Aus Pärnu wegzutrampen stellte sich als ungeahntes Hindernis heraus, das ich im Internet keine Informationen finden konnte, wo man sich denn am besten an den Straßenrand stellen sollte. Die Schnellstraße begann jedoch nicht weit von Katrins Haus, weshalb wir auf gut Glück dorthin liefen. Wir stellten uns in die Nähe einer Busbucht und hielten ein Schild mit "Riga" hoch. Es wäre vielleicht geholfen, wenn wir vorher gewusst hätten, dass Riga hier Riia hieß; somit gaben wir uns nun als Touristen zu erkennen. Die Fußgänger besahen uns neugierig. Zwei ältere Männer kamen und versuchten uns mit Gesten darauf hinzuweisen, dass weiter hinten ein besserer Ort zum Anhalten wäre. Nach einer Weile glaubten wir ihnen, schulterten unsere Rucksäcke und zogen weiter. Die Straße wurde nicht besser, eher enger, und anhalten konnte hier auch niemand mehr. Nachdem wir es an dieser Stelle eine Weile versucht hatten, wanderten wir weiter die Straße entlang bis wir auf eine Tankstelle mit Einfahrt davor fanden. Das sah wie der ideale Ort aus. Wir stellen uns vor die Einfahrt. Normalerweise wäre ich in die Tankstelle gegangen um die Tankenden ums Mitfahren zu bitten, aber hier ich wusste nicht, in welcher Sprache. Englisch ist noch nicht weit genug verbreitet, besonders unter den älteren Leuten. Ich hatte vermutet, dass einige noch deutsch sprachen, aber diese Hoffnung wurde mir schnell genommen. Und auf russisch wollte ich auch niemanden ansprechen, da mir gesagt wurde, dass es ein Este als Beleidigung auffassen könnte. Umso überraschter war ich, als wir auf russisch angesprochen wurden. Ein Transporter-Fahrer war in die Tankstelle gefahren und zu Fuß zu uns gelaufen. Ich war so überrascht, dass ich gleich gar nicht auf Russisch antworten konnte, sondern nur dankbar nickte.
Während der Fahrt versuchten wir die Verständigung erst auf Englisch, wobei unser Fahrer bald an seine Grenze stieß; dann auf Russisch, wobei ich noch viel schneller an meine Grenzen stieß. Wir kamen schließlich darauf, dass das einfachste war, wenn er russisch sprach, und ich englisch; denn verstehen konnten wir uns ja. Nur für Matthias muss sich diese Sprachkombination sehr seltsam angehört haben.
Die Straße Richtung Riga führte an der Küste entlang; durch die hohen Nadelbäume konnte man oft den Strand und das Wasser durchschimmern sehen; an einigen Stellen waren Aussichtsplätze angelegt worden, und Schilder wiesen auf versteckt im Wald liegende Campingplätze hin. Als ich anmerkte, wie schön idyllisch es hier sei, bog unser Fahrer auf den nächsten Parkplatz ein und ließ uns aussteigen um Fotos zu machen. Er stand grinsend daneben und rauchte erstmal eine Zigarette. Er hatte Zeit, da er nur den Transporter zurück nach Riga bringen musste, und gleich um die Ecke wohnte. Danach wollte er zu seiner Großmutter in die Wälder nahe der russischen Grenze fahren, wenn ich das recht verstanden hatte, um dort fischen zu gehen. Er war gut gelaunt, dass er uns direkt bis in die Innenstadt von Riga bringen wollte.
Die Fahrt in die Innenstadt wirkte wie eine endlose rote Welle, aber unser Fahrer besaß eine noch endlosere Geduld. Manche Fahrer sind einen gleich so sympathisch, dass man mit ihnen in Kontakt bleiben möchte; ich wollte ihm meine E-Mail-Adresse geben, fragte ihn, ob er Internet zu Hause nutzte. Das schon, meinte er, aber er könne weder auf englisch noch auf russisch schreiben. Ich hätte mich auch gerne mit ihm getroffen, während wir in Riga waren, denn ich hatte noch immer nichts von unserem Gastgeber gehört, und es war immer schön, einen menschlichen Anhaltspunkt in einer fremden Stadt zu haben.
Er hielt an einer Ampel an, die lang genug rot sein würde um uns Gelegenheit zum Aussteigen zu geben. "Bahnhof - Altstadt", erklärte er und deutete in die entsprechenden Richtungen. Wir bedankten uns herzlich und sahen ihm nach, als er nach einer Weile losfahren konnte. Nun standen wir allein an einer bankbestückten Allee mitten im Zentrum. Es schien der ideale Ort für ein Picknick zu sein. Es war noch ein halbes Kilo von der Schnittsalami übrig, die wir in Turku günstig erstanden hatten. Wenn man die austretende Schmiere abwischte und nicht darüber nachdachte, war die Salami auf Brot durchaus noch genießbar. Dazu unser tägliches Stück Riesen-Toblerone von der Fähre nach Stockholm, und manchmal noch Nutella aus Oslo aufs Brot des aktuellen Landes. Internationale Küche ist das, wenn man mich fragt. Ich versuchte auch unseren Gastgeber noch einmal zu kontaktieren, jedoch ohne Erfolg. Er hatte sich auf seinem Profil bei Couchsurfing als professionellen Künstler bezeichnet; vielleicht war er gerade in einer kreativen Phase und durfte nicht von der Außenwelt berührt werden. Man kennt ja das empfindliche Gleichgewicht einer Künstlerseele. Ich beschloss, ihm noch bis zum Abend Zeit zu geben, bevor ich unserem anderen potentiellen Gastgeber kontaktieren wollte - an weiterer kreativer Geist, der zwar immer in anderen Sphären schwebte, aber Fremde darin zuließ. Was musste Riga für ein kreativer Ort sein, wenn man nicht mal einen normalsterblichen Gastgeber finden konnte?! Tatsächlich aber stellte sich Riga als ganz normale Stadt heraus, mit der üblichen Handvoll Straßenmaler in der Altstadt, und sowjetischem Charme in den Außenbezirken. Wir ließen unsere Rucksäcke in einen Bahnhofsschließfach und begannen Eindrücke zu sammeln. Vor allem überraschte mich, überall russisch zu hören. Ein Blick in Wikipedia zeigte, dass etwa die Hälfte der Einwohner Russen sind, nachdem sie die deutschen Siedler endlich losgeworden waren. Später sahen wir ein lustiges Video auf Youtube über die bewegte lettische Geschichte; ich versuche später den Link zu finden. Edit - habe den Link gefunden: Die Geschichte Lettlands in 8 Minuten: http://www.youtube.com/watch?v=EcKIeD3RxRQ
Ein weiterer Blick in Wikipedia zeigte, dass dieser Stadtpark einst die Stadtmauer gewesen war, und nun wieder die Altstadt vom Rest der Stadt abtrennte. Hier stand auch das hohe Unabhängigkeitsmonument mit drei goldenen Sternen; eine gute Orientierungshilfe. Ja, ich weiß, dass es langweilig ist, über Fakten zu lesen, wenn man nicht selbst vor Ort war, deshalb schnell weiter:
Ich hatte mir in weiser Voraussicht die Adresse unseres Gastgebers geben lassen, und so zogen wir los, sein Haus zu suchen - vielleicht hatte er sein Handy verloren und wartete auf uns. Man soll schließlich immer auf das Beste im Menschen setzen. Wir schafften es doch tatsächlich, die Adresse allein mit Hilfe einer mit Werbung vollgepackten Stadtkarte aus der Touristeninformation zu finden - da sage noch mal jemand, wir wären technologieabhängig. Die Wohngegend machte eher skeptisch, alle Häuser wirkten eingefallen und leer, obwohl manchmal noch eine Katze vor der Tür saß und ein Gesicht hinter einer dunklen Fensterscheibe auftauchte.
Das Haus stand einzeln im Grünen, was es aber trotzdem nicht zum romantischen Landhaus machte. Als wir vor der Tür standen und uns überlegten, ob wir einfach klingeln sollten, öffnete sie sich plötzlich einen Spalt breit und eine junge Frau blickte hinaus. Ich ergriff die Initiative und fragte sie, ob sie unseren Gastgeber kenne, zeigte die Adresse auf meinem Übersichtszettel. Ohne ein Wort zu sagen ging sie vorraus zu einem anderen Eingang, dort klingelte sie und Hundegebell war zu hören. Eine ältere Frau öffnete und sie wechselten ein paar Worte, dann verschwand die Nachbarin ohne sich noch einmal umzudrehen und ließ uns mit der Frau allein, die uns mit Gesten hereinbat. Wir sahen uns zweifelnd an. Wer war sie, und war das die vielbeschriebene russische Höflichkeit, Fremde wie Freunde ins Haus zu bitten? Wir folgten ihr in einen dunklen Korridor, und dann in ein noch dunkleres, langgestrecktes Zimmer mit vorgezogenen Vorhängen, das leer wirkte bis auf ein Klavier. Die alte Frau sagte in gebrochenem Deutsch, dass dies unser Zimmer sei, und wir standen noch ein wenig ratlos umher. Sie erklärte schließlich, dass sie Edmunds´ Mutter war und uns erwartete; er selbst sei noch auf Arbeit. Sie machte den Eindruck, uns hier im Zimmer allein lassen zu wollen. Ich erklärte, dass wir unser Gepäck noch am Bahnhof hatten, und später wiederkommen wollten. Fluchtartig verließen wir das dunkle Haus.
Wir nahmen die Bahn ins Zentrum und ich kontaktierte den anderen Gastgeber. Der hatte gerade den Kater der letzten Party ausgeschlafen, die darin endete, dass sie auf Bürostühlen die Straßen hinunter rasten... Es erschien uns dann doch sicherer, zum Hexenhaus zurückzukehren. Ich wollte gern etwas mitbringen, falls wir am Abend mit der Mutter allein sein sollten. Wir waren vorhin schon an einem großen Markt in der Nähe des Flusses vorbei gekommen; dorthin zog es uns nun wieder, und ich holte erstmal etwas Obst. Die Preise schienen mit jedem Kilometer nach Süden zu sinken, und so waren sogar Weintrauben erschwinglich. Ein Kilo bekam man schon für eine hiesige Geldeinheit, etwa 1,30 Euro. Die Marktfrau umschwirrte mich, und bat mich, unbedingt eine Weintraube zu probieren. So etwas überfordert mich immer; man kann so schlecht "nein" sagen. Ich stimmte also auf ein Kilo zu, und sie wog zweieinhalb Kilo ab. Ich schüttelte den Kopf und zeigte das Geldstück mit der 1 hoch. Sie nahm eine Traube heraus, legte den Kopf schief, weil es nicht wirklich leichter geworden war, dachte kurz nach, zuckte die Schultern, und nahm mein Geldstück an. So handelt man also ausversehen den Preis um die Hälfte hinunter.
Im Supermarkt bekamen wir dann die restlichen Grundnahrungsmittel, worunter ich auch jene Apfelteigtaschen zählen möchte, die so seltsam nach rohem Teig schmeckten und wahrscheinlich erst gebacken oder gebraten werden mussten. Leider befand sich mein Bundeswehr-Notkocher eingeschlossen im Hauptbahnhof - dabei wäre dies die ideale Gelegenheit zum Ausprobieren gewesen, da wir schon nicht in der finnischen Pampa gestrandet waren, wie ich es mir ausgemalt hatte...
Schließlich machten wir uns auf den Weg, so verlockend die Vorstellung auch war, die Nacht im Zelt zu verbringen und Apfeltaschen zu grillen.
Wir klingelten; von drinnen kam wieder ein mächtiges Hundegebell. Edmunds kam uns aus der Dunkelheit entgegen und wirkte dabei wie ein aus dem Winterschlaf erwachter Bär; seine Mutter bat uns herein, und noch eine weitere Person war im Raum. Ich weiß noch, wie ich dachte: Oh, das muss sein Vater sein. Erste Eindrücke können fehlleitend sein. Matthias erzählte mir später, sein erster Eindruck war, dass die beiden ein wenig zurückgeblieben wären. Das kann ich keinesfalls so im Raum stehen lassen, denn beide sind mir mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen - deshalb schnell ein zweiter Eindruck her:
Edmunds war ein echter Künstler in seinen mittleren Jahren, tiefen Lachfalten an den Augenwinkeln und immer ein wenig Farbe an den Fingern. Er wohnte mit seiner Mutter und Andres zusammen, der trotz lichter werdender Haare immer noch eine jungenhafte Ausstrahlung besaß und mit seinem ganzen Körper lachte. Er war das sanftmütigste Wesen, das mir je begegnet war; abgesehen vielleicht noch von Edmunds´ Hund, ein großes, zotteliges Wesen, das nur an der Tür böse tat, sich dann aber sofort in einen übergroßen Schoßhund verwandelte, der sich am liebsten zu Füßen legte und sich kraulen ließ, und dabei grunste wie ein Schwein. Er folgte uns immer von einem Raum in den anderen, nur um sich gleich wieder auf den Boden zu legen: Er wollte gern überall dabei sein.
Wir kamen gerade zur Essenszeit; wir lehnten zwar dankend ab, wurden aber genötigt, wenigstens einen der kleinen Äpfel zu essen, die überall in der Küche in Schalen und Eimern lagen, und langsam vor sich hinmoderten. Später zeigten wir ihnen, wie man daraus Apfelmus machen konnte, obwohl wir ihnen das Konzept des Einkochens nicht so richtig klar machen konnten, und Edmunds sich den Mus morgens wie Marmelade aufs Brot strich - wenigstens hatten wir Kulturaustausch betrieben.
Als es dunkel wurde, gingen wir gemeinsam nach draußen. Wir waren in die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag hineingeraten; sie begannen heute Nacht mit einem Marathon, der eher an einen schnellen Karnevalsumzug erinnerte: Vorweg rannte eine Gruppe Köche mit schepperndem Essenswagen, es folgten Krankenschwestern mit Rollbett, lebende Tetrisbausteine, fahngeschmückte Kinderwägen und ein Mann mit Gummipuppe. Es schienen aber nicht mehr als 500 Leute zu sein, und nicht alle sahen so seltsam aus. Wir liefen in die entgegengesetzte Richtung. Und ich kann wirklich "laufen" schreiben, denn unsere Gastgeber spazierten als wäre der Teufel hinter ihnen her.
Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich gern auf einen Aussichtspunkt wie den Fernsehturm gehen wollte; sie wussten aber etwas Besseres: Es gab ein Hotel mit Dachrestaurant, wie wir es schon in Oslo gesehen hatten. Dieses war aber viel besser, weil man mit einem gläsernen Fahrstuhl nach oben fahren konnte. Die Idee, zur Aussicht aufs Dach zu fahren, erfreute sich jedoch größter Beliebtheit, und wir standen eine ganze Weile vor dem Fahrstuhl in der überfüllten Eingangshalle. Wir sollten zuerst in den Fahrstuhl steigen, denn so sahen wir die Stadt beim Hochfahren, und hatten den besten Platz am kleinen Fenster vor dem Restaurant. Den besten Blick auf die Stadt hatte man jedoch auf der Toilette, die praktisch nur aus Panoramafenstern Bestand. Der Waschraum, nicht die Kabine. Es war dunkel geworden und die ganze Stadt bestand nur aus Lichtpunkten; vor mir lag die Silhouette der großen orthodoxen Kathedrale.
Vom Hoteldach hinunter kam man noch schwerer als hoch: Im ganzen Vorraum des Fahrstuhls standen dicht aneinander gedrängt ganze Familien, sogar mit Kinderwägen. Der Fahrstuhl brauchte ewig; ich glaubte schon, er würde im Schacht feststecken. Als sich die Türen öffneten, erkämpften unsere Gastgeber todesmutig einen Platz darin für uns. Und schon ging es weiter mit dem Rundgang durch die Stadt - mein Rücken und die Füße schmerzten, und ich begann schon im Laufen einzuschlafen, und auch Matthias hechelte nicht mehr ganz so frisch hinter den beiden her. Hinter dem Besatzungzeit-Museum zeigten sie Einsicht und wir stapften nach Hause: Sie vorn, wir hinterher. Sie waren so in ihre Gespräche versunken, dass wir uns fragten, ob sie es überhaupt bemerken würden, wenn wir einfach in den Seitengraben umkippen und dort ein Nickerchen halten würden. Wir kamen aber rechtzeitig zu Hause an um es nicht ausprobieren zu müssen. Das Bett war so wunderbar verlockend weich, dass ich keine Zeit mit Duschen verlor und einfach hinein kippte...
Der Hund und Andres - haben beide nicht irgendwie den gleichen Blick? ;)











