Sonntag, 28. November 2010

Auf großer Reise, Teil 3: Novosibirsk.

22.7.
Die Nacht im Zug verlief ruhiger, wenn mich nicht gerade ein schlaftrunkener Fahrgast auf dem Weg zur Toilette rammte und die Tür zuknallte. Ich hatte das letzte verfügbare Ticket für diesen Zug zu diesem Verkaufszeitpunkt erhalten, und das galt nun mal für den unbeliebtesten Platz direkt an der Toilette, in Hör- und Geruchsweite praktisch. Es war die Hochsaison der Reisezeit, und ich fuhr bereits auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn, wenn auch nicht in dem berühmten Zug selbst - beziehungsweise sollte man sagen: in den berühmten Zügen, denn der als Transsib gekannte Zug besteht aus den Zuglinien 1 und 2, von Moskau nach Wladiwostok, und zurück von Wladiwostok nach Moskau. Auf dieser Strecke war ein Zug 8 Tage lang unterwegs, und alle zwei Tage fuhr er aus jeden beiden Städten ab. Ich war in einer billigeren Zuglinie unterwegs, die nicht bis Wladiwostok durchfuhr. Als Faustregel konnte man sagen, dass die Nummer des Zugs den Grad des Luxus darin anzeigt - so sind die besten Züge Nummer 1 und 2, die auch immer von Touristen gebucht werden; dann gibt es die Züge, die noch OK sind - die reichen bis in die Hunderter-Nummern, und dann gibt es die Tausender-Nummern, die man als verwöhnter Tourist mit europäischen Standards meiden sollte.

Nun fuhr ich direkt ins Herz Sibiriens, seine Hauptstadt: Novosibirsk. Sie lag nur einen Tag von Jekaterinburg entfernt - so rechnet man Entfernungen in Russland, nicht etwa in Kilometern, sondern in Tagen. Durch das Fenster sah ich die seltsamste Landschaft vorbeiziehen: Nackte Birkenwälder ohne Blätter, die sich wie ein flaches Gebirge in einigen hundert Metern Entfernung zeigten, dazwischen standen einzelne belaubte Bäume. Ich konnte mir nicht erklären, wie so etwas zustande kommen konnte.


Im Bett unter mir saß eine nette Oma, die den Namen Galya trug. Sie fordert mich auf, aus dem Bett zu kommen um mit ihr zu Mittag zu essen und Tee zu trinken.
Man kann alten Leuten in Russland nichts abschlagen - sie sind echte Respektspersonen. Ich holte mir also Teewasser aus dem öffentlichen Samowar, der sich am Anfang von jedem Wagon befand - wie in den alten Zeiten, und wahrscheinlich noch aus den alten Zeiten stammend, denn er wurde immer noch mit Kohlen beheizt. Durch die offene Kesseltür konnte man ins Innere sehen.
Das Wasser war kochend heiß, und als ich den vollen Becher durch den schwankenden Zug balancierte, verbrannte ich mir folglich und vollkommen logischerweise die Hände. Innerlich fluchend stellte ich den Becher auf dem kleinen Tischchen unter meinem Bett auf und ging auf die Toilette um kaltes Wasser über meine Hände laufen zu lassen. Der Wasserhahn war so konstruiert, dass man ihn ständig gedrückt halten musste um Wasser daraus zu erhalten. Besonders kühl war es nicht, aber das Fenster stand offen um den Geruch im Raum zu mildern, also hielt ich meine nassen Hände aus dem Fenster und ließ sie vom Fahrtwind kühlen.

Als ich zurück zu Galya kam, hatte sie schon sämtliche Vorräte ausgepackt, die sie dabei hatte: Von Quarktaschen, Kartoffeln und seltsamen grauen Fleischstückchen bis hin zu essbarem Gebäck. Ich holte meine Vorräte dazu und wir begannen uns ein wenig zu unterhalten - soweit es meine Russischkenntnisse zuließen.
Es war sehr warm im Zug, aber zumindest ließen sich die Fenster in einigen Abteilen öffnen - dort, wo man sie aufgebrochen hatte und eine Flasche dazwischengeklemmt hatte um das Fenster offengehalten.
Wir gingen gemeinsam zum Spazieren nach draußen als ich am Fahrplan die Aufenthaltszeit herausfand: 23 Minuten. Andere Reisende standen noch länger an dem Plakat, waren aber mit dem Umrechnen von der Moskau-Zeit auf dem Fahrplan zur aktuellen Zeit auf ihrer Uhr überfordert. Wir waren Moskau mittlerweile drei Stunden voraus.

Trotz dem Fahrplans war es ratsam, sich nicht zu weit vom Zug zu entfernen, also in Sichtweite der Zugbegleiter zu bleiben, sodass sie einem signalisieren konnten, wenn der Zug zur Abfahrt bereit war. Zum Einkaufen musste man auch nicht weiter als zwei Schritte gehen, denn die Händler brachten ihre Waren wie immer direkt zum Zug. Hier verkauften sie Fische, die durch ihre Köpfe an eine Kette gefädelt waren; andere verkauften gekochte Kartoffeln oder typische Supermarktsnacks in einem kleinen Wägelchen und Bier in 2-Liter-Flaschen. Ein Mädchen in meinem Alter trug einen Pappkarton mit Eiscreme-Packungen in den Händen und pries es laut an. Es musste mittlerweile geschmolzen sein, obwohl es gar nicht so warm draußen war - der sibirische Sommer war um die 10 Grad kühler als im restlichen Russland, hatte ich beim Verfolgen des Reisewetters bemerkt.
Als unser Zug abfuhr, zerstreuten sich die Händler schnell. Viele machten sich nicht die Mühe, bis zum Ende des Bahnsteigs zu laufen um die Schienen über den Übergang zu überqueren - sondern kletterten mitsamt ihrer Waren unter dem neben uns stehenden Zug hindurch.

Es wurde langsam Abend. Der Sonnenuntergang dauerte gut zwei Stunden, bis gegen 22 Uhr das Glühen am Horizont plötzlich zu gewitterartigen Wolken mutierte - in einem Moment waren die Wolken feurig-orange eingefärbt, im anderen waren sie von hinten düster beleuchtet. Das Scheinen wurde immer blasser, wurde zu mehreren langen Streifen, die sich scheinbar endlos am Horizont entlang zogen, und dann zu einem einzigen schwach leuchtenden Band, und dann war es dunkel.


Ich sollte um ein Uhr morgens in Novosibirsk ankommen, aber gegen 22:50 bekam ich plötzlich Zweifel an meiner Uhrzeit, als ich die Lichter einer Vorstadt im Fenster auftauchen sah - hatte ich die Zeit doch falsch umgestellt? Ich fragte meine Nachbarn nach der Uhrzeit, aber die stimmte mit meiner überein. Ich verglich meinen Zeitplan mit meiner Fahrkarte und bemerkte meinen Fehler: Ich hatte ich die Zeitdifferenz von Jekaterinburg zwei mal draufgerechnet. Das hieß, ich würde schon um Mitternacht ankommen.
Ich informierte meine Gastgeberin in Novosibirsk über meinen Fehler, und sie schrieb zurück, es sei kein Problem, sie würde mich um Mitternacht vom Bahnhof abholen.

Galya hatte sie schon für ein Nickerchen hingelegt und stand für mich auf - um mich zu verabschieden. Ich hatte den ganzen Nachmittag Origami-Figuren für sie gebastelt, worüber sie sich sehr gefreut hatte. Sie und unsere Sitznachbarin halfen mir mit dem Gepäck, indem sie einen Mann baten, mir den Koffer hinunter zu heben. Nun hatte ich noch eine halbe Stunde. Wie saßen auf ihrem Bett und hatten den Koffer auf eine der anderen Liegen gehoben, weil die Zugbegleiterin gerade zum Bodenwischen durchkam. Meine Sitznachbarn hatten sich schon für schmutzigen Boden im Zug fremdgeschämt - so etwas konnte man doch nicht von ausländischen Touristen sehen lassen!

Kurz vor der Ankunft wollte ich schon mal meinen Koffer nach vorn zum Ausgang tragen und dann zurückkommen um meinen Rucksack zu holen - für beides zusammen war der Gang einfach zu schmal. Doch - trotz meiner Erklärung, dass ich gleich zurück käme - trug mir Galya den Rucksack hinterher.
Sie kam auch mit nach draußen, als der Zug hielt, und drückte lautstark ihre Sorge aus, wo denn meine "Freundin” bliebe. Ich erklärte ihr, dass sie im Bahnhofsgebäude auf mich wartete. Ihrer Beschreibung nach wartete sie unter den Anzeigetafeln, trug etwas weißes, hatte einen attraktiven Mann und einen herumspringenden Teenager dabei.

Ich bedankte mich bei Galya für alles und schleppte den Koffer die Treppen hoch und runter, immer den Schildern "Eingang zum Bahnhof" hinterher - zumindest hoffte ich, dass es "Eingang” hieß. Zwischen dem Wort Eingang und Ausgang lag nur ein Unterschied von einem Buchstaben: Wchod und Wychod. Nein, doch, das war eine Vokabel, die ich von Splin gelernt hatte: Wychoda net - kein Weg hinaus.

Eva fand ich sofort auf den erste Blick. Sie stellte mich den anderen vor: Ihrem guten Freund Anton, auf den sie offensichtlich ein Auge geworfen hatte, und ihren Sohn Ilya. Eva umarmte mich wie eine alte Freundin. Wir gingen zum Ausgang, Anton nahm wie selbstverständlich den Koffer und lud ihn in sein japanischem Auto mit Lenkrad auf der falschen Seite und einer Beule an der anderen Seite. Der Wagen war neu, und er war noch nicht an die andere Fahrerseite gewöhnt.

Vor Evas Haustür lud Eva Anton zu einem Tee ein, aber ihm war es schon zu spät am Abend, aber morgen würde er vorbeikommen, meinte er.

Es gab keinen Fahrstuhl in ihrem Haus. Eva und ich - wir beide wollten wir meinen Koffer nach oben tragen - schließlich trugen wir ihn zusammen in die 5. Etage, doch es war mittlerweile leichter für mich, ihn allein zu tragen, weil ich herausgefunden hatte, welche die beiden richtigen beiden Stellen waren, an denen ich ihn anpacken musste. So kam ich problemlos mit dem Gepäck zum Baikalsee und zurück.

Evas Wohnung war chaotisch, aber gemütlich. Wir setzen uns bei Tee und Melone zusammen und stellten fest, dass wir uns gegenseitig im Internet völlig anders eingeschätzt hatte. Sie hatte endlos Energie und ich kam gar nicht zum Reden, und sie fragte mich, warum ich so ruhig sei.
Ihr Sohn brachte uns wohlerzogen Tee und schenkte ihn für uns ein.
Unser Frauengespräch in einer Sprache, die er nur wenig verstand, wurde ihm bald zu langweilig, und er zog sich auf seine Matratze zurück. Sie erzählte mir sofort alles aus ihrem Leben, und ich hörte gern, wenn auch etwas erschöpft, zu.
Ilya wollte bald schlafen, und so gingen wir ins Gästezimmer, das sie für mich hergerichtet hatte: Eine breite Matratze, die in eine ausklappbare Couch mündete. Dort hockten wir bis drei Uhr morgens, und Eva erzählte mir ihre real erlebten Geistergeschichten: Sie sei einmal eine halbe Minute lang in ihrem Bett von einer unsichtbaren Kraft zu Boden gedrückt worden, und ein anderes Mal sei sie von etwas Durchsichtig-Haarigem gebissen worden - sie habe es dann gepackt und festgehalten, und sogar in ihrem Kopf damit gesprochen: "Ich lasse dich los, wenn du mich loslässt”, und der tierische Geist habe von ihr abgelassen.
Ich konnte es nicht so recht glauben, aber sie wirkte aufrichtig, als sie es erzählte. Und sie zwar schon der zweite Gastgeber in Folge, der von Geistererscheinungen berichtete, denn auch Artjom hatte mit von einem Schatten erzählt, den er bei seiner früheren Arbeit als Polizeibeamter in der Leichenhalle gesehen habe. Er beschrieb ihn als Schatten, der dunkler war, als das Dunkle, und zu keinem Körper gehörte.
Dazu kam, dass der Glaube an Hausgeister in Russland noch sehr verbreitet war. Angeblich hatte jedes Haus einen eigenen Geist, der Gutes tun konnte, aber wütend wurde, wenn man schlecht über ihn sprach, und dann Schabernack trieb. Artjom war überzeugt gewesen, dass der Geist seines Hauses in seiner Wohnung lebte. Und Eva hatte die Begegnung mit dem ersten Geist in dieser Wohnung gehabt.
Ich liebe Geschichten dieser Art - ich bin mit Geschichten über Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness aufgewachsen, und nichts hätte mich mehr gefreut als selbst einmal so eine unerklärliche Begegnung zu erleben. Gleichzeitig aber hat mich die Liebe zur Wissenschaft dem unbedingten Glauben beraubt, sodass ich immer alles zu erklären versuchte, was ich erlebte. Ich würde erst dann an Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness glauben können, wenn sie sich persönlich bei mir vorstellten.
Ich schlug Eva die Theorie vor, dass ihr der Verstand einen Streich gespielt hatte. Sie hielt es für real, weil es real in ihrer Wahrnehmung gewesen war. Aber was war unsere Wahrnehmung schon anderes als elektrische Signale im Gehirn? Da kann es auch ab und zu eine Fehlzündung geben, argumentierte ich. Zum Beispiel, wenn man im Halbschlaf liegt und plötzlich das Gefühl hat, zu fallen und davon wach wird - und feststellt, sich gar nicht bewegt zu haben. Ich bin kein Gehirnforscher, aber intuitiv würde ich Evas Erlebnisse in die gleiche Kategorie einordnen.
Doch ein Teil von mir möchte die Existenz von Übernatürlichem nicht ausschließen, deshalb nahm ich mir vor, bei Gelegenheit eine Nacht an einen Ort zu verbringen, an dem es laut Eva todsicher Geister gäbe: Die verlassenen Dörfer um Umkreis der Städte, aus denen alle jungen Menschen weggezogen waren und die alten einsam starben.

23.7.
Der Sibirische Sommer zeigte sich von seiner schönsten Seite mit Dauerregen bei 13 Grad, während im europäischen Russland wahrscheinlich schon die 40-Grad-Marke geknackt wurde.

Ich kam gegen 12 aus dem Bett - ich litt ein wenig unter einem Jetlag ohne geflogen zu sein.
Ilya schlief, und ich wusch leise das Geschirr ab, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, aber ich wollte nett sein, und es war kein rechtes Wetter zum Spazieren. Eva war auf Arbeit und würde erst am Abend heimkommen.
Ilya stand gegen 13 Uhr auf. Ich fragte ihn, ob er etwas essen wollte, was er heute machen wollte, und ob er vielleicht etwas aus dem Supermarkt wollte? Nein, er wollte wohl in aller erster Linie seine Ruhe, oder positiver ausgedrückt: Er war ein guter, bescheidener Junge.

Eva wohnte an einer großen Straße mit vielen Einkaufszentren. Ich hatte bei ihr keinen Regenschirm finden können und sah mich im erstbesten Einkaufszentrum nach Schirmen um, aber seltsamerweise gab es keine, trotz des offenbar normalen Sommerregenwetters. Wahrscheinlich besaß jeder Einwohner Novosibirsk bereits eine ganze Sammlung Regenschirme und der Markt war gesättigt.

Ich nahm einen Bus um vielleicht trotz des Regens im Zentrum ein paar schöne Dinge zu entdecken. Wie gewohnt wählte ich zielsicher die falsche Richtung. Ich kann machen, was ich will, wenn ich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in eine bestimmte Richtung fahren will, kann ich sicher sein, dass ich erst in der falschen Richtung unterwegs bin. Das System lässt sich jedoch nicht austricksen - steige ich bewusst in die Richtung ein, die ich nicht gewählt hätte, wenn ich nicht versucht hätte, das System auszutricksen, war es trotzdem die falsche Richtung. Aber so lernte ich wenigstens die Stadt kennen. Und es war trocken im Bus.

Aus irgendeinem Grund klebte ein 10-Rubel-Stück am Boden des Busses. Darauf war ich in Jekaterinburg schon reingefallen, auf der Treppe eines Einkaufszentrums.
Ich stieg an irgendeinem Supermarkt aus und kaufte mir ein Mittagessen, stieg in den Bus in die Gegenrichtung ein und an einer Metro-Station aus, denn sie führte laut Evas Beschreibung direkt ins Zentrum. In der Metro stieg ich natürlich wieder in die falsche Richtung, aber ich wollte sowieso die einzelnen Stationen sehen, denn die sowjetischen Metro-Stationen waren unterirdische Paläste. In Novosibirsk waren sie jedoch kein Vergleich zu Moskau oder Taschkent; ich entdeckte nur eine beeindruckende Station mitbunten Glasmosaiken, die verschiedene Städte Sibiriens darstellten.

Es hörte den ganzen Tag nicht auf zu regnen. Die Straßen und Fußwege waren mit tiefen Pfützen bedeckt, und wenn ich kurz unaufmerksam war, weil ich in der Gegend umher schaute, trat ich mit Sicherheit schon wieder in eine Pfütze. Ich war froh, nicht nur meine Sandalen und Sommerkleidung mitgenommen zu haben, und dass meine Jacke etwas Regen abhielt.
Trotz des schlechten Wetters fanden eine ganze Menge Hochzeiten statt; das das man an den Limousinen, die das berühmte Opernhaus umzingelten. Dort ließ jedes Brautpaar Fotos von sich schießen; alle hatten professionelle Fotografen angeheuert, der ihnen Regieanweisungen gab, wie sie durch den Säulengang zu schlendern hatten.


Novosibirsk war keine besonders romantische Stadt, die Millionenstadt war zu groß für meinen Geschmack, und breite Autobahnen zogen sich hindurch. Mitten auf einer dieser breiten Straßen stand wie eine Insel eine kleine golden verzierte Kapelle.

Ich verschwand ab und zu in einem Supermarkt um der Kälte zu entgehen. Dima schrieb mir per SMS, in Izhevsk sollten es heute 37 Grad werden. Langsam wünschte ich mir doch die Hitze zurück. Ganze Wasserfälle liefen mir von der Brille hinunter, und von meinem nassen Haar in den Nacken hinein. Ich rettete mich in Unterführung und machte Kriegsrat. Es war einfach nur Museumswetter - war da nicht eine Reklame von einer Mark-Chagall-Ausstellung gewesen?
Es war nicht weit, ich fand es schnell; sie war im Stadtgeschichtlichem Museum untergebracht. Ich kaufte mir ein Ticket für sämtliche Ausstellungen in diesem Museum und richtete mich auf einen langen Nachmittag darin ein.
Nun, Chagall war enttäuschend; es waren nur Bibelthemen-Skizzen ausgestellt, aber die urgeschichtliche Ausstellung für nur 25 Rubel war faszinierend; sie zeigte die Entwicklung in dieser Gegend von der Stein- und Bronzezeit über das traditionelle Leben der offenbar mongolischen und buddhistischen Urbevölkerung bis hin zur Revolution und dem zweiten Weltkrieg. Besonders faszinierte mich eine alte Landkarte, die teils auf russisch, aber teils auch in einem alten Holländisch beschriftet war, zum Beispiel mit der Überschrift "van het landt en stadt".

Das Museum schloss um 17 Uhr und ich wurde nach draußen gekehrt. Zuerst ging ich in einen Buchladen, doch dann beschloss ich, es aufzugeben und zum Fußaufwärmen heimzufahren. Eva würde noch bis mindestens 21 Uhr in einem Meeting sein, aber um diese Zeit sollte Ilya auch schon wieder zu Hause sein - Eva hatte erst mir den Zweitschlüssel geben wollen, aber ich meinte, ich wäre eh die meiste Zeit draußen unterwegs, Ilya könne ihn behalten.

Und ich war länger draußen unterwegs als ich erst gedacht hatte - natürlich, weil ich den Bus in die falsche Richtung nahm, dabei war ich mir diesmal so sicher gewesen, richtig zu sein.
Ich kam direkt in die Rush-Hour. Der Bus steckt im Verkehr fest, und ich war eingeklemmt zwischen einem Trinker und einer nervösen Zuckerin. Nach einigen Minuten des kompletten Stillstands betätigte diese Frau den Notknopf um die Tür zu öffnen und hetzte in Richtung eines Bahnhofs davon. Da wurde mir erst bewusst, dass ich in der falschen Richtung unterwegs war.
So überquerte ich nun aber auch den Fluss Ob, über den viele lange Brücken führten, kam über eine Marx-Straße in einen interessanten Stadtteil, der mich an Dresden-Neustadt erinnerte. Dass es gerade aufgehört hatte zu regnen, nahm ich als Zeichen, hier noch ein wenig spazieren zu gehen. Viele Busse mit Nummern im Tausender-Bereich sausten an mir vorbei, und ich lachte froh auf, als ich die Nummer 1337 sah. Den musste ich aus Nerd-Gründen noch mal erwischen und fotografieren.
Doch es kam kein zweiter, auch gut 15 Minuten später nicht. Ich dachte schon, mich geirrt zu haben und in Wirklichkeit die 1331 gesehen zu haben, doch dann kam er, als ich gerade die Straße zur Metro überqueren wollte. Der Fahrer schaute nur mit einem Fragezeichen im Gesicht zu mir hin, weshalb ich ihn fotografierte, aber das konnte man einem normalen Menschen nicht erklären ohne noch mehr Fragezeichen zu verursachen.

Ich nahm also die Metro zurück, stieg im Zentrum noch mal raus, fand, dass innerhalb von zwei Stunden die Stadt nicht interessanter geworden war, und ging Abendessen einkaufen. Mein Rucksack platzte schon fast von den vielen sinnlosen Einkäufen, die ich gemacht hatte um meine Aufenthalte im Supermarkt zum Aufwärmen zu rechtfertigen.

Nun fand ich sofort heim, aber niemand zu Hause. Gerade als ich es mir vor der Tür gemütlich machte, kam Ilya um die Ecke und nahm wohlerzogen meine Einkaufstüte und trug sie hoch. Es war nun schon 20:30 - ich hatte gut die Zeit vertrödelt.

Eva kam kurz nach 21 Uhr und kochte uns die Pelmeni, aß aber selbst nichts, weil sie auf einer speziellen Diät war, die nur kleine Malzeiten über den Tag verteilt vorsah. Als sie aber sah, mit welchem Genuss ich die Pelmeni mit der sauren Sahne saß, genehmigte sie sich auch ein paar davon. Dazu tranken wir Erdbeerlikör, und sie schenkte mir eine Flasche Zedernölschnaps aus Sibirien, das am besten in einem heißen Getränk schmecke, erklärte sie dazu. Die Flasche war nicht groß, aber nun lag ich über der zulässigen Menge Alkohol, die man nach Deutschland einführen durfte, denn ich wollte einen halben Liter Nemiroff Birkenwodka für meine Eltern und einen halben Liter Kalaschnikow-Wodka für meine Willkommen-Zurück-Party mitbringen.
Ich beschloss dieses Problem durch Ignorieren des Problems zu lösen. So arbeiten Informatiker: Probleme werden behandelt, wenn sie auftreten.

Eva schnitt eine Honigmelone auf, und dann zogen wir uns wieder in das Gästezimmer zurück, lagen auf dem Bettsofa, aßen einen Käsezopf, obwohl das gegen Evas Diät ging, und diskutierten wieder über Geister. In der Nacht war ich nicht von Geistern heimgesucht worden, sondern von viel irdischeren Mücken, die mich sogar in den Ringfinger bissen, der daraufhin anschwoll. In Sibirien fraßen Insekten Menschen, hatte irgendjemand erzählt. In den Gefangenlagern hätten Insekten die Menschen bis auf die Knochen abgenagt, der ganze Körper sei von ihnen bedeckt gewesen... Irgendwie wollte ich noch nicht schlafen, obwohl Eva schon ins Bett gegangen war. Ich widmete mich etwas Origami und wartete auf... irgendetwas.


24.7.
Der Plan war gewesen, etwas früher aufzustehen um zu Evas Schwester zu besuchen - um ihr Englisch beizubringen. Dann wurde es doch nur um 10 als Eva aufwachte und mich weckte. Nach einer schnellen Dusche und ohne Frühstück verließen wir das Hause - waren uns doch ähnlicher als es gestern den Anschein gehabt hatte, und ich gewann auch langsam mehr Energie zum Gegenhalten gegen ihr energetisches Auftreten. Eva hatte festgestellt, dass wir nie aufhörten zu quatschen, außer denn wir schliefen.

Wir spazierten im überraschend sommerlichen Wetter bei glühender Sonne und 25 Grad zur Metro - dummerweise hatte ich gerade gestern die Sonnencreme aus dem Rucksack genommen, die ich sonst immer mit mir herumgetragen hatte. Dadurch dass es eine Hauptverkehrsstraße war, wirkte die plötzliche Hitze noch drückender.
In der Metrostation lud Eva ihr Telefon an einem der vielen dafür vorgesehenen Automaten auf, die sich immer unten in den Metrostationen befanden, genau wie Geldautomaten - während ich die Marken kaufte, mit denen man durch das Drehkreuz kam; sie wurden auch hier wie in Istanbul Jetons genannt, wahrscheinlich aus dem Französischen, jedenfalls begann das Hin und Her, wer wem die jeweilige Fahrt spendieren durfte.
Wir stiegen an der schönsten Metrostation aus und ich knipste eilig Fotos der Glasmosaike, und war froh, gestern deswegen nicht extra ausgestiegen zu sein. Eva erzählte mir von den Städten, die darauf abgebildet waren - Tomsk sei einen Besuch wert, es sei eine alte europäische Stadt mitten in Sibirien.

Als wir die Metrostation verließen, kamen wir am Ufer des Ob heraus und hatten einen schönen Blick auf die vielen Brücken. Von hieraus nahmen wir einen Minibus zu einem Satellitenstädtchen namens Akademikerstädtchen, das mir Eva unbedingt zeigen wollte. Es sei der schönste Teil Novosibirsks. Es war als neues Forschungszentrum außerhalb der Zentren in Moskau und Petersburg gegründet worden und bestand nicht nur aus Instituten, sondern bot auch Wohnfläche im Grünen, Cafes und Bars... es war perfekt für Studenten, und für uns zum Spazieren. Die größte Sehenswürdigkeit war wohl das Haus, an dem ein Hamsterkäfig, ein Springbrunnen, Blumentöpfe und ein Windrad aus leeren Wasserflaschen gebaut worden waren - aber es war weder Hamster noch Wasser zu sehen.

Wir kehrten in eine Pizzeria auf dem Weg ein; Eva bestellte neben klassischer Pizza türkische Pizza, die hier mit saurer Sahne gegessen wurde. Dazu tranken wir den leckersten Eistee, den ich je probiert hatte: Mit Erdbeergeschmack. Es schien die Modefrucht dieses Jahr gewesen zu sein, nach dem Motto "Zurück zu Altbewehrtem".

Das Akademikerstädtchen hatte wirklich eine eigene Atmosphäre, und es gab eine ganze Menge englisch sprechender Leute, in der Pizzeria war es eine ganze Schulklasse.
Nicht weit entfernt, sodass wir zu Fuß hingehen konnten, befand sich ein Stausee des Ob, den Eva das "Meer" nannte, und tatsächlich war das Reservoir riesig, mit einer bewaldeten Insel und besaß am Ufer einen breiten Badestrand, sogar mit Umkleide und Imbissbuden, wie ein richtiger Strand. Nur schade, dass es hier nur einen Monat pro Jahr richtig warm war.
Es wirkte sehr einladend.
Ich hatte meinen Bikini noch im Rucksack und ging mich umziehen, aber Eva sprang spontan im T-Shirt ins Wasser.
Das Wasser war eisig, aber angenehm - ich blieb nur 15 Minuten drin um mich dann im heißen Sand aufzuwärmen, während Eva noch schwimmen war.


Ich hatte kein Handtuch, dabei, deswegen bedeckte ich mich vollständig mit Sand und warte in der Sonne bis der getrocknete Sand von mir abfiel. Ich sammelte ein paar Flusssteinchen für meinen Cousin, der eine Steinweltkarte erstellen wollte. In Izhevsk hatte ich nie welche gefunden, immer nur Sand; und am Baikal gäbe es zu viele heilige Orte, von denen man zusammen mit dem Stein einen Fluch mitnähme, erzählte Eva. Sie kannte viele Legenden; sie erzählte, Angara, der einzige abfließende Fluss aus dem Baikalsee sei ein fliehendes Mädchen gewesen, das den Mann nicht heiraten wollte, den Vater Baikal für sie vorgesehen hätte - das erzürnte ihren Vater, der seine drei Söhne ihr hinterher schickte, aber sie wollten die Tochter nicht zurück bringen und wurden in Steine verwandelt - die noch immer am Ufer des Flusses stehen, der nun trotz allem mit seinem Geliebten Jenissej zusammenfloss. So oder so ähnlich.

Die vorherrschenden Religionen in dieser Gegend waren Schamanismus und Buddhismus, erzählte Eva, und ich solle unbedingt einen buddhistischen Tempel auf einem Hügel bei Ulan Ude besuchen. Diese Wegbeschreibung klang so geheimnisvoll wie alles, was ich dort vorzufinden erwartete.

Wir hatten die Zeit und vor allem Evas Schwester ganz vergessen - sie rief and machte sich Sorgen, wo wir denn blieben, so gingen wir nass wie wir waren - Eva im nassen T-Shirt und ich im Bikini - zurück die Eisenbahnbrücke hinauf, die Straße hoch und trockneten in der Sonne. Ein Freund rief an, er hatte sie aus dem Minibus heraus gesehen und fragte, wie es mit ihrem Plan stand, ihn zu verkuppeln und wer das Mädchen neben ihr war. Dann verursachte ich beinahe einen Auffahrunfall und Eva meinte, ich sollte besser was überziehen.
Ich sollte ein Buch schreiben: "Die Russland-Diät - ohne Diät zu machen in nur 5 Monaten zur idealen Bikinifigur”.

Es war immer noch ziemliches Stück zu Evas Schwester, sodass wir dort trocken ankamen. Irina und Eva waren wie Tag und Nacht, ich fand keine Ähnlichkeit, weder im Aussehen noch im Charakter. Sie schienen auch keine enge Beziehung miteinander zu führen, und Eva bestätigte es später. Irina bereite Tee und Butterbrote zu, bot selbstgemachte Marmelade an und ließ mich im Internet surfen, während sie mit Eva einige Englischnotizen durchging. Ich kam später dazu um gemeinsam auf Englisch zu sprechen. Sie sollte sehen, dass es tatsächlich nützlich für sie sein konnte, die Sprache besser zu beherrschen. Dann ließ uns Eva allein, doch Irina schämt sich, und wenn sie etwas nicht verstand, und rief sie sofort nach Eva, aber ich ermutigte sie, es allein zu versuchen und nutze andere Worte zum Ausdrücken meiner Fragen. Ich glaube, ich bin ein besserer Lehrer als ich ein Schüler bin - hätten wir auf Russisch gesprochen, hätte ich wohl auch nach Eva gerufen.
Es wurde unversehens spät, und wir entschieden uns, besser aufzubrechen um den Zug nicht verpassen und noch mit Anton Tee trinken zu können.

Wir waren vorhin nicht an einer Haltestelle ausgestiegen, sondern an einer Kreuzung, weil Eva den Fahrer gebeten hatte, dort anzuhalten. Das war in Russland noch relativ üblich, und wurde normalerweise hauptsächlich von älteren Frauen praktiziert, oder von Leuten, die es wirklich eilig hatten.
Nicht weit entfernt parkten dennoch einige Minibusse. Eva fragte freundlich nach, ob sie dorthin fuhren, wohin wir wollen, aber die Fahrer meinten, sie parkten nur. Ein besonders freundlicher Fahrer bot uns jedoch an einzusteigen und brachte uns kostenlos vom Stellplatz zur richtigen Bushaltestelle ein Stück von hier entfernt, nachdem er zwei Minuten lang vergeblich versuchte den Motor zu starten.

Im nächsten Minibus raste der Fahrer völlig lebensmüde; wir hielten uns aneinander fest und versuchten uns irgendwie abzulenken - das war aber gar nicht so einfach bei dem ganzen Hupen, Ausweichen und den quietschenden Bremsen. Es war schon weithin böse, wenn sogar echte Russen Angst im Straßenverkehr bekamen.
An der ersten Metro stiegen wir mit weichen Knien aus. Für die ganze Strecke hatte der Fahrer statt 40 nur 20 Minuten gebraucht. Trotzdem sagte Anton ab, es war ihm zu spät geworden, oder er hatte wohl doch andere Pläne gemacht.

Wir wollten uns allein ein schönes Abendbrot machen. Es waren noch Pelmeni übrig, außerdem Bouillon von den Pelmeni gestern. Wir gingen in den winzigen Gemüseladen in der Nähe von Evas Wohnung, deren Besitzer sie offenbar kannte und sich anschreiben ließ, da sie gerade nicht genug Geld dabei hatte. Auch ihr Sohn ließ hier anschreiben, stellten sie bei einem Blick durch das Buch fest. Eva wollte nicht nur Gemüse kaufen, sondern viel Obst um es mit Schokolade zu glasieren.

In der Nacht hatten wir das Pelmeni-Wasser auf Herd vergessen; es roch seltsam nach Spülwasser, sodass wir es wegkippten und neue Pelmeni kochen - es wurde sehr viel Essen, bestimmt noch genug für morgen. In die kochenden Pelmeni schnitt Eva die Kartoffeln hinein und ließ für den Geschmack russische Riesenpetersilie mitkochen. Kleine, stark gerüschte Petersilie wie bei uns gab es hier nicht.
Eva erhitzte die Schokolade im Wasserbad und tunkte mit viel Vorfreude die Pfirsich- und verschiedenen Melonenstückchen hinein. Das ganz kam dann in den Kühlschrank - es war nicht mehr viel Zeit bis mein Zug fuhr, aber bis wir fertig mit dem Hauptgang waren, war der Nachtisch kalt genug. Bei Eva hatte ich so unglaublich gut gegessen wie schon lange nicht mehr, und die Idee mit dem direkte Zusammenkochen des Gemüses mit den Pelmeni wollte ich mir merken und selbst mal ausprobieren - genau wie Eva noch nie auf den Gedanken gekommen war, das Pelmeni-Wasser zu nutzen um eine Suppe daraus zu kochen. So bereichert man sich gegenseitig kulturell.

Nun musste ich mich mit dem Packen beeilen, weil wir kein Auto hatte um zum Bahnhof zu kommen. Eva schenkte einen alten Gürtel, dass mir die Hose nicht mehr so rutschte. Sie wollte mir auch ein anderes Gürtel-Asseoir schenken, das man nur über den Pullover um die Taille trug, aber es hatte nicht genug Löcher für mich.
Ich sagte mein "Poka” zu Ilya, trug allein Koffer runter - denn es ging leichter als zu zweit, und so schwer war er auch nicht mehr, seit wir die Flasche Wodka in Jekaterinburg geleert hatten. Eva hatte Outfit geändert und stellte fest, dass Flipflops nicht so gut zum Koffertragen geeignet waren, deshalb ließ sich mich gewähren.
Wir nahmen den Bus zusammen. Eva hatte erst jetzt die Origami-Figuren entdeckt, die ich in der Nacht gebastelt hatte, aber bestand darauf, dass ich ihr zeigte, wie ich das gemacht hatte, und so begannen wir gemeinsam im schwankenden Bus mit den verklebten Sitzen zu basteln.


Erst am Bahnhof wurde es schwierig, den Koffer zwischen all den Menschen die Treppen hochzubefördern. Ein freundlicher Kerl bot Hilfe an, dachte ich zumindest, aber Eva meinte, der wollte Geld. Sie sagte ihm, seine Hilfe sei nicht nötig, und er ließ den Koffer gehen.
Wir waren halbe Stunde zu früh dran, aber Zug war schon angeschrieben Novosibirsk - Wladiwostok. Es war ein dichtes Gedränge, und wir mussten sehr lang laufen bis wir Wagon 18 erreicht hatten.
Mein Platz war wieder seitlich, aber unten und ausnahmsweise nicht an der Toilette.
Meine Sitznachbarn unternehmen keinerlei Kontaktversuche; es schien eine verschworene kleine Gruppe zu sein. Eva hatte mich noch hinein begleitet bat zwei Kerle meinen Koffer hinauf ins Gepäckfach zu stemmen.
Es wurde eine lange Verabschiedung, wir versprachen uns innig uns wiedersehen und gemeinsam irgendwohin zu reisen. Dann war auch Novosibirsk schon vorbei.
Ich schlief lange nicht ein, meine Freunde in Izhevsk vermissend.

Samstag, 20. November 2010

Auf großer Reise, Teil 2: Jekaterinburg.

19.7.
Von Schnarchern der in der Nacht zugestiegenen Gestalten wurde ich bis etwa fünf Uhr morgens wach gehalten, dann war ich schließlich so erschöpft, dass ich bei einem Erdbeben hätte schlafen können. Treten konnte ich sie nicht, weil es allen Anschein nach fette Skinheads waren. Ich fragte mich langsam, ob es wirklich nur ein Zufall war, dass ich immer mit so etwas in einem Abteil landete.
Der Zug hatte sich in der Nacht noch gut gefüllt, und am Morgen stand eine lange Schlange am Waschraum - jeder versuchte, schnell noch seine Zähne zu putzen oder sich die Haaren zu kämmen bevor die Toilette abgesperrt wurde. Um schneller zu sein, drängten sich die Mädels schon zu zweit in den winzigen Raum, besonders, wenn sie eigentlich hinter mir in der Schlange standen und plötzlich eine gute Freundin vor mir entdeckten.
Ich befand mich immer noch im Halbschlaf, als ich ein letztes Kartenspiel mit Anna und Ivan spielte. Kurz vor dem Eintreffen des Zugs in Jekaterinburg kontaktierte ich meinen Gastgeber per SMS, erhielt aber keine Antwort, ob er schon am Bahnhof auf mich wartete.
Ivan half mir beim Hinausheben meines Koffers aus dem Zug, und dann dabei, den Koffer in das Bahnhofsgebäude zu bringen, denn man hatte beim Bau des Gebäudes wie überall an russischen Bahnhöfen nicht damit gerechnet, dass Reisende mit Koffern unterwegs sein würden, und man hatte es selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in 20 Jahren nicht geschafft, Rolltreppen oder Fahrstühle einzubauen.

Meine beiden Reiseabschnittsgenossen wurden von Ivans Schwester abgeholt, die ebenfalls Anna hieß - das hatte er ganz bestimmt mit Absicht so gedeichselt, scherzte sie; nach einem alten Glauben bringe es Glück, wenn man zwischen zwei Personen mit gleichem Namen stand. Wir Mädels umarmten uns und versprachen, uns am Nachmittag zu kontaktieren um gemeinsam spazieren zu gehen.
So letzte ich mich in die Sonne vor den Bahnhof und wartete mit weiteren bestellten und nicht abgeholten Reisenden. Noch war ich optimistisch, aber als Artjom auch nach mehreren Anrufen nicht ans Telefon ging, wurde mir schon etwas mulmig zumute. Ich war so ziemlich allein in einer Stadt, die ich nicht kannte, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo ich heute Nacht schlafen konnte. Dabei hätte ich am liebsten jetzt schon geschlafen. Warum nicht? Ich kramte meine beiden Handtücher aus dem Koffer hervor, legte eins auf den Absatz, auf dem ich saß, und eins als Kopfkissen auf meinen großen Koffer. Sonderlich bequem war es nicht, aber ich saß so lang da, dass sogar schon die Vögel zutraulich wurden - ich war zum German Shaolin geworden. [Diese Anspielung versteht bestimmt niemand; der Film ist ja uralt und bestimmt kein Kultfilm, sondern einer eine zufällige Erinnerung aus meiner Kindheit vor dem Fernseher.]

Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu und bat mich, auf seine Tasche aufzupassen, während er kurz an den Kiosk wollte; ich antwortete auf Englisch "sure" - sicher doch, und er stellte sie neben mir ab. Ich wunderte mich, dass er das einfach so hinnahm.
Als er zurück kam, hatte er eine offene Bierflasche in der Hand, nahm seine Sachen aber nicht wieder mit, sondern ging um die Ecke zum Telefonieren. Ich wurde immer schläfriger und ließ meinen Kopf auf den Koffer sinken. Der Typ kam zurück und bat mich darum nicht zu schlafen. Er gab mir seinen iPod und sagte, ich solle mir das Lied anhören, das wäre er in seinem Chor.
Erst als er das nächste Mal fünf Minuten später zurück kam um mit mir zu plaudern, bemerkte er, dass ich gar nicht Russisch mit ihm gesprochen hatte, erzählte er später. "Wem habe ich da mein Gepäck überlassen?", hatte er sich erschrocken gedacht.

Er stellte sich ebenfalls als Ivan vor und gab mir übertrieben freundlich mehrfach die Hand - immer, wenn wir uns irgendwie verstanden hatten. Er sprach Russisch, ich englisch, und es klappte überraschenderweise doch. Er wiederholte immer wieder, wie beeindruckt er war, dass es so gut klappte. Ich erfuhr, dass er versuchte die Stadt zu verlassen, aber von seinen Freunden ignoriert wurde, die ihn mit dem Auto abholen sollten. Genau wie mein Gastgeber. Da wir nun auf unbestimmte Zeit hier festsaßen, konnten wir uns auch anfreunden, dachten wir uns wohl beide. Wir tauschten unserer Kontaktdaten von vkontakte aus, und ich beschloss statt immer nur meinen Namen aufzuschreiben, meine ID auswendig zu lernen, da ich sowieso ständig auf meiner Reise danach gefragt werden würde. Ivan bedauerte, dass er nicht weitere Lieder von sich auf seinem iPod hatte und sang schließlich live für mich: Von Splin "Vyxoda net", und das sogar sehr gut; ich war begeistert. Er sah aus wie ein Gopnik, aber er hatte die Seele eines Künstlers.

Ich kontaktierte schließlich Ivan und Anna und bat sie, im Fall, dass Artjom nicht kommt, mir beim Suchen einer preiswerten Unterkunft zu helfen. Sie versprachen in einer Stunde vorbeizukommen.
Doch Artjom rief bald - nur 3 Stunden zu spät - zurück, und entschuldigte sich vielmals. Sonst hielt er seine Versprechen, beteuerte er, aber sie hätten gestern so viel getrunken mit seinem anderen Couchsurfing-Gast, sodass er sein Handy nicht gehört hatte. Der Gast war auch gleich mit ihm gekommen; er hieß Barisch und kam aus Istanbul. Hier in Jekaterinburg hatte eine eine Russin über Internet gefunden, mit der er nun ein Paar war.
Barisch hatte die Nacht besser weggesteckt als Artjom, der immer noch dicht war. Sie freundeten sich sofort mit Ivan an, der sie seine Gesangsaufnahme anhören ließ.


Nun waren Ivan und die beiden Annas schon auf dem Weg zum Bahnhof, weshalb ich ihnen bescheid gab, dass wir auf sie warten würden. Nach einer halben Stunde trafen sie ein, und ich tauschte mit Anna viele Umarmungen aus wie zwischen alten Freunden, die sich jahrelang nicht gesehen hatten.
Wir stellten uns alle untereinander vor, und es dauerte etwas, bis jedem klar war, wie sich diese Ansammlung unterschiedlichster Menschen gebildet hatte. Aber die drei Neuankömmlinge passten nicht so gut hinein in die Gruppe von Trinkern und Abenteurer sämtlicher Nationalitäten. Ich stand irgendwo dazwischen; einerseits fühlte ich mich Artjom verpflichtet, der nun extra gekommen war, andererseits wollte ich bei Anna blieben... wir lösten das Problem, indem wir uns zum Spazieren in einer Stunde verabredeten, nachdem ich meinen Koffer bei Artjom untergebracht hatte. Ivan, der Sänger, wollte am Bahnhof bleiben.

Der andere Ivan mit seinen zwei Annas verabschiedete sich um etwas essen zu gehen, und wir warteten auf die Freundin von Barisch, die uns mit dem Auto abholen würde, da Artjom kein eigenes besaß. Sie kam weitere 20 Minuten später und stellte sich als Dascha vor. Sie brachte uns zu Artjom, den sie auch erst vor kurzem kennengelernt hatte - genauer als Barisch seinen Besuch angekündigt hatte. Es war ihr doch ein wenig mulmig gewesen, einen Fremden zu sich einzuladen und hatte Barisch Couchsurfing, und genauer Artjom, vorgeschlagen.

Artjoms Wohnung war groß und einladend; er ging erstmal duschen um die Lebensgeister zu erwecken, während er mir Frühstück anbot. Barisch hatte türkische Süßigkeiten mitgebracht, die niemandem so recht schmeckten; es war grüner Blätterteig mit Gewürzen, wie ich ihn auch in Istanbul gesehen hatte.
Eine kleine schneeweise Katze mit blauen Augen schlich um den Tisch herum. Sie hieß Bakschisch und war Artjoms kleiner Glücksbringer, nachdem er den Kater auf der Straße gefunden und einen Haufen "Bakschisch" beim Tierarzt in ihn investiert hatte. Das Wort hat tatsächlich auch eine positive Bedeutung, im Sinne von Almosen für die Armen.

Durch die ganzen Verzögerungen waren wir schon eine Stunde zu spät, bevor wir überhaupt losfuhren um die beiden Annas und Iwan in der Stadt zu treffen.
Wir trafen uns am Platz von 1905, der den Namen des Jahres der ersten, fehlgeschlagenen Revolution trug, und über dem erwartungsgemäß Lenin prangte.
Unabhängig davon wirkte die Stadt sehr modern; es gab eine richtige Skyline aus Hochhäusern, und im Moment wurde am höchsten Hochhaus des Nordens gebaut.


Wir gingen an einer Uferpromenade des Flusses Isset spazieren, schossen gegenseitig Fotos von uns und fanden die Zeitkapsel, die 1973 von den Kommunisten im Boden eingelassen worden war und im Jahr 2023 zum 300-jährigen Bestehen der Stadt ausgegraben werden wollte. Wir scherzten, was man da drin wohl finden würde - wahrscheinlich Glückwunsche zu Weltkommunismus, oder Lenin selbst - der echte, dessen Körper dort unten kryotechnisch gelagert wurde. Oder die ultimative Waffe im Kampf gegen den Kapitalismus. Damals hatte man ja nicht ahnen können, dass dies der Kapitalismus selbst war.

An einem großen Springbrunnen vor einem modernen Glasgebäude angelangt, schien es uns, als hätten wir alles in der Stadt gesehen, was man so sehen konnte, und wir kamen überein, ins Kino zu gehen. Ich war gern mit von die Partie, während sich Artjom um mich besorgt fragte, ob ich es nicht verschwendete Zeit sei, wenn ich den Film nicht verstand. Aber nach diesem Argument hätte ich mir auch meine russischen Vorlesungen sparen können...

Es war genau wie in Deutschland verboten, seine eigenen Lebensmittel und Getränke mit ins Kino zu nehmen. Und wie man sich schon denken kann, war dies eher als Herausforderung zu sehen so viel Knabberzeugs wie möglich in den Taschen und Rucksäcken unterzubringen. Artjom spürte den Kater kommen und nahm sogar eine Flasche Bier mit, die er während des Films trank und danach stehen ließ. Der Film war eine Disney-Adaption von Goethes Zauberlehrling, aber so simpel, dass man ihn auch auf Chinesisch hätte anschauen können. Artjom war trotzdem besorgt, dass ich die Witze nicht verstand und übersetzte sie simultan für mich.

Nach der Vorstellung lernte ich Artjoms persönlichen Fahrer kennen, der mittlerweile sein Geschäftspartner geworden war; Artjom ließ sich von ihm Geld geben, weil er im Moment so wenig hatte, dass ich ihm sogar das Fläschchen Bier ausgegeben hatte.
Unsere Gruppe zerstreute sich nun, aber man versprach sich, sich morgen wieder zu treffen. Am Ende waren nur noch Artjom und ich übrig, und er wollte mich in seinen Lieblingspub einladen. Barisch und Dascha zogen glückliche Zweisamkeit vor, und die beiden Annas mit ihrem Ivan täuschten Müdigkeit vor. Ich glaube mittlerweile aber, dass sie Snobs und ein wenig rassistisch waren; im Zug hatten sie mir noch erzählt, dass sie reine Russen waren, nachdem ich die These wiederholt hatte, dass es keine echten Russen gäbe, weil es eben ein Vielvölkerstaat sei und sich alles vermischt hatte. Klar, dass sie sich mit einer Deutschen besser verstanden als mit einem Türken und angetrunkenen Asiaten. Artjom meinte selbst, er sähe japanisch aus, weshalb er nun begonnen hatte, japanisch zu lernen. Wir begannen über die seltsame japanische Kultur zu sprechen und ich fragte mich, was aus meinem guten alten Bekannten Tadaschi geworden war, den ich vor Jahren in Holland kennengelernt und nie völlig verstanden hatte.

Als wir also bei Eis, Bier und Wurst in dem britischen Pub saßen, erzählte mir Artjom, wie er zu seinem Honiggeschäft in Jekaterinburg gekommen war: Der Honig stammte aus einer Gegend Russlands namens Altai, wo der Honig der beste in ganz Russland sei. Dort habe er einen Geschäftspartner gehabt und den Honig mit ihm unter die Leute gebracht, aber als er von einem guten Freund gehört hatte, dass er der Liebe wegen nach Jekaterinburg gezogen sei, packte Artjom seine Sachen und nahm die Gelegenheit wahr, das Honiggeschäft hier hin auszuweiten. Sein neuer Partner war eigentlich ein Taxifahrer gewesen, der nur einen niedrigen Preis verlangte, weshalb ihn Artjom von da an öfters anrief und sein Taxi bestellte. Irgendwann hatten sie eine monatliche Bezahlung ausgemacht, eine Taxi-Flatrate sozusagen, und dafür konnte er so oft wie er wollte, seinen Fahrer bestellen, nutze es aber nicht aus, und so wuchs das Vertrauen ineinander; wenn Artjom einmal verhindert war, hatte sein Fahrer schon mal selbstständig den Honig an die Geschäfte und Privatpersonen geliefert, die Artjom gefunden hatte, und so waren sie Freunde und Geschäftspartner geworden. Artjom erklärte, dass die meisten Geschäftsbeziehungen in Russland über Kontakte funktionierten und dass man einfach auf die Leute zugehen musste.

Trotz seiner kurzen Zeit in Jekaterinburg kannte Artjom die Besitzer und den Koch in diesem Pub persönlich und bekam Freibier. Ich faltete währenddessen die Servietten zu Blumen, und die Kellnerin bat mich, sie mitnehmen zu dürfen, und daraufhin faltete der Barmann für mich eine Origamirose. Das war etwas, das viele Männer in Russland konnten, selbst wenn sie sonst von Origami wenig wussten - es war sehr gut geeignet um bei den Frauen zu punkten.

Mittlerweile kippte ich vor Müdigkeit fast vom Stuhl, und auch Artjom wirkte nicht so frisch, also beschlossen wir den Heimweg anzutreten. Auf dem Weg gingen wir noch einkaufen; ich wollte den einfachen, typisch russischen Salat zubereiten, den ich mir von Dima in Datscha abgeschaut hatte; dazu kauften wir eine Packung Pelmeni, aber nicht mit dem üblichen undefinierbarem Fleischgemisch darin, sondern mit Geflügel, weil Barisch muslimisch war. Artjom meinte, auf der Packung stand nur "Vogel”, und wahrscheinlich sei es Taube. Wir kauften es trotzdem - Barisch musste auch die typische russische Küche kennenlernen, wenn er seine Russin heiraten wollte.

Zuerst dachte ich, niemand sei zu Hause bei Artjom, aber er hatte eine seltsame Mitbewohnerin, die er als Nastya vorstellte - sie arbeitete als Programmiererin und war ein weiblicher Nerd, und obwohl sie gut und überhaupt nicht unsozial aussah, zog sie sich sofort in ihr Zimmer zurück und ich sah von ihr in den ganzen Tagen nur selten ihren Rotschopf zwischen Türen aufblitzen.
Barisch kam mit Dascha vorbei, und es kam mehr Leben in die Bude. Auch Artjoms Stühle hatten einen gewissen Unterhaltungswert; auf den ersten Blick sahen sie stabil aus, aber wenn man sich auf ihnen bewegte, kippten sie in die gleiche Richtung mit wie eine Wiege. Er scherzte, diese Stühle wären zum Alkoholgehaltmessen vorgesehen: Wenn man sich nicht mehr darauf halten konnte, hatte man genug getrunken. Aber offenbar hatte das gestern bei ihm nicht geklappt. Heute trank er nur zwei Gläschen Cognac, den ich dankend ablehnte. Den Kalashnikov-Wodka, den ich mitgebracht hatte, wollten wir erst morgen gemeinsam anbrechen.
So blieben wir nur gemütlich beieinander in der Küche sitzen und diskutieren bis ein Uhr morgens, oder noch länger, aber ich ging schlafen, als sie die Wände zu verformen begannen.

20.7.
Artjom hatte darauf bestanden, dass ich in seinem Bett schlief, während er die Couch im Wohnzimmer nahm, die völlig von Kartons mit Honig darin vollgestapelt gewesen war.
Völlig gerädert hebelte ich mich gegen 13 Uhr aus dem Bett, als ich Artjom neben mir bemerkte. Er sah mich erwartungsvoll an und hielt zwei Gläser Honig in der Hand. Das eine war ein riesiges Glas seines besten Honigs, und das andere etwas ganz Besonders: Honig mit eingelegten Zedernzapfensamen, die so ziemlich das Gesündestes waren, das Altai zu bieten hatte, erklärte er fachmännisch. Dann hatte er noch eine seltsame, große braune Pille gegen Erkältung, die er mir schenkte. Die bestand auch aus etwas von Bienen Produziertem, in der Tat einem ganz besonderen Teil davon. Wenn man diese Pille 15 Minuten lang in den Mund nahm, sei jede Erkältung danach bald verflogen.

Ich kam heute mit den Honig auszufahren und half ihm beim Heraussuchen der gewünschten Sorten aus den vielen Kartons im Wohnzimmer. Artjoms Fahrer kam am Nachmittag, sie wollten einige Läden außerhalb der Stadt anfahren.
Dort sah die Stadt wieder ganz russisch aus, nicht so glänzend und neu wie die Innenstadt. Während sie ihre Verträge mit einem Kunden fertig machten, spazierte ich zu einem nahegelegenen Spielplatz; Artjom bat mich, nicht verloren zu gehen. Das trockene Gras stand hoch; ein paar Alte saßen im Schatten eines Hausaufgangs und sahen den Kindern beim Spielen zu; die beiden Jungs hatten eine alte Videokassette auf dem Müll gefunden, zerschlugen sie udn warfen das Band über das hohe Klettergerüst und den Baum daneben. Es erinnerte mich daran, wie ich früher gespielt hatte; zwar hatten wir schon alles aus dem Westen, als ich ein Kind war, aber am liebsten spielte ich trotzdem mit allem, was ich auf der Straße und in der Müllkippe unter unserem Lieblingsbaum fand. Es war regelrecht romantisch. Ich ließ mich auf einer völlig verzogen und quietschenden Drehscheibe nieder, die sich allein von meinem Gewicht und ihrer Neigung in Bewegung setzte. Hunde trotteten träge in der Sommersonne umher.

Wir fuhren noch eine halbe Stunde umher, dann war der Arbeitstag für Artjom auch schon wieder beendet. Von Honig konnte man offenbar recht gut leben, er war wesentlich teurer als in Deutschland. Durch die lang anhaltende Hitze diesen Sommer stieg der Preis sogar noch; ich erinnerte mich an die Zahl 1500 Rubel pro Liter, also etwa 35 Euro reiner Einkaufspreis.

Artjoms Fahrer setzte uns im Zentrum ab; wir riefen wie verabredete Ivan mit seinen Annas an, aber sie meinten, sie seien zu müde um noch etwas zu unternehmen, sie seien den ganzen Vormittag im Ikea-Markt gewesen - es gab ja keinen Ikea in Izhevsk, das hatte man ausnutzen müssen. Es klang für mich zumindest nach einer Teilausrede.
So waren es wieder nur Artjom und ich, die im Zentrum spazieren gingen. Am Abend aber wollten wir mit Artjoms Fahrer und dessen Freundin, Barisch und Dascha zur geografischen Grenze von Europa und Asien fahren, die nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt verlief.

Artjom wollte mir nun die große Touristen-Tour geben, zu der als allererstes ein Besuch der berühmten "Kirche auf Blut" gehörte, die auf dem Haus erbaut worden war, wo die letzten Mitglieder der Zarenfamilie von den Kommunisten hingerichtet worden waren. Es war ein prächtiges Gebäude mit aufgespannten Leinwänden davor, die Fotos der Zarenfamilie zeigten.
In unmittelbarer Nähe der großen Kirche stand einen von vielen kleinen Holzkirchen, die sich aber als Souvenirshop herausstellte, und unterhalb der Kirche gab es einen regelrechten Markt, auf dem Steine und Souvenirs verkauft wurden.
Für den Besuch der Kirche musste man sich als Frau ein Kopftuch ausleihen, wenn man keins dabei hatte. Wir kamen nur in den sehr niedrigen, fast kellerartigen Raum unterhalb der eigentlichen Kirche mit Kuppel hinein. Die Mitglieder Zarenfamilie waren als Heilige auf einem der vielen Wandbilder dargestellten. Ich verlor Artjom im Halbdunkel und fand ihn neben einer alten Frau wieder, die eine Kerze anzündete. Mir war die Atmosphäre nicht ganz geheuer, und ich war froh, als ich wieder ans Tageslicht kam.

Wir schlenderten wieder am Ufer entlang, hier ein Eis essend, da eine Sehenswürdigkeit bewundernd. In der Fußgängerzone gab es überall Stände mit frischem Kwas, beziehungsweise Kwas aus Flaschen, der in Holzfässer umgefüllt worden war.
Artjom sprach immer freundlich mit jedem, so auch mit dem Mädchen, das uns den Kwas verkauft, aber sie erkannte ihn schon am nächsten Tag nicht wieder.




Neben den offensichtlichen Sehenswürdigkeiten wollte mir Artjom die echten Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen, wie zum Beispiel den Flohmarkt, der heute nicht stattfand; den nie fertig gestellten Fernsehturm, der mittlerweile auseinander fiel, die kleinste Metro Russlands und natürlich das Tastatur-Denkmal, das aus mittelgroßen Betonklötzen auf einer Wiese bestand, die angeordnet und beschriftet waren wie eine Computertastatur. Irgendjemand hatte die Tasten F1 bis F3 geklaut. Ich konnte mir irgendwie bessere Souvenirs vorstellen, aber Geschmäcker waren ja verschieden. Vielleicht hatte sich jemand die Steine in seinem Garten aufgestellt, oder benutzt um seinen abgestürzten Computer damit zu schlagen.




Zu den Sehenswürdigkeiten im weiteren Sinn zählten für Artjom die vielen Fastfoodkneipen der Stadt; mal kehrten wir für Pizza ein, mal für Cola, und Artjom bestand darauf, für Ungesundes für uns beide zu bezahlen. So brachten wir den Tag sehr angenehm herum. Um 9 waren wir mit Artjoms Fahrer und seiner Freundin verabredet, also hakten wir um 10 noch einmal nach, wo sie denn waren, und wurden um 11 schließlich von ihnen aufgelesen und hingefahren. Was war ihre Entschuldigung? Seine Freundin hätte sich die Haare noch föhnen müssen. Typisch Frau; mit dem Haareföhnen allein war es nicht getan, sie musste sich auch noch hübsch machen, auch wenn es bis dahin dunkel geworden war und sie eh niemand sah.
Auch Dascha und Barisch waren irgendwie abhanden gekommen, und wir alle ahnten, was sie den ganzen Tag taten, doch sie schafften es fast gleichzeitig mit uns am Denkmal anzukommen. Sie hatten sich ein Taxi genommen um schon mal mit dem Trinken beginnen zu können - hatten die Sache aber nicht ganz durchdacht: wie sie zurück in die Stadt kommen sollten.


Das Denkmal befand sich direkt über der Autobahn aus der Stadt heraus und sah in seiner spitz zulaufenden Metallform nicht besonders romantisch aus, war aber trotzdem ein beliebter Ausflugsort für Brautpaare.
Wir stießen erstmal mit einem Orangenwhisky-Gesöff in Plastikbechern an und begannen dann in der Dämmerung Fotos von uns gegenseitig auf dem Denkmal zu schießen, uns über die Grenzen hinweg festhaltend. Es war gar nicht so einfach, auf das Denkmal hinauf zu kommen, es stand auf einem Sockel aus glattem Marmor - eine steile Wand zum Fußweg hin, und noch steiler und tiefer hinunter zur Autobahn. Angeblich stellte das Denkmal ein E und ein A dar, um Europa und Asien zu symbolisieren, aber ich glaube, in Asien hat man oft ganz andere Buchstaben und fühlt sich hier überhaupt nicht repräsentiert.
Und erst als ich hier auf dem Denkmal stand und mich orientierte, wurde mir bewusst, dass sich Jekaterinburg gar nicht mehr in Europa befand - ich hatte mich nur kurz gewundert, dass man die Stadt in meinem Reiseführer "Russland europäischer Teil" vergessen hatte und mir nichts weiter dabei gedacht. Nun stand ich also zum zweiten Mal auf der Grenze zwischen Europa und Asien; das letzte Mal war letzten Sommer in Istanbul.

Artjoms Fahrer und seine Freundin hatten bald die Nase voll von uns und warteten in Auto, während wir Taxi bestellten, das nicht kam, weil der Vermittler eine genaue Adresse wollte, die wir ihm nicht geben konnten, weil wir ja mitten in der Pampa an der Autobahn zwischen Europa und Asien standen. Überhaupt war es relativ schwer in Russland ein Taxi zu bekommen oder überhaupt irgendeine Art von Service. Schließlich rief unser Fahrer einen Kollegen an, der eine halbe Stunde später kam, gerade als uns der Alkohol ausgegangen war. Verständlicherweise wollten wir in die nächste Bar fahren, und Artjoms Fahrer wäre wohl auch gern mitgekommen, aber seine Freundin war im Auto eingeschlafen, deshalb fuhr er nach Hause.

Die erste Bar, in die wir gehen wollten, war geschlossen, und die zweite Bar schloss wohl bald, aber für einen schnellen Drink war das OK. Sie hätten Böses ahnen müssen, die Bar-Besitzer besonders als Artjom Sambucca bestellte um uns zu zeigen, wie man den richtig trinkt: er bekam zwei Gläser - ein leeres und eins mit dem Schnaps darin und drei Kaffeebohnen. Er legte das gefüllte, bauchige Glas schräg auf das andere und zündete den Inhalt an, dann rollte er das brennende Glas im Kreis auf dem anderen Glas, sodass es von der Hitze nicht platzte, dabei verschüttete er jedoch den brennenden Inhalt, verursachte einen flammenden Ring auf dem Holztisch und setzte prompt seine Serviette in Brand, und versuchte das Feuer mit einer zweiten Serviette zu ersticken, die ebenfalls sofort in Flammen aufging, während sich die brennende Flüssigkeit in Bewegung setzte und die Tischkante hinunter in seinen Schoß tropfte.
Artjom spreizte schnell die Beine auseinander und warf die brennenden Servietten auf den Fußboden und trat drauf bis nur noch verkohlte Reste übrig waren. Wir kamen langsam wieder aus unserer Deckung. Artjom erklärte weiter als wäre nichts passiert: Den Inhalt umkippen, das vorher volle Glas mit der Öffnung nach unten auf den Tisch kippen, den Strohhalm darin einklemmen. Dann den noch heißen Inhalt aus dem zweiten Glas mit einem Schluck trinken, die Bohnen kauen und schließlich die heiße Luft durch den Strohhalm inhalieren.
Artjom bestellte sich gleich darauf den nächsten Sambucca, und diesmal schnitten wir es auf Video mit, aber es gab trotz steigendem Alkoholgehalt Artjoms kein zweites Inferno.


Kurz darauf wurden wir hinausgekehrt und Artjom gab einen ganzen Haufen Trinkgeld, weil er selbst mal als Kellner gearbeitet hatte und mit den Bedienungen mitfühlte.
Dascha und Barisch wollten nun schon nach Hause fahren um "einen Film anzuschauen" - natürlich, sie waren ein frisch verliebtes Pärchen, das verstanden wir.
Auf dem Heimweg kamen wir am Supermarkt vorbei und kauften Snacks, Wurst und sogar eine kleine Torte ein. Zu Hause müsste dann auch unbedingt eine Kerze drauf, meinte Artjom, aber habe leider keine, aber er konnte improvisieren: Zu Hause steckte er ein Wattestäbchen hinein und zündete es an. Er hatte einen erstaunlichen Hang zu Feuer, wenn er betrunken war, und ich hoffte nur, dass er sich nicht selbst anzündete.
Die kippenden Küchenstühle wurden uns zu gefährlich und wir gingen ins Schlafzimmer, machten es uns dort auf der Matratze beziehungsweise auf dem Computerdrehstuhl gemütlich, tranken endlich meinen Kalashnikov-Wodka, spielten Gitarre und sangen, während uns die Katze den Schinken vom Brot fraß. Wie jeder anständige Russe besaß Artjom eine Gitarre, konnte aber nicht spielen. Barisch hatte sie ihm jedoch gestimmt, und nun versuchte ich Artjom die Akkorde beizubringen, an die ich mich noch erinnerte, nachdem er den Wunsch geäußert hatte, Gitarrespielen lernen zu wollen. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass jeder Gitarre spielen lernen kann, egal wie unmusikalisch er ist, also zumindest die grundlegenden Fähigkeiten, die man in einer Runde Betrunkener brauchte, die gerne sangen.
Die Katze stiefelte neugierig zwischen uns umher, versuchte selbst Gitarre zu spielen und steckte plötzlich ihren Kopf in die Teetasse, aus der ich meinen Wodka getrunken hatte. Artjom probierte gleich aus, ob sie auch Whisky mochte, aber darum machte sie einen großen Bogen. Wir lachten, es war eine echte russische Katze. Sie war jetzt schon sein bester Freund und sein Baby, und er verglich sich selbst mit der Katze und fragte mich ernsthaft, ob sie sich nicht ähnlich sahen. Irgendwann an diesem Punkt kippte Artjom nach vorne um und ich schickte ihn ins Bett. Es war schon vier Uhr morgens und die Sonne ging schon gleich wieder auf.


21.7.
Wir ließen uns etwas Zeit mit dem Aufstehen, das wieder sehr mühsam war - aber wozu war man jung? Wer nicht seine Studentenzeit mit Trinkgelagen verbringt, hat nicht richtig studiert, sagt man doch.
Ich hockte noch lange auf der Matratze mit den Fingern auf der Gitarre und das Kätzchen streichelnd, das immer eifersüchtig wurde, wenn ich mich der Gitarre zu widmen begann und sprang demonstrativ auf mir herum. Artjom hockte wieder auf dem Computerstuhl und wir überlegten uns, für Barisch in ein öffentliches Banya zu gehen, sodass er diese Erfahrung aus Russland mitnehmen konnte - oder lieber noch ein wenig Rausch auszuschlafen? Aber es war Russland, da kam so schnell nichts in Gang.
Ich schrieb Artjom die wichtigsten Akkorde auf während Bakschisch die Pfoten auf das Papier legte um es festzuhalten - aber immer genau dort, wo ich grad schreiben wollte; dann nahm dieses intelligente Kätzchen den Stift selbst in die Hand, aber schreiben musste Bakschisch erst noch von Artjom lernen. Der telefonierte derweil mit Barisch - dem waren die 500 Rubel (13 Euro) zu teuer für das Banya, und so hatte ich Zeit, mit Artjom Informationen aus dem Internet über den Baikalsee herauszusuchen und die letzten Gastgeber über Couchsurfing zu organisieren. Das Problem war, dass mir nach einer festen Zusage für Irkutsk nun doch abgesagt worden war, zumindest für die ersten beiden Tage, sodass ich meinen Plan änderte und nicht einfach so in Form eines Tagesausflugs zum Baikalsee fahren würde, sondern sofort nach meiner Ankunft in Irkutsk zur Insel Olchon fahren und dort zwei Nächte bleiben wollte. Ich hätte wohl auch von Ulan Ude dorthin fahren können, aber wenn ich mir die Geografie so ansah, war es günstiger mit einem Bus und einer Fähre von Irkutsk nach Olchon zu fahren, als mit einem Bus und einem Schiff von Ulan Ude aus, das auf der gegenüberliegenden Seite des Baikalsees lag.

Artjom telefonierte herum um meine restlichen Fragen zu beantworten: Ich konnte mein Gepäck beliebig lang in Irkutsk am Bahnhof lassen, man bezahlte tageweise dafür, und so musste ich meine Koffer nicht mit auf die Insel schleppen. Die Unterkunft auf der Insel war etwas schwieriger, aber zumindest hatte ich am Ende ein paar Adressen und Busverbindungen notiert - wobei mir relativ klar war, dass es sowieso anders kommen würde als ich überhaupt planen konnte, denn es war Russland. Und eigentlich war es reiner Irrsinn, auf eigene Faust zu dieser Insel aufzubrechen ohne zu wissen, was mich dort erwartete, aber mittlerweile hatte mich die Abenteuerlust wieder gepackt.

Artjoms Mitbewohnerin Nastya hatte Mittagessen für uns mitgekocht; Artjom hatte eigentlich einen Plov machen wollen, aber wie es so war: Man hatte vorher so viele Pläne geschmiedet, und so wenig war daraus geworden... ich schlug vor, am Nachmittag wenigstens noch auf die Aussichtsplattform zu gehen, von deren Existenz mir Roman in Kazan erzählt hatte, als wir auf dem Festival auf der Wiese lagen und seine Fotos auf seiner Kamera durchgeschaut hatten.
Davon wusste Artjom nichts, konnte es aber herausfinden - sie hatten heute geöffnet, und es wäre bestimmt ein schöner Abschluss meines Aufenthalts in Jekaterinburg, meinten wir. Tatsächlich - die Zeit war so schnell vergangen, und heute Abend fuhr schon mein Zug nach Novosibirsk. Artjom bat mich zwar, noch ein wenig zu bleiben, aber das hätte sämtliche Pläne durchkreuzt, die ich gemacht hatte, und dafür war ich einfach noch zu deutsch - ich mochte es gern, wenn alles nach Plan lief.

Dascha und Barisch kamen schließlich vorbei und wir fuhren zusammen zur Abwechslung mit dem Bus ins Zentrum. Der höchste Wolkenkratzer war noch nicht fertig gestellt, aber eins der Hochhäuser daneben hatte eine Aussichtsplattform, die war nur schwierig zu finden, da es eine ganze Reihe von Eingängen gab, doch dann sahen wir ein unauffälliges Schild, das auf die Plattform hinwies; der Eintritt war auch nur einen Euro, dafür war auf dem Dach eine halbe Baustelle mit verdächtig nahen und auf die Besucher gerichteten Antennen.
Nur wenige andere Leute waren mit uns hier oben. Wir genossen die Aussicht und ließen Fotos von uns im grellen Sonnenschein schießen. Die goldenen Kirchenkuppeln gleißten hell, und auf einem der Häuserdächer war zu lesen: "Danke Juri, der Kosmos gehört uns”.
Wir ließen uns an einem Picknicktisch nieder, aber keiner von uns hatte etwas für ein Picknick dabei, und bald wurden wir vom Durst nach unten getrieben. Barisch musste nun auch Kwas probieren, und wir holten uns einen Snack vom Imbissstand, bevor Dascha darauf bestand, in die Sushibar zu gehen, die gestern schon geschlossen war als wir zum Trinken hineingehen hatten wollen. Dort zu essen gab mein Budget nicht her, stattdessen faltete ich Origami. Sushi war in Russland sehr beliebt, aber trotzdem noch arg teuer.


Nun wurde es langsam Zeit aufzubrechen. Auf dem Weg zurück zur Wohnung gingen wir in einen Gypermarkt fürs Abendessen einkaufen; dort gab es alles, was man sich vorstellen konnte, sogar deutsche Salami. Dascha wollte ein frisches Hühnchen kaufen und ich beobachtete belustigt, wie Barisch ihr erklärte, worauf man beim Kauf achten musste - als versuchte er sie jetzt schon zur perfekten Hausfrau zu erziehen.
Auch die Werbe-Durchsagen fand ich amüsant; es wurde für Volkswagen geworben, ganz schlicht mit dem deutschsprachigen Slogan: "Volkswagen - das Auto". Jeder Russe verstand es, und jeder schätze die Qualität deutscher Produkte. Deutsch galt da noch als Etwas. Bei uns hingegen muss ja alles englisch sein, sonst kauft es ja keiner.

Wir hatten noch etwas Zeit bevor mein Zug fuhr und gingen zu Artjom nach Hause um Fotos tauschen; gepackt hatte ich schon am Nachmittag. Artjom warnte mich noch, dass Honig am Flughafen immer als gefährlich eingestuft wurde und man sicher mein Gepäck auseinandernehmen würde. Jedenfalls passierte ihm das immer, wenn er mit dem Flugzeug reiste; dann musste er seinen Honig auspacken und ließ das Sicherheitspersonal probieren - auch eine Art, neue Kunden zu erhalten. Ich sagte ihm, im Zweifelsfall würde ich es vor Ort auslöffeln.

Alle drei begleiteten mich zum Bahnhof. Dort lagen eine Unmengen Münzen herum; so viele, dass ich mich gar nicht mehr bücken wollte. Artjom trug meinen Koffer die vielen Stufen hinunter und versuchte herauszufinden, wo mein Zug überhaupt abfuhr.
Der Zug kam verspätet - es war sowieso erstaunlich, wie ein Zug, der 4 oder 7 Tage lang fuhr, auf die Minute pünktlich sein konnte. Wahrscheinlich weil er nur drei oder vier Mal pro Tag anhielt und nicht auf Anschlusszüge warten musste.

Das Gleis wurde bekannt gegeben, und nun mussten wir uns beeilen, den Koffer hinauf aufs Gleis zutragen und dann in den Zug hineinzuhieven. Artjom kam mit hinein; von Dasha und Barisch verabschiedete ich mich draußen - ein Küsschen, oder zwei, je nach Landestradition.

Der Zug roch nach alten Socken und Joints, die Luft zum Schneiden - der Zug war direkt aus Moskau gekommen. Artjom wirkte gehetzt, weil er ungern aus Versehen mitfahren wollte; ich sagte ihm, er solle den Koffer im Gang stehen lassen und hinausrennen. Die Türen waren sogar schon geschlossen, doch die Zugbegleiter ließen ihn noch nach draußen.

Der Zug setzte sich langsam und immer schneller in Bewegung; Artjom rannte winkend hinterher - ohne diesmal am Ende von der Plattform zu stürzen, wie es ihm schon einmal beim Verabschieden eines Freundes passiert war. Barisch und Dascha gerieten außer Sicht, dann auch Artjom. Es war wunderbar, wie man in so kurzer Zeit zur Freunden werden konnte.

Ich zerrte meinen Koffer zu meinem Platz, der natürlich wieder ganz hinten am Klo war, und das auch noch seitlich oben. Ich begann mich mit dem Mechanismus auseinanderzusetzen, der das obere Bett an der Gepäckablage hielt, denn zum Schlafen musste es hinuntergeklappt werden. Schließlich fragte ich meine Sitznachbarin, wie es funktionierte, aber sie wusste es auch nicht - schlug aber den stiernäckigen Taatoowierten nebenan als Hilfe vor.
Ich redete mich raus, dass er gerade Musik höre und ich ihn nicht ansprechen wollte. Lieber probierte ich selbst noch daran herum. Eine Frau vom Abteil gegenüber konnte es nicht mehr mit ansehen und half mir dabei, aber nun war meine Jacke eingeklemmt, die ich am Haken überm Bett aufgehangen hatte. Es folgte der Kampf damit. Dann der Kampf mit Koffer, der nirgendwo unter die Sitze passte und auf die obere Gepäckablage gehoben werden musste. Die gleiche Frau bat den Stiernacken, dies für mich zu erledigen. Er stöhnte auch ziemlich arg dabei, schaffte es aber. Es dauerte lang bis die Zugbegleiterin das Bettzeug zu Ende ausgeteilt hatte - es wurde schon Mitternacht als ich endlich mein Bett beziehen konnte.

Dann lag hoch oben in meinem schwankenden Bett, knabberte Snacks, hörte Splin auf meinem MP3-Player und sinnte über mein Leben nach. Ja, das rockte.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens gewesen - abgesehen von der Informatik zu studieren - nach Russland zu gehen. Es kam alles zusammen.
Erhalten hatte so viele neue Emotionen, unendlich viele neue Eindrücke, die mich so sehr bereichert hatten. Im Gepäck hatte ich russische Musik, im Kopf und in den Fingern neue Fähigkeiten, und auf der Zunge russische Slangausdrücke. Und das war erst der Anfang. So rauscht mein Zug weiter ratternd weiter ins Unbekannte.

Montag, 15. November 2010

Auf großer Reise, Teil 1: Nach Jekaterinburg. (Sommer 2010)

18.7.
Viele Dinge zur Reisevorbereitungen waren in der Prüfungszeit unerledigt geblieben, sodass ich mir für heute fest vorgenommen hatte, früher als sonst aufzustehen um nach den Erledigungen noch Zeit zu haben Dima und Nastya zu besuchen, zu einer letzten Tasse Tee bevor mein Zug in den Abendstunden fuhr.

9:30 stand ich also planmäßig auf - früher war für mich als ausgeprägten Nachtmenschen kaum möglich - und begann die verschiedene Berge mit Gegenständen und Kleidung vom Boden in meinen Koffer beziehungsweise in meinen Schrank zu schlichten. Es überraschte mich, am Ende sogar noch Platz im Koffer zu haben und sämtliche andere Besitztümer in zwei Schrankfächern untergebracht zu haben. Aber in den Koffer musste auch noch eine Flasche Kalaschnikow-Wodka, die hatte ich Artjom, meinem Gastgeber in Jekaterinburg, versprochen. Wir hatten uns in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Nachrichten in vkontakte geschrieben und waren schon auf dem halben Weg zu einer Freundschaft; ich freute mich, es würde eine schöne erste Station auf meiner Reise werden.

Ich sah mich in dem plötzlich so leeren Zimmer um. Die Gitarre lag auf einem der freien Betten, und die Postkarten hatte ich noch an den Wänden gelassen, aber sonst sah es leer aus. Bis vielleicht auf den Teppich, der mal gesaugt werden müsste. Ich suchte mir also das Wort für Staubsauger aus dem Wörterbuch heraus - und vergaß es sofort wieder. Dann nahm ich eben das Wörterbuch mit zur Etagenfrau und bat das Wort vorlesend um einen Staubsauger. Sie antwortete, er befände sich in der Etage darunter.
Ich ging runter, dort hatte meine Lieblingsetagenomi Dienst, die ich lange nicht gesehen hatte - es war die, die mir ganz am Anfang beim Pelmenikochen geholfen hatte. Sie eilte sofort davon mir den Staubsauger zu bringen und ich erzählte, dass ich jetzt abreisen würde, aber im Herbst wiederkäme. Sie wünschte mir alles Gute.

Als ich die Steckdose in meinem Zimmer nutzen wollte, an der der Kühlschank angeschlossen war, riss ich sie gewohnheitsmäßig aus der Wand, fischte die Schrauben hinter dem Schränkchen hervor, baute sie wieder ein und steckte den Staubsauger an. Der brummte zwar ordnungsgemäß, nahm aber keinen Staub auf. Ich stellte und drehte daran herum, gab schließlich auf und brachte ihn zurück, und meinte, er funktioniere nicht. Die Etagenomi baute ihn auseinander und fand das Rohr völlig von dicken Fusseln und Haaren verstopft vor. Sie meinte, sie würde sich drum kümmern, aber ich müsste beim Auszug nicht saugen, das würden die Putzfrauen erledigen.

Nun ging ich auch zur anderen Etagenfrau und sagte, dass ich heute abreisen würde. Sie antwortete etwas Unverständliches auf Russisch und kam mit mir zum Zimmer. Sie gab mir zu verstehen, dass sie die Bettwäsche mitnehmen wollte. Ich gab ihr das Laken, den Kopfkissenbezug und das kleine grüne Handtuch. Damit war sie nicht zufrieden. Es seien vier Teile gewesen. Davon wusste ich nichts und zeigte ihr, dass nichts weiter im Bett lag. Während sie mich also beschuldigte, das vierte Teil - was auch immer das gewesen sein mag - gestohlen zu haben, gerieten wir in einen Streit. Diese Etagenfrau war mir schon immer unsympathisch gewesen, und nun musste ich mich auch noch mit ihr herumärgern. Sie erinnerte mich in ihrem ganzen Wesen an eine Hexe vom Brocken; sie war klein und gedrungen, mit wilden, rot gefärbten Haaren und einer Warze auf der Nase.
Ich war erstaunt wie flüssig mein Russisch wurde, wenn ich ärgerlich war. Wozu sollte ich denn so ein blödes, altes Bettlaken stehlen, und woher sollte ich wissen, welche Stofffetzen die Russen als Bettzeug betrachteten? Ich hatte es ja schon immer als ein wenig mager betrachtet, in was sie uns Studenten hier schlafen ließen, und nun stellte sich heraus, dass zur üppigen Bettgarnitur ein weites Bettlaken gehört, das als Zwischenschicht zwischen schlafender Person und Pferdedecke gehörte. Dieses Laken fand sie in ihrem Ärger zufällig in einem der anderen Betten, das ich nie benutzt hatte, weil es zu nah am ratternden Kühlschrank stand, aber offenbar hatte es eine Etagenfrau vor meinem Einzug bezogen und ich hatte es nie bemerkt, sondern nur den Wäschestapel davon heruntergenommen.
Als das geklärt war, nahm sie alle vier Teile und ging murmelnd zurück in ihr Zimmer um eine Suppe aus Rattenschwänzen und Kinderzähnen zu kochen. Und ich ging einkaufen, ich brauchte noch Reiseproviant. Bevor ich losging, schaltete ich schon mal den öffentlichen Computer an, der etwa 10 Minuten zum Hochfahren brauchte, weil so viele unnütze Programme darauf liefen. Die einzige Möglichkeit, ihn schneller zu starten, war, immer wenn ein Fenster auftauchte, sofort den Prozess abzuschießen, aber das dauerte immer noch gut fünf Minuten, also konnte ich genauso gut währenddessen einkaufen gehen.

Gegen 13:30 hatte ich ursprünglich geplant zu Dima und Nastya zu fahren, meinen Koffer mitzunehmen und von ihnen aus mit dem Taxi zum Bahnhof zu fahren, aber es wurde 14 Uhr bis es mir gelungen war, den Koffer aus dem Haus zu schleppen. Die Frau, die unten am Eingang als Portier arbeitete, fragte mich noch aus, wohin denn die Reise ging und wann ich zurück kam, und ich musste mich zwingen, nicht in ihren Mund zu starren, in dem eine ganze Reihe Zähne fehlte.

Ich brauchte ein wenig Anlauf; ich hatte zwei Lebensmitteltüten dabei; eine mit Proviant für mich, die andere mit tiefgefrorenen Lebensmitteln, die ich nicht aufgebraucht hatte, und ein Glas mit Eingekochtem von Olga, das zu essen ich mich bisher nicht getraut hatte.
Das ganze erledigte sich dann auch von selbst, als ich die Tüte etwas zu hart beim Einsteigen im Trolleybus aufsetzte während mit dem Koffer beim Einsteigen geholfen wurde - das Glas zerbrach.
Die Schaffnerin verlangte, dass ich gleich doppelt bezahle, noch einmal für den großen Koffer, aber dafür war sie so nett, andere Mitfahrende zu bitten, mir beim Herausheben des Koffers zu helfen. Draußen merkte, ich dass der Beutel auszulaufen begonnen hatte und rettete daraus, was zu retten war, und warf den Rest direkt hier in den Müll. Nun war es auch leichter, sich mit dem Koffer fortzubewegen, da ich nur noch eine schwere Tüte zu tragen hatte, die sich war nicht mehr am Koffer befestigen ließ, aber das hatte vorher auch schon nicht so richtig geklappt.

Dima half mir den Koffer hoch in die erste Etage zu tragen, von der aus der Fahrstuhl fuhr und wunderte sich, dass ich überhaupt mit Koffer reiste, weil ich ursprünglich vorgehabt hatte, zum Baikalsee mit leichtem Gepäck zu reisen und meinen Koffer auf der Rückfahrt zu holen. Ich erklärte ihm, dass ich ohne Umweg über Izhevsk vom Baikalsee direkt nach Moskau fahren würde, denn Izhevsk war die einzige Stadt meines Reiseplans, die nicht auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn lag.

Ein letztes Mal diesen Sommer kamen wir drei also zum Teetrinken zusammen, aber es war nur wenig melancholisch, sondern wie immer: Gemütlich mit interessanten Gesprächsthemen. Etwas gegen meinen Willen gesellte sich kurz vor meiner Abfahrt auch noch Olga dazu, aber wenigstens brachte sie ihren Alkoholikerfreund nicht mit. Trotzdem war unser Verhältnis nun etwas gespannt. Sie hatte mir als Abschiedsgeschenk einen hässlichen gelben, grinsenden Aggressionsball mitgebracht - sie hatte wohl schon geahnt, dass ich ihr Geheimnis früher oder später herausfinden würde. Izhevsk war nun mal ein Dorf, und die Leute redeten.
Dima und Nastya schenkten mir eine Filzkappe fürs Banya, auf der zu lesen war, dass ich der beste im Auspeitschen mit Birkenzweigen war. Nastya bestellte das Taxi und Dima bestand darauf, dass sie mich zum Bahnhof begleiten würden. Olga kam nicht mit.

Wir waren sehr früh am Bahnhof angekommen, fast anderthalb Stunde bevor der Zug fuhr, so setzten wir uns auf eine Bank in die Sonne und versuchten aus den Durchsagen herauszuhören, auf welchem Gleis der Zug nach Jekaterinburg einfahren würde, aber durch die Lautsprecher wurde nur für die Bahnhofskirche im Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes geworden. Wir vertrieben uns die Zeit und bemerkten schließlich einen Zug, der die Stadt Swerdlowsk zum Ziel hatte. Nastya stutzte kurz und meinte, das sei mein Zug, denn Swerdlowsk war der alte sowjetische Name der Stadt Jekaterinburg, und irgendwie hatten sie es bei dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht geschafft, die Pappschilder in den Fenster auszutauschen.
Ich umarmte Dima und Nastya beide auf einmal zum Abschied, und sie bestanden darauf, mir beim Hineintragen meiner Sachen zu helfen.
Zwar wurde vor dem Einsteigen in den Wagon die Fahrkarte jedes Passagiers mit seinem Reisepass genaustens verglichen, aber Begleiter wurden ohne weiteres durchgewinkt, in der Hoffnung, dass sie vor der Abfahrt des Zuges alle wieder ausgestiegen waren. Die Plätze waren ja begrenzt, weil es grundsätzlich Liegewagen waren. In manchen Zügen gab es zusätzliche Schildchen, die auch den mittleren der drei Plätze auf einer Liege als verfügbaren Platz auswiesen, aber auf meiner ganzen Reise habe ich nie gesehen, dass dieser Platz an einen Reisenden verkauft worden war.
Ansonsten war das System simpel: Zwei Betten jeweils übereinander lagen sich gegenüber und waren durchgängig nummeriert; sogar die Nummern waren übereinander angebracht, nicht nebeneinander, um nicht für Verwirrung zu sorgen.

Es waren nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt; der Zug war noch halb leer. Dima hatte meinen Koffer in die Gepäckablage unter meinem Sitz verstaut, weil ich ihn dort besser hervorholen konnte als in der Ablage über der oberen Liege. Ich hatte meine beiden Freunde noch einmal nach draußen begleitet und war nun allein zurück auf meinen Platz gekommen. Sie hatten mich entdeckt und winkten. Als der Zug ausrollte, spürte ich keinen Funken Abenteuerlust; viel lieber wäre ich mit Dima und Nastya auf die Dascha gefahren und hatte den Monat bis zu meinem Abflug in Izhevsk verbracht.

Doch das Gefühl verschwand allmählich, als ich meine Sitznachbarn von seitlich gegenüber kennenlernte. Sie hatten gehört, dass ich mich auf Englisch unterhalten hatte und waren ganz begeistert davon, und wollten nun gleich wissen, woher ich kam und was ich in Izhevsk machte.
Sie selbst waren auf dem Weg zur amerikanischen Botschaft in Jekaterinburg um sich für ein Visum zu bewerben, denn sie wollten einen Monat "Work & Travel” in den USA unternehmen.
Sie hießen Anna und Iwan. Anna zeigte mir ihre Bewerbungsunterlagen: Es war eine dicke Mappe mit sämtlichen Dokumenten, die man sich vorstellen konnte: Von der Geburtsurkunde bis zu einem Dokument, das bewies, dass sie ein Haus besaßen und über genug Geld verfügten, die USA wieder verlassen zu können. Dazu kamen noch Nachweise über das Bekleidungsgeschäft, dass Anna und ihre Mutter hier führten, und Privatfotos von der Arbeit und Familie, die nachweisen sollten, dass alles wirklich real so war, wie die Dokumente es bewiesen. Es wurde den Russen nicht leicht gemacht, in die USA einzureisen. Ich glaubte mich zu erinnern, dass man als Europäer noch nicht mal ein Visum braucht und nur eine Anmeldekarte bei der Ankunft auszufüllen hat. Aber mich hat es noch nie nach Amerika gezogen; lieber würde ich vorher in den Iran reisen - nach Isfahan und Teheran. Aber dann würde man mich wahrscheinlich sowieso nicht mehr in die USA einreisen lassen.

Wir machten es uns zu dritt in meinem Abteil gemütlich, das noch von niemandem sonst belegt wurde, und breiteten unseren Proviant auf dem Tischchen aus - wir teilten unser Essen wie selbstverständlich. Bei jeder Packung, die sie öffneten, boten sie mir an, als erste zuzulangen.
Wir saßen noch lange an diesem Abend beisammen, tauschten Telefonnummern und andere Kontaktdaten aus, schossen gegenseitig Fotos von uns und schmiedeten Pläne für den Winter, wenn wir alle zurück in Izhevsk sein würden. Sie brachten mir ein Kartenspiel bei, das ich lange nicht verstand, und auch bald wieder vergaß, aber wir spielten es bis Mitternacht, bis mich die Müdigkeit überrollte wie ein Zug. Ich spürte immer noch die Schmerzen vom Reiten in jedem meiner Knochen und wusste, dass es morgen noch viel schlimmer sein würde, wenn ich jetzt nicht schlafen ging, und durch den Zeitunterschied zwischen Izhevsk und Jekaterinburg würden schon rein rechnerisch mir zwei Stunden Schlaf fehlen.
Ich hatte mir eine Liste zusammengestellt, in der ich die Ankunfts- und Abfahrtszeit in den jeweiligen Städten sowohl nach Moskauzeit, als auch nach Ortszeit aufgelistet hatte. Die Züge fuhren ja ausschließlich nach Moskauzeit, aber meinen Gastgebern musste ich ja die tatsächliche Uhrzeit nennen, oder am besten beide, sodass es nicht zu Missverständnissen kam.
Beinahe in jeder Stadt übersprang ich ein bis zwei Zeitzonen. Iwan hatte erzählt, dass die Russen normalerweise zwei Uhren im Zug trugen, eine nach Moskauzeit, eine nach Lokalzeit.
In meinem geliebten Smartphone konnte ich sogar drei Uhrzeiten zusammen mit den jeweiligen Städten gleichzeitig anzeigen lassen. Vorher hatte ich diese Funktionalität für eine Angeberfunktion für Geschäftsleute gehalten, aber auf meiner Reise stellte ich nun fest, dass ich sie wirklich gut brauchen konnte - sogar vier Uhrzeiten auf einen Blick wären praktisch gewesen: Moskauzeit für den Fahrplan, Ortszeit für den aktuellen Gastgeber, die dritte Anzeige für den nachfolgenden Gastgeber, sodass ich ihn zu einer ihm verträglichen Uhrzeit kontaktieren konnte, und die vierte wäre die Uhrzeit in Deutschland gewesen, sodass ich auch mit Matthias zu verträglichen Uhrzeiten kommunizieren konnte. Das war durchaus nicht übertrieben; am Baikalsee betrug der Zeitunterschied bereits sieben Stunden.

Samstag, 6. November 2010

Nachgetragen. Teil 9. (11. Juli bis 17. Juli)

11.7. In den heißen Mittagstunden war ich weniger erfolgreich darin gewesen, Cisco zu studieren. Endlich gegen 14 Uhr rief Farin an und erlöste mich - wir wollten uns ja zum Baden treffen. Ich sollte mich am besten sofort auf den Weg ins Zentrum machen und wollte erst die Gitarre mitnehmen, aber dann entschied ich mich doch anders, denn es sah nach Regen aus...
Schon auf dem Weg begann es zu tröpfeln, weshalb ich ihm eine SMS sendete und nach Plan B fragte. Den gab es erstmal nicht, also fuhr ich wie gehabt ins Zentrum, wo Farin wieder an der Bushaltestelle vor der gelben Kirche parke und fuhren dann zu ihm nach Hause. Ich bat ihm, mir das Gitarrespielen etwas systematischer beizubringen, vor allem, dass er mir den Schlagrhythmus beibrachte, den er verwendete, wenn er mein Lieblingslied spielte.
Er meinte, das sei zu kompliziert und zeigte mir einen einfacheren Rhythmus: Einmal mit dem Daumen nach unten über sämtliche Seiten streichen, dann das Gleiche noch mal, aber mit den restlichen Fingerspitzen, und dann beim nächsten Streichen die Finger in die Gegenrichtung ziehen. Eine Viertelnote, zwei Achtelnoten. Das überforderte mich erstmal und ich war eine Weile beschäftigt. Farin verlangte, dass ich diesen Schlagrhythmus 100 Mal spielte und verließ den Raum... Nein, doch, er war ein guter Lehrer - am Ende hatte ich es drauf.

Er setzte Tee auf, es wurde wieder allerlei Essen bereitgestellt, dann kam Farins bester Freund und Nachbar Rawil vorbei. Wir wollten alle gemeinsam zum See fahren. Gegen 17 Uhr hatte es sich schließlich aufgeklart und wir brachen auf - nicht etwa zu dem 60 Kilometer entfernten See, sondern zu einem Ort namens Woloshka, der sich - wie ich später feststellte - in die Nähe der Bootsanlegestelle unterhalb der Brücke befand, die den Stausee vom Fluss Izh trennt. Hätte ich vorher gewusst, dass wir in dieser Brühe baden gingen, hätte ich mich wahrscheinlich geweigert.

Wir zwängten uns also alle in Farins kleinen Lada, den Kofferraum mit Grillzubehör vollgeladen, zu dem auch eine Axt gehörte, denn es war ein tatarisches Grillfest... oder vielleicht hatte Farin für den Notfall immer eine Axt dabei... jedenfalls sollte es ein gemütlicher Abend am See werden. Nur eins fehlte Rawil - wir hielten an einem Geschäft an, er ging hinein und brachte eine Flasche Wodka mit. Breit grinsend meinte er, wir wollten ordentlich anstoßen. Ich schüttelte bedauernd den Kopf; ich brauchte meinen Kopf klar um Cisco zu studieren; die Endprüfung rückte immer näher, und ich war eh schon zu selten zu Hause zum Lernen. Rawils Frau Albina war auch mit von der Partie, aber sie wollte nicht trinken. Und Farin musste fahren.

Es gab vermutlich wieder nur Schleichwege hinunter zum See; Farin versuchte um die wassergefüllten Schlaglöcher auf Feldwegen herumzusteuern, schaffte es aber nicht ganz, vor allem mit Gegenverkehr.
Schließlich hielten wir im Nirgendwo und konnten von unserer Anhöhe durch die Bäume auf die graugrüne, glatte Oberfläche des Sees schauen. Uns trennte von ihm ein etwa 50 Meter breites Feld aus Schilfrohr und Sumpfgras. Ich zweifelte, dass wir nach unten kamen ohne bis zu den Knöcheln im Morast zu versinken, doch Farin wirkte zuversichtlich, lud sich den nun aufgeblasenen Tubing-Reifen auf den Rücken und ging als erster hinunter zum Wasser. Der Fußweg war steil und durch den Regen nun auch schlammig; Farin rutsche etwas und rief mir zu, vorsichtig zu sein. Albina war eine zupackende Tatarenfrau und ging gleich hinterher, einen Teil der Ausrüstung hinunter tragend. Rawil schleppte den Grill. Mir gefiel ihre Gesellschaft. Die meisten Russinnen, die ich bisher kennengelernt hatte, waren sehr auf ihr Aussehen fixiert und konnten allein durch ihre langen, gepflegten Fingernägel nicht kräftig zupacken. Doch Albina hatte wie so viele Tataren vor allem einen Sinn für das Praktische und es machte ihr nichts aus, sich in einem ausgeleierten Leopardenbadeanzug mit Arbeiterjacke darüber zu zeigen.


Der Weg hinunter schien eher in einen Sumpf zu führen als zu einem Strand, aber tatsächlich befand sich hinter dem Schilf ein Fleckchen Sand und eine wilde, von vielen Besuchern niedergedrückte Wiese, die fließend in eine wilde Müllhalde überging. Es surrten mehr Fliegen als Mücken umher, aber das stört keinen. Eine andere Gruppe grillte bereits. Rawil baute den Grill auf und schlichtete gehacktes Holz hinein, während wir den Picknickplatz aufbauten. Das ging schnell - zwei Decken, etwas Saft und Plastikbecher. Während sich Rawil also noch mit dem Grill abmühte, gingen Farin und ich schon schwimmen. Er ließ den Tubing-Reifen ins Wasser und forderte mich auf, darin Platz zu nehmen. Dann nahm der die Leine und zog den zum Boot umfunktionierten Reifen schwimmend aufs offene Wasser zu, dabei durchquerte er ein Feld aus Seerosen.
Es war wundervoll - ich hatte sie noch nie berührt, noch nie gerochen - sie waren nicht völlig aufgeblüht, es waren gelbe knopfartige Knospen, und tatsächlich hatten sie einen sehr markanten Geruch, den ich nicht beschreiben kann.
Ich bat Farin, vorsichtig zu sein, weil ich annahm, dass man sich leicht in ihren biegsamen langen Stielen verheddern konnte, die auf dem Grund des Sees wurzelten.
Währenddessen von Käfern belästigt und von Bremsen leergesaugt, sodass wir uns gegenseitig mit Wasser bespritzten um die Viecher loszuwerden.
Vom Ufer kam Rauch; das war unser Schaschlik, das Rawil gerade zubereitete. Er rief uns, wir sollten kommen, das Fleisch sei durch. Albina war am Ufer geblieben und hatte beim Zubereiten geholfen, und gab jetzt das Essen auf die Teller aus.
Farin und ich stießen mit Saft an; Albina hatte sich zu einem Glas Wodka nötigen lassen, während Rawil offensichtlich schon vorher mit sich selbst angestoßen hatte.
Nachdem wir alle gut gegessen hatten, gingen wir zu dritt schwimmen, das heißt - Farin und Rawil schwammen wieder weit hinaus, und ich ließ mich im Reifen treiben und ließ nur die Beine ins Wasser hängen. Als wir alle zurück am Ufer waren, aßen wir die Reste vom Picknick und stießen mit Saft an bis Rawil schließlich die ganze Flasche Wodka fast allein ausgetrunken hatte und auf komische Gedanken kam, zum Beispiel seine Frau in voller Bekleidung ins Wasser zu werfen, weil sie noch nicht schwimmen gewesen war. Sie wehrte sich spielerisch und wir alle lachten, dann verschwanden die beiden im Wasser hinter Schilf...



Albina kam schließlich allein zurück. Rawil wollte noch etwas weiter schwimmen. Als er aus dem Wasser zurück kam, brachte er ihr eine Seerose mit. Das wäre romantisch gewesen, wenn er nicht so betrunken gewesen wäre. Dann begann er die vielen Fliegen mit bloßen Händen zu erschlagen, die uns umschwirrten: Hier eine, dort eine, dann zwei auf einen Streich, aber drei schaffte er nicht... Er klatschte sogar Albina und Farin ab, wenn er eine Mücke auf ihnen sah; ich verjagte jedoch meistens schnell genug die Mücken von uns, wenn ich Rawils Absicht bemerkte. Mittlerweile sprach er fast nur noch in Mat‘, in den schlimmsten Schimpfwörtern, die es in der russischen Sprache gab. Früher war es mir nicht so aufgefallen, aber seit ich diese Wörter kannte, hörte ich das Fluchen plötzlich von allen Seiten, auf der Straße, unter Freunden, aber immer nur von den Jungs.

Rawil ging wieder schwimmen und Farin kam für alle Fälle mit, sodass Rawil sich nicht überschätze und absoff. Nach 10 Minuten kamen sie zurück, beide mit einem ganzen Bündel von Seerosen, die sie uns Frauen überreichten. Das wäre auch romantisch gewesen, wenn diese Blumen nicht einen Haufen Ungeziefer in ihren Blüten enthalten hätten.


Es wurde langsam spät und wir fröstelten, aber Rawil ließ sich durch nichts stoppen, noch einmal hinaus ins Wasser zu gehen. Ich stand mit Farin am Ufer und spähte hinaus, aber ich konnte seinen Kopf nicht mehr zwischen den Seerosen entdecken.
Albina ließ derweil die Luft aus dem Reifen und Farin ging noch einmal ins Wasser um Rawil zu holen. Die Sonne ging rot am gegenüberliegenden Ufer hinter dem Wäldchen unter. Es war nun schon 21 Uhr, als Rawil sich endlich hatte überzeugen lassen, sich anzuziehen und mitzukommen. Wir hatten derweil das Picknick weitestgehend zusammengepackt und nur noch auf die beiden Jungs gewartet.

Wir stiegen wieder den steilen Pfad hinauf, Albina und ich vorsichtig die Seerosen tragend. Ich ließ meine an der Wasserpumpe zurück, in deren Nähe wir geparkt hatten; dort hatte sich eine Wasserlache gebildet und die Blumen konnten noch etwas frisch bleiben, wenn ich sie hinein legte. Albina nahm ihre Blumen mit; vielleicht hatte sie die Käfer darin nicht bemerkt, oder aber sie wollte ihren Mann nicht kränken.
Im Auto versuchte Rawil seine sich spielerisch wehrende Frau auf dem Rücksitz zu vernaschen, während wir einen wundervoller Sonnenuntergang genossen. Farin wechselte die Musik zu einem Lied der Gruppe Brainstorm: "Welcome to my country" - "Willkommen in meinem Land", sagte er lächelnd.
Ja, Russland war ein schönes Land - wer hätte das jemals vermutet! - Ich jedenfalls nicht vor noch einem halben Jahr. So schnell war die Zeit vergangen, so viel Schönes hatte ich erlebt, so viele wunderbare Menschen kennengelernt... es war die beste Zeit meines bisherigen Lebens gewesen, trotz manchen Widrigkeiten.


Es war Zeit für ein Gläschen Tee bei Farin, dann fuhr er mich zurück zum Wohnheim, denn ich musste weiterlernen. Ich sagte ihm, er solle sich nicht beschweren, schließlich habe er mir diese Arbeit gegeben: Er hatte mir eine E-Mail mit einer ganze Liste von Dingen geschrieben, die ich bis zum letzten Praktikum am Dienstag wiederholen musste.
Leider wurde ich beim Lernen etwas davon abgelenkt, dass das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft stattfand, das einfach nicht enden wollte - bis zur letzten Minute der Verlängerung.
Ich hätte gern Holland als neuen Weltmeister gesehen, allein schon, weil es so viele Deutsche tüchtig angefressen hätte. Aber auch ein zweiter Platz war Grund genug zum Feiern, zumal Holland nicht gegen Deutschland verloren hatte. Nur gab es hier niemanden, der mit mir gefeiert hätte...

12.7.
Erwartungsgemäß hatte ich Ausschlag von dem ökologischen Desaster bekommen, das sie hier einen Stausee nannten. Die Anlegestelle Woloschka lag zwar am Zufluss und oberhalb der ganzen Fabriken, die ihre Abwässer in den See leiteten, aber ich schätze, das vermischt sich besser als man denkt; richtig schwimmen war ich auch nicht gewesen, nur mit den Beinen war ich drin gewesen und hatte Spritzwasser abbekommen... und genau da bekam ich auch Ausschlag. Details möchte ich an dieser Stelle ersparen. Den ganzen Tag verbrachte ich im Versuch, mich nicht zu sehr zu kratzen und mich aufs Lernen zu konzentrieren, aber beides ging nicht so richtig. Ich ging auch wieder meine Couchsurfing-Anfragen durch und schrieb neue Gastgeber an, wenn ich nach einem angemessenen Zeitraum keine Antwort erhalten hatte.
Gegen 15 Uhr rief Olga an, ob ich nicht Lust auf einen Spaziergang hätte. Ich stimmte zu und wir trafen uns wenig später auf der sandigen Straße vor meinem Wohnheim, die zurecht den Namen Pesotschnaja trug, vom Wort "Pesok" - Sand. Olga hatte mir im Laufe der Zeit so viele nutzlose Wörter beigebracht wie Oduwantschik (Löwenzahn) oder Listwinitsa (Lärche), und nun wollte sie überprüfen, ob ich noch alle wusste. Wir hatten uns lang nicht gesehen und brachten uns gegenseitig auf den neusten Stand während wir hinunter zum Kirowpark und zum Strand des Stausees spazierten. Sie erzählte, dass sie nun eine alte Freundin vom Dorf treffen und mir ihr einige Tage verbringen wollte. Nur durch Zufall erfuhr ich, dass sie in Wahrheit ihre Zeit mit dem Trinker verbrachte, den sie auf der Feier vom 9. Mai kennengelernt hatte, und mit dem sie offenbar schon eine ganze Zeit lang zusammengewesen war ohne mir etwas davon zu sagen. Es war ihr wohl selbst peinlich, aber als anständige Frau musste sie wohl mit dem ersten Plebs zusammenkommen, der sie betrunken auf einer Party abgeknutscht hatte. Mein Respekt für sie sank jedenfalls gewaltig und schlug auf dem Boden auf, als ich später erfuhr, dass durch ihn zu trinken begonnen hatte.

Am Abend diskutierte ich dann mit Dima im Chat tiefsinnig über Wahnsinn und fanden heraus, dass eigentliche alle anderen wahnsinnig waren - aber das hatten wir eigentlich schon vorher gewusst. Die einzige wirkliche Erkenntnis daraus war, dass ich in ihm eine verwandte Seele gefunden hatte.
Auch Farin meldete sich an diesem Abend; er rief an, dass er gerade von Mücken aufgefressen wurde. Ich war unsicher, ob dies unsere Theorie bestätigte.

13.7.
Ich begann den Tag natürlich wieder mit Cisco, denn diese Arbeit musste erledigt werden. Die Russen sagen zwar, dass die Arbeit kein Wolf ist - sie läuft nicht in den Wald davon; und die Ungarn setzen noch eins drauf mit dem Ausdruck, dass die Arbeit kein Schwanz ist - die kann wochenlang stehen; aber wenn ich in den Urlaub wollte, musste ich fertig werden.
Nur am Nachmittag machte ich eine Pause, denn 16 Uhr hatte sich mittlerweile als meine normale Mittagessenszeit eingeschliffen. Beim Essen sah ich mal wieder die Den Haager TV West Nieuws im Internet an und stellte fest, dass mir die holländische Lebensart irgendwie fremd geworden war; zwar erkannte ich alles wieder oder es kam mir vertraut vor, aber eher wie aus einem anderen Leben oder einem Traum. Mittlerweile war mir Russland ein Zuhause geworden. Es wird seltsam sein, dachte ich mir, nach 6 Monaten wieder in Deutschland... so lang war ich nie am Stück weg gewesen, und ich hatte es nicht mal gemerkt. So schnell war die Zeit vergangen, so viele neue Eindrücke hatten mich erst überrumpelt, und schließlich hatte ich mich an sie gewöhnt und will sie nun vielleicht gar nicht mehr missen? Vermissen würde ich ganz sicher jeden Einzelnen der Menschen, die ich hier kennengelernt hatte, und auch das Gefühl, jeden von ihnen zu einer beliebigen Uhr- und Un-Zeit besuchen zu können.

Um 18 Uhr ging ich nun zum letzten Mal zum Cisco-Praktikum, arbeitete mich allein durch die Aufgabenstellung um schneller fertig zu werden. Am Ende der Praktikumszeit tauschten Farin und ich unsere Lieblingsmusik untereinander aus, dann fuhr er mich heim. Er wollte mich noch einmal treffen, bevor ich die Stadt für zwei Monate verließ, aber ich meinte nur wage, dass ich erstmal die letzte Prüfung bestehen müsste, und dann fuhr ja schon mein Zug... In Wahrheit waren es Dima und Nastya, mit denen ich meinen letzten Tag verbringen wollte, aber das sagte ich ihm nicht.

14.7.
Den ganzen Tag hatte ich das Haus nicht verlassen um das letzte Kapitel, durchzuarbeiten die letzte Kapitelprüfung abzulegen und den praktischen Teil der Prüfung aus dem Kopf zu rekonstruieren, da ich diesen ja schon beim letzten Mal durch Alberts Versehen abgelegt hatte.
Das letzte Kapitel war schnell durchgearbeitet, weil ich es nur noch überflog - der Abschnitt mit dem höchsten Informationsgehalt gab Hinweise, wie man eine übersichtliche Präsentation erstellt, und das hatte ich bereits bis zum Abwinken in meinem Studium gelernt. Insgesamt hätte man das vierte Modul von Cisco Discovery getrost in den Müll treten können, und das erklärte auch, weshalb ich die praktische Prüfung von Modul 4 aus dem Stand mit 50% abschließen konnte. Nun wollte ich nur noch herausfinden, warum es nicht 100% geworden sind.
Ich besaß immer noch das Aufgabenblatt mit meinen Notizen; die IP-Adressaufteilung hatte ich vollständig richtig berechnet, die Router und Switches richtig konfiguriert; nur die Sache mit der Ersatzverbindung und Frame Relay war in diesem Modul neu hinzugekommen und nun kein Problem mehr für mich - es waren nicht mehr als vier oder fünf Zeilen in der Konfiguration. Das einzige echte Problem waren Accesslisten, denn die Zugangssteuerung konnte man auf verschiedene Weise lösen und zum gleichen Resultat kommen. Das begann schon mit der Möglichkeit, das Aufrufen von Webseiten über den Parameter "www" oder "80" zu steuern - obwohl beide korrekt waren und zum gleichen Resultat führten, wurde nur eine von beiden in der automatischen Auswertung der Prüfung als richtig gewertet.
Die Programmierer der Simulationsumgebung waren auch nicht perfekt gewesen, wodurch ich nur durch Ausprobieren und eine Menge Zähneknirschen herausfinden konnte, welche Varianten funktionierten, und welche nicht. Nach 10 Stunden war ich völlig breiig im Kopf und ließ die Arbeit für heute ruhen.

15.7.
Die Arbeit war weder Schwanz, noch Wolf, und musste doch wieder aufgenommen werden. Ich verlie0 nur einmal kurz das Haus um im Laden im Untergeschoss Smetana - saure Sahne - zu kaufen, um die letzten eingefrorenen Pelmeni damit runterwürgen zu können. Den ganzen restlichen Tag ging ich wieder meine Notizen durch und stellte wie immer fest, dass die Zeit einfach nicht reichte. Aber das war ein ganz normales Phänomen: Egal, wie viel Zeit man hatte, es war nie genug Zeit um all das zu machen, was man in dieser Zeit gerne erledigen würde. Es war das Prinzip endlicher Zeit vs. endlose Beschäftigungsmöglichkeiten.

16.7.
Heute war es mein Notebook, das keine Lust mehr hatte und sich schließlich mit einem Bluescreen verabschiedete. Es hatte schon eine ganze Weile herumgezickt, und ich konnte es verstehen - zwei Monate dieser unglaublichen Hitze hielt keine westliche Technik aus. Nun fror es jedes Mal beim Neustart fest und wechselte in einen Bluescreen, aber das machte mir keine Strich durch die Rechnung, denn ich hatte bei den ersten gehäuften Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, im abgesicherten Modus eine Sicherheitskopie aller wichtigen Daten gemacht und setzte mich nun mit dem USB-Stick in den Computerraum des anderen Wohnheimteils, weil dies der einzige Ort war, an dem es noch Computer gab, also zumindest einen. Niemand war in diesem Zimmer, aber drei Computerlüfter liefen als Ventilatorenersatz ohne die Luft wirklich angenehmer zu machen. Miguel schaute am Abend kurz rein und grüßte mich - überrascht mich zu sehen. Ich hörte Musik und klopft fast manisch den Takt während ich meine 60 Seiten Notizen durchlas... auch die Etagenfrau hatte immer wieder hineingeschaut, ob ich noch am Computer saß, und um mich noch einmal darauf hinzuweisen, dass ich am Ende alles ordnungsgemäß abschalten sollte. Später kam Miguel noch mal und holt sich seine Lüfter. Ich zeichnete kleine Comics um mir Eselsbrücken für die morgige Prüfung herzustellen und begann durchzudrehen beim Versuch, mir das komprimierte Wissen in den Kopf zu hämmern... und dann war es schon drei Uhr morgens.

17.7.
Um 6, um 8, um 9 Uhr war ich immer wieder aufgewacht, entweder von der Hitze in meinem Zimmer oder dem Lärm von der Straße oder meinen Nachbarn. Ich hatte ausgeschlafen sein wollen für die Prüfung um 12 Uhr, gab den Kampf mit mir selbst um etwas Schlaf schließlich doch auf und bereitete mich vor, zum Prüfung zu gehen. Albert kam nur meinetwegen an diesem Samstag zur Prüfungsaufsicht, deswegen ging ich vorher in den Supermarkt in der Nähe um für ein kleines Picknick einzukaufen.

Ich war trotzdem noch viel zu früh da, aber kurz nachdem ich es mir auf den Boden vor dem dem Ciscolabor gemütlich gemacht hatte, kam Emilyanov und sperrte den Raum auf. Ich vermutete, dass er die Prüfung abnehmen würde, aber er wollte auch nur mit Albert sprechen, der in seiner praktischen Veranlagung aus dem Prüfungstermin gleich einen Konsultationstermin gemacht hatte. Nur hatte er sich wie immer ein wenig verspätet. Ich gab auch Emilyanov einen Apfel in die Hand, als ich das Picknick auf Alberts Tisch aufbaute. Emilyanov war es wohl ein bisschen unangenehm, aber Albert freute sich - ich hatte durch Zufall seine Lieblingsschokolade erwischt: russische Gorkischokolade, bittere.
Albert schaltete die Prüfung frei und Emilyanov bat mich um meinen USB-Stick - er wollte mir Materialen darauf kopieren, die mir beim Studium für das offizielle Zertifikat helfen konnten.
Während ich die Theorieprüfung begann, hörte ich mit halbem Ohr zu, wie Albert derweil heftig mit Emilyanov diskutierte, auch wenn ich nicht verstand, worüber.

Die Theorieprüfung nicht so schlimm gewesen wie ich erwartet hatte, und ich erhielt meine 92% dafür. Bei der Auswertung sah ich, dass ich ein paar Mal ganz gut geraten, aber auch einen Schusselfehler gemacht hatte. Albert stimmt mir zu, dass dieses Modul hauptsächlich aus Gelaber bestand, das absolut nicht nützlich für die Prüfung war, und schon gar nicht für die Zertifizierung.

Er brauchte eine ganze Weile, meine praktische Prüfung freizuschalten, weil ich jene Prüfung ja schon einmal abgelegt hatte und der Kurs nach vier Monaten bereits abgelaufen war - er musste über Umwege einen neuen erstellen, aber es klappte. Derweil erzählte, er dass er heute noch mit seinem Bruder und Freunden an den Fluss Kama zum Fischen und Zelten fahren wollte. Ich versprach mich zu beeilen, aber Albert lächelte nur und meinte, ich solle ruhig die Zeit nutzen.

Natürlich hing sich mein Arbeitscomputer nach 20 Minuten auf - auch diese Computer vertrugen die Hitze nicht besonders gut, aber ich hatte glücklicherweise in den ersten 20 Minuten nicht allzu viel konfiguriert, sondern hauptsächlich die Berechnungen auf meinem Notizblatt ausgeführt. Nach einem Neustart konnte ich wieder bei Zeitpunkt 0 beginnen.
Ich ging nun sehr systematisch vor um herauszufinden, weshalb beim letzten Mal die Verbindung scheinbar in Ordnung gewesen war, aber das Netzwerk dennoch nicht völlig funktioniert hatte - schließlich fand ich den Fehler: Man hatte mit Absicht eine leicht fehlerhafte Konfiguration in eines der Geräte eingefügt, deren Konfiguration gar nicht Teil der Aufgabenstellung war. Ich glaube zumindest, dass es Absicht war, denn man hatte in diesem Kurs viel Wert auf Troubleshooting - also das Auffinden von Fehler - gelegt. Die Auswertung nach der Prüfung gab mir Recht - man hatte mir die Korrektur dieses Fehlers mit Pluspunkten angerechnet. Albert hatte gemeint, dass es unmöglich sei, diese Prüfung mit 100% abzuschließen - das hatte ich auch nicht geschafft, aber ich wusste nun warum: Meine gefürchteten Accesslisten hatten in einer anderen Form konfiguriert werden als ich sie konfiguriert hatte: Ich hatte eine 50:50-Chance gehabt, die richtige Variante zu wählen und hatte die falsche gewählt. Wenn ich nun zum dritten Mal diese Prüfung hätte wiederholen können, hätte ich 100% erreicht, und ich erklärte Albert meine Entdeckung den Konfigurationsfehler der Aufgabenstellung betreffend, aber ich glaube nicht, dass er mir glaubte. Für ihn blieb diese Prüfung weiterhin nicht mit 100% bestehbar bis sie jemand mit 100% bestand.
Ich hatte es ja oft erlebt, dass er seinen eigenen Kopf hatte und sich nicht mit Tatsachen verwirren ließ, wie vor einigen Wochen, als ich ihm von Ägypten im Juli abgeraten hatte. Er war zwar braun gebrannt, aber nur an den Stelle, an denen sich nicht seine Haut großflächig von den Knochen schälte. Er meinte, dass er sogar durch die Kleidung hindurch Sonnenbrand bekommen hätte, aber er schwärmte mir anschließend lange von seiner Reise vor; er war tauchen und segeln gewesen, Speedboat gefahren und auf dem Motorrad durch die Wüste gerast... und am liebten würde er im September schon wieder wegfahren, nach Barcelona diesmal. Dann fragte er mich nach meinen genauen Reiseplänen und war begeistert - 8 Städte in 3 Wochen. Es stellte sich nur noch die Frage, wer die größeren Hummeln im Hintern hatte.

Auch auf Miguel fiel das Thema; Albert schien ehrlich erstaunt, dass sich Miguel noch in Izhevsk befand, weil er seit Monaten nichts mehr von ihm gehört hatte. Ich versprach ihm, mich darum zu kümmern, dass Miguel sich mal wieder bei ihm meldete.

Bevor wir aufbrachen, bastelten wir noch schnell ein Thema für meine Masterarbeit zusammen, ich ließ mir die Unterschrift darauf geben, und dann für alle Fälle noch einmal eine Blanko-Unterschrift auf ein leeres Formular. Dann bat ich ihn noch um ein Foto mit der riesigen Sonnenbrille, die er sich aus Ägypten mitgebracht hatte... nur zur Erinnerung, aber nicht zum Hochladen auf vkontakte, musste ich ihm versprechen. Er nannte mich scherzhaft einen Paparazzi. Wir nahmen den Minibus 52 und verabschiedeten uns mit Wangenküsschen und guten Worten.

Nun wollte ich mich einfach nur ins Bett werfen und bis zum Abend durchschlafen, aber Farin hatte nicht locker lassen wollen bis ich schließlich zustimmte, mit ihm reiten zu gehen. Auf Pferden, wohlgemerkt. Ich konnte mich nur dunkel daran erinnern, als Kind einmal auf einem Pony gesessen zu haben, das im Stadtpark im Kreis geführt worden war - das war meine einzige Erfahrung mit einem Pferd gewesen. Anders als meine Mitschülerinnen hatte ich mich nie für Pferde begeistern können und misstraute generell Tieren, die größer waren als ich. Aber was soll‘s, dachte ich mir, wann bekam man sonst noch mal die Chance dazu?

Ich hätte es als Zeichen nehmen sollen, als mit einem lauten Knall und viel Rauch der Reifen vom Trolleybus explodierte, in dem ich gerade zum Zentrum fuhr. Ich hatte mir zuerst gar nicht vorstellen können, was das gewesen sein mag, und warum es plötzlich unterm Sitz zu rauchen begonnen hatte. Der Oberlinienbus rollte noch eine ganze Weile unbeirrt den Berg hinunter bis zur nächsten Haltestelle. Ich stieg aus, andere blieben drin sitzen. Schnell machte ich ein Foto von dem beeindruckenden Loch im Reifen bevor der Bus wieder losfuhr. Es war manchmal erschreckend, wie unbeteiligt so viele Russen alles in ihrem Leben hinnahmen.

Ich war nicht mehr weit vom Treffpunkt mit Farin entfernt; er wollte wieder an der gelben Kirche warten, das war eine Haltestelle weiter, also kein Problem schnell dorthin zu laufen. Trotzdem kam ich natürlich ein ganzes Stück zu spät dort an und brauchte eine ganze Weile um ihm zu erklären, warum ich zu spät war und wechselte schließlich zu Gesten und einer entsprechenden Geräuschkulisse, wobei ich beim Imitieren des Explosionsgeräuschs vor lauter Eifer spuckte. Farin hatte es dann aber begriffen und fuhr los; er hatte Pistazien für mich mitgebracht, die wir während der Fahrt knackten - die Schalen warfen wir einfach aus dem Fenster.

Bei Farin angekommen holte er erstmal eine große Wassermelone hervor und schnitt die Hälfte davon in Stücke - das sollte ich nun alles erstmal essen bevor wir losritten. Er hatte 4 oder 5 Stück gekauft, sein Kumpel Rawil gleich 15, weil es jetzt Melonenzeit war, das heißt, sie waren spottbillig - für nur wenige Rubel pro Kilo zu haben. Das erinnerte mich an Usbekistan, als wir uns zwei Monate lang praktisch nur von Melonen ernährt hatten. Und natürlich gab es dazu wieder einen Tee, Gebäck und überhaupt alles, was im Haus war: Die gleichen Quarkkeulchen mit selbstgemachter Apfelmarmelade.

Wenig später trafen wir Albina, Rawils Frau - sie war eine Pferdenärrin und kannte einen Pferdebesitzer ganz in der Nähe.
Der Tatarische Basar war wirklich ein Dorf innerhalb der Stadt: Hunde bellten hinter hohen Blechzäunen, Hühner spazierten auf den Feldwegen zwischen den Häusern umher und böse aussehende Riesenhähne bewachten sie. Albina fragte einen der Bauern zaghaft, ob wir unbeschadet vorbeigehen könnten. "Ja sicher", antwortete er, "aber besser keine ruckartigen Bewegungen machen". Der Truthahn zuckte nervös, als wir langsam vorbeigingen, aber er tat uns nichts.

Es gab hier die seltsamsten Häuser - wie verwunschene Hütten im Märchen; eins erinnerte mich ganz besonders an Disney, schon allein durch seine rosa Farbe.
Wir kamen an einen Hof mit wunderschön bewachsenen Häuserwänden und klopften an die hohe Eingangstür. Hundegebell erklang, und ein alter Mann öffnete und ließ uns ein. Der Hof roch schon nach Pferden; auf dem Boden lag Stroh und Fliegen schwirrten umher.
Wir gingen zu einem kleinen Schuppen - in dem befand sich ganz versteckt eine Stute mit ihrem Fohlen. Farin erklärte mir, dass es noch ganz jung sei. Albina hatte einen Beutel kleiner Äpfelstücke und Melonenschalen dabei, die sie nun an die Pferde verfütterte. Hier waren es nur drei, aber auf dem ganzen Hof gab es weitere Ställe; ich glaube, es waren insgesamt sechs Pferde.
Farin fischte auch Äpfel aus der Tüte und reichte sie einem Pferd, dass ihm mit viel Gesabber aus der Hand fraß. Er forderte mich auf, es ihm gleich zu tun, aber zunächst noch weigerte ich mich, weil ich kein großer Fan von Pferdesabber war.

Die kleinen Pferdchen, die wir alle gerade so bewundert hatten, sahen ganz harmlos aus, und ich dachte mir schon, dass der Ausritt doch nicht so abenteuerlich werden würde - aber dann kamen wir zu dem Pferd, das ich reiten sollte: Elli, und es war riesig. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass Pferde real so groß waren. Mir stellte sich dann gleich die nächste praktische Frage - wie ich dort hochkommen sollte.
Nun kam ich doch nicht mehr ums Füttern rum, denn es war eine Form der Kontaktaufnahme - ich sollte sie streicheln und füttern, ihr Freund werden. Ich schüttelte mich innerlich; es war so ekelig, wenn mir das Pferd von der Hand fraß, und meine Hand fühlte sich danach noch lange nass und klebrig an.

Drei Pferde wurden nach draußen geführt, es wurden Decken aufgelegt, dann Sättel, die fest um den Bauch des Pferds verschnürt werden mussten. Farin sollte es selbst einmal probieren, und er lief beim Versuch vor Anstrengung rot an. Mit vereinten Kräften schafften sie es. Schließlich waren die drei Pferde fertig angekleidet und draußen vor dem Hof angebunden.
Dort fraßen sie alles, was sie erreichen konnten und drückten dabei sogar den Gartenzaun nieder um an die Sträucher und die Blumen dahinter zu kommen, sie rupften das staubige Gras, der noch Zaunfarbe enthielt und ich suchte schnell nach etwas Grünem zum Füttern. Mein Pferd schien gemerkt zu haben, dass das Gras hier draußen nicht so gut war und spuckte grün auf den Boden; danach wollte ich es gar nicht mehr mit bloßer Hand füttern. Ich hatte bisher gedacht, dass Pferde gar nicht kotzen könnten und es deswegen das Sprichwort gab, man hätte schon Pferde kotzen sehen.

Nun war es Zeit aufzusteigen. Allein kam ich gleich gar nicht hoch, Farin musste mich an meinem Hintern hochschieben, und machte das mit Freude - dann hing ich auf dem Pferd wie ein nasser Sack. Und es setzte sich langsam in Bewegung: "Ahhnein, nein..." rief ich entsetzt aus. Das hielten meine beiden Begleiter für den geeigneten Zeitpunkt, mir die Kommandos beizubringen, mit denen man die Pferde angeblich steuern konnte: "Ajda” zum Gehen - da dachte ich mir gleich, das brauche ich eh nicht, und "stayat” zum Bremsen - das probierte ich gleich aus, aber das Pferd ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken. Albina packte das Züge und wies Elli an, stehenzubleiben.
Das einzige, das auch bei mir funktionierte, war rechts am Zügel zu ziehen für Rechtskurve, links für Linkskurve. Farin und Albina ritten voraus. Schleppend setzte es sich Elli in Bewegung und stoppte von ganz allein nach 100 Metern um Gras zu fressen.
Farin kam zurückgeritten und half mir weiterzukommen, und demonstrierte, wie man ein Pferd treten und schlagen musste, dass es gehorchte, aber ich das konnte ich nicht mit meiner zaghaften Natur vereinbaren. Ein anderer Gedanke kam mir: Wenn das Pferd mich nicht mochte und es wollte, dann könnte es mich einfach abwerfen und allein weitertraben.
So kam es also, dass wir die meiste Zeit auf Wiesen standen und ich Elli fressen ließ. Farin wurde bald ungeduldig und zeigte mir, wie ich am Zügel ziehen musste um den Kopf des Pferdes vom Boden zu mir zu hoch zu ziehen um weiter reiten zu können. Aber so ein Pferd ist ziemlich stark und eigenwillig. Erst als ich schon den Muskelkater spürte, war es mir halbwegs gelungen, sie schon während des Kauens zum Laufen anzutreiben.

Freilaufende Hunde folgten uns; Farin ließ mich eindringlich wissen, dass wir schneller werden mussten um die abzuschütteln, aber gleichzeitig sollten wir nicht die Leute mit Kinderwagen auf dem Waldweg überrennen. Und wieso wurde ich überhaupt einfach auf ein Pferd gesetzt ohne Reitunterricht oder Ahnung was ich machte, schoss es mir durch den Kopf als Elli plötzlich dem Beispiel der anderen folgend in eine schnellere Gangart verfiel - Trab, Galopp, was weiß ich. Ich konnte mich nur mit aller Kraft am Sattel festklammern und beten, dass ich es heil überstand. Ich fühlte mich hüpfen und versuchte mich der Bewegung anzupassen, aber es war wie ein Rodeo auf einer wild gewordenen Waschmaschine. Es war keine gute Idee gewesen, meinen Brustbeutel um den Hals zu haben, denn der Strick scheuerte mir die Haut auf; der Beutel wog schwer von den vielen Münzen.

Am Ende des Waldwegs hielten Farin und Albina an, und Farin fragte mich allen ernstes, wie ich mich fühlte und war überrascht, dass ich nicht so recht begeistert war.
Sie ritten nun langsamer weiter, und trotzdem blieb ich immer wieder zurück. Farin verlor schließlich die Geduld: "Du musst hart und stark sein und sie schlagen!”, dabei machte es vor, "sie muss wissen, dass du ihr Meister bist!”. Ich hatte keine Lust mehr und hob die Brauen und meinte nur, dass es für ihn vielleicht etwas Sexuelles war, aber ich nicht so darauf stand.
Zur Rache ging er nun in einen noch schnelleren Gang und Elli sprintete ihm nach. Ich bekam wirklich Zweifel am Spruch "Glück dieser Erde" und hielt mich verbissen fest - alles schmerzte, meine Knie, meine Arme, mein Sitzfleisch und mein Kopf - ein Schleudertrauma wahrscheinlich, wie bei einem Autounfall, malte ich den Teufel an die Wand.
Mittlerweile wünschte ich mir, dass Elli wieder grasen würde, denn auf stayat hörte sie nicht. Als sie stoppten, wollte ich nur noch zurück zum Hof. Wir waren bei einer Tankstelle außerhalb des Tatarischen Basars angekommen und schlugen wieder einen Pfad durch den Wald ein. Etwas Gutes hatte es, dass ich mittlerweile so genervt war: Mir gelang es Elli vom Fressen abzuhalten, indem ich ihren Kopf gar nicht erst in Richtung von etwas Grünem pendeln ließ.
Wir kamen auf Farins Lieblingsstrecke; ein Auf und Ab über Hügel und durch ausgetrocknete Flusstäler. Mit einem wahnsinnigen Schwung rasten die Pferde dort durch, und ich schrie nur noch und fluchte laut. Nein, ich mochte wirklich keine Pferde, wurde mir klar, aber wenigstens hatte ich herausgefunden, warum.
Nach einer anderthalb Stunde waren wir endlich zurück am Hof angelangt, und nur mit Hilfe rutschte ich erschöpft vom Pferd runter; meine Knie klappten zusammen. Diesen Ausritt würde ich noch Wochen später in meinen Knien spüren.

Ich blieb erst einmal sitzen. Der Besitzer kam zu uns hinaus und führte seine Pferde nach drinnen um sie abzusatteln. Allein draußen bleiben wollte ich dann doch nicht und ging mit hinein. Die drei standen mittlerweile um eine große Metallschüssel und probierten den gelb-braunen bröckeligen Inhalt. Es war der Rest einer Honigwabe. Sie forderten mich auf, es auch mal zu probieren; es schmeckte natürlich süß wie Honig und blieb an den Zähnen kleben, weil es Wachs war.

Der Bauer führte uns in einen Schuppen, in dem er ganze Kannen mit Honig lagerte. Er öffnete eine und steckte den Finger tief hinein um uns zu zeigen, von welch guter Qualität sein Honig war. Er leckte den Finger ab und forderte uns lächelnd auf, das Gleiche zu tun. Dabei machte Farin mit Freude Fotos von uns.
Wir bezahlten dem Bauern 900 Rubel für uns drei zusammen, etwa 23 Euro, aber er wollte das Geld fast gar nicht haben, weil es ihm Freude gemacht hatte, uns zu treffen. Doch natürlich gaben wir es ihm trotzdem, und er gab uns einen Preisnachlass.




Es war mittlerweile schon dunkel geworden und ich musste langsam zum Wohnheim zurück und meine Sachen für die Reise packen, da ich sie bisher nur in Haufen auf dem Boden verteilt hatte - Dinge, die ich nicht mehr brauchte und nach Deutschland bringen wollte, weil es zu schade war, sie wegzuwerfen; Dinge, die ich auf der Reise brauchte; Dinge, die ich unbedingt bei meiner Rückkehr brauchte; Geschenke und ein Berg, bei dem ich noch unschlüssig war, wo ich dessen Gegenstände einordnen sollte.
Farin ließ mich jedoch nicht eher gehen, bevor ich nicht noch wie immer schnell einen Tee getrunken und die restliche halbe Wassermelone aufgegessen hatte. Dann fuhr er mich zum Wohnheim zurück.

Als ich am Computerraum vorbei kam, erinnerte ich mich an mein Versprechen und versuchte Miguel zu finden, aber bis in die Nacht hinein lag sein Notebook unbenutzt auf dem Tisch. Morgen schon würde ich meine große Reise durch Russland beginnen, also hinterließ ich ihm einfach einen Zettel in sein Notebook geklemmt, mit der Bitte, der möge sich doch bei Albert melden. Gut genug, dachte ich zufrieden.