21.06. Bisher waren meine Sommerreisepläne recht wenig konkret gewesen, doch heute wollte ich mich hinsetzen und den Reiseplan ausarbeiten. Es reicht ja nicht festzulegen, in welchen Städten ich wie lange bleiben wollte - ich musste auch die Entfernungen zwischen den Städten in Betracht ziehen, die meistens eine ganze Tagesreise auseinander lagen, weshalb die Züge zwischen ihnen nicht so häufig fuhren wie man es vielleicht aus Deutschland gewöhnt war. Nur funktionierte die Webseite der russischen Eisenbahn rzd.ru schon seit Tagen nicht so recht; wahrscheinlich war der Server hoffnungslos überlastet von den vielen Anfragen, die in der Hauptreisezeit gestellt wurden. Gleichzeitig wurden neue Skripte aus dem Server ausgetestet, die sich mit neuen Oberflächen zeigten und den Server manchmal für Stunden lahmlegten.
Nach ewigem Probieren hatte ich schon herausgefunden, dass sich die Seite immer dann aufhängte, wenn an diesem Tag Resultat verfügbar war und die Suchanfrage in Leere lief. Statt minutenlang auf das Verschwinden der Sanduhr zu warten, konnte man dann einfach die Startseite neu aufrufen und eine Weißere Anfrage stellen. Zu meinem Bestürzen stellte ich fest, dass die Tickets bereits einen Monat vorher schon fast ausverkauft waren, besonders auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn. Wahrscheinlich war das die Schuld der deutschen Reiseunternehmen, die sich die Tickets schon am Herausgabetag sechs Wochen vor Abfahrt sicherten und für den russischen Reisenden nur noch Restposten hinterließen, zum Beispiel die Sitze neben den Toiletten. Erst später erfuhr ich, dass mit Absicht von der Eisenbahngesellschaft nur ein Teil der Tickets am Herausgabetag freigegeben wurden, sodass niemand alle kaufen und teuer verkaufen konnte, und an den Bahnhöfen einige Tage vor der Abfahrt immer noch ein Restbestand an Tickets vorhanden war. Außerdem konkurrierte ich überhaupt nicht mit den deutschen Transsib-Touristen um die Tickets, denn sie fuhren normalerWeiße zWeiße Klasse, während ich in der billigeren dritten Klasse fahren wollte. Aber all das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für mich sah es so aus, als gäbe es in jedem der Züge, die ich nehmen wollte, nur noch eine Handvoll billige Tickets, und es wurden von Tag zu Tag weniger.
Ich musste schleunigst mit Sina darüber reden, denn wenn sie wirklich mitwollte, mussten wir uns die Tickets in den nächsten Tagen kaufen. GlücklicherWeiße hatte sie heute Abend wieder eine Bandprobe, zu der sie mich eingeladen hatte.
Doch vorher musste ich noch ins Auslandsamt um mir das Datum für meine Rückkehr nach Izhevsk im September bestätigen zu lassen, sodass ich den Flug buchen konnte, denn ich hatte noch nicht mal ein Flugticket zurück nach Deutschland für Mitte August, und gerade jetzt waren die Flüge ausgesprochen günstig zu buchen, 170 Euro hin und zurück, direkt über die Webseite von Aeroflot.
Eine der Etagenfrauen schenkte mir ab und zu etwas Schokolade, heute gab sie mir beim Verlassen des Wohnheims feine, dunkle Gorki-Schokolade, die sie aus Moskau mitgebracht hatte. Die Etagenfrauen waren wirklich wie Ersatzgroßmütter für uns. Ich beschloss, ihr auch etwas aus Deutschland mitzubringen.
Ich traf Sina nahe der Udmurtischen Universität, wir wollten erst spazieren gehen und dann zur Probe. Es war ein schöner warmer Tag, der nach Eiscreme roch. Überall waren kleine Eisstände auf Rädern aufgebaut, oder auch an Kiosken standen die Kunden vor dem Eis Schlange. Die Fußwege waren gepflastert mit Eis, das offenbar doch nicht so gut geschmeckt hatte und auf den Boden geworfen worden war.
Nun auch selbst an Eis kauend gingen wir Weißer zur UdGU, setzten uns dort zu den Füßen Puschkins und ich erklärte ihr meinen Reiseplan: Wir könnten am 18., 20. oder 22. Juli abfahren, das kam noch ganz darauf an, wann ich meine letzte Prüfung schreiben konnte. Dann würden wir nach Jekaterinburg und Novosibirsk zum Baikalsee fahren - denn bis Wladiwostok war es einfach zu weit - dort drei Tage verbringen und über Krasnoyarsk nach Izhevsk zurückfahren, wo ich meinen Reisekoffer und sie sich ihre Gitarre holen könnte um dann gemeinsam nach Moskau zu fahren, von wo aus sie dann nach Sankt Petersburg Weißerfahren könnte und ich nach Deutschland flog. Sie nickte lächelnd auf den Boden schauen und meinte, sie hoffe, dass alles so klappen würde.
Dann machten wir uns auf den Weg zum Proberaum. Sina war schon leicht panisch, ob wir es rechtzeitig schaffen würden; für den letzten Kilometer sprangen wir schließlich in einen Bus.
Der Proberaum befand sich erstaunlich nah an meinem Wohnheim, nur noch ein Stückchen Weißer die sandige Straße Richtung Standrand, wo es gar nichts mehr gab - außer diesem alten Naturkundemuseum, dessen alte Büroräume als Privatbüros oder Bandraum vermietet wurden. Es erinnerte mich an einen Zoo, in dem ich einmal gewesen bin, aber ich konnte mich absolut nicht daran erinnert, wo das gewesen sein sollte: Ein überdachter Innenhof, in dem wahrscheinlich einmal Bananenstauten wuchsen oder künstliche Bäume ausgestopfte Affen trugen. Nun wirkte es sehr verlassen und schaurig.
Der dicke Schlüssel klemmt, die Tür quietsche, dann konnten wir uns alle in den kleinen, muffeligen Proberaum drängen, in dem die Instrument verteilt waren und Kabel zwischen ihnen auf dem Boden verliefen. An der Wand hing eine alte, vergilbte Karte der Sowjetunion, am Balkon stand ein zerschlissenes Sofa.
Neben den Mitgliedern der Band war auch Stasya gekommen, die eigentlich Wachdienst in einem leerstehenden Krankenhaus hatte, es jedoch meistens vermied, dort zu sein. Sie ging auf den Balkon zum Rauchen während die anderen aufbauten. Wir unterhielten uns kurz. Ihr langjähriger Freund war für einige Wochen zurückgekommen und sie wusste nicht so recht, wohin es mit ihnen gehen sollte. Von diesem geheimnisvollen Freund hatte ich schon gehört, aber gesehen hatte ich ihn nie und wusste nicht so recht, was ich ihr raten sollte. Sina meinte, er würde Stasya verändern, wenn er bei ihr war. Aber wer verändert sich nicht, wenn er oder sie bei einer Person ist, die er oder sie beeindrucken will?

Sina begann auf ihr Schlagzeug einzuschlagen, die Jungs ihre Gitarren zu quälen. Es war hauptsächlich Krach. Stasya und ich nahmen auf dem Sofa Platz und hörten zu. In einer Pause gingen alle auf den Balkon um zu rauchen oder frische Kirschen zu essen. So oft wie sie spielten, hatte sich da offenbar ein gewisser Ablauf eingebürgert. Danach ging Stasya ihren Freund zu treffen, während Weißere Leute zu den Probe
n stießen. Es waren schon die Mitglieder von Sinas zWeißer Band, die im Anschluss proben würden. Ich als ihr neuer Groupie blieb. Ich hatte die wissenschaftlichen Arbeiten von Albert dabei, die ich lesen sollte, und ich stellte mit Erstaunen fest, wie gut ich mich in diesem Lärm darauf konzentrieren konnte. Es war fast, als hämmerte das Schlagzeug und die Bässe sämtliche andere Gedanken aus meinem Kopf heraus. Ich begann sogar die Vektoren und Formeln zu verstehen.
Wenn es gar zu laut wurde, trat ich auf den Balkon hinaus. Es war ein einiger langer Balkon für sämtliche Büros neben dem Proberaum. Man konnte durch die verschmutzen und angebrochenen Fenster hineinsehen; in einigen standen nur Kisten, in anderen befand sich tatsächlich ein Büro, in dem sogar Pflanzen standen. Eine Wespe zwängte sich mehrmals durch einen Ritz in der Hauswand hinein; wahrscheinlich hatte sie darin ein Nest.
Als ich nicht mehr im Zimmer war, begannen sich Sina und Mischa anzuschreien. Er warf ihr vor, alles falsch zu machen, sie schrie zurück, dass sie es machte wie im Buch und dass er völlig falsch lag. Erst weit nach 22 Uhr waren sie fertig; Sina hatte schlechte Laune und Mischa sprach nicht mehr mit der Gruppe.
Wir gingen gemeinsam nach draußen, Sina meldete die Gruppe beim Wachtjor ab und bestand darauf, an meinem Wohnheim vorbeizugehen um mich dort zu verabschieden, aber schon am Unigebäude schickte ich sie nach Hause; es war schon spät, und sie sollte bei Mischa bleiben, der in ihrer Nähe wohnte. Die beiden hatten immer wieder ihr kleinen Zoffs, waren aber so etwas wie beste Freunde, vermutete ich von ihren Erzählungen her.
22.06.
Als ich heute in den Computerraum ging, wurde gerade für neuen Toner gesammelt, sodass wir Weißer drucken konnte. Dafür wurden 30 Rubel von jedem verlangt, der den Drucker mitbenutzte. 30 Rubel waren weniger als ein Euro, aber ich hatte gerade kein Kleingeld, da meinte Murik, ich könnte ihm auch einfach ein Eurostück geben; das redete ich ihm aus, da er es eh nicht umtauschen konnte, denn in Wechselstuben nahmen sie normalerWeiße nur Scheine. Ich versprach, es nach dem Einkaufen vorbeizubringen. Ich musste eh einmal wieder meinen Vorrat an Naschwerk aufstocken - seit Petersburg hatte ich eine neue Sucht: Skittles. Dies war eine amerikanische Süßigkeit, die offenbar so ungesund war, dass man sie in der EU nie zugelassen hätte, denn dort hatte ich sie noch nicht gesehen - ich kannte sie nur aus amerikanischen Fernsehsendungen. Es gab sie in vier verschieden Sorten, von verschiedenen Fruchtzusammenstellungen bis hin zur sauren Variante. MittlerWeiße aß ich bestimmt zwei Packungen pro Tag.
Heute fand wieder ein Praktikum statt, aber da der Vorlesungsstoff praktisch nur aus Marketingkonzepten bestand, konnte im Praktikum nichts Sinnvolles gemacht werden. Die meisten Praktikumsaufgaben bestanden darin, sich auf der Cisco-Webseite durch die Produktpalette zu klicken. Emilyanov begann mit einer anderen Übung, die überhaupt nichts mit dem Vorlesungsstoff zu tun hatte, nur um irgendwie die Stunden zu füllen.
Albert war noch von der letzten Vorlesungseinheit im Raum und nahm mich zum Plaudern beiseite. Er hatte jetzt schon konkretere Pläne für seinen Urlaub, Verzeihung, Dienstreise. Er wollte tatsächlich auf eine Konferenz in Ulan Ude, eine Stadt in der Nähe des Baikalsees, aber erst nach 10 Tagen Aufenthalt in Ägypten. Er meinte, es sei kein Problem, wenn ich schon am 18. Juli fahren wollte, wir können die Prüfung am 16. oder 17. schreiben. Ich bat ihn noch um eine Konsultationsstunde wegen meiner Masterarbeit bevor er wegfuhr um meine Fragen rund um den schwer verständlichen Inhalt loswerden zu können und zeigte ihm die mit Anmerkungen und Fragezeichen versehenen Zettelstapel und zwei mit Fragen vollgekritzelte A4-Notizblätter. Er warf einen Blick drauf und meinte: "Morgen, OK?"
Albert packte zusammen und ich gesellte mich wieder zur Gruppe um Emilyanov. MittlerWeiße zeigte er uns Videos mit semitechnischem Inhalt und schickte uns eine halbe Stunde eher nach Hause. Ich blieb noch um kurz fragen, was ich verpasst hatte, obwohl ich bezWeißelte, dass ich irgendetwas verpasst hatte. Emilyanov erklärte mir, dass auf dem Video Glasfaserkabel repariert wurden mit einem Gerät namens Splicer von Fujikura. Ich heuchelte wohl aus Versehen zu viel Interesse, woraufhin er die Firmenwebseite suchte um den Preis für das Gerät herauszufinden. Aber so baute sich wohl doch langsam ein freundschaftlich-ähnliches Verhältnis zwischen uns auf. Ich bin eine harmoniebedürftige Person, die so etwas braucht.
Am Abend wollte eigentlich Zsolt für mich kochen, aber er kam heute nicht um an meine Tür zu klopfen und im Moment genoss ich lieber die Stille. Ich hatte zu viele Geschichten von ihm gehört. Ich sollte ihm wohl noch die DVD mit den russischen Filmen brennen, aber das Brennprogramm müsste ich erst aus dem Internet herunterladen, dazu in den Computerraum gehen und sowieso installieren, und ach... Ich spürte die Müdigkeit schon in allen Gliedern; es war ja auch schon fast 23 Uhr... ich müsste mir wohl auch mal von Murik das Stimmprogramm für die Gitarre geben lassen... und überhaupt die Master-Vereinbarung drucken zu lassen um sie Albert zum Unterschreiben vorzulegen Also doch die Müdigkeit überwinden und einfach mal anpacken.
23.06.
Es war schon seit Wochen warm, aber nun kletterten die Temperaturen jeden Tag auf 30 Grad. Mein Fenster stand den ganzen Tag und die ganze Nacht offen, aber es war drinnen wie draußen - einfach zu heiß. Ich überlegt schon mit offener Kühlschranktür zu schlafen und kühlte mein Notebook mit allem, was ich an Gefrorenem im Gefrierfach finden konnte.
Ich vermied es, das Haus zu verlassen, denn dann musste ich mir Jeans anziehen, weil ich es noch nicht geschafft hatte, mir einen Rock zu kaufen. Aber irgendwann musste ich nach Draußen gehen, schon allein um etwas Essbares zu finden. Ich sah in den Kühlschrank. Dort lag eine beachtliche Menge Schokolade, aber sonst nicht viel. Ich kochte etwas Wasser und kippte es über eine Packung Tütennudeln. Das musste für heute noch ausreichen. Ich setzte mich wieder in Spaghettiträgerhemd an den Computer und schwitzte noch ein bisschen. Ich überlegte, wenn schon in Russland 30 Grad sind, wie wird es dann erst für Albert in Ägypten werden? Ich hatte ihm schon im Mai von seiner Idee abgeraten, aber wenn sich dieser Mann einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war jedes Weißere Wort sinnlos.
Ich versuchte mich noch einmal mit Duschen abzukühlen, aber das Wasser war gleich zu eisig, wie direkt von einem Gletscher abgepumpt. Offenbar hatte man im Sommer das warme Wasser abgestellt um die Rohre für den Winter instand zu setzen.
Ich hatte gerade wieder Alberts Dokumente in die Hand genommen, da vibrierte mein Handy; Albert schrieb, wir könnten uns 14:20 zum Mittagessen treffen. Ich lachte unwillkürlich auf. So eine präzise Uhrzeit würde er doch eh nie einhalten können.
Tatsächlich wurde es 14:40 bis er joggend in der Eingangshalle von Gebäude 1 ankam, wo wir uns treffen wollten. Es blieb kaum Zeit hallo zu sagen, er bedeutete mir mit einer Geste, schnell mitzukommen und begrüßte gleichzeitig einen Kollegen und wechselte ein paar Worte im Laufen mit ihm und drehte dabei fast eine Pirouette. Wir gingen in die nächste Cafeteria - aber nicht etwa die im Keller, sondern eine bessere, die mir Albert schon ein paar Mal empfohlen hatte.
Ich holte mir nur ein Tellerchen Suppe und einen Salat, weil es viel zu heiß zum Essen war; Albert war vor mir dran gewesen und schon wieder verschwunden als ich an den Tisch kam, auf den er sein Tablett abgestellt hatte. Entweder war ich heute sehr langsam, oder er hatte es eilig. Sekunden später kam er mit Besteck für sich zurück, bemerkte, dass er vergessen hatte, Besteck für mich mitzubringen und verschwand noch einmal bevor ich überhaupt aufstehen konnte. Vermutlich lebte er gerade auf einer anderen Zeitebene. Im Nu schaufelte er seine Suppe, den Hauptgang, den Salat zum Nachtisch und sah schon unauffällig auf meine noch halbvolle Schüssel. Wir hatten noch nicht mal angefangen, über die Arbeit zu sprechen und er wirkte, als müsste er schon wieder los. Ich bot ihm an, dass er ruhig schon aufbrechen könne, wenn er einen Termin hatte, aber er winkte ab - nur Vorlesungen. Die Studenten seien es ja gewöhnt, dass er zu spät kam.
"Aber wann können wir die Konsultation machen?", fragte ich ihn und legte einen Zahn zu beim Essen. Er überlegte kurz und versprach, mir bescheid zu geben.
Tatsächlich schrieb er mir noch am gleichen Nachmittag eine SMS, ich solle um 20 Uhr zu ihm ins Büro kommen. Da kamen alte Erinnerungen hoch. Wobei sie noch gar nicht so alt waren, die Erinnerungen; es kam mir nur als eine extrem lange Zeit vor, seit ich das erste Mal verschüchtert vor Alberts Büro stand und genau die verabredete Uhrzeit abwartete bevor ich anklopfte.
Nur dass er diesmal nicht drinnen wartete, sondern aus einer Meute von Studenten am anderen Ende des Korridors kam, die ihn mit letzten Fragen zu ihrer Bachelorarbeit bestürmt hatten, denn morgen fand die Vor-Verteidigung ihrer Arbeiten statt, erzählte mir Albert dann. Ich solle auch kommen, es sei sicher interessant für mich. Ich sah ihn skeptisch an. Das letzte Mal, als er mir gegenüber diese Worte äußerte, hatte ich mich drei Tage lang durch die internationale Konferenz der LangeWeiße gequält.
Wie beim ersten Mal bot mir Albert Tee und Süßigkeiten an und hätte wieder auch dann Wasser angesetzt, wenn ich abgelehnt hätte. Neugierig sah ich mich um. Dort, wo der Tee und die Süßigkeiten gelagert wurden, standen bestimmt 20 gebrauchte Wodkagläser in allen Größen und Formen. Einige davon hätten gut und gern auch Teelichterbecher sein können.
Die nächsten zwei Stunden gingen wir meine Notizen durch und Albert erklärte so gut wie möglich, was er sich dabei gedacht hatte, aber an einem Punkt meinte er, dass die Mathematik dahinter gar nicht so wichtig sein, und dass es nur eine formelle AusdrucksWeiße war, die eben in eine wissenschaftliche Arbeit gehört. Ab und an wurden wir von seinem Chef unterbrochen, den ich noch aus dem Zug nach Moskau kannte, wenn er ins Büro kam um irgendwelche Unterlagen zu holen oder zu bringen. Aber gegen 22 Uhr ging er doch nach Hause, wie es sich für den Leiter einer Einrichtung eigentlich schon viel früher gehörte. Albert und ich brüteten immer noch über den Zetteln, wurden aber immer ausgelassener dabei, wie es eben passiert, wenn das Gehirn vom Denken langsam zu Gulasch wird. Die letzten Fragen rauschten nur noch durch. Nachdem ich den letzten Zettel umgedreht hatte und einen ganzen Stapel neuen Papiers mit Notizen und Skizzen darauf erhalten hatte, lächelte Albert plötzlich verschmitzt, verschwand hinter der Anrichte und brachte eine Flasche und zwei Teelichtergläser mit. Es sei guter russischer Cognac, meinte er und schenkte die Gläser halbvoll. Es war nicht mehr viel in der Flasche und mich hätte gern interessiert, wie viel Liter in so einem Professorenbüro in Russland wöchentlich flossen.
Wir stießen auf unsere Zusammenarbeit an. Ich freute mich ja, dass er sein Versprechen eingelöst hatte, dass wir einmal zusammen trinken würden, aber es kam ein bisschen plötzlich und ich hatte mich essenstechnisch nicht auf Alkohol vorbereitet; nicht mehr lange und es würde mir unglaublich zu Kopf steigen. Albert holte nun auch noch Tafeln feiner Schokolade mit 70% Kakao-Anteil und goss schon die zWeiße Runde ein. Auf den ersten müsse immer ein zWeißer folgen, behauptete Albert. Wir stießen auf das Wiedersehen im September an.
Es war nun schon fast 23 Uhr und er beschloss, sich ein Taxi zu rufen. Es sei in 10 Minuten da, meinte er, und begann zusammenzuräumen. Er bestand darauf, dass ich die übriggebliebenen Täfelchen Schokolade mitnahm. Ich hielt mich etwas am Stuhl fest und räumte die Süßigkeiten zusammen. Der Cognac war richtig gut gewesen, anders als die Würgehilfe, die wir in Sankt Peterburg getrunken hatten; diesen Trunk hätte ich am liebsten wie Wein genossen, aber Albert hatte darauf bestanden, ihn in einem Zug hinterzukippen. Nun drehte sich alles ein wenig. Die Müdigkeit, die Hitze des Tages und das wenige Essen waren keine gute Kombination gewesen.
Ich hielt jedoch tapfer durch und stapfte neben ihm die Treppen hinunter. Er entschuldigte sich beim Wachtmann, dass es ein wenig später geworden war.
Vom Taxi war noch nichts zu sehen. Ich bot Albert an, mit ihm auf das Taxi zu warten und dann nach Hause zu gehen; ich wohnte ja gleich um die Ecke. Da fuhr auch schon das Taxi ein, wir umarmten uns und wüNächten uns eine gute Nacht. Von da an wurde es ein wenig verwischt in meinem Gedächtnis. Das spiegelte auch die Fotos wieder, die ich an diesem Abend gemacht hatte. Als ich die Fotos am nächsten Tag durchging, fand ich etwa zwanzig dieser Art vor:
Ich musste mich wohl irgendwann hingesetzt haben, um an dem bunten Blumenbeet vor unserer Uni schnuppern zu können, beziehungsWeiße umgefallen sein, denn ich fand viele Blumen im Großformat auf meiner Speicherkarte vor. Das Umgefallensein schlussfolgerte ich aus den blauen Flecken, die schon am nächsten Tag meinen Hintern zierten.
24.06.
Im Halbschlaf wälzte ich mich im Bett herum und fragte mich, warum mir alles weh tat. Beim Aufwachen kam dann die Erinnerung bruchstückhaft zurück und ich grinste. So etwas kann einem auch nur in Russland passieren. Ich hüpfte aus dem Bett und betrachtete meinen Allerwertesten im Spiegel. Es sah aus, als hätte mir jemand das Logo der Love Parade auf den Hintern tattoowiert. Weißer oben fand ich noch eine Schürfwunde, die erst richtig weh tat, nachdem ich sie entdeckt hatte. Auf was war ich da gelandet? Ich hatte die dunkle Erinnerung, gepfählt worden zu sein, glaubte aber selbst schon, dass ich diesen speziellen Teil des Abends nur geträumt hatte.
Auf dem Weg zur Uni inspizierte ich die Gegend nach Pfählen auf dem Weg, oder nach sonstigen spitzen Gegenständen. Das Love Parade-Logo hatte ich wahrscheinlich dem Asphalt zu verdanken - und den Treppen. Die waren schon im Nächternen Zustand relativ schwer zu erklimmen.
Mit einem Kater kämpfend ging ich erst ins Auslandsamt, dann zur Vor-Verteidigung und hatte das dumme Gefühl, dass sich alles wiederholte. Tatsächlich war Albert wie erwartet nicht da und das Zimmer voller aufgeregter Studenten, die ich nicht kannte. Ich ging nach draußen, wo ich mehr Platz hatte und ließ mich auf dem Boden nieder, nur um gleich wieder aufzustehen, weil mir mein angeschlagener Hintern das Sitzen vorerst verWeißerte. Ich begann halb an die Wand gelehnt einen Programmauflaufplan zu zeichnen. Drei Weißere Studenten warteten mit mir draußen; sie warten auf Albert um bei ihm eine Prüfung nachzuschreiben, konnte ich herausfinden. Sie fanden es ausgesprochen lustig, mit mir auf Russisch zu sprechen; so was wie mich hatten sie noch nicht gesehen: Einen Ausländer - an der ISTU. Jemand kam nach draußen und zische uns an, dass wir leiser sein sollten, denn drinnen ging das Durchbraten der Studenten vonstatten. Als Grillmeister diente eine wahrhafte Hexe, die einige der Studenten so zur Schnecke machte, dass diese gar nichts mehr sagen konnten und einfach gingen. Später, als die Studenten meiner Gruppe hinzukamen, erzählte mir Egor, dass diese Professorin von nichts Ahnung habe außer von ihrem Spezialgebiet, zu dem sie jedes Jahr die gleiche Aufgabe als Bachelorarbeit herausgab. Das wussten die Studenten und schrieben vom vorherigen Jahrgang ab. Die aktuelle Studentin hatte jedoch nur ihren Name auf die Arbeit vom letzten Jahr draufgeschrieben und war dabei erwischt worden. NormalerWeiße fiele das nicht auf, behauptete er, aber manchmal schauen sich die Professoren die Arbeit übers Deckblatt hinausgehend an.
Albert kam eine Stunde zu spät und sah sehr müde aus. Später erfuhr ich von Olga, dass er nach unserem kleinen Anstoßen noch die Präsentationen einiger Studenten korrigiert und den Bachelor-Arbeiten einen letzen Schliff gegeben hatte. Ich hatte einen Fitnessdrink für ihn aus dem Supermarkt mitgebracht und drängte mich in einer Pause zwischen zwei Präsentationen durch die Mengen wartender Studenten zu ihm durch. Nun sah ich auch, dass die Hexe vorher nicht allein gewesen war; Emilyanov und das Mädchen, das bei ihm ihre Masterarbeit schrieb, saßen bei ihr. Nur hörte irgendwie niemand mehr zu. Im Zimmer war eine Lautstärke wie in einem Kindergarten. Die Studenten diskutierten miteinander, während einer ihrer Mitstudenten seinen Vortrag hielt; die Begutachter diskutieren ebenfalls, aber sie telefonierten auch, schrieben SMS, gingen mitten im Vortrag nach draußen oder surften auf dem Laptop im Internet.
Ich fragte mich, warum dieser ganze Zirkus überhaupt aufgeführt wurde. Auch das erklärte mir Egor. Das sei allein dafür, dass die Studenten ihre Bachelorarbeit rechzeitig fertig stellten; außerdem erhielten sie bei dieser Präsentation letzte HinWeiße für ihre Arbeit.
Ich bat Egor, doch ein wenig leiser zu sprechen, weil jeder unser Gespräch hören konnte, oder es zumindest mehr auffiel, weil es auf Englisch geführt wurde. Doch offenbar war er nicht in der Lage, auf Englisch zu flüstern. Ich begann das Gespräch schließlich abzuwürgen.
Ich sah mich um, doch ich konnte Pascha nirgendwo entdecken. Besonders auf seine Arbeit war ich gespannt, weil er sie etwa vor einer Woche begonnen hatte und vorgestern noch nicht einmal die Hälfte geschafft hatte. Er hatte mich an jenem Abend kontaktiert und nach der Befestigung einer Antenne an einem WLAN-Router gefragt. Das klang für mich nach einem Fall für Professor Puschin und ich hatte Pascha die Handynummer geschickt.
Schließlich kam Pascha angerannt; er war gerade mit dem Drucken seiner Arbeit fertig geworden, hatte aber noch keine Präsentation zusammengestellt. Ich schlug vor, dass er es jetzt noch machen könnte, wir waren immerhin in einem Computerpool. Er überlegte kurz und setzte sich dann tatsächlich an einen freien Rechner. Die anderen Rechner waren mit Studenten besetzt, die auf die gleiche Idee gekommen waren. Nur leider funktionierte die USB-Schnittstelle im Moment nicht, sodass er sein Datenmaterial nicht auf seinen Computer übertragen konnte. Aber auch dafür hatte er eine Lösung: Er bat einen seiner Mitbewohner, die Daten per E-Mail zu ihm zu schicken. In der Zwischenzeit wurde Pascha schon das zWeiße Mal von der Hexe aufgerufen, er möge doch bitte seinen Vortrag halten. Pascha versuchte sie zu beschwichtigen: Bitte, geben Sie mir noch Zeit, ich habe Probleme mit meiner Präsentation, die USB-Karte wird nicht erkannt Ich schlug vor, einer anderen Datei die Datei-Endung einer PowerPoint-Präsentation zu geben. Das würde beim Öffnen eine Fehlermeldung geben und er konnte dann die Hexe verzWeißelt anschauen: "Da muss etwas beim Kopieren schiefgegangen sein!" Daran hatte er auch schon gedacht, meinte er. Unter russischen Studenten hatten sich diese kleinen Tricks und Ausreden offenbar auch schon verbreitet.
Diese Veranstaltung zog sich noch lange in den Abend hinein. So langweilig war es nicht geworden, aber doch zu lang für meinen Geschmack. Ich verabschiedete mich ohne die Vorträge von Egor oder Pascha gehört zu haben. Aber das hatten sicher nicht einmal die Anwesenden.
Eigentlich hatte ich schlafen gehen wollen, aber da tat sich noch einmal ein Problem auf: Übermorgen wollten wir mit der halben Stadt nach Kazan zum "Creation of Peace"-Festival fahren, aber niemand hatte sich dafür verantwortlich gefühlt, mir ein Busticket mitzukaufen: Stasya dachte, Nastya kümmerte sich darum, und Nastya hatte mich vergessen, weil ich zu dieser Zeit in Sankt Petersburg gewesen war. Nun waren alle Bustickets ausverkauft, aber Nastya versprach, etwas zu organisiere.
25.06.
Tatsächlich erhielt ich schon am Vormittag von Nastya eine Mail mit den Handy- und ICQ-Nummern zweier Bekannten, die eine Fahrgemeinschaft nach Kazan bildeten. Ich meldete mich gleich bei ihnen und erhielt die Zusage; es kostete mich ebenfalls nur 350 Rubel.
Ich hatte eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet. Nun musste ich plötzlich so viel organisieren, zum Beispiel eine Unterkunft in Kazan, weil meine Fahrgemeinschaft nicht wie der Reisebus noch am gleichen Abend zurück nach Izhevsk fahren würde, sondern erst am nächsten Vormittag. Ohne erst nach potentiellen Couchsurfing-Gastgeberm zu suchen, setzte ich gleich eine Last-Minute-Anfrage mit meiner Handynummer ab und ging los um Proviant einzukaufen.
So gern ich in den großen Karusel-Supermarkt ging, so sehr ging er mir manchmal auf die Nerven. Ich konnte ihre Werbeansagen praktisch auswendig ohne die Worte zu verstehen und hatte mich schon ein paar Mal dabei erwischt, ihr Werbelied vor mich hingesummt zu haben. Heute aber ging mir vor allem einer der Einkaufenden auf die Nerven. Es war ein überall behaarter Typ mit Bierbauch, der nur ein schwarzes Netzhemd und eine Jogginghose trug. Bei dem Anblick schüttelte es mich innerlich. Er sah aus wie eine schwule männliche Prostituierte mit diesen Fäden, die über seine Brustwarzen gespannt waren. Als ich das sah, dachte ich nur: Igitt, bloß kein zWeißes Mal hinschauen.
Doch er lief mir immer wieder über den Weg. Ich konnte gar nicht schnell genug an die Kasse kommen und vergaß sie Hälfte von dem, was ich kaufen wollte.
Am Abend traf ich kurz auf Sina. Wir hatten uns am Nachmittag am Telefon gestritten, weil sie es wieder nicht geschafft hatte, mit mir die Zugtickets für unsere Reise kaufen zu gehen. Ich konnte sie schon aus zwei Gründen nicht allein besorgen: Ich brauchte Sinas Reisepass, und am Schalter nahmen sie mich allein nie für voll. Das hatte ich ja schon beim letzten Ticketkauf gemerkt. Nun kam sie nach der Bandprobe am Wohnheim vorbei und erklärte mir die Situation: Sie konnte nicht die vollen drei oder vier Wochen mit mir verreisen, weil ihre Bandmitglieder gedroht hatten, sie sonst zu ersetzen, und ihre Musik war ihr das Wichtigste im Leben, und sie hatte es nicht übers Herz gebracht, es mir zu sagen, weil sie mich nicht enttäuschen wollte. Dann sah sie mich mit großen Rehaugen an und meinte, eine Woche lang könnte sie schon mit mir verreisen, oder vielleicht bis zum Baikalsee. Ich rechnete ihr vor, wie lang wir allein bis zum Baikalsee unterwegs sein würden, und sie ließ den Kopf wieder hängen. Ich schlug vor, dass wir bei meiner Rückkehr von Kazan noch einmal darüber reden könnten.
Ganz in der Nähe begann ein Feuerwerk. Wahrscheinlich heiratete jemand.
Nach ewigem Probieren hatte ich schon herausgefunden, dass sich die Seite immer dann aufhängte, wenn an diesem Tag Resultat verfügbar war und die Suchanfrage in Leere lief. Statt minutenlang auf das Verschwinden der Sanduhr zu warten, konnte man dann einfach die Startseite neu aufrufen und eine Weißere Anfrage stellen. Zu meinem Bestürzen stellte ich fest, dass die Tickets bereits einen Monat vorher schon fast ausverkauft waren, besonders auf der Strecke der transsibirischen Eisenbahn. Wahrscheinlich war das die Schuld der deutschen Reiseunternehmen, die sich die Tickets schon am Herausgabetag sechs Wochen vor Abfahrt sicherten und für den russischen Reisenden nur noch Restposten hinterließen, zum Beispiel die Sitze neben den Toiletten. Erst später erfuhr ich, dass mit Absicht von der Eisenbahngesellschaft nur ein Teil der Tickets am Herausgabetag freigegeben wurden, sodass niemand alle kaufen und teuer verkaufen konnte, und an den Bahnhöfen einige Tage vor der Abfahrt immer noch ein Restbestand an Tickets vorhanden war. Außerdem konkurrierte ich überhaupt nicht mit den deutschen Transsib-Touristen um die Tickets, denn sie fuhren normalerWeiße zWeiße Klasse, während ich in der billigeren dritten Klasse fahren wollte. Aber all das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für mich sah es so aus, als gäbe es in jedem der Züge, die ich nehmen wollte, nur noch eine Handvoll billige Tickets, und es wurden von Tag zu Tag weniger.
Ich musste schleunigst mit Sina darüber reden, denn wenn sie wirklich mitwollte, mussten wir uns die Tickets in den nächsten Tagen kaufen. GlücklicherWeiße hatte sie heute Abend wieder eine Bandprobe, zu der sie mich eingeladen hatte.
Doch vorher musste ich noch ins Auslandsamt um mir das Datum für meine Rückkehr nach Izhevsk im September bestätigen zu lassen, sodass ich den Flug buchen konnte, denn ich hatte noch nicht mal ein Flugticket zurück nach Deutschland für Mitte August, und gerade jetzt waren die Flüge ausgesprochen günstig zu buchen, 170 Euro hin und zurück, direkt über die Webseite von Aeroflot.
Eine der Etagenfrauen schenkte mir ab und zu etwas Schokolade, heute gab sie mir beim Verlassen des Wohnheims feine, dunkle Gorki-Schokolade, die sie aus Moskau mitgebracht hatte. Die Etagenfrauen waren wirklich wie Ersatzgroßmütter für uns. Ich beschloss, ihr auch etwas aus Deutschland mitzubringen.
Ich traf Sina nahe der Udmurtischen Universität, wir wollten erst spazieren gehen und dann zur Probe. Es war ein schöner warmer Tag, der nach Eiscreme roch. Überall waren kleine Eisstände auf Rädern aufgebaut, oder auch an Kiosken standen die Kunden vor dem Eis Schlange. Die Fußwege waren gepflastert mit Eis, das offenbar doch nicht so gut geschmeckt hatte und auf den Boden geworfen worden war.
Nun auch selbst an Eis kauend gingen wir Weißer zur UdGU, setzten uns dort zu den Füßen Puschkins und ich erklärte ihr meinen Reiseplan: Wir könnten am 18., 20. oder 22. Juli abfahren, das kam noch ganz darauf an, wann ich meine letzte Prüfung schreiben konnte. Dann würden wir nach Jekaterinburg und Novosibirsk zum Baikalsee fahren - denn bis Wladiwostok war es einfach zu weit - dort drei Tage verbringen und über Krasnoyarsk nach Izhevsk zurückfahren, wo ich meinen Reisekoffer und sie sich ihre Gitarre holen könnte um dann gemeinsam nach Moskau zu fahren, von wo aus sie dann nach Sankt Petersburg Weißerfahren könnte und ich nach Deutschland flog. Sie nickte lächelnd auf den Boden schauen und meinte, sie hoffe, dass alles so klappen würde.
Dann machten wir uns auf den Weg zum Proberaum. Sina war schon leicht panisch, ob wir es rechtzeitig schaffen würden; für den letzten Kilometer sprangen wir schließlich in einen Bus.
Der Proberaum befand sich erstaunlich nah an meinem Wohnheim, nur noch ein Stückchen Weißer die sandige Straße Richtung Standrand, wo es gar nichts mehr gab - außer diesem alten Naturkundemuseum, dessen alte Büroräume als Privatbüros oder Bandraum vermietet wurden. Es erinnerte mich an einen Zoo, in dem ich einmal gewesen bin, aber ich konnte mich absolut nicht daran erinnert, wo das gewesen sein sollte: Ein überdachter Innenhof, in dem wahrscheinlich einmal Bananenstauten wuchsen oder künstliche Bäume ausgestopfte Affen trugen. Nun wirkte es sehr verlassen und schaurig.
Der dicke Schlüssel klemmt, die Tür quietsche, dann konnten wir uns alle in den kleinen, muffeligen Proberaum drängen, in dem die Instrument verteilt waren und Kabel zwischen ihnen auf dem Boden verliefen. An der Wand hing eine alte, vergilbte Karte der Sowjetunion, am Balkon stand ein zerschlissenes Sofa.
Neben den Mitgliedern der Band war auch Stasya gekommen, die eigentlich Wachdienst in einem leerstehenden Krankenhaus hatte, es jedoch meistens vermied, dort zu sein. Sie ging auf den Balkon zum Rauchen während die anderen aufbauten. Wir unterhielten uns kurz. Ihr langjähriger Freund war für einige Wochen zurückgekommen und sie wusste nicht so recht, wohin es mit ihnen gehen sollte. Von diesem geheimnisvollen Freund hatte ich schon gehört, aber gesehen hatte ich ihn nie und wusste nicht so recht, was ich ihr raten sollte. Sina meinte, er würde Stasya verändern, wenn er bei ihr war. Aber wer verändert sich nicht, wenn er oder sie bei einer Person ist, die er oder sie beeindrucken will?

Sina begann auf ihr Schlagzeug einzuschlagen, die Jungs ihre Gitarren zu quälen. Es war hauptsächlich Krach. Stasya und ich nahmen auf dem Sofa Platz und hörten zu. In einer Pause gingen alle auf den Balkon um zu rauchen oder frische Kirschen zu essen. So oft wie sie spielten, hatte sich da offenbar ein gewisser Ablauf eingebürgert. Danach ging Stasya ihren Freund zu treffen, während Weißere Leute zu den Probe
n stießen. Es waren schon die Mitglieder von Sinas zWeißer Band, die im Anschluss proben würden. Ich als ihr neuer Groupie blieb. Ich hatte die wissenschaftlichen Arbeiten von Albert dabei, die ich lesen sollte, und ich stellte mit Erstaunen fest, wie gut ich mich in diesem Lärm darauf konzentrieren konnte. Es war fast, als hämmerte das Schlagzeug und die Bässe sämtliche andere Gedanken aus meinem Kopf heraus. Ich begann sogar die Vektoren und Formeln zu verstehen.
Wenn es gar zu laut wurde, trat ich auf den Balkon hinaus. Es war ein einiger langer Balkon für sämtliche Büros neben dem Proberaum. Man konnte durch die verschmutzen und angebrochenen Fenster hineinsehen; in einigen standen nur Kisten, in anderen befand sich tatsächlich ein Büro, in dem sogar Pflanzen standen. Eine Wespe zwängte sich mehrmals durch einen Ritz in der Hauswand hinein; wahrscheinlich hatte sie darin ein Nest.
Als ich nicht mehr im Zimmer war, begannen sich Sina und Mischa anzuschreien. Er warf ihr vor, alles falsch zu machen, sie schrie zurück, dass sie es machte wie im Buch und dass er völlig falsch lag. Erst weit nach 22 Uhr waren sie fertig; Sina hatte schlechte Laune und Mischa sprach nicht mehr mit der Gruppe.
Wir gingen gemeinsam nach draußen, Sina meldete die Gruppe beim Wachtjor ab und bestand darauf, an meinem Wohnheim vorbeizugehen um mich dort zu verabschieden, aber schon am Unigebäude schickte ich sie nach Hause; es war schon spät, und sie sollte bei Mischa bleiben, der in ihrer Nähe wohnte. Die beiden hatten immer wieder ihr kleinen Zoffs, waren aber so etwas wie beste Freunde, vermutete ich von ihren Erzählungen her.
22.06.
Als ich heute in den Computerraum ging, wurde gerade für neuen Toner gesammelt, sodass wir Weißer drucken konnte. Dafür wurden 30 Rubel von jedem verlangt, der den Drucker mitbenutzte. 30 Rubel waren weniger als ein Euro, aber ich hatte gerade kein Kleingeld, da meinte Murik, ich könnte ihm auch einfach ein Eurostück geben; das redete ich ihm aus, da er es eh nicht umtauschen konnte, denn in Wechselstuben nahmen sie normalerWeiße nur Scheine. Ich versprach, es nach dem Einkaufen vorbeizubringen. Ich musste eh einmal wieder meinen Vorrat an Naschwerk aufstocken - seit Petersburg hatte ich eine neue Sucht: Skittles. Dies war eine amerikanische Süßigkeit, die offenbar so ungesund war, dass man sie in der EU nie zugelassen hätte, denn dort hatte ich sie noch nicht gesehen - ich kannte sie nur aus amerikanischen Fernsehsendungen. Es gab sie in vier verschieden Sorten, von verschiedenen Fruchtzusammenstellungen bis hin zur sauren Variante. MittlerWeiße aß ich bestimmt zwei Packungen pro Tag.
Heute fand wieder ein Praktikum statt, aber da der Vorlesungsstoff praktisch nur aus Marketingkonzepten bestand, konnte im Praktikum nichts Sinnvolles gemacht werden. Die meisten Praktikumsaufgaben bestanden darin, sich auf der Cisco-Webseite durch die Produktpalette zu klicken. Emilyanov begann mit einer anderen Übung, die überhaupt nichts mit dem Vorlesungsstoff zu tun hatte, nur um irgendwie die Stunden zu füllen.
Albert war noch von der letzten Vorlesungseinheit im Raum und nahm mich zum Plaudern beiseite. Er hatte jetzt schon konkretere Pläne für seinen Urlaub, Verzeihung, Dienstreise. Er wollte tatsächlich auf eine Konferenz in Ulan Ude, eine Stadt in der Nähe des Baikalsees, aber erst nach 10 Tagen Aufenthalt in Ägypten. Er meinte, es sei kein Problem, wenn ich schon am 18. Juli fahren wollte, wir können die Prüfung am 16. oder 17. schreiben. Ich bat ihn noch um eine Konsultationsstunde wegen meiner Masterarbeit bevor er wegfuhr um meine Fragen rund um den schwer verständlichen Inhalt loswerden zu können und zeigte ihm die mit Anmerkungen und Fragezeichen versehenen Zettelstapel und zwei mit Fragen vollgekritzelte A4-Notizblätter. Er warf einen Blick drauf und meinte: "Morgen, OK?"
Albert packte zusammen und ich gesellte mich wieder zur Gruppe um Emilyanov. MittlerWeiße zeigte er uns Videos mit semitechnischem Inhalt und schickte uns eine halbe Stunde eher nach Hause. Ich blieb noch um kurz fragen, was ich verpasst hatte, obwohl ich bezWeißelte, dass ich irgendetwas verpasst hatte. Emilyanov erklärte mir, dass auf dem Video Glasfaserkabel repariert wurden mit einem Gerät namens Splicer von Fujikura. Ich heuchelte wohl aus Versehen zu viel Interesse, woraufhin er die Firmenwebseite suchte um den Preis für das Gerät herauszufinden. Aber so baute sich wohl doch langsam ein freundschaftlich-ähnliches Verhältnis zwischen uns auf. Ich bin eine harmoniebedürftige Person, die so etwas braucht.
Am Abend wollte eigentlich Zsolt für mich kochen, aber er kam heute nicht um an meine Tür zu klopfen und im Moment genoss ich lieber die Stille. Ich hatte zu viele Geschichten von ihm gehört. Ich sollte ihm wohl noch die DVD mit den russischen Filmen brennen, aber das Brennprogramm müsste ich erst aus dem Internet herunterladen, dazu in den Computerraum gehen und sowieso installieren, und ach... Ich spürte die Müdigkeit schon in allen Gliedern; es war ja auch schon fast 23 Uhr... ich müsste mir wohl auch mal von Murik das Stimmprogramm für die Gitarre geben lassen... und überhaupt die Master-Vereinbarung drucken zu lassen um sie Albert zum Unterschreiben vorzulegen Also doch die Müdigkeit überwinden und einfach mal anpacken.
23.06.
Es war schon seit Wochen warm, aber nun kletterten die Temperaturen jeden Tag auf 30 Grad. Mein Fenster stand den ganzen Tag und die ganze Nacht offen, aber es war drinnen wie draußen - einfach zu heiß. Ich überlegt schon mit offener Kühlschranktür zu schlafen und kühlte mein Notebook mit allem, was ich an Gefrorenem im Gefrierfach finden konnte.
Ich vermied es, das Haus zu verlassen, denn dann musste ich mir Jeans anziehen, weil ich es noch nicht geschafft hatte, mir einen Rock zu kaufen. Aber irgendwann musste ich nach Draußen gehen, schon allein um etwas Essbares zu finden. Ich sah in den Kühlschrank. Dort lag eine beachtliche Menge Schokolade, aber sonst nicht viel. Ich kochte etwas Wasser und kippte es über eine Packung Tütennudeln. Das musste für heute noch ausreichen. Ich setzte mich wieder in Spaghettiträgerhemd an den Computer und schwitzte noch ein bisschen. Ich überlegte, wenn schon in Russland 30 Grad sind, wie wird es dann erst für Albert in Ägypten werden? Ich hatte ihm schon im Mai von seiner Idee abgeraten, aber wenn sich dieser Mann einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war jedes Weißere Wort sinnlos.
Ich versuchte mich noch einmal mit Duschen abzukühlen, aber das Wasser war gleich zu eisig, wie direkt von einem Gletscher abgepumpt. Offenbar hatte man im Sommer das warme Wasser abgestellt um die Rohre für den Winter instand zu setzen.
Ich hatte gerade wieder Alberts Dokumente in die Hand genommen, da vibrierte mein Handy; Albert schrieb, wir könnten uns 14:20 zum Mittagessen treffen. Ich lachte unwillkürlich auf. So eine präzise Uhrzeit würde er doch eh nie einhalten können.
Tatsächlich wurde es 14:40 bis er joggend in der Eingangshalle von Gebäude 1 ankam, wo wir uns treffen wollten. Es blieb kaum Zeit hallo zu sagen, er bedeutete mir mit einer Geste, schnell mitzukommen und begrüßte gleichzeitig einen Kollegen und wechselte ein paar Worte im Laufen mit ihm und drehte dabei fast eine Pirouette. Wir gingen in die nächste Cafeteria - aber nicht etwa die im Keller, sondern eine bessere, die mir Albert schon ein paar Mal empfohlen hatte.
Ich holte mir nur ein Tellerchen Suppe und einen Salat, weil es viel zu heiß zum Essen war; Albert war vor mir dran gewesen und schon wieder verschwunden als ich an den Tisch kam, auf den er sein Tablett abgestellt hatte. Entweder war ich heute sehr langsam, oder er hatte es eilig. Sekunden später kam er mit Besteck für sich zurück, bemerkte, dass er vergessen hatte, Besteck für mich mitzubringen und verschwand noch einmal bevor ich überhaupt aufstehen konnte. Vermutlich lebte er gerade auf einer anderen Zeitebene. Im Nu schaufelte er seine Suppe, den Hauptgang, den Salat zum Nachtisch und sah schon unauffällig auf meine noch halbvolle Schüssel. Wir hatten noch nicht mal angefangen, über die Arbeit zu sprechen und er wirkte, als müsste er schon wieder los. Ich bot ihm an, dass er ruhig schon aufbrechen könne, wenn er einen Termin hatte, aber er winkte ab - nur Vorlesungen. Die Studenten seien es ja gewöhnt, dass er zu spät kam.
"Aber wann können wir die Konsultation machen?", fragte ich ihn und legte einen Zahn zu beim Essen. Er überlegte kurz und versprach, mir bescheid zu geben.
Tatsächlich schrieb er mir noch am gleichen Nachmittag eine SMS, ich solle um 20 Uhr zu ihm ins Büro kommen. Da kamen alte Erinnerungen hoch. Wobei sie noch gar nicht so alt waren, die Erinnerungen; es kam mir nur als eine extrem lange Zeit vor, seit ich das erste Mal verschüchtert vor Alberts Büro stand und genau die verabredete Uhrzeit abwartete bevor ich anklopfte.
Nur dass er diesmal nicht drinnen wartete, sondern aus einer Meute von Studenten am anderen Ende des Korridors kam, die ihn mit letzten Fragen zu ihrer Bachelorarbeit bestürmt hatten, denn morgen fand die Vor-Verteidigung ihrer Arbeiten statt, erzählte mir Albert dann. Ich solle auch kommen, es sei sicher interessant für mich. Ich sah ihn skeptisch an. Das letzte Mal, als er mir gegenüber diese Worte äußerte, hatte ich mich drei Tage lang durch die internationale Konferenz der LangeWeiße gequält.
Wie beim ersten Mal bot mir Albert Tee und Süßigkeiten an und hätte wieder auch dann Wasser angesetzt, wenn ich abgelehnt hätte. Neugierig sah ich mich um. Dort, wo der Tee und die Süßigkeiten gelagert wurden, standen bestimmt 20 gebrauchte Wodkagläser in allen Größen und Formen. Einige davon hätten gut und gern auch Teelichterbecher sein können.
Die nächsten zwei Stunden gingen wir meine Notizen durch und Albert erklärte so gut wie möglich, was er sich dabei gedacht hatte, aber an einem Punkt meinte er, dass die Mathematik dahinter gar nicht so wichtig sein, und dass es nur eine formelle AusdrucksWeiße war, die eben in eine wissenschaftliche Arbeit gehört. Ab und an wurden wir von seinem Chef unterbrochen, den ich noch aus dem Zug nach Moskau kannte, wenn er ins Büro kam um irgendwelche Unterlagen zu holen oder zu bringen. Aber gegen 22 Uhr ging er doch nach Hause, wie es sich für den Leiter einer Einrichtung eigentlich schon viel früher gehörte. Albert und ich brüteten immer noch über den Zetteln, wurden aber immer ausgelassener dabei, wie es eben passiert, wenn das Gehirn vom Denken langsam zu Gulasch wird. Die letzten Fragen rauschten nur noch durch. Nachdem ich den letzten Zettel umgedreht hatte und einen ganzen Stapel neuen Papiers mit Notizen und Skizzen darauf erhalten hatte, lächelte Albert plötzlich verschmitzt, verschwand hinter der Anrichte und brachte eine Flasche und zwei Teelichtergläser mit. Es sei guter russischer Cognac, meinte er und schenkte die Gläser halbvoll. Es war nicht mehr viel in der Flasche und mich hätte gern interessiert, wie viel Liter in so einem Professorenbüro in Russland wöchentlich flossen.
Wir stießen auf unsere Zusammenarbeit an. Ich freute mich ja, dass er sein Versprechen eingelöst hatte, dass wir einmal zusammen trinken würden, aber es kam ein bisschen plötzlich und ich hatte mich essenstechnisch nicht auf Alkohol vorbereitet; nicht mehr lange und es würde mir unglaublich zu Kopf steigen. Albert holte nun auch noch Tafeln feiner Schokolade mit 70% Kakao-Anteil und goss schon die zWeiße Runde ein. Auf den ersten müsse immer ein zWeißer folgen, behauptete Albert. Wir stießen auf das Wiedersehen im September an.
Es war nun schon fast 23 Uhr und er beschloss, sich ein Taxi zu rufen. Es sei in 10 Minuten da, meinte er, und begann zusammenzuräumen. Er bestand darauf, dass ich die übriggebliebenen Täfelchen Schokolade mitnahm. Ich hielt mich etwas am Stuhl fest und räumte die Süßigkeiten zusammen. Der Cognac war richtig gut gewesen, anders als die Würgehilfe, die wir in Sankt Peterburg getrunken hatten; diesen Trunk hätte ich am liebsten wie Wein genossen, aber Albert hatte darauf bestanden, ihn in einem Zug hinterzukippen. Nun drehte sich alles ein wenig. Die Müdigkeit, die Hitze des Tages und das wenige Essen waren keine gute Kombination gewesen.
Ich hielt jedoch tapfer durch und stapfte neben ihm die Treppen hinunter. Er entschuldigte sich beim Wachtmann, dass es ein wenig später geworden war.
Vom Taxi war noch nichts zu sehen. Ich bot Albert an, mit ihm auf das Taxi zu warten und dann nach Hause zu gehen; ich wohnte ja gleich um die Ecke. Da fuhr auch schon das Taxi ein, wir umarmten uns und wüNächten uns eine gute Nacht. Von da an wurde es ein wenig verwischt in meinem Gedächtnis. Das spiegelte auch die Fotos wieder, die ich an diesem Abend gemacht hatte. Als ich die Fotos am nächsten Tag durchging, fand ich etwa zwanzig dieser Art vor:
Ich musste mich wohl irgendwann hingesetzt haben, um an dem bunten Blumenbeet vor unserer Uni schnuppern zu können, beziehungsWeiße umgefallen sein, denn ich fand viele Blumen im Großformat auf meiner Speicherkarte vor. Das Umgefallensein schlussfolgerte ich aus den blauen Flecken, die schon am nächsten Tag meinen Hintern zierten.
24.06.
Im Halbschlaf wälzte ich mich im Bett herum und fragte mich, warum mir alles weh tat. Beim Aufwachen kam dann die Erinnerung bruchstückhaft zurück und ich grinste. So etwas kann einem auch nur in Russland passieren. Ich hüpfte aus dem Bett und betrachtete meinen Allerwertesten im Spiegel. Es sah aus, als hätte mir jemand das Logo der Love Parade auf den Hintern tattoowiert. Weißer oben fand ich noch eine Schürfwunde, die erst richtig weh tat, nachdem ich sie entdeckt hatte. Auf was war ich da gelandet? Ich hatte die dunkle Erinnerung, gepfählt worden zu sein, glaubte aber selbst schon, dass ich diesen speziellen Teil des Abends nur geträumt hatte.
Auf dem Weg zur Uni inspizierte ich die Gegend nach Pfählen auf dem Weg, oder nach sonstigen spitzen Gegenständen. Das Love Parade-Logo hatte ich wahrscheinlich dem Asphalt zu verdanken - und den Treppen. Die waren schon im Nächternen Zustand relativ schwer zu erklimmen.
Mit einem Kater kämpfend ging ich erst ins Auslandsamt, dann zur Vor-Verteidigung und hatte das dumme Gefühl, dass sich alles wiederholte. Tatsächlich war Albert wie erwartet nicht da und das Zimmer voller aufgeregter Studenten, die ich nicht kannte. Ich ging nach draußen, wo ich mehr Platz hatte und ließ mich auf dem Boden nieder, nur um gleich wieder aufzustehen, weil mir mein angeschlagener Hintern das Sitzen vorerst verWeißerte. Ich begann halb an die Wand gelehnt einen Programmauflaufplan zu zeichnen. Drei Weißere Studenten warteten mit mir draußen; sie warten auf Albert um bei ihm eine Prüfung nachzuschreiben, konnte ich herausfinden. Sie fanden es ausgesprochen lustig, mit mir auf Russisch zu sprechen; so was wie mich hatten sie noch nicht gesehen: Einen Ausländer - an der ISTU. Jemand kam nach draußen und zische uns an, dass wir leiser sein sollten, denn drinnen ging das Durchbraten der Studenten vonstatten. Als Grillmeister diente eine wahrhafte Hexe, die einige der Studenten so zur Schnecke machte, dass diese gar nichts mehr sagen konnten und einfach gingen. Später, als die Studenten meiner Gruppe hinzukamen, erzählte mir Egor, dass diese Professorin von nichts Ahnung habe außer von ihrem Spezialgebiet, zu dem sie jedes Jahr die gleiche Aufgabe als Bachelorarbeit herausgab. Das wussten die Studenten und schrieben vom vorherigen Jahrgang ab. Die aktuelle Studentin hatte jedoch nur ihren Name auf die Arbeit vom letzten Jahr draufgeschrieben und war dabei erwischt worden. NormalerWeiße fiele das nicht auf, behauptete er, aber manchmal schauen sich die Professoren die Arbeit übers Deckblatt hinausgehend an.
Albert kam eine Stunde zu spät und sah sehr müde aus. Später erfuhr ich von Olga, dass er nach unserem kleinen Anstoßen noch die Präsentationen einiger Studenten korrigiert und den Bachelor-Arbeiten einen letzen Schliff gegeben hatte. Ich hatte einen Fitnessdrink für ihn aus dem Supermarkt mitgebracht und drängte mich in einer Pause zwischen zwei Präsentationen durch die Mengen wartender Studenten zu ihm durch. Nun sah ich auch, dass die Hexe vorher nicht allein gewesen war; Emilyanov und das Mädchen, das bei ihm ihre Masterarbeit schrieb, saßen bei ihr. Nur hörte irgendwie niemand mehr zu. Im Zimmer war eine Lautstärke wie in einem Kindergarten. Die Studenten diskutierten miteinander, während einer ihrer Mitstudenten seinen Vortrag hielt; die Begutachter diskutieren ebenfalls, aber sie telefonierten auch, schrieben SMS, gingen mitten im Vortrag nach draußen oder surften auf dem Laptop im Internet.
Ich fragte mich, warum dieser ganze Zirkus überhaupt aufgeführt wurde. Auch das erklärte mir Egor. Das sei allein dafür, dass die Studenten ihre Bachelorarbeit rechzeitig fertig stellten; außerdem erhielten sie bei dieser Präsentation letzte HinWeiße für ihre Arbeit.
Ich bat Egor, doch ein wenig leiser zu sprechen, weil jeder unser Gespräch hören konnte, oder es zumindest mehr auffiel, weil es auf Englisch geführt wurde. Doch offenbar war er nicht in der Lage, auf Englisch zu flüstern. Ich begann das Gespräch schließlich abzuwürgen.
Ich sah mich um, doch ich konnte Pascha nirgendwo entdecken. Besonders auf seine Arbeit war ich gespannt, weil er sie etwa vor einer Woche begonnen hatte und vorgestern noch nicht einmal die Hälfte geschafft hatte. Er hatte mich an jenem Abend kontaktiert und nach der Befestigung einer Antenne an einem WLAN-Router gefragt. Das klang für mich nach einem Fall für Professor Puschin und ich hatte Pascha die Handynummer geschickt.
Schließlich kam Pascha angerannt; er war gerade mit dem Drucken seiner Arbeit fertig geworden, hatte aber noch keine Präsentation zusammengestellt. Ich schlug vor, dass er es jetzt noch machen könnte, wir waren immerhin in einem Computerpool. Er überlegte kurz und setzte sich dann tatsächlich an einen freien Rechner. Die anderen Rechner waren mit Studenten besetzt, die auf die gleiche Idee gekommen waren. Nur leider funktionierte die USB-Schnittstelle im Moment nicht, sodass er sein Datenmaterial nicht auf seinen Computer übertragen konnte. Aber auch dafür hatte er eine Lösung: Er bat einen seiner Mitbewohner, die Daten per E-Mail zu ihm zu schicken. In der Zwischenzeit wurde Pascha schon das zWeiße Mal von der Hexe aufgerufen, er möge doch bitte seinen Vortrag halten. Pascha versuchte sie zu beschwichtigen: Bitte, geben Sie mir noch Zeit, ich habe Probleme mit meiner Präsentation, die USB-Karte wird nicht erkannt Ich schlug vor, einer anderen Datei die Datei-Endung einer PowerPoint-Präsentation zu geben. Das würde beim Öffnen eine Fehlermeldung geben und er konnte dann die Hexe verzWeißelt anschauen: "Da muss etwas beim Kopieren schiefgegangen sein!" Daran hatte er auch schon gedacht, meinte er. Unter russischen Studenten hatten sich diese kleinen Tricks und Ausreden offenbar auch schon verbreitet.
Diese Veranstaltung zog sich noch lange in den Abend hinein. So langweilig war es nicht geworden, aber doch zu lang für meinen Geschmack. Ich verabschiedete mich ohne die Vorträge von Egor oder Pascha gehört zu haben. Aber das hatten sicher nicht einmal die Anwesenden.
Eigentlich hatte ich schlafen gehen wollen, aber da tat sich noch einmal ein Problem auf: Übermorgen wollten wir mit der halben Stadt nach Kazan zum "Creation of Peace"-Festival fahren, aber niemand hatte sich dafür verantwortlich gefühlt, mir ein Busticket mitzukaufen: Stasya dachte, Nastya kümmerte sich darum, und Nastya hatte mich vergessen, weil ich zu dieser Zeit in Sankt Petersburg gewesen war. Nun waren alle Bustickets ausverkauft, aber Nastya versprach, etwas zu organisiere.
25.06.
Tatsächlich erhielt ich schon am Vormittag von Nastya eine Mail mit den Handy- und ICQ-Nummern zweier Bekannten, die eine Fahrgemeinschaft nach Kazan bildeten. Ich meldete mich gleich bei ihnen und erhielt die Zusage; es kostete mich ebenfalls nur 350 Rubel.
Ich hatte eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet. Nun musste ich plötzlich so viel organisieren, zum Beispiel eine Unterkunft in Kazan, weil meine Fahrgemeinschaft nicht wie der Reisebus noch am gleichen Abend zurück nach Izhevsk fahren würde, sondern erst am nächsten Vormittag. Ohne erst nach potentiellen Couchsurfing-Gastgeberm zu suchen, setzte ich gleich eine Last-Minute-Anfrage mit meiner Handynummer ab und ging los um Proviant einzukaufen.
So gern ich in den großen Karusel-Supermarkt ging, so sehr ging er mir manchmal auf die Nerven. Ich konnte ihre Werbeansagen praktisch auswendig ohne die Worte zu verstehen und hatte mich schon ein paar Mal dabei erwischt, ihr Werbelied vor mich hingesummt zu haben. Heute aber ging mir vor allem einer der Einkaufenden auf die Nerven. Es war ein überall behaarter Typ mit Bierbauch, der nur ein schwarzes Netzhemd und eine Jogginghose trug. Bei dem Anblick schüttelte es mich innerlich. Er sah aus wie eine schwule männliche Prostituierte mit diesen Fäden, die über seine Brustwarzen gespannt waren. Als ich das sah, dachte ich nur: Igitt, bloß kein zWeißes Mal hinschauen.
Doch er lief mir immer wieder über den Weg. Ich konnte gar nicht schnell genug an die Kasse kommen und vergaß sie Hälfte von dem, was ich kaufen wollte.
Am Abend traf ich kurz auf Sina. Wir hatten uns am Nachmittag am Telefon gestritten, weil sie es wieder nicht geschafft hatte, mit mir die Zugtickets für unsere Reise kaufen zu gehen. Ich konnte sie schon aus zwei Gründen nicht allein besorgen: Ich brauchte Sinas Reisepass, und am Schalter nahmen sie mich allein nie für voll. Das hatte ich ja schon beim letzten Ticketkauf gemerkt. Nun kam sie nach der Bandprobe am Wohnheim vorbei und erklärte mir die Situation: Sie konnte nicht die vollen drei oder vier Wochen mit mir verreisen, weil ihre Bandmitglieder gedroht hatten, sie sonst zu ersetzen, und ihre Musik war ihr das Wichtigste im Leben, und sie hatte es nicht übers Herz gebracht, es mir zu sagen, weil sie mich nicht enttäuschen wollte. Dann sah sie mich mit großen Rehaugen an und meinte, eine Woche lang könnte sie schon mit mir verreisen, oder vielleicht bis zum Baikalsee. Ich rechnete ihr vor, wie lang wir allein bis zum Baikalsee unterwegs sein würden, und sie ließ den Kopf wieder hängen. Ich schlug vor, dass wir bei meiner Rückkehr von Kazan noch einmal darüber reden könnten.
Ganz in der Nähe begann ein Feuerwerk. Wahrscheinlich heiratete jemand.

Also ich glaube eher dass die Seite nie funktioniert hat und nie wird, wie alle Seiten, wenn man sie mal braucht ;)
AntwortenLöschen Wie, die bewacht ein leeres Krankenhaus und hat keine Lust dort zu sein, wenn nun jemand das Krankenhaus klauen will tz
Ist das in dem Proberaum so: Alte Instrumente, neue Besetzung - quasi Instrumente für jeden (der nen Schlüssel hat)?
Und du hast einfach die hochgefährlichen Skittles eingeführt nach Dtl . Schäm dich ^^
Du und harmoniebedürftig, du beißt doch überall rein :D
Warum haste net einfach deinen Bikini angezogen und bist so draußen herumgelaufen? ^^
Das waren nur 2 Gläser und du warst so hinüber Noch nicht mal Saftgläser :D
Was für Programmablaufpläne zeichnest du?
Da kannste doch auch schon ne fertige Arbeit vom Vorjahr abgeben, wenn die das in RU eh net erst sehen ;)
OK, wenn ich mal Dozent sein sollte und ne Präsentation nicht aufgeht, schaue ich mir jetzt also mit einem Editor immer erst den Dateiheader an :D
Typen in Netzhemden und Bierbauch sind schon ein bisschen Geschäftsschädigend. Haste den mal fotografiert? ^^
Ja, ich weiß, Murphy's Law.
AntwortenLöschenSie ist da für den Fall, dass mal en Wasserrohr bricht oder sowas.
Nein, die Instrumente gehören der Band.
Aber nur um Harmonie zu erzeugen.
Weil ich schon mal fast einen Auffahrunfall verursacht hätte.
Ja, ich bin halt nicht so trinkfest ;-p
UML, wie wir es gelernt haben XD
Aber ich muss ja in DE verteidigen.
Du wirst ja dann ein komischer und unbeliebter Prof - wie der Hofi^^ Nein, beim letzten Mal ist dabei die Kamera explodiert.