Dienstag, 22. Dezember 2009

Athen, Teil 1

Die Tage in Athen vergehen gemächlich. Für unsere Gastgeberin beginnt der Tag erst nach 13 Uhr, was mir ganz recht ist. Wir sitzen dann jeden Mittag zusammen beim Frühstück und überlegen, was wir mit dem Tag anstellen könnten. Viel ist das nicht. Aber das macht nichts, denn hier ist das Paradies - man muss keinen Finger krümmen, wenn man nicht will, die Sonne scheint und überall wachsen köstliche Früchte, man muss nur zugreifen...
In der Tat sind in diesem noblen Athener Vorort sämtliche Straßen mit mediterranen Pflanzen gesäumt: Olivenbäume, Mandarinen und Granatäpfel, Dattelpalmen und riesigen Kakteen, die rote und gelbe Kaktusfeigen tragen. Letztere mussten wir nicht einmal pflücken, weil sie von selbst reif hinunter fielen.
Die Sträßchen sind meist wie ausgestorben, und in verwinkelten Wegen führen sie zum Strand oder ins belebte Stadtzentrum. Und wenn ich nicht aus lauter Faulheit gestorben bin, gibt es demnächst einen längeren Bericht,... (22.09.09)


19.09.
Wir hatten bis Mittag geschlafen, weil unser Zimmer durch die Holzblenden vor den Fenstern auch zur Mittagszeit noch so dunkel wie in der Nacht war. Als wir uns dann langsam aus dem Bett schälten, war Ioanna noch immer nicht wach. So saßen wir auf den hohen Barstühlen in der Küche und blickten nach draußen, wo die Sonne schon wieder warm schien. Doch bald kam auch Ioanna im Bademantel und gähnend aus ihrem Zimmer. Gemeinsam aßen wir Frühstück - um 13 Uhr. Ob wir heute etwas gemeinsam machen wollten? Sie wollte uns die Akropolis zeigen, aber heute noch nicht. Lieber erstmal an den Strand gehen. Eine weitere Stunde später tauchte ihr kleiner Cousin auf und wir gingen nach draußen und direkt zum Auto. Spaziergänge sind etwas Ungewöhnliches in Griechenland.
Ich wollte gern einen Reiseführer kaufen, deshalb fuhren wir ins Zentrum von Glyfada in den einzigen Buchladen, der noch geöffnet war, denn es war Samstag, und die Läden waren hier sogar noch öfters geschlossen als in Deutschland. Ich fand nur teure und schwere Reiseführer; alles, was klein und erschwinglich war, handelte nur von der Akropolis. Später sollte ich feststellen, dass es gar nicht viel mehr in Athen zu sehen gab. Wir mussten uns etwas beeilen, weil Ioanna in zweiter Reihe an einer Ampel geparkt hatte. Schnell fuhren wir hinunter Richtung Strand. Der Regen der letzten Nacht hatte seine Spuren hinterlassen, und in den großen Pfützen im Kieselsand spiegelten sich die untersetzten Dattelpalmen.

Wir fuhren mit dem Auto über den Strand fast bis zum Wasser, stiegen aus uns ließen uns auf die Steine plumpsen, doch schon bald quängelte Ioannas Cousin, dass er woanders hingehen wollte und außerdem Hunger hatte. So ging es zurück in die Innenstadt, wo er am liebsten etwas von McDonalds gegessen hätte, aber Ioanna bestand darauf, dass er etwas Nahrhaftes zu such nahm, und sie einigten sich auf Cola. Das Zentrum von Glyfada war vornehm und bestand eigentlich nur aus Boutiquen, Starbucks-Cafés und Zeitungskiosken. Wir liefen einmal die breite Fußgängerzone entlang, und dann wieder zurück um nach Hause zu fahren und das Mittagessen zu kochen. Es war mittlerweile 16:30 Uhr - Mittagszeit in Griechenland eben. Ioanna kochte Tagliatelle und ihr Cousin kochte eine leckere Käsesauce dazu.
Es war erstaunlich, wie schnell der Tag verging. Die griechische Mentalität hatte schon angefangen, auf uns abzufärben: Wir brauchten eine halbe Stunde um uns einen Film auszusuchen, den wir anschauen wollten, und dann gesellte sich Ioanna zu uns, die eigentlich lernen wollte, aber... dazu gab es noch genug Tage im Leben.



20.09.
Heute hatte uns Ioanna versprochen, mit uns einen Ausflug zur Hauptsehenswürdigkeit von Athen zu machen: Der Akropolis und dem neu eröffneten Akropolis-Museum, in dem so ziemlich alles ausgestellt wurde, was bei den Ausgrabungen vor Ort zum Vorschein gekommen war. Da es ihr mit uns allein zu langweilig gewesen wäre, lud sie ihre Freunde dazu ein. Wir wollten diesmal etwas zeitiger losfahren, aber ihre Freunde hatten keinerlei Zeitgefühl und kamen sogar noch später, als Ioanna als Verspätung einkalkuliert hatte. Wenn sogar eine Griechin von anderen Griechen sagt, dass sie zu spät sind... ist aus Vormittag Nachmittag geworden. Als wir zur Akropolis hinaus fuhren, trafen wir auf ein weiteres griechisches Phänomen: Das Parken an völlig unmöglichen Orten ungeachtet von Ausfahrten, Straßenzustand oder Verbotsschildern jeder Art. Ioannas Auto war schon so winzig, dass es zwischen zwei Absperrpfosten Platz finden würde, und trotzdem mussten wir drei Runden durch die Oberstadt drehen, bis wir von ihren Freunden aus dem anderen Auto angerufen wurden: Sie hätten eine Lücke für uns gefunden. Zwei Runden später hatten wir auch ihre Freunde gefunden, die jedoch den Kopf schüttelten; die Parklücke, die sie für Ioanna freigehalten hatten, war durch einen besonders aggressiven Fahrer erobert worden. Noch eine Runde später parkten wir in der Lücke, die Ioanna vor einer halben Stunde zu eng und ein wenig zu steil und zu nah an der Gasse den Berg hinauf gewesen war - die aber jetzt gerade richtig aussah. Bald hatten wir auch ihre Freunde wiedergefunden und gingen zusammen den Berg hinauf zu den hoch aufragenden Tempelruinen. Die Akropolis selbst ließen wir links liegen, weil der Eintritt laut unserer Gastgeberin 12 oder 16 Euro kostete, aber das neu gebaute Museum würde diesen Sommer - um Besucher anzulocken - nur zwei Euro Eintritt kosten. Für EU-Studenten war es sogar kostenlos.
Es war ein mächtiger, mehrgeschossiger Glasbau; sogar die Fußböden waren aus Glas, sodass man die darunter liegende Ausgrabungsstätte stehen konnte. Ioanna wünschte sich jetzt, keinen kurzen Rock angezogen zu haben. So viele Kunstgegenstände... dabei war besonders im Obergeschoss noch viel Platz gelassen worden für weitere Ausstellungsstücke. Man hatte die berühmte Parthenon-Fassade rekonstruiert und restauriert ausgestellt. Ein Film über die Zerstörung des Tempels wurde auf Englisch und Griechisch vorgeführt. Man hatte hier keine Kosten und Mühen gescheut, ein beeindruckendes Museum zu erschaffen. Wir hatten gar nicht die Zeit, die Ausstellungen genauer zu studieren, besonders da es schon 16 Uhr wurde, und diese Uhrzeit entsprach der normalen Mittagszeit in Griechenland, also gingen wir ein Restaurant aufsuchen. Eines ihrer Lieblingsrestaurants befand sich in der Nähe; dort gab es Kebab, angeblich das preiswerteste Essen in Griechenland. Das Restaurant war so billig, dass es keine Tischdecken gab, sondern große Stücke dünnen Papiers, die an Backpapier erinnerten. Während wir auf das Essen warten, erklärten Ioannas Freunde uns die Geheimnisse der griechischen Schrift. Eine Freundin stammte ursprünglich aus Deutschland und schien ganz froh, wieder einmal auf Deutsch sprechen zu können; sie malte für uns griechische Zeichen auf die Tischdecke und kreiste alle Zeichen ein, die gleich ausgesprochen wurden. Hier schien mir dringend mal eine Rechtschreibreform nötig.
Nach dem Essen spazierten wir noch ein wenig durch die Innenstadt. Schon von Weitem hörten wir lautes Trommeln; eine Gruppe junger Leute, allesamt mit Trommeln bestückt, standen vor der Kulisse der Kapnikarea-Kirche. Auf unserer Reise hatten wir schon oft gesehen, dass junge Weltenbummler mit Instrumenten unterwegs waren um sich als Straßenmusiker das Mittagessen zu verdienen, aber eine so riesige Trommlergruppe war uns noch nicht begegnet. Um sie herum hatte sich eine Menschentraube gebildet, und als die Stimmung begann ausgelassen zu werden, kamen junge Frauen hinzu und schwangen ihre Hüften im Takt. Das ganze wirkte so spontan, dass sich eine ältere Frau hinzugesellte und mittanzte. Ihr Lächeln gefror ein wenig ein, als sie merkte, dass es eine einstudierte Choreografie der Tänzerinnen war und verschwand unauffällig in der Menge. Die Performance wurde immer lauter und intensiver; die ersten Trommler bekamen rote Gesichter und das Publikum war aus dem Häuschen.
Wir wartete das Ende der Vorstellung nicht ab - auch weil es immer schwieriger wurde, nicht zur Seite abgedrängt zu werden, aber vor allem um die Ohren zu schonen. Wir spazierten durch die vielen Gassen der Innenstadt, in denen sich ein Souvenirladen an den nächsten reihte, und unsere Mädels kauften sich dort: Gummibärchen. Hier bemerkte ich wieder, dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten stammten - wir verglichen sogar bei Postkarten auf den Cent, ob wir die nicht irgendwo billiger bekommen könnten uns freute uns umso mehr, wenn wir uns mal etwas gönnten, während unsere Gastgeberin und ihre Freunde in neuste Designerkleidung trugen, Privatunterricht nahmen und für viel Geld abends ausgingen. Aber gleichzeitig sparten sie beim Mittagessen. Vermutlich kam auch für sie das Geld nicht vom Himmel gefallen, auch wenn sie im vornehmsten Viertel der Stadt wohnten.
Langsam begaben wir uns auf den Nachhauseweg, verabredeten uns aber noch für den Abend zum gemeinsamen Ausführen der Hunde. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir auch zu diesem Treffen fast länger auf die anderen warteten als das eigentliche Treffen dauerte?

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