Dienstag, 19. Oktober 2010

Nachgetragen. Teil 4. (28. Juni bis 2. Juli)

28.06. Mascha hatte mich um einen Gefallen gebeten: Sie wollte spezielle Wolle aus Deutschland kaufen, aber eine Auslandsüberweisung war für sie zu teuer und zu schwierig, deshalb sollte ich das Geld von meinem deutschen Konto aus an den Verkäufer überweisen, und sie wollte mir den Betrag bar in Rubel zahlen. Das klang schon fast nach Geldwäsche, aber ich machte es natürlich gern für sie. Es musste ein ganzer Haufen Wolle sein, oder besonders feine und teure Wolle, denn sie gab mir 2550 Rubel, etwa 66 Euro. Vermutlich waren die Studenten der landwirtschaftlichen Universität genauso verrückt nach Naturprodukten wie wir technischen Studenten nach der neusten Computertechnik.

Auf dem Rückweg ging ich im Auslandsamt vorbei und bekam nun schon die Einladung, die ich für die Beantragung meines neues Visums im September brauchte. Es hatte an vielen Stellen durchgereicht werden müssen, aber endlich hatten sie das unterschriebene und gestempelte Papier zurückerhalten. Es überraschte mich ehrlich, es noch vor meiner Abreise zu bekommen, aber auf diese Weise konnte ich es direkt mit mir nach Deutschland nehmen und musste nicht erst auf die Post aus Russland warten und eventuell meinen Flug zurück verpassen.

Noch eine Überraschung kam auf mich zu - eine alte Bekannte. Im ersten Moment hatte ich sie gar nicht erkannt, aber dann sprang mein Gehirn ratternd an und versuchte sie einzuordnen. Sie sprach Deutsch, das half bei der Zuordnung, aber erst am Ende unseres kurzen Gesprächs fiel es mir wieder ein: Es war Maria gewesen, einer der ersten Austauschstudentinnen, die von Izhevsk nach Zwickau gekommen waren. Sie hatte mittlerweile ihr Diplom mit Auszeichnung bestanden und studierte im Masterkurs weiter. Nach Deutschland wollte sie eigentlich nicht zurück, aber das Masterprogramms schrieb den Auslandsaufenthalt vor. Da war sie ganz anders als zum Beispiel Ilya; er würde jederzeit wieder nach Deutschland fahren, wenn er die Gelegenheit hätte. Doch im Moment arbeitete er als Mädchen für alle lästigen Übersetzungs- und Managementaufgaben in einem Automobilbetrieb in Nizhniy Novgorod. Aber doch einmal hatte ihn seine Firma nach Frankfurt geschickt. Solche Jobs waren von Studenten begehrt.

Die Sonne knallte wieder erbarmungslos vom Himmel, doch heute wollte noch einiges erledigt werden.
Ich hatte hin und her überlegt, ob es sich lohnte für den letzten Monat eine neue Digitalkamera zu kaufen, aber Matthias hatte mich dann überzeugt: Wann kam ich schon noch mal zum Baikalsee? Da würde ich sicher tausende von Fotos machen wollen. Und bei meiner Abreise nächstes Semester konnte ich die Kamera ja wieder verkaufen.
Zuerst ging ich in den Technocity-Elektronikmarkt gegenüber meiner Uni, leider war denen der Service-Gedanke vollkommen fremd. Die Verkäufer standen im Rudel herum und kümmerten sich nicht um mich. Ich ging durch die Reihen von Kameras und sah mir die Preise an; ich wollte mir nur eine der billigsten Kameras kaufen, die auch gerne nach der Reise Schrott sein konnte, aber so richtig billige gab es hier nicht. Es standen sogar zwei verschiedene Preise an den Infoblättchen, mit dem Vermerk "bez skitki". Ohne - was? Mehrwertsteuer? Ich wollte einen der Verkäufer fragten, und wenn ich einmal dabei war auch zur angebotenen Garantie. Eine Frau löste sich aus dem Rudel, schüttelte aber nur den Kopf, als ich sie nach Englisch fragte. Ich wollte schon auf Russisch anfangen, da rief sie zu ihrem Kollegen rüber: "Eh, du kannst doch Englisch!" Der Kollege blickte kurz auf und beschloss, sie nicht gehört zu haben. Währenddessen hatte sich die erste Verkäuferin wieder aus dem Staub gemacht. Ich stand etwas ratlos in der Gegend und ging dann zum Ausgang. Das war schon mal nichts gewesen.

Nun nahm ich den Bus zum Talisman-Einkaufszentrum, weil ich das Bauchgefühl hatte, dort oder dort in der Nähe noch einen Elektromarkt finden zu können. Tatsächlich sah ich schon auf der Fahrt an einer Plakatwand eine Werbung für eine billige Digicam.
Im Mvideo-Elektromarkt in der oberen Etage des Einkaufszentrums wurde ich fündig. Gleich zwei Verkäufer kümmerten sich um mich: Einer, der mir die Technik zeigte, und eine, die übersetzte. Bereitwillig gab er mir die Kameras in die Hand und ließ mich ein Testfoto machen. Fast fühlte ich mich schon wieder wie in Deutschland, nur mit dem Unterschied, dass hier die Verkäufer ehrlich begeistert wirkten, und nicht nur freundlich waren, weil es ihr Arbeitgeber verlangte. Vom Service so begeistert ließ ich mir sogar eine Tasche für die Kamera aufschwatzen.
Die übersetzende Verkäuferin begleitete mich sogar zur Kasse und zum Lager und stand für sämtliche Eventualitäten bereit. Sie reichte dem Mann im Lager die Kassenquittung und ließ ihn nach der Kiste suchen. Zu mir meinte sie: "Entschuldigen Sie, dass es etwas länger dauert" und zu ihrem Kollegen auf Russisch: "Na pack die Kamera schon aus, das Mädel ist aus dem Ausland…, ein bisschen Service mal bitte!" Der Lagerarbeiter packte die Kamera aus, zeigte, dass alles im Karton war. Ich bedankte mich für den Service und für die kleine Unterhaltung, die wir gehabt hatten. Diese westliche Service-Oase wollte ich gerne weiterempfehlen.

Nun wollte ich wegen der irren Hitze auch endlich Rock erstehen, aber im Karusel-Supermarkt es gab nur bunte Großmutter-Wickelschürzen, und die Angebote in den Boutiquen waren mir das Geld einfach nicht wert. Lange hielt ich mich heute nicht im Karusel auf, obwohl es angenehm kühl war, aber mir ging das Werbelied fürchterlich auf die Nerven, das ständig durch die Lautsprecher abgespielt wurde, seitdem ich mich vor kurzem selbst dabei ertappt hatte, wie ich es vor mich hin gesummt hatte.

Heute war leider auch Gergös letzter Tag. Er würde am Abend nach Jekaterinburg fahren und von dort aus nach Moskau fliegen. Zsolt nahm das gleiche Flugzeug von Moskau aus, aber er würde einen Tag später mit dem Zug nach Moskau fahren.
Ich traf Gergö uns am Nachmittag für ein letztes Bier im Colt-Café um uns voneinander zu verabschieden. Gergö meinte, der Schaschlik sei hier ausgezeichnet, bestellte sich dazu ein großes Bier und genoss die Sonne während er erzählte, dass er am Abend noch ein Mädel treffen wollte… ja, das war mein Gergö, wie er leibt und lebt. Es würde sehr ruhig ohne ihn werden.

Heute musste ich mich auch final um die Zugtickets für meine Sommerreise kümmern; Sina hatte sich wie erwartet noch nicht entschieden, ob und bis wohin sie mitkommen wollte, also hatte ich ihr zu verstehen gegeben, dass ich nun die Tickets nur für mich allein kaufen würde, und dass sie später spontan noch mitkommen könnte, falls noch Tickets verfügbar waren. Gerade der erste Abschnitt meiner Reise Izhevsk - Jekaterinburg war nicht Teil der Transsibirischen Eisenbahn und erst zur Hälfte ausgelastet. Die restlichen Abschnitte waren schwieriger.
Zwei Stunden lang setzte ich mich an die Webseite der Russischen Eisenbahngesellschaft und begann die Reise von Neuem durchzuplanen und überplanen. Da ich nur ein einziges Ticket brauchte, wurde es schon einfacher, passende Züge zu finden. Auch war der Server nicht mehr so ausgelastet wie letzte Woche, weil die zuständigen Programmierer einen Fehler eingebaut hatten: Der eingebaute Kalender zum Auswählen des Abfahrtsdatums gab das Datum im falschen Format an das Suchformular weiter, sodass die Suche mit einem Fehler abbrach. Gab ich hingegen das Datum im alten Format per Hand ein, funktionierte die Suche.

Ich plante nun doch keinen Zwischenstopp mehr in Izhevsk ein und wollte lieber paar Tage länger am Baikalsee bleiben, sodass ich Zeit hatte, auf die Insel zu fahren, die Gergö besucht hatte, und von der er mir so schwärmerisch berichtet hatte.
Nachdem ich sämtliche Verbindungen herausgesucht hatte, versuchte ich mir mein Ticket online zu kaufen. Das war genauso abenteuerlich wie der Verkauf am Schalter. Nach einer Viertelstunde hatte ich mich so weit durchgeklickt, dass ich mich zu einem Kreditkartenlastschriftverfahren über meine deutsche Bank angemeldet hatte, da bekam ich bei der Datenübertragung nur noch eine leere Seite mit der Meldung: Es ist ein Fehler aufgetreten.

Frustriert gab ich das auch auf. Ich wusste nicht, ob ich nun schon ein Ticket gekauft hatte oder nicht. Per Mail kam keine Bestätigung, also nahm ich an, dass die Transaktion zurückgesetzt worden war. Dann war es eben an der Zeit für Plan B: Selbst zum Bahnhof zu fahren. Ich stellte eine übersichtliche Liste von Zügen zusammen, für die ich je ein Ticket kaufen wollte, schrieb daneben die Klasse und Wagonnummer, die ich mir herausgesucht hatte - die billigste, und wenn nur noch wenige Tickets verfügbar waren, kopierte ich eine andere Zugverbindung in mein Dokument hinein und schrieb groß auf Russisch "Alternative:" darüber. Dann schrieb ich über das ganze Dokument auf Russisch: "Mit Bettwäsche. Platz: Oben nicht-seitlich, wenn möglich." Das ganze gab ich Murik zum Durchlesen und fragte, ob es verständlich sei. Er runzelte etwas die Stirn, meinte aber, es ginge. Er druckte es mir aus und wünschte mir viel Glück. Das machte mir nicht gerade Mut. Auch Ilya schrieb mir über Internet: "Pass auf dich auf!" Als würde ich nachts im Park spazieren gehen wollen. Gut, es war bereits 22 Uhr, aber ich hielt es für besser, die Tickets zu einer Zeit zu kaufen, in der wenig Andrang am Schalter sein würde. Ich wusste ja, welches Theater man für ein einziges Ticket durchmachen musste, aber gleich acht Tickets - das war sicher erstmal ein Ding der Unmöglichkeit, bis man lang genug mit dem Schalterangestellten diskutiert hatte. Ich steckte mir mein Wörterbuch und die Zugliste ein, und ging Bargeld abheben, falls man meine Kreditkarte nicht nehmen würde. Die Webseite hatte die Preise der Tickets ausgegeben, und etwa in diesem Bereich würde sich auch der reale Preis befinden. Maximal würden es 16000 Rubel sein, minimal 13000, also zwischen 325 und 400 Euro.
Das überschritt schon das Auszahlungslimit meiner Kreditkarte, konnte aber durch ein zweites Abheben am gleichen Automaten umgangen werden.

Ich war mir sicher, dass Tram Nummer 1 nun wieder zum Bahnhof, denn ich hatte sie bei der Rückkehr aus Sankt Petersburg dort gesehen. Sicherheitshalber fragte ich in der Tram noch mal nach - zunächst einmal war es die falsche Richtung, und zum anderen - nein. Doch die Fahrkartenverkäuferin war von großmütterlichem Wesen und erklärte mir, dass ich an der nächsten Haltestelle in die Gegenrichtung einsteigen sollte, bis zur Gagarinstraße fahren und dort in einen Bus steigen oder laufen könne. Dann tätschelte sie beruhigend meinem Arm, wünschte mir alles Gute und wollte noch nicht mal das Geld für die Fahrkarte. Das war in sofern eine Geste, weil man in Russland in jedem Fahrzeug erneut lösen musste.

Es war schon ein komisches Gefühl, im dunklen Nirgendwo auf die nächste Bahn zu warten, nur ein einsamer Kiosk mit ein paar jugendlichen Trinkern davor diente als Haltestelle in diesem stillen Wohngebiet. Nach 10 Minuten wurde ich erlöst.
In der anderen Bahn war die Fahrkartenfrau damit beschäftigt, mit einem Trinker zu zanken und ihn zu überreden, die Bahn zu verlassen, weil er offenbar schon den ganzen Abend mitfuhr. Sie rief eine Fahrplanänderung und ich fragte meine Sitznachbarin, was es damit auf sich hatte. Sie sprach sogar ein bisschen Englisch und diskutierte mit der Fahrkartenfrau, als sie kam um uns die Tickets zu verkaufen. Die Änderung war planmäßig, von der Gagarinstraße sollte ich Bus 21 nehmen oder zum Bahnhof laufen. Sie beschrieb mir den Weg zur Bushaltestelle, doch der Einfachheit halber konnte ich einfach den restlichen aussteigenden Fahrgästen nachlaufen. Auf der Stadtkarte sah es aber gar nicht so weit aus bis zum Bahnhof, also ging ich zu Fuß. Angst hatte ich hier überhaupt nicht; ich erfuhr aber auch erst später, dass die Bahnhofsgegend ein Messerstecherviertel war.

Zwei Schalter waren zu so später Stunde noch geöffnet, und noch recht viele Leute wollte Fahrkarten kaufen, aber keiner für den aktuellen Zug. Wenn es schon nachts so aussah, wollte ich gar nicht wissen, wie lang man tagsüber anstehen musste.
Als ich schließlich drankam, schob ich meinen Reisepass und die Zugliste durch den Geldschlitz und hoffte, dass die Angestellte das System verstand. Sie sah mich prüfend an und fragte, ob ich Geld hätte. Ich zeigte ihr das Bündel blauer Scheine, das ich vorhin aus dem Automaten gezogen hatte.
Sie fragte mich noch einige Dinge und ich antwortete so gut es ging mit meinem Wörterbuch. Sie begann zu tippen. Erstaunlich lang zu tippen. Hoffentlich verkauft sie mir nicht auch die Tickets der Alternativverbindungen, begann ich mir Sorgen zu machen. "Eine Person" und "8 Tickets, 8 Züge" hatte ich gesagt. Ich stand auf meinen Zehen wippend vor dem Schalter und versuchte zu erspähen, was sie dort trieb.

Hinter mir bildete sich immer längere Schlange, während die Angestellte tippte und schaute und druckte. Ich wandte mich nach hinten zur Schlange und sagt: "Entschuldigen Sie"; ein Mann antwortete - "ach nichts". In Deutschland wäre man normalerweise nicht so gelassen gewesen und hätte jemanden wie mich mit Fackeln und Mistgabeln aus dem Bahnhof gejagt.

Dann endlich war sie fertig. Ich bekam 8 glänzende Tickets gereicht und bezahlte 14000 Rubel - gar nicht so viel; es lag im unteren Bereich der Summe, die ich maximal ausgerechnet hatte.
Ich war so froh, es hinter mich gebracht zu haben, dass ich ganz vergessen hatte, der Anstellten zu danken, nachdem ich zur Seite gedrängt worden war und dort meine Tickets kontrollieren sollte, ob alles stimmte. Es passte alles. Ich versuchte hinter der Schlange Blickkontakt herzustellen um wenigstens dankend zu lächeln, aber die Angestellte bemerkte es nicht. Dabei muss ich wohl eine hilflose Figur gemacht haben, denn eine Frau sprach mich an, ob sie mir helfen könnte. Wie nett die Menschen hier doch waren!

Für den Rückweg nahm ich mir ein Taxi, denn es war schon fast zu spät geworden. Niemand hatte versucht mich übers Ohr zu hauen, auszurauben oder sonst etwas mit mir anzustellen.
Murik wirkte ehrlich überrascht, als ich den Computerraum betrat und die Tickets wie Spielkarten im Fächer hielt.

29.06.
Schon morgens waren es um die 26 Grad, stellte ich fest, als ich um 10 zur Schule 22 ging.
An der Bushaltestelle fragte mich jemand nach der Technischen Universität; ich sagte es ihm auf russisch, dass dies die Uni sei - und er hielt mich offenbar für bekloppt, weil ich mich sehr simpel ausdrückte, wo sich die Gebäude befanden. Aber wahrscheinlich ohne Akzent, weshalb er nicht auf die Idee kam, es mit einem Ausländer zu tun zu haben. Er sah mich zweifelnd an und ich warf auf Englisch mit beton amerikanischem Akzent ein: "Mein Russisch ist halt nicht so gut, aber das ist die ISTU." Er schien zu überlegen, was er auf Englisch noch wusste und sagte: "Hasta la vista…!" Filme sind sehr gut für die Allgemeinbildung.


Nahe der Schule 22 kam mir der Trommler-Andrey auf der Straße entgegen, wir begrüßten uns nickend. Izhevsk war wirklich ein Dorf; schlimmer als das, in dem ich aufgewachsen war, weil mir genauso viele Leute auf der Straße traf, die man kannte, und das, obwohl Izhevsk etwa 200 Mal größer war.

Die Schüler steckten mitten in der Vorbereitung auf ihren Schüleraustausch nach Lüneburg. Nun ging es darum, sich praktische Deutschkenntnisse anzueignen, zum Beispiel Fußballvokabular - sie fragte mich, wie man einen Sieg beschreiben konnte. Ich überlegte angestrengt und fand schließlich Ausdrücke wie "vom Platz gefegt", während die Lehrerin alles an die Tafel schrieb und die Schüler es in ihre Heftchen übertrugen.
Dann wollten sie noch Tipps, was sie machen konnten, falls die Kinder in den Gastfamilien nicht mit ihren reden wollten oder sie keine gemeinsamen Themen finden konnten… über was sprachen Jugendliche aller Länder in dieser Generation? Ich war selbst überfragt und schlug Musik zu hören und einkaufen gehen vor; gemeinsam Fußball zu spielen oder an der Spielekonsole zu zocken.

Nach der ersten Stunde gingen wir alle gemeinsam essen; es war ein langer Tisch für uns vorbereitet worden - es gab Fisch mit Kartoffelbrei und russische Minipizzas, die oben auf den Teegläsern lagen um nicht auf dem Tisch liegen zu müssen. Dazu noch für jeden eine Apfelsine. Nun, so ließ es sich leben, und die Schüler beschlossen wohl, dass es auch ihre Pause war und wechselten wieder zu russisch. Nach und nach verschwanden sie, und mit den letzten vier ging ich zurück ins Klassenzimmer.


Die Lehrerinnen hatten verschiedene Themen aufgenommen und sie auf kleine Kärtchen geschrieben, die von den Schülern einzeln gezogen werden sollten: Nach dem Weg zum Kino fragen, sich zum Kino verabreden, und so weiter. Jeder sollte einen Dialog dazu mit mir improvisieren - auf Note, versteht sich.
Die meisten Schüler waren richtig gut und optimal auf Lüneburg vorbereitet. Ich wünschte ihnen viel Spaß und Erfolg und musste mich nun beeilen, zurück zum Wohnheim zu kommen, denn in einer Stunde würde Zsolt nach Ungarn abreisen und ich wollte mich verabschieden, trotz all der grauen Haare, die er mir beschert hatte.
"Du bist eine richtige Lehrerin", sagte Lehrerin Olga beim Abschied und lud mich ein, bald wiederzukommen. Die Lehrerinnen hatten es gern gehört, dass ich noch ein Semester bleiben würde.

Im Bus suchte ich für Zsolt ein paar 10-Rubel-Münzen hervor, weil er die sammelte. Ich nahm wahrscheinlich nicht den kürzesten Weg, aber den kürzesten Weg, den ich kannte, und kam ohne mich zu verfahren im Wohnheim an und erwischte Zsolt noch, der gerade versuchte, die letzten Dinge in seinen Koffer zu quetschen. Ich gab ihm die Rubelstücke und er mir einige Lebensmittel, die er noch im Kühlschrank hatte, unter anderen einen Paprika-Brei, von dem ich mir relativ sicher war, dass ich ihn nicht essen würde.
Ich half ihm beim Tragen seiner Gepäckstücke, sodass er nichts unbeaufsichtigt zurücklassen musste, denn das bekam in Russland bekanntlich Beine. Draußen kamen mir drei Studentinnen entgegen, die Zsolt mir als Studenten der ungarischen Sprache vorstellte. Sie würden im Sommer nach Ungarn kommen, wo sie sich treffen wollten.
Sie hatten ihm ein Taxi bestellt - einen richtigen Luxuswagen, sodass Zsolt wie ein König davonfahren konnte. Sie wollten ihn zum Bahnhof begleiten, somit war meine Pflicht getan. Ich winkte noch einmal und stand dann mit dem komischen Gefühl da, dass alles zu Ende ging.

Alle packten gerade oder waren irgendwohin unterwegs. Albert schreibt von seiner "Dienstreise", dass es zu heiß sei um nach draußen zu gehen, außer morgens und abends. Wer hätte das für möglich gehalten - Ende Juni in Ägypten.
Auch der Cisco-Kurs würde bald zu Ende gehen, heute stand wieder so ein sinnloses Praktikum an.
Genau das hatte sich Farin auch gedacht und machte etwas ganz anderes mit uns - Quality of Service in Cisco-Netzwerken. Damit ich auch etwas davon hatte, versuchte er einige Dinge auf Englisch zu erklären und übersetzte dabei auch immer genau das, was ich schon auf Russisch verstanden hatte. Im Russischen benutzte er seltsame halb-russisch/halb-englische Wortkonstruktionen wie: "esli many matchov" (wenn es viele Treffer gibt), und "ja dropaju" (ich verwerfe) und deklinierte dabei die englischen Wörter wie russische. Und da sagen manche Leute, dass Denglisch schon schrecklich klingt.

Nach dem Praktikum blieb ich wie immer länger und half die Computer runterzufahren und alles in Ordnung zu bringen. Draußen bot mir Farin an, mich wieder in seinem Auto mitzunehmen. Auf dem Rücksitz lag ein Kalender mit Fotos von nackten Frauen. Ich zwinkere: "Hmm, interessant." Er fragte mit unschuldigem Lausbuben-Grinsen: "Was?" und warf eine Mappe mit Dokumenten darüber. Ich grinste und fragte: "Hast du keine Freundin?" Er sah verlegen aus. "Ah...nein...im Moment nicht…"
Es entstand eine seltsame Pause, in der wir uns angrinsten, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, dass der Motor lief, aber er nicht losfuhr.

30.06.
Ich begann den Tag mit ein bisschen Prokrastinieren. Beim Aufräumen fand ich eine Tüte deutsche Buchstabensuppe und kochte sie mir gleich. Ich hatte ganz vergessen, wie gut die im Vergleich zur russischen schmeckte. Selbst Lebensmittel von der gleichen Firma schmeckten in Russland anders als in Deutschland, und sahen teilweise auch anders aus. Haribo-Gummibärchen waren in Russland zum Beispiel viel quietschbunter - das Grün, aus dem die Gummibär-Palmen hergestellt werden, ist ein richtig leuchtendes, und überhaupt werden sie nur in viel kleineren Packungen verkauft, wenn man sie überhaupt im Supermarkt bekam. Und die deutsche Suppe schmeckte viel natürlicher, während die russischen Maggi-Suppen wie alle anderen Tütensuppen hauptsächlich nach künstlichen Aromastoffen schmeckten.

Es war wieder viel zu heiß zum Arbeiten, mein Notebooklüfter lief auf Hochtouren und ich versuchte irgendeinen Ort zu finden, an dem ich arbeiten konnte ohne wie Butter in der Pfanne zu schmelzen.
Die Cisco-Laborversuche, die ich diesmal abgeben musste, ließen sich viel einfacher lösen als im letzten Modul; ich musste kaum die Aufgabenstellung lesen und erstrecht nicht das eigentliche Kapitel, das sie betraf. So verbrachte ich einen großen Teil des Tags mit dem gutem Gefühl, sowieso schon alles zu wissen, an der Gitarre.

1.7.
Wie es mir mittlerweile zur Gewohnheit geworden war, lang zu schlafen… um 12 stand ich auf und schnappte mir sofort die Gitarre und versuchte mich weiter am F-Akkord bis die Finger wieder zu weh taten um weiterzuspielen und beim Tippen auf der Tastatur seltsam zu summen und vibrieren zu schienen. Aber es war schön, die Gitarre immer griffbereit zu haben und mich nicht erst anziehen musste, um sie mir aus einem öffentlichen Raum zu holen, selbst wenn ich nicht die ganze Zeit spielen konnte.
Seit ich eine drahtlose Internetverbindung in meinem Zimmer hatte, verbrachte ich nicht mehr so viel Zeit im Computerraum mit Murik, was ich eigentlich bedauerte. Heute machte ich es mir am Nachmittag wieder einmal bei den Jungs bequem und erfuhr, dass sie heute um 18 Uhr im Colt-Café Abschied feiern würden. Sie luden mich ein, aber als es so weit war, fühlte ich mich zu deprimiert um hinzugehen. Ich würde Murik sehr vermissen - er war wie der große Bruder, den ich nie hatte, obwohl er lustigerweise jünger war. Wir hatten E-Mail-Adressen ausgetauscht und uns versprochen, in Kontakt zu bleiben, aber wir beide wussten, dass wir uns nach nächster Woche nie wieder sehen würden.

So wie Freunde gehen, kommen auch immer wieder neue hinzu. In Roman von der Kazan-Reise hatte ich mittlerweile jemanden gefunden, mit dem ich mich ausgesprochen gut verstand, und der mir stets interessante Informationen über die dunklen Seiten Russlands gab, wenn wir miteinander im Chat redeten.
Seine Eltern arbeiteten als Ärzte und wussten die ein oder andere Gruselgeschichte über ihre Kollegen, die ihren Titel nur gekauft hatten und kaum eine medizinische Akademie von innen gesehen hatten. Von Fehldiagnosen und Ärzten, die überhaupt nicht diagnostizieren wollten, sondern Patienten mit über 39 Grad Fieber über mehrere Tage hinweg nach Hause schickten und ihnen den Ratschlag gaben, sich auszuschlafen. Das klang verdächtig nach dem, was Albert gefehlt hatte. Roman erzählte, ein Bekannter mit diesem Symptomen bei mehreren Ärzten gewesen sei und erst durch Romans Eltern richtig behandelt wurde: Zum Röntgen geschickt, unbehandelte Lungenentzündung festgestellt und Antibiotika gegeben. In Russland möchte man wirklich nicht krank werden.

2.7.
Ilya hatte mich nie ganz vergessen und immer wieder auf dem Handy angerufen um ein bisschen Deutsch zu sprechen und den Kontakt nicht ganz zu verlieren. Mit dem Wiedersehen hatte es ja nie so recht geklappt, aber nun hatte er sich ein weiteres Mal angekündigt: Er brauchte Ersatzteile für sein Auto, und offenbar gab es die nur in Izhevsk, oder vielleicht hatte er auch nur hier die entsprechenden Untergrundverbindungen, die für das Besorgen von Ersatzteilen nötig waren.

Es wirkte wie eine Neuauflage unseres ersten geplanten Treffens im März: Er bestellte mich um 15 Uhr wieder zum Korolenko-Theater, das ich mittlerweile kannte und jedes Mal wieder erstaunt war, dass in diesem Abrisshaus noch Theaterstücke aufgeführt werden. Dagegen wirkte jedes deutsche Theater, das über Streichungen klagt, wie ein übersubventioniertes Märchenschloss.

Wieder stand ich davor, aber sah keinen Ilya. Jemand winkte von der anderen Straßenseite. Er war kleiner als in meiner Erinnerung, in der er von der Statur eines Bären gewesen war. Wir umarmten uns und er bat mich, ins Auto einzusteigen; viel Zeit hatte er nicht, denn sein Vater würde ihn bald abholen kommen - seine Familie wohnte nicht in Izhevsk, sondern einer kleiner Nachbarstadt.
Am Steuer saß ein ehemaliger Studienfreund von Ilya. Er machte uns miteinander bekannt, dann fuhren wir quer durch die Stadt bis wir in den Hinterhof eines Wohnviertels kamen. Ich fragte mich nun wirklich, welche Art von Händler Ilya wirklich treffen wollte, aber er beschwor, dass es ein echter Laden war. Nach wenigen Minuten des Schwatzens stiegen Ilya und ich aus, er verabschiedete sich und wir warteten an der Straßenecke auf Ilyas Vater, der bald darauf ankam. Das ganze Treffen hatte höchstens 20 Minuten gedauert. Ilya beschrieb mir noch, wie ich zur nächsten Straßenbahn kam und wir umarmten uns zum Abschied.


Ich hatte ihm versichert, den Weg schon finden zu können, denn ich hatte meine Stadtkarte dabei, aber dann war ich doch erstmal etwas in der Pampa verloren bis ich die große rote Kathedrale sah, die sich mitten aus dem Stadtbild erhob und wie eine Kompassnadel den Weg zeigte.
Die Bepflanzung des Kathedralenbergs war jedes Mal, wenn ich daran vorbei kam, eine andere; aber immer waren es schöne Ornamentmuster aus nur wenigen Blumen auf einem steilen, grasbewachsenen Hang.

Um 18 Uhr traf ich mich schließlich mit Roman in einer Pizzeria nahe meines Wohnheims zum Austausch unserer Kazan-Fotos. Er hatte eine sehr gute Kamera und entsprechend tolle Bilder, die ich mir auf mein Notebook zog. Roman spendierte die Pizza und wir saßen ewig daran während wir über Holland und Russland und Gott und die Welt sprachen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen