Freitag, 20. November 2009

Abreise aus Istanbul, Ankunft in Athen

18.9.
Irgendwie hatte mich Burcu dazu manipuliert aufzustehen und Brot zu holen, und so zog ich mich leise an, während Matthias noch schlief und stieg dann mit unseren letzten Münzen und ein paar Extramünzen von Burcu das dunkle Treppenhaus hinab, in dem ich immer das Gefühl hatte, es war mitten in der Nacht, weil durch die Fenster nur ein schwacher Lichtschimmer fiel, was hauptsächlich daran lag, weil es ein Kaminschacht mit Fenstern darin war.
Beim Bäcker um die Ecke hatten sie die Preise wieder erhöht. Für das Geld, das für zwei Brote reichten sollte, bekam ich nur noch knapp eins. Burcu meinte dann, dass sie sich mit den Preisen nicht einig werden könnten, und dass sie die Preise letzte Woche zu niedrig angesetzt hatten. Ich vermutete dahinter eher eine fortschreitende Inflation.
Die beiden Jungs wurden nur langsam wach; Matthias noch eher als Dan. Wir begannen unser Kater-Frühstück ohne ihn; es gab die gleiche Marmelade, wie wir sie gestern gekauft hatten, was uns daran erinnerte, die Marmelade hier zurück zu lassen, bevor sie am Flughafen für Flüssigsprengstoff gehalten und mit unserem Gepäck in die Luft gesprengt werden würde.
Der Tee war stark wie es türkischer Tee sein sollte, und langsam kehrte das Leben ins uns zurück.

Fast hätten wir es verpasst, zum Bus zu gehen, und der fuhr nur alle zwei Stunden. Wir hatten gestern nicht mal die Zeit gefunden, die Abfahrtsstelle zu suchen, was sich jetzt als Fehler herausstellte. Das Busabfahrtsgelände war groß genug um eine Militärbasis unterbringen zu können. Ich hatte den Gedanken, Leuten mit Koffern hinterher zu laufen, da sie sicher zum Flughafen wollten. Nur gab es davon keine. Ich fragte zwei Jungen nach der Busnummer; sie deuteten in irgendeine Richtung und verschwanden. Mehr durch Zufall fanden wir in dem Gewirr aus Buchstaben und Zahlen unseren Bus.
Doch die Inflation hatte auch die Verkehrsbetriebe erreicht. Das Geld, das wir noch übrig hatten, reichte gerade mal für ein Ticket, statt für zwei, wie Burcu uns versichert hatte. Leicht panisch suchten wir einen Ausweg. Jetzt noch einen Geldautomaten zu finden bevor der Bus losfuhr, war ein Ding der Unmöglichkeit; wir hätten zwar den nächsten Bus nehmen können und unser Flugzeug noch knapp erwischt, aber die Deutsche Überpünktlichkeit pochte uns im Blut, und so bot ich dem Fahrer Euros an. Der verstand mich nicht und rief ein Mädchen herbei, das es sich mit ihrem iPod ein paar Sitze weiter bequem gemacht hatte. Sie sprach englisch und vermittelte zwischen uns. Sie bot sogar an, für uns das Ticket zu bezahlen, aber der Fahrer winkte ab, nahm das Geld für ein Ticket, gab mir die restlichen paar Münzen zurück und winkte uns durch.
So viel Freundlichkeit war ein schönes Abschiedsgeschenk, und ich bedauerte es, Istanbul wieder verlassen zu müssen.
Wir fuhren fast genau eine Stunde zum Flughafen, auf der Straße, die vor einer Woche zu einem reißenden Fluss war. Ich fühlte mich ein wenig mulmig dabei uns beobachtete die wenigen Wolken am klaren Himmel. An den Straßenrändern sah man kaum noch Rückstände des Wassers; ab und an ein Sandsack, und sonst fiel nur auf, dass es ausgesprochen sauber aussah, als hätte man tagelang den angespülten Müll weggeräumt und wär danach noch mal mit einem Kamm über die Wiesen gegangen.

Wir waren natürlich viel zu früh am Flughafen und ließen uns zum Warten nieder. Abwechselnd erkundeten wir den Flughafen, aber er sah aus wie jeder andere Flughafen auch: Überteuerte Heißgetränke, unbezahlbare Souvenirs und sehr viele gelangweilte Leute. Das Mädchen war nach München unterwegs und rannte um ihr Flugzeug rechtzeitig zu erreichen. Nach einer Weile eröffnete der Schalter zum Check-In, und da standen wir wieder eine ganze Weile in der Schlange. Erst mit den seltsamen Fließbändern für Menschen hatten wir wieder Spaß - sie waren wie in einer Kunstausstellung ohne Erkennbaren Grund an eine bestimmte Stelle montiert worden, einfach mitten auf einen langen Gang, ohne Verbindung zu irgendwas.
In dem lang gezogenen Warteraum erwarteten viele Leute schon seit Langem das Boarding. Irgendwas schien nicht ganz zu stimmen, und dann liefen einige Reisende in einen anderen Bereich. Ich hätte auch gern gewusst, warum, aber die Ansagen waren nur auf Türkisch und Griechisch. Vielleicht auch auf Englisch, aber es lässt sich keine Sprache besonders gut verstehen, wenn der Ansager - während er in das Mikrofon spricht - unter Wasser Müsli isst.
Wir nahmen die 50:50-Chance und folgten den Leuten, und bestiegen dann auch ein Flugzeug, und das brachte uns sogar nach Athen.
Der Flug verging ... wie im Flug. Kaum hatten wir den Steigflug beendet, gingen wir schon wieder in den Sinkflug. In den zwei Minuten dazwischen brachten die Stewardessen Kaffee und feinsten gefriergetrocknet-vakuumverpackten Kuchen und Muffins, die nach Schinken schmeckten. Dennoch war es eine schöne Überraschung, dass es Essen kostenlos gab, denn die Flugtickets waren recht billig gewesen.
Alles ging nach Plan; wir verfolgten die Flugroute an den Monitoren und sahen aus dem Fenster unter uns die schönsten griechischen Inseln vorbei ziehen. Bald erreichten wir das Festland. Athen lag zwar nur wenige Kilometer vom Meer entfernt, aber der neue Flughafen war weiter ins Inland gebaut. Griechenland war noch genau wie in meiner Erinnerung: Karg und bergig, mit Serpentinenstraßen, die kaum zweit Autos genug Platz boten aneinander vorbei zu fahren.
Es war noch immer schön warm als wir ausstiegen, obwohl es schon Abend wurde. Wir fanden sofort den Bus, dessen Nummer uns Ioanna geschrieben hatte, kauften die Tickets und freuten uns darüber, dass Griechenland den Euro hatte.
In den Bus stieg ebenfalls noch eine unglaublich nervtötende Familie. Es waren Menschen jener Art, denen man unter keinen Umständen länger als fünf Minuten zuhören will, und dann nach 15 Minuten ihre komplette Lebensgeschichte kennt. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie bald aussteigen würden, aber mein Draht nach oben war noch nie der beste - sie fuhren also bis zur Endhaltestelle. Dass wir auch zur Endhaltestelle fuhren, war hingegen nicht vorgesehen. Ich hätte mein Navi laufen lassen während wir fuhren, und es zeigte mir immerzu an, dass wir uns noch kilometerweit von unserem Zielort entfernt befanden. Die Zahl wurde jedoch weniger, weshalb ich mir keine Gedanken weiter machte. Dann rief Ioanna an, wo wir denn blieben. Wir beruhigten sie, dass wir auf dem Weg waren. Der angezeigte Weg wurde wieder länger. Erst nach einer Weile wurde uns bewusst, was da schief gelaufen war: Ich hatte ihre Adresse zwar korrekt ins Navi eingegeben, aber im Ort Athen, nicht in Glyfada, das ein eigenständiger Ort war, und nicht wie ursprünglich angenommen ein Stadtteil von Athen.
An der Endhaltestelle versuchte ich vom Busfahrer zu erfahren, wo ich hätte aussteigen sollen, denn es gab weder Durchsagen, noch eine Laufschrift mit der aktuellen Haltestelle, noch hielt der Bus irgendwo an, es sei denn, man drückte auf "στάση" - "Stop". So waren wir bald mit dem Abzählen der 15 Haltestellen durcheinander gekommen. Der Fahrer sprach kein Englisch, dafür half uns ein französisches Paar soweit es in ihren Kräften war, weil wir so nett waren, die auf dem Boden liegenden Euros, auf die wir alle schon gierig gestarrt hatten, nicht vor ihnen wegzuschnappen. Ein Kollege unseres Busfahrers erbarmte sich schließlich und wies und an, in einen parkenden Bus einzusteigen, den er nach dem Fertigrauchen Richtung Flughafen fahren würde. Wahrscheinlich begann sowieso seine Schicht, und vielleicht war es das erste Mal, dass dieser Bus laut Fahrplan fuhr. So hatten wir heute fast einen halben Tag umsonst und kostenlos in Bussen verbracht. Als wir dann endlich mit zwei Stunden Verspätung an der richtigen Haltestelle ausstiegen, auf die uns der Busfahrer und ein Fahrgast hingewiesen hatten, war unsere Gastgeberin sogar noch da und wartete auf uns. Sie war überraschend gut gelaunt und erzählte, wie die Leute sie angesprochen hatten: "Wenn du auf einen Kerl wartest - der ist es nicht wert" - "Ich warte auf ein Mädchen" - "Uhh..."
Ioanna war eine schrille, laute Griechin, die knallrotem Lippenstift zu einem grünen Kleid trug und sich die Haare orange gefärbt hatte. Sie fluchte laut und gern, besonders beim Autofahren, währenddessen sie sich schminkte und laut mit dem Radio mitsang. Sie fuhr mit ihrem winzigen Auto wie eine Irre und fluchte über die anderen Fahrer, rote Ampeln oder die niedrigen Olivenbäume, die die Straßen säumten und beim Parken ihre Äste an die Frontscheibe schlugen - "Damn olive trees!" rief sie dann auf Englisch aus. Von den griechischen Fluchen verstand ich weniger, aber ich lernte bald etwas Griechisch, zum Beispiel das Universalschimpfwort "Malakas", das ich hier nicht übersetzen möchte.

Ioanna lebte allein mit ihrer Mutter in einem riesigen Apartment in einem Haus, das ihrer Familie gehörte, im schönsten Vorort Athens. Die Marmorböden blitzen blank, aber die Einrichtung war sichtbar schon etwas älter, dennoch verbreiteten die zahlreichen Kunstgegenstände einen Hauch von Wohlstand. Wir gingen gemeinsam auf den ausladenden Balkon, der außen um die halbe Wohnung herum führte. Knurrend sprang uns ein Hund entgegen. Ioanna hatte uns schon gewarnt, dass ihr Hund Fremden gegenüber skeptisch war, und sie brachte einige Zeit damit zu, ihn zu beruhigen und ihn an uns zu gewöhnen.
Als Ioannas Mutter heimkam, setzte sie sich zu uns auf den Balkon und bereitete uns allen riesige Eisbecher mit den leckersten und edelsten Sorten zu. Es war ihre Lieblingsbeschäftigung, das Eisessen. Die beiden waren sich erstaunlich ähnlich durch ihre schrille, laute Art - mit dem einzigen Unterschied, dass ihre Mutter rauchte wie ein Schlot und eine entsprechend tiefe Stimme hatte.
Ioanna liebte es auszugehen und wollte auch an diesem Abend noch in die Stadt. Sie lernte klassischen Tanz und wollte am liebsten Tanz-Therapeutin werden, nachdem sie festgestellt hatte, dass ihr das Verkaufen von Autos im Familienbetrieb nicht sonderlich Spaß machte. So kam es, dass sie zum klassischen Tanz in ein spezielles Lokal ging, während wir uns ein wenig das nächtliche Athen ansehen wollten. Das wäre an sich keine schlechte Idee gewesen, wenn es nicht angefangen hätte wie aus Eimern zu gießen. Wir retteten uns in das erstbeste Lokal, wo ich einen Tee zum Aufwärmen trinken wollte. Matthias nahm ein kleines Bier und dann kam auch schon die Rechnung zusammen mit einer Schale Kartoffelchips, wobei die Rechnung gesalzener war als die Chips. 3,80 Euro für den Tee und 5 Euro für das Bier. Zuerst nahmen wir an, dass man uns ausgenommen hatte, weil wir Touristen waren. Später wurden wir von den Einheimischen aufgeklärt, dass das ganz normale Preise waren. Wenn ich es im Nachhinein betrachte, denke ich sogar, wir hatten noch Glück gehabt mit diesem Lokal. Aber dazu später mehr.
Wir verließen das Lokal nach einer Weile um nicht in die Verlegenheit zu geraten, weitere Getränke bestellen zu müssen und wanderten die Straßen entlang. Es hatte aufgehört zu regnen, aber die Nachtluft war kühl geworden. Ich wäre am liebsten vor einem Lüftungsgitter stehen geblieben, aber wir hatten Kontakt mit Ioanna aufnehmen können und waren frohen Mutes, bald nach Hause zu können. Es dauerte dennoch eine gute halbe Stunde bevor die das Lokal verließ und mit uns nach Hause fuhr. Um diese Uhrzeit war in Athen kein öffentliches Verkehrsmittel mehr unterwegs; die U-Bahnen fuhren bis Mitternacht und die Busse auch nicht viel länger. Deshalb hatte jeder Bewohner der Stadt ein Auto und es war immer ein völliges Verkehrschaos. Wahrscheinlich würden die meisten Athener nicht einmal die Öffentlichen nutzen, wenn das Angebot besser wäre. Es wurde auf eine andere Art versucht, die Leute von ihren Autos fortzubringen: Eine Aktion "Tag ohne Auto", an dem die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos waren. Und völlig überlastet.
Doch das war erst morgen.

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