Nach all den Abenteuern der letzten beiden Wochen begann mich der Alltag einzuholen... aber nur für eine kurze Zeit...
Wörter, die einen wahnsinnig machen.
Wenn man sie eine ganze Weile lang in jedem Satz hört, aber deren die Bedeutung einem entfallen ist. In der letzten Vorlesung vor der Prüfung hatte Albert ständig etwas gesagt, das wie strjoch klang - es kam mir sehr bekannt vor, aber im Wörterbuch fand ich es nicht. Erst heute stieß ich durch Zufall in meinen Notizen auf das Wort - kein Wunder, dass ich es nicht gefunden hatte, es waren zwei Wörter, die man zusammenzog: s trjoch, wörtlich "mit" drei, und plötzlich ergab das ganze Sinn; es war die Rede von den Prüfungsterminen gewesen, und gemeint war "ab drei Uhr".
Montag ab drei.
Es war Samstag. Mir blieb nur heute und morgen, und der halbe Montag zum Lernen für die Prüfung, die eigentlich aus zwei Prüfungen bestand, eine theoretischen und einer praktischen. Die theoretische Prüfung machte mir längst nicht so viel Angst wie die praktische, deshalb beschloss ich mit den praktischen Übungen anzufangen. Doch mitten in der zweiten Übung fiel mir ein, dass ich heute noch Vorlesungen hatte. Sollte ich gehen oder nicht? Ach zum Teufel, ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg.
Wie immer war ich die erste halbe Stunde mit Professor Puschin allein, aber diesmal kam es mir ganz gelegen, weil er während meiner Sankt Petersburg-Reise eine Ersatzvorlesung für die Ägypter gehalten hatte und er mir nun kurz den Stoff jener Stunde zusammenfasste. In diesem Fach musste ich zwar keine Prüfung schreiben, aber ich wollte es zumindest versuchen. Eigentlich musste ich in keinem der Fächer in Russland eine Prüfung schreiben, aber so brachte ich mich dazu die Vorlesungen ernst zu nehmen.
Die Ägypter schienen alles immer lockerer zu nehmen; sie hatten mittlerweile den Dreh raus, wie sie Professor Puschin um den Finger wickeln konnten und verkürzten unsere Vorlesungszeit heute um zwei Stunden, sodass wir schon gegen 16 Uhr frei bekamen. Wie immer blieb ich noch fünf Minuten länger Professor Puschin beim Zusammenräumen zu helfen, und die Computer auszuschalten, die die Ägypter hatten laufen lassen, und nahm den gröbsten Müll mit auf den Weg nach unten. Natürlich gab es keine Papierkörbe in den Zimmern; es war immer noch Russland.
Nach der Stunde übte Professor Puschin gern sein Deutsch mit mir; heute schlug er vor, zur Universität zurück zu laufen statt den Bus zu nehmen, sodass wir etwas mehr Zeit zum Sprechen hatten, außerdem war das Wetter mittlerweile schön frühlingshaft geworden; ein lebhafter Wind wehte und die Sonne schien warm.
Zu Hause angekommen fand ich eine große Überraschung in meinem Postfach: Es war die Aufgabenstellung für die praktische Prüfung. Einige der Studenten hatten diese Prüfung schon am Freitag geschrieben, aber wie ich hörte, waren die meisten durchgefallen. Also hatte einer von ihnen ein Foto der Aufgabenstellung gemacht, und das wurde per E-Mail an sämtliche Studenten des Kurses verteilt; und so hatte es auch mich erreicht. Ich war beeindruckt von dem Zusammenhalt der russischen Studenten, dieser Gruppe. Keiner versuchte, einen persönlichen Vorteil zu bekommen, stattdessen wurden alle mit den gleichen Informationen versorgt. Ein anderer Student hatte seine Lösung der Prüfung gleich hinterher geschickt. Ich sah sie durch und es sah ganz gut aus, wenn sie auch nicht vollständig war; einige Teile fehlten und andere waren nicht ganz korrekt, so beschloss ich, die Prüfung selbst zu lösen und die Lösung an die restlichen Studenten zu verschicken. Die einzige Schwierigkeit war, dass die Aufgabenstellung auf Russisch war. Es dauerte fast doppelt so lang sie zu übersetzen wie das Lösen der Aufgaben, aber es gelang mir. Die Aufgaben hatten es teilweise in sich, besonders da mir der praktische Teil der Aufgabenstellung fehlte, in dem das Netzwerk simuliert wurde. So musste ich mir selbst ein Netzwerk aufbauen, das ungefähr so aussehen musste wie das in den Aufgabenstellungen vorgegebene. Tatsächlich war ich ziemlich nah dran gewesen bis auf ein paar Details.
An meine Lösungen schrieb ich noch Kommentare für die anderen Studenten und schickte es zurück an alle Empfänger der Aufgabenstellung.
Das klang jetzt vielleicht nach einer einfachen Übung, aber in Wirklichkeit dauerte es den restlichen Samstag und den ganzen Sonntag bis weit nach Mitternacht bis ich sowohl mit den praktischen Übungen als auch mit dem Lösen der Prüfung fertig geworden war. Aber danach konnte ich im Schlaf Cisco-Router konfigurieren, und das ich auch. Leider wusste mein Traumlexikon nicht, was es bedeutet, wenn man von lebenden Netzwerkkabeln gewürgt wird.
Nach nur sechs Stunden Schlaf wurde ich von Aliza geweckt, die mich anrief und sagt, sie sei ihm Wohnheim und bräuchte meine Zugtickets um Kopien davon zu machen für meine Abmeldeantrag, den sie vor meiner Abreise aufgesetzt hatte. Und dann brauchte sie meinen Reisepass für die erneute Registrierung. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich ihr mit meiner Reise so viel Arbeit gemacht hatte. Ich tappte barfuß und im Nachthemd in den Flur und gab ihr das Verlangte. Nun fragte sie mich zum aberhundertsten Male, wie lang ich in Izhevsk bleiben wollte. Das sei wichtig, da jeder Tag Anwesenheit zwei Rubel kostete, die ich noch bezahlen müsste. Ich sah sie zweifelnd an. 2 Rubel war überhaupt nichts, das waren 5 Cent. Ich sagte ihr, sie solle mich ruhig bis Mittag August registrieren, und wenn ich früher abreiste, dann konnte das Registrierungsamt den Euro gern behalten. Zusätzliche 1000 Rubel waren für die Visumsverlängerung selbst fällig - 25 Euro. Sollte mir Recht sein, solange ich mich jetzt wieder ins Bett legen konnte. Aliza bedankte sich und ging, nur um eine halbe Stunde später wieder anzurufen und mich zu bitten, meine Migrationskarte auf dem Weg zur Prüfung vorbeizubringen.
Jedenfalls verging so der Montag, und die letzten Stunden wollte ich zum Lernen der Theorie verwenden und wahllos das Material überfliegen, das ich immer noch nicht gelesen hatte.
Dann überlegte ich es mir anders, denn um 12 hielt Albert für die Ägypter eine Vorlesung zu eben jenem Stoff, zu dem ich 15 Uhr meine Prüfung schreiben würde, also ging ich hin.
In das Auslandsamt zu kommen stellte sich heute als schwierig heraus. Ein Teil des Gebäudes war abgesperrt worden, weil gerade das brüchige Treppenhaus erneuert wurde. Ich folgte kurzerhand der Frau vor mir, die fast in das abgesperrte Treppenhaus marschiert wäre und nun einen alternativen Weg einschlug. Wir marschierten quer durch das ganze Gebäude und wirklich, hinter sonst verschlossenen und gut als Büroeingang getarnten Türen gab es einen zweiten Aufgang im hinteren Bereich des Gebäudes. Völlig entnervt kam ich im Auslandsamt an. Ich hatte einfach nicht die Energie für eine Schnitzeljagd so kurz vor einer Prüfung. Aliza hatte Kopien von meinem Reisepass gemacht und gab ihn mir wieder, denn es war keine gute Idee, ohne Pass in Russland auf der Straße zu sein, falls doch mal ein Polizist die Papiere sehen wollte. Sie meinte allerdings, sie würde den Pass am Donnerstag noch einmal brauchen, aber dann könnte sie mir wahrscheinlich schon meinen Studentenausweis geben, sodass ich ein offizielles Dokument der Universität hatte.
Nun machte ich mich auf den Weg zur Vorlesung.
Als ich das Gebäude Nummer 5 betrat, rief die Frau in der Garderobe ganz begeistert aus: "Manetschka prischla!", grob übersetzt: "Manjachen ist zurück!". Sie hatte sich gewundert, warum ich die ganze letzte Woche nicht zu den Vorlesungen gekommen war und hatte schon gedacht, dass ich krank gewesen sei. Wahrscheinlich hätte ich ihnen allen etwas von meiner Reise mitbringen sollen.
Albert kam nicht so spät wie üblich, sodass ich kaum fünf Minuten lang in meinen Aufzeichnungen hatte lesen können.
Theoretisch beherrschte ich den Stoff ja, aber Cisco hatte diese Eigenart, Fragen zu stellen, mit denen man absolut nicht gerechnet hat, und genau deshalb sollte man das Kursmaterial gründlich durchgelesen haben. Das habe ich zugegebenermaßen nicht mit allen Kapiteln gemacht, da man zum Beispiel mit Wikipedia wesentlich schneller und kompakter die wesentlichen Informationen erhielt. Ich sagte mir: "Mut zur Lücke" und setzte mich in die Vorlesung der Ägypter ohne viel davon mitzunehmen, und danach in die Prüfung.
Olga wirkte sehr nervös, Pascha überhaupt nicht. Als ich ihn fragte, warum, sagte er, dass er die Prüfung heute nicht mitschreiben konnte, da er es nicht rechtzeitig geschafft hatte, die Kapitelprüfungen zu bestehen. Pascha hatte sowieso ein wenig getrödelt, was den Cisco-Kurs anging. Erst in jener Woche, in der ich in Sankt Petersburg war, hatte er angefangen Kapitel 1 zu lesen, während die meisten anderen gerade das letzte Kapitel fertiggestellt hatten. Während dieser Woche las er Tag und Nacht nur das Cisco-Kursmaterial, erzählte er. Dennoch hatte am Ende die Zeit nicht gereicht. Doch bei Albert war es kein Problem; er meinte, Pascha solle einfach bei der Nachprüfung am Donnerstag mitschreiben. Das ist jedoch nicht typisch für Russland; andere Professoren hätten ihn eiskalt durchfallen lassen. Albert hingegen hatte das Bedürfnis, von allen gemocht zu werden und war deswegen milde.
Pascha verabschiedete sich, die Prüfung begann. Ich hatte Glück und bekam viele Fragen zum Thema Routing, mit dem ich mich nun wirklich bis zum Erbrechen auseinandergesetzt hatte - sowohl jetzt in Cisco, als auch letztes Semester in Zwickau. Nach der Routing-Vorlesung letztes Semester hatte kräftig auf die - wenn auch nur knapp - bestandene Prüfung angestoßen und versucht, den ganzen Stoff aus dem Hirn heraus zu spülen , und dennoch war ein Rest hängen geblieben, den ich im Cisco-Kurs dieses Semester nutzen konnte.
Ich wurde zur gleichen Zeit wie Artjom fertig, 30 Minuten vor der eigentlichen Abgabe. Das Resultat bekamen wir sofort angezeigt, und es überraschte mich doch gewaltig: 90%, das entsprach einer 1. Albert gratulierte, schüttelte mir die Hand und trug mir eine 5 ein. Das war in Russland die beste Note. Dann sahen wir uns gemeinsam an, welche Fehler ich gemacht hatte. Es waren vermeidbare Fehler gewesen - hätte ich den Rest des Materials durchgelesen...
Nachdem auch der Rest der Klasse fertig war, begann die praktische Prüfung, auf die ich mich wesentlich besser vorbereitet fühlte. Aber genau dieser Hochmut wurde mir zum Verhängnis. Es war zwar genau die gleiche Prüfung wie ich sie per Mail bekommen hatte, aber irgendwo hatte ich einen Fehler gemacht und kam nicht darauf, wo. Ich saß die vollen anderthalb Stunden vor meinem Netzwerk und probierte sämtliche Tricks aus, eine Verbindung herzustellen, die sich partout nicht herstellen ließ. Hätte ich wirklich angewendet, was ich gelernt habe, hätte ich wohl die bottom-up Troubleshooting-Herangehensweise angewendet und festgestellt, dass ich nur das falsche Kabel verwendet hatte - ein Fehler, der einen dazu verführt, seinen Kopf auf die Tischplatte zu hauen.
Dennoch hatte ich am Ende 92% erreicht. Und lustigerweise hatte das der Rest des Kurses auch, ganz im Gegensatz zu den Leuten, die schon am Freitag geschrieben hatten. Ich weiß nicht, ob Albert etwas ahnte, aber ich würde es ihm sicher nicht sagen. Er schien einfach nur froh darüber zu sein, dass so viele seiner Studenten so erfolgreich abgeschnitten hatten.
Auch Olga hatte gerade ihre Prüfung beendet, kam zu mir und holte nun etwas aus ihrer Tasche hervor. Ich lachte in Erwartung, was es diesmal sein würde, denn sie hatte immer etwas für mich dabei - ob es gefrorene Früchte, Saft, Marmelade aus ihrem Garten, oder Kekse und Schokolade war - sie schien es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht zu haben, mich durchzufüttern. Umso mehr überraschte es mich, dass sie etwas Ananas-förmiges auf Papier aus ihrer Tasche zog. Es war eine spezielle Art von modularem Origami, das sie in den letzten Vorlesungen ausprobiert hatte, aus hunderten Papierstücken. Es war nur leider etwas instabil und beim Transportieren zerbrochen. Die nächsten zehn Minuten beobachtete ich sie dabei, wie sie es sorgfältig wieder zusammensetzte und machte Fotos davon. Sie meinte, das sei nicht nötig, weil sie es mir schenken wollte, aber tatsächlich zerbrach es mir auf dem Heimweg trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder, und dann war ich ganz froh, eine bebilderte Anleitung zu haben, wie man es wieder richten konnte.
Am lieben hätte ich an diesem Abend auf die bestandenen Prüfungen angestoßen, aber schon am nächsten Tag hatte ich die nächste Prüfung. Ich hätte es gar nicht mitbekommen, wenn ich nicht zufällig mit den Ägyptern auf das Thema gekommen wäre, was eigentlich erstaunlich ist, da wir kaum miteinander reden. Es sollte eine Zwischenprüfung in unserem Russischkurs stattfinden. Zur letzten Unterrichtsstunde war ich ja in Sankt Petersburg gewesen, deshalb schnappte ich mir einen der Ägypter, der mir im Gang mit seinen Aufzeichnungen entgegen kam und bat ihn, die neusten Materialien abfotografieren zu dürfen. Mir war es leider noch nicht gelungen, mir ihre Namen zu merken. Fiel es mir schon mit vertrauten Namen schwer, so waren ägyptische Namen völlig unmöglich im Kopf zu behalten. Gergö hatte gewitzelt, dass sie sowieso alle Achmed und Mohammed heißen, womit er gar nicht mal zu Unrecht hatte, aber trotzdem muss man doch wissen, wen man mit Achmed, und wen man mit Mohammed ansprechen sollte. Eigentlich kannte ich nur einen der Jungs mit Namen, das war Mina, der Junge mit der lustigen Frisur, der auf dem internationalen Abend so ausgelassen tanzend auf einem der Fotos zu sehen ist.
Als ich mir die Aufzeichnungen so durchblätterte, stellte ich fest, dass sie im Kurs genau auf den Tag gewartet hatten, an dem ich einmal nicht da war, um dann endlich etwas Kompliziertes zu besprechen. Für den Stoff der letzten Unterrichtsstunden hätte ich nicht lernen brauchen; für diesen neuen Stoff schon. Und so setzte ich mich wieder auf meine vier Buchstaben und versuchte von den Beispielen auf den Übungsblättern und meinem Wörterbuch grammatikalische Regeln abzuleiten.
Die Prüfung am nächsten Tag war entgegen meiner Erwartungen ein Lacher. Erstmal war nicht mal unsere Lehrerin pünktlich - oder vielleicht war sie es, aber wir haben sie nicht finden können. Das Gebäude Nummer 5 war schon auf die große internationale Konferenz vorbereitet worden und die meisten der Unterrichtsräume durften nicht mehr betreten werden, da sie für die internationalen Gäste glänzen mussten. Dem war auch unser Raum zum Opfer gefallen, ließ uns die Sekretärin wissen. Ich hatte durch Zufall einen Ägypter aus der Maschinenbau-Fachgruppe getroffen, der ebenfalls heute die Prüfung schreiben wollte, da sein Russischkurs die Prüfung in der Woche schreiben würde, die er in Moskau verbringen wollte. Wir suchten also gemeinsam unsere Lehrerin und den Raum, und schon 15 Minuten nach Unterrichtsbeginn waren wir erfolgreich. Die anderen Ägypter trudelten gute 30 Minuten später ein. Unsere Lehrerin machte zwar eine saure Miene und meinte "ne seriosnye studenty", teilte ihnen dennoch das Prüfungsblatt aus. Mit dem ersten Teil war ich innerhalb weniger Minuten fertig gewesen, denn es war ein einfacher Multiple Choice-Test zum Ankreuzen. Dann gab sie mir das Unterrichtsmaterial vom letzten Mal und den Aufgabenbogen zum zweiten Teil, der sich lustigerweise genau auf die Vokabeln des Textes bezog, den sie mir gerade gegeben hatte. Ich fragte, ob ich den Text verwenden könnte, und sie nickte. Sie half aber auch den Ägyptern während ihrer Prüfung indem sie ihnen die Lösungen für einige schwierigere Aufgaben sagte. Es war wie im Kindergarten; viele der Jungs hörten ihr dabei gar nicht zu, sondern fragten quer durch das Klassenzimmer ihre Freunde nach der Lösung.
Dieser Tag und diese Prüfung waren so sinnlos gewesen, dass ich mit gutem Gewissen darauf anstoßen konnte, dass sie vorbei waren. Ich fand Murik wie immer im Computerraum unseres Wohnheims und fragte, ob er Lust hatte, mit anzustoßen. Das war eine rhetorische Frage. Ich holte meine immer noch fast volle Flasche Nermiroff Birke, und Murik brachte die Gläser. Sonst hatte er immer für die Destillate gesorgt.
"Auf Routingverfahren", sagte ich. Er lachte, wie verrückt die Informatiker sind. "Nein, nein, nicht auf Routingverfahren, sondern darauf, sie zu vergessen", stellte ich richtig.
Nach den zweiten 50 Gram Wodka begann ich mir einen Cocktail aus Saft und Marmelade zu mischen und lebhaft mit Murik zu diskutieren. Wenn ich mich nur noch daran erinnern könnte, über was... ich weiß nur noch, wie befreiend es war, sich mal wieder gehen zu lassen und nicht an Prüfungen denken zu müssen. Ebenfalls ganz weit fort schob ich den Gedanken, dass ich Albert versprochen hatte, morgen um 9:30 Uhr auf der internationalen Konferenz unserer Universität teilzunehmen. Der internationalen Konferenz waren nämlich die internationalen Gäste ausgegangen - der isländische Vulkan hatte mit perfektem Timing den europäischen Luftverkehr lahm gelegt, sodass viele Gäste überhaupt nicht anreisen konnten. Albert hatte beklagt, dass er die Zugtickets für die tschechische Delegation online gekauft und sie nun nicht stornieren konnte. Außerdem saß er auf Konzert-Tickets und es schien eine Menge freie Plätze in den Veranstaltungen zu geben, die für die internationalen Gäste der Konferenz geplant worden waren. Hätte ich nur zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, wie die nächsten Tage ablaufen würden - ich hätte alles ganz anders gemacht...
Tapfer ging ich am nächsten Tag um 9:20 Uhr zur Konferenz - nicht zu schnell, die Säfte wallten mir im Magen. Vielleicht waren das doch ein paar Gramm Wodka zu viel gewesen. Im "Integral" angekommen wollte ich am liebsten gleich wieder hinaus an die frische Luft gehen. Aber das Begrüßungskomitee am Ein- bzw. Ausgang lächelte so freundlich, dass ich nicht den Eindruck machen wollte, gleich wieder zu verschwinden. So gab ich meine Jacke ab und ging nach oben. Der Saal war festlich geschmückt mit blinkenden Lichterketten, und Leinwänden, auf denen Videos liefen, die zeigen, wie toll die Universität war, und ich verstand nur immer Kalaschnikow, das Blinken machte mich wuschig und ich ging wieder hinunter in die Eingangshalle, mich darauf konzentrierend meinen Mageninhalt im Magen zu behalten.
Albert hatte mir gestern noch geschrieben, dass er auch am Morgen dabei sein würde, doch ich sah weit und breit keine Spur von ihm. Sein Chef lief mich kurz über den Weg ohne mich wiederzuerkennen. Ich wollte lieber gar nicht in den Spiegel blicken. Ich fühlte mich deplatziert zwischen den Repräsentanten verschiedener Universitäten um Ämter, zwischen aufgetakelten Studentinnen, die wahrscheinlich aus rein optischen Gründen zu dieser Veranstaltung geschickt worden waren. Kurz sah ich eine Gruppe Auslandsamtmitarbeiter, aber als ich vor einem Fotografen in Deckung ging, waren sie wieder in der Menge verschwunden. Viele, viele Gruppenfotos wurden gemacht für wer-weiß-welche Berichte. Studentische Reporter eilten beschäftigt aussehend zwischen den Gästen umher. Sergey, der Leiter des Auslandsamts, kam mir entgegen und wunderte sich, mich hier zu sehen. Ich könne schon in den Saal gehen, in dem der Konferenzauftakt stattfand. Jetzt war meine letzte Chance dahin, zu entkommen. Wenigstens war es in dem Saal angenehm kühl, und vielleicht konnte ich währenddessen ein Nickerchen halten.
Gerade als ich es mir gemütlich gemacht hatte, begann die Auftaktveranstaltung und das ganze Publikum stand auf während eine Hymne aus den Lautsprechern tönte, die ich wohl aus irgendeinem Film kannte, aber nicht einordnen konnte. Wieder einmal hatte das Bildungssystem versagt. Der Text klang lateinisch, was konnte das wohl sein?
Unten auf der Bühne standen ergriffen die offiziellen Sprecher der Konferenz, von denen ich nur unseren Rektor, Boris Jakimowitsch, erkannte. Er leitete die Konferenz ein und stellte die Gäste vor. Er war offensichtlich beliebt und hat Humor, und er hatte etwas Schlaues an sich, etwas Katzenhaftes - durch die Beleuchtung durch die Scheinwerfer von oben bekam er sogar scheinbar die Schnurbarthaare einer Katze, da sich das Licht am Gestell seiner Brille brach und Schatten warf.
Insgesamt saßen neben unserem Rektor sieben Gäste auf der Bühne; zwei ausländische Delegierte, zwei der Gäste waren wohl auch hochrangige Politiker der udmurtischen Republik, aber natürlich hatte ich noch nie von denen gehört. Ich war schon froh, dass ich den udmurtischen Präsidenten erkennen würde, wenn er vor mir stünde, was sowieso relativ unwahrscheinlich war. Die restlichen Sprecher kamen von der Universität selbst. Aber damit war die Vorstellung der Gäste nicht beendet. Ich schwöre - er hat allein 6 Minuten lang alle Partneruniversitäten der ISTU in In- und Ausland aufgezählt. Das dauerte etwas länger, weil die meisten Universitäten staatlich-technisch waren, und schon das Wort "staatlich" hatte im Russischen 5 Silben. Die ISTU beispielsweise heißt offiziell Izhevskij Gosudarstwennij Technikscheskij Universitet. Nun muss man sich vorstellen, dass auch zwanzig andere Universitäten so oder so ähnlich hießen. Mich wunderte, dass Jakimowitsch danach keinen Knoten in der Zunge hatte.
Die Konferenz war erstaunlich groß aufgezogen worden, es gab viele technische Spielereien wie Leinwände mit Kamerabild Bild-in-Bild, die Übersetzung der russischen Vorträge über Funkkopfhörer, etc... aber Präsentationen können die meisten Teilnehmer nicht erstellen. Ganze Textblöcke hatten sie in Powerpoint kopiert bis die Seite voll war, mit höchstens Schriftgröße 12. Oft hätte man sich einen Fortschrittsbalken auf den Seiten gewünscht, oder zumindest eine Übersicht oder wenigstens eine Einleitung am Anfang des Vortrags um zu wissen, ob der Vortragende schon irgendwie nah an dem Punkt der Rede war. Aber die meisten hatten sowieso keinen Punkt. "Bologna-Reform toll, wir machen sie mit, deswegen sind wir toll" war alles, was ich irgendwie heraushören konnte. Die meisten Teilnehmer schienen von der Veranstaltung zu Tode gelangweilt zu sein. Selbst die sieben Sprecher auf der Bühne, die sich mit nicht enden wollenden Vorträgen abwechselnden, waren vom Vortrag ihrer Kollegen so gelangweilt, dass sie während der Präsentation miteinander plauderten oder auf einen Arm gestützt wegnickten. Wenn sie überhaupt bleiben. Nach anderthalb Stunden saßen nur noch vier Zuhörer auf der Bühne. Selbst der Rektor verschwand einmal für 20 Minuten.
Im Saal klingelten währenddessen Handys, aber statt die Handys peinlich berührt auszuschalten, gingen die Angerufenen ran und telefonierten mit nur mäßig gesenkter Stimme.
Ich weiß nicht, warum ich die vollen drei Stunden blieb. Wahrscheinlich, weil ich meine Chance zu entkommen verpasst hatte; es gab keine offizielle Pause, aber nach einem besonders hirnzerfräßenden Vortrag verschwand plötzlich ein gutes Drittel der Zuhörer aus dem Saal. Das bekam ich nur zu spät mit; ich stand ja immer noch ein ganzes Stück neben mir. Mit einem Kater auf eine russische Konferenz zu gehen war wirklich nur etwas für Masochisten und ich begann innerlich auf Albert zu schimpfen, dass er mich dazu veranlasst hatte zu kommen und selbst nie aufgetaucht war.
Es wurde nur noch schlimmer in der letzten Stunde. Man schaltete eine Telekonferenz mit dem Rektor einer tschechischen Partneruniversität, der so unglaublich langweilig war, dass ich kurz davor war, in die Stuhllehne meines Vordermanns zu beißen; aber zumindest hatte der Sprecher einen lustigen russischen Akzent, den ich sogar heraushörte; es klang wie schweizerisch, er zog die As und Endungen unheimlich in die Läääänge durch die Nase.
Nur ein einziger Vortrag fand auf Englisch statt, und es war auch der einzige, der sich kritischer über die Probleme mit der Bologna-Reform äußerte, allerdings las er nur ab und kam auch er nicht so richtig zu einem Punkt, was vielleicht auch daran lag, dass sich zwischendurch der Übersetzer einschaltete, der die Folien ins Russische übersetze. Davon irritiert übersprang der Sprecher oft halbe Folien, und in der Zusammenfassung erwähnte er völlig neue Punkte, die er vorher noch gar nicht angesprochen hatte. All die Vortragenden heute hätten sich mal in ein "Seminar Kommunikation" einschreiben sollen. Und ich hätte die Konferenz auf Video mitschneiden sollen um es an meiner Heimathochschule vorzuführen, wenn die Professoren das nächte mal unseren Präsentationsstil kritisierten.
Das einzig-Positive an diesem Konferenzauftakt war, dass er ohne anschließende Diskussionsrunde endete. Alle Teilnehmer nahmen hin, was ihnen gesagt worden war, und selbst wenn sie Fragen gehabt hätten, hätten sie keine Gelegenheit gehabt, sie zu stellen, denn sofort nach dem letzten Vortrag wurde die Veranstaltung aufgelöst. Russland ist immer noch sehr autoritär und hat keine Diskussionskultur, was viele Professoren hier bedauern. Russische Studenten arbeiten in der Vorlesung normalerweise nicht mit und stellen keine Fragen. Gar einen Professor in Frage zu stellen und zu kritisieren - das wäre in Russland undenkbar. Teilweise auch von beiden Seiten, sowohl der Studenten- als auch der Professorenseite, denn viele der älteren Professoren bewerteten die Studenten nach Nase, und wer einmal aufmüpfig gewesen ist, bekommt es in der Prüfung zu spüren. Ich hatte mit Albert und Professor Puschin als Lehrkräfte wirklich Glück gehabt. Oder wahrscheinlich war sich die Universitätsleitung über die Eigenarten ihrer Professoren bewusst und ließ die schlimmsten lieber nicht auf ausländische Studenten los.
Auf dem Weg nach Hause schwor ich mir, dass ich um die anderen Veranstaltung der mehrtägigen Konferenz einen weiten Bogen machen wollte, außer vielleicht das Konzert morgen Nachmittag.
In den Supermarkt musste ich heute noch gehen, bevor ich mich aufs Ohr hauen wollte. Aber Moment, wie war noch mal der Weg zum Supermarkt? Ich stand geschlagene zwei Minuten vor dem Ausgang des Veranstaltungsgebäudes und versuchte mich zu erinnern, in welche Richtung ich gehen musste, aber an der Stelle im Hirn, an der es gespeichert sein sollte, war nur statisches Rauschen. Ich sollte wahrscheinlich wirklich nicht mehr so viel trinken. Das klingt jetzt vielleicht schlimmer als es war; diesen Supermarkt hatte ich erst zwei oder drei Mal besucht, weil er mir zu weit entfernt war, aber in dem Gebäude gab es Geldautomaten im Gegensatz zu meinem Stammsupermarkt um die Ecke. Ich ging in Gedanken die verschiedenen Wege ab, die mir von hier aus zur Verfügung standen und entschied mich für einen Weg, von dem ich keine Ahnung hatte, wohin er führte. Auf diese Weise fand ich eine Abkürzung zu meinem gesuchten Supermarkt. Und die Moral von der Geschichte: Alkohol ist dein Freund.
Das Wetter war richtig frühlingshaft geworden und die Wege lagen zum Großteil trocken. Jetzt da der Schnee geschmolzen und der Schlamm fast verschwunden war, stellte ich überrascht fest, dass auf viele der Straßen Zebrastreifen gemalt waren, sogar an der riesigen Kreuzung, die mir in der Anfangszeit Angst gemacht hat - zumindest auf dem ersten Meter auf jeder Seite der Straße war ein Rest eines Zebrastreifens zu erkennen, über Jahrzehnte gut konserviert von den Schneebergen an den Straßenrändern.
Frühstück oder Mittag hatte ich noch nicht gegessen, aber der Appetit kam mir mit dem Spaziergang zurück und ich kaufte mir ein großes Eis im Supermarkt. Eiscreme war in Russland erstaunlich billig, genau wie Brot und andere Grundnahrungsmittel. Fast als wäre der Kapitalismus hier nie aufgeschlagen.
Zu Hause machte ich den Versuch zu kochen. Am Ende kam so eine Art Milchreis mit saurer Sahne dabei raus. Besser als nichts. Danach legte ich mich schlafen und als das auch nicht den erhofften Effekt hatte - den Kater loszuwerden - ging ich hinunter an den See zum Spazieren. Die Nachtluft war angenehm frisch, aber nicht kühl. Wir hatten den Winter wohl überstanden; nur der See zeigte sich noch von seiner winterlichen Seite, da er teilweise noch zugefroren war. Die ersten Jugendlichen hatten sich auf der Liegewiese und den Steingeländern am Seeufer zusammengefunden. Eine Gruppe hatte einen Laptop dabei, aus dem Musik spielte. Hier konnte man es eine Weile aushalten.
Ich muss sagen, es fällt mir nun, zwei Wochen später, relativ schwer die Ereignisse der Konferenz zu rekonstruieren. Ich stütze mich bei meinen Berichten vor allem auf die Zeitstempel von meinen Fotos und vereinzelten Notizen in meinem Handy...
So bin ich ziemlich sicher, dass es am nächsten Tag war, dass ich mit Pascha verabredet war, auf den zweiten Teil der Konferenz zu gehen. Eigentlich wollten wir nur zusammen auf das Konzert gehen, aber Albert hatte mich am Abend kontaktiert, dass ich mir unbedingt die fachlichen Vorträge anhören sollte, die an diesem Tag stattfanden. Er selbst würde diesmal da sein, weil er eine der Vortragsreihen organisiert hatte und auch selbst darin einen Vortrag halten wollte. Allein wollte ich mir das allerdings nicht antun, denn vom Konferenzauftakt war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Allein wäre ich sicher auch nicht hingegangen, aber mit Pascha erschien mir die Vorstellung erträglicher.
Ich schaute also das Programmheftchen durch, das mir Albert geschickt hatte, und fand ihn in Sektion 2, Zimmer 404. Bei dieser Zimmernummer meldete sich mein Sinn für Nerd-Humor und meinte, das Zimmer würde ich eh nicht finden. Alle Nicht-Nerds können diesen Kommentar ignorieren.
Jedenfalls begann die Veranstaltung wieder um 9:30, weshalb ich mich mit Pascha um 9 Uhr an den Flugabwehrkanonen treffen wollte. Einige Minuten später kam er außer Atem und schwitzend auf dem Fahrrad an und entschuldigte sich, dass er erst noch zu seinem Onkel fahren müsse, aber dass er uns dann mit dem Auto zur Konferenz fahren würde. So geschah es und wir kamen rechtzeitig an, und fanden das Zimmer 404 leider sofort. Es war ein relativ kleines Zimmer, nicht mehr als 20 Leute passten hinein. Wir standen etwas verloren davor. Sollten wir hineingehen? Das Zimmer war voller Anzugträger, und Pascha trug ein durchgeschwitztes orangefarbenes Shirt. Wir gingen wieder hinunter zur Garderobe, wo sich Pascha seine Jacke holte und überzog.
Zurück oben am Zimmer fragte uns eine adrett gekleidete Frau, ob wir eingeladen seien. Ich sagte ihr, dass Albert Abilvo gesagt hatte, dass wir kommen konnten. Sie lächelte höflich und meinte, sie müsse den Leiter dieser Vorlesungsreihe fragen. Das kam mir schon ein wenig merkwürdig vor, da Albert ja der Leiter hätte sein sollen... aber ich erkannte seinen Chef, und mit ihm redete die Begrüßungsdame jetzt. Ich weiß nicht, ob er mich jetzt erkannte, aber wir durften Platz nehmen, wenn nicht noch mehr geladene Teilnehmer kamen. Tatsächlich blieb es bei den knapp 20 Teilnehmern, die sich im Moment im Zimmer befanden. Und dreimal kann geraten werden, wer nicht unter den Teilnehmern war: Albert. Langsam fragte ich mich, ob er mich veräppeln wollte.
Und wieder verschwendete ich auf dieser Konferenz drei Stunden meines Lebens. Ich fragte mich ernsthaft, was mit mir los war, dass ich mich hatte überreden lassen, wieder auf diese Konferenz zu gehen, obwohl ich doch genau gewusst hatte, was mich da erwartete: Endlose Vorträge auf Russisch während die Übersetzerin Däumchen drehte, unmotivierte Vortragende und ein noch unmotivierterer Leiter der Vortragsreihe, der die Vortragenden knallhart unterbrach, wenn sie die vorgegebene Präsentationszeit überschritten und auch sonst die meiste Zeit damit beschäftigt war, auf die Uhr zu sehen. Dabei war nur knapp die Hälfte aller Vortragenden überhaupt erschienen. Es waren hauptsächlich Professoren aus Syrien und der Slowakei, die ihre Vorträge auf Russisch hielten und darin hauptsächlich ihre Universitäten vorstellten. Natürlich hatte sich kaum einer die Mühe gemacht, seine Präsentationsfolien aus seiner Muttersprache zu übersetzen. Ich überstand diese Zeit nur, weil Pascha und ich per Handy Kommentare zu diesem grottenschlechten Programm und über Alberts Chef austauschte, der immer roter anzulaufen schien je länger der Vortragende seine Zeit überzog.
Der Chef schien es genauso satt zu haben wie wir und schlug den Zuhörern vor, dass wir statt einer Mittagspause früher Schluss machen könnten, wenn wir die letzten beiden Vorträge vorzogen. Allgemeine Begeisterung. Diese Konferenz war einer selbsternannten internationalen Universität einfach nicht würdig. Mittlerweile war ich richtig sauer auf Albert und vermutete allerlei böse Absichten bei ihm. Erst später erfuhr ich, dass er an diesem Morgen auf mich gewartet und mich nicht kontaktiert hatte, weil er angenommen hatte, dass ich lieber zu Hause geblieben war und noch schlief. Das Problem lag wahrscheinlich bei der ganzen Organisation der ganzen Konferenz, die man bestenfalls russisch nennen konnte, sodass Alberts Vortragsreihe nun auf einer anderen Etage mit ganz anderen Teilnehmern stattgefunden hatte. Er meinte, ich sei in der schlechtesten Vortragsreihe gelandet; in seiner eigenen seien es durchweg fachliche Vorträge aus dem Bereich Telekommunikation auf Englisch gewesen.
Da ich das aber zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass es nur ein Kommunikationsproblem gewesen war, war ich sauer auf ihn und schwor mir zum zweiten Mal, dass ich auf keine Veranstaltung der Konferenz mehr gehen würde, egal wie nachdrücklich er mich bat hinzugehen. Natürlich ahnt der werte Leser schon, dass sich der Vorsatz nicht lange hielt...
Aber erstmal musste ich ins Auslandsamt, denn ich hatte Aliza ja versprochen, ihr gegen Mittag meinen Reisepass vorbeizubringen. Sie hatte eine kleine Überraschung für mich: Drei Freikarten zu einem Jazz-Konzert am Samstagabend. Offenbar hatten sie den halben Saal für die erwarteten internationalen Konferenzgäste aufgekauft und nun da keiner kam, blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, die Tickets zu verschenken. Ich bot Pascha an, mitzukommen und überlegte mir, die dritte Karte Olga zu geben, und so machte ich es auch. Sie beide wollten gern mitkommen.
Nun erst gingen Pascha und ich essen; es gab in einem heruntergekommenen Gebäude nahe seines Wohnheims eine billige Kantine. Sie gehörte noch zum Campus genau wie Paschas Wohnheim, und langsam bekam ich den Eindruck, dass das ganze Viertel zur Universität gehörte. Einige Konferenzteilnehmer waren in diese Kantine zum Essen gekommen, obwohl für die geladenen Gäste Frühstück, Mittagessen und Abendessen im Programm integriert und bezahlt war.
Hier gab es entgegen aller Erwartungen keinen Omelette-Fisch auf Nudeln, sondern eine Soljanka, in die wirklich alles hineingeschnitten war. Der Salat war auf die gleiche Weise gemacht. Nach ein paar Bissen von beidem überließ ich meine Portion Pascha.
Für das Konzert heute hatte Pascha keine Zeit mehr, denn die Cisco-Nachprüfung würde schon morgen stattfinden und es blieb ihm immer noch ein Kapitel zu lesen. Ich war in einer etwas destruktiven Stimmung nach diesen beiden Konferenzerfahrungen und hielt es für besser, nicht zu viel allein mit meinen Gedanken zu sein, da dabei sicher nur Blödsinn herauskommen würde. Ich fragte ihn, ob wir zusammen lernen wollten, denn ich wusste ja, was in der Prüfung dran kam und konnte ihm helfen, aber er meinte, es hätte nicht viel Sinn, weil er auf Russisch lernte und ich auf Englisch. Er wollte aber anrufen, wenn er Fragen hatte.
Zurück in meinem Zimmer stellte ich mein Notebook auf volle Lautstärke und spielte Rammstein ab. Sowas hörte ich mir normalerweise überhaupt nicht an und ich besaß diese Musik nur für meine russischen Bekannten, die alle aus irgendeinem seltsamen Grund Rammstein liebten, aber diesmal passte es perfekt zur Stimmung des Tages. Meine Rettung war Gergö, der plante die ungarische Spezialität "Langos" zuzubereiten und fragte, ob ich Lust hätte, ihm dabei zu helfen. "Helfen" stellte sich als Euphemismus, eine liebevolle Umschreibung heraus; gemeint war, ich sollte den Wodka und die Gläser bringen.
Die ersten 100 Gramm flossen schnell unsere Kehlen hinunter. Der Langos-Hefeteig stand derweil zum Aufgehen im Ofen. Ich war vorher noch nie in der Küche des gegenüberliegenden Gebäudeteils gewesen, wo Gergö wohnte. Es wirkte alles sehr viel sauberer, aber nur auf den ersten Blick. Als ich es mir auf dem Fensterbrett gemütlich machte, blieb ich kleben. Aber zumindest klebte ich hier nicht am Fußboden fest wie in unserer Küche. Auch Abdul, der Nigerianer, der mein Origami so bewundert hatte, stand in der Küche und bereitete das Essen zu. Im Moment taute er gefrorene Hühnerbrust unter fließendem (kalten!) Wasser auf. Ich konnte die Ressourcenverschwendung nicht mit ansehen und drehte den Hahn zu, als er den Raum verließ. Wir hatten kaum mehr als zwei Worte gewechselt, seit ich zu Ostern nicht seiner christlichen Sekte beitreten wollte, für die er Werbeblätter verteilte. Das Gespräch war etwa so abgelaufen: "Ich habe hier etwas Interessantes, wo du auch mal hingehen solltest." "Klar, was ist es?" "Meine Kirche" "Nein, danke." "Wie, nein danke?" "Nein danke, ich glaube nicht an Gott" "Du glaubst also schon, also glaubst du an Gott" "Hä? Nein, ich bin Atheist" "Erzähl mir von dieser Religion" [pause] "Gott - existiert - nicht." Daraufhin wurde das Verhältnis zwischen uns ein wenig eisig. Doch heute, als er uns trinken sah, kam er das erste Mal wieder auf mich zu und begann ein Gespräch, aber wahrscheinlich wollte er mich nur von meinem dunklen Pfad abbringen. Es war auch eine seiner ersten Fragen gewesen, als er sich bei unserem Kennenlernen neugierig in meinem Zimmer umsah: "Du trinkst doch nicht etwas?" Ich sah schon, wir würden nicht die besten Freunde werden.
Gergö holte den Teig aus dem Ofen, der ein wenig zu viel Wärme abbekommen hatte und nun zu einem Brot gebacken war. Zumindest die oberen Zentimeter. Er bat mich ihm zu helfen, diesen gebackenen Teig zu essen bevor er aus den darunterliegenden Schichten Langos machen konnte.
Gergös Marketing-Professor aus Ungarn, der für die Konferenz angereist war, gesellte sich zu uns und bat, etwas von dem Wodka abbekommen zu dürfen. Ich hatte ihn an einem der letzten Abende schon kurz kennengelernt; er war ein Mittvierziger, hatte lange strähnige Haare, die langsam grau wurden, und ein forsches Lächeln. Noch viel schneller flossen mit ihm die nächsten 100 Gramm. Ich hatte noch kein richtiges Mittagessen gehabt und war auch sonst nicht gerade trinkfest, deshalb hielt ich nicht einmal lang genug durch um den fertigen Langos essen zu können. An viel erinnere ich mich nicht, außer dass plötzlich alles schwankte und dass ich an einem Moment auf dem Boden meines Badezimmers hockte und am späten Nachmittag auf der Wiese am Stausee aufwachte, auf meinem Handtuch liegend, eine Schale Pralinen daneben, die mit Gras bedeckt waren. So etwas war mir noch nie passiert und ich zweifelte ernsthaft an mir. Wahrscheinlich waren 200 Gramm Wodka innerhalb einer halben Stunde doch meine Verträglichkeitsobergrenze.
Aber gut, dass ich das herausgefunden hatte.
Ich blieb noch eine Weile liegen und genoss die späte Sonne. Mein Handy vibrierte. Es war Gergö, der wissen wollte, wo ich abgeblieben war. Er und sein Professor waren in der Zwischenzeit in die Innenstadt gegangen um weiterzutrinken. Auch Albert hatte in der Zwischenzeit versucht mich zu erreichen und hatte schließlich eine SMS geschrieben, dass er vor dem Konzert auf mich wartete. Das war vor zwei Stunden gewesen. Ich erinnerte mich, dass ich immer noch böse auf ihn war, weil er mich schon zweimal auf der Konferenz versetzt hatte, und löschte die SMS. Schwankend stand ich auf und begab mich auf den Weg zu Gergö, der am Telefon gemeint hatte, sie würden am Völkerfreundschaftsdenkmal auf mich warten. Langsam wurde die Welt wieder stabil.
Wir gingen zu dritt in eine Kneipe, die Bier in 1-Liter-Gläsern servierte und deshalb Gergös Lieblingsort war. Er liebte Bier wirklich. Die beiden sahen ziemlich angeheitert aus, und Gergö erzählte, dass sie nach meinem rätselhaften Verschwinden zusammen noch eine Flasche Wodka geleert hatten. Wie viel Wodka passte in einen Ungarn hinein? Ich hatte langsam den Eindruck, dass die Ungarn noch schlimmer als die Russen tranken, aber sie meinten, dass sie eigentlich nur Russland als Ausrede benutzten, ausnahmsweise so richtig einen zu kippen. Wers glaubt...
Wir hatten einen herrlichen Abend, allerdings trank ich nicht weiter, obwohl mich die beiden den ganzen Abend zu überreden versuchten, auch ein Bier zu bestellen. Bier mochte ich überhaupt nicht und winkte dankend ab. Wodka wollte ich mir auch nicht wieder antun. Ich bestellte mir ein Eis, und Andras - so hieß der Professor - bestellte sich die Snackkarte rauf und runter und baggerte dabei die Kellnerin an. Er sprach nur ein paar Worte Russisch und betrachtete es als Herausforderung, möglichst so zu wirken, als würde er Russisch verstehen. Und er war wirklich gut darin.
Ich lernte währenddessen ungarisch. Das wichtigste Wort überhaupt, versicherte mir Andras, war "bazmeg", das auf die gleiche Weise verwendet wurde wie der Engländer "well" sagte, oder der Deutsche "ähm", und es konnte auch als Ersatz für das Wort "bitte" verwendet werden. Dabei suggerierte dieser Ausdruck auf eine unhöfliche Weise, dass sich die angesprochene Person mit sich selbst vergnügen sollte. Doch als echter Ungar sagte man es eben. Die nächste halbe Stunde folgten dutzende von Beispielen, wie man das Wort verwenden konnte, aber die Hauptaufmerksamkeit der beiden Jungs lag auf den vielen Mädels, die fast alle ohne männliche Begleitung in diese Kneipe gekommen waren.
Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber plötzlich waren wir in eine hitzigen Diskussion verwickelt, welche Berufsgruppe das Böse persönlich war - Wirtschaftler oder Ingenieure? Gergö studierte Wirtschaft, wenn er mal studierte, und Andras unterrichtete Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing. Und vermarkten konnte er sich wirklich ausgezeichnet. Ich glaube, ich hatte die besseren Argumente, als ich Ingenieure verteidigte, aber er schaffte es, mir sämtliche stichhaltigen Fakten auf bizarre Weise zu verdrehen, dass sie plötzlich für ihn sprachen. Wir wurden immer lauter und lachten Tränen dabei.
Wir diskutieren ebenfalls darüber, wie gutmütig ein Professor sein durfte ohne von den Studenten dafür ausgenutzt zu werden, und er hatte einen interessanten Punkt: Er setzte nur einen einzigen Zeitpunkt fest, an dem eine Arbeit fertiggestellt und präsentiert werden muss, die restlichen Meilensteine setzte er relativ locker für seine Studenten, denn in der Arbeitswelt zählte nur das Resultat, das am Ende dem Kunden präsentiert wurde - alles davor ist firmenintern. Ich hielt nur dagegen, dass das Studium den Studenten nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Organisationsfähigkeit und Selbstdisziplin beibringen sollte, denn im Beruf war es zu spät, dies zu lernen. Andras meinte nur schlicht, das sei nicht seine Aufgabe.
Es war spät geworden, aber längst noch nicht Zeit nach Hause zu gehen. Die Kneipe hatte sich sichtbar geleert und die Kellnerin kam nun öfters und versuchte noch so viel Bier wie möglich an den Mann zu bringen. Sie brachte ein Beutel mit Losen darin, aus dem Gergö und ich jeweils eins ziehen sollten. Gergö bekam eine Niete - und ich ein Freibier. Andras hatte doch noch seinen Willen bekommen und ich musste ein Bier trinken. Der Geschmack war sogar noch schlimmer als in meiner Erinnerung, aber ich schluckte tapfer nach und nach den halben Liter hinunter und bestellte eine Sprite um den Geschmack loszuwerden.
Es wurde zwei Uhr morgens bis wir aufbrachen. Ich war sehr gespannt, ob uns die Etagen-Omi noch hineinlassen würde, oder ob überhaupt noch jemand da war, der uns hineinlassen konnte. Wir nahmen das erstbeste Taxi vom Hauptplatz ohne über den Preis zu verhandeln, aber durch drei geteilt war der Preis ganz annehmbar. Ich war die einzige, die unsere Adresse noch aussprechen konnte und wie durch ein Wunder kamen wir im Wohnheim an.
Die Haupt-Tür war nicht zugesperrt, nur auf den einzelnen Etagen waren die Türen abgeschlossen. Andras wohnte auf der 7. Etage, beschloss aber, dass es zu früh war mit dem Trinken aufzuhören und kam mit uns auf die 9. Etage, wo uns die Etagen-Omi nach minutenlangem Klingeln öffnete. Sie wirkte nicht böse, aber Andras wollte sie nicht hineinlassen. Es kam zu einer heftigen Diskussion, in der Andras vergebens einen Schmollmund und Hundeblick machte; diese kleine Frau stand da wie ein Offizier und drängte ihn Richtung Tür. Erst als sie ihm mit der Polizei drohte, gab er nach und trollte sich.
Gergö und ich beschlossen, dass es ohne ihn keinen Sinn hatte, weiterzutrinken und verabschiedeten uns. Müde war ich trotzdem noch nicht und ging meine E-Mails abrufen. Im dunklen Computerraum saßen die üblichen Leute - Murik, Tofik, Pavel... und blickten mich an hungrige Vampire als ich die Tür öffnete und Licht hineinströmte. Ihre Gesichter wurden nur halb von ihren Monitoren erleuchtet. Ich fröstelte leicht. "Hey, Jungs!" meinte ich und der Bann war gebrochen. Oder meine Fantasie hatte mir einen Streich gespielt.
Albert hatte eine lange E-Mail geschrieben, in der er das Missverständnis von der heutigen Konferenz aufklärte, nachdem ich ihm in einer ruhigen Minute in der Kneipe eine SMS geschrieben hatte, dass ich noch immer böse auf ihn war, dass er mich so versetzt hatte. Er schrieb auch, dass ich morgen wieder auf eine Veranstaltung der Konferenz gehen sollte, aber dass es diesmal keine Vorträge waren, sondern eine Ausfahrt in das Tschajkowskij-Museum der Nachbarstadt. Er wollte mich halb 10 anrufen um mich daran zu erinnern. Ich sah skeptisch auf die Uhr; es war fast drei Uhr morgens und ich schrieb ihm zurück, dass ich bis eben mit den Ungarn getrunken hatte und sicher morgen nicht in der Lage sei, früh genug für diesen Ausflug aufzustehen.
In meinem Zimmer war es unglaublich heiß, sogar jetzt im Frühling wurde noch wie wahnsinnig geheizt, und ohne offenes Fenster ging man krachen, denn die Heizung ließ sich bekanntermaßen nicht abstellen. Ich konnte nicht einschlafen. Es war schon 3:30 Uhr. Gegen 5:30 wachte ich auf. Na immerhin, zwei Stunden geschlafen. Das Fenster war in der Nacht von selbst zugegangen und mein Zimmer hatte sich in eine Sauna verwandelt. Ich öffnete das Fenster wieder und klemmte ein Buch dazwischen. Gegen 7 wachte ich das nächte Mal auf, wälzte mich bis 8 Uhr herum und beschloss, den Kampf aufzugeben und aufzustehen. Als mich Albert anrief, war ich längst auf den Beinen und hatte meinen Reisepass aus dem Auslandsamt abgeholt. Albert hatte sich erkältet und hustete mir ins Telefon. Er erklärte mir, wo der Bus wartete und ich bedankte mich für die Information und begab mich auf den Weg zurück zum Wohnheim, denn ich hatte keine Lust, nach dieser Nacht so übermüdet eine Stunde Bus zu fahren, durch ein langweiliges Museum zu laufen und dann eine Stunde wieder zurück zu fahren. Dummerweise traf ich Andras auf dem Weg, der mich überzeugte, doch mitzukommen. Ich weiß nicht, wie er es aus dem Bett geschafft hat, und warum.
Der Bus war schon voller Studenten und ein paar Konferenzteilnehmern. Andras und ich nahmen die letzten freien Plätze nebeneinander ein. Schon als der Bus anfuhr, meldete sich mein Magen und ich wusste, dass es keine gute Idee gewesen war mitzukommen. Andras sah auch nicht besser aus. Jeder Zombie enthielt mehr Leben als er an diesem Morgen. Wir setzten unsere Unterhaltung vom Vorabend fort und waren bald wieder in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Der ganze Bus schwieg. Ich glaube, sie hörten uns zu, obwohl - oder vielleicht auch weil - wir wahrscheinlich die einzigen waren, die englisch sprachen.
Ich glaube, ohne Andras hätte ich den Ausflug nicht durchgestanden. Demonstrativ boykottierte er das Gruppenfoto vor der Tschajkowskij-Statue und knipste mich an einer Straßenlaterne. Besonders im Museum - es war ein Freilichtmuseum, genauer gesagt, das Gehöft der Familie Tschajkowskij - lockerte er die Stimmung auf und vertrieb die Langeweile.
Obwohl sich die Reiseleiterin bewusst war, dass wir beide nicht genug Russisch sprachen um der Tour folgen zu können, und obwohl sie selbst gut Englisch sprach, verzichtete sie darauf, für uns zu übersetzen. Das war wieder mal so typisch für diese Konferenz gewesen. Andras begann also seine eigene Übersetzung der Tour. Er erzählte, dass in dem Gebäude rechts von uns die Schweine gehalten wurden, und - ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen - dass sie eigentlich keine Schweine waren, sondern eine Kreuzung aus Scheinen (auf Englisch "pig") und Yaks, also praktisch Pigyaks. Diese haben den ganzen Morgen geschrien und Tschajkowskij den Schlaf geraubt, deswegen hat er am Morgen gezittert und irgendwie ist daraus seine Musik geworden... bei Andras klang diese Geschichte glaubwürdiger. So ging es jedenfalls die nächste Stunde mit allerlei weiterem Blödsinn. Irgendwann begann ich mit Origamifalten und die daraus entstandenen Blumen versteckten wir unauffällig im Museum, aber die Aufpasser-Omis schickten uns streng immer wieder zu unserer Gruppe zurück. Andras machte sich einen Spaß daraus, Absperrungen zu übertreten, und die Omis schauten schon ganz sauer.
Das Museum war wahrscheinlich nicht mal mit englischer Führung spannender als eine Briefmarkensammlung und so waren wir nicht traurig, es hinter uns zu lassen, nur von den imaginären Pigyaks verabschiedeten wir uns mit schwerem Herzen.
Andras dachte schon wieder ans Trinken und meinte, wir würden in Izhevsk am besten als erstes einen Supermarkt aufsuchen. Ich lehnte dankend ab, ich hatte genug getrunken.
Offiziell hätte die Konferenz wohl noch weitergehen sollen; ich hörte, ein Besuch im Kalaschnikow-Museum war geplant gewesen, aber nach unserer Ankunft in Izhevsk zerstreute sich die Reisegruppe schnell. Die Studenten verschwanden plaudernd, die Syrer waren verschwunden, und es blieben nur noch die slowakische Gruppe und der eine Tscheche übrig. Slowaken und Ungarn konnten sich nicht besonders leiden, meinte Andras und verabschiedete sich von dem Tschechen, dessen Zug nach Moskau bereits in einer Stunde fahren würde. Lustigerweise trafen wir ihn zehn Minuten später im Supermarkt in der Spirituosen-Abteilung wieder. Er kaufte sich Kalaschnikow-Wodka als Souvenir für zu Hause. Andras tat es ihm gleich, jedoch nicht um den Wodka als Souvenir zu haben, sondern um ihn am besten gleich heute Nachmittag zu trinken. Zuerst wollte er mich jedoch zum Essen ausführen. Das war mir etwas unangenehm, weil er schon den ganzen Vormittag davon gesprochen hatte, wie gern er die Zeit mit mir verbrachte und eine ganze Menge Süßholz raspelte. Mein Ausweg war, Gergö anzurufen und ihn zu fragen, ob er mitkommen wollte, denn anschließend wollten wir auf eigene Faust ins Kalaschnikow-Museum gehen und ich meinte zu Andras, dass Gergö sicher begeistert davon wäre. Andras war nicht so begeistert davon Gergö mitzunehmen, ließ mich aber gewähren.
In der Straßenbahn wollte es der Zufall, dass Andras ein glückbringendes Ticket bekam und mit Vergnügen überzeugte ich ihn, dass er es essen musste um sein Glück einzulösen. Überzeugt war er davon nicht, aber es wäre nicht Andras gewesen, wenn er es nicht trotzdem getan hätte.
Wir gingen zuerst ins Museum weil wir befürchteten, es nach unserem späten Mittagessen schon geschlossen, aber es hätte bis 19 Uhr offen gehabt. Mit unseren Studentenausweisen bekamen wir einen Rabatt, aber auch Andras bekam ein billigeres Ticket, und ich weiß nicht, wie er es angestellt hatte, aber er muss ziemlich überzeugend einen Russen gespielt haben. Ohne mit der Wimper zu zucken bestätigte er alles, was der Kartenverkäufer sagte, ohne eine Ahnung zu haben, was der Verkäufer sagte. Er sah sich unsere Ausweise sehr gründlich an, wie um sicher zu stellen, dass wir uns den Rabatt von einem Euro Fünfzig auch verdient hatten.
Gerade als wir die Tour durch das Museum begonnen hatten, schrieb mir Albert, dass ich mir die Karte für das Konzert heute Abend jetzt bei ihm in Gebäude 5 abholen könne. Das hatte ich ganz verdrängt - eine weitere Veranstaltung, in der mich Albert unbedingt sehen wollte. Er hatte die Konzertkarten für die Tschechen besorgt, die nicht angereist waren, und mir schon am Morgen gesagt, das ich für sie dort hingehen solle - die anderen Konferenzgäste würden auch in dieses Konzert gehen und ein Bus würde uns alle fahren.
Von den Konferenzgästen waren nur noch die Slowaken übrig, war ich mir relativ sicher; und auch Andras machte nicht den Eindruck, der Typ für klassische Musik zu sein, vor allem, wenn er stattdessen den Abend mit alkoholischen Getränke verbringen konnte. Ich sagte also ab. Ich hatte wirklich genug von den Konferenzveranstaltungen und wollte lieber einen ruhigen Abend zu Hause verbringen und etwas früher zu Bett gehen. Eine bescheidene Hoffnung in Gesellschaft meiner beiden Kampftrinker-Ungarn.
Zum Abschluss des Museumsbesuchs gingen wir natürlich noch in den Keller um dort zu schießen, wobei ich diesmal verzichtete. Ich war ausgehungert und müde; es war 17 Uhr und höchste Zeit zum Mittagessen zu gehen.
Gergö hatte es sich in den Kopf gesetzt, uns in diese kleine Pizzeria zu führen, in der wir schon einmal gegessen hatten und für die Besitzer ein paar deutsche Sätze hatten schreiben sollen. Nun fing es dummerweise an zu regnen - das erste Mal, wenn ich mich recht erinnere, seit ich in Izhevsk war; davor war es immer nur Schnee gewesen. Wir begannen eiliger zu gehen und Gergös Orientierungssinn immer mehr zu misstrauen, da wir eindeutig zu oft rechts abgebogen waren. Andras und ich zogen ihn erst auf, und dann meuterten wir und gingen entschlossen in das nächstbeste Café um dem Regen zu entkommen. Zu Gergös Ärger war es ein Restaurant, das sämtliche Speisen aus Fisch zubereitete - für ihn das allerabgrundtief verabscheuungswürdigste Essen überhaupt - und sogar die Lasagne bestand zum Großteil aus Fisch, was man natürlich von außen nicht sah. Nun war Gergö böse mit uns und schwor, dass die Pizzeria nur noch zwei Minuten entfernt gewesen war. Tatsächlich kamen wir auf dem Heimweg daran vorbei. Was schreibe ich "Heimweg"? Meine beiden Alkis wollten natürlich in die nächste Kneipe einkehren. Ich sagte ihnen: "ich passe." "Aber warum?", wollte Andras wissen und setzte seinen Hundeblick auf. Ich hatte eindeutig zu viel in den letzten Tagen getrunken; die Ungarn waren nicht gut für mich, meine Leber und meinen Schlafzyklus. Ich meinte schließlich scherzhaft, das einzige, was ich trinken würde, wäre ein Erdbeer-Caipi-Cocktail. Und ehe ich die Chance hatte, eine Bushaltestelle zu erreichen, saßen wir in einer Cocktail-Bar. Ich weiß nicht, wie Andras es anstellte mich immer wieder zum Trinken zu bringen, wenn ich es gar nicht wollte.
Ich stellte mir vor, wie die Konferenztage anders verlaufen wären. Am ersten Tag hätte ich ausschlafen und spazieren und ausnüchtern gehen sollen, am zweiten Tag hätte ich mit Pascha in die Veranstaltungsreihe von Albert gehen können und anschließend ins Konzert. Dabei hätte ich sicher den einen tschechischen Professor näher kennengelernt und wäre nicht zum Trinken gekommen, da dieser Professor sich im Zuge einer offiziellen Veranstaltung hatte volllaufen lassen, zu der ich nicht eingeladen gewesen war. Am nächsten Tag hätte ich mich sicher im Tschajkowskij-Museum zu Tode gelangweilt, aber am Abend hätte ich sicher nicht in dieser Cocktailbar gesessen und einen verlorenen Kampf gegen die Müdigkeit geführt. Hätte, hätte, hätte... Einen Erdbeer-Caipi hatten sie nicht auf der Karte, die uns sowieso Rätsel aufgab. Gergö bestellte sich sogar ausversehen einen alkoholfreien Cocktail - ein wahrer Weltuntergang. Ich bekam zu meiner Überraschung einen Glühwein mit Zimt und Orangenschale, konnte aber beim besten Willen nicht mehr sagen, was ich bestellt hatte. Nachdem wir auch diese Getränke besiegt hatten, wollten die beiden in eine richtige Bierkneipe gehen und ich verabschiedete mich. Andras bestand jedoch darauf, mich nach Hause zu begleiten, und ich konnte nichts machen um ihn abzuschütteln. Er war mir schon in der Bar zu nah auf die Pelle gerutscht und ich konnte mir gut vorstellen, was er wirklich plante, als er darauf bestand mich heimzubringen.
Meine Vermutung bestätigte sich, als Andras sich auch an der Tür nicht abschütteln ließ. Ich sagte ihm, dass Gergö auf ihn wartete, doch er meinte, er würde lieber Zeit mit mir verbringen. Ich sagte, ich wolle schlafen gehen, was er als Einladung verstand. "Nein", stellte ich klar. Ich war nicht sicher, ob er es akzeptiert hatte und schloss mich vorsichtshalber von innen in meinem Zimmer ein. Tatsächlich rüttelte es eine Weile später an meiner Zimmertür. Ich hatte schon geschlafen und weiß bis heute nicht, wer es gewesen war; Gergö bezeugte am nächsten Tag, dass Andras sofort wieder zu ihm zurück in die Stadt gefahren war...
Dennoch hatte ich diese Nacht das erste mal seit Tagen wieder richtig geschlafen und fühle mich erfrischt. Das musste ich auch sein, denn ich hatte heute wieder Vorlesungen, schließlich war Samstag. Die letzten Tage waren viele Lehrveranstaltungen wegen der Konferenz ausgefallen, doch heute waren alle Gäste abgereist, die Asche war aus dem europäischen Luftraum abgezogen und der Alltag begann wieder. Auch Andras war schon am Morgen abgereist und ich war ziemlich froh darüber, obwohl ich natürlich eine interessante und tolle Zeit dank ihm erlebt hatte. Aber das ist wie Torte-Essen: Man kann es einfach nicht jeden Tag den ganzen Tag lang machen, sonst wird einem schlecht davon. Aber natürlich möchte man es einmal ausprobieren und stell am Ende fest: Ja, davon wird einem wirklich schlecht.
Ich kam diesmal noch viel früher als normalerweise zur Vorlesung und traf Professor Puschin mit Wladimir, dem Wachtmann, plaudernd an. Die Garderobe sollte heute geschlossen bleiben, denn im Frühling und Sommer trugen die Studenten keine Jacken und Mäntel mehr. Für die, die dennoch eine Jacke trugen wie er selbst, wollte Professor Puschin Garderobenständer mit nach oben nehmen. Er war schon vollbepackt wie ein Lastesel, deshalb wollte ich ihm beim Tragen helfen; das lehnte er vehement ab, aber ich war schneller mit den Garderobenständern verschwunden als er sie mir abnehmen konnte. Die einzige Schwierigkeit war, ihn mit den beiden Ständern nicht k.o. zu schlagen als er mir helfen wollte, sie aus dem Fahrstuhl wieder hinaus zu tragen.
Es war herrlich, nach zwei Wochen wieder im Alltag zu stehen - die Ägypter kamen zu spät, Professor Puschin bemühte sich nach Kräften, die Vorlesung interessant zu gestalten und die Ägypter überzeugten ihn wie immer, die Vorlesung um ein paar Stunden zu verkürzen. Ich begleitete ihn wie gewöhnlich zurück zur Universität, wir übten Deutsch und er bedankte sich. Nur schade, dass ich diese Zeit bald ihrem Ende zuneigte. Schon in der nächsten Veranstaltung sollten wir eine Prüfung schreiben. Die würde allerdings erst in 14 Tagen sein, da nächsten Samstag der "Tag der Arbeit und des Frühlings" war - der erste Mai.
Eine Stunde später trag ich Pascha und Olga vor dem "Integral", denn heute fand als allerletzte Veranstaltung im Rahmen der Konferenz ein Jazz-Konzert statt. Draußen wurde schon die Ella zur Einstimmung gespielt und auf den Tickets stand "nur Dummköpfe hören keinen Jazz". Der Saal war bis auf den letzten Platz voll; es sollten Jazz-Combos aus ganz Russland auftreten. Es war ein fantastisches Jazz-Konzert, unbeschreiblich. In der zweiten Hälfte spielte eine Big Band aus Novosibirsk, und ich erkannte die Studenten wieder, die mit uns ins Tschajkowskij-Museum gefahren waren. Das erklärte auch, weshalb eines der Mädchen in dem Museum auf dem Klavier hatte spielen dürfen.
Nach dem Konzert bedankte sich Olga überschwänglich für die Einladung. Doch auch für Morgen stand wieder eine außergewöhnliche Veranstaltung an, zu der uns diesmal Pascha einlud: Ein studentischer Tanzwettbewerb. Wir konnten gespannt sein.
Wörter, die einen wahnsinnig machen.
Wenn man sie eine ganze Weile lang in jedem Satz hört, aber deren die Bedeutung einem entfallen ist. In der letzten Vorlesung vor der Prüfung hatte Albert ständig etwas gesagt, das wie strjoch klang - es kam mir sehr bekannt vor, aber im Wörterbuch fand ich es nicht. Erst heute stieß ich durch Zufall in meinen Notizen auf das Wort - kein Wunder, dass ich es nicht gefunden hatte, es waren zwei Wörter, die man zusammenzog: s trjoch, wörtlich "mit" drei, und plötzlich ergab das ganze Sinn; es war die Rede von den Prüfungsterminen gewesen, und gemeint war "ab drei Uhr".
Montag ab drei.
Es war Samstag. Mir blieb nur heute und morgen, und der halbe Montag zum Lernen für die Prüfung, die eigentlich aus zwei Prüfungen bestand, eine theoretischen und einer praktischen. Die theoretische Prüfung machte mir längst nicht so viel Angst wie die praktische, deshalb beschloss ich mit den praktischen Übungen anzufangen. Doch mitten in der zweiten Übung fiel mir ein, dass ich heute noch Vorlesungen hatte. Sollte ich gehen oder nicht? Ach zum Teufel, ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg.
Wie immer war ich die erste halbe Stunde mit Professor Puschin allein, aber diesmal kam es mir ganz gelegen, weil er während meiner Sankt Petersburg-Reise eine Ersatzvorlesung für die Ägypter gehalten hatte und er mir nun kurz den Stoff jener Stunde zusammenfasste. In diesem Fach musste ich zwar keine Prüfung schreiben, aber ich wollte es zumindest versuchen. Eigentlich musste ich in keinem der Fächer in Russland eine Prüfung schreiben, aber so brachte ich mich dazu die Vorlesungen ernst zu nehmen.
Die Ägypter schienen alles immer lockerer zu nehmen; sie hatten mittlerweile den Dreh raus, wie sie Professor Puschin um den Finger wickeln konnten und verkürzten unsere Vorlesungszeit heute um zwei Stunden, sodass wir schon gegen 16 Uhr frei bekamen. Wie immer blieb ich noch fünf Minuten länger Professor Puschin beim Zusammenräumen zu helfen, und die Computer auszuschalten, die die Ägypter hatten laufen lassen, und nahm den gröbsten Müll mit auf den Weg nach unten. Natürlich gab es keine Papierkörbe in den Zimmern; es war immer noch Russland.
Nach der Stunde übte Professor Puschin gern sein Deutsch mit mir; heute schlug er vor, zur Universität zurück zu laufen statt den Bus zu nehmen, sodass wir etwas mehr Zeit zum Sprechen hatten, außerdem war das Wetter mittlerweile schön frühlingshaft geworden; ein lebhafter Wind wehte und die Sonne schien warm.
Zu Hause angekommen fand ich eine große Überraschung in meinem Postfach: Es war die Aufgabenstellung für die praktische Prüfung. Einige der Studenten hatten diese Prüfung schon am Freitag geschrieben, aber wie ich hörte, waren die meisten durchgefallen. Also hatte einer von ihnen ein Foto der Aufgabenstellung gemacht, und das wurde per E-Mail an sämtliche Studenten des Kurses verteilt; und so hatte es auch mich erreicht. Ich war beeindruckt von dem Zusammenhalt der russischen Studenten, dieser Gruppe. Keiner versuchte, einen persönlichen Vorteil zu bekommen, stattdessen wurden alle mit den gleichen Informationen versorgt. Ein anderer Student hatte seine Lösung der Prüfung gleich hinterher geschickt. Ich sah sie durch und es sah ganz gut aus, wenn sie auch nicht vollständig war; einige Teile fehlten und andere waren nicht ganz korrekt, so beschloss ich, die Prüfung selbst zu lösen und die Lösung an die restlichen Studenten zu verschicken. Die einzige Schwierigkeit war, dass die Aufgabenstellung auf Russisch war. Es dauerte fast doppelt so lang sie zu übersetzen wie das Lösen der Aufgaben, aber es gelang mir. Die Aufgaben hatten es teilweise in sich, besonders da mir der praktische Teil der Aufgabenstellung fehlte, in dem das Netzwerk simuliert wurde. So musste ich mir selbst ein Netzwerk aufbauen, das ungefähr so aussehen musste wie das in den Aufgabenstellungen vorgegebene. Tatsächlich war ich ziemlich nah dran gewesen bis auf ein paar Details.
An meine Lösungen schrieb ich noch Kommentare für die anderen Studenten und schickte es zurück an alle Empfänger der Aufgabenstellung.
Das klang jetzt vielleicht nach einer einfachen Übung, aber in Wirklichkeit dauerte es den restlichen Samstag und den ganzen Sonntag bis weit nach Mitternacht bis ich sowohl mit den praktischen Übungen als auch mit dem Lösen der Prüfung fertig geworden war. Aber danach konnte ich im Schlaf Cisco-Router konfigurieren, und das ich auch. Leider wusste mein Traumlexikon nicht, was es bedeutet, wenn man von lebenden Netzwerkkabeln gewürgt wird.
Nach nur sechs Stunden Schlaf wurde ich von Aliza geweckt, die mich anrief und sagt, sie sei ihm Wohnheim und bräuchte meine Zugtickets um Kopien davon zu machen für meine Abmeldeantrag, den sie vor meiner Abreise aufgesetzt hatte. Und dann brauchte sie meinen Reisepass für die erneute Registrierung. Ich hatte schon ein richtig schlechtes Gewissen, dass ich ihr mit meiner Reise so viel Arbeit gemacht hatte. Ich tappte barfuß und im Nachthemd in den Flur und gab ihr das Verlangte. Nun fragte sie mich zum aberhundertsten Male, wie lang ich in Izhevsk bleiben wollte. Das sei wichtig, da jeder Tag Anwesenheit zwei Rubel kostete, die ich noch bezahlen müsste. Ich sah sie zweifelnd an. 2 Rubel war überhaupt nichts, das waren 5 Cent. Ich sagte ihr, sie solle mich ruhig bis Mittag August registrieren, und wenn ich früher abreiste, dann konnte das Registrierungsamt den Euro gern behalten. Zusätzliche 1000 Rubel waren für die Visumsverlängerung selbst fällig - 25 Euro. Sollte mir Recht sein, solange ich mich jetzt wieder ins Bett legen konnte. Aliza bedankte sich und ging, nur um eine halbe Stunde später wieder anzurufen und mich zu bitten, meine Migrationskarte auf dem Weg zur Prüfung vorbeizubringen.
Jedenfalls verging so der Montag, und die letzten Stunden wollte ich zum Lernen der Theorie verwenden und wahllos das Material überfliegen, das ich immer noch nicht gelesen hatte.
Dann überlegte ich es mir anders, denn um 12 hielt Albert für die Ägypter eine Vorlesung zu eben jenem Stoff, zu dem ich 15 Uhr meine Prüfung schreiben würde, also ging ich hin.
In das Auslandsamt zu kommen stellte sich heute als schwierig heraus. Ein Teil des Gebäudes war abgesperrt worden, weil gerade das brüchige Treppenhaus erneuert wurde. Ich folgte kurzerhand der Frau vor mir, die fast in das abgesperrte Treppenhaus marschiert wäre und nun einen alternativen Weg einschlug. Wir marschierten quer durch das ganze Gebäude und wirklich, hinter sonst verschlossenen und gut als Büroeingang getarnten Türen gab es einen zweiten Aufgang im hinteren Bereich des Gebäudes. Völlig entnervt kam ich im Auslandsamt an. Ich hatte einfach nicht die Energie für eine Schnitzeljagd so kurz vor einer Prüfung. Aliza hatte Kopien von meinem Reisepass gemacht und gab ihn mir wieder, denn es war keine gute Idee, ohne Pass in Russland auf der Straße zu sein, falls doch mal ein Polizist die Papiere sehen wollte. Sie meinte allerdings, sie würde den Pass am Donnerstag noch einmal brauchen, aber dann könnte sie mir wahrscheinlich schon meinen Studentenausweis geben, sodass ich ein offizielles Dokument der Universität hatte.
Nun machte ich mich auf den Weg zur Vorlesung.
Als ich das Gebäude Nummer 5 betrat, rief die Frau in der Garderobe ganz begeistert aus: "Manetschka prischla!", grob übersetzt: "Manjachen ist zurück!". Sie hatte sich gewundert, warum ich die ganze letzte Woche nicht zu den Vorlesungen gekommen war und hatte schon gedacht, dass ich krank gewesen sei. Wahrscheinlich hätte ich ihnen allen etwas von meiner Reise mitbringen sollen.
Albert kam nicht so spät wie üblich, sodass ich kaum fünf Minuten lang in meinen Aufzeichnungen hatte lesen können.
Theoretisch beherrschte ich den Stoff ja, aber Cisco hatte diese Eigenart, Fragen zu stellen, mit denen man absolut nicht gerechnet hat, und genau deshalb sollte man das Kursmaterial gründlich durchgelesen haben. Das habe ich zugegebenermaßen nicht mit allen Kapiteln gemacht, da man zum Beispiel mit Wikipedia wesentlich schneller und kompakter die wesentlichen Informationen erhielt. Ich sagte mir: "Mut zur Lücke" und setzte mich in die Vorlesung der Ägypter ohne viel davon mitzunehmen, und danach in die Prüfung.
Olga wirkte sehr nervös, Pascha überhaupt nicht. Als ich ihn fragte, warum, sagte er, dass er die Prüfung heute nicht mitschreiben konnte, da er es nicht rechtzeitig geschafft hatte, die Kapitelprüfungen zu bestehen. Pascha hatte sowieso ein wenig getrödelt, was den Cisco-Kurs anging. Erst in jener Woche, in der ich in Sankt Petersburg war, hatte er angefangen Kapitel 1 zu lesen, während die meisten anderen gerade das letzte Kapitel fertiggestellt hatten. Während dieser Woche las er Tag und Nacht nur das Cisco-Kursmaterial, erzählte er. Dennoch hatte am Ende die Zeit nicht gereicht. Doch bei Albert war es kein Problem; er meinte, Pascha solle einfach bei der Nachprüfung am Donnerstag mitschreiben. Das ist jedoch nicht typisch für Russland; andere Professoren hätten ihn eiskalt durchfallen lassen. Albert hingegen hatte das Bedürfnis, von allen gemocht zu werden und war deswegen milde.
Pascha verabschiedete sich, die Prüfung begann. Ich hatte Glück und bekam viele Fragen zum Thema Routing, mit dem ich mich nun wirklich bis zum Erbrechen auseinandergesetzt hatte - sowohl jetzt in Cisco, als auch letztes Semester in Zwickau. Nach der Routing-Vorlesung letztes Semester hatte kräftig auf die - wenn auch nur knapp - bestandene Prüfung angestoßen und versucht, den ganzen Stoff aus dem Hirn heraus zu spülen , und dennoch war ein Rest hängen geblieben, den ich im Cisco-Kurs dieses Semester nutzen konnte.
Ich wurde zur gleichen Zeit wie Artjom fertig, 30 Minuten vor der eigentlichen Abgabe. Das Resultat bekamen wir sofort angezeigt, und es überraschte mich doch gewaltig: 90%, das entsprach einer 1. Albert gratulierte, schüttelte mir die Hand und trug mir eine 5 ein. Das war in Russland die beste Note. Dann sahen wir uns gemeinsam an, welche Fehler ich gemacht hatte. Es waren vermeidbare Fehler gewesen - hätte ich den Rest des Materials durchgelesen...
Nachdem auch der Rest der Klasse fertig war, begann die praktische Prüfung, auf die ich mich wesentlich besser vorbereitet fühlte. Aber genau dieser Hochmut wurde mir zum Verhängnis. Es war zwar genau die gleiche Prüfung wie ich sie per Mail bekommen hatte, aber irgendwo hatte ich einen Fehler gemacht und kam nicht darauf, wo. Ich saß die vollen anderthalb Stunden vor meinem Netzwerk und probierte sämtliche Tricks aus, eine Verbindung herzustellen, die sich partout nicht herstellen ließ. Hätte ich wirklich angewendet, was ich gelernt habe, hätte ich wohl die bottom-up Troubleshooting-Herangehensweise angewendet und festgestellt, dass ich nur das falsche Kabel verwendet hatte - ein Fehler, der einen dazu verführt, seinen Kopf auf die Tischplatte zu hauen.
Dennoch hatte ich am Ende 92% erreicht. Und lustigerweise hatte das der Rest des Kurses auch, ganz im Gegensatz zu den Leuten, die schon am Freitag geschrieben hatten. Ich weiß nicht, ob Albert etwas ahnte, aber ich würde es ihm sicher nicht sagen. Er schien einfach nur froh darüber zu sein, dass so viele seiner Studenten so erfolgreich abgeschnitten hatten.
Auch Olga hatte gerade ihre Prüfung beendet, kam zu mir und holte nun etwas aus ihrer Tasche hervor. Ich lachte in Erwartung, was es diesmal sein würde, denn sie hatte immer etwas für mich dabei - ob es gefrorene Früchte, Saft, Marmelade aus ihrem Garten, oder Kekse und Schokolade war - sie schien es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht zu haben, mich durchzufüttern. Umso mehr überraschte es mich, dass sie etwas Ananas-förmiges auf Papier aus ihrer Tasche zog. Es war eine spezielle Art von modularem Origami, das sie in den letzten Vorlesungen ausprobiert hatte, aus hunderten Papierstücken. Es war nur leider etwas instabil und beim Transportieren zerbrochen. Die nächsten zehn Minuten beobachtete ich sie dabei, wie sie es sorgfältig wieder zusammensetzte und machte Fotos davon. Sie meinte, das sei nicht nötig, weil sie es mir schenken wollte, aber tatsächlich zerbrach es mir auf dem Heimweg trotz aller Vorsichtsmaßnahmen wieder, und dann war ich ganz froh, eine bebilderte Anleitung zu haben, wie man es wieder richten konnte.
Am lieben hätte ich an diesem Abend auf die bestandenen Prüfungen angestoßen, aber schon am nächsten Tag hatte ich die nächste Prüfung. Ich hätte es gar nicht mitbekommen, wenn ich nicht zufällig mit den Ägyptern auf das Thema gekommen wäre, was eigentlich erstaunlich ist, da wir kaum miteinander reden. Es sollte eine Zwischenprüfung in unserem Russischkurs stattfinden. Zur letzten Unterrichtsstunde war ich ja in Sankt Petersburg gewesen, deshalb schnappte ich mir einen der Ägypter, der mir im Gang mit seinen Aufzeichnungen entgegen kam und bat ihn, die neusten Materialien abfotografieren zu dürfen. Mir war es leider noch nicht gelungen, mir ihre Namen zu merken. Fiel es mir schon mit vertrauten Namen schwer, so waren ägyptische Namen völlig unmöglich im Kopf zu behalten. Gergö hatte gewitzelt, dass sie sowieso alle Achmed und Mohammed heißen, womit er gar nicht mal zu Unrecht hatte, aber trotzdem muss man doch wissen, wen man mit Achmed, und wen man mit Mohammed ansprechen sollte. Eigentlich kannte ich nur einen der Jungs mit Namen, das war Mina, der Junge mit der lustigen Frisur, der auf dem internationalen Abend so ausgelassen tanzend auf einem der Fotos zu sehen ist.
Als ich mir die Aufzeichnungen so durchblätterte, stellte ich fest, dass sie im Kurs genau auf den Tag gewartet hatten, an dem ich einmal nicht da war, um dann endlich etwas Kompliziertes zu besprechen. Für den Stoff der letzten Unterrichtsstunden hätte ich nicht lernen brauchen; für diesen neuen Stoff schon. Und so setzte ich mich wieder auf meine vier Buchstaben und versuchte von den Beispielen auf den Übungsblättern und meinem Wörterbuch grammatikalische Regeln abzuleiten.
Die Prüfung am nächsten Tag war entgegen meiner Erwartungen ein Lacher. Erstmal war nicht mal unsere Lehrerin pünktlich - oder vielleicht war sie es, aber wir haben sie nicht finden können. Das Gebäude Nummer 5 war schon auf die große internationale Konferenz vorbereitet worden und die meisten der Unterrichtsräume durften nicht mehr betreten werden, da sie für die internationalen Gäste glänzen mussten. Dem war auch unser Raum zum Opfer gefallen, ließ uns die Sekretärin wissen. Ich hatte durch Zufall einen Ägypter aus der Maschinenbau-Fachgruppe getroffen, der ebenfalls heute die Prüfung schreiben wollte, da sein Russischkurs die Prüfung in der Woche schreiben würde, die er in Moskau verbringen wollte. Wir suchten also gemeinsam unsere Lehrerin und den Raum, und schon 15 Minuten nach Unterrichtsbeginn waren wir erfolgreich. Die anderen Ägypter trudelten gute 30 Minuten später ein. Unsere Lehrerin machte zwar eine saure Miene und meinte "ne seriosnye studenty", teilte ihnen dennoch das Prüfungsblatt aus. Mit dem ersten Teil war ich innerhalb weniger Minuten fertig gewesen, denn es war ein einfacher Multiple Choice-Test zum Ankreuzen. Dann gab sie mir das Unterrichtsmaterial vom letzten Mal und den Aufgabenbogen zum zweiten Teil, der sich lustigerweise genau auf die Vokabeln des Textes bezog, den sie mir gerade gegeben hatte. Ich fragte, ob ich den Text verwenden könnte, und sie nickte. Sie half aber auch den Ägyptern während ihrer Prüfung indem sie ihnen die Lösungen für einige schwierigere Aufgaben sagte. Es war wie im Kindergarten; viele der Jungs hörten ihr dabei gar nicht zu, sondern fragten quer durch das Klassenzimmer ihre Freunde nach der Lösung.
Dieser Tag und diese Prüfung waren so sinnlos gewesen, dass ich mit gutem Gewissen darauf anstoßen konnte, dass sie vorbei waren. Ich fand Murik wie immer im Computerraum unseres Wohnheims und fragte, ob er Lust hatte, mit anzustoßen. Das war eine rhetorische Frage. Ich holte meine immer noch fast volle Flasche Nermiroff Birke, und Murik brachte die Gläser. Sonst hatte er immer für die Destillate gesorgt.
"Auf Routingverfahren", sagte ich. Er lachte, wie verrückt die Informatiker sind. "Nein, nein, nicht auf Routingverfahren, sondern darauf, sie zu vergessen", stellte ich richtig.
Nach den zweiten 50 Gram Wodka begann ich mir einen Cocktail aus Saft und Marmelade zu mischen und lebhaft mit Murik zu diskutieren. Wenn ich mich nur noch daran erinnern könnte, über was... ich weiß nur noch, wie befreiend es war, sich mal wieder gehen zu lassen und nicht an Prüfungen denken zu müssen. Ebenfalls ganz weit fort schob ich den Gedanken, dass ich Albert versprochen hatte, morgen um 9:30 Uhr auf der internationalen Konferenz unserer Universität teilzunehmen. Der internationalen Konferenz waren nämlich die internationalen Gäste ausgegangen - der isländische Vulkan hatte mit perfektem Timing den europäischen Luftverkehr lahm gelegt, sodass viele Gäste überhaupt nicht anreisen konnten. Albert hatte beklagt, dass er die Zugtickets für die tschechische Delegation online gekauft und sie nun nicht stornieren konnte. Außerdem saß er auf Konzert-Tickets und es schien eine Menge freie Plätze in den Veranstaltungen zu geben, die für die internationalen Gäste der Konferenz geplant worden waren. Hätte ich nur zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, wie die nächsten Tage ablaufen würden - ich hätte alles ganz anders gemacht...
Tapfer ging ich am nächsten Tag um 9:20 Uhr zur Konferenz - nicht zu schnell, die Säfte wallten mir im Magen. Vielleicht waren das doch ein paar Gramm Wodka zu viel gewesen. Im "Integral" angekommen wollte ich am liebsten gleich wieder hinaus an die frische Luft gehen. Aber das Begrüßungskomitee am Ein- bzw. Ausgang lächelte so freundlich, dass ich nicht den Eindruck machen wollte, gleich wieder zu verschwinden. So gab ich meine Jacke ab und ging nach oben. Der Saal war festlich geschmückt mit blinkenden Lichterketten, und Leinwänden, auf denen Videos liefen, die zeigen, wie toll die Universität war, und ich verstand nur immer Kalaschnikow, das Blinken machte mich wuschig und ich ging wieder hinunter in die Eingangshalle, mich darauf konzentrierend meinen Mageninhalt im Magen zu behalten.
Albert hatte mir gestern noch geschrieben, dass er auch am Morgen dabei sein würde, doch ich sah weit und breit keine Spur von ihm. Sein Chef lief mich kurz über den Weg ohne mich wiederzuerkennen. Ich wollte lieber gar nicht in den Spiegel blicken. Ich fühlte mich deplatziert zwischen den Repräsentanten verschiedener Universitäten um Ämter, zwischen aufgetakelten Studentinnen, die wahrscheinlich aus rein optischen Gründen zu dieser Veranstaltung geschickt worden waren. Kurz sah ich eine Gruppe Auslandsamtmitarbeiter, aber als ich vor einem Fotografen in Deckung ging, waren sie wieder in der Menge verschwunden. Viele, viele Gruppenfotos wurden gemacht für wer-weiß-welche Berichte. Studentische Reporter eilten beschäftigt aussehend zwischen den Gästen umher. Sergey, der Leiter des Auslandsamts, kam mir entgegen und wunderte sich, mich hier zu sehen. Ich könne schon in den Saal gehen, in dem der Konferenzauftakt stattfand. Jetzt war meine letzte Chance dahin, zu entkommen. Wenigstens war es in dem Saal angenehm kühl, und vielleicht konnte ich währenddessen ein Nickerchen halten.
Gerade als ich es mir gemütlich gemacht hatte, begann die Auftaktveranstaltung und das ganze Publikum stand auf während eine Hymne aus den Lautsprechern tönte, die ich wohl aus irgendeinem Film kannte, aber nicht einordnen konnte. Wieder einmal hatte das Bildungssystem versagt. Der Text klang lateinisch, was konnte das wohl sein?
Unten auf der Bühne standen ergriffen die offiziellen Sprecher der Konferenz, von denen ich nur unseren Rektor, Boris Jakimowitsch, erkannte. Er leitete die Konferenz ein und stellte die Gäste vor. Er war offensichtlich beliebt und hat Humor, und er hatte etwas Schlaues an sich, etwas Katzenhaftes - durch die Beleuchtung durch die Scheinwerfer von oben bekam er sogar scheinbar die Schnurbarthaare einer Katze, da sich das Licht am Gestell seiner Brille brach und Schatten warf.
Insgesamt saßen neben unserem Rektor sieben Gäste auf der Bühne; zwei ausländische Delegierte, zwei der Gäste waren wohl auch hochrangige Politiker der udmurtischen Republik, aber natürlich hatte ich noch nie von denen gehört. Ich war schon froh, dass ich den udmurtischen Präsidenten erkennen würde, wenn er vor mir stünde, was sowieso relativ unwahrscheinlich war. Die restlichen Sprecher kamen von der Universität selbst. Aber damit war die Vorstellung der Gäste nicht beendet. Ich schwöre - er hat allein 6 Minuten lang alle Partneruniversitäten der ISTU in In- und Ausland aufgezählt. Das dauerte etwas länger, weil die meisten Universitäten staatlich-technisch waren, und schon das Wort "staatlich" hatte im Russischen 5 Silben. Die ISTU beispielsweise heißt offiziell Izhevskij Gosudarstwennij Technikscheskij Universitet. Nun muss man sich vorstellen, dass auch zwanzig andere Universitäten so oder so ähnlich hießen. Mich wunderte, dass Jakimowitsch danach keinen Knoten in der Zunge hatte.
Die Konferenz war erstaunlich groß aufgezogen worden, es gab viele technische Spielereien wie Leinwände mit Kamerabild Bild-in-Bild, die Übersetzung der russischen Vorträge über Funkkopfhörer, etc... aber Präsentationen können die meisten Teilnehmer nicht erstellen. Ganze Textblöcke hatten sie in Powerpoint kopiert bis die Seite voll war, mit höchstens Schriftgröße 12. Oft hätte man sich einen Fortschrittsbalken auf den Seiten gewünscht, oder zumindest eine Übersicht oder wenigstens eine Einleitung am Anfang des Vortrags um zu wissen, ob der Vortragende schon irgendwie nah an dem Punkt der Rede war. Aber die meisten hatten sowieso keinen Punkt. "Bologna-Reform toll, wir machen sie mit, deswegen sind wir toll" war alles, was ich irgendwie heraushören konnte. Die meisten Teilnehmer schienen von der Veranstaltung zu Tode gelangweilt zu sein. Selbst die sieben Sprecher auf der Bühne, die sich mit nicht enden wollenden Vorträgen abwechselnden, waren vom Vortrag ihrer Kollegen so gelangweilt, dass sie während der Präsentation miteinander plauderten oder auf einen Arm gestützt wegnickten. Wenn sie überhaupt bleiben. Nach anderthalb Stunden saßen nur noch vier Zuhörer auf der Bühne. Selbst der Rektor verschwand einmal für 20 Minuten.
Im Saal klingelten währenddessen Handys, aber statt die Handys peinlich berührt auszuschalten, gingen die Angerufenen ran und telefonierten mit nur mäßig gesenkter Stimme.
Ich weiß nicht, warum ich die vollen drei Stunden blieb. Wahrscheinlich, weil ich meine Chance zu entkommen verpasst hatte; es gab keine offizielle Pause, aber nach einem besonders hirnzerfräßenden Vortrag verschwand plötzlich ein gutes Drittel der Zuhörer aus dem Saal. Das bekam ich nur zu spät mit; ich stand ja immer noch ein ganzes Stück neben mir. Mit einem Kater auf eine russische Konferenz zu gehen war wirklich nur etwas für Masochisten und ich begann innerlich auf Albert zu schimpfen, dass er mich dazu veranlasst hatte zu kommen und selbst nie aufgetaucht war.
Es wurde nur noch schlimmer in der letzten Stunde. Man schaltete eine Telekonferenz mit dem Rektor einer tschechischen Partneruniversität, der so unglaublich langweilig war, dass ich kurz davor war, in die Stuhllehne meines Vordermanns zu beißen; aber zumindest hatte der Sprecher einen lustigen russischen Akzent, den ich sogar heraushörte; es klang wie schweizerisch, er zog die As und Endungen unheimlich in die Läääänge durch die Nase.
Nur ein einziger Vortrag fand auf Englisch statt, und es war auch der einzige, der sich kritischer über die Probleme mit der Bologna-Reform äußerte, allerdings las er nur ab und kam auch er nicht so richtig zu einem Punkt, was vielleicht auch daran lag, dass sich zwischendurch der Übersetzer einschaltete, der die Folien ins Russische übersetze. Davon irritiert übersprang der Sprecher oft halbe Folien, und in der Zusammenfassung erwähnte er völlig neue Punkte, die er vorher noch gar nicht angesprochen hatte. All die Vortragenden heute hätten sich mal in ein "Seminar Kommunikation" einschreiben sollen. Und ich hätte die Konferenz auf Video mitschneiden sollen um es an meiner Heimathochschule vorzuführen, wenn die Professoren das nächte mal unseren Präsentationsstil kritisierten.
Das einzig-Positive an diesem Konferenzauftakt war, dass er ohne anschließende Diskussionsrunde endete. Alle Teilnehmer nahmen hin, was ihnen gesagt worden war, und selbst wenn sie Fragen gehabt hätten, hätten sie keine Gelegenheit gehabt, sie zu stellen, denn sofort nach dem letzten Vortrag wurde die Veranstaltung aufgelöst. Russland ist immer noch sehr autoritär und hat keine Diskussionskultur, was viele Professoren hier bedauern. Russische Studenten arbeiten in der Vorlesung normalerweise nicht mit und stellen keine Fragen. Gar einen Professor in Frage zu stellen und zu kritisieren - das wäre in Russland undenkbar. Teilweise auch von beiden Seiten, sowohl der Studenten- als auch der Professorenseite, denn viele der älteren Professoren bewerteten die Studenten nach Nase, und wer einmal aufmüpfig gewesen ist, bekommt es in der Prüfung zu spüren. Ich hatte mit Albert und Professor Puschin als Lehrkräfte wirklich Glück gehabt. Oder wahrscheinlich war sich die Universitätsleitung über die Eigenarten ihrer Professoren bewusst und ließ die schlimmsten lieber nicht auf ausländische Studenten los.
Auf dem Weg nach Hause schwor ich mir, dass ich um die anderen Veranstaltung der mehrtägigen Konferenz einen weiten Bogen machen wollte, außer vielleicht das Konzert morgen Nachmittag.
In den Supermarkt musste ich heute noch gehen, bevor ich mich aufs Ohr hauen wollte. Aber Moment, wie war noch mal der Weg zum Supermarkt? Ich stand geschlagene zwei Minuten vor dem Ausgang des Veranstaltungsgebäudes und versuchte mich zu erinnern, in welche Richtung ich gehen musste, aber an der Stelle im Hirn, an der es gespeichert sein sollte, war nur statisches Rauschen. Ich sollte wahrscheinlich wirklich nicht mehr so viel trinken. Das klingt jetzt vielleicht schlimmer als es war; diesen Supermarkt hatte ich erst zwei oder drei Mal besucht, weil er mir zu weit entfernt war, aber in dem Gebäude gab es Geldautomaten im Gegensatz zu meinem Stammsupermarkt um die Ecke. Ich ging in Gedanken die verschiedenen Wege ab, die mir von hier aus zur Verfügung standen und entschied mich für einen Weg, von dem ich keine Ahnung hatte, wohin er führte. Auf diese Weise fand ich eine Abkürzung zu meinem gesuchten Supermarkt. Und die Moral von der Geschichte: Alkohol ist dein Freund.
Das Wetter war richtig frühlingshaft geworden und die Wege lagen zum Großteil trocken. Jetzt da der Schnee geschmolzen und der Schlamm fast verschwunden war, stellte ich überrascht fest, dass auf viele der Straßen Zebrastreifen gemalt waren, sogar an der riesigen Kreuzung, die mir in der Anfangszeit Angst gemacht hat - zumindest auf dem ersten Meter auf jeder Seite der Straße war ein Rest eines Zebrastreifens zu erkennen, über Jahrzehnte gut konserviert von den Schneebergen an den Straßenrändern.
Frühstück oder Mittag hatte ich noch nicht gegessen, aber der Appetit kam mir mit dem Spaziergang zurück und ich kaufte mir ein großes Eis im Supermarkt. Eiscreme war in Russland erstaunlich billig, genau wie Brot und andere Grundnahrungsmittel. Fast als wäre der Kapitalismus hier nie aufgeschlagen.
Zu Hause machte ich den Versuch zu kochen. Am Ende kam so eine Art Milchreis mit saurer Sahne dabei raus. Besser als nichts. Danach legte ich mich schlafen und als das auch nicht den erhofften Effekt hatte - den Kater loszuwerden - ging ich hinunter an den See zum Spazieren. Die Nachtluft war angenehm frisch, aber nicht kühl. Wir hatten den Winter wohl überstanden; nur der See zeigte sich noch von seiner winterlichen Seite, da er teilweise noch zugefroren war. Die ersten Jugendlichen hatten sich auf der Liegewiese und den Steingeländern am Seeufer zusammengefunden. Eine Gruppe hatte einen Laptop dabei, aus dem Musik spielte. Hier konnte man es eine Weile aushalten.
Ich muss sagen, es fällt mir nun, zwei Wochen später, relativ schwer die Ereignisse der Konferenz zu rekonstruieren. Ich stütze mich bei meinen Berichten vor allem auf die Zeitstempel von meinen Fotos und vereinzelten Notizen in meinem Handy...
So bin ich ziemlich sicher, dass es am nächsten Tag war, dass ich mit Pascha verabredet war, auf den zweiten Teil der Konferenz zu gehen. Eigentlich wollten wir nur zusammen auf das Konzert gehen, aber Albert hatte mich am Abend kontaktiert, dass ich mir unbedingt die fachlichen Vorträge anhören sollte, die an diesem Tag stattfanden. Er selbst würde diesmal da sein, weil er eine der Vortragsreihen organisiert hatte und auch selbst darin einen Vortrag halten wollte. Allein wollte ich mir das allerdings nicht antun, denn vom Konferenzauftakt war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Allein wäre ich sicher auch nicht hingegangen, aber mit Pascha erschien mir die Vorstellung erträglicher.
Ich schaute also das Programmheftchen durch, das mir Albert geschickt hatte, und fand ihn in Sektion 2, Zimmer 404. Bei dieser Zimmernummer meldete sich mein Sinn für Nerd-Humor und meinte, das Zimmer würde ich eh nicht finden. Alle Nicht-Nerds können diesen Kommentar ignorieren.
Jedenfalls begann die Veranstaltung wieder um 9:30, weshalb ich mich mit Pascha um 9 Uhr an den Flugabwehrkanonen treffen wollte. Einige Minuten später kam er außer Atem und schwitzend auf dem Fahrrad an und entschuldigte sich, dass er erst noch zu seinem Onkel fahren müsse, aber dass er uns dann mit dem Auto zur Konferenz fahren würde. So geschah es und wir kamen rechtzeitig an, und fanden das Zimmer 404 leider sofort. Es war ein relativ kleines Zimmer, nicht mehr als 20 Leute passten hinein. Wir standen etwas verloren davor. Sollten wir hineingehen? Das Zimmer war voller Anzugträger, und Pascha trug ein durchgeschwitztes orangefarbenes Shirt. Wir gingen wieder hinunter zur Garderobe, wo sich Pascha seine Jacke holte und überzog.
Zurück oben am Zimmer fragte uns eine adrett gekleidete Frau, ob wir eingeladen seien. Ich sagte ihr, dass Albert Abilvo gesagt hatte, dass wir kommen konnten. Sie lächelte höflich und meinte, sie müsse den Leiter dieser Vorlesungsreihe fragen. Das kam mir schon ein wenig merkwürdig vor, da Albert ja der Leiter hätte sein sollen... aber ich erkannte seinen Chef, und mit ihm redete die Begrüßungsdame jetzt. Ich weiß nicht, ob er mich jetzt erkannte, aber wir durften Platz nehmen, wenn nicht noch mehr geladene Teilnehmer kamen. Tatsächlich blieb es bei den knapp 20 Teilnehmern, die sich im Moment im Zimmer befanden. Und dreimal kann geraten werden, wer nicht unter den Teilnehmern war: Albert. Langsam fragte ich mich, ob er mich veräppeln wollte.
Und wieder verschwendete ich auf dieser Konferenz drei Stunden meines Lebens. Ich fragte mich ernsthaft, was mit mir los war, dass ich mich hatte überreden lassen, wieder auf diese Konferenz zu gehen, obwohl ich doch genau gewusst hatte, was mich da erwartete: Endlose Vorträge auf Russisch während die Übersetzerin Däumchen drehte, unmotivierte Vortragende und ein noch unmotivierterer Leiter der Vortragsreihe, der die Vortragenden knallhart unterbrach, wenn sie die vorgegebene Präsentationszeit überschritten und auch sonst die meiste Zeit damit beschäftigt war, auf die Uhr zu sehen. Dabei war nur knapp die Hälfte aller Vortragenden überhaupt erschienen. Es waren hauptsächlich Professoren aus Syrien und der Slowakei, die ihre Vorträge auf Russisch hielten und darin hauptsächlich ihre Universitäten vorstellten. Natürlich hatte sich kaum einer die Mühe gemacht, seine Präsentationsfolien aus seiner Muttersprache zu übersetzen. Ich überstand diese Zeit nur, weil Pascha und ich per Handy Kommentare zu diesem grottenschlechten Programm und über Alberts Chef austauschte, der immer roter anzulaufen schien je länger der Vortragende seine Zeit überzog.
Der Chef schien es genauso satt zu haben wie wir und schlug den Zuhörern vor, dass wir statt einer Mittagspause früher Schluss machen könnten, wenn wir die letzten beiden Vorträge vorzogen. Allgemeine Begeisterung. Diese Konferenz war einer selbsternannten internationalen Universität einfach nicht würdig. Mittlerweile war ich richtig sauer auf Albert und vermutete allerlei böse Absichten bei ihm. Erst später erfuhr ich, dass er an diesem Morgen auf mich gewartet und mich nicht kontaktiert hatte, weil er angenommen hatte, dass ich lieber zu Hause geblieben war und noch schlief. Das Problem lag wahrscheinlich bei der ganzen Organisation der ganzen Konferenz, die man bestenfalls russisch nennen konnte, sodass Alberts Vortragsreihe nun auf einer anderen Etage mit ganz anderen Teilnehmern stattgefunden hatte. Er meinte, ich sei in der schlechtesten Vortragsreihe gelandet; in seiner eigenen seien es durchweg fachliche Vorträge aus dem Bereich Telekommunikation auf Englisch gewesen.
Da ich das aber zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, dass es nur ein Kommunikationsproblem gewesen war, war ich sauer auf ihn und schwor mir zum zweiten Mal, dass ich auf keine Veranstaltung der Konferenz mehr gehen würde, egal wie nachdrücklich er mich bat hinzugehen. Natürlich ahnt der werte Leser schon, dass sich der Vorsatz nicht lange hielt...
Aber erstmal musste ich ins Auslandsamt, denn ich hatte Aliza ja versprochen, ihr gegen Mittag meinen Reisepass vorbeizubringen. Sie hatte eine kleine Überraschung für mich: Drei Freikarten zu einem Jazz-Konzert am Samstagabend. Offenbar hatten sie den halben Saal für die erwarteten internationalen Konferenzgäste aufgekauft und nun da keiner kam, blieb ihnen nur noch die Möglichkeit, die Tickets zu verschenken. Ich bot Pascha an, mitzukommen und überlegte mir, die dritte Karte Olga zu geben, und so machte ich es auch. Sie beide wollten gern mitkommen.
Nun erst gingen Pascha und ich essen; es gab in einem heruntergekommenen Gebäude nahe seines Wohnheims eine billige Kantine. Sie gehörte noch zum Campus genau wie Paschas Wohnheim, und langsam bekam ich den Eindruck, dass das ganze Viertel zur Universität gehörte. Einige Konferenzteilnehmer waren in diese Kantine zum Essen gekommen, obwohl für die geladenen Gäste Frühstück, Mittagessen und Abendessen im Programm integriert und bezahlt war.
Hier gab es entgegen aller Erwartungen keinen Omelette-Fisch auf Nudeln, sondern eine Soljanka, in die wirklich alles hineingeschnitten war. Der Salat war auf die gleiche Weise gemacht. Nach ein paar Bissen von beidem überließ ich meine Portion Pascha.
Für das Konzert heute hatte Pascha keine Zeit mehr, denn die Cisco-Nachprüfung würde schon morgen stattfinden und es blieb ihm immer noch ein Kapitel zu lesen. Ich war in einer etwas destruktiven Stimmung nach diesen beiden Konferenzerfahrungen und hielt es für besser, nicht zu viel allein mit meinen Gedanken zu sein, da dabei sicher nur Blödsinn herauskommen würde. Ich fragte ihn, ob wir zusammen lernen wollten, denn ich wusste ja, was in der Prüfung dran kam und konnte ihm helfen, aber er meinte, es hätte nicht viel Sinn, weil er auf Russisch lernte und ich auf Englisch. Er wollte aber anrufen, wenn er Fragen hatte.
Zurück in meinem Zimmer stellte ich mein Notebook auf volle Lautstärke und spielte Rammstein ab. Sowas hörte ich mir normalerweise überhaupt nicht an und ich besaß diese Musik nur für meine russischen Bekannten, die alle aus irgendeinem seltsamen Grund Rammstein liebten, aber diesmal passte es perfekt zur Stimmung des Tages. Meine Rettung war Gergö, der plante die ungarische Spezialität "Langos" zuzubereiten und fragte, ob ich Lust hätte, ihm dabei zu helfen. "Helfen" stellte sich als Euphemismus, eine liebevolle Umschreibung heraus; gemeint war, ich sollte den Wodka und die Gläser bringen.
Die ersten 100 Gramm flossen schnell unsere Kehlen hinunter. Der Langos-Hefeteig stand derweil zum Aufgehen im Ofen. Ich war vorher noch nie in der Küche des gegenüberliegenden Gebäudeteils gewesen, wo Gergö wohnte. Es wirkte alles sehr viel sauberer, aber nur auf den ersten Blick. Als ich es mir auf dem Fensterbrett gemütlich machte, blieb ich kleben. Aber zumindest klebte ich hier nicht am Fußboden fest wie in unserer Küche. Auch Abdul, der Nigerianer, der mein Origami so bewundert hatte, stand in der Küche und bereitete das Essen zu. Im Moment taute er gefrorene Hühnerbrust unter fließendem (kalten!) Wasser auf. Ich konnte die Ressourcenverschwendung nicht mit ansehen und drehte den Hahn zu, als er den Raum verließ. Wir hatten kaum mehr als zwei Worte gewechselt, seit ich zu Ostern nicht seiner christlichen Sekte beitreten wollte, für die er Werbeblätter verteilte. Das Gespräch war etwa so abgelaufen: "Ich habe hier etwas Interessantes, wo du auch mal hingehen solltest." "Klar, was ist es?" "Meine Kirche" "Nein, danke." "Wie, nein danke?" "Nein danke, ich glaube nicht an Gott" "Du glaubst also schon, also glaubst du an Gott" "Hä? Nein, ich bin Atheist" "Erzähl mir von dieser Religion" [pause] "Gott - existiert - nicht." Daraufhin wurde das Verhältnis zwischen uns ein wenig eisig. Doch heute, als er uns trinken sah, kam er das erste Mal wieder auf mich zu und begann ein Gespräch, aber wahrscheinlich wollte er mich nur von meinem dunklen Pfad abbringen. Es war auch eine seiner ersten Fragen gewesen, als er sich bei unserem Kennenlernen neugierig in meinem Zimmer umsah: "Du trinkst doch nicht etwas?" Ich sah schon, wir würden nicht die besten Freunde werden.
Gergö holte den Teig aus dem Ofen, der ein wenig zu viel Wärme abbekommen hatte und nun zu einem Brot gebacken war. Zumindest die oberen Zentimeter. Er bat mich ihm zu helfen, diesen gebackenen Teig zu essen bevor er aus den darunterliegenden Schichten Langos machen konnte.
Gergös Marketing-Professor aus Ungarn, der für die Konferenz angereist war, gesellte sich zu uns und bat, etwas von dem Wodka abbekommen zu dürfen. Ich hatte ihn an einem der letzten Abende schon kurz kennengelernt; er war ein Mittvierziger, hatte lange strähnige Haare, die langsam grau wurden, und ein forsches Lächeln. Noch viel schneller flossen mit ihm die nächsten 100 Gramm. Ich hatte noch kein richtiges Mittagessen gehabt und war auch sonst nicht gerade trinkfest, deshalb hielt ich nicht einmal lang genug durch um den fertigen Langos essen zu können. An viel erinnere ich mich nicht, außer dass plötzlich alles schwankte und dass ich an einem Moment auf dem Boden meines Badezimmers hockte und am späten Nachmittag auf der Wiese am Stausee aufwachte, auf meinem Handtuch liegend, eine Schale Pralinen daneben, die mit Gras bedeckt waren. So etwas war mir noch nie passiert und ich zweifelte ernsthaft an mir. Wahrscheinlich waren 200 Gramm Wodka innerhalb einer halben Stunde doch meine Verträglichkeitsobergrenze.
Aber gut, dass ich das herausgefunden hatte.
Ich blieb noch eine Weile liegen und genoss die späte Sonne. Mein Handy vibrierte. Es war Gergö, der wissen wollte, wo ich abgeblieben war. Er und sein Professor waren in der Zwischenzeit in die Innenstadt gegangen um weiterzutrinken. Auch Albert hatte in der Zwischenzeit versucht mich zu erreichen und hatte schließlich eine SMS geschrieben, dass er vor dem Konzert auf mich wartete. Das war vor zwei Stunden gewesen. Ich erinnerte mich, dass ich immer noch böse auf ihn war, weil er mich schon zweimal auf der Konferenz versetzt hatte, und löschte die SMS. Schwankend stand ich auf und begab mich auf den Weg zu Gergö, der am Telefon gemeint hatte, sie würden am Völkerfreundschaftsdenkmal auf mich warten. Langsam wurde die Welt wieder stabil.
Wir gingen zu dritt in eine Kneipe, die Bier in 1-Liter-Gläsern servierte und deshalb Gergös Lieblingsort war. Er liebte Bier wirklich. Die beiden sahen ziemlich angeheitert aus, und Gergö erzählte, dass sie nach meinem rätselhaften Verschwinden zusammen noch eine Flasche Wodka geleert hatten. Wie viel Wodka passte in einen Ungarn hinein? Ich hatte langsam den Eindruck, dass die Ungarn noch schlimmer als die Russen tranken, aber sie meinten, dass sie eigentlich nur Russland als Ausrede benutzten, ausnahmsweise so richtig einen zu kippen. Wers glaubt...
Wir hatten einen herrlichen Abend, allerdings trank ich nicht weiter, obwohl mich die beiden den ganzen Abend zu überreden versuchten, auch ein Bier zu bestellen. Bier mochte ich überhaupt nicht und winkte dankend ab. Wodka wollte ich mir auch nicht wieder antun. Ich bestellte mir ein Eis, und Andras - so hieß der Professor - bestellte sich die Snackkarte rauf und runter und baggerte dabei die Kellnerin an. Er sprach nur ein paar Worte Russisch und betrachtete es als Herausforderung, möglichst so zu wirken, als würde er Russisch verstehen. Und er war wirklich gut darin.
Ich lernte währenddessen ungarisch. Das wichtigste Wort überhaupt, versicherte mir Andras, war "bazmeg", das auf die gleiche Weise verwendet wurde wie der Engländer "well" sagte, oder der Deutsche "ähm", und es konnte auch als Ersatz für das Wort "bitte" verwendet werden. Dabei suggerierte dieser Ausdruck auf eine unhöfliche Weise, dass sich die angesprochene Person mit sich selbst vergnügen sollte. Doch als echter Ungar sagte man es eben. Die nächste halbe Stunde folgten dutzende von Beispielen, wie man das Wort verwenden konnte, aber die Hauptaufmerksamkeit der beiden Jungs lag auf den vielen Mädels, die fast alle ohne männliche Begleitung in diese Kneipe gekommen waren.
Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber plötzlich waren wir in eine hitzigen Diskussion verwickelt, welche Berufsgruppe das Böse persönlich war - Wirtschaftler oder Ingenieure? Gergö studierte Wirtschaft, wenn er mal studierte, und Andras unterrichtete Wirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing. Und vermarkten konnte er sich wirklich ausgezeichnet. Ich glaube, ich hatte die besseren Argumente, als ich Ingenieure verteidigte, aber er schaffte es, mir sämtliche stichhaltigen Fakten auf bizarre Weise zu verdrehen, dass sie plötzlich für ihn sprachen. Wir wurden immer lauter und lachten Tränen dabei.
Wir diskutieren ebenfalls darüber, wie gutmütig ein Professor sein durfte ohne von den Studenten dafür ausgenutzt zu werden, und er hatte einen interessanten Punkt: Er setzte nur einen einzigen Zeitpunkt fest, an dem eine Arbeit fertiggestellt und präsentiert werden muss, die restlichen Meilensteine setzte er relativ locker für seine Studenten, denn in der Arbeitswelt zählte nur das Resultat, das am Ende dem Kunden präsentiert wurde - alles davor ist firmenintern. Ich hielt nur dagegen, dass das Studium den Studenten nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Organisationsfähigkeit und Selbstdisziplin beibringen sollte, denn im Beruf war es zu spät, dies zu lernen. Andras meinte nur schlicht, das sei nicht seine Aufgabe.
Es war spät geworden, aber längst noch nicht Zeit nach Hause zu gehen. Die Kneipe hatte sich sichtbar geleert und die Kellnerin kam nun öfters und versuchte noch so viel Bier wie möglich an den Mann zu bringen. Sie brachte ein Beutel mit Losen darin, aus dem Gergö und ich jeweils eins ziehen sollten. Gergö bekam eine Niete - und ich ein Freibier. Andras hatte doch noch seinen Willen bekommen und ich musste ein Bier trinken. Der Geschmack war sogar noch schlimmer als in meiner Erinnerung, aber ich schluckte tapfer nach und nach den halben Liter hinunter und bestellte eine Sprite um den Geschmack loszuwerden.
Es wurde zwei Uhr morgens bis wir aufbrachen. Ich war sehr gespannt, ob uns die Etagen-Omi noch hineinlassen würde, oder ob überhaupt noch jemand da war, der uns hineinlassen konnte. Wir nahmen das erstbeste Taxi vom Hauptplatz ohne über den Preis zu verhandeln, aber durch drei geteilt war der Preis ganz annehmbar. Ich war die einzige, die unsere Adresse noch aussprechen konnte und wie durch ein Wunder kamen wir im Wohnheim an.
Die Haupt-Tür war nicht zugesperrt, nur auf den einzelnen Etagen waren die Türen abgeschlossen. Andras wohnte auf der 7. Etage, beschloss aber, dass es zu früh war mit dem Trinken aufzuhören und kam mit uns auf die 9. Etage, wo uns die Etagen-Omi nach minutenlangem Klingeln öffnete. Sie wirkte nicht böse, aber Andras wollte sie nicht hineinlassen. Es kam zu einer heftigen Diskussion, in der Andras vergebens einen Schmollmund und Hundeblick machte; diese kleine Frau stand da wie ein Offizier und drängte ihn Richtung Tür. Erst als sie ihm mit der Polizei drohte, gab er nach und trollte sich.
Gergö und ich beschlossen, dass es ohne ihn keinen Sinn hatte, weiterzutrinken und verabschiedeten uns. Müde war ich trotzdem noch nicht und ging meine E-Mails abrufen. Im dunklen Computerraum saßen die üblichen Leute - Murik, Tofik, Pavel... und blickten mich an hungrige Vampire als ich die Tür öffnete und Licht hineinströmte. Ihre Gesichter wurden nur halb von ihren Monitoren erleuchtet. Ich fröstelte leicht. "Hey, Jungs!" meinte ich und der Bann war gebrochen. Oder meine Fantasie hatte mir einen Streich gespielt.
Albert hatte eine lange E-Mail geschrieben, in der er das Missverständnis von der heutigen Konferenz aufklärte, nachdem ich ihm in einer ruhigen Minute in der Kneipe eine SMS geschrieben hatte, dass ich noch immer böse auf ihn war, dass er mich so versetzt hatte. Er schrieb auch, dass ich morgen wieder auf eine Veranstaltung der Konferenz gehen sollte, aber dass es diesmal keine Vorträge waren, sondern eine Ausfahrt in das Tschajkowskij-Museum der Nachbarstadt. Er wollte mich halb 10 anrufen um mich daran zu erinnern. Ich sah skeptisch auf die Uhr; es war fast drei Uhr morgens und ich schrieb ihm zurück, dass ich bis eben mit den Ungarn getrunken hatte und sicher morgen nicht in der Lage sei, früh genug für diesen Ausflug aufzustehen.
In meinem Zimmer war es unglaublich heiß, sogar jetzt im Frühling wurde noch wie wahnsinnig geheizt, und ohne offenes Fenster ging man krachen, denn die Heizung ließ sich bekanntermaßen nicht abstellen. Ich konnte nicht einschlafen. Es war schon 3:30 Uhr. Gegen 5:30 wachte ich auf. Na immerhin, zwei Stunden geschlafen. Das Fenster war in der Nacht von selbst zugegangen und mein Zimmer hatte sich in eine Sauna verwandelt. Ich öffnete das Fenster wieder und klemmte ein Buch dazwischen. Gegen 7 wachte ich das nächte Mal auf, wälzte mich bis 8 Uhr herum und beschloss, den Kampf aufzugeben und aufzustehen. Als mich Albert anrief, war ich längst auf den Beinen und hatte meinen Reisepass aus dem Auslandsamt abgeholt. Albert hatte sich erkältet und hustete mir ins Telefon. Er erklärte mir, wo der Bus wartete und ich bedankte mich für die Information und begab mich auf den Weg zurück zum Wohnheim, denn ich hatte keine Lust, nach dieser Nacht so übermüdet eine Stunde Bus zu fahren, durch ein langweiliges Museum zu laufen und dann eine Stunde wieder zurück zu fahren. Dummerweise traf ich Andras auf dem Weg, der mich überzeugte, doch mitzukommen. Ich weiß nicht, wie er es aus dem Bett geschafft hat, und warum.
Der Bus war schon voller Studenten und ein paar Konferenzteilnehmern. Andras und ich nahmen die letzten freien Plätze nebeneinander ein. Schon als der Bus anfuhr, meldete sich mein Magen und ich wusste, dass es keine gute Idee gewesen war mitzukommen. Andras sah auch nicht besser aus. Jeder Zombie enthielt mehr Leben als er an diesem Morgen. Wir setzten unsere Unterhaltung vom Vorabend fort und waren bald wieder in ein lebhaftes Gespräch vertieft. Der ganze Bus schwieg. Ich glaube, sie hörten uns zu, obwohl - oder vielleicht auch weil - wir wahrscheinlich die einzigen waren, die englisch sprachen.
Ich glaube, ohne Andras hätte ich den Ausflug nicht durchgestanden. Demonstrativ boykottierte er das Gruppenfoto vor der Tschajkowskij-Statue und knipste mich an einer Straßenlaterne. Besonders im Museum - es war ein Freilichtmuseum, genauer gesagt, das Gehöft der Familie Tschajkowskij - lockerte er die Stimmung auf und vertrieb die Langeweile.
Obwohl sich die Reiseleiterin bewusst war, dass wir beide nicht genug Russisch sprachen um der Tour folgen zu können, und obwohl sie selbst gut Englisch sprach, verzichtete sie darauf, für uns zu übersetzen. Das war wieder mal so typisch für diese Konferenz gewesen. Andras begann also seine eigene Übersetzung der Tour. Er erzählte, dass in dem Gebäude rechts von uns die Schweine gehalten wurden, und - ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen - dass sie eigentlich keine Schweine waren, sondern eine Kreuzung aus Scheinen (auf Englisch "pig") und Yaks, also praktisch Pigyaks. Diese haben den ganzen Morgen geschrien und Tschajkowskij den Schlaf geraubt, deswegen hat er am Morgen gezittert und irgendwie ist daraus seine Musik geworden... bei Andras klang diese Geschichte glaubwürdiger. So ging es jedenfalls die nächste Stunde mit allerlei weiterem Blödsinn. Irgendwann begann ich mit Origamifalten und die daraus entstandenen Blumen versteckten wir unauffällig im Museum, aber die Aufpasser-Omis schickten uns streng immer wieder zu unserer Gruppe zurück. Andras machte sich einen Spaß daraus, Absperrungen zu übertreten, und die Omis schauten schon ganz sauer.
Das Museum war wahrscheinlich nicht mal mit englischer Führung spannender als eine Briefmarkensammlung und so waren wir nicht traurig, es hinter uns zu lassen, nur von den imaginären Pigyaks verabschiedeten wir uns mit schwerem Herzen.
Andras dachte schon wieder ans Trinken und meinte, wir würden in Izhevsk am besten als erstes einen Supermarkt aufsuchen. Ich lehnte dankend ab, ich hatte genug getrunken.
Offiziell hätte die Konferenz wohl noch weitergehen sollen; ich hörte, ein Besuch im Kalaschnikow-Museum war geplant gewesen, aber nach unserer Ankunft in Izhevsk zerstreute sich die Reisegruppe schnell. Die Studenten verschwanden plaudernd, die Syrer waren verschwunden, und es blieben nur noch die slowakische Gruppe und der eine Tscheche übrig. Slowaken und Ungarn konnten sich nicht besonders leiden, meinte Andras und verabschiedete sich von dem Tschechen, dessen Zug nach Moskau bereits in einer Stunde fahren würde. Lustigerweise trafen wir ihn zehn Minuten später im Supermarkt in der Spirituosen-Abteilung wieder. Er kaufte sich Kalaschnikow-Wodka als Souvenir für zu Hause. Andras tat es ihm gleich, jedoch nicht um den Wodka als Souvenir zu haben, sondern um ihn am besten gleich heute Nachmittag zu trinken. Zuerst wollte er mich jedoch zum Essen ausführen. Das war mir etwas unangenehm, weil er schon den ganzen Vormittag davon gesprochen hatte, wie gern er die Zeit mit mir verbrachte und eine ganze Menge Süßholz raspelte. Mein Ausweg war, Gergö anzurufen und ihn zu fragen, ob er mitkommen wollte, denn anschließend wollten wir auf eigene Faust ins Kalaschnikow-Museum gehen und ich meinte zu Andras, dass Gergö sicher begeistert davon wäre. Andras war nicht so begeistert davon Gergö mitzunehmen, ließ mich aber gewähren.
In der Straßenbahn wollte es der Zufall, dass Andras ein glückbringendes Ticket bekam und mit Vergnügen überzeugte ich ihn, dass er es essen musste um sein Glück einzulösen. Überzeugt war er davon nicht, aber es wäre nicht Andras gewesen, wenn er es nicht trotzdem getan hätte.
Wir gingen zuerst ins Museum weil wir befürchteten, es nach unserem späten Mittagessen schon geschlossen, aber es hätte bis 19 Uhr offen gehabt. Mit unseren Studentenausweisen bekamen wir einen Rabatt, aber auch Andras bekam ein billigeres Ticket, und ich weiß nicht, wie er es angestellt hatte, aber er muss ziemlich überzeugend einen Russen gespielt haben. Ohne mit der Wimper zu zucken bestätigte er alles, was der Kartenverkäufer sagte, ohne eine Ahnung zu haben, was der Verkäufer sagte. Er sah sich unsere Ausweise sehr gründlich an, wie um sicher zu stellen, dass wir uns den Rabatt von einem Euro Fünfzig auch verdient hatten.
Gerade als wir die Tour durch das Museum begonnen hatten, schrieb mir Albert, dass ich mir die Karte für das Konzert heute Abend jetzt bei ihm in Gebäude 5 abholen könne. Das hatte ich ganz verdrängt - eine weitere Veranstaltung, in der mich Albert unbedingt sehen wollte. Er hatte die Konzertkarten für die Tschechen besorgt, die nicht angereist waren, und mir schon am Morgen gesagt, das ich für sie dort hingehen solle - die anderen Konferenzgäste würden auch in dieses Konzert gehen und ein Bus würde uns alle fahren.
Von den Konferenzgästen waren nur noch die Slowaken übrig, war ich mir relativ sicher; und auch Andras machte nicht den Eindruck, der Typ für klassische Musik zu sein, vor allem, wenn er stattdessen den Abend mit alkoholischen Getränke verbringen konnte. Ich sagte also ab. Ich hatte wirklich genug von den Konferenzveranstaltungen und wollte lieber einen ruhigen Abend zu Hause verbringen und etwas früher zu Bett gehen. Eine bescheidene Hoffnung in Gesellschaft meiner beiden Kampftrinker-Ungarn.
Zum Abschluss des Museumsbesuchs gingen wir natürlich noch in den Keller um dort zu schießen, wobei ich diesmal verzichtete. Ich war ausgehungert und müde; es war 17 Uhr und höchste Zeit zum Mittagessen zu gehen.
Gergö hatte es sich in den Kopf gesetzt, uns in diese kleine Pizzeria zu führen, in der wir schon einmal gegessen hatten und für die Besitzer ein paar deutsche Sätze hatten schreiben sollen. Nun fing es dummerweise an zu regnen - das erste Mal, wenn ich mich recht erinnere, seit ich in Izhevsk war; davor war es immer nur Schnee gewesen. Wir begannen eiliger zu gehen und Gergös Orientierungssinn immer mehr zu misstrauen, da wir eindeutig zu oft rechts abgebogen waren. Andras und ich zogen ihn erst auf, und dann meuterten wir und gingen entschlossen in das nächstbeste Café um dem Regen zu entkommen. Zu Gergös Ärger war es ein Restaurant, das sämtliche Speisen aus Fisch zubereitete - für ihn das allerabgrundtief verabscheuungswürdigste Essen überhaupt - und sogar die Lasagne bestand zum Großteil aus Fisch, was man natürlich von außen nicht sah. Nun war Gergö böse mit uns und schwor, dass die Pizzeria nur noch zwei Minuten entfernt gewesen war. Tatsächlich kamen wir auf dem Heimweg daran vorbei. Was schreibe ich "Heimweg"? Meine beiden Alkis wollten natürlich in die nächste Kneipe einkehren. Ich sagte ihnen: "ich passe." "Aber warum?", wollte Andras wissen und setzte seinen Hundeblick auf. Ich hatte eindeutig zu viel in den letzten Tagen getrunken; die Ungarn waren nicht gut für mich, meine Leber und meinen Schlafzyklus. Ich meinte schließlich scherzhaft, das einzige, was ich trinken würde, wäre ein Erdbeer-Caipi-Cocktail. Und ehe ich die Chance hatte, eine Bushaltestelle zu erreichen, saßen wir in einer Cocktail-Bar. Ich weiß nicht, wie Andras es anstellte mich immer wieder zum Trinken zu bringen, wenn ich es gar nicht wollte.
Ich stellte mir vor, wie die Konferenztage anders verlaufen wären. Am ersten Tag hätte ich ausschlafen und spazieren und ausnüchtern gehen sollen, am zweiten Tag hätte ich mit Pascha in die Veranstaltungsreihe von Albert gehen können und anschließend ins Konzert. Dabei hätte ich sicher den einen tschechischen Professor näher kennengelernt und wäre nicht zum Trinken gekommen, da dieser Professor sich im Zuge einer offiziellen Veranstaltung hatte volllaufen lassen, zu der ich nicht eingeladen gewesen war. Am nächsten Tag hätte ich mich sicher im Tschajkowskij-Museum zu Tode gelangweilt, aber am Abend hätte ich sicher nicht in dieser Cocktailbar gesessen und einen verlorenen Kampf gegen die Müdigkeit geführt. Hätte, hätte, hätte... Einen Erdbeer-Caipi hatten sie nicht auf der Karte, die uns sowieso Rätsel aufgab. Gergö bestellte sich sogar ausversehen einen alkoholfreien Cocktail - ein wahrer Weltuntergang. Ich bekam zu meiner Überraschung einen Glühwein mit Zimt und Orangenschale, konnte aber beim besten Willen nicht mehr sagen, was ich bestellt hatte. Nachdem wir auch diese Getränke besiegt hatten, wollten die beiden in eine richtige Bierkneipe gehen und ich verabschiedete mich. Andras bestand jedoch darauf, mich nach Hause zu begleiten, und ich konnte nichts machen um ihn abzuschütteln. Er war mir schon in der Bar zu nah auf die Pelle gerutscht und ich konnte mir gut vorstellen, was er wirklich plante, als er darauf bestand mich heimzubringen.
Meine Vermutung bestätigte sich, als Andras sich auch an der Tür nicht abschütteln ließ. Ich sagte ihm, dass Gergö auf ihn wartete, doch er meinte, er würde lieber Zeit mit mir verbringen. Ich sagte, ich wolle schlafen gehen, was er als Einladung verstand. "Nein", stellte ich klar. Ich war nicht sicher, ob er es akzeptiert hatte und schloss mich vorsichtshalber von innen in meinem Zimmer ein. Tatsächlich rüttelte es eine Weile später an meiner Zimmertür. Ich hatte schon geschlafen und weiß bis heute nicht, wer es gewesen war; Gergö bezeugte am nächsten Tag, dass Andras sofort wieder zu ihm zurück in die Stadt gefahren war...
Dennoch hatte ich diese Nacht das erste mal seit Tagen wieder richtig geschlafen und fühle mich erfrischt. Das musste ich auch sein, denn ich hatte heute wieder Vorlesungen, schließlich war Samstag. Die letzten Tage waren viele Lehrveranstaltungen wegen der Konferenz ausgefallen, doch heute waren alle Gäste abgereist, die Asche war aus dem europäischen Luftraum abgezogen und der Alltag begann wieder. Auch Andras war schon am Morgen abgereist und ich war ziemlich froh darüber, obwohl ich natürlich eine interessante und tolle Zeit dank ihm erlebt hatte. Aber das ist wie Torte-Essen: Man kann es einfach nicht jeden Tag den ganzen Tag lang machen, sonst wird einem schlecht davon. Aber natürlich möchte man es einmal ausprobieren und stell am Ende fest: Ja, davon wird einem wirklich schlecht.
Ich kam diesmal noch viel früher als normalerweise zur Vorlesung und traf Professor Puschin mit Wladimir, dem Wachtmann, plaudernd an. Die Garderobe sollte heute geschlossen bleiben, denn im Frühling und Sommer trugen die Studenten keine Jacken und Mäntel mehr. Für die, die dennoch eine Jacke trugen wie er selbst, wollte Professor Puschin Garderobenständer mit nach oben nehmen. Er war schon vollbepackt wie ein Lastesel, deshalb wollte ich ihm beim Tragen helfen; das lehnte er vehement ab, aber ich war schneller mit den Garderobenständern verschwunden als er sie mir abnehmen konnte. Die einzige Schwierigkeit war, ihn mit den beiden Ständern nicht k.o. zu schlagen als er mir helfen wollte, sie aus dem Fahrstuhl wieder hinaus zu tragen.
Es war herrlich, nach zwei Wochen wieder im Alltag zu stehen - die Ägypter kamen zu spät, Professor Puschin bemühte sich nach Kräften, die Vorlesung interessant zu gestalten und die Ägypter überzeugten ihn wie immer, die Vorlesung um ein paar Stunden zu verkürzen. Ich begleitete ihn wie gewöhnlich zurück zur Universität, wir übten Deutsch und er bedankte sich. Nur schade, dass ich diese Zeit bald ihrem Ende zuneigte. Schon in der nächsten Veranstaltung sollten wir eine Prüfung schreiben. Die würde allerdings erst in 14 Tagen sein, da nächsten Samstag der "Tag der Arbeit und des Frühlings" war - der erste Mai.
Eine Stunde später trag ich Pascha und Olga vor dem "Integral", denn heute fand als allerletzte Veranstaltung im Rahmen der Konferenz ein Jazz-Konzert statt. Draußen wurde schon die Ella zur Einstimmung gespielt und auf den Tickets stand "nur Dummköpfe hören keinen Jazz". Der Saal war bis auf den letzten Platz voll; es sollten Jazz-Combos aus ganz Russland auftreten. Es war ein fantastisches Jazz-Konzert, unbeschreiblich. In der zweiten Hälfte spielte eine Big Band aus Novosibirsk, und ich erkannte die Studenten wieder, die mit uns ins Tschajkowskij-Museum gefahren waren. Das erklärte auch, weshalb eines der Mädchen in dem Museum auf dem Klavier hatte spielen dürfen.
Nach dem Konzert bedankte sich Olga überschwänglich für die Einladung. Doch auch für Morgen stand wieder eine außergewöhnliche Veranstaltung an, zu der uns diesmal Pascha einlud: Ein studentischer Tanzwettbewerb. Wir konnten gespannt sein.













Das ist aber blöd, wenn man den Termin für die Prüfung nicht mitbekommt, weil die Worte entfallen sind ^^
AntwortenLöschenWow, ganz alleine ne Prüfung ausarbeiten, die Leute die sich daran beteiligen hat von Semester zu Semester bei uns abgenommen, jetzt bist du alleine
Der Traum ich würde meinen du hast zu viel gelernt :D
Wieso muss man bezahlen, wenn man nicht in der Stadt ist, in der man registriert ist? Russland spinnt doch ^^
Wow, nach fast der hälfte der Zeit bekommste schon deinen Studentenausweis. :D
Angeber: "bottom-up Troubleshooting-Herangehensweise" Man könnte auch sagen systematisch alles Schritt für Schritt durchgehen ;P
Also bitte, als bräuchtest du mit deinen Russischkentnissen Angst vor einer Prüfung zu haben die Ägypter sollten die Prüfung ja auch irgendwie machen können...
Öhm, Alkohol und gehen lassen ich weiß was dann bei dir passiert, du landest auf irgendeiner Wiese und verzierst diese mit deinem Mageninhalt ^^
Wurde da eigentlich auch die WHZ auf der Konferenz erwähnt und wäre von denen auch jemand eingeladen gewesen? Wärst du doch ne gute Repräsentantin gewesen. :)
Das ist toll, einfach mal kochen, mal sehen was rauskommt ^^
Nerd (- Not found)! :D
Lol. Das war ja mal geil organisiert, wurstest ja in die besten Vorträge geschickt sowas kann doch aber eigentlich gar nicht passieren. Haste da die deutsche Ordnung und Genauigkeit vermisst und hochgelobt?
Mhhhh, Schneckensalat, wie in der Mensa :)
Selbstgemachter Langos, jetzt bin ich neidisch. In Ungarn musste ich dich regelrecht bestechen, dass du mit mir Langos isst - naja, zumindest hast du ja auch nix von diesem Langos abbekommen ^^
Wenn der liebe Onkel mal net dabei ist, trinkste nur sinnlos und weißt dann von nix mehr am heller lichten Tage...warste auch baden, wenn du schon dein Handtuch mit dir hattest? ^^
"Bazmeg" - war das nicht das Wort, was so viel bedeutete wie "Fuck"?
Du hast Bier getrunken und konntest danach noch Laufen, obwohl du schon so angeschlagen warst?
Ja, nicht wahr? Aber ich bin sowieso immer früher da, also hätte ich die Prüfung auch so zu irgendeinem Zeitpunkt mitmachen können ^^
AntwortenLöschenDu hast ja keine Ahnung, was ich im Moment alles für die Antennen-Prüfung ausarbeiten muss... und ich habe praktisch nur Wikipedia, weil unser Material so vielsagend wie eine Zeichnung eines Dreijährigen ist.
Hmm... ins Lexikon aufnehmen.
Weil... isso))
Die sind hier echt auf Zack.
aber bottom-up beginnt beim Kabel und klingt cooler))
Ich glaube, die sind cleverer als es den Anschein macht... ^^
Also Mageninhalt habe ich hier noch keinen gesehen und wesentlich mehr getrunken als jemals in DE. Das muss echt gelernt und geübt werden.
Ja, Zwickau wurde erwähnt, und dann hab ich mich geduckt, nur für alle Fälle ;)
Kann nicht schlimmer als in der Mensa werden ;)
Witz-Versteher :P
Naja, ich mach mir mittlerweile keine Gedanken mehr, warum was nicht klappt, die Antwort ist eh immer: Du bist in Russland.
Gelebt hat der aber nimmer))
An der Bushaltestelle war der doch ekelig. Aber ich will mal spoilern: ich hab letztens selbstgemachten Langos bekommen, und der war richtig gut))))
Du, das ist eine gute Frage.
Ja, das hast du aber nett gesagt))
Ja, ist echt erstaunlich, oder? Das Saufen muss man wie einen Muskel trainieren))