Von einer Minute als Präsident Udmurtiens, aufregenden Ereignissen, Picknicks an seltsamen Orten und wie man einen ordentlichen Borschtsch herstellt
14.05.
Wenn ich nicht gerade mit Olga essen gewesen war, hatte ich die meiste Zeit mit der Prüfungsvorbereitung zugebracht, dennoch merkte ich, dass meine Zeit langsam knapp wurde. Schon morgen würde die große, angsteinflößende Antennen-Prüfung stattfinden und ich hatte noch nicht einmal die Hälfte aller Fragen ausgearbeitet. Für mich war es gleich doppelt und dreifach schwerer, da ich - anders als die Ägypter, die Telekommunikation studierten - nie die entsprechenden Grundlagen im Informatik-Studium gelernt hatte, und erschwerend kam hinzu, dass ich die Fragen ganz allein ausarbeiten musste, während es bei den Ägyptern höchstwahrscheinlich auf Gruppenarbeit hinauslief. Aber ich wollte mich nicht beschweren, denn auf diese Weise war ich wirklich gezwungen, mich intensiv mit den verschiedenen Themengebieten auseinanderzusetzen - beginnend bei elektrischen Leitungen über die Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen in der Atmosphäre bis zum tatsächlichen Aufbau von Antennen mit ihren verschiedenen Eigenschaften.
Dass ich trotzdem noch nicht zum "Botanik" geworden bin, erkannte ich mit Erleichterung, als Gergö gegen Mittag an meine Tür klopfte. Er habe die Möglichkeit erhalten, an einer Führung durch das Parlamentsgebäude teilzunehmen, erzählte er, und ob ich mitkommen wollte. Natürlich wollte ich das - wann würde ich sonst noch einmal die Chance dazu erhalten?
Wir machten uns auf den Weg ins Zentrum und warteten vor jenem Gebäude, von dem wir in etwa 80%ig sicher waren, dass es das Parlamentsgebäude war. Auf Russisch und Udmurtisch standen am Eingang die Worte "staatlich", "Rat", und "Udmurtische Republik". Wir hatten richtig geraten, und schon 15 Minuten später kam Gergös Lehrer vorbei, der ebenfalls die Eigenheit hatte, immer zu spät zu kommen, wie Gergö anmerkte.
Er begrüßte uns freundlich und sagte, wir sollten schon mal hinein gehen und in der gemütlichen Ledersofaecke platznehmen. Er sprach derweil mit den Wachtleuten und überließ uns der Obhut einer jungen Frau, die Deutsch lernte und sofort mit mir Telefonnummern austauschte um sich später mal zum Plaudern zu treffen.
Ich erfuhr, dass wir auf eine Schüler- oder Studentengruppe warten und wohl irgendwie inoffiziell zwischen ihnen ins Parlament hineingelassen werde sollten. Gergös Lehrer hatte eine Weile hier gearbeitet und kannte die Leute, die uns den Zutritt ermöglichen würden. Dennoch hatten wir zum offiziellen Anschein unsere Reisepässe mitbringen sollen. Unsere wurden als erste kontrolliert und wir wurden durchgewinkt, als ob wir auf der Besucherliste stünden. Russland ist erstaunlich.
Zuerst gingen wir in den Presseraum, in dem uns einige einleitende Worte gesagt wurden, bevor wir einen langweiligen Dokumentarfilm über die Geschichte der Udmurtischen Republik ansahen, von dem ich nur wenig verstand. Besonders interessant konnte es nicht gewesen sein, denn auch die dem Russisch mächtigen Anwesenden dösten vor sich hin, einige nickten sogar ein.
Wir nutzten die Besichtigungstour hauptsächlich dafür, Fotos zu knipsen: Vor der russischen Flagge, der udmurtischen, beim elektronischen Abstimmen um Parlamentssaal - und natürlich auf dem Stuhl des Präsidenten sitzend. So konnte man sich einmal als das Oberhaupt der 1,5 Millionen Einwohner Republik fühlen.
Tatsächlich ließ sich auf der Karte der Eingangshalle gut sehen, dass die Udmurtische Republik neben der Hauptstadt Izhevsk eigentlich nur aus wenigen Kleinstädten und Bauernhöfen bestand. Jeder der größeren Bauernhöfe hatte eine eigene Fahne und war wohl so etwas wie ein Verwaltungskreis.
Anschließend gingen wir in das viel beeindruckendere Regierungsgebäude - in den Präsidentenpalast. Und es war wirklich ein Palast, mit einer großen Kuppel, Kronleuchtern und feiner Innenausstattung. Auch hier durften wir einmal auf dem Stuhl des Präsidenten sitzen, auch wenn niemand so genau wusste, welcher das war.
Die Führung schien immer länger und langweiliger zu werden; wir saßen Ewigkeiten in irgendwelchen Sälen und hörten die monotonen Erklärungen unserer Gruppenleiterin an. Ich begann wie automatisch mit dem Origamifalten. Wiederum andere schliefen.
Es ging ein regelrechtes Aufatmen durch den Saal, als die Führung beendet wurde. Zum Schluss gingen wir ins Museum des Präsidentenpalasts, in dem alles ausgestellt war, was verschiedene Organisationen, Universitäten und Privatpersonen dem Präsidenten über die Jahre hinweg geschenkt hatten. Dabei war Volkov nicht mal sonderlich beliebt, es wurde gar von Korruption und Vetternwirtschaft gemunkelt. Aber ich denke, das gehört in Russland als Politiker zum guten Ton.
Es war wieder mal viel zu schnell viel zu spät geworden, und so musste ich Gergös Verschlag, zusammen ein Bierchen trinken beziehungsweise Eis essen zu gehen leider verneinen, obwohl ich so eine Einladung sonst zu jeder Zeit angenommen hatte, sogar mitten in der Nacht.
Sofort, als ich zurück im Wohnheim war, begann ich ohne die übliche Prokrastinationsphase mit dem Ausarbeiten der Fragen bis es schon dunkel wurde und ich merkte, wie mir das Hirn langsam zu Brei wurde. In einem Anflug von geistiger Umnachtung stellte fest, dass man die Balkone leicht hoch und hinunterklettern konnte, da sie mit Innenleitern miteinander verbunden waren und die Luken nicht verschlossen waren. Nur der letzte Balkon hatte keine Leiter, und nach unten waren es noch gut zwei Meter. Ich beschloss, es nicht auszuprobieren, ob man ganz nach unten und wieder hoch kommt. Es warteten immer noch sechs Fragen auf mich...
15.05.
Wenn dieser Tag nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war...
Er begann kurz nach Mitternacht, wie es jeder Tag tun sollte. Ich hatte 7 oder 8 Stunden durchgelernt und sah immer noch nicht das Ende des Tunnels in Form der beantworteten 26 Fragen. Das Schicksal war es wohl, das wollte, dass in einem bestimmten Moment die Bleistiftmine meines Druckbleistifts abbrach und sich auch nicht wieder herausdrücken ließ, sodass ich in mein Zimmer gehen musste um mir eine neue zu holen. Auf dem Gang traf ich auf Mohammed Adel, den wahrscheinlich Schlausten der Ägypter, der mich fragte, wie es bei mir mit der Prüfung aussah, und als er hörte, dass es nicht so gut lief, bot er sogleich seine Hilfe an und kam eine Minute später mit seinen Notizen im Computerzimmer vorbei, in dem ich studierte. Obwohl er selbst noch nicht alle Fragen beantwortet hatte, nahm er sich die Zeit, mir die Fragen zu erklären, die ich nur mit einem verwirrten Fragezeichen markiert hatte, während ich versuchte, mich nicht davon irritieren zu lassen, wie viele Haare ein einziger Mann sich über den gesamten Oberkörper sprießen lassen konnte, denn wie die meisten der Ägypter lief er sehr freizügig im Wohnheim umher. Verstanden hatten sie auch nicht alles, aber einen großen Teil; ich schlug vor, dass sie auch zur Konsultation kämen, die ich mit Professor Puschin ausgehandelt hatte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen eine SMS geschrieben und gefragt, ob es eine Konsultation geben würde, daraufhin kam die Antwort: "Es wird nicht schwierig, glaube nicht, dass es nötig ist". Ich schrieb zurück: "Für jemanden, der Antennen aus Stühlen bauen kann, ist es sicher nicht schwierig, aber könnten Sie vielleicht wenigstens eine halbe Stunde eher kommen, dass ich Fragen stellen kann?" Und zurück kam die gleiche Antwort mit dem gleichen Tippfehler. Als ich schon das Handtuch geworfen hatte, kam eine halbe Stunde später eine SMS, in der er mir die 30 Minuten zugestand.
Mohammed nahm sein Studium ernst, anders als viele seiner Freunde; ich hatte schon vor ein paar Stunden mit einigen gesprochen, die ich in der Küche aufgegabelt hatte, wo sie am Abend normalerweise alle zusammen stundenlang kochten. Ich wollte herausfinden, ob es nun eine schriftliche oder mündliche Prüfung war, denn Professor Puschin hatte sich nicht klar ausgedrückt, wenn man mal darüber nachdachte - und so hatte jeder eine andere Meinung darüber. Jedenfalls erfuhr ich, dass viele der Ägypter überhaupt noch nicht angefangen hatten zu lernen; Ali meinte lachend: "Ich hoffe, dass meine Freunde es mir heute Nacht erklären!" Und damit ist er auch durchgekommen; ich glaube, er hat sogar eine Eins erhalten.
Ich hatte auch mehr Glück als Verstand in der Prüfung an diesem Tag. Ich war schon um zwei Uhr morgens ins Bett gegangen, obwohl mir noch fünf Fragen fehlten; die wollte ich durch früheres Aufstehen herausholen, obwohl mir klar war, dass die Zeit dafür nicht reichen würde. Wir sollten durch Zufall zwei der 26 Fragen erhalten, und die Wahrscheinlichkeit, eine dieser Fragen zu erhalten, die ich noch nicht bearbeitet hatte, lag bei etwa 20%, aber wir durften alle Unterlagen zur Prüfung verwenden, sodass ich mir Material aus dem Internet auf dem Notebook speicherte und mir sagte: "Gut genug, Mut zur Lücke, whatever." Ich wusste sowieso schon mehr über Antennen als ich mir je hätte vorstellen können, und das war schließlich das eigentliche Ziel meines Lern-Marathons gewesen, da ich mir die Prüfungsleistung in Deutschland sowieso nicht anerkennen lassen konnte. Es ist ein an sich interessantes und nützliches Thema, oder wie Professor Puschin es ausdrückte: Wenn du dich in der Wildnis verirrst und den Handy geht kaputt, kannst du deine Antenne reparieren und die Sendeleistung berechnen... - das klang fast wie die Argumente unserer Mathelehrer, weshalb wir in der Lage sein sollten, eine Rechnung auch ohne Taschenrechner durchzuführen: Wenn du in der Wüste bist und nur einen Stock dabei hast um Notizen im Sand zu machen....
Ich war also relativ früh aufgestanden, hatte noch zwei Fragen gelöst und hatte mich auf den Weg zur Uni gemacht, wobei ich vorher noch einen Abstecher in den Supermarkt machte und einen ganzen Haufen Lebensmittel für ein Picknick kaufte, denn ich hatte Albert versprochen, dass ich nach meiner Prüfung vorbeikommen und Essen mitbringen würde. Albert musste von 9 Uhr morgens bis 19 abends die Cisco-Prüfung eines anderen Kurses abnehmen: 30 Leute zu je drei Stunden. Man konnte sich wirklich eine schönere Beschäftigung für einen Samstag im Frühsommer vorstellen, und so entsprechend frustriert hatte Albert geklungen, weshalb ich ihm angeboten hatte, ihm wieder Gesellschaft zu leisten, und auch mal für ihn die Aufsicht zu übernehmen, wenn er eine Pause brauchte. Darüber wäre er sehr froh, meinte er, und ich gab ihm bescheid, dass ich wohl etwa gegen 1 Uhr vorbeikommen würde.
Das war eine sehr optimistische Schätzung gewesen, und nur durch glückliche Umstände hatte ich mein Versprechen auch einhalten können.
Als ich fünf Minuten vor der mit Professor Puschin verabredeten Zeit im Prüfungszimmer ankam, war er schon da. Ich bedankte mich und begann meine Fragen zu stellen. Von den Ägyptern war erwartungsgemäß keiner eher gekommen. Professor Puschin schien sich ernsthaft zu wundern, wie ich Unklarheiten zu solch einfachen Themen haben konnte. Tatsache ist, dass - obwohl mich Physik durchaus interessiert - ich eine Physikniete bin und kaum Spannung und Stromstärke auseinanderhalten kann. Dass ich meine Physikprüfung im ersten Semester bestanden hatte, grenzte schon an ein Wunder.
Die halbe Stunde Konsultationszeit reichte nicht für alle Fragen aus, und kurz nach 12 war der Raum schon mit Ägyptern gefüllt, die aber ihrerseits noch Fragen hatten, die Professor Puschin knapp beantwortete bevor er die Prüfung eröffnete. Es sollte tatsächlich eine mündliche Prüfung werden; er hatte 26 Zettel vorbereitet, mit den Nummern der Fragen beschriftet und ließ jeden Studenten zwei davon ziehen, schrieb die Nummern auf und steckte die Zettel zurück in den Zettelhaufen. Ich hatte nun das Glück gehabt, dass er zum Vorbereiten der Zettel meinen Kugelschreiber verwendet hatte und man so die Nummern durch die Rückseite hindurch lesen konnte. Vor mir hatte einer der Studenten Frage Nummer 1 gezogen, die mir gefiel, weil es darin nur um die Grundprinzipien der Ausbreitung von Funkwellen ging; und Frage Nummer 6 zum Thema Fresnel-Zone lag ebenfalls in der Nähe, sodass ich mir erleichtert lachend diese beiden auswählte. Erst als die Studenten nach mir das Auswählen der Fragen übertrieben, begann Professor Puschin etwas sauer etwas dagegen zu unternehmen. Aber ich war schon zu sehr damit beschäftigt, meine ausgearbeiteten Antworten zu den beiden Fragen knapp zusammenzufassen und konnte es gar nicht glauben, wie ich so viel mehr Glück als Verstand haben konnte...
Wir bekamen so viel Vorbereitungszeit, wie wir brauchten, um unsere beiden Fragen zu beantworten, und durften dafür alle Materialen verwenden. Professor Puschin hatte dazu gemeint, dass es nur wichtig sei, die Frage beantworten zu können, wenn man später einmal in diesem Bereich arbeiteten, und dass die Antwort korrekt war, wenn wir sie dem Chef präsentierten - aber zur Beantwortung würden wir ebenfalls alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, ob nun Bücher oder das Internet.
Meine Ausarbeitungen waren sehr gründlich gewesen, sodass ich mir nur noch Notizen machen musste und nach wenigen Minuten zu Professor Puschin ging und meinte, es als Erste probieren zu wollen. Er gab mir zur Einstimmung eine Rechenaufgabe, womit ich gerechnet hatte und mir deshalb bei der Vorbereitung zu Hause genau aufgeschrieben hatte, wie ich diese Rechnung im Windows-Taschenrechner machen konnte. Ich weiß nicht, ob es irgendwem schon mal aufgefallen ist, aber selbst im wissenschaftlichen Modus hat dieses Stück Software keine Wurzel-Taste, sodass man stattdessen x hoch 0.5 rechnen musste. Aber darauf muss man erstmal kommen...
Mit meinem Ergebnis war er zufrieden und begann die theoretischen Fragen, bei denen ich mich auch ganz gut hielt, aber dann ließ er mich etwas berechnen, womit ich nicht gerechnet hatte. Doch auch da lag ich erstaunlich nah am richtigen Ergebnis; ich hatte mich nur in einer Einheit verhauen. Er gab mir ein "B", was einer deutschen Zwei entsprach und ich dankte lachend ihm dafür, obwohl mir der Satz eines Professors im Hinterkopf schwirrte: Dass man sich nie für Noten bedanken sollte, sonst bekommt der Professor das Gefühl, die sei nicht gerechtfertigt gewesen. Professor Puschin entschuldigte sich hingegen fast bei mir, dass er mir keine Eins geben konnte, wodurch ich nur noch mehr lachte und sagte, es sei schon gut genug...
Mittlerweile hatten die ersten Ägypter ihre Einstiegsrechenaufgabe erhalten; ich wünschte noch viel Erfolg und machte mich aus dem Staub.
In der dritten Etage wachte Albert gelangweilt über drei Studenten. Mehr waren in dieser Runde nicht gekommen. Ich nahm neben ihm Platz und begann meinen Beutel auszupacken: Zwei Liter Saft, Käse, Brötchen, Birnen, Joghurt, Kekse... Albert grinste bis über beide Ohren und wir begannen unser Picknick. Er holte Gläser vom Fensterbrett, die noch von der Konferenz dort standen, dazu Servietten als Unterlage und schnitt darauf die Brötchen auf, die er dick mit Käse belegte. Er meinte, es sei nicht ganz wie im Restaurant, und ich meinte, es sei besser als im Restaurant... das war auch mein erstes Picknick im Computerkabinett; in der WHZ hätten die Rechenzentrumsleute die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns hochkant rausgeworfen - aber wir waren in Russland, und da ging alles.
Mit Albert plaudernd vergingen die Stunden schnell; wir sahen uns Fotoalben seiner Freunde im Internet an und träumten vom Reisen; er zeigte mir Fotos seiner Nichte, die mit zarten zwei Jahren schon ein eigenes Profil in vkontakte hatte; die Studenten wogen sich derweil in falscher Sicherheit, und so konnte Albert einen Spickzettel einkassieren, auf dem sämtliche Fragen des Tests in winziger Schrift gedruckt waren. Die nächsten 10 Minuten versuchte er die Quelle dafür im Internet zu finden, kam aber zum Schluss, dass es eine Übersetzung der englischen Fragen war, die es hundertfach im Netz gab. Und da sah ich wieder, was für ein ungewöhnlicher Professor er war, denn er zeigte mir nun, welche Seiten er für die besten Anbieter von Cisco-Fragenkatalogen hielt... Worauf ich es allerdings abgesehen hatte, waren nicht die theoretischen Fragen, sondern die praktischen Aufgabenstellungen für Modul 4, die ausgedruckt direkt vor meiner Nase lagen. Albert hatte sie mir direkt zum Drüberschauen gereicht, und die Verlockung war wirklich sehr groß, einfach eine Kopie davon einzustecken oder ein Foto davon zu machen, wenn er den Raum zum Telefonieren verließ... ich war hin- und hergerissen. Einerseits wollte ich sein Vertrauen nicht ausnutzen, aber anderseits wusste ich, dass ich mich in den Hintern beißen würde, wenn ich beim Studieren für diese Prüfung daran denken würde, wie nah ich an der Aufgabenstellung gewesen war... und auch die anderen Studenten würden mir danken, wenn sie in einem halben Jahr dieses Modul studierten und die Aufgabenstellung schon hatten... ich hatte sowieso schon versprochen, ihnen meine Prüfungen zu kopieren, wenn ich sie ablegte.
Zwei Chancen ließ ich verstreichen, und bei der dritten Chance wurde es regelrecht lächerlich, als mir Albert eine vollgekritzelte Aufgabenstellung reichte, die ich in den Papierkorb unterm Tisch werfen sollte, neben dem mein offener Rucksack stand... "Mensch, Mädel!", dachte ich mir, als ich es nicht in meinen Rucksack, sondern den Papierkorb steckte. "Wie dumm kann man sein!"
Tatsächlich nahm ich den Zettel aus dem Papierkorb am Ende mit - nachdem mir Albert zwinkernd erzählt hatte, dass er wusste, dass sich diese Aufgabenstellungen auf magische Weise sofort an alle Studenten verteilte, nachdem die erste Gruppe die Prüfung abgelegt hatte. Er schien kein Problem damit zu haben. Nicht mal den Jungen mit dem Spickzettel hatte er durchfallen lassen. Als ich Albert fragte, warum, meinte er, dass er für so einen Deppen nicht noch einen Samstag für eine Wiederholungsprüfung opfern wollte. Ich verstand ihn.
Nachdem wir schon ein paarmal über die Möglichkeit gesprochen hatten, dass ich meine Masterarbeit bei ihm schreiben könnte, wurde es heute zum ersten Mal konkreter. Er erklärte mir, an was genau er forschte, malte mir dutzende Skizzen dazu auf, kopierte mir seine Forschungsberichte und Zusatzmaterial auf meinen USB-Stick, und schlug mir ein Thema vor: Ich sollte eine Simulation zu seinen Forschungen erstellen. Falls ich mich dafür entscheiden sollte, natürlich. Es würde einen hohen Organisationsaufwand erfordern, und dann wäre ich auch mitten im russischen Winter in Izhevsk bei -40 Grad; ich würde meine Familie und Freunde für ein weiteres halbes nicht sehen... andererseits ist es die einmalige Gelegenheit, einen Gewinner mehrerer Forschungsstipendien als Mentor zu haben, während des Schreibens meiner Arbeit wissenschaftliche Artikel darüber zu veröffentlichen, und theoretisch würde es sogar der Weg öffnen, einen Doktortitel zu machen - was eigentlich nie Teil meines Lebensentwurfs war, aber die alleinige Vorstellung ist etwas, was man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Aber nicht nur deswegen ist es eine Option, die man sich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen sollte. Ich würde auf jeden Fall mein Russisch verbessern können, und dann ist natürlich das sagenhafte russische Weihnachtsfest, das ich hier mit Freunden verbringen könnte.
So stehen die Fronten im Moment, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich mich entscheiden soll.
Heute würde ich nicht mehr darüber nachdenken, denn Stasya hatte mich wieder auf ihr Hausdach eingeladen.
Albert und ich brachten noch schnell den Raum in Ordnung; Professor Puschin war laut Aussage des Wachtmanns immer noch mit den Ägyptern in der Prüfung beschäftigt, und der Wachtmann wurde ungeduldig, wann er denn endlich Feierabend machen konnte. Sogar der Fahrstuhl war schon im Wochenend-Modus; das Licht funktionierte nicht - ein Wunder, dass der Fahrstuhl noch funktionierte.
Zu Hause packte ich schnell alles in meinen Rucksack, was man für eine Party brauchte: Kekse und eine Flasche Wodka.
Stasya traf mich mit ihrer Freundin Sina an der Bushaltestelle vor ihrem Haus. Sie waren beide schon recht angeheitert, wobei Sina angeheitert genug für zwei war. Sie meinte, sie trank sonst nie Alkohol, aber heute sei sie dem Portwein verfallen.
Auf dem Dach saß schon eine Gruppe von Kerlen; alles Musiker und gute Trinker. Auch Sina spielte in einer Band - Schlagzeug. Das konnte man sich gar nicht vorstellen, da sie so ein kleines zartes Mädchen mit großen unschuldigen Augen war; sie hatte einen schon fast hypnotischen Blick. Im Laufe des Abends stellte ich fest, dass alle auf dem Hausdach irgendwie verrückt waren. Aber ich genoss ihre Gesellschaft, die bald zu einer Party von 15 Leuten anwuchs. Ich hatte nie verstanden, was an Partys so toll sein soll, aber heute tat ich es. Man gesellte sich mal zu dem einen Grüppchen, mal zu dem anderen; freute sich, wenn man ein bekanntes Gesicht sah; wir tanzten zu Trommelmusik und ich fühlte mich viel zu glücklich um mich zu betrinken. So etwas muss man bei vollem Bewusstsein genießen. Zu einem Gläschen Portwein wurde ich dann doch genötigt. Derweil waren auch Dima und Nastya gekommen und ich sah meine Hauptaufgabe mittlerweile darin, dafür zu sorgen, dass Sina nicht zu nah an den Rand des Dachs ging, denn sie hatte nun auch den Wodka geöffnet und sich ein Saftglas voll eingegossen, und war noch merkwürdiger geworden als am Anfang des Abends. Schließlich gab ihr irgendwas den Rest und ich bettete sie auf eine der Plastiktüten nieder, die uns hier als Sitzkissen dienten, während sie krampfhaft meine Hand festhielt.
Gegen ein Uhr morgens löste sich die Runde auf, und ich habe ehrlich keine Ahnung, wie sie Sina durch die Dachluke nach unten transportiert haben. Stasya quartierte die drei Betrunkensten bei sich ein, und zu sechst tranken wir Übriggebliebenen noch etwas Tee. Es waren komische Gespräche, die um diese Zeit zustand kamen. Ich verstand auch nur die Hälfte, aber irgendwie schien die Historikerin unserer Gruppe die Kriegsführung und die Uniformen des dritten Reichs zu bewundern.
Es wurde gut zwei Uhr und wir beschlossen nun doch alle nach Hause zu gehen. Nastya und Dima wollten mich nicht allein zum Wohnheim zurückgehen lassen, da sie Angst um mich hatten. In letzter Zeit hatte ich viele Geschichten über sogenannte Gopniks gehört, und was ich mir zusammenreimen konnte, waren es Männer, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, am Abend durch die Stadt zogen und Leute zusammenschlugen oder ausraubten.
Und wirklich, kurz vor meinem Wohnheim begegnete uns einer und wollte nicht mehr verschwinden. Normalerweise waren sie in Gruppen unterwegs, deswegen hatten wir vielleicht noch Glück gehabt, dass es so glimpflich ausging. Er versuchte mit Dima eine Schlägerei anzufangen, aber Nastya stellte sich mutig zwischen die beiden, die Hände auf den Schultern des Gopniks und redete beruhigend auf ihn ein, während er mal versuchte freizukommen und Dima zu schlagen, und mal auf sie hörte. Das zog sich eine ganze Weile hin. An einem Punkt schien es zu eskalieren, aber Dima riss dem Gopnik seine Silberkette vom Hals, was ihn aus dem Konzept brachte. Offenbar war ein Anhänger auf den Boden gefallen und die drei begannen danach im Dunkeln zu suchen. Es war ein seltsamer Anblick, fast komisch, aber auch erschreckend, denn man konnte nicht abschätzen, was der Gopnik als nächstes tat. Als nächstes versuchte er mir seine zerrissene Kette zu schenken. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Wenn ich sie nicht nahm, wollte er sie fortwerfen. Das tat er dann auch und trollte sich davon.
Wir kamen ohne weitere Probleme zum Wohnheim.
Wenn das nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war, dann weiß ich auch nicht, was das war.
Mit jede Menge Adrenalin im Blut ging nach oben; die Tür war offen, weil wahrscheinlich am Samstag kaum jemand vor zwei Uhr morgens zurück kam. Nun wollte ich den Tag nicht enden lassen und blieb bis vier Uhr morgens wach, um Olga von meinem Tag zu berichten, Fotos hochzuladen und zu verarbeiten, was an diesem Tag passiert war.
16.05.
Ich stellte bestürzt fest, dass Cisco jetzt schneller gelernt werden musste, wenn ich genügend Zeit zur Vorbereitung der Abschlussprüfung haben wollte. Sehr viel Zeit war für die Antennen-Prüfung draufgegangen; ich hatte Albert während dieser Lernphase gegeben, mir eine Verlängerung für die üblichen Kapitelprüfungen zu gewähren um mehr Zeit zu geben. Nun setze ich mir eine Arbeitslast fest: Alle zwei Tage eine Kapitelprüfung bestehen... doch es sollte schwer werden mit so vielen neuen Freunden, sodass ich nur selten einen ganzen Tag zum Lernen hatte... doch darüber beschwere ich mich definitiv nicht.
17.05.
Olga hatte mal wieder eine Prüfung, zuerst der schriftliche Teil, dann eine Pause, nach der sie den ersten Teil mündlich verteidigen musste. In dieser Pause hatten wir uns für ein kleines Picknick verabredet, nachdem sie auf den Fotos im Internet gesehen hatte, welch reiches Picknick ich für Albert zusammengestellt hatte.
Wir hatten uns vor Gebäude 2 verabredetet, doch ich sah sie nicht, stattdessen traf ich auf eine Gruppe meiner Mitstudenten, die sich angeregt über die Prüfung unterhielten. Pascha und Artjom lösten sich aus der Gruppe und wir begannen uns auszutauschen - was in letzter Zeit Interessantes passiert war. Viel war es nicht, schließlich war Prüfungszeit. Pascha war das Gegenteil von Artjom und schob immer alles bis zum letzten Moment auf, besonders das Lernen, während Artjom ständig die Nase in den Büchern hatte. Nun kam auch Olga zu uns und ich lud sie alle auf das Picknick ein, denn ich hatte genug für vier Personen eingekauft - zum Beispiel gab es in meinem neuen Lieblingssupermarkt die Kiwis nur im 10er-Pack, und sowieso waren die Portionen dort alle ein wenig größer. Artjom wollte aber nicht mitkommen, beziehungsweise sagte er "später" - was die höfliche russische Umschreibung für "nein danke" war.
Ich hatte vergessen, ein Handtuch oder eine Decke einzupacken, also nahmen wir den Plastikbeutel als Tisch und Pascha zerpflückte seine Unterlagen - die kopierten Prüfungsfragen - und nahm sie als Sitzunterlage im Gras.
Bisher waren wir größtenteils von Mücken verschont geblieben - dafür ist der russische Frühling schließlich bekannt. Ich nahm an, sie waren vom Kälte- und später vom Hitzeeinbruch völlig aus dem biologischen Gleichgewicht gebracht worden, aber nun war es kühler geworden und sie begannen zu schlüpfen. Kaum saßen wir im Gras zwischen den Bäumen im Park neben Gebäude 2, ließ sich schon die erste Mücke auf mir nieder. Sie schwirrten so dicht um uns herum, dass ich mehr mit dem in der Luft Fuchteln beschäftig war als mit dem Essen. So dehnten wir das Picknick auch nicht ewig aus, und die beiden gingen wieder nach drinnen um sich geistig auf den mündlichen Teil vorzubereiten.
Ich sah auf die Uhr, in einer halben Stunde begann eine Vorlesung. Es war schon ganz ungewohnt für mich, wieder so regelmäßig zu Vorlesungen zu gehen. Dabei hatte ich eigentlich kaum noch welche. Die russische Vorlesung war mit einer Prüfung abgeschlossen worden, der Antennen-Kurs auch, und eine Vorlesung zu Modul 3 und 4 von Cisco sollte es nicht geben. Schon allein um mal aus dem Haus zu kommen, wollte ich mich zu den Ägyptern in die Vorlesungen zu Cisco-Modul 2 setzen.
So vergingen auch wieder zwei Stunden, und als ich wieder zu Hause war, begann erneut mit dem Durcharbeiten des Cisco-Materials. In einer Lernpause traf ich Murik in der Küche - er wollte Borschtsch zubereiten und fragte, ob ich es lernen wolle. Natürlich wollte ich das, und natürlich nutzte ich auch jede Gelegenheit zum Prokrastinieren. Wahrscheinlich hätte ich auch ein Cisco-Kapitel pro Tag geschafft, wenn meine Gedanken nicht so leicht abschweifen würden.
Murik hatte schon alles eingekauft, was er für den russischsten aller Eintöpfe brauchte: Kohl, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Kräuter und natürlich die Hauptzutat: Rote Beete. Es gibt dutzende, wenn nicht gar hunderte Varianten Borschtsch herzustellen; Murik wollte die ukrainische Variante zubereiten, die seine Mutter in ihrer Studienzeit gelernt hatte, es sollte ein vegetarischer Borschtsch mit roten Bohnen werden.
Zuerst kochte Murik die Bohnen in einen großen Topf mit viel Wasser und fischte einen Teil der gekochten Bohnen wieder heraus. Die restlichen Bohnen im Wasser sollten die Grundlage für den Borschtsch werden. Als nächstes schnitt er Zwiebeln und Möhren klein und briet sie in einem zweiten Topf mit reichlich Öl. Dann schälte er die drei roten Rüben raspelte sie, wobei er ebenfalls nicht alles davon in den Gemüsetopf warf. Er meinte, als der rohen Rübe könnte man einen leckeren Salat machen, und gerade seine Freundin aß die Rüben sowieso am liebsten roh.
In den Topf mit dem bratenden Gemüse kam schließlich noch Mehl zum Andicken. Der Kohl wurde in dünne Streifen geschnitten in den Topf mit der Bohnensuppe geworfen. Anschließend folgten das gebratene Gemüse und die in Stücke geschnittenen Kartoffeln.
Während des Kochens begannen sich Konsistenz und Farbe des Eintopfs auf magische Weise zu verändern. Als es nach einer Stunde schon fast fertig war, schnitt Murik frische Kräuter hinein, die wie ein Pinienwald dufteten. Das war seine Geheimzutat, die er immer seinen Suppen zufügte.
Ich war die erste, die einen Teller des Borschtschs (das Wort dürfte unaussprechlich sein) probieren durfte. Murik meinte, am besten sei der Borschtsch, wenn er einen Tag lang steht und durchzieht, aber meistens bliebe nicht viel übrig, denn sämtliche Jungs aus dem Computerraum nahmen sich gerne einen Teller davon; es sei so eine Art Tradition - wenn man Borschtsch koche, dann für alle.
Ich hatte noch den Geschmack des Borschtschs im Gedächtnis, den ich in Sankt Petersburg probiert hatte und nicht besonders begeistert gewesen war, aber Muriks Borschtsch war einmalig anders. Er meinte, das Ziel eines guten Borschtschs sei, dass sämtliche Bestandteile gleich schmecken, und man keine Unterschied zwischen einer Kartoffel und einer roten Rübe feststellen konnte. Außerdem war es bei Murik ein richtiger Eintopf geworden, während in Sankt Petersburg der Löffel darin hatte stehen können. Murik meinte, es sei schwierig, die richtige Konsistenz zu finden, und es sei schon ein wenig dicker geworden als er geplant hatte. Und fast hätte er es vergessen: Es gehörte natürlich ein Kleks saurer Sahne in den Borschtsch, wenn er schon aufgetan war. Ich besaß noch etwas saure Sahne und fragte Murik, wie lang man die stehen lassen und anschließend noch essen konnte. Er meinte, maximal 3 bis 4 Tage, aber dann könnte man sie immer noch verwenden, zum Beispiel in Pfannkuchen einbacken, wie seine Mutter es gern tat.
18.05.
Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr meine Lieblingsserien im Internet verfolgt, was hauptsächlich an der langsamen Internetverbindung lag. Deshalb stand ich manchmal früher auf als gewohnt um so die schnelle Internetverbindung im Computerraum nutzen zu können, weil die meisten Jungs zu dieser Zeit noch schliefen - sie gingen normalerweise erst gegen 3 oder 4 Uhr morgens ins Bett.
Bei dieser Gelegenheit rief ich auch gerne über Skype in Deutschland an, wenn es nicht gar zu früh am Morgen war. Nebenbei war ich im Chat und schrieb mit der einzigen Person, die zu dieser Stunde im Internet - Artjom. Nach seiner Picknick-Aktion war ich nicht so sicher, ob er überhaupt daran interessiert war, noch etwas zusammen zu unternehmen, weshalb ich umso mehr überrascht war, als er vorschlug, sich auf einen Tee zu treffen. Er wollte in 10 Minuten an meinem Wohnheim sein und mich dann anrufen. Nach 10 Minuten hörte ich nichts von ihm, nach 15 Minuten ebenfalls nicht. Ich schrieb eine SMS, ob er schon auf dem Weg sei, und er rief zurück und meinte, schon eine ganze Weile zu warten. Meine Telefonnummer sei als "nicht erreichbar" gemeldet worden. Das war nicht das erste Mal, dass mir dies berichtet wurde, aber ich konnte mir nicht erklären, woran es lag.
Es war über Nacht schrecklich kalt geworden, das Thermometer an Gebäude 1 zeigte nur noch 6 Grad an, deshalb beschlossen wir auch, nicht allzu weit spazieren zu gehen und stattdessen in die Cafeteria am Ende des gruseligen Gangs im Kellergeschoss dieses Gebäudes zu gehen.
Es war angenehm, nach so langer Zeit wieder mit Artjom zu plaudern; er erzählte, dass er man liebsten zum Masterstudium nach Brno in der Tschechischen Republik gehen würde, da die ISTU dort eine Partneruniversität hatte. Nur Tschechisch musste er dafür lernen. Doch es gab ein tschechisches Sprachzentrum in Izhevsk, und die tschechische Sprache musste für Russen so leicht zu lernen sein wie holländische für Deutsche.
Nachdem ich den restlichen Tag wieder Cisco gewidmet hatte, ging ich zum krönenden Abschluss zum Cisco-Praktikum am Abend - und heute wärmte sich sogar mein Verhältnis zu Emilyanov auf. Wir waren mittlerweile nur noch drei Studenten im Praktikum und Emilyanov begann etwas Zeit aufzuwenden zu schauen, was ich eigentlich trieb. Wir waren bei einem schwierigen Kapitel angelangt, einer Komplexübung zum Thema Routing, und gegen Ende der Stunde malte er mir auf, was er sich zu diesem Thema eigentlich gedacht hatte, wofür jedoch die Zeit nicht mehr reichte und schrieb mir die entsprechenden Befehle auf, die ich noch brauchte. Er sagte es zwar nicht, aber ich nahm stark an, dass es Teil der Abschlussprüfung ist.
Nach dem Abschluss des Praktikums wartete ich noch auf ihn, wie ich es für gewöhnlich in den anderen Lehrveranstaltungen tat und griff beim Aufräumen mit zu. Wir wechselten einige Sätze und ich bedankte mich für die Schlusserklärung. Emilyanov wirkte mit einem Mal nicht mehr so steif, und als wir gemeinsam zur Bushaltestelle gingen, wechselte unser Gespräch sogar ins Private. Vielleicht hatte ich mich in ihm ja doch geirrt; vielleicht kann man auch zu ihm ein kumpelhaftes Verhältnis aufbauen.
Zurück im Wohnheim bat ich Murik, mir etwas mit dem Gitarrenspielen zu helfen; ich wollte nun langsam ein richtiges Lied anfangen, nachdem ich wusste, wo ich die Noten auf der Gitarre fand.
Murik schlug vor, ich solle mit dem gleichen Lied anfangen, an dem auch Tofik oft übte; es war ein für Anfänger geeignetes Stück der russischen Band Splean. Dazu gab mir Murik ein Programm, das Musik in Midi-Form abspielte und die Noten anzeigte. Die gab er mir gleich dazu und erklärte das System. Ich fand es erst etwas verwirrend, da man die Gitarrennoten praktisch auf dem Kopf stehend lesen musste, denn die unterste Notenzeile entsprach der obersten, dicken Saite der Gitarre. Als mein armes Hirn das erstmal verarbeitet hatte, begann ich zu zupfen bis mir die Finger bluteten - natürlich nur im Übertragenen Sinne, obwohl die unterste Saite schon recht scharf sein kann, vor allem, wenn man sie mit dem kleinen Finger hält.
Ich wollte niemanden mit meinem Üben zum Wahnsinn treiben und hatte deshalb Murik gebeten, die Gitarre in mein Zimmer mitnehmen zu können. So trieb ich nur meine Zimmernachbarn in den Wahnsinn, die alsbald begannen, laute Musik abzuspielen.
14.05.
Wenn ich nicht gerade mit Olga essen gewesen war, hatte ich die meiste Zeit mit der Prüfungsvorbereitung zugebracht, dennoch merkte ich, dass meine Zeit langsam knapp wurde. Schon morgen würde die große, angsteinflößende Antennen-Prüfung stattfinden und ich hatte noch nicht einmal die Hälfte aller Fragen ausgearbeitet. Für mich war es gleich doppelt und dreifach schwerer, da ich - anders als die Ägypter, die Telekommunikation studierten - nie die entsprechenden Grundlagen im Informatik-Studium gelernt hatte, und erschwerend kam hinzu, dass ich die Fragen ganz allein ausarbeiten musste, während es bei den Ägyptern höchstwahrscheinlich auf Gruppenarbeit hinauslief. Aber ich wollte mich nicht beschweren, denn auf diese Weise war ich wirklich gezwungen, mich intensiv mit den verschiedenen Themengebieten auseinanderzusetzen - beginnend bei elektrischen Leitungen über die Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen in der Atmosphäre bis zum tatsächlichen Aufbau von Antennen mit ihren verschiedenen Eigenschaften.
Dass ich trotzdem noch nicht zum "Botanik" geworden bin, erkannte ich mit Erleichterung, als Gergö gegen Mittag an meine Tür klopfte. Er habe die Möglichkeit erhalten, an einer Führung durch das Parlamentsgebäude teilzunehmen, erzählte er, und ob ich mitkommen wollte. Natürlich wollte ich das - wann würde ich sonst noch einmal die Chance dazu erhalten?
Wir machten uns auf den Weg ins Zentrum und warteten vor jenem Gebäude, von dem wir in etwa 80%ig sicher waren, dass es das Parlamentsgebäude war. Auf Russisch und Udmurtisch standen am Eingang die Worte "staatlich", "Rat", und "Udmurtische Republik". Wir hatten richtig geraten, und schon 15 Minuten später kam Gergös Lehrer vorbei, der ebenfalls die Eigenheit hatte, immer zu spät zu kommen, wie Gergö anmerkte.
Er begrüßte uns freundlich und sagte, wir sollten schon mal hinein gehen und in der gemütlichen Ledersofaecke platznehmen. Er sprach derweil mit den Wachtleuten und überließ uns der Obhut einer jungen Frau, die Deutsch lernte und sofort mit mir Telefonnummern austauschte um sich später mal zum Plaudern zu treffen.
Ich erfuhr, dass wir auf eine Schüler- oder Studentengruppe warten und wohl irgendwie inoffiziell zwischen ihnen ins Parlament hineingelassen werde sollten. Gergös Lehrer hatte eine Weile hier gearbeitet und kannte die Leute, die uns den Zutritt ermöglichen würden. Dennoch hatten wir zum offiziellen Anschein unsere Reisepässe mitbringen sollen. Unsere wurden als erste kontrolliert und wir wurden durchgewinkt, als ob wir auf der Besucherliste stünden. Russland ist erstaunlich.
Zuerst gingen wir in den Presseraum, in dem uns einige einleitende Worte gesagt wurden, bevor wir einen langweiligen Dokumentarfilm über die Geschichte der Udmurtischen Republik ansahen, von dem ich nur wenig verstand. Besonders interessant konnte es nicht gewesen sein, denn auch die dem Russisch mächtigen Anwesenden dösten vor sich hin, einige nickten sogar ein.
Wir nutzten die Besichtigungstour hauptsächlich dafür, Fotos zu knipsen: Vor der russischen Flagge, der udmurtischen, beim elektronischen Abstimmen um Parlamentssaal - und natürlich auf dem Stuhl des Präsidenten sitzend. So konnte man sich einmal als das Oberhaupt der 1,5 Millionen Einwohner Republik fühlen.
Tatsächlich ließ sich auf der Karte der Eingangshalle gut sehen, dass die Udmurtische Republik neben der Hauptstadt Izhevsk eigentlich nur aus wenigen Kleinstädten und Bauernhöfen bestand. Jeder der größeren Bauernhöfe hatte eine eigene Fahne und war wohl so etwas wie ein Verwaltungskreis.
Anschließend gingen wir in das viel beeindruckendere Regierungsgebäude - in den Präsidentenpalast. Und es war wirklich ein Palast, mit einer großen Kuppel, Kronleuchtern und feiner Innenausstattung. Auch hier durften wir einmal auf dem Stuhl des Präsidenten sitzen, auch wenn niemand so genau wusste, welcher das war.
Die Führung schien immer länger und langweiliger zu werden; wir saßen Ewigkeiten in irgendwelchen Sälen und hörten die monotonen Erklärungen unserer Gruppenleiterin an. Ich begann wie automatisch mit dem Origamifalten. Wiederum andere schliefen.
Es ging ein regelrechtes Aufatmen durch den Saal, als die Führung beendet wurde. Zum Schluss gingen wir ins Museum des Präsidentenpalasts, in dem alles ausgestellt war, was verschiedene Organisationen, Universitäten und Privatpersonen dem Präsidenten über die Jahre hinweg geschenkt hatten. Dabei war Volkov nicht mal sonderlich beliebt, es wurde gar von Korruption und Vetternwirtschaft gemunkelt. Aber ich denke, das gehört in Russland als Politiker zum guten Ton.
Es war wieder mal viel zu schnell viel zu spät geworden, und so musste ich Gergös Verschlag, zusammen ein Bierchen trinken beziehungsweise Eis essen zu gehen leider verneinen, obwohl ich so eine Einladung sonst zu jeder Zeit angenommen hatte, sogar mitten in der Nacht.
Sofort, als ich zurück im Wohnheim war, begann ich ohne die übliche Prokrastinationsphase mit dem Ausarbeiten der Fragen bis es schon dunkel wurde und ich merkte, wie mir das Hirn langsam zu Brei wurde. In einem Anflug von geistiger Umnachtung stellte fest, dass man die Balkone leicht hoch und hinunterklettern konnte, da sie mit Innenleitern miteinander verbunden waren und die Luken nicht verschlossen waren. Nur der letzte Balkon hatte keine Leiter, und nach unten waren es noch gut zwei Meter. Ich beschloss, es nicht auszuprobieren, ob man ganz nach unten und wieder hoch kommt. Es warteten immer noch sechs Fragen auf mich...
15.05.
Wenn dieser Tag nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war...
Er begann kurz nach Mitternacht, wie es jeder Tag tun sollte. Ich hatte 7 oder 8 Stunden durchgelernt und sah immer noch nicht das Ende des Tunnels in Form der beantworteten 26 Fragen. Das Schicksal war es wohl, das wollte, dass in einem bestimmten Moment die Bleistiftmine meines Druckbleistifts abbrach und sich auch nicht wieder herausdrücken ließ, sodass ich in mein Zimmer gehen musste um mir eine neue zu holen. Auf dem Gang traf ich auf Mohammed Adel, den wahrscheinlich Schlausten der Ägypter, der mich fragte, wie es bei mir mit der Prüfung aussah, und als er hörte, dass es nicht so gut lief, bot er sogleich seine Hilfe an und kam eine Minute später mit seinen Notizen im Computerzimmer vorbei, in dem ich studierte. Obwohl er selbst noch nicht alle Fragen beantwortet hatte, nahm er sich die Zeit, mir die Fragen zu erklären, die ich nur mit einem verwirrten Fragezeichen markiert hatte, während ich versuchte, mich nicht davon irritieren zu lassen, wie viele Haare ein einziger Mann sich über den gesamten Oberkörper sprießen lassen konnte, denn wie die meisten der Ägypter lief er sehr freizügig im Wohnheim umher. Verstanden hatten sie auch nicht alles, aber einen großen Teil; ich schlug vor, dass sie auch zur Konsultation kämen, die ich mit Professor Puschin ausgehandelt hatte. Ich hatte ihm vor einigen Tagen eine SMS geschrieben und gefragt, ob es eine Konsultation geben würde, daraufhin kam die Antwort: "Es wird nicht schwierig, glaube nicht, dass es nötig ist". Ich schrieb zurück: "Für jemanden, der Antennen aus Stühlen bauen kann, ist es sicher nicht schwierig, aber könnten Sie vielleicht wenigstens eine halbe Stunde eher kommen, dass ich Fragen stellen kann?" Und zurück kam die gleiche Antwort mit dem gleichen Tippfehler. Als ich schon das Handtuch geworfen hatte, kam eine halbe Stunde später eine SMS, in der er mir die 30 Minuten zugestand.
Mohammed nahm sein Studium ernst, anders als viele seiner Freunde; ich hatte schon vor ein paar Stunden mit einigen gesprochen, die ich in der Küche aufgegabelt hatte, wo sie am Abend normalerweise alle zusammen stundenlang kochten. Ich wollte herausfinden, ob es nun eine schriftliche oder mündliche Prüfung war, denn Professor Puschin hatte sich nicht klar ausgedrückt, wenn man mal darüber nachdachte - und so hatte jeder eine andere Meinung darüber. Jedenfalls erfuhr ich, dass viele der Ägypter überhaupt noch nicht angefangen hatten zu lernen; Ali meinte lachend: "Ich hoffe, dass meine Freunde es mir heute Nacht erklären!" Und damit ist er auch durchgekommen; ich glaube, er hat sogar eine Eins erhalten.
Ich hatte auch mehr Glück als Verstand in der Prüfung an diesem Tag. Ich war schon um zwei Uhr morgens ins Bett gegangen, obwohl mir noch fünf Fragen fehlten; die wollte ich durch früheres Aufstehen herausholen, obwohl mir klar war, dass die Zeit dafür nicht reichen würde. Wir sollten durch Zufall zwei der 26 Fragen erhalten, und die Wahrscheinlichkeit, eine dieser Fragen zu erhalten, die ich noch nicht bearbeitet hatte, lag bei etwa 20%, aber wir durften alle Unterlagen zur Prüfung verwenden, sodass ich mir Material aus dem Internet auf dem Notebook speicherte und mir sagte: "Gut genug, Mut zur Lücke, whatever." Ich wusste sowieso schon mehr über Antennen als ich mir je hätte vorstellen können, und das war schließlich das eigentliche Ziel meines Lern-Marathons gewesen, da ich mir die Prüfungsleistung in Deutschland sowieso nicht anerkennen lassen konnte. Es ist ein an sich interessantes und nützliches Thema, oder wie Professor Puschin es ausdrückte: Wenn du dich in der Wildnis verirrst und den Handy geht kaputt, kannst du deine Antenne reparieren und die Sendeleistung berechnen... - das klang fast wie die Argumente unserer Mathelehrer, weshalb wir in der Lage sein sollten, eine Rechnung auch ohne Taschenrechner durchzuführen: Wenn du in der Wüste bist und nur einen Stock dabei hast um Notizen im Sand zu machen....
Ich war also relativ früh aufgestanden, hatte noch zwei Fragen gelöst und hatte mich auf den Weg zur Uni gemacht, wobei ich vorher noch einen Abstecher in den Supermarkt machte und einen ganzen Haufen Lebensmittel für ein Picknick kaufte, denn ich hatte Albert versprochen, dass ich nach meiner Prüfung vorbeikommen und Essen mitbringen würde. Albert musste von 9 Uhr morgens bis 19 abends die Cisco-Prüfung eines anderen Kurses abnehmen: 30 Leute zu je drei Stunden. Man konnte sich wirklich eine schönere Beschäftigung für einen Samstag im Frühsommer vorstellen, und so entsprechend frustriert hatte Albert geklungen, weshalb ich ihm angeboten hatte, ihm wieder Gesellschaft zu leisten, und auch mal für ihn die Aufsicht zu übernehmen, wenn er eine Pause brauchte. Darüber wäre er sehr froh, meinte er, und ich gab ihm bescheid, dass ich wohl etwa gegen 1 Uhr vorbeikommen würde.
Das war eine sehr optimistische Schätzung gewesen, und nur durch glückliche Umstände hatte ich mein Versprechen auch einhalten können.
Als ich fünf Minuten vor der mit Professor Puschin verabredeten Zeit im Prüfungszimmer ankam, war er schon da. Ich bedankte mich und begann meine Fragen zu stellen. Von den Ägyptern war erwartungsgemäß keiner eher gekommen. Professor Puschin schien sich ernsthaft zu wundern, wie ich Unklarheiten zu solch einfachen Themen haben konnte. Tatsache ist, dass - obwohl mich Physik durchaus interessiert - ich eine Physikniete bin und kaum Spannung und Stromstärke auseinanderhalten kann. Dass ich meine Physikprüfung im ersten Semester bestanden hatte, grenzte schon an ein Wunder.
Die halbe Stunde Konsultationszeit reichte nicht für alle Fragen aus, und kurz nach 12 war der Raum schon mit Ägyptern gefüllt, die aber ihrerseits noch Fragen hatten, die Professor Puschin knapp beantwortete bevor er die Prüfung eröffnete. Es sollte tatsächlich eine mündliche Prüfung werden; er hatte 26 Zettel vorbereitet, mit den Nummern der Fragen beschriftet und ließ jeden Studenten zwei davon ziehen, schrieb die Nummern auf und steckte die Zettel zurück in den Zettelhaufen. Ich hatte nun das Glück gehabt, dass er zum Vorbereiten der Zettel meinen Kugelschreiber verwendet hatte und man so die Nummern durch die Rückseite hindurch lesen konnte. Vor mir hatte einer der Studenten Frage Nummer 1 gezogen, die mir gefiel, weil es darin nur um die Grundprinzipien der Ausbreitung von Funkwellen ging; und Frage Nummer 6 zum Thema Fresnel-Zone lag ebenfalls in der Nähe, sodass ich mir erleichtert lachend diese beiden auswählte. Erst als die Studenten nach mir das Auswählen der Fragen übertrieben, begann Professor Puschin etwas sauer etwas dagegen zu unternehmen. Aber ich war schon zu sehr damit beschäftigt, meine ausgearbeiteten Antworten zu den beiden Fragen knapp zusammenzufassen und konnte es gar nicht glauben, wie ich so viel mehr Glück als Verstand haben konnte...
Wir bekamen so viel Vorbereitungszeit, wie wir brauchten, um unsere beiden Fragen zu beantworten, und durften dafür alle Materialen verwenden. Professor Puschin hatte dazu gemeint, dass es nur wichtig sei, die Frage beantworten zu können, wenn man später einmal in diesem Bereich arbeiteten, und dass die Antwort korrekt war, wenn wir sie dem Chef präsentierten - aber zur Beantwortung würden wir ebenfalls alle Möglichkeiten zur Verfügung haben, ob nun Bücher oder das Internet.
Meine Ausarbeitungen waren sehr gründlich gewesen, sodass ich mir nur noch Notizen machen musste und nach wenigen Minuten zu Professor Puschin ging und meinte, es als Erste probieren zu wollen. Er gab mir zur Einstimmung eine Rechenaufgabe, womit ich gerechnet hatte und mir deshalb bei der Vorbereitung zu Hause genau aufgeschrieben hatte, wie ich diese Rechnung im Windows-Taschenrechner machen konnte. Ich weiß nicht, ob es irgendwem schon mal aufgefallen ist, aber selbst im wissenschaftlichen Modus hat dieses Stück Software keine Wurzel-Taste, sodass man stattdessen x hoch 0.5 rechnen musste. Aber darauf muss man erstmal kommen...
Mit meinem Ergebnis war er zufrieden und begann die theoretischen Fragen, bei denen ich mich auch ganz gut hielt, aber dann ließ er mich etwas berechnen, womit ich nicht gerechnet hatte. Doch auch da lag ich erstaunlich nah am richtigen Ergebnis; ich hatte mich nur in einer Einheit verhauen. Er gab mir ein "B", was einer deutschen Zwei entsprach und ich dankte lachend ihm dafür, obwohl mir der Satz eines Professors im Hinterkopf schwirrte: Dass man sich nie für Noten bedanken sollte, sonst bekommt der Professor das Gefühl, die sei nicht gerechtfertigt gewesen. Professor Puschin entschuldigte sich hingegen fast bei mir, dass er mir keine Eins geben konnte, wodurch ich nur noch mehr lachte und sagte, es sei schon gut genug...
Mittlerweile hatten die ersten Ägypter ihre Einstiegsrechenaufgabe erhalten; ich wünschte noch viel Erfolg und machte mich aus dem Staub.
In der dritten Etage wachte Albert gelangweilt über drei Studenten. Mehr waren in dieser Runde nicht gekommen. Ich nahm neben ihm Platz und begann meinen Beutel auszupacken: Zwei Liter Saft, Käse, Brötchen, Birnen, Joghurt, Kekse... Albert grinste bis über beide Ohren und wir begannen unser Picknick. Er holte Gläser vom Fensterbrett, die noch von der Konferenz dort standen, dazu Servietten als Unterlage und schnitt darauf die Brötchen auf, die er dick mit Käse belegte. Er meinte, es sei nicht ganz wie im Restaurant, und ich meinte, es sei besser als im Restaurant... das war auch mein erstes Picknick im Computerkabinett; in der WHZ hätten die Rechenzentrumsleute die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und uns hochkant rausgeworfen - aber wir waren in Russland, und da ging alles.
Mit Albert plaudernd vergingen die Stunden schnell; wir sahen uns Fotoalben seiner Freunde im Internet an und träumten vom Reisen; er zeigte mir Fotos seiner Nichte, die mit zarten zwei Jahren schon ein eigenes Profil in vkontakte hatte; die Studenten wogen sich derweil in falscher Sicherheit, und so konnte Albert einen Spickzettel einkassieren, auf dem sämtliche Fragen des Tests in winziger Schrift gedruckt waren. Die nächsten 10 Minuten versuchte er die Quelle dafür im Internet zu finden, kam aber zum Schluss, dass es eine Übersetzung der englischen Fragen war, die es hundertfach im Netz gab. Und da sah ich wieder, was für ein ungewöhnlicher Professor er war, denn er zeigte mir nun, welche Seiten er für die besten Anbieter von Cisco-Fragenkatalogen hielt... Worauf ich es allerdings abgesehen hatte, waren nicht die theoretischen Fragen, sondern die praktischen Aufgabenstellungen für Modul 4, die ausgedruckt direkt vor meiner Nase lagen. Albert hatte sie mir direkt zum Drüberschauen gereicht, und die Verlockung war wirklich sehr groß, einfach eine Kopie davon einzustecken oder ein Foto davon zu machen, wenn er den Raum zum Telefonieren verließ... ich war hin- und hergerissen. Einerseits wollte ich sein Vertrauen nicht ausnutzen, aber anderseits wusste ich, dass ich mich in den Hintern beißen würde, wenn ich beim Studieren für diese Prüfung daran denken würde, wie nah ich an der Aufgabenstellung gewesen war... und auch die anderen Studenten würden mir danken, wenn sie in einem halben Jahr dieses Modul studierten und die Aufgabenstellung schon hatten... ich hatte sowieso schon versprochen, ihnen meine Prüfungen zu kopieren, wenn ich sie ablegte.
Zwei Chancen ließ ich verstreichen, und bei der dritten Chance wurde es regelrecht lächerlich, als mir Albert eine vollgekritzelte Aufgabenstellung reichte, die ich in den Papierkorb unterm Tisch werfen sollte, neben dem mein offener Rucksack stand... "Mensch, Mädel!", dachte ich mir, als ich es nicht in meinen Rucksack, sondern den Papierkorb steckte. "Wie dumm kann man sein!"
Tatsächlich nahm ich den Zettel aus dem Papierkorb am Ende mit - nachdem mir Albert zwinkernd erzählt hatte, dass er wusste, dass sich diese Aufgabenstellungen auf magische Weise sofort an alle Studenten verteilte, nachdem die erste Gruppe die Prüfung abgelegt hatte. Er schien kein Problem damit zu haben. Nicht mal den Jungen mit dem Spickzettel hatte er durchfallen lassen. Als ich Albert fragte, warum, meinte er, dass er für so einen Deppen nicht noch einen Samstag für eine Wiederholungsprüfung opfern wollte. Ich verstand ihn.
Nachdem wir schon ein paarmal über die Möglichkeit gesprochen hatten, dass ich meine Masterarbeit bei ihm schreiben könnte, wurde es heute zum ersten Mal konkreter. Er erklärte mir, an was genau er forschte, malte mir dutzende Skizzen dazu auf, kopierte mir seine Forschungsberichte und Zusatzmaterial auf meinen USB-Stick, und schlug mir ein Thema vor: Ich sollte eine Simulation zu seinen Forschungen erstellen. Falls ich mich dafür entscheiden sollte, natürlich. Es würde einen hohen Organisationsaufwand erfordern, und dann wäre ich auch mitten im russischen Winter in Izhevsk bei -40 Grad; ich würde meine Familie und Freunde für ein weiteres halbes nicht sehen... andererseits ist es die einmalige Gelegenheit, einen Gewinner mehrerer Forschungsstipendien als Mentor zu haben, während des Schreibens meiner Arbeit wissenschaftliche Artikel darüber zu veröffentlichen, und theoretisch würde es sogar der Weg öffnen, einen Doktortitel zu machen - was eigentlich nie Teil meines Lebensentwurfs war, aber die alleinige Vorstellung ist etwas, was man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Aber nicht nur deswegen ist es eine Option, die man sich ernsthaft durch den Kopf gehen lassen sollte. Ich würde auf jeden Fall mein Russisch verbessern können, und dann ist natürlich das sagenhafte russische Weihnachtsfest, das ich hier mit Freunden verbringen könnte.
So stehen die Fronten im Moment, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie ich mich entscheiden soll.
Heute würde ich nicht mehr darüber nachdenken, denn Stasya hatte mich wieder auf ihr Hausdach eingeladen.
Albert und ich brachten noch schnell den Raum in Ordnung; Professor Puschin war laut Aussage des Wachtmanns immer noch mit den Ägyptern in der Prüfung beschäftigt, und der Wachtmann wurde ungeduldig, wann er denn endlich Feierabend machen konnte. Sogar der Fahrstuhl war schon im Wochenend-Modus; das Licht funktionierte nicht - ein Wunder, dass der Fahrstuhl noch funktionierte.
Zu Hause packte ich schnell alles in meinen Rucksack, was man für eine Party brauchte: Kekse und eine Flasche Wodka.
Stasya traf mich mit ihrer Freundin Sina an der Bushaltestelle vor ihrem Haus. Sie waren beide schon recht angeheitert, wobei Sina angeheitert genug für zwei war. Sie meinte, sie trank sonst nie Alkohol, aber heute sei sie dem Portwein verfallen.
Auf dem Dach saß schon eine Gruppe von Kerlen; alles Musiker und gute Trinker. Auch Sina spielte in einer Band - Schlagzeug. Das konnte man sich gar nicht vorstellen, da sie so ein kleines zartes Mädchen mit großen unschuldigen Augen war; sie hatte einen schon fast hypnotischen Blick. Im Laufe des Abends stellte ich fest, dass alle auf dem Hausdach irgendwie verrückt waren. Aber ich genoss ihre Gesellschaft, die bald zu einer Party von 15 Leuten anwuchs. Ich hatte nie verstanden, was an Partys so toll sein soll, aber heute tat ich es. Man gesellte sich mal zu dem einen Grüppchen, mal zu dem anderen; freute sich, wenn man ein bekanntes Gesicht sah; wir tanzten zu Trommelmusik und ich fühlte mich viel zu glücklich um mich zu betrinken. So etwas muss man bei vollem Bewusstsein genießen. Zu einem Gläschen Portwein wurde ich dann doch genötigt. Derweil waren auch Dima und Nastya gekommen und ich sah meine Hauptaufgabe mittlerweile darin, dafür zu sorgen, dass Sina nicht zu nah an den Rand des Dachs ging, denn sie hatte nun auch den Wodka geöffnet und sich ein Saftglas voll eingegossen, und war noch merkwürdiger geworden als am Anfang des Abends. Schließlich gab ihr irgendwas den Rest und ich bettete sie auf eine der Plastiktüten nieder, die uns hier als Sitzkissen dienten, während sie krampfhaft meine Hand festhielt.
Gegen ein Uhr morgens löste sich die Runde auf, und ich habe ehrlich keine Ahnung, wie sie Sina durch die Dachluke nach unten transportiert haben. Stasya quartierte die drei Betrunkensten bei sich ein, und zu sechst tranken wir Übriggebliebenen noch etwas Tee. Es waren komische Gespräche, die um diese Zeit zustand kamen. Ich verstand auch nur die Hälfte, aber irgendwie schien die Historikerin unserer Gruppe die Kriegsführung und die Uniformen des dritten Reichs zu bewundern.
Es wurde gut zwei Uhr und wir beschlossen nun doch alle nach Hause zu gehen. Nastya und Dima wollten mich nicht allein zum Wohnheim zurückgehen lassen, da sie Angst um mich hatten. In letzter Zeit hatte ich viele Geschichten über sogenannte Gopniks gehört, und was ich mir zusammenreimen konnte, waren es Männer, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, am Abend durch die Stadt zogen und Leute zusammenschlugen oder ausraubten.
Und wirklich, kurz vor meinem Wohnheim begegnete uns einer und wollte nicht mehr verschwinden. Normalerweise waren sie in Gruppen unterwegs, deswegen hatten wir vielleicht noch Glück gehabt, dass es so glimpflich ausging. Er versuchte mit Dima eine Schlägerei anzufangen, aber Nastya stellte sich mutig zwischen die beiden, die Hände auf den Schultern des Gopniks und redete beruhigend auf ihn ein, während er mal versuchte freizukommen und Dima zu schlagen, und mal auf sie hörte. Das zog sich eine ganze Weile hin. An einem Punkt schien es zu eskalieren, aber Dima riss dem Gopnik seine Silberkette vom Hals, was ihn aus dem Konzept brachte. Offenbar war ein Anhänger auf den Boden gefallen und die drei begannen danach im Dunkeln zu suchen. Es war ein seltsamer Anblick, fast komisch, aber auch erschreckend, denn man konnte nicht abschätzen, was der Gopnik als nächstes tat. Als nächstes versuchte er mir seine zerrissene Kette zu schenken. Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Wenn ich sie nicht nahm, wollte er sie fortwerfen. Das tat er dann auch und trollte sich davon.
Wir kamen ohne weitere Probleme zum Wohnheim.
Wenn das nicht der erstaunlichste Tag meines Lebens war, dann weiß ich auch nicht, was das war.
Mit jede Menge Adrenalin im Blut ging nach oben; die Tür war offen, weil wahrscheinlich am Samstag kaum jemand vor zwei Uhr morgens zurück kam. Nun wollte ich den Tag nicht enden lassen und blieb bis vier Uhr morgens wach, um Olga von meinem Tag zu berichten, Fotos hochzuladen und zu verarbeiten, was an diesem Tag passiert war.
16.05.
Ich stellte bestürzt fest, dass Cisco jetzt schneller gelernt werden musste, wenn ich genügend Zeit zur Vorbereitung der Abschlussprüfung haben wollte. Sehr viel Zeit war für die Antennen-Prüfung draufgegangen; ich hatte Albert während dieser Lernphase gegeben, mir eine Verlängerung für die üblichen Kapitelprüfungen zu gewähren um mehr Zeit zu geben. Nun setze ich mir eine Arbeitslast fest: Alle zwei Tage eine Kapitelprüfung bestehen... doch es sollte schwer werden mit so vielen neuen Freunden, sodass ich nur selten einen ganzen Tag zum Lernen hatte... doch darüber beschwere ich mich definitiv nicht.
17.05.
Olga hatte mal wieder eine Prüfung, zuerst der schriftliche Teil, dann eine Pause, nach der sie den ersten Teil mündlich verteidigen musste. In dieser Pause hatten wir uns für ein kleines Picknick verabredet, nachdem sie auf den Fotos im Internet gesehen hatte, welch reiches Picknick ich für Albert zusammengestellt hatte.
Wir hatten uns vor Gebäude 2 verabredetet, doch ich sah sie nicht, stattdessen traf ich auf eine Gruppe meiner Mitstudenten, die sich angeregt über die Prüfung unterhielten. Pascha und Artjom lösten sich aus der Gruppe und wir begannen uns auszutauschen - was in letzter Zeit Interessantes passiert war. Viel war es nicht, schließlich war Prüfungszeit. Pascha war das Gegenteil von Artjom und schob immer alles bis zum letzten Moment auf, besonders das Lernen, während Artjom ständig die Nase in den Büchern hatte. Nun kam auch Olga zu uns und ich lud sie alle auf das Picknick ein, denn ich hatte genug für vier Personen eingekauft - zum Beispiel gab es in meinem neuen Lieblingssupermarkt die Kiwis nur im 10er-Pack, und sowieso waren die Portionen dort alle ein wenig größer. Artjom wollte aber nicht mitkommen, beziehungsweise sagte er "später" - was die höfliche russische Umschreibung für "nein danke" war.
Ich hatte vergessen, ein Handtuch oder eine Decke einzupacken, also nahmen wir den Plastikbeutel als Tisch und Pascha zerpflückte seine Unterlagen - die kopierten Prüfungsfragen - und nahm sie als Sitzunterlage im Gras.
Bisher waren wir größtenteils von Mücken verschont geblieben - dafür ist der russische Frühling schließlich bekannt. Ich nahm an, sie waren vom Kälte- und später vom Hitzeeinbruch völlig aus dem biologischen Gleichgewicht gebracht worden, aber nun war es kühler geworden und sie begannen zu schlüpfen. Kaum saßen wir im Gras zwischen den Bäumen im Park neben Gebäude 2, ließ sich schon die erste Mücke auf mir nieder. Sie schwirrten so dicht um uns herum, dass ich mehr mit dem in der Luft Fuchteln beschäftig war als mit dem Essen. So dehnten wir das Picknick auch nicht ewig aus, und die beiden gingen wieder nach drinnen um sich geistig auf den mündlichen Teil vorzubereiten.
Ich sah auf die Uhr, in einer halben Stunde begann eine Vorlesung. Es war schon ganz ungewohnt für mich, wieder so regelmäßig zu Vorlesungen zu gehen. Dabei hatte ich eigentlich kaum noch welche. Die russische Vorlesung war mit einer Prüfung abgeschlossen worden, der Antennen-Kurs auch, und eine Vorlesung zu Modul 3 und 4 von Cisco sollte es nicht geben. Schon allein um mal aus dem Haus zu kommen, wollte ich mich zu den Ägyptern in die Vorlesungen zu Cisco-Modul 2 setzen.
So vergingen auch wieder zwei Stunden, und als ich wieder zu Hause war, begann erneut mit dem Durcharbeiten des Cisco-Materials. In einer Lernpause traf ich Murik in der Küche - er wollte Borschtsch zubereiten und fragte, ob ich es lernen wolle. Natürlich wollte ich das, und natürlich nutzte ich auch jede Gelegenheit zum Prokrastinieren. Wahrscheinlich hätte ich auch ein Cisco-Kapitel pro Tag geschafft, wenn meine Gedanken nicht so leicht abschweifen würden.
Murik hatte schon alles eingekauft, was er für den russischsten aller Eintöpfe brauchte: Kohl, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln, Kräuter und natürlich die Hauptzutat: Rote Beete. Es gibt dutzende, wenn nicht gar hunderte Varianten Borschtsch herzustellen; Murik wollte die ukrainische Variante zubereiten, die seine Mutter in ihrer Studienzeit gelernt hatte, es sollte ein vegetarischer Borschtsch mit roten Bohnen werden.
Zuerst kochte Murik die Bohnen in einen großen Topf mit viel Wasser und fischte einen Teil der gekochten Bohnen wieder heraus. Die restlichen Bohnen im Wasser sollten die Grundlage für den Borschtsch werden. Als nächstes schnitt er Zwiebeln und Möhren klein und briet sie in einem zweiten Topf mit reichlich Öl. Dann schälte er die drei roten Rüben raspelte sie, wobei er ebenfalls nicht alles davon in den Gemüsetopf warf. Er meinte, als der rohen Rübe könnte man einen leckeren Salat machen, und gerade seine Freundin aß die Rüben sowieso am liebsten roh.
In den Topf mit dem bratenden Gemüse kam schließlich noch Mehl zum Andicken. Der Kohl wurde in dünne Streifen geschnitten in den Topf mit der Bohnensuppe geworfen. Anschließend folgten das gebratene Gemüse und die in Stücke geschnittenen Kartoffeln.
Während des Kochens begannen sich Konsistenz und Farbe des Eintopfs auf magische Weise zu verändern. Als es nach einer Stunde schon fast fertig war, schnitt Murik frische Kräuter hinein, die wie ein Pinienwald dufteten. Das war seine Geheimzutat, die er immer seinen Suppen zufügte.
Ich war die erste, die einen Teller des Borschtschs (das Wort dürfte unaussprechlich sein) probieren durfte. Murik meinte, am besten sei der Borschtsch, wenn er einen Tag lang steht und durchzieht, aber meistens bliebe nicht viel übrig, denn sämtliche Jungs aus dem Computerraum nahmen sich gerne einen Teller davon; es sei so eine Art Tradition - wenn man Borschtsch koche, dann für alle.
Ich hatte noch den Geschmack des Borschtschs im Gedächtnis, den ich in Sankt Petersburg probiert hatte und nicht besonders begeistert gewesen war, aber Muriks Borschtsch war einmalig anders. Er meinte, das Ziel eines guten Borschtschs sei, dass sämtliche Bestandteile gleich schmecken, und man keine Unterschied zwischen einer Kartoffel und einer roten Rübe feststellen konnte. Außerdem war es bei Murik ein richtiger Eintopf geworden, während in Sankt Petersburg der Löffel darin hatte stehen können. Murik meinte, es sei schwierig, die richtige Konsistenz zu finden, und es sei schon ein wenig dicker geworden als er geplant hatte. Und fast hätte er es vergessen: Es gehörte natürlich ein Kleks saurer Sahne in den Borschtsch, wenn er schon aufgetan war. Ich besaß noch etwas saure Sahne und fragte Murik, wie lang man die stehen lassen und anschließend noch essen konnte. Er meinte, maximal 3 bis 4 Tage, aber dann könnte man sie immer noch verwenden, zum Beispiel in Pfannkuchen einbacken, wie seine Mutter es gern tat.
18.05.
Ich hatte seit Ewigkeiten nicht mehr meine Lieblingsserien im Internet verfolgt, was hauptsächlich an der langsamen Internetverbindung lag. Deshalb stand ich manchmal früher auf als gewohnt um so die schnelle Internetverbindung im Computerraum nutzen zu können, weil die meisten Jungs zu dieser Zeit noch schliefen - sie gingen normalerweise erst gegen 3 oder 4 Uhr morgens ins Bett.
Bei dieser Gelegenheit rief ich auch gerne über Skype in Deutschland an, wenn es nicht gar zu früh am Morgen war. Nebenbei war ich im Chat und schrieb mit der einzigen Person, die zu dieser Stunde im Internet - Artjom. Nach seiner Picknick-Aktion war ich nicht so sicher, ob er überhaupt daran interessiert war, noch etwas zusammen zu unternehmen, weshalb ich umso mehr überrascht war, als er vorschlug, sich auf einen Tee zu treffen. Er wollte in 10 Minuten an meinem Wohnheim sein und mich dann anrufen. Nach 10 Minuten hörte ich nichts von ihm, nach 15 Minuten ebenfalls nicht. Ich schrieb eine SMS, ob er schon auf dem Weg sei, und er rief zurück und meinte, schon eine ganze Weile zu warten. Meine Telefonnummer sei als "nicht erreichbar" gemeldet worden. Das war nicht das erste Mal, dass mir dies berichtet wurde, aber ich konnte mir nicht erklären, woran es lag.
Es war über Nacht schrecklich kalt geworden, das Thermometer an Gebäude 1 zeigte nur noch 6 Grad an, deshalb beschlossen wir auch, nicht allzu weit spazieren zu gehen und stattdessen in die Cafeteria am Ende des gruseligen Gangs im Kellergeschoss dieses Gebäudes zu gehen.
Es war angenehm, nach so langer Zeit wieder mit Artjom zu plaudern; er erzählte, dass er man liebsten zum Masterstudium nach Brno in der Tschechischen Republik gehen würde, da die ISTU dort eine Partneruniversität hatte. Nur Tschechisch musste er dafür lernen. Doch es gab ein tschechisches Sprachzentrum in Izhevsk, und die tschechische Sprache musste für Russen so leicht zu lernen sein wie holländische für Deutsche.
Nachdem ich den restlichen Tag wieder Cisco gewidmet hatte, ging ich zum krönenden Abschluss zum Cisco-Praktikum am Abend - und heute wärmte sich sogar mein Verhältnis zu Emilyanov auf. Wir waren mittlerweile nur noch drei Studenten im Praktikum und Emilyanov begann etwas Zeit aufzuwenden zu schauen, was ich eigentlich trieb. Wir waren bei einem schwierigen Kapitel angelangt, einer Komplexübung zum Thema Routing, und gegen Ende der Stunde malte er mir auf, was er sich zu diesem Thema eigentlich gedacht hatte, wofür jedoch die Zeit nicht mehr reichte und schrieb mir die entsprechenden Befehle auf, die ich noch brauchte. Er sagte es zwar nicht, aber ich nahm stark an, dass es Teil der Abschlussprüfung ist.
Nach dem Abschluss des Praktikums wartete ich noch auf ihn, wie ich es für gewöhnlich in den anderen Lehrveranstaltungen tat und griff beim Aufräumen mit zu. Wir wechselten einige Sätze und ich bedankte mich für die Schlusserklärung. Emilyanov wirkte mit einem Mal nicht mehr so steif, und als wir gemeinsam zur Bushaltestelle gingen, wechselte unser Gespräch sogar ins Private. Vielleicht hatte ich mich in ihm ja doch geirrt; vielleicht kann man auch zu ihm ein kumpelhaftes Verhältnis aufbauen.
Zurück im Wohnheim bat ich Murik, mir etwas mit dem Gitarrenspielen zu helfen; ich wollte nun langsam ein richtiges Lied anfangen, nachdem ich wusste, wo ich die Noten auf der Gitarre fand.
Murik schlug vor, ich solle mit dem gleichen Lied anfangen, an dem auch Tofik oft übte; es war ein für Anfänger geeignetes Stück der russischen Band Splean. Dazu gab mir Murik ein Programm, das Musik in Midi-Form abspielte und die Noten anzeigte. Die gab er mir gleich dazu und erklärte das System. Ich fand es erst etwas verwirrend, da man die Gitarrennoten praktisch auf dem Kopf stehend lesen musste, denn die unterste Notenzeile entsprach der obersten, dicken Saite der Gitarre. Als mein armes Hirn das erstmal verarbeitet hatte, begann ich zu zupfen bis mir die Finger bluteten - natürlich nur im Übertragenen Sinne, obwohl die unterste Saite schon recht scharf sein kann, vor allem, wenn man sie mit dem kleinen Finger hält.
Ich wollte niemanden mit meinem Üben zum Wahnsinn treiben und hatte deshalb Murik gebeten, die Gitarre in mein Zimmer mitnehmen zu können. So trieb ich nur meine Zimmernachbarn in den Wahnsinn, die alsbald begannen, laute Musik abzuspielen.
















Coole föderale Landesaufteilung: Bauernhof = Bundesland ^^
AntwortenLöschen Ich find es interessant dass man da überhaupt Fotographieren darf, in dem Parlament, da die sonst ja immer so pingelig sind
Ich glaub ich hab ein Déjà-vu ;) Kommentare kamen glaub schon via Mail
Apropos Partys und verstehen und so Freunde und so. Nancy hatte mich auch schon gefragt wann du mal wieder mit auf ne Party kommst, es war toll mit dir uns sie versteht nicht warum du das nicht schon früher mal gemacht hattest Meinen Party hattest ja boykottiert
Sind in größeren Ländern die Portionen immer größer, in den USA ist ja angeblich auch alles größer ^^
Alles was du an Essenszubereitungen gelernt hast, möchte ich bitte hier gekocht bekommen ;)
Ein ganzer Pinienwald in die Suppe, das wird schwer zu besorgen :D
Mit mir telefonierst nie im Skype und sagst immer die Leitung sei zu schlecht, die schnelle Leitung bekommste net . Dabei bin ich auch ab und an mal bis sehr lange wach *heul*
Die haben ne Einwohnerdichte von 36 Einwohnern pro Kilometer...
AntwortenLöschen Wir sind Ausländer, wir dürfen alles
Ja, davon hast du ne Vorabversion gelesen
Wenn genug Alkohol im Spiel ist, halten mich Leute für interessant, ich weiß auch nicht so genau, warum, aber es ist eine gute Zusammenarbeit, finde ich))
Nah, in den USA ist nicht alles größer, sondern fetter, das ist ein Unterschied XD
Aber nur auf eigene Gefahr...
Ich sach ja nicht, dass einer drin war, nur dass es so geschmeckt hat^^
lol, dann musst du nach deutscher Zeit gegen 7 Uhr morgens wach sein, wenn du mit mir telefonieren willst, denn sonst wird alles von den Zockern blockiert... aber bald sind Ferien und sie reisen nach -istan ab. Wenn sie trotzdem die Leitung weiter bezahlen für den Monat, hab ich schnelles Internet))