Samstag, 23. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 5. (03. Juli bis 04. Juli)

3.7. Heute fand ein großes Fest zur Würdigung der Udmurtisch-Tatarischen Freundschaft statt, von dem ich jedoch erst im Laufe des Tages erfuhr. Doch es war noch nicht zu spät, und es fand im nächsten Park vom Wohnheim aus gesehen statt - im Kirov-Park, den man zu Fuß in gut 15 Minuten erreichen konnte.

Trotz der sengenden Hitze standen bestimmt 50 Leute vor der Bühne im Eingangsbereich des Parks und hörten einem dicken Mädchen in Tracht zu, wie sie jede Note um die Hälfte verfehlte, das aber durch Lautstärke auszugleichen versuchte.
Daneben war eine tatarische Hüpfburg aufgebaut worden, die aussah wie ein Sultanspalast, und daneben stand ein armer schwitzender Student im Ganzkörper-Moosmännchenkostüm und ließ sich mit Kindern fotografieren. Das dicke Mädchen wurde von einer Gruppe anderer Künstler abgelöst wurden; sie waren kaum älter, machten aber eine gute Figur in ihren rosafarbenen Strümpfen und mit der E-Gitarre, aus der sogar Musik kam, wenn das Front-Mädchen die Saiten gar nicht berührte.

Ich begann umherzuspazieren. Überall waren Stände aufgebaut, an denen Handarbeiten verkauft wurden, tatarische Kappen und Honig. Andere verkauften Schaschlik - wie Usbekistan den ganzen Tag ungekühlt in der Sonne liegend, oder auch anderen Spezialitäten wie Kartoffelchips am Spieß... Roter, mit Honig zusammengeklebter Puffreis am Spieß... und diese mit Gehacktem gefüllte Dreiecksdinger, Ätsch-potschmak genannt… das traute ich meinem Magen dann doch nicht alles zu.
Besonders die Getränkeverkäufer hatten Hochkonjunktur, auch wenn ich nicht glaubte, dass Kwas und heißer Tee eine so gute Idee in der Hitze waren - das eine war süß und klebrig, das andere noch dazu heiß. Doch ich täuschte mich. Im Laufe des Sommers sollte ich Kwas noch schätzen lernen.

Als ich zurück zur Bühne kam, traten professionellere Tanzgruppen in Trachten auf; einige Gruppen hatten einen Akkordeonspieler dabei und führten diesen berühmten russischen Tanz auf, der mich immer an den Bayrischen Schuhplattler erinnerte, und in einer besonders seltsamen Tanzgruppe spielte einer der Jungs sogar auf einer handelsüblichen Holzsäge aus dem Baumarkt, das heißt, er nutzte sie als eine Art Schlagzeug.




Zufällig und völlig unverabredet traf ich auf Roman, der gerade von seiner Datscha kam und durch den Park spazierte um sich zum einen den ganzen Trubel anzuschauen und zum anderen Mascha zu treffen, die hier irgendwo selbstgestalteten Schmuck verkaufte.
Wir gingen ein Stück gemeinsam und ich fand Mascha schließlich, machte ein paar Fotos und wartete, bis sie mit Roman zu Ende geplaudert hatten, dann gingen wir weiter spazieren - hinein in eine temporäre tatarische Enklave, die man nur durch ein Holztor betreten konnte, und schon fühlte man sich wie in einer anderen Welt. Hier wurden im Hochsommer Pelzschuhe verkauft und auf einer weiteren Bühne wurde eine eigene Show organisiert - genau wie in der realen Situation kochten die Tataren ihr eigenes Süppchen.
Auf einem zentralen Platz war eine bestimmt 10 Meter hohe Holzstange mit einer Querstrebe am oberen Ende aufgebaut worden, an der ein Kleidungsstück hing. Es war eine Form des Wettbewerbs, dort hochkletterten und es von dort herunter zu holen.


Roma und ich gingen hinunter zum See, in dem tatsächlich Leute badeten, sogar Kinder, obwohl die Wasserqualität mehr als bedenklich war, erzählte Roman. Er sei einmal im See baden gewesen und hätte danach am ganzen Körper Ausschlag gekommen. Das hatte die Verlockung gebremst, einfach da reinzuspringen bei der Hitze, obwohl durchaus um die 50 Leute der Meinung waren, dort baden zu können.
Besser sei es, meinte er, zum Steinbruch zu fahren, der nur knapp 30 Kilometer außerhalb der Stadt lag. Das war nicht ganz so weit weg wie der Karma-Fluss mit etwa 60 Kilometern. In der Stadt selbst gab es keine Flüsse mehr, außer den, der den Stausee speiste. Die restlichen Gewässer waren Sümpfe. Selbst die Quellen, die nahe der Stadt oder gar in der Stadt entsprangen, waren oft gar keine Quellen, sondern versiegten nach jahrelanger Nutzung, nachdem ein unterirdischer Wasserrohrbruch entdeckt und behoben worden war.

In der Sonne wurde es uns zu heiß, wir gingen lieber wieder in den Wald, der sich um den See herum zog und hier als Park bezeichnet wurde, und von dortaus zu einem kleinen Laden in der Nähe meines Wohnheims, denn das war Romans ursprünglicher Plan gewesen, bevor er mich getroffen hatte: Etwas Kaltes zu kaufen - Kwas vom Fass. Er ließ mich davon probieren, und es schmeckte wirklich irgendwie besser als das Zeug, das im Supermarkt als Kwas verkauft wurde, und auch besser als das Zeug, das die Babuschkins selbst gebraut hatten. Es kam wahrscheinlich sehr stark auf die genaue Rezeptur an, denn die Grundzutaten schienen die gleichen zu sein: Hefe, Wasser, Zucker, Gerste, Malz… es klang einfach genug; irgendwann wollte ich es selbst mal herzustellen probieren.

Roman entschuldigte sich, er musste zurück zur Datscha und das restliche Holz hacken, aber ein anderes Mal könne ich gern mitkommen. Mir war das auch recht, ich wollte einfach nur noch duschen gehen. Im Wohnheim gab es ja auch kein warmes Wasser mehr, sodass jede Dusche wie ein Eisbad war. Das Klo hingegen war wie Gewächshaus und schien zu atmen, wenn man darauf saß.
Nach der Dusche setzte ich mich - ohne mich abzutrocknen - im Handtuch auf das Fensterbrett in einer angenehmen Briese, die durch die geöffneten Türen im Wohnheim zustande kam. Nebenbei sah ich meine E-Mails durch. Farin und ich hatten uns regelmäßiger zu schreiben begonnen und er sprach davon, mich auch einmal einladen zu wollen. Gerade war er nicht online, aber ich hinterließ ihm meine Handynummer für alle Fälle, denn ich wollte wieder zurück zum Fest gehen.

Ich war kaum aus dem Haus, da kontaktierte mich Farin schon per SMS. Allerdings war die SMS sehr lang und kam erst innerhalb einer halben Stunde bruchstückweise an; er hatte mir seine Adresse gesendet und mich zum Schwimmen eingeladen, dabei war es schon relativ spät geworden, fast 18 Uhr und gar nicht mehr so heiß draußen, aber das machte einem echten Tataren nichts aus - und wenn er im Dunkeln und im Regen schwimmen müsse, er schwamm, wenn er es sich einmal in den Kopf gesetzt hatte! Die ersten Wolken zogen auf.
Seine Wegbeschreibung wirkte etwas konfus auf mich und wir einigten uns auf ein Treffen im Zentrum. Er holte mich im Auto von der gelben Kirche ab und wir fuhren in seine Wohngegend, die sich "tatarischer Basar" nannte, wo - wie ich im Vorbeifahren feststellte - auch Andrey Babuschkin lebte. Es war vielleicht die schönste Gegend in Izhevsk, voller schöner Landhäuser und windschiefer Hütten mit geschnitzten Festerrahmen im Grünen, wenn auch die Straßen eher bedenklich waren und im Winter als Skisprungschanzen fungieren könnten. Farin berichtete, dass er früher mit dem Moped diese Straßen entlang gerast war. Er hielt erst in einem Supermarkt, kaufte etwas Saft, und dann vor dem Grundstück seiner Freunde und Nachbarn vor einem hohen Metallzaun an, rief ihnen zu, dass nun alles bereit sei und setzte sich wieder ins Auto. Sie fuhren uns in ihrem Auto nach zu einem an dieser Stelle etwa 500 Meter breiten Fluss ganz in der Nähe, der aber nicht der Fluss Izh zu sein schien, welcher der Stadt ihren Namen gab. Ich hatte längst die Orientierung verloren und war nicht mal sicher, ob es ein Zufluss zum See war, oder gar ein Abfluss. Farin jedoch versicherte mir, dass das Wasser in Ordnung sei.


Einige von Farins Freunden waren echte Muslime - nicht nur offiziell, wie die meisten Tataren in Udmurtien: Eine Frau ging in kompletter Kleidung und Kopftuch ins Wasser zum Baden und blieb auch nicht sehr lange, denn wahrscheinlich war es sehr unangenehm, sich in dieser nassen Kleidung lange am Ufer aufzuhalten.
Es blieben nur noch Farin und Rawil mit mir zurück; sie stürzten sich ins Wasser und schwammen um die Wette zum anderen Ufer. Das Wasser angenehm kalt, wenn auch etwas trüb und der Grund schlammig, aber zumindest nicht das Abwasserbecken für Ischmasch, Ischstahl und wer weiß noch was.
Ich plantschte vor mich hin und ließ mich schließlich im Wasser auf einem Stein in Ufernähe nieder, denn traute mir nicht 500 Meter weit zu schwimmen ohne wie ein Stein abzugluckern. Keine Ahnung, was sie beiden auf der anderen Seite trieben. Sie beste Freunde aus Jugendjahren, hatte mir Farin auf dem Weg erzählt. Mir schienen die beiden Männer grundverschieden: Rawil war ein Draufgänger, ein Straßenjunge, der zum Familienvater geworden war und immer noch wie eh und je sprach - jedes zweite Wort ein Fluch. Farin hingegen wirkte wie der nette, etwas unbeholfene Junge von nebenan, mit einem etwas ungünstigen Haarschnitt, der schon an einen Vokuhila grenzte.
Diese Frisur war eine ewige Mode-Erscheinung in Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken, da sie irgendwie mit dem Rocksänger Viktor Zoi in den 80er Jahren steckengeblieben waren. Nicht, dass es in Russland die 70er Jahre gegeben hätte; was modetechnisch hoffen lässt, dass ihnen auch die 90er Jahre entgehen werden, und dass man irgendwann direkt zur modischen Vernunft kommt.

Als die beiden aus dem Wasser stiegen, war die Sonne verschwunden. Farin holte zwei zerschlissene alte Decken aus dem Auto und warf sie mir über die Schulter, sodass ich nicht fror, obwohl ich mich schon in mein Handtuch gewickelt hatte. Eine weitere breitete er im Gras aus und bereitete uns ein Picknick mit Keksen und Saft aus Plastikbechern. Ich hatte selbst in aller Eile Lebensmittel in meinen Rücksack geworfen, unter anderem eine Packung des türkischen Lokums, das ich in Kazan im Supermarkt gekauft hatte, weil es frisch und selbst hergestellt ausgesehen hatte.
An dem Fluss gab es unheimlich viele Mücken, die sofort zubissen, wenn sie eine unbedeckte Hautstelle fanden, dadurch fiel unser Picknick eher kurz aus, dafür lud uns Rawil in sein Banya ein.


Ich machte noch schnell ein Foto von allem, und Rawil bestand darauf, auch ein Foto von Farin und mir zu machen, am liebsten mit dem Fluss im Hintergrund, und am lieber ganz eng beieinander - er war ganz klar Farins Wingman - seine Rückendeckung im Kampf um das andere Geschlecht. Farin legte die Arme um meine Hüften und grinste in die Kamera. Ich sah ihn zweifelnd an.
Das letzte, was ich brauchte, war ein russischer Mann, oder noch schlimmer, ein tatarischer. Schon die meisten russischen Männer waren verwöhnt und es gewohnt, von Frauen bedient zu werden, und wechselten direkt von der Mutter zur Ehefrau ohne sich jemals selbst versorgen zu müssen.
Bei den Tataren erschien es mir noch ein wenig extremer. Die meisten Tatarenmänner lebten noch im guten alten Patriarchat, hatten für europäische Verhältnisse lächerlich altmodische Wertvorstellungen und suchten sich meistens eine Frau, die nur einen Sinn in ihrem Leben sah: Hausfrau und Mutter zu werden. Je mehr Tataren ich in meiner Zeit in Russland kennenlernte, desto mehr verfestigte sich dieses Stereotyp - sie kamen mir bald immer mehr wie Höhlenmenschen vor, die sich ein Weibchen suchten, ihr mit der Keule eins überbrieten und sie an den Haaren in ihre Höhle zerrten.
"Mit mir nicht, Junge", dachte ich mir.
Tatsächlich lernten Farin und ich uns mit der Zeit immer besser kennen, und ich war manchmal einfach nur erstaunt, welche Ansichten er vertrat, und wie unvereinbar unsere Wertvorstellungen waren - aber das stand einer Freundschaft nicht im Weg.

Wir fuhren zurück in die Krimskaya-Straße, und kamen an der einzigen Moschee der Stadt vorbei, die auf den ersten Blick eher wie ein Bauernhof mit Kirchturm aussah, auf dem man schließlich einen Halbmond entdecken konnte. Die Tataren waren traditionell sunnitische Muslime, obwohl die meisten in Udmurtien ihre Religion nicht besonders erst nahmen und zum Beispiel genauso gern Wodka tranken wie der Russe aus dem Buch der Klischees.

Während Rawil sein Banya anheizte, zeigte mir Farin seinen Garten und sein Haus: Das Haus hatte sein Großvater noch eigenhändig gebaut, das Grundstück ringsum war ein großer Garten mit bepflanzten Beeten und Äpfelbäumen; das Wasser aus dem frei stehenden Waschbecken mit Schlauch daran lief beständig - es gab keinen Zähler. Hinter dem Haus stand ein brüchiger Schuppen, vor dem allerlei Schrott lag, und links davon stand eine mittelgroße Holzhütte - Farin baute ein eigenes Banya und hoffte diesen Sommer noch fertig zu werden um es im Winter schon nutzen zu können. Nichts sei besser als direkt von der Sauna in den Schnee zu springen und dann zurück ins Banya.
Farins Mutter arbeitete im Garten und gab mir eine frische Gurke, als ich ihr vorgestellt wurde. Sein Vater wohnte im Sommerhaus, erzählte Farin. Er bat mich, die Hände zu waschen und zum Teetrinken mit uns Haus zu kommen. Der Eingangsbereich war niedrig und stand voller Schuhe und Gerümpel, links war eine Tür und gegenüber führte eine knarrende Holztreppe nach oben. Hinter einer der schweren Türen befand sich eine gemütliche alte Wohnstube, die mich sofort ein Museum erinnerte. Die beiden Längsseiten des großes Raums waren mit altmodischen Holzbetten zugestellte und am hinteren Ende stand ein gedeckter Tisch; an den Wänden hingen Teppiche, und wenn man das Zimmer durchquere, klirrte das Glas im Schrank rechts. Ein uralter Fernseher mit einem Ungetüm von Antenne machte das Bild komplett.

Farins Mutter begann sofort alles Essbare auf den Tisch zu schlichten, das sie im Zimmer hatte finden können: Quarkkeulchen mit selbstgemachter Apfelmarmelade, Gebäck in simplen Plastiktütchen, aber auch eine Pralinenschachtel öffnete sie extra für mich - eben alles, was man traditionell zu Tee reichte.
In den Tee selbst wurden Johannisbeerblätter und ein in Zucker eingelegtes Zitronenstückchen hinzugegeben. Das hatte ich noch nirgendwo gesehen: Ein Einmachglas mit feuchtem Zucker darin, und dazwischen leuchteten die Zitronenscheiben und -stücke.
Die Mutter saß mit uns am Tisch; sie war sehr neugierig über mich und erinnerte sich an ihr Schuldeutsch, das sie gleich mit mir ausprobierte. Ansonsten sprach eine Mischung aus Russisch und Tatarisch, und Farin übersetze, wobei sein Englisch ja auch eher gewöhnungsbedürftig war... Oft verstanden wir gar nicht, was der andere eigentlich sagen wollte, aber wir wollten es als Chance nehmen und beide voneinander lernen.

Rawil rief an, das Banya war angeheizt. Ich trug immer noch meinen Bikini unter den Sachen und bekam nur einen "Bademantel" von Farins Mutter; eigentlich war es ein dünner Ärztekittel, aber besser als nichts, weil wir die Straße überqueren mussten um zu Rawils Haus zu kommen.

Das Banya, die russische Sauna, war traditionell eine gut mit Moos und anderen natürlichen Materialien isolierte Holzhütte, die aus zwei Räumen bestand: Ein eigentlicher Sauna-Raum mit einem Ofen, und ein weiterer Raum zum Ausruhen. In beiden befanden sich Liegen. An der Wand hingen Plastikschüsseln und ein Regal mit Duschgel und Waschutensilien, auf dem Holzboden standen Metalleimer.
Farin nahm eine Schöpfkelle und füllte einen Eimer mit einem Teil heißem Wasser und mehreren Teilen kaltem Wasser - zum späteren Waschen, erklärte er. Das heiße Wasser kam aus einem Wassertank am Ofen. Er nahm eine Kelle Wasser und machte einen Aufguss direkt im Ofen. Die Hitze schlug mir ins Gesicht.
Dann verschwand Farin und kam mit zwei Bünden getrockneter Birkenzweige zurück. Er schöpfte heißes Wasser in einer der Schüsseln und ließ die Zweige 5-10 Minuten lang einweichen um sie geschmeidiger zumachen. Er setzte die andere Schüssel mit dem Boden nach oben darüber und kochte damit die Zweige wie eine seltsame Suppe.


Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander im Dampf, dann meinte Farin, die Zweige seien fertig und forderte mich auf, mich längs auf die gepolsterte Liege zu legen. Dann begann er mich mit dem heißen, nassen Zweigbündel gut durchzuklopfen wie Grillfleisch, von den Füßen beginnend bis zu den Schultern. Dabei weichte er das Bündel immer wieder kurz ein. Dann sollte ich mich umdrehen und er peitschte mich etwas sanfter auch von vorn. Das hatte nichts mit SM zu tun; es wühlte sich eher wie eine Massage an. Dann bat er mich, auch ihn zu bearbeiten. Das schaffte ich etwa zwei Minuten, dann ließ ich mich auf den Boden fallen; die Hitze setzte mir ziemlich zu. Farin meinte, wir sollten erstmal nach draußen gehen. Er verließ die Hütte ganz und versuchte einen Wasserschlauch zu finden und ihn anzuschließen, aber das Verbindungsstück schien kaputt zu sein. Ich trat hinaus in die Nachtluft, die sich sehr angenehm auf der feuchten Haut anfühlte. Ein Hund bellte heiser.

Das Wechseln nach draußen und wieder hinein ins Banya wurde normalerweise so lange wiederholt, bis man die Nase davon voll hatte. Danach ging man zum Waschen über. Da auch die Haare nass und verschwitzt waren, wurden sie als erste gewaschen; Farin kippte mir gleich einen halben Eimer über. Ich rieb das Shampoo ein und Farin übergoss mich wieder und mehrmals mit Wasser. Ich prustete, aber er gab nicht eher Ruhe bis der Eimer leer war. Dann gab er mir einen groben grell-pinkfarbenen Waschschal und ließ mich allein, sodass ich mich aus dem Bikini schälen und waschen konnte. Danach wartete ich im Bademantel im Vorraum auf Farin, als er zum Waschen ging. Roman hatte mir eine SMS geschrieben, ob ich mit ihm schwimmen gehen wollte. Ja, warum nicht? Ich schrieb ihm, er sollte mir morgen bescheid geben, wenn er losfahren wollte.

Farin und ich gingen zurück zu seinem Haus. Nun ging seine Mutter ins Banya... Es war ein Spaß für die ganze Familie und Nachbarschaft, und wie Farin erklärte, gingen sie fast jedes Wochenende.
Wir tranken noch etwas Tee und knabberten die Kekse.
Das Haus war praktisch nur in diesem einem großen Zimmer bewohnt, und als seine Mutter zurück kam und schlafen gehen wollte, schlug Farin vor, dass wir in ihre Wohnung nahe des Stadtzentrums wechseln könnten. Dort habe er auch eine Gitarre und Alkohol. Zwei schlagende Argumente.

Wir stiegen also in seinen alten Lada und fuhren in eine Weile bis wir ein Neubaugebiet erreichten.
Er begann Gitarre suchen; sie war in einer Abstellkammer eingemottet gewesen und wir versuchten sie eine Stunde zu stimmen, während wir Cognac tranken, aber es war so widerliches Zeug wie in Petersburg, nicht wie das bei Albert im Büro. Farin lehrte mir auch einen sehr wichtigen russischen Satz: "Meschdu perwy i wtoroj - pererywtschik nebolschoj" - zwischen dem ersten und dem zweiten Glas darf keine lange Pause folgen. Der Satz blieb sofort hängen im Gegensatz zu dem, was ich in meinen Lehrbüchern las. Ich hatte das dumme Gefühl, dass ich am Ende des Semester immer noch keinen geraden Satz auf Russisch hinbekam, außer wenn es ans Trinken ging.

Farin hatte es mit einer Anleitung, die bei der Gitarre lag, endlich geschafft, sie per Hand zu stimmen, wenn auch dabei einer der Wirbel abgebrochen war. Er hatte einen ganzen Ordner voller Lieder der russischen Gruppe "Kino", mit den entsprechenden Texten und Akkorden. Kino war eine russische Rocklegende, etwa wie die Beatles bei uns, und jeder, der Gitarre lernte, fing mit ihren Liedern an, weil sie oft nur aus drei Akkorden bestanden. Farin ließ sie Musik laufen und schlug dazu die Saiten der Gitarre an um sich in den Rhythmus hineinzufühlen. Er hatte seit Ewigkeiten nicht mehr gespielt, aber Gitarrespielen war wie Fahrradfahren, das verlernte man nicht.

So wechselten wir zwischen trinken, übergeben und Gitarrespielen, bis ich gegen vier ins Bett rollte und einschlief; Farin zog sich als Gentleman auf die Couch zurück.

2 Kommentare:

  1. • Moosmänchenkostüm, ist das nicht eine Vogtländische Sagengestallt?
    • Was für ein Tanz war das, nicht der Kasatschok oder?
    • Waahhhh eine Enklave *böse Erinnerung wach werd*
    • Das mit der 10 Meter Holzstange gibt es auch in Bayern - Maibaumklettern. Ich glaub dabei geht es um Kraft und Mut zu beweisen und ohne Hemd am Querpfosten
    • Unterirdischer Wasserrohrbruch sorgt für "Heil-"Quellen in der Stadt? Wer weiß was da in Bad Elster kaputt ist ;)
    • Also du mit Farin und Rawil baden warst, und Farin dir versicherte dass das Wasser OK sei, war es das wo du den Ausschlag bekamst?
    • Hey, der Traummann aus den 80igern hatte nen Vokuhila und der kann nicht falsch gelegen haben - MacGuyver ^^
    • Türkisches Lokum, hast du da gekauft, schmeckt das so wie das in Istanbul? Ich hab davon noch was übrig. Soll ich es dir zusenden? :D
    • Sunniten waren die freundlichen und Schiiten die, die die Bombenstimmung verbreiten?
    • Das Wasser zum späteren Waschen, ist das eigentlich durch die Banya mit erhitzt oder wird da kaltes, frisches Wasser genutzt?
    • Spielst du eigentlich noch ab und zu mal Gitarre und hast schon ein einfaches Kino-Lied fließend hinbekommen?

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  2. Offenbar gibt es Moosmännchen überall, aber in Russland sind die bissl größer, wie alles.
    Woher soll ich wissen, wie das heißt?^^
    Du kannst nicht ständig in Angst leben^^ Naja, vielleicht haben die Bayern und Tataren doch mehr gemeinsam als mit den Russen und Deutschen.
    Nah, in Bad Elster ist das Wasser zu ekelig um aus einer normalen Leitung zu kommen.
    Nein, das war erst beim nächsten Mal.
    MacGuyver ist der einzige, der sowas tragen darf.
    Doch, schon. Oh ja, bitte, das ist hier so teuer ;) Kann man nicht so pauschal sagen, die hauen sich doch alle gegenseitig die Köpfe ein.
    Beides, es wird heißes mit kaltem Wasser gemischt.
    Ich kann jetzt schon ganz toll spielen und dazu singen. So lange niemand zuhört jedenfalls ;-p

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