17.9.
Wir hatten uns am Morgen aus dem Haus geschlichen um Burcu nicht zu wecken, aber durch das Quietschen der Türen und der Nähe ihres Schlafzimmers zum Bad war es wohl nicht ganz unvermeidlich. Doch ich wollte nichts von unserem letzten vollen Tag in Istanbul vergeuden, auch wenn Matthias darüber murrte. Ich wollte, dass wir uns das Valens-Aquädukt ansahen, ein Relikt aus der römischen Zeit. Obwohl es schon im Jahr 375 gebaut wurde, blieb es bis ins 19. Jahrhundert zur Wasserversorgung der Stadt in Betrieb. Wer baut heutzutage noch so etwas Fantastisches? Heutzutage ist nichts mehr für die Ewigkeit gemacht; die Wasserleitungen in unseren Städten müssen doch nach spätestens 30 Jahren ausgetauscht werden.
Wir nahmen die Fähre auf die europäische Seite. Wir saßen auf dem Oberdeck, und gegenüber von uns eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind aß einen Muffin, stand auf und warf das Verpackungsmaterial über Bord. Wer jetzt denkt, dass die Mutter das Kind dafür rügen würde, irrt. Sie gab dem Kind das restliche Papier und ließ es das auch noch über Bord werfen. Ich fand das unglaublich, wenn ich das mit Deutschland verglich, wo jedes Kind schon mit der Muttermilch den Grünen Punkt aufnahm. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Grundschule zum Müllauflesen in den Wald gehen mussten. Der Wald war aber so sauber gewesen, dass die Lehrer selbst Plastikmüll entlang des Weges verteilten - natürlich sauber abgespült und abgezählt, sodass nichts zurück blieb.
Von der Anlegestelle aus hielten wir uns an einer Schnellstraße um nicht allzu bald verloren zu gehen, aber gleichzeitig versuchen wir einen Supermarkt zu finden, weil uns wie gesagt das Wasser ausgegangen war. Ich spürte das alte Notwasser im Bauch rumoren. War wirklich eine extrem blöde Idee gewesen, das zu trinken. Wir kamen durch ein ganzes Viertel von Teppichhändlern. In sämtlichen Läden und Einkaufszentren wurde nichts als Teppich verkauft und ein starker Geruch nach Leim lag in der Luft. Ich fragte mich langsam, ob die Geschäftslizenzen stadtviertelweise vergeben wurden, und ob wir wohl noch auf die Schokoladenstadt stoßen würden. Zunächst stießen wir auf das Aquädukt; das war doch auch etwas. Es bestand aus zwei Reihen steinerner Bögen, zwischen ihnen führte die Schnellstraße hindurch; es waren stolze zehn Fahrspuren. Zu einer Seite hin flachte sich das Bauwerk stufenweise ab um das Wasser durch das natürliche Gefälle zur Stadt hin zu transportieren. So stand es nun einfach da, 600 Meter lang, wie von einem Riesen aus einem anderen Land und einer anderen Zeit aus dem Boden gerissen und hier wieder abgelegt. Es war weder touristisch ausgebaut, noch abgesperrt; es stand einfach da. Ich schätze, dass sich eine Stadt wie Istanbul es leisten kann, nicht auf alle Denkmäler so viel Acht zu geben. Der Rest des kilometerlangen Aquädukt-Netzes war im Laufe der Zeit abgetragen und zum Bauen verwendet worden.
Wir kamen durch einen Park; hier beschloss ich mein Navi nach einem Supermarkt zu fragen. Überraschenderweise funktionierte das besser als zum Beispiel in Warschau, wo alle verzeichneten Geschäfte entweder schon pleite gemacht oder ihr Sortiment komplett umgestellt hatten.
Während ich auf ein Signal wartete, fiel mir eine Moschee auf, an der eine elektronische Tafel angebracht war. In roter Laufschrift konnte man lesen, wann das nächste Gebet stattfand. Es erstaunte mich manchmal, wie sehr manche Leute mit der Zeit gingen ohne auf Tradition zu verzichten.
Der Supermarkt war wirklich ein Supermarkt, mit angenehmer Kühlung. Wir kauften uns zur Abwechslung mal Saft und ein paar Kekse, damit setzten wir uns in den nahe gelegenen Park an einem Spielplatz und beobachteten den Mann, der sich an den Geräten zu schaffen machte. Mir wurde bewusst, dass es gar kein Spielplatz war, sondern eher ein Open-Air-Fitness-Studio.
Er fühlte sich wahrscheinlich zu beobachtet und verschwand.
Burcu hatte uns empfohlen, Miniaturk anzusehen - die Türkei im Handtaschenformat, die berühmtesten Denkmäler als Modell aufgebaut. Aus irgendeinem Grund versuchten wir nicht mal, es zu finden und liefen stattdessen quer durch die unbekannte Stadt. Ich hatte das gute Gefühl, eigentlich alles gesehen zu haben, was ich wollte. Nun war es an der Zeit, mit unserer gewohnten Gelassenheit an den Rest des Tages ranzugehen. Wir waren nicht die einzigen, die einfach in den Tag hineingingen. Da waren zum Beispiel diese freilaufenden Hühner mitten auf der Straße. Matthias war entzückt - so hatte er sich Istanbul eigentlich vorgestellt. Katzen und Hunde lagen im Schatten der Häuser und unter den parkenden Autos; es war ein idyllisches Bild.
Nach einer Weile erreichten wir das Marmarameer auf der anderen Seite der Stadt. Es war so unglaublich schmutzig, dass wir kaum unsere Füße hineinzuhalten trauten. Undefinierbares, schwammartiges Material, verschimmelte Lebensmittel und tote Fische trieben in der harmlos glänzenden Brühe mit der Strömung umher. Viele große graue Felsen lagen als Wellenbrecher im Wasser längs der Hafenmauer. Vereinzelt saßen Angler oder Touristen darauf, und an einer Stelle standen zwei junge Männer, die Miesmuscheln in einem großen Sack hin und her schleuderten und die zerbrochenen Schalen ins Wasser warfen. Wir machten es uns auf einem Stein bequem und beobachteten sie eine ganze Weile. Das Wasser unter ihnen glänzte durch das viele Perlmutt der Muschelschalen schon wie ein Spiegel. Den Muschelinhalt gab es vermutlich später geröstet an einem der vielen Imbissstände nahe der Altstadt. Stieg das Wasser leicht an? Eine Welle schwappte Matthias über den Hosenboden. Wahrscheinlich war es nur Einbildung. Als Matthias das Bein einschlief, machten wir uns auf den Weg in eine andere Richtung. Auf dem Weg lagen einzelne ausgemachte Muscheln, die eher wie in der Sonne verendete Nachtschnecken aussahen und fürchterlich nach faulem Fisch stanken. Wir nahmen einen Abstecher in eine Gasse Richtung Altstadt und waren mitten in einem armenischen Viertel gelandet. Alles wirkte ein wenig mehr wie Italien, eng beieinander stehende Häuser in freundlichen Rottönen gestrichen und mit verzierten Balkonen bestückt. Nur die Wäscheleinen von Haus zu Haus fehlten. Am Anfang dieser Straße stand eine Kirche, die auf Türkisch und mit armenischen Schriftzeichen ausgezeichnet war. Ich hatte leider nie die armenische Schrift lesen gelernt, kannte sie aber aus Büchern. Wir lugten durch das Eingangstor. Niemand war da. Ich hatte noch nie eine armenische Kirche von innen gesehen, wollte aber nicht weiter vordringen ohne von jemandem eingeladen zu werden. Weitere Gebäude mit armenischen Schriftzeichen folgten, wir gingen die gepflasterten Gassen entlang, die als Marktplatz verwendet wurden. Verkäufer saßen auf Decken neben dem Bordstein, ließen es aber gemütlich angehen. Dieses Viertel schien gar nicht mehr zur Türkei zu gehörten, selbst ältere Frauen liefen ohne Kopftuch umher. Vor einer weiteren Kirche wurden Bücher und CDs mit geistlicher Musik verkauft, und eh wir uns versehen, wurden wir in die Kirche hineingebeten. Es war ein merkwürdiger Ort; es erinnerte mich an die amerikanischen Kirche aus dem Fernsehen; es war eher ein Gemeindehaus, ausgelegt mit rötlichem Teppich, aber wir sollten die Schuhe nicht ausziehen. Auch als ich meine Strickjacke zuknöpfen wollte, wurde abgewinkt. Sie ließen uns und das amerikanische Paar, das mit uns hineingegangen war, wissen, dass hier alle Christen willkommen waren. Jetzt wurde es peinlich, denn sie wollten von uns wissen, welche Glaubensrichtung wir waren. Ich glaube, sie erwarteten, dass wir zum Beten hinein gegangen waren, aber ich wollte ungern sagen, dass wir Atheisten sind. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach sagen sollen, dass ich Pastafari bin - das klingt schön nach einer Religionsgemeinschaft und ist noch nicht mal gelogen. Pastafari nennen sich Anhänger einer Spaß-Religion, die das fliegende Spaghettimonster als Schöpfer der Welt verehren und eine gesunde Einstellung zu anderen Religionen haben, aber sie am liebsten auf die Schippe nehmen. Die Kunde des Spaghettimonsters ist vermutlich noch nicht bis ins armenische Viertel von Istanbul vorgedrungen und hätte mich wohl aus dieser Lage befreien können. Zum Glück konnte der Mann, der uns eingelassen hatte, weder deutsch noch englisch, weshalb wir mit Kopfschütteln davon kamen. Enttäuscht drehte es sich weg und wir verließen die Kirche auf der Stelle. Diplomaten werden wir wohl keine mehr werden.
Das Viertel wurde feiner und bestand nach einer Weile nur noch aus Restaurants mit angegliedertem Straßencafé, dann wurde es wieder belebter und bodenständiger. Es wurde Pilaw auf der Straße verkauft, aber ich fühlte mich überhaupt nicht hungrig, obwohl ich dieses Reisgericht seit unserer Ankunft hatte essen wollen. Wir spazierten daran vorbei und fanden uns mit einem Mal auf der chaotischen Hauptstraße wieder, an der auch die Straßenbahn hielt. Hier ragte die Konstantinsäule in die Luft, eingepackt wie zum Mitnehmen. Dem Schild an der Absperrung war zu entnehmen, dass sie restauriert wurde. Beeindruckende 1679 Jahre war sie alt. Man hatte sie schon Anfang des 12. Jahrhunderts reparieren müssen und hatte Ringe rundherum angebracht.
In der Straßenbahn konnte man auch wieder kaum stehen, und diesmal kam zu der klaustrophobischen Atmosphäre eine gruselige, laute, metallisch klingende Stimme hinzu. Zuerst dachte ich, es wäre eine Durchsage, aber immer mehr Leute schauten in eine bestimmte Richtung. Ich konnte den Mann von meinem Standort aus nicht sehen, aber ich glaube, er sprach durch eines dieser Geräte, die Leute bekommen, wenn ihnen durch zu exzessives Rauchen der Kehlkopf entfernt werden musste.
Ein letztes Mal nun fuhren wir mit der Straßenbahn, und ich war weiß Gott froh, dass kein religiöser Fanatiker auf die Idee gekommen war, uns darin in die Luft zu sprengen.
Noch eine letzte Station stand auf dem Plan bevor wir morgen nach Athen abfliegen würden - die große Autobahnbrücke über den Bosporus. Matthias wollte unbedingt einmal darunter stehen, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Laut Navi sollten es nicht mehr als 6 Kilometer sein... wir kamen an einer Hafenpromenade mit Cafés vorbei, an vielen hohen Mauern und Toren, verließen die Stadt und waren immer noch nicht da. Dann endlich waren wir fast zum Greifen nah - aber kamen nicht näher. Zu allen Seiten war der Zugang zur Brücke verbaut, und es war noch ein ganzes Stück um die Straße zu erreichen, die über die Brücke führte. Wir versuchten es noch von der Meeresseite aus, aber der Weg endete in einer Absperrung, die man nur durch Schwimmen hätte überwinden können. Wir ruhten uns auf einem Platz vor einem Café am Wasser aus und genossen den sich zum Ende neigenden Tag. Am Abend war dieser Teil der Stadt sicher ein beliebter Ort für junge Leute zum Ausgehen. Eine auffällige Moschee ragte über die Häuserdächer hinaus; sie wirkte barock - schwer und gleichzeitig verspielt. Durch ihre Eingangsportal glimmte ein wuchtiger Kronleuchter aus geschliffenem Glas. Doch es war Zeit, zu Burcu zurück zu kehren. Sie erwartete uns und einen weiteren Gast am Abend zum gemeinsamen Abendessen.
Wir nahmen die nächste Fähre zurück. Im Wartebereich lief türkisches Fernsehen auf einem Flachbildschirm an der Wand. Wir hatten den Akbil dort abgegeben, wo wir ihn gekauft hatten, und ich hatte auch nur noch einen Jeton übrig für die letzte Überfahrt mit der Fähre. Ich steckte ihn in den Automaten und er fiel durch. Ich probierte es noch mal. Irgendwann erbarmte sich jemand mich aufzuklären: Für die Fähre waren nur Fähren-Jetons gültig. Die kosteten genauso viel und sahen fast genau so aus wie die Straßenbahn-Jetons, aber vermutlich wollten die Verkehrsbetriebe die Möglichkeit haben, getrennt voneinander die Fahrpreise zu erhöhen.
Burcu war auch schon wieder zu Hause und hatte Tee und eine Vorsuppe vorbereitet. Die Suppe hatte eine senfige Farbe und bestand aus einer Reihe seltsamer Gewürze, die ich mir zeigen ließ, aber keine Ahnung hatte, wie man das Zeug auf Deutsch nennen würde. Es gab eine spezielle Gewürzmischung, die offenbar ganz typisch türkisch war, und die ließ ich mir für alle Fälle aufschreiben. Nur schade, dass ich den Zettel nicht mehr finde...
Burcu hatte sich die Mühe gemacht, eine spezielle türkische Frucht für uns zum Nachtisch zu reichen; sie begann zu erklären, wie man diese Frucht am besten isst, bis ich das Lachen nicht mehr halten konnte und ihr sagte, dass wir auch in Deutschland Datteln kannten.
Mit einiger Verspätung fand Burcus zweiter Couchsurfing-Gast ihr Zuhause. Es war ein US-Amerikaner, der als Lehrer im Irak arbeite. Sie war sehr begeistert von der Idee gewesen, dass ein idealistischer Amerikaner sich gegen seine eigene Regierung stellt und dort hilft, wo er am meisten gebraucht wird. Dementsprechend enttäuscht war sie, als sie erfuhr, dass Dan einfach nur in diese Arbeit hineingerutscht war, weil ihm das Geld ausgegangen war und er sonst keinen Job finden konnte. Auch er kannte Datteln. Ich hatte bei meinen Besuchern mehr Glück, wenn ich ihnen Rhabarber zu kosten gab, denn das hatte außerhalb von Deutschland noch nie jemand gesehen.
Nachdem sich Dan frisch gemacht hatte, beschlossen wir auszugehen. Burcu kannte einige gute Restaurants, in denen auch sie bekannt war, und wir bekamen den schönsten Tisch oben auf einer Dachterrasse. Die Restaurants dieser Straße hatten Vereinbarungen untereinander abgeschlossen, sodass man im einen die Vorspeise kaufen und in das nächste Restaurant mitnehmen konnte. Burcu suchte uns eine ganze Reihe an seltsamen grünen und braunen Dingen heraus, die wir unbedingt probieren sollten. Mein Magen rumorte immer noch, was angesichts des Essens nicht besser wurde. Es war eine seltsame Mischung aus scharf, noch schärfer und undefinierbar. Es war kein Wunder, dass immer für Wassernachschub durch die Kellner gesorgt wurde ohne dass wir es bestellen mussten.
Burcu war in ihrem Element als Gastgeberin und bestellte uns zusätzlich zu dem billigsten Dönergericht, das wir finden konnten, Türkische Pizza. Ich sah unser Restgeld schon im Nirgendwo verschwinden und ein Schuldenberg hinterlassen, doch dann bestand sie zum Glück darauf, uns die Pizza auszugeben.
Das Essen war gut, und dass muss es wirklich sein, wenn sogar ich das sage. Am Ende bekamen wir noch kostenlos einen Stammkundenkaffee bzw. -tee dazu, während um uns herum schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch Burcu hatte noch einen Spaß für uns in der Hinterhand: Die Zukunft im Kaffeesatz zu lesen. Wenn sich irgendein Kaffee dafür eignete, dann war dies türkischer, der eigentlich mehr aus Satz bestand als aus Wasser. Das funktionierte dann so: Burcu nahm die Tasse mit dem Satz und kippe sie auf die Untertasse um. Dann wartete sie einige Minuten darauf, dass sich ein interessantes Muster bildete. Die Zukunft las sie dann in der Tasse selbst, in deren Inneren sich filigrane Linien und Muster gebildet hatten. Ich sollte mich zuerst am Zukunftslesen versuchen. In Burcus Tasse war ein ganzer Wald zu sehen; das sagte mir, dass sie uns bald in Deutschland besuchen würde. In Dans Tasse hingegen war Wüste - er würde zurück in den Irak gehen. Irgendwie befriedigte meine Deutung sie nicht ganz. Aber dann wurden wir auch schon vor die Tür gekehrt.
Der Abend war schön und warm, und uns stand der Sinn nach ein wenig Alkohol. Es war zwar der Fastenmonat Ramadan, aber das stellte kein Problem dar, wenn man Alkohol kaufen wollte. Wir fanden einen kleinen Laden, der noch offen hatte und ich besorgte eine Flasche Wodka, die ich mit Kreditkarte bezahlen konnte. Dazu noch Saft, und wir waren für den Abend gerüstet. Die anderen besorgten sich Bier. Burcu brachte uns hinunter zum Hafen. Sie erzählte, es war sonst ein beliebter Ort für junge Leute, die dort auf den großen flachen Steinen saßen, tranken und Musik hörten. Sie hatte Musik auf ihrem Handy und stellte es laut. Während schon bald eine Diskussion über Musik entbrannte, trank ich einen Schluck von dem Wodka-Fusel und lehnte ich mich zurück, sah über das Wasser, in das sich die Lichter der Stadt mischten: Moscheen, Brücken, Häuser und Straßen - alles leuchtete über die Sterne hinweg. Das Wasser schlug sanft an die Steine und die Nacht legte ihren Mantel darüber. Ich schlug vor, baden zu gehen, doch das wurde mir dringend abgeraten, und auch ich erinnerte mich wieder an die Qualität des Meerwassers. So blieben wir weiter liegen und die Stunden zogen dahin. Wollten wir nicht morgen unsere letzten Stunden damit verbringen, die asiatische Seite von Istanbul anzusehen? Es war zu diesem Zeitpunkt schon relativ klar, dass wir wahrscheinlich lieber ausschlafen würden. Dieser Zeitpunkt war vier Uhr morgens. Wir begaben uns langsam auf dem Weg zurück, als uns Dan wiederfand, der nur eben einen Ort zur Erleichterung gesucht hatte und geschlagene 20 Minuten weg gewesen war.
Mir war alles recht. Burcu machte sich über mich lustig, weil ich selbst noch in meinem Zustand darauf achtete, dass alles Verpackungsmaterial ordnungsgemäß im überfüllten Papierkorb verschwand.
Ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, schauten wir uns noch eine halbe Stunde lang Burcus besten Kurzfilme an, von denen einer sogar mal bei einem Filmfestival gelaufen war. Bei einer Filmstudie über das nächtliche Istanbul, Prostituierte und Transen im Zeitraffer nickte ich kurz weg, wurde aber rechtzeitig munter um ihr zu sagen, wie toll ihre Filme waren. Dann fiel ich ins Bett.
Wir hatten uns am Morgen aus dem Haus geschlichen um Burcu nicht zu wecken, aber durch das Quietschen der Türen und der Nähe ihres Schlafzimmers zum Bad war es wohl nicht ganz unvermeidlich. Doch ich wollte nichts von unserem letzten vollen Tag in Istanbul vergeuden, auch wenn Matthias darüber murrte. Ich wollte, dass wir uns das Valens-Aquädukt ansahen, ein Relikt aus der römischen Zeit. Obwohl es schon im Jahr 375 gebaut wurde, blieb es bis ins 19. Jahrhundert zur Wasserversorgung der Stadt in Betrieb. Wer baut heutzutage noch so etwas Fantastisches? Heutzutage ist nichts mehr für die Ewigkeit gemacht; die Wasserleitungen in unseren Städten müssen doch nach spätestens 30 Jahren ausgetauscht werden.
Wir nahmen die Fähre auf die europäische Seite. Wir saßen auf dem Oberdeck, und gegenüber von uns eine Mutter mit ihrem Kind. Das Kind aß einen Muffin, stand auf und warf das Verpackungsmaterial über Bord. Wer jetzt denkt, dass die Mutter das Kind dafür rügen würde, irrt. Sie gab dem Kind das restliche Papier und ließ es das auch noch über Bord werfen. Ich fand das unglaublich, wenn ich das mit Deutschland verglich, wo jedes Kind schon mit der Muttermilch den Grünen Punkt aufnahm. Ich erinnere mich noch, wie wir in der Grundschule zum Müllauflesen in den Wald gehen mussten. Der Wald war aber so sauber gewesen, dass die Lehrer selbst Plastikmüll entlang des Weges verteilten - natürlich sauber abgespült und abgezählt, sodass nichts zurück blieb.
Von der Anlegestelle aus hielten wir uns an einer Schnellstraße um nicht allzu bald verloren zu gehen, aber gleichzeitig versuchen wir einen Supermarkt zu finden, weil uns wie gesagt das Wasser ausgegangen war. Ich spürte das alte Notwasser im Bauch rumoren. War wirklich eine extrem blöde Idee gewesen, das zu trinken. Wir kamen durch ein ganzes Viertel von Teppichhändlern. In sämtlichen Läden und Einkaufszentren wurde nichts als Teppich verkauft und ein starker Geruch nach Leim lag in der Luft. Ich fragte mich langsam, ob die Geschäftslizenzen stadtviertelweise vergeben wurden, und ob wir wohl noch auf die Schokoladenstadt stoßen würden. Zunächst stießen wir auf das Aquädukt; das war doch auch etwas. Es bestand aus zwei Reihen steinerner Bögen, zwischen ihnen führte die Schnellstraße hindurch; es waren stolze zehn Fahrspuren. Zu einer Seite hin flachte sich das Bauwerk stufenweise ab um das Wasser durch das natürliche Gefälle zur Stadt hin zu transportieren. So stand es nun einfach da, 600 Meter lang, wie von einem Riesen aus einem anderen Land und einer anderen Zeit aus dem Boden gerissen und hier wieder abgelegt. Es war weder touristisch ausgebaut, noch abgesperrt; es stand einfach da. Ich schätze, dass sich eine Stadt wie Istanbul es leisten kann, nicht auf alle Denkmäler so viel Acht zu geben. Der Rest des kilometerlangen Aquädukt-Netzes war im Laufe der Zeit abgetragen und zum Bauen verwendet worden.
Wir kamen durch einen Park; hier beschloss ich mein Navi nach einem Supermarkt zu fragen. Überraschenderweise funktionierte das besser als zum Beispiel in Warschau, wo alle verzeichneten Geschäfte entweder schon pleite gemacht oder ihr Sortiment komplett umgestellt hatten.
Während ich auf ein Signal wartete, fiel mir eine Moschee auf, an der eine elektronische Tafel angebracht war. In roter Laufschrift konnte man lesen, wann das nächste Gebet stattfand. Es erstaunte mich manchmal, wie sehr manche Leute mit der Zeit gingen ohne auf Tradition zu verzichten.
Der Supermarkt war wirklich ein Supermarkt, mit angenehmer Kühlung. Wir kauften uns zur Abwechslung mal Saft und ein paar Kekse, damit setzten wir uns in den nahe gelegenen Park an einem Spielplatz und beobachteten den Mann, der sich an den Geräten zu schaffen machte. Mir wurde bewusst, dass es gar kein Spielplatz war, sondern eher ein Open-Air-Fitness-Studio.
Er fühlte sich wahrscheinlich zu beobachtet und verschwand.
Burcu hatte uns empfohlen, Miniaturk anzusehen - die Türkei im Handtaschenformat, die berühmtesten Denkmäler als Modell aufgebaut. Aus irgendeinem Grund versuchten wir nicht mal, es zu finden und liefen stattdessen quer durch die unbekannte Stadt. Ich hatte das gute Gefühl, eigentlich alles gesehen zu haben, was ich wollte. Nun war es an der Zeit, mit unserer gewohnten Gelassenheit an den Rest des Tages ranzugehen. Wir waren nicht die einzigen, die einfach in den Tag hineingingen. Da waren zum Beispiel diese freilaufenden Hühner mitten auf der Straße. Matthias war entzückt - so hatte er sich Istanbul eigentlich vorgestellt. Katzen und Hunde lagen im Schatten der Häuser und unter den parkenden Autos; es war ein idyllisches Bild.
Nach einer Weile erreichten wir das Marmarameer auf der anderen Seite der Stadt. Es war so unglaublich schmutzig, dass wir kaum unsere Füße hineinzuhalten trauten. Undefinierbares, schwammartiges Material, verschimmelte Lebensmittel und tote Fische trieben in der harmlos glänzenden Brühe mit der Strömung umher. Viele große graue Felsen lagen als Wellenbrecher im Wasser längs der Hafenmauer. Vereinzelt saßen Angler oder Touristen darauf, und an einer Stelle standen zwei junge Männer, die Miesmuscheln in einem großen Sack hin und her schleuderten und die zerbrochenen Schalen ins Wasser warfen. Wir machten es uns auf einem Stein bequem und beobachteten sie eine ganze Weile. Das Wasser unter ihnen glänzte durch das viele Perlmutt der Muschelschalen schon wie ein Spiegel. Den Muschelinhalt gab es vermutlich später geröstet an einem der vielen Imbissstände nahe der Altstadt. Stieg das Wasser leicht an? Eine Welle schwappte Matthias über den Hosenboden. Wahrscheinlich war es nur Einbildung. Als Matthias das Bein einschlief, machten wir uns auf den Weg in eine andere Richtung. Auf dem Weg lagen einzelne ausgemachte Muscheln, die eher wie in der Sonne verendete Nachtschnecken aussahen und fürchterlich nach faulem Fisch stanken. Wir nahmen einen Abstecher in eine Gasse Richtung Altstadt und waren mitten in einem armenischen Viertel gelandet. Alles wirkte ein wenig mehr wie Italien, eng beieinander stehende Häuser in freundlichen Rottönen gestrichen und mit verzierten Balkonen bestückt. Nur die Wäscheleinen von Haus zu Haus fehlten. Am Anfang dieser Straße stand eine Kirche, die auf Türkisch und mit armenischen Schriftzeichen ausgezeichnet war. Ich hatte leider nie die armenische Schrift lesen gelernt, kannte sie aber aus Büchern. Wir lugten durch das Eingangstor. Niemand war da. Ich hatte noch nie eine armenische Kirche von innen gesehen, wollte aber nicht weiter vordringen ohne von jemandem eingeladen zu werden. Weitere Gebäude mit armenischen Schriftzeichen folgten, wir gingen die gepflasterten Gassen entlang, die als Marktplatz verwendet wurden. Verkäufer saßen auf Decken neben dem Bordstein, ließen es aber gemütlich angehen. Dieses Viertel schien gar nicht mehr zur Türkei zu gehörten, selbst ältere Frauen liefen ohne Kopftuch umher. Vor einer weiteren Kirche wurden Bücher und CDs mit geistlicher Musik verkauft, und eh wir uns versehen, wurden wir in die Kirche hineingebeten. Es war ein merkwürdiger Ort; es erinnerte mich an die amerikanischen Kirche aus dem Fernsehen; es war eher ein Gemeindehaus, ausgelegt mit rötlichem Teppich, aber wir sollten die Schuhe nicht ausziehen. Auch als ich meine Strickjacke zuknöpfen wollte, wurde abgewinkt. Sie ließen uns und das amerikanische Paar, das mit uns hineingegangen war, wissen, dass hier alle Christen willkommen waren. Jetzt wurde es peinlich, denn sie wollten von uns wissen, welche Glaubensrichtung wir waren. Ich glaube, sie erwarteten, dass wir zum Beten hinein gegangen waren, aber ich wollte ungern sagen, dass wir Atheisten sind. Im Nachhinein denke ich, ich hätte einfach sagen sollen, dass ich Pastafari bin - das klingt schön nach einer Religionsgemeinschaft und ist noch nicht mal gelogen. Pastafari nennen sich Anhänger einer Spaß-Religion, die das fliegende Spaghettimonster als Schöpfer der Welt verehren und eine gesunde Einstellung zu anderen Religionen haben, aber sie am liebsten auf die Schippe nehmen. Die Kunde des Spaghettimonsters ist vermutlich noch nicht bis ins armenische Viertel von Istanbul vorgedrungen und hätte mich wohl aus dieser Lage befreien können. Zum Glück konnte der Mann, der uns eingelassen hatte, weder deutsch noch englisch, weshalb wir mit Kopfschütteln davon kamen. Enttäuscht drehte es sich weg und wir verließen die Kirche auf der Stelle. Diplomaten werden wir wohl keine mehr werden.
Das Viertel wurde feiner und bestand nach einer Weile nur noch aus Restaurants mit angegliedertem Straßencafé, dann wurde es wieder belebter und bodenständiger. Es wurde Pilaw auf der Straße verkauft, aber ich fühlte mich überhaupt nicht hungrig, obwohl ich dieses Reisgericht seit unserer Ankunft hatte essen wollen. Wir spazierten daran vorbei und fanden uns mit einem Mal auf der chaotischen Hauptstraße wieder, an der auch die Straßenbahn hielt. Hier ragte die Konstantinsäule in die Luft, eingepackt wie zum Mitnehmen. Dem Schild an der Absperrung war zu entnehmen, dass sie restauriert wurde. Beeindruckende 1679 Jahre war sie alt. Man hatte sie schon Anfang des 12. Jahrhunderts reparieren müssen und hatte Ringe rundherum angebracht.
In der Straßenbahn konnte man auch wieder kaum stehen, und diesmal kam zu der klaustrophobischen Atmosphäre eine gruselige, laute, metallisch klingende Stimme hinzu. Zuerst dachte ich, es wäre eine Durchsage, aber immer mehr Leute schauten in eine bestimmte Richtung. Ich konnte den Mann von meinem Standort aus nicht sehen, aber ich glaube, er sprach durch eines dieser Geräte, die Leute bekommen, wenn ihnen durch zu exzessives Rauchen der Kehlkopf entfernt werden musste.
Ein letztes Mal nun fuhren wir mit der Straßenbahn, und ich war weiß Gott froh, dass kein religiöser Fanatiker auf die Idee gekommen war, uns darin in die Luft zu sprengen.
Noch eine letzte Station stand auf dem Plan bevor wir morgen nach Athen abfliegen würden - die große Autobahnbrücke über den Bosporus. Matthias wollte unbedingt einmal darunter stehen, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Laut Navi sollten es nicht mehr als 6 Kilometer sein... wir kamen an einer Hafenpromenade mit Cafés vorbei, an vielen hohen Mauern und Toren, verließen die Stadt und waren immer noch nicht da. Dann endlich waren wir fast zum Greifen nah - aber kamen nicht näher. Zu allen Seiten war der Zugang zur Brücke verbaut, und es war noch ein ganzes Stück um die Straße zu erreichen, die über die Brücke führte. Wir versuchten es noch von der Meeresseite aus, aber der Weg endete in einer Absperrung, die man nur durch Schwimmen hätte überwinden können. Wir ruhten uns auf einem Platz vor einem Café am Wasser aus und genossen den sich zum Ende neigenden Tag. Am Abend war dieser Teil der Stadt sicher ein beliebter Ort für junge Leute zum Ausgehen. Eine auffällige Moschee ragte über die Häuserdächer hinaus; sie wirkte barock - schwer und gleichzeitig verspielt. Durch ihre Eingangsportal glimmte ein wuchtiger Kronleuchter aus geschliffenem Glas. Doch es war Zeit, zu Burcu zurück zu kehren. Sie erwartete uns und einen weiteren Gast am Abend zum gemeinsamen Abendessen.
Wir nahmen die nächste Fähre zurück. Im Wartebereich lief türkisches Fernsehen auf einem Flachbildschirm an der Wand. Wir hatten den Akbil dort abgegeben, wo wir ihn gekauft hatten, und ich hatte auch nur noch einen Jeton übrig für die letzte Überfahrt mit der Fähre. Ich steckte ihn in den Automaten und er fiel durch. Ich probierte es noch mal. Irgendwann erbarmte sich jemand mich aufzuklären: Für die Fähre waren nur Fähren-Jetons gültig. Die kosteten genauso viel und sahen fast genau so aus wie die Straßenbahn-Jetons, aber vermutlich wollten die Verkehrsbetriebe die Möglichkeit haben, getrennt voneinander die Fahrpreise zu erhöhen.
Burcu war auch schon wieder zu Hause und hatte Tee und eine Vorsuppe vorbereitet. Die Suppe hatte eine senfige Farbe und bestand aus einer Reihe seltsamer Gewürze, die ich mir zeigen ließ, aber keine Ahnung hatte, wie man das Zeug auf Deutsch nennen würde. Es gab eine spezielle Gewürzmischung, die offenbar ganz typisch türkisch war, und die ließ ich mir für alle Fälle aufschreiben. Nur schade, dass ich den Zettel nicht mehr finde...
Burcu hatte sich die Mühe gemacht, eine spezielle türkische Frucht für uns zum Nachtisch zu reichen; sie begann zu erklären, wie man diese Frucht am besten isst, bis ich das Lachen nicht mehr halten konnte und ihr sagte, dass wir auch in Deutschland Datteln kannten.
Mit einiger Verspätung fand Burcus zweiter Couchsurfing-Gast ihr Zuhause. Es war ein US-Amerikaner, der als Lehrer im Irak arbeite. Sie war sehr begeistert von der Idee gewesen, dass ein idealistischer Amerikaner sich gegen seine eigene Regierung stellt und dort hilft, wo er am meisten gebraucht wird. Dementsprechend enttäuscht war sie, als sie erfuhr, dass Dan einfach nur in diese Arbeit hineingerutscht war, weil ihm das Geld ausgegangen war und er sonst keinen Job finden konnte. Auch er kannte Datteln. Ich hatte bei meinen Besuchern mehr Glück, wenn ich ihnen Rhabarber zu kosten gab, denn das hatte außerhalb von Deutschland noch nie jemand gesehen.
Nachdem sich Dan frisch gemacht hatte, beschlossen wir auszugehen. Burcu kannte einige gute Restaurants, in denen auch sie bekannt war, und wir bekamen den schönsten Tisch oben auf einer Dachterrasse. Die Restaurants dieser Straße hatten Vereinbarungen untereinander abgeschlossen, sodass man im einen die Vorspeise kaufen und in das nächste Restaurant mitnehmen konnte. Burcu suchte uns eine ganze Reihe an seltsamen grünen und braunen Dingen heraus, die wir unbedingt probieren sollten. Mein Magen rumorte immer noch, was angesichts des Essens nicht besser wurde. Es war eine seltsame Mischung aus scharf, noch schärfer und undefinierbar. Es war kein Wunder, dass immer für Wassernachschub durch die Kellner gesorgt wurde ohne dass wir es bestellen mussten.
Burcu war in ihrem Element als Gastgeberin und bestellte uns zusätzlich zu dem billigsten Dönergericht, das wir finden konnten, Türkische Pizza. Ich sah unser Restgeld schon im Nirgendwo verschwinden und ein Schuldenberg hinterlassen, doch dann bestand sie zum Glück darauf, uns die Pizza auszugeben.
Das Essen war gut, und dass muss es wirklich sein, wenn sogar ich das sage. Am Ende bekamen wir noch kostenlos einen Stammkundenkaffee bzw. -tee dazu, während um uns herum schon die Stühle hochgestellt wurden. Doch Burcu hatte noch einen Spaß für uns in der Hinterhand: Die Zukunft im Kaffeesatz zu lesen. Wenn sich irgendein Kaffee dafür eignete, dann war dies türkischer, der eigentlich mehr aus Satz bestand als aus Wasser. Das funktionierte dann so: Burcu nahm die Tasse mit dem Satz und kippe sie auf die Untertasse um. Dann wartete sie einige Minuten darauf, dass sich ein interessantes Muster bildete. Die Zukunft las sie dann in der Tasse selbst, in deren Inneren sich filigrane Linien und Muster gebildet hatten. Ich sollte mich zuerst am Zukunftslesen versuchen. In Burcus Tasse war ein ganzer Wald zu sehen; das sagte mir, dass sie uns bald in Deutschland besuchen würde. In Dans Tasse hingegen war Wüste - er würde zurück in den Irak gehen. Irgendwie befriedigte meine Deutung sie nicht ganz. Aber dann wurden wir auch schon vor die Tür gekehrt.
Der Abend war schön und warm, und uns stand der Sinn nach ein wenig Alkohol. Es war zwar der Fastenmonat Ramadan, aber das stellte kein Problem dar, wenn man Alkohol kaufen wollte. Wir fanden einen kleinen Laden, der noch offen hatte und ich besorgte eine Flasche Wodka, die ich mit Kreditkarte bezahlen konnte. Dazu noch Saft, und wir waren für den Abend gerüstet. Die anderen besorgten sich Bier. Burcu brachte uns hinunter zum Hafen. Sie erzählte, es war sonst ein beliebter Ort für junge Leute, die dort auf den großen flachen Steinen saßen, tranken und Musik hörten. Sie hatte Musik auf ihrem Handy und stellte es laut. Während schon bald eine Diskussion über Musik entbrannte, trank ich einen Schluck von dem Wodka-Fusel und lehnte ich mich zurück, sah über das Wasser, in das sich die Lichter der Stadt mischten: Moscheen, Brücken, Häuser und Straßen - alles leuchtete über die Sterne hinweg. Das Wasser schlug sanft an die Steine und die Nacht legte ihren Mantel darüber. Ich schlug vor, baden zu gehen, doch das wurde mir dringend abgeraten, und auch ich erinnerte mich wieder an die Qualität des Meerwassers. So blieben wir weiter liegen und die Stunden zogen dahin. Wollten wir nicht morgen unsere letzten Stunden damit verbringen, die asiatische Seite von Istanbul anzusehen? Es war zu diesem Zeitpunkt schon relativ klar, dass wir wahrscheinlich lieber ausschlafen würden. Dieser Zeitpunkt war vier Uhr morgens. Wir begaben uns langsam auf dem Weg zurück, als uns Dan wiederfand, der nur eben einen Ort zur Erleichterung gesucht hatte und geschlagene 20 Minuten weg gewesen war.
Mir war alles recht. Burcu machte sich über mich lustig, weil ich selbst noch in meinem Zustand darauf achtete, dass alles Verpackungsmaterial ordnungsgemäß im überfüllten Papierkorb verschwand.
Ich weiß nicht, wie wir darauf gekommen sind, aber als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, schauten wir uns noch eine halbe Stunde lang Burcus besten Kurzfilme an, von denen einer sogar mal bei einem Filmfestival gelaufen war. Bei einer Filmstudie über das nächtliche Istanbul, Prostituierte und Transen im Zeitraffer nickte ich kurz weg, wurde aber rechtzeitig munter um ihr zu sagen, wie toll ihre Filme waren. Dann fiel ich ins Bett.




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