Sonntag, 24. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 6. (04. Juli)

4.7.
Farin weckte mich so spät wie es für ihn noch vertretbar war, denn anders als ich fauler Student hatte er auch am Wochenende Dinge zu erledigen, die er unter der Woche nicht schaffte.
Ich kroch viel mehr aus dem Bett wie eine Made aus einem Apfel, als dass ich aufstand. Farin wirkte putzmunter und hatte bereit Pelmeni zum Frühstück gekocht, aber allein der Geruch ließ den Cognac wieder hochkommen. Ich konnte mich kaum zu einem Stück Tomate zwingen lassen und schlief auf dem gemütlichen Sessel am Frühstückstisch kurz ein, woraufhin mich Farin wachrüttelte. Ich sah ihn böse an, vielleicht auch verschlafen, jedenfalls schaffte er es irgendwie, mich nach unten zu bringen, ins Auto zu setzen und fuhr vorsichtig durch die Schlaglöcherpiste seines Wohngebiets, nachdem ich mich beim ersten Loch beschwert hatte, dass mir der nicht vorhandene Mageninhalt wieder hochkäme.
Er brachte mich ins Zentrum und musste gleich weiter fahren um seinen Cousin treffen, um dann im Garten zu arbeiten – um einen Zaun zu bauen.

Zurück im Wohnheim ließ ich mich aufs Bett plumpsen. Es drehte sich. Mein Handy vibrierte, eine SMS von Roman. Mit dem gemeinsamen Schwimmen würde es wohl nichts werden, stellten wir fest; seine Freunde hatten das gleiche Problem wie ich. Aber ein Andermal bestimmt, versicherte ich ihm. Ich wahr ganz froh, erstmal eine Runde Schlaf zu bekommen, denn ich musste noch früh genug aus dem Haus – die Schüler vom Lyzeum 22 wollten sich um 16 Uhr mit mir treffen, erinnerte mich die Kalenderfunktion in meinem Handy, die mir das Gedächtnis ersetzte.
Im Halbschlaf wälzte ich mich noch eine Weile hin und her, schaute dann wie ein Zombie einen Film an und machte mich schließlich auf den Weg in die Stadt, nachdem ich so den halben Tag durchgebracht hatte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich alternativ zur Schule Nummer 22 kam und wie lange ich brauchte, wenn ich nicht den Bus Nummer 14 nahm, überlegte ich mir, als ich bereits zwanzig Minuten lang vergeblich wartend an der Bushaltestelle gestanden hatte. Ich hatte das Fahrplansystem noch nicht ganz durchschaut, obwohl ich es lange studiert hatte, denn man konnte es praktisch nicht beweisen, da kein Bus nach einem Fahrplan fuhr, aber mittlerweile hatte sich mein Verdacht erhärtet, dass 6 - 12 in der Spalte 8 - 14 hieß, dass der Bus zwischen 8 und 14 Uhr im 6 bis 12 Minuten-Takt kam, und dass in der Spalte 14 - 16 das Wort "pereryw" hieß, dass er nicht fuhr.

Ich wusste, dass ich ins Zentrum fahren und in eine andere Trolleybus-Linie umsteigen konnte – aber nicht welche. Ich hatte eine verwischte Erinnerung, dass die Linien 1, 4 und 7 an der Schule vorbeifuhren, aber dann fiel mir ein, dass diese Nummern den Straßenbahnlinien entsprachen, die an meinem Wohnheim vorbeifuhren und dass ich es möglicherweise verwechselte hatte. Um sicher zu gehen schrieb ich dem einzigen Schüler, dessen Handynummer ich hatte, eine SMS und fragte nach. Zurück kam eine Antwort in sehr niedlichem Deutsch, in der er die Trolleybusse als "Trolebusen" bezeichnete. Darunter konnte ich mir auch so einiges vorstellen. Aber es waren tatsächlich die Linien 1, 4 und 7. Nur die Fahrtrichtung hatte ich auch nach mehreren Anfragen nicht herausfinden können, aber auch da hatte ich eine weitere verwischte Erinnerung, nämlich dass ich einmal mit Sina vom Zentrum aus in diese Richtung im Trolleybus unterwegs gewesen war, und an der Haltestelle "Dimitrova" vorbeigefahren war. An der stieg ich dann auch aus und stellte fest, dass ich einen Stop früher hätte aussteigen können um direkt vor der Schule anzukommen. Irgendwie war mir die Gegend auch vertraut gewesen - aber das hieß gar nichts, denn jede Gegend sah in Izhevsk gleich aus.

Als ich – wohlgemerkt pünktlich – ankam, wartete schon ein Großteil der Klasse auf mich, und die restlichen Schüler trudelten etwas später ein und entschuldigten sich dafür. Ihrer Lehrerin hatte es ihnen gut eingeimpft, wenn sie ihnen bei jeder Gelegenheit von der deutschen Ordnungsliebe und Pünktlichkeit predigte. Jeder ankommende neue Schüler sprach von der russischen Unpünktlichkeit, aber ich schüttelte lachend dem Kopf und zeigte ihnen meine Uhr: Sie waren nur 3 und 4 Minuten zu spät. Dann erzählte ich ihnen vom akademischen Viertel, und dass man es in Deutschland längst nicht mehr so verbissen sieht. Sie sahen mich ganz erstaunt an.
Als dann alle versammelt waren - bis auf Sascha, mit dem ich vorhin SMS geschrieben hatte; er hatte angenommen, dass wir uns alle erst um fünf träfen – als wir also alle versammelt waren, schauten sie mich verschmitzt an und eines der Mädchen überreichte mir eine CD: Ein Geschenk von allen Schülern der Klasse. Es war eine komplette Albensammlung auf einer MP3-CD der Petersburger Gruppe Splin; es erstaunte mich fast so sehr wie die Tatsache, dass die Schüler sich daran erinnert hatten, dass es meine aktuelle Lieblingsgruppe war.
Diese Art von MP3-CD war in Russland sehr verbreitet; statt sich umständlich alle Alben einzeln kaufen zu müssen, wurden alle Alben einer Gruppe auf eine CD gepresst und hinter dem Rücken der Musikindustrie verkauft. Ich war auch im Zweifel, ob der deutsche Zoll so etwas durchgehen ließ. Aber ich freute mich über das Geschenk. Nun stellte sich nur noch die Frage – was sollte ich mit 20 Schülern ohne Lehrerin anfangen? Ich schlug also vor, Eis essen zu gehen.
Alle waren sich einig, wo es das beste Eis der Stadt gab. Wir spazieren zu einem Eiscafé in der Nähe des Präsidentenpalasts, während es um mich herum regelrecht schwirrte, da immer vier Schülerinnen gleichzeitig sprachen - von und hier und da kamen Fragen, Namen, Fakten, bis ich ganz verwirrt war. Doch ich merkte: Hier wollte wirklich Deutsch gelernt werden.
Auf dem Weg zeigten sie mir noch eine besondere Touristen-Attraktion: Ein Entführungsverbotsschild für außerirdische Raumfahrzeuge.


Sie erklärten mir dann, dass es eigentlich eine Werbung für einen Club namens Jungfrau war, aber ich ahnte die Wahrheit: Dies war der Ort, an dem Russen von Außerirdischen entführt werden wollten, denn der russische Verstand tickt ein wenig anders als der des Durchschnittseuropäers: Wenn etwas strengstens verboten war, hieß das übersetzt in den russischen Alltag, dass man sich nicht dabei erwischen lassen sollte, und bei einem gewissen Prozentsatz der Russen löste ein Verbot eine Art Schalter im Hirn aus, der dafür sorgt, dass sie genau das machen, was verboten ist – eben weil es verboten ist. Und so denken sie sicher, wenn hier das Entführen von Menschen verboten ist, werden bestimmt immer einige fliegende Untertassen um dieses Schild kreuzen und nach potentiellen Entführungsopfern spähen.

Am Präsidentenpalast gab es zwei Eiscafés: Ein Jugendcafé und ein Kindercafé. Wir entschieden uns alle einstimmig für das Jugendcafé, stellten aber fest, dass es geschlossen hatte, und gingen doch ins Kindercafé. Dort wurde gerade eine Geburtstagsparty vorbereitet, aber wir fanden noch genug freie Stühle und Tische zum Zusammenschieben, sodass wir alle gemeinsam sitzen konnten. Ein Eis kostete 45 Rubel, also etwas mehr als einen Euro für 100 Gramm; das hatte ich schon billiger gesehen; einige Schüler hatten kein Geld, da wollte ich gerne etwas ausgeben, aber das wollte niemand. Stattdessen legten alle zusammen, jeder, der Geld hatte, gab 20 Rubel dazu. Dieser Klassenzusammenhalt gefiel mir richtig gut. Sascha kam jetzt auch und entschuldigte sich. Er setzte sich zu den anderen beiden Jungs, die auch nicht so gerne deutsch sprachen, während sich die Mädchen um mich gescharrt hatten und wieder auf mich einredeten. Ich löffelte mein Eis mit den bunten Streuseln, aber mein Magen fühlte sich noch arg fusselig an.
Die Mädels wollten mich anschließend noch mit Spezialitäten füttern: Mit Piroggen und anderen gefüllten Teigtaschen, oder mit einer ganz besonderen Leckerei: Purem Zitronensaft. Ich lehnte dankend ab - ja, ein anderes Mal ganz sicher. Eins der Mädels war regelrecht süchtig danach geworden und bestellte sich immer wieder ein Gläschen. Ich wunderte mich, ob da noch etwas drin war, von dem sie mir nicht erzählte.

Nach dem Essen wollten die Hälfte der Kinder Mafia spielen, das beliebte russische Spiel, bei dem man erraten musste, wer der Böse war, aber die andere Hälfte wollte lieber in den Park gehen und Krokodil spielen – die Russische Variante von Scharade. Ich sah unauffällig auf die Uhr; ich wollte Dima und Nastya nicht versetzen, obwohl wir uns nur lose für den Abend verabredet hatten, also schrieb ich ihnen eine SMS, ich sei noch bei meinen Kids, und was sie gerade machten, und wann wir uns treffen wollten. Sie hatten noch keine konkreten Pläne, wollten am Abend vielleicht noch mit mir zum sonntäglichen Sound Of Summer, bei dem wie immer Sina auftrat, und bei dem wir immer die halbe Stadt antrafen.
Sie schrieben zurück, sie wollten mich im Zentrum treffen. So konnte ich einmal alles unter einen Hut bringen, gesellte mich zu meinen Kids in den Park und beobachtete sie beim Spielen, das sie aber partout nicht auf Deutsch machen wollten. Punkt 18:15 entschuldigte ich mich, ich sei verabredet, aber ich ließ mich für Mittwoch wieder zu einem erneuten Ausflug mit der Klasse buchen, als sich zumindest einige der Mädels ganz enttäuscht über mein Gehen zeigten.

Ich lief vom Park zum Theater und daran vorbei, die Treppen hinunter zur Straßenbahnhaltestelle. Ich hatte noch etwas Zeit und machte es mir auf dem Brückengeländer gemütlich. Bei jeder ankommenden Straßenbahn spähte ich von der Brücke hinunter, und musste doch zweimal hinschauen, als meine beiden alten Freunde schließlich auf mich zukamen. Sie hatten sich beide neue Frisuren schneiden lassen; Dima hatte sich nach langem Hin und Her gegen die langen Haare entschieden, und Nastya für eine Dauerwelle. Wie lange hatte ich sie nicht mehr gesehen - dass sie sich so verändern konnten, überlegte ich kurz, dann fielen wir uns in die Arme.

Wir wussten immer noch nicht so recht, was wir machen wollten, und so spazierten wird zum See hinunter. Dort lag eine Fähre vor Anker und ich dachte dran, dass uns die Auslandamtleute auf eine Rundfahrt eingeladen hatten, zu der es nie gekommen war, und höchstwahrscheinlich war es genau dieses Boot. Ich schlug den anderen vor, vielleicht wollten sie eine Runde Boot fahren, auf meine Einladung?
Sie sahen sich an, ja, warum nicht, aber sie hatten einen besseren Vorschlag: Sie wollten mich schon lange auf ihre Datscha einladen, die etwas außerhalb von Izhevsk lag, und warum sollten wir bei der Gelegenheit nicht mit Boot hinausfahren? Wir gingen zur Ticketstelle und studierten die Abfahrtszeiten; aus reiner Gewohnheit fotografierte ich sie auch gleich ab.

Nun war es Zeit Club Kwartira 18 gehen, denn Stasya rief schon ungeduldig an, wo wir denn blieben. Wir nahmen aber nicht den direkten Weg, sondern gingen an der ersten Fabrik der Stadt Izhevsk vorbei, die als Sehenswürdigkeit galt. Von dort aus wollten wir durch das Fabrikgelände zurück zum Zentrum gehen.
Die erste Fabrik war ein schönes rosafarbenes Gebäude im klassizistischen Stil, gestützt auf ebenmäßig Säulen und nach oben zulaufenden in einen Turm, dessen Fenster wie das Negativ der Säulen wirkten. Auf der obersten Spitze soll es eine goldene Figur gegeben haben, erzählte Nastya. Als das ganze Land in Aufruhr der kommunistischen Revolution war, hatte man schnell versucht, diese Figur in Sicherheit zu bringen und im nahen See versenkt. Niemand habe sie je finden können, erzählte Nastya weiter; selbst professionell ausgerüstete Schatzsucher hatten vor einigen Jahren den See abgesucht, ohne Erfolg. Vielleicht war es am Ende nur eine Legende.

Das Fabrikgelände dahinter wirkte sehr einsam in den Abendstunden, und sogar bedrohlich, als wildes Hundegebell aus der Richtung kam, in die wir gehen wollten. Es gab in Russland viele wilde Hunde, und Roman hatte mir wieder Gruselgeschichten darüber erzählt, dass sie angeblich Menschen angreifen würden, wenn sie besonders hungrig waren. Wir schlugen eine andere Richtung ein. Ein harmlos aussehender schmutzig-weißer Hund mit geflecktem Ohr tappte auf uns zu und folgte uns in einigem Abstand. Wir schlugen uns durch die Büsche und stießen auf Gleise; der Hund folgte uns weiterhin. Wir spazierten auf den mit kleinen Bäumchen zugewachsene und trotzdem noch benutzten Schienen entlang. Wir sahen wohl aus wie Landstreicher, und so konnte ich nicht widerstehen, als ich einen verrosteten Güterwagon offen auf einem der Gleise herumstehen sah, und kletterte hinein. Der Hund beobachtete mich hechelnd.



Dann plötzlich schlug die Stimmung um. Wildes Gebell startete unweit des Wagons. Ein schwarzes Hunderudel kam aus den Büschen auf uns zu, es war offenbar Familie. Die größeren Hunde fletschten aggressiv ihre Zähne und bellten heiser. Wir standen regungslos da. Am Ende stimmte es wirklich, dass sie Menschen angriffen. Wir versuchten harmlos zu wirken und an ihnen vorbeizugehen, aber einer der Hunde sprang auf uns zu und wir schreckten zurück. Doch selbst auf unserem Rückzug kamen die Hunde heiser bellend auf uns zu.
Dima versuchte uns den Rückzug zu ermöglichen, indem er aufstampfte und "tschau!" rief, aber davon ließen sie sich nur eine Sekunde lang beeindrucken, dann sprach einer der Hunde in einem Satz auf Dima zu, der zurückschreckte. Schließlich war es wieder Nastya, die uns durch ihr beherztes Auftreten aus der Situation rettete - wie schon beim Zusammentreffen mit dem Gopnik vor ein paar Wochen: Sie wirkte überzeugender beim Aufstampfen und den Zischgeräuschen, sodass die Hunde nur noch knurrend und bellend mit gesträubtem Fell dastanden, sich aber nicht rührten, als wir den Rückzug antraten.
Wir trauten uns erst erleichtert aufzuatmen, als wir gut 300 Meter entfernt waren und zurück an die Stelle kamen, an der wir die Gleise betreten hatten. Wir nahmen den gleichen Weg zurück zur Fabrik und zum See, froh, dieses Abendteuer überstanden zu haben.

Nun gingen wir direkt ins Zentrum und zum Club bei Detskij Mir. Die Tore, die den Hinterhof von der Straße abtrennten, waren geschlossen, aber ich war mittlerweile oft genug hier gewesen um den Weg zum Hof durch den Club zu kennen und führte die beiden hinein.
Stasya wartete schon ungeduldig auf uns. Sina und die anderen Bandmitglieder waren schon gegangen, wahrscheinlich Pizza essen, wie es eine Art Tradition nach ihren Auftritten war.
Stasya machte uns mit ihrem legendären Freund bekannt, von dem sie immer erzählt hatte, dessen Existenz ich mittlerweile schon beinahe angezweifelt hatte. Er studierte auf einem Konservatorium in einer Stadt einige hundert Kilometer von Izhevsk entfernt und war nun für ein paar Wochen nach Izhevsk gekommen, während Stasya ihn später im Sommer für ein paar Wochen besuchen kommen wollte. In Russland schienen Fernbeziehungen noch um einiges schwieriger zu sein als in Deutschland, selbst wenn es sich dabei fast um Nachbarstädte handelte.

Ich fand Andrey eher merkwürdig mit seinem Zopf, dem seltsam mäuseähnlichen Gesicht und dem Ausdruck eines Künstlers darauf. Stasya hatte sich in seiner Gegenwart tatsächlich verändert; sie war weniger laut und selbstbewusst, sondern eher ein Schoßhündchen, das so nahe wie möglich an seinem Herrchen bleiben wollte. Auf diese Weise konnte ich mir plötzlich Stasya auch als Hausfrau vorstellen - das war mir bisher undenkbar erschienen.

Wir machten es uns auf einem Sofa unter einem hohen Bierzelt bequem und hörten die letzte Gruppe spielen, die zu einer Jam Session aufrief, woraufhin ein Mädchen auf die Bühne ging und sich im Skat-Gesang versuchte, dabei aber nur relativ selten eine Note traf, die gerade passte.
Farin schrieb mir eine SMS; er wollte mich morgen auf seinem Moped zum Fluss mitnehmen. Ich war froh, dass ich eine Ausrede hatte, denn morgen wollten wir alle zusammen zu Dima und Nastya auf die Datscha fahren: Stasya, Andrey und ich.

Nach dem Konzert spazierten wir gemeinsam zurück in die Gegend, in der wir alle wohnten. Nastya lud uns auf einen Tee ein, aber Stasya und Andrey wollten lieber ihre Zweisamkeit genießen und verabschiedeten sich von uns. So ging nur ich mit Teetrinken.
Sie hatten seltsamen original-chinesischen Tee von Nastyas Onkel bekommen, der ihn von einer Dienstreise mitgebracht hatte. Irgendein streng geheimes Treffen, bei dem es natürlich um Waffen ging. Es war ein offenes Geheimnis, genau wie bei den Flaks, die ab und zu mit grünen Netzen getarnt über Izhevsks Straßen auf LKWs transportiert wurden.

Es wurde wieder schnell sehr spät, und so landete wieder auf Dimas und Nastyas Fußboden. Morgen wollten wir in der Datscha übernachten und ich würde die dritte Nacht in Folge nicht nach Hause kommen...

Samstag, 23. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 5. (03. Juli bis 04. Juli)

3.7. Heute fand ein großes Fest zur Würdigung der Udmurtisch-Tatarischen Freundschaft statt, von dem ich jedoch erst im Laufe des Tages erfuhr. Doch es war noch nicht zu spät, und es fand im nächsten Park vom Wohnheim aus gesehen statt - im Kirov-Park, den man zu Fuß in gut 15 Minuten erreichen konnte.

Trotz der sengenden Hitze standen bestimmt 50 Leute vor der Bühne im Eingangsbereich des Parks und hörten einem dicken Mädchen in Tracht zu, wie sie jede Note um die Hälfte verfehlte, das aber durch Lautstärke auszugleichen versuchte.
Daneben war eine tatarische Hüpfburg aufgebaut worden, die aussah wie ein Sultanspalast, und daneben stand ein armer schwitzender Student im Ganzkörper-Moosmännchenkostüm und ließ sich mit Kindern fotografieren. Das dicke Mädchen wurde von einer Gruppe anderer Künstler abgelöst wurden; sie waren kaum älter, machten aber eine gute Figur in ihren rosafarbenen Strümpfen und mit der E-Gitarre, aus der sogar Musik kam, wenn das Front-Mädchen die Saiten gar nicht berührte.

Ich begann umherzuspazieren. Überall waren Stände aufgebaut, an denen Handarbeiten verkauft wurden, tatarische Kappen und Honig. Andere verkauften Schaschlik - wie Usbekistan den ganzen Tag ungekühlt in der Sonne liegend, oder auch anderen Spezialitäten wie Kartoffelchips am Spieß... Roter, mit Honig zusammengeklebter Puffreis am Spieß... und diese mit Gehacktem gefüllte Dreiecksdinger, Ätsch-potschmak genannt… das traute ich meinem Magen dann doch nicht alles zu.
Besonders die Getränkeverkäufer hatten Hochkonjunktur, auch wenn ich nicht glaubte, dass Kwas und heißer Tee eine so gute Idee in der Hitze waren - das eine war süß und klebrig, das andere noch dazu heiß. Doch ich täuschte mich. Im Laufe des Sommers sollte ich Kwas noch schätzen lernen.

Als ich zurück zur Bühne kam, traten professionellere Tanzgruppen in Trachten auf; einige Gruppen hatten einen Akkordeonspieler dabei und führten diesen berühmten russischen Tanz auf, der mich immer an den Bayrischen Schuhplattler erinnerte, und in einer besonders seltsamen Tanzgruppe spielte einer der Jungs sogar auf einer handelsüblichen Holzsäge aus dem Baumarkt, das heißt, er nutzte sie als eine Art Schlagzeug.




Zufällig und völlig unverabredet traf ich auf Roman, der gerade von seiner Datscha kam und durch den Park spazierte um sich zum einen den ganzen Trubel anzuschauen und zum anderen Mascha zu treffen, die hier irgendwo selbstgestalteten Schmuck verkaufte.
Wir gingen ein Stück gemeinsam und ich fand Mascha schließlich, machte ein paar Fotos und wartete, bis sie mit Roman zu Ende geplaudert hatten, dann gingen wir weiter spazieren - hinein in eine temporäre tatarische Enklave, die man nur durch ein Holztor betreten konnte, und schon fühlte man sich wie in einer anderen Welt. Hier wurden im Hochsommer Pelzschuhe verkauft und auf einer weiteren Bühne wurde eine eigene Show organisiert - genau wie in der realen Situation kochten die Tataren ihr eigenes Süppchen.
Auf einem zentralen Platz war eine bestimmt 10 Meter hohe Holzstange mit einer Querstrebe am oberen Ende aufgebaut worden, an der ein Kleidungsstück hing. Es war eine Form des Wettbewerbs, dort hochkletterten und es von dort herunter zu holen.


Roma und ich gingen hinunter zum See, in dem tatsächlich Leute badeten, sogar Kinder, obwohl die Wasserqualität mehr als bedenklich war, erzählte Roman. Er sei einmal im See baden gewesen und hätte danach am ganzen Körper Ausschlag gekommen. Das hatte die Verlockung gebremst, einfach da reinzuspringen bei der Hitze, obwohl durchaus um die 50 Leute der Meinung waren, dort baden zu können.
Besser sei es, meinte er, zum Steinbruch zu fahren, der nur knapp 30 Kilometer außerhalb der Stadt lag. Das war nicht ganz so weit weg wie der Karma-Fluss mit etwa 60 Kilometern. In der Stadt selbst gab es keine Flüsse mehr, außer den, der den Stausee speiste. Die restlichen Gewässer waren Sümpfe. Selbst die Quellen, die nahe der Stadt oder gar in der Stadt entsprangen, waren oft gar keine Quellen, sondern versiegten nach jahrelanger Nutzung, nachdem ein unterirdischer Wasserrohrbruch entdeckt und behoben worden war.

In der Sonne wurde es uns zu heiß, wir gingen lieber wieder in den Wald, der sich um den See herum zog und hier als Park bezeichnet wurde, und von dortaus zu einem kleinen Laden in der Nähe meines Wohnheims, denn das war Romans ursprünglicher Plan gewesen, bevor er mich getroffen hatte: Etwas Kaltes zu kaufen - Kwas vom Fass. Er ließ mich davon probieren, und es schmeckte wirklich irgendwie besser als das Zeug, das im Supermarkt als Kwas verkauft wurde, und auch besser als das Zeug, das die Babuschkins selbst gebraut hatten. Es kam wahrscheinlich sehr stark auf die genaue Rezeptur an, denn die Grundzutaten schienen die gleichen zu sein: Hefe, Wasser, Zucker, Gerste, Malz… es klang einfach genug; irgendwann wollte ich es selbst mal herzustellen probieren.

Roman entschuldigte sich, er musste zurück zur Datscha und das restliche Holz hacken, aber ein anderes Mal könne ich gern mitkommen. Mir war das auch recht, ich wollte einfach nur noch duschen gehen. Im Wohnheim gab es ja auch kein warmes Wasser mehr, sodass jede Dusche wie ein Eisbad war. Das Klo hingegen war wie Gewächshaus und schien zu atmen, wenn man darauf saß.
Nach der Dusche setzte ich mich - ohne mich abzutrocknen - im Handtuch auf das Fensterbrett in einer angenehmen Briese, die durch die geöffneten Türen im Wohnheim zustande kam. Nebenbei sah ich meine E-Mails durch. Farin und ich hatten uns regelmäßiger zu schreiben begonnen und er sprach davon, mich auch einmal einladen zu wollen. Gerade war er nicht online, aber ich hinterließ ihm meine Handynummer für alle Fälle, denn ich wollte wieder zurück zum Fest gehen.

Ich war kaum aus dem Haus, da kontaktierte mich Farin schon per SMS. Allerdings war die SMS sehr lang und kam erst innerhalb einer halben Stunde bruchstückweise an; er hatte mir seine Adresse gesendet und mich zum Schwimmen eingeladen, dabei war es schon relativ spät geworden, fast 18 Uhr und gar nicht mehr so heiß draußen, aber das machte einem echten Tataren nichts aus - und wenn er im Dunkeln und im Regen schwimmen müsse, er schwamm, wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte! Die ersten Wolken zogen auf.
Seine Wegbeschreibung wirkte etwas konfus auf mich und wir einigten uns auf ein Treffen im Zentrum. Er holte mich im Auto von der gelben Kirche ab und wir fuhren in seine Wohngegend, die sich "tatarischer Basar" nannte, wo - wie ich im Vorbeifahren feststellte - auch Andrey Babuschkin lebte. Es war vielleicht die schönste Gegend in Izhevsk, voller schöner Landhäuser und windschiefer Hütten mit geschnitzten Festerrahmen im Grünen, wenn auch die Straßen eher bedenklich waren und im Winter als Skisprungschanzen fungieren könnten. Farin berichtete, dass er früher mit dem Moped diese Straßen entlang gerast war. Er hielt erst in einem Supermarkt, kaufte etwas Saft, und dann vor dem Grundstück seiner Freunde und Nachbarn vor einem hohen Metallzaun an, rief ihnen zu, dass nun alles bereit sei und setzte sich wieder ins Auto. Sie fuhren uns in ihrem Auto nach zu einem an dieser Stelle etwa 500 Meter breiten Fluss ganz in der Nähe, der aber nicht der Fluss Izh zu sein schien, welcher der Stadt ihren Namen gab. Ich hatte längst die Orientierung verloren und war nicht mal sicher, ob es ein Zufluss zum See war, oder gar ein Abfluss. Farin jedoch versicherte mir, dass das Wasser in Ordnung sei.


Einige von Farins Freunden waren echte Muslime - nicht nur offiziell, wie die meisten Tataren in Udmurtien: Eine Frau ging in kompletter Kleidung und Kopftuch ins Wasser zum Baden und blieb auch nicht sehr lange, denn wahrscheinlich war es sehr unangenehm, sich in dieser nassen Kleidung lange am Ufer aufzuhalten.
Es blieben nur noch Farin und Rawil mit mir zurück; sie stürzten sich ins Wasser und schwammen um die Wette zum anderen Ufer. Das Wasser angenehm kalt, wenn auch etwas trüb und der Grund schlammig, aber zumindest nicht das Abwasserbecken für Ischmasch, Ischstahl und wer weiß noch was.
Ich plantschte vor mich hin und ließ mich schließlich im Wasser auf einem Stein in Ufernähe nieder, denn traute mir nicht 500 Meter weit zu schwimmen ohne wie ein Stein abzugluckern. Keine Ahnung, was sie beiden auf der anderen Seite trieben. Sie beste Freunde aus Jugendjahren, hatte mir Farin auf dem Weg erzählt. Mir schienen die beiden Männer grundverschieden: Rawil war ein Draufgänger, ein Straßenjunge, der zum Familienvater geworden war und immer noch wie eh und je sprach - jedes zweite Wort ein Fluch. Farin hingegen wirkte wie der nette, etwas unbeholfene Junge von nebenan, mit einem etwas ungünstigen Haarschnitt, der schon an einen Vokuhila grenzte.
Diese Frisur war eine ewige Mode-Erscheinung in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken, da sie irgendwie mit dem Rocksänger Viktor Zoi in den 80er Jahren steckengeblieben waren. Nicht, dass es in Russland die 70er Jahre gegeben hätte; was modetechnisch hoffen lässt, dass ihnen auch die 90er Jahre entgehen werden, und dass man irgendwann direkt zur modischen Vernunft kommt.

Als die beiden aus dem Wasser stiegen, war die Sonne verschwunden. Farin holte zwei zerschlissene alte Decken aus dem Auto und warf sie mir über die Schulter, sodass ich nicht fror, obwohl ich mich schon in mein Handtuch gewickelt hatte. Eine weitere breitete er im Gras aus und bereitete uns ein Picknick mit Keksen und Saft aus Plastikbechern. Ich hatte selbst in aller Eile Lebensmittel in meinen Rücksack geworfen, unter anderem eine Packung des türkischen Lokums, das ich in Kazan im Supermarkt gekauft hatte, weil es frisch und selbst hergestellt ausgesehen hatte.
An dem Fluss gab es unheimlich viele Mücken, die sofort zubissen, wenn sie eine unbedeckte Hautstelle fanden, dadurch fiel unser Picknick eher kurz aus, dafür lud uns Rawil in sein Banya ein.


Ich machte noch schnell ein Foto von allem, und Rawil bestand darauf, auch ein Foto von Farin und mir zu machen, am liebsten mit dem Fluss im Hintergrund, und am lieber ganz eng beieinander - er war ganz klar Farins Wingman - seine Rückendeckung im Kampf um das andere Geschlecht. Farin legte die Arme um meine Hüften und grinste in die Kamera. Ich sah ihn zweifelnd an.
Das letzte, was ich brauchte, war ein russischer Mann, oder noch schlimmer, ein tatarischer. Schon die meisten russischen Männer waren verwöhnt und es gewohnt, von Frauen bedient zu werden, und wechselten direkt von der Mutter zur Ehefrau ohne sich jemals selbst versorgen zu müssen.
Bei den Tataren erschien es mir noch ein wenig extremer. Die meisten Tatarenmänner lebten noch im guten alten Patriarchat, hatten für europäische Verhältnisse lächerlich altmodische Wertvorstellungen und suchten sich meistens eine Frau, die nur einen Sinn in ihrem Leben sah: Hausfrau und Mutter zu werden. Je mehr Tataren ich in meiner Zeit in Russland kennenlernte, desto mehr verfestigte sich dieses Stereotyp - sie kamen mir bald immer mehr wie Höhlenmenschen vor, die sich ein Weibchen suchten, ihr mit der Keule eins überbrieten und sie an den Haaren in ihre Höhle zerrten.
"Mit mir nicht, Junge", dachte ich mir.
Tatsächlich lernten Farin und ich uns mit der Zeit immer besser kennen, und ich war manchmal einfach nur erstaunt, welche Ansichten er vertrat, und wie unvereinbar unsere Wertvorstellungen waren - aber das stand einer Freundschaft nicht im Weg.

Wir fuhren zurück in die Krimskaya-Straße, und kamen an der einzigen Moschee der Stadt vorbei, die auf den ersten Blick eher wie ein Bauernhof mit Kirchturm aussah, auf dem man schließlich einen Halbmond entdecken konnte. Die Tataren waren traditionell sunnitische Muslime, obwohl die meisten in Udmurtien ihre Religion nicht besonders erst nahmen und zum Beispiel genauso gern Wodka tranken wie der Russe aus dem Buch der Klischees.

Während Rawil sein Banya anheizte, zeigte mir Farin seinen Garten und sein Haus: Das Haus hatte sein Großvater noch eigenhändig gebaut, das Grundstück ringsum war ein großer Garten mit bepflanzten Beeten und Äpfelbäumen; das Wasser aus dem frei stehenden Waschbecken mit Schlauch daran lief beständig - es gab keinen Zähler. Hinter dem Haus stand ein brüchiger Schuppen, vor dem allerlei Schrott lag, und links davon stand eine mittelgroße Holzhütte - Farin baute ein eigenes Banya und hoffte diesen Sommer noch fertig zu werden um es im Winter schon nutzen zu können. Nichts sei besser als direkt von der Sauna in den Schnee zu springen und dann zurück ins Banya.
Farins Mutter arbeitete im Garten und gab mir eine frische Gurke, als ich ihr vorgestellt wurde. Sein Vater wohnte im Sommerhaus, erzählte Farin. Er bat mich, die Hände zu waschen und zum Teetrinken mit uns Haus zu kommen. Der Eingangsbereich war niedrig und stand voller Schuhe und Gerümpel, links war eine Tür und gegenüber führte eine knarrende Holztreppe nach oben. Hinter einer der schweren Türen befand sich eine gemütliche alte Wohnstube, die mich sofort ein Museum erinnerte. Die beiden Längsseiten des großes Raums waren mit altmodischen Holzbetten zugestellte und am hinteren Ende stand ein gedeckter Tisch; an den Wänden hingen Teppiche, und wenn man das Zimmer durchquere, klirrte das Glas im Schrank rechts. Ein uralter Fernseher mit einem Ungetüm von Antenne machte das Bild komplett.

Farins Mutter begann sofort alles Essbare auf den Tisch zu schlichten, das sie im Zimmer hatte finden können: Quarkkeulchen mit selbstgemachter Apfelmarmelade, Gebäck in simplen Plastiktütchen, aber auch eine Pralinenschachtel öffnete sie extra für mich - eben alles, was man traditionell zu Tee reichte.
In den Tee selbst wurden Johannisbeerblätter und ein in Zucker eingelegtes Zitronenstückchen hinzugegeben. Das hatte ich noch nirgendwo gesehen: Ein Einmachglas mit feuchtem Zucker darin, und dazwischen leuchteten die Zitronenscheiben und -stücke.
Die Mutter saß mit uns am Tisch; sie war sehr neugierig über mich und erinnerte sich an ihr Schuldeutsch, das sie gleich mit mir ausprobierte. Ansonsten sprach eine Mischung aus Russisch und Tatarisch, und Farin übersetze, wobei sein Englisch ja auch eher gewöhnungsbedürftig war... Oft verstanden wir gar nicht, was der andere eigentlich sagen wollte, aber wir wollten es als Chance nehmen und beide voneinander lernen.

Rawil rief an, das Banya war angeheizt. Ich trug immer noch meinen Bikini unter den Sachen und bekam nur einen "Bademantel" von Farins Mutter; eigentlich war es ein dünner Ärztekittel, aber besser als nichts, weil wir die Straße überqueren mussten um zu Rawils Haus zu kommen.

Das Banya, die russische Sauna, war traditionell eine gut mit Moos und anderen natürlichen Materialien isolierte Holzhütte, die aus zwei Räumen bestand: Ein eigentlicher Sauna-Raum mit einem Ofen, und ein weiterer Raum zum Ausruhen. In beiden befanden sich Liegen. An der Wand hingen Plastikschüsseln und ein Regal mit Duschgel und Waschutensilien, auf dem Holzboden standen Metalleimer.
Farin nahm eine Schöpfkelle und füllte einen Eimer mit einem Teil heißem Wasser und mehreren Teilen kaltem Wasser - zum späteren Waschen, erklärte er. Das heiße Wasser kam aus einem Wassertank am Ofen. Er nahm eine Kelle Wasser und machte einen Aufguss direkt im Ofen. Die Hitze schlug mir ins Gesicht.
Dann verschwand Farin und kam mit zwei Bünden getrockneter Birkenzweige zurück. Er schöpfte heißes Wasser in einer der Schüsseln und ließ die Zweige 5-10 Minuten lang einweichen um sie geschmeidiger zumachen. Er setzte die andere Schüssel mit dem Boden nach oben darüber und kochte damit die Zweige wie eine seltsame Suppe.


Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander im Dampf, dann meinte Farin, die Zweige seien fertig und forderte mich auf, mich längs auf die gepolsterte Liege zu legen. Dann begann er mich mit dem heißen, nassen Zweigbündel gut durchzuklopfen wie Grillfleisch, von den Füßen beginnend bis zu den Schultern. Dabei weichte er das Bündel immer wieder kurz ein. Dann sollte ich mich umdrehen und er peitschte mich etwas sanfter auch von vorn. Das hatte nichts mit SM zu tun; es wühlte sich eher wie eine Massage an. Dann bat er mich, auch ihn zu bearbeiten. Das schaffte ich etwa zwei Minuten, dann ließ ich mich auf den Boden fallen; die Hitze setzte mir ziemlich zu. Farin meinte, wir sollten erstmal nach draußen gehen. Er verließ die Hütte ganz und versuchte einen Wasserschlauch zu finden und ihn anzuschließen, aber das Verbindungsstück schien kaputt zu sein. Ich trat hinaus in die Nachtluft, die sich sehr angenehm auf der feuchten Haut anfühlte. Ein Hund bellte heiser.

Das Wechseln nach draußen und wieder hinein ins Banya wurde normalerweise so lange wiederholt, bis man die Nase davon voll hatte. Danach ging man zum Waschen über. Da auch die Haare nass und verschwitzt waren, wurden sie als erste gewaschen; Farin kippte mir gleich einen halben Eimer über. Ich rieb das Shampoo ein und Farin übergoss mich wieder und mehrmals mit Wasser. Ich prustete, aber er gab nicht eher Ruhe bis der Eimer leer war. Dann gab er mir einen groben grell-pinkfarbenen Waschschal und ließ mich allein, sodass ich mich aus dem Bikini schälen und waschen konnte. Danach wartete ich im Bademantel im Vorraum auf Farin, als er zum Waschen ging. Roman hatte mir eine SMS geschrieben, ob ich mit ihm schwimmen gehen wollte. Ja, warum nicht? Ich schrieb ihm, er sollte mir morgen bescheid geben, wenn er losfahren wollte.

Farin und ich gingen zurück zu seinem Haus. Nun ging seine Mutter ins Banya... Es war ein Spaß für die ganze Familie und Nachbarschaft, und wie Farin erklärte, gingen sie fast jedes Wochenende.
Wir tranken noch etwas Tee und knabberten die Kekse.
Das Haus war praktisch nur in diesem einem großen Zimmer bewohnt, und als seine Mutter zurück kam und schlafen gehen wollte, schlug Farin vor, dass wir in ihre Wohnung nahe des Stadtzentrums wechseln könnten. Dort habe er auch eine Gitarre und Alkohol. Zwei schlagende Argumente.

Wir stiegen also in seinen alten Lada und fuhren in eine Weile bis wir ein Neubaugebiet erreichten.
Er begann Gitarre suchen; sie war in einer Abstellkammer eingemottet gewesen und wir versuchten sie eine Stunde zu stimmen, während wir Cognac tranken, aber es war so widerliches Zeug wie in Petersburg, nicht wie das bei Albert im Büro. Farin lehrte mir auch einen sehr wichtigen russischen Satz: "Meschdu perwy i wtoroj - pererywtschik nebolschoj" - zwischen dem ersten und dem zweiten Glas darf keine lange Pause folgen. Der Satz blieb sofort hängen im Gegensatz zu dem, was ich in meinen Lehrbüchern las. Ich hatte das dumme Gefühl, dass ich am Ende des Semester immer noch keinen geraden Satz auf Russisch hinbekam, außer wenn es ans Trinken ging.

Farin hatte es mit einer Anleitung, die bei der Gitarre lag, endlich geschafft, sie per Hand zu stimmen, wenn auch dabei einer der Wirbel abgebrochen war. Er hatte einen ganzen Ordner voller Lieder der russischen Gruppe "Kino", mit den entsprechenden Texten und Akkorden. Kino war eine russische Rocklegende, etwa wie die Beatles bei uns, und jeder, der Gitarre lernte, fing mit ihren Liedern an, weil sie oft nur aus drei Akkorden bestanden. Farin ließ sie Musik laufen und schlug dazu die Saiten der Gitarre an um sich in den Rhythmus hineinzufühlen. Er hatte seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt, aber Gitarrespielen war wie Fahrradfahren, das verlernte man nicht.

So wechselten wir zwischen trinken, übergeben und Gitarrespielen, bis ich gegen vier ins Bett rollte und einschlief; Farin zog sich als Gentleman auf die Couch zurück.

Dienstag, 19. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 4. (28. Juni bis 2. Juli)

28.06. Mascha hatte mich um einen Gefallen gebeten: Sie wollte spezielle Wolle aus Deutschland kaufen, aber eine Auslandsüberweisung war für sie zu teuer und zu schwierig, deshalb sollte ich das Geld von meinem deutschen Konto aus an den Verkäufer überweisen, und sie wollte mir den Betrag bar in Rubel zahlen. Das klang schon fast nach Geldwäsche, aber ich machte es natürlich gern für sie. Es musste ein ganzer Haufen Wolle sein, oder besonders feine und teure Wolle, denn sie gab mir 2550 Rubel, etwa 66 Euro. Vermutlich waren die Studenten der landwirtschaftlichen Universität genauso verrückt nach Naturprodukten wie wir technischen Studenten nach der neusten Computertechnik.

Auf dem Rückweg ging ich im Auslandsamt vorbei und bekam nun schon die Einladung, die ich für die Beantragung meines neues Visums im September brauchte. Es hatte an vielen Stellen durchgereicht werden müssen, aber endlich hatten sie das unterschriebene und gestempelte Papier zurückerhalten. Es überraschte mich ehrlich, es noch vor meiner Abreise zu bekommen, aber auf diese Weise konnte ich es direkt mit mir nach Deutschland nehmen und musste nicht erst auf die Post aus Russland warten und eventuell meinen Flug zurück verpassen.

Noch eine Überraschung kam auf mich zu - eine alte Bekannte. Im ersten Moment hatte ich sie gar nicht erkannt, aber dann sprang mein Gehirn ratternd an und versuchte sie einzuordnen. Sie sprach Deutsch, das half bei der Zuordnung, aber erst am Ende unseres kurzen Gesprächs fiel es mir wieder ein: Es war Maria gewesen, einer der ersten Austauschstudentinnen, die von Izhevsk nach Zwickau gekommen waren. Sie hatte mittlerweile ihr Diplom mit Auszeichnung bestanden und studierte im Masterkurs weiter. Nach Deutschland wollte sie eigentlich nicht zurück, aber das Masterprogramms schrieb den Auslandsaufenthalt vor. Da war sie ganz anders als zum Beispiel Ilya; er würde jederzeit wieder nach Deutschland fahren, wenn er die Gelegenheit hätte. Doch im Moment arbeitete er als Mädchen für alle lästigen Übersetzungs- und Managementaufgaben in einem Automobilbetrieb in Nizhniy Novgorod. Aber doch einmal hatte ihn seine Firma nach Frankfurt geschickt. Solche Jobs waren von Studenten begehrt.

Die Sonne knallte wieder erbarmungslos vom Himmel, doch heute wollte noch einiges erledigt werden.
Ich hatte hin und her überlegt, ob es sich lohnte für den letzten Monat eine neue Digitalkamera zu kaufen, aber Matthias hatte mich dann überzeugt: Wann kam ich schon noch mal zum Baikalsee? Da würde ich sicher tausende von Fotos machen wollen. Und bei meiner Abreise nächstes Semester konnte ich die Kamera ja wieder verkaufen.
Zuerst ging ich in den Technocity-Elektronikmarkt gegenüber meiner Uni, leider war denen der Service-Gedanke vollkommen fremd. Die Verkäufer standen im Rudel herum und kümmerten sich nicht um mich. Ich ging durch die Reihen von Kameras und sah mir die Preise an; ich wollte mir nur eine der billigsten Kameras kaufen, die auch gerne nach der Reise Schrott sein konnte, aber so richtig billige gab es hier nicht. Es standen sogar zwei verschiedene Preise an den Infoblättchen, mit dem Vermerk "bez skitki". Ohne - was? Mehrwertsteuer? Ich wollte einen der Verkäufer fragten, und wenn ich einmal dabei war auch zur angebotenen Garantie. Eine Frau löste sich aus dem Rudel, schüttelte aber nur den Kopf, als ich sie nach Englisch fragte. Ich wollte schon auf Russisch anfangen, da rief sie zu ihrem Kollegen rüber: "Eh, du kannst doch Englisch!" Der Kollege blickte kurz auf und beschloss, sie nicht gehört zu haben. Währenddessen hatte sich die erste Verkäuferin wieder aus dem Staub gemacht. Ich stand etwas ratlos in der Gegend und ging dann zum Ausgang. Das war schon mal nichts gewesen.

Nun nahm ich den Bus zum Talisman-Einkaufszentrum, weil ich das Bauchgefühl hatte, dort oder dort in der Nähe noch einen Elektromarkt finden zu können. Tatsächlich sah ich schon auf der Fahrt an einer Plakatwand eine Werbung für eine billige Digicam.
Im Mvideo-Elektromarkt in der oberen Etage des Einkaufszentrums wurde ich fündig. Gleich zwei Verkäufer kümmerten sich um mich: Einer, der mir die Technik zeigte, und eine, die übersetzte. Bereitwillig gab er mir die Kameras in die Hand und ließ mich ein Testfoto machen. Fast fühlte ich mich schon wieder wie in Deutschland, nur mit dem Unterschied, dass hier die Verkäufer ehrlich begeistert wirkten, und nicht nur freundlich waren, weil es ihr Arbeitgeber verlangte. Vom Service so begeistert ließ ich mir sogar eine Tasche für die Kamera aufschwatzen.
Die übersetzende Verkäuferin begleitete mich sogar zur Kasse und zum Lager und stand für sämtliche Eventualitäten bereit. Sie reichte dem Mann im Lager die Kassenquittung und ließ ihn nach der Kiste suchen. Zu mir meinte sie: "Entschuldigen Sie, dass es etwas länger dauert" und zu ihrem Kollegen auf Russisch: "Na pack die Kamera schon aus, das Mädel ist aus dem Ausland…, ein bisschen Service mal bitte!" Der Lagerarbeiter packte die Kamera aus, zeigte, dass alles im Karton war. Ich bedankte mich für den Service und für die kleine Unterhaltung, die wir gehabt hatten. Diese westliche Service-Oase wollte ich gerne weiterempfehlen.

Nun wollte ich wegen der irren Hitze auch endlich Rock erstehen, aber im Karusel-Supermarkt es gab nur bunte Großmutter-Wickelschürzen, und die Angebote in den Boutiquen waren mir das Geld einfach nicht wert. Lange hielt ich mich heute nicht im Karusel auf, obwohl es angenehm kühl war, aber mir ging das Werbelied fürchterlich auf die Nerven, das ständig durch die Lautsprecher abgespielt wurde, seitdem ich mich vor kurzem selbst dabei ertappt hatte, wie ich es vor mich hin gesummt hatte.

Heute war leider auch Gergös letzter Tag. Er würde am Abend nach Jekaterinburg fahren und von dort aus nach Moskau fliegen. Zsolt nahm das gleiche Flugzeug von Moskau aus, aber er würde einen Tag später mit dem Zug nach Moskau fahren.
Ich traf Gergö uns am Nachmittag für ein letztes Bier im Colt-Café um uns voneinander zu verabschieden. Gergö meinte, der Schaschlik sei hier ausgezeichnet, bestellte sich dazu ein großes Bier und genoss die Sonne während er erzählte, dass er am Abend noch ein Mädel treffen wollte… ja, das war mein Gergö, wie er leibt und lebt. Es würde sehr ruhig ohne ihn werden.

Heute musste ich mich auch final um die Zugtickets für meine Sommerreise kümmern; Sina hatte sich wie erwartet noch nicht entschieden, ob und bis wohin sie mitkommen wollte, also hatte ich ihr zu verstehen gegeben, dass ich nun die Tickets nur für mich allein kaufen würde, und dass sie später spontan noch mitkommen könnte, falls noch Tickets verfügbar waren. Gerade der erste Abschnitt meiner Reise Izhevsk - Jekaterinburg war nicht Teil der Transsibirischen Eisenbahn und erst zur Hälfte ausgelastet. Die restlichen Abschnitte waren schwieriger.
Zwei Stunden lang setzte ich mich an die Webseite der Russischen Eisenbahngesellschaft und begann die Reise von Neuem durchzuplanen und überplanen. Da ich nur ein einziges Ticket brauchte, wurde es schon einfacher, passende Züge zu finden. Auch war der Server nicht mehr so ausgelastet wie letzte Woche, weil die zuständigen Programmierer einen Fehler eingebaut hatten: Der eingebaute Kalender zum Auswählen des Abfahrtsdatums gab das Datum im falschen Format an das Suchformular weiter, sodass die Suche mit einem Fehler abbrach. Gab ich hingegen das Datum im alten Format per Hand ein, funktionierte die Suche.

Ich plante nun doch keinen Zwischenstopp mehr in Izhevsk ein und wollte lieber paar Tage länger am Baikalsee bleiben, sodass ich Zeit hatte, auf die Insel zu fahren, die Gergö besucht hatte, und von der er mir so schwärmerisch berichtet hatte.
Nachdem ich sämtliche Verbindungen herausgesucht hatte, versuchte ich mir mein Ticket online zu kaufen. Das war genauso abenteuerlich wie der Verkauf am Schalter. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich so weit durchgeklickt, dass ich mich zu einem Kreditkartenlastschriftverfahren über meine deutsche Bank angemeldet hatte, da bekam ich bei der Datenübertragung nur noch eine leere Seite mit der Meldung: Es ist ein Fehler aufgetreten.

Frustriert gab ich das auch auf. Ich wusste nicht, ob ich nun schon ein Ticket gekauft hatte oder nicht. Per Mail kam keine Bestätigung, also nahm ich an, dass die Transaktion zurückgesetzt worden war. Dann war es eben an der Zeit für Plan B: Selbst zum Bahnhof zu fahren. Ich stellte eine übersichtliche Liste von Zügen zusammen, für die ich je ein Ticket kaufen wollte, schrieb daneben die Klasse und Wagonnummer, die ich mir herausgesucht hatte - die billigste, und wenn nur noch wenige Tickets verfügbar waren, kopierte ich eine andere Zugverbindung in mein Dokument hinein und schrieb groß auf Russisch "Alternative:" darüber. Dann schrieb ich über das ganze Dokument auf Russisch: "Mit Bettwäsche. Platz: Oben nicht-seitlich, wenn möglich." Das ganze gab ich Murik zum Durchlesen und fragte, ob es verständlich sei. Er runzelte etwas die Stirn, meinte aber, es ginge. Er druckte es mir aus und wünschte mir viel Glück. Das machte mir nicht gerade Mut. Auch Ilya schrieb mir über Internet: "Pass auf dich auf!" Als würde ich nachts im Park spazieren gehen wollen. Gut, es war bereits 22 Uhr, aber ich hielt es für besser, die Tickets zu einer Zeit zu kaufen, in der wenig Andrang am Schalter sein würde. Ich wusste ja, welches Theater man für ein einziges Ticket durchmachen musste, aber gleich acht Tickets - das war sicher erstmal ein Ding der Unmöglichkeit, bis man lang genug mit dem Schalterangestellten diskutiert hatte. Ich steckte mir mein Wörterbuch und die Zugliste ein, und ging Bargeld abheben, falls man meine Kreditkarte nicht nehmen würde. Die Webseite hatte die Preise der Tickets ausgegeben, und etwa in diesem Bereich würde sich auch der reale Preis befinden. Maximal würden es 16000 Rubel sein, minimal 13000, also zwischen 325 und 400 Euro.
Das überschritt schon das Auszahlungslimit meiner Kreditkarte, konnte aber durch ein zweites Abheben am gleichen Automaten umgangen werden.

Ich war mir sicher, dass Tram Nummer 1 nun wieder zum Bahnhof, denn ich hatte sie bei der Rückkehr aus Sankt Petersburg dort gesehen. Sicherheitshalber fragte ich in der Tram noch mal nach - zunächst einmal war es die falsche Richtung, und zum anderen - nein. Doch die Fahrkartenverkäuferin war von großmütterlichem Wesen und erklärte mir, dass ich an der nächsten Haltestelle in die Gegenrichtung einsteigen sollte, bis zur Gagarinstraße fahren und dort in einen Bus steigen oder laufen könne. Dann tätschelte sie beruhigend meinem Arm, wünschte mir alles Gute und wollte noch nicht mal das Geld für die Fahrkarte. Das war in sofern eine Geste, weil man in Russland in jedem Fahrzeug erneut lösen musste.

Es war schon ein komisches Gefühl, im dunklen Nirgendwo auf die nächste Bahn zu warten, nur ein einsamer Kiosk mit ein paar jugendlichen Trinkern davor diente als Haltestelle in diesem stillen Wohngebiet. Nach 10 Minuten wurde ich erlöst.
In der anderen Bahn war die Fahrkartenfrau damit beschäftigt, mit einem Trinker zu zanken und ihn zu überreden, die Bahn zu verlassen, weil er offenbar schon den ganzen Abend mitfuhr. Sie rief eine Fahrplanänderung und ich fragte meine Sitznachbarin, was es damit auf sich hatte. Sie sprach sogar ein bisschen Englisch und diskutierte mit der Fahrkartenfrau, als sie kam um uns die Tickets zu verkaufen. Die Änderung war planmäßig, von der Gagarinstraße sollte ich Bus 21 nehmen oder zum Bahnhof laufen. Sie beschrieb mir den Weg zur Bushaltestelle, doch der Einfachheit halber konnte ich einfach den restlichen aussteigenden Fahrgästen nachlaufen. Auf der Stadtkarte sah es aber gar nicht so weit aus bis zum Bahnhof, also ging ich zu Fuß. Angst hatte ich hier überhaupt nicht; ich erfuhr aber auch erst später, dass die Bahnhofsgegend ein Messerstecherviertel war.

Zwei Schalter waren zu so später Stunde noch geöffnet, und noch recht viele Leute wollte Fahrkarten kaufen, aber keiner für den aktuellen Zug. Wenn es schon nachts so aussah, wollte ich gar nicht wissen, wie lang man tagsüber anstehen musste.
Als ich schließlich drankam, schob ich meinen Reisepass und die Zugliste durch den Geldschlitz und hoffte, dass die Angestellte das System verstand. Sie sah mich prüfend an und fragte, ob ich Geld hätte. Ich zeigte ihr das Bündel blauer Scheine, das ich vorhin aus dem Automaten gezogen hatte.
Sie fragte mich noch einige Dinge und ich antwortete so gut es ging mit meinem Wörterbuch. Sie begann zu tippen. Erstaunlich lang zu tippen. Hoffentlich verkauft sie mir nicht auch die Tickets der Alternativverbindungen, begann ich mir Sorgen zu machen. "Eine Person" und "8 Tickets, 8 Züge" hatte ich gesagt. Ich stand auf meinen Zehen wippend vor dem Schalter und versuchte zu erspähen, was sie dort trieb.

Hinter mir bildete sich immer längere Schlange, während die Angestellte tippte und schaute und druckte. Ich wandte mich nach hinten zur Schlange und sagt: "Entschuldigen Sie"; ein Mann antwortete - "ach nichts". In Deutschland wäre man normalerweise nicht so gelassen gewesen und hätte jemanden wie mich mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Bahnhof gejagt.

Dann endlich war sie fertig. Ich bekam 8 glänzende Tickets gereicht und bezahlte 14000 Rubel - gar nicht so viel; es lag im unteren Bereich der Summe, die ich maximal ausgerechnet hatte.
Ich war so froh, es hinter mich gebracht zu haben, dass ich ganz vergessen hatte, der Anstellten zu danken, nachdem ich zur Seite gedrängt worden war und dort meine Tickets kontrollieren sollte, ob alles stimmte. Es passte alles. Ich versuchte hinter der Schlange Blickkontakt herzustellen um wenigstens dankend zu lächeln, aber die Angestellte bemerkte es nicht. Dabei muss ich wohl eine hilflose Figur gemacht haben, denn eine Frau sprach mich an, ob sie mir helfen könnte. Wie nett die Menschen hier doch waren!

Für den Rückweg nahm ich mir ein Taxi, denn es war schon fast zu spät geworden. Niemand hatte versucht mich übers Ohr zu hauen, auszurauben oder sonst etwas mit mir anzustellen.
Murik wirkte ehrlich überrascht, als ich den Computerraum betrat und die Tickets wie Spielkarten im Fächer hielt.

29.06.
Schon morgens waren es um die 26 Grad, stellte ich fest, als ich um 10 zur Schule 22 ging.
An der Bushaltestelle fragte mich jemand nach der Technischen Universität; ich sagte es ihm auf russisch, dass dies die Uni sei - und er hielt mich offenbar für bekloppt, weil ich mich sehr simpel ausdrückte, wo sich die Gebäude befanden. Aber wahrscheinlich ohne Akzent, weshalb er nicht auf die Idee kam, es mit einem Ausländer zu tun zu haben. Er sah mich zweifelnd an und ich warf auf Englisch mit beton amerikanischem Akzent ein: "Mein Russisch ist halt nicht so gut, aber das ist die ISTU." Er schien zu überlegen, was er auf Englisch noch wusste und sagte: "Hasta la vista…!" Filme sind sehr gut für die Allgemeinbildung.


Nahe der Schule 22 kam mir der Trommler-Andrey auf der Straße entgegen, wir begrüßten uns nickend. Izhevsk war wirklich ein Dorf; schlimmer als das, in dem ich aufgewachsen war, weil mir genauso viele Leute auf der Straße traf, die man kannte, und das, obwohl Izhevsk etwa 200 Mal größer war.

Die Schüler steckten mitten in der Vorbereitung auf ihren Schüleraustausch nach Lüneburg. Nun ging es darum, sich praktische Deutschkenntnisse anzueignen, zum Beispiel Fußballvokabular - sie fragte mich, wie man einen Sieg beschreiben konnte. Ich überlegte angestrengt und fand schließlich Ausdrücke wie "vom Platz gefegt", während die Lehrerin alles an die Tafel schrieb und die Schüler es in ihre Heftchen übertrugen.
Dann wollten sie noch Tipps, was sie machen konnten, falls die Kinder in den Gastfamilien nicht mit ihren reden wollten oder sie keine gemeinsamen Themen finden konnten… über was sprachen Jugendliche aller Länder in dieser Generation? Ich war selbst überfragt und schlug Musik zu hören und einkaufen gehen vor; gemeinsam Fußball zu spielen oder an der Spielekonsole zu zocken.

Nach der ersten Stunde gingen wir alle gemeinsam essen; es war ein langer Tisch für uns vorbereitet worden - es gab Fisch mit Kartoffelbrei und russische Minipizzas, die oben auf den Teegläsern lagen um nicht auf dem Tisch liegen zu müssen. Dazu noch für jeden eine Apfelsine. Nun, so ließ es sich leben, und die Schüler beschlossen wohl, dass es auch ihre Pause war und wechselten wieder zu russisch. Nach und nach verschwanden sie, und mit den letzten vier ging ich zurück ins Klassenzimmer.


Die Lehrerinnen hatten verschiedene Themen aufgenommen und sie auf kleine Kärtchen geschrieben, die von den Schülern einzeln gezogen werden sollten: Nach dem Weg zum Kino fragen, sich zum Kino verabreden, und so weiter. Jeder sollte einen Dialog dazu mit mir improvisieren - auf Note, versteht sich.
Die meisten Schüler waren richtig gut und optimal auf Lüneburg vorbereitet. Ich wünschte ihnen viel Spaß und Erfolg und musste mich nun beeilen, zurück zum Wohnheim zu kommen, denn in einer Stunde würde Zsolt nach Ungarn abreisen und ich wollte mich verabschieden, trotz all der grauen Haare, die er mir beschert hatte.
"Du bist eine richtige Lehrerin", sagte Lehrerin Olga beim Abschied und lud mich ein, bald wiederzukommen. Die Lehrerinnen hatten es gern gehört, dass ich noch ein Semester bleiben würde.

Im Bus suchte ich für Zsolt ein paar 10-Rubel-Münzen hervor, weil er die sammelte. Ich nahm wahrscheinlich nicht den kürzesten Weg, aber den kürzesten Weg, den ich kannte, und kam ohne mich zu verfahren im Wohnheim an und erwischte Zsolt noch, der gerade versuchte, die letzten Dinge in seinen Koffer zu quetschen. Ich gab ihm die Rubelstücke und er mir einige Lebensmittel, die er noch im Kühlschrank hatte, unter anderen einen Paprika-Brei, von dem ich mir relativ sicher war, dass ich ihn nicht essen würde.
Ich half ihm beim Tragen seiner Gepäckstücke, sodass er nichts unbeaufsichtigt zurücklassen musste, denn das bekam in Russland bekanntlich Beine. Draußen kamen mir drei Studentinnen entgegen, die Zsolt mir als Studenten der ungarischen Sprache vorstellte. Sie würden im Sommer nach Ungarn kommen, wo sie sich treffen wollten.
Sie hatten ihm ein Taxi bestellt - einen richtigen Luxuswagen, sodass Zsolt wie ein König davonfahren konnte. Sie wollten ihn zum Bahnhof begleiten, somit war meine Pflicht getan. Ich winkte noch einmal und stand dann mit dem komischen Gefühl da, dass alles zu Ende ging.

Alle packten gerade oder waren irgendwohin unterwegs. Albert schreibt von seiner "Dienstreise", dass es zu heiß sei um nach draußen zu gehen, außer morgens und abends. Wer hätte das für möglich gehalten - Ende Juni in Ägypten.
Auch der Cisco-Kurs würde bald zu Ende gehen, heute stand wieder so ein sinnloses Praktikum an.
Genau das hatte sich Farin auch gedacht und machte etwas ganz anderes mit uns - Quality of Service in Cisco-Netzwerken. Damit ich auch etwas davon hatte, versuchte er einige Dinge auf Englisch zu erklären und übersetzte dabei auch immer genau das, was ich schon auf Russisch verstanden hatte. Im Russischen benutzte er seltsame halb-russisch/halb-englische Wortkonstruktionen wie: "esli many matchov" (wenn es viele Treffer gibt), und "ja dropaju" (ich verwerfe) und deklinierte dabei die englischen Wörter wie russische. Und da sagen manche Leute, dass Denglisch schon schrecklich klingt.

Nach dem Praktikum blieb ich wie immer länger und half die Computer runterzufahren und alles in Ordnung zu bringen. Draußen bot mir Farin an, mich wieder in seinem Auto mitzunehmen. Auf dem Rücksitz lag ein Kalender mit Fotos von nackten Frauen. Ich zwinkere: "Hmm, interessant." Er fragte mit unschuldigem Lausbuben-Grinsen: "Was?" und warf eine Mappe mit Dokumenten darüber. Ich grinste und fragte: "Hast du keine Freundin?" Er sah verlegen aus. "Ah...nein...im Moment nicht…"
Es entstand eine seltsame Pause, in der wir uns angrinsten, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, dass der Motor lief, aber er nicht losfuhr.

30.06.
Ich begann den Tag mit ein bisschen Prokrastinieren. Beim Aufräumen fand ich eine Tüte deutsche Buchstabensuppe und kochte sie mir gleich. Ich hatte ganz vergessen, wie gut die im Vergleich zur russischen schmeckte. Selbst Lebensmittel von der gleichen Firma schmeckten in Russland anders als in Deutschland, und sahen teilweise auch anders aus. Haribo-Gummibärchen waren in Russland zum Beispiel viel quietschbunter - das Grün, aus dem die Gummibär-Palmen hergestellt werden, ist ein richtig leuchtendes, und überhaupt werden sie nur in viel kleineren Packungen verkauft, wenn man sie überhaupt im Supermarkt bekam. Und die deutsche Suppe schmeckte viel natürlicher, während die russischen Maggi-Suppen wie alle anderen Tütensuppen hauptsächlich nach künstlichen Aromastoffen schmeckten.

Es war wieder viel zu heiß zum Arbeiten, mein Notebooklüfter lief auf Hochtouren und ich versuchte irgendeinen Ort zu finden, an dem ich arbeiten konnte ohne wie Butter in der Pfanne zu schmelzen.
Die Cisco-Laborversuche, die ich diesmal abgeben musste, ließen sich viel einfacher lösen als im letzten Modul; ich musste kaum die Aufgabenstellung lesen und erstrecht nicht das eigentliche Kapitel, das sie betraf. So verbrachte ich einen großen Teil des Tags mit dem gutem Gefühl, sowieso schon alles zu wissen, an der Gitarre.

1.7.
Wie es mir mittlerweile zur Gewohnheit geworden war, lang zu schlafen… um 12 stand ich auf und schnappte mir sofort die Gitarre und versuchte mich weiter am F-Akkord bis die Finger wieder zu weh taten um weiterzuspielen und beim Tippen auf der Tastatur seltsam zu summen und vibrieren zu schienen. Aber es war schön, die Gitarre immer griffbereit zu haben und mich nicht erst anziehen musste, um sie mir aus einem öffentlichen Raum zu holen, selbst wenn ich nicht die ganze Zeit spielen konnte.
Seit ich eine drahtlose Internetverbindung in meinem Zimmer hatte, verbrachte ich nicht mehr so viel Zeit im Computerraum mit Murik, was ich eigentlich bedauerte. Heute machte ich es mir am Nachmittag wieder einmal bei den Jungs bequem und erfuhr, dass sie heute um 18 Uhr im Colt-Café Abschied feiern würden. Sie luden mich ein, aber als es so weit war, fühlte ich mich zu deprimiert um hinzugehen. Ich würde Murik sehr vermissen - er war wie der große Bruder, den ich nie hatte, obwohl er lustigerweise jünger war. Wir hatten E-Mail-Adressen ausgetauscht und uns versprochen, in Kontakt zu bleiben, aber wir beide wussten, dass wir uns nach nächster Woche nie wieder sehen würden.

So wie Freunde gehen, kommen auch immer wieder neue hinzu. In Roman von der Kazan-Reise hatte ich mittlerweile jemanden gefunden, mit dem ich mich ausgesprochen gut verstand, und der mir stets interessante Informationen über die dunklen Seiten Russlands gab, wenn wir miteinander im Chat redeten.
Seine Eltern arbeiteten als Ärzte und wussten die ein oder andere Gruselgeschichte über ihre Kollegen, die ihren Titel nur gekauft hatten und kaum eine medizinische Akademie von innen gesehen hatten. Von Fehldiagnosen und Ärzten, die überhaupt nicht diagnostizieren wollten, sondern Patienten mit über 39 Grad Fieber über mehrere Tage hinweg nach Hause schickten und ihnen den Ratschlag gaben, sich auszuschlafen. Das klang verdächtig nach dem, was Albert gefehlt hatte. Roman erzählte, ein Bekannter mit diesem Symptomen bei mehreren Ärzten gewesen sei und erst durch Romans Eltern richtig behandelt wurde: Zum Röntgen geschickt, unbehandelte Lungenentzündung festgestellt und Antibiotika gegeben. In Russland möchte man wirklich nicht krank werden.

2.7.
Ilya hatte mich nie ganz vergessen und immer wieder auf dem Handy angerufen um ein bisschen Deutsch zu sprechen und den Kontakt nicht ganz zu verlieren. Mit dem Wiedersehen hatte es ja nie so recht geklappt, aber nun hatte er sich ein weiteres Mal angekündigt: Er brauchte Ersatzteile für sein Auto, und offenbar gab es die nur in Izhevsk, oder vielleicht hatte er auch nur hier die entsprechenden Untergrundverbindungen, die für das Besorgen von Ersatzteilen nötig waren.

Es wirkte wie eine Neuauflage unseres ersten geplanten Treffens im März: Er bestellte mich um 15 Uhr wieder zum Korolenko-Theater, das ich mittlerweile kannte und jedes Mal wieder erstaunt war, dass in diesem Abrisshaus noch Theaterstücke aufgeführt werden. Dagegen wirkte jedes deutsche Theater, das über Streichungen klagt, wie ein übersubventioniertes Märchenschloss.

Wieder stand ich davor, aber sah keinen Ilya. Jemand winkte von der anderen Straßenseite. Er war kleiner als in meiner Erinnerung, in der er von der Statur eines Bären gewesen war. Wir umarmten uns und er bat mich, ins Auto einzusteigen; viel Zeit hatte er nicht, denn sein Vater würde ihn bald abholen kommen - seine Familie wohnte nicht in Izhevsk, sondern einer kleiner Nachbarstadt.
Am Steuer saß ein ehemaliger Studienfreund von Ilya. Er machte uns miteinander bekannt, dann fuhren wir quer durch die Stadt bis wir in den Hinterhof eines Wohnviertels kamen. Ich fragte mich nun wirklich, welche Art von Händler Ilya wirklich treffen wollte, aber er beschwor, dass es ein echter Laden war. Nach wenigen Minuten des Schwatzens stiegen Ilya und ich aus, er verabschiedete sich und wir warteten an der Straßenecke auf Ilyas Vater, der bald darauf ankam. Das ganze Treffen hatte höchstens 20 Minuten gedauert. Ilya beschrieb mir noch, wie ich zur nächsten Straßenbahn kam und wir umarmten uns zum Abschied.


Ich hatte ihm versichert, den Weg schon finden zu können, denn ich hatte meine Stadtkarte dabei, aber dann war ich doch erstmal etwas in der Pampa verloren bis ich die große rote Kathedrale sah, die sich mitten aus dem Stadtbild erhob und wie eine Kompassnadel den Weg zeigte.
Die Bepflanzung des Kathedralenbergs war jedes Mal, wenn ich daran vorbei kam, eine andere; aber immer waren es schöne Ornamentmuster aus nur wenigen Blumen auf einem steilen, grasbewachsenen Hang.

Um 18 Uhr traf ich mich schließlich mit Roman in einer Pizzeria nahe meines Wohnheims zum Austausch unserer Kazan-Fotos. Er hatte eine sehr gute Kamera und entsprechend tolle Bilder, die ich mir auf mein Notebook zog. Roman spendierte die Pizza und wir saßen ewig daran während wir über Holland und Russland und Gott und die Welt sprachen.

Samstag, 2. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 3. (26. Juni bis 27. Juni)

26.06. Um 5:40 Uhr morgens war ich hellwach. Zu dieser Zeit hatte ich meinen Wecker gestellt, denn um 6 Uhr wurde ich von Roman vor der Uni erwartet um gemeinsam zum Festival mit dem klangvollen Namen "die Erschaffung des Friedens" zu fahren. Ich sprang aus dem Bett, machte Katzenwäsche, schnappte meinen schon gestern gepackten Rucksack und stand pünktlich an der Bushaltestelle vor meiner Uni. Nur wusste ich nicht, wer Roman war und ging spähend die Straße entlang; vorsichtshalber grüßte ich jeden parkenden Mann auf Englisch, und schon der zweite war Roman. Am meisten überraschte mich an ihm, dass er wie ein Holländer sprach - in perfektem Englisch, aber mit diesem leichten Akzent, der kaum hörbar neben einem Durchschnittsamerikanisch lag. Die Lösung des Rätsels war ganz einfach: Roman hatte wie ich im Rahmen seines Studiums in Holland ein Praktikum gemacht. Allerdings hatte er an der landwirtschaftlichen Akademie studiert, daher kannte er Mascha, die heute auch mitfahren würde, und sie kannte wiederum Nastya, die ich kannte, aber sie kannte Roman nicht. So bildet sich eine verschlungene Kette aus Bekanntschaften, die dazu führte, dass irgendwie jeder jeden kennt, oder nur ein Kettenglied zwischen zwei sich Unbekannten fehlt.

Zuerst lasen wir Andrey Rylov auf, den Trommelmann, der scheinbar auch überall dabei ist und von allen nur Rylov genannt wird. Er war spät dran und hatte es noch nicht geschafft, Proviant einkaufen zu gehen. Damit hatte Roman gerechnet; er hatte das Gefühl, dass er die einzige pünktliche Person in der ganzen Stadt war, aber sich darauf schon eingestellt. Im Halbschlaf gingen wir mit ihm die die leeren Gänge eines 24-Stunden-Supermarks und dann zurück zum Auto. Noch zwei weitere Mitfahrer wollten wir abholen: Mascha und ihr Mann. Das Auto war geräumig genug um zusätzlich noch unsere Rucksäcke aufzunehmen; was war fast ein Kleinbus mit zweieinhalb Sitzreihen.
Als wir bei Mascha vorfuhren, stand nur ihr Mann bereit; Mascha sei noch in der Praxis, berichtete er. Sie war Tierärztin und hatte in der Nacht gleich drei Notfälle bekommen und so gleich in der Praxis geblieben. Als wir auch sie aufgelesen hatten, fiel Rylov und Roman ein, dass sie ihre Reisepässe vergessen hatten, und so drehten wir noch einmal eine Runde durch die Stadt bis wir um 7:15 endlich aus der Stadt herausfuhren. Roman kontrollierte, dass wir uns alle angeschnallt hatten, denn die Polizeiposten an der Stadtgrenze würden uns sonst eine Strafe aufbrummen. Wegen ihnen waren auch die Reisepässe nötig, denn ohne Papiere durfte man die Stadt nicht verlassen. Die Polizisten ließen uns ohne Weiteres durch. Sie trugen neonfarbene Verkehrswesten, wegen denen sie im Volksmund Papageien genannt wurden.

Es war ein langer Weg, auf dem wir erzählen und immer wieder einnicken. Kazan lag über 350 Kilometer entfernt. Neben Perm im Norden war Kazan im Süden die nächst größere Nachbarstadt. Die sehr grüne und teils bewaldete Landschaft zog sich Ewigkeiten lang immer gleich an uns vorbei; in der Luft kreisten Raubvögel, auf sanften Hügeln standen kleine runde Bäume und es grasten freilaufende Kühe und weiße Ziegenböcke mit geringelten Hörnern. So musste es in Irland aussehen, dachte ich mir, nur weitläufiger. Nur selten sah ich einen Bauernhof, aber einmal sogar eine Ölbohranlage mit den typischen mechanischen Köpfen, die sich auf und ab bewegten.
Wir kamen auch an einer alten Bürstenfabrik vorbei. Der Betrieb war nach dem Ende der Sowjetunion abgewickelt worden und die dadurch arbeitslos gewordenen Fabrikarbeiter hatten kurzerhand die Produktion auf eigene Faust wieder aufgenommen, weil es ihre einige Lebensgrundlage in diesem verlassenen Landstrich war. Nun verkauften sie die Bürsten am Straßenrand; über mehrere hundert Meter waren die bunten Bürsten, Besen und Wedel an Holzpfählen aufgehängt oder in den Boden gerammt worden und erinnerten eher an die Dekoration eines Stadtfestes.


Als wir unsere Republik Udmurtien verließen und nach Tatarstan hineinfahren, wurden die Straßen plötzlich so, wie man es sich von Russland vorstellte: Ein einziges Schlagloch, durchbrochen von Stücken aus Alphalt. Staub lag in der Luft. Die unsere Straße kreuzenden Landstraßen sah man schon aus der Ferne, weil ein hoch aufgewirbeltes Band Staub in der Luft lag, von den Autos, die gerade durchgefahren waren, und ihrem Verlauf folgte.
Doch direkt vor Kazan wurden die Straßen gebaut und neu mit weißem Kies aufgefüllt bevor Asphalt darüber gelegt wurde. Nicht nur Männer betätigten als Straßenbauer; es sah fast aus als würde ein ganzes Dorf mit anpacken, und sogar alte Frauen arbeiteten als Bauarbeiterinnen. Die harte Arbeit in der schon am Morgen drückenden Hitze schien ihnen nichts auszumachen. Sie standen auch auf den Feldern mit Wasserschläuchen und bestellten ganz per Hand ohne aufwendige Technik ihre Felder.

Heute sollten es in Kazan 36 oder 38 Grad werden. Schon bald wurde die Hitze im Auto unerträglich; wir wurden regelrecht durchgegrillt, öffneten Fenster und Dachluke und fühlten uns noch immer nur als ob wir schmolzen. Maschas Mann hielt hundeartige seinen Kopf aus dem Fenster.

Auf meine Couchsurfinganfrage hin hatte ich noch gestern eine Antwort per SMS erhalten und seitdem etwa 5 SMS pro Stunde von einem Jungen, der ganz aufgeregt war, weil er noch nie einen Gast über Couchsurfing hatte; bisher hatte er auch gar keinen Platz gehabt, aber sein Mitbewohner war verreist und so hatte Ilnur die Gelegenheit ergriffen, mich einzuladen. Er hatte zwar nicht die Zeit, auf das Festival mitzugehen, wollte mich aber am Nachmittag schon mal treffen um alles für die Nacht abzusprechen.

Als wir in Kazan ankamen, legten wir erstmal eine Frühstückspause ein. Es gab Weißbrot, das mit dicken Scheiben einer russischer Wurstart namens Kolbasa belegt war. Es war eine rosafarbene, gut 10 Zentimeter im Durchmesser messende Wurst, die an Jagdwurst erinnerte. Roman erzählte, dass seine Tante einmal einen Rattenschwanz in so einer Wurst gefunden hatte. Sie hatte es gut dokumentiert und die Beweisstücke aufgehoben und anschließend die Hersteller verklagt. Sie hatte tatsächlich Recht bekommen und eine Entschädigung von der Firma erhalten, die jedoch bei weitem nicht so hoch ausfiel zum Beispiel in den USA, aber immerhin. Es erstaunte mich fast ein wenig, von einem funktionierenden Rechtssystem in Russland zu hören. Von der Wurst wollte ich kein weiteres Stück.

Wir ließen das Auto stehen und spazierten den Rest des Weges in die Innenstadt hinein. Kazan machte einen ziemlichen Eindruck auf mich, was nicht zuletzt daran lag, dass eine schlanke aber mächtige Moschee innerhalb einer weißen Festung das Stadtbild dominierte. Meine Begleiter erklärten, dass dies die größte Moschee in ganze Russland war, und dass sie noch von den Tataren gebaut worden war, genau wie die Festung, und dass es den Russen erst nach der zweiten Belagerung gelungen war, Kazan einzunehmen. Man hatte die Festung übernommen, aber eine Kirche neben die Moschee gebaut. Trotz russischer Herrschaft blieben die meisten Einwohner Muslime, und auch heute hatten sich die Tataren ausgeprägten einen Nationalstolz erhalten. Tatarstan war ein Land im Land, etwa wie Bayern. Roman meinte scherzhaft, wenn Russland irgendwann einmal auseinander brächte, würden die Tataren von Kazan aus wieder anfangen, ein Weltreich aufzubauen, und damit beginnen, unser schönes Udmurtien zu erobern. Und wir hätten keine Chance, trotz der Waffenfabriken. Der Osten Russlands würde an China fallen, philosophierte Roman weiter. Schon jetzt lebten in Wladiwostok mehr Chinesen als Russen, und sie würden einfach schleichend das Land besiedeln und dann irgendwann Anspruch darauf anmelden. Sankt Petersburg würde sich auch von Russland abspalten, spannen wir weiter, weil es satt hatte, immer nur die zweite Geige hinter Moskau zu spielen. Da bliebe nicht mehr viel von Russland übrig.

Unterhalb der Festung war eine große Bühne aufgebaut worden, und noch ein Stückchen weiter sah es aus, als wäre ein Ufo gelandet. Es war der Zirkus der Stadt. Vor uns liefen Jungs mit albernen Papierhüten, die aussahen wie zweckentfremdete McDonalds-Burger-Verpackungen. Passend dazu stand XXL darauf.

Das Gelände war abgesperrt und wir waren nicht sicher, wie wir hineingelangen konnten. Polizisten bewachten die Eingänge. Mascha diskutierte kurz mit ihnen, dann gingen wir Richtung Ufo, wo sich die eine ganze Reisegruppe um zwei sichtlich überforderte Mädels scharrten, die einen ganzen Sack voller Besucherausweise zu verteilen versuchten. Die meisten zeigten kurz ihren Reisepass und bekamen einen Ausweis ohne dass jemand einen Blick darauf geworfen hätte. Wir stellten uns mit unseren Reisepässen dazwischen und hielten die Hand auf. "Habt ihr euch auf der Webseite registriert?", fragte eine der Mädels pro forma. "Öhm, ja, klar", antworteten einige, "danke." Nach einer Minute hatten wir alle unsere Besucherausweise und setzten uns ein Stück entfernt in die Sonne. Nun waren wir VIPs und konnten in den inneren Zirkel des Festivals vordringen: Die abgesperrte Wiese vor der Bühne. Es spielte sogar schon eine Band, aber es erinnerte eher an Sinas Bands als an Musik. Wir beschlossen, stattdessen erst einmal den Kreml zu besichtigen und stiegen hinauf zur Burg, denn nichts anderes bedeutete das Wort "Kreml". Rylov war nicht ganz so begeistert davon und setzte sich von uns ab, weil er lieber den ganzen Tag auf dem Festival den Bands zuhören wollte, während die anderen hauptsächlich einen schönen Tag verbringen wollten, und die Hitze das Ausharren auf der schattenlosen Wiese den ganzen Tag nicht sehr angenehm machen würde.

Doch die Organisatoren hatten mitgedacht und einen Wagen der Straßenreinigung bereitgestellt, aus dem ein breiter Schwall Wasser auf die Straße strömte. Er war umringt mit Festivalbesuchern, die ihre Shirts, die sie nicht mehr trugen, unter dem Wasser klitschnass machten und sie sich stattdessen um den Kopf wickelten und über die nackten Schultern legten. Andere füllten sich ganze Flaschen ab und spritzten sich damit gegenseitig voll bis die weißen Kleidchen der Mädels ganz durchsichtig waren.

Als echter Anhalter im Geiste hatte ich natürlich mein Handtuch dabei, das ich zwar eher für die Übernachtung gedacht hatte, mir aber jetzt als Kühlung und Sonnenschutz diente. Natürlich hatte ich auch Sonnencreme dabei, und überhaupt meinen halben Hausrat für alle Eventualitäten. Roman war so lieb, sich als Träger dafür anzubieten und nahm ihn auch immer wieder, wenn ich ihn mir nach einer Pause schon selbst aufgeschnallt hatte.

Die Moschee wirkte noch viel prächtiger, wenn man direkt davor stand, aber gleichzeitig sehr verspielt, kein Vergleich zu den monumentalen Moscheen von Istanbul. Auch rief kein Muezzin vom Minarett.
Aber die Zwiebeltürme der benachbarten orthodoxen Kirche sahen auch eher aus wie aus Tausendundeiner Nacht, als wären sie mit silbernen Sternen dekoriert worden. Auch andere Bauwerke innerhalb der Kremlmauern wirkten erst auf den ersten Blick christlich, auf den zweiten muslimisch, zum Beispiel der schiefe Turm mit den sandkastenförmchenartigen Etagen. Ich hätte ihn für einen Kirchturm gehalten, wenn darauf nicht ein Halbmond gethront hätte. Man müsste sich dazu wohl doch näher mit der (Bau-)Geschichte befassen.

In den Burgmauern selbst befanden sich Souvenirstände, und im Hof befand sich eine Pyramide aus Glas, die man als Tourist mit Geld bewerfen musste, und es gab Ferngläser, mit denen man einen detaillierten Blick auf die unter uns liegende Stadt bekommen konnte. Roman erzählte, in Holland hatte er in diese Ferngläser, die mit dem Einwurf von einem Euro aktiviert werden konnten, einfach mal ein 2-Rubel-Stück geworfen, und es hatte ebenfalls funktioniert.
Das habe ich später, als ich in Deutschland und Holland auf Heimaturlaub war, ausprobiert: In Wahrheit sind die meisten Automaten sehr gut in der Erkennung von Münzen; ich probierte es an Briefmarkenautomaten, öffentlichen Telefonzellen, Bahrkartenautomaten usw.; tatsächlich klappte es nur an zwei verschiedenen Automatentypen: Jene zum Pressen einer Souvenirmünze aus 5 Cent, in die man zusätzlich einen Euro stecken musste. Und bei öffentlich elektrischen Modelleisenbahnen wie sie in viele mittelgroßen Bahnhöfen in Deutschland stehen.

Von hier oben sahen wir, dass es sogar einen Strand an einer breiten Flussbucht gab, in der viele Leute wirklich badeten, trotz der eher zweifelhaften Wasserqualität sämtlicher russischer Flüsse, die durch Städte fließen. Dahinter befand sich ein Vergnügungspark wie sie ebenfalls in russischen Städten üblich sind; ein Riesenrad ragte vor den Bäumen auf. In der Luft zog ein Hubschrauber seine Kreise.


Auf dem Festival spielte schon die dritte oder vierte Gruppe, aber bevor wir dorthin zurück wollten, gingen wir erst einmal den nächsten Supermarkt suchen um uns kalte Getränke zu kaufen. Sehr viele Festivalbesucher hatten die gleiche Idee, und so mussten wir nur dem dünnen, aber nicht abreißenden Strom von Leuten folgen, die das Festival verließen.

Als wir wiederkamen, waren es plötzlich sehr viele mehr Besucher geworden, die in hippieartigen Gemeinschaften Tänze auf der Straße veranstalteten, und seltsame Leute mit Holzkreuzen und wehenden Tüchern stakste auf Stelzen durch die Menge. Wir gingen mit unseren Besucherausweisen um den Hals an den Polizisten und Absperrungen vorbei auf die Wiese. Dort breitete Mascha ein großes Picknicktuch aus, auf dem wir alle Platz fanden. Der gemütliche Teil des Tages konnte beginnen.
Die Musik war weiterhin sehr durchwachsen, und sogar meine russischen Begleiter kannten nur zwei oder drei der angekündigten Bands. Sie waren auch alle wegen der Band Splin hier.
Als die Musik in gar zu tiefe Abgründe rutschte, meldete ich mich mit Roman freiwillig, Mittagessen zu besorgen. Diesmal war im Supermarkt so viel Antrag, dass sie uns erst gar nicht hinein ließen; kurzerhand ließen sie die Rollläden hinab und da es auch keine freien Schließfächer für unsere Rucksäcke mehr gab, wurden sie in große Tüten verschweißt, die man mit in den Laden hinein nehmen durfte. Man traut in russischen Supermärkten seinen Kunden nicht, das hatte ich ja schon an der Käse-Diebstahlsicherung gesehen.

Nach etwa 20 Minuten öffneten sie den Supermarkt wieder für neue Kunden; wir kauften die restlichen Eierkuchen und ähnliche Backwaren, dazu mehr Wasser und beeilten uns an die Kasse zu kommen um den Auftritt von Splin nicht zu verpassen, doch die Schlange hier war fast noch länger als die auf dem Klo, und dort hatten wir schon so lange angestanden, dass die Toilettenfrau begonnen hatte, die Frauen aufs Männerklo umzudelirieren.
Jemand an der Kasse hinter uns hatte unser Gespräch mitgehört und sprach uns auf Englisch an; er konnte gar nicht recht glauben, dass Roman Russe war; mit seinem Aussehen ging er schon als Holländer durch.

Als wir zurück zu den anderen kamen, hatten wir noch gut fünf Minuten bis Splin auftrat. Das wäre perfektes Timing gewesen, wenn Splin dann auch gespielt hätte. Sie schienen jedoch noch irgendwo festzustecken, weshalb eine andere Band vorgezogen wurde.
Von den anderen Izhevskern konnte ich keinen entdecken; nur ab und an sah ich die Stadtflagge von Izhevsk an einer hohen Holzstange neben der von Kazan auftauchen, mit denen sie vor den Kameras der Fernsehteams herumwedelten. Das Logo von Izhevsk hatte ich nie recht deuten können; es waren wohl Pfeil und Bogen vor Ebereschenzweigen. Wäre eine Kalaschnikow nicht passender gewesen?

Ich versuchte Nastya und Stasya per Handy zu erreichen, aber sie waren bestimmt zu sehr damit beschäftigt, ausgelassen zu tanzen mit dem Rest der tobenden Menge in den vorderen Reihen direkt vor der Bühne.
Dann endlich kam Splin und die Menge begann zu toben. An den Absperrungen drängten sich die Zuschauer so heftig, dass es aussah, als würden sie die Zäune einreißen, Frauen wurden auf die Schultern ihrer Begleiter gehoben und die Anzahl an Polizisten hatte sich etwa verdreifacht. Eh ich mich versah, war ich auch Teil der Menge geworden, mitgerissen von der Musik, von der Stimmung, und von der Leidenschaft, die die Musiker in ihren Auftritt steckten.

Bei der nächsten Band kippte die ganze Stimmung erschöpft um. Plötzlich lagen alle Besucher auf der Wiese in der Sonne, und einige schliefen sogar. Endlich hatte auch Nastya meine SMS gelesen und kam zu uns hinüber. Sie waren mit der restlichen Izhevsker Busladung vor der rechten Bühne gelandet. Plötzlich war ich auch sehr müde, und Nastya ging bald wieder zu den anderen zurück. Roman war mittlerweile völlig sonnenverbrannt, obwohl ich ihm schon bei unserer Ankunft in Kazan angeboten hatte, meine Sonnencreme zu nutzen. Nun war es zu spät, aber er nahm sie trotzdem.



Mein Gastgeber Ilnur hatte mich wieder kontaktiert und gebeten, dass ich mich kurz mit ihm träfe. Roman wollte mich nicht allein gehen lassen und kam mit zum Treffpunkt. Er sprach dann auch einige deutliche, direkte, ernsthafte Sätze auf Russisch mit Ilnur, die ich zwar nicht verstand, aber ich war ziemlich sicher, dass er mich gerade für zwei Kamele und einen Wasserboiler verkaufte. Wir verabschiedeten uns von Ilnur und Roman meinte, es sei wohl ein anständiger Junge, und dass er mich dann im Auto zu ihm fahren wolle.

Das Wasser aus dem Straßenreinigungswagen floss immer noch, obwohl es bestimmt nicht der gleiche Wagen war; diesmal sprühten sie das Wasser in einer hohen Fontäne in die Menge, sie im Licht der untergehenden Sonne tanzte.


So neigte sich der Abend seinem Ende zu; zuletzt trat die russische Antwort auf Udo Jürgens auf, der offenbar auch bei allen bekannt war, sodass sie Menge wieder tobte und kreischte, und sie am Schluss alle "Russland - Champion" sangen. Ich kicherte; das hätten sie wohl gern. Russland war bei der Fußballweltmeisterschaft diesen Sommer schon in der Vorrunde rausgeflogen.

Ich war die einzige, die während der letzten Lieder müde lag ich im Gras lag; ich hatte sogar Maschas Mann zum Tanzen weggeschickt, der sonst immer bei unseren Sachen geblieben war, und mich dazu bereiterklärt diesen Job zu übernehmen.
Zum großen Finale explodierte ein gigantisches Feuerwerk über den leuchtenden Türmen der Moschee während sämtliche Künstler des Festivals gemeinsam auf der Bühne standen und "Give Peace a Chance" sangen.

Der Mond stand groß und leuchtend gelb über dem Kreml als wir im Strom der anderen Besucher das Festivalgelände verließen. Es sah nach Überstunden für die Straßenreinigung aus.
Ich gab Ilnur bescheid, dass wir nun auf dem Weg waren. Er wartete schon draußen auf dem Hof auf uns. Roman hatte mir noch angeboten, zu seinem Cousin mitzukommen, dessen Geburtstag sie nun noch feiern würden, aber ich winkte ab; dazu war ich zu müde. Wir verabredeten uns für morgen 11 Uhr um zurück nach Izhevsk zu fahren.

Bei Ilnur erlebte ich wieder russische Gastfreundschaft bis zum Platzen. Zuerst bestand er darauf, dass ich die Okroschka-Suppe aß, die Freundinnen von ihm gestern zubereitet hatten. Es war allerdings weniger eine Suppe als mehr ein hoher Topf voller unterschiedlicher Zutaten wie Kartoffeln, Ei und Wurst, von denen er mir den Teller vollud und anschließend mit Kwas aus einer Getränkeflasche übergoss. Wenn das schmeckte, überlegte ich mir, könnte ich das tatsächlich auch einmal selbst zu kochen versuchen. Es schmeckte jedoch nicht. Trotzdem aß ich es brav auf und musste mir danach einen riesigen Becher Eiscreme mit Früchtesalat schmecken lassen. Als Ilnur mir einen zweiten Becher füllen wollte, protestierte ich so gut ich konnte und bat, lieber duschen gehen zu dürfen. Es ist eine effiziente Methode, der russischen Gastfreundschaft zu entkommen: Einfach um etwas anderes zu bitten, das Essen ausschließt.

Trotz Müdigkeit unter hielten wir uns bis in die frühen Morgenstunden, und auch danach sollte ich nicht viel Schlaf bekommen. Ilnur war so aufgekratzt, dass er bereits nach vier Stunden wieder wach war; er meinte aber, er brauche generell nicht viel Schlaf. Ich meinte, ich schon, und drehte mich noch einmal um. Er ließ mich bis 8 Uhr schlafen, dann versuchte er mich die nächsten zwei Stunden lang zum Aufstehen zu zwingen,, weil er gerne noch mit mir plaudern wollte und auch Frühstück für uns vorbereitet hatte.

27.06.
Gegen 10 stand ich dann auch wirklich auf, weil es mir nicht gelungen war, die Bettdecke zurückzuerobern und er begonnen hatte mich zu kitzeln. So saß ich also mit Ilnur bei einer Tasse Tee in der Küche und wartet auf meine Leute. Die hatten jedoch verschlafen.
Ich war relativ erleichtert, dass sie doch noch vor dem Mittag auftauchten, denn Ilnur hatte mir schon wieder Okroschka und Eis angeboten.
Meine Schlaf holte ich dann im Auto nach. Roman fuhr schnell, wir kamen schon um 17 Uhr in Izhevsk an. Ich fand den Abschied etwas schade und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, sich noch ein anderes Mal zu treffen. Schon allein um die Fotos auszutauschen, die wir gegenseitig von uns gemacht hatten.

Aber nun musste ich mich wieder beeilen, Sina hatte um 18 Uhr wieder einen Auftritt im Club bei Detskij Mir - und ich musste als ihr Groupie natürlich dabei sein. Nur leider gab gerade jetzt meine Kamera endgültig den Geist auf. Sie hatte sich schon in den letzten Tagen immer wieder mit undefinierbaren Fehlermeldungen abgeschaltet, aber jetzt blieb sie mitten beim Abschalten so stehen wie sie war und gab keinen Mucks mehr von sich.

Am Abend traf ich Murik beim Kofferpacken. Er würde auch demnächst abreisen, diesmal für immer.
Er hatte fünf Jahre lang in diesem Wohnheim gelebt und war selbst überrascht gewesen, dass sich in all dieser Zeit nur 40 Kilogramm an Besitztümern angesammelt hatten, die es wert waren, sie nach Turkmenistan mitzunehmen. Die restlichen Kleidungsstücke hatte er in großen Säcken gesammelt um sie der Wohlfahrt zu übergeben. Zwischen seinem Zimmer und dem Computerraum fand sich eine Spur einzelner Socken.
Aus Neugier stieg ich selbst auf die Wage, mit der Murik seinen Koffer gewogen hatte - ich wog gerade noch 45 Kilogramm und war damit nur ein wenig schwerer als Muriks Koffer.

Murik hatte nach langem Mühen seine Masterarbeit beendet und sein Heizsystem auf riesigen Plakaten hier im Druck- und Kopierzentrum der Uni drucken lassen. Er zeigte sie mir stolz. Ein paar Fehler seien noch drin, aber das wäre schon in Ordnung, denn diese Fehler hatte er in seinem Gutachten erwähnen können, das er selbst hatte schreiben müssen, weil sein Professor keine Lust dazu gehabt hatte. Er meinte, es sei üblich in Russland - und der Student zog seinen Vorteil daraus, sich selbst bewerten zu können und einige größere Fehler unter den Tisch fallen lassen zu können.
Ich half ihm, die Ausdrucke zu sortieren und hielt die großen gerollten Papiere auf dem Tisch fest.
Murik versuchte sich an einen Trick zu erinnern, wie man diese Rollen mit einem Stück A4-Papier so präparieren konnte, dass die Ränder seiner Plakate garantiert nicht geknickt wurden: Er knickte das Schutzpapier zweimal längs, bog es und stülpte es wie einen Schutzmantel über die zusammenrollten Plakate.

Dima hingegen hatte bei seiner Masterarbeit mit organisatorischen Probleme zu kämpfen: Er hatte am Freitag die Masterarbeit nach dem zweiten Versuch und jede Menge Aufschieberei fast rechtzeitig abgegeben, aber zu diesem Zeitpunkt war sein Professor schon zu betrunken gewesen um ein Gutachten zu schreiben, denn er hatte den ganzen Tag Staatexamensverteidigungen zugehört, zu denen die Studenten den Professoren traditionell Essen und Getränke in Form eines Picknicks mitbrachten, und manchmal eben auch einen guten Tropfen Alkohol. Er wollte wohl auch Dima das Gutachten nicht selbst schreiben lassen, was Dima aus lauter Aufschieberei sowieso nicht innerhalb einer Woche geschafft hätte und versprach es am Montag zu machen, berichtete Dima über Internet.

Ich sah nachdenklich zu Murik hinüber. Es würde nicht das Gleiche sein nächstes Semester ohne ihn. Er winkte mich zu ihm, ich solle mir mal diesen Clip ansehen. Er hatte immer irgendetwas Interessantes im Internet entdeckt und erzählte mir allerlei Informatives, das ich sofort wieder vergaß. Eigentlich blieben bei mir nur Informationsfetzen hängen, wie dass die Band Gorillaz aus nur einem einzigen Künstler bestand, der sie als Nebenprojekt gegründet hatte und damit unerwarteterweise noch viel erfolgreicher geworden war.
Ich hingegen berichtete Murik vom Festival und er fragte, ob ich mir eigentlich eine Gitarre gekauft hatte, obwohl er mir davon abgeraten hatte, und warum ich sie ihm noch nicht gezeigt hatte. Er klang beinahe entrüstet. Ich meinte, es sei keine Gitarre zum Angeben, brachte sie aber trotzdem rüber. Murik stimmte sie für mich einmal durch und spielte kurz darauf. Sie sei schon OK, meinte er freundlich.