Dienstag, 27. April 2010

Ich lebe noch! Teil 1. (05. bis 10. April 2010)

Ich habe lange nichts geschrieben - Russland hat mir keine Atempause gelassen. Kurz gesagt: Ich bin in Sankt Petersburg gewesen und habe es sogar wieder zurück geschafft; habe ein Überlebenstraining im Wald absolviert, bin "Lehrerin" an einer Schule gewesen, hatte Prüfungen, habe von Ungarn das Trinken gelernt und mich tagelang auf einer internationalen Konferenz zu Tode gelangweilt. Das und noch viel mehr erfährst du, wenn du weiterliest... ;)

Mit schöner Regelmäßigkeit platzen im Frühling die Wasserleitungen. Hier habe ich ein sehr schönes Exemplar vor die Kamera bekommen, das auf typisch-russische Weise provisorisch repariert wurde:


Frühling heißt auch Frühjahrsputz: Die Straßen und Wege werden gekehrt und vom Müll befreit, der sich seit dem ersten Schneefall dort angesammelt hat. Das letzte Eis wird zerstochen und weggeschafft; das darunter zum Vorschein kommende Laub wird zusammengefegt und entsorgt. Am Ende werden alle Bordsteine weiß angestrichen. Kosten entstehen der Universität für ihr riesiges Gelände keine, denn nach russischer Tradition müssen die Studenten im ersten und zweiten Semester als Arbeitssklaven herhalten. Das gehört wie der Sportunterricht zum Pflichtprogramm.


Als ich in meiner Winterjacke und Mütze das Haus verlassen wollte, wies mich die Etagen-Omis darauf hin, dass es draußen warm, ja gar heiß sei. Skeptisch wie ich auf den Schnee hin, der noch in großen Haufen in der Sonne glänzte, da lachten sie. Ich konnte immer nur sehr schwer einschätzen, wie kalt oder warm es draußen war, wenn ich nur aus dem Fenster schaute, aber tatsächlich war ich froh, dass ich von der Mütze nicht abbringen lassen hatte, denn selbst wenn es für russische Verhältnisse Frühling war, pfiff mir der Wind noch ein wenig zu frisch um die Ohren. Das Thermometer zeigte 6 Grad plus.

Und es taute immer noch. Die Flüsse auf den Gehwegen und Straßen wollten überhaupt nicht mehr abreißen, sodass ich langsam nicht mehr daran glaubte, dass das ganze Wasser vom Schnee kommen konnte. Wahrscheinlich wurden sie von hunderten Wasserrohrbrüchen in der ganzen Stadt gespeist.
Viele Fußwege waren überhaupt nicht mehr begehbar, und die Schlaglöcher füllten sich zu Baggerseen auf. Ich sah schon einen Comic vor mir, in dem ein Auto auf der einen Seite in das Schlagloch hineinfuhr und auf der anderen Seite nicht wieder hinaus kam.
Aber da habe ich meine Wattwanderungen, nach denen ich mich so viele tausend Kilometer von der Nordsee entfernt gesehnt hatte - jeden Tag auf den Straßen.
Einen Vorteil hatte das ganze Wasser: Wenn die Schuhe von einer Schlammlawine völlig verdreckt waren, konnten sie im nächsten Weg sauber gewaschen werden. Der beste Fluss dieser Art floss direkt an meiner Uni vorbei, wo einmal das Fußweg zu Gebäude 1 gewesen war; er war klar und tief genug um selbst den Dreck auf Knöchelhöhe abzuwaschen.




So wundert es wahrscheinlich keinen, dass ich mir schließlich eine Erkältung zuzog.
Bekommen hatte ich sie wahrscheinlich von meinem nächtlichen Spaziergang am Montagabend. Ich hatte mich in den abendlichen Temperaturen verschätzt, denn obwohl es tagsüber schon frühlingshaft warm war, wurde es nachts überraschend frisch, besonders am Stausee, der immer noch zugefroren war.
Ich war also nicht warm genug angezogen gewesen und hatte mir noch dazu nasse Füße geholt. Das hatte ich davon.
Auf dem Heimweg am Rand der Innenstadt hielt ein Auto neben mir, der Fahrer sprach mich an, aber er fragte definitiv nicht nach dem Weg. Wahrscheinlich war es ein eindeutiges Signal in Russland, wenn ein Mädchen ohne Begleitung gegen 10 Uhr abends unterwegs war. Als ich später Murik davon erzählte, meinte er: "Im besten Fall wollte dich der Fahrer auf ein Date einladen, aber auf jeden Fall wollte er dich mit nach Hause nehmen..."
Aus ebendiesen Gründen wollte ich in Zukunft auf nächtliche Spaziergänge verzichten, obwohl die St-Michaels-Kathedrale nachts wirklich wunderschön aussieht:


Trotz dickem Kopf, verstopfter Nase und rauer Kehle ging ich zu den Vorlesungen. Es brauchte schon mehr als ein paar Viren um mich zum Vorlesungsschwänzen zu bringen. In Russland verstand das niemand. Wahrscheinlich auch nicht in Deutschland. Ich bin zum Streber mutiert seit ich in Russland bin. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich so viel Faulenzertum und Schwänzerei unter den Studenten und unter den Professoren sehe, dass ich das Bedürfnis habe, ein wenig Ordnung hineinzubringen. So haben sich sicher auch die Preußen gefühlt als sie die Bürokratie nach Russland exportiert hatten... Zumindest das hatte sich als schwerer Fehler herausgestellt, der sich seit Jahrzehnen an allen Deutschen rächte, die Russland betraten und dort mit irgendeiner Behörde zu tun hatten.

Zum Glück war Dienstag und die einzige Vorlesung war der Russischunterricht. Doch als ich ankam, traf ich nur auf die Sekretärin des Fachbereichs. Die wusste auch nicht, wo meine Lehrerin war, klemmte sich aber gleich hinters Telefon um es herauszufinden, während ich mich zur ihr auf die Couch setzten sollte. Das war doch mal nett. Nach einer Weile erreichte sie sie. Offenbar hatten die Ägypter sie überredet, den Kurs ausfallen zu lassen, weil sie morgen ihre erste große Cisco-Prüfung schreiben würden, und mich hatte mal wieder keiner informiert. Aber eigentlich hätte ich es mir denken können, weil die Vorlesungen gestern schon aus dem gleichen Grund ausgefallen waren. Zumindest darüber war ich informiert gewesen, denn nach über einem Monat hatte ich es endlich erreicht, dass mich Dr. Abilvo über solche Änderungen informierte - per E-Mail, oder kurzfristiger auch per SMS. Mittlerweile duzten wir uns übrigens, deshalb werde ich ihn ab diesem Eintrag auch nur noch "Albert" nennen, wenn ich von ihm schreibe.

Albert hatte mich also informiert, dass die normalen Vorlesungen am Mittwoch - dem Prüfungstag - nicht stattfinden würden, aber dass ich gerne in den Computerraum kommen könne, in dem die Prüfung stattfand, um an meinem Netzwerksimulator-Projekt weiterzuarbeiten. Ich fühlte mich immer noch nicht besser, ging aber trotzdem hin, denn es stimmte - ich hatte tatsächlich noch einiges in diesem Fach zu erledigen, und außerdem klang es, als wollte Albert, dass ich ihm in der langen, langweiligen Aufsichtszeit ein wenig Gesellschaft leistete.

Also kam ich pünktlich um 12 zu Prüfungsbeginn, auch die Ägypter waren schon fünf Minuten später da, nur Albert ließ auf sich warten. Als er schließlich kam, verquatschten wir die nächsten fünf Minuten bis wir merkten, dass die Ägypter auf den Prüfungsbeginn warteten. Entschuldigend schaltete er die Prüfungen online frei, und dann setzten wir unser Gespräch während der Prüfung fort. Ganze anderthalb Stunden planten wir, was ich mir in Sankt Petersburg alles anschauen sollte - auf jeden Fall das nachgebildete Bernsteinzimmer in der Eremitage, verschiedene Schlösser, Gebäude, Festungen ringsherum, den Aurora-Kreuzer, mit dem die Revolution gestartet hat, und ganz besonders die Stadt Puschkin und Peterhof; davon schwärmte er besonders. Sankt Petersburg musste eine wunderschöne Stadt sein. Den Ägyptern war meine Anwesenheit auch ganz recht, denn ich lenkte Albert ab während sie sich leise über die Prüfungslösungen unterhalten konnten. Nur wenn das Gemurmel zu laut wurde, schlug er mit der Faust auf den Tisch und bat um Ruhe.

Natürlich bemerkte Albert, dass ich krank war. Nun haben Russen ganz eigene Vorstellungen davon, wie man eine Erkältung am besten auskuriert. Muriks Vorschlag, eine Scheibe Zitrone in den Tee zu legen, klang ja noch ganz vernünftig, aber Albert griff tief in die Hausmittelchen-Kiste: Heiße Milch sollte ich trinken mit Honig und etwas Butter; dazu sollte ich noch Zitrone hinzufügen und 50 Gramm Wodka. Mir drehte sich schon beim Gedanken der Magen um, und Albert lachte auch noch so verschmitzt dabei - doch er versicherte mir, dass es helfe und dass ich es unbedingt probieren müsste vor dem Schlafengehen. Und am nächsten Tag eine eisige Dusche, das würde er auch jeden Morgen machen und es würde seine Abwehrkräfte stärken. Davon war ich noch weniger zu überzeugen und versprach, es erstmal mit dem Honig-Gemisch zu versuchen, wenn ich Honig im Laden finden sollte.

Die Prüfungen zogen sich hin. Pro Gruppe gab es zwei Prüfungen zu je 90 Minuten - eine praktische und eine theoretische. So kam ich an diesem Tag doch noch zum Arbeiten an meinem Projekt und Albert doch noch zur Prüfungsaufsicht.

Am Nachmittag musste Albert kurz weg um auf den letzten Drücker einige Dokumente für seine Dienstreise unterschreiben zu lassen und überließ mir die Prüfungsaufsicht. Sofort nachdem er zu Tür heraus war, hörten die Ägypter auf zu flüstern und fingen laut zu reden an. Ich wies sie mit zwinkernder Strenge zurecht. Das half etwa eine Minute. "Bitte, Jungs", versuchte ich an sie zu appellieren, "wenn Dr. Abilvo zurück kommt, will er sicher wissen, wie ihr euch benommen habt." So ging es eine Weile hin und her bis ich es aufgab und darauf setzte, dass Albert nicht vor Ende der aktuellen Prüfung zurück kam. Die Rechnung ging auf; in der Tat kam er so spät, dass mich die nächste Gruppe der Prüflinge schon bat, ihn anzurufen und zu fragen, wo er denn bleibe. Er war noch schnell im Supermarkt gewesen und hatte mir Honig mitgebracht. Nun hatte ich keine Ausrede mehr für meine Hustenmedizin.

Gegen 20:15 waren die letzten Studenten mit ihrer Prüfung fertig. Die Ergebnisse waren durchwachsen gewesen, und man sah genau, wer in den Zwischenprüfungen die Ergebnisse nur abgeschrieben hatte. Ich half Albert noch beim Zusammenräumen und wir verließen wieder mal als letzte das Gebäude Nummer 5; nur noch der Wachmann mit der großen Zahnlücke war da, der mich immer mit Vornamen ansprach und irgendetwas auf Russisch nuschelte, das ich nur in den seltensten Fällen verstand. Die Garderobenfrau war auch schon zu Hause, sodass ich selbst hinter die Garderobe ging um meine Jacke zu holen. Ich fühlte mich schon wie zu Hause...

Auf dem Heimweg erzählte Albert wieder von einer Konferenz Mitte April, zu der ich mitkommen sollte, weil dort auch deutsche und tschechische Gäste dabei waren, mit denen er befreundet war und der Kulturaustausch sicher sehr interessant werden würde. Genau an diesem Punkt hätte ich abwehren müssen, denn ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde...

Ich hatte ihn noch gefragt, wie ich am Sonntag Abend am besten zum Bahnhof kommen könne, der recht weit außerhalb der Stadt lag, da meinte Albert, er würde ein Taxi nehmen, und die Uni läge auf dem Weg, da könnte er mich gleich mitnehmen. Das Angebot nahm ich gern an. Vielleicht auch deswegen hatte ich keine Zweifel mehr an seiner Nettigkeit und Herzensgüte, und probierte das Anti-Erkältungsgebräu aus, als ich zu Hause ankam.

Das Stück Butter begann in der heißen Milch langsam zu schmelzen, der Honig versank sang- und klanglos in den Tiefen. Das sah schon mal ganz gut aus. Ein bisschen Wodka hinein, und dann ein paar Spritzer Zitrone. Plötzlich begannen die Zutaten miteinander chemisch zu reagieren. Die Milch verwandelte sich in eine Art dickflüssige, flockige Buttermilch und schmeckte grauenhaft süß-sauer. Nur mit Mühe würgte ich die Milchbröckchen runter und redete mir ein, dass es eine gute Medizin war... Ich wusste schon ganz genau, wie Albert reagieren wird, wenn ich ihm von dieser Erfahrung berichte: Er wird sich totlachen. Dieser Scherzkeks.


Am nächsten Tag wurde ich von einer SMS geweckt. Albert hatte es sich nicht nehmen lassen, mich daran erinnern, dass ich kalt duschen gehen sollte. Mein Kopf war zu schwer als dass sich daran so etwas wie ein einiger Willen gegen diese Anweisung wehren können. Ehe mein Kopf also bemerkte, was ich tat, stand mein Körper schon in der Dusche und das eiskalte Wasser prasselte auf mich hinab. Mit einem Schrei waren Körper und Geist plötzlich wieder vereint und ich sprang aus der Dusche.
Aber Albert hatte Recht gehabt; ich fühlte mich danach erstaunlich erfrischt und munter.

Doch ich wollte dennoch nicht ganz auf echte Medizin verzichten; vor allem brauchte ich etwas gegen die Kopfschmerzen, da ich meine mitgebrachten Tabletten nirgendwo finden konnte. Vielleicht lagen sie noch in irgendeiner Umzugskiste bei meinen Eltern. Es ist keine gute Idee, gleichzeitig den Reisekoffer zu packen und Umzugskartons zu sortieren. Ich hatte keine Ahnung, wie viel Medizin in Russland kostete und überlegt, ob ich vorher zum Geldautomaten gehen sollte. Ich bat die Verkäuferin in der Apotheke um Paracetamol und hielt schon den 500-Rubel-Schein (etwa 12 Euro) in der Hand, aber sie fragte mich, ob ich nicht mit Münzen zahlen könne. Die Packung kostete 4 Rubel, das waren gerade mal 10 Cent. Murik erklärt mir am Abend, dass diese Medizin so billig war, weil sie staatlich hergestellt wurde.

Zitronenpulver mit Vitamin C fand ich jedoch nirgends. Wahrscheinlich schaute ich nicht an den richtigen Stellen, denn Honig hatte ich auch keinen gefunden, als ich vor einiger Zeit schon mal im Supermarkt danach suchte. Ersatzhalber kaufte ich mir viel Obst mit echten Vitaminen. Das Supermarktsortiment war oft noch sehr sowjetisch - was da ist, ist da; was nicht da ist, kommt auch nicht allzu bald wieder rein. Kiwis gab es zum Beispiel nur in einem Supermarkt von meinen drei Stammsupermärkten in der Nähe der Universität. Dafür sind Granatäpfel sehr beliebt beziehungsweise unbeliebt. In allen Supermärkten stapeln sie sich bis sie braun und weich werden, aber niemand kauft sie. Lieber wird Granatapfelsaft oder -sirup getrunken.

Nun hatte ich Wowa schon vor einer Weile versprochen, dass ich mich auch einmal an seiner alten Schule, dem Lyzeum Nummer 22, als Trophäe aus Deutschland vorführen lassen würde. An einem Donnerstag Anfang April war es dann soweit. Wir trafen uns zu einer mir mittlerweile unmenschlich früh erscheinenden Uhrzeit - 9 Uhr morgens und nahmen den Bus zu seiner alten Schule. Es war Schule in typischer Sowjetbauweise, in Nachbarschaft mit anderen Schulen, aber sie hatte eine Statue von Puschkin vor ihrem Eingang stehen und grenzte sich als Eliteschule ab. Es war eine der weniger Schulen, die Deutsch als erste Fremdsprache unterrichteten.
In dieser Gegend war Wowa aufgewachsen. Alle Neubaublöcke waren auf eine bestimmte Weise angeordnet, sodass sich zwischen ihnen Innenhöfe auftaten. Früher spielten die Kinder der aneinander grenzenden Neubaublöcke auf den Innenhöfen gegeneinander Fußball, erzählte Wowa. Auf jeden Fall sei man seinerzeit öfters draußen gewesen als heutzutage.
Eins muss man den Russen lassen, Spielplätze gab es an jeder Ecke.

Wowa hatte mich vom Wohnheim abgeholt um sicher zu gehen, dass ich auf dem Weg nicht verloren ging und bestand darauf, mir das Busticket zu bezahlen, wenn er mich schon zu seiner alten Schule schleifte. In der Eingangshalle stand in bunten Buchstaben "Herzlich willkommen" auf Deutsch und an einer Tischtennisplatte spielten einige Jungs gegeneinander. Die Zimmer waren gemütlich und mit vielen Postern, Pflanzen und Krimskrams in Schränken ausgestattet. Wowas ehemalige Klassenlehrerin empfing uns herzlich. Sie war klein und munter, und freute sich sehr darüber Wowa wiederzusehen. Ich kann mir keine Lehrer vorstellen, die ich mit einer solchen Freude begrüßen würde. Himmel, ich kann mich ja kaum an die Namen von denen erinnern. Aber hier in Russland bleibt eine Klassenlehrerin für gewöhnlich die ganze Schulzeit über die Klassenlehrerin für eine Gruppe von Schülern. Wowa meinte, dass seine Lehrerin schon so etwas wie eine Verwandte für ihn war.
Er musste schon wieder los, das Studium rief. So blieb ich mit der Lehrerin allein. Sie bot mir gleich das Du an und setzte Tee auf. Wir hatten noch etwas Zeit zum Plaudern bevor die erste Stunde anfing. Auch diese Schule hatte Verbindungen nach Lüneburg. Langsam hielt ich es für keinen Zufall mehr. Wahrscheinlich wurde diese Stadt systematisch mit russischen Schülern, Studenten und Lehrern gefüllt und in ein paar Jahren von einem russischen Oligarchen ganz aufgekauft werden.
Langsam füllte sich der Raum. Die Schüler waren schüchtern, und Natalija forderte jeden einzelnen auf, sich mit mir bekannt zu machen. Zwei mutige Mädchen setzten sich zu mir auf das Sofa und begannen mir Fragen zu stellen und nach jedem Satz zu kichern. Ich erfuhr, dass es die 9. Klasse war, oder besser eine Gruppe der 9. Klasse, denn es wurde in Gruppen zu 10 bis 15 Schülern unterrichtet. Natalija war fortgegangen um Schüler aus den anderen Gruppen zu suchen. Es war eine Gelegenheit, die sich nicht oft bot - für die meisten war ich wahrscheinlich sogar die erste Deutsche, die sie bisher in ihrem Leben getroffen haben.
Natalija eröffnete schließlich die Stunde, stellt mich kurz vor und ging dann zur Seite um mich vortragen zu lassen. Vorbereitet hatte ich nichts, aber mitgebracht hatte ich wieder das Heftchen von Zwickau, meinen Laptop und einen Haufen anderen Krimskrams. Ich stellte mich vor, ordnete mich geographisch und begann dann von Zwickau zu erzählen; vom Leben in Deutschland und was-weiß-ich alles. Die Schüler saßen im Kreis und sahen mich erwartungsvoll an, einige schliefen aber auch. Ich sah Natalja an und mir wurde klar, dass ich die ganze Stunde Zeit hatte etwas zu finden, was die Schüler interessierte. Als mir schließlich die Ideen ausgingen, begann wir es etwas interaktiver zu gestalten und forderten die Schüler auf, Fragen zu stellen. Sie interessierten sich hauptsächlich für Musik; für das Ausgehen und Einkaufen. Hätte ich eigentlich wissen können.
Am Ende der Stunde hatten wir richtig Spaß und einige bedauerten sogar, dass die Stunde vorbei war. Ich schrieb noch meine E-Mail-Adresse an, viele Schüler verabschiedeten sich persönlich von mir, sagten, dass sie es sehr interessant fanden und hofften, dass ich noch einmal wiederkommen könnte. Das freute mich sehr. So ein Feedback hatte ich für meinen Informatikkurs an meiner Uni eher selten bekommen.
Natalija fragte mich, ob sie noch einen Tee aufsetzen sollte. Wir warteten darauf, etwas von Wowa zu hören, der an die Schule zurück kommen wollte. Während wir Tee tranken und warteten, kam die nächste Schulklasse schon hinein. Diesmal war es die 7. Klasse. Ich wurde wieder vorgestellt, und eigentlich erwartete Natalija gar nicht, dass ich noch eine weitere Stunde blieb, aber sie freute sich sehr, als ich zustimmte zu bleiben.
Mit den jüngeren Schülern war es noch schwieriger, da sie nur wenig Deutsch verstanden. Ich erzählte langsamer und wartete an schwierigen Stellen darauf, dass Natalija übersetzte und das Gesagte mit den Schülern besprach und baute dementsprechend meine Beschreibungen weiter auf. Ich kramte mit Mühe in meinem Hirn nach irgendetwas, das interessant für sie sein konnte, und schließlich fiel mir die Legende vom Moosmännchen wieder ein. Jetzt war ich richtig froh, erst zu Weihnachten das Buch über die Moosmännchen-Legende von meinem Nachbarn gelesen zu haben. Allerdings sparte ich mir die blutigen Details. Von den Schülern erfuhr ich, dass es in Russland eine ähnliche Legende gab, allerdings war es ein böser Geist, erzählte ein Schüler. Ein anderer sagte, das stimme nicht, es sei ein gutes Moosmännchen. Wahrscheinlich gab es mehr als eine Legende. Wenn Leute lange genug nur von Wald umgeben lebten, entfaltete sich die Fantasie.
Nach dieser Stunde sollte eine weitere 7. Klasse kommen, aber ich fühlte mich erstmal völlig erschöpft. Natalija schlug vor, etwas essen zu gehen. Es gab eine Kantine im Erdgeschoss, in der einige arme Schüler in blaue Rüschenschürzten und Pioniermützen den Aufräumdienst übernehmen mussten. Ich kannte (und verabscheute) so etwas wie Tischdienst zwar auch noch, aber die Uniformen waren sicher für den größten Teil der Unlust der Schüler verantwortlich. Die älteren Schüler mussten im normalen Schulalltag keine Schuluniformen tragen, dafür aber die ersten Schulklassen: Die Mädchen in Rock und Bluse, die Jungs schick in schwarz-weiß.
Natalija gab mir das Essen aus und nahm mir das Versprechen ab, dass ich noch einmal wiederkommen würde. Dann ging es zurück ins Klassenzimmer und ich begann wieder vom Moosmännchen zu erzählen...





Zufällig traf ich Aliza auf der Straße. Sie kam gerade aus dem Studentenwohnheim zurück. Dort hatte sie die auf Englisch übersetzten Spielregeln zu dem Waldwettbewerb abgeliefert, die wir letztens im Englisch-Club abgesprochen hatten, aber dabei zu keinem Ergebnis gekommen waren. Sie meinte, Gergö hätte eine Kopie der Spielregeln, und wie es der Zufall so wollte, traf ich ihn gleich im Gang. Wir machten es uns bei mir auf einem der vielen Betten bequem und begannen zu lesen. Die Übersetzung ergab stellenweise so wenig Sinn, dass wir das Schlimmste befürchten mussten. Das fing schon an mit den Dingen, die wir mitbringen sollten: Streichhölzer in einer hermetisch versiegelten Packung, eine gezwirbelte Schnur, Schienen und ein Desinfektionsmittel. Was hatten die mit uns vor? Fragen sollte es zu Themen geben wie: "Azimut" und "Das Bestimmen der vier Ecken der Erde". Zumindest letzteres konnte man etwas gutem Willen als "Himmelsrichtungen" verstehen. Punkteabzug gab es beispielsweise für: "Das Betreten der Bühne", "Das Herunterfallen vom Seil", "Fehler beim Geben der Ersten Hilfe"... Beim Lesen wurde mir immer mulmiger zumute und ich überlegte, wie ich mich da noch aus der Affäre ziehen konnte. Die Zeit für diesen Wettbewerb konnte ich auch sinnvoller und schmerzfreier mit Lernen verbringen. Der Wettbewerb fand am Samstag statt, am Sonntag fuhr ich schon nach Sank Petersburg, und wenn ich von dort wiederkam, hatte ich nur noch ein Wochenende Zeit zur Vorbereitung einer großen Cisco-Prüfung. Und ein Tag dieses Wochenendes wurde schon von der Antennen-Vorlesung eingenommen. Viel Zeit würde also nicht bleiben und ich musste mir zumindest das Vorlesungsmaterial mit auf meine große Reise nehmen und dann auf der über 30 Stunden langen Zugfahrt lernen. Als ich meine Bedanken Gergö erzählte, sagte er grinsend, dass es zu spät dafür sei, die Sache hinzuwerfen. Für morgen früh hatten wir alle einen Arzttermin um festzustellen, ob wir körperlich überhaupt in der Lage waren, teilzunehmen. Darauf setzte ich nun meine Hoffnungen. Ich hatte wirklich ein ganzes Stück abgenommen und wog schon zum Blutspenden zu wenig.
Gergö hingegen war beim Lesen immer begeisterter geworden. Er war so guter Laune, dass er meinte, er wolle den Birkenwodka ausprobieren, den ich ihm vor ein paar Tagen schon mal versprochen hatte. "Ich habe eine neue Sorte Wodka entdeckt" reicht als Grund zum Trinken in Russland völlig aus. Murik stieß zum Beispiel seit ein paar Tagen auf den Frühling an. Als ich ihn fragte, was es denn schon wieder zu feiern gab, meinte er fröhlich: "Es ist Frühling!" - "Darauf habt ihr doch schon gestern angestoßen" - "Es ist immer noch Frühling!"

Am nächsten Morgen trafen wir uns wie verabredet um ins Universitätskrankenhaus zu gehen. Es war eine Poliklinik mit vielen verschiedenen Ärzten, überraschend modern eingerichtet, wenn auch der Putz von den Wänden bröckelte.
Egor, einer meiner Kommilitonen, sollte als Übersetzer am Wettbewerb teilnehmen. Er war sehr ehrgeizig sein Englisch zu verbessern und lernte jeden Tag neue Vokabeln, obwohl er schon ziemlich gut Englisch sprach, und ihn hier sowieso niemand versteht, wenn er ungewöhnliche englische Wörter lernt. Ich glaube, das Bedürfnis kommt daher, dass er Russisch als Muttersprache hat, und im Russischen gibt es nun mal für ein und dieselbe Sache mindestens drei Worte. Außerdem war der Wettbewerb eine willkommene Alternative zu einer seitenlangen Übersetzungsarbeit, die er sonst für sein Studium hätte anfertigen müssen.
Viel untersuchte die Ärztin bei mir nicht; sie drückte mal hier in die Därme, hörte den Herzschlag, steckten mir das Fieberthermometer unter die Achsel und schaute nicht einmal auf das Resultat der Messung. Ich hatte knapp 35 Grad Körpertemperatur, was mir doch etwas unwahrscheinlich vorkam.
Die russischen Teams waren gründlicher untersucht worden, beispielsweise mit Bluttest, erzählte Pascha später. Ihn hatten sie dabei aussortiert.

An diesem Freitag überlegte zum ersten Mal, das Cisco-Praktikum einfach sausen zu lassen, weil ich sowieso jede Woche hinging, obwohl ich nur alle zwei Wochen offiziell dort hingehen musste. Im Internet traf Igor aus meiner Gruppe; er war auch gerade dabei, sich dazu aufzuraffen, zum Praktikum zu gehen. Oder es bleiben zu lassen. Sollten wir eine Münze werfen? Wir rafften uns schließlich doch dazu auf, und nur vier Minuten zu spät trafen uns zufällig vor Gebäude 5. Es waren keine Plätze mehr frei, also setzten wir uns zu Pavel, den ich zu dieser einen Cisco-Vorlesung kennengelernt hatte, zu denen sonst niemand gekommen war; neben ihm saß Dima, der mir beim Praktikum vor zwei Wochen alles so gut erklärt hatte. So arbeiteten zu viert zusammen, wobei arbeiten vielleicht nicht das richtige Wort war... erst schwatzten Dima und ich, dann machte sich Dima mit den anderen bekannt - er war je kein Student, sondern besuchte auf Firmenkosten den Cisco-Kurs... dann kamen sie ins Diskutieren und am Ende lud Dima uns alle zu sich nach Hause zum Tee ein; zuerst war ich ein wenig skeptisch, weil ich nicht wusste, dass die anderen auch mitkommen sollten - zu einem kaum-Bekannten nach 21 Uhr mit nach Hause zu gehen, war in Deutschland eine eindeutige Einladung, in Russland aber ganz normal. Tee hieß auch nicht nur Tee, deswegen gingen wir noch schnell im Supermarkt vorbei, wo er Kekse und Pelmeni kaufte. Zu Hause kochte er für uns und wir hatten ein gutes Abendessen; Dimas Perserkatze saß mit am Tisch, wir tranken den Tee, den er als Sud machte und Wasser darauf kippte, von dem er selbst meinte, dass es nicht von der besten Qualität zu sein schien. Dinge schwammen darin. Aber rein damit, ich hatte die Kohletabletten ja nicht umsonst aus Deutschland mitgenommen. Ich schlug vor, die Keime mit Wodka abzutöten, aber zu trinken begannen wir nicht. Stattdessen schnappte sich Igor die Gitarre und begann darauf zu spielen. Dann übernahm Pavel, der sich erst etwas genierte, aber sich als unglaubliches Talent entpuppte. Er spielte eine eingängige Melodie und sang auf Russisch dazu. Igor stimmte in den Refrain mit ein. Ich war begeistert - hatte ich es doch für ein Märchen gehalten, dass Russen zusammenkommen und anfangen zu singen. Doch es ist tatsächlich so. Fast jeder Russe scheint Gitarre spielen zu können. Ich dachte an den alten russischen Film "Ironie des Schicksals", in dem auch immer wieder zur Gitarre gegriffen wurde. Schön, dass sich die alten Gebräuche offenbar erhalten haben. Zu schnell wurde es 23 Uhr und ich musste nach Hause; gerade war ein weiterer Freund gekommen, der anbot, mich nach Hause zu fahren, und dann begleiteten mich alle Jungs im Auto zum Wohnheim, und stiegen sogar noch aus, mich bis zur Tür zu bringen, die fünf Meter entfernt war.
So hatte es sich wirklich gelohnt, zum Praktikum zu gehen. Vielleicht würde sich auch der Wettbewerb im Wald lohnen.





Für den Waldwettbewerb hatten wir am Samstag vorlesungsfrei bekommen. Davon hätte Professor Puschin, der die Vorlesung hielt, beinahe selbst nichts erfahren, wenn ich nicht mit ihm in der Woche zuvor darüber gesprochen hätte. Aliza hatte uns versprochen, dass sie etwas arrangieren würde, sodass wir nicht zur Vorlesung gehen mussten. Für einen Moment dachte ich, das Arrangement darin bestünde darin, dass einfach niemand zur Vorlesung ginge und Professor Puschin daraufhin auch nach Hause gehen würde. Doch es schien, als hätte Aliza etwas organisiert - nur war wieder einmal Albert der Flaschenhals gewesen, in dem die Information stecken geblieben war. Als Professor Puschin ihn auf dem Handy anrief, bestätigte er, dass es so eine Abmachung gegeben hat.
Ich weiß nicht, ob es in Russland überall so ist, dass bis zur letzten Minute niemand informiert wird, oder ob es nur in meinem Umfeld vermehrt auftritt. Aber auf jeden Fall war es eine glückliche Fügung, dass ich mich mit Albert so gut verstand, denn dadurch war ich nun immer eine der ersten, die alle wichtigen Information von ihm erhielt, und konnte nun sogar schon die anderen Studenten über neue Entwicklungen informieren, bevor sie die entsprechende E-Mail von ihm erhielten.

Die Teams sollten zeitlich versetzt an den Start gehen; unser Team kam als letztes um 13:15 an die Reihe. Optimistisch wie sie im Auslandsamt immer noch waren, hatten sie den Ägyptern gesagt, dass wir uns um 12:40 Uhr treffen würden. Gergö, Egor, eine Freundin von Aliza und ich warteten missmutig. Zwei der Ägypter waren schon aufgetaucht. Der Rest machte sich noch schick, gelte sich die Haare oder schlief noch. Einer der Jungs war ganz verschwunden und seit gestern Abend noch nicht wieder aufgetaucht.

Wir hatten uns gut vorbereitet; wir hatten dürres, trockenes Holz für das Lagerfeuer, einen Erste-Hilfe-Kasten, Arbeitshandschuhe,... die Aufgaben konnten für uns kommen. Ich hatte gestern Abend im Internet recherchiert, wie man mit einer Analoguhr die Himmelsrichtung bestimmen konnte, da ich relativ sicher war, dass es eine der Aufgaben sein würde. Weiterhin hatte ich mich heute Morgen beim Duschen mit viel Duschgel und danach mit Zeckenschutz eingerieben, denn ich hatte irgendwann einmal gelesen, dass diese Biester von dem Geruch von Schweiß angezogen werden.
Aber die Sorge um Zecken war umsonst gewesen, stellte ich fest, als wir 13:25 mit einem Ägypter zu wenig im Wald ankamen, denn es war noch zu kalt für Zecken. Im Wald lag noch der Schnee auf den Wegen und wurde nur an den Straßenrändern langsam zu einer instabilen Masse, in der man immer wieder an unerwarteten Stellen einbrach, zum Beispiel wenn man einen Hang hinaufstieg und es der einzige Halt war. Schon nach 10 Minuten sahen wir aus wie Säue.

Ich trug auch nicht unbedingt die geeignetste Kleidung für diese Tour: Jeans, Stiefel, Pullover und eine Winterjacke, die ich bei sämtlichen Seilaktivitäten ausziehen musste, da sie mir sonst im Weg war. Von den Organisatoren wurde ich deshalb zunächst für die Übersetzerin gehalten. Dabei gab es eine Frauenquote im Wettbewerb: Normalerweise mussten es drei Frauen pro Team in den Mannschaften der anderen Fakultäten sein.
Ich glaube, ich war die einzige weibliche Austauschstudentin, der man es zumuten konnte an dem Wettbewerb teilzunehmen, denn die Ägypterinnen waren alle etwas molliger und trugen die traditionelle Kleidung mit Kopftuch. Das wäre definitiv nichts geworden, wenn ich mir revuepassieren lasse, was im Wettbewerb auf uns zukam. Wir mussten Hindernisse und Aufgaben anhand einer Karte im Wald finden; es war weniger eine Schnitzeljagd als eher ein Staffellauf im Gelände. Wir mussten uns beeilen, da wir schon zu spät an den Start gegangen waren und es Punkteabzug dafür gab. Die erste Aufgabe war das Klettern an zwei in Schmetterlingsform gespannten Seilen. Es war eine Frage von Konzentration und Balance, nicht von Muskelkraft, obwohl ich schon danach den Muskelkater ankommen spürte, weil ich die Beinmuskeln stark anspannen musste um das Vibrieren des Seils auszugleichen. Aber ich schaffte es während mich die anderen anfeuerten. Die meisten schafften es, nur ein moppeliger Ägypter fiel vom Seit runter und brachte uns Punkteabzug.
Ich fand diese Aufgabe gar nicht so schlimm wie befürchtet. Weiter zur nächsten....
Es folgte eine Seilaktivität nach der anderen: Sich einen Berg kopfüber hinuntergleiten lassen... Gergö war zu groß und blieb in einem Tannenbäumchen hängen. Mir zog es dabei fast die Hose aus; ich hatte doch einigermaßen abgenommen. Dann war noch das Balancieren auf Seil über einem Fluss während man sich an zweitem Seil festgehalten hat, gut gesichert. Wir waren ziemlich gut und bekamen nur Punkteabzug für einen Linienübertritt - wir hatten ein Stück orangefarbenes Holz nicht gesehen, auf das uns niemand hingewiesen hatte, und offenbar war es eine Art Sicherheitsmarkierung gewesen.
Spätestens nach dem Abseilen von einer Klippe am See konnte man seine Hose nur noch wegwerfen oder sich mit ihr zusammen in der Waschmaschine einweichen lassen. Es herrschte strahlender Sonnenschein, weshalb die letzten Schneereste an dieser Klippe schmolzen, sich mit der rotbraunen Erde vermischten und am unteren Ende ein Moor bildeten. Einen offiziellen Weg zurück nach oben gab es nicht; wir mussten ein Stück neben der Klippe einen weniger steilen Abhang ohne Seil nach oben klettern. Meine Handschuhe waren völlig durchgeweicht und der Schlamm tropfte von ihnen herunter. Doch zum Glück waren wir schon fast am Ende.
Als letzte Aufgabe sollten wir einen imaginären offenen Bruch behandeln. Wäre es ein echter Fall gewesen, wäre uns der Junge wahrscheinlich umgekippt und verblutet; Gergö war der einzige mit einer ungefähren Vorstellung, was zu tun war.









Am Ende standen wir aber ganz gut mit den Punkten da, trotz Zeitpunkteabzug. Gergö war wegen der ständigen Unpünktlichkeit der Ägypter schon richtig sauer und schwor nie wieder was mit ihnen zusammen zu machen. Ich schlug vor, den langsamsten im Wald zu verlieren, aber sie passten zu gut aufeinander auf, auch wenn das hieß, Zeitpunkte zu verlieren, weil einer unbedingt etwas Wichtiges zu erledigen hatte wie Fotos zu machen oder zu telefonieren. Sie waren schon seltsame Leute; auch von anderen hörte ich immer wieder, wie schwer es war, mit ihnen auszukommen. Sie verbrachten mehr Zeit damit sich die Haare zu stylen als die meisten Frauen im Bad verbringen; sie hingen sich immer in den Armen, nannten sich gegenseitig "Habiba", von dem ich mir ziemlich sicher bin, dass es "Schatz" heißt, und vor allem sangen gern grundlos bei allem, was sie taten... plötzlich wusste ich es: Sie waren die ägyptischen Village People.

Bei unserer Rückkehr ins Wohnheim wies mich Aliza darauf hin, dass sie eine Art Antrag von mir brauchte, wenn ich vorhatte, Izhevsk für mehr als drei Tage zu verlassen. Ich hatte am Vortrag Marina meine genauen Reisedaten nach Sankt Petersburg hin und zurück durchgegeben und gedacht, dass ich damit schon mehr getan hatte als der verreisende Durchschnittsstudent. Aber weit gefehlt... Aliza setzte schnell Dokument für meine Reise auf - zum offiziellen Abmelden beim Leiter des Auslandsamts, und dann zur Abmeldung aus Izhevsk. Auch die Registrierung bei den Behörden sei nach meiner Rückkehr wieder nötig, informierte sie mich. So würde ich weiterhin noch ewig auf meine Visumsverlängerung und meinen Studentenausweis warten müssen, dabei würde ich den in Sankt Petersburg sicher brauchen können um Ermäßigungen in Museen zu erhalten. Sankt Petersburg... morgen war es schon soweit.

2 Kommentare:

  1. Bordsteine weiß streichen, damit man die im Dreck erkennt?
    Wie wäre es mit nem Comic, auf dem ein Auto in einem Schlagloch verschwindet und in einem anderem herauskommt? ^^
    O.o doch schon beim Duzen. Habt ihr schon Wodka zusammen getrunken?
    Du Streber-Kind, jetzt schon extra Praktikumsvorlesungen machen. Keiner mag Streber :P
    Das klingt als seist du schon PA deines Profs. hast ganz schön geschleimt, du :D
    Auf dich hört ja niemand, nicht mal Ägypter... ;D
    Du trinkst ja ekliges Zeugs. Das wäre bei mir sofort wieder auf selben Wege herausgekommen.
    Da biste ja im Paradies mit Granatäpfel. Isst du die die ganze Zeit?
    Haben die Schüler die gut verstanden, in der Schule?
    Zum Blutspenden wogst du doch schon immer zu wenig, aber die Anleitung klingt toll :) Und letztendlich hattes es dir ja Spaß gemacht, also öfters mal Ja zu sinnlosen Dingen sagen.
    Solche Wodka-Trink-Gründe wie "es ist Frühling" muss ich hier auch mal etablieren :D
    lol, das auf dem Thermometer waren die 35° bestimmt eingezeichnet und die Ärztin wusst den Ausgang des Messens schon ;) Damit alle ausländischen Studenten auch teilnehmen können...
    Hab ich net gesagt dass man in RU Abend zusammensitzt und jemand spielt Gitarre und alle Singen. Glaub mir doch auch mal was :)
    Hat aber schon einen Monat gedauert, eh du als erste informiert wurdest, anfangs warst du ja immer die einzige, die da war, auch wenn nix war.
    ^
    Uhh, Schlammschlacht im Wald ^^ Die Ägypter sind wirklich net so prikelnd und zuverlässig. Na so ein moppeliger Ägypter, fällt der einfach vom Seil... :D
    Was haste mit der Matschhose gemacht, weggeschmissen? ^^
    Russland ist ja komisch, mit den Reisebestimmungen - ein Hoch auf Freiheit...

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  2. Das sieht überraschend gut aus, wenn alles weiß angestrichen ist. So bissl wie Disneyland.
    Den Comic hab ich glaub ich schon mal irgendwo gesehen ^^
    Nee, aber das liegt nur daran, dass er grad krank ist, denn geplant hatten wir es schon.
    Ich dachte, ich können die Extra-Übung gebrauchen, weil wir ja nie mit PacketTracer und echter Cisco-Hardware gearbeitet haben. Und es ist ein Grund das Haus zu verlassen; ich hab ja sonst nicht viele Vorlesungen.
    PA? Wenn schon, dann wird er mein Assistent ;)
    Besonders nicht die Ägypter........
    Ich hatte auch Mühe, es drin zu behalten. Aber es half ^^
    Nein, gar nicht, die sind alle schon so matschig.
    Zumindest die älteren Schüler, ja.
    Habe ich eine Anleitung gegeben? Und zu was habe ich Ja gesagt? *den Faden verloren hab*
    Ja, mach mal))
    Ich vermute mal, dass es nur eine Formalität war uns zu untersuchen.
    OK, ab jetzt glaub ich dir alles.
    Genau, mir ist es recht gut gelungen, meinen Prof zu erziehen))
    Das hätte dir auch Spaß gemacht... Aber einige der Ägypter sind ganz nett. Nur nicht so zuverlässig.
    Ob du's glaubst oder nicht, ich habe sie gewaschen, nachdem ich vorher den Dreck runtergekratzt hab.
    Pssss.... nicht so laut...

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