Freitag, 2. Juli 2010

Ich lebe noch! Teil 9. (25. Mai bis 30. Mai)

Von Musik, zu der man einfach trinken muss, Abenteuer Fahrkartenkauf und freudigen Zufällen.

25.05.
Beim Lernen sah ich langsam das Ufer nicht mehr; es wurden immer mehr Informationen, und der Stoff immer komplexer, und wenn ich die wichtigsten Zahlen nicht ständig nachschlagen oder von Neuem ausrechnen wollte, musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich erinnerte mich, vor langem einmal etwas über Memotechniken gehört zu haben - Gedächtnistricks. Anstatt sich Zahlen zu merken, assoziierte man jede Zahl mit einem Gegenstand und dachte sich kleine Geschichten dazu aus. Ich beschloss es auszuprobieren - entweder es klappte und ersparte mir in Zukunft eine Menge Arbeit, oder ich hätte damit gerade mal eine halbe Stunde meines Lebens damit verschwendet.
Ich suchte nach dem Stichwort Memotechniken, fand heraus, dass es Mnemotechniken hieß, und fand gleich dazu einige Webseiten, die Zahlen-Gegenstand-Paare vorschlugen. Die 1 sollte das Einhorn sein, die 2 Zwillinge, die 3 ein Dreirad, die 4 ein Stuhl wegen der vier Beine, die 5 eine Hand, die 6 ein Würfel, die 7 der Siebenschläfer, die 8 eine Sanduhr, die 9 ein Kegelspiel und die 0 schließlich ein Ei. Damit konnte man arbeite. Ich dachte mir kleine Geschichten zu allen Zahlenpaaren aus, die ich mir merken sollte: 128 /25, 192 /26, 224 /27, 240 /28, 248 /29 und 252 /30. Bei der 30 stellte ich mir ein Dreirad mit eierförmigen Reifen vor, auf dem sich Zwillinge die Hand reichten - und schon hatte ich die 2-5-2. Ich war selbst beeindruckt, wie gut das funktionierte. Auch andersrum klappt es: Ich lese die Nummer 224, sehe vor meinem inneren Auge zwei aufeinander hockende, schlafende Zwillinge auf einem Stuhl und erinnere mich, dass Schlaf für die Nummer 7 - den Siebenschläfer - steht, also ist die andere Zahl aus dem Paar die 27.

Nach einigen weiteren Stunden Arbeit konnte ich zufrieden mit mir selbst Olga zu einem Picknick treffen. Sie hatte wieder nicht viel Zeit und kam gerade von der Uni, deshalb schlossen wir, das Picknick direkt hinter meinem Wohnheim zu veranstalten. Der 25. Mai war Welt-Handtuchtag und wurde im Gedenken an Douglas Adams von allen Anhängern gefeiert, indem sie den ganzen Tag ihr Handtuch überallhin mitnahmen. So hatte auch ich mein Handtuch dabei und nutze es als Picknickunterlage für uns - eine der vielen praktischen Verwendungsmöglichkeiten für ein Handtuch.
Olga und ich hatten uns im Laden um die Ecke Eis gekauft, saßen nun im Grünen und sie zeigte mir, wie Albert ihr Bachelorarbeitsthema mit Tipp-Ex korrigiert hatte um es allgemeiner zu machen, falls es Olga nicht gelang, mit dem OpNet-Simulator das gewünschte Ergebnis zu erzielen.



Zsolt lief an uns vorbei uns bemerkte uns erst gar nicht. Ich winkte ihm zu, daraufhin kam er zu uns und lehnte sich an den niedrigen Baum, der uns Schatten spendete. Er war wieder mal auf dem Weg zum Einkaufen und fragte, ob Olga wüsste, wo man hier Kopfhörer kaufen konnte. Ich schlug den Technocity-Elektromarkt um die Ecke vor, meinte aber, der sei etwas teuer. DVDs wollte er auch kaufen, sodass ich ihm die russischen Filme brennen konnte, über die wir schon gesprochen hatten.
Zsolt druckste herum und meinte, er würde ungern allein so etwas einkaufen gehen - er ist schon manchmal ein wenig aufdringlich und Olga ließ sich breitschlagen, mit ihm in den Markt zu gehen; sie musste sowieso nach Hause und der Markt lag auf dem Weg. Aber kurz noch eilte Zsolt ins Haus zurück und Olga beschloss in der Zwischenzeit, dass ich verspannt aussah und gab mir eine Rückenmassage. Es knackte und mein Rücken schmerzte noch mehr als vorher.

Im Technocitymarkt half Olga Zsolt - so gewissenhaft wie sie immer alles erledigte. Ich beriet ihn fachlich, welche DVDs er kaufen sollte und meinte, so viel wie hier würde ich nie für Kopfhörer ausgeben. Aber ich glaube, sehr professionell wirkte ich nicht mit meinem Strand-Outfit und dem Handtuch über den Schultern. Das Sicherheitspersonal beäugte mich misstrauisch.
Wir bekamen alles, was Zsolt wollte und gingen nach draußen und auseinander. An der Bushaltestelle standen Mädchen in Schuluniform mit Rüschen und große Schleifen im Haar, die an Anime-Fans erinnerten. Heute war der letzte Schultag, erklärte Olga, und traditionell putzten sich die Schüler so heraus um diesen Tag zu feier. Später erfuhr ich, dass sich im Stadtzentrum mehrere hundert Schüler in diesem Outfit versammelt hatten. Russland wurde von Tag zu Tag merkwürdiger.



Heute lief auch mein Visum ab und genau heute sollte ich das neue Visum bekommen. Organisationsfähigkeit ist doch eine Tugend in Russland. Alles lief glatt und ich bekam mein neues Visum im Auslandsamt - ein Extrazettel im Reisepass mit sechs Stempeln und eingeklebten Passfotos. Aliza fragte mich nach dem Sinn des Handtuchs, und ich setzte wieder an, den Handtuchtag zu erklären und von "Per Anhalter durch die Galaxis" zu erzählen, doch sie wurde abgelenkt und machte nicht den Eindruck, als würde sie es wirklich interessieren, und als sie sich mir wieder zuwendete, sagte ich stattdessen, wir hätten gerade ein Picknick gemacht. Was ja auch stimmte.

Langsam machte ich mich zu Fuß an diesem schönen Sommertag auf den Weg zum Russischkurs in Gebäude 5, im Sand entlang schlendernd und mich zum wiederholten Male fragend, weshalb die Straßen einen breiteren Sandstrand hatten als manches Seebad.
Auf dem Weg sprach mich ein gebeugtes Omachen an; sie hatte nur noch einen Zahn, der ihr an einer Seite des faltigen Munds hervorragte. Ich verstand gar nicht so recht was sie wollte, aber sie wiederholte ein Wort recht oft, das wie "Kopeke" klang. Ich kramte in meiner Hosentasche, in der ich immer ein paar Rubelstücke mit mir herumtrug und fischte ein 5-Rubel-Stück hervor, das ich ihr in die Hand drückte. Daraufhin wirkte sie sehr glücklich und segnete mich praktisch. Das musste ich nicht wörtlich verstehen, es war aus ihren Gesten ersichtlich. Dabei waren 5 Rubel kaum mehr als 10 Cent. Dafür hätte einen der durchschnittliche Penner in einer deutschen Fußgängerzone angemotzt.

Im Russischkurs erwartete uns eine Überraschungsprüfung. Obwohl es für die Ägypter keine Überraschung zu sein schien. Wahrscheinlich hatte unsere Lehrerin es in der letzten Stunde angekündigt, als ich bereits zum Cisco-Praktikum gegangen war. Offiziell überschnitten sich die beiden Lehrveranstaltungen nicht, aber da die Ägypter immer eine halbe Stunde zu spät kamen, verlängerte unsere Lehrerin den Unterricht normalerweise um mindestens eine halbe Stunde. So auch diesmal, und ich hätte es beinahe nicht geschafft, bis 18 Uhr fertig zu werden, da wir viel zu spät mit der Prüfung begonnen hatten. Ich dürfte wahrscheinlich einige Flüchtigkeitsfehler gemacht haben, aber Hauptsache ich hatte alles ausgefüllt und kam rechtzeitig zum Praktikum, denn Farin begann fing immer pünktlich an.
Es waren nicht mehr viele Studenten im Praktikum; das einzige andere Mädel hatte den Kurs geschmissen um sich auf ihre Bachelorarbeit konzentrieren zu können. Dafür traf ich wieder auf Olga, die wiederum Farin treffen wollte, unseren Praktikumsbetreuer. Er wiederum wollte, konnte und / oder sollte ihr bei ihrer Bachelorarbeit helfen. Dazu bauten sie zusammen ein Netzwerk auf und beobachteten die Messdaten. Als ich drei Stunden später mit meiner Praktikumsarbeit fertig war und die beiden immer noch schufteten, gesellte ich mich zu ihnen und versuchte nachzuvollziehen, an was sie experimentierten. Es war klar, dass sie an dem Abend nicht mehr fertig werden würden und sie an einem anderen Tag daran weiterarbeiten musste. Olga hatte die offizielle Erlaubnis erhalten, diesen Praktikumsraum auch ohne Betreuer zu betreten. Ich will gar nicht wissen, wie viel Bürokratie dafür notwendig gewesen war. Jedenfalls half ich ihr bei der Dokumentation der Programmeinstellungen, da sie es für eine Ingenieurin recht umständlich erledigte. Aber dieses Gefühl hatte ich immer, wenn ich einen Nicht-Informatikstudenten bei der Arbeit am Computer beobachtete. Natürlich gab es immer eine kürzere und effizientere Methode etwas am Computer zu erledigen als die Variante, die von den meisten Nutzern gewählt wird, und ich musste mich auch immer beherrschen, ihnen nicht in die Tastatur zu greifen um es mit wenigen Tastenkombinationen zu erledigen.

Olga packte einen Beutel aus ihrer Tasche aus und gab ihn mir. Ich betrachtete ihn neugierig; es war eindeutig etwas Essbares. "Piroschki", meinte Olga. "Für dich." Ich dankte ihr - hatte ich doch ganz vergessen, wie hungrig ich eigentlich war! Es waren Teigtaschen in der Art von der, die ich in Sankt Petersburg am Katharinenpalast gegessen hatte: Hefebrötchen, die aber nicht mit Reis, sondern mit Ei und Schnittlauch gefüllt waren. Irgendwann musste ich Olga nach dem Rezept fragen, denn sie waren klar selbstgemacht. Sie waren von außen sehr fettig, aber eindeutig nicht frittiert... eine seltsame Speise, aber meiner Meinung nach das Beste, was Russland kulinarisch zu bieten hatte.


Farin trank derweil Kwas aus einer 2-Liter-Flasche und bot uns davon an. Ich lehnte dankend ab, in Erinnerung an das Getränk bei Andrey und Tatiana. Es war schon 22:30 Uhr geworden, aber Olgas Problem blieb: Sie erhielt unmögliche Werte.
Doch für heute sollte es erstmal reichen, denn der Wachtmann stand schon ungeduldig im Türrahmen. Ich versprach Olga, das Netz beim nächsten Mal gemeinsam aufzubauen und half nun beim Abbauen.
Farin bot an, uns heimzufahren, obwohl es ein Umweg für ihn war. Er war schon ein echt netter Kerl. So kam ich noch rechtzeitig vor dem Absperren des Wohnheims an. In Zwickau hatte ich auch oft bis 23 Uhr in der Hochschule gearbeitet - weil schon 23:13 die letzte Bahn fuhr, und hier war 23 Uhr die Stichzeit, zu der das Wohnheim zugesperrt wurde. Es war fast, als sorgten sich die Verantwortlichen darum, dass wir nicht zu lange arbeiten...

26.05.
Heute fand die letzte Vorlesung des Semesters bei Albert statt; das stimmte mich etwas traurig. Wie schnell war die Zeit vergangen, und wie bald würde ich wieder in meinem alten Leben in Deutschland sein? Es sind Momente wie diese, die mich wieder dazu tendieren lassen, meine Masterarbeit in Izhevsk zu schreiben. Ich habe einfach das Gefühl hier noch nicht fertig zu sein. Mit was auch immer. Etwas weinerlich fragte ich Albert, ob er mich auch nicht vergessen würde... Ganz entrüstet meinte er: "Natürlich nicht!" Wir würden uns auch außerhalb der Vorlesungen sehen, versprach er.

Für heute Abend hatte mich Sina in einen Club eingeladen, in dem sie mit einer ihrer Bands experimentelle Musik spielen würde. Sie meinte, es würde fürchterlich und vor allem laut werden, aber wenn ich wollte, könnte ich vorbeikommen.
Nun suchte mich aber auch Zsolt auf und fragte, ob wir mal wieder gemeinsam russisch lernen wollten. Das hatte ich völlig verdrängt gehabt... es war ja auch von Beginn an ersichtlich gewesen, dass an diesem guten Vorsatz - zwei Stunden gemeinsam Russisch lernen pro Tag - nicht viel Haltbares gewesen war. Stattdessen fragte ich ihn, ob er in den Club mitkommen wollte. Das ließ er sich nicht zweimal sagen, denn außer einiger spezieller Kontakte hatte er nicht viele Bekannte, mit denen er ausgehen konnte. Das wusste ich so genau, weil er mich mittlerweile für seine beste Freundin hielt und mir sehr detailliert schildete, was er mit diesen speziellen Kontakten so anstellte. Es kam mir fast so vor, als würde ich eine Folge "Sex and the City" anschauen. Als ich ihn darauf hinwies, meinte er: "Also ich bin auf jeden Fall eine Samantha". Zweifelsohne.
Seine Kontakte fand er über vkontakte; dort hatte er ein spezielles Profil nur für diesen Zweck angelegt, entsprechend freizügige Fotos hochgeladen und den Beziehungsstatus auf "es ist kompliziert" gesetzt. Mich wunderte vor allem, dass es so gut zu funktionieren schien.

Als ich Zsolt von meinen Plänen erzählte, nach Sankt Petersburg zu fahren, lud er sich auf seine typisch unaufdringliche-aufdringliche Art selbst ein. Eigentlich wollte ich ja mit Sina fahren, aber sie schrieb in dieser Zeit offiziell immer noch ihr Diplom und wusste noch nicht, ob sie rechtzeitig vor der Reise fertig werden würde. Ich wusste selbst nicht, ob ich überhaupt fahren konnte. Ich hatte zwar die Prüfungen mit Albert aushandelt, aber ich muss auch mit Professor Puschin darüber sprechen, wie er alles geplant hatte. Obwohl es natürlich nicht so schlimm wäre, diese Prüfung nicht zu schreiben, denn erstens verstand ich nichts vom aktuellen Stoff, zweitens interessierte mich der aktuelle Stoff auch nicht besonders, und drittens machte ich sowieso alle Prüfungen nur zum Spaß mit - außer vielleicht die Cisco-Prüfungen. Mittlerweile hatte ich mir zum Ziel gesetzt, ein offizielles Zertifikat zu erlangen. Falls ich die Prüfung von Modul 4 sehr gut bestand, würde ich auf die offizielle Prüfung einen ordentlichen Rabatt bekommen - statt 250 US-Dollar würde ich nur 60 bezahlen müssen. Aber das stand noch in weiter Zukunft; erst einmal galt es die Prüfungen zu bestehen und natürlich einen Schlafplatz in Couchsurfing zu organisieren. Die Weißen Nächte waren ein großes Event mit Festivals und Veranstaltungen aller Art; wahrscheinlich kam die halbe Welt zu dieser Zeit in die Stadt. Ich bereitete mich innerlich schon darauf vor, 20 bis 30 Leute anschreiben zu müssen bevor ich eine positive Zusage bekam. Bei Varya konnte ich diesmal nicht übernachten, weil sie nur Platz für eine Person hatte.

Zsolt wollte von mir wissen, welche Art von Club es war, in den wir gingen, und welche Kleidung angemessen wäre. Ich hatte selbst keine Ahnung und schickte Stasya eine SMS, von der ich wusste, dass sie immer mit von der Partie ist, wenn es um die Auftritte von Sina und ihren Bands ging. "Bringe einen Freund aus Ungarn mit, der wissen will, was er anziehen soll, was für ein Club ist das?" Zwar bekam ich darauf eine Antwort von ihr, aber nicht auf diese Frage. Dafür bekamen wir Instruktionen, welche Bahnen und Trolleybusse wir nehmen konnten. Wir sollten zu einer Haltestelle namens "Detskij Mir" kommen, nicht mehr zu Udmurtischen Universität, wie vorher verabredet.
Soweit, so gut.

Heute hatte wieder die Etagenfrau Dienst, die mir ab und zu ein Stück Schokolade zusteckte. Sie meinte, es sei an der Zeit, dass wir ordentlich Russisch mit ihr sprächen und quetsche und aus, wohin wir denn gehen wollten. Ich sagte ihr, wir gingen auf ein Konzert in einen Club... Quartier 18 war sein Name. Das sorgte für Verwirrungen, denn "Quartier" war das russische Wort für "Wohnung" und Bestandteil einer üblichen russischen Adresse. "Also doch kein Club, sondern zu Freunden nach Hause?" "Nein, doch, ein Club... mit Freunden" Wir grinsten uns an. Russisch war eine schwierige Sprache.
Zsolt hatte darauf bestanden, seine Schuhe noch putzen zu wollen, weshalb wir schon recht spät dran waren. Nur knapp erreichten wir bis 18 Uhr das Zentrum und hatten noch längst nicht den Club gefunden. Stasya korrigierte sich in einer SMS; sie hätte mir die falsche Busnummer geschrieben; wir sollten Bus 7 nehmen. Der war gerade an uns vorbeigefahren. Wir gingen zur nächsten Bushaltestelle, warteten dort auf Nummer 7, und schon der nächste Stop war die Haltestelle, an der wir mit Stasya verabredeten waren. Doch sie war nirgendwo zu sehen. Hatte das Konzert schon begonnen? Nein, sie rief an: Wo seid ihr denn? Seid ihr an der richtigen Haltestelle? Ich sehe euch nicht, welchen Bus habt ihr denn genommen? Beschreib mal, was du siehst...
Ich antwortete, dass wir direkt vor Detskij Mir standen, ein großes Geschäft mit Kinderspielzeug. Sogar der Straßenname stand direkt vor mir: Die Straße der Roten Armee. Sie verstand mich nicht. Nach einigem Hin- und Her gab sie das Telefon an einen Bekannten, und es dauerte gut eine Minute bis mir klar wurde, dass er deutsch sprach. Aber da hatte ich sie schon auf der anderen Straßenseite entdeckt und wirkte. Wir liefen aufeinander zu und umarmten uns. "Endlich, ich hatte mir schon Sorgen um euch gemacht!" rief Stasya und führte uns um die Ecke von Detskij Mir in einen Hintereingang, der in eine Bar führte. Sie hatten sich einen ungarisch klingenden Namen für Zsolt ausgedacht um ihn kostenlos in den Club zu bringen.
Das Konzert hatte noch nicht begonnen, weil das Equipment noch nicht da war. Sina schien auf Wolken zu gehen und überhaupt in ganz anderen Sphären zu schweben. Eine halbe Stunde später begannen sie trotzdem, obwohl die Hälfte der Ausrüstung noch fehlte. Genauso improvisiert die Musik. Aber Sina hat mich gewarnt. Laut wie ein Bombeneinschlag und völlig übersteuert peitschten schrille Töne aus den Lautsprechern. Es war so dunkel, dass ich Fotos machen musste um herauszufinden, wie es im Raum aussah. Der Sänger - wahrscheinlich auf Drogen - saß auf dem Fußboden und brabbelte irgendetwas ins Mikrofon. Später kamen Mikrophonständer hinzu, und plötzlich war ein Saxophonist zu hören. Man merkte, dass diese Musiker was auf dem Kasten hatten, aber experimentieren wollten. Anders als die Nachfolgegruppe, die laut Stasya vor einem Monat mit dem Spielen angefangen hatten. Früher, in den 90ern, war Izhevsk die russische Hauptstadt des Technos gewesen, doch heute nicht mehr, und Langeweile ist in die Musikszene eingezogen. Deshalb diese Suche nach etwas Neuem. Meiner Meinung nach hatten sie es noch nicht gefunden. Ich brauchte erstmal einen Drink.



Wir saßen mit einigen der Musikern und der engsten Fangemeinde zusammen, wobei nicht ganz auseinanderzuhalten war, wer wer war. Jeder spielte wahrscheinlich irgendein Instrument und trat hier und da einmal auf. Mir wurden so viele Leute an diesem Abend vorgestellt, ich kann mich beim besten Willen nicht mehr an alle erinnern, und schon gar nicht an die Namen. Das würde beim nächsten Wiedersehen peinlich werden.
Der Sänger wirkte nun depressiver als vorhin, hatte aber definitiv etwas geraucht. Er war sehr selbstkritisch und ich versuchte nette Worte zu finden. Zsolt saß nur so steif und geziert da, wie er eben immer dasaß. Die Runde hatte sich zwei Pizzen bestellt, die schneller von den Tellern verschwunden waren als der Teller den Tisch berührt hatte. Es schien ihre Tradition zu sein: Erst spielen und sich dann eine Pizza teilen. Auch Schokolade lag auf dem Tisch, aber die mitgebrachte Weinflasche vom Beginn des Abends war auf Bitte der Clubbesitzer verschwunden.
Alle redeten darüber, dass Premierminister Vladimir Putin seit mindestens heute in der Stadt sei, aber keiner wusste, was er da machte. Später durchsuchte ich das Internet nach entsprechenden Nachrichten. Offenbar entwickelte man ein neues Kalaschnikow-Modell und hatte eine Regierungskonferenz zum Thema Export von modernen Handfeuerwaffen einberufen.

Zu später Stunde warteten wir mit der Band und dem Fankreis draußen auf der Straße in der kühlen Nachtluft auf den Wagen, der ihre Instrumente abholen sollte, die wir mit hochzutragen geholfen hatten. Das brachte uns wohl nun auch offiziell in den engeren Fankreis.
Auf dem Nachhauseweg wollte Zsolt unbedingt noch, dass ich ein Foto von ihm und Lenin machte, der wie eh und je vor seiner Bibliothek stand, aber es war viel zu finster dafür.
Seltsame Werbung begegnete und auf dem Weg zur Straßenbahn..."frau lust" - das zeigte, dass Deutsch wieder in Mode kam.


27.05.
Heute war es mal wieder Zeit für etwas Studium. Vor allem den organisatorischen Teil meines potentiellen Vorhabens, meine Masterarbeit in Russland zu schreiben, hatte ich etwas vor mir hergeschoben. Doch wenn man es genau betrachtete, war es gar nicht so viel... ich erhielt die Auskunft vom Auslandsamt, dass es kein Stipendium für eine so kurzfristige Entscheidung geben würde; mein Netzwerktechnikprofessor in Zwickau zeigte sich am Thema interessiert, das ich in Russland bearbeiten würde, und schien weniger daran interessiert, mir selbst ein Thema anzubieten, da es noch einige Monate in der Zukunft lag. Nur wenn ich wirklich in Russland bleiben sollte, musste ich etwas früher die entsprechenden Informationen einholen. So schien es mir, als würde mir die Entscheidung aus der Hand genommen werden. Weiterhin erfuhr ich, dass ein verwissenschaftlichter Reisebericht von mir in einem Sammelband nun doch endlich erscheinen sollte und schaffte es wieder einmal seit Langem einen Blogeintrag fertigzustellen. Auf diese Weise passierte nicht viel an diesem Tag, das es wert wäre, aufgeschrieben zu werden.

Zum Mittag kochte ich mir Pelmeni und bemerkte, dass ich langsam den Dreh rausbekomme. Wenn man die Teigtaschen mit einem Löffel aus dem Waser fischte statt das Wasser abzugießen, blieb eine Art Fleischbrühe zurück, die man sicher als Grundlage für eine Suppe verwenden konnte - sollte ich je herausfinden, wie man eine Suppe selbst zubereitete. Bis dahin aber trank ich es als die Fleischbrühe, die sie war, denn in Izhevsk gab es keine fertige Brühe in der Art, wie ich sie aus Deutschland gewohnt war. So bekam ich wieder ein Stück Heimat.

28.05.
Sina hatte gemeint, dass sie unmöglich sagen konnte, wann sie mit dem Diplom fertig werden würde, deshalb sollten Zsolt und ich uns erstmal allein die Tickets kaufen, und wenn sie die Zeit fand, würde sie sich ihr Ticket spontan kaufen. Viel Hoffnung setzte ich nicht darein, zumal Albert uns gewarnt hatte, dass im Sommer die Zugtickets sehr schnell ausverkauft waren. Das dürften wir den deutschen Touristen zu verdanken haben, wie ich in meinen ersten Internet-Recherchen zur transsibirischen Eisenbahn festgestellt hatte. Offenbar war halb Deutschland im Sommer unterwegs durch Sibirien. Die Russen hingegen konnten nicht nachvollziehen, was so fantastisch daran sein sollte, mit dem Zug eine Woche lang durch Russland und China zu fahren. Ich versuchte es zu erklären: Es sei das letzte Abenteuer... in Deutschland seien die Züge zu komfortabel und unpersönlich... man will doch die russische Seele entdecken... aber so richtig konnten meine Ausführungen nicht überzeugen. Dabei wollte ich selbst im Sommer nach meinen Prüfungen mit der Transsib nach Wladiwostok reisen. Wann hatte man sonst je die Gelegenheit dazu?

So traf ich mich heute also mit Zsolt zum Fahrkartenkauf. Das war gar nicht so einfach.
Wir musste zwar nicht hinaus zum Bahnhof fahren, da es eine offizielle Ticketverkaufsstelle und mehrere Reisebüros und Zh/D-Kassen im Zentrum gab, aber in der offiziellen Ticketverkaufsstelle machte niemand den Eindruck, uns Tickets verkaufen zu wollen. Zuerst plauderte die Verkäuferin am einzigen offenen Schalter mit einem Bekannten, und es ging ganz offensichtlich nicht um Zugtickets, während ihre Kolleginnen hinter "Dieser Schalter ist nicht besetzt"-Schildern dabei zuschauten.
Als der Mann gegangen war, ignorierte sie uns schließlich. Ich sagte probeweise "Guten Tag", aber sie hatte nicht einmal das Mikrophon angeschaltet. Ohne das war sie vollkommen abgeschottet hinter ihrem Panzerglas und musste sich nicht mit nervenden Kunden abplagen.
Wir standen also etwas unentschlossen da und warteten. Als wir nach fünf Minuten immer noch nicht gegangen waren, hatten wir wahrscheinlich eine Prüfung bestanden, in der wir beweisen mussten, dass es uns ernst war mit dem Fahrkartenkauf und erhielten schließlich die Erlaubnis zu sprechen.
"Ja?", meldete sie sich knapp. "Guten Tag", sagte ich, "Sprechen Sie Englisch?". "Nein." Ich tauschte einen resignierten Blick mit Zsolt aus. Er hatte sich schon im Vornherein geweigert, mit den Verkäufern auf Russisch zu sprechen. Das hieß wohl, dass es für mich es eine willkommene Gelegenheit sein musste, mein Russisch auszuprobieren.
Tatsächlich hatte ich während der Zeit in Izhevsk mein Russisch verbessern können, ohne es wirklich gesprochen zu haben. Trotzdem kam ich nur bis zur Hälfte des Fahrkartenkaufs. Es scheiterte an einer Rückfrage, die - wie mir heute klar ist - die gewünschte Lage der Sitze betraf. Im der gehobenen Coupé-Klasse gab es nur zwei Möglichkeiten: Oben oder unten zu schlafen. In der Platzkart-Klasse hingegen gab neben diesen beiden Optionen noch die Möglichkeit, seitlich oben und seitlich unten zu schlafen, erfuhr ich am Abend von Murik, der mir einen Wagon zur Verdeutlichung aufmalte.
Am Schalter stehend jedoch... fühlte ich mich eher hilflos und bat die Frau, mir das Wort aufzuschreiben und hielt mein Wörterbuch hoch. Nur dummerweise stand es nicht im Wörterbuch drin. Sie verlor schließlich die Geduld mit uns und sagte, wir sollten morgen mit einem Übersetzer wiederkommen. Ich schätze, da hatte sie keinen Dienst und es wäre nicht mehr ihr Problem.
Ich rief Olga an - wen sonst? Es war mit ein etwas unangenehm, weil ich wusste dass sie viel zu tun hatte, aber sie erklärte sich bereit, morgen mit uns zum Schalter zu kommen.

Da ich nun wieder jemanden zur Mittagszeit zur Seite hatte, beschloss ich kurzerhand, uns in ein Café auszuführen um einmal wieder etwas Anständiges zu essen, doch Zsolt wollte lieber Schuhe kaufen gehen. Ich schlug den Kompromiss vor: Erst etwas essen, und wenn er dann einen billigen Schuhladen sah, würde ich vielleicht mit hineinkommen und nur minimal darüber stöhnen, wie viele Paare er anprobierte.
Nach kurzem Suchen fand ich das Café wieder, das mir Dascha damals gezeigt hatte... damals, wie das klingt... als wäre ich seit Ewigkeiten hier. Und tatsächlich fühlt es sich so an.
Die Verkäuferin war freundlich und schien mich sogar wiederzuerkennen. Es war richtig angenehm, nicht wie beim Ticketkauf behandelt zu werden und ich ließ mich zu einem etwas großzügigeren Essen hinreisen: Lachs mit Kartoffelspalten, dazu Kompott aus Johannesbeeren. Für ein Café im Zentrum waren die Preise jedoch moderat. Und ich ließ es mir ordentlich schmecken. Zsolt hatte sich bereits etwas zum Mittagessen zu Hause zubereitet gehabt und sprach davon, wie er einige Gerichte schon genauso gut wie seine Mutter zubereiten konnte, und dass er auch einmal für mich etwas zubereiten wollte.


29.05.
Heute musste der Ticketkampf in die Endrunde gehen. Gestern Abend hatte ich mit Murik die Internetseite der russischen Eisenbahngesellschaft rzd.ru aufgerufen und versucht, darüber die Tickets zu kaufen - bis wir an die Stelle kamen, an der wir Reisepassnummern eintragen mussten, denn ich wusste die von Zsolt nicht, und es war schon nach 23 Uhr, also schlief er wohl schon fest, jedenfalls hatte es Gergö das ein oder andere Mal erwähnt, wenn er sich über Zsolt aufgeregte.
Also mussten wir doch persönlich hin... das heißt: Nicht wir gemeinsam, denn ich hatte völlig vergessen, dass ich heute, am Tag es Endkampfes, eine Vorlesung bei Professor Puschin hatte, und das auch noch zur gleichen Zeit, die ich mit Olga verabredete hatte.
Doch es war gar nicht nötig, persönlich anwesend zu sein. Bevor ich zur Vorlesung ging, klopfte ich an Zsolts Tür, gab ihm meinen Reisepass und erklärte ihm die Situation. Olga und er kannten sich ja, also dürfte das kein Problem sein, sagte ich mir, und ließ alles seinen Gang gehen. Den Preis für das Ticket hatten wir gestern im Internet herausgefunden, und viel mehr konnte es mit den Verkaufsgebühren gar nicht werden, schließlich war es immer noch Russland.

Ich hatte am Morgen wieder auf der Gitarre geübt und besah nun im Gehen und im Licht des Tages meine geschundenen Fingerkuppen - weiße Hornhaut in Fetzen und schwarze Streifen darüber - ich bin echt zum Gitarrenspieler geworden. Ich musste an Dieter Nuhr denken, der einmal Leute beschrieben hatte, die er besonders ekelig findet: "...und sich den Daumen wie eine Banane schält..." und ich musste lachen. Die Leute sahen mich im Vorbeigehen seltsam an.

Wie immer war ich pünktlich und die Ägypter zu spät, die Vorlesung unverständlich und Professor Puschin über unser mangelndes Interesse enttäuscht. Er fragte mich am Ende der Stunde, ob es denn nicht interessant für uns wäre. Ich lachte, deutete auf das Tafelbild, mit dem er uns versucht hatte, ein Prinzip zu verdeutlichen, und sagte, ich sei schon vor einer Stunde ausgestiegen, weil ich nie Elektrotechnik gelernt hatte. Ich wusste nur so viel von Elektrotechnik: Es war ein Schaltkreis. Die ganzen Symbole hatte ich nie zuvor gesehen. Professor Puschin zeigte sich überrascht: Wie, das habt ihr nie im Studium gelernt? Und auch nicht in der Schule?
Ich musste ihn enttäuschen. In Russland gehörte es vielleicht in die Schulausbildung. Ich hingegen hatte in meiner Schule bis zum Abitur Kunstwerke interpretieren und stilistische Mittel in Gedichten finden gelernt.

Heute war meine Laune durch das Wetter etwas gedrückt, aber das sollte sich bald ändern:
Welch seltsame Dinge manchmal geschehen - oder wie anders man empfindet, wenn man drei Monate in Russland gelebt hat... so geschah der erstaunlichste Zufall seit ich in Izhevsk bin:

Nach der Vorlesung fragte ich zur Herstellung von SIM-Karten nach, weshalb wir etwas länger blieben, dann erwähnte Professor Puschin, dass seine Tochter ihn um das besonders leckere, frische Brot aus dem Supermarkt neben ihrem Haus gebeten hatte. Ich bat ihn, mir diesen Bäcker zu zeigen, und so gingen wir gemeinsam in den Supermarkt. Neben dem frisch duftenden Brot kauften wir Salate ein. Die Russen machten wirklich aus allem Salat. Ich ließ mir einen Salat geben, der besonders seltsam aussah; seine Hauptzutat waren Möhren und Kartoffelchips.


Ich verabschiedete mich von Professor Puschin, dankte ihn für den Tipp und sah mich noch ein wenig um bevor ich mit den bezahlten Einkäufen nach draußen ging. Und nur weil mir eine ältere Frau entgegen kam, hielt ich ihr die Tür auf, sonst wäre ich nie auf die Idee gekommen, die Tür auch für den Mann hinter mir aufzuhalten. Er bedankte sich auf Englisch, was mich so erstaunte, dass ich ihn darauf ansprach - hatte ich etwa meine Tarnung aufgegeben und mich alt Ausländerin zu erkennen gegeben, indem ich rücksichtsvoll war? Nein, der Mann kam aus - Amsterdam. Ich war darüber so erstaunt, dass wir ins Gespräch kamen. Sie waren im September losgefahren, quer durch Russland gefahren und planten bis nach China zu reisen. Ich ließ es mir nicht nehmen und begann auf Holländisch zu sprechen. Es war einfach nur toll, diese Sprache wieder zu hören und zu sprechen. Wir gingen gemeinsam bis zum "Campingplatz" - es war ein bewachter und umzäunter Parkplatz. Ich staunte nicht schlecht: Neben drei gelben Nummernschildern sah ich um die 10 deutsche Wohnwagen und einen Schweizer. Hier war ein richtiges Nest. Wie kam es, dass es mir vorher nie aufgefallen war, so nah an meinem Wohnheim?
Wir sprachen aber nur kurz und verabschiedeten uns. Eigentlich wollte ich noch länger mit ihm reden, von seiner Reise erfahren, und die Gewöhnung an die russische Lebensart hatte in mir das Gefühl hinterlassen, dass wir eigentlich eine Runde Tee zusammen trinken sollten. Zurück im Wohnheim überlegte ich, noch einmal vorbeizugehen, und dann tat ich es auch, kaufte eine Schachtel Pralinen auf dem Weg und ging zum Parkplatz. Viele Deutsche standen in der Gegend, nur von den Holländern keine Spur. Ich hätte sie nach ihren Plänen für heute fragen, oder ihnen vielleicht eine Stadttour anbieten sollen. So zog ich unverrichteter Dinge davon. Doch das Hochgefühl blieb. Es erstaunte mich selbst, wie froh mich diese Zufallsbegegnung gemacht hatte. Man lernt wohl doch die kleinen Dinge zu schätzen, wenn man sie lange nicht erlebt.


Zurück im Wohnheim erlebte ich dann wieder deutlich den Unterschied zwischen Westeuropäern und Russen - als ich für einen Mann mit Einkaufstaschen die Tür aufhielt, bedankte er sich überschwänglich und begann sofort im Plauderton mit mir ein Gespräch zu beginnen, und als es auf Russisch nicht ganz klappte, versuchte er es auf Englisch, und fragte mich zum Beispiel nach meinem Namen. Nach meinem Namen wurde ich außerhalb von Russland praktisch nie von Zufallsbekanntschaften gefragt, in Russland ist es jedoch eine der ersten Fragen. Es gab sie, die kleinen Kulturunterschiede und die russische Seele - es war vor allem eine ganze spezielle Art der Gemütlichkeit und Herzlichkeit, die man nicht sofort erfahren konnte, wenn man als Fremder nach Russland kommt, aber immer wieder erfährt - wenn man als Fremder nach Russland kommt.

Im Supermarkt hatte meine Neugier über mich gesiegt und ich hatte mir schließlich doch eine Flasche Kwas der Marke gekauft, wie sie Farin mir angeboten hatte. Zsolt kam zum Plaudern in meinem Zimmer vorbei, und diesmal war ich froh darüber, denn er war der einzige hier, der wusste, was es für mich bedeutete, Holländer zu treffen - ich erklärte ihm, dass es sich für mich so anfühlte, wie es wahrscheinlich für ihn war, wenn ihm Ungarn in diesem unbekannten Stück Russland begegnen würden. Zsolt liebte seine Heimat sehr; er war ein echter Patriot und verglich alles und jeden mit Ungarn. Ich begann mittlerweile mehr über Ungarn zu wissen als über Russland.
Ich öffnete die Flasche mit dem Kwas, das sofort wie aus einer Ölquelle zu sprudeln begann. Mit einem Hechtsprung schnappte ich mir mein Badehandtuch um die größte Sauerei zu vermeiden.


Als Zsolt gegangen war, musste ich mich einmal wieder an Cisco setzten und einige praktische Übungen lösen. Gegen drei Uhr morgens bemerkte ich, dass es schon wieder heller wurde und frage mich, wie weit nördlich wir eigentlich waren. Es schienen die Weißen Nächte schon in Izhevsk zu beginnen. Ihren Namen hatten sie von der Eigenart, dass es während dieser Zeit nie ganz dunkel wurde. Man kannte dieses Phänomen auch in anderen nördlichen Ländern als Polartag; dort kann man beobachten, wie die Sonne auch mal einfach gar nicht untergeht. In Sankt Petersburg hingegen dürfte ein Zustand der Dämmerung für einige Stunden zu erwarten sein, bevor die Sonne wieder aufging.

Ich überlegte noch etwas Anderes: Im Auslandsamt war für morgen, als praktisch heute, ein gemeinsames Fallschirmspringen angekündigt worden. Aliza wollte sich noch einmal deswegen bei mir melden, hatte es jedoch nie getan. Ich war mittlerweile sowieso zu leicht um überhaupt zum Fallschirmspringen zugelassen zu werden - das Mindestgewicht von 50 Kilogramm hatte ich schon in Deutschland nicht mehr erreicht, und das obwohl ich zu dieser Zeit nicht gerade dürr war. An mir war nur einfach nicht mehr Fleisch und Knochen dran. Wahrscheinlich wäre ich eh nicht gesprungen, denn es war schon ein gewisses Risiko damit verbunden. Bungee Jumping hingegen - vielleicht.
Aber mitgekommen und zugesehen hätte ich wahrscheinlich schon... wenn nicht immer noch so viele Aufgaben zu lösen wären, und ich nicht jetzt schon zu lange aufgeblieben war um schon 9 Uhr morgens aus dem Bett zu kommen...

30.05.
Heute musste ich noch die Übungen fertig machen, die mich fertig machten. Damit beschäftigte ich mich den ganzen Tag, schon halb auf dem Zahnfleisch herumrutschend und in Versuchung, in die Tischkante zu beißen. Schon seit Tagen saß ich an sogenannten Access-Listen, mit denen man sehr detailliert den Datenverkehr in Netzwerke hinein und aus ihnen heraus einschränken konnte. Dazu musste ich eine Aufgabe als Prüfungsvorleistung lösen. Ich wandte mich schließlich an Farin und schilderte mein Problem, das eigentlich nur darin bestand, dass ich in keiner einzigen Kombination der Befehle auf 100% kam. Zuerst hielt ich mich nur für schrecklich dämlich, aber nach einigen E-Mails mit Farin stellte sich heraus, dass ich zwar auch einen Denkfehler hatte, aber dass vor allem die Deppen von Cisco Fehler in die Aufgabenstellung eingebaut hatten. Farin meinte, es sei nicht möglich, in dieser Übung über 69% zu kommen und sendete mir zwei weitere Übungsaufgaben zum Thema. Nun biss ich wirklich in die Tischkante.

Nur zu gerne nahm ich Wowas Einladung auf eine kleine Ablenkung an. Er meldete sich immer noch mal von Zeit zu Zeit, auch wenn er selbst im Studium einen ganzen Brocken Arbeit hatte. Jeder schien im Moment an seiner Diplom- oder Bachelorarbeit zu schreiben; nur Pascha nicht, der war auf dem Fahrrad in der Republik unterwegs.
Wowa holte mich um 17 Uhr am Wohnheim ab. Ob ich schon im Kirow-Park gewesen sei? Nun, es war fast unmöglich, noch nicht dort gewesen zu sein, denn er lag gleich um die Ecke und hatte diesen sowjetischen Charme, der ihn zum idealen Naherholungsraum machte. Aber eigentlich war ich nur einmal mit Gergö dort gewesen.
Wir spazierten die Straße hinunter, durch den Park, vorbei an Gruppen von jungen Trinkern, die bei Einbruch der Dunkelheit wahrscheinlich zu Gopniks werden würden, und kamen schließlich über einen kleinen Weg hinunter zu Izhevsks einzigem Strand. Ich war schon vorher einmal hier gewesen, aber im Frühling, und hatte den Strand unverständlicherweise mit einer Schlammwiese verwechselt. Doch nun waren Volleyballnetze aufgebaut worden, kleine Kabinen zum Umkleiden standen auf dem Sand und sogar eine Art Rettungsschwimmer schien am Ufer des Stausees zu sitzen. Allerdings schwamm niemand. Es schien sich herumgesprochen zu haben, dass man von dem Wasser im besten Fall einen Ausschlag bekommt. Ich hatte zusätzlich dazu noch die Theorie, dass eine ganze Reihe von mutierten Seemonstern darin herumschwamm. Aber das glaubte mir dann doch niemand.
Wowa war mutig und wusch seine vom Sand staubig gewordenen Füße im Wasser. Vielleicht war es ja doch nicht so schlimm? Ich wollte abwarten, wie heiß es noch werden würde bevor ich wirklich dort baden ging. Von anderen hatte ich gehört, dass es viel schönere Seen in der Nähe, zum Beispiel 40 Kilometer entfernt gab, und dass wir vielleicht mal mit dem Auto hinfahren könnten. Aber das dürfte sich auch im Sand verlaufen...



Wir spazierten zurück und kamen an einem Dingens vorbei, das ich bisher nur im Dunkeln gesehen hatte. Ich hatte immer mal im Hellen vorbeikommen und es fotografieren wollen, war aber nie dazu gekommen. So war heute meine Gelegenheit, und da ist es:



Der Abend war noch so schön und warm, dass ich vorschlug, noch eben ein Eis essen zu gehen. Das nächstgelegene Café war das mit dem überdimensionalen Colt auf dem Dach und der schrecklichen Technomusik aus den Lautsprechern. Doch wie immer erfüllte es seinen Zweck, das nächstgelegene Café zu sein.
Ich hatte immer ein wenig den Eindruck, dass Wowa besorgt war, ob ich in Russland überlebte und ob ich es überhaupt hier aushielt... umso erstaunter schien er, als ich ihm davon erzählte, vielleicht noch ein Semester ist Russland bleiben zu wollen. Wenn wir über Deutschlandland und Russland sprachen, ließ er oft kein gutes Haar an seinem Land und lobte Deutschland für seine vielen tollen Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, und schüttelte den Kopf, wenn ich die ein oder andere Absonderlichkeit erzählte, die mir in Russland so untergekommen war, vielleicht auch nur vom Hörensagen. Ja, es sei alles wahr, bestätigte er.

2 Kommentare:

  1. • Das sind doch alles magische Computerzahlen, die man irgendwie mit 2 hoch x darstellen kann. Kannste das nicht ausrechnen ^^
    • Öhm, du sollst doch die Leute nicht gleich wieder durch deine Freaky-Dinge, wie Handtuchtage vergraulen… :D
    • Öhm, wie das Thema im nachhinein noch angepasst, das das Ziel erreicht wird? Das bekommste in Zwickau dann aber nicht mehr durch ;)
    • Ist dein Rücken jetzt wieder OK, oder knackt der jetzt bei jeder Bewegung?
    • War das für die der letzte Schultag überhaupt oder nur des aktuellen Schuljahrs. Wir machen hier ja am letzten Schultag auch immer Krach und solche Späße?
    • Du verschreckst damit, Handtuchtag, ja wirklich überall Leute - Freak. :D
    • Die Omi (eigentliche verniedlichungsform im Deutschen für Oma ;) ) wollte ja auch Anfangs nur Kopeken haben… das sind 5 Rubel ne ganze Menge im Gegensatz. Da bekommt man in RU aber doch bestimmt schon ein Brot für?
    • Olga ist doch Informatikerin/ Nachrichtentechnikerin... oder nüsch? Sie ist die geborene Prof., stundenlang Knöpfe in Computerprogrammen suchen :D Kenne ich irgendwoher
    • "Sie hatten sich einen ungarisch klingenden Namen für Zsolt ausgedacht um ihn kostenlos in den Club zu bringen" Aber sein Name ist doch Ungarisch?!
    • Als würde man im Netz finden wo Putin sich genau herumtreibt und was er so genau auskaspert (Apropos gab es letzte Woche einen Agentenaustausch zwischen dem weißen Haus und dem Kreml, haste davon was mitbekommen?)
    • Ist unsere Europareise jetzt veröffentlicht? Wie viele Seiten waren es letztendlich?
    • Biste jetzt auf Butter-Soßen-Entzug, eigentlich?
    • Cool, die Frauen am Schalter sind ja wie die von der Deutschen Bahn "Pah, jetzt stelle ich das 'Schalter geschlossen' Schild vor deine Nase."
    • DU KANNST RUSSISCH SPRECHEN JETZT MACH ES AUCH ENDLICH! Es könnte viel besser sein, wenn du dich einfach mal getrauen würdest!
    • Hätteste mal Physik nicht abgewählt ;)
    • "...Art der Gemütlichkeit und Herzlichkeit, die man nicht sofort erfahren konnte, wenn man als Fremder nach Russland kommt, aber immer wieder erfährt - wenn man als Fremder nach Russland kommt." < das klingt komisch
    • Aber schon interessant, dass du dich über Holländer mehr freust, als über deine eigene Volksleute…
    • Kann ja nicht jeder gut abschneiden, da muss mal halt mit Fehlern in der Aufgabenstellung die Quote drücken
    • Sind in den Parks auch Freizeitparkanlagen, wie in Usbekistan?
    • Das mit den anderen Seen, in 40 km Entfernung haste doch aber noch gemacht, den Fotos zu Urteilen?

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  2. • Du kannst doch lesen - ich hab geschrieben, dass ich sie eben nicht ständig neu ausrechnen wollte...
    • Das ist nicht Freaky, das ist Popkultur.
    • Deswegen wollen wir es möglichst allgemein formulieren...
    • Nein, nei, alles in Ordnung
    • Letzter Schultag wie in Deutschland... aber die machen hauptsächlich Krach in DE
    • Selber.
    • Selbst in Russland bekommt man für 5 Rubel noch kein Brot. Und eigentlich wollte ich Ömmeken schreiben, aber ich dachte mir, das versteht keiner.
    • Olga ist wohl Telekommunikationsingenieurin, aber sie hält nicht gern Vorträge vor Leuten.
    • Den kannten sie aber nicht^^
    • Nee, hier erfährt man sowas doch nicht... sind wir immer noch im kalten Krieg?
    • Öhm... gekürzt... veröffentlicht... keine Ahnung, ich hab nichts mehr von PBL gehört.
    • Nein, ich ess ja nix mehr.
    • Nee, schlimmer. Bei der Bahn kam ich immer dran.
    • Kannst du schon lesen?!^^ Ich habe mit denen gesprochen, aber die haben mich nicht verstanden!))
    • Ich hab Physik nicht abgewählt, sondern zwei Kurse parallel belegt.
    • Das ist ein stilistisches Mittel, du Kunstbanause! ;-p
    • Ich mag Holländer lieber.
    • Genau so.
    • Nein, nicht alle.
    • Doch, aber erst diese Woche.

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