Montag, 31. August 2009

Riga, Lettland (Teil 1)

21.8.
Aus Pärnu wegzutrampen stellte sich als ungeahntes Hindernis heraus, das ich im Internet keine Informationen finden konnte, wo man sich denn am besten an den Straßenrand stellen sollte. Die Schnellstraße begann jedoch nicht weit von Katrins Haus, weshalb wir auf gut Glück dorthin liefen. Wir stellten uns in die Nähe einer Busbucht und hielten ein Schild mit "Riga" hoch. Es wäre vielleicht geholfen, wenn wir vorher gewusst hätten, dass Riga hier Riia hieß; somit gaben wir uns nun als Touristen zu erkennen. Die Fußgänger besahen uns neugierig. Zwei ältere Männer kamen und versuchten uns mit Gesten darauf hinzuweisen, dass weiter hinten ein besserer Ort zum Anhalten wäre. Nach einer Weile glaubten wir ihnen, schulterten unsere Rucksäcke und zogen weiter. Die Straße wurde nicht besser, eher enger, und anhalten konnte hier auch niemand mehr. Nachdem wir es an dieser Stelle eine Weile versucht hatten, wanderten wir weiter die Straße entlang bis wir auf eine Tankstelle mit Einfahrt davor fanden. Das sah wie der ideale Ort aus. Wir stellen uns vor die Einfahrt. Normalerweise wäre ich in die Tankstelle gegangen um die Tankenden ums Mitfahren zu bitten, aber hier ich wusste nicht, in welcher Sprache. Englisch ist noch nicht weit genug verbreitet, besonders unter den älteren Leuten. Ich hatte vermutet, dass einige noch deutsch sprachen, aber diese Hoffnung wurde mir schnell genommen. Und auf russisch wollte ich auch niemanden ansprechen, da mir gesagt wurde, dass es ein Este als Beleidigung auffassen könnte. Umso überraschter war ich, als wir auf russisch angesprochen wurden. Ein Transporter-Fahrer war in die Tankstelle gefahren und zu Fuß zu uns gelaufen. Ich war so überrascht, dass ich gleich gar nicht auf Russisch antworten konnte, sondern nur dankbar nickte.
Während der Fahrt versuchten wir die Verständigung erst auf Englisch, wobei unser Fahrer bald an seine Grenze stieß; dann auf Russisch, wobei ich noch viel schneller an meine Grenzen stieß. Wir kamen schließlich darauf, dass das einfachste war, wenn er russisch sprach, und ich englisch; denn verstehen konnten wir uns ja. Nur für Matthias muss sich diese Sprachkombination sehr seltsam angehört haben.



Die Straße Richtung Riga führte an der Küste entlang; durch die hohen Nadelbäume konnte man oft den Strand und das Wasser durchschimmern sehen; an einigen Stellen waren Aussichtsplätze angelegt worden, und Schilder wiesen auf versteckt im Wald liegende Campingplätze hin. Als ich anmerkte, wie schön idyllisch es hier sei, bog unser Fahrer auf den nächsten Parkplatz ein und ließ uns aussteigen um Fotos zu machen. Er stand grinsend daneben und rauchte erstmal eine Zigarette. Er hatte Zeit, da er nur den Transporter zurück nach Riga bringen musste, und gleich um die Ecke wohnte. Danach wollte er zu seiner Großmutter in die Wälder nahe der russischen Grenze fahren, wenn ich das recht verstanden hatte, um dort fischen zu gehen. Er war gut gelaunt, dass er uns direkt bis in die Innenstadt von Riga bringen wollte.
Die Fahrt in die Innenstadt wirkte wie eine endlose rote Welle, aber unser Fahrer besaß eine noch endlosere Geduld. Manche Fahrer sind einen gleich so sympathisch, dass man mit ihnen in Kontakt bleiben möchte; ich wollte ihm meine E-Mail-Adresse geben, fragte ihn, ob er Internet zu Hause nutzte. Das schon, meinte er, aber er könne weder auf englisch noch auf russisch schreiben. Ich hätte mich auch gerne mit ihm getroffen, während wir in Riga waren, denn ich hatte noch immer nichts von unserem Gastgeber gehört, und es war immer schön, einen menschlichen Anhaltspunkt in einer fremden Stadt zu haben.
Er hielt an einer Ampel an, die lang genug rot sein würde um uns Gelegenheit zum Aussteigen zu geben. "Bahnhof - Altstadt", erklärte er und deutete in die entsprechenden Richtungen. Wir bedankten uns herzlich und sahen ihm nach, als er nach einer Weile losfahren konnte. Nun standen wir allein an einer bankbestückten Allee mitten im Zentrum. Es schien der ideale Ort für ein Picknick zu sein. Es war noch ein halbes Kilo von der Schnittsalami übrig, die wir in Turku günstig erstanden hatten. Wenn man die austretende Schmiere abwischte und nicht darüber nachdachte, war die Salami auf Brot durchaus noch genießbar. Dazu unser tägliches Stück Riesen-Toblerone von der Fähre nach Stockholm, und manchmal noch Nutella aus Oslo aufs Brot des aktuellen Landes. Internationale Küche ist das, wenn man mich fragt. Ich versuchte auch unseren Gastgeber noch einmal zu kontaktieren, jedoch ohne Erfolg. Er hatte sich auf seinem Profil bei Couchsurfing als professionellen Künstler bezeichnet; vielleicht war er gerade in einer kreativen Phase und durfte nicht von der Außenwelt berührt werden. Man kennt ja das empfindliche Gleichgewicht einer Künstlerseele. Ich beschloss, ihm noch bis zum Abend Zeit zu geben, bevor ich unserem anderen potentiellen Gastgeber kontaktieren wollte - an weiterer kreativer Geist, der zwar immer in anderen Sphären schwebte, aber Fremde darin zuließ. Was musste Riga für ein kreativer Ort sein, wenn man nicht mal einen normalsterblichen Gastgeber finden konnte?! Tatsächlich aber stellte sich Riga als ganz normale Stadt heraus, mit der üblichen Handvoll Straßenmaler in der Altstadt, und sowjetischem Charme in den Außenbezirken. Wir ließen unsere Rucksäcke in einen Bahnhofsschließfach und begannen Eindrücke zu sammeln. Vor allem überraschte mich, überall russisch zu hören. Ein Blick in Wikipedia zeigte, dass etwa die Hälfte der Einwohner Russen sind, nachdem sie die deutschen Siedler endlich losgeworden waren. Später sahen wir ein lustiges Video auf Youtube über die bewegte lettische Geschichte; ich versuche später den Link zu finden. Edit - habe den Link gefunden: Die Geschichte Lettlands in 8 Minuten: http://www.youtube.com/watch?v=EcKIeD3RxRQ
Ein weiterer Blick in Wikipedia zeigte, dass dieser Stadtpark einst die Stadtmauer gewesen war, und nun wieder die Altstadt vom Rest der Stadt abtrennte. Hier stand auch das hohe Unabhängigkeitsmonument mit drei goldenen Sternen; eine gute Orientierungshilfe. Ja, ich weiß, dass es langweilig ist, über Fakten zu lesen, wenn man nicht selbst vor Ort war, deshalb schnell weiter:
Ich hatte mir in weiser Voraussicht die Adresse unseres Gastgebers geben lassen, und so zogen wir los, sein Haus zu suchen - vielleicht hatte er sein Handy verloren und wartete auf uns. Man soll schließlich immer auf das Beste im Menschen setzen. Wir schafften es doch tatsächlich, die Adresse allein mit Hilfe einer mit Werbung vollgepackten Stadtkarte aus der Touristeninformation zu finden - da sage noch mal jemand, wir wären technologieabhängig. Die Wohngegend machte eher skeptisch, alle Häuser wirkten eingefallen und leer, obwohl manchmal noch eine Katze vor der Tür saß und ein Gesicht hinter einer dunklen Fensterscheibe auftauchte.
Das Haus stand einzeln im Grünen, was es aber trotzdem nicht zum romantischen Landhaus machte. Als wir vor der Tür standen und uns überlegten, ob wir einfach klingeln sollten, öffnete sie sich plötzlich einen Spalt breit und eine junge Frau blickte hinaus. Ich ergriff die Initiative und fragte sie, ob sie unseren Gastgeber kenne, zeigte die Adresse auf meinem Übersichtszettel. Ohne ein Wort zu sagen ging sie vorraus zu einem anderen Eingang, dort klingelte sie und Hundegebell war zu hören. Eine ältere Frau öffnete und sie wechselten ein paar Worte, dann verschwand die Nachbarin ohne sich noch einmal umzudrehen und ließ uns mit der Frau allein, die uns mit Gesten hereinbat. Wir sahen uns zweifelnd an. Wer war sie, und war das die vielbeschriebene russische Höflichkeit, Fremde wie Freunde ins Haus zu bitten? Wir folgten ihr in einen dunklen Korridor, und dann in ein noch dunkleres, langgestrecktes Zimmer mit vorgezogenen Vorhängen, das leer wirkte bis auf ein Klavier. Die alte Frau sagte in gebrochenem Deutsch, dass dies unser Zimmer sei, und wir standen noch ein wenig ratlos umher. Sie erklärte schließlich, dass sie Edmunds´ Mutter war und uns erwartete; er selbst sei noch auf Arbeit. Sie machte den Eindruck, uns hier im Zimmer allein lassen zu wollen. Ich erklärte, dass wir unser Gepäck noch am Bahnhof hatten, und später wiederkommen wollten. Fluchtartig verließen wir das dunkle Haus.
Wir nahmen die Bahn ins Zentrum und ich kontaktierte den anderen Gastgeber. Der hatte gerade den Kater der letzten Party ausgeschlafen, die darin endete, dass sie auf Bürostühlen die Straßen hinunter rasten... Es erschien uns dann doch sicherer, zum Hexenhaus zurückzukehren. Ich wollte gern etwas mitbringen, falls wir am Abend mit der Mutter allein sein sollten. Wir waren vorhin schon an einem großen Markt in der Nähe des Flusses vorbei gekommen; dorthin zog es uns nun wieder, und ich holte erstmal etwas Obst. Die Preise schienen mit jedem Kilometer nach Süden zu sinken, und so waren sogar Weintrauben erschwinglich. Ein Kilo bekam man schon für eine hiesige Geldeinheit, etwa 1,30 Euro. Die Marktfrau umschwirrte mich, und bat mich, unbedingt eine Weintraube zu probieren. So etwas überfordert mich immer; man kann so schlecht "nein" sagen. Ich stimmte also auf ein Kilo zu, und sie wog zweieinhalb Kilo ab. Ich schüttelte den Kopf und zeigte das Geldstück mit der 1 hoch. Sie nahm eine Traube heraus, legte den Kopf schief, weil es nicht wirklich leichter geworden war, dachte kurz nach, zuckte die Schultern, und nahm mein Geldstück an. So handelt man also ausversehen den Preis um die Hälfte hinunter.
Im Supermarkt bekamen wir dann die restlichen Grundnahrungsmittel, worunter ich auch jene Apfelteigtaschen zählen möchte, die so seltsam nach rohem Teig schmeckten und wahrscheinlich erst gebacken oder gebraten werden mussten. Leider befand sich mein Bundeswehr-Notkocher eingeschlossen im Hauptbahnhof - dabei wäre dies die ideale Gelegenheit zum Ausprobieren gewesen, da wir schon nicht in der finnischen Pampa gestrandet waren, wie ich es mir ausgemalt hatte...
Schließlich machten wir uns auf den Weg, so verlockend die Vorstellung auch war, die Nacht im Zelt zu verbringen und Apfeltaschen zu grillen.
Wir klingelten; von drinnen kam wieder ein mächtiges Hundegebell. Edmunds kam uns aus der Dunkelheit entgegen und wirkte dabei wie ein aus dem Winterschlaf erwachter Bär; seine Mutter bat uns herein, und noch eine weitere Person war im Raum. Ich weiß noch, wie ich dachte: Oh, das muss sein Vater sein. Erste Eindrücke können fehlleitend sein. Matthias erzählte mir später, sein erster Eindruck war, dass die beiden ein wenig zurückgeblieben wären. Das kann ich keinesfalls so im Raum stehen lassen, denn beide sind mir mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen - deshalb schnell ein zweiter Eindruck her:
Edmunds war ein echter Künstler in seinen mittleren Jahren, tiefen Lachfalten an den Augenwinkeln und immer ein wenig Farbe an den Fingern. Er wohnte mit seiner Mutter und Andres zusammen, der trotz lichter werdender Haare immer noch eine jungenhafte Ausstrahlung besaß und mit seinem ganzen Körper lachte. Er war das sanftmütigste Wesen, das mir je begegnet war; abgesehen vielleicht noch von Edmunds´ Hund, ein großes, zotteliges Wesen, das nur an der Tür böse tat, sich dann aber sofort in einen übergroßen Schoßhund verwandelte, der sich am liebsten zu Füßen legte und sich kraulen ließ, und dabei grunste wie ein Schwein. Er folgte uns immer von einem Raum in den anderen, nur um sich gleich wieder auf den Boden zu legen: Er wollte gern überall dabei sein.
Wir kamen gerade zur Essenszeit; wir lehnten zwar dankend ab, wurden aber genötigt, wenigstens einen der kleinen Äpfel zu essen, die überall in der Küche in Schalen und Eimern lagen, und langsam vor sich hinmoderten. Später zeigten wir ihnen, wie man daraus Apfelmus machen konnte, obwohl wir ihnen das Konzept des Einkochens nicht so richtig klar machen konnten, und Edmunds sich den Mus morgens wie Marmelade aufs Brot strich - wenigstens hatten wir Kulturaustausch betrieben.
Als es dunkel wurde, gingen wir gemeinsam nach draußen. Wir waren in die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag hineingeraten; sie begannen heute Nacht mit einem Marathon, der eher an einen schnellen Karnevalsumzug erinnerte: Vorweg rannte eine Gruppe Köche mit schepperndem Essenswagen, es folgten Krankenschwestern mit Rollbett, lebende Tetrisbausteine, fahngeschmückte Kinderwägen und ein Mann mit Gummipuppe. Es schienen aber nicht mehr als 500 Leute zu sein, und nicht alle sahen so seltsam aus. Wir liefen in die entgegengesetzte Richtung. Und ich kann wirklich "laufen" schreiben, denn unsere Gastgeber spazierten als wäre der Teufel hinter ihnen her.
Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich gern auf einen Aussichtspunkt wie den Fernsehturm gehen wollte; sie wussten aber etwas Besseres: Es gab ein Hotel mit Dachrestaurant, wie wir es schon in Oslo gesehen hatten. Dieses war aber viel besser, weil man mit einem gläsernen Fahrstuhl nach oben fahren konnte. Die Idee, zur Aussicht aufs Dach zu fahren, erfreute sich jedoch größter Beliebtheit, und wir standen eine ganze Weile vor dem Fahrstuhl in der überfüllten Eingangshalle. Wir sollten zuerst in den Fahrstuhl steigen, denn so sahen wir die Stadt beim Hochfahren, und hatten den besten Platz am kleinen Fenster vor dem Restaurant. Den besten Blick auf die Stadt hatte man jedoch auf der Toilette, die praktisch nur aus Panoramafenstern Bestand. Der Waschraum, nicht die Kabine. Es war dunkel geworden und die ganze Stadt bestand nur aus Lichtpunkten; vor mir lag die Silhouette der großen orthodoxen Kathedrale.
Vom Hoteldach hinunter kam man noch schwerer als hoch: Im ganzen Vorraum des Fahrstuhls standen dicht aneinander gedrängt ganze Familien, sogar mit Kinderwägen. Der Fahrstuhl brauchte ewig; ich glaubte schon, er würde im Schacht feststecken. Als sich die Türen öffneten, erkämpften unsere Gastgeber todesmutig einen Platz darin für uns. Und schon ging es weiter mit dem Rundgang durch die Stadt - mein Rücken und die Füße schmerzten, und ich begann schon im Laufen einzuschlafen, und auch Matthias hechelte nicht mehr ganz so frisch hinter den beiden her. Hinter dem Besatzungzeit-Museum zeigten sie Einsicht und wir stapften nach Hause: Sie vorn, wir hinterher. Sie waren so in ihre Gespräche versunken, dass wir uns fragten, ob sie es überhaupt bemerken würden, wenn wir einfach in den Seitengraben umkippen und dort ein Nickerchen halten würden. Wir kamen aber rechtzeitig zu Hause an um es nicht ausprobieren zu müssen. Das Bett war so wunderbar verlockend weich, dass ich keine Zeit mit Duschen verlor und einfach hinein kippte...





Der Hund und Andres - haben beide nicht irgendwie den gleichen Blick? ;)

Pärnu, immer noch Estland

19.8.
Wir planten früh aus Tallinn weg zu fahren, da wir absolut nicht einschätzen konnten, wie gut man hier trampen kann. Doch mittlerweile hatte sich die Routine des Reisens zu einer gewissen Gelassenheit geführt, und wir kamen aus dem Bett, wann wir eben aus dem Bett kamen. - Für den geneigten Leser, der schon wieder Böses vermutet: Wir schlafen eben gerne lange, und das nicht mal auf der gleichen Couch.
Jedenfalls war es der Ortsdatenbank entsprechend eine doch überraschend lange Busfahrt, während der ich schon Zweifel hatte, ob wir nicht vielleicht in Kreisen um die Stadt herumfuhren. Plötzlich hielt ein dunkelblauer Kleintransporter neben dem Bus an der Haltestelle, und drei in leuchtgelben Westen uniformierte Omas stürmten den Bus als wären sie bis an die Zähne bewaffnet. Es war die Ticketkontroll-Miliz. Mit mürrischem Gesicht verglichen sie den Stempel auf dem Ticket mit ihrem Vordruck. Jeder, der sich nicht sofort umdrehte, wurde an der Jacke gezogen. Diese alten Frauen waren sich noch vom KGB ausgebildet worden und konnten mit ihrem Stempelkissen töten-
So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.
Der nächste Zwischenfall betraf die Tür: Sie ging nicht mehr zu schließen; der Busfahrer versuchte sie nach guter russischer Manier zu reparieren, hatte darin aber nur wenig Erfolg. Die Menge der Schaulustigen wuchs derweil. Als der nächste Bus der gleichen Nummer kam, stiegen alle um, und wir folgten ihnen, ohne so genau zu wissen, ob der Bus in die gleiche Richtung fuhr; wir hatten in der Hinsicht schon in anderen Ländern Vorsicht gelernt. Es schienen Stunden zu vergehen, in denen wir durch Vororte fuhren, und die Straße schien einfach keine Autobahn werden zu wollten, bis wir gefühlt schon fast in Pärnu waren. Pärnu mantee hieß die Haltestelle, was einfach Pärnu-Autobahn hieß, und von dort waren es noch 125km bis Pärnu. Am schlammigen Straßenrand bereiteten wir uns auf eine lange Wartezeit vor, doch schon nach 10 Minuten hielt eine junge Frau, die uns direkt bis Pärnu mitnahm, wo sie in einem IT-Unternehmen arbeitete, aber nicht auf Englisch erklären konnte, was sie dort machte. Wir schafften die Verständigung doch irgendwie, sie war eine sehr nette Person und war von der Couchsurfing-Idee begeistert. Ich gab ihr meinen Mitgliedsnamen, um in Kontakt bleiben zu können.
Schon kurz nach 12 kamen wir in Pärnu an; sie setzte uns direkt im Zentrum am Busbahnhof ab, wo wir unsere Gastgeberin treffen wollten. Sie hatte aber genau so wenig wie wir erwartet, dass wir schon gegen Mittag hier aufschlagen würden, und so war sie noch in ihrem Sommerhaus ein gutes Stück außerhalb der Stadt, schrieb sie, und sie würde auch erst gegen 4 zurück kommen können. Das störte mich wenig, denn in diesem Park neben dem Busbahnhof gab es kostenlos Internet, und als das langweilig wurde, gaben wir unsere Rucksäcke in einem altmodischen Kofferhaus gegen zwei Euro ab und spazierten zum Strand. Zum Glück war die Stadt klein, und es ging praktisch immer gerade aus; so war es auch nicht weiter schlimm, dass mein Navi kein Kartenmaterial hatte, und wir die Stadtkarte nur einmal im Zentrum gesehen hatten. Die Straße war von zart bunten Holzhäusern gesäumt, selbst die leerstehenden Häuser sahen einladend aus, wie sie da im Grünen und in unmittelbarer Strandnähe standen. Die Sonne schien warm, aber der Tag war windig, sodass es uns nicht lange am Strand hielt, obwohl es ein schöner, naturbelassener Sandstrand war, der nahtlos in die Dünen überging. Nur wenige Menschen hatte es hier hin verschlagen, und nur ein Mutiger kam gerade mit Badehose aus dem sehr flachen, aufgewühlten Ostseewasser. In der Innenstadt war es ebenfalls ruhig; in Finnland waren die Schulferien schon vorbei, und so sah man nur ein paar verstreute Touristen von weiter außerhalb, und natürlich die unvermeidlichen Deutschen. Pärnu wurde die Sommerhauptstadt Estlands genannt, doch es ging schon langsam auf den Herbst zu; die Himbeerzeit war vorbei, die Äpfel wurden reif und von den Kastanien begannen schon die ersten Früchte zu fallen. In der Innenstadt gab es nur zwei Einkaufsstraßen, die gerade belebt genug waren um nicht ausgestorben zu wirken; ein Stand mit Schokobrunnen erregte unsere Aufmerksamkeit: Man konnte flüssige Schokolade im Becher bekommen, oder wahlweise auf frische Erdbeeren. Wir überlegten uns, ob so ein Stand auch in Zwickau laufen würde, und ob man nach Einbruch der Dunkelheit die Schokolade gegen Wodka austauschen könnte.
Im einzigen großen Supermarkt des Zentrums holten wir uns Eis; aber keine Vanille, seit Helsinki konnte ich beim besten Willen kein Vanilleeis mehr essen. Die Zeit verging hier nur langsam; unsere Gastgeberin war sicher schon auf dem Weg. Sie hatte geschrieben, dass sie sich erst um uns Sorgen gemacht hatte, weil sie sich vorstellte, wie wir in der Stadt gestrandet waren, vollbeladen mit Gepäck, ohne Plan, wohin wir gehen sollten. Ich hatte Entwarnung gegeben und gesagt, sie könne sich ruhig Zeit lassen. Ich freute mich darauf, endlich wieder eine Gastgeberin zu bekommen, die uns nicht nur den Schlüssel in die Hand drücken würde, sondern uns - wie man so schön sagt - als Freunde betrachtete, die sie vorher einfach noch nicht getroffen hat.
Katrin war wirklich die liebenswürdige Person, die ich mir vorgestellt hatte. Sie war abenteuerlustig, fuhr per Anhalter, mochte britischen Humor und lebte jeden Winter in einem anderen Land. Wir drei verstanden uns auf Anhieb. Sie war wie ihre Mutter Massagetherapeutin und hatte im Moment nicht viel Arbeit, wodurch sie viel Zeit mit uns verbringen konnte. Sie war nur ein wenig unorganisiert; sie hatte vergessen, dass sie am Abend zum Essen eingeladen war, aber sie ging mit uns zum Supermarkt, zeigte uns die Umgebung und blieb so lange bei uns bis sie sicher war, dass es uns an nichts fehlte.
In Pärnu hatten wir nur einen Tag eingeplant; fast hätten wir die Stadt übersprungen, weil es nur wenige Gastgeber gab, wovon noch viel weniger zwei Leute unterbringen konnten. Katrin erwartete für morgen Abend ihre beiden Cousinen und hatte geschrieben, dass es vielleicht ein wenig eng in der Wohnung werden könnte, doch wir hatten uns von der holländischen Mentalität abgeschaut, dass es kein "eng" gibt, höchstens ein "gesellig", und hatten mit Freude zugesagt. Nun mussten wir auch die 1,5 Tage ausnutzen und spazierten bis ins Zentrum. Ein Bus hätte sich kaum gelohnt, denn die Stadt konnte man in einer Stunde zu Fuß durchqueren - und was hätte man die ganze Zeit nachts in der Innenstadt machen sollen? Höre ich da "einen trinken gehen"? Darauf hätte ich auch früher kommen können. Nein, wir setzten uns nur auf die Bänke des Busbahnhofparks und wurden prompt auf russisch angelallt. Im ersten Moment dachte ich, er wollte sich mit Matthias prügeln. Als er dann auf den Fotoapparat deutete, dachte ich, er wollte das Gerät mit Gewalt in seinen Besitz bringen. Aber nein, er wollte nur ein Foto von sich und seinen Freunden. Es ist erstaunlich, wie Vorurteile und Dunkelheit die Wahrnehmung beeinflussen. Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass die Stadt im Dunkeln schon ein wenig gruselig wirkte. Auf dem Heimweg waren wir uns unsicher, welcher Weg der richtige zu Katrins Haus war. Die Straßen und Wege waren nur spärlich beleuchtet, und seltsame Gebäude ragten drohend aus dem Dunkel. Waren wir heute schon mal an dieser Fabrik vorbeigekommen? Wo kam das Geräusch her? War dies der Schatten unseres Mörders? Aber - wir leben noch. Katrin lachte uns zu Hause aus. Pärnu war ein sicheres Kurörtchen, in dem noch kein Tourist verschleppt wurde, meinte sie. Ich fragte mich nur, woran die Verbrecher im Dunkeln erkennen, ob man Tourist ist oder nicht.

20.8.
Dieser Tag sollte ein fauler Strandtag werden. Ich hatte schon vor diesem Eintrag ein Foto in den Blog gestellt, und viel mehr ist auch nicht an diesem Tag passiert. Eigentlich wollten wir erst an den Strand, und dann gemeinsam in die Stadt, aber dann war der Strand so herrlich, dass wir einfach dort blieben und auf Katrins Cousinen warteten. Dabei hatten wir am Vormittag ganz motiviert gestartet und uns Sandwiches für einen langen Tag geschmiert; als Belag hatten wir Lachs-Ersatz und Gelee-Kaviar-Ersatz. Das kam daher, weil wir gestern im Supermarkt durch die niedrigen Preise überrascht diesen Kram gekauft hatten ohne auf die Verpackung zu schauen, wo sogar drauf stand, dass es ein künstliches Produkt war. Und so schmeckte es auch. Ich glaube sogar, die Verpackung hatte mehr Geschmack als diese Produkte. Bei der Abreise haben wir es dann im Kühlschrank "vergessen".
Als wir dann jedenfalls motiviert das Haus verließen, führte uns Katrin zu einer Stelle am Strand, die etwa einen Kilometer lang ins Meer hinein mit großen Steinen aufgeschüttet war; eine Art Fußweg im Wasser. Aber warum beschreibe ich das - ich lade einfach ein Foto hoch:



Dieser Steinweg trennt das Meer links von der Hafeneinfahrt rechts. Viele Leute rasten hier auf ihren Speedbooten entlang, gelegentlich kam auch ein Fischerboot vorbei, und Katrin erzählte, wie sie einmal von einem Fischerboot per Anhalter mitgenommen wurde.
Am Ende des Steinwegs machten wir Rast und ein Picknick; Katrin versuchte die winzigen Fische zu füttern, die ihr Brot aber verschmähten. In vielen der Steine waren Namen und Jahreszahlen eingeritzt, einige älter als ich, und viele waren in kyrillischen Schriftzeichen geschrieben und so verwaschen, dass man sie kaum noch erkennen konnte.
Wir wanderten am Strand zurück zu dem Strandteil, den wir gestern schon zufällig entdeckt hatten. Es waren mehr Urlauber geworden, wahrscheinlich weil der Wind nachgelassen hatte. Wir kamen an FKK-Strandteilen vorbei, die nach Männern und Frauen getrennt waren. Sie wurden hauptsächlich von älteren Leuten benutzt; sehr zum Ärger der Spanner in den Dünen dahinter.
Unser Strandteil war ein Familien-Strand mit Klettergerüsten und Schaukeln; gleich dahinter begann die neu gebaute Strandpromenade. Wir liefen sie gleich mehrere Male entlang während Katrin sich sonnte. Ich hatte am Strand nie lang einfach nur sitzen können und musste erst von Matthias im Sand eingegraben werden um ruhig gestellt zu sein. Das hielt aber auch nicht lange vor, und ich ging schwimmen. Oder besser: Versuchte schwimmen zu gehen. Das Wasser war kälter als in Oslo, und ich musste bestimmt 10 Minuten lang laufen bis ich in Wasser kam, das mir wenigstens bis zur Taille ging. Danach wurde es wieder flacher. Matthias kam nur bis zu den Knien mit ins Wasser; er hatte seine Badehose vergessen und wollte nicht noch einmal eine Boxershorts als Badehose verwenden, nachdem er die andere wegwerfen musste, die er in Oslo benutzt hatte, weil sie angefangen hatte zu schimmeln, wie er behauptete.
Am späten Nachmittag kamen Katrins Cousinen an. Sie waren ein paar Tage auf Besuch und bereit für mehr Action. Wir gingen erst einen Milchshake trinken, und sie sprachen davon, in einen Club zu gehen, weil dort eine Band spielte. Uns hatte aber mittlerweile die Müdigkeit ergriffen, und so ließen wir den Abend in einer gemütlichen Runde zusammen ausklingen und plauderten. Die drei Mädels hatten eine Weile in der kleinen Küche gewerkelt und hatten ein leckeres Abendbrot zubereitet, dessen Hauptzutat eine Blaubeer-Cremetorte war. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und bedankten uns für den tollen Tag.
Ich wollte ungern abreisen, aber wir wurden morgen schon in Riga erwartet.

Tallinn, Estland



17.8.
Wir verließen das Helsinki am Morgen ohne noch einmal auf unsere Gastgeber getroffen zu sein. Ich hinterließ wie immer eine Postkarte von Zwickau mit einigen Worten des Dankes darauf; bezweifelte aber, dass sie die Karte in ihrer Wohnung je finden würden.
Wir waren zwei Stunden vor der Abfahrt schon am Hafen; in einer regelrechten Völkerwanderung zogen Urlauber mit ihren großen Koffern die Straße hinunter zum Anlegeplatz des Viking-Schiffs. Es war vielleicht noch größer als das Schiff der Silja-Line, und schon dort hatte das Aussteigen aller Passagiere eine halbe Stunde gedauert. Von innen sahen sie sich erstaunlich ähnlich, vielleicht waren es weniger Spielautomaten, aber sonst wirkte auch dieses Schiff wie ein schwimmendes Einkaufszentrum.
Erst auf dem Meer bemerkte ich, wie stark der Sturm wirklich war; man konnte kaum geradeaus laufen, und wenn man eine Treppe hinunterstieg, konnte es durchaus vorkommen, dass auf einmal die Stufe unter dem Fuß verschwand, wenn sich das Schiff in die Wellen legte. Auf dem Sonnendeck standen leichte Plastikstühle, die durch den Wind ruckweise über das Deck wanderten. Nur die Reling hielt sie davon ab, ins Meer zu fallen. Wieder fuhren wir durch ein Labyrinth von Inseln, auf denen manchmal nur ein Bonsai-Leuchtturm stand, manchmal ein Haus, eine Bootsanlegestelle, oder einfach nur Wald. Eine der größeren Inseln trug eine mit Gras bewachsene Festung, deren Mauern aus dem Gestein hinauszuwachsen schienen. Ich stellte mir vor, wie in alten Zeiten eine feindliche Flotte zum Erobern von Helsinki hier aufgetauchte, die Festung sah – lachte - und einfach drum herum fuhr.

Estland sah viel hübscher aus als ich es mir vorgestellt hatte. Bisher war jeder Hafen sehr grau und industriell erschienen, aber hier stand nur eine lange Reihe kleiner, beigefarbener Holzhäuser am Meer, die im Vergleich zu den vor Anker liegenden Fähren noch viel winziger aussahen.
Das Land wurde mir noch viel sympathischer, als ich im Hafengebäude kostenloses Internet entdeckte. Unser Gastgeber hatte sich bisher nicht gemeldet, so konnte ich die Zeit im Internet verbringen... wenn da nicht Matthias gewesen wäre, der unbedingt die Gegend erkunden wollte. Wir waren hungrig von der guten Seeluft geworden, und dieses Mal war es mir nur gelungen, eine handvoll Pommes aus dem Schiffsrestaurant zu ergattern. Es gab ein Einkaufszentrum in der Nähe des Hafens, dort holte ich erst einmal Bargeld aus einem Geldautomaten. Für einen Moment dachte ich, ich hätte einen Spielautomaten erwischt, denn er machte beim Geldausgeben das gleiche Geräusch als hätte ich im Kasino den Jackpot geknackt. Wahrscheinlich haben schon viele Leute dort ihr Geld oder ihre Geldkarte vergessen. Oder es war eine Benachrichtigungsdienstleistung für Taschendiebe.
Hinter dem Einkaufszentrum begann die Stadt. Gleich das erste Gebäude sah wie ein Supermarkt aus. Ich ließ Matthias mit den Taschen warten und ging hinein. Der erste Eindruck hatte getäuscht; es war eher eine große Halle, in der jeder Quadratmeter von einem Marktstand ausgefüllt war. Hauptsächlich gab es Kleidung, und von überall hörte ich nur russisches Stimmgewirr. Ich war fasziniert. In welch andere Welt war ich hier geraten? Ich wich einer kräftig gebauten, blonden Verkäuferin aus, die einen zuviel über den Durst getrunken hatte und in den nächsten Stand stolperte. Vielleicht waren wir gar nicht in Tallinn, sondern ein Stückchen zu weit gefahren und irgendwo vor Petersburg?
Nein, unser Gastgeber meinte später, die Hafengegend sei eine „seltsame Nachbarschaft“, die sich durch die Touristen gebildet hatte. Wir warteten im nahegelegenen Park auf ihn. Er war gerade nicht im Zentrum, schrieb er in einer SMS, aber er war auf dem Weg. Er wollte nur wissen, wo wir uns befanden. Im Hafengebäude hatte ich eine dieser mit Werbung vollgepackten Stadtkarten gefunden; sie wirkte wie mit Hand gezeichnet und war nicht besonders hilfreich, wenn man einen Straßennamen herausfinden wollte. Mein Navi war diesmal keine Hilfe, weil ich kein Kartenmaterial von den baltischen Staaten hatte auftreiben können. Ich beschrieb schließlich unseren Standpunkt als Park, in dem ein Springbrunnen mit der Statue zweier nackter Kinder unter einem Regenschirm stand. Und nach einer Viertelstunde kam er uns tatsächlich entgegen. Er war ein großer, schweigsamer Bursche. Tšeslav hatte schon in seinem Profil bei Couchsurfing geschrieben, dass es schwer war, mit Esten ins Gespräch zu kommen, und noch viel schwerer, sie näher kennen zu lernen. Wie schwer es wirklich war, stellten wir erst in den nächsten Tagen fest.
Zunächst kümmerte er sich darum, dass wir Bustickets zum Studententarif bekamen, erklärte uns, wie die Busse fuhren und nahm den nächsten Bus mit uns zu seiner Wohnung, sodass wir unsere Rucksäcke abstellen konnten. Der Bus wirkte eigentlich modern, genau wie die Innenstadt, aber es gab immer noch die alten sowjetischen Ticket-Entwertungsmaschinen, die im Prinzip nur Locher waren und das Papier in einem bestimmten 9-Punkt-Muster durchlöcherten. Ein Ticket war für einmal Einsteigen gültig, und beim Umsteigen in einen anderen Bus brauchte man ein neues Ticket. Als Informatiker neigt man dazu, an jedem System sofort nach Schwachstellen zu suchen. Es ist klar, dass man nur eine begrenzte Anzahl Tickets abstempeln muss, bis man eine Sammlung Tickets mit den gebräuchlichsten Mustern hatte. Danach müsste man jedes Mal nur einen einfachen Streifen Papier abstempeln um herausfinden, welches Muster der aktuelle Bus in seinen Lochern eingestellt hatte, und bei einer Fahrkartenkontrolle die Karte mit diesem Muster vorzeigen.
Mir gefiel sowjetische Technik: Einfach, effektiv, unzerstörbar. Je weiter wir aus der Innenstadt hinausfuhren, desto mehr fühlte ich mich in einen alten sowjetischen Film versetzt: Die Straßen wurden zu schlecht asphaltierten Wegen, alte Frauen mit Kopftüchern standen an den Straßenrändern und blickten zum Bus auf während sie kurz verschnauften, und im Hintergrund begannen scheinbar endlos neue Plattenbauten aufzutauchen. Hoch und grau, manchmal auch ziegelrot ragten sie in den Himmel. Stolz und trotzig. Als Improvisorium gebaut hatten sie die Sowjetunion überlebt und würden noch viele weitere Jahre genau dort am gleichen Platz stehen bleiben. Genau wie die kopftuchtragenden Muddelchen immer in ihnen ein- und ausgehen würden.
Wir hielten in der Siedlung Paul Pinna, die genau wie alle anderen Siedlungen aussah, nahmen den Fahrstuhl in die 5. Etage, der genau wie in allen anderen Hausaufgängen quietschte und ruckelte, während die unzerstörbaren Stahlseile ihn nach oben trugen. Tšeslav schloss zunächst eine Tür auf, dann eine andere. Aus der Nachbarwohnung bellte ein Hund. Die Wände waren so dünn, dass es klang, als könnte der Hund jeden Moment hindurch springen. Als ich die Wohnung betrat, fühlte ich mich wie im Museum: Die Lampen waren aus dem gleichen rötlichen Blech und den billigen, durchsichtigen Perlen wie ich sie noch dunkel aus der DDR-Zeit in Erinnerung habe, die Schränke waren mit der gleichen Holzersatzfolie beklebt, die ich noch kannte, und alles wirklich irgendwie angestaubt. Die Küche war noch original von seiner Oma, erzählte Tšeslav. Ich hatte ein wenig Angst, etwas anzufassen. Später, als ich den Mülleimer suchte, machte ich den Fehler, den Schrank zu öffnen, auf dem die Spüle eingelassen war. Die Platte gab unter dem Gewicht der Spüle nach und sank halb durchgebrochen nach unten. Schnell hob ich die Spüle mit Matthias Hilfe wieder hoch und schob ich die Tür zu. Es schien, als wäre sie von Anfang an nur durch die Schranktür getragen worden. Dafür war die Couch angenehm, und war ausgeklappt groß genug für drei Leute.
Unser Gastgeber musste noch einmal zurück zur Universität, wusste aber nicht, wann er wiederkommen würde, gab uns einen Schlüssel und verschwand. Auf meine Frage, ob wir gemeinsam zu Abend essen würden, hatte er nur mit den Schultern gezuckt.
Nach dem obligatorischen Besuch des nächsten Supermarks fuhren wir in die Stadt und wanderten ein wenig planlos umher. Das Gebäude der zentralen Busstation war ein kolonnadenähnliches Einkaufszentrum mit einer überdimensionierten automatischen Drehtür, die ständig aus unerfindlichen Gründen stehen blieb, gleich am Eingang gab es einen Stand mit alle möglichen Sorten von Heißgetränken, im oberen Stockwerk hatten sich spezialisiertere Läden mit Luxusprodukten angesiedelt; es gab sogar eine Touristeninfo, die eigentlich nur ein Tisch mitten auf dem Gang war, der von großen Karten abgeschirmt zu einem kleinen Büro umgestaltet wurde. Es gab dort nicht mal Postkarten, nur einen Stapel Stadtkarten und einigen Infoheftchen.
In der Innenstadt standen schon einige fantasievolle Hochhäuser; eins erinnerte an eine riesige Zigarettenschachtel, aus der eine Zigarette hinaus ragte. Und diese Assoziation habe ich als Nicht-Raucher. Mir tun die Tallinner leid, die mit dem Rauchen aufhören wollen und jeden Tag vor diesem Gebäude stehen. Die Straße aus der Innenstadt hinaus führte an älteren Abbruchhäusern vorbei, vor denen uralte Autos parkten. Erst nach einer Weile wurde mir bewusst, dass es ein Museum für alte Sowjet-Fahrzeuge war. Oder eine sehr kreative Art, einen Schrottplatz zu tarnen. Außerhalb gab es jedoch nicht viel zu sehen, also zogen wir einen Bogen zurück in die Altstadt. Die verwinkelten, kopfsteingepflasterten Gassen wurden immer schmäler, nur um sich immer wieder in größere Plätze zu verbreitern. In einigen breiteren Gassen standen hatten Restaurantbesitzer Bänke und Sonnenschirme nach draußen gestellt, die schönen alten Häuser waren in weichen Farbtönen angestrichen; die meisten waren Restaurants und Läden. In einem rosafarbenen Eckhaus mit geschwungenen Verzierungen hatte sich gar ein McDonald´s angesiedelt, der sich harmonisch ins Stadtbild eingliederte. Tallinn ist stolz auf sein mittelalterliches Erscheinungsbild; überall standen Einheimische in mittelalterlicher Kleidung, verkaufen gebrannte Mandeln in leinenbedeckten Wägen und Ständen, oder verteilten Flyer für ihr Restaurant – jeder hatte sich etwas einfallen lassen: War ein Restaurant eine mittelalterliche Braustube, war das nächste ein Folterkeller. Für das russische Restaurant Troika liefen den ganzen Tag zwei lebensgroße Matroschkas durch die Gassen, und passten in ihren Kostümen oftmals nicht nebeneinander hindurch. In erstaunlich vielen Läden wurde nur Bernstein verkauft; und das, obwohl es in Estland gar keinen Bernstein gab, wie uns später erklärt wurde.

Es schien uns langsam Zeit, zurück zu kehren; wir kauften noch eine handvoll Bustickets im Stationskiosk, da der Fahrer im Bus keine Tickets verkaufte – das stand sogar auf englisch als Laufschrift an den Ankunftstafeln der Busbuchten. Die Tickets kosteten angenehmerweise nicht mehr als 30 Cent, und es war auch kein Problem, sie im Kiosk zu kaufen, wenn man dem Verkäufer ein altes Ticket hinhielt und mit den Fingern die Anzahl der Tickets zeigte, die man haben wollte. So muss man nicht mal estnisch sprechen, was vermutlich sowieso niemand außer den Esten tat; selbst die zum Saufen anreisenden Finnen sprachen nur finnisch zu den Menschen hier - arrogant genug zu erwarten, dass man sie verstand, da beide Sprachen sich einander durchaus ähnelten. Das erinnerte mich an die Deutschen in Holland, und ich versuchte, mir ein paar Worte estnisch einzuprägen, nur um sie am Abend schon wieder vergessen zu haben. Für alle, die schon immer mal ein estnisches Wort lernen wollten: „Taaraautomaat“ ist der Automat, bei dem man seine Pfandflaschen zurückgeben muss. Dieser steht normalerweise nicht im Supermarkt, sondern in einem Kämmerchen in der unmittelbaren Nähe des Supermarkts. Wenn man das nicht weiß, kann einen die Suche nach dem Automaten durchaus eine Weile beschäftigen.
Wir besorgten Nudeln und Tomatensoße für einen Spottpreis, nahmen sogar noch Hackfleisch und Käse hinzu, und kamen trotzdem nicht über drei Euro. Hier ließ es sich leben.
Nun, es war Zeit zum Kochen in die Wohnung unseres Gastgebers zurück zu kehren. Mich hatte ein wenig erstaunt, dass wir die Wohnung auf Anhieb in dem Plattenbautenlabyrinth wiedergefunden hatten. Unser Gastgeber war schon zu Hause und sah fern während er am Computer tippte. In der Küche kochten Kartoffeln, obwohl ich Tšeslav schon am Nachmittag geschrieben hatte, dass wir Pasta für ihn kochen wollten. Matthias fragte, ob er vielleicht einen zweiten Topf bekommen könnte. Etwas irritiert kam Tšeslav in seine Küche und überlegte laut, ob er überhaupt so einen zweiten Topf besäße. Dann nahm er kurzerhand das kochende Kartoffelwasser und kippte es aus; die Kartoffeln legte er in einen Teller und verschwand wieder im Wohnzimmer. Ob er die denn nicht essen wolle, fragte Matthias ihn. Tšeslav murmelte etwas, das klang, als wäre er nicht mal sicher, ob er heute überhaupt Abendbrot essen wollte. Ein seltsamer Kautz. Unvermittelt kam er zurück in die Küche und holte einen zweiten Topf hervor. Ich ging derweil duschen, und auch meine Haare brauchten eine Wäsche. Tšeslav hatte mich gewarnt, dass sie die ganze Woche kein warmes Wasser hatten, aber ich nahm es als willkommene Gelegenheit für Russland zu üben...
Das Wasser war kalt. Richtig kalt. Gebirgsbachkalt. Ich biss die Zähne zusammen und versuchte mir einzureden, dass es gesund war, kalt zu duschen. Und dann die Haare... das war schlimmer als in Usbekistan, wo ich mir die Haare mal in einem Fluss waschen musste – dort schien mir zumindest noch die Sonne auf den Rücken. Nein, wir Westler sind viel zu luxusverwöhnt.
Zitternd kam ich aus der Dusche heraus; Matthias war in der Zwischenzeit mit dem Kochen fertig mit geworden. Ich fragte Tšeslav, ob er gerne etwas mitessen wollte. Wollte er nicht. Da erinnerte ich mich an das, was uns Professor Busch-Lauer erzählt hatte: Dass es in einigen Ländern die Höflichkeit verlangte, das Angebotene erst zwei Mal abzulehnen bevor man es annahm. Mit der SMS von heute Nachmittag musste es beim nächsten Fragen klappen. Wir füllten also die Teller, ich ging noch einmal in sein Zimmer und sagte, dass wir wirklich sehr viel Pasta hatten, es richtig lecker wäre und er noch nicht mal mit uns essen müsse, wenn er nicht wollte. Jetzt ließ er sich einen Teller geben. Er sagte, dass er einen online-Test durchführen müsse und nur bis Mitternacht Zeit hatte, also ließ ich ihn dann in Ruhe. Wir wuschen noch alles ab und verhielten uns auch sonst wie vorbildliche Gäste: Sagten brav Gute Nacht! Und verschwanden in unserem Zimmer.

18.8.
Den Morgen ließen wir ganz gemütlich angehen und gesellten uns zu Tšeslav in die Küche, wo er gerade frühstückte. Er stand auf uns verschwand in ein anderes Zimmer. Langsam fragten wir uns, ob wir vielleicht komisch rochen – oder warum sonst er nichts mit uns zu tun haben wollte? Als ich später mit anderen Esten darüber sprach, wurde mir versichert, dass es vielmehr ein Ausdruck der Höflichkeit war, und dass er uns sicher in Ruhe allein frühstücken lassen wollte. Klischeebehaftete Esten greifen nicht gerne in das Leben anderer ein, leben eher nebeneinander als miteinander. Tšeslav war ein netter, hilfsbereiter Mensch – wenn man ihn nur fragte, ob er kurz helfen könnte. Auch von sich aus gab er hilfreiche Informationen preis, zum Beispiel empfahl uns er die kostenlose alternative Stadttour, die von hiesigen Studenten organisiert wurde, und beschrieb genau, wo wir ihr Zelt fanden.
Vor dem Zelt hatten sich mehr Leute versammelt als in einen Reisebus passten; es hatte sich herumgesprochen, dass die alternative Führung besser als die reguläre war. Diese Menschenansammlung hatte wiederum Postkartenverkäufer angelockt, und die hatten den Kapitalismus begriffen: Neben Postkarten konnte man auch Briefmarken kaufen, und es wurde ein Sende-Service angeboten. Zahlbar in Euro oder Kronen. Zu welchem Service die Reisepasshüllen gehörten, war mir aber nicht ganz klar. Als sie uns auf deutsch darüber beraten hörten, ob es billiger wäre, in Euro oder Kronen zu zahlen, konnten sie plötzlich auch fließend deutsch sprechen und schafften es irgendwie, mir mehr Postkarten zu verkaufen als ich eigentlich wollte.
Unsere Reiseführerin kam aus dem Zelt; sie war klein, blond und quirlig, trug Kleidung vom Flohmarkt und plapperte die ganze Zeit fließend auf Englisch wie eine Amerikanerin. Gleich am Anfang stellte sie klar: „Ich bin nicht betrunken, nur ungeschickt.“
Sie wusste eine ganze Menge skurriler Dinge über die Stadt zu erzählen, vor allem, an welchen Stellen die Regierung unheimlich viel Geld verschwendet hat, wo überall Geister spuken, und wo ein Pärchen beim Beischlaf durch den Boden gebrochen und auf dem Tisch der zu Abend essenden Eltern gelandet war. Die Geister waren hier eine sehr reale Erscheinung; einmal kam ein Tourist zur Touristeninfo und beschwerte sich, dass ein Mönch den Zugang zum Turm versperrte und nicht mal englisch sprechen konnte. Man sagte ihm, es gäbe dort keine Bewohner mehr, und als er zurück kam, war die Erscheinung verschwunden.
Sie zeigte uns auch die Stelle, an der die Dänen ihre Flagge bekommen hatten: In einer Schlacht flog dem König der im Verlieren begriffenen Dänen ein blutiger Lappen vor die Füße, und er nahm es als Zeichen des Himmels – und gewann. Die Geschichte ergibt Sinn, wenn man sich die dänische Flagge mal anschaut: Weiß mit einem roten Kreuz. Die estländische Fahne hat keine so schöne Geschichte, dafür ist aber die lettische Fahne aus einem ausblutenden Soldaten entstanden: Rot mit einem weißen Streifen in der Mitte; es symbolisiert das Blut, das bis zur Unabhängigkeit vergossen wurde. Sehr romantisch war man damals. Übrigens empfanden viele Esten den Einmarsch von Hitler-Deutschland im zweiten Weltkrieg als Befreiung, weil sie dadurch die sowjetische Fremdherrschaft losgeworden waren, durch die vorher tausende von Esten in Gulags nach Sibirien abtransportiert wurden. Zu früh gefreut, meine ich. Die armen Esten mussten im Laufe ihrer Geschichte einiges aushalten und gerieten immer wieder zwischen die Fronten.
Die junge Frau führte uns weiter durch die Stadt; man hatte die durch Bomben zerstörten Stadtteile in den letzten Jahren umzugestalten versucht, mit Plätzen und Parkanlagen das Erscheinungsbild ein wenig aufzupolieren. Aber irgendwie war das nicht so gelungen, zum Beispiel hatte man für 20 Millionen Euro einen Platz mit Wasser- und Lichtinstallationen im Boden bauen lassen. Es sah eher aus wie Kellerfenster, und man holte sich nasse Füße beim Durchlaufen. Auch beim Unabhängigkeitsdenkmal hatte man ein wenig daneben gegangen: Es war ein Monster aus Glasplatten, die eigentlich weiß sein sollten, aber sich über Nacht gelegentlich rosa färbten. Dann werden Touristen nicht mehr auf den Platz gelassen und die betroffenen Platten schnellstmöglich ausgetauscht. Die Form des Denkmals selbst war ein Kreuz, in dessen Mitte ein Euro-Zeichen für Estland stehen sollte, darunter stand ein undefinierbarer Fleck für etwas anderes, und die Pistole daneben sollte eigentlich etwas ganz anderes darstellen, aber ich habe vergessen, was es war.
Estland hat ein ziemliches Problem mit Alkohol, oder eher mit den finnischen Touristen, die zum Saufen herkamen; so hatten sie schon zeitlichen Einschränkungen für den Alkoholverkauft gesetzt, wodurch sich ein blühender Schwarzmarkt gebildet hatte, und den Alkoholkonsum auf Straßen verboten, weshalb sich die einheimischen Jugendlichen mit ihren Bierdosen auf den Rasen der japanischen Botschaft setzen. Die einzige Möglichkeit, einer Strafe wegen Trinkens auf offener Straße zu entgehen, ist zu behaupten, dass man den Alkohol geerbt habe, gab sie uns als Tipp noch mit auf den Weg; oder einfach „dummer Tourist“ spielen, das ziehe immer.
Gerade als wir vor dem Gebäude des KGB angekommen waren, begann es wie aus Eimern zu regnen. Dutzende Kameras beobachteten uns, als wir versuchten unter der nahegelegenen Brücke Schutz zu suchen. Die Fenster wirkten trüb und undurchsichtig, was vor allem daran lag, dass innen Betonblöcke davor angebracht waren, erklärte unsere Stadtführerin. Damals war man ziemlich paranoid; als die olympischen Spiele 1980 teilweise nach Tallinn ausgelagert wurden, hatte der KGB die halbe Stadt verwanzt; im größten Hotel wurden sogar Abhörgeräte in der Dusche und unterm Bett gefunden. Der KGB saß übrigens auch im Keller der größten russischen Kirche hier, erzählte sie. Aber sie hatte auch gemeint, dass das öffentliche WC davor das teuerste Hotel der Stadt war, weshalb ich nicht für den Wahrheitsgehalt dieser Aussage einstehe.
Der Regen wurde so stark, dass er sogar schon oben aus der Dachrinne heraus kam; die steinigen Gassen wurden zu Flussbetten, und ich dachte schon, es würde die ersten Autos wegspülen. Die Brücke hielt die Nässe nicht besonders gut ab, und unsere Schuhe weichten langsam durch, da selbst auf den Bürgersteigen das Wasser einen Zentimeter hoch stand. So lange standen wir dort, dass unserer Stadtführerin die Amerikaner-Witze ausgingen, und die ersten aus der Gruppe verabschiedeten sich. Sie beschloss, die Tour trotz allem noch fertig zu führen und brachte uns erstmal auf ein hoch gelegenes Plateau, das zu einem Restaurant gehörte und durch Sonnenschirme ein wenig Schutz vor dem Regen bot. Ich glaube, ich habe in meinem Leben noch nie so viel Regen so lange fallen sehen. Als er langsam nachließ, gingen wir die restlichen 500 Meter bis zum Treffpunkt zurück, wo sie mit charmantem Lächeln um etwas Trinkgeld bat. Die Postkartenverkäufer verkauften mittlerweile Regenschirme.
Noch einen letzten Tipp gab sie uns mit: Wenn man etwas Spezielles brauche, müsse man einen Taxifahrer ausfindig machen; der habe alles von der Waschmaschine bis zur Kalaschnikow. Nur mitfahren sollte man nicht.
So vollkommen durchnässt wie wir waren, wollte ich die Stadtbesichtigung nicht mehr wie geplant auf eigene Faust fortsetzen. Wir nahmen den Bus zurück um uns zu trocknen und vielleicht noch mal ins Zentrum zu fahren. Da es aber immer noch regnete, als wir in der Plattenbausiedlung unseres Gastgebers ankamen, nahmen wir noch einen Abstecher zum Supermarkt - in trockener Kleidung ist es immer so eine Überwindungssache, das Haus noch mal für Lebensmittel zu verlassen, wenn man eigentlich noch genug zu Hause hatte. Aber ich wollte mal ein bisschen mehr Luxus als geschmierte Brote ohne Butter.
Es sollte mal ein Abendessen geben, das nicht aus Nudeln bestand. Fischstäbchen mit Pommes klang nach drei Wochen Nudel-Sandwich-Diät wie Himmel, Engel und Trompeten. Alle Lebensmittel waren so billig, dass wir sogar dieses von außen tiefschwarz aussehende Brot kauften, das wir schon in Helsinki gesehen hatten. Es schmeckte außerordentlich gut; eine Mischung zwischen frischem deutschen Schwarzbrot und Lebkuchen, und es blieb sehr lange so weich und saftig.
Eine heiße Dusche wäre nicht schlecht gewesen, aber es war ein Luxus, den wir hier nicht hatten. Stattdessen setzten wir uns vor den Fernseher und erwärmten die Pommes in der Mikrowelle, die Fischstäbchen in der Pfanne. Dazu gab es Joghurt und saure Pflaumen. Die Pommes waren zwar versalzen, und die Fischstäbchen hatten noch nie Fisch gesehen, aber es fühlte sich an wie - nun ja, Himmel und Engel und Trompeten. Im Fernsehen lief eine ganze Menge, sogar einige deutsche Sender; irgendwie blieb ich an russischen Trickfilmen hängen. Matthias war's recht, solang ich ihn 18:10 die Simpsons anschauen ließ. War das 17:10 oder 19:10 hiesiger Ortszeit? Zeitzonenwechsel können verwirrend sein. Ich bemerkte auch, wie mein Körper noch nach GTM+1 lebte: Ich wurde 23 Uhr schon müde, konnte dafür aber um 8 Uhr morgens problemlos aufstehen - wo ich doch sonst nicht vor Mitternacht ins Bett kam, und am liebsten bis zum Mittag schief. Vielleicht war es auch der Computerentzug, denn nirgendwo kann man leichter die Zeit vergessen als mit Notebook im Bett liegend.
Ich glaube, es überrascht niemanden, dass wir nicht noch einmal in die Stadt gefahren sind. Unser Gastgeber kam erst spät zurück und verschwand in seinem Schafzimmer als er uns im Wohnzimmer sitzen sah. Erst als wir das Wohnzimmer verließen, setzte er sich dort vor den Fernseher. Mir war es mittlerweile egal, da wir sowieso morgen früh abreisen würden. Man kann nicht mit all seinen Gastgebern die dicksten Freunde werden.




Schönes mittelalterliches Tallinn

Sonntag, 30. August 2009

Helsinki, Fortsetzung




15.8.

Die Katze hatte es auf Matthias abgesehen. Während er geschlafen hatte, schlich sie um ihn herum wie um eine leckere Beute. Dann holte sie mit der Pfote aus und zerkratze ihm den Fuß. Davon war er aufgewacht und hatte sie verjagt. Dann begann das Spiel von neuem.
Gequält zeigte er mir seine Wunden. Nächste Nacht wollten wir die Katze aussperren. Das wollte sie aber nicht.

Doch zunächst brach ein neuer Tag in Helsinki an. Wir verließen das Haus früher als nötig; nur um den Geruch los zu werden. Die Freundin unseres Gastgebers hatte angedeutet, eventuell mit uns gemeinsam in die Stadt zu fahren, doch als ich an ihr Zimmer klopfte, aus dem der Fernseher zu hören war, lagen beide noch nackt im Bett, und sie meinten, dass sie sich nicht so gut fühlten, und wir allein gehen sollten. Was sie natürlich nicht davon abhielt, am Abend auf eine Party zu gehen, sich hemmungslos zu betrinken und erst in den Morgenstunden wieder aufzutauchen und das Bad vollzukotzen. Aber ich eile schon wieder vorraus.
Zunächst gab es Frühstück, frisch aus dem Suppermarkt. Irgendwie kamen wir darauf, dass es eine gute Idee wäre, auf nüchternen Magen einen Liter Vanilleeis mit einem Liter Erdbeersoße zu essen und danach Bahn zu fahren. Nur so viel: War nicht unser bester Einfall.




Das Wohngebiet lag so weit außerhalb von Helsinki, dass es für uns güstiger war, den Zug zu nehmen; Fahrscheinautomaten gab es weit und breit keine, dafür wurden Tickets in speziell gekennzeichneten Wagons verkauft; der Verkäufer kam auf Handzeichen und verkaufte eine Einzelfahrt, kontrollierte aber nicht diejenigen, die sich nicht meldeten, ob sie denn ein Ticket besaßen. Ich hatte den Eindruck - auch im Gespräch - gewonnen, dass wir die einzigen Rucksackreisenden waren, die immer brav ihre Fahrkarten lösten, denn offenbar macht sich kein Verkehrsbetrieb die Mühe, Rechnungen und Mahnungen in ein anderes Land zu schicken.
Der Zug hielt an mehreren Stationen, und an jeder stiegen Personen ein, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Eine Gruppe Punkmädchen mit zerissenen Strumpfhosen, ausgeflippte Teenager und Mädels mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel. An der nächsten Station war es eine Gruppe musmischer Mädchen, die bis zum abgeschürten Kinn zugeknöpft waren, dann kamen die Geschäftsmänner in billigen Anzügen und schlecht sitzenden Kravatten. Erst im Zentrum mischte es sich wieder.
Helsinkis Zentrum war eine kunderbunter Mischung aus Touristen, Einheimischen auf Einkaufsbummel, Straßenmusikern und geschäftstüchtigen Touristenabzockern, zum Beispiel mit Ponys für die verwöhnten Kinder der reichen Touristen, oder mit Eisstand und Preisen für die man in Deutschland den ganzen Eisstand bekommen hätte. Die Straßenmusiker schienen die Straßenkreuzungen stundenweise gebucht haben, und ließen sich durchaus etwas einfallen, um sich gegenüber der Konkurenz durchsetzten zu können - ob nun mit E-Gitarre und Verstärker, Alpenhöernern oder zu einem Musikinstrument umgeformten Metallschrott.
Am Hafen befand sich ein Marktplatz, auf dem hauptsächlich Souveniers verkauft, aber auch in riesigen Pfannen Sprotten und andere Fischsorten gebraten wurden, die man direkt dort auf den Holzbänken und unter Sonnenschirmen essen konnte. Aus Prinzip aßen wir unsere Sandwiches, obwohl der Lachs schon lecker roch...
Unser Ziel war das Hafengebäude um uns nach einer Fähre Richtung Talllin umzusehen, wobei wir am liebsten sofort losfahren wollten, aber wir wollten unser Glück mit dem neu gefundenen Gastgeber nicht auf die Probe stellen. Die Überfahrtspreise waren für diese kurze Strecke von etwa zwei Stunden erstaunlicherweise höher als für die Überfahrt nach Turku. Oder vielleicht nicht erstaunlicherweise, sondern konsequenterweise, denn im Zeitraum von zwei Stunden neigt man weniger dazu, seine gesamte Urlaubskasse zu verspielen, während auf hoher See schon eher ein Titanik-Gefühl aufkommt: Es gibt kein Morgen...
Wir erfuhren, dass Silja-Lines von einem ganz anderem Hafen abfuhr, Viking die teuerste Linie war, und Linda Line auf dem Prospekt die schicksten Boote hatte. So gingen wir unverricheter Dinge zurück in die Innenstadt. Auf dem Weg, oder besser auf einem Berg, lag eine wunderschöne russische Kirche. Als wir keuchend oben ankamen, erfuhren wir, dass sie heute geschlossen war. Der heutige Tag schien sich ohne Besonderheiten dem Ende zuzuneigen - bis wir laute Musik hörten. Dem Geräusch folgend gerieten wir mitten in eine wartende Menschentraube, die sich an einer großen Straßenkreuzung angesammelt hatte. Dann kamen die ersten nummerierten Menschen die Straße angerannt. Es war der Stadtmaraton von Helsinki. Immer mehr Leute rannten hinterher; der Strom riss auch nach 10 Minuten nicht ab. Irgenwann wurde es uns zu langweilig und wir überquerten die Straße schnell zwischen zwei Läufern. Der eine fühlte sich gestört und pöpelte Matthias an. Dann eben nicht. Die nächste Straße, die sie für sich beansoruchten, überquerten wir nicht mehr, sondern ließen uns am Rand nieder, tranken demonstrativ Wasser und machten uns lustig über die Idioten, die bei diesem heißen Wetter mit der Zunge am Boden kilometerweise rannten. Eigentlich gibt es nur einen Grund zu rennen: Wenn jemand oder etwas hinter einem her ist.
Sonst gab es heute keine weiteren Erkenntnisse. Nein, doch noch eine:
Selbst in Helsinki, nicht nur in den Grenzbereichen ist alles zweisprachig: Finnisch und schwedisch. Straßenschilder, Bahnansagen, Ortsnamen,... meine Geschichtskenntnisse im Bereich Skandinavien sind zwar ein wenig lückenhaft, aber was ich mir auf unserer Reise zusammenreimen konnte, war: Es scheint, als wäre Finnland einmal ein Teil von Schweden gewesen, was wiederum mal ein Teil von Dänemark war, wovon sich irgendwie eine norwegische Monarchie abgespalten hat. Das ging alles ganz friedlich und nun leben sie alle glücklich in Zweisprachigkeit, wobei sich Schweden, Dänen und Norweger sowieso mehr oder weniger verständigen können.

Matthias wollte noch nicht in das Katzenhaus zurück. Eigentlich gar nicht mehr. Wir hatten ja auch ein Zelt für Notfälle dabei, und das war einer, behauptete er. Aber wir hatten keinen Schlüssel und unsere Gastgeber wollten auf eine Party. Mühsam bewegte ich Matthias zum Gehen.
Das Biest wartete schon auf ihn. Ihr Blick sagte: Ich warte, bis du eingeschlafen bist,... Unsere Gastgeber verschwanden gleich nach unsere Ankunft, und so blieben wir mit der Katze allein. Matthias begann den Kampf gegen die Katze. Er nahm ihr Lieblingsspielzeug, lockte sie aus unserem Zimmer und schloss die Tür. Sie ging nicht ganz zu, weil ein Fell darüber hing. Matthias stellte etwas vor den Türspalt. Eine Minute später saß die Katze wieder im Raum und schaute spöttisch. Matthias nahm das Fell von der Tür, jagte die Katze nach draußen und schloss die Tür wieder. Schon sprang sie durch die Durchreiche zur Küche wieder hinein ins Zimmer. Es stand 3:1 für die Katze. Geschlagen gab Matthias auf und legte sich eine weitere Decke über die Beine um das Kratzen abzumildern. Er ging schlafen. Nun waren nur noch ich, die Katze und mein Smartphone, auf dem ich Tagebuch schrieb. Plötzlich fand sie dieses Gerät unheimlich faszinierend und schlich um mich herum. Sie schien sich aber nicht so recht zu trauen, bis sie plötzlich mit einem Satz auf meiner Sofalehne landete. Wir starrten uns in die Augen wie erbitterte Gegener. Ich nahm meine Wasserflasche und hielt sie wie ein Schwert vor mich hin. Die Katze schreckte zurück. Ich hielt ihr die Flasche vor die Füße, woraufhin sie zurück rutschte - ein Stück, und noch ein Stückchen, und dann plumpste sie wie ein nasser Sack von der Sofakante. 1:0 für mich.
In dieser Nacht startete sie keinen neuen Angriff.

16.8.
Der Morgen begann wie gestern - mit Ekel. Wir schälten uns aus den Schlafsäcken. Unsere Gastgeber waren gegen 4 Uhr morgens nach Hause gekommen, hatten erbrochen und würden ihr Zimmer heute eh nicht verlassen, also beschlossen wir allein loszuziehen. Ich kam gerade aus dem Bad, als ich einen Mann bemerkte, der aus dem Schlafzimmer kam - es war nicht unser Gastgeber, oder hatte er sich etwas Haare geschnitten? War es gar der Liebhaber seiner Freundin? Der Mann stellte sich als Studienkollege vor. Die Party gestern war zu lang geworden und er hatte allein nicht mehr nach Hause gefunden, also war er mit den beidEn heimgekommen und hatte wie ein Hund zusammengerolt zu Füßen geschlafen. Da dies ein wenig unbequem war, und er jetzt wieder laufen konnte, verließ er mit uns zusammen das Haus. Anders als unsere Gastgeber plauderte er lebthaft mit uns; er sagte, er war immer froh, neue Leute zu treffen. Wir glaubten ihm.

Als erstes fuhren wir wieder zum Hafen um nun endlich Fährtickets zu organisieren. Linda-Line hatte entgegen dem ersten Eindruck doch die billigsten Tickets, da es Studentenrabatt gab. Linda-Line hatte aber nur ein kleines Boot, vielleicht auch gar keins, denn alle Überfahrten waren gestrichen; es hieß, wegen des Sturms. Das Wetter sollte so bleiben, wie es war, hieß es im Wetterbericht. Wir buchten trotzdem, da sie uns kostenlos auf eine andere Gesellschaft umbuchen versprachen. Und tatsächlich am Abend kam die SMS, dass wir uns melden und eine andere Linie aussuchen sollten. Wir waren gerade in einem Stadtteil, der vor allem aus Plattenbausiedlungen zu bestehen schien; wir waren aus purer Langeweile auf eine Kirchturmspitze zugelaufen, die ich zuerst für einen Hotelturm hielt, der eine gute Aussicht versprach. Die Kirche war zugänglich, aber als wir sie betraten, begann Orgelmusik zu spielen und ich fühlte mich plötzlich wie auf einer Beerdigung, zu der niemand kam. Mit Gänsehaut verließ ich diesen Ort.
Draußen war es noch immer warm, aber eine frische Prise zog auf. Wir mussten noch fast eine Stunde laufen bis wir wieder am Hafen waren; die Füße schmerzten nun merklich. Wir ließen uns Tickets für die Viking-Linie geben, die morgen eine Stunde später fahren sollte, und schleppten uns nach Hause. Wir besorgten nicht mehr viele Vorräte, weil in den baltischen Staaten alles viel billiger sein würde. Wir scherzten auch schon wieder, dass wir morgen endlich wieder essen könnten - vielleicht sogar essen gehen. Wir besorgten uns noch einmal finnisches Brot, oder eher die alten, dünnen Schwarzbrotkrusten, die in Finnland als Brot verkauft werden und schon in Turku so lecker mit gesalzener Butter geschmeckt hat...

Sonntag, 16. August 2009

Teil2 (Finnland)


Leider war auch den anderen Gästen das Essen viel zu teuer gewesen, als dass sie für uns etwas übrig gelassen hätten... Dann war es endlich sp weit: Ein kleines, dickes Kind verschmähte seinen Lachs. Strategisch günstig stellten sie das Tablett im Schrank hinter uns ab. Dann, als sie gegangen waren und niemand schaute, holte ich das Tablett an unseren Tisch. Mit Matthias´ Campingbesteck schaufelten wir den köstlichen Fisch hungrig hinein. Dazu gab es eisgekühltes Wasser und Cola, nachdem ich den Glasrand gründlich abgewischt hatte. So weit war es mit unserem Vagabundenleben gekommen! Wie lange würde es dauern, bis wir in Müllcontainern wühlten?
Uns wurde dabei klar, dass die Tickets für die Überfahrt deshalb so billig waren: Man zahlt 11 Euro ohne Kabine, lässt 20 Euro beim Mittagessen, 30 Euro im Duty Free Shop, und 50 Euro in den Spielautomaten, die an sämtlichen Gängen standen. Wir konnten nur den Riesen-Tobleronen nicht widerstehen - 3 zum Preis von 2...
Die Fahrt war kürzer als erwartet, weil wir in eine andere Zeitzone wechselten. Diese Stunde wollten wir uns jedoch auf der Rückfahrt über Polen zurückholen. Wir legten an. Am Hafen stand eine mächtige, weiße Burg, dahinter begann die Stadt. Es waren noch 2,6 Kilometer. Unser neuer Gastgeber hatte uns den Tipp gegeben, die Strecke über die kleine Fähre abzukürzen, die 500 Meter vor der Brücke ablegte. Es war eine wirklich kleine Fähre, praktisch nur eine Plattform, die an einem Führungskabel die 50 Meter über den Fluss zurücklegte.
Trotzdem erschöpft kamen wir bei Teemu an. Er besaß ein Holzhaus mit eigener Sauna etwas außerhalb des Zentrums. Wir bekamen die gesamte untere Etage als Unterkunft zur Verfügung. Den meisten Platz nahm eine Couchgarnitur ein, und ein Großbildschirmfernseher hing an der Wand. Fast wie im Sternehotel.
Und es gab Schwarzbrot - es wurde immer besser. Käse! Geflügelwurst! Es tat so gut, nicht bei Veganern untergekommen zu sein.
Teemu war der perfekte Gastgeber, und er suchte auch sofort das Passwort zu seinem Internet heraus, dass ich es über mein Smartphone nutzen konnte. Wir gingen erst nach Mitternacht ins Bett, da wir noch nicht an die neue Zeit gewohnt waren. Noch schnell eine Dusche im Bad Mit Fußbodenheizung und ab ins Bett.

13.8.
Wir schliefen bis 11 Uhr. Der Vormittag verstrich mit Sandwiches, Plaudereien und Finnisch-Unterricht, dann nahmen wir zwei von Teemus Fahrrädern und fuhren ins Zentrum - ein wenig die Stadt anschauen, ein paar Einkäufe erledigen. Es gab eine große Kirche, in der das letzte Abendmahl aus der Sixtinischen Kapelle nachgemalt war. Eine junge Frau spielte wundervoll auf ihrer Geige; der Klang floss bittersüß durch das alte Gewölbe.
Nach dem Einkaufen fuhren wir etwas aus der Stadt hinaus, hielten an einem Waldweg und begannen, die wilden Früchte zu pflücken; Es war die ideale Zeit dafür: Zuckersüße Waldhimbeeren, wild wachsende Johannesbeeren, sogar kleine Stachelbeeren, einige unbekannte Früchte, die wir eber nicht aßen, und vereinzelt ein paar Blaubeeren. Der Wald war ruhig und verwildert, sogar noch so nah an der Zivilisation. Finnland ist ein sehr bergiges Land; wir mussten einiges an Höhenunterschieden überwinden, darum taten uns bald die Beine vom Fahrradfahren weh, dass wir umkehrten und wieder nach Turku hineinfuhren. Groß war die Stadt nicht, aber belebt, und alles bereitete sich auf die Nacht der Künste vor, die heute stattfand; wahrscheinlich ähnlich zu unserem letzten Abend in Stockholm. Wir gingen nicht hin, weil sich die Chance bot, die echt-finnische Haus-Sauna zu nutzen. Wir hatten erst einen angenehmen Abend mit Gegrilltem und hochprozentigem Alkohol. Eine Freundin war auf Besuch gekommen, und Teemu erzählte Geschichten aus seiner Jugend - wie er mit Freunden eisbaden gegangen war, wie sie nachts mit einem Motorboot betrunken geräucherten Lachs gestohlen und danach geflohen sind, und das Boot dabei sogar fast zum Fliegen gebracht hatten. Der Raubzug stand sogar in der Zeitung, aber erwischt hatte man sie nie.
Dann bekamen wir noch eine Lektion im finnischen Fluchen: "Perkele" scheint so ziemlich das böseste zu sein, was man so von sich geben kann. Aber die beiden waren auch schon recht hinüber zu dem Zeitpunkt. Gegen 23 Uhr war die Sauna gut eingeheizt. Während die beiden weiter tranken, gingen wir hinunter. Die Sauna war gerade groß genug für zwei Leute, es waren angenehme 75 Grad, und ein Eimer Wasser stand bereit. Nach dem ersten Aufguss musste ich erstmal raus. Wunderbar kühles Wasser, kühle Luft... Langsam verstand ich den Sinn hinter Eisbaden. Teemu hatte erzählt, wie sie mit einer Motorsäge ein Loch ins halbmeterdicke Eis geschnitzt hatten, dahinter noch ein Lagerfeuer errichtet, und so in ihrer Waldhütte mit Sauna die Zeit herum gebracht hatten. Dies selbst auszuprobieren, das wäre schon was Feines...
Nach uns ging Teemu in die Sauna; Anastasia verzichtete. Ich begann, noch ein paar Übernachtungsanfragen für Tallinn zu stellen, denn zwischen uns und dieser Stadt lagen nur noch 3 Nächte Helsinki.
Als Teemu - erfrischt wie es nur ein Finne sein kann - aus der Sauna kam, wurden die Spielkarten ausgeteilt. Wir blieben bis fast halb drei in dieser lustigen Runde sitzen, dann war der Alkohol aufgebraucht und die beiden klebten sich in einem letzten Versuch, die Nach durchzumachen, Spielkarten an die Stirn und versuchten, ihre Karte zu erraten. Glaube ich zumindest. Sie sprachen schon seit einer Weile nur noch auf finnisch. Matthias ging nach unten um unsere am Vormittag gewaschenen Socken zu sortieren. Ich glaube, ich habe ausversehen Socken unserer früheren Gastgeber mit eingepackt. Ob ich die einfach in einen Briefumschlag stecken und zurück schicken sollte?



    Beim Löschen des Gegrillten

14.8.
Mühsam quälte ich mich gegen 9 Uhr aus dem Bett; das Haus lag still. Teemu hätte kein röhrender Elch in seinem Bett aufwecken können - so auch wir nicht, trotz der laut quietschenden Türen überall im Haus.
Wir nahmen den Bus zur Autobahnauffahrt beim Universitätskrankenhaus. Die Finnen hatten meist nur einen abweisenden Gesichtsausdruck für uns übrig - wenn sie uns überhaupt beachteten. Viele bogen erst weit hinter uns auf die Straße zur Autobahn ein, als fiele es ihnen erst recht spät ein, dass sie ja nach Helsinki wollten. Schließlich hielt doch eine Frau, die früher selbst per Anhalter gefahren war. Hatten wir die einzige Anhalterin Finnlands getroffen? Sie war sich unschlüssig, wo sie uns absetzen sollte. Erst schlug sie eine Tankstelle vor, dann bemerkte sie einen Parkplatz mit Cafe, aber zu spät um hineinzufahren. Dies wäre noch viel idealer, weil es nicht so abseits lag, begann sie uns zu überzeugen. Sie hielt auf dem Standstreifen und wir wanderten das Stück im niedrigen Gestrüpp zurück, das durch einen Zaun vom Wald abgetrennt war. Daran hing ein gelbes Warnschild mit einem Elch darauf. Die Finnen leben immer noch in wilder Natur; auch Teemu hatte gemeint, dass man einen echten Finnen an der Axt in der einen Hand, und mit einer Flasche hochprozentigem in der anderen erkennt.
Vor dem Autobahncafe standen nur zwei Autos; wahrscheinlich jeweils von Koch und Kellnerin. Auf der anderen Seite standen ein paar LKWs. Wir stellten bald fest, dass es prinzipiell zwei Arten von Finnen gubt: Den gutmütigen, rundlichen und immer lächelnden Finnen, und den zurückgezogenen, grimmigen und unfreundlichen Finnen, der um keinen Preis englisch sprach. Seltsamerweise waren alle PKW-Fahrer, die wir ansprachen Typ 2, und die LKW-Fahrer Typ 1. Alle LKWs fuhren aber nur bis Salo - denn dort war Nokia, der Weltkonzern in der beschaulichen finnischen Pampa, der einst mit Gummistiefeln angefangen hatte. Dort gab es aber einen großen Rastplatz, jedoch für alle Richtungen. Es gab so gut wie keine ausländischen Nummernschilder, nur ein russisches, was mich aber besonders freute, weil ich endlich mal wieder russisch sprechen konnte. Sie fuhren aber nicht Richtung Helsinki, obwohl ein Blick auf die Landkarte zeigte, dass Helsinki auf dem Weg nach Sankt Petersburg lag; es waren nur noch etwa 500km. Doch ich konnte auch bei Typ-2-Autofahrern meine neu erworbenen Finnischkenntnisse ausprobieren. Die Antwort war trotzdem immer "ei". Die meisten LKW-Fahrer hingegen bedauerten, dass sie nicht in unsere Richtung fuhren, oder ihr Beifahrersitz von einem riesigen Hund eingenommen wurde - doch dann endlich: Eine Mitfahrgelegenheit Richtung Helsinki, und zwar in die Stadt Espoo direkt davor. Unser Fahrer sprach nicht wirklich englisch, aber er grinste immer freundlich, wenn ich etwas erzählte, oder antwortete mit yes oder no auf Fragen. Ich fand heraus, dass er verlobt war und aus Turku kam. Er sah unserem Gastgeber irgendwie ähnlich. Matthias schlief währenddessen ein, und auch mich zog die Müdigkeit in ihren Bann, und das Gespräch verebbte... wie tief die Wolken im Norden immer hängen, dachte ich noch, als es plötzlich einen lauten Knall gab und es seltsam verbrannt roch. Der Fahrer fluchte kurz auf englisch und ließ den langen LKW auf dem Standstreifen ausrollen. Es erinnerte verdächtig an unsere Italienreise, und tatsächlich war ein Reifen geplatzt. Nun hieß es warten. Bei jedem vorbeiziehenden Auto schwankte der LKW leicht, während er dort stand und wir auf Hilfe warteten, wog mich das Schwanken in den Schlaf. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis unser Fahrer aufsprang und nach draußen zum Pannendienst eilte. Das Rad wurde mit Hilfe eines großen Wagenhebers gewechselt, und schon ging es weiter. In Espoo stellten wir fest, dass es nah genug an Helsinki dran war um die Öffentlichen zu nutzen - zumal an einem Freitag Nachmittag in der Rush Hour sowieso alles nur aus der Stadt hinaus wollte.
Die nette Verkäuferin im Tankstellen-Restaurant ließ uns kostenlos den Busfahrplan aus dem Internet heraus suchen. Wir verpassten dennoch den Ausstieg und wurden an der Endhaltestelle rausgekehrt. Dort trafen wir auf einen freundliche ältere Frau, die gleich andere Passanten zur Beratung heranzog, wohin wir am besten gehen sollten, schon allein um eine Übersichtskarte mit unserer gesuchten Buslinie zu finden, denn das Konkurenz-Verkehrsunternehmen druckte die Linien der anderen überhaupt nicht ab. Wir nahmen dann doch lieber den Zug, der uns sicher ans Ziel brachte. Wenn nur die Wohnung unseres Gastgebers in diesem Wohnghetto zu finden wäre! Er beantwortete weder unsere SMS, noch fanden wir seinen Namen irgendwo an den Klingelschildern. Erst durch Zufallnsahen wir ihn nach einiger Zeit am Fenster winken. Er scheute das Tageslicht und frische Luft, wie wir später herausfinden sollten.
Beim Betreten der Wohnung wehte uns eine grüne Wolke entgegen; es war eine Mischung aus Katzenfutter, Käse, Urin und Zigaretten. Unser Gastgeber sah aus wie Rübezahl, breit gebaut mit wilden langen Haaren. Er verschwand sofort nach unserer Begrüßung in seiner abgedunkelten Höhle; in der der Hand seinen Laptop. Seine Freundin war genau so breit und redete ein wenig mehr. Aber auch sie kam nur zum Essen-in-die-Mikrowelle-schieben aus ihrer Höhle heraus. Sie bot uns Käse an, den sie gerade im Kühlschrank gefunden hatte und gar nicht mehr wusste, dass er da gewesen war. Dann ließen sie uns allein im müllhaldenähnlichen Wohnzimmer. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht zu Teemu und unseren anderen Gastgebern, die sich mit uns immer erstmal an einen Tisch gesetzt und den Rest des Abends mit uns erzählt hatten.
Wir sahen uns in der Wohnung um: Jede Menge Dreck, Kabel und Technik lag auf dem Fußboden, Unterwäsche, Tüten, Flaschen, Schimmel und dazwischen sprang ihre Katze umher. Die Tische und Regale waren vollgestellt mit benutzten Gläsern und Krimskrams, dawischen lag der Staub meterdick. Sie besaßen DJ-Turntables, eine Bong und andere Gerätschaften, die auf ein ausschweifendes Leben schließen ließen; und es hingen zwei Gasmasken an der Wand. Alles in allem ein Ort, an dem man nur abwechselnd in Schichten schlafen sollte. Hier konnte man sich leicht mit ein wenig Fantasie den Schauplatz eine Mordes und Menschenfleisch in der Tiefkühltruhe vorstellen.
Das Wohnzimmer war im Vergleich zum Badezimmer ein Reinraum: In einzelnen Pfützen schwammen Dinge, die ich mir nicht so genau anschauen wollte; es klebten ganze Büschel von Haaren im Waschbecken und im Klo konnte man nie feststellen, ob schon gespült wurde. Sie meinten, wir sollten vielleicht nicht unbedingt duschen gehen, oder wenn, dann nur kurz, weil der Abfluss verstopft war. Ein Blick darauf zeigte warum: ein dichter Haarteppich lag darauf. Hier mischte sich der allgemeine Gestank des Hauses mit Rasierwasser.
Unsere Gastgeber kamen nicht mehr aus ihrem Zimmer raus. Wir waren mit der Katze allein. Es war eine verwöhnte, langhaarige Diva, und ein echtes Biest, wie Matthias am nächsten Morgen berichtete.

Abreise aus Karlstad - Stockholm - Turku - Ankunft in Helsinki

12.8.
Kurz nach 7 Uhr verließ der Dampfer M/S Silja Europa den Hafen von Stockholm. Kaum dass die Sonne aufgegangen war, verschwand sie schon wieder hinter den ersten Regenwolken. Der Wetterbericht sagte Dauerregen für Turku, Finnland vorraus. Ein kalter Wind wehte mir um die Nase. Ich fröstelte, obwohl ich drei Pullover übereiander trug, darüber nich eine Jacke, und zusätzlich in meinen Schlafsack eingehüllt war. Die Regenwolken formten bald eine dichte, graue Wolkendecke. Wahrscheinlich hatten wir heute morgen im Bus das letzte Mal in dieser Woche die Sonne gesehen. Es ist Mittwoch. Seit meinem letzten Eintrag ist jede Menge geschehen; aber der Reihe nach:

08.8. - Was vom Tag übrig blieb.
Heißhunger auf Linseneintopf. Trotz aller Unterschiede in den Essensgewohnheiten der Schweden und Deutschen konnte ich im gut sortierten Supermarkt Nummer 3 eine Packung Linsen finden.
Martin war ein Mensch, der gerne alles ausprobierte, besonders seltsame neue Lebensmittel. So kam unser Linseneintopf gerade recht. Er war sehr skeptisch, dass wir die Linsen für weniger als zwei Stunden im Wasser liegen lassen wollten, wie es auf der Packung stand; vermutlich weil ich ihm von auszuwaschenden Giften erzählte. Aber das war auch seine Art von Humor: Er konnte völlig ernsthaft die absurdesten Dinge behaupten. Irgenwie kamen wir darauf, dass es doch lustig wäre, uns zu betrinken und auf einer Rutsche aus unserem eigenen Erbrochenen herumzuschlittern. Aber schon nach dem ersten Teil des Plans schliefen wir ein.

09.8. - Abreise aus Karlstad
Martin brachte uns ins Zentrum, sodass wir nicht den Bus nutzen mussten. Der Abschied fiel schwer, und wir versprachen, uns in Deutschland z m Schlittern in Kotze in Matthias´ Garten zu treffen.
Martin hatte schon zu Beginn gemeint, es würde ihn sehr überraschen, wenn wir aus Karlstad per Anhalter weg kämen, und dass wir lieber den Bus nach Stockholm nehmen sollten. Ich hatte auch keine Informationen über Karlstad in der Anhalter-Ortsdatenbank finden können, somit kannten wir keinen bewehrten Punkt in der Stadt, an dem man gut trampen kann.
Der Bus war für schwedische Verhältnisse spottbillig (21 Euro für 300 Kilometer), und sogar noch billiger, wenn man das Ticket über Internet kauft. Da ich meine Kreditkarteninformationen nicht so gern im Vorgarten des Nachbarn stehend über eine unsichere Internetverbindung preisgeben wollte, buchte Martin die Tickets über sein Handy. Wir hatten dann zwar weder ein Ticket, noch eine Bestätigungs-SMS, doch dem Fahrer reichte die Buchungsnummer völlig aus, die er in sein Kontrollgerät eingab. So fortschrittlich kann der öffentliche Nahverkehr sein.
Die Fahrt zog sich dahin; es war unglaublich langweilig, die ganze Zeit nur aus dem Fenster zu schauen statt den Fahrer auf Teufel komm raus in ein Gespräch verwickeln zu müssen. Matthias, die Scharchnase, war keine Hilfe. Er hielt sich meistens mit dem Sprechen zurück - ob bei unseren Fahrern, oder unseren Gastgebern.
Der Bus hielt am Hauptbahnhof; dort waren wir am "Spottkoppen" mit unserer stockholmer Gastgeberin Sofia verabredet. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nie; wahrscheinlich dachte sich der Architekt, ein Loch im Boden sähe doch ganz nett aus.
Sofia kam auch bald, allerdings holte sie uns nicht wie vermutet mit dem Auto ab, sondern mit der U-Bahn, für die wir uns erstmal Tickets besorgen sollte - 72 Stunden für 20 Euro pp, was natürlich erstmal im Portmonee schmerzte, sich später allerdings als angemessen heraus stellte. Sofia wohnte viel zu weit außerhalb der Stadt um es erlaufen zu können, wobei wir mit unseren Rucksäcken nach den 4 Kilometern durch Kopenhagen sowieso nicht mehr damit auf dem Rücken laufen wollten. Ganz blieb es uns nicht erspart, denn wir waren zu einem Picknick an einem See eingeladen.
Der See hatte die Ausmaße eines kleinen Meers, der Treffpunkt war eine große Insel darin und das Picknick war viel mehr eine lockere Runde aus vielen jungen Menschen, die alle recht alternativ wirkten; einer von ihnen hatte einen Schallplattenspieler dabei, auf dem sich uralte Platten drehen, solange man ihn immer mal mit einer Kurbel aufzog. Sie beachteten uns Neuankömmlinge nur wenig, schienen uns aber zu dulden. Und wir hatten die einzigartige Gelegenheit, freilaufende Schweden zu studieren, die in ihrer Sing-Sang-Sprache fröhlich vor sich hinplauderten.
Sofia begann sich vor allen Leuten umzuziehen und sprang ins Wasser. Ich bevorzugte den Wald als Umkleide, da auch die mobilen Toiletten von ihrem Betreten abrieten. Als ich zurück kam, waren die Leute schon "bierfischen": Sie warfen sich gegenseitig Bierdosen ins Wasser, und wer sie schwimmend erreichte, konnte sie trinken. Das Wasser kühlte das Bier dabei auf eine angehemere Temperatur, denn es wahr schon wieder ein extrem warmer Tag. Ideal zum Baden. Die Steine waren glitschig mit Algen bewachsen, so war es das Günstigste, sich einfach ins Wasser fallen zu lassen. Dieser See diente zur Süßwasserversorgung der Stadt, sagte Sofia. Es gäbe kein besseres Wasser als hier in Schweden.
Eine große Jacht zog vorbei; mit einiger Verzögerung schwappte das Kielwasser über den Stein, auf dem Matthias angezogen saß, weil er diesmal nicht in Boxershorts ins Wasser gehen wollte - das hatte sich damit erledigt.
Später begann das eigentliche Picknick, das aus selbstgemachtem vegetarischen Sushi bestand: Statt rohem Fisch war seltsames Gemüse in den Algen-Reis eingewickelt. Mich faszinierte die Vorstellung, selbst Sushi herzustellen, und ich gewann unserer Gastgeberin das Versprechen ab, mich in das Geheimnis des Sushimachens einzuführen.
Als es langsam Abend wurde, begaben wir uns auf den Heimweg, müde vom Schwimmen. Viel geschah nicht mehr, soweit ich mich erinnern kann, ließen wir den Tag mit japanischem Puffreistee und Plaudereien ausklingen. Mittlerweile wechseln wir Orte und Gastgeber so schnell, dass ich kaum auseinanderhalten kann, an welchem Tag wir was unternommen haben, wen getroffen und über welches Thema mit ihnen schon gesprochen haben. Die Eindrücke verwischen ineinander, und die Zeit fliegt dahin.

10.8.
Jede Stadt unterscheidet sich von der vorhergehenden, hat seine eigene Essenz, seine eigene Spezies Bewohner. In Stockholm haben sich die Mädels herausgeputzt, tragen kurze Röcke und Hotpants, und stolzieren regelrecht durch die Stadt. In Kopenhagen herrschten zum Beispiel die Jockinganzüge vor. Allein durch das Beobachten der Umwelt stellen sich interessante, oder viel mehr belanglose Fragen:
Lieben die Leute hier Bücher, weil sie schon vor der Öffnungszeit der Bibliothek in einer Schlange davorstehen, oder wollen sie nur das kostenlose Internet nutzen?
Was ist in U-Bahn-Fahrer geraten, wenn sie versuchen, sich gegenseitig zu überholen? Und wie lange kann ich auf die U-Bahn neben mir schauen, ohne dass mir schlecht wird?

Zuerst nahmen wir den Aufzug in die Restaurant-Terasse eines hohen Bürogebäudes, in dem auch Skype untergebracht war, und schauten uns um - was man denn Schönes anschauen könnte, denn unsere Vorbereitungen hatten sich auf das Abspeichern der Wikipedia-Seite von Stockholm beschränkt.
Bevor Sofia uns allein ließ, gab sie uns noch den Tipp, zu der kleinen Insel zu fahren, die mit einem Vergnügungspark bebaut war. Aber zunächst suchten wir uns gemäß unserer Routine einen Supermarkt und verliefen uns prompt im Einkaufzentrum. Wenn man so viel Zeit sinnlos vertreibt, kann man auch etwas Sinnvolles tun, und so fuhren wir schon mal zum Fährhafen um ein Ticket für die Fähre zu bekommen, die uns in zwei Tagen nach Finnland bringen sollte. Die Frau am Schalter war so freundlich, uns darauf hinzuweisen, dass wir am Schalter mehr als das Doppelte durch die Servicegebühren draufzahlen müssten. Mit der Kreditkarte über Internet gekauft, bekamen wir sie für nur 11 Euro pro Person. Wir freuten uns, weil wir noch nicht wussten, dass wir in eine Konsumfalle geraten würden...
Zurück in der Innenstadt erklommen wir den Berg hoch zur Altstadt. Die war bis zum Plätzen mit Touristen gefüllt; und wirklich: Man kann an keinen Ort der Welt gehen, ohne auf Deutsche zu treffen. Dementsprechend sah es dort auch aus: Von den bunten alten Häusern war jedes zweite ein Souvenierladen, die restlichen Häuser beherbergten Restaurants, oder auch überteuerte Supermärkte. Dafür gab es eine ungeheuere Dichte an drahtlosen Netzwerken. Wir machten uns einen Spaß daraus, im Laufen nach offenen Netzwerken zu suchen um unterwegs im Internet zu surfen. Informatiker sind eben so. Matthias war ganz begeistert, dass einer der Reisebusse ein eigenes WLAN hatte, das aber nur Informationen über das Busunternehmen preisgab. Als uns das zu langweilig war, nahmen wir die Stadtfähre zu dieser kleinen
Insel, die angenehmerweise in unsenem Ticket enthalten war. Dort gab es wirklich nicht viel mehr als den Vergnügungspark, ein bisschen Park, einige Häuser, ein Fischrestaurant mit Bootsanlegeplatz nur für Gäste. Wir nahmen die nächste Fähre zurück und stellten fest, dass es schon langsam Zeit war, uns mit Sofia zu treffen, denn wir wollten gemeinsam die Zutaten für Sushi kaufen um es heute Abend gemeinsam zuzubereiten. Es gab eine ganze Reihe asiatischer Supermärkte. Aus dem ersten wehte ein durchdringender Gestank nach Tierhandlung, der sich beim Betreten mit einem üblen Fäulnisgeruch mischte, der von einem Stapel großer, grüner Früchte herzog. Sofia meinte, die müssten so riechen; es wäre eine Delikatesse. Der Rest des Ladens war nicht viel besser: Eingeschweiste ganze Tiere, Gläser mit undefiniertem Schlick und andere Dinge, von denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass andere Kulturen so etwas aßen. Mit dem Pullover vor dem Mund suchte ich nach Zwiebellauch für die Suppe, dann beschoss ich, dass ich dem Brechen zu nahe war um noch länger in diesem Laden zu verweilen, und floh nach draußen.
Leider mussten wir noch in einen anderen Asia-Supermarkt bis wir alles hatten. Doch zu Hause ging es endlich ans Sushi-Machen: Erst wurde der spezielle Reis gewaschen, gekocht, dann mit Zucker und Essig gemischt und stehen gelassen. Dann schnitt man den späteren Inhalt in Stäbchen und strich den Reis dick auf die Algenblätter, legte den Inhalt darauf und rollte alles auf einer Holzmatte zusammen. Mit ein wenig Wasser wurde der äußere Rand der Rolle befestigt, danach wurde es gleich in Scheiben geschnitten. Sofia war Veganerin, deshalb hatten wir nur Avokato-Gurken-Sushi, aber schlecht schmeckte es deswegen nicht.
Den Rest des Abends beschäftigten wir uns mit Geo-Caching, konnten aber die Koordinaten für diese digitale Schatzsuche nicht in meinen Routenplaner eingeben, weil das Format nicht übereinstimmte und erst umgerechnet werden, das uns zu fortgeschrittener Stunde zu hoch war. Aber am nächsten Tag wollten wir es gemeinsam mit Sofia ausprobieren, wenn sie rechtzeitig mit ihren Matheaufgaben fertig sein sollte.

11.8.
Natürlich wurde Sofia nicht rechtzeitig fertig, und so zog sie wieder in eine Bibliothek zurück, während wir die Stadt ein zweites Mal erkunden gingen. Aber zuerst - wie konnte es anders sein - gingen wir in einen Supermarkt. Nach so viel Zeit bei Vegetariern und Veganern stand es schlimm um uns, und der Heißhunger nach einem Grillhühnchen wuchs zu einem unbändigen Verlangen an. Bei Sofia durften wir nicht einmal Fleisch mit in die Wohnung bringen, weshalb wir unsere Wiener und Salami lieber im Rucksack liegen ließen. Und so konnten wir nicht anders als das eingeschweiste Hühnchen aus der Kühltruhe mitzunehmen, zumal es auch nur 2,50 Euro kostete - wahrscheinlich Gammelfleisch. Aber das war uns egal. Wir konnten kaum die Zeit abwarten, die es vermutlich zum Auftauen in der Sonne brauchte. Doch niemand war glücklicher als wir, als wir dann am Straßenrand saßen und das kalte Huhn verdrückten... Naja, fast glücklich. Es zog die Stimmung etwas nach unten, dass nach Tallinn jetzt auch unsere Gastgeberin aus Turku abgesagte hatte, weil sie eine Grippe erwischt hatte. Nun mussten wir bis morgen einen neuen Gastgeber finden, wenn wir nicht zelten wollten, und es war Regen angesagt. Wir saßen also auf dem Bordstein zwischen chinesischem Restaurant und Post, ein eingefrorenes Huhn essend und über das Internet eines unfreiwilligen Wohltäters nach einem neuen Gastgeber suchend, als der Regen begann. Wir spannten erst nur den Regenschirm auf, aber als der Regen immer stärker wurde, rannten wir in eine geschützte Ladenpassage. Der Regen erzeugte mittlerweile Blasen in den Pfützen und kalter Wind zog auf. Ich trug nur ein leichtes Kleid und wollte mich umziehen gehen. Wir trafen Sofia in der Bibliothek um uns den Schlüssel geben zu lassen. Dort gab es Computer und eine Stunde kostenlos Internet für Mitglieder, wobei uns ihre Mitgliedschaft gelegen kam und ich weiter nach Gastgebern suchen konnte. Und siehe da - genau zwei Minuten vor Ablauf der Zeit bekam ich eine Telefonnummer von Turku. Ein Hotelzimmer zu buchen wäre sicher weniger nervenaufreibend zu sein, aber man wird im Hotel nie so interessante Erfahrungen machen wie bei bis dahin völlig unbekannten im Wohnzimmer.
Am Abend fand Sofia wieder Zeit für uns und nahm uns mit auf das Stockholmer Kulturfestival, das heute begann. Überall in der Innenstadt traten die unterschiedlichsten Musiker unter freiem Himmel auf, und Künstler gestalteten die Stadt bunt, zum Bespiel strickten sie Häubchen und Schals für Straßenlaternen und Pfosten. Wir gingen die ganze Innenstadt ab und sahen mehr davon als in den letzten beiden Tagen; es war definitv eine Stadt, in die sich ein Zurückkommen lohnt. Die Neonlichter warfen ihren Glanz hinunter ins Wasser, eine uralte Leuchtreklame zeigte, wie Zahncreme auf eine Zahnbürste kam, und die letzten Schaulustigen liefen auseinander an diesem Dienstag Abend, der schon zum Mittwochmorgen wurde. Wir mussten schon um 4:45 aufstehen um unsere Fähre rechtzeitig zu erreichen und einchecken zu können...


Zurück aufs Schiff...

Die vielen kleineren und größeren, bewohnten und unbewohnten Inseln, aber auch andere Fähren zogen an uns vorbei. Bald trieb uns die Kälte nach drinnen. Wir hatten uns nur eine Deckpassage geleistet, also keine eigene Kabine; aber genau wie wir machten es viele Rucksackreisende, die zusammengerollt auf Bänken und Stühlen lagen. Einige hatten es ganz clever angestellt und sich mit ihren Schlafsäcken unter die Treppen zum Autodeck gelegt - vielleicht der ruhigste Ort im ganzen Schiff. Ich beschloss,es ihnen gleich zu tun und suchte mir eine eigene Treppe in diesem riesigen Schiff. Nicht mal Matthias konnte mich dort finden, und so holte ich bis 12 Uhr die fehlenden Stunden Schlaf der letzten Nacht nach.
Irgendwann regte sich der Hunger; wir hatten schwedisches Brot namens Bröd gekauft, das an Maisfladen erinnerte, ganz gut schmeckte, aber partout nicht satt machte. Wir saßen also mit leicht knurrendem Magen, ausgezährt von so vielen Aufenthalten bei Vegetariern, in Granny`s Selbstbedienungsrestaurant und stellten uns mit Blicken auf die Teller der Nachbarn unser Mahl zusammen. Leider war auch den anderen Gästen das Essen viel zu teuer gewesen,... (Weiter mit Teil 2)

Samstag, 15. August 2009

Es kommt bald ein längerer Eintrag...

Matthias führt einen nächtlichen Kampf um den Schlaf mit dem Stubentiger unserer Gastgeber. Soweit die Nachrichten.


Montag, 10. August 2009

Stockholm


Heute gab's selbstgemachtes Sushi:

(ich werde mehr schreiben, wenn wir am Mittwoch 12 Stunden mit der Fähre unterwegs sein werden...)

Samstag, 8. August 2009

Karlstad, Schweden

07.8.
Wir halten bei der Suche nach einer Unterkunft eine Person gefunden, die zwar wahrscheinlich keine Couch für uns hatte, dafür aber am gleichen Tag von Oslo nach Karlstad fuhr und anbot, uns mitzunehmen. Glück für uns: Seine Gäste sagten ab oder tauchten nicht auf, und so bekamen wir die Couch statt nur einen Platz für unser Zelt im Garten.
Zunächst setzte er uns im Zentrum ab, weil er noch einige Besorgung zu machen hatte. Das war gegen 13 Uhr, also die ideale Zeit zum Frühstücken im Park. Um Geld zu sparen, hatten wir immer genug Brot und Brotbelag für ein bis zwei Tage dabei. So konnten wir uns tagsüber mit Sandwiches satt essen und am Abend mit unseren Gastgebern kochen. Wir hatten Nusscreme aus Norwegen, Käsesalami aus Schweden und Käse aus Deutschland, der langsam Schimmel ansetzte. Wir hatten uns ein wenig mehr Käse mitgenommen als nötig, weil wir schon vorher gehört hatten, dass Milchprodukte in Skandinavien mit Gold aufzuwiegen seien. Ganz so schlimm war es dann doch nicht, aber es gab den Käse meist nur in riesigen Klumpen zu kaufen, die man nur ungern mit sich herum trug. Wir schnitten die kleinen, blauen Stellen ab uns aßen den Käse ganz auf. Man kann ja nichts verderben lassen...
Hinter dem Park befand sich ein künstlich angelegter Strand, an dem mehere Schilder darauf hinwiesen, dass das Baden hier eigentlich nicht gestattet war. Es war auch eher ein Flussausläufer als eine Badebucht.
Wir fuhren mit unserem Gastgeber aus der Stadt hinaus in ein beschauliches Wohnghetto. Ein minzgrünes Haus im Grünen, umgeben von Gruppen andersfarbiger Holzhäuser. Während ich mit unserem Gastgeber sprach, ging Matthias "spazieren", was in seiner Sprache hieß, dass er nach offenen Netzwerken suchen ging, über die wir mit meinem Smartphone kostenlos im Intenet surfen können. Damit hatte er tatsächlich Erfolg, war aber dadurch so lang unterwegs, dass wir schon vermuteten, ihn hätten die Wölfe oder die Vampire vom Haus nebenan geholt. So schön die Gegend auch aussah, war sie von seltsamen Gestalten bevölkert, die seltsame Gewächse in ihren Gärten hatten; zum Beispiel fanden wir einen fast 3 Meter hohen Baum, an dem Heidelbeeren wuchsen. Da wir unseren Vitaminbedarf während unserer Reise mit dem decken wollten, was die Natur uns anbot, probierten wir sie. Mit gutem Willen ließ sich der Heidelbeergeschmack erkennen. Und sogar jetzt noch, am nächsten Tag, geht es uns gut...

08.8.
Heute ließen wir´s ruhig angehen. Es war überhaupt das erste Mal wieder seit Kopenhagen, dass wir nicht mit unserem Gastgeber früh morgens das Haus verlassen mussten. Es war auch schon wieder Wochenende. Kaum zu glauben, dass wir schon fast zwei Wochen unterwegs waren und alles geklappt hatte wie geplant.
Martin brachte uns in seinem uralten Saap wieder ins Zentrum. Unser erster Weg führte uns direkt wieder in einen Supermarkt, dann weiter Richtung Touristeninformation. Karlstad ist so langweilig, dass es mich überraschte, überhaupt eine Touristeninfo zu finden. Auf dem Wegweiser in der Fußgängerzone war auch nur ein Museum ausgeschrieben, als gäbe es kein zweites. Es hieß "Museum".
Ein Blick auf die Touristenkarte offenbarte auch nicht viel mehr. Aber selbst in dieser Touristeninfo musste man eine Nummer ziehen, obwohl weit und breit niemand zu sehen war. Oder vielleich gerade deswegen. Wir legte uns schließlich wieder an ein Flussufer, wo uns ein Schwarm Enten überfiel. Ich warf unser altes Brot in Stücken so weit weg wie ich konnte, aber die Enten kamen immer wieder zurück und wollten mehr, bis wir nichts mehr hatten. Sie liefen noch eine Weile unschlüssig zwischen uns umher, und ich verstand sie: Wir waren das Aufregenste, was sie in dieser Stadt je gesehen hatten.
Ganz in der Nähe des Flussufers befand sich das alte Gefängnis der Stadt, aus dem mittlerweile ein Hotel geworden war. Einige der Kellerräume hatten sie jedoch im Originalzustand belassen und ein kleines Museum eingerichtet; die Infotafeln waren aber komplett in schwedisch gehalten. Das, und der Kindergeburtstag, der gerade darin stattfand, ließen uns das Museum bald verlassen. So lagen wir den Rest des Tages an einer anderen Stelle am Fluss.