In Sankt Petersburg hatte ich nur zweieinhalb Tage Zeit alles anzuschauen und durfte keine Zeit verschwenden mit so etwas Unsinnigem wie Schlaf.
Der Zug hielt, alle stiegen aus. Ich ließ mich von dem Strom der Menschen den Bahnsteig entlang durch die kühle Morgenluft treiben. In der Bahnhofsbuchhandlung kaufte ich mir eine Stadtkarte und studierte die Gegend um den Bahnhof. Das Newskij Prospekt, eine der größten Straßen in Sankt Petersburg, würde mich direkt zu meiner Gastgeberin führen. Sie lebte zwei Metrostationen entfernt auf der Wasilewskij Insel, und wenn ich dorthin zu Fuß ginge, würde ich schon an einem guten Teil der Sehenswürdigkeiten in der Petersburger Innenstadt vorbeilaufen. Außerdem war es zu früh, jemanden um diese Uhrzeit herauszuklingeln, deshalb entschied ich mich für diese Option.
Die Stadt zeigte sich von ihrer schönsten Seite; kaum ein Mensch war auf den Straßen unterwegs, und als ich das Ufer der Newa erreichte, beschloss ich hier zu frühstücken. Die Sonne stand schon ein Stück weit über dem Horizont und begann ihre wärmende Wirkung zu entfalten; ein leichter Meeresgeruch lag in der Luft, die auf jeden Fall feuchter war als in Izhevsk. Ich ging eine Brücke hinunter, packte mein Handtuch aus und setzte mich darauf, nur einen Fußbreit vom Wasser entfernt. Auf dem Fluss trieben dicke Eisschollen und zerschellten an der Brücke, dabei knirschen und klirren sie wie Glas.
Gegen 9 Uhr kam ich bei meiner Gastgeberin an und meldete mich bei ihr. Sie meinte, dass sie mich früher erwartet hatte - dabei hatte ich sie extra gefragt, wann es ihr denn recht sei, dass ich auftauchte, und sie hatte mir darauf nie geantwortet. Nun war sie gerade unterwegs ihren Sohn in den Kindergarten zu schaffen und bat mich eine halbe Stunde im McDonalds zu warten. Dort holte ich mir einen heißen Tee und Blaubeermuffin, und gerade als ich anfangen wollte, im Internet zu surfen, meldete sich Varya, dass sie nun vor dem McDonalds stand.
Sie war eine lebenslustige Person und eröffnete mir gleich, dass sie als Akt-Model für Kunststudenten arbeitete. Solche Leute trifft man wirklich nur über Couchsurfing.
In ihrer WG ging es schon so früh am Morgen lustig zu; sie wohnte mit drei deutschen Austauschstudenten zusammen und hatte letzte Nacht eine andere Couchsurferin untergebracht, die an diesem Nachmittag schon wieder abreisen würde. Bei ihrem Akzent grinste ich breit und froh - eine Holländerin! Wir verstanden uns sofort und beschlossen, gemeinsam an diesem Vormittag die Eremitage zu besuchen, eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt.
Jessica verstand ein wenig von Kunst und spielte Museumsführerin für mich. Eigentlich studierte sie Physik und machte gerade ihren Doktor. Sie war hochintelligent und hatte zu allem eine fundierte Meinung. Wenn wir erschöpft vom vielen Herumlaufen im Museum waren, setzten wir uns auf eine Bank und ich hörte ihr zu. Wenn sie Recht hatte, würde in spätestens zwei Generationen die Welt nicht mehr in der Form existieren, wie sie es heute tat, weil es definitiv nicht genug Ressourcen für alle Menschen gab. Außerdem wusste sie, dass Russland trotz der Energieverschwendung einen geringeren Pro-Kopf-Energieverbrauch hatte als wir in Mitteleuropa, wenn Energiekosten für Reisen, Autos und Luxusgüter eingerechnet wurden. In Russland sei es nur sehr viel sichtbarer, wie viel Energie verschwendet wurde.
Wir verbrachten vier Stunden in der Eremitage und waren am Ende beide etwas enttäuscht, weil viele Teile davon zur Renovierung abgesperrt gewesen waren; Jessica hatte sich erhofft, die Sammlung moderner Kunst anschauen zu können, und ich war auf die prachtvolle Aufgangstreppe gespannt gewesen, die jedoch auch hinter Vorhängen und Gerüsten verschwunden war. Dafür war der Eintrittspreis nicht angemessen gewesen. Ich hatte ja dummerweise noch keinen Studentenausweis, sonst wäre es kostenlos gewesen. Aber ich hatte sowieso vor, zu den Weißen Nächten nach Petersburg zurückzukommen, und dann würde ich noch einmal in die Eremitage gehen - allein schon für den Treppenaufgang, solange ich dafür nichts bezahlen musste...
Draußen vor der Eremitage fand eine Militärparaden-Übung statt; man bereitete sich auf den 9. Mai, den Tag des Sieges vor.
Am Nachmittag traf ich Tanja. Ich hatte sie im Sommer im StudiVZ kennengelernt und sie hatte angeboten, mit eine Stadttour zu geben, sollte ich jemals nach Sankt Petersburg kommen. Der Kontakt war zwar eine Weile abgerissen, aber als sie hörte, dass ich kam, war sie Feuer und Flamme. Sie hatte sich ziemlich gut auf ihre Rolle als Stadtführerin vorbereitet und wusste zu jedem Gebäude etwas zu sagen; sogar Namen und Jahreszahlen, was ich persönlich eine beachtliche Leistung fand, da ich mir keins von beiden merken kann. Wenn ich beispielsweise jemanden kennenlerne, muss ich mich sehr stark darauf konzentrieren, seinen Namen zu hören und nicht sofort wieder zu vergessen. Genau das Gleiche mit Geburtsdaten. Du kannst mir deinen Geburtstag nennen und sicher sein, dass ich deinen Geburtstag nicht erst deinem Geburtstag vergesse... ohne meinen Handykalender wäre ich aufgeschmissen.
Als sich mein Magen meldete, gingen wir einen Happen essen - es wurde immer so schnell so spät, sodass ich das Essen gelegentlich vergaß, oder erst relativ spät am Nachmittag in einem ruhigen Moment daran erinnert wurde. Ich hatte Tanja gebeten, mir ein billiges Café zu zeigen, aber sie verstand Café wirklich so, wie man es in Deutschland verstehen würde - nicht wie die Cafés in Izhevsk, die eher Kantinen waren. Sankt Petersburg war ohnehin sehr europäisch - vom Aussehen der Bewohner über die Essgewohnheiten bis hin zu Moralvorstellungen. Viele Leute hatten helle Haare wie die Finnen, liebte ihre Freiheit und das Leben in einer der schönsten Städte der Welt, und sogar Heirat und Familiengründung stand relativ weit unten auf der Prioritätenliste einer Durchschnittsfrau aus Sankt Petersburg, erzählte Tanja.
Sie selbst studierte Deutsch und Französisch und wollte lieber erst beide Länder gründlich bereisen, am liebsten auch in Deutschland studieren, und sah die Familiengründung nach der Uni nur als eine von vielen Optionen. Viele meiner Bekannten hatten mir erzählt, dass in Russland fast jeder auf die Universität ging, weil es eben nichts kostete; die Frauen suchten sich in der Zeit einen Ehemann und die Männer waren während der Studienzeit vom Militärdienst befreite - und wenn sie es schafften, sich bis zum Alter von 28 davor zu drücken, wurden sie auch nicht mehr eingezogen. Eine Bekannte von mir unterrichtet in der landwirtschaftlichen Universität von Izhevsk und wusste zu erzählen, dass es in jeder Gruppe, die sie unterrichtete, durchschnittlich nur zwei Studenten gab, die tatsächlich an dem Studium interessiert waren und nicht nur ihre Zeit absaßen. Aber wahrscheinlich hängt es auch mit dem Studienfach zusammen. Im Bereich Telekommunikation schien mir eine größere Lernbereitschaft zu herrschen - vielleicht auch weil die Studenten wussten, dass und wo sie nach dem Studium arbeiten würden, nämlich bei einem der vielen Telefon- und Internetanbieter der Stadt. Viele Studenten arbeiteten dort jetzt schon während des Studiums, meistens in den Abendstunden beim Support. Dennoch promovierten viele - vor allem weibliche - Studenten, obwohl das Stipendium meistens nicht mal zum Leben reichte. Professor zu werden kam für die wenigsten Studenten infrage - nicht weil es so ein langer, schwieriger Weg war wie bei uns in Deutschland, sondern weil es ein schlecht bezahlter Job mit zu vielen Unterrichtsstunden pro Woche war. Tatsächlich wurden Studenten oft von ihren Professoren mit viel Nachdruck gebeten, an der Universität zu bleiben um dort zu unterrichten. Noch schlechter werden offenbar nur Schullehrer bezahlt.
Aber zurück nach Sankt Petersburg. Tanja und ich waren mittlerweile in ein russisches Restaurant eingekehrt, das extra für Touristen mit allerlei russischem Kitsch und Bärenfell gestückt wurde. Das einzige Gericht auf der Karte, das ich mir leisten wollte, waren kirschgefüllte Vareniky - ebenfalls Teigtaschen wie Pelmeni, aber flacher, und statt mit Fleischbällchen bekam man sie meistens mit Kirsch- oder Kartoffelfüllung. Dazu bestellte ich mir auf Tanjas Anraten ein Glas "Kwas", eine Art alkoholfreies, fruchtiges Bier, erklärte sie. Es war ein sonderbares Getränk; es schmeckte wie eine Mischung aus Bier, Cola und Kirschsaft, aber gleichzeitig nach nichts von allen dreien. Tanja genehmigte sich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Sie bat mich, ihr von Deutschland zu erzählen, denn sie hatte nur Bayern kennengelernt und ich versicherte ihr, dass das nicht Deutschland war. Ich hatte schon festgestellt, dass viele Deutschlandinteressierte immer wieder von der Vielseitigkeit des Landes überrascht waren - angefangen bei der Vielzahl der Dialekte waren sie wohl am meisten erstaunt über Wattwanderungen an der Nordseeküste, den Kölner Karneval und Hexen auf dem Blocksberg.
Nach dem Essen gingen wir weiter durch die Stadt und knipsten hunderte von Fotos, vor allem von uns gegenseitig. Um auch Fotos von uns beiden zusammen zu bekommen, fragte sie Passanten, ob sie uns knipsen könnten. Einer der Passanten war ein professioneller Fotograf, wie sich herausstellte, und er bot an, seine eigene Kamera zu verwenden und Tanja das Foto zuzuschicken. Aber es wurde nicht nur ein Foto - er knipste uns von allen Seiten und aus allen Positionen als wären wir seine Models. Mir wurde das ein wenig peinlich und ich wehrte ab; dann nahm er sich Tanja allein vor während sein älterer und etwas gruseliger Begleiter mich in ein Gespräch zu verwickeln begann. Ich begann zu ahnen, was hinter dem ganzen künstlerischen Interesse der beiden Männer stand.
In Tanja war ein Naturtalent im Posieren für Fotos; an ihr war wirklich ein Model verloren gegangen, und sie besaß eine natürliche Schönheit, die ihr sicher viele Aufträge verschaffen würde.
Es machte mir Spaß, ihr zuzuschauen, doch als sie fertig waren, wollte er mit mir weitermachen, aber ich winkte ab, denn ich bin wahrhaftig keine Schönheit; mir reicht es aus, ein Foto von mir zu haben, das mich an einem bestimmten Ort zeigt, sodass... ich eine Foto habe, das mich an einem bestimmten Ort zeigt. Wozu auch immer man das braucht...


Weiter unten am Ufer der Newa, vor der Kulisse der Peter-Pauls-Festung tanzte ausgelassen eine Theatergruppe.
Wir wanderten weiter durch die Stadt, deren goldene Kuppeln im Licht der Abendsonne glänzten. Man konnte stundenlang die Uferpromenade entlang spazieren; wahrscheinlich würde man im Kreis laufen, oder am Meer herauskommen, denn die Newa floss an Inseln der Stadt entlang in den Finnischen Meerbusen. Ich würde es niemals schaffen, innerhalb der nächsten anderthalb Tage mehr von der Sankt Petersburg zu sehen als die schönsten Gebäude der Innenstadt aus mehr oder weniger großer Entfernung. Hier muss man schon leben um die Stadt kennenzulernen.
Es gab auch eine einzige, große Moschee im Zentrum mit einer prachtvollen blau-gekachelten Kuppel und zwei schlanken Minaretten. Mir fiel auf, dass ich die Izhevsker Moschee noch nicht gesehen hatte, und dabei war ich der Meinung gewesen, in Izhevsk schon alles gesehen zu haben. Ich würde am besten die Ägypter danach fragen, denn die meisten gingen jeden Freitag dorthin.
Es wurde langsam spät; ich hatte schon vor zwei Stunden bei meiner Gastgeberin sein wollen, sonst würden wir uns am Ende gar nicht richtig kennenlernen. Tanja fragte, ob ich Lust hätte, morgen in die Stadt Puschkin zu fahren. Sie hatte zwar nicht so viel Zeit, aber wir könnten uns den Katharinenpalast anschauen. Das Angebot nahm ich gern an, denn im Katharinenpalast befand sich das berühmte Bernsteinzimmer - rekonstruiert natürlich, denn wo das echte ist, weiß bekanntlich niemand.
Tanja stellte beim Abschied noch sicher, dass ich morgen die richtige Metro nehmen würde und zeigte mir, wo ich umsteigen musste
Als ich bei Varya zu Hause ankam, war richtig Leben in der Bude. Ich hatte am Morgen gar nicht die Gelegenheit gehabt, mich umzuschauen. Im Flur lagen kreuz und quer mindestens 20 Schuhpaare, zwischen denen eine launische Katze umher stromerte. Auch der Kleiderständer war einer eine kleine Theater-Garderobe. In Varyas Zimmer lagen Spielsachen quer auf dem Boden verteilt von ihrem kleinen Sohn... den ich auch noch nicht getroffen hatte. Bis ich ins Bad zum Händewaschen ging; da saß er nackt in einer Wasserschüssel und planschte vergnügt. "Priwet", sagte ich ein wenig irritiert und er grinste mich an. Varya saß in der Küche, in der es eindeutig zu wenig Platz und zu wenige Stühle für diesen Haushalt gab. Die beiden Jungs standen an die Wand gelehnt und aßen. Es schien immer etwas Essbares auf dem Tisch zu liegen und immer warmes Wasser im Wasserkocher zu sein. Alle tranken Tee zusammen. Und noch etwas war mir anfangs entgangen: Sie aßen richtiges deutsches Vollkornbrot mit ganzen Sonnenblumenkernen darin. Das sah ich zum ersten Mal in Russland. Offenbar gab es ganz in der Nähe einen besonderen Bäcker, der deutsches Brot verkauft, und diese Art von Brot wurde sogar im Russischen als "Kernbrot" bezeichnet. Das macht Nummer zwei der eindeutig aus Deutschland stammenden Speisen, nach "Kompott".
Die drei Studenten studierten in Magdeburg die europäische Kultur, Sprachen, Geschichte und Politik, und waren gerade dieses Semester nach Sankt Petersburg gekommen. Russisch übten sie vor allem mit Varyas Sohn Ilya, und es schien, als würde eher Varya ihr Deutsch mit ihnen verbessern als es umgekehrt mit Russisch der Fall war. Gut zu wissen, dass man mit diesem Problem nicht allein war...
Varya ging früh schlafen, die Studenten gingen aus in die Clubs und Bars. Ich blieb noch ein wenig wach und machte etwas Origami bevor ich schlafen ging. Albert schrieb, dass er bei der Gelegenheit in Moskau zu sein bei dem Moskauer Verlag vorbeischauen wollte, der eine Publikation von ihm gedruckt hatte ohne dass er je eine Kopeke dafür gesehen hat. Die haben wahrscheinlich auf die tausend Kilometer Entfernung gesetzt und sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt.
Ich schlich mich in Varyas Zimmer, wo sie schon mit ihrem Sohn schlief und ich das Campingbett beziehen würde. Sie hatte mir frische Bettwäsche hinausgelegt, die ich jedoch trotz aller Versuche nicht im Dunkeln beziehen konnte. Als ich mit dem Haufen Wäsche und Decken im Flur stand, begegnete mir ein Geist. Es Mädchen im Alter von vielleicht 11 Jahren begrüßte mich mit "Priwet!" und ging in die Küche um sich Saft zu holen. Wie kam es, dass ich sie den ganzen Abend lang nicht gesehen hatte, und vor allem - niemand sie erwähnt hatte?
Als ich am nächsten Tag Varya darauf ansprach, meinte sie, das sei ihre kleine Schwester, die immer so tat, als würde Varya nicht existieren. Das fand ich zwar merkwürdig, beschloss aber nicht weiter in die Familienangelegenheiten hinein zu fragen.
Um 9:30 sollte ich mich mit Tanja am anderen Ende der Stadt treffen. Varya war schon aus dem Haus, aber ich brauchte jemanden, der hinter mir die Tür absperrte, da sonst jeder Zutritt zur Wohnung hatte. Die Wohnung schien leer bis auf die Katze, die empört miaute, weil sie wahrscheinlich noch niemand gefüttert hatte. Ich spähte in die Zimmer um zu schauen, ob jemand dort schlief, obwohl ich ungern jemanden aufwecken wollte, besonders wenn dieser Jemand erst um 5 Uhr morgens vom Feiern zurück gekommen war. Doch ich hatte Glück und das Telefon von Jakob klingelte und weckte ihn. Ich klopfte sachte an und bat, dass er hinter mir abschließen könnte.
So kam ich nur etwas verspätet an der Metrostation Kuptschina an. Insgesamt war ich ein wenig enttäuscht von der Petersburger Metro, die ich mir prachtvoller vorgestellt hatte. Tanja meinte, vor allem sei die Linie 1 schön gestaltet, und die zu sehen hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt. Ich setzte es auf die Liste der Dinge, die ich beim nächsten Mal in Petersburg machen wollte. Ich hoffte, dass ich noch einmal vor meiner Abreise die Gelegenheit haben würde; am schönsten wäre es ja, während der Weißen Nächte im Juni wiederzukommen, träumte ich. Die Zeit verging zu schnell. Es war schon Mitte April. War heute schon Mittwoch? Ich war am Sonntagabend in Izhevsk losgefahren und am Dienstagmorgen in Sankt Petersburg angekommen. So eine lange Reise fühlt sich an, als wäre man in ein Zeitloch gefallen.
Ich rief Tanja an, wo genau wir uns treffen sollten. Sie gab mir den Auftrag, mich nicht vom Fleck zu bewegen, sie würde mich finden, und tatsächlich kam sie schon nach wenigen Minuten. Am Ausgang der Metro fuhren Busses ab. Wir waren schon außerhalb der Stadt, von hieraus konnte man den Autobahnring und die Autobahnbrücken des Stadtrandes sehen.
Selbst hier waren die Bushaltestellen nicht besser beschriftet als in Izhevsk, und Tanja fragte einen der Wartenden nach dem Bus nach Puschkin. Wir hatten Glück und bekamen einen Bus, der direkt zum Katharinenpalast fuhr.
Nur wenige Leute waren um diese Uhrzeit unterwegs. Dennoch standen schon die Eis- und Imbiss-Verkäufer an der Auffahrt zum Schloss. Ich hatte noch kein Frühstück gehabt und beschloss, dass es keine gute Idee war, die Schlossbesichtigung auf nüchternen Magen zu unternehmen. An diesem Stand bekam ich das Merkwürdigste, das ich bisher in Russland probiert hatte. Es nannte sich zwar Pirogge, war aber ein typisch-deutsches Brötchen, das mit gekochtem, warmem Reis gefüllt war. Es war unglaublich lecker und ich fragte mich, warum in Deutschland noch niemand auf diese Idee gekommen war.
An der Garderobe wollten wir unsere Jacken abgeben, aber die wollten sie uns nicht abnehmen: Alle Haken seien voll, und wir sollten etwas warten. Hinter uns kamen schon die nächsten. Mit der Zeit wurde es ein richtiger Menschenauflauf an der Garderobe und ich fragte, ob wir die Jacken nicht einfach mit hinein nehmen könnten. Also ich dürfte, aber Tanja hatte einen Mantel, der wahrscheinlich irgendeinen Grenzwert überschritt und deshalb nicht mit hinein genommen werden durfte. Die Leute begannen ärgerlich zu werden, als sich eine Person vordrängt und ihre Jacke abgab, und diese Jacke auch genommen wurde. "Sie arbeitet hier", kam die lapidare Antwort. Eine besonders resolute Russin wollte sich das nicht bieten lassen und stampfte davon, einen Vorgesetzten zu finden. Das Ende der Auseinandersetzung war, dass wir die reservierten Kleiderhaken einer ausländischen Reisegruppe verwenden durften.
Nun da die erste Hürde geschafft war, gingen wir zur Kasse. Die Preise waren sogar noch höher als in der Eremitage und mein Studentenausweis hätte schon einen gewaltigen Unterschied gemacht. Tanja sprach mit der Kartenverkäuferin: "Sie ist Studentin, hat aber keinen Ausweis, könnten Sie bitte eine Ausnahmen machen?" Zuerst schien zu hart zu bleiben, aber Tanja musste wohl einen Hundeblick aufgesetzt zu haben und die Verkäuferin stellte den Preis auf Studentenrabatt um. Wir dankten ihr überschwänglich, und Tanja kam sogar umsonst rein, weil sie Kulturwissenschaften studierte.
Der Katharinenpalast gefiel mir wesentlich besser als die Eremitage; er wirkte viel geschmackvoller, zwar immer noch prunkvoll, aber nicht so ein Paukenschlag in die Magengrube wie die Eremitage. Das Gold war kunstvoll geschmiedet wie rankende Pflanzen an den Wänden angebracht worden, deren Blüten die Kerzenleuchter waren; dazu kamen viele kleine und große Spiegel und große, hohe Fenster, die dem Raum etwas Helles, Offenes, Verspieltes gaben. In jedem Zimmer stand ein holländischer, blau-weißer Kachelofen, der den Stil etwas brach. Im Moment fand eine Ausstellung zu den Essgewohnheiten zur Zeiten der Zaren statt, und es wunderte mich nicht mehr, wie die ganze Familie so dick hatte sein können.
Das Bernsteinzimmer war noch schöner als ich es mir vorgestellt hatte; ich hatte nicht gewusst, dass Bernstein von so leuchtend roter Farbe existierte. Leider war es strengstens verboten, Fotos zu machen.
Die Privatgemächer waren bescheidener als die Empfangssäle am Anfang des Rundgangs; man konnte sich sogar vorstellen, dass hier einmal Leute gelebt haben. Insgesamt war das Schloss kleiner als ich erwartet hatte, aber dennoch war es den Eintritt wert gewesen.
Anschließend gingen wir im Schlosspark spazieren und Tanja wurde von einem älteren Mann in eine Diskussion verwickelt, welche Fahne das auf dem Dach des Schlosses wohl war. Ich fand interessanter, wie schnell Leute ins Gespräch kamen. Der Schlosspark war riesig und enthielt selbst noch kleinere Gebäude, Teiche, und eine schöne Steinbrücke über einen Zufluss. Wie schön musste es hier erst im Sommer sein, wenn alles grün war.
Für Tanja wurde es Zeit, zurück zur Uni zu fahren; ich war ihr dankbar, dass sie so viel Zeit für mich freigemacht hatte. Allein wäre die Stadt sicher nur halb so interessant gewesen.
Am Abend sollte ich noch eine weitere Bekannte treffen, wobei "Bekannte" zu viel gesagt ist, denn ich hatte sie erst vor einigen Tagen im Internet kennengelernt und sie wollte gern ausprobieren, wie gut ihr Deutsch schon war. Eigentlich hatte ich schon gar keine Lust mehr, noch einmal auszugehen, nachdem ich wieder bei meinen Gastgebern angekommen war. Der Muskelkater hatte sich nicht gebessert, sondern hatte sich auf alle anderen Muskeln ausgebreitet, die vorher noch nicht betroffen gewesen waren - was hatte ich auch bei meiner Ankunft meinen Rucksack drei Stunden lang durch die Stadt getragen - und geschlafen hatte ich auch recht wenig, schon seit Tagen. Doch nun war ich einmal in Sankt Petersburg und sollte die Zeit bestmöglich ausnutzen. Ich ließ mir von den Jungs aufzeichnen, wo sich der nächste Supermarkt befand und machte mich auf den Weg dorthin, da ich morgen vor der Abreise vielleicht nicht mehr die Zeit haben würde, Reiseproviant einzukaufen, und außerdem wäre ein Abendbrot nicht schlecht, da mein einziges Essen an dem Tag das Reisbrötchen vom Morgen gewesen war. Die Jungs baten mich, Kernbrot vom Bäcker mitzubringen, und Varya, die ich mir auf der Straße entgegen kam, brauchte noch Milch. So konnte ich mich wenigstens noch nützlich machen.
Der Bäcker war ein Bäckerwagen, der mir schon vorher aufgefallen war ohne dass ich mir größere Gedanken darüber gemacht hätte. Darin sah es wirklich aus wie beim deutschen Bäcker und ich war kurz davor, das halbe Sortiment aufzukaufen - aber wer sollte das essen? Das Kernbrot gab es für etwas mehr als einen Euro; groß war es nicht, und kaum hatte ich es auf den Küchentisch gelegt, war es schon vollständig aufgebraucht worden. Es war so unglaublich lecker - innen weich und außen mit Kruste. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen während ich es schreibe.
Doch auch im Supermarkt war ich positiv überrascht worden: Es gab Würstchen, die schon fast wie eingeschweißte deutsche Supermarktwürstchen schmeckten, und vor allem gab es Pfannkuchen, die sich hier "Berlinery" nannten. Ich spürte in diesem Moment wirklich, wie ich mich nicht nur geographisch Deutschland wieder angenähert hatte. Dennoch wollte ich zum Abendbrot Pelmeni machen. Varya war eine begeisterte Köchin und zauberte aus meinen schwimmenden Teigbällchen einen leckeren Käseauflauf. Die anderen aßen nicht mit, denn sie waren Vegetarier. Stattdessen bereiteten sie später am Abend einen großen Topf Borschtsch zu - ein Rote-Beete-Eintopf. Ich probierte ein bisschen was davon und stufte es unter "essbar, aber nicht genießbar" ein.

Zunächst aber musste ich mich sputen um rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt zu sein. Um 18 Uhr setzte die Rush-Hour in der Petersburger Metro ein, was ich vorher nicht hatte wissen können, und ich geriet mitten hinein. Man konnte sich kaum bewegen, und auf den Rolltreppen standen die Leute so dicht, dass nicht einmal mehr besonders eilige links an ihnen vorbeihasten konnten. Ich stoppte die Zeit, ganze zweieinhalb Minuten brauchte ich auf der Rolltreppe. Die Metro musste sehr weit unter der Erde liegen, da sie unter einem Fluss und in Meeresnähe gebaut war. Die Dauer zwischen den einzelnen Stationen war ebenfalls nicht nur eingebildet länger als in anderen Metros; es lagen oft über fünf Minuten dazwischen, und immer kurz vor einer Station fiel das Licht für eine Sekunde aus.
Ich war mit Nika an der Metro "Newskij Prospekt" verabredet. Dabei hätte ich ahnen können, dass das schiefgeht. Um es kurz zu machen: Wir brauchten fast 40 Minuten um uns zu finden, schrieben uns SMS, telefonierten, versuchten einen eindeutigeren Treffpunkt als "Gazprom-Gebäude" und "abgeschlossener Park" zu finden; zwischendurch war mit das Geld auf dem Handy ausgegangen und ich konnte keine Anrufe mehr empfangen, weil in Russland der Angerufene zahlte, oder es ein seltsamer Tarif war, und überhaupt musste ich wesentlich mehr bezahlen als in Izhevsk; die Kosten waren ähnlich wie ein Handytelefonat in Deutschland. Handy-Ladeautomaten gab es eine ganze Menge über die Stadt verteilt, in Supermärkten und in Unterführungen. Wären es Geldautomaten gewesen - ich hätte meine Karte nicht in einen dieser Automaten in dieser Unterführung gesteckt. So wunderte es mich auch nur wenig, dass der erste Automat das Geld schluckte und sich dann aufhängte ohne mir eine Bestätigung über die Handyaufladung zu geben. In den zweiten Automaten steckte ich meine letzten kleinen Scheine und bekam genug Guthaben um Nika eine SMS zu schicken, dass sie nicht mehr anrufen soll und setzte einen neuen Treffpunkt fest, an dem ich warten wollte bis die Nacht hineinbrach, wenn nötig. So fanden wir uns. Sie hatte ihren Freund dabei, der kein Deutsch sprach, dafür ein wenig Englisch. Sie selbst sprach ein wenig Deutsch, und ich mein bisschen Russisch, und irgendwie schafften wir es, uns mit Hilfe eines Wörterbuchs doch ganz gut zu unterhalten. Wir gingen zuerst in Kazaner Kirche; ein mächtiges Gebäude, in dem ich keine Kirche erwartet hätte, aber von innen sah sie wunderschön aus: Hohe Säulen, Bögen und Deckengemälde. Es fand gerade eine Messe statt und ich fand uns ein wenig fehl am Platz, aber wenigstens war es hier drin warm. Ich machte unauffällig ein Foto. Nikas Freund wollte mir helfen und ebenfalls unauffällig ein Foto machen, doch er wurde mit fast völlig versteckter Kamera erwischt. Wahrscheinlich sah er zu betont-unauffällig aus. Wir gingen weiter zur Eremitage, wo sich noch mehr uniformierte Männer versammelt hatten als bei meiner Ankunft. Einige hundert Mann marschierten in Reih und Glied über den großen Platz vor der Eremitage. Einige trugen Fahnen, andere Waffen, und wieder andere Musikinstrumente. Es war sicher ein guter Vorgeschmack auf die Parade zum 9. Mai, dem Tag des Sieges. Polizisten schirmten den Platz gegen neugierige Touristen ab, aber als sich die Parade auflöste, bekamen wir einen guten Blick auf das ganze Geschehen; geordnet zogen die Kompanien ab und warteten sogar an Straßenampeln, obwohl sich sicher kein Fahrer getraut hätte, einfach drauflos zu fahren.
Ich wurde in Izhevsk immer wieder gefragt, ob ich vor meiner Ankunft dachte, dass in Russland Bären auf den Straßen herumlaufen. Wahrscheinlich sind doch schon einige Amerikaner in der Stadt gewesen... Ich glaubte jedenfalls nicht daran - bis ich nach Sankt Petersburg kam und das sah:
In Russland gibt es tatsächlich Bären auf den Straßen, und sie teilen Restaurant-Flyer aus.
Auch Bettler gab es hier auf den Straßen. Eine heruntergekommene junge Frau bat mich um zwei Rubel, die ich ihr aus Überraschung auch gab. Konnte man sich für zwei Rubel wirklich schon etwas leisten?
Übrigens ist das Leben in Sankt Petersburg wirklich um einiges teurer als in einer Provinzstadt wie Izhevsk, und sogar die Leute auf den Straßen verlieren eine größere Menge Geld - während in Izhevsk meistens nur Kopeken auf der Straße lagen, fand ich in Petersburg eine ganze Handvoll Rubel-Stücke.
Es wäre sicher schön, in Sankt Petersburg zu leben, aber im Moment würde ich nicht gegen Izhevsk tauschen wollen, denn es sind die Menschen hier, die diese Stadt zu einer Art Zuhause gemacht haben.
Der Rest des Abends verlief in ruhigen Bahnen. Die drei Studenten hatten mich zwar in eine Bar eingeladen, in der ein Freund von ihnen als DJ auflegen würde, aber ich hatte mir seit der Erfahrung in Athen geschworen, solche Orte in Zukunft zu meiden. Ich muss mich damit abfinden, dass ich ein Computer-Nerd bin und dort nur Spaß haben könnte, wenn man Spaß auf einen Integer legt und es einen Bereichsüberlauf im Negativen gibt.
Ich begann mit Ilya zu spielen, oder besser: Ilya mit mir. Er hatte mein Origami auf dem Fußboden entdeckt und begann sich die Kaleidozyklen als Schwimmflügel anzuziehen. Jedes Mal, wenn sie dabei zerrissen, reparierte ich sie ihm, bis sie so kaputt waren, dass nur noch Leim half - den ich praktischerweise dabei hatte. Ich glaube, danach war er enttäuscht, dass er sie nicht mehr kaputt machen konnte. Er entdeckte meine Proviant-Tüte und nahm sich den Saft heraus, konnte die Packung allein jedoch nicht öffnen. Ich öffnete für ihn und er versuchte zu trinken - es ging nicht, er hatte die leere Packung erwischt. Er versuchte es noch eine Weile und setzte dann die Packung ab. "Ich habe getrunken", meinte er als wäre es das einzig-logische Resultat. Er nahm sich die andere Packung und versuchte den Deckel aufzudrehen. Es war die falsche Richtung. Ich zeigte ihm, wie man es macht, und nach einigen Versuchen hatte er es begriffen. Glücklich trank er und stellte die Packung ab. Ich verschloss sie wieder. Er aber fand so viel Freude an dem Spiel, dass er sie wieder aufdrehte und noch mal trank. Er wurde zu übermütig und tropfte etwas Saft auf das Bett. Ich drehte zu und wischte mit einem Taschentuch über den Fleck. Das schien Ilya jedoch nur noch mehr Spaß zu geben und er begann das Spiel von neuem. Diesmal hatte ich die Packung jedoch so fest zugeschraubt, dass er sie nicht wieder aufbekam. Ärgerlich begann er das Päckchen zu schütteln und schließlich öffnete ich es für ihn. Er trank glücklich und begann dann das Päckchen zu schütteln während es noch offen war und besudelte sich von oben bis unten mit rotem Saft. Uuuups... Ich wusste nicht, wie Varya reagieren würde, deshalb holte ich erstmal einen Lappen und wischte die größte Sauerei weg bevor ich ihr davon berichtete. Sie redete mit Ilya und schüttelte nur den Kopf darüber, dass er nicht einsah, was er falsch gemacht hatte.
Varya und ich tranken noch eine Tasse Tee und sie meinte, dass es ganz normal in Russland sei, dass man singe, wann immer man Lust dazu hatte; man müsste dafür nicht erst trinken. Zum Beweis stimmte sie ein Lied an, und dann noch eins. Doch dann war es Zeit ins Bett zu gehen. Mein Zug würde morgen schon um 15:20 abfahren und ich wollte vorher noch etwas von der Stadt sehen.
Ganz so früh wie geplant kam ich doch nicht aus dem Bett, und ich hatte das gleiche Problem wie gestern: Varya war schon aus dem Haus, und die Studenten schliefen noch, weil sie bis in die Morgenstunden in dieser Bar gewesen waren. Diesmal wurde Jakob nicht von seinem Handy, sondern von der Katze geweckt, die an seiner Tür kratzte, weil sie nach draußen wollte.
Ich hatte mich nicht entscheiden können, was ich mir anschauen wollte; hoch auf der Liste rangierte die Peter-Pauls-Festung, aber dafür war wahrscheinlich nicht genug Zeit, deshalb unternahm ich lieber einen Weg durch die Innenstadt, den ich bisher nicht gelaufen war; Kirchen mit wartenden Hochzeitsgästen davor, Militärkreuzer und zunehmend auch Industriegebäude, noch mehr Brücken und schließlich hatte ich keine Ahnung mehr, wo ich war. Ich ging den gleichen Weg zurück, nur auf der anderen Seite des Flusses, was schwierig war, da es an einigen Stellen keine Möglichkeit gab, die Straße zu überqueren; an einigen Stellen war es sogar verboten, sodass ich weitere Umwege laufen musst um eine überquerbare Straße zu finden... doch irgendwann sah ich die Kirche in der Ferne, die ich mir schon hatte ansehen wollen, als ich sie am ersten Tag aus der Ferne erblickte. Es war eine dieser Kirchen, die wir sofort vor dem inneren Auge haben, wenn wir an Russland denken: Zwiebeltürmchen mit Lebkuchenhaus. Der Park, durch den ich ging, verströmte den Geruch des ersten frischen Grases im Frühling, und auch der Frühlingsputz war im Gange; auf den Straßen fuhren Fahrzeuge mit Wasserschlauch entlang und spritzten mit Hochdruck die Straßenlaternen ab.
Die Lebkuchenhauskirche war die Christi-Auferstehungskirche nach Moskauer Vorbild, schrieb mein Reiseführer. Sie schien aber eher ein Museum zu sein; davor befand sich eine Kasse. Hinein ging ich nicht; ich sollte mich auf den Rückweg machen wenn ich rechtzeitig zum Bahnhof kommen wollte. Erstaunlich viele Polizisten waren heute unterwegs. Wie sie so in ihren Mänteln und Mützen in Dreieck aufmarschierten, wenn sie eine Brücke überquerten, erinnerten sie schon ein wenig an die Gestapo. Kein Wunder, dass ihnen niemand zu nah kam und lieber interessiert in die andere Richtung blickte, wenn sie auftauchten. Die Polizei - in Russland Miliz genannt - ist nicht dafür bekannt, dein Freund und Helfer zu sein. Wenn dir dein Handy geklaut wird - versuch gar nicht erst, einen von denen zu überzeugen, dass er dir helfen soll, hatten mir schon mehrere Bekannte gesagt. Sinn hätte das nicht, und im besten Fall fühlen sich die Polizisten nicht dafür zuständig.
An den Kanälen wurden lautstark Bootsrundfahrten angepriesen. Es gab nicht so viele Kanäle wie ich erwartet hatte, aber offenbar genug für den Tourismus.

Varya war nicht zu Hause und würde auch nicht rechtzeitig von Arbeit kommen können um mich vor meiner Abreise noch einmal zu treffen, so verabredeten wir uns für meinen nächsten Besuch, der sicher kommen wird. Ich hatte noch etwas Zeit und besorgte noch einmal Kernbrot - eins für mich und meine Reise, ein zweites für meine Gastgeber. Der Abschied ging schnell; sie waren alle noch im Halbschlaf - das war ein Studentenleben. Ich musste jetzt darüber nachdenken, dass ich die einen ganzen Hefter voll Text dabei hatte, der vor der Prüfung am Montag gelesen werden wollte, und in den ich bisher nicht einmal hineingeschaut hatte. Mit Albert war die Zugfahrt zu interessant zum Lernen gewesen, und in Sankt Petersburg bin ich immer nur auf Achse gewesen und hatte sowieso zu wenig Schlaf bekommen.
Ich erreichte den Bahnhof mit der Metro früher als erwartet und fand meinen Bahnsteig ebenfalls früher als erwartet. Bei meiner Ankunft hatte ich die Abfahrtstafeln schon einmal studiert, aber nichts gefunden, das nach einer Gleisnummer aussah; deshalb hatte ich mich auf das Schlimmste gefasst gemacht. Doch diese Tafel direkt vor den Bahnsteigen zeigte brav die Bahnsteignummern an. Nur ein letztes Rätsel gab es: Unter "platform" standen jeweils zwei Züge mit der gleichen Bahnsteignummer - eine mit russischem P, die andere mit russischem L. Na klar - prawa, lewa: Rechts, links.
Diesmal reiste ich mit einer jungen Frau aus Nischni Nowgorod, einem Endvierziger aus Izhevsk und einer Professorin der Udmurtischen Universität von Izhevsk. Seine Mitreisenden kennenzulernen war in russischen Zügen ein unvermeidliches Vergnügen.
Ich legte mich mit meinem Hefter auf mein Bett, den Kopf aufgestützt - und schlief ein. Erst am Abend wurde ich wieder wach und begann mich auf Englisch mit der Professorin zu unterhalten. Doch trotz meines nachmittäglichen Nickerchens wurde ich bald wieder müde und konnte beim Gespräch das Gähnen nur mit Wasser in den Augen unterdrücken. Natürlich fiel Olga das auf und sie zwinkerte mir zu, dass wir morgen weitersprechen wollten.
Der nächste Tag im Zug wurde wieder gemütlich; wie aßen gemeinsam auf den unteren Betten, und jetzt bin ich mich ziemlich sicher, dass die Zeitungen nur gekauft oder mitgebracht werden um sie als Tischunterlage beim Essen zu verwenden, um die schönen Tischdecken nicht zu beschmutzen. Gelesen hat sie niemand.
An Nischni Nowgorod waren wir schon am frühen Morgen vorbeigefahren; eine andere Frau hatte das freigewordene Bett eingenommen.
Ich versuchte mich wieder am Lernen, schaffte vielleicht 20 Seiten, bevor ich wieder wegnickte. Sankt Petersburg war anstrengender gewesen als ich gedacht hatte.
Später am Nachmittag begann ich wieder mit Origami und eh ich mich versah, brachte ich es Olga bei. So viel zum Lernen... Wir begannen wieder zu plaudern und langsam wurde es draußen dunkel. Der Zug würde 21:36 in Izhevsk ankommen.
Olga war mittlerweile zu meiner Ratgeberin und Beschützerin geworden. Sie wollte mir bei der Ankunft helfen, ein Taxi zurück zum Wohnheim bekommen, obwohl ich recht gut vorbereitet war, denn ich hatte die genaue Adresse auf einem Zettel notiert und trug in meinen Brustbeutel gesteckt. Albert hatte auch angeboten, dass ich ihn bei Problemen jederzeit anrufen könnte. Außerdem wusste ich, wie viel man etwa für ein Taxi auf dieser Strecke bezahlte, und dass man besser den Preis vorher aushandelte. Doch noch viel zu lernen hatte ich... als wir den Bahnhof verließen, marschierte Olga geradewegs an den wartenden Taxis und den sich anpreisenden Fahrern vorbei, und klopfte an die Scheibe von parkenden Taxis, wechselte ein paar Worte, ging weiter. Der dritte Fahrer, den sie fragte, war bereit, mich für 120 Rubel - 3 Euro - zum Wohnheim zu bringen.
So ging auch dieses Abendteuer zu Ende und ich kam noch rechtzeitig vor dem Bettappell um 23 Uhr im Wohnheim an. Die Etagenfrau grinste mich an und wollte erst den Schlüssel rausrücken, wenn ich ihr erzählte, wie es in Sankt Petersburg gewesen ist. "Öhm... fantastisch", sagte ich müde lächeln und sie nickte.
Der Zug hielt, alle stiegen aus. Ich ließ mich von dem Strom der Menschen den Bahnsteig entlang durch die kühle Morgenluft treiben. In der Bahnhofsbuchhandlung kaufte ich mir eine Stadtkarte und studierte die Gegend um den Bahnhof. Das Newskij Prospekt, eine der größten Straßen in Sankt Petersburg, würde mich direkt zu meiner Gastgeberin führen. Sie lebte zwei Metrostationen entfernt auf der Wasilewskij Insel, und wenn ich dorthin zu Fuß ginge, würde ich schon an einem guten Teil der Sehenswürdigkeiten in der Petersburger Innenstadt vorbeilaufen. Außerdem war es zu früh, jemanden um diese Uhrzeit herauszuklingeln, deshalb entschied ich mich für diese Option.
Die Stadt zeigte sich von ihrer schönsten Seite; kaum ein Mensch war auf den Straßen unterwegs, und als ich das Ufer der Newa erreichte, beschloss ich hier zu frühstücken. Die Sonne stand schon ein Stück weit über dem Horizont und begann ihre wärmende Wirkung zu entfalten; ein leichter Meeresgeruch lag in der Luft, die auf jeden Fall feuchter war als in Izhevsk. Ich ging eine Brücke hinunter, packte mein Handtuch aus und setzte mich darauf, nur einen Fußbreit vom Wasser entfernt. Auf dem Fluss trieben dicke Eisschollen und zerschellten an der Brücke, dabei knirschen und klirren sie wie Glas.
Gegen 9 Uhr kam ich bei meiner Gastgeberin an und meldete mich bei ihr. Sie meinte, dass sie mich früher erwartet hatte - dabei hatte ich sie extra gefragt, wann es ihr denn recht sei, dass ich auftauchte, und sie hatte mir darauf nie geantwortet. Nun war sie gerade unterwegs ihren Sohn in den Kindergarten zu schaffen und bat mich eine halbe Stunde im McDonalds zu warten. Dort holte ich mir einen heißen Tee und Blaubeermuffin, und gerade als ich anfangen wollte, im Internet zu surfen, meldete sich Varya, dass sie nun vor dem McDonalds stand.
Sie war eine lebenslustige Person und eröffnete mir gleich, dass sie als Akt-Model für Kunststudenten arbeitete. Solche Leute trifft man wirklich nur über Couchsurfing.
In ihrer WG ging es schon so früh am Morgen lustig zu; sie wohnte mit drei deutschen Austauschstudenten zusammen und hatte letzte Nacht eine andere Couchsurferin untergebracht, die an diesem Nachmittag schon wieder abreisen würde. Bei ihrem Akzent grinste ich breit und froh - eine Holländerin! Wir verstanden uns sofort und beschlossen, gemeinsam an diesem Vormittag die Eremitage zu besuchen, eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt.
Jessica verstand ein wenig von Kunst und spielte Museumsführerin für mich. Eigentlich studierte sie Physik und machte gerade ihren Doktor. Sie war hochintelligent und hatte zu allem eine fundierte Meinung. Wenn wir erschöpft vom vielen Herumlaufen im Museum waren, setzten wir uns auf eine Bank und ich hörte ihr zu. Wenn sie Recht hatte, würde in spätestens zwei Generationen die Welt nicht mehr in der Form existieren, wie sie es heute tat, weil es definitiv nicht genug Ressourcen für alle Menschen gab. Außerdem wusste sie, dass Russland trotz der Energieverschwendung einen geringeren Pro-Kopf-Energieverbrauch hatte als wir in Mitteleuropa, wenn Energiekosten für Reisen, Autos und Luxusgüter eingerechnet wurden. In Russland sei es nur sehr viel sichtbarer, wie viel Energie verschwendet wurde.
Wir verbrachten vier Stunden in der Eremitage und waren am Ende beide etwas enttäuscht, weil viele Teile davon zur Renovierung abgesperrt gewesen waren; Jessica hatte sich erhofft, die Sammlung moderner Kunst anschauen zu können, und ich war auf die prachtvolle Aufgangstreppe gespannt gewesen, die jedoch auch hinter Vorhängen und Gerüsten verschwunden war. Dafür war der Eintrittspreis nicht angemessen gewesen. Ich hatte ja dummerweise noch keinen Studentenausweis, sonst wäre es kostenlos gewesen. Aber ich hatte sowieso vor, zu den Weißen Nächten nach Petersburg zurückzukommen, und dann würde ich noch einmal in die Eremitage gehen - allein schon für den Treppenaufgang, solange ich dafür nichts bezahlen musste...
Draußen vor der Eremitage fand eine Militärparaden-Übung statt; man bereitete sich auf den 9. Mai, den Tag des Sieges vor.
Am Nachmittag traf ich Tanja. Ich hatte sie im Sommer im StudiVZ kennengelernt und sie hatte angeboten, mit eine Stadttour zu geben, sollte ich jemals nach Sankt Petersburg kommen. Der Kontakt war zwar eine Weile abgerissen, aber als sie hörte, dass ich kam, war sie Feuer und Flamme. Sie hatte sich ziemlich gut auf ihre Rolle als Stadtführerin vorbereitet und wusste zu jedem Gebäude etwas zu sagen; sogar Namen und Jahreszahlen, was ich persönlich eine beachtliche Leistung fand, da ich mir keins von beiden merken kann. Wenn ich beispielsweise jemanden kennenlerne, muss ich mich sehr stark darauf konzentrieren, seinen Namen zu hören und nicht sofort wieder zu vergessen. Genau das Gleiche mit Geburtsdaten. Du kannst mir deinen Geburtstag nennen und sicher sein, dass ich deinen Geburtstag nicht erst deinem Geburtstag vergesse... ohne meinen Handykalender wäre ich aufgeschmissen.
Als sich mein Magen meldete, gingen wir einen Happen essen - es wurde immer so schnell so spät, sodass ich das Essen gelegentlich vergaß, oder erst relativ spät am Nachmittag in einem ruhigen Moment daran erinnert wurde. Ich hatte Tanja gebeten, mir ein billiges Café zu zeigen, aber sie verstand Café wirklich so, wie man es in Deutschland verstehen würde - nicht wie die Cafés in Izhevsk, die eher Kantinen waren. Sankt Petersburg war ohnehin sehr europäisch - vom Aussehen der Bewohner über die Essgewohnheiten bis hin zu Moralvorstellungen. Viele Leute hatten helle Haare wie die Finnen, liebte ihre Freiheit und das Leben in einer der schönsten Städte der Welt, und sogar Heirat und Familiengründung stand relativ weit unten auf der Prioritätenliste einer Durchschnittsfrau aus Sankt Petersburg, erzählte Tanja.
Sie selbst studierte Deutsch und Französisch und wollte lieber erst beide Länder gründlich bereisen, am liebsten auch in Deutschland studieren, und sah die Familiengründung nach der Uni nur als eine von vielen Optionen. Viele meiner Bekannten hatten mir erzählt, dass in Russland fast jeder auf die Universität ging, weil es eben nichts kostete; die Frauen suchten sich in der Zeit einen Ehemann und die Männer waren während der Studienzeit vom Militärdienst befreite - und wenn sie es schafften, sich bis zum Alter von 28 davor zu drücken, wurden sie auch nicht mehr eingezogen. Eine Bekannte von mir unterrichtet in der landwirtschaftlichen Universität von Izhevsk und wusste zu erzählen, dass es in jeder Gruppe, die sie unterrichtete, durchschnittlich nur zwei Studenten gab, die tatsächlich an dem Studium interessiert waren und nicht nur ihre Zeit absaßen. Aber wahrscheinlich hängt es auch mit dem Studienfach zusammen. Im Bereich Telekommunikation schien mir eine größere Lernbereitschaft zu herrschen - vielleicht auch weil die Studenten wussten, dass und wo sie nach dem Studium arbeiten würden, nämlich bei einem der vielen Telefon- und Internetanbieter der Stadt. Viele Studenten arbeiteten dort jetzt schon während des Studiums, meistens in den Abendstunden beim Support. Dennoch promovierten viele - vor allem weibliche - Studenten, obwohl das Stipendium meistens nicht mal zum Leben reichte. Professor zu werden kam für die wenigsten Studenten infrage - nicht weil es so ein langer, schwieriger Weg war wie bei uns in Deutschland, sondern weil es ein schlecht bezahlter Job mit zu vielen Unterrichtsstunden pro Woche war. Tatsächlich wurden Studenten oft von ihren Professoren mit viel Nachdruck gebeten, an der Universität zu bleiben um dort zu unterrichten. Noch schlechter werden offenbar nur Schullehrer bezahlt.
Aber zurück nach Sankt Petersburg. Tanja und ich waren mittlerweile in ein russisches Restaurant eingekehrt, das extra für Touristen mit allerlei russischem Kitsch und Bärenfell gestückt wurde. Das einzige Gericht auf der Karte, das ich mir leisten wollte, waren kirschgefüllte Vareniky - ebenfalls Teigtaschen wie Pelmeni, aber flacher, und statt mit Fleischbällchen bekam man sie meistens mit Kirsch- oder Kartoffelfüllung. Dazu bestellte ich mir auf Tanjas Anraten ein Glas "Kwas", eine Art alkoholfreies, fruchtiges Bier, erklärte sie. Es war ein sonderbares Getränk; es schmeckte wie eine Mischung aus Bier, Cola und Kirschsaft, aber gleichzeitig nach nichts von allen dreien. Tanja genehmigte sich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Sie bat mich, ihr von Deutschland zu erzählen, denn sie hatte nur Bayern kennengelernt und ich versicherte ihr, dass das nicht Deutschland war. Ich hatte schon festgestellt, dass viele Deutschlandinteressierte immer wieder von der Vielseitigkeit des Landes überrascht waren - angefangen bei der Vielzahl der Dialekte waren sie wohl am meisten erstaunt über Wattwanderungen an der Nordseeküste, den Kölner Karneval und Hexen auf dem Blocksberg.
Nach dem Essen gingen wir weiter durch die Stadt und knipsten hunderte von Fotos, vor allem von uns gegenseitig. Um auch Fotos von uns beiden zusammen zu bekommen, fragte sie Passanten, ob sie uns knipsen könnten. Einer der Passanten war ein professioneller Fotograf, wie sich herausstellte, und er bot an, seine eigene Kamera zu verwenden und Tanja das Foto zuzuschicken. Aber es wurde nicht nur ein Foto - er knipste uns von allen Seiten und aus allen Positionen als wären wir seine Models. Mir wurde das ein wenig peinlich und ich wehrte ab; dann nahm er sich Tanja allein vor während sein älterer und etwas gruseliger Begleiter mich in ein Gespräch zu verwickeln begann. Ich begann zu ahnen, was hinter dem ganzen künstlerischen Interesse der beiden Männer stand.
In Tanja war ein Naturtalent im Posieren für Fotos; an ihr war wirklich ein Model verloren gegangen, und sie besaß eine natürliche Schönheit, die ihr sicher viele Aufträge verschaffen würde.
Es machte mir Spaß, ihr zuzuschauen, doch als sie fertig waren, wollte er mit mir weitermachen, aber ich winkte ab, denn ich bin wahrhaftig keine Schönheit; mir reicht es aus, ein Foto von mir zu haben, das mich an einem bestimmten Ort zeigt, sodass... ich eine Foto habe, das mich an einem bestimmten Ort zeigt. Wozu auch immer man das braucht...


Weiter unten am Ufer der Newa, vor der Kulisse der Peter-Pauls-Festung tanzte ausgelassen eine Theatergruppe.
Wir wanderten weiter durch die Stadt, deren goldene Kuppeln im Licht der Abendsonne glänzten. Man konnte stundenlang die Uferpromenade entlang spazieren; wahrscheinlich würde man im Kreis laufen, oder am Meer herauskommen, denn die Newa floss an Inseln der Stadt entlang in den Finnischen Meerbusen. Ich würde es niemals schaffen, innerhalb der nächsten anderthalb Tage mehr von der Sankt Petersburg zu sehen als die schönsten Gebäude der Innenstadt aus mehr oder weniger großer Entfernung. Hier muss man schon leben um die Stadt kennenzulernen.
Es gab auch eine einzige, große Moschee im Zentrum mit einer prachtvollen blau-gekachelten Kuppel und zwei schlanken Minaretten. Mir fiel auf, dass ich die Izhevsker Moschee noch nicht gesehen hatte, und dabei war ich der Meinung gewesen, in Izhevsk schon alles gesehen zu haben. Ich würde am besten die Ägypter danach fragen, denn die meisten gingen jeden Freitag dorthin.
Es wurde langsam spät; ich hatte schon vor zwei Stunden bei meiner Gastgeberin sein wollen, sonst würden wir uns am Ende gar nicht richtig kennenlernen. Tanja fragte, ob ich Lust hätte, morgen in die Stadt Puschkin zu fahren. Sie hatte zwar nicht so viel Zeit, aber wir könnten uns den Katharinenpalast anschauen. Das Angebot nahm ich gern an, denn im Katharinenpalast befand sich das berühmte Bernsteinzimmer - rekonstruiert natürlich, denn wo das echte ist, weiß bekanntlich niemand.
Tanja stellte beim Abschied noch sicher, dass ich morgen die richtige Metro nehmen würde und zeigte mir, wo ich umsteigen musste
Als ich bei Varya zu Hause ankam, war richtig Leben in der Bude. Ich hatte am Morgen gar nicht die Gelegenheit gehabt, mich umzuschauen. Im Flur lagen kreuz und quer mindestens 20 Schuhpaare, zwischen denen eine launische Katze umher stromerte. Auch der Kleiderständer war einer eine kleine Theater-Garderobe. In Varyas Zimmer lagen Spielsachen quer auf dem Boden verteilt von ihrem kleinen Sohn... den ich auch noch nicht getroffen hatte. Bis ich ins Bad zum Händewaschen ging; da saß er nackt in einer Wasserschüssel und planschte vergnügt. "Priwet", sagte ich ein wenig irritiert und er grinste mich an. Varya saß in der Küche, in der es eindeutig zu wenig Platz und zu wenige Stühle für diesen Haushalt gab. Die beiden Jungs standen an die Wand gelehnt und aßen. Es schien immer etwas Essbares auf dem Tisch zu liegen und immer warmes Wasser im Wasserkocher zu sein. Alle tranken Tee zusammen. Und noch etwas war mir anfangs entgangen: Sie aßen richtiges deutsches Vollkornbrot mit ganzen Sonnenblumenkernen darin. Das sah ich zum ersten Mal in Russland. Offenbar gab es ganz in der Nähe einen besonderen Bäcker, der deutsches Brot verkauft, und diese Art von Brot wurde sogar im Russischen als "Kernbrot" bezeichnet. Das macht Nummer zwei der eindeutig aus Deutschland stammenden Speisen, nach "Kompott".
Die drei Studenten studierten in Magdeburg die europäische Kultur, Sprachen, Geschichte und Politik, und waren gerade dieses Semester nach Sankt Petersburg gekommen. Russisch übten sie vor allem mit Varyas Sohn Ilya, und es schien, als würde eher Varya ihr Deutsch mit ihnen verbessern als es umgekehrt mit Russisch der Fall war. Gut zu wissen, dass man mit diesem Problem nicht allein war...
Varya ging früh schlafen, die Studenten gingen aus in die Clubs und Bars. Ich blieb noch ein wenig wach und machte etwas Origami bevor ich schlafen ging. Albert schrieb, dass er bei der Gelegenheit in Moskau zu sein bei dem Moskauer Verlag vorbeischauen wollte, der eine Publikation von ihm gedruckt hatte ohne dass er je eine Kopeke dafür gesehen hat. Die haben wahrscheinlich auf die tausend Kilometer Entfernung gesetzt und sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt.
Ich schlich mich in Varyas Zimmer, wo sie schon mit ihrem Sohn schlief und ich das Campingbett beziehen würde. Sie hatte mir frische Bettwäsche hinausgelegt, die ich jedoch trotz aller Versuche nicht im Dunkeln beziehen konnte. Als ich mit dem Haufen Wäsche und Decken im Flur stand, begegnete mir ein Geist. Es Mädchen im Alter von vielleicht 11 Jahren begrüßte mich mit "Priwet!" und ging in die Küche um sich Saft zu holen. Wie kam es, dass ich sie den ganzen Abend lang nicht gesehen hatte, und vor allem - niemand sie erwähnt hatte?
Als ich am nächsten Tag Varya darauf ansprach, meinte sie, das sei ihre kleine Schwester, die immer so tat, als würde Varya nicht existieren. Das fand ich zwar merkwürdig, beschloss aber nicht weiter in die Familienangelegenheiten hinein zu fragen.
Um 9:30 sollte ich mich mit Tanja am anderen Ende der Stadt treffen. Varya war schon aus dem Haus, aber ich brauchte jemanden, der hinter mir die Tür absperrte, da sonst jeder Zutritt zur Wohnung hatte. Die Wohnung schien leer bis auf die Katze, die empört miaute, weil sie wahrscheinlich noch niemand gefüttert hatte. Ich spähte in die Zimmer um zu schauen, ob jemand dort schlief, obwohl ich ungern jemanden aufwecken wollte, besonders wenn dieser Jemand erst um 5 Uhr morgens vom Feiern zurück gekommen war. Doch ich hatte Glück und das Telefon von Jakob klingelte und weckte ihn. Ich klopfte sachte an und bat, dass er hinter mir abschließen könnte.
So kam ich nur etwas verspätet an der Metrostation Kuptschina an. Insgesamt war ich ein wenig enttäuscht von der Petersburger Metro, die ich mir prachtvoller vorgestellt hatte. Tanja meinte, vor allem sei die Linie 1 schön gestaltet, und die zu sehen hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt. Ich setzte es auf die Liste der Dinge, die ich beim nächsten Mal in Petersburg machen wollte. Ich hoffte, dass ich noch einmal vor meiner Abreise die Gelegenheit haben würde; am schönsten wäre es ja, während der Weißen Nächte im Juni wiederzukommen, träumte ich. Die Zeit verging zu schnell. Es war schon Mitte April. War heute schon Mittwoch? Ich war am Sonntagabend in Izhevsk losgefahren und am Dienstagmorgen in Sankt Petersburg angekommen. So eine lange Reise fühlt sich an, als wäre man in ein Zeitloch gefallen.
Ich rief Tanja an, wo genau wir uns treffen sollten. Sie gab mir den Auftrag, mich nicht vom Fleck zu bewegen, sie würde mich finden, und tatsächlich kam sie schon nach wenigen Minuten. Am Ausgang der Metro fuhren Busses ab. Wir waren schon außerhalb der Stadt, von hieraus konnte man den Autobahnring und die Autobahnbrücken des Stadtrandes sehen.
Selbst hier waren die Bushaltestellen nicht besser beschriftet als in Izhevsk, und Tanja fragte einen der Wartenden nach dem Bus nach Puschkin. Wir hatten Glück und bekamen einen Bus, der direkt zum Katharinenpalast fuhr.
Nur wenige Leute waren um diese Uhrzeit unterwegs. Dennoch standen schon die Eis- und Imbiss-Verkäufer an der Auffahrt zum Schloss. Ich hatte noch kein Frühstück gehabt und beschloss, dass es keine gute Idee war, die Schlossbesichtigung auf nüchternen Magen zu unternehmen. An diesem Stand bekam ich das Merkwürdigste, das ich bisher in Russland probiert hatte. Es nannte sich zwar Pirogge, war aber ein typisch-deutsches Brötchen, das mit gekochtem, warmem Reis gefüllt war. Es war unglaublich lecker und ich fragte mich, warum in Deutschland noch niemand auf diese Idee gekommen war.
An der Garderobe wollten wir unsere Jacken abgeben, aber die wollten sie uns nicht abnehmen: Alle Haken seien voll, und wir sollten etwas warten. Hinter uns kamen schon die nächsten. Mit der Zeit wurde es ein richtiger Menschenauflauf an der Garderobe und ich fragte, ob wir die Jacken nicht einfach mit hinein nehmen könnten. Also ich dürfte, aber Tanja hatte einen Mantel, der wahrscheinlich irgendeinen Grenzwert überschritt und deshalb nicht mit hinein genommen werden durfte. Die Leute begannen ärgerlich zu werden, als sich eine Person vordrängt und ihre Jacke abgab, und diese Jacke auch genommen wurde. "Sie arbeitet hier", kam die lapidare Antwort. Eine besonders resolute Russin wollte sich das nicht bieten lassen und stampfte davon, einen Vorgesetzten zu finden. Das Ende der Auseinandersetzung war, dass wir die reservierten Kleiderhaken einer ausländischen Reisegruppe verwenden durften.
Nun da die erste Hürde geschafft war, gingen wir zur Kasse. Die Preise waren sogar noch höher als in der Eremitage und mein Studentenausweis hätte schon einen gewaltigen Unterschied gemacht. Tanja sprach mit der Kartenverkäuferin: "Sie ist Studentin, hat aber keinen Ausweis, könnten Sie bitte eine Ausnahmen machen?" Zuerst schien zu hart zu bleiben, aber Tanja musste wohl einen Hundeblick aufgesetzt zu haben und die Verkäuferin stellte den Preis auf Studentenrabatt um. Wir dankten ihr überschwänglich, und Tanja kam sogar umsonst rein, weil sie Kulturwissenschaften studierte.
Der Katharinenpalast gefiel mir wesentlich besser als die Eremitage; er wirkte viel geschmackvoller, zwar immer noch prunkvoll, aber nicht so ein Paukenschlag in die Magengrube wie die Eremitage. Das Gold war kunstvoll geschmiedet wie rankende Pflanzen an den Wänden angebracht worden, deren Blüten die Kerzenleuchter waren; dazu kamen viele kleine und große Spiegel und große, hohe Fenster, die dem Raum etwas Helles, Offenes, Verspieltes gaben. In jedem Zimmer stand ein holländischer, blau-weißer Kachelofen, der den Stil etwas brach. Im Moment fand eine Ausstellung zu den Essgewohnheiten zur Zeiten der Zaren statt, und es wunderte mich nicht mehr, wie die ganze Familie so dick hatte sein können.
Das Bernsteinzimmer war noch schöner als ich es mir vorgestellt hatte; ich hatte nicht gewusst, dass Bernstein von so leuchtend roter Farbe existierte. Leider war es strengstens verboten, Fotos zu machen.
Die Privatgemächer waren bescheidener als die Empfangssäle am Anfang des Rundgangs; man konnte sich sogar vorstellen, dass hier einmal Leute gelebt haben. Insgesamt war das Schloss kleiner als ich erwartet hatte, aber dennoch war es den Eintritt wert gewesen.
Anschließend gingen wir im Schlosspark spazieren und Tanja wurde von einem älteren Mann in eine Diskussion verwickelt, welche Fahne das auf dem Dach des Schlosses wohl war. Ich fand interessanter, wie schnell Leute ins Gespräch kamen. Der Schlosspark war riesig und enthielt selbst noch kleinere Gebäude, Teiche, und eine schöne Steinbrücke über einen Zufluss. Wie schön musste es hier erst im Sommer sein, wenn alles grün war.
Für Tanja wurde es Zeit, zurück zur Uni zu fahren; ich war ihr dankbar, dass sie so viel Zeit für mich freigemacht hatte. Allein wäre die Stadt sicher nur halb so interessant gewesen.
Am Abend sollte ich noch eine weitere Bekannte treffen, wobei "Bekannte" zu viel gesagt ist, denn ich hatte sie erst vor einigen Tagen im Internet kennengelernt und sie wollte gern ausprobieren, wie gut ihr Deutsch schon war. Eigentlich hatte ich schon gar keine Lust mehr, noch einmal auszugehen, nachdem ich wieder bei meinen Gastgebern angekommen war. Der Muskelkater hatte sich nicht gebessert, sondern hatte sich auf alle anderen Muskeln ausgebreitet, die vorher noch nicht betroffen gewesen waren - was hatte ich auch bei meiner Ankunft meinen Rucksack drei Stunden lang durch die Stadt getragen - und geschlafen hatte ich auch recht wenig, schon seit Tagen. Doch nun war ich einmal in Sankt Petersburg und sollte die Zeit bestmöglich ausnutzen. Ich ließ mir von den Jungs aufzeichnen, wo sich der nächste Supermarkt befand und machte mich auf den Weg dorthin, da ich morgen vor der Abreise vielleicht nicht mehr die Zeit haben würde, Reiseproviant einzukaufen, und außerdem wäre ein Abendbrot nicht schlecht, da mein einziges Essen an dem Tag das Reisbrötchen vom Morgen gewesen war. Die Jungs baten mich, Kernbrot vom Bäcker mitzubringen, und Varya, die ich mir auf der Straße entgegen kam, brauchte noch Milch. So konnte ich mich wenigstens noch nützlich machen.
Der Bäcker war ein Bäckerwagen, der mir schon vorher aufgefallen war ohne dass ich mir größere Gedanken darüber gemacht hätte. Darin sah es wirklich aus wie beim deutschen Bäcker und ich war kurz davor, das halbe Sortiment aufzukaufen - aber wer sollte das essen? Das Kernbrot gab es für etwas mehr als einen Euro; groß war es nicht, und kaum hatte ich es auf den Küchentisch gelegt, war es schon vollständig aufgebraucht worden. Es war so unglaublich lecker - innen weich und außen mit Kruste. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen während ich es schreibe.
Doch auch im Supermarkt war ich positiv überrascht worden: Es gab Würstchen, die schon fast wie eingeschweißte deutsche Supermarktwürstchen schmeckten, und vor allem gab es Pfannkuchen, die sich hier "Berlinery" nannten. Ich spürte in diesem Moment wirklich, wie ich mich nicht nur geographisch Deutschland wieder angenähert hatte. Dennoch wollte ich zum Abendbrot Pelmeni machen. Varya war eine begeisterte Köchin und zauberte aus meinen schwimmenden Teigbällchen einen leckeren Käseauflauf. Die anderen aßen nicht mit, denn sie waren Vegetarier. Stattdessen bereiteten sie später am Abend einen großen Topf Borschtsch zu - ein Rote-Beete-Eintopf. Ich probierte ein bisschen was davon und stufte es unter "essbar, aber nicht genießbar" ein.

Zunächst aber musste ich mich sputen um rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt zu sein. Um 18 Uhr setzte die Rush-Hour in der Petersburger Metro ein, was ich vorher nicht hatte wissen können, und ich geriet mitten hinein. Man konnte sich kaum bewegen, und auf den Rolltreppen standen die Leute so dicht, dass nicht einmal mehr besonders eilige links an ihnen vorbeihasten konnten. Ich stoppte die Zeit, ganze zweieinhalb Minuten brauchte ich auf der Rolltreppe. Die Metro musste sehr weit unter der Erde liegen, da sie unter einem Fluss und in Meeresnähe gebaut war. Die Dauer zwischen den einzelnen Stationen war ebenfalls nicht nur eingebildet länger als in anderen Metros; es lagen oft über fünf Minuten dazwischen, und immer kurz vor einer Station fiel das Licht für eine Sekunde aus.
Ich war mit Nika an der Metro "Newskij Prospekt" verabredet. Dabei hätte ich ahnen können, dass das schiefgeht. Um es kurz zu machen: Wir brauchten fast 40 Minuten um uns zu finden, schrieben uns SMS, telefonierten, versuchten einen eindeutigeren Treffpunkt als "Gazprom-Gebäude" und "abgeschlossener Park" zu finden; zwischendurch war mit das Geld auf dem Handy ausgegangen und ich konnte keine Anrufe mehr empfangen, weil in Russland der Angerufene zahlte, oder es ein seltsamer Tarif war, und überhaupt musste ich wesentlich mehr bezahlen als in Izhevsk; die Kosten waren ähnlich wie ein Handytelefonat in Deutschland. Handy-Ladeautomaten gab es eine ganze Menge über die Stadt verteilt, in Supermärkten und in Unterführungen. Wären es Geldautomaten gewesen - ich hätte meine Karte nicht in einen dieser Automaten in dieser Unterführung gesteckt. So wunderte es mich auch nur wenig, dass der erste Automat das Geld schluckte und sich dann aufhängte ohne mir eine Bestätigung über die Handyaufladung zu geben. In den zweiten Automaten steckte ich meine letzten kleinen Scheine und bekam genug Guthaben um Nika eine SMS zu schicken, dass sie nicht mehr anrufen soll und setzte einen neuen Treffpunkt fest, an dem ich warten wollte bis die Nacht hineinbrach, wenn nötig. So fanden wir uns. Sie hatte ihren Freund dabei, der kein Deutsch sprach, dafür ein wenig Englisch. Sie selbst sprach ein wenig Deutsch, und ich mein bisschen Russisch, und irgendwie schafften wir es, uns mit Hilfe eines Wörterbuchs doch ganz gut zu unterhalten. Wir gingen zuerst in Kazaner Kirche; ein mächtiges Gebäude, in dem ich keine Kirche erwartet hätte, aber von innen sah sie wunderschön aus: Hohe Säulen, Bögen und Deckengemälde. Es fand gerade eine Messe statt und ich fand uns ein wenig fehl am Platz, aber wenigstens war es hier drin warm. Ich machte unauffällig ein Foto. Nikas Freund wollte mir helfen und ebenfalls unauffällig ein Foto machen, doch er wurde mit fast völlig versteckter Kamera erwischt. Wahrscheinlich sah er zu betont-unauffällig aus. Wir gingen weiter zur Eremitage, wo sich noch mehr uniformierte Männer versammelt hatten als bei meiner Ankunft. Einige hundert Mann marschierten in Reih und Glied über den großen Platz vor der Eremitage. Einige trugen Fahnen, andere Waffen, und wieder andere Musikinstrumente. Es war sicher ein guter Vorgeschmack auf die Parade zum 9. Mai, dem Tag des Sieges. Polizisten schirmten den Platz gegen neugierige Touristen ab, aber als sich die Parade auflöste, bekamen wir einen guten Blick auf das ganze Geschehen; geordnet zogen die Kompanien ab und warteten sogar an Straßenampeln, obwohl sich sicher kein Fahrer getraut hätte, einfach drauflos zu fahren.
Ich wurde in Izhevsk immer wieder gefragt, ob ich vor meiner Ankunft dachte, dass in Russland Bären auf den Straßen herumlaufen. Wahrscheinlich sind doch schon einige Amerikaner in der Stadt gewesen... Ich glaubte jedenfalls nicht daran - bis ich nach Sankt Petersburg kam und das sah:
In Russland gibt es tatsächlich Bären auf den Straßen, und sie teilen Restaurant-Flyer aus.
Auch Bettler gab es hier auf den Straßen. Eine heruntergekommene junge Frau bat mich um zwei Rubel, die ich ihr aus Überraschung auch gab. Konnte man sich für zwei Rubel wirklich schon etwas leisten?
Übrigens ist das Leben in Sankt Petersburg wirklich um einiges teurer als in einer Provinzstadt wie Izhevsk, und sogar die Leute auf den Straßen verlieren eine größere Menge Geld - während in Izhevsk meistens nur Kopeken auf der Straße lagen, fand ich in Petersburg eine ganze Handvoll Rubel-Stücke.
Es wäre sicher schön, in Sankt Petersburg zu leben, aber im Moment würde ich nicht gegen Izhevsk tauschen wollen, denn es sind die Menschen hier, die diese Stadt zu einer Art Zuhause gemacht haben.
Der Rest des Abends verlief in ruhigen Bahnen. Die drei Studenten hatten mich zwar in eine Bar eingeladen, in der ein Freund von ihnen als DJ auflegen würde, aber ich hatte mir seit der Erfahrung in Athen geschworen, solche Orte in Zukunft zu meiden. Ich muss mich damit abfinden, dass ich ein Computer-Nerd bin und dort nur Spaß haben könnte, wenn man Spaß auf einen Integer legt und es einen Bereichsüberlauf im Negativen gibt.
Ich begann mit Ilya zu spielen, oder besser: Ilya mit mir. Er hatte mein Origami auf dem Fußboden entdeckt und begann sich die Kaleidozyklen als Schwimmflügel anzuziehen. Jedes Mal, wenn sie dabei zerrissen, reparierte ich sie ihm, bis sie so kaputt waren, dass nur noch Leim half - den ich praktischerweise dabei hatte. Ich glaube, danach war er enttäuscht, dass er sie nicht mehr kaputt machen konnte. Er entdeckte meine Proviant-Tüte und nahm sich den Saft heraus, konnte die Packung allein jedoch nicht öffnen. Ich öffnete für ihn und er versuchte zu trinken - es ging nicht, er hatte die leere Packung erwischt. Er versuchte es noch eine Weile und setzte dann die Packung ab. "Ich habe getrunken", meinte er als wäre es das einzig-logische Resultat. Er nahm sich die andere Packung und versuchte den Deckel aufzudrehen. Es war die falsche Richtung. Ich zeigte ihm, wie man es macht, und nach einigen Versuchen hatte er es begriffen. Glücklich trank er und stellte die Packung ab. Ich verschloss sie wieder. Er aber fand so viel Freude an dem Spiel, dass er sie wieder aufdrehte und noch mal trank. Er wurde zu übermütig und tropfte etwas Saft auf das Bett. Ich drehte zu und wischte mit einem Taschentuch über den Fleck. Das schien Ilya jedoch nur noch mehr Spaß zu geben und er begann das Spiel von neuem. Diesmal hatte ich die Packung jedoch so fest zugeschraubt, dass er sie nicht wieder aufbekam. Ärgerlich begann er das Päckchen zu schütteln und schließlich öffnete ich es für ihn. Er trank glücklich und begann dann das Päckchen zu schütteln während es noch offen war und besudelte sich von oben bis unten mit rotem Saft. Uuuups... Ich wusste nicht, wie Varya reagieren würde, deshalb holte ich erstmal einen Lappen und wischte die größte Sauerei weg bevor ich ihr davon berichtete. Sie redete mit Ilya und schüttelte nur den Kopf darüber, dass er nicht einsah, was er falsch gemacht hatte.
Varya und ich tranken noch eine Tasse Tee und sie meinte, dass es ganz normal in Russland sei, dass man singe, wann immer man Lust dazu hatte; man müsste dafür nicht erst trinken. Zum Beweis stimmte sie ein Lied an, und dann noch eins. Doch dann war es Zeit ins Bett zu gehen. Mein Zug würde morgen schon um 15:20 abfahren und ich wollte vorher noch etwas von der Stadt sehen.
Ganz so früh wie geplant kam ich doch nicht aus dem Bett, und ich hatte das gleiche Problem wie gestern: Varya war schon aus dem Haus, und die Studenten schliefen noch, weil sie bis in die Morgenstunden in dieser Bar gewesen waren. Diesmal wurde Jakob nicht von seinem Handy, sondern von der Katze geweckt, die an seiner Tür kratzte, weil sie nach draußen wollte.
Ich hatte mich nicht entscheiden können, was ich mir anschauen wollte; hoch auf der Liste rangierte die Peter-Pauls-Festung, aber dafür war wahrscheinlich nicht genug Zeit, deshalb unternahm ich lieber einen Weg durch die Innenstadt, den ich bisher nicht gelaufen war; Kirchen mit wartenden Hochzeitsgästen davor, Militärkreuzer und zunehmend auch Industriegebäude, noch mehr Brücken und schließlich hatte ich keine Ahnung mehr, wo ich war. Ich ging den gleichen Weg zurück, nur auf der anderen Seite des Flusses, was schwierig war, da es an einigen Stellen keine Möglichkeit gab, die Straße zu überqueren; an einigen Stellen war es sogar verboten, sodass ich weitere Umwege laufen musst um eine überquerbare Straße zu finden... doch irgendwann sah ich die Kirche in der Ferne, die ich mir schon hatte ansehen wollen, als ich sie am ersten Tag aus der Ferne erblickte. Es war eine dieser Kirchen, die wir sofort vor dem inneren Auge haben, wenn wir an Russland denken: Zwiebeltürmchen mit Lebkuchenhaus. Der Park, durch den ich ging, verströmte den Geruch des ersten frischen Grases im Frühling, und auch der Frühlingsputz war im Gange; auf den Straßen fuhren Fahrzeuge mit Wasserschlauch entlang und spritzten mit Hochdruck die Straßenlaternen ab.
Die Lebkuchenhauskirche war die Christi-Auferstehungskirche nach Moskauer Vorbild, schrieb mein Reiseführer. Sie schien aber eher ein Museum zu sein; davor befand sich eine Kasse. Hinein ging ich nicht; ich sollte mich auf den Rückweg machen wenn ich rechtzeitig zum Bahnhof kommen wollte. Erstaunlich viele Polizisten waren heute unterwegs. Wie sie so in ihren Mänteln und Mützen in Dreieck aufmarschierten, wenn sie eine Brücke überquerten, erinnerten sie schon ein wenig an die Gestapo. Kein Wunder, dass ihnen niemand zu nah kam und lieber interessiert in die andere Richtung blickte, wenn sie auftauchten. Die Polizei - in Russland Miliz genannt - ist nicht dafür bekannt, dein Freund und Helfer zu sein. Wenn dir dein Handy geklaut wird - versuch gar nicht erst, einen von denen zu überzeugen, dass er dir helfen soll, hatten mir schon mehrere Bekannte gesagt. Sinn hätte das nicht, und im besten Fall fühlen sich die Polizisten nicht dafür zuständig.
An den Kanälen wurden lautstark Bootsrundfahrten angepriesen. Es gab nicht so viele Kanäle wie ich erwartet hatte, aber offenbar genug für den Tourismus.

Varya war nicht zu Hause und würde auch nicht rechtzeitig von Arbeit kommen können um mich vor meiner Abreise noch einmal zu treffen, so verabredeten wir uns für meinen nächsten Besuch, der sicher kommen wird. Ich hatte noch etwas Zeit und besorgte noch einmal Kernbrot - eins für mich und meine Reise, ein zweites für meine Gastgeber. Der Abschied ging schnell; sie waren alle noch im Halbschlaf - das war ein Studentenleben. Ich musste jetzt darüber nachdenken, dass ich die einen ganzen Hefter voll Text dabei hatte, der vor der Prüfung am Montag gelesen werden wollte, und in den ich bisher nicht einmal hineingeschaut hatte. Mit Albert war die Zugfahrt zu interessant zum Lernen gewesen, und in Sankt Petersburg bin ich immer nur auf Achse gewesen und hatte sowieso zu wenig Schlaf bekommen.
Ich erreichte den Bahnhof mit der Metro früher als erwartet und fand meinen Bahnsteig ebenfalls früher als erwartet. Bei meiner Ankunft hatte ich die Abfahrtstafeln schon einmal studiert, aber nichts gefunden, das nach einer Gleisnummer aussah; deshalb hatte ich mich auf das Schlimmste gefasst gemacht. Doch diese Tafel direkt vor den Bahnsteigen zeigte brav die Bahnsteignummern an. Nur ein letztes Rätsel gab es: Unter "platform" standen jeweils zwei Züge mit der gleichen Bahnsteignummer - eine mit russischem P, die andere mit russischem L. Na klar - prawa, lewa: Rechts, links.
Diesmal reiste ich mit einer jungen Frau aus Nischni Nowgorod, einem Endvierziger aus Izhevsk und einer Professorin der Udmurtischen Universität von Izhevsk. Seine Mitreisenden kennenzulernen war in russischen Zügen ein unvermeidliches Vergnügen.
Ich legte mich mit meinem Hefter auf mein Bett, den Kopf aufgestützt - und schlief ein. Erst am Abend wurde ich wieder wach und begann mich auf Englisch mit der Professorin zu unterhalten. Doch trotz meines nachmittäglichen Nickerchens wurde ich bald wieder müde und konnte beim Gespräch das Gähnen nur mit Wasser in den Augen unterdrücken. Natürlich fiel Olga das auf und sie zwinkerte mir zu, dass wir morgen weitersprechen wollten.
Der nächste Tag im Zug wurde wieder gemütlich; wie aßen gemeinsam auf den unteren Betten, und jetzt bin ich mich ziemlich sicher, dass die Zeitungen nur gekauft oder mitgebracht werden um sie als Tischunterlage beim Essen zu verwenden, um die schönen Tischdecken nicht zu beschmutzen. Gelesen hat sie niemand.
An Nischni Nowgorod waren wir schon am frühen Morgen vorbeigefahren; eine andere Frau hatte das freigewordene Bett eingenommen.
Ich versuchte mich wieder am Lernen, schaffte vielleicht 20 Seiten, bevor ich wieder wegnickte. Sankt Petersburg war anstrengender gewesen als ich gedacht hatte.
Später am Nachmittag begann ich wieder mit Origami und eh ich mich versah, brachte ich es Olga bei. So viel zum Lernen... Wir begannen wieder zu plaudern und langsam wurde es draußen dunkel. Der Zug würde 21:36 in Izhevsk ankommen.
Olga war mittlerweile zu meiner Ratgeberin und Beschützerin geworden. Sie wollte mir bei der Ankunft helfen, ein Taxi zurück zum Wohnheim bekommen, obwohl ich recht gut vorbereitet war, denn ich hatte die genaue Adresse auf einem Zettel notiert und trug in meinen Brustbeutel gesteckt. Albert hatte auch angeboten, dass ich ihn bei Problemen jederzeit anrufen könnte. Außerdem wusste ich, wie viel man etwa für ein Taxi auf dieser Strecke bezahlte, und dass man besser den Preis vorher aushandelte. Doch noch viel zu lernen hatte ich... als wir den Bahnhof verließen, marschierte Olga geradewegs an den wartenden Taxis und den sich anpreisenden Fahrern vorbei, und klopfte an die Scheibe von parkenden Taxis, wechselte ein paar Worte, ging weiter. Der dritte Fahrer, den sie fragte, war bereit, mich für 120 Rubel - 3 Euro - zum Wohnheim zu bringen.
So ging auch dieses Abendteuer zu Ende und ich kam noch rechtzeitig vor dem Bettappell um 23 Uhr im Wohnheim an. Die Etagenfrau grinste mich an und wollte erst den Schlüssel rausrücken, wenn ich ihr erzählte, wie es in Sankt Petersburg gewesen ist. "Öhm... fantastisch", sagte ich müde lächeln und sie nickte.





Als du in Petersburgs ausgestiegen bist, war das auch so ein Gefühl wie wo wir den Bus in Warschau am Bahnhof verlassen hatten und dann einfach so verloren im nirgendwo standen? Oder war der Bahnhof richtig schön und toll?
AntwortenLöschenPetersburg, Petersburg, da muss ich auch nochmal hin. Nimmste mich da mal mit (Weißen Nächten)?
Wie bist du den drauf, nen Tee im Restaurant zu goldenen M wenn man mal net da ist. Ich seh schon wenn ich nicht da bin um dir ne heiße Schokolade auszugeben, trinkst du gesundes Zeugs :D
Öhm, erinnert mich ein bisschen an Stockholm: "Eigentlich schlafe ich ja nackt, aber weil ihr da seit und ich euch nicht verschrecken will..." ^^ Die mit den dunklen Haaren auf den Bildern ist jetzt aber deine Gastgeberin und nicht die Holländerin?! (schon zu spät zum denken)
"Du kannst mir deinen Geburtstag nennen und sicher sein, dass ich deinen Geburtstag nicht erst deinem Geburtstag vergesse... ohne meinen Handykalender wäre ich aufgeschmissen." <- ich glaub da ist ein Bug drin.
Ist Petersburg freier als Ishevsk und dürftest du dort Besuch im Wohnheim (Gefängnis) empfangen? ^^
Hast du die Fotos des Fotographen dennoch bekommen und sind diese gelungen?
Du und Bettbeziehen, und das auch noch im dunkeln... :D
Coole Familienverhältnisse, mit einer nicht vorhandenen Schwester Find ich toll "Was wer bist du denn?"
Pirogge - ich finde das mit der Reisfüllung klingt schon eine wenig komisch
Soll ich dir ein Leib Bort senden?
Handy wo der Angerufene bezahlt, R-Gespräche im Vertrag verankert, das ist ja mal blöd.
Hast du jetzt doch dein Gespür für kleine Kinder entdeckt? Wie alt war er und er hat doch sicherlich Russisch gesprochen; konntest du dich mit ihm verständigen? Nun fragt sich aber wessen Schuld es war, dass Ilya mit dem Saft so herumsaute... :) Ich find es lustig.
Wie ist das da eigentlich organisiert, wenn man nicht als Gruppe ein Ticket kauft, werden dann weitestgehend versucht männlein und weiblein zu trennen, weil nur Frauen auf der Rückfahrt in deinem Abteil waren?
Das verwirrt mich, noch eine Olga ^^ Das Gerücht ist war, alle Russinnen heißen so? Das mit den Taxen und den Preisen schein wohl auch überall so zu sein, wie in Usbekistan :)
Tanja hat die Fotos, aber sie mir noch nicht geschickt.
AntwortenLöschenDas Brot wird hart bis es hier ankommen, leider.
Ilya war 3 Jahre alt, und verständigt haben wir uns natürlich auf Russisch. Den Wortschatz eines Dreijährigen hab ich ja mittlerweile ;)
Nein, die Tickets werden sicher mit Zufall verkauft.
Ich hat mittlerweile 8 Olgas im Handy ;) Alle anderen Russinnen heißen Marina oder Mascha. Und alle Russen heißen Pawel)))