26.06. Um 5:40 Uhr morgens war ich hellwach. Zu dieser Zeit hatte ich meinen Wecker gestellt, denn um 6 Uhr wurde ich von Roman vor der Uni erwartet um gemeinsam zum Festival mit dem klangvollen Namen "die Erschaffung des Friedens" zu fahren. Ich sprang aus dem Bett, machte Katzenwäsche, schnappte meinen schon gestern gepackten Rucksack und stand pünktlich an der Bushaltestelle vor meiner Uni. Nur wusste ich nicht, wer Roman war und ging spähend die Straße entlang; vorsichtshalber grüßte ich jeden parkenden Mann auf Englisch, und schon der zweite war Roman. Am meisten überraschte mich an ihm, dass er wie ein Holländer sprach - in perfektem Englisch, aber mit diesem leichten Akzent, der kaum hörbar neben einem Durchschnittsamerikanisch lag. Die Lösung des Rätsels war ganz einfach: Roman hatte wie ich im Rahmen seines Studiums in Holland ein Praktikum gemacht. Allerdings hatte er an der landwirtschaftlichen Akademie studiert, daher kannte er Mascha, die heute auch mitfahren würde, und sie kannte wiederum Nastya, die ich kannte, aber sie kannte Roman nicht. So bildet sich eine verschlungene Kette aus Bekanntschaften, die dazu führte, dass irgendwie jeder jeden kennt, oder nur ein Kettenglied zwischen zwei sich Unbekannten fehlt.
Zuerst lasen wir Andrey Rylov auf, den Trommelmann, der scheinbar auch überall dabei ist und von allen nur Rylov genannt wird. Er war spät dran und hatte es noch nicht geschafft, Proviant einkaufen zu gehen. Damit hatte Roman gerechnet; er hatte das Gefühl, dass er die einzige pünktliche Person in der ganzen Stadt war, aber sich darauf schon eingestellt. Im Halbschlaf gingen wir mit ihm die die leeren Gänge eines 24-Stunden-Supermarks und dann zurück zum Auto. Noch zwei weitere Mitfahrer wollten wir abholen: Mascha und ihr Mann. Das Auto war geräumig genug um zusätzlich noch unsere Rucksäcke aufzunehmen; was war fast ein Kleinbus mit zweieinhalb Sitzreihen.
Als wir bei Mascha vorfuhren, stand nur ihr Mann bereit; Mascha sei noch in der Praxis, berichtete er. Sie war Tierärztin und hatte in der Nacht gleich drei Notfälle bekommen und so gleich in der Praxis geblieben. Als wir auch sie aufgelesen hatten, fiel Rylov und Roman ein, dass sie ihre Reisepässe vergessen hatten, und so drehten wir noch einmal eine Runde durch die Stadt bis wir um 7:15 endlich aus der Stadt herausfuhren. Roman kontrollierte, dass wir uns alle angeschnallt hatten, denn die Polizeiposten an der Stadtgrenze würden uns sonst eine Strafe aufbrummen. Wegen ihnen waren auch die Reisepässe nötig, denn ohne Papiere durfte man die Stadt nicht verlassen. Die Polizisten ließen uns ohne Weiteres durch. Sie trugen neonfarbene Verkehrswesten, wegen denen sie im Volksmund Papageien genannt wurden.
Es war ein langer Weg, auf dem wir erzählen und immer wieder einnicken. Kazan lag über 350 Kilometer entfernt. Neben Perm im Norden war Kazan im Süden die nächst größere Nachbarstadt. Die sehr grüne und teils bewaldete Landschaft zog sich Ewigkeiten lang immer gleich an uns vorbei; in der Luft kreisten Raubvögel, auf sanften Hügeln standen kleine runde Bäume und es grasten freilaufende Kühe und weiße Ziegenböcke mit geringelten Hörnern. So musste es in Irland aussehen, dachte ich mir, nur weitläufiger. Nur selten sah ich einen Bauernhof, aber einmal sogar eine Ölbohranlage mit den typischen mechanischen Köpfen, die sich auf und ab bewegten.
Wir kamen auch an einer alten Bürstenfabrik vorbei. Der Betrieb war nach dem Ende der Sowjetunion abgewickelt worden und die dadurch arbeitslos gewordenen Fabrikarbeiter hatten kurzerhand die Produktion auf eigene Faust wieder aufgenommen, weil es ihre einige Lebensgrundlage in diesem verlassenen Landstrich war. Nun verkauften sie die Bürsten am Straßenrand; über mehrere hundert Meter waren die bunten Bürsten, Besen und Wedel an Holzpfählen aufgehängt oder in den Boden gerammt worden und erinnerten eher an die Dekoration eines Stadtfestes.
Als wir unsere Republik Udmurtien verließen und nach Tatarstan hineinfahren, wurden die Straßen plötzlich so, wie man es sich von Russland vorstellte: Ein einziges Schlagloch, durchbrochen von Stücken aus Alphalt. Staub lag in der Luft. Die unsere Straße kreuzenden Landstraßen sah man schon aus der Ferne, weil ein hoch aufgewirbeltes Band Staub in der Luft lag, von den Autos, die gerade durchgefahren waren, und ihrem Verlauf folgte.
Doch direkt vor Kazan wurden die Straßen gebaut und neu mit weißem Kies aufgefüllt bevor Asphalt darüber gelegt wurde. Nicht nur Männer betätigten als Straßenbauer; es sah fast aus als würde ein ganzes Dorf mit anpacken, und sogar alte Frauen arbeiteten als Bauarbeiterinnen. Die harte Arbeit in der schon am Morgen drückenden Hitze schien ihnen nichts auszumachen. Sie standen auch auf den Feldern mit Wasserschläuchen und bestellten ganz per Hand ohne aufwendige Technik ihre Felder.
Heute sollten es in Kazan 36 oder 38 Grad werden. Schon bald wurde die Hitze im Auto unerträglich; wir wurden regelrecht durchgegrillt, öffneten Fenster und Dachluke und fühlten uns noch immer nur als ob wir schmolzen. Maschas Mann hielt hundeartige seinen Kopf aus dem Fenster.
Auf meine Couchsurfinganfrage hin hatte ich noch gestern eine Antwort per SMS erhalten und seitdem etwa 5 SMS pro Stunde von einem Jungen, der ganz aufgeregt war, weil er noch nie einen Gast über Couchsurfing hatte; bisher hatte er auch gar keinen Platz gehabt, aber sein Mitbewohner war verreist und so hatte Ilnur die Gelegenheit ergriffen, mich einzuladen. Er hatte zwar nicht die Zeit, auf das Festival mitzugehen, wollte mich aber am Nachmittag schon mal treffen um alles für die Nacht abzusprechen.
Als wir in Kazan ankamen, legten wir erstmal eine Frühstückspause ein. Es gab Weißbrot, das mit dicken Scheiben einer russischer Wurstart namens Kolbasa belegt war. Es war eine rosafarbene, gut 10 Zentimeter im Durchmesser messende Wurst, die an Jagdwurst erinnerte. Roman erzählte, dass seine Tante einmal einen Rattenschwanz in so einer Wurst gefunden hatte. Sie hatte es gut dokumentiert und die Beweisstücke aufgehoben und anschließend die Hersteller verklagt. Sie hatte tatsächlich Recht bekommen und eine Entschädigung von der Firma erhalten, die jedoch bei weitem nicht so hoch ausfiel zum Beispiel in den USA, aber immerhin. Es erstaunte mich fast ein wenig, von einem funktionierenden Rechtssystem in Russland zu hören. Von der Wurst wollte ich kein weiteres Stück.
Wir ließen das Auto stehen und spazierten den Rest des Weges in die Innenstadt hinein. Kazan machte einen ziemlichen Eindruck auf mich, was nicht zuletzt daran lag, dass eine schlanke aber mächtige Moschee innerhalb einer weißen Festung das Stadtbild dominierte. Meine Begleiter erklärten, dass dies die größte Moschee in ganze Russland war, und dass sie noch von den Tataren gebaut worden war, genau wie die Festung, und dass es den Russen erst nach der zweiten Belagerung gelungen war, Kazan einzunehmen. Man hatte die Festung übernommen, aber eine Kirche neben die Moschee gebaut. Trotz russischer Herrschaft blieben die meisten Einwohner Muslime, und auch heute hatten sich die Tataren ausgeprägten einen Nationalstolz erhalten. Tatarstan war ein Land im Land, etwa wie Bayern. Roman meinte scherzhaft, wenn Russland irgendwann einmal auseinander brächte, würden die Tataren von Kazan aus wieder anfangen, ein Weltreich aufzubauen, und damit beginnen, unser schönes Udmurtien zu erobern. Und wir hätten keine Chance, trotz der Waffenfabriken. Der Osten Russlands würde an China fallen, philosophierte Roman weiter. Schon jetzt lebten in Wladiwostok mehr Chinesen als Russen, und sie würden einfach schleichend das Land besiedeln und dann irgendwann Anspruch darauf anmelden. Sankt Petersburg würde sich auch von Russland abspalten, spannen wir weiter, weil es satt hatte, immer nur die zweite Geige hinter Moskau zu spielen. Da bliebe nicht mehr viel von Russland übrig.
Unterhalb der Festung war eine große Bühne aufgebaut worden, und noch ein Stückchen weiter sah es aus, als wäre ein Ufo gelandet. Es war der Zirkus der Stadt. Vor uns liefen Jungs mit albernen Papierhüten, die aussahen wie zweckentfremdete McDonalds-Burger-Verpackungen. Passend dazu stand XXL darauf.
Das Gelände war abgesperrt und wir waren nicht sicher, wie wir hineingelangen konnten. Polizisten bewachten die Eingänge. Mascha diskutierte kurz mit ihnen, dann gingen wir Richtung Ufo, wo sich die eine ganze Reisegruppe um zwei sichtlich überforderte Mädels scharrten, die einen ganzen Sack voller Besucherausweise zu verteilen versuchten. Die meisten zeigten kurz ihren Reisepass und bekamen einen Ausweis ohne dass jemand einen Blick darauf geworfen hätte. Wir stellten uns mit unseren Reisepässen dazwischen und hielten die Hand auf. "Habt ihr euch auf der Webseite registriert?", fragte eine der Mädels pro forma. "Öhm, ja, klar", antworteten einige, "danke." Nach einer Minute hatten wir alle unsere Besucherausweise und setzten uns ein Stück entfernt in die Sonne. Nun waren wir VIPs und konnten in den inneren Zirkel des Festivals vordringen: Die abgesperrte Wiese vor der Bühne. Es spielte sogar schon eine Band, aber es erinnerte eher an Sinas Bands als an Musik. Wir beschlossen, stattdessen erst einmal den Kreml zu besichtigen und stiegen hinauf zur Burg, denn nichts anderes bedeutete das Wort "Kreml". Rylov war nicht ganz so begeistert davon und setzte sich von uns ab, weil er lieber den ganzen Tag auf dem Festival den Bands zuhören wollte, während die anderen hauptsächlich einen schönen Tag verbringen wollten, und die Hitze das Ausharren auf der schattenlosen Wiese den ganzen Tag nicht sehr angenehm machen würde.
Doch die Organisatoren hatten mitgedacht und einen Wagen der Straßenreinigung bereitgestellt, aus dem ein breiter Schwall Wasser auf die Straße strömte. Er war umringt mit Festivalbesuchern, die ihre Shirts, die sie nicht mehr trugen, unter dem Wasser klitschnass machten und sie sich stattdessen um den Kopf wickelten und über die nackten Schultern legten. Andere füllten sich ganze Flaschen ab und spritzten sich damit gegenseitig voll bis die weißen Kleidchen der Mädels ganz durchsichtig waren.
Als echter Anhalter im Geiste hatte ich natürlich mein Handtuch dabei, das ich zwar eher für die Übernachtung gedacht hatte, mir aber jetzt als Kühlung und Sonnenschutz diente. Natürlich hatte ich auch Sonnencreme dabei, und überhaupt meinen halben Hausrat für alle Eventualitäten. Roman war so lieb, sich als Träger dafür anzubieten und nahm ihn auch immer wieder, wenn ich ihn mir nach einer Pause schon selbst aufgeschnallt hatte.
Die Moschee wirkte noch viel prächtiger, wenn man direkt davor stand, aber gleichzeitig sehr verspielt, kein Vergleich zu den monumentalen Moscheen von Istanbul. Auch rief kein Muezzin vom Minarett.
Aber die Zwiebeltürme der benachbarten orthodoxen Kirche sahen auch eher aus wie aus Tausendundeiner Nacht, als wären sie mit silbernen Sternen dekoriert worden. Auch andere Bauwerke innerhalb der Kremlmauern wirkten erst auf den ersten Blick christlich, auf den zweiten muslimisch, zum Beispiel der schiefe Turm mit den sandkastenförmchenartigen Etagen. Ich hätte ihn für einen Kirchturm gehalten, wenn darauf nicht ein Halbmond gethront hätte. Man müsste sich dazu wohl doch näher mit der (Bau-)Geschichte befassen.
In den Burgmauern selbst befanden sich Souvenirstände, und im Hof befand sich eine Pyramide aus Glas, die man als Tourist mit Geld bewerfen musste, und es gab Ferngläser, mit denen man einen detaillierten Blick auf die unter uns liegende Stadt bekommen konnte. Roman erzählte, in Holland hatte er in diese Ferngläser, die mit dem Einwurf von einem Euro aktiviert werden konnten, einfach mal ein 2-Rubel-Stück geworfen, und es hatte ebenfalls funktioniert.
Das habe ich später, als ich in Deutschland und Holland auf Heimaturlaub war, ausprobiert: In Wahrheit sind die meisten Automaten sehr gut in der Erkennung von Münzen; ich probierte es an Briefmarkenautomaten, öffentlichen Telefonzellen, Bahrkartenautomaten usw.; tatsächlich klappte es nur an zwei verschiedenen Automatentypen: Jene zum Pressen einer Souvenirmünze aus 5 Cent, in die man zusätzlich einen Euro stecken musste. Und bei öffentlich elektrischen Modelleisenbahnen wie sie in viele mittelgroßen Bahnhöfen in Deutschland stehen.
Von hier oben sahen wir, dass es sogar einen Strand an einer breiten Flussbucht gab, in der viele Leute wirklich badeten, trotz der eher zweifelhaften Wasserqualität sämtlicher russischer Flüsse, die durch Städte fließen. Dahinter befand sich ein Vergnügungspark wie sie ebenfalls in russischen Städten üblich sind; ein Riesenrad ragte vor den Bäumen auf. In der Luft zog ein Hubschrauber seine Kreise.
Auf dem Festival spielte schon die dritte oder vierte Gruppe, aber bevor wir dorthin zurück wollten, gingen wir erst einmal den nächsten Supermarkt suchen um uns kalte Getränke zu kaufen. Sehr viele Festivalbesucher hatten die gleiche Idee, und so mussten wir nur dem dünnen, aber nicht abreißenden Strom von Leuten folgen, die das Festival verließen.
Als wir wiederkamen, waren es plötzlich sehr viele mehr Besucher geworden, die in hippieartigen Gemeinschaften Tänze auf der Straße veranstalteten, und seltsame Leute mit Holzkreuzen und wehenden Tüchern stakste auf Stelzen durch die Menge. Wir gingen mit unseren Besucherausweisen um den Hals an den Polizisten und Absperrungen vorbei auf die Wiese. Dort breitete Mascha ein großes Picknicktuch aus, auf dem wir alle Platz fanden. Der gemütliche Teil des Tages konnte beginnen.
Die Musik war weiterhin sehr durchwachsen, und sogar meine russischen Begleiter kannten nur zwei oder drei der angekündigten Bands. Sie waren auch alle wegen der Band Splin hier.
Als die Musik in gar zu tiefe Abgründe rutschte, meldete ich mich mit Roman freiwillig, Mittagessen zu besorgen. Diesmal war im Supermarkt so viel Antrag, dass sie uns erst gar nicht hinein ließen; kurzerhand ließen sie die Rollläden hinab und da es auch keine freien Schließfächer für unsere Rucksäcke mehr gab, wurden sie in große Tüten verschweißt, die man mit in den Laden hinein nehmen durfte. Man traut in russischen Supermärkten seinen Kunden nicht, das hatte ich ja schon an der Käse-Diebstahlsicherung gesehen.
Nach etwa 20 Minuten öffneten sie den Supermarkt wieder für neue Kunden; wir kauften die restlichen Eierkuchen und ähnliche Backwaren, dazu mehr Wasser und beeilten uns an die Kasse zu kommen um den Auftritt von Splin nicht zu verpassen, doch die Schlange hier war fast noch länger als die auf dem Klo, und dort hatten wir schon so lange angestanden, dass die Toilettenfrau begonnen hatte, die Frauen aufs Männerklo umzudelirieren.
Jemand an der Kasse hinter uns hatte unser Gespräch mitgehört und sprach uns auf Englisch an; er konnte gar nicht recht glauben, dass Roman Russe war; mit seinem Aussehen ging er schon als Holländer durch.
Als wir zurück zu den anderen kamen, hatten wir noch gut fünf Minuten bis Splin auftrat. Das wäre perfektes Timing gewesen, wenn Splin dann auch gespielt hätte. Sie schienen jedoch noch irgendwo festzustecken, weshalb eine andere Band vorgezogen wurde.
Von den anderen Izhevskern konnte ich keinen entdecken; nur ab und an sah ich die Stadtflagge von Izhevsk an einer hohen Holzstange neben der von Kazan auftauchen, mit denen sie vor den Kameras der Fernsehteams herumwedelten. Das Logo von Izhevsk hatte ich nie recht deuten können; es waren wohl Pfeil und Bogen vor Ebereschenzweigen. Wäre eine Kalaschnikow nicht passender gewesen?
Ich versuchte Nastya und Stasya per Handy zu erreichen, aber sie waren bestimmt zu sehr damit beschäftigt, ausgelassen zu tanzen mit dem Rest der tobenden Menge in den vorderen Reihen direkt vor der Bühne.
Dann endlich kam Splin und die Menge begann zu toben. An den Absperrungen drängten sich die Zuschauer so heftig, dass es aussah, als würden sie die Zäune einreißen, Frauen wurden auf die Schultern ihrer Begleiter gehoben und die Anzahl an Polizisten hatte sich etwa verdreifacht. Eh ich mich versah, war ich auch Teil der Menge geworden, mitgerissen von der Musik, von der Stimmung, und von der Leidenschaft, die die Musiker in ihren Auftritt steckten.
Bei der nächsten Band kippte die ganze Stimmung erschöpft um. Plötzlich lagen alle Besucher auf der Wiese in der Sonne, und einige schliefen sogar. Endlich hatte auch Nastya meine SMS gelesen und kam zu uns hinüber. Sie waren mit der restlichen Izhevsker Busladung vor der rechten Bühne gelandet. Plötzlich war ich auch sehr müde, und Nastya ging bald wieder zu den anderen zurück. Roman war mittlerweile völlig sonnenverbrannt, obwohl ich ihm schon bei unserer Ankunft in Kazan angeboten hatte, meine Sonnencreme zu nutzen. Nun war es zu spät, aber er nahm sie trotzdem.
Mein Gastgeber Ilnur hatte mich wieder kontaktiert und gebeten, dass ich mich kurz mit ihm träfe. Roman wollte mich nicht allein gehen lassen und kam mit zum Treffpunkt. Er sprach dann auch einige deutliche, direkte, ernsthafte Sätze auf Russisch mit Ilnur, die ich zwar nicht verstand, aber ich war ziemlich sicher, dass er mich gerade für zwei Kamele und einen Wasserboiler verkaufte. Wir verabschiedeten uns von Ilnur und Roman meinte, es sei wohl ein anständiger Junge, und dass er mich dann im Auto zu ihm fahren wolle.
Das Wasser aus dem Straßenreinigungswagen floss immer noch, obwohl es bestimmt nicht der gleiche Wagen war; diesmal sprühten sie das Wasser in einer hohen Fontäne in die Menge, sie im Licht der untergehenden Sonne tanzte.
So neigte sich der Abend seinem Ende zu; zuletzt trat die russische Antwort auf Udo Jürgens auf, der offenbar auch bei allen bekannt war, sodass sie Menge wieder tobte und kreischte, und sie am Schluss alle "Russland - Champion" sangen. Ich kicherte; das hätten sie wohl gern. Russland war bei der Fußballweltmeisterschaft diesen Sommer schon in der Vorrunde rausgeflogen.
Ich war die einzige, die während der letzten Lieder müde lag ich im Gras lag; ich hatte sogar Maschas Mann zum Tanzen weggeschickt, der sonst immer bei unseren Sachen geblieben war, und mich dazu bereiterklärt diesen Job zu übernehmen.
Zum großen Finale explodierte ein gigantisches Feuerwerk über den leuchtenden Türmen der Moschee während sämtliche Künstler des Festivals gemeinsam auf der Bühne standen und "Give Peace a Chance" sangen.
Der Mond stand groß und leuchtend gelb über dem Kreml als wir im Strom der anderen Besucher das Festivalgelände verließen. Es sah nach Überstunden für die Straßenreinigung aus.
Ich gab Ilnur bescheid, dass wir nun auf dem Weg waren. Er wartete schon draußen auf dem Hof auf uns. Roman hatte mir noch angeboten, zu seinem Cousin mitzukommen, dessen Geburtstag sie nun noch feiern würden, aber ich winkte ab; dazu war ich zu müde. Wir verabredeten uns für morgen 11 Uhr um zurück nach Izhevsk zu fahren.
Bei Ilnur erlebte ich wieder russische Gastfreundschaft bis zum Platzen. Zuerst bestand er darauf, dass ich die Okroschka-Suppe aß, die Freundinnen von ihm gestern zubereitet hatten. Es war allerdings weniger eine Suppe als mehr ein hoher Topf voller unterschiedlicher Zutaten wie Kartoffeln, Ei und Wurst, von denen er mir den Teller vollud und anschließend mit Kwas aus einer Getränkeflasche übergoss. Wenn das schmeckte, überlegte ich mir, könnte ich das tatsächlich auch einmal selbst zu kochen versuchen. Es schmeckte jedoch nicht. Trotzdem aß ich es brav auf und musste mir danach einen riesigen Becher Eiscreme mit Früchtesalat schmecken lassen. Als Ilnur mir einen zweiten Becher füllen wollte, protestierte ich so gut ich konnte und bat, lieber duschen gehen zu dürfen. Es ist eine effiziente Methode, der russischen Gastfreundschaft zu entkommen: Einfach um etwas anderes zu bitten, das Essen ausschließt.
Trotz Müdigkeit unter hielten wir uns bis in die frühen Morgenstunden, und auch danach sollte ich nicht viel Schlaf bekommen. Ilnur war so aufgekratzt, dass er bereits nach vier Stunden wieder wach war; er meinte aber, er brauche generell nicht viel Schlaf. Ich meinte, ich schon, und drehte mich noch einmal um. Er ließ mich bis 8 Uhr schlafen, dann versuchte er mich die nächsten zwei Stunden lang zum Aufstehen zu zwingen,, weil er gerne noch mit mir plaudern wollte und auch Frühstück für uns vorbereitet hatte.
27.06.
Gegen 10 stand ich dann auch wirklich auf, weil es mir nicht gelungen war, die Bettdecke zurückzuerobern und er begonnen hatte mich zu kitzeln. So saß ich also mit Ilnur bei einer Tasse Tee in der Küche und wartet auf meine Leute. Die hatten jedoch verschlafen.
Ich war relativ erleichtert, dass sie doch noch vor dem Mittag auftauchten, denn Ilnur hatte mir schon wieder Okroschka und Eis angeboten.
Meine Schlaf holte ich dann im Auto nach. Roman fuhr schnell, wir kamen schon um 17 Uhr in Izhevsk an. Ich fand den Abschied etwas schade und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, sich noch ein anderes Mal zu treffen. Schon allein um die Fotos auszutauschen, die wir gegenseitig von uns gemacht hatten.
Aber nun musste ich mich wieder beeilen, Sina hatte um 18 Uhr wieder einen Auftritt im Club bei Detskij Mir - und ich musste als ihr Groupie natürlich dabei sein. Nur leider gab gerade jetzt meine Kamera endgültig den Geist auf. Sie hatte sich schon in den letzten Tagen immer wieder mit undefinierbaren Fehlermeldungen abgeschaltet, aber jetzt blieb sie mitten beim Abschalten so stehen wie sie war und gab keinen Mucks mehr von sich.
Am Abend traf ich Murik beim Kofferpacken. Er würde auch demnächst abreisen, diesmal für immer.
Er hatte fünf Jahre lang in diesem Wohnheim gelebt und war selbst überrascht gewesen, dass sich in all dieser Zeit nur 40 Kilogramm an Besitztümern angesammelt hatten, die es wert waren, sie nach Turkmenistan mitzunehmen. Die restlichen Kleidungsstücke hatte er in großen Säcken gesammelt um sie der Wohlfahrt zu übergeben. Zwischen seinem Zimmer und dem Computerraum fand sich eine Spur einzelner Socken.
Aus Neugier stieg ich selbst auf die Wage, mit der Murik seinen Koffer gewogen hatte - ich wog gerade noch 45 Kilogramm und war damit nur ein wenig schwerer als Muriks Koffer.
Murik hatte nach langem Mühen seine Masterarbeit beendet und sein Heizsystem auf riesigen Plakaten hier im Druck- und Kopierzentrum der Uni drucken lassen. Er zeigte sie mir stolz. Ein paar Fehler seien noch drin, aber das wäre schon in Ordnung, denn diese Fehler hatte er in seinem Gutachten erwähnen können, das er selbst hatte schreiben müssen, weil sein Professor keine Lust dazu gehabt hatte. Er meinte, es sei üblich in Russland - und der Student zog seinen Vorteil daraus, sich selbst bewerten zu können und einige größere Fehler unter den Tisch fallen lassen zu können.
Ich half ihm, die Ausdrucke zu sortieren und hielt die großen gerollten Papiere auf dem Tisch fest.
Murik versuchte sich an einen Trick zu erinnern, wie man diese Rollen mit einem Stück A4-Papier so präparieren konnte, dass die Ränder seiner Plakate garantiert nicht geknickt wurden: Er knickte das Schutzpapier zweimal längs, bog es und stülpte es wie einen Schutzmantel über die zusammenrollten Plakate.
Dima hingegen hatte bei seiner Masterarbeit mit organisatorischen Probleme zu kämpfen: Er hatte am Freitag die Masterarbeit nach dem zweiten Versuch und jede Menge Aufschieberei fast rechtzeitig abgegeben, aber zu diesem Zeitpunkt war sein Professor schon zu betrunken gewesen um ein Gutachten zu schreiben, denn er hatte den ganzen Tag Staatexamensverteidigungen zugehört, zu denen die Studenten den Professoren traditionell Essen und Getränke in Form eines Picknicks mitbrachten, und manchmal eben auch einen guten Tropfen Alkohol. Er wollte wohl auch Dima das Gutachten nicht selbst schreiben lassen, was Dima aus lauter Aufschieberei sowieso nicht innerhalb einer Woche geschafft hätte und versprach es am Montag zu machen, berichtete Dima über Internet.
Ich sah nachdenklich zu Murik hinüber. Es würde nicht das Gleiche sein nächstes Semester ohne ihn. Er winkte mich zu ihm, ich solle mir mal diesen Clip ansehen. Er hatte immer irgendetwas Interessantes im Internet entdeckt und erzählte mir allerlei Informatives, das ich sofort wieder vergaß. Eigentlich blieben bei mir nur Informationsfetzen hängen, wie dass die Band Gorillaz aus nur einem einzigen Künstler bestand, der sie als Nebenprojekt gegründet hatte und damit unerwarteterweise noch viel erfolgreicher geworden war.
Ich hingegen berichtete Murik vom Festival und er fragte, ob ich mir eigentlich eine Gitarre gekauft hatte, obwohl er mir davon abgeraten hatte, und warum ich sie ihm noch nicht gezeigt hatte. Er klang beinahe entrüstet. Ich meinte, es sei keine Gitarre zum Angeben, brachte sie aber trotzdem rüber. Murik stimmte sie für mich einmal durch und spielte kurz darauf. Sie sei schon OK, meinte er freundlich.
Zuerst lasen wir Andrey Rylov auf, den Trommelmann, der scheinbar auch überall dabei ist und von allen nur Rylov genannt wird. Er war spät dran und hatte es noch nicht geschafft, Proviant einkaufen zu gehen. Damit hatte Roman gerechnet; er hatte das Gefühl, dass er die einzige pünktliche Person in der ganzen Stadt war, aber sich darauf schon eingestellt. Im Halbschlaf gingen wir mit ihm die die leeren Gänge eines 24-Stunden-Supermarks und dann zurück zum Auto. Noch zwei weitere Mitfahrer wollten wir abholen: Mascha und ihr Mann. Das Auto war geräumig genug um zusätzlich noch unsere Rucksäcke aufzunehmen; was war fast ein Kleinbus mit zweieinhalb Sitzreihen.
Als wir bei Mascha vorfuhren, stand nur ihr Mann bereit; Mascha sei noch in der Praxis, berichtete er. Sie war Tierärztin und hatte in der Nacht gleich drei Notfälle bekommen und so gleich in der Praxis geblieben. Als wir auch sie aufgelesen hatten, fiel Rylov und Roman ein, dass sie ihre Reisepässe vergessen hatten, und so drehten wir noch einmal eine Runde durch die Stadt bis wir um 7:15 endlich aus der Stadt herausfuhren. Roman kontrollierte, dass wir uns alle angeschnallt hatten, denn die Polizeiposten an der Stadtgrenze würden uns sonst eine Strafe aufbrummen. Wegen ihnen waren auch die Reisepässe nötig, denn ohne Papiere durfte man die Stadt nicht verlassen. Die Polizisten ließen uns ohne Weiteres durch. Sie trugen neonfarbene Verkehrswesten, wegen denen sie im Volksmund Papageien genannt wurden.
Es war ein langer Weg, auf dem wir erzählen und immer wieder einnicken. Kazan lag über 350 Kilometer entfernt. Neben Perm im Norden war Kazan im Süden die nächst größere Nachbarstadt. Die sehr grüne und teils bewaldete Landschaft zog sich Ewigkeiten lang immer gleich an uns vorbei; in der Luft kreisten Raubvögel, auf sanften Hügeln standen kleine runde Bäume und es grasten freilaufende Kühe und weiße Ziegenböcke mit geringelten Hörnern. So musste es in Irland aussehen, dachte ich mir, nur weitläufiger. Nur selten sah ich einen Bauernhof, aber einmal sogar eine Ölbohranlage mit den typischen mechanischen Köpfen, die sich auf und ab bewegten.
Wir kamen auch an einer alten Bürstenfabrik vorbei. Der Betrieb war nach dem Ende der Sowjetunion abgewickelt worden und die dadurch arbeitslos gewordenen Fabrikarbeiter hatten kurzerhand die Produktion auf eigene Faust wieder aufgenommen, weil es ihre einige Lebensgrundlage in diesem verlassenen Landstrich war. Nun verkauften sie die Bürsten am Straßenrand; über mehrere hundert Meter waren die bunten Bürsten, Besen und Wedel an Holzpfählen aufgehängt oder in den Boden gerammt worden und erinnerten eher an die Dekoration eines Stadtfestes.
Als wir unsere Republik Udmurtien verließen und nach Tatarstan hineinfahren, wurden die Straßen plötzlich so, wie man es sich von Russland vorstellte: Ein einziges Schlagloch, durchbrochen von Stücken aus Alphalt. Staub lag in der Luft. Die unsere Straße kreuzenden Landstraßen sah man schon aus der Ferne, weil ein hoch aufgewirbeltes Band Staub in der Luft lag, von den Autos, die gerade durchgefahren waren, und ihrem Verlauf folgte.
Doch direkt vor Kazan wurden die Straßen gebaut und neu mit weißem Kies aufgefüllt bevor Asphalt darüber gelegt wurde. Nicht nur Männer betätigten als Straßenbauer; es sah fast aus als würde ein ganzes Dorf mit anpacken, und sogar alte Frauen arbeiteten als Bauarbeiterinnen. Die harte Arbeit in der schon am Morgen drückenden Hitze schien ihnen nichts auszumachen. Sie standen auch auf den Feldern mit Wasserschläuchen und bestellten ganz per Hand ohne aufwendige Technik ihre Felder.
Heute sollten es in Kazan 36 oder 38 Grad werden. Schon bald wurde die Hitze im Auto unerträglich; wir wurden regelrecht durchgegrillt, öffneten Fenster und Dachluke und fühlten uns noch immer nur als ob wir schmolzen. Maschas Mann hielt hundeartige seinen Kopf aus dem Fenster.
Auf meine Couchsurfinganfrage hin hatte ich noch gestern eine Antwort per SMS erhalten und seitdem etwa 5 SMS pro Stunde von einem Jungen, der ganz aufgeregt war, weil er noch nie einen Gast über Couchsurfing hatte; bisher hatte er auch gar keinen Platz gehabt, aber sein Mitbewohner war verreist und so hatte Ilnur die Gelegenheit ergriffen, mich einzuladen. Er hatte zwar nicht die Zeit, auf das Festival mitzugehen, wollte mich aber am Nachmittag schon mal treffen um alles für die Nacht abzusprechen.
Als wir in Kazan ankamen, legten wir erstmal eine Frühstückspause ein. Es gab Weißbrot, das mit dicken Scheiben einer russischer Wurstart namens Kolbasa belegt war. Es war eine rosafarbene, gut 10 Zentimeter im Durchmesser messende Wurst, die an Jagdwurst erinnerte. Roman erzählte, dass seine Tante einmal einen Rattenschwanz in so einer Wurst gefunden hatte. Sie hatte es gut dokumentiert und die Beweisstücke aufgehoben und anschließend die Hersteller verklagt. Sie hatte tatsächlich Recht bekommen und eine Entschädigung von der Firma erhalten, die jedoch bei weitem nicht so hoch ausfiel zum Beispiel in den USA, aber immerhin. Es erstaunte mich fast ein wenig, von einem funktionierenden Rechtssystem in Russland zu hören. Von der Wurst wollte ich kein weiteres Stück.
Wir ließen das Auto stehen und spazierten den Rest des Weges in die Innenstadt hinein. Kazan machte einen ziemlichen Eindruck auf mich, was nicht zuletzt daran lag, dass eine schlanke aber mächtige Moschee innerhalb einer weißen Festung das Stadtbild dominierte. Meine Begleiter erklärten, dass dies die größte Moschee in ganze Russland war, und dass sie noch von den Tataren gebaut worden war, genau wie die Festung, und dass es den Russen erst nach der zweiten Belagerung gelungen war, Kazan einzunehmen. Man hatte die Festung übernommen, aber eine Kirche neben die Moschee gebaut. Trotz russischer Herrschaft blieben die meisten Einwohner Muslime, und auch heute hatten sich die Tataren ausgeprägten einen Nationalstolz erhalten. Tatarstan war ein Land im Land, etwa wie Bayern. Roman meinte scherzhaft, wenn Russland irgendwann einmal auseinander brächte, würden die Tataren von Kazan aus wieder anfangen, ein Weltreich aufzubauen, und damit beginnen, unser schönes Udmurtien zu erobern. Und wir hätten keine Chance, trotz der Waffenfabriken. Der Osten Russlands würde an China fallen, philosophierte Roman weiter. Schon jetzt lebten in Wladiwostok mehr Chinesen als Russen, und sie würden einfach schleichend das Land besiedeln und dann irgendwann Anspruch darauf anmelden. Sankt Petersburg würde sich auch von Russland abspalten, spannen wir weiter, weil es satt hatte, immer nur die zweite Geige hinter Moskau zu spielen. Da bliebe nicht mehr viel von Russland übrig.
Unterhalb der Festung war eine große Bühne aufgebaut worden, und noch ein Stückchen weiter sah es aus, als wäre ein Ufo gelandet. Es war der Zirkus der Stadt. Vor uns liefen Jungs mit albernen Papierhüten, die aussahen wie zweckentfremdete McDonalds-Burger-Verpackungen. Passend dazu stand XXL darauf.
Das Gelände war abgesperrt und wir waren nicht sicher, wie wir hineingelangen konnten. Polizisten bewachten die Eingänge. Mascha diskutierte kurz mit ihnen, dann gingen wir Richtung Ufo, wo sich die eine ganze Reisegruppe um zwei sichtlich überforderte Mädels scharrten, die einen ganzen Sack voller Besucherausweise zu verteilen versuchten. Die meisten zeigten kurz ihren Reisepass und bekamen einen Ausweis ohne dass jemand einen Blick darauf geworfen hätte. Wir stellten uns mit unseren Reisepässen dazwischen und hielten die Hand auf. "Habt ihr euch auf der Webseite registriert?", fragte eine der Mädels pro forma. "Öhm, ja, klar", antworteten einige, "danke." Nach einer Minute hatten wir alle unsere Besucherausweise und setzten uns ein Stück entfernt in die Sonne. Nun waren wir VIPs und konnten in den inneren Zirkel des Festivals vordringen: Die abgesperrte Wiese vor der Bühne. Es spielte sogar schon eine Band, aber es erinnerte eher an Sinas Bands als an Musik. Wir beschlossen, stattdessen erst einmal den Kreml zu besichtigen und stiegen hinauf zur Burg, denn nichts anderes bedeutete das Wort "Kreml". Rylov war nicht ganz so begeistert davon und setzte sich von uns ab, weil er lieber den ganzen Tag auf dem Festival den Bands zuhören wollte, während die anderen hauptsächlich einen schönen Tag verbringen wollten, und die Hitze das Ausharren auf der schattenlosen Wiese den ganzen Tag nicht sehr angenehm machen würde.
Doch die Organisatoren hatten mitgedacht und einen Wagen der Straßenreinigung bereitgestellt, aus dem ein breiter Schwall Wasser auf die Straße strömte. Er war umringt mit Festivalbesuchern, die ihre Shirts, die sie nicht mehr trugen, unter dem Wasser klitschnass machten und sie sich stattdessen um den Kopf wickelten und über die nackten Schultern legten. Andere füllten sich ganze Flaschen ab und spritzten sich damit gegenseitig voll bis die weißen Kleidchen der Mädels ganz durchsichtig waren.
Als echter Anhalter im Geiste hatte ich natürlich mein Handtuch dabei, das ich zwar eher für die Übernachtung gedacht hatte, mir aber jetzt als Kühlung und Sonnenschutz diente. Natürlich hatte ich auch Sonnencreme dabei, und überhaupt meinen halben Hausrat für alle Eventualitäten. Roman war so lieb, sich als Träger dafür anzubieten und nahm ihn auch immer wieder, wenn ich ihn mir nach einer Pause schon selbst aufgeschnallt hatte.
Die Moschee wirkte noch viel prächtiger, wenn man direkt davor stand, aber gleichzeitig sehr verspielt, kein Vergleich zu den monumentalen Moscheen von Istanbul. Auch rief kein Muezzin vom Minarett.
Aber die Zwiebeltürme der benachbarten orthodoxen Kirche sahen auch eher aus wie aus Tausendundeiner Nacht, als wären sie mit silbernen Sternen dekoriert worden. Auch andere Bauwerke innerhalb der Kremlmauern wirkten erst auf den ersten Blick christlich, auf den zweiten muslimisch, zum Beispiel der schiefe Turm mit den sandkastenförmchenartigen Etagen. Ich hätte ihn für einen Kirchturm gehalten, wenn darauf nicht ein Halbmond gethront hätte. Man müsste sich dazu wohl doch näher mit der (Bau-)Geschichte befassen.
In den Burgmauern selbst befanden sich Souvenirstände, und im Hof befand sich eine Pyramide aus Glas, die man als Tourist mit Geld bewerfen musste, und es gab Ferngläser, mit denen man einen detaillierten Blick auf die unter uns liegende Stadt bekommen konnte. Roman erzählte, in Holland hatte er in diese Ferngläser, die mit dem Einwurf von einem Euro aktiviert werden konnten, einfach mal ein 2-Rubel-Stück geworfen, und es hatte ebenfalls funktioniert.
Das habe ich später, als ich in Deutschland und Holland auf Heimaturlaub war, ausprobiert: In Wahrheit sind die meisten Automaten sehr gut in der Erkennung von Münzen; ich probierte es an Briefmarkenautomaten, öffentlichen Telefonzellen, Bahrkartenautomaten usw.; tatsächlich klappte es nur an zwei verschiedenen Automatentypen: Jene zum Pressen einer Souvenirmünze aus 5 Cent, in die man zusätzlich einen Euro stecken musste. Und bei öffentlich elektrischen Modelleisenbahnen wie sie in viele mittelgroßen Bahnhöfen in Deutschland stehen.
Von hier oben sahen wir, dass es sogar einen Strand an einer breiten Flussbucht gab, in der viele Leute wirklich badeten, trotz der eher zweifelhaften Wasserqualität sämtlicher russischer Flüsse, die durch Städte fließen. Dahinter befand sich ein Vergnügungspark wie sie ebenfalls in russischen Städten üblich sind; ein Riesenrad ragte vor den Bäumen auf. In der Luft zog ein Hubschrauber seine Kreise.
Auf dem Festival spielte schon die dritte oder vierte Gruppe, aber bevor wir dorthin zurück wollten, gingen wir erst einmal den nächsten Supermarkt suchen um uns kalte Getränke zu kaufen. Sehr viele Festivalbesucher hatten die gleiche Idee, und so mussten wir nur dem dünnen, aber nicht abreißenden Strom von Leuten folgen, die das Festival verließen.
Als wir wiederkamen, waren es plötzlich sehr viele mehr Besucher geworden, die in hippieartigen Gemeinschaften Tänze auf der Straße veranstalteten, und seltsame Leute mit Holzkreuzen und wehenden Tüchern stakste auf Stelzen durch die Menge. Wir gingen mit unseren Besucherausweisen um den Hals an den Polizisten und Absperrungen vorbei auf die Wiese. Dort breitete Mascha ein großes Picknicktuch aus, auf dem wir alle Platz fanden. Der gemütliche Teil des Tages konnte beginnen.
Die Musik war weiterhin sehr durchwachsen, und sogar meine russischen Begleiter kannten nur zwei oder drei der angekündigten Bands. Sie waren auch alle wegen der Band Splin hier.
Als die Musik in gar zu tiefe Abgründe rutschte, meldete ich mich mit Roman freiwillig, Mittagessen zu besorgen. Diesmal war im Supermarkt so viel Antrag, dass sie uns erst gar nicht hinein ließen; kurzerhand ließen sie die Rollläden hinab und da es auch keine freien Schließfächer für unsere Rucksäcke mehr gab, wurden sie in große Tüten verschweißt, die man mit in den Laden hinein nehmen durfte. Man traut in russischen Supermärkten seinen Kunden nicht, das hatte ich ja schon an der Käse-Diebstahlsicherung gesehen.
Nach etwa 20 Minuten öffneten sie den Supermarkt wieder für neue Kunden; wir kauften die restlichen Eierkuchen und ähnliche Backwaren, dazu mehr Wasser und beeilten uns an die Kasse zu kommen um den Auftritt von Splin nicht zu verpassen, doch die Schlange hier war fast noch länger als die auf dem Klo, und dort hatten wir schon so lange angestanden, dass die Toilettenfrau begonnen hatte, die Frauen aufs Männerklo umzudelirieren.
Jemand an der Kasse hinter uns hatte unser Gespräch mitgehört und sprach uns auf Englisch an; er konnte gar nicht recht glauben, dass Roman Russe war; mit seinem Aussehen ging er schon als Holländer durch.
Als wir zurück zu den anderen kamen, hatten wir noch gut fünf Minuten bis Splin auftrat. Das wäre perfektes Timing gewesen, wenn Splin dann auch gespielt hätte. Sie schienen jedoch noch irgendwo festzustecken, weshalb eine andere Band vorgezogen wurde.
Von den anderen Izhevskern konnte ich keinen entdecken; nur ab und an sah ich die Stadtflagge von Izhevsk an einer hohen Holzstange neben der von Kazan auftauchen, mit denen sie vor den Kameras der Fernsehteams herumwedelten. Das Logo von Izhevsk hatte ich nie recht deuten können; es waren wohl Pfeil und Bogen vor Ebereschenzweigen. Wäre eine Kalaschnikow nicht passender gewesen?
Ich versuchte Nastya und Stasya per Handy zu erreichen, aber sie waren bestimmt zu sehr damit beschäftigt, ausgelassen zu tanzen mit dem Rest der tobenden Menge in den vorderen Reihen direkt vor der Bühne.
Dann endlich kam Splin und die Menge begann zu toben. An den Absperrungen drängten sich die Zuschauer so heftig, dass es aussah, als würden sie die Zäune einreißen, Frauen wurden auf die Schultern ihrer Begleiter gehoben und die Anzahl an Polizisten hatte sich etwa verdreifacht. Eh ich mich versah, war ich auch Teil der Menge geworden, mitgerissen von der Musik, von der Stimmung, und von der Leidenschaft, die die Musiker in ihren Auftritt steckten.
Bei der nächsten Band kippte die ganze Stimmung erschöpft um. Plötzlich lagen alle Besucher auf der Wiese in der Sonne, und einige schliefen sogar. Endlich hatte auch Nastya meine SMS gelesen und kam zu uns hinüber. Sie waren mit der restlichen Izhevsker Busladung vor der rechten Bühne gelandet. Plötzlich war ich auch sehr müde, und Nastya ging bald wieder zu den anderen zurück. Roman war mittlerweile völlig sonnenverbrannt, obwohl ich ihm schon bei unserer Ankunft in Kazan angeboten hatte, meine Sonnencreme zu nutzen. Nun war es zu spät, aber er nahm sie trotzdem.
Mein Gastgeber Ilnur hatte mich wieder kontaktiert und gebeten, dass ich mich kurz mit ihm träfe. Roman wollte mich nicht allein gehen lassen und kam mit zum Treffpunkt. Er sprach dann auch einige deutliche, direkte, ernsthafte Sätze auf Russisch mit Ilnur, die ich zwar nicht verstand, aber ich war ziemlich sicher, dass er mich gerade für zwei Kamele und einen Wasserboiler verkaufte. Wir verabschiedeten uns von Ilnur und Roman meinte, es sei wohl ein anständiger Junge, und dass er mich dann im Auto zu ihm fahren wolle.
Das Wasser aus dem Straßenreinigungswagen floss immer noch, obwohl es bestimmt nicht der gleiche Wagen war; diesmal sprühten sie das Wasser in einer hohen Fontäne in die Menge, sie im Licht der untergehenden Sonne tanzte.
So neigte sich der Abend seinem Ende zu; zuletzt trat die russische Antwort auf Udo Jürgens auf, der offenbar auch bei allen bekannt war, sodass sie Menge wieder tobte und kreischte, und sie am Schluss alle "Russland - Champion" sangen. Ich kicherte; das hätten sie wohl gern. Russland war bei der Fußballweltmeisterschaft diesen Sommer schon in der Vorrunde rausgeflogen.
Ich war die einzige, die während der letzten Lieder müde lag ich im Gras lag; ich hatte sogar Maschas Mann zum Tanzen weggeschickt, der sonst immer bei unseren Sachen geblieben war, und mich dazu bereiterklärt diesen Job zu übernehmen.
Zum großen Finale explodierte ein gigantisches Feuerwerk über den leuchtenden Türmen der Moschee während sämtliche Künstler des Festivals gemeinsam auf der Bühne standen und "Give Peace a Chance" sangen.
Der Mond stand groß und leuchtend gelb über dem Kreml als wir im Strom der anderen Besucher das Festivalgelände verließen. Es sah nach Überstunden für die Straßenreinigung aus.
Ich gab Ilnur bescheid, dass wir nun auf dem Weg waren. Er wartete schon draußen auf dem Hof auf uns. Roman hatte mir noch angeboten, zu seinem Cousin mitzukommen, dessen Geburtstag sie nun noch feiern würden, aber ich winkte ab; dazu war ich zu müde. Wir verabredeten uns für morgen 11 Uhr um zurück nach Izhevsk zu fahren.
Bei Ilnur erlebte ich wieder russische Gastfreundschaft bis zum Platzen. Zuerst bestand er darauf, dass ich die Okroschka-Suppe aß, die Freundinnen von ihm gestern zubereitet hatten. Es war allerdings weniger eine Suppe als mehr ein hoher Topf voller unterschiedlicher Zutaten wie Kartoffeln, Ei und Wurst, von denen er mir den Teller vollud und anschließend mit Kwas aus einer Getränkeflasche übergoss. Wenn das schmeckte, überlegte ich mir, könnte ich das tatsächlich auch einmal selbst zu kochen versuchen. Es schmeckte jedoch nicht. Trotzdem aß ich es brav auf und musste mir danach einen riesigen Becher Eiscreme mit Früchtesalat schmecken lassen. Als Ilnur mir einen zweiten Becher füllen wollte, protestierte ich so gut ich konnte und bat, lieber duschen gehen zu dürfen. Es ist eine effiziente Methode, der russischen Gastfreundschaft zu entkommen: Einfach um etwas anderes zu bitten, das Essen ausschließt.
Trotz Müdigkeit unter hielten wir uns bis in die frühen Morgenstunden, und auch danach sollte ich nicht viel Schlaf bekommen. Ilnur war so aufgekratzt, dass er bereits nach vier Stunden wieder wach war; er meinte aber, er brauche generell nicht viel Schlaf. Ich meinte, ich schon, und drehte mich noch einmal um. Er ließ mich bis 8 Uhr schlafen, dann versuchte er mich die nächsten zwei Stunden lang zum Aufstehen zu zwingen,, weil er gerne noch mit mir plaudern wollte und auch Frühstück für uns vorbereitet hatte.
27.06.
Gegen 10 stand ich dann auch wirklich auf, weil es mir nicht gelungen war, die Bettdecke zurückzuerobern und er begonnen hatte mich zu kitzeln. So saß ich also mit Ilnur bei einer Tasse Tee in der Küche und wartet auf meine Leute. Die hatten jedoch verschlafen.
Ich war relativ erleichtert, dass sie doch noch vor dem Mittag auftauchten, denn Ilnur hatte mir schon wieder Okroschka und Eis angeboten.
Meine Schlaf holte ich dann im Auto nach. Roman fuhr schnell, wir kamen schon um 17 Uhr in Izhevsk an. Ich fand den Abschied etwas schade und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, sich noch ein anderes Mal zu treffen. Schon allein um die Fotos auszutauschen, die wir gegenseitig von uns gemacht hatten.
Aber nun musste ich mich wieder beeilen, Sina hatte um 18 Uhr wieder einen Auftritt im Club bei Detskij Mir - und ich musste als ihr Groupie natürlich dabei sein. Nur leider gab gerade jetzt meine Kamera endgültig den Geist auf. Sie hatte sich schon in den letzten Tagen immer wieder mit undefinierbaren Fehlermeldungen abgeschaltet, aber jetzt blieb sie mitten beim Abschalten so stehen wie sie war und gab keinen Mucks mehr von sich.
Am Abend traf ich Murik beim Kofferpacken. Er würde auch demnächst abreisen, diesmal für immer.
Er hatte fünf Jahre lang in diesem Wohnheim gelebt und war selbst überrascht gewesen, dass sich in all dieser Zeit nur 40 Kilogramm an Besitztümern angesammelt hatten, die es wert waren, sie nach Turkmenistan mitzunehmen. Die restlichen Kleidungsstücke hatte er in großen Säcken gesammelt um sie der Wohlfahrt zu übergeben. Zwischen seinem Zimmer und dem Computerraum fand sich eine Spur einzelner Socken.
Aus Neugier stieg ich selbst auf die Wage, mit der Murik seinen Koffer gewogen hatte - ich wog gerade noch 45 Kilogramm und war damit nur ein wenig schwerer als Muriks Koffer.
Murik hatte nach langem Mühen seine Masterarbeit beendet und sein Heizsystem auf riesigen Plakaten hier im Druck- und Kopierzentrum der Uni drucken lassen. Er zeigte sie mir stolz. Ein paar Fehler seien noch drin, aber das wäre schon in Ordnung, denn diese Fehler hatte er in seinem Gutachten erwähnen können, das er selbst hatte schreiben müssen, weil sein Professor keine Lust dazu gehabt hatte. Er meinte, es sei üblich in Russland - und der Student zog seinen Vorteil daraus, sich selbst bewerten zu können und einige größere Fehler unter den Tisch fallen lassen zu können.
Ich half ihm, die Ausdrucke zu sortieren und hielt die großen gerollten Papiere auf dem Tisch fest.
Murik versuchte sich an einen Trick zu erinnern, wie man diese Rollen mit einem Stück A4-Papier so präparieren konnte, dass die Ränder seiner Plakate garantiert nicht geknickt wurden: Er knickte das Schutzpapier zweimal längs, bog es und stülpte es wie einen Schutzmantel über die zusammenrollten Plakate.
Dima hingegen hatte bei seiner Masterarbeit mit organisatorischen Probleme zu kämpfen: Er hatte am Freitag die Masterarbeit nach dem zweiten Versuch und jede Menge Aufschieberei fast rechtzeitig abgegeben, aber zu diesem Zeitpunkt war sein Professor schon zu betrunken gewesen um ein Gutachten zu schreiben, denn er hatte den ganzen Tag Staatexamensverteidigungen zugehört, zu denen die Studenten den Professoren traditionell Essen und Getränke in Form eines Picknicks mitbrachten, und manchmal eben auch einen guten Tropfen Alkohol. Er wollte wohl auch Dima das Gutachten nicht selbst schreiben lassen, was Dima aus lauter Aufschieberei sowieso nicht innerhalb einer Woche geschafft hätte und versprach es am Montag zu machen, berichtete Dima über Internet.
Ich sah nachdenklich zu Murik hinüber. Es würde nicht das Gleiche sein nächstes Semester ohne ihn. Er winkte mich zu ihm, ich solle mir mal diesen Clip ansehen. Er hatte immer irgendetwas Interessantes im Internet entdeckt und erzählte mir allerlei Informatives, das ich sofort wieder vergaß. Eigentlich blieben bei mir nur Informationsfetzen hängen, wie dass die Band Gorillaz aus nur einem einzigen Künstler bestand, der sie als Nebenprojekt gegründet hatte und damit unerwarteterweise noch viel erfolgreicher geworden war.
Ich hingegen berichtete Murik vom Festival und er fragte, ob ich mir eigentlich eine Gitarre gekauft hatte, obwohl er mir davon abgeraten hatte, und warum ich sie ihm noch nicht gezeigt hatte. Er klang beinahe entrüstet. Ich meinte, es sei keine Gitarre zum Angeben, brachte sie aber trotzdem rüber. Murik stimmte sie für mich einmal durch und spielte kurz darauf. Sie sei schon OK, meinte er freundlich.







Das mit dem Rattenschwanz in der Wurst ist eine Anekdote aus den sowjetischen Zeiten. ;D
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