Freitag, 22. Januar 2010

Die Reise geht weiter - Ruby allein in Russland

Die Reise geht weiter - Ruby allein in Russland

23.11.09
Ach du scheiße, ich gehe nach Russland! Wie man im Englischen so schön sagt: It hit me. Der Flug ist gebucht und mir wurde schlagartig klar, dass ich wirklich dort hin fliege. Am 26. Februar. Es hatte sich verselbstständigt - von einer fixen Idee über das Auslandsamt zum Flugticket. Wie konnte das passieren? Ich fühlte mich, als würde ich neben mir stehen, und es war eine andere Person, über deren Leben ich schreibe. Ruby geht nach Russland - und ich beobachte sie dabei.

22.01.2010
Ein Besuch der russischen Botschaft in Deutschland ist der beste Vorgeschmack auf Russland, den man bekommen kann.

Ich hatte meine offizielle Einladung kurz vor Neujahr per Post erhalten, und als "Individualreisende" musste ich mir selbst mein Visum besorgen.
in meinem Fall in dem für Sachsen und Thüringen zuständigen Konsulat in Leipzig. Für Verwirrung sorgten schon die Adresse und die Öffnungszeiten. Ich hatte eine Woche lang jeden Tag versucht, jemanden vom Konsulat telefonisch zu erreichen, jedoch war dort immer besetzt und ich argwöhnte schon, dass sie einfach den Hörer neben die Gabel gelegt hatten. Schließlich beschloss ich auf gut Glück nach Leipzig zu fahren. Nun ja, ich als Morgenmuffel war nicht so begeistert von der Idee schon um 4 Uhr morgens aufstehen zu müssen um rechtzeitig am Konsulat anzukommen, also beschloss ich in Leipzig zu übernachten. So suchte ich mir eine Gastgeberin in Leipzig mit Hilfe der Couchsurfing-Internetseite, die mir schon so oft ein warmes Bett beschert hatte.
Am Mittwochabend wollte ich losfahren und am Donnerstag - den ich frei hatte - ins Konsulat gehen. Nur als ich am Mittwoch noch einmal im Internet nachsah, wo sich das Konsulat befand, bekam ich bei Google Maps gleich zwei Treffer, die vielleicht einen halben Kilometer entfernt lagen. Die meisten Internetseiten verwiesen auf die Turmgutstraße, aber auf der Seite des Auswärtigen Amts stand sie am Kickerlingsberg. Ebenso unterschieden sich die Öffnungszeiten als wären die Uhrzeiten per Staatslotto gezogen worden. Das Auswärtige Amt schrieb, dass das Konsulat am Donnerstag geschlossen war, weshalb ich auf Nummer sicher gehen wollte und meine Reise auf Freitag verschob, für den sich alle Seiten einig waren, dass das Konsulat geöffnet war. Nur die Uhrzeiten schwankten. Leider hatte meine Gastgeberin für diesen Tag schon Gäste, weshalb ich eine Last-Minute-Gastgeber-Anfrage stellen musste. Zumindest das klappte.
Gegen 17:30 Uhr kam ich auch endlich aus Zwickau weg, indem ich die Projektaufgaben einfach weiterdelegierte - endlich zahlte es sich aus, Projektleiter zu sein...
Mit Hilfe meines Navis fand ich schnell das Haus meiner neuen Gastgeberin Mara. Wir unterhielten uns nett und gingen früh schlafen um am nächsten Morgen fit zu sein; sie wollte nach der Arbeit auf eine dreitägige Faschingsfeier.
Das Konsulat lag auf ihrem Arbeitsweg und so letzte sie mich am Kickerlingsberg ab, wo es kein Haus Nummer 18 gab. Es war eine schöne Villengegend, die keine Hausnummern brauchte, weil jeder wusste, wer in diesen Palästen wollte. Ich fragte trotzdem mal einen Einheimischen, der mich dann zur Turmgutstraße schickte.

Als ich kurz vor 9 dort ankam, wusste ich schon auf den ersten Blick, dass ich am richtigen Ort war: Schon vor der offiziellen Öffnung standen gut 40 Leute schon vor den Toren - und wirkten dabei glücklich, obwohl wir vor Kälte unseren Atem sehen konnten. Ein buntes russisches Stimmengewirr lag in der Luft.
Ein Mann, der aussah wie August Horch, kam wenige Minuten später an das Tor und begrüßte die Menschen mit "dobry den!", woraufhin alle artig mit "dobry den!" antworteten. Dann wiederholte er auf Deutsch: "Guten Tag!" und die gleichen Leute murmelten etwas leiser "guten Tag..."
Er begann zu delegieren; wer ein Visum abholen wollte, konnte durch die Absperrung, wer eins beantragen wollte, ebenso. Einige Leute blieben am Eingangsbereich zurück und hielten ihre Pässe hoch und diskutieren heftig. Ich wurde von ihren vorgeschickt. August Horch ließ mich ein, bemerkte dann aber meinen Rucksack und sagte, den müsse ich draußen lassen. Ich versuchte zu argumentieren, dass darin mein Notebook war, das ich nicht einfach auf der Straße zurücklassen wollte, aber er schickte mich wieder unerbittlich auf die Straße, bis ich meinen Rucksack ablegte. Nun gut, wenn er so wollte. Ich packte alles Wertvolle aus: Mein Notebook, mein Smartphone, sämtliche Ladegeräte, mein Portmonee und mein Ersatzportmonee, meinen Fotoapparat, und dazu noch die Visumsunterlagen, den Reisepass, einen Kugelschreiber und einen Leimstift für das Passbild, falls ich es auf einen neuen Antrag kleben musste. Mit all diesem Kram beladen ließ der Wächter mich rein, verlangte aber, dass ich das Notebook anschaltete. Es war pure Schikane - vor mir waren bestimmt 3 bis 4 Leute mit Notebooktasche und anderem Gepäck hineingegangen ohne ihre Tasche überhaupt öffnen zu müssen.

Drinnen herrschte noch mehr Trubel als draußen. Der Raum war eng und mit einem großen Tisch ausgefüllt. An die Schlange vor den Visumsschalter passten nur drei Leute; der Rest musste sich im Raum verteilen, wenn sie nicht ständig von einer Seitentür getroffen werden wollten. Zum Glück hatte ich alle Formulare schon ausgefüllt und konnte mich gleich anstellen. Vorn in der Schlange diskutierte ein Mann in den 30ern lange mit dem Konsulatsangestellten; irgendwas von einem Sohn in Russland und Staatsbürgerschaft. Nach einer halben Stunde hatte sich wohl eine Lösung ergeben, oder er hatte es aufgegeben. So ging es weiter. Ich beobachtete ein interessantes Phänomen, von dem ich schon gelesen hatte: Die russischen Männer schienen unglaublichen Respekt vor älteren Frau zu haben. Alle Konsulatsangestellte waren Männer und sie waren die meiste Zeit damit beschäftigt, älteren Frauen beim Ausfüllen von Anträgen zu helfen und ihnen die Wartezeit so kurz wie möglich zu machen.
Direkt vor mir stand eine junge Frau, die zum ersten Mal nach Russland ging und ein Geschäftsvisum beantragen wollte. Nur leider hatte sie keine Originaleinladung aus Russland bekommen und wurde fortgeschickt, jedoch mit dem Vorschlag, sie solle sich ein Hotelzimmer buchen und darüber das Visum bekommen. Sie versuchte einen schnellen Ausweg zu finden, denn sie musste ein Flugzeug erreichen. Der Konsulatsangestellte blieb hart. Unverrichteter Dinge ging sie fort.

Dann war ich endlich dran, meine Arme waren schon schwer geworden von meinem Notebook, und meine Jacke wurde durch die Last in ihren Taschen nach unten gezogen. Hinter Glas und Jalousien saß ein freundlich wirkender Mann und bat mich, meine Unterlagen durch den Schlitz zu schieben. Während er die Daten in den Computer eingab, lachte er ein paar Mal offenbar grundlos. Ein wenig irritiert stellte ich fest, dass auf der Mappe, mit der er den Schlitz verschlossen hatte, ein verschlissenes DDR-Logo abgebildet war. Als hätte sich hier seit den 80ern nichts geändert.
Relativ zügig bekam ich eine Quittung und sollte damit zur Kasse gehen. Verwundert stellte ich fest, dass sie über 0 Euro ausgestellt war. An der Kasse nahm man nur meinen Beleg entgegen und gab mir die Quittung zurück. Ich fragte noch mal nach, aber nein, ich sollte nichts bezahlen. Eigentlich hatte ich mit 60 Euro gerechnet, die man auch nur mit Kreditkarte zahlen konnte, wie es auf der Homepage der Botschaft zu lesen war.

Ich konnte gar nicht recht glauben, dass ich fertig war, und nur noch einmal wiederkommen musste um meinen Reisepass abzuholen. Gut, alle Schwierigkeiten waren noch nicht überwunden: Als ich das Konsulat verlassen wollte, war das Tor zugesperrt. Davor warteten schon wieder Leute. Es schien keinen Summer zu geben, mit dem man das Tor öffnen konnte, aber ich hatte Glück: In dem Moment wurden die Leute von außen eingelassen. Hinter mir folgte eine Frau, die ich schon im Konsulat gesehen hatte; wir kamen ins Gespräch und sie erzählte, dass Bildungsvisa nach einem Übereinkommen der russischen und deutschen Regierung kostenlos waren. Sie hatte die Visa für ihre Schulklasse abgeholt, die auf einen Schüleraustausch nach Sibirien gingen. Auch alles sehr auf die letzte Minute. Ich war ziemlich froh, dass Sergey Babushkin vom Auslandsamt in Izhevsk sich sehr bemüht hatte, die Einladung rechtzeitig per Post zu schicken. Tatsächlich war der Brief fast einen Monat lang in der Post oder an anderen seltsamen Orten und Amtsstuben gewesen, vielleicht sogar beim KGB - man weiß ja nie.

1 Kommentar:

  1. Lieber Ruby,

    ich bin Katharina Haering, von der Reisecommunity minube. Ich bin beim Stöbern im Netz auf Deinen Blog gestoßen und habe einiges gelesen. Der Blog gefällt mir ausgesprochen gut. Deshalb wollte ich fragen, ob Du Interesse hättest für unsere Reisecommunity als Evangelist zu schreiben. Falls Du nicht weist, was eine Reisecommunity ist, erkläre ich es kurz. Es ist ein soziales Reisenetzwerk, bei dem die Mitglieder sich Insprationen für ihren Urlaub bei den Erfahrungsberichten anderer Nutzer holen und ihre eigenen Urlaubsberichte veröffentlichen können. Evangelisten verdienen durch das veröffentlichen ihrer Berichte Geld. Bei minube haben wir zwei verschiene Formen von Berichterstattung: einmal die Lieblingsorte. Dies sind Beschreibungen eines Ortes wie zum Beispiel eines Restaurants, eines Hotels, eines Strandes oder einer Kirche mit Fotos und /oder Videos. Mit diesen verdient der Evangelist Geld. Dann gibt es noch die Reiseblogs, in die mehr Persönliches einfließt und die sich nicht ausschließlich auf einen Ort beziehen müssen.
    Ich kopiere Dir mal die Links eines Lieblingsortes und der Infos zum Evangelistenprogramm hierein. Ich würde mich freuen, wenn Du vorbeischaust und Interesse hast.

    http://www.minube.de/lieblingsort/schmetterlingshaus-insel-mainau-a4339

    http://www.minube.de/evangelisten


    Viele Grüße, Katharina Haering

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