Sonntag, 9. Januar 2011

Auf zu neuen Abenteuern! Anleitung zur Prokrastination. (02. - 08.Oktober)

2.10.
Seit Tagen hatte ich schon Probleme mit dem Einschlafen und noch größere mit dem Aufstehen. War ich letztes Semester 11 Uhr aufgestanden, wurde es jetzt schon 13 Uhr. Die Müdigkeit schien aber auf allen Nicht-Russen zu liegen; gestern hatte Michael davon erzählt, und dass er fast den Kurs verschlafen hätte, und seiner Freundin ging es genauso, und die Deutschen überlebten vermutlich nur durch ihren Kaffee. Es war wohl das Wetter und die Kälte, die einen nur ins warme Bett kriechen lassen wollte. Die Heizungen waren wieder abgeschaltet worden, und wieder kam das Leben selbst nicht so recht in den Gang. Es war Samstag und alles lief darauf hinaus, dass wir uns am Abend auf ein Blueskonzert treffen; die ganze Clique um Stasya wollte kommen, oder zumindest hatte sie es angekündigt. Ich stellte bald fest, dass sich die Herbstmüdigkeit nicht auf die Ausländer beschränkte - bei uns war sie nur ausgeprägter.

Stasya ging durch eine Phase und wollte nun auch nicht mehr Stasya genannt werden, sondern Nastya oder etwas ganz anderes, aber um Verwirrungen zu vermeiden, nenne ich sie hier weiter Stasya während ich im realen Leben damit Begann sie nach Sinas Beispiel Stacy zu nennen.

Ich hatte es mir währenddessen in den Kopf gesetzt, Okroschka zu kochen, obwohl dies eine Sommersuppe war, aber ich hatte vor gerade an diesem Tag beim Nachtragen meines Blog davon geschrieben, sodass geschah, was mittlerweile immer geschah, wenn ich meinen Blog nachtrug: Kaum hatte ich geschrieben, wie einfach es vermutlich zuzubereiten sei, wollte ich es ausprobieren. Heute würde ich nicht mehr genug Zeit dafür haben, aber morgen konnte ich es zum Mittag in Angriff nehmen, wenn ich jetzt die Zutaten besorgte. Statt zum meinem Stamm-Supermarkt Karusel fuhr nur bis runter in den teureren Hypermarkt Gastronom, den ich in den ersten Monaten gar nicht als Supermarkt für voll genommen hatte - eher als Boutiquenzentrum oder Hotel wahrgenommen. Ich musste mich beeilen, denn um 18:30 wollte ich Dima zu treffen um gemeinsam zum Club zu fahren, aber dorthin wollte ich ungern den Sack Kartoffeln mitnehmen, den ich gerade gekauft hatte, deshalb musste ich schnell zurück zum Wohnheim alles abladen - und nur 10 Minuten zu spät bei den beiden an, verständigte sie aber auf dem Weg darüber.
Dima kam mir mit Nastya schon entgegen. Nastya würde uns nicht begleiten, sie wollte zu einem Privatkonzert von Freunden, während Dima lieber mit uns ausgehen wollte, aber wenn man in einer so gesunden Beziehung ist wie die beiden lebt, kann man auch mal getrennt ausgehen. Ich beobachtete lächelnd, wie er liebevoll versuchte Nastya den Kopf zu wärmen, weil sie keine Mütze trug.

Wir mussten ewig auf eine Straßenbahn warten, und dann war es eine, die uns nicht zum Club bringen würde. Am Samstagabend fuhren offenbar kaum noch öffentliche Verkehrsmittel. Da es aber schon spät war, nahmen wir die nächste Straßenbahn, die in eine für uns nur wenig günstige Richtung fuhr und liefen den Rest des Weges, während Nastya zu ihrer Feier weiterfuhr.
Nach gut 500 Metern zu Fuß hatten wir es aber auch geschafft; Izhevsk war ja wirklich nicht groß.
Der Club Aviator neben Kentucky Fried Chicken sah von außen aus wie ein Mobilfunkladen, war innen aber flugzeugtechnisch ausgestaltet. Stasya und Mischa warteten schon auf uns am Eingang. Der Eintritt kostete 150 Rubel, das war mehr als für ein abendliches Konzert üblich war, aber dafür leuchteten die Eintrittskarten im Schwarzlicht. Dann wurden unsere Taschen durchsucht und wir wurden wie am Flughafen mit Metalldetektoren abgesucht. Es musste ein ganz besonderer Club sein, oder nur der alltägliche Wahnsinn.

Ich hatte auch Dascha und Miguel für Stasya eingeladen, aber beide hatten die Einladung wohl zu spät gesehen - zumindest schrieb Miguel mir am nächsten Tag per SMS, dass er unheimlich gerne mitgegangen wäre, schon allein um meine verrückten Musiker-Freunde kennenzulernen. Die waren heute aber gar nicht recht verrückt drauf, und viele waren es auch nicht. Der Club war mäßig gefüllt, obwohl es von der Geräuschkulisse her nach einem großen Konzert klang - das lag daran, dass man einen Live-Mitschnitt eines Konzerts aus der Sound-Anlage abspielte, inklusive jubelndem Publikum.
Dann kam das ganze jedoch in echt: Die Gruppe nannte sich Blues Doctors und spielte eine Mischung aus Blues und Rock, wobei sie kräftig in die Saiten ihrer Gitarren schlugen.
Bald darauf hatten sie keine Lust mehr, ihr Programm weiter aufzuführen und forderten das Publikum zu einer Jam-Session auf, bei der jeder Musiker mitspielen sollte, wenn er sich traute. Ich fürchtete mich eher und befürchtete das Schlimmste als sie "freies Mikrophon" ankündigten, aber glücklicherweise war kein Möchtegern-Superstar anwesend. Statt schmerzhaft in den Ohren wurde es nur ewig lang, jedes dauerte Lied 10-15 Minuten. Nastya und Mischa waren tanzen gegangen, Dima und ich hingen etwas müde herum und er scherzte, dass man eigentlich über alles singen könne - den Sänger der Band verstünde man ja sowieso nicht, weil es ihm an Englischkenntnissen mangelte. Ich schaute Dima nur verdutzt an: "Wie, der singt auf Englisch?" Und wie die kreativen Säfte hier zusammenflossen, kamen wir auf eine revolutionäre Idee: Wir sollten Lieder zu Quelltext dichten, also das, was wir programmiert hatten, auch singen und spielen, und so eine Art Nerd-Rock-Welle lostreten, spannen wir.
Gegen 22 Uhr war das Konzert zu Ende, Dima wollte Kopfschmerztabletten kaufen, die anderen ins Café gehen, aber ich entschloss mich zum Wohnheim zurückzukehren. Sie alle begleiteten erst mich zur Haltestelle und warteten bis ich in der Bahn saß, dann wollten sie sich um Dima kümmern. Getrunken hatte heute niemand; Stasya blieb so nüchtern wie ich - ich hatte wie vielen von uns seit jenem Ereignis, das wir respektvoll Champagnerabend nannten, keinen Tropfen mehr angerührt und war ganz froh drüber.

Der Gedanke an die Vertonung von Quelltexten hatte mich begeistert und auf dem ganzen Weg nach Hause nicht losgelassen; als ich in mein Zimmer kam, warf ich die Jacke achtlos aufs Bett, nahm die Gitarre, setzte mich an den Computer, klickte auf "Aufnahme" und begann das erstbeste zu singen, das mir in den Kopf kam: Eine Cisco-Routerkonfiguration. Nach nur 18 Aufnahmen war ich schließlich zufrieden damit und trug das Notebook auf den Gang, wo immer noch das Internetkabel aus der Tür hing, um die Aufnahme schnell ins Internet hochzuladen um sie Dima zu zeigen.

Als ich dort im Gang saß, wurde von einem Jungen angesprochen - wie sich herausstellte, war er erst vor zwei Tagen aus Ungarn angereist, sprach Deutsch und hieß - Gergö. Erst vorgestern hatte ich mit Susen darüber gesprochen, dass uns Gergö fehlte. Und nun war er wieder da - nun, fast. Er sah unserem Gergö auch gar nicht ähnlich, aber die anderen Gemeinsamkeiten waren schon erstaunlich. Es würde wahrscheinlich verwirrend werden, wenn das Original Anfang nächsten Jahres zurück kam, wie er es geplant hatte.

Ich plauderte lang auf dem Gang sitzend mit dem neuen Gergö, aber da es recht ungemütlich war, fragte ich, ob wir uns nicht zu einem Tee in sein oder mein Zimmer zurückziehen wollten. Wir gingen in seins, das direkt neben dem Computerraum lag, und er bot mir an, das Kabel bei ihm im Zimmer zu nutzen statt auf dem Gang, weil es lang genug war in sein Zimmer zu reichen. Er setzte Teewasser auf, hatte sogar 3 Teegläser im Zimmer, aber er lebte im Moment allein darin. Es war Muriks altes Zimmer - beinahe hätte ich es nicht wiedererkannt, weil es so ordentlich aussah.
Ich ging noch eben ins mein Zimmer und holte deutschen Tee und Kekse, denn ohne Süßes wollte ich schon gar keinen Tee mehr trinken. Wir plauderten weiter bis er gegen 2 Uhr morgens zu gähnen anfing ; ich hatte ihm Tipps zu Izhevsk und dem Leben in Russland gegeben, aber in Russland war er schon früher gewesen, hatte er erzählt. Er schien auch viel besser vorbereitet zu sein als der erste Gergö und sprach sogar genug Russisch um die Vorlesungen hier besuchen zu können.

Mein Hasenfreund rannte wieder wie wild in meinem Zimmer umher und ich überlegte, ihn die Nacht bei mir bleiben zu lassen, weil es im Korridor unserer WG so kalt war, dass er ganz kalte Ohren hatte - aber das hätte Mascha wahrscheinlich nicht gefallen, die ihn nachts immer einfing, wenn sie von der Arbeit kam und ihn in den Käfig sperrte.

3.10.
Ich wachte auf mit dem Cisco-Lied im Kopf auf, das ich gedichtet hatte und das mir mittlerweile auf die Nerven ging. Ich glaubte, es unbewusst an einen populären Song angelehnt zu haben, kam aber beim besten Willen nicht drauf, an welchen.
Mit neuer Energie stand ich schon 11 Uhr auf, statt wie bisher 13 Uhr, und begann in der Küche zu werkeln, Kartoffeln und Eier zu kochen, wobei mir einfiel, dass ich gar nicht so richtig wusste, wie man das machte. Ich holte mein Notebook und schlug es im Internet nach, nahm das Notebook mit in die Küche, befolgte exakt die Anleitung - und tatsächlich, die Eier wurden perfekt, goldgelb und hartgekocht mit nur ein bisschen Flüssigkeit in der Mitte - wie aus dem Handel. Pures Anfängerglück, sagte ich mir. Ich hatte sie aus dem eiskalten Kühlschrank genommen und in das schon angewärmte Wasser auf den Herd gelegt bzw. geworfen, wodurch ich mir das Anpieksen hatte sparen können, weil sie dadurch leicht angebrochen waren, und hatte dann wartete ich, bis das Wasser kochte und stoppte von diesem Zeitpunkt an die Zeit - 7 Minuten. Danach hatte ich sie in eine Schale mit kaltem Wasser zum Abschrecken geworfen. Ich war stolz wie eine Hausfrau am ersten gelungenen Weihnachtsbraten. Zumindest meinte ich, dass man sich dann wohl so fühlte, denn ich war noch meilenweit von einem Weihnachtsbraten entfernt.


Für Okroschka musste ich alle Zutaten möglichst klein schneiden; ich schnitt winzige Radieschen-Würfelchen, dann die Geflügelwurst klein, die frischen Gurken und nach dem abkühlen auch die Eier und die Pellkartoffeln, ließ das Ganze etwas stehen, kippte dann alles in einen Topf, rührte kräftig - fertig. Nein, die Hauptzutat fehlte noch: Kwas, jenes Getränk, das ich den ganzen Sommer über getrunken hatte, und das wie eine Mischung aus Bier und Limonade schmeckte. Im Winter gab es das zwar nicht mehr frisch, aber in Flaschen.
Ich nahm mir etwas des Essensgemischs aus dem Topf auf den Teller und kippte Kwas, und zur Sicherheit auch saure Sahne darüber. Es schmeckte genau wie bei Ilnur in Kazan. Dort hatte es mir eigentlich nicht geschmeckt, aber wenn man etwas selbst kochte, legte man andere Maßstäbe und Erwartungen an das Gekochte an. Und wahrscheinlich gewöhnte man sich auch an den seltsamen Geschmack von dem Zeug, wenn man nur oft genug damit gequält worden war. Ich beschloss, es beim nächsten Mal in Deutschland für Matthias zuzubereiten.




Ich klopfte drüben bei Gergö, der gerade aufgestanden war, und fragte ihn, ob er ein Tellerchen probieren wollte. Er war tapfer und kam mit seinem Teller zu mir rüber, fand aber eine Portion davon ausreichend und aß nie wieder bei mir. Wir plauderten wieder bis zwei Uhr, aber diesmal nachmittags - er war mit einer Freundin verabredet, und ich mit Farin; ich wollte Farin noch etwas beim Banyabau helfen und dann mit ihm zum Konzert der berühmten russischen Gruppe Bi-2 gehen, die damit das Einkaufszentrum Talisman eröffneten, das eigentlich schon seit einem halben Jahr offen war, aber bisher hatte es einen sehr leeren Eindruck gemacht - doch nun waren alle Ladenflächen vermietet und mit der offiziellen Einweihung sollte und dem Konzert sollte das Einkaufszentrum bekannt gemacht werden.

Als ich um 15 Uhr bei Farin ankam, wurde ich wie immer zuerst von seiner Mutter zum Teetrinken und Naschen animiert: Eierkuchen, selbstgemachte Marmelade, Weintrauben… wer gut aß, konnte gut arbeiten.
Dann zogen wir uns alte Sachen drüber, behielten unsere guten Sachen aber noch darunter, denn es war schon sehr kalt draußen. Farin gab mir spezielle Schuhe und einen ganzen Sack voller Socken, die ich alle übereinander ziehen sollte. "Matroschka-Socken", witzelte ich.

Diesmal stand ein echter Betonmixer bei Farin im Garten; war von seinem Nachbarn Rawil selbstgebaut worden. Ich schaufelte den Sand und den Zement rein während Farin ihn verteilte. Rawil selbst kam auch vorbei um nach dem Rechten zu schauen; er warf einen Blick in das Banya mit dem Betonfundament und meinte "Ochujenno!". Farin erklärte, dies sei eine weitere Ausdrucksform der Mutterflüche und hieß so viel wie "scheiße ist das geil". Rawil könne sich den ganzen Tag lang nur in Mat‘ ausdrücken ohne auch nur einmal dabei auf Standardrussisch zurückgreifen zu müssen, fügte Farin hinzu.

Das Banya war wirklich ziemlich geil geworden, stimmte ich Rawil zu. Stolz zeigte mir Farin den Dachboden, wo noch der Rauchabzug hineinkommen sollte. Wir waren auf einer klapprigen Leiter hinaufgeklettert und saßen nun in Bergen von Isolation. Dieses Banya war bestimmt so perfekt isoliert, dass man es selbst im tiefsten Winter nur einmal anheizen musste und es dann eine ganze Woche lang durchlief.

Bisher hatte Farin es mir nicht zugetraut, den Beton aufzutragen, aber nun wollte er unbedingt ein gespieltes Interview mit mir machen und drückte mir die Kelle in die Hand und filmte mich wie ich den letzten Beton gerade strich. Dabei stellte er mir Fragen wie - warum ein Arbeiter aus Deutschland nach Russland kam. Manchmal war er schon ein bisschen seltsam.

Bevor wir zum Konzert konnten, wurde ich wieder zum Essen gezwungen; seine Mutter hatte selbst geschnittene tatarische Nudeln zubereitete - sie hatte wirklich einen Teig ausgerollt und daraus Nudeln geschnitten, bestätigte Farin mir. Diese hatte sie dann in Fleischbrühe mit Senf gekocht, und dazu gab es den Krauteintopf, den ich schon kannte - Kapusta, das einzige Wort, das ich auf Russisch, aber nicht auf Englisch kannte.

Wir wussten nicht, wann das Konzert beginnen sollte, denn das hatte aus Prinzip nirgendwo auf den Plakaten gestanden, sodass die Besucher in der Zwischenzeit einkaufen gingen. Wir machten uns erst nach 19 Uhr auf den Weg, aber ich bestand darauf, noch schnell ins Wohnheim zu fahren, das auf dem Weg lag, weil ich mich weigerte, Farins Toilette noch mal zu benutzen.
Als wir um 20 Uhr ankamen, erfuhren wir, dass die Band schon eine Stunde lang spielte. Es war nicht weiter schwer gewesen, den Ort des Geschehens zu finden - man musste nur den Leuten und rollenden Bierflaschen auf dem Boden folgen. Wahrscheinlich hatten sie es deshalb Open Air ausgerichtet statt direkt im Einkaufszentrum. Ich hatte mir bis dato nicht vorstellen können, dass es in Izhevsk so viele junge Leute gab; es war eine riesige, wogende Masse, die meisten von ihnen betrunken. Die Band setzte gerade zum großen Finale mit sehr populären Songs an, von denen ich keinen kannte, aber alle anderen konnten mitsingen. Farin versuchte mir die Musik zu erklären, in der Art von "das ist ein ganz bekanntes Lied, aber schon alt" und "das Lied ist eigentlich von Splin". Er ließ sich leicht von der Stimmung mitreißen und begann wie ein Schulmädchen auf einem Tokio-Hotel-Konzert zu jubeln. Seine Stimme war so hoch, als hätte ihm gerade ein Hund in die Eier gebissen. Man konnte es wahrscheinlich bis zur Bühne hören. Ich sah mich hektisch um, ob irgendwer in der Nähe stand, der mich vielleicht kannte. Im Momenten wie diesen war mir Farin ausgesprochen peinlich, weshalb ich ihn auch später nicht zu Konzerten mitnehmen wollte, zu denen ich mit meinen Freunden ging.
Abgesehen davon hatte Farin eine Menge guter Eigenschaften, zum Beispiel bestand er darauf, mich auf seinen Schultern zu tragen, dass ich über die Leute vor uns schauen konnte. Das erschien mir erst keine gute Idee - es war da oben etwas wackelig, besonders wenn er zur Musik abging, außerdem war nicht davon überzeugt, dass er mich lange halten konnte, denn er war kaum größer als ich und eher schmächtig gebaut - aber es klappte, ich fiel nicht hinunter, er brach sich nicht das Rückrat - nur die Kamera fiel beim etwas rauen Absteigen aus geringer Entfernung auf den Boden. So kamen wir alle mit Kratzern davon.


Die Band gab die letzte Zugabe und die Menge begann sich aufzulösen. Bald saßen auf dem Platz nur noch die Schaschlik- und Leuchtarmbänder-Verkäufer. Wir gingen im Talisman umher, aber hier war es einfach zu teuer um einkaufen zu gehen; Farin versprach, mich später in einen billigeren Laden namens Troika mitzunehmen.
Wir gingen zurück zum Auto, das er direkt vor dem Einkaufszentrum halb quer auf einem Fußweg geparkt hatte. Er hatte mir versprochen, mir bei einer Russischhausaufgabe zu helfen, aber es war zu spät, wieder zu ihm nach Hause zu fahren, so fuhren wir zum nächstbesten Café. Auf dem Weg zum Wohnheim lag nur noch das Café "Bolschoj Kusch" mit dem großen Colt über der Eingangstür; der Name könnte übersetzt wohl "der große Fang" heißen, erklärte mir Farin mit Händen und Füßen.

Farin bestellte sich Eierkuchen und einen Früchteeisbecher - und wunderte mich, wie er jetzt schon wieder essen konnte. Ich nahm nur eine Käseplatte.
Russland war definitiv kein Käseland. Neben zwei Sorten Hartkäse gab es nur noch einige Stränge des geräucherten und gesalzenen Zopfkäses, von dem ich noch nicht mal überzeugt war, dass es sich dabei um Käse handelte. In Usbekistan war uns das gleiche Zeugs als "fish sticks" verkauft worden.

Aus dem Hausaufgabenmachen wurde bald eine ausgiebige Lektion in Mutterflüchen. Ich war fasziniert davon - sie gehorchten einer eigenen Grammatik, einer eigenen Logik und konnten durch Vor- und Nachsilben, und sogar durch Betonung völlig die Bedeutung ändern. Im Prinzip baute sich alles um das Wort "chuj" - "Schwanz" auf. Die einfachste Form war "na chuj", auf dem "na" betont und drückte allgemeinen Unwillen aus; praktisch so etwas wie "zum Teufel", aber ausgesprochen vulgär. Fügte man die Nachsilbe "ya" an, auf welcher der Ausdruck auch betont wurde, erhielt man ein Fragewort, das eine vulgäre Frage nach dem Grund ausdrückte. Es gab unzählige Kombinationsmöglichkeiten, aber alle fast gingen auf irgendein standardsprachliches Wort zurück, dessen Wurzel man gegen "chuj" ausgetauscht hatte.

4.10.
Und wieder war es Montag. Um 11 Uhr stand ich auf, mit etwas weniger Elan, aber immerhin. Wenigstens konnte ich es mir mit dem Kurs nicht mehr erlauben, bis 13 Uhr zu schlafen. So notierte ich schnell einige Zeilen für den Blog Notizen und macht mich auf den Weg zur Uni in wieder genau 40 Minuten inklusive Fußweg und dem Warten auf den Bus. In der Kantine verbrachte ich nicht mehr als 20 Minuten inklusive Anstehen. So ließ sich ein Rhythmus finden, notierte ich.

Im Kurs wurden wir wieder auf Russisch ganz allgemeine Dinge gefragt, wie: "Wann fährst du nach Deutschland zurück?" Gute Frage, überlegte ich. Wenn sich Albert weiterhin nicht auskäste, und der Kurs auf diesem Anspruchsniveau bleibt, könnte ich das ganze Projekt durchaus noch schieben und auch noch im Frühling in Izhevsk sein. Die Vorstellung gefiel mir.

Im Trolleybus auf dem Weg nach Hause bemerkte ich zum ersten Mal, dass Münzen an der Scheibe der Fahrerkabine steckten. Es hatten sich schon dicke, schwarze Ränder um sie herum gebildet - es war sicher Not-Wechselgeld, und es verrottete, weil die Fahrkartenverkäuferin immer eine riesige Tasche mit Münzen mit sich herumschleppen musste, obwohl davon sicher auf Dauer Rückenschmerzen bekam.

Zu Hause aß ich die Reste der Okroschka, und stellte fest, dass sie auch ohne Kwas genießbar war, vielleicht sogar mehr als mit Kwas. Ich beschloss, meine Wäsche zu waschen, aber die Waschmaschinen waren belegt, sodass ich weiterhin beschloss, in zwei Stunden noch mal nachzuschauen, ob sie frei waren, hatte es bis dahin aber wieder vergessen. Ich begann ein Lied auf der Gitarre klimpern, das mir im Kopf herumging, und als mir die Finger schmerzten, setzte ich das Blogschreiben fort, wobei sie bei jedem Tastendruck seltsam vibrierten - als wollten sie sich beschweren, dass ich zu viel Gitarre spielte... So ließ es sich eigentlich ganz gut leben - ich hatte etwas Sinnvolles zu tun, aber nicht zu viel davon. Nur das Cobol-Lied wollte nicht so richtig gelingen. Meine Cisco-Ballade hatte sich zu einem Erfolg unter meinen Nerd-Freunden entwickelt, und auch Sina hatte hineingehört und es cool gefunden. Aber nun war es schwierig ein Nachfolger nach einem solchen Hit zu schreiben. An Cobol lag es jedenfalls nicht, denn diese Programmiersprache hatte sich selbst den Anspruch gestellt, wie ein Buch lesbar zu sein, und somit war sie auch gut singbar. Wahrscheinlich reichten meine kreativen Säfte nur für ein gutes Lied - ich war ein One-Hit-Wonder, nur dass es keiner außerhalb meiner Freundesliste bemerkt hatte.

Am Abend setzte ich mich ein paar Stunden hin um eine Simpsons-Folge anschauen, die selbst nur 20 Minuten dauerte, aber bis durch die dünne Leitung die Bits durchgebröckelt waren, hatte ich die Zeit anderweitig im Internet durchgebracht.

5.10.
Eine E-Mail hatte mich heute völlig überrascht: Wo mein Artikel für die neue Ausgabe bliebe, heute sei Redaktionsschluss. Ich hatte zwar immer die Sitzungsprotokolle heruntergeladen und virtuell abgeheftet, aber nie durchgelesen, sodass ich nun meine letzte Verbindung nach Zwickau verloren hatte und völlig uninformiert über alles war, was dort vor sich ging. Schnell schrieb ich irgendwas Positives über das Leben in Russland und erfuhr später, dass die meisten anderen sogar noch später dran waren als ich.

Plötzlich klopfte es an meiner Tür - ein nervöser, dunkelhaariger junger Mann stand davor und stellte sich als Peter vor - es war der Peter aus Ungarn, der nie vorher aufgetaucht war und der angeblich Kontakte zur UdGU besaß. Hätte ich auf seine Kontakte gewartet, wäre ich nie im Kurs angekommen, denn er wollte bei dieser Gelegenheit mich fragen, wo ich Russisch lernte.

Meine in Russland aufgeschnappte Gastfreundschaft übernahm und ich bat ihn, reinzukommen und erstmal einen Tee mit mir zu trinken, gleichzeitig suche ich etwas Essbares und fand eingeschweißte bunte Ananasstückchen, die ich für so eine oder ähnliche Gelegenheit gekauft hatte. Wir lernten uns ein wenig näher kennen; er war ein ganz anderer Typ als beide Gergös, stiller, aber auch interessierter an meinen Hinweisen und Vorschlägen. Ich erzählte ihm von dem Kurs und zeigte ihm meine Bücher zum Durchblättern, und schlug ihm vor, mit mir zur UdGU zu kommen und dort den Einstufungstest zu machen. Peter wollte vor allem wissen, wie das Niveau im Kurs war, weil er nur Grundkenntnisse der russischen Sprache besaß; ich versicherte ihm, dass das Niveau nicht zu hoch war und man Rücksicht auf den unterschiedlichen Stand der Teilnehmer nahm. Er wirkte unentschlossen und wir vertagten die Entscheidung. Wir beide wollten noch mal zum Gergö; ich um ihn zum Stammtisch einzuladen, und Peter um... keine Ahnung, mein Ungarisch beschränkt sich auf "köszönöm" und "bazmeg". Gergö kam gerne mit zum Stammtisch um sein Deutsch aufzupolieren.

In der Cafeteria der UdGU gab es neben normalen Gerichten aus grauem Fleisch, die es auch in der IzhGTU gab, ein gutes Angebot aus essbaren Mahlzeiten und nicht-abenteuerlich aussehender Suppe, und eine ganze Reihe fertig präparierter Teller mit der seltsamsten Suppe, die ich je gesehen hatte: Da schwammen getrocknete Pflaumen und Aprikosen mit Reis, Rosinen und saurer Sahne umher, und in einer der Suppenteller paddelte eine Fliege hilflos umher. Ich nahm diesen Teller um die Fliege aus der Suppe zu retten und diese Suppe mal zu probieren; ich nahm an, dass es mir sowieso nicht schmecken würde, und es wäre ja die absurd, eine Suppe ohne Fliege zurück gehen zu lassen.
Zu meiner Überraschung war die Suppe nicht nur essbar, sondern regelrecht köstlich. Sie war kalt und aus dem Getränk "Kisel" hergestellt, das mir schon in Moskau so geschmeckt hatte - es war einfach eine riesige Portionen rote Grütze. Mit Reis und saurer Sahne.


Der Kurs diesmal wieder voll. Ich erzählte Susen vom neuen Gergö, und sie war genauso begeistert wie ich. Wie erwartet bat sie, dass ich ihn zum Stammtisch morgen mitbringen sollte.
Noch vor Ende des Kurses verschwand sie, weil sie selbst eine Vorlesung hatte, und ich wollte direkt von der Uni zu Sina fahren, dabei stieß ich jedoch in noch nicht von mir kartographisierte Bereiche vor und ging prompt auf dem Weg mit dem Trolleybus verloren, fand jedoch die Straßen auf der Stadtkarte und trug die Buslinien nach. So vervollständigte sich das Bild.

Sina hatte gerade ein Blech Kekse gebacken, als ich kam, und betrachtete sie kritisch; gestern seien sie besser gewesen. Ich fand sie gelungen. Als nächstes nahm Sina eine Krautpfanne wie bei Farin in Angriff, dabei musste sie die Zucchini kosten, ob es daran bittere Stellen gab; die gab es zuhauf und sie sprach wild umher, auf das bittere Ding fluchend. Davon abgesehen wurde sie zur Hausfrau. Sie meinte, sich auf diese Weise für ihren kleinen Haushalt nützlich machen zu können, denn sie hatte seit dem Ende ihres Studiums in diesem Sommer noch nicht nach einem Job gesucht. Sie brauchte im Moment kein Geld, denn als Weisenkind hatte sie während des Studiums eine stattliche Stütze erhalten, von der sie nun noch immer gut leben konnte. Dennoch meinte sie, irgendetwas machen zu müssen - so schön das Nichtstun und Zeichnen den ganzen Tag lang auch war. Wenn dann ihr Freund von Arbeit zurück kam, stand das Essen auf dem Tisch und frische Plätzchen waren gebacken. Aber als Hausfrau wollte sie sich nicht bezeichnen lassen.

Stasya kam vorbei, und ich beschwerte mich zum ersten Mal nicht, dass sie nur russisch sprachen - das half mir beim Lernen. Nur wenn ich es gar nicht verstand, wiederholte sie es auf Englisch. Sie erzählt, dass es heute morgen einen Wasserrohrbruch in dem leerstehenden Krankenhaus gegeben hatte, das sie bewachte; und endlich wurde mir klar, wozu sie dort eigentlich Wache hielt: Falls genau so etwas Unerwartetes geschah. Das heißt, völlig unerwartet war es nicht geschehen. Vor einer Woche waren schon Klempner dort gewesen, hatten ein bisschen herumgeflucht und das Hauptventil nicht finden können, dann waren sie wieder abgezogen, und nun war die Leitung gebrochen.
Stasya war von dem aus der Decke fließenden Wasser wach geworden und hatte ihren Chef angerufen. Der wusste auch nicht so richtig, was man in einem solchen Fall machen sollte und sagte ihr nur, dass er sich etwas ausdenken würde. Dann hatte Stasya das Krankenhaus an ihrer Ablösung übergeben, während das Wasser schon einen Fluss bildete - aber ihr Problem war es nicht mehr.

Als ich nach Hause kam, schaffte ich es auch endlich Wäsche zu waschen - so gefiel es mir, immer etwas zu tun zu haben, und wenn es Hausarbeit war. Ich traf auch zufällig wieder Miguel und erzählte ihm von Freitag, und er ärgerte sich schwarz darüber, dass sein Handy ihm die Nachricht nicht früher übermittelt hatte.

Bis Mitternacht löste ich dann die Hausaufgabe, sich ein russisches Bewerbungsgespräch auszudenken. Wir hatten einen Text als Vorlage erhalten, sodass es kein Ding der Unmöglichkeit für mich war, allerdings hatte ich keine Ahnung, wie die Gehälter für einen Informatiker in Russland aussahen; das im Text angegebene Gehalt klang nicht, als könnte man davon leben, und wahrscheinlich entsprach beides der Realität. Irina hatte beim Lesen des Textes erzählt, dass sie nur als Lehrerin arbeiten konnte, weil ihr Mann auch Geld verdiente - allein könnte sie sich zum Beispiel mit diesem Beruf keine Wohnung leisten.

Um Mitternacht war ich noch nicht müde und konnte beim besten Willen nicht schlafen gehen, obwohl ich morgen für meine Verhältnisse früh aufstehen musste um pünktlich 9:50 an der UdGU meinen Kurs besuchen zu können. Gegend die innere Uhr zu kämpfen war zwecklos, so schnappte ich mir noch mal die Gitarre und setzte mich wieder an das Cobol-Lied, nahm neue Varianten auf ohne recht zufrieden damit zu sein; ich müsste mir die schönsten Stellen heraussuchen und zusammenbasten, überlegte ich, aber interessanter war es im Moment für mich, ob man wirklich aus allen Texten etwas machen konnte. Ich hatte Matthias gebeten, mir Quellcodes aus früheren Studienjahren zu schicken und probierte nun alles aus von, von der Clusterprogrammierung bis hin zu einem riesigen Java-Projekt, dass so viele Import-Anweisungen hatte, dass diese allein für das ganze Lied ausreichten - das heißt, als Lied konnte man es noch nicht bezeichnen, dafür war mein Experiment zu roh, aber ich konnte sich etwas daraus machen, wenn ich mal genug Energie dafür hatte und einen Sinn darin finden würde, dieses Projekt ernsthaft zu beginnen.

6.10.
In der Nacht träume ich von meinem ehemaligen Professor Puschin und wachte mit dem gleichen positiven Gefühl auf, das man hat, wenn man einen guten alten Bekannten getroffen hat. Die gute Laune hielt jedoch nicht lange an: Sie verschwand schlagartig, als die stets gut gelaunte und immer lächelnde Irina mit Schwung das Klassenzimmer betrat und eine Videokassette mit Kinderfilmen in den Videorekorder einlegte. Wenn ich gegen irgendwas allergisch war, dann waren es grundlos fröhliche Leute am frühen Morgen, die mich zwangen, Krokodilen mit Piepsstimmen russisch sprechend zuzuhören. Während des Films nickte ich halb ein.

Richtig schlechte Laune bekam ich aber erst, als ich nicht meine mühsam erstellte Hausaufgabe vorlesen, sondern improvisieren sollte - vor allem, weil es nicht so recht klappte. Beim Essen musste ich dann ewig anstehen, die Schlange bewegte sich über Strecken gar nicht, und dort, wo ich anstand, kam überhaupt niemand zur Bedienung. Andere drängten sich an mir vorbei und ich war nicht sicher, ob ich das System hier begriff. Mittlerweile war ich richtig sauer auf den ganzen Rest der Welt, löffelte schnell meine Suppe, als ich sie endlich bekommen hatte, und ging kochend nach Hause, wo ich bin ins Bett warf. Ich hatte definitiv eine üble Allergie gegen Morgenstunden entwickelt.

Am Nachmittag wurde ich von einem aufgebrachtem Peter aufgesucht - er hatte in der UdGU den Einstufungstest geschrieben, war aber als für den Fortgeschrittenenkurs zu schlecht eingestuft wurde, und einen Anfängerkurs gab es nicht. Seine einzige Möglichkeit, russisch zu lernen, war mit einem Privatlehrer zwei Mal pro Woche für 600 Rubel pro Stunde, hatte man Peter in Kenntnis gesetzt. So viel Geld hatte er nicht, regte er sich auf und zitterte dabei regelrecht. Ich empfahl ihm, zur Probe morgen mal an meinem Kurs teilzunehmen, denn der Test gab keinerlei Auskunft über die Sprachfähigkeiten, sondern über gelernte Grammatik, und ich glaubte einfach nicht, dass er schlechter russisch sprach als Tsau. Ich lieh Peter meine Bücher aus und meinte, er solle es sich bis morgen überlegen und mir die Bücher vor dem Kurs vorbeibringen. Ich fotografierte nur eben schnell die Hausaufgaben ab und löste sie von den Fotos am Computer, als Peter gegangen war.

Als ich anschließend meine E-Mails durchging, staunte ich nicht schlecht: Albert schrieb mir stolz - so stolz wie es nur Männer sein können - er hätte es endlich geschafft, mir die Erlaubnis für das Labor zu besorgen. Ich müsste nur hingehen, meinen Namen sagen und den Schlüssel verlangen. Er hatte mir sogar einen entsprechenden russischen Satz aufgeschrieben. Doch ich würde frühestens am Freitag Zeit dafür haben, es auszuprobieren, denn am Donnerstag hatte ich eine Doppelstunde, und um 18 Uhr fand schon ein Praktikum im Labor statt, wie beinahe jeden Tag von 18 bis 21 Uhr, sodass ich kaum zu meinen produktivsten Stunden dort arbeiten können würde.

Heute um 18 Uhr traf sich der deutsche Stammtisch im Café Tschaschka - den Ort kannte ich, es war Sinas Lieblingscafé. Eine halbe Stunde vorher klopfte ich beim neuen Gergö, und 15 Minuten später gingen wir zusammen los. Er kannte Izhevsk noch nicht besonders gut und hatte noch nicht mal gewusst, dass die Straßenbahn bei uns in der Nähe hielt; so konnte ich gleich Touristenführer spielen. Susen rief mich an, als wir schon fast am Café waren, dass es zu viele Studenten geworden waren und sie sich nun doch zur Pizzeria in der Nähe der UdGU bewegten, wie sie es geplant hatte, denn im Tschaschka gab es insgesamt nicht mehr als 15 Plätze, und sie waren bereits über 15 Leute.

Ich wusste genau, welche Pizzeria sie meinte, dennoch war es schwierig, sie zu finden - am richtigen Gebäude waren wir, das konnte man an der Aufschrift "Pizzeria" sehen, aber es gab mehr Eingänge als Fenster, und keiner führte zu einem Restaurant. Ich rief sie an und ließ mir den Weg beschreiben; wir mussten nur die Treppen nach unten steigen und durch den verwinkelten, gefliesten Gang gehen, der mich eher an eine öffentliche Toilette erinnerte, und schon entdeckte ich sie. Steve und einige andere Deutsche saßen mit am Tisch und tranken Bier aus kleinen Gläsern, die Mädels bekamen Strohhalme zu ihrem Bier. Ich stellte Gergö vor, der freundlich begrüßt wurde. Er schien nicht so richtig zu wissen, was er hielt sollte, außer eben auf Deutsch zu sprechen, was ja der Hauptgrund für das Treffen war, da erklärte ich ihm, dass es darum ginge, Mädels zu treffen. Daran schien er aber auch nicht interessiert zu sein.

Dann begannen die Spiele - Stille Post und andere Kindereien. Das war etwas so typisch Deutsches - nein, nicht Stille Post, sondern dass man den Abend krampfhaft mit Spielen aufzulockern versuchte statt ihn einfach dorthin laufen zu lassen, wohin er laufen wollte. Als sich das erst Mädel verabschiedete, brachen auch Gergö und ich einverständlich auf und gingen mit dem Mädel - Lidya - zusammen zur Bushaltestelle, stellten aber fest, dass der letzte Bus schon gefahren war. Ich versicherte Gergö, dass die Trolleybusse und Straßenbahnen noch mindestens bis Mitternacht fahren würden. Vorher gingen wir mit Lidya aber noch ein wenig spazieren, wobei ich glaube, dass es für Gergö ein weniger freiwillig Spaziergang war, denn er wusste einfach nicht, wo die Straßenbahnen hielten und musste mir folgen.
Ich brachte ihn dann aber wie versprochen zur Bahn, aber die fuhr nicht so wie erwartet - Linie 10k fuhr offenbar eine Strecke ab als Linie 10, wohinter sicher auch eine gewisse Logik stand. Gergö schien auf jeden Fall die Nase voll zu haben. Hatte er in der Pizzeria noch davon gesprochen, zu Hause zusammen einen Tee trinken zu wollen, verabschiedete er sich nun einfach und ging in sein Zimmer, obwohl es noch nicht spät war. Er hatte das lange Kabel aus der Tür mittlerweile über den Gang in sein Zimmer verlegt, sodass ich mir bei nächster Gelegenheit das Computerzimmer aufschließen ließ und beim Verlassen des Zimmers ein zweites Kabel unter der Tür hindurch in den Gang verlegte um nicht ständig bei Gergö klopfen und um das Kabel bitten zu müssen. Er war ständig im Internet und ich wollte ihn ungern dabei stören. Ich ahnte nach diesem Abend, dass wir wohl keine echten Freunde werden würden, zumal es ihm unangenehm gewesen war, in der Öffentlichkeit mit mir zu sprechen, weil wir stets von allen Umstehenden neugierig angeschaut wurden; sie fragten sich bestimmt, in welcher Sprache wir wohl sprachen, und was zwei Ausländer überhaupt nach Izhevsk führte. Ich hatte mich an dieses Zoo-Dasein schon gewöhnt - Gergö hingegen sprach gut genug Russisch um sich hier russische Freunde zu suchen und nicht aufzufallen.

7.10.
Ich hatte mir schon die Jacke übergezogen und wollte gerade Peter anrufen, da brachte er mir die Bücher wieder, die ich ihm ausgeliehen hatte und ließ mich wissen, dass er nicht mitkommen wollte, denn er hatte sich die Sache mit dem Privatlehrer noch mal durch den Kopf gehen lassen: Er war fest entschlossen, russisch zu lernen - koste es, was es wollte.

Die Busse waren heute wieder völlig überfüllt und die Trolleys komplett aus dem Straßenbild verschwunden. Das musste doch nicht sein, dachte ich; das war etwas, was man sich wirklich aus Deutschland abschauen könnte: Wie Ersatzverkehr organisiert.

Im Zentrum machte ich einen Abstecher zum Ticketschalter der Sapsan-Busgesellschaft, denn ich hatte Daschas Einladung nicht weiter hinausschieben können und ihr versprochen, sie dieses Wochenende in Glazov zu besuchen. Draußen standen die Abfahrtszeiten angeschrieben, die Busse fuhren etwa alle anderthalb Stunden. Ich wollte den ersten am Samstag nehmen, weil ich den letzten am Freitag nach meinem Russischkurs kaum schaffen würde, und dann den letzten am Sonntag Abend zurück nach Izhevsk.

Die Verkäuferin saß wie hier üblich hinter Panzerglas und sprach durch ein Mikrofon. Ich fragte sie, ob sie englisch könne und sie verneinte erwartungsgemäß.
Aber es ging auch - und sogar recht gut - auf Russisch. Ein Busticket zu bekommen stellte sich als wesentlich leichter heraus ein Zugticket am Bahnhof zu kaufen, und so hielt ich schon nach wenigen Minuten das Hin- und Rückfahrtsticket in der Hand - jedoch ohne rechte Lust dort hinzufahren.

Im Kurs traf ich wieder auf Susen; wir waren beide enttäuscht von Gergö, der eben kein Klon von unserem Gergö war. Unser Gergö war offener, lebensbejahender und nahm alles viel gelassener als der neue Gergö, der sich sogar Sorgen um sein Studium hier machte. Wir vermissten unseren alten Gergö, aber wir waren wohl die einzigen, denn das Auslandsamt der IzhGTU ignorierte seine Anfragen, ob er ein zweites Mal nach Izhevsk kommen könnte, hatte er mir geschrieben.

Nach drei Stunden russisch brummte mir der Schädel - prosto dochuja. Die Lehrerin Irina hatte die Hausaufgaben in unseren Notizheftchen korrigiert und dabei musste sie die gekritzelten Schimpfworte von Farin gesehen haben, die von den Abend stammten, an dem er mir systematisch Mutterflüche erklärt hatte - aber sie ließ sich nichts anmerken, sondern grinste fröhlich wie immer und lobte uns mit den immer gleichen Worten. Ich glaube, sie war ein Roboter, auf penetrant-fröhlich programmiert.

Am Ausgang traf ich Stasya, die sich weigerte, mit mir auf Englisch zu sprechen bis ich auf Russisch antwortete - angeblich fehlerfrei - das erstaunte sie so, dass sie wieder zu englisch wechselte. "Was sollen wir heute Abend machen? Bei Sina treffen?", fragte sie, und natürlich war das auch schon die Antwort.
Ich musste vorher nur noch einkaufen gehen, denn mir waren die Tütensuppen ausgegangen, und ohne die konnte ich wohl kaum überleben. Stasya hatte noch eine Vorlesung, aber wollte danach gleich zu Sina fahren, wo wir uns zu treffen versprachen.

Und meine Haare brauchten mal dringend eine Wäsche. Ich kam gerade aus der Dusche und wollte sie föhnen, da klopfte es hart an meine Tür und die nervöse Etagenfrau forderte mich auf, mich mit den anderen im Computerraum zu versammeln und meinen Reisepass mitzubringen - die Migrationspolizei stand vor der Tür, aber wenigstens durfte ich mir noch etwas anziehen.

Es war wie beim ersten Mal letztes Jahr; es war sogar die gleiche Beamtin. Nicht viele Studenten waren für die Kontrolle anwesend, aber alle drängelten sich vor, allen voran die Frettchenbrüder, die mit der Beamtin gleich zu plaudern begonnen hatten, während die beiden Uniformierten, die mit ihr gekommen waren, gelangweilt dastanden. Sie waren wohl für den Fall anwesend, dass mit den Papieren etwas nicht in Ordnung war und der Student fliehen wollte.

Je länger es dauerte, desto schlechter wurde meine Laune, und am Ende waren nur noch ich und ein Junge aus Nigeria übrig, der Mitleid mit mir bekam und für mich übersetzte, was die Beamtin von mir wollte. Hauptsächlich war dies eine Unterschrift auf dutzenden Zetteln, dann ließ sie mich gehen.

Schlecht gelaunt wegen dieser Zeitverschwendung föhnte ich mir die Haare und fuhr dann zu Sina, wo sich meine Laune innerhalb weniger Minuten besserte. Stasya schon da; sie sang und spielte Gitarre und drängten mich, ebenfalls auf der Gitarre zu spielen. Ich gab nach und sang 99 Luftballons, denn das war das einzige Lied, das ich auswendig spielen konnte. Als meine Freundinnen waren sie gezwungen, mir dazu ein Kompliment zu machen, und das taten sie auch. Dann spielten sie zusammen und sangen - sie hatten ein neues Bandprojekt geplant, etwas in Richtung Blues. Ich fragte sie, ob sie nicht von einem neuen Bandprojekt für Miguel wüssten. Sie versprachen, sich umzuhören. Für eine so kleine Stadt gab es eine erstaunlich große kreative Szene, und jeder konnte auftreten, wenn er wollte. Das sah man gut an Sinas Band "Electric Snow", in der Lena, die nur selten eine Note traf, nur deshalb die Sängerin von geworden war, weil sie mit dem Gitaristen zusammen war. Jeder wusste, dass sie grauenvoll sang, aber niemand sagte etwas. Sina meinte, in ein paar Jahren würde sich Lena ganz darauf konzentrierten, Hausfrau zu sein, und bis dahin würde sich eine andere Sängerin gefunden haben - und wenn sie selbst neben dem Schlafzeugspiel singen müsse.

Bevor wir nach Hause gingen, bat mich Stasya, mit ihr schnell eine Zigarette rauchen zu gehen. Also in meinem Fall hieß das, daneben zu stehen und passiv zu rauchen, aber ich tat ihr den Gefallen.

Im Korridor saß Bailey's eingesperrt im Käfig und tat mir leid, wie er versuchte die Gitter durchzunagen, so lud ich ihn wieder ein, in mein Zimmer zu kommen. Das kluge Häschen verstand und folgte mir auf den Fuß, als ich ihn befreite.

8.10.
Ich hatte bis 3 Uhr morgens nicht einschlafen, weil ich den Fehler gemacht hatte, als Gutenachthörspiel den "Schwarm" von Frank Schätzing anzuhören; das war so spannend, dass an Schlafen nicht zu denken war. Ich zwang mich, mich davon losreißen und mit "der Name der Rose" entgegenzuwirken, das mir normalerweise innerhalb von wenigen Minuten den Schlaf brachte. Den Anfang kannte ich mittlerweile auswendig ohne je das Ende gehört zu haben.

Es funktionierte bestens, aber gegen 7 Uhr wurde ich wieder durch meine Nachbarn geweckt, deren Lieblingsbeschäftigung offenbar Krach am frühen Morgen war. Um 10 Uhr quälte ich mich schwummrig aus dem Bett, um 11 Uhr kam ich am Labor an und folgte Alberts Anweisungen. Lustigerweise hatte man schon auf mich gewartet und wollte mir direkt den Schlüssel geben, ohne dass ich mein Anliegen vortragen musste.

So betrat ich das Labor, den Schlüssel schwingend: "Mein Reich", dachte ich lächelnd.
Zunächst schaltete ich drei Computer an, installierte alle notwendigen Programme und probierte meine selbstgeschriebenen Quelltexte aus, und ärgerte mich, dass die Fehlermeldungen nur auf Russisch kamen und konnte nicht herausfinden, wo ich die Sprache umstellen konnte. Wie immer, wenn ich das Herumprobieren leid war, holte ich mir eine zweite Meinung und begann mit Matthias über ICQ zu plaudern, der wie ich vor sich hin prokrastinierte.

Um 13:50 schrieb mir Albert eine SMS: "Treffen zum Mittagessen 14:10". Ich ließ alles stehen und meldete mich beim Portier ab, aber nur kurz zum Mittagessen. Es erstaunte mich, dass man mein Russisch mittlerweile verstand und nicht mehr für eine Fantasiesprache hielt.

Ich fuhr schnell mit dem Bus zum Hauptgebäude der Uni und betrachtete die Werbung für die Monatskarte genauer und überlegte, dass es sich durchaus lohnen würde, eine zu kaufen - so oft wie ich jetzt täglich hin und her fahren musste, kam ich tatsächlich rein rechnerisch auf nur ein Drittel vom Fahrpreis pro Ticket, wenn ich eine Monatskarte nutzen würde. Außerdem gingen mir langsam die 10-Rubel-Scheine aus, von denen ich immer einen ganzen Pack in der Hosentasche mit mir herumgetragen hatte. Versuchte man mit einem Schein größer als 50 Rubel zu bezahlen, wurde der Fahrkartenverkäufer in der Regel sauer.

Albert kam mit Schwung angerannt und traf gleich wieder einen Kollegen, mit dem er ein paar Worte wechselte und schon wieder halb am Laufen Richtung Cafeteria war, bevor ich mich überhaupt umgedreht hatte. Er trug wieder einen Anzug, das war ein Zeichen der Art, wie dass die Zugvögel nach Süden flogen: Es wurde nun Winter.

Ich löffelte meine Suppe in der Zeit, die Albert für seine Suppe und Hauptspeise brauchte, weil ich die ganze Zeit schnatterte. Es gab viel zu bereden in der kurzen Zeit, vor allem musste ich ihm meine neuen Pläne erklären, dass ich nun erstmal den Intensivkurs Russisch durchzog, aber wie erwartet ließ er mir freie Hand in meiner Planung. Wir wollten uns am Montag oder Dienstag noch einmal treffen zur genauen Absprache. Albert erklärte, warum er in letzter Zeit so beschäftigt gewesen war, er hatte sich für einen Forschungspreis beworben, dafür hatte er 300 Seiten schreiben müssen. Die Erlaubnis hatte er tatsächlich vergessen und erst Anfang der Woche in Auftrag gegeben, erfuhr ich 10 Minuten später von Marina im Auslandsamt. Alisa hatte angerufen, dass sie den Ausweis fertig hatten, so machte ich einen Abstecher zu ihnen ins Auslandsamt - perfektes Zeitmanagement.

Bei der Gelegenheit klärte ich gleich offiziell, ob es möglich wäre, länger als geplant in Izhevsk bleiben und sprach mit dem Leiter des Auslandsamts, der unerwarteterweise gerade Zeit hatte; er meinte, das sei alles kein Problem. Nun brauchte ich nur noch das OK meines betreuenden Professors in Deutschland, aber auch ihn kannte ich als verständnisvollen Menschen, sodass ich mir keine Sorgen machte.
Dann ging ich zurück ins Labor, eine gute Stunde hatte ich noch Zeit zum Arbeiten, in der ich feststellte, dass ich vermutlich nichts an den Fehlermeldungen verändern konnte, da sie direkt vom Betriebssystem kamen, was mir durch eine Nachfrage in einem Forum bestätigt worden war; dann hastete ich los zum Russischkurs.

Johanna, die mit mir im Kurs Russisch lernte, bat mich, ihr beim Ändern einer Webseite zu helfen - "OK, am Montag eine Stunde vor Kursbeginn", plante ich ein. Ich begann zu begreifen wie sich Albert fühlte.
Im Kurs fand ich es richtig lustig; ich wurde sicherer im Sprechen und begann sogar kleine Witze zu machen, die niemand verstand. Währenddessen schrieb ich heimlich SMS unter der Bank um zu erfahren, was genau für heute Abend geplant war; Johanna gab mir weniger heimlich ihre Telefonnummer und wurde freundlich von Irina dafür gerügt.

Nach der Stunde musste mich beeilen, denn hatte nur eine Stunde und 10 Minuten um zum Wohnheim zu kommen, Miguel abzuholen und mit ihm zum Club Kwartira 18 zu kommen. Dort würde unter anderem auch Sina mit ihrer Band Electric Snow als Vorgruppe einer bekannteren Band spielen, aber wahrscheinlich nicht zum Stimmungsanheizen, sondern um zufällige Gäste zu vergraulen, ich ihre Musik richtig in Erinnerung hatte.

Im Bus hatte ich nur noch einen 100er-Schein und die Fahrkartenverkäuferin sah mich frustriert an, als sie sich gezwungen sah, den zu wechseln, denn sie hatte selbst kaum noch Wechselgeld in ihrer großen Tasche. Ich nahm mein Ticket und packte eine Tafel Schokolade aus, riss sie an und reichte sie der Frau. Sie war ganz erstaunt und erfreut, meinte jedoch, dass ihre Finger ganz schmutzig seien, kam dann aber auf die Idee, zwei Stücke des Papiers abzureißen und damit die Schokolade anzufassen. Wir unterhielten uns ein wenig, so weit es mein Russisch zuließ. Wir teilten so einen kleinen, sehr zwischenmenschlichen Moment, aber ich glaube nicht, dass wir uns wiedererkennen würden, falls wir uns später noch einmal im Bus begegnen sollten.

Auf dem Heimweg gab ich Miguel per SMS bescheid, er solle sich bereit halten, und gabelte ihn im Korridor auf, als er gerade sein Zimmer verließ, dann liefen wir eilig gemeinsam zum Bus und den Rest zu Fuß zum Club.
Der Eintritt war 100 Rubel - 50, wenn man auf der Liste stand, dafür hatten wir uns in vkontakte zu spät in die entsprechende Veranstaltung eingetragen, aber spanisch sprechender Angestellter kam dazu und wechselte ein paar Worte mit Miguel - und so kamen wir auf die Liste; ich zwar als Nadja, aber Hauptsache überhaupt.

Da standen wir erstmal drinnen in der Nähe der Bar und ich spähte nach vertrauten Gesichtern. Ein langhaariger Typ sprach mich auf Englisch an und meinte, wir hätten uns vorgestern in der Pizzeria getroffen. Mein Gedächtnis war an dieser Stelle blank. Echt? Wann war ich das letzte Mal Pizza essen? Dann kam es langsam zurück zu mir - ach ja, das war zum Deutschen Stammtisch, und er war der einzige gewesen, der kein Deutsch gesprochen hatte, weil er die udmurtische Sprache studierte. Wir hatten uns dort wohl kurz unterhalten, aber mein Gedächtnis radierte normalerweise sehr zuverlässig alle Begegnungen aus, die weniger als zwei Minuten dauerten. Es fiel mir schon schwer genug, mich an Namen zu erinnern - das klappte normalerweise erst nach der dritten Begegnung.
Herr Unbekannt wartete auf die Mädels, die ihn zum Stammtisch mitgeschleift hatten und er dachte, ich wäre mit den Mädels zusammen angekommen. "Nein", erklärte ich, "ich bin wegen den der ersten Band hier". Sie hingegen waren Freunde der zweiten Band, die auf Udmurtisch sangen und gerade von einer Tournee durch Finnland zurück gekommen waren.

Ein anderer langhaariger Typ kam auf mich zu und sprach mich an; er sah vertraut aus - ach ja, das war der legendäre Vanya Morrison mit seiner Freundin Lena - sie waren 50% von Electric Snow.
Ich war schon ein bisschen stolz, von den Bandmitgliedern angesprochen zu werden, die ich kaum kannte, und konnte ihn direkt Miguel vorstellen, den ich ja nur deswegen mitgenommen hatte - dass er Musiker kennenlernen konnte, und dass sich für ihn so vielleicht eine Gelegenheit ergab, mit ihnen zusammen zu spielen.

Wir standen beisammen bis Sina und Andrey auftauchten; auch sie stellte ich Miguel vor, dann war es Zeit für ihren Auftritt. Wieder konnte man ihre Musik hauptsächlich als "laut" beschreiben, Vanya hüpfte mit seiner E-Gitarre wild umher, während Andrey cool mit seinem E-Bass dastand und auf Sina schaute, die kräftig ins Schlagzeug haute. Lena stand irgendwie unbeteiligt mit ihrem Tamburin am Mikrophon und sang zu jedem Lied mit schwacher Stimme ein paar Zeilen - es war das komplette Gegenteil von der zweiten Band, die eine Lead-Sängerin mit beeindruckender Stimme hatte, die die ganze Bühne einzunehmen schien. Sie wirkten sehr professionell, während sich Sina mit Lena und Vanya auf der Bühne fast in einen Streit verfielt, denn die beiden wollten unbedingt das neue Lied spielen, das sie nach Sinas Meinung noch nicht genug geübt hatten, und Sina fragte Lena giftig, ob sie sich überhaupt an den Text erinnern konnte. Dabei war es im Grund egal, ob Lena den Text kannte oder nicht, denn man verstand ihn bei dem Krach und ihrer unscheinbaren Stimme sowieso nicht.

Langsam füllte sich der Raum. Die andere Band hatte mehr Fans und dazu noch viele Freunde vom Studium, die alle gekommen waren um sie zu feiern. Die Sängerin und der Gitarrist waren ein echtes Powerduo und heizten die Stimmung mächtig an.
Mir wurde es nun zu laut, außerdem wollte ich nach Sina schauen, die direkt nach dem letzten Song, über den sie sich so aufgeregt hatte, heraus gerannt war. Im nächsten Raum traf ich sie mit Andrey und Vanya; Lena war schon zu anderem Konzert aufgebrochen. So saßen wir zu viert auf einer Sofa-Kante, während im Nebenraum die Party tobte. Vanya wollte wissen, wie ich das Konzert fand; ich trug mit dem Lob dick auf - dass ich Electric Snow viel lieber mochte als diesen Mainstream nebenan, und bezeichnete mich als Groupie. Vanya grinste über beide Ohren. Ich erinnerte mich wieder, wo ich ihn kennengelernt hatte; es war kurz vor meiner Abreise diesen Sommer gewesen, als ich bei einem Konzert draußen auf Sina gewartet hatte. Er hatte sich zu mir gesetzt und ich hatte meine Skittles mit ihm geteilt - eine Süßigkeit, die ich in dieser Zeit ständig gegessen hatte.

Irgendwie schafften wir es immer, uns zu unterhalten; er sprach sogar mehr Deutsch als Englisch, was jedoch nicht mehr als zehn unzusammenhängende Worte waren - aber was ihm an Worten fehlte, machte er mit Enthusiasmus wett.

Sie drei sprachen davon, noch irgendwo hingehen zu wollen, also holte Miguel hinzu. Er und Vanya verstanden sich sofort bestens, als Miguel erzählte, dass er auch Gitarist war. "Willst du mein Instrument sehen?", fragte Vanya. "Oh ja, gern", antwortete Miguel froh grinsend. Wie zwei Kinder gingen sie zum Spielen - die Gitarre bewundern.

Ich traf währenddessen sämtliche anderen Deutsche, die sich im Moment in Izhevsk aufhielten, und auch Michael aus dem Russischkurs - die Welt war schon klein und kam hier in Kwartira 18 zusammen.
Vanya und Miguel kamen zurück, Sina und Andrey kämpften mit Schlagzeugstöcken als würden sie fechten, doch es herrschte Aufbruchsstimmung: Stasya war in der Zwischenzeit endlich angekommen, wartete jedoch mit Mischa draußen, weil sie nicht für ein halbes Konzert hatten Eintritt zahlen wollen. Stasya hatte wieder Ärger mit den Klempnern in ihrem Krankenhaus gehabt und warten müssen, bis sie ihre Arbeit beendet hatten.
Wir gingen noch schnell in den "VIP-Raum" des Clubs, weil die Band kurz etwas mit den Besitzern klären wollte. Ich hatte bis dato gar nicht gewusst, wie viele Räume es hier gab.


Nun gingen wir alle im PastaHut gegenüber Pizza essen, die sich wohl früher mal PizzaHut genannt hatte, bis es den echten Managern von PizzaHut aufgefallen war. Daraufhin hatte sich diese Pizzeria umbenannt und das bekannte Symbol einfach umgedreht - auf diese Weise hatten sie nicht mal die Glasscheiben austauschen müssen, sondern einfach in der Halterung umgedreht.

Dort traf kurz nach uns auch die Gruppe rum um die andere Band ein und ärgerte sich, dass wir den letzten großen Tisch erwischt hatten. Wir saßen gemütlich zusammen, es wurden zwei Pizzas für die ganze Gruppe bestellt und am Ende gab jeder so viel Geld zur Rechnung hinzu, wie er glaubte gegessen zu haben. Sina war schwankte wieder zwischen euphorisch und niedergeschlagen, und malte sich den gesamten Unterarm mit Kugelschreiber voll. Der Rest entspannte sich beim Essen und tauschte sich mit den anderen über das Konzert aus.
Bald stieß ein gewisser Sascha zu uns, den ich wohl auch diesen Sommer kennengelernt hatte, aber mich beim besten Willen nicht mit an ihn erinnern konnte. Er sprach ein wenig englisch und ich erfuhr, dass er ebenfalls im Bereich Telekommunikation arbeitete. Miguel verstand sich wunderbar mit allen; er war besserer Treffer als Zsolt, der allen nur merkwürdig vorgekommen war, als ich ihn im Sommer einmal zum Konzert mitgenommen hatte.
Miguel wurde sogar zu späteren Veranstaltungen eingeladen und hätte auch zur Sushi-Party von Sina morgen Abend mitkommen können - zumindest wenn ich hingegangen wäre, aber ich war zu diesem Zeitpunkt ja leider schon in Glazov bei Dascha. Sina sagte mir später, dass es ihr einfach zu umständlich gewesen war, ihm den Weg zu ihr nach Hause zu erklären, deshalb hatte sie ihm gesagt, sie wüssten noch nicht, wann und ob die Party zustanden kommen würde. Aber prinzipiell konnte ich ihn mir gut als Teil der großen Clique rund um Sina und Stasya vorstellen.

Auf dem Heimweg dankte mir Miguel strahlend, dass ich ihn mitgenommen hatte, denn das hatte er sich lange gewünscht, in Izhevsk einen solchen Ort wie Kwartira 18 zu finden, und solche coolen Leute wie meine Freunde zu treffen. Er fragte mich fast ungläubig, wie es möglich war, dass ich solche tollen Leute kannte, und ich erklärte es ihm: Zuerst hatte ich Dima im Cisco-Praktikum kennengelernt, der mich spontan zu sich nach Hause eingeladen hatte; durch ihn hatte ich Stasya kennengelernt, die mich wiederum auf einer ihrer Partys mit Sina bekannt gemacht hatte, um die wiederum die ganzen durchgeknallten Musiker schwirrten. In Russland musste man nur eine einzige Person kennenlernen, dann ergab sich der Rest, weil man viel bereitwilliger den Freunden und Freundesfreunden vorgestellt wurde als beispielsweise in Deutschland - besonders wenn man ein Mädchen aus dem Ausland war.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen