Verständnis für ihn und versuchte es den anderen wartenden Studenten zu erklären: Er wollte an einem Forschungswettbewerb teilnehmen, für den er lange gearbeitet hatte, aber er brauchte dafür noch eine Unterschrift, und heute war der letzte Tag dafür. Und offenbar war der Verantwortliche dafür so schwer aufzufinden wie es nur ein russischer Beamter sein kann.
Dr. Abilvo hatte mir auch extra gesagt, dass ich auf keinen Fall heute pünktlich kommen sollte und mir ausgerechnet, dass er mindestens 10 Minuten zu spät kommen würde, wenn er auch nur 10 Minuten bei dem Unterschriftengeber verbringen würde. So rechnete ich eher mit plus 10 Minuten auf seine übliche Verspätung und ging ins Wohnheim um mir Sandwiches zum Mittag zu schmieren und verließ mein Zimmer erst 20 Minuten nach offiziellem Vorlesungsbeginn. Ich hatte ein paar Sandwiches für Dr. Abilvo mitgeschmiert, weil er mir leid getan hatte, als er sagte, dass er heute wieder keine Zeit zum Mittagessen haben würde.
Er beendete schließlich die Vorlesung eine Viertelstunde zu früh, trotz der 45 Minuten Verspätung und bedankte sich noch mal für das Essen. Ich kam mir mittlerweile etwas komisch dabei vor - das war doch eher das Verhalten einer Mutter gewesen... "Junge, zieh dich warm an und vergiss das Pausenbrot nicht!"

Am nächsten Tag fragte ich ihn, ob ich damit vielleicht ein wenig meine Kompetenzen überschritten hätte, aber er gab Entwarnung: Hier war es viel üblicher als in Deutschland, dem Professor etwas zu geben, ob es nun kleine Geschenke sind, oder ob sie ihm Essen mitbringen.
Murik bestätigte dies. Er erzählte mir später am Abend von der Sitte, den Professoren nach den Prüfungen Geschenke zu machen, wenn man sich für einen guten Kurs bedanken wollte. Als einmal seine Klasse vor der Prüfung eine Flasche Cognac als Geschenk brachte, wollte es der Professor gar nicht erst annehmen, da es als Bestechung gelten könnte. Tatsächlich werden Bestechungsgelder an dieser Universität nicht geduldet, und eine seiner Professorinnen wurde dafür gefeuert, als zwei Fälle bekannt geworden sind. Sie hatte 7000 Rubel für die Note "3" genommen, etwa 175 Euro. Die Studenten selbst hatten sie angeschwärzt, da sie sich sogar von guten Studenten die Noten bezahlen ließ und Studenten durchfallen ließ, die nicht bezahlten. Häufiger komme es hingegen vor, dass die Studenten den Pflicht-Sportunterricht schwänzten und ihren Professor für die Semester-Bescheinigung bezahlten. Die bekam man schon für 50 Rubel, also etwas mehr als einen Euro.
An der zweiten großen Universität von Izhevsk, der Udmurtischen Staatlichen Universität (UdSU), sei es weit üblicher, seine Professoren für gute Noten zu bezahlen, erzählte Murik, und es soll Fälle gegeben haben, dass Studenten ihr Diplom erhalten haben, die überhaupt nie zu Vorlesungen erschienen sind. Wahrscheinlich hatte die ISTU deswegen einen sehr guten Ruf in Russland, weil gegen Korruption vorgegangen wird, und die Studenten mit einem Abschluss dieser Uni wirklich das konnten, was auf ihrem Diplom stand.

Freitag, 19. März 2010

Was sonst noch passierte

19.03.
Der Alltag hat mich ganz in seinem Bann: Wenn ich nicht studiere, hänge ich im Internet und rede mit neuen und alten Freunden, lade mir meine Lieblingsserien mit 8kB/s aus Internet und verliere den Download immer bei 80 - 90%, wodurch ich gezwungen werde, von Anfang an zu laden und drei bis fünf Stunden auf das Ende der Episode zu warten; nebenbei bastle immer neue Origami-Sterne und Blumen, die genau so schnell aus dem Computerraum verschwinden wie ich sie produziere. Einige finden sich auf der Rezeption wieder, andere gar nicht mehr. Mittlerweile hinterlasse ich schon selbst Origami auf der Rezeption, wenn meine Lieblingsetagenfrau Dienst hat. Sie freut sich dann immer ganz besonders.


Nur bei der Essensbeschaffung hatte ich noch keine Routine. In der Tat war er oft schwierig zu kochen, weil das Gemeinschaftsgeschirr in der Gemeinschaftsküche die Eigenart hatte zu verschwinden. So fand ich mich mit einer Tüte Nudeln in der Küche ein, aber in den leeren, seltsam muffelnden Schränken gab es nur noch einen Topfdeckel und eine vertrocknete Zwiebel. Ich ging im Kopf meine Möglichkeiten durch und entschloss mich schließlich zu versuchen, die Nudeln im Wasserkocher zu kochen. Das klappt nicht perfekt, aber sie waren danach weich genug um sie zu essen. Nur das Salz wurde nicht recht aufgenommen, weshalb ich noch einmal kräftig nachwürzte und es einige Minuten stehen ließ. Voilà, mein Mittagessen. Doch ich würde wohl nicht darum herumkommen, mit selbst einen Topf und eine Pfanne zu kaufen, wenn ich auf Dauer hier überleben wollte. Ich wurde langsam zum unfreiwilligen Vegetarier. Am und zu spielte mir mein Verstand sogar schon einen Streich, zum Beispiel gaukelte er mir den Geruch von Rippchen vor... leckere, zarte, hausgemachte Rippchen... dabei kochte niemand weit und breit. Ein andermal lief ich die Straße entlang und roch plötzlich Thüringer Bratwürste, ein vertrauter Geruch aus der Heimat. Vergeblich versuchte ich die Quelle zu finden. Vielleicht war es auch besser so - es könnte ja eine Deutschen-Falle sein. Ist eigentlich eine ganz vernünftige Idee, auf diese Weise nur ganz bestimmte Leute in die Falle zu locken. Nach ein paar mal Hin- und Herlaufen setzte ich meinen ursprünglichen Weg fort. Ich musste Fotos für meine Visumsverlängerung machen lassen.

Mitten auf dem Campus stand nicht zu übersehen ein rundes, gelbes Zelt mit aufgeblasenen Wänden, das eher an eine Hüpfburg erinnerte und wahrscheinlich sogar mal eine gewesen war. An einigen Stellen war sie geflickt worden. Davor stand ein Schild, das die schnellen Fotografendienste anpries. Drinnen war es eher ein Schreibwarenladen mit einer Fotoabteilung. In der Mitte saß eine junge Frau, deren Aufgabe es wohl war, die Kunden zu koordinieren, aber stattdessen sah sie eine Seifenoper auf einem kleinen Fernsehgerät mit Zimmerantenne, das hauptsächlich Schneesturm empfing.
Die Fotos kosteten gerade mal 2 Euro für vier Stück, allerdings wurden sie vom Fotografen ausgedruckt statt entwickelt und von einer mäßiger Qualität.

Die Fußwege sind mittlerweile echte Eisbahnen geworden, da bei jedem kleinen Sonnenstrahl plötzlich alles zu schmelzen beginnt und seit dem letzten Sonnenstrahl kein Schnee mehr gefallen ist. Nur mühsam kann man sich hier noch auf den Beinen halten und die Frauen in ihren hochhackigen Schuhen staksen nicht mehr besonders elegant über das hügelige Eis. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich nur knapp vor einer Landung auf dem Hinter gerettet habe.
Der Schnee lag immer noch gut einen Meter hoch neben den Fußwegen. Im Sommer musste der Campus schon etwas hermachen; überall waren Birken gepflanzt, und wenn auf der Wiese noch Blumen wuchsen, dürfte es ein regelrechtes Paradies sein.
Meinen kleinen, zutraulichen Eichhörnchen-Freund habe ich nur ein zweites Mal wiedergesehen, dann nicht mehr. Eigentlich wollte ich ihm Nüsse kaufen, hatte es jedoch immer wieder vergessen. Wahrscheinlich fand er auch so genug Essen oder wurde von anderen Spaziergängern gefüttert.

Ich selbst wurde auch ab und zu gefüttert; eines Abends überraschte mich Murik mit einem Teller Spaghetti und selbstgemachter vegetarischer Pasta-Sauce, die das beste war, das ich innerhalb der letzten Wochen zu mir genommen habe - ich weiß nicht, ob sie wirklich so gut war, oder ich einfach ausgehungert, jedenfalls wusste ich danach, wie sich wohl das Eichhörnchen fühlte.
Mit Murik bin ich mittlerweile gut befreundet; seine Freundin habe ich auch schon kennengelernt, sie hatte früher auch hier im Wohnheim gewohnt, ist dann aber irgendwann mit ihrer Findelkind-Katze ausgezogen.
Für Studenten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken war es ein echtes Privileg, in das Ausländerstudentenwohnheim ziehen zu dürfen. Murik erzählte, dass man der Wohnraumverwaltung erst ein Geschenk im Wert eines Computers machen muss um überhaupt einen Wohnheimplatz zu bekommen. Um die Notwendigkeit dieses Geschenks zu betonen, wird den Eltern der Studenten zunächst das Wohnheim für die russischen Studenten gezeigt, das offenbar den Charme eines Viehstalls hat, mit einer Gemeinschaftstoilette pro Etage. So kratzten viele Familien meist doch das Geld für das Ausländerwohnheim zusammen. Das erklärte auch, weshalb so viele Zimmer und Etagen unbewohnt waren, und weshalb hier auch Familien und andere Leute wohnten, die auf keinen Fall wie Studenten aussahen.

Ich bewältige übrigens immer noch sämtliche neuen Etagen des Wohnheims zu Fuß statt den Fahrstuhl aus Sowjetzeiten zu benutzen. Letztens wurde ich darin bestätigt, und zwar vom Fahrstuhl selbst. Als ich gerade im Erdgeschoss angekommen war, hörte ich ein Hämmern, Klopfen und Rufen aus dem Fahrstuhl. Offenbar war jemand stecken geblieben. Ich versuchte, die Türen auseinander zu ziehen, aber vergeblich. Kurz darauf kam eine der Pförtner-Frauen und lachte: "Schon wieder einer stecken geblieben". Wahrscheinlich hatte sie mit ihrer Kollegin Stein-Schere-Papier gespielt, wer diesmal gehen sollte um den armen Studenten zu befreien.
Am Abend erfuhr ich von Murik, dass er es selbst gewesen war, der stecken geblieben ist. Aber daran gewöhne man sich, meinte er. Man sei dort nie länger als 20 Minuten eingesperrt. Die Notruf-Telefonnummer stehe zwar nur außerhalb des Fahrstuhls an der Tür, aber irgendwer würde einen schon befreien. Er erzählte, dass er innerhalb seines ersten Monats im Studentenwohnheim gleich fünf Mal stecken geblieben sei, aber das wäre auch schon sein Rekord gewesen.
Mir war diese Wahrscheinlichkeit jedoch immer noch zu hoch.
Sonst schien jedoch niemand meine Sorge zu teilen. Die einzigen Leute, die sich im Hausflur aufhielten, waren die Raucher, denn innerhalb der Räume durfte man nicht rauchen, und auf dem Balkon fror man sich wahrscheinlich die Finger ab. Ich fragte mich, wie es dann kam, dass das Treppenhaus in einem so elenden Zustand war: So viele Eisenstangen waren vom Gelände abgebrochen worden, dass oft nur noch die Befestigung an der Treppe selbst stand. Wozu brauchten die Leute solche Stangen? Zogen sie alle rankende Blumen heran? Oder legten die flachen Stangen unter kippelnde Tische? Und fiel es nicht auf, wenn man sich eine Stange aus dem Geländer herausbrach oder -sägte?
Aber solche Fragen konnte mir niemand beantworten. Es gab immer nur Vermutungen. Zum Beispiel weshalb die Kassenzettel eingerissen werden: Es sei ein Zeichen, dass man die Ware erhalten hatte. Mir stellte sich dann unweigerlich die Frage, wer auf die Idee kam, mit einem Kassenzettel in den Supermarkt zu kommen und behauptete, er hätte die Waren nicht erhalten. Russland ist und bleibt merkwürdig.

Oft hatte ich keine rechte Lust, das Haus zu verlassen. Draußen änderte sich das Wetter nie. Es waren beständig zwischen -5 und -10 Grad, der Schnee lag herum. Manchmal schien die Sonne, manchmal fiel mehr Schnee hinunter. Langsam war es wirklich Zeit für Tauwetter und Frühling. Obwohl man dann wahrscheinlich erst sah, in welch schlechtem Zustand hier alles war. Schon jetzt konnte man in den mit 20 - 30 Zentimetern braunen Schneematsches bedeckten Straßen die tiefen Schlaglöcher ausmachen. Noch glänzten lange Eiszapfen an den Dachrinnen und verdeckten die Risse im Putz, aber die Wahrheit ist: Von Russland blättert ziemlich der Lack ab. Meine anfängliche Aufregung ist verschwunden und ich sehe meine Umgebung nun nüchterner. Eigentlich ist es kein Ort, an dem man leben möchte. Rein optisch, aber auch, wenn man mal einen genaueren Blick auf die alltäglichen Dinge wirft. Zum Beispiel, dass jeder meiner Schritte überwacht wird. Mir ist aufgefallen, dass sich die Etagen-Frauen die genauen Uhrzeiten notieren, zu denen die Studenten ausgehen und zurück kommen. Zuerst dachte ich noch, sie fragen aus Langeweile, wohin wir gingen, aber tatsächlich trugen sie es in ein Dienstbuch ein.
Ich stelle wieder einmal fest, dass Russland wohl das komplette Gegenteil von Holland war. Die Leute in Holland waren liberal, freiheitsliebend, extrovertiert, ein bisschen verrückt. In Russland zog man den Kopf ein, als Teil der Menge, wenn man nicht gerade eine Frau in Pelzmantel war, auf der Jagd nach einem Ehemann. Die Menschen hier sind eher privat, zurückgezogen nach außen, aber nach innen warm und gastfreundlich. In Holland kennt man in der Regel nicht mal seinen Nachbarn.
Oder wie wär’s damit: In Holland ist man nie mehr als 300 Kilometer vom Meer entfernt, in Russland ist man immer mehr als 300 Kilometer von der nächsten Stadt entfernt. Ich könnte sicher Stunden so weitermachen, denn je länger ich zwischen diesen grau-roten Plattenbauten festhänge, desto mehr fehlt mir der Charme von Holland. Doch mit Sorge verfolge ich die politische Entwicklung des Landes, die Zunahme rechter Kräfte und die Feindlichkeit gegenüber Menschen islamischen Glaubens. Und das in einem Land, das berühmt für seine Toleranz und ein Vorreiter in Sachen Integration ist. Ich fürchte, dass es bald nicht mehr das Land sein wird, das vor gut zweieinhalb Jahren mein Herz erobert hat.

Doch im Moment hatte ich ganz irdische Probleme. Wo konnte ich endlich Kochgeschirr, eine Schere, neue Origami-Blätter und einen Dosenöffner herbekommen? Murik bot sich schließlich als Reiseleiter im Laden-Dschungel an; morgen um 12 sollte es losgehen.

Murik hielt sein Versprechen. Ich schätze es sehr; vor allem, weil er um diese Uhrzeit normalerweise noch nicht wach war. Pünktlich um 12:00 stand er in Jacke und mit Kaffeetasse im Computerzimmer. Ich sah ihn an, und die Uhr, und wieder ihn und fragte, ob wir noch in Russland sein. Er meinte, er sei nur Halbrusse und hätte damit die Fähigkeit pünktlich zu sein.
Der Kapitalismus hat ich Russland seltsame Auswüchse angenommen. Es gibt kaum Ladenketten, die im großen Stil und auf großer Fläche ihre Güter verkauften. Die meisten Läden befanden sich im Erdgeschoss irgendwelcher Wohnhäuser als gemeinschaftliche Gewerbefläche von Privatleuten. Es war tatsächlich meist eine Fläche ohne Abtrennung der einzelnen Läden voneinander, außer vielleicht durch einen Gang oder ein paar Holzbretter. Jeder verkaufte, was er gerade hatte. Es erinnerte eher an einen Basar als an ein Geschäft. So war es schwierig, den richtigen Laden zu finden, in dem es Kochgeschirr und Haushaltswaren gab. Murik begann sich durchzufragen, ob jemand einen Haushaltswarenladen kannte. Auf der Rückseite einer solchen Ladensammlung entdeckten wir schließlich ein Fenster, aus dem Haushaltswaren verkauft wurden. Davor stand alles Haushaltsartige - von Töpfen bis Gießkannen. Es sah eher wie eine Haushaltsauflösung aus. Murik redete mit der uralten Verkäuferin, die ein seltsames Werkzeug hervorkramte. Murik meinte, das sei ein Dosenöffner, den man auch als Flaschenöffner verwenden könnte. Es erinnerte an eine zu dick geratene, schiefe Gabel. Ich war skeptisch, nahm es aber, da es nur ein paar Cent kostete.

Wir gingen weiter, und mittlerweile hatte ich komplett die Orientierung verloren. Irgendwann kamen wir an einen Gemeinschaftsladen von Klempnerzubehör, Gartengeschäft und - Haushaltswaren. Ich staunte aber vor allem über die Preise. Das billigste und hässlichste Kochgeschirr kostete schon das Doppelte verglichen mit den Preisen in Deutschland. Dann gab es aber auch Töpfe, die aus Deutschland importiert waren - sie kosteten gut das Fünffache. Ich gab schließlich eine halbe Monatsmiete für den billigsten Kochtopf und die billigste Mini-Pfanne aus... ok, ich gebe es zu, es war eine russische Monatsmiete, also etwa 20 Euro, aber dennoch erschienen mir die Preise für das Lohnniveau Russlands arg überhöht. Murik meinte, billiger bekäme man so etwas hier nicht.
Am Ende hatte ich alles zusammen, sogar einen Kleiderbügel und Notiz-Blätter, die allerdings nicht so bunt waren wie in Deutschland, aber dafür recht sauber geschnitten waren, was sie gut für Origami geeignet machte.

Damit ging die Einkauferei jedoch erst los: Endlich hatte ich Kochgeschirr, nun musste ich noch für die Lebensmittel sorgen. Dies tat ich gestern, da Donnerstag mein freier Tag war. Welch weise Voraussicht, denn es sollte mich wirklich den ganzen Tag kosten. Allerdings eher unfreiwillig.
Ich hatte eine Weile gebraucht bis ich einen großen Supermarkt gefunden hatte. Kann durchaus sein, dass es der vom ersten Tag war, aber hier sah sowieso alles gleich aus. Ich suchte exotische Lebensmittel für den internationalen Abend: Pommes, Majonäse, Erdnussbutter, vielleicht Schokostreusel für einen typisch-holländischen Brotaufstrich.
Ich hatte Murik gefragt, ob es überhaupt Erdnussbutter in Russland gab. Er hatte davon gehört, aber keine Ahnung, wo man sowas kaufen könne. Zunächst fand ich nur Nutella. Eine normale Packung kostete umgerechnet 3,85 Euro, das Familienglas stolze 7 Euro. Nach langer Suche entdeckte ich im Kühlregal eine Paste, die laut Aufschrift Erdnuss enthielt, wenn auch mit Schokolade gemischt. Daraus konnte ich aber etwas Geeignetes zubereiten. Es musste ja nicht original-holländisch sein; es reichte, wenn es widerlich schmeckte. Die holländische Küche ist sowieso eine Sache für sich. Sie ist sehr süß und kalorienreich, manchmal regelrecht abenteuerlich. Aber jedes Mal, wenn ich nach Holland zurück kam und am Strand von Scheveningen spazieren ging, holte ich mich eine Packung Patatje Oorlog - Kriegsfritten. Diese hatte ich zum internationalen Abend zuzubereiten vor. Die Majonäse war leicht zu finden; es gab etwa 20 verschiedene Sorten; die Zwiebeln waren auch kein Problem - mir fehlten nur noch die Pommes. Ich konnte kaum glauben, dass es sie in keiner Tiefkühltruhe gab. Dort war alles aufgefüllt mit Pelmeni jeder Art, Pfannkuchen, ganzen Fischen, Schrimps und anderem Seegetier. Ständig war eine Verkäuferin damit beschäftigt, die Waren darin umzuschlichten. Ich nahm schließlich ein Netz Kartoffeln und hoffte, dass es nicht zu schwierig war, selbst Pommes herzustellen.

Eier gab es einzeln oder abgepackt in labbrige halbe Eierverpackungen und mit Klarsichtfolie umwickelt. An die Milchpäckchen werde ich mich auch lange nicht gewöhnen können, denn es gibt Milch nicht im Karton, sondern in Plastik zu je einem Liter eingeschweißt. Ich hatte bisher weder herausgefunden, wie man aus der Tüte trinkt ohne sich zu bekleckern, noch wie man daraus in eine Tasse eingießen kann ohne die Hälfte zu verschütten.
Erfreut war ich von einer anderen Entdeckung: Maggi Sternchen-Tüten-Nudelsuppe! Eine wunderbare Nahrungsergänzung zu der ganzen Lapscha-Tüten-Nudelsuppe, die ich die ganze Zeit aß. Ich überlegte auch Fleisch einzukaufen, aber das sah mir einfach zu blutig aus. Zumindest erhielt ich mit dem geräucherten Fisch, den es hier billig gab, ein wenig tierische Nahrung.

Ich hatte es mit dem Einkaufen ein wenig übertrieben. Insgesamt hatte ich zwei große Einkaufstüten und meinen Rucksack voll mit Lebensmitteln. So schleppte ich mich den Weg zurück, den ich für den Weg nach Hause hielt. Zuerst versuchte ich mich nicht davon beunruhigen zu lassen, dass ich in einer Plattenbausiedlung umherlief, die kein Ende zu nehmen schien. Lange schon hatte ich kein Anzeichen einer Straße mehr gesehen; es gab nur noch Anliegerwege und der Wald begann dichter zu werden. Vor mir ging plötzlich ein Alarm los; Eisbrocken waren vom Dach gefallen und hatten ein Auto getroffen. Niemand ließ sich hier großartig von den Dachlawinen stören. Wenn Schnee auf einen hinter fiel, schüttelte man nur den Kopf und ging weiter. Wenn es ein Eisbrocken war... wahrscheinlich nicht. Ich ließ mich auf einem Spielplatz nieder und ging gedanklich den Weg zurück. Es war ein vergebliches Unterfangen. Ich hatte schon mehrmals erwähnt, dass hier alles gleich aussah, aber eine besondere Gemeinheit kam hinzu, dass auch noch alle Straßen gleich hießen. Die Schulstraße zum Beispiel war mehrere Kilometer lang, genau wie der Straße des Sieges, und zu diesen Straßen schienen ganze Neubausiedlungen zu gehören; anders ließ es sich nicht erklären, dass an den Häuserblöcken hier im Nirgendwo in großen Buchstaben mal der eine und mal der andere Straßenname mit einer Nummer angemalt war. Ich hatte das System noch nicht verstanden - weder, wie Häuser zu Straßen gezählt wurden, noch warum selbst Querstraßen den Namen der Hauptstraße zu tragen schienen, aber ich hatte die Theorie, dass die Seite des Hauses mit dem Straßennamen der geografischen Richtung der Straße entsprach.
Ich sah mich um. Kein Fernsehturm weit und breit, dafür fing der Wald an, durch die eine Schneise für eine Überlandleitung geschlagen worden war. An den Häusern glänzten die Eiszapfen. Einige Leute hatten Wäsche nach draußen zum Trocknen gehangen. Oder vielleicht waren sie im Herbst draußen festgefroren, ich weiß es nicht.
Nur wie fand ich am besten zurück? Ich blinzelte in die Sonne, die schon recht tief stand. Dort musste Westen sein. Mein Navigationssystem half mir nicht weiter, da ich keine Karten der Stadt besaß. Ich konnte nur meine aktuellen Koordinaten feststellen, die ich an Matthias weitergab und ihn um eine Richtungsangabe bat. Der meinte, dass er meine Position im Internet sah und ungern selbst in dieser Pampa gestrandet wäre.







Ich solle Südöstlich gehen, gab er mir schließlich durch, denn dort läge der Stausee. OK, wenn dort Westen war... Osten gegenüber... wo lag dann Norden, und wo Süden? In solchen Situationen wünscht man sich, dass man in Heimatkunde besser aufgepasst hätte... ich wurde dann doch von der Technik gerettet als ich bemerkte, dass ich mein Navi als Kompass einsetzen konnte. Ich schwor mir, wenn das überstanden war, nie wieder das Haus zu verlassen. Nach ein, zwei Kilometern erreichte ich endlich wieder eine Straße und jubelte fast, als ich einen Bus fahren sah. Zivilisation! Ich ging weiter südöstlich und plötzlich entdeckte ich den Fernsehturm. Nur konnte ich nicht querfeldein laufen, da mittlerweile alles von Häusern, Mauern und abgesperrten Baugrundstücken bepflastert war. Es kamen mir wieder Menschen entgegen, Gruppen von jungen Menschen, und dann richtete sich eine Flugabwehrkanone auf mich und war noch nie im Leben so froh darüber - ich hatte das Universitätsgebäude Nummer 2 erreicht.
Unglaublich müde, aber glücklich schleppte ich mich den Rest des Weges zum Wohnheim. Russland war doch der pure Wahnsinn...

Doch auch wieder ein Stück neuen Wahnsinns erwartete mich direkt bei der Ankunft. Man hatte schon nach mir gesucht, da Vertreterinnen der Ausländerbehörde im Haus seien. Was wollten die denn von mir, dachte ich mir verdutzt. Sie texteten mich sofort zu, wollten meinen Reisepass, meine Migrationskarte und wer weiß, was noch alles. Sie überprüften alle Dokumente und ließen mich dann stapelweise Papier unterschreiben. Murik beruhigte mich, das habe alles seine Ordnung, die kämen eben ein bis zwei Mal im Jahr vorbei um zu schauen, dass die Ausländer da wohnten, wo sie sollten, und überhaupt - um Papier zu sammeln.
Alles war in Ordnung und ich durfte mich endlich ausruhen.

Mittlerweile gewöhnte ich mich daran, zu Zeiten zu studieren, in denen andere gerade ihr Feierabendbier tranken oder einen Wochenendausflug machten. Dreistündige Vorlesungen waren zwar hart an der Grenze jeder Konzentration, aber noch schlimmer waren dreistündige Laborarbeiten. So hatte ich heute wieder von 18 bis 21 Uhr ein Praktikum zur Konfiguration von Cisco-Routern. Wahrscheinlich hätte ich noch nicht mal daran teilnehmen müssen, da ich schon letzte Woche dabei war, aber jetzt war ich einmal hergefahren war, und der Praktikumsleiter war ein anderer als letzte Woche, und da er sich schon die Mühe machte, sich mir persönlich vorzustellen, beschloss ich zu bleiben und das Praktikum noch einmal zu machen. Ich setzte mich zu Artjom, da wir uns immer recht gut unterhielten und es sowieso nicht genug Computerarbeitsplätze für alle gab und dann begannen wir wieder mit der Verkabelung: Quer durch den Raum wurden von dem Schrank mit den Cisco-Routern Netzwerkkabel zu den Computern gezogen; es war ein heilloses Durcheinander aus Kabeln, die zu bösen Stolperfallen wurden. Zu meiner Überraschung war das Praktikum ganz und gar nicht dasselbe wie letzte Woche, da sich die beiden Praktikumsleiter nicht miteinander abgesprochen hatten; unser Leiter Farin wusste offenbar nicht mal, dass wir das sechste Kapitel noch nicht im Unterricht begonnen hatten. Wahrscheinlich hat Dr. Abilov ihnen wörtlich den Auftrag gegeben, "so ein bisschen die Router-Konfiguration durchzugehen". Doch Farin war nett und ging auf die Studenten ein, im Gegensatz zum BWL-Verschnitt von letzter Woche. Am Ende fand ich sogar Vergnügen an dem Praktikum und hatte sogar ein paar Dinge gelernt. So muss Unterricht sein.



Morgen (Samstag) würde wieder die trockenste aller Vorlesungen über vier Stunden stattfinden: Antennen und mobile Systeme. Ich überlegte, ob ich das Fach einfach sausen lassen sollte. Die Punkte brauchte ich nicht, und ich hatte schon genug für die anderen Fächer zu tun. Zum Beispiel musste ich noch zwei Cisco-Kapitel lesen, sechs Kapitel eines anderen Buchs überfliegen und eine Netzwerksimulation fertigstellen. Und das, obwohl der Tag für mich effektiv nur sieben nutzbare Stunden hatte. Die restliche Zeit verschwand einfach. Vielleicht tauchte sie in Deutschland wieder auf, wo sie sich wohler fühlte.

Montag, 15. März 2010

Was man erwartet, was man nicht erwartet...

14.03.
Gestern Abend bin ich noch vor 22 Uhr einfach ins Bett gefallen und in voller Kleidung eingeschlafen. Dementsprechend früh wurde ich heute wach, gab dem inneren Schweinehund einen Tritt und setzte mich an mein Cisco-Kursmaterial. Eigentlich hätte ich gestern noch eine Prüfung ablegen müssen, wozu ich aus Müdigkeit nicht mehr in der Lage gewesen war, und hatte deshalb gleich drei Prüfungen abzulegen - Nummer 13, 14 und 15 innerhalb von zwei Wochen. So hart hatte ich nie in Deutschland studiert, außer vielleicht zwei Tage vor den Semesterabschlussprüfungen.
So wurde es Vormittag, Mittag und dann erhielt ich eine SMS von der Auslandsamtmitarbeiterin Aliza, die fragte ob ich Lust hätte, zum Schlittschuhlaufen mitzukommen. Eine willkommene Ablenkung, zumal ich schon einige Stunden über dem Lehrmaterial brütete. Gegen zwei Uhr wollte sie mich und die Ägypter abholen. Bis dahin legte ich Prüfung Nummer 13 ab und überlegte, noch eine abzulegen, aber ich wollte mich nicht verspäten, falls doch ein Wunder geschah und alle pünktlich kamen. Es sah fast danach aus. Einer der ägyptischen Studenten stand schon fertig angezogen an der Rezeption und einige andere kamen hinzu und zogen sich an. Wir plauderten ein wenig, und es stellte sich heraus, dass sie ganz und gar nicht bereits fertig zum Schlittschuhlaufen waren, sondern in ein Fitness-Center wollten. Ich sei viel zu früh, sagte man mir. Es war 10 nach 2. Ich wartete noch fünf Minuten auf irgendein Lebenszeichen, dann zog ich meine Jacke und Stiefel aus und ging zurück in mein Zimmer um weiter zu lernen. Bei der Menge Stoff war es wahrscheinlich das Sinnvollste. Fünf Minuten später klopfte es an meine Tür; Aliza stand da und fragte, ob ich bereit sei. "Das war ich vor 20 Minuten", rutschte es aus mir heraus. Das russische Zeitgefühl konnte einem oft die Nerven rauben. Ich weiß, es war nicht besonders höflich, so etwas zu sagen, aber diese Direktheit wird im Allgemeinen von Deutschen sogar erwartet.
Eine Minute später wartete ich fertig angezogen an der Rezeption, während Aliza sich gerade den ersten Stiefel anzog. Wahrscheinlich lag darin das Geheimnis der Unpünktlichkeit der Russen: Sie trugen alle viel zu unpraktische Kleidung. Obwohl, bei meinem Professor muss es etwas anderes sein. Er ist wahrscheinlich nur unorganisiert.
Jedenfalls ließ mich Aliza noch einmal gute 10 Minuten stehen während sie versuchte, wenigstens einen einzigen ägyptischen Studenten zu finden, der mitkommen wollte.
Am Eingang warteten schon Freunde von ihr. Sie stellte mir die ganze Runde vor und ich vergaß sofort alle Namen, die mir gesagt wurden, als sie mir gesagt wurden. Einer hatte ein Snowboard dabei. Das hätte mich schon stutzig machen müssen. Sie riefen ein Taxi herbei, das schon nach zwanzig Minuten ankam. Ich rechnete mir aus, wie wenig Zeit mir für die Prüfungen bleiben würde, wenn wir weiterhin so viel Zeit durch Warten verschwenden würden und bereute schon die Entscheidung mitgekommen zu sein. Noch viel stärker bereute ich diese Entscheidung, als das Taxi die Izhevsk verließ und uns auf schmutzigen Landstraßen an schwarzen Holzhäusern vorbei immer weiter fort von der Stadt brachte. Damit hatte ich nicht gerechnet, denn es gab viele wunderbar geeignete Schlittschuhbahnen und Stadions innerhalb der Stadt. Auf meine Frage hin, wo zum Teufel wir seien, lachte Aliza nur. So verstrich die Zeit und die schmutzigen Dörfer wichen den Bergen. Als ich mich schon fragte, ob wir noch immer in Russland waren, hielt das Taxi an. Jeder bezahlte 50 Rubel, was einen Gesamtpreis von etwa 10 Euro für ein Minibus-Taxi ergab. Taxameter hatte ich noch keine entdeckt, aber sicher gab es eine Pi-mal-Daumen-Methode zum Berechnen des Fahrpreises. Vielleicht auch Pi-mal-Nase.


Wir waren an einem Ferien-Resort und Wintersport-Gebiet mitten im Nirgendwo herausgekommen. Ski-Lifts zogen sich die Hänge hoch und Menschen mit Snowboards und Skier liefen durcheinander. Offenbar war es ein neueres Wintersport-Zentrum, da kaum jemand von der Gruppe schon einmal hier gewesen war. Eine Schlittschuhbahn gab es, aber sie war klein und für Kinder gedacht. Die anderen fragten mich, was ich machen wolle, und ich antwortete: "Fotos". Also das einzige, bei dem ich mir nicht den Hals brechen würde. Sie ließen jedoch nicht locker und überzeugten mich, etwas namens "Tubing" zu probieren. Für 250 Rubel pro Person und Stunde wurde auf unsere Pässe das Equipment registriert. Es bestand aus einem Gummireifen von der Konsistenz eines Planschbecks mit gerade genug Platz in der Mitte, um einen Hintern hineinzuklemmen.
Darin sollte man also den Abhang hinunter rutschen. An beiden Seiten des Reifens gab es zwei Schlingen um sich daran festhalten zu können, aber irgendwie zweifelte ich, dass es besonders viel Halt bieten könnte. Von der Bergspitze waren Schreie zu hören.







 


Es gab einen eigenen Lift für die Tubing-Reifen; dazu setzte man sich in seinen Reifen und ließ sich mit einem Seil an den Lift hängen, und wurde dann mit einem Ruck auf dem Boden schleifend nach oben gezogen. Durch einen kleinen Abhang am oberen Ende löste sich das Seil selbstständig vom Lift. Es mutete wie eine Achterbahnfahrt an, nur ohne Loopings.
Doch hier oben begann die Achterbahnfahrt erst wirklich. Es gab drei Routen den Berg hinunter, "für Kinder", "extrem" und noch mal "extrem". Die Routen waren steil und kurvig, und ich fragte mich wieder mal, warum ich immer wieder in solche Situationen hinein geriet. Doch die anderen ermutigten mich; ein Mitarbeiter stieß mich an, und das nächste, was ich mitbekam, war, wie ich schreiend im Reifen den Berg hinunter schlitterte. Meine Beine schienen zu lang für die Rutschbahn zu sein, besonders wenn ich eine Kurve erreichte, dann wusste ich gar nicht, wo ich sie hinhalten sollte... schließlich wurde ich langsamer und kam am Ende an, stieg ab und zog den Reifen aus der Bahn. Die anderen warteten schon und fragten, wie es für mich war, aber ich war noch nicht sicher, wie es sich angefühlt hatte. Deshalb musste ich es gleich nochmal probieren... und das eine Stunde lang. Langsam begannen meine Finger abzufrieren; hier oben war es bestimmt um die minus 10 Grad. Ich zog mein zweites Paar Handschuhe darüber, ohne spürbaren Erfolg. Die anderen froren auch schon, und das muss was bedeuten, da es Russen waren. So gingen wir nach Ablauf der Stunde in das Restaurant am Fuß des Berges. Es gab heiße Schokolade, und ich kratze meine letzten Rubel dafür zusammen (ich hatte vergessen Geld zu holen und besaß nur noch Euros), aber die heiße Schokolade war nicht das, was ich erwartet hatte. Wir hatten in Deutschland oft gescherzt, dass heiße russische Schokolade brauner Wodka war, aber diese heiße Schokolade war eher klebriges Kaffee-Kakao-Pulver mit ein bisschen Wasser. Aber es reichte um die Finger daran aufzuwärmen. Aliza schien sämtliche Studenten der ISTU zu kennen, und so wurde unsere Kaffeerunde immer größer während mehr und mehr Studenten sich im Restaurant vom Snowboarden aufwärmen wollten. Am Ende standen drei Tische zusammen mit den Stühlen von fünf Tischen. Und alle waren neugierig auf mich. Ich fühlte mich wieder wie ein exotisches Zoo-Tier, aber als die üblichen Anfangsfragen erst einmal überstanden waren, sind wir in eine schöne Unterhaltung versunken, aus der uns nur Aliza riss, die zum Aufbruch mahnte. Sie hatte Recht, ich hatte die Prüfungen ganz vergessen und es war schon fast um 7 Uhr.

Wir nahmen kein Taxi zurück, sondern ein Sammel-Taxi, das regelmäßig zwischen diesem Wintersportort und Izhevsk verkehrte. Es gab kein Haltestellenschild, aber trotzdem wussten alle, wo sie im Matsch zu warten hatten, und nach fünf Minuten kam der Kleinbus tatsächlich. Wir zahlten gerade mal 18 Rubel pro Person, aber ich hatte eine Theorie, wie sich die Fahrtkosten für den Fahrer lohnten: Mit Werbeeinnahmen. Er hatte einen Bildschirm hinter seinem Sitz hängen, über den pausenlos Werbevideos flackerten und alle paar Minuten der Wetterbericht für letzte Woche angezeigt wurde. Ich sah lieber aus dem Fenster. Die Scheiben waren so schmutzig, dass draußen immer Schneesturm bei Nacht zu herrschen schien, obwohl gerade eine sehr schöne, klare Wetterlage herrschte.
Wir erreichten wieder die Stadt und stiegen an den Stahlwerken aus. Endlich wusste ich wieder, wo wir waren. Wahrscheinlich hätte ich die Stadt allein nie wieder gefunden. Wir nahmen den nächsten Trolleybus zur Uni und ich erfuhr das Geheimnis der Bustickets: Sie trugen eine sechsstellige Nummer, und man musste die ersten drei miteinander addieren, und die letzten drei miteinander. Kam beides Mal die gleiche Zahl heraus, musste man das Ticket herunterschlucken und hatte dann den ganzen Tag Glück. Ich schaute nach der Geschichte ein wenig ungläubig, beschloss aber, es unter "charmante russische Eigenheiten" abzuhaken.
Während der Fahrt liefen die Planungen zum nächsten internationalen Abend auf Hochtouren. Dazu sollte jeder ausländische Student etwas Typisches aus seinem Land kochen. Bei mir gab es dabei etwa drei Hindernisse: 1. Ich kann nicht kochen. 2. Ich besitze weder Kochgeschirr noch Gewürze. Manchmal ist sogar der eine Gemeinschaftstopf aus der Küche verschwunden, was mich zum Improvisieren zwingt, wie zum Beispiel Nudeln mit einem Wasserkocher zu kochen. 3. Selbst wenn es mir gelingen sollte, Kochgeschirr aufzutreiben, gibt es hier keine deutschen Lebensmittel zu kaufen: Keinen Leberkäse, und nicht mal Wiener Würstchen.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass ich etwas Holländisches zubereiten würde, denn das war recht einfach zu bewerkstelligen - für Patatje Oorlog brauchte ich nur Pommes Frittes, die ich in der Mikrowelle aufwärmen konnte, und dann noch Majonäse, Erdnussbutter und Zwiebeln.
Viel muss ich davon sowieso nicht zubereiten, denn es wird niemand essen wollen.

An diesem Abend habe ich übrigens endlich einen Dosenöffner gefunden. Gekauft habe ich ihn allerdings nicht, denn er kostete umgerechnet 16 Euro. Es gab ihn in einem Haushaltwarengeschäft über dem russischen Mediamarkt. Dort waren 10 Mitarbeiter auf einen Kunden beschäftigt und ich fühlte mich wie ein Dieb, als ich durch die Gänge spazierte und mir immer zwei Mitarbeiter folgten. Man traute mich nicht. Würde ich auch nicht bei Dosenöffnern für 16 Euro und Messer für 30 Euro.