Vom endgültigen Besiegen der Deutschen, guten Freunden und dem Lösen zumindest einiger Rätsel
09.05.
Der 9. Mai ist wohl der befremdlichste Feiertag für eine Deutsche in Russland, denn man feiert im ganzen Land mit Militärparaden den Sieg über Deutschland im zweiten Weltkrieg. Es ist kein schönes Thema, aber was konnte man da anderes machen als mitzufeiern? Zumal es wirklich ein Grund zum Feiern ist, dass damals den Verbrechen und dem Größenwahn des faschistischen Deutschlands Einhalt geboten werden konnten.
Wieder früh am Morgen war ich mit Olga bei Dima und Nastya zu Hause verabredet um anschließend gemeinsam zu der Parade zu gehen. Olga traf ich zur verabredeten Zeit nicht an, doch es war immer ein wenig schwierig, mit ihr zu telefonieren, weil wir die Hände zum Sprechen dabei nicht gebrauchen konnten, also rief ich Dima an, ob sie vielleicht schon bei ihm sei. Er bestätigte das. Los ging es aber noch lang nicht. Gerade jetzt waren wieder irgendwo Internetleitungen ausgefallen und sonst schien niemand in Dimas Unternehmen kompetent genug zu sein das Problem zu beheben. Während er telefonierte und sich Kontrollausgaben auf seinen Bildschirm holte, saßen wir in der Küche, tranken Tee und Kater Vasily strich zwischen unseren Beinen herum. Er war geschoren worden und sah nun wie ein beleidigtes Schweinchen aus; nur noch ein Kragen aus langem Fell und eine zottelige Schwanzspitze waren ihm geblieben.
Gut eine halbe Stunde später waren wir zum Aufbruch bereit, wobei es bei Dima naturgemäß immer etwas länger dauerte bis er in die Gänge kam, deshalb wir demonstrativ das Haus verließen und vor der Tür auf ihn warteten. Nastya meinte dazu auch, dass er sogar im Bad länger brauchte als sie.
Izhevsk ist ein Dorf, in dem sich jeder kennt, und so überraschte es mich wenig, dass Nastya meinte, Artjom wollte uns im Zentrum treffen. Die beiden kannten sich über Artjoms Schwester. Wahrscheinlich brauchte man deshalb in Russland keine Telefonbücher - man konnte sicher jede Telefonnummer über einen Bekannten von Bekannten eines Bekannten herausfinden.
Die Straßenbahnen waren voll, aber nicht ganz so voll wie am 1. Mai, dafür standen im Zentrum vor dem Präsidentenpalast die Schaulustigen in fünf bis sechs Reihen hintereinander die gesamte Straße entlang. Die Veranstaltung hatte wieder einen regelrechten Volksfestcharakter; überall wurden Essbares und bunte, blinkende Spielereien aus China verkauft. Wir quetschten uns in die Menge, und mein Blick wurde hauptsächlich von Luftballons versperrt, nicht etwa von anderen Köpfen.
Stramm und still standen die Uniformierten in der heißen Mai-Sonne und warteten auf ein Signal.
Das Signal kam aus einem Lautsprecher: Man übertrug live die Parade vom Roten Platz in Moskau, mit dem Ziel, dass überall im Land die Paraden zur gleichen Zeit begannen.
Der Sprecher kündigte feierliche die Kompanien mit ihren Kommandanten an und ich begann mich zu langweilen. Er sprach langsam und deutlich genug um ihn zu verstehen, aber nach einer Weile hörte ich gar nicht mehr zu. Unsere Soldaten rührten sich immer noch nicht und Dima weihte mich in ein Geheimnis ein: Das seien gar keine Soldaten, sondern Kollegen aus Telekommunikationsunternehmen, Polizisten und Studenten. Sogar eine Schülergruppe war dabei.
Der Sprecher begann eine Rede über das Ende des Kriegs und die tapferen Soldaten zu halten, unser Präsident sprach nun auch noch einige Wort und dann endlich setzten sich die Uniformierten in Bewegung, das heißt, sie drehten sich nach rechts um. Wieder passierte erstmal nichts, doch dann kam das Signal zum Losmarschieren. Sie stapften einmal die Straße hinunter und wieder hinauf, und dann war die Parade auch schon vorbei. Ich hatte ja gehofft, Herrn Kalaschnikow zu sehen, aber mit über 90 Jahren war er wahrscheinlich nicht mehr so sehr an Militärparaden interessiert. Gergö hatte behauptet, dass Kalaschnikow wahrscheinlich gar nicht mehr lebte, und dass sie ihn bei den wenigen offiziellen Veranstaltungen durch einen Doppelgänger ersetzt haben bzw. ersetzen werden. Das fiele erstmal nicht auf, höchstens vielleicht mit 120 Jahren. Russland ist schließlich ein Land, das vor allem von viel Schein beherrscht wird.
Im Laufe der Veranstaltung konnte ich immer weiter durch die Menschenmenge nach vorne rutschen, wenn sich Leute mit schwachen Blasen und quengelnden Kindern aus den ersten Reihen entfernten, sodass ich gegen Ende der Parade in der ersten Reihe stand.
Anschließend gingen wir in den Park hinunter zum ewigen Feuer. Der offene Platz war an diesem Tag voller Familien, die ihren Großeltern zuliebe diesen Tag feierten; sie legten rote Nelken an den Gedenksteinen nieder. Sehr viele Veteranen mit glänzenden Orden an der Brust hatten sich hier versammelt, und gebeugte Omichen schenkten ihnen Blumen. Aus den Lautsprechern kam traditionelle russische Musik. Die Menge drängte sich zusammen um Platz zu machen für den Wachwechsel: Junge Kerle mit gefährlichen Waffen im Stechschritt.
Nach den offiziellen Feierlichkeiten begannen die eigentlichen Feierlichkeiten, denn wir waren ja in Russland... Wir suchten den nächsten Supermarkt auf, ich besorgte die Lebensmittel für ein Picknick, und Dima den Wodka. Artjom und seine Freundin begleiteten uns zwar, aber sie machten keine Anstalten, sich am Feiern beteiligen zu wollen. Artjom war genau wie Olga ein Botanik, ein Streber, doch Olga stieß heute mit uns an, und zwar auf einem Spielplatz. Wir nahmen alle auf einem Karussell Platz, das sich bald mehr durch den Wodka drehte als es physikalisch möglich gewesen wäre.
Dima hatte ein Teufelszeug gekauft: Nemiroff mit Peperoni-Zusatz. Es brannte in Lunge und Augen, wenn man es sich die Kehle hinunter kippte. Zum Glück hatten wir Schokolade und Saft um den Geschmack auszulöschen, und Olga hatte Sandwiches geschmiert und mitgebracht. Ich hatte auch Sonnenblumenkerne gekauft, musste mir aber erklären lassen, dass zivilisierte Russen sowas eigentlich nie äßen. Es sei den sogenannten Gopniks vorbehalten - Leute mit geringer Bildung, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, und gegen Abend begannen, im Rudel Passanten anzumachen und zu versuchen, sie in einen Faustkampf zu verwickeln, oder auch jemandem die Gitarre zu klauen, wenn er sie mit sich herumtrug. Alles in allem keine Leute, denen man mit Freude im Dunkeln begegnet.
In unserer Spielplatzgesellschaft sah es nicht so aus, als wollen die meisten mit uns anstoßen; bisher tranken nur Olga, Dima und ich - deshalb kontaktierte Dima einen Bekannten, den er als "Trinker" bezeichnete. Wir trafen ihn auf einem anderen Spielplatz, er hatte eine 2-Liter-Plastik-Flasche Bier der Marke "grün" dabei, die er allein trank, nahm aber auch gern den Rest unseres Peperoni-Wodkas dazu. Wir merkten, dass unserer Vorräte mit ihm nicht ausreichen würde und gingen gemeinsam in den nächsten Supermarkt um mehr zu kaufen. Wir sprachen über Kalaschnikow und der Trinker wusste sogar, wo Herr Kalaschnikow wohnt und führte uns zu seinem Haus: Straße Sowjetskaja 21a, mitten im Zentrum. Die Information war wahrscheinlich korrekt, weil ich schon vorher gehört hatte, dass er irgendwo in der Sowjetskaja-Straße wohne. Klingeln wollte ich dann aber doch nicht. Was hätte ich auch mit ihm sprechen können?
Der Trinker bestand auch darauf, fettige Wurst zu kaufen, denn das sei die beste Kombination mit Wodka. Den Wodka spendierte er dann auch gleich. Wir fanden einen schönen ruhigen Platz auf einem Hinterhof, auf dem eine Bank stand, und daneben war ein Baum gefällt und in darauf sitzbare Stücke gesägt worden. Dima begann sie heran zu rollen und im Halbkreis um die Bank herum aufzustellen. Den Wodka schütteten wir in mitgebrachte Plastikbecher, die wir füllten, als wäre es nur Saft, die Wurst wurde nach dem Trinken herumgereicht wie ein Joint und jeder biss davon ab. Leider können die Russen keine Wurst herstellen; es schmeckt immer als wäre der Hauptbestandteil davon Pappe.
Der Trinker füllte unsere Gläser schneller als es mir lieb war und meinte dazu: "Zwischen dem ersten und zweiten Glas darf nach alter Tradition nicht viel Zeit vergehen." Ich entgegnete, es sei doch schon das fünfte Glas, doch er konterte, es sei das erste Glas von dieser Flasche... und so waren wir relativ gut abgefüllt als wir schließlich zu Stasya fuhren - sie hatte ich am 1. Mai kennengelernt und nicht gedacht, dass ich sie noch einmal wiedersehen würde.
Doch Stasya bildete praktisch das Zentrum dieses sehr ausgedehnten Freundeskreises. Bei ihr - oder genauer gesagt auf ihrem Hausdach - lief alles zusammen.
Sie wohnte im obersten Stockwerk eines Plattenbaus, zufälligerweise in der Nähe von Olga, Dima und auch des Trinkers. Und auch nur drei Busstopps entfernt befand sich unsere Uni. Izhevsk war wirklich ein Dorf - mit über 600.000 Einwohnern.
Es stellte sich als nicht besonders schwierig heraus, im angetrunkenen Zustand die Feuerleiter hochzuklettern, nachdem Dima es geschafft hatte, die schwere Dachluke aufzustoßen.
Natürlich konnte nach typisch-russischer Gemütlichkeit die Gitarre nicht fehlen, und so verbrachten wir den Rest des Nachmittags auf dem Dach, wobei am Anfang noch mehr gespielt wurde als nach der Leerung der restlichen Flaschen.
Die Sonne knallte von oben und wir alle bekamen einen Sonnenbrandt - außer Dima und Nastya, die sich intelligenterweise unter einen Sonnenschirm zurückgezogen hatten. Im Laufe des Abends kamen immer mehr Bekannte von Stasya. Ich war langsam besorgt, ob das Dach uns alle aushalten würde - es war schließlich nur ein Plattenbau, der mit Dachpappe abgedeckt war, und wie wir dort oben betrunken zwischen Antennen und hängenden Leitungen umherliefen, erschien mir auch nicht so besonders sicher. Aber wie immer, wenn man in einer Stimmung ist, kümmert man sich nicht darum.
Die Sonne begann klar und warm hinter den anderen Plattenbauten unterzugehen, im Stausee spiegelten sich die Fabriken an seinem Ufer - eine wahrhaft russische Romantik. Ein seltsamer Mann mit udmurtischer Kopfbedeckung begann auf Trommeln zu spielen. Wir lachten und scherzten, und je mehr der Abend fortschritt, desto mehr Russisch lernte ich... es waren vor allem Worte wie "Alkoholikerchen", und ich konnte auch selbst mit einigem Vokabular auftrumpfen, das man nicht unbedingt im Wörterbuch fand - als mich der Trinker zu beleidigen begann, ließ ich ihn wissen, dass ich seine Mutter gevögelt hätte. Stasya und ich gaben uns ein High-Five. Beim Rest des Abends wird jedoch meine Erinnerung langsam schwach, was aber hoffentlich nur daran liegt, dass es mittlerweile einen Monat her ist... wir gingen nach dem Feuerwerk nach draußen und endeten irgendwie in der Wohnung des Trinkers, der für alle einen großen Topf Pelmeni und Tee aufsetzte, allerdings besaß er nicht genug Geschirr für so viele Leute - wir waren mittlerweile bestimmt 10 Gäste; einige saßen um den Küchentisch, aßen und plauderten, andere gingen ins Wohnzimmer und begannen Musik abzuspielen. Olga wollte unbedingt wissen, ob Albert einen Forschungspreis gewonnen hatte, war aber zu schüchtern, um Internetzugang zu bitten. Ich fragte schließlich für sie und schüttelte innerlich den Kopf. Ein Partytier war sie nicht gerade. Doch ich sollte von ihr überrascht werden, denn wenige Minuten später begann sie mit mir zu tanzen - und wie! Auch die allgemeine Stimmung war irgendwo hin gekippt und wir konnten eine neu angekommene Bekannte von irgendwem beim Strippen bewundern. Wir waren wohl alle ziemlich hinüber. Dann begannen Olga und der Trinker wild zu knutschen - das erschien als offensichtliches Zeichen, dass der Abend vorbei war.
Dima und Nastya, und zwei mir unbekannte Partygäste begleiteten mich zum Wohnheim, wo ich überraschenderweise noch um diese Uhrzeit (war es drei Uhr morgens?) hineinkam, und ich musste gar nicht so lange klingeln und klopfen...
10.05.
Diese Nacht schlief ich schlecht. Es war kochend heiß im Zimmer, dass ich selbst mit offenem Fenster und ohne Decke noch schwitzte. Ich gab den Kampf schließlich auf, schnappte mir mein Notebook und ging ins Computerzimmer. Im Chat fand ich auch um diese Uhrzeit noch Leute aus Deutschland vor, dank der zwei Stunden Zeitunterschied. Nebenbei begann ich ein wenig und leise auf der Gitarre zu klimpern.
Gegen 5 Uhr ging die Sonne auf und ich fühlte mich müde genug zum Schlafen, außerdem war der erste Zocker schon wieder in den Computerraum gekommen und begann die Fußball-WM zu spielen.
Angenehmer war es zwar immer noch nicht geworden, aber für ein paar Stunden Schlaf reichte es.
Der Schädel brummte gewaltig, als ich gegen 10 Uhr aufstand. Nun war es doch die ideale Zeit, Olgas eingekochte Gurken auszuprobieren - die sollen angeblich helfen. Nur bekam ich das Glas nicht auf. Glücklicherweise fand ich Murik im Computerraum vor. Er sah mich mitleidig an und öffnete mir das Glas, indem er einfach den Deckel aufschnitt. Außerdem nötigte er mich dazu, Kefir zu probieren, denn das sei ebenfalls ein Wundermittel gegen den Kater. Ich holte ein Schnapsglas um die Flüssigkeit mit angemessener Vorsicht zu probieren. Es war das grausamste, das ich seit Langem probiert hatte, und ich konnte absolut nicht verstehen, wie Russen das normalerweise in 1-Liter-Beutel-Portionen trinken konnten. Die Gurken waren genauso grausam; mir gelang es nicht einmal eine halbe zu essen; sie waren völlig versalzen und hatten einen Nachgeschmack von Essig, sodass mir noch schlechter wurde als mir jetzt schon war... ich legte mich wieder ins Bett.
Am Nachmittag ging es mir langsam besser und ich ging Olga zu besuchen. Sie hatte entgegen aller Erwartungen die Nacht allein im eigenen Bett verbracht und war schon wieder fleißig am Lernen. Bald sollte die Prüfung in einem Fach stattfinden, zu dem es insgesamt wohl höchstens zwei Vorlesungen gegeben hatte, weil Albert natürlich immer etwas Wichtigeres zu erledigen gehabt hatte. Nun hatte er seinen Studenten aufgetragen, sein Buch zu dem Thema zu lesen. Das war allerdings auf Russisch, weshalb ich beschlossen hatte, diese Prüfung nicht mitzuschreiben. Aber ich hatte auch ohne diese Prüfung genug zu erledigen; da waren zum einen die üblichen Cisco-Prüfungen, und zum anderen drohte die Prüfung im Fach Antennen, zu der ich noch einen ganzen A4-Zettel mit Fragen ausarbeiten musste. - Dennoch, ein wenig Zeit zum Treffen mit Freunden blieb immer.
Olga tischte mir Kuchen auf und bestand darauf, dass ich auch welchen mit nach Hause nahm, denn sie hatten bereits zwei ganze Kuchen gegessen und konnten einfach nicht mehr. Sie hatten sie von Nachbarn und Freunden bekommen, genauer gesagt, Olgas Großmutter hatte sie bekommen, denn der 9. Mai war auch der Feiertag der Kriegsgeneration, die für all ihre Entbehrungen eben Kuchen bekamen.
Am Abend war ich bei Dima und Nastya eingeladen. Wir hatten davon gesprochen, dass sie einen seltsamen holländischen Film kannten, den ich mir unbedingt anschauen sollte - er hieß "Naar de Klote", was soviel hieß wie "in die Eier" oder weniger wörtlich heißt, dass alles den Bach runter geht.
Als ich heute zu ihnen kam und der Fahrstuhl auf jeder Etage anhält und die Türen öffnete, musste ich lächeln... das war so typisch Russland. Und ich habe mich so dran gewöhnt, dass immer etwas nicht ganz funktioniert, weggebrochen ist oder ungewöhnliche Geräusche macht, dass ich es echt vermissen werde, wenn ich Russland verlasse - sogar meinen Poltergeist-Kühlschrank, den ich mittlerweile gar nicht mehr hörte.
Dima öffnete mir grinsend die Tür und Nastya setzte Tee auf. Dann holte sie eine große Pfanne hervor und goss Öl hinein, dann Maiskörner aus einer Tüte hinterher. Das sollte Popcorn werden. Der erste Versuch verbrannte, und so gingen wir hinunter in den Supermarkt um eine neue Tüte zu kaufen - aber auch nicht mehr. Normalerweise wird so etwas zu einem ausgedehnten Einkaufsbummel, aber nicht bei Nastya. Die nächste Ladung gelang, aber als Nastya das Popcorn mit Salz anrichten wollte, stöhnte ich entsetzt auf. Waren die Deutschen denn die einzigen, die Popcorn süß aßen? Ich erzählte, dass man es wunderbar mit Honig zubereiten konnte, aber Honig war sehr teuer in Russland und Nastya hatte kein Glas im Haus. So aßen wir das Popcorn als Kompromiss nur mit Butter.
Der Film war wirklich ziemlich merkwürdig; es wurde wenig gesprochen, aber wenn, dann auf Holländisch. Eigentlich bestand der Film nur Techno-Musik und grellen Farben, und natürlich Drogen. Danach fühlten wir uns alle allein vom Anschauen des Films irgendwie high und beschlossen, die Runde in die Küche zu verlegen um Tee zu trinken.
Ich hatte einige der Ausdrücke übersetzt, hauptsächlich die Schimpfworte, und so fühlte sich nun Dima dazu verpflichtet, meinen russischen Schimpfwortschatz aufzubessern. Besonders lustig fanden wir es, als wir den holländischen und russischen Wortschatz abglichen - vor längeren hatten Matthias und ich die Theorie aufgestellt, dass jedes holländische Wort ein Schimpfwort in einer anderen Sprache ist. Zu der Sammlung kann man nun das Wort "schat" hinzufügen, das dem Russischen Wort für "scheißen" ziemlich ähnlich klingt.
Wie kam überhaupt ein holländischer Film nach Russland, fragte ich. Sie erzählten mir, dass ein Freund von ihnen den Film in einem alternativen Kino gezeigt hatte, und dass er sogar holländisch sprach und den Film für sie übersetzt hatte, wodurch sie den Sinn des Films zwischenzeitlich verstanden hatten, aber mittlerweile nicht mehr.
Nun wurde es spät und im Wohnheim war heute eine neue Etagen-Omi verantwortlich, von der ich nicht sagen konnte, ob sie das Zuspätkommen dulden würde, deshalb nahm ich gerne die Einladung an, bei Dima und Nastya zu übernachten. Ihre Wohnung war nicht groß; das Wohnzimmer wurde nachts durch Ausklappen der Couch zum Schlafzimmer, und erst bestanden sie darauf, dass ich das "Bett" nahm, aber ich erzählte ihnen, wie toll ich es in Usbekistan gefunden hatte, wo wir zu siebend auf Decken auf dem Boden geschlafen hatten, und dass ich es sogar bevorzugen würde, auf dem Boden zu schlafen... anders konnte man der Höflichkeit der Russen nicht entgegentreten.
Es wurde noch eine lange Nacht, wir schwatzend bestimmt bis 3 Uhr morgens durch und hörten selbst dann nicht auf, als wir schon im Dunkeln in den Betten lagen. Ich mochte die beiden wirklich gern; Dima und Nastya waren Menschen, auf die man immer zählen konnte.
11.05.
Dima und ich quälten uns früh am Morgen nur mit Mühe aus dem Bett, während Nastya schon munter in der Wohnung herumsprang. Mehr als 4 oder 5 Stunden Schlaf waren es bestimmt nicht gewesen, doch Nastya brauchte auch nicht mehr. Dima hingegen war eine Schlafmütze wie ich und lag bis zur letzten Minute im Bett, bis es wirklich Zeit war aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Es war wirklich keine gute strategische Planung gewesen, so einen Abend mitten in der Woche zu veranstalten.
Ich als fauler Student konnte mich noch einmal aufs Ohr hauen, was ich auch tat, jedoch nicht lange, da es noch genug für mich zu Studieren gab. Und damit natürlich wieder Verwirrungen, seit Albert wieder alles organisierte. Erst hieß es, die Praktika würden dieses Semester montags stattfinden, dann schickte Albert eine Korrektur nach: Nein, doch dienstags. Also war ich im festen Glauben, heute ein Praktikum zu haben, denn es war Dienstag, aber da flatterte von Albert eine Mail herein, in der er schrieb, die Vorlesungen für die Ägypter begännen wieder am Mittwoch, und das Praktikum fände am Donnerstag statt. Ich stellte noch einmal die Rückfrage: Ist das eine Ausnahme, dass das Praktikum am Donnerstag ist? Darauf erhielt ich keine Antwort mehr und beschloss, nicht auf gut Glück zu Gebäude 5 zu fahren, zumal auch der Russischkurs ausfiel, der davor hätte stattfinden sollen.
12.05.
Heute gab Albert die erste reguläre Veranstaltung seit fast drei Wochen.
Eigentlich war fast damit zu rechnen gewesen, dass mir er mich gleich als erstes fragte, warum ich denn gestern nicht zum Praktikum gegangen war - das war so typisch für ihn. Ich erklärte ihm, dass er in seiner Mail geschrieben hatte, das Praktikum fände am Donnerstag statt. Er erwiderte, dass er damit das Praktikum der Ägypter gemeint hatte. Ich sah ihn zweifelnd an: "Aber ich hab dir doch sogar noch eine Mail geschrieben und nachgefragt - liest du überhaupt meine Mails?" Daraufhin grinste er nur vielsagend. Doch damit war es nicht genug... in den nächsten Tagen zog er mich mehrfach damit auf, dass ich nicht vergessen solle, am Dienstag zum Praktikum zu gehen... Ich beschloss, diese Anmerkungen als Selbstironie durchgehen zu lassen. Zumal ich ja auch froh war, dass er von den Toten zurückgekehrt war, doch er hustete immer noch wie ein Kettenraucher. Ich gab ihm eine Packung Halstabletten, die ich zufällig dabei hatte und frage ihn, was ihm nun eigentlich gefehlt hätte, aber das wusste er auch nicht so genau. Er sei beim Arzt gewesen, der hätte ihm vor allem viel Schlaf verschrieben. Als es nach einer Woche immer noch nicht gebessert hatte, rief er einen befreundeten Arzt an und ließ sich über das Telefon diagnostizieren. Der Freund kam zur gleichen Schlussfolgerung wie der erste Arzt. Für mich klang das eher wie russisches Krankheitsroulette: "Entweder es ist was Harmloses, dann geht es von allein wieder weg - oder es ist etwas Ernstes, aber wie wahrscheinlich ist das?"
Ich bin auch etwas im Zweifel über die Versorgung in russischen Krankenhäusern, seit ich eine Comedy-Sendung im Fernsehen gesehen hatte, in der zwei Patienten Poker spielten - wer gewann, durfte sich den Tropf anstecken. Ein Krümelchen Wahrheit wird wohl in diesem Sketsch gesteckt haben.
Nach der Vorlesung hatte Albert etwas Zeit und wir beschlossen, das Mittagessen nachzuholen, zu dem wir uns vor seiner Grippe verabredet hatten. Wenn schon - denn schon, schien er sich zu denken und führte mich in ein gehobeneres Café aus - Café Bravo an der Wendeschleife der Straßenbahnlinie 1 - in dem er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war, aber er meinte, dass es nachts zu einem Striplokal wurde. Ich fragte nicht nach, woher er das wusste.
Ich bestellte das gleiche wie Albert, weil es das einfachste war, das gleiche noch einmal zu bestellen, anstatt sich durch den Dschungel russischer Wörter für Vorspeisen und Beilagen zu kämpfen. Es war ein Stück Fisch mit Gräten, und weiß Gott war ich froh, dass mir mein Vater beigebracht hatte, wie man die Rückengräte auf elegante Weise entfernte - wenn ich mir auch sonst nicht viel an Tischmanieren angeeignet hatte. Zum Nachtisch hatte ich mir eine Art Wackelpudding mit Früchten genommen, der jedoch gewöhnungsbedürftig süß im Vergleich zu seinen deutschen Verwandten war. Albert hatte sich eine andersfarbige Variante geholt und wir probierten gegenseitig von unseren Desserts. Hmm, Bazillen...
Wir sprachen auch darüber, dass es wohl langsam an der Zeit wäre, über meine Masterarbeit nachzudenken, oder sie zumindest an-zudenken, wobei ich das Wort "pre-think" kreierte und Albert mich zweifelnd ansah. Aber nach meiner Erklärung dieses Wortes versprach er, mir heute noch die Materialen zu schicken, die ich zu dem Thema lesen sollte. Ich fragte ihn, wie er sich nur immer an all die Sachen erinnern könne, die er noch zu erledigen hatte. Er erwiderte lachend: "Ich erinnere mich nicht!" Das erklärte einiges, und ich meinte, dass es nicht so dringend wäre, da ich sowieso noch den Rest der Woche für meine Antennen-Prüfung am Samstag lernen musste.
Wir gingen zu Fuß zurück zur Uni, und während wir lachend die bewaldeten Wege entlang spazierten, wurde mir erst bewusst, wie sehr ich ihn als Freund in den letzten Wochen vermisst hatte. Er konnte ein wirklich guter Freund sein, wenn er etwas Freizeit und nicht gerade zwölf andere Dinge zur gleichen Zeit zu erledigen hatte. Und er war auch so etwas wie ein Beschützer und eine Vaterfigur für mich.
Als ich nach Hause kam, lief das Wasser in der Dusche und heißer Dampf kam unter der Tür hervor. Erst kümmerte ich mich nicht darum, aber als eine Stunde später immer noch das Wasser lief, fragte ich mich dann doch, wie lange man so lange duschen konnte. Dann stellte später fest, dass das Licht aus war, öffnete die Tür und mir kam ein Schwall heiße Luft entgegen. Etwas erschrocken öffnete ich vorsichtig den Duschvorhang, einen geplatzten Boiler oder Schlimmeres erwartend, aber es lief einfach nur das heiße Wasser. Bestimmt schon den ganzen Tag. Ressourcen wurden in Russland gerne verschwendet. Ich schob mich an der Wand entlang zum Wasserhahn und drehte ihn ab. Meine Brille war sofort vom heißen Dampf beschlagen. Ich fragte mich ernsthaft, wie man die Duschen verlassen, das Licht löschen aber vergessen konnte, den Wasserhahn abzudrehen.
Heute Abend sollte ich jedoch hinter ein anderes Rätsel kommen: Seit Wochen schon war mir immer wieder ein seltsamer Geruch aufgefallen, etwa wie in Butter gebratenes Lachsfilet, aber sehr viel intensiver. Ich persönlich hatte es schon lange unter "Jemand kocht Essen" mental abgeheftet, aber Murik hatte mich wieder einmal darauf aufmerksam gemacht. Er hasste diesen Geruch und verrammelte ärgerlich die Balkontür im Computerraum als der Wind den Geruch ins Zimmer trieb. Auch er hatte lange gerätselt, woher dieser Geruch kam, und heute hatten sich die Verursacher gestellt: Die beiden Jungs aus irgendeinem -istan-Land, denen ich den Spitznamen "Frettchen-Brüder" gegeben hatte, saßen mit einer riesigen Wasserpfeife auf dem Balkon. Der Geruch kam von der Kohle, die sie in der Küche auf dem Ofen erhitzt hatten, und begleitet wurde ihre Tätigkeit von einem Geräusch, als würde ein Heißluftballon starten. Wasserpfeifen waren nichts Neues für mich nach zwei Monaten Usbekistan, aber so eine belästigende Variante wie diese hatte ich noch nie gesehen, gehört und gerochen.
Murik kam zwar auch aus einem -istan-Land, nämlich Turkmenistan, aber er hatte mit dieser Kultur nicht viel am Hut, was wahrscheinlich auch der Grund war, weshalb wir uns so gut verstanden. Und wahrscheinlich auch, weil er so gut Englisch sprach. Mit den anderen Jungs - außer Tofik - hatte ich selten mehr als ein "Privet" gewechselt. Es ist schwieriger als man denkt, alle Menschen gleich zu behandeln, und gerade bei jungen Männern aus islamisch geprägten Ländern scheint immer eine unsichtbare Barriere zwischen uns zu bestehen. Ich hatte tatsächlich ein engeres Verhältnis zu unseren Professoren als zu meinen ägyptischen Mitstudenten.
Ich hatte schon ein paarmal erwähnt, dass Murik gerne kochte. Das tat er vor allem, wenn seine Freundin zu Besuch war. So auch heute, und es blieb wieder ein großer Teller Suppe für mich übrig. Schon allein deshalb hatte es sich gelohnt, Geschirr zu kaufen, auch auf die Gefahr hin, dass es wieder geklaut werden würde. Der Suppenteller hatte einen Goldrand, und es stellte sich nicht als gute Idee heraus, die Suppe darin in der Mikrowelle aufzuwärmen, denn schon flogen die Funken. Ich rettete die Suppe in einen anderen Teller ohne Goldrand, und dann endlich konnte ich sie genießen... sie schickte mich auf eine kulinarische Kopfreise; ich war so begeistert davon, dass ich Murik bat, mir beizubringen, wie man so eine Suppe kochte. Er nahm mich beim Wort; schon wenige Tage später bekam ich eine erste Lektion im Kochen von Borschtsch-Eintopf.
13.05.
Diese Woche stand unter dem Thema "Feuerschutz", weshalb überall die Rauchmelder abgestaubt, manchmal auch kontrolliert wurden, und in allen Uni-Gebäuden und Wohnheimen Feuerübungen stattfinden sollte, die darin bestanden, dass jeder nach dem Hören des Alarms nach draußen rennen und 100 Meter vom Gebäude entfernt warten sollte.
Die verantwortlichen Organisationstalente hatten es geschafft, den Feueralarm genau dann anzusetzen, wenn Olga ihre Prüfung schrieb. Sie nutzten dafür ein Computersystem, das es unmöglich machte, die Prüfung zwischendrin zu pausieren - die Zeit lief weiter ab, genau 60 Minuten. Albert hatte schon gescherzt, dass er allein hinausrennen und sagen würde, er sei der einzige, der in diesem Kurs anwesend war. Aber es war Russland - da konnte man Gebäude-Evakuationen getrost ignorieren.
Nach der Prüfung traf ich mich mit Olga auf ein Picknick um die bestandene Prüfung zu feiern - natürlich hatte sie mit 97% abgeschlossen, etwas anderes hätte ich von ihr gar nicht erwartet. Nun, vielleicht 100%. Wir fuhren ins Zentrum, an den schönsten Platz der ganzen Stadt: Eingerahmt von Bäumen, Springbrunnen und einem Theater. Aus den Lautsprechern kam zum Sprudeln der Fontänen klassische Fahrstuhlmusik, und Olga zeigte sich sehr verblüfft, dass man in Europa Musik in Fahrstühlen hatte. Es war sehr heiß, schon seit Tagen waren um die 26-27 Grad mit prallem Sonnenschein und keinem Wölkchen am Himmel. So war es mir an der Zeit erschienen, doch einmal Sonnencreme zu kaufen - vorher hatte ich nicht damit gerechnet, mit in Russland einen Sonnenbrand zu holen, doch auch hier gab es heiße Sommer. Nicht weit entfernt befanden sich viele Kaufhäuser, und nach einer langen Suche fanden wir schließlich im Kellergeschoss des ZUM-Kaufhauses eine Drogerie, die überteuerte Sonnencreme verkaufte. Aber wahrscheinlich sind Kosmetikprodukte im Allgemeinen in Russland teurer als in Deutschland, selbst für ein einfaches Deo-Spray hatte ich gut 4 Euro gezahlt.
So saßen wir also am Springbrunnen und genossen es, dass der Wind ab und zu etwas Wasser zu uns trieb und uns abkühlte; wir schmierten uns gründlich mit der Sonnencreme ein, sodass viele Hautstellen noch weiß voller Creme waren, doch als ich sie Olga aus dem Gesicht wischen wollte, zeigte sich, wie gut vorbereitet russische Frauen waren: Sie hatte einen Spiegel dabei. Und das, obwohl sich für die russischen Frauen in den meisten öffentlichen Einrichtungen lebensgroße Spiegel befanden.
Ich hatte Birnen, Saft und Kekse dabei, und so ließen wir es uns gut gehen. Wahrscheinlich zu gut, denn eine Frau drückte uns einen Werbezettel der Anonymen Alkoholiker in die Hand. Wir lachten uns darüber schlapp.
Nach einer Stunde musste Olga schon wieder los, weiterlernen... wir nahmen ausnahmsweise die Straßenbahn, die nicht an meiner gewohnten Haltestelle hielt, sondern in der Nähe des Zoos. Hier begegnete mir eine völlig veränderte Landschaft. Seit dem letzten Mal war das Gras ist plötzlich in die Höhe geschossen und die Bäume hatten sich dicht begrünt und begannen zu blühen; es war ein regelrechter Dschungel im Vergleich zur kargen grauen Winterlandschaft. In der Tat sah alles so verändert aus, dass ich mich fragte, ob diese Bäume schon immer hier gestanden hatten.
Das Wetter war sehr ungewöhnlich für Mitte Mai, genau wie der Schnee Ende April. Ich war gespannt, welche Wetterkapriolen noch folgen würden.
09.05.
Der 9. Mai ist wohl der befremdlichste Feiertag für eine Deutsche in Russland, denn man feiert im ganzen Land mit Militärparaden den Sieg über Deutschland im zweiten Weltkrieg. Es ist kein schönes Thema, aber was konnte man da anderes machen als mitzufeiern? Zumal es wirklich ein Grund zum Feiern ist, dass damals den Verbrechen und dem Größenwahn des faschistischen Deutschlands Einhalt geboten werden konnten.
Wieder früh am Morgen war ich mit Olga bei Dima und Nastya zu Hause verabredet um anschließend gemeinsam zu der Parade zu gehen. Olga traf ich zur verabredeten Zeit nicht an, doch es war immer ein wenig schwierig, mit ihr zu telefonieren, weil wir die Hände zum Sprechen dabei nicht gebrauchen konnten, also rief ich Dima an, ob sie vielleicht schon bei ihm sei. Er bestätigte das. Los ging es aber noch lang nicht. Gerade jetzt waren wieder irgendwo Internetleitungen ausgefallen und sonst schien niemand in Dimas Unternehmen kompetent genug zu sein das Problem zu beheben. Während er telefonierte und sich Kontrollausgaben auf seinen Bildschirm holte, saßen wir in der Küche, tranken Tee und Kater Vasily strich zwischen unseren Beinen herum. Er war geschoren worden und sah nun wie ein beleidigtes Schweinchen aus; nur noch ein Kragen aus langem Fell und eine zottelige Schwanzspitze waren ihm geblieben.
Gut eine halbe Stunde später waren wir zum Aufbruch bereit, wobei es bei Dima naturgemäß immer etwas länger dauerte bis er in die Gänge kam, deshalb wir demonstrativ das Haus verließen und vor der Tür auf ihn warteten. Nastya meinte dazu auch, dass er sogar im Bad länger brauchte als sie.
Izhevsk ist ein Dorf, in dem sich jeder kennt, und so überraschte es mich wenig, dass Nastya meinte, Artjom wollte uns im Zentrum treffen. Die beiden kannten sich über Artjoms Schwester. Wahrscheinlich brauchte man deshalb in Russland keine Telefonbücher - man konnte sicher jede Telefonnummer über einen Bekannten von Bekannten eines Bekannten herausfinden.
Die Straßenbahnen waren voll, aber nicht ganz so voll wie am 1. Mai, dafür standen im Zentrum vor dem Präsidentenpalast die Schaulustigen in fünf bis sechs Reihen hintereinander die gesamte Straße entlang. Die Veranstaltung hatte wieder einen regelrechten Volksfestcharakter; überall wurden Essbares und bunte, blinkende Spielereien aus China verkauft. Wir quetschten uns in die Menge, und mein Blick wurde hauptsächlich von Luftballons versperrt, nicht etwa von anderen Köpfen.
Stramm und still standen die Uniformierten in der heißen Mai-Sonne und warteten auf ein Signal.
Das Signal kam aus einem Lautsprecher: Man übertrug live die Parade vom Roten Platz in Moskau, mit dem Ziel, dass überall im Land die Paraden zur gleichen Zeit begannen.
Der Sprecher kündigte feierliche die Kompanien mit ihren Kommandanten an und ich begann mich zu langweilen. Er sprach langsam und deutlich genug um ihn zu verstehen, aber nach einer Weile hörte ich gar nicht mehr zu. Unsere Soldaten rührten sich immer noch nicht und Dima weihte mich in ein Geheimnis ein: Das seien gar keine Soldaten, sondern Kollegen aus Telekommunikationsunternehmen, Polizisten und Studenten. Sogar eine Schülergruppe war dabei.
Der Sprecher begann eine Rede über das Ende des Kriegs und die tapferen Soldaten zu halten, unser Präsident sprach nun auch noch einige Wort und dann endlich setzten sich die Uniformierten in Bewegung, das heißt, sie drehten sich nach rechts um. Wieder passierte erstmal nichts, doch dann kam das Signal zum Losmarschieren. Sie stapften einmal die Straße hinunter und wieder hinauf, und dann war die Parade auch schon vorbei. Ich hatte ja gehofft, Herrn Kalaschnikow zu sehen, aber mit über 90 Jahren war er wahrscheinlich nicht mehr so sehr an Militärparaden interessiert. Gergö hatte behauptet, dass Kalaschnikow wahrscheinlich gar nicht mehr lebte, und dass sie ihn bei den wenigen offiziellen Veranstaltungen durch einen Doppelgänger ersetzt haben bzw. ersetzen werden. Das fiele erstmal nicht auf, höchstens vielleicht mit 120 Jahren. Russland ist schließlich ein Land, das vor allem von viel Schein beherrscht wird.
Im Laufe der Veranstaltung konnte ich immer weiter durch die Menschenmenge nach vorne rutschen, wenn sich Leute mit schwachen Blasen und quengelnden Kindern aus den ersten Reihen entfernten, sodass ich gegen Ende der Parade in der ersten Reihe stand.
Anschließend gingen wir in den Park hinunter zum ewigen Feuer. Der offene Platz war an diesem Tag voller Familien, die ihren Großeltern zuliebe diesen Tag feierten; sie legten rote Nelken an den Gedenksteinen nieder. Sehr viele Veteranen mit glänzenden Orden an der Brust hatten sich hier versammelt, und gebeugte Omichen schenkten ihnen Blumen. Aus den Lautsprechern kam traditionelle russische Musik. Die Menge drängte sich zusammen um Platz zu machen für den Wachwechsel: Junge Kerle mit gefährlichen Waffen im Stechschritt.
Nach den offiziellen Feierlichkeiten begannen die eigentlichen Feierlichkeiten, denn wir waren ja in Russland... Wir suchten den nächsten Supermarkt auf, ich besorgte die Lebensmittel für ein Picknick, und Dima den Wodka. Artjom und seine Freundin begleiteten uns zwar, aber sie machten keine Anstalten, sich am Feiern beteiligen zu wollen. Artjom war genau wie Olga ein Botanik, ein Streber, doch Olga stieß heute mit uns an, und zwar auf einem Spielplatz. Wir nahmen alle auf einem Karussell Platz, das sich bald mehr durch den Wodka drehte als es physikalisch möglich gewesen wäre.
Dima hatte ein Teufelszeug gekauft: Nemiroff mit Peperoni-Zusatz. Es brannte in Lunge und Augen, wenn man es sich die Kehle hinunter kippte. Zum Glück hatten wir Schokolade und Saft um den Geschmack auszulöschen, und Olga hatte Sandwiches geschmiert und mitgebracht. Ich hatte auch Sonnenblumenkerne gekauft, musste mir aber erklären lassen, dass zivilisierte Russen sowas eigentlich nie äßen. Es sei den sogenannten Gopniks vorbehalten - Leute mit geringer Bildung, die den ganzen Tag nur herumsaßen, tranken und Sonnenblumenkerne ausspuckten, und gegen Abend begannen, im Rudel Passanten anzumachen und zu versuchen, sie in einen Faustkampf zu verwickeln, oder auch jemandem die Gitarre zu klauen, wenn er sie mit sich herumtrug. Alles in allem keine Leute, denen man mit Freude im Dunkeln begegnet.
In unserer Spielplatzgesellschaft sah es nicht so aus, als wollen die meisten mit uns anstoßen; bisher tranken nur Olga, Dima und ich - deshalb kontaktierte Dima einen Bekannten, den er als "Trinker" bezeichnete. Wir trafen ihn auf einem anderen Spielplatz, er hatte eine 2-Liter-Plastik-Flasche Bier der Marke "grün" dabei, die er allein trank, nahm aber auch gern den Rest unseres Peperoni-Wodkas dazu. Wir merkten, dass unserer Vorräte mit ihm nicht ausreichen würde und gingen gemeinsam in den nächsten Supermarkt um mehr zu kaufen. Wir sprachen über Kalaschnikow und der Trinker wusste sogar, wo Herr Kalaschnikow wohnt und führte uns zu seinem Haus: Straße Sowjetskaja 21a, mitten im Zentrum. Die Information war wahrscheinlich korrekt, weil ich schon vorher gehört hatte, dass er irgendwo in der Sowjetskaja-Straße wohne. Klingeln wollte ich dann aber doch nicht. Was hätte ich auch mit ihm sprechen können?
Der Trinker bestand auch darauf, fettige Wurst zu kaufen, denn das sei die beste Kombination mit Wodka. Den Wodka spendierte er dann auch gleich. Wir fanden einen schönen ruhigen Platz auf einem Hinterhof, auf dem eine Bank stand, und daneben war ein Baum gefällt und in darauf sitzbare Stücke gesägt worden. Dima begann sie heran zu rollen und im Halbkreis um die Bank herum aufzustellen. Den Wodka schütteten wir in mitgebrachte Plastikbecher, die wir füllten, als wäre es nur Saft, die Wurst wurde nach dem Trinken herumgereicht wie ein Joint und jeder biss davon ab. Leider können die Russen keine Wurst herstellen; es schmeckt immer als wäre der Hauptbestandteil davon Pappe.
Der Trinker füllte unsere Gläser schneller als es mir lieb war und meinte dazu: "Zwischen dem ersten und zweiten Glas darf nach alter Tradition nicht viel Zeit vergehen." Ich entgegnete, es sei doch schon das fünfte Glas, doch er konterte, es sei das erste Glas von dieser Flasche... und so waren wir relativ gut abgefüllt als wir schließlich zu Stasya fuhren - sie hatte ich am 1. Mai kennengelernt und nicht gedacht, dass ich sie noch einmal wiedersehen würde.
Doch Stasya bildete praktisch das Zentrum dieses sehr ausgedehnten Freundeskreises. Bei ihr - oder genauer gesagt auf ihrem Hausdach - lief alles zusammen.
Sie wohnte im obersten Stockwerk eines Plattenbaus, zufälligerweise in der Nähe von Olga, Dima und auch des Trinkers. Und auch nur drei Busstopps entfernt befand sich unsere Uni. Izhevsk war wirklich ein Dorf - mit über 600.000 Einwohnern.
Es stellte sich als nicht besonders schwierig heraus, im angetrunkenen Zustand die Feuerleiter hochzuklettern, nachdem Dima es geschafft hatte, die schwere Dachluke aufzustoßen.
Natürlich konnte nach typisch-russischer Gemütlichkeit die Gitarre nicht fehlen, und so verbrachten wir den Rest des Nachmittags auf dem Dach, wobei am Anfang noch mehr gespielt wurde als nach der Leerung der restlichen Flaschen.
Die Sonne knallte von oben und wir alle bekamen einen Sonnenbrandt - außer Dima und Nastya, die sich intelligenterweise unter einen Sonnenschirm zurückgezogen hatten. Im Laufe des Abends kamen immer mehr Bekannte von Stasya. Ich war langsam besorgt, ob das Dach uns alle aushalten würde - es war schließlich nur ein Plattenbau, der mit Dachpappe abgedeckt war, und wie wir dort oben betrunken zwischen Antennen und hängenden Leitungen umherliefen, erschien mir auch nicht so besonders sicher. Aber wie immer, wenn man in einer Stimmung ist, kümmert man sich nicht darum.
Die Sonne begann klar und warm hinter den anderen Plattenbauten unterzugehen, im Stausee spiegelten sich die Fabriken an seinem Ufer - eine wahrhaft russische Romantik. Ein seltsamer Mann mit udmurtischer Kopfbedeckung begann auf Trommeln zu spielen. Wir lachten und scherzten, und je mehr der Abend fortschritt, desto mehr Russisch lernte ich... es waren vor allem Worte wie "Alkoholikerchen", und ich konnte auch selbst mit einigem Vokabular auftrumpfen, das man nicht unbedingt im Wörterbuch fand - als mich der Trinker zu beleidigen begann, ließ ich ihn wissen, dass ich seine Mutter gevögelt hätte. Stasya und ich gaben uns ein High-Five. Beim Rest des Abends wird jedoch meine Erinnerung langsam schwach, was aber hoffentlich nur daran liegt, dass es mittlerweile einen Monat her ist... wir gingen nach dem Feuerwerk nach draußen und endeten irgendwie in der Wohnung des Trinkers, der für alle einen großen Topf Pelmeni und Tee aufsetzte, allerdings besaß er nicht genug Geschirr für so viele Leute - wir waren mittlerweile bestimmt 10 Gäste; einige saßen um den Küchentisch, aßen und plauderten, andere gingen ins Wohnzimmer und begannen Musik abzuspielen. Olga wollte unbedingt wissen, ob Albert einen Forschungspreis gewonnen hatte, war aber zu schüchtern, um Internetzugang zu bitten. Ich fragte schließlich für sie und schüttelte innerlich den Kopf. Ein Partytier war sie nicht gerade. Doch ich sollte von ihr überrascht werden, denn wenige Minuten später begann sie mit mir zu tanzen - und wie! Auch die allgemeine Stimmung war irgendwo hin gekippt und wir konnten eine neu angekommene Bekannte von irgendwem beim Strippen bewundern. Wir waren wohl alle ziemlich hinüber. Dann begannen Olga und der Trinker wild zu knutschen - das erschien als offensichtliches Zeichen, dass der Abend vorbei war.
Dima und Nastya, und zwei mir unbekannte Partygäste begleiteten mich zum Wohnheim, wo ich überraschenderweise noch um diese Uhrzeit (war es drei Uhr morgens?) hineinkam, und ich musste gar nicht so lange klingeln und klopfen...
10.05.
Diese Nacht schlief ich schlecht. Es war kochend heiß im Zimmer, dass ich selbst mit offenem Fenster und ohne Decke noch schwitzte. Ich gab den Kampf schließlich auf, schnappte mir mein Notebook und ging ins Computerzimmer. Im Chat fand ich auch um diese Uhrzeit noch Leute aus Deutschland vor, dank der zwei Stunden Zeitunterschied. Nebenbei begann ich ein wenig und leise auf der Gitarre zu klimpern.
Gegen 5 Uhr ging die Sonne auf und ich fühlte mich müde genug zum Schlafen, außerdem war der erste Zocker schon wieder in den Computerraum gekommen und begann die Fußball-WM zu spielen.
Angenehmer war es zwar immer noch nicht geworden, aber für ein paar Stunden Schlaf reichte es.
Der Schädel brummte gewaltig, als ich gegen 10 Uhr aufstand. Nun war es doch die ideale Zeit, Olgas eingekochte Gurken auszuprobieren - die sollen angeblich helfen. Nur bekam ich das Glas nicht auf. Glücklicherweise fand ich Murik im Computerraum vor. Er sah mich mitleidig an und öffnete mir das Glas, indem er einfach den Deckel aufschnitt. Außerdem nötigte er mich dazu, Kefir zu probieren, denn das sei ebenfalls ein Wundermittel gegen den Kater. Ich holte ein Schnapsglas um die Flüssigkeit mit angemessener Vorsicht zu probieren. Es war das grausamste, das ich seit Langem probiert hatte, und ich konnte absolut nicht verstehen, wie Russen das normalerweise in 1-Liter-Beutel-Portionen trinken konnten. Die Gurken waren genauso grausam; mir gelang es nicht einmal eine halbe zu essen; sie waren völlig versalzen und hatten einen Nachgeschmack von Essig, sodass mir noch schlechter wurde als mir jetzt schon war... ich legte mich wieder ins Bett.
Am Nachmittag ging es mir langsam besser und ich ging Olga zu besuchen. Sie hatte entgegen aller Erwartungen die Nacht allein im eigenen Bett verbracht und war schon wieder fleißig am Lernen. Bald sollte die Prüfung in einem Fach stattfinden, zu dem es insgesamt wohl höchstens zwei Vorlesungen gegeben hatte, weil Albert natürlich immer etwas Wichtigeres zu erledigen gehabt hatte. Nun hatte er seinen Studenten aufgetragen, sein Buch zu dem Thema zu lesen. Das war allerdings auf Russisch, weshalb ich beschlossen hatte, diese Prüfung nicht mitzuschreiben. Aber ich hatte auch ohne diese Prüfung genug zu erledigen; da waren zum einen die üblichen Cisco-Prüfungen, und zum anderen drohte die Prüfung im Fach Antennen, zu der ich noch einen ganzen A4-Zettel mit Fragen ausarbeiten musste. - Dennoch, ein wenig Zeit zum Treffen mit Freunden blieb immer.
Olga tischte mir Kuchen auf und bestand darauf, dass ich auch welchen mit nach Hause nahm, denn sie hatten bereits zwei ganze Kuchen gegessen und konnten einfach nicht mehr. Sie hatten sie von Nachbarn und Freunden bekommen, genauer gesagt, Olgas Großmutter hatte sie bekommen, denn der 9. Mai war auch der Feiertag der Kriegsgeneration, die für all ihre Entbehrungen eben Kuchen bekamen.
Am Abend war ich bei Dima und Nastya eingeladen. Wir hatten davon gesprochen, dass sie einen seltsamen holländischen Film kannten, den ich mir unbedingt anschauen sollte - er hieß "Naar de Klote", was soviel hieß wie "in die Eier" oder weniger wörtlich heißt, dass alles den Bach runter geht.
Als ich heute zu ihnen kam und der Fahrstuhl auf jeder Etage anhält und die Türen öffnete, musste ich lächeln... das war so typisch Russland. Und ich habe mich so dran gewöhnt, dass immer etwas nicht ganz funktioniert, weggebrochen ist oder ungewöhnliche Geräusche macht, dass ich es echt vermissen werde, wenn ich Russland verlasse - sogar meinen Poltergeist-Kühlschrank, den ich mittlerweile gar nicht mehr hörte.
Dima öffnete mir grinsend die Tür und Nastya setzte Tee auf. Dann holte sie eine große Pfanne hervor und goss Öl hinein, dann Maiskörner aus einer Tüte hinterher. Das sollte Popcorn werden. Der erste Versuch verbrannte, und so gingen wir hinunter in den Supermarkt um eine neue Tüte zu kaufen - aber auch nicht mehr. Normalerweise wird so etwas zu einem ausgedehnten Einkaufsbummel, aber nicht bei Nastya. Die nächste Ladung gelang, aber als Nastya das Popcorn mit Salz anrichten wollte, stöhnte ich entsetzt auf. Waren die Deutschen denn die einzigen, die Popcorn süß aßen? Ich erzählte, dass man es wunderbar mit Honig zubereiten konnte, aber Honig war sehr teuer in Russland und Nastya hatte kein Glas im Haus. So aßen wir das Popcorn als Kompromiss nur mit Butter.
Der Film war wirklich ziemlich merkwürdig; es wurde wenig gesprochen, aber wenn, dann auf Holländisch. Eigentlich bestand der Film nur Techno-Musik und grellen Farben, und natürlich Drogen. Danach fühlten wir uns alle allein vom Anschauen des Films irgendwie high und beschlossen, die Runde in die Küche zu verlegen um Tee zu trinken.
Ich hatte einige der Ausdrücke übersetzt, hauptsächlich die Schimpfworte, und so fühlte sich nun Dima dazu verpflichtet, meinen russischen Schimpfwortschatz aufzubessern. Besonders lustig fanden wir es, als wir den holländischen und russischen Wortschatz abglichen - vor längeren hatten Matthias und ich die Theorie aufgestellt, dass jedes holländische Wort ein Schimpfwort in einer anderen Sprache ist. Zu der Sammlung kann man nun das Wort "schat" hinzufügen, das dem Russischen Wort für "scheißen" ziemlich ähnlich klingt.
Wie kam überhaupt ein holländischer Film nach Russland, fragte ich. Sie erzählten mir, dass ein Freund von ihnen den Film in einem alternativen Kino gezeigt hatte, und dass er sogar holländisch sprach und den Film für sie übersetzt hatte, wodurch sie den Sinn des Films zwischenzeitlich verstanden hatten, aber mittlerweile nicht mehr.
Nun wurde es spät und im Wohnheim war heute eine neue Etagen-Omi verantwortlich, von der ich nicht sagen konnte, ob sie das Zuspätkommen dulden würde, deshalb nahm ich gerne die Einladung an, bei Dima und Nastya zu übernachten. Ihre Wohnung war nicht groß; das Wohnzimmer wurde nachts durch Ausklappen der Couch zum Schlafzimmer, und erst bestanden sie darauf, dass ich das "Bett" nahm, aber ich erzählte ihnen, wie toll ich es in Usbekistan gefunden hatte, wo wir zu siebend auf Decken auf dem Boden geschlafen hatten, und dass ich es sogar bevorzugen würde, auf dem Boden zu schlafen... anders konnte man der Höflichkeit der Russen nicht entgegentreten.
Es wurde noch eine lange Nacht, wir schwatzend bestimmt bis 3 Uhr morgens durch und hörten selbst dann nicht auf, als wir schon im Dunkeln in den Betten lagen. Ich mochte die beiden wirklich gern; Dima und Nastya waren Menschen, auf die man immer zählen konnte.
11.05.
Dima und ich quälten uns früh am Morgen nur mit Mühe aus dem Bett, während Nastya schon munter in der Wohnung herumsprang. Mehr als 4 oder 5 Stunden Schlaf waren es bestimmt nicht gewesen, doch Nastya brauchte auch nicht mehr. Dima hingegen war eine Schlafmütze wie ich und lag bis zur letzten Minute im Bett, bis es wirklich Zeit war aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Es war wirklich keine gute strategische Planung gewesen, so einen Abend mitten in der Woche zu veranstalten.
Ich als fauler Student konnte mich noch einmal aufs Ohr hauen, was ich auch tat, jedoch nicht lange, da es noch genug für mich zu Studieren gab. Und damit natürlich wieder Verwirrungen, seit Albert wieder alles organisierte. Erst hieß es, die Praktika würden dieses Semester montags stattfinden, dann schickte Albert eine Korrektur nach: Nein, doch dienstags. Also war ich im festen Glauben, heute ein Praktikum zu haben, denn es war Dienstag, aber da flatterte von Albert eine Mail herein, in der er schrieb, die Vorlesungen für die Ägypter begännen wieder am Mittwoch, und das Praktikum fände am Donnerstag statt. Ich stellte noch einmal die Rückfrage: Ist das eine Ausnahme, dass das Praktikum am Donnerstag ist? Darauf erhielt ich keine Antwort mehr und beschloss, nicht auf gut Glück zu Gebäude 5 zu fahren, zumal auch der Russischkurs ausfiel, der davor hätte stattfinden sollen.
12.05.
Heute gab Albert die erste reguläre Veranstaltung seit fast drei Wochen.
Eigentlich war fast damit zu rechnen gewesen, dass mir er mich gleich als erstes fragte, warum ich denn gestern nicht zum Praktikum gegangen war - das war so typisch für ihn. Ich erklärte ihm, dass er in seiner Mail geschrieben hatte, das Praktikum fände am Donnerstag statt. Er erwiderte, dass er damit das Praktikum der Ägypter gemeint hatte. Ich sah ihn zweifelnd an: "Aber ich hab dir doch sogar noch eine Mail geschrieben und nachgefragt - liest du überhaupt meine Mails?" Daraufhin grinste er nur vielsagend. Doch damit war es nicht genug... in den nächsten Tagen zog er mich mehrfach damit auf, dass ich nicht vergessen solle, am Dienstag zum Praktikum zu gehen... Ich beschloss, diese Anmerkungen als Selbstironie durchgehen zu lassen. Zumal ich ja auch froh war, dass er von den Toten zurückgekehrt war, doch er hustete immer noch wie ein Kettenraucher. Ich gab ihm eine Packung Halstabletten, die ich zufällig dabei hatte und frage ihn, was ihm nun eigentlich gefehlt hätte, aber das wusste er auch nicht so genau. Er sei beim Arzt gewesen, der hätte ihm vor allem viel Schlaf verschrieben. Als es nach einer Woche immer noch nicht gebessert hatte, rief er einen befreundeten Arzt an und ließ sich über das Telefon diagnostizieren. Der Freund kam zur gleichen Schlussfolgerung wie der erste Arzt. Für mich klang das eher wie russisches Krankheitsroulette: "Entweder es ist was Harmloses, dann geht es von allein wieder weg - oder es ist etwas Ernstes, aber wie wahrscheinlich ist das?"
Ich bin auch etwas im Zweifel über die Versorgung in russischen Krankenhäusern, seit ich eine Comedy-Sendung im Fernsehen gesehen hatte, in der zwei Patienten Poker spielten - wer gewann, durfte sich den Tropf anstecken. Ein Krümelchen Wahrheit wird wohl in diesem Sketsch gesteckt haben.
Nach der Vorlesung hatte Albert etwas Zeit und wir beschlossen, das Mittagessen nachzuholen, zu dem wir uns vor seiner Grippe verabredet hatten. Wenn schon - denn schon, schien er sich zu denken und führte mich in ein gehobeneres Café aus - Café Bravo an der Wendeschleife der Straßenbahnlinie 1 - in dem er seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war, aber er meinte, dass es nachts zu einem Striplokal wurde. Ich fragte nicht nach, woher er das wusste.
Ich bestellte das gleiche wie Albert, weil es das einfachste war, das gleiche noch einmal zu bestellen, anstatt sich durch den Dschungel russischer Wörter für Vorspeisen und Beilagen zu kämpfen. Es war ein Stück Fisch mit Gräten, und weiß Gott war ich froh, dass mir mein Vater beigebracht hatte, wie man die Rückengräte auf elegante Weise entfernte - wenn ich mir auch sonst nicht viel an Tischmanieren angeeignet hatte. Zum Nachtisch hatte ich mir eine Art Wackelpudding mit Früchten genommen, der jedoch gewöhnungsbedürftig süß im Vergleich zu seinen deutschen Verwandten war. Albert hatte sich eine andersfarbige Variante geholt und wir probierten gegenseitig von unseren Desserts. Hmm, Bazillen...
Wir sprachen auch darüber, dass es wohl langsam an der Zeit wäre, über meine Masterarbeit nachzudenken, oder sie zumindest an-zudenken, wobei ich das Wort "pre-think" kreierte und Albert mich zweifelnd ansah. Aber nach meiner Erklärung dieses Wortes versprach er, mir heute noch die Materialen zu schicken, die ich zu dem Thema lesen sollte. Ich fragte ihn, wie er sich nur immer an all die Sachen erinnern könne, die er noch zu erledigen hatte. Er erwiderte lachend: "Ich erinnere mich nicht!" Das erklärte einiges, und ich meinte, dass es nicht so dringend wäre, da ich sowieso noch den Rest der Woche für meine Antennen-Prüfung am Samstag lernen musste.
Wir gingen zu Fuß zurück zur Uni, und während wir lachend die bewaldeten Wege entlang spazierten, wurde mir erst bewusst, wie sehr ich ihn als Freund in den letzten Wochen vermisst hatte. Er konnte ein wirklich guter Freund sein, wenn er etwas Freizeit und nicht gerade zwölf andere Dinge zur gleichen Zeit zu erledigen hatte. Und er war auch so etwas wie ein Beschützer und eine Vaterfigur für mich.
Als ich nach Hause kam, lief das Wasser in der Dusche und heißer Dampf kam unter der Tür hervor. Erst kümmerte ich mich nicht darum, aber als eine Stunde später immer noch das Wasser lief, fragte ich mich dann doch, wie lange man so lange duschen konnte. Dann stellte später fest, dass das Licht aus war, öffnete die Tür und mir kam ein Schwall heiße Luft entgegen. Etwas erschrocken öffnete ich vorsichtig den Duschvorhang, einen geplatzten Boiler oder Schlimmeres erwartend, aber es lief einfach nur das heiße Wasser. Bestimmt schon den ganzen Tag. Ressourcen wurden in Russland gerne verschwendet. Ich schob mich an der Wand entlang zum Wasserhahn und drehte ihn ab. Meine Brille war sofort vom heißen Dampf beschlagen. Ich fragte mich ernsthaft, wie man die Duschen verlassen, das Licht löschen aber vergessen konnte, den Wasserhahn abzudrehen.
Heute Abend sollte ich jedoch hinter ein anderes Rätsel kommen: Seit Wochen schon war mir immer wieder ein seltsamer Geruch aufgefallen, etwa wie in Butter gebratenes Lachsfilet, aber sehr viel intensiver. Ich persönlich hatte es schon lange unter "Jemand kocht Essen" mental abgeheftet, aber Murik hatte mich wieder einmal darauf aufmerksam gemacht. Er hasste diesen Geruch und verrammelte ärgerlich die Balkontür im Computerraum als der Wind den Geruch ins Zimmer trieb. Auch er hatte lange gerätselt, woher dieser Geruch kam, und heute hatten sich die Verursacher gestellt: Die beiden Jungs aus irgendeinem -istan-Land, denen ich den Spitznamen "Frettchen-Brüder" gegeben hatte, saßen mit einer riesigen Wasserpfeife auf dem Balkon. Der Geruch kam von der Kohle, die sie in der Küche auf dem Ofen erhitzt hatten, und begleitet wurde ihre Tätigkeit von einem Geräusch, als würde ein Heißluftballon starten. Wasserpfeifen waren nichts Neues für mich nach zwei Monaten Usbekistan, aber so eine belästigende Variante wie diese hatte ich noch nie gesehen, gehört und gerochen.
Murik kam zwar auch aus einem -istan-Land, nämlich Turkmenistan, aber er hatte mit dieser Kultur nicht viel am Hut, was wahrscheinlich auch der Grund war, weshalb wir uns so gut verstanden. Und wahrscheinlich auch, weil er so gut Englisch sprach. Mit den anderen Jungs - außer Tofik - hatte ich selten mehr als ein "Privet" gewechselt. Es ist schwieriger als man denkt, alle Menschen gleich zu behandeln, und gerade bei jungen Männern aus islamisch geprägten Ländern scheint immer eine unsichtbare Barriere zwischen uns zu bestehen. Ich hatte tatsächlich ein engeres Verhältnis zu unseren Professoren als zu meinen ägyptischen Mitstudenten.
Ich hatte schon ein paarmal erwähnt, dass Murik gerne kochte. Das tat er vor allem, wenn seine Freundin zu Besuch war. So auch heute, und es blieb wieder ein großer Teller Suppe für mich übrig. Schon allein deshalb hatte es sich gelohnt, Geschirr zu kaufen, auch auf die Gefahr hin, dass es wieder geklaut werden würde. Der Suppenteller hatte einen Goldrand, und es stellte sich nicht als gute Idee heraus, die Suppe darin in der Mikrowelle aufzuwärmen, denn schon flogen die Funken. Ich rettete die Suppe in einen anderen Teller ohne Goldrand, und dann endlich konnte ich sie genießen... sie schickte mich auf eine kulinarische Kopfreise; ich war so begeistert davon, dass ich Murik bat, mir beizubringen, wie man so eine Suppe kochte. Er nahm mich beim Wort; schon wenige Tage später bekam ich eine erste Lektion im Kochen von Borschtsch-Eintopf.
13.05.
Diese Woche stand unter dem Thema "Feuerschutz", weshalb überall die Rauchmelder abgestaubt, manchmal auch kontrolliert wurden, und in allen Uni-Gebäuden und Wohnheimen Feuerübungen stattfinden sollte, die darin bestanden, dass jeder nach dem Hören des Alarms nach draußen rennen und 100 Meter vom Gebäude entfernt warten sollte.
Die verantwortlichen Organisationstalente hatten es geschafft, den Feueralarm genau dann anzusetzen, wenn Olga ihre Prüfung schrieb. Sie nutzten dafür ein Computersystem, das es unmöglich machte, die Prüfung zwischendrin zu pausieren - die Zeit lief weiter ab, genau 60 Minuten. Albert hatte schon gescherzt, dass er allein hinausrennen und sagen würde, er sei der einzige, der in diesem Kurs anwesend war. Aber es war Russland - da konnte man Gebäude-Evakuationen getrost ignorieren.
Nach der Prüfung traf ich mich mit Olga auf ein Picknick um die bestandene Prüfung zu feiern - natürlich hatte sie mit 97% abgeschlossen, etwas anderes hätte ich von ihr gar nicht erwartet. Nun, vielleicht 100%. Wir fuhren ins Zentrum, an den schönsten Platz der ganzen Stadt: Eingerahmt von Bäumen, Springbrunnen und einem Theater. Aus den Lautsprechern kam zum Sprudeln der Fontänen klassische Fahrstuhlmusik, und Olga zeigte sich sehr verblüfft, dass man in Europa Musik in Fahrstühlen hatte. Es war sehr heiß, schon seit Tagen waren um die 26-27 Grad mit prallem Sonnenschein und keinem Wölkchen am Himmel. So war es mir an der Zeit erschienen, doch einmal Sonnencreme zu kaufen - vorher hatte ich nicht damit gerechnet, mit in Russland einen Sonnenbrand zu holen, doch auch hier gab es heiße Sommer. Nicht weit entfernt befanden sich viele Kaufhäuser, und nach einer langen Suche fanden wir schließlich im Kellergeschoss des ZUM-Kaufhauses eine Drogerie, die überteuerte Sonnencreme verkaufte. Aber wahrscheinlich sind Kosmetikprodukte im Allgemeinen in Russland teurer als in Deutschland, selbst für ein einfaches Deo-Spray hatte ich gut 4 Euro gezahlt.
So saßen wir also am Springbrunnen und genossen es, dass der Wind ab und zu etwas Wasser zu uns trieb und uns abkühlte; wir schmierten uns gründlich mit der Sonnencreme ein, sodass viele Hautstellen noch weiß voller Creme waren, doch als ich sie Olga aus dem Gesicht wischen wollte, zeigte sich, wie gut vorbereitet russische Frauen waren: Sie hatte einen Spiegel dabei. Und das, obwohl sich für die russischen Frauen in den meisten öffentlichen Einrichtungen lebensgroße Spiegel befanden.
Ich hatte Birnen, Saft und Kekse dabei, und so ließen wir es uns gut gehen. Wahrscheinlich zu gut, denn eine Frau drückte uns einen Werbezettel der Anonymen Alkoholiker in die Hand. Wir lachten uns darüber schlapp.
Nach einer Stunde musste Olga schon wieder los, weiterlernen... wir nahmen ausnahmsweise die Straßenbahn, die nicht an meiner gewohnten Haltestelle hielt, sondern in der Nähe des Zoos. Hier begegnete mir eine völlig veränderte Landschaft. Seit dem letzten Mal war das Gras ist plötzlich in die Höhe geschossen und die Bäume hatten sich dicht begrünt und begannen zu blühen; es war ein regelrechter Dschungel im Vergleich zur kargen grauen Winterlandschaft. In der Tat sah alles so verändert aus, dass ich mich fragte, ob diese Bäume schon immer hier gestanden hatten.
Das Wetter war sehr ungewöhnlich für Mitte Mai, genau wie der Schnee Ende April. Ich war gespannt, welche Wetterkapriolen noch folgen würden.

























Katzen schoren, was ist das für ne Katzenart?
AntwortenLöschen Wenn jeder jeden kennt, dann zerstören die ja den Markt des Adresshandels.. :(
Wodka gibt es dort in allen Geschmacksrichtungen, wie bei uns Eis oder?
Ist Aleksey ein Gopnik, weil er dir das mit den Sonnenblumenkernen erklärte?
Ihr seid ganz schöne Alkis :D Hättest dem Herrn Kaschi doch mal nen schönen Tag wünschen können. ;)
Ist die Person auf dem rechten Bild, mit dem weißen Oberteil und der Wurst in der Hand der Alki? (du musst mal Bildunterschriften einführen ;) )
Öhm, mit was für Beleidigungen wirfst du herum? Haben dich deine Eltern so erzogen? "De mor"!
Neben den Gurken helfen auch "Saure Fische" bzw. Milch und Brötchen als Katerfrühstück
Und was ist Popcorn normal mit Zucker, in Verbindung mit Butter auch ganz gut, aber doch kein Salz
Um für Aufklärung der anderen Leser zu sorgen, "Schat" heißt Schatz und wird wie in Dtl. als Kosewort verwendet, meistens noch mit der Verniedlichung "Schatje" - Schätzchen
So, jetzt aber mal zur Aufklärung. Ich musste in Usbekistan 5 Wochen auf dem Fußboden schlafen und mir tat teilweise alles weh, nach geraumer Zeit und du hast dich immer gemütlich auf deinem DOPPELSOFA herumgewälzt, wo du mich nicht mal eine einige gemütlichere Nacht gewehrt hattest Pah und du magst das Schlafen auf dem Fußboden - *aufreg* :D
Du hast die Unworte benutzt: "strategische Planung" bah, schäm dich! ^^
Pre-Think klingt doch ganz gut. Ich bin mir sicher dass er noch viel andere tolle Worte erschafft
Ich glaub Gol geht nach dem gleichen Verfahren vor, mit dem Erinnern. Wenn jemand wirklich was will, meldet der sich auch noch ein zweites Mal, ansonsten war es eh net wichtig
Hast du eigentlich mit Wasserpfeife geraucht, weil du ja auch Fotos davon im Stud hast? Was für ne Geschmacksrichtung hatten die, "Lachs" ?:D
Wie ein kleiner Bettler sitzt du bestimmt mir deinem Tellerchen in der Küche und flehst um Suppe :D
Tolle Feuerübung, wenn das ein echter Brand gewesen wäre :D Sind die Rauchmelder und Brandmeldeanlagen nicht eh nur Attrappen?
Die hast du auch schon auf einem Foto gesehen, als Igor sie hypnotisierte, irgendwas Langhaariges halt
AntwortenLöschen Musst du dir jetzt wieder ne andere Einkommensquelle suchen, wenn du herkommst?
Wodka ist ein Lebensmittel, wär ja auch schlimm, wenn es immer die gleiche Geschmacksrichtung wäre^^
Nein, das bestimmt nicht. Gopniks studieren nicht.
Wenn ich das nächste Mal dicht genug zum Fahnenklauen bin, dann vielleicht...
Öhm... das kannst du ja noch machen)) Ja, das ist der Alki. Keine Ahnung, was Olga an dem findet...
Nein, Russland hat mich so erzogen^^
Bah, ich spei jetzt schon XD
An dem Satz war grad was Komisch. Ich glaube, es waren die Kommas.
Schatz, niemand liest die Kommentare zu meinen Einträgen. Die sind schon lang genug...
Da siehst du, was für ein toller Gentleman du warst.
Das war Ironie für dich)
Ja, aber sein Englisch besitzt nicht so viel Logik.
Man muss wirklich lernen zu filtern, wenn man wichtig wird))
Nein, ich wurde nicht eingeladen ;_;
Nein, eher wie ein trauriges Hündchen.
Genau die Vermutung hatte ich auch... aber du weißt doch, in Russland nimmt man's nicht so genau.