28.10.
Das amerikanische Halloween-Fest hatte mit unseren Amerikanern inzwischen auch in Izhevsk Einzug gefunden, ich war zur Party eingeladen. Kostüme waren erwünscht, und wenn ein Amerikaner "gewünscht" sagt, meint er "zwingend". Wahrscheinlich sind die Deutschen das einzige Volk, das auf Höflichkeit pfeift und sagt, was es denkt. Ob das nun besser ist? Es meint der Deutsche eher ja, der Rest der Welt eher nein.
In den Kaufhäusern hatte ich keinerlei Kostüme finden können, nicht einmal in dem mehrstöckigen Spielzeuggeschäft "Detskij Mir". Die russische Provinz war der letzte Zufluchtsort vor der Globalisierung: Kein Ikea, kein McDonalds, kein Burger King, und eben auch keine Halloweenkostüme.
Nun aber, welches schaurige Kostüm konnte man also mit wenig Aufwand selbst herstellen? Die Medusa aus den griechischen Mythen erschien mir passend für mich: Statt Haaren hatte sie Schlangen auf dem Kopf, und wenn sie jemand direkt ansah, erstarrte er zu Stein. Doch, das kam schon vor.
Zunächst wollte ich Origami-Schlangen basteln, aber die sahen nicht schaurig genug aus und wären wohl eh im Laufe der Party zerfallen, also fragte ich Farin, wo ich Stoffe kaufen konnte - sicher konnte man in dieser Stadt, die offensichtlich sehr mode-resistent war, Stoff mit Schlangenmuster bekommen, aus dem sich die jungen Frauen ihre Miniröcke schneiderten.
Farin empfahl mit den Laden "Alpina" direkt im Zentrum, und dort gab es tatsächlich alles, was man sich an Stoffen wünschen konnte - und auch wirklich den Schlangenstoff. Es war gerade noch ein 60cm-Rest für 100 Rubel (2,50 Euro) übrig. Als wirkliche Schwierigkeit stellte es sich heraus, Silberfolie zum Füllen der Schlangen zu bekommen. In normalen Supermärkten konnte ich es gleich vergessen, etwas so Exotisches zu bekommen und fuhr deshalb in den Hypermarkt Karusel, aber dort hatten sie es auch nicht im Sortiment. Wo konnte man in Russland Alufolie herbekommen? Ich fragte per SMS umher, aber niemand wusste so recht, was ich meinte. Exotische Westprodukte.
Nach drei Stunden Russisch fuhr ich völlig fertig zu Sina und ging dort eben in den kleinen Supermarkt bei ihr um die Ecke um Kekse zu kaufen - und dort hatten sie Alufolie im Sortiment. Mir wäre beinahe die Kinnlade auf den Fußboden geklappt. Als ich dann stolz die Packung vorbeibrachte, entdeckte Sina, dass sie sogar selbst welche besaß.
Stasya saß schon bei Sina am Tisch. Sie war geschickt im Nähen und als ich ihr von meinen Kostümplänen erzählte, zeigte sie mir, wie man aus dem Stoff, den ich dabei hatte, eine Schlange nähen konnte: Sie schnitt ein längliches Stück ab, das breit genug war, um die zu einer Schlangenform gebogenen Silberfolie aufzunehmen, dann drehte den Stoff auf die Rückseite und nähte ihn falsch herum zusammen. Dann nahm sie einen von Sinas Schlagzeugstöcken und steckte ihn in die nun entstandene Hülse hinein - stopft, zerrte, schob, und voilà: Der Stoff hatte sich auf die richtige Seite gedreht und es war keine Spur von der Naht zu sehen.
Sinas Wohnung war wieder mal voll; auch Vanya war da. Er saß mit Andrey im Computerzimmer und bearbeitete mit ihm zusammen die Lieder ihres geplanten Albums nach (was vor allem hieß, Lenas teils sehr schiefen Gesang weniger herausstechend zu machen, zu verzerren und in anderen Geräuschen zu verstecken) während wir Mädels und Mischa in der Küche saßen - er mit einem lustigen Buch, zumindest las er immer daraus vor und Stasya lachte, so musste es entweder lustig sein, oder Mischa war ein Komiker. Sina ging wieder malen. Plötzlich wurde es 22 Uhr und alles geriet in Bewegung: Vanya musste nach Hause, weil Lena auf ihn warte, und auch wir brachen auf. Ich zeigte noch schnell meinen Webseitenentwurf für ihre Band Electric Snow herum und fragte, was daran verbessert werden konnte und Sina versprach eine Liste zu machen. Ich kopierte ihr die Seite auf den Computer. Das war das letzte Mal, dass wir darüber sprachen... mag es an meinen Webdesignerfähigkeiten liegen, oder an Sinas Prokrastinationsfährigkeit.
Wir standen an der Haltestelle im Regen unter Mischas Schirm, den er Pilzchen nannte - Vanya, Stasya, Mischa und ich. Sie hatten mich zum Bus begleitet, mussten selbst aber in eine andere Richtung. Ich hatte sie alle sehr gern, dabei konnte ich mich mit zwei von den dreien nicht einmal wirklich unterhalten. Wir umarmten uns wie immer. So viel Wärme in einer Gruppe hatte ich vorher nie erlebt. Das ist es wohl, was man über Russen sagt: Das Land ist so kalt unermesslich groß, dass sie es mit menschlicher Wärme und Nähe ausfüllen müssen.
29.10.
Gegen 11 Uhr, als ich langsam wach wurde, kam eine SMS von Albert, dass ich jetzt zur Besprechung kommen könne; er gab mir eine seltsame Zimmernummer durch. Wahrscheinlich war es der Ort, an dem er sich versteckte, wenn er eigentlich Vorlesungen halte sollte oder von jemandem gesucht wurde; deswegen halte ich die Nummer an dieser Stelle geheim - nein, in Wahrheit habe ich sie vergessen.
Ich zog mir schnell etwas drüber und machte mich auf den Weg.
Albert meinte, ich könnte für die nächste Studentenkonferenz einen Beitrag vorbereiten: Nur die Idee erstmal, 3-4 Seiten mit Bildern. Dann gingen wir meine Ansätze durch, aber viel Zeit blieb nicht, dann musste ich schon langsam zum Russischkurs. Ich wollte ein wenig eher losfahren um noch einmal in den Alpina-Laden zu gehen um Perlen zu kaufen, die als Schlangenaugen für mein Kostüm dienen sollten, aber die Straßenbahn war aber so langsam, dass ich erst gar nicht bemerkte, dass sie im Stau steckte, so dass ich sogar ohne Perlenkauf fünf Minuten zu spät zu Unterricht kam.
Heute wurden wir einzeln zum Diktat an die Tafel geholt. Russische Rechtschreibung sollte eigentlich einfacher als die deutsche sein, aber oft hörte man einfach nicht den Unterschied zwischen einem unbetonten O und einem A, oder einem E, einem I und einem YA. Außerdem neigen die Russen dazu, Endungen zu zernuscheln, sodass man die letzten Buchstaben eines Wortes, die den Fall oder das Geschlecht angeben, nur raten (oder wissen) kann.
Mehr als unsere (eher bescheidene) Rechtschreibung lobte unsere Lehrerin Irina die kleinen Laschen am O, wenn jemand an der Tafel versuchte, russische Handschrift zu imitieren - die Schnörkel seien echt russisch und sollten immer mitgeschrieben werden.
Es folgten Personenbeschreibungen bis zum Erbrechen; wir mussten die Bezeichnungen für Kleidungsstücke auf Russisch lernen, bei denen ich oft schon auf Deutsch überfragt wäre - für mich ist eine Mütze eine Mütze, egal, ob sie von Mann oder Frau getragen wird. Genau so wenig interessierte mich, wie man die einzelnen Bestandteile eines Rings oder einer Kette nannte. Wir aber sollten diese Wörter bis zur nächsten Stunde lernen, das könnte in der Prüfung drankommen. Moment - Prüfung? Davon war aber vorher nie die Rede gewesen...
Nach der Vorlesung rief ich Farin an, ob er zu Hause sei und ich vorbeikommen könnte. Klar, Farin hatte immer Zeit. Ich musste nur vorher erstmal die Perlen kaufen. Ich verstand das System im Laden "Alpina" noch nicht ganz; dort gab es zwei bis drei Warteschlangen an verschiedenen Stellen des Tresens, und bedient wurde, wer die Aufmerksamkeit eines Verkäufers gewann. Ich wartete einfach so lange an der gleiche Stelle, bis mich ein Verkäufer als Kunde wahrnahm. Ich wusste nicht, was Perlen auf Russisch hieß, aber ich hatte es im Wörterbuch nachgeschlagen und sofort wieder vergessen. Ich fragte dann einfach: "Moschno tyda?" - "Kann man dorthin?" und deutete nach links, wo sich die Vitrine mit den Perlen befand. Der Russischkurs zahlte sich nicht in dem Sinne aus, dass ich nun plötzlich russisch könnte, aber ich wurde sicherer im Sprechen, selbst wenn ich nicht wusste, was ich sagte. Das betrachte ich als Fortschritt, denn man muss positiv bleiben. Ich bekam meine roten Perlen für ein paar Cent und überlegte, das Perlenfedeln als Hobby aufzunehmen, nur weil hier das Material zu billig war. Es wäre schön, Freundschaftsarmbänder wie das von dem Mädchen aus Nischnij Nowgorod selbst herstellen zu können. Vielleicht, wenn ich mehr Zeit sinnlos zu vertreiben hätte.
Als ich im Bus zu Farin fuhr, begann Regen zu fallen, der während der Fahrt in Schnee überging. Es wurde ein Winter, obwohl mir versichert wurde, dass Schneeregen in Russland noch zum Herbst gehörte, und dass man erst ab dem ersten halben Meter Schnee die Wintertage zählte.
Mitten auf der Fahrt versagte das Band mit der Haltestellen-Ansage; der Fahrer übernahm und sagte die Haltestellen selbst an; nein, richtiger wäre zu sagen, er rotzte ins Mikrophon. Ich verstand kein Wort und konnte keinen der Straßennamen darin erhören. Ich wollte keinesfalls zu weit fahren und dann irgendwo im Tatarischen Basar gestrandet sein, wo der Bus sicher nicht den gleichen Weg zurückfuhr wie er gekommen war. Also frage ich die Schaffnerin, die erst gar nicht, wusste was ich von ihr wollte. "Ulitsa Mira? Das hörst du doch in den Ansagen." Ich gab ihr zu verstehen, dass ich es eben nicht verstand, da schickte sie mich an der nächsten Haltestelle hinaus; und zumindest von den Silben her stimmte die Ansage mit meinem Ziel überein.
Grau in grau langen die Straßen im Nebel und strömenden Regen, voller tiefer Pfützen, in denen sich gedämpfte Lichtkegel spiegelten. Eine Gestalt kam mir aus der Dunkelheit entgegen - Farin. Wir schlängelten uns durch den Matsch zu seinem Haus. Er hatte das schlimmste Schlammloch notdürftig mit einem Brett überbrückt und zeigte mir nun stolz das Loch für die Kläranlage vor seinem Haus. Der ganze Vorgarten würde bald wegschwimmen, wenn es nicht vorher zufror, dachte ich mir.
Drinnen war es angenehm und gemütlich; Farins Mutter schob gerade Holz in den Ofen, erstmal aßen wir Abendbrot - ich hatte das Mittagessen ganz vergessen, zum ersten Mal seit ich mein geregeltes Leben begonnen hatte. Es gab das gleiche, was es immer bei Saifudinows gab: Krauttopf mit Rindfleisch.
Und es stellte sich heraus, dass Farin nähen konnte, und so nähte er mir gleich vier Schlangen für mein Kostüm, während ich in der Zeit gerade mal eine schaffte. Ich überließ die Näharbeit dem Meister und übernahm den Teil, sie mit Augen und Zungen zu versehen. Es wurde kalt; Farins Mutter brachte immer neues Feuerholz - es war eine verkehrte Welt: Die Frau feuerte den Ofen an und der Mann nähte. Farin erzählte, er käme aus einer Familie von Nähern; sie hätten sogar einige Fabriken hier in Izhevsk und einer Nachbarstadt besessen vor dem Kommunismus.
Farins Freund und Nachbar Rawil kam vorbei mit einem seltsamen chinesischen Plastik-Spielzeug, das wie eine Kreuzung aus einem blauen Fisch und einer Pistole aussah und Seifenblasen blies während eine schreckliche Piepsstimme ein Lied sang. Es war irgendetwas Englisches, und was genau es war, das wollte Rawil von mir wissen. Ich schrieb ihm die Satzfetzen auf, die ich heraushören konnte und meine, er könnte danach googeln. Wahrscheinlich war es irgendetwas von Aqua und das Spielzeug war wahrscheinlich von einem Laster auf dem Weg von China in die EU gefallen.
Wenn es nach Farin ginge, würde ich gar nicht nach Hause fahren, aber um 23:30 Uhr war es wirklich Zeit zurück zum Wohnheim fahren, denn ich wollte schon allein deswegen nicht bei Farin übernachten, weil für ihn und seine Mutter der Tag schon vor um 6 Uhr morgens begann, und diese Zeit war für mich einfach nicht existent - wenn ich nicht gerade bis dahin wach blieb. Wahrscheinlich sollte ich nach England oder noch weiter westlich ziehen um meine biologische Uhr der Zeitzone anzupassen, und sobald ich mich daran gewöhnt hatte, weiter nach Westen zu reisen.
Die Etagenfrau hatte schon geschlafen, öffnete mir aber schlaftrunken die Tür nach dem ersten Klingeln.
Der Hase Bailey's stand schon erwartungsvoll vor meiner Tür als ich den Schlüssel hervorkramte, wartete aber höflich bis ich drin war. Ich musste ihm abgewöhnen, die Wände zu fressen. Zu dem Zweck hatte ich eine große Packung seiner geliebten Instant-Nudeln gekauft und legte Stücke davon an den Stellen für ihn aus, die er so gerne anknabberte, sodass er gar nicht erst auf die Idee kommen würde, Wände schmeckten besser. Das funktionierte sogar... teilweise.
Er nieste ein paar Mal; seine Ohren waren immer so kalt, wenn er draußen im Flur herumrannte; ich fürchtete, dass er sich erkältete. Vielleicht könnte ich ihn nachts beim mir im Zimmer behalten, überlegte ich. Aber wahrscheinlich erst, wenn er etwas älter und ruhiger war; im Moment machte er noch die ganze Nacht Radau, wenn ich ihn bei mir im Zimmer ließ und das Licht löschte.
30.10.
Ich hatte es mal wieder geschafft bis 13:30 Uhr zu schlafen, ging an ins Labor und starrte auf den Monitor. Dann überlegte ich es mir anders und rief erstmal meine Eltern und Omas per Skype an, wenn ich schon mal (anders als im Wohnheim) eine schnelle Internetverbindung hatte. Ich verbrachte noch einige Stunden mit dem Informationssammeln, dann ließ ich den Freitag Freitag sein und fuhr zu Sina. Es war die gleiche Szene wie zuvor: Die Jungs mischten Lieder ab; Stasya hatte Gitarre gespielt als ich ankam, aber begann nun aus einem Roman vorzulesen, der für sie wie Poesie klang, Mischa kam mit Bertold Brecht an. Was genau er studiert hat, weiß ich bis heute nicht, aber im Arbeitsamt lachte man ihn deswegen aus und nur der Studiengang fand eine Einstellung.
Die ganze Runde war wie eine Großfamilie. So schön das auch war, so unvermeidlich wurde es, ihnen Farin vorzustellen, denn sie waren neugierig auf den seltsamen Jungen mit dem Vokuhila, der mir beim Nähen meines Kostüms half. Bei dem Wort "Vokuhila" sahen sie mich alle fragend an ich gab den Begriff in Google ein, und er spuckte sofort die fürchterlichsten Haarmatten aus, und dabei fand ich heraus, dass es sich um ein deutsches Kunstwort handelte für "vorne kurz, hinten lang", und dass sich diese Geschmacksverirrung im Englischen Mullet nannte. Dass Farin nähen konnte, fand Stasya nicht verwunderlich; ja, meinten sie, Tataren können alles. Das waren schon echte Männer, aber mit tiefen Emotionen, und sie schämten sich auch nicht zu weinen.
31.10.
Halloween (das Wort muss man sich mit einer tiefen, hallenden Stimme gesprochen vorstellen und einem spitzen Schrei im Hintergrund).
Eigentlich sollte ich schon um 14 Uhr zum Wohnheim der udmurtischen Universität kommen, aber Michael schrieb, dass sie eine lange Nacht gehabt hatten und erst jetzt Frühstück aßen; mit dem Kochen hatten sie noch gar nicht angefangen... aber ich könnte gegen 15 Uhr kommen und etwas helfen.
Häschen wurde langsam zu groß für den Käfig, es machte erstmal einen Katzenbuckel als ich ihn befreite und zu mir ins Zimmer einlud. Es war niedlich, wie er immer zum Kühlschrank rannte, wenn ich ihn öffnete, und dann in der Tür stehen blieb und versucht hineinzuklettern, wenn ich die Tür eigentlich schließen wollte.
Ich schrieb lange Blog und vertrödelte die Zeit bisschen mit allem Möglichen; packte mein Kostüm und die Kürbisstücken aus dem Gefrierschrank zusammen und machte mich schließlich auf den Weg.
Ich half so gut ich könnte bei den Vorbereitungen: Kürbiskerne rösten, aufwaschen, Zutaten reichen und heiße Kürbisstücken von ihrer Schale zu befreien, denn daraus wurde ein Kuchen und andere seltsame Dinge gebacken. Es war das größte Hobby von Michael und Laura, das sah man ihnen an. Sie ließen sich nie den Spaß verderben, selbst als der Kuchen flüssig blieb.
Am Abend mich meine liebe Eva aus Novosibirsk auf dem Handy an. Endlich verstand ich sie besser, es war ruhig im Wohnheim und sie sprach begeistert deutsch, denn sie kam gerade aus Bayern vom Oktoberfest zurück. Wir versprachen uns noch einmal fest, es zu schaffen, einander noch einmal zu treffen während ich noch in Russland bin. Dann rief auch schon Farin an, der gern hatte kommen wollen und nun fragte, ob 6:30 früh genug sei - ja, Vorbereitungen dauern noch ewig. Wir brauchten noch Silberfolie und Kerzen, und da ich eh die meiste Zeit nur im Weg stand, erklärte ich mich bereit, mich auf die Suche zu machen. So irrte ich eine halbe Stunde lang durch die Stadt, fand es in keinem offenen Laden außer einem Supermarkt, in dem es keine Kerzen gab, und kam zurück gerade als Michael anrief, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte stattdessen russischen Zopfkäse mitgebracht, der mich an Würmer erinnert hatte auch passend für Halloween.
Jasper hatte auch keinen Erfolg in seiner Suche gehabt, aber eine Spezial-Bowle vorbereitet er kippte einfach alles hinein: Eine Flasche billigen Weins, darauf eine Flasche noch billigeren Sekts (der in Russland grundsätzlich "Champagnskoje" genannt wird), eine halbe Flasche Wodka und ein kleines bisschen Saft auf die Früchte. Es hätte mich wenig gewundert, wenn auch Feuerzeugbenzin in das Rezept gehörte die Idee (minus das Feuerzeugbenzin) übernahm ich später für andere Feiern sehr zur Freude meiner Gäste.
Die ersten verrückten ausländischen Studenten des Wohnheims trudelten in Kostümen an: Hexen und Piraten, ein grünes Monster und der Tod ohne Sense. Der trug im Übrigens seine Maske auf dem Hinterkopf, weil er sonst nicht an die Bowle herankam. Irgendwo hatten sie tatsächlich Kostüme aufgetrieben rätselhaft und gruselig.
Wir feierten direkt in der großen Gemeinschaftsküche. Alle Tische waren zusammen geschoben, Süßigkeiten darauf aufgebreitet und die ersten fertigen Kürbisspeisen wurden aufgetischt. Der erste Kürbiskuchen sah aus wie Erbrochenes, ich meinte zu Michael, er könne es als zermatschtes Gehirn anpreisen, was er auch tat.
Farin kam schließlich auch mit Kettensäge und Gasmaske als irrer Massenmörder. Es war ein Wunder, dass ihn die Wachtjorka überhaupt hinein ließ. Ach ja, er trug sein Kostüm noch nicht am Körper, sondern in einem großen Beutel. Ich stellte ihn erstmal der Runde vor, dann gingen wir ins Bad zum Umziehen. Farin holte die Kettensäge aus der Originalverpackung und schraubte sie zusammen. Zur Sicherheit klebte er die Kette mit Klebeband ab, er wollte kein echtes Halloween-Massaker anrichten. Dann kam sein großer Auftritt, er zog die Gasmaske über, zog die Tür auf und imitierte Brummgeräusche während er die Kettensäge über seinen Kopf hob.
Jeder wollte sofort die Gasmaske ausprobieren. Ich freute mich, dass er so gut bei den Leuten ankam das war ein Praxistest bevor ich ihn meiner russischen "Familie" vorstellten wollte. Er unterhielt sich gut mit den Venezuelanern auf Russisch, und auch mit den anderen, zu denen ich ihn herumreichte. Zumindest hier passte er recht rein, aber ich hatte meine Zweifel, ob er bei Sina & Co ankommen würde; er war ein anderer Menschenschlag, praktisch denkend und wenig an tiefgehenden Diskussionen interessiert, und dazu auch noch absolut unmusikalisch, auch wenn ihm das selbst nicht ganz bewusst war.
Michael und Laura saßen nur selten am Tisch, sie wechselten sich mit Kochen ab und begannen die Ratespiele, die aber nur die beiden Finninnen und die beiden anderen Deutschen mitmachten; aber Farin kam nicht so richtig rein, weil ihm die Englischkenntnisse dazu fehlte. Es ging darum, eine Detektivgeschichte zu erraten wie letztens schon am Deutschstammtisch, aber hier und heute machte es Spaß, was vielleicht an den gut gefüllten Gläsern Bowle lag, die ich schon intus hatte.
Eigentlich hatten wir noch um die Häuser ziehen wollten, aber es war Michael zu wahrscheinlich gewesen, dass die Polizei Farin mit seiner Kettensäge aufgreifen würden oder die irritierten Einwohner Izhevsk nichts mit amerikanischen Halloween-Traditionen anzufangen wüssten.
Miguel war auch da und Farin kannte ihn offenbar, aber nicht ungekehrt. Mir fiel ein: Klar, Miguel hatte auch einmal an der IzhGTU studiert, bevor er sich seiner Masterarbeit bzw. dem lieben Leben widmete.
Um 23 Uhr wurden normalerweise alle Fremden rausgekehrt, heute aber nicht; wahrscheinlich weil die Wachtjorka Angst vor diesem Haufen Monstern, Piraten und Hexen hatte. Oder auch, weil sie sich erinnerte, selbst mal jung gewesen zu sein.
Eine der Finninnen gab den Startschuss, denn sie musste morgen früh zur Uni. Die Runde löste sich schnell auf, sogar die lustigen Venezueler, die sich gerade warm gesungen und ihre Kostüme stückweise verloren hatten, zogen sich zurück. Auf dem Tisch lagen noch ein gigantischer Busen aus Plastik, Perücken und Farins Gasmaske.
Farin hatte zwar ein bisschen getrunken, bestand aber den Test, auf einer geraden Linie zu laufen, gerade gut genug und bot an, uns nach Hause zu fahren. Er lud auch Miguel und seine Freundin ein, weil sie beide im gleichen Wohnheim wohnten wie ich. Miguel erinnerte sich langsam wieder an Farin und dann fachsimpelten sie auf Russisch über Telekommunikation.
Das amerikanische Halloween-Fest hatte mit unseren Amerikanern inzwischen auch in Izhevsk Einzug gefunden, ich war zur Party eingeladen. Kostüme waren erwünscht, und wenn ein Amerikaner "gewünscht" sagt, meint er "zwingend". Wahrscheinlich sind die Deutschen das einzige Volk, das auf Höflichkeit pfeift und sagt, was es denkt. Ob das nun besser ist? Es meint der Deutsche eher ja, der Rest der Welt eher nein.
In den Kaufhäusern hatte ich keinerlei Kostüme finden können, nicht einmal in dem mehrstöckigen Spielzeuggeschäft "Detskij Mir". Die russische Provinz war der letzte Zufluchtsort vor der Globalisierung: Kein Ikea, kein McDonalds, kein Burger King, und eben auch keine Halloweenkostüme.
Nun aber, welches schaurige Kostüm konnte man also mit wenig Aufwand selbst herstellen? Die Medusa aus den griechischen Mythen erschien mir passend für mich: Statt Haaren hatte sie Schlangen auf dem Kopf, und wenn sie jemand direkt ansah, erstarrte er zu Stein. Doch, das kam schon vor.
Zunächst wollte ich Origami-Schlangen basteln, aber die sahen nicht schaurig genug aus und wären wohl eh im Laufe der Party zerfallen, also fragte ich Farin, wo ich Stoffe kaufen konnte - sicher konnte man in dieser Stadt, die offensichtlich sehr mode-resistent war, Stoff mit Schlangenmuster bekommen, aus dem sich die jungen Frauen ihre Miniröcke schneiderten.
Farin empfahl mit den Laden "Alpina" direkt im Zentrum, und dort gab es tatsächlich alles, was man sich an Stoffen wünschen konnte - und auch wirklich den Schlangenstoff. Es war gerade noch ein 60cm-Rest für 100 Rubel (2,50 Euro) übrig. Als wirkliche Schwierigkeit stellte es sich heraus, Silberfolie zum Füllen der Schlangen zu bekommen. In normalen Supermärkten konnte ich es gleich vergessen, etwas so Exotisches zu bekommen und fuhr deshalb in den Hypermarkt Karusel, aber dort hatten sie es auch nicht im Sortiment. Wo konnte man in Russland Alufolie herbekommen? Ich fragte per SMS umher, aber niemand wusste so recht, was ich meinte. Exotische Westprodukte.
Nach drei Stunden Russisch fuhr ich völlig fertig zu Sina und ging dort eben in den kleinen Supermarkt bei ihr um die Ecke um Kekse zu kaufen - und dort hatten sie Alufolie im Sortiment. Mir wäre beinahe die Kinnlade auf den Fußboden geklappt. Als ich dann stolz die Packung vorbeibrachte, entdeckte Sina, dass sie sogar selbst welche besaß.
Stasya saß schon bei Sina am Tisch. Sie war geschickt im Nähen und als ich ihr von meinen Kostümplänen erzählte, zeigte sie mir, wie man aus dem Stoff, den ich dabei hatte, eine Schlange nähen konnte: Sie schnitt ein längliches Stück ab, das breit genug war, um die zu einer Schlangenform gebogenen Silberfolie aufzunehmen, dann drehte den Stoff auf die Rückseite und nähte ihn falsch herum zusammen. Dann nahm sie einen von Sinas Schlagzeugstöcken und steckte ihn in die nun entstandene Hülse hinein - stopft, zerrte, schob, und voilà: Der Stoff hatte sich auf die richtige Seite gedreht und es war keine Spur von der Naht zu sehen.
Sinas Wohnung war wieder mal voll; auch Vanya war da. Er saß mit Andrey im Computerzimmer und bearbeitete mit ihm zusammen die Lieder ihres geplanten Albums nach (was vor allem hieß, Lenas teils sehr schiefen Gesang weniger herausstechend zu machen, zu verzerren und in anderen Geräuschen zu verstecken) während wir Mädels und Mischa in der Küche saßen - er mit einem lustigen Buch, zumindest las er immer daraus vor und Stasya lachte, so musste es entweder lustig sein, oder Mischa war ein Komiker. Sina ging wieder malen. Plötzlich wurde es 22 Uhr und alles geriet in Bewegung: Vanya musste nach Hause, weil Lena auf ihn warte, und auch wir brachen auf. Ich zeigte noch schnell meinen Webseitenentwurf für ihre Band Electric Snow herum und fragte, was daran verbessert werden konnte und Sina versprach eine Liste zu machen. Ich kopierte ihr die Seite auf den Computer. Das war das letzte Mal, dass wir darüber sprachen... mag es an meinen Webdesignerfähigkeiten liegen, oder an Sinas Prokrastinationsfährigkeit.
Wir standen an der Haltestelle im Regen unter Mischas Schirm, den er Pilzchen nannte - Vanya, Stasya, Mischa und ich. Sie hatten mich zum Bus begleitet, mussten selbst aber in eine andere Richtung. Ich hatte sie alle sehr gern, dabei konnte ich mich mit zwei von den dreien nicht einmal wirklich unterhalten. Wir umarmten uns wie immer. So viel Wärme in einer Gruppe hatte ich vorher nie erlebt. Das ist es wohl, was man über Russen sagt: Das Land ist so kalt unermesslich groß, dass sie es mit menschlicher Wärme und Nähe ausfüllen müssen.
29.10.
Gegen 11 Uhr, als ich langsam wach wurde, kam eine SMS von Albert, dass ich jetzt zur Besprechung kommen könne; er gab mir eine seltsame Zimmernummer durch. Wahrscheinlich war es der Ort, an dem er sich versteckte, wenn er eigentlich Vorlesungen halte sollte oder von jemandem gesucht wurde; deswegen halte ich die Nummer an dieser Stelle geheim - nein, in Wahrheit habe ich sie vergessen.
Ich zog mir schnell etwas drüber und machte mich auf den Weg.
Albert meinte, ich könnte für die nächste Studentenkonferenz einen Beitrag vorbereiten: Nur die Idee erstmal, 3-4 Seiten mit Bildern. Dann gingen wir meine Ansätze durch, aber viel Zeit blieb nicht, dann musste ich schon langsam zum Russischkurs. Ich wollte ein wenig eher losfahren um noch einmal in den Alpina-Laden zu gehen um Perlen zu kaufen, die als Schlangenaugen für mein Kostüm dienen sollten, aber die Straßenbahn war aber so langsam, dass ich erst gar nicht bemerkte, dass sie im Stau steckte, so dass ich sogar ohne Perlenkauf fünf Minuten zu spät zu Unterricht kam.
Heute wurden wir einzeln zum Diktat an die Tafel geholt. Russische Rechtschreibung sollte eigentlich einfacher als die deutsche sein, aber oft hörte man einfach nicht den Unterschied zwischen einem unbetonten O und einem A, oder einem E, einem I und einem YA. Außerdem neigen die Russen dazu, Endungen zu zernuscheln, sodass man die letzten Buchstaben eines Wortes, die den Fall oder das Geschlecht angeben, nur raten (oder wissen) kann.
Mehr als unsere (eher bescheidene) Rechtschreibung lobte unsere Lehrerin Irina die kleinen Laschen am O, wenn jemand an der Tafel versuchte, russische Handschrift zu imitieren - die Schnörkel seien echt russisch und sollten immer mitgeschrieben werden.
Es folgten Personenbeschreibungen bis zum Erbrechen; wir mussten die Bezeichnungen für Kleidungsstücke auf Russisch lernen, bei denen ich oft schon auf Deutsch überfragt wäre - für mich ist eine Mütze eine Mütze, egal, ob sie von Mann oder Frau getragen wird. Genau so wenig interessierte mich, wie man die einzelnen Bestandteile eines Rings oder einer Kette nannte. Wir aber sollten diese Wörter bis zur nächsten Stunde lernen, das könnte in der Prüfung drankommen. Moment - Prüfung? Davon war aber vorher nie die Rede gewesen...
Nach der Vorlesung rief ich Farin an, ob er zu Hause sei und ich vorbeikommen könnte. Klar, Farin hatte immer Zeit. Ich musste nur vorher erstmal die Perlen kaufen. Ich verstand das System im Laden "Alpina" noch nicht ganz; dort gab es zwei bis drei Warteschlangen an verschiedenen Stellen des Tresens, und bedient wurde, wer die Aufmerksamkeit eines Verkäufers gewann. Ich wartete einfach so lange an der gleiche Stelle, bis mich ein Verkäufer als Kunde wahrnahm. Ich wusste nicht, was Perlen auf Russisch hieß, aber ich hatte es im Wörterbuch nachgeschlagen und sofort wieder vergessen. Ich fragte dann einfach: "Moschno tyda?" - "Kann man dorthin?" und deutete nach links, wo sich die Vitrine mit den Perlen befand. Der Russischkurs zahlte sich nicht in dem Sinne aus, dass ich nun plötzlich russisch könnte, aber ich wurde sicherer im Sprechen, selbst wenn ich nicht wusste, was ich sagte. Das betrachte ich als Fortschritt, denn man muss positiv bleiben. Ich bekam meine roten Perlen für ein paar Cent und überlegte, das Perlenfedeln als Hobby aufzunehmen, nur weil hier das Material zu billig war. Es wäre schön, Freundschaftsarmbänder wie das von dem Mädchen aus Nischnij Nowgorod selbst herstellen zu können. Vielleicht, wenn ich mehr Zeit sinnlos zu vertreiben hätte.
Als ich im Bus zu Farin fuhr, begann Regen zu fallen, der während der Fahrt in Schnee überging. Es wurde ein Winter, obwohl mir versichert wurde, dass Schneeregen in Russland noch zum Herbst gehörte, und dass man erst ab dem ersten halben Meter Schnee die Wintertage zählte.
Mitten auf der Fahrt versagte das Band mit der Haltestellen-Ansage; der Fahrer übernahm und sagte die Haltestellen selbst an; nein, richtiger wäre zu sagen, er rotzte ins Mikrophon. Ich verstand kein Wort und konnte keinen der Straßennamen darin erhören. Ich wollte keinesfalls zu weit fahren und dann irgendwo im Tatarischen Basar gestrandet sein, wo der Bus sicher nicht den gleichen Weg zurückfuhr wie er gekommen war. Also frage ich die Schaffnerin, die erst gar nicht, wusste was ich von ihr wollte. "Ulitsa Mira? Das hörst du doch in den Ansagen." Ich gab ihr zu verstehen, dass ich es eben nicht verstand, da schickte sie mich an der nächsten Haltestelle hinaus; und zumindest von den Silben her stimmte die Ansage mit meinem Ziel überein.
Grau in grau langen die Straßen im Nebel und strömenden Regen, voller tiefer Pfützen, in denen sich gedämpfte Lichtkegel spiegelten. Eine Gestalt kam mir aus der Dunkelheit entgegen - Farin. Wir schlängelten uns durch den Matsch zu seinem Haus. Er hatte das schlimmste Schlammloch notdürftig mit einem Brett überbrückt und zeigte mir nun stolz das Loch für die Kläranlage vor seinem Haus. Der ganze Vorgarten würde bald wegschwimmen, wenn es nicht vorher zufror, dachte ich mir.
Drinnen war es angenehm und gemütlich; Farins Mutter schob gerade Holz in den Ofen, erstmal aßen wir Abendbrot - ich hatte das Mittagessen ganz vergessen, zum ersten Mal seit ich mein geregeltes Leben begonnen hatte. Es gab das gleiche, was es immer bei Saifudinows gab: Krauttopf mit Rindfleisch.
Und es stellte sich heraus, dass Farin nähen konnte, und so nähte er mir gleich vier Schlangen für mein Kostüm, während ich in der Zeit gerade mal eine schaffte. Ich überließ die Näharbeit dem Meister und übernahm den Teil, sie mit Augen und Zungen zu versehen. Es wurde kalt; Farins Mutter brachte immer neues Feuerholz - es war eine verkehrte Welt: Die Frau feuerte den Ofen an und der Mann nähte. Farin erzählte, er käme aus einer Familie von Nähern; sie hätten sogar einige Fabriken hier in Izhevsk und einer Nachbarstadt besessen vor dem Kommunismus.
Farins Freund und Nachbar Rawil kam vorbei mit einem seltsamen chinesischen Plastik-Spielzeug, das wie eine Kreuzung aus einem blauen Fisch und einer Pistole aussah und Seifenblasen blies während eine schreckliche Piepsstimme ein Lied sang. Es war irgendetwas Englisches, und was genau es war, das wollte Rawil von mir wissen. Ich schrieb ihm die Satzfetzen auf, die ich heraushören konnte und meine, er könnte danach googeln. Wahrscheinlich war es irgendetwas von Aqua und das Spielzeug war wahrscheinlich von einem Laster auf dem Weg von China in die EU gefallen.
Wenn es nach Farin ginge, würde ich gar nicht nach Hause fahren, aber um 23:30 Uhr war es wirklich Zeit zurück zum Wohnheim fahren, denn ich wollte schon allein deswegen nicht bei Farin übernachten, weil für ihn und seine Mutter der Tag schon vor um 6 Uhr morgens begann, und diese Zeit war für mich einfach nicht existent - wenn ich nicht gerade bis dahin wach blieb. Wahrscheinlich sollte ich nach England oder noch weiter westlich ziehen um meine biologische Uhr der Zeitzone anzupassen, und sobald ich mich daran gewöhnt hatte, weiter nach Westen zu reisen.
Die Etagenfrau hatte schon geschlafen, öffnete mir aber schlaftrunken die Tür nach dem ersten Klingeln.
Der Hase Bailey's stand schon erwartungsvoll vor meiner Tür als ich den Schlüssel hervorkramte, wartete aber höflich bis ich drin war. Ich musste ihm abgewöhnen, die Wände zu fressen. Zu dem Zweck hatte ich eine große Packung seiner geliebten Instant-Nudeln gekauft und legte Stücke davon an den Stellen für ihn aus, die er so gerne anknabberte, sodass er gar nicht erst auf die Idee kommen würde, Wände schmeckten besser. Das funktionierte sogar... teilweise.
Er nieste ein paar Mal; seine Ohren waren immer so kalt, wenn er draußen im Flur herumrannte; ich fürchtete, dass er sich erkältete. Vielleicht könnte ich ihn nachts beim mir im Zimmer behalten, überlegte ich. Aber wahrscheinlich erst, wenn er etwas älter und ruhiger war; im Moment machte er noch die ganze Nacht Radau, wenn ich ihn bei mir im Zimmer ließ und das Licht löschte.
30.10.
Ich hatte es mal wieder geschafft bis 13:30 Uhr zu schlafen, ging an ins Labor und starrte auf den Monitor. Dann überlegte ich es mir anders und rief erstmal meine Eltern und Omas per Skype an, wenn ich schon mal (anders als im Wohnheim) eine schnelle Internetverbindung hatte. Ich verbrachte noch einige Stunden mit dem Informationssammeln, dann ließ ich den Freitag Freitag sein und fuhr zu Sina. Es war die gleiche Szene wie zuvor: Die Jungs mischten Lieder ab; Stasya hatte Gitarre gespielt als ich ankam, aber begann nun aus einem Roman vorzulesen, der für sie wie Poesie klang, Mischa kam mit Bertold Brecht an. Was genau er studiert hat, weiß ich bis heute nicht, aber im Arbeitsamt lachte man ihn deswegen aus und nur der Studiengang fand eine Einstellung.
Die ganze Runde war wie eine Großfamilie. So schön das auch war, so unvermeidlich wurde es, ihnen Farin vorzustellen, denn sie waren neugierig auf den seltsamen Jungen mit dem Vokuhila, der mir beim Nähen meines Kostüms half. Bei dem Wort "Vokuhila" sahen sie mich alle fragend an ich gab den Begriff in Google ein, und er spuckte sofort die fürchterlichsten Haarmatten aus, und dabei fand ich heraus, dass es sich um ein deutsches Kunstwort handelte für "vorne kurz, hinten lang", und dass sich diese Geschmacksverirrung im Englischen Mullet nannte. Dass Farin nähen konnte, fand Stasya nicht verwunderlich; ja, meinten sie, Tataren können alles. Das waren schon echte Männer, aber mit tiefen Emotionen, und sie schämten sich auch nicht zu weinen.
31.10.
Halloween (das Wort muss man sich mit einer tiefen, hallenden Stimme gesprochen vorstellen und einem spitzen Schrei im Hintergrund).
Eigentlich sollte ich schon um 14 Uhr zum Wohnheim der udmurtischen Universität kommen, aber Michael schrieb, dass sie eine lange Nacht gehabt hatten und erst jetzt Frühstück aßen; mit dem Kochen hatten sie noch gar nicht angefangen... aber ich könnte gegen 15 Uhr kommen und etwas helfen.
Häschen wurde langsam zu groß für den Käfig, es machte erstmal einen Katzenbuckel als ich ihn befreite und zu mir ins Zimmer einlud. Es war niedlich, wie er immer zum Kühlschrank rannte, wenn ich ihn öffnete, und dann in der Tür stehen blieb und versucht hineinzuklettern, wenn ich die Tür eigentlich schließen wollte.
Ich schrieb lange Blog und vertrödelte die Zeit bisschen mit allem Möglichen; packte mein Kostüm und die Kürbisstücken aus dem Gefrierschrank zusammen und machte mich schließlich auf den Weg.
Ich half so gut ich könnte bei den Vorbereitungen: Kürbiskerne rösten, aufwaschen, Zutaten reichen und heiße Kürbisstücken von ihrer Schale zu befreien, denn daraus wurde ein Kuchen und andere seltsame Dinge gebacken. Es war das größte Hobby von Michael und Laura, das sah man ihnen an. Sie ließen sich nie den Spaß verderben, selbst als der Kuchen flüssig blieb.
Am Abend mich meine liebe Eva aus Novosibirsk auf dem Handy an. Endlich verstand ich sie besser, es war ruhig im Wohnheim und sie sprach begeistert deutsch, denn sie kam gerade aus Bayern vom Oktoberfest zurück. Wir versprachen uns noch einmal fest, es zu schaffen, einander noch einmal zu treffen während ich noch in Russland bin. Dann rief auch schon Farin an, der gern hatte kommen wollen und nun fragte, ob 6:30 früh genug sei - ja, Vorbereitungen dauern noch ewig. Wir brauchten noch Silberfolie und Kerzen, und da ich eh die meiste Zeit nur im Weg stand, erklärte ich mich bereit, mich auf die Suche zu machen. So irrte ich eine halbe Stunde lang durch die Stadt, fand es in keinem offenen Laden außer einem Supermarkt, in dem es keine Kerzen gab, und kam zurück gerade als Michael anrief, ob alles in Ordnung sei. Ich hatte stattdessen russischen Zopfkäse mitgebracht, der mich an Würmer erinnert hatte auch passend für Halloween.
Jasper hatte auch keinen Erfolg in seiner Suche gehabt, aber eine Spezial-Bowle vorbereitet er kippte einfach alles hinein: Eine Flasche billigen Weins, darauf eine Flasche noch billigeren Sekts (der in Russland grundsätzlich "Champagnskoje" genannt wird), eine halbe Flasche Wodka und ein kleines bisschen Saft auf die Früchte. Es hätte mich wenig gewundert, wenn auch Feuerzeugbenzin in das Rezept gehörte die Idee (minus das Feuerzeugbenzin) übernahm ich später für andere Feiern sehr zur Freude meiner Gäste.
Die ersten verrückten ausländischen Studenten des Wohnheims trudelten in Kostümen an: Hexen und Piraten, ein grünes Monster und der Tod ohne Sense. Der trug im Übrigens seine Maske auf dem Hinterkopf, weil er sonst nicht an die Bowle herankam. Irgendwo hatten sie tatsächlich Kostüme aufgetrieben rätselhaft und gruselig.
Wir feierten direkt in der großen Gemeinschaftsküche. Alle Tische waren zusammen geschoben, Süßigkeiten darauf aufgebreitet und die ersten fertigen Kürbisspeisen wurden aufgetischt. Der erste Kürbiskuchen sah aus wie Erbrochenes, ich meinte zu Michael, er könne es als zermatschtes Gehirn anpreisen, was er auch tat.
Farin kam schließlich auch mit Kettensäge und Gasmaske als irrer Massenmörder. Es war ein Wunder, dass ihn die Wachtjorka überhaupt hinein ließ. Ach ja, er trug sein Kostüm noch nicht am Körper, sondern in einem großen Beutel. Ich stellte ihn erstmal der Runde vor, dann gingen wir ins Bad zum Umziehen. Farin holte die Kettensäge aus der Originalverpackung und schraubte sie zusammen. Zur Sicherheit klebte er die Kette mit Klebeband ab, er wollte kein echtes Halloween-Massaker anrichten. Dann kam sein großer Auftritt, er zog die Gasmaske über, zog die Tür auf und imitierte Brummgeräusche während er die Kettensäge über seinen Kopf hob.
Jeder wollte sofort die Gasmaske ausprobieren. Ich freute mich, dass er so gut bei den Leuten ankam das war ein Praxistest bevor ich ihn meiner russischen "Familie" vorstellten wollte. Er unterhielt sich gut mit den Venezuelanern auf Russisch, und auch mit den anderen, zu denen ich ihn herumreichte. Zumindest hier passte er recht rein, aber ich hatte meine Zweifel, ob er bei Sina & Co ankommen würde; er war ein anderer Menschenschlag, praktisch denkend und wenig an tiefgehenden Diskussionen interessiert, und dazu auch noch absolut unmusikalisch, auch wenn ihm das selbst nicht ganz bewusst war.
Michael und Laura saßen nur selten am Tisch, sie wechselten sich mit Kochen ab und begannen die Ratespiele, die aber nur die beiden Finninnen und die beiden anderen Deutschen mitmachten; aber Farin kam nicht so richtig rein, weil ihm die Englischkenntnisse dazu fehlte. Es ging darum, eine Detektivgeschichte zu erraten wie letztens schon am Deutschstammtisch, aber hier und heute machte es Spaß, was vielleicht an den gut gefüllten Gläsern Bowle lag, die ich schon intus hatte.
Eigentlich hatten wir noch um die Häuser ziehen wollten, aber es war Michael zu wahrscheinlich gewesen, dass die Polizei Farin mit seiner Kettensäge aufgreifen würden oder die irritierten Einwohner Izhevsk nichts mit amerikanischen Halloween-Traditionen anzufangen wüssten.
Miguel war auch da und Farin kannte ihn offenbar, aber nicht ungekehrt. Mir fiel ein: Klar, Miguel hatte auch einmal an der IzhGTU studiert, bevor er sich seiner Masterarbeit bzw. dem lieben Leben widmete.
Um 23 Uhr wurden normalerweise alle Fremden rausgekehrt, heute aber nicht; wahrscheinlich weil die Wachtjorka Angst vor diesem Haufen Monstern, Piraten und Hexen hatte. Oder auch, weil sie sich erinnerte, selbst mal jung gewesen zu sein.
Eine der Finninnen gab den Startschuss, denn sie musste morgen früh zur Uni. Die Runde löste sich schnell auf, sogar die lustigen Venezueler, die sich gerade warm gesungen und ihre Kostüme stückweise verloren hatten, zogen sich zurück. Auf dem Tisch lagen noch ein gigantischer Busen aus Plastik, Perücken und Farins Gasmaske.
Farin hatte zwar ein bisschen getrunken, bestand aber den Test, auf einer geraden Linie zu laufen, gerade gut genug und bot an, uns nach Hause zu fahren. Er lud auch Miguel und seine Freundin ein, weil sie beide im gleichen Wohnheim wohnten wie ich. Miguel erinnerte sich langsam wieder an Farin und dann fachsimpelten sie auf Russisch über Telekommunikation.



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