Sonntag, 9. Januar 2011

Auf zu neuen Abenteuern! Glazov. (9.-10. Oktober)

9.10.
Ich hatte noch gut 10 Minuten Zeit bis mein Bus nach Glozov abfuhr und damit gerechnet, noch mindestens 10 mehr warten zu müssen, aber der Bus stand sogar schon mit offenen Türen an der Haltestelle und mehr als eine Busladung von Leuten versuchte hineinzudrängen. Ich hielt mein Ticket bereit und wurde vorgelassen; viele der Wartenden hatten es wohl nicht geschafft, vorher ein Ticket zu kaufen und waren in der Hoffnung gekommen, dass es noch freie Plätze gab.
Ich nahm meinen Rucksack mit zu meinem Platz statt ihn zum Gepäck im unteren Teil des Reisebusses legen zu lassen, denn ich hatte mein Notebook dabei für den Fall, dass es auf der Fahrt oder bei Dascha langweilig werden sollte, und das gab ich definitiv nicht aus der Hand. Ich konnte es schon nicht gut mit ansehen, wenn meine Freunde ihre Notebooks von ihren Katzen als Heizkissen nutzen ließen.

Farin schrieb mir gegen halb 10 eine SMS und gratulierte mir zum frühen Morgen. Manchmal war er wirklich merkwürdig. Die nächsten Stunden versuchte ich noch etwas Schlaf zu bekommen, das war aber allein durch die Enge und den schweren Rucksack kaum möglich.
Dascha, ihr Ehemann Ilya und ihr Sohn Max warteten in Glazov schon am Busbahnhof, der eigentlich nur ein Parkplatz vor dem Rathaus war. Glazov selbst wirkte so winzig, dass ich es kaum als Stadt bezeichnen würde, dennoch war dieses Städtchen überregional bekannt, vor allem für seine Wodka- und Uranproduktion. Auch Ilya arbeitete in der Fabrik zur Anreicherung von Uran, während seine Schwester in der zweiten Schlüsselindustrie arbeitete.

Wir fuhren ein Stück aus der Stadt hinaus; die wohnten in einem typischen Plattenbau, wo sie eine kleine Wohnung hatten. Im Wohnzimmer stand neben dem Sofa das Kinderbettchen des anderthalbjährigen Max, und ich ahnte, dass ich in dieser Nacht nicht viel Schlaf finden wurde. Wahrscheinlich hatte Dascha meine Gedanken erraten und beschlossen, dass wir das Wochenende bei ihrer Schwiegermutter verbringen würden.

Ich packte meine Gastgeschenke aus; darunter war ein Bär, der bayrisch jodeln konnte. Den hatte ich als Scherzgeschenk aus Deutschland mitgebracht, aber nun konnte ich ihn tatsächlich gut gebrauchen. Max war jedoch eher skeptisch, was das Geschenk anging.
Dascha tischte derweil das Essen auf; sie hatte einen typisch-russischen Kartoffel-Fleisch-Auflauf in blumenvasenförmigen Behältnissen zubereitet; für jeden von uns einen. Sie selbst kam jedoch kaum zum Essen, weil ihr Sohn begann zu schreien, als er uns essen sah - er wollte auch etwas davon abbekommen. Sie zerdrückte die Kartoffeln und versuchte sie schnell abzukühlen, auf dass er zu schreien aufhören möge.

Nach dem Essen packten sie ihn gut ein, packten ein paar Sachen zusammen und luden alles ins Auto. Die Schwiegermutter wohne allein in einem alten Holzhaus ein Stück außerhalb der Stadt, das nur über einen Schlammweg erreichbar war. Das Haus hatte der Großvater noch selbst errichtet und Kartoffeln auf dem Acker nebenan angebaut. Der Garten war auch ohne den Acker groß genug um sie mit Gemüse über den Winter zu bringen. Mittlerweile war alles abgeerntet, auch das Gewächshaus, aber der ganze Keller lag voller Kartoffeln, Kohl und Kürbissen. Draußen rankten sich Weinpflanzen mit nun braunen Blättern über eine simple Hollywoodschaukel. Daneben befand sich ein kleiner, künstlicher Teich mit einer dünnen Eisschicht darauf. Auf einer Bank stand ein alter, silberner Samowar, und an der Hauswand hingen dörfliche Flechtarbeiten und direkt am Eingang wuchs über eine ganze Hausseite hinweg die größte Petersilie, die ich je gesehen hatte.


Im Schuppen lagen riesige Mengen Feuerholz aufgestapelt - kein Wunder, es musste für den ganzen Winter reichen, das Haus war nicht an das Heizsystem der Stadt angeschlossen.
Wir feuerten gleich das Banya an, sodass wir es am Abend nutzen konnten. Es befand sich innerhalb des Komplexes aus Haus, Werkstadt und Sommerterrasse - ein sehr gemütlicher Ort, aber mittlerweile etwas marode, weshalb sie an dieser Stelle ein neues Haus bauen wollten, wenn es Zeit und Geld zuließen.

Obwohl wir gerade erst gegessen hatten, luden sich mich in die Küche ein, deren längste Wand mit einer Landschaftstapete beklebt war, bei der jeder Tapetenbahn einen anderen Farbton hatte und nicht mit der nächsten zusammenpasste. Ich solle doch unbedingt die selbstgemachten Perepetschi probieren; dies war eine udmurtisches Gericht, das an Minipizza erinnerte und mit Pilzen oder Hackfleisch bedeckt war. Die Pilz-Session sei mit dem Frost der letzten Nächte nun leider schon vorbei, bedauerte Dascha, sonst hätten wir zusammen Pilze suchen gehen können.


Wir tranken einen Tee mit echtem Honig aus einem großen Fass und fuhren dann zurück in die Stadt, wo Dascha mir in einem Museum von der Geschichte der Stadt erzählen wollte. Das erste war geschlossen, fand Ilya heraus, während wir im Auto warteten und diskutieren. Dascha war keine typische Hausfrau, wenn auch in den Traditionen ihrer Familie und dem Leben in einer Kleinstadt verwurzelt. Sie hatte Journalistik studiert und versuchte nun nach der Babypause Arbeit in diesem Bereich zu finden, schien aber nicht so recht eine Kariere anzustreben. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie zwei sich eigentlich ausschließende Dinge zur gleichen Zeit glaubte; zum Beispiel war sie eigentlich gegen das frühe Heiraten und Familiegründen, und dass sich die Mädels so extrem für die Männer herausputzten, wie sie es in Russland eben taten, aber wenn sie selbst eine Tochter hätte, würde sie sie genau so erziehen, gab sie zu. Dascha war sogar so traditionell, dass sie ihre Schwiegermutter siezte, wie es früher üblich gewesen war.
Ich mochte Dascha schon gern im Laufe der Zeit, die ich mit ihr verbrachte, aber wirklich Freundinnen wären wir wohl nie geworden, dazu befanden wir uns auf zu unterschiedlichen Lebensabschnitten, obwohl wir fast gleich alt waren, und kamen aus zu unterschiedlichen Kreisen.

Das zweite Museum war geöffnet und zeigte genau das, was Dascha mit hatte zeigen wollen - von den ersten archäologischen Ausgrabungen über traditionelle Kleidung der Dorfbewohner bis zum Handel mit Europa und den daher stammenden "modernen" Haushaltsgeräten wie Kaffeemühlen. Niemand sonst war im Museum, deshalb war man dort umso froher über uns und gab uns eine Führung durch die wenigen Räume. Im Verkaufsraum gab es umso mehr Volkskunst zu kaufen. Für die Touristen - aber wer kam schon nach Glazov? Dascha hatte mich ja auch nur eingeladen, weil nie ein Couchsurfer bei ihr nach einer Übernachtung angefragt hatte.

Wir gingen anschließend etwas spazieren. Am Platz des Ewigen Feuers, das an den zweiten Weltkrieg und die tapferen Vaterlandsverteidiger erinnern sollte, merkte ich an, dass es wohl zum großen Teil der russische Winter gewesen sei, der die Nazis damals glücklicherweise aufgehalten hatte, aber Dascha meinte, das sei ein heikles Thema, und man dürfte keinesfalls etwas gegen die Veteranen sagen, und auch nicht ihren Ruhm schmälern. In Russland war man trotz vieler Missständen stolz auf sein Land, und darauf, Russe zu sein - auch wenn als Vielvölkerstaat vielleicht gar keine Russen gab. Auf der sicheren Seite war man als Ausländer nur, wenn man sich nicht dazu äußerte.

Wir kamen an einen Park und wechselten das Thema: Hier hatten sie geheiratet und ein Band an einen Baum gebunden - ob es noch da hing? Gegenüber hing ein riesiges Plakat mit einer bebrillten alten Dame, und in ihrem Hintergrund ein Schwarzweißfoto einer Schlittschuhläuferin - Irina Rodnina; sie machte Werbung für die allgegenwärtige Einheitspartei Russlands, die Partei Putins und Medwedjews. Morgen waren Wahlen. Dascha wollte zum ersten Mal wählen gehen, aber nur um ihre Unzufriedenheit mit der Regierungspartei auszudrücken, deshalb wollte sie die Kommunisten wählen, wusste aber genau, dass das nichts ändern würde. Ich bat sie, zur Wahl mitkommen zu dürfen.

Anschließend fuhren wir auf den einzigen Berg in der ganzen Gegend; hier waren die archäologischen Ausgrabungen gemacht worden, und man sah immer noch die Stellen, die wie umgegrabene Beete aussahen. Man hatte von hier eine wunderschöne Aussicht auf wilde, dürre Wiesen, sumpfartige Gewässer und blattlose Bäume.


Auf dem Rückweg schloss sich direkt vor uns die Schranke an einem Eisenbahnübergang. Das konnte sehr lange dauern, denn in Russland waren die Güterzüge oft kilometerlang, und die Schranken gingen manchmal schon eine halbe Stunde vor der Ankunft des Zuges zu und nach Durchfahrt des Zuges nicht mehr auf. Kurzentschlossen lenkte Ilya den Wagen um und fuhr einen Schleichweg entlang zu einer Unterführung, die uns unter den Gleisen durchführte, aber dort blieben wir erstmal im Schlamm stecken und brauchten ein paar Anläufe um freizukommen.

Zu Hause gab es gleich wieder Tee und selbstbackenden Kuchen, der aus mehreren Schichten Keksen und süßer Milchcreme bestand. Dann war es schon Zeit ins Banya zu gehen. Dascha gab mir ein altmodisches, ausgebeultes Gewand als Bademantel und ließ mir Zeit mich in dem gemütlichen kleinen Zimmer umzuziehen, in dem ich auch heute Nacht allein schlafen sollte. Wir schlüpften in Schlappen und gingen gemeinsam ins Banya. Sie hatte schon ein Bündel Birkenzweige besorgt; es gab weitere, teilweise kleinere Bündel aus Eichenzweigen, und sogar aus Nadelzweigen - für die Extremmassage vermutlich.

Dascha machte zwei Aufgüsse mit heißem Wasser, dann machten wir es uns in der Hitze gemütlich. Sie klopfte mich mit den Birkenzweigen kräftig durch, wollte sich aber selbst nicht durchklopfen lassen, weil sie selbst schon genug Übung darin hatte, sich selbst mit den Zweigen zu bearbeiten.
Wir hatten am Nachmittag darüber gescherzt, dass wir vom Banya direkt in den kleinen Teich mit der Eisschicht springen könnten, und nun stellte ich fest, dass es gar kein Scherz gewesen war - Ilya hatte es tatsächlich gewagt und das Wasser dabei so aufgeheizt, dass das Eis geschmolzen war. Nun konnte ich es mir nicht nehmen lassen und sprang selbst kurz ins Wasser, japste, sprang heraus und gleich wieder hinein, nur um sofort wieder herauszuspringen und zum Banya zurück zu rennen um mich wieder aufzuwärmen.

Als wir fertig waren, ging Ilyas Mutter schwitzen, und danach ging Dascha ihren Sohn im nicht mehr so heißen Banya waschen. Wer gerade nicht im Banya war, saß mit dem Rest der Familie zusammen im Wohnzimmer, in Bademantel, Decken und wolligen Hausschuhen und tranken selbstgemachtes Wildkirschkompott. In der Zwischenzeit war Ilyas jüngere Schwester gekommen, aber sie mochte das Banya nicht und wartete nur darauf, dass wir uns lang genug ausgeruht hatten, sodass wir gemeinsam ausgehen konnten. Ich hatte ihnen derweil Fotos auf meinem Notebook gezeigt; Dascha war besonders an den Fotos einer typisch-deutschen Hochzeit interessiert und fragte mich aus, welche Bräuche wir hatten.
Ilyas Schwester hatte in der Zwischenzeit eine uralte, verstimmte Gitarre vom Schrank geholt, konnte aber selbst wegen der langen Fingernägel nicht mehr darauf spielen, aber Max krabbelte auf dem Instrument herum und erzeugte mit erstauntem Blick Töne. So sog er die Musik schon mit der Muttermilch auf. Ilya versuchte sie zu stimmen, aber sie war schon angebrochen und nur noch als Spielzeug für Max geeignet.
Ich hatte bald darauf wieder mit Origami begonnen und nun wollte Ilyas Schwester unbedingt alles lernen, was ich ihr in der kurzen Zeit bebringen konnte, aber wir brachen kurz darauf schon auf.

Dascha hatte gern tanzen gehen wollen, aber davon war niemand so recht begeistert gewesen, also fuhren wir in einen gemütlichen Pub und tranken Bier, das auch in Glazov gebraut worden war. Ich war nie ein Fan von Bier gewesen, und von diesem auch nicht, und so ließ ich die Hälfte stehen während wir weiter Origami-Kaleidozyklen falteten.
Nach einer Stunde fuhren wir auch schon wieder nach Hause. Wir waren alle recht erschöpft und hatten viele Pläne für morgen, denn morgen Abend würde ich schon wieder zurück nach Izhevsk fahren.

10.10.
Noch vor dem Mittagessen fuhren wir alle gemeinsam hinaus in den Wald: Dascha, ihr Sohn, ihr Mann und dessen Mutter. Sie hatten Essen für ein Picknick zusammengepackt und hofften, im Wald doch noch ein paar Pilze zu finden.
Es war ein wirklich goldener Herbst, die Birken leuchteten hellgelb, aber der Boden war schon gefroren und Reif hatte sich an den Rändern der kleinen Pflänzchen gebildet, die zwischen den vertrockneten Gräsern hervorschauten. Pilze gab es nur noch wenige, hauptsächlich Fliegenpilze, die selbst erfroren und eingeknickt dalagen, als konnten sie das Gewicht ihres eigenen Huts nicht mehr halten, und ihre knackige rote Haut hatte sich in faltiges Leder verwandelt. Es war einer der letzten schönen Tage vor dem Einbruch des Winters, das konnte man schon an der frischen, würzigen Luft riechen.


Ilyas Mutter sammelte Reisig und vertrocknete Hagebutten, Ilya hatte einen Pilz gefunden, und ich ein Stück frisches Holz zum Nagen für den Hasen meiner Nachbarin, aber sonst waren wir leer ausgegangen. Wir breiteten eine Zeitung um niedrigen Gras aus und legten das mitgebrachte essen darauf: Perepetschki, frische Gurken und Brot. Ilya breitete seine Jacke daneben auf dem Boden auf, sodass wir uns setzen konnten und schnitt Muster in die Gurken bevor er seien Sohn damit fütterte, der uns erstaunt ansah.


Ich würzte mein Brot mit der Schafgarbe, die überall um uns herum wuchs, denn an Brotaufstrich hatte niemand gedacht. Als wir fertig gegessen hatten, warf Dascha das restliche Stückchen Brot in den Wald und rief "Lisewitschku!"
Sie erklärte, Lisewitschok war ein Waldgeist, oder vielleicht waren es auch mehrere Waldgeister, die in Russlands weiten Wäldern lebten und verschiedene Gestalten annehmen können, zum Beispiel die von Tieren. Sie waren mal gut, oder auch mal schlecht gelaunt. Wenn sie gut gelaunt waren, halfen sie beispielsweise Menschen, die sich im Wald verirrt hatten; waren sie schlecht gelaunt, spielten sie ihnen Streiche und ließen sie sich im Wald verirren. Man konnte sie besänftigen, indem man ihnen Gaben brachte, zum Beispiel Essensreste. Dascha glaubte nicht an Waldgeister, aber es hatte sich wohl durch den Volksglauben so eingebürgert, dass man ohne nachzudenken Essensreste in den Wald warf, dass sie es auch einfach tat.

Der Volksglauben und die Dörfer, in denen daran festgehalten wurde, starben langsam aus. Wir kamen an einigen winzigen Siedlungen vorbei, die völlig unbewohnt aussahen. Dascha erklärte, dass hier nur noch die alten Leute lebten, die hier aufgewachsen waren; ihre Kinder und Enkel waren in die Stadt gezogen, weil es in so einem Dorf weder Arbeit noch eine Schule und oft nicht mal einen Lebensmittelladen gab. Ich stellte es mir gruselig vor, hier zu leben, vielleicht als letzter Mensch im ganzen Dorf, und dass es niemanden gab, der einem im Notfall helfen konnte. Und wie die Familie am Wochenende zu Besuch kommt und im Haus nur noch eine Mumie vorfindet. Kein Wunder, dass es hier spukte - hier will doch niemand begraben sein.

Als wir zurück waren, begann wir das Abendessen zuzubereiten. Dascha mische Hackfleisch mit Zwiebelstücken während ihre Schwiegermutter den vorbereiteten Teig ausrollte und kleine, runde Scheibchen ausstach. Wir wollten Manti herstellen; es war eine Teigtaschenart ähnlich zu Pelmeni, aber ein wenig anders gefaltet: Man füllte sie erst mit einen Löffel Fleischfüllung und faltete sie dreieckig zusammen. Ich kannte Manti noch aus Usbekistan, hatte sie aber größer und gar nicht dreieckig in Erinnerung. Aber wahrscheinlich waren es sibirische oder ukrainische Manti, oder jemand hatte bei der Überlieferung des Rezepts nicht richtig aufgepasst.
Die fertig gefalteten Manti wurden dann jedoch nicht wie Pelmeni in Wasser sondern über Dampf gar gekocht.



Dascha erzählte mir, dass man in unserer Republik Udmurtien davon überzeugt war, Pelmeni erfunden zu haben, während man das gleiche in Sibirien und anderen Gegenden behauptete. Aber nur in Izhevsk befände sich ein Pelmeni-Monument um der Erfindung der Pelmeni zu gedenken. Und selbst falls man es nicht hier erfunden hatte, käme zumindest der Name "Pelmeni" aus der udmurtischen Sprache. Wo aber sich das Denkmal befand, konnte sie mich nicht sagen; sie hatte es selbst noch nicht herausgefunden.

Zum Essen gab es sauer eingelegte Pilze, die aussahen wie eingelegte Schnecken und nach schleimigen sauren Gurken schmeckten. Man schien in Russland der Überzeugung zu sein, alles einkochen zu können.
Anschließend brachen wir auf, es war schon später Nachmittag, und wir wollten noch zur Wahl fahren bevor sie mich zum Bus brachten. Ich bedanke mich bei der Schwiegermutter, die mich zu einen weiteren Besuch einlud.

Das Wahllokal war in einer Schule untergebracht, und auch sonst unterschied sich die Wahl nicht sehr von den Wahlen in Deutschland. An den Wänden hingen Plakate, die den Wähler informieren sollten, wie er seine beiden Kreuze zu setzen hatte. Es schien auch ein System nach Erst- und Zweitstimme zu geben, das jedoch scheinbar automatisch dafür sorgt, dass parteienlose Kandidaten weniger Stimmen bekamen.
Ob bei den Wahlen alles mit rechten Dingen zuging? Die deutschen Studenten im Wohnheim hatten mit dem Gedanken gespielt, sich als Wahlbeobachter zu verkleiden und in dem Aufzug in ein Wahllokal zu gehen, aber sie waren zu besorgt gewesen, dass sie durch diese Aktion von der Uni fliegen würden.

Es standen vier Parteien zur Wahl: Die amtierende Partei "Einheitspartei Russlands", und dass es aussah wie Demokratie, gab es drei weitere Parteien für jeden Geschmack: Die Ultrarechten, die Kommunisten, und die Liberalen gelb auf blauem Grund. Jede Partei hatte ihre Spitzenkandidaten aufgestellt, und das war der amüsanteste Teil: Statt eines Wahlprogramms hatte man persönliche Steckbriefe der Kandidaten mit einer genauen Aufstellung ihres Vermögens abgedruckt. So war unter jeder Foto zu lesen, wie viel sie im Jahr 2009 verdient hatten, wie viel von dem Geld auf ihrem Konto auf der Bank untergebracht war, welches Auto sie fuhren, wie groß ihre Wohnung war und ob sie eine Datscha besaßen. Es waren alle bescheidenen Männer, stand es hier schwarz auf weiß, und keiner von ihnen hatte eine Datscha. Ich witzelte, das seien alle Ne-udatschniks, also Verlierer; es war ein Wortspiel im Russischen, dass das Wort "Verlierer" so klang wie jemand, der "nicht auf der Datsche" war.
Außerdem zerrann diesen armen Männern das Geld zwischen den Fingern; sie leisteten sich nichts, und am Ende hatten sie von ihren 18.000 Euro Jahreseinkommen nur 500 Euro auf der Bank. Es war ein wirklich seltsames System, sich den Kandidat nach der vermuteten geringsten Korruption herauszusuchen.


Dascha und Ilya machten ihr Kreuzchen im Geheimen, nachdem sie ihren Pass vorgezeigt hatten; einige gelangweilte, aber gut angezogene Wahlhelfer saßen herum, aßen und tranken noch besser.

Wir hatten nun immer noch ein Stündchen Zeit bis mein Bus fuhr und spazierten einige Runden durch das kleine Zentrum. Einen der Läden hatte ich vorher noch nicht entdeckt: Es war ein Souvenirgeschäft, in dem es nur Alkohol aus Glazover Produktion gab. In den Vitrinen lagen fein geschliffene Flaschen aus, unter anderem für 90 Euro den Kalaschnikow-Wodka, in einer Flasche, die wie ein Kalaschnikow-Maschinengewehr geformt war.


Dascha tuschelte mit Ilya während ich mir das Sortiment ansah, dann kauften sie etwas und schenkten es mir zum Abschied: Eine Zusammenstellung kleiner Flaschen mit allen Spirituosen, die in Glazov gebrannt wurden. Ich bedankte mich ein wenig beschämt; ich hatte noch nicht wieder mit dem Trinken angefangen, aber es war gut, für "den Fall dass" einen Vorrat zu Hause zu haben.

Nun standen schon drei Sapsan-Busse auf dem Parkplatz und fuhren alle zur gleichen Zeit ab. Dascha beruhigt mich, dass wir gleich nachfragen könnten, ob dieser Bus der richtige war. Wir stellten uns in die Schlange und wechselten ein paar letzte Worte, aber irgendwie waren uns mittlerweile die Themen ausgegangen. Ich kam an die Reihe, der Fahrer akzeptierte mein Ticket, und nach einmal winken waren die beiden schon verschwunden.
Nach nur zweieinhalb Stunden war ich um 21:00 Uhr zurück in Izhevsk. Einige junge Leute hatte vor der Ankunft mit dem Fahrer diskutiert und ihn gebeten, schon an der Tankstelle am Ortseingang zu halten, an der wir sowieso vorbeikamen - und das war ganz in der Nähe meines Wohnheims.

Der Hase meiner Nachbarin sprang lustig auf mich zu und folgte mir sofort in mein Zimmer, als ich die Tür aufschloss. Dieses Tier war ein ausgesprochen guter Müllverwerter; ich gab ihm das halbgegessene und ausgetrocknete Hörnchen, das ich vor meiner Abreise nicht mehr hatte essen wollen. Auf diese Weise konnte ich ihn gleichzeitig davon abhalten, meinen Müllbeutel zu durchwühlen, in dem er immer etwas Schmackhaftes wie Orangenschalen oder alte Teebeutel fand.

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