Donnerstag, 23. September 2010

Nachgetragen. Teil 1. (17. Juni bis 20. Juni)

17.06.
Nun, was hatte ich in der Woche Sankt Petersburg verpasst? Eigentlich nichts. Die Ägypter hatten ihre Prüfungen geschrieben und wussten nun endlich, wie es mit dem Studium Weißerging – nämlich gar nicht. Von der Uni war ein Kurs zum Thema Satellitenkommunikation geplant gewesen, die Ägypter hatten lieber den Cisco-Kurs fortsetzen wollen, was der Uni jedoch zu teuer war, und auch in der verfügbaren Zeit kaum machbar. So war die Hälfte der Ägypter bereits in der Abreise begriffen, ein anderer Teil wollte noch ein paar Wochen lang ein Praktikum in verschiedenen Firmen machen und boten mir an, mich dort anzuschließen, aber ich ahnte schon, dass ich nicht genug Zeit dafür haben würde, weil ich noch ein gesamtes Cisco-Modul durcharbeiten musste, und das recht zügig, sodass ich eher auf meine Abschlussreise durch Russland gehen konnte. Laut Kursplan wären nur knapp drei Wochen am Ende dafür übrig geblieben, das reichte aber kaum, wenn ich wirklich bis nach Wladiwostok fahren und auf dem Weg noch einige interessante Städte sehen wollte.
Langsam sollte ich wohl auch den Flug nach Deutschland zurück buchen und darauf aufbauend meine Abschlussreise konkreter planen, Zugverbindungen heraussuchen und über Couchsurfing Übernachtungsmöglichkeiten finden. Ich müsste nur erstmal von Albert erfahren, an welchem Tag ich meine vorgezogene Prüfung schreiben dürfte. So richtig Laune ihn zu kontaktieren hatte ich aber auch nicht, da ich im Lesen seiner wissenschaftlichen Arbeiten noch nicht wesentlich Weißer gekommen war und ich vermutete, dass er sich gern mal darüber unterhalten würde.

Murik saß immer noch wie eh und je an seiner Abschlussarbeit im Computerzimmer, das hieß, er spielte Kriegsspiele mit den anderen Jungs dort. Ich meinte zu ihm, ich wollte mir nun auch eine Gitarre kaufen; das versuchte er mir auszureden, doch als er merkte, dass etwas aus meinem Trotzkopf nicht mehr herauszuschlagen ist, wenn es erst einmal drin ist, gab er mir Tipps, worauf ich beim Kauf achten sollte: Dass sie möglichst aus einem Stück besteht, dass die Saiten nicht sehr weit vom Klangkörper abstehen dürften, und so Weißer. Die Hälfte davon hatte ich bereits wieder vergessen als ich das Zimmer verließ.
Nun gab ich auf Russisch die Suchzeile "b/u Gitarre Izhevsk" in Google ein und wurde prompt fündig. Es gab drei aktuelle Angebote, teils gebraucht, teils neu, und alle im unteren Preisbereich. Ich schrieb schließlich dem Verkäufer mit dem preisgünstigsten Angebot eine SMS: "Ist die Gitarre noch nicht verkauft? Bitte nur mit SMS antworten, weil ich schlecht russisch spreche."
Zurück kam ein einziges Wort: "ДА", also ja.
Ich schrieb zurück: "Die alte für 1000 Rubel?"
Und erhielt eine sehr kryptische Antwort: "НОВАЯ ПОЛТОР" – das hieß etwa "neu anderthalb"
Nach kurzem Überlegen kam ich dann drauf: Die alte hatte er wohl schon verkauft und wollte jetzt auch eine neue loswerden, für 1500 Rubel, etwa 40 Euro. Das war auch das Angebot der anderen Verkäufer, also fragte ich, ob ich mir die Gitarre mal ansehen durfte. Daraufhin kam:
"ЗАВТРА В ВОСЕМЬ ОКОЛО ЦЕНТР ГАИ"
Langsam wurde mir der Mann zu anstrengend. Was soll das schon wieder sein? Um acht Uhr ja, aber morgens oder abends, und wo ist das "Zentrum GAI"? Ich fragte Murik um Rat. Der druckte mir gleich eine Landkarte aus, markierte mir die Stelle und suchte mir den entsprechenden Bus dorthin heraus. Manchmal wusste ich wirklich nicht, wie ich ohne ihn in Russland zurechtkommen sollte.

Nun musste ich mich aber mal auf dem Weg ins Auslandsamt machen um mich zurückzumelden. Alisa war zwar nicht auffindbar, aber Marina registrierte meine Rückkehr und wollte Alisa Bescheid geben. Nur schien es irgendwie noch ein Geldproblem zu geben, weshalb ich mich morgen noch mal im Auslandsamt melden sollte.
Da ich einmal auf dem Weg war, ging ich einkaufen, und zwar im schönen riesigen Karusel-Supermarkt, denn ich hatte schon vor meiner Abreise die Salat-Theke für mich entdeckt. Salat ist ja nicht einfach nur Salat in Russland – da gab es so viele verschieden Sorten aus den unterschiedlichsten Zutaten. Mein Liebling war der Salat "Belye rosy"; er bestand aus Hühnerbruststückchen, Majonäse, Erbsen, saure Gurke, Dosenchampignons, Dill und Zwiebeln und war gut gewürzt. Den könnte man auch mal selbst machen. Heute aber nahm ich den Vinaigrette-Salat. Als ich ihn dann schon auf dem Weg zum Bus in mich hinein spachtelte, dachte ich plötzlich: "So weit ist es schon mit dir gekommen, du isst freiwillig rote Beete. Wenn das deine alten Kindergärtnerinnen wüssten!" Denen hatte ich dieses Gemüse noch um die Ohren gehauen.
Russland hatte schon einen seltsamen Einfluss auf mich.

Doch etwas wird man nie los: Die natürliche Faulheit. Als ich gekochte, ungeschälte Kartoffeln auf der Salat-Theke entdeckt hatte, beschloss ich, dass es förmlich nach "Kartoffeln mit Quark" zum Mittag roch – ein Gericht, das ich mir schon allein deswegen nicht zubereiten würde, weil es rohe Kartoffeln involviert und mir die Anstrengung allgemein zu groß ist, Kartoffeln zu kochen.
Doch wo sollte ich den Quark herbekommen? Ganz einfach: Statt Quark saure Sahne verwenden, das ist eh fast das Gleiche.

Zu Hause wartete noch etwas mehr Arbeit auf mich, zum Beispiel wollte die Wäsche mal wieder gewaschen werden. Die saß schon aufrecht auf meinem Stuhl und bat mich darum.
Während die beiden Maschinen liefen, die ich für mich beansprucht hatte, setzte ich mich wieder hin und studierte ein wenig vor mich hin, bis mich mein Handy daran erinnert, dass ich noch einige andere Dinge zum Abschluss meiner Petersburgreise zu erledigen hatte: Ein ganzer Stapel Handynummern und Emailadressen hatte sich auf der Reise angesammelt, und sie alle musste ich aus Höflichkeit kontaktieren, oder weil sie mir vielleicht doch noch mal nützlich sein könnten. In Russland läuft alles über Vitamin Bekanntschaft. Dann musste ich Julia noch eine Referenz in Couchsurfing schreiben, denn das gehörte zum Anstand, wenn man sich bei einem Fremden ein paar Tage hat durchfüttern lassen. Referenzen sollen die Gastgeber bewerten und loben sie meist in den Himmel. Auch dieser Tradition schloss ich mich im Allgemeinen an.
Dann wollten noch Fotos sortiert und ein Teil davon für Freunde ins Internet hochgeladen werden, und ein Teil des Teils für diesen Blog aufbereitet werden. Und natürlich wollte der Blog auch noch geschrieben werden, aber das verzögerte sich immer Weißer aufgrund der vielen Aufgaben im Studium, oder einfach aus Faulheit.
Am Schluss noch nach Romas Vorbild Gitarrenlernvideos von Youtube herunterladen und dann war es schon Zeit zum Schlafengehen, wenn ich morgen früh meinen Gitarrenverkäufer treffen wollte.

18.06.
Ich musste gar nicht lang warten, bis mein Bus Richtung Zentrum der GAI fuhr, die, wie mir Murik erklärt hatte, die Verkehrspolizei war. So hatte ich ein nicht ganz so mulmiges Gefühl im Bauch, mich mit einem Unbekannten im Nirgendwo zu treffen. Schon die Art wie er seine SMS-Nachrichten geschrieben hatte, war mir etwas mehrwürdig vorgekommen, aber auf keinen Fall vertrauenserweckend, es klang eher wie Verbrecher-Slang.

Die Bushaltestellen rauschten an uns vorbei, aber in dieser abgelegenen Gegend hatte sich niemand mehr die Mühe gemacht, an den Haltestellen einen Namen anzubringen. Schließlich ging ich zum Fahrer und fragte, ob er mir Bescheid sagen könnte, wenn wir am Zentrum der GAI anhielten. Er meinte, das wäre die vorherige Haltestelle gewesen. Schnell stieg ich aus und vergaß fast, ihn für die Fahrt zu bezahlen, riss dann aber noch mal die Tür auf, bevor er wegfahren konnte und drückte ihm die abgezählten Münzen in die Hand. Die eine Haltestelle konnte ich wohl zurücklaufen, zumal es nicht ratsam war, die Straße zu überqueren um auf den rückkehrenden Bus zu warten, da die Straße eine Art Autobahn war. So ging ich vorsichtig am Seitenstreifen zurück und war am Zentrum der GAI, die natürlich weder durch ein Schild gekennzeichnet war, noch irgendwie den Eindruck machte, eine Behörde zu sein.
Ich schrieb meinem Gitarrendealer eine SMS, ich wäre jetzt da und er würde mich erkennen, weil ich ein dickes grünes Wörterbuch mit mir herumtrage. Es war kurz vor acht. Er schrieb, er käme gleich, und so wartete ich. Nach einigen Minuten schon kam er mir entgegen und forderte mich auf, mit ihm zu kommen. Da war das mulmige Gefühl wieder. Er hatte zwar kein Verbrechergesicht, aber das hatten ja auch nur die Verbrecher in Disneyfilmen. Als er mich dann auch noch aufforderte, ins Auto zu steigen, blieb ich lieber draußen stehen. Angelogen hatte er mich nicht, denn in seinem Auto lag wirklich eine Gitarre. Aber das hätte auch nur zum Locken sein können. Er nahm sie heraus und schmetterte kurz ein paar Akkorde, dann gab er sie mir, dass ich sie ausprobieren sollte.
Die Seiten ließen sich nur schwer drücken, und insgesamt schien sie alle Mängel zu haben, vor denen mich Murik gewarnt hatte, aber die Trägheit gewann bei meinem Entscheidungskampf die Oberhand, oder vielleicht war ich auch nur froh, dass ich nicht entführt worden war – dieses Mal. Wer weiß, wie es beim nächsten Mal sein würde. Jedenfalls kaufte ich die Gitarre ohne zu handeln und machte mich aus dem Staub.

Es war der gleiche Fahrer im Bus zurück. Er grinste mich an. Ob denn alles geklappt hätte? Ja, meinte ich, und stellte mich mit dem großen Instrument in den engen Gang.
Zu Hause erhielt ich eine seltsame SMS, der Dealer schrieb mir auf Russisch: "Willst du, dass ich dir Gitarrespielen beibringe, und du mir dafür deine Sprache beibringst?" Ich vermutete sofort wieder eine Falle und schrieb, ich hätte kein Geld für Gitarrenunterricht, außerdem hätte ich schon einen Freund, und dass meine Sprache Deutsch sei, und er das sicher nicht lernen wollte. Er schrieb zurück, dann wolle er lieber von mir Englisch lernen, und bezahlen müsse ich auch nichts. Ich war trotzdem skeptisch, gab ihm aber meine E-Mail-Adresse und bat ihn, per Mail Weißerzuschreiben, da es nicht so teuer wie SMS wäre. Danach hörte ich nie wieder etwas von ihm.

Beim zWeißen Versuch Alisa zu finden, hatte ich sie heute angetroffen, aber das Geldproblem war lediglich, dass sie mir noch Wechselgeld wiedergeben musste. Das hätte mir zwar auch Marina zurück geben können, aber wir waren noch immer in Russland, da gibt es keine einfachen bürokratischen Lösungen.

19.06.
Heute gelang es mir sowohl meinen Blog fortzuführen, also auch das erste Kapitel den neuen Cisco-Kurses durchzuarbeiten; ich war selbst erstaunt wie schnell es diesmal ging und wie konzentriert ich arbeiten konnte, wenn ich wusste, dass ich nicht viel Zeit zu verschwenden hatte, denn um 19 Uhr mit Sina im Zentrum verabredet.
Erwartungsgemäß kam sie zu spät, weil der Bus in die falsche Richtung gefahren war, berichtete sie. Irgendwie vermutete ich zwar, dass nicht der Bus das Problem gewesen ist, sondern eher ihre Weißerung eine Brille zu tragen, aber ich lächelte nur kommentarlos.
Wir gingen in ihr Lieblingscafé und ich erfuhr so manches über sie: Dass sie gleich in vier Bands Schlagzeug spielte und die fünfte schon geplant war, aber ihr Band mit der größten Erfolgsaussicht "elektrischer Schnee" hieß; dass ihr Lieblingsessen Pizza war, aber nur vegetarisch – eine Macke, die sich auch noch nicht sehr weit in Russland verbreitet hat. Heute aber bestellten wir Crèpes. Diese beiden Gerichte könnte man zur russischen nationalen Küche zählen, wenn es nicht darum ginge, wer sie erfunden hat, sondern wie beliebt sie sind. Nur die Beilagen sind immer etwas gewöhnungsbedürftig – Pizza mit saurer Gurke, und Pfannkuchen mit griechischer Salatfüllung "Tomate und Mozzarella".
Ich sollte von Petersburg erzählen, weil es ihre Stadt war, in die sie einmal ziehen wollte, und sie dadurch es nacherlebte. Ich berichtete also von all meinen… nennen wir es "Abenteuern" und sie hörte zu. Da kamen wir vom hundertsten ins Tausendste und so verflog der Abend im Nu.

Ich brachte sie noch nach Hause. Weil sie fror, legte ich im Gehen einen Arm um sie und rieb sie ein wenig warm – dadurch hätten wir fast einen Auffahrunfall verursacht, weil einer ihrer Nachbarn im Auto lieber auf uns als auf die Straße schaute. Russische Männer kamen mir schon manchmal etwas seltsam vor. Beim Abschied umarmten wir uns und wurden dabei von den gleichen Nachbarn aus dem Auto angeglotzt, behauptete Sina. Sie lud noch mich ein, bei einer Bandprobe dabei zu sein; morgen würden sie wieder spielen.

Von Gergö hatte ich eine ganze Weiße nichts mehr gehört, weil ihm auf der Baikalsee-Insel Olchon das Geld auf dem Handy ausgegangen war und es dort weit und breit wohl keinen Automaten zum Aufladen gab. Ich stellte mir den Ort vor wie eine dieser Inseln, auf denen der Schiffbrüchige im Comic immer strandet: Ein Hügel aus Sand mit einer Palme drauf. Oder in Russland eben mit einer Birke.
Am 23. käme er jedenfalls zurück, schrieb mir Gergö per SMS, er sei schon wieder in Irkutsk. Wir sollten dann unbedingt ein Bier zusammen trinken.

20.06.
Dieser Sonntag wurde ein typischer Studiertag, mit ein paar Nachträgen im Blog und dem zWeißen Kapitel des neuen Cisco-Moduls, das immer größerer Käse zu werden schien. Es gab kaum noch Informationen zu neuen Technologien, stattdessen wurden dem Leser immer neue Marketingbegriffe untergejubelt. Ich blätterte das Modul durch und stellte fest, dass es bis zum sechsten oder siebten Kapitel so Weißerging und seufzte resigniert. Wenigstens würde es nicht so lang dauern, versuchte ich mich aufzumuntern, denn ohne neue Technologien gab es auch weniger verzwickte Übungen. Das war kein echter Trost, denn nach dem Ende des zWeißen Kapitels wäre ich liebend gern anstelle der nächsten vier Marketingkapitel wieder an Access-Listen verzWeißelt.

Aus Sinas Bandprobe wurde irgendwie nichts, vielleicht wollte sie mich auch einfach nicht dabei haben; außerdem schrieb sie, sie sei erschöpft vom Schreiben ihrer Diplomarbeit, aber morgen könnte ich kommen.
So setzte ich mich selbst mit meiner Gitarre hin und spielte, bis meine Finger bei der kleinsten Berührung seltsam zu vibrieren begannen. Bei genauerer Betrachtung schien auch ein Stück Haut am kleinen Finger zu fehlen. Ein echter Musiker würde aus mir wahrscheinlich nicht werden, aber bei diesem Einsatz würde ich wohl bald ein Lied spielen können

2 Kommentare:

  1. • Wären die Ägypter noch geblieben, wenn die Cisco hätten Weißermachen können?
    • Aber die Frage nach 8 Uhr morgens oder abends konnte er dir sicherlich auch nicht beantworten?
    • Dein Lieblingssalat ist nicht der mit den aufgeweichten Kartoffelchips? Du enttäuschst mich :D
    • Den Absatz mit den Kartoffeln verstehe ich nicht. Du willst dir des Aufwands wegen keine Quark mit Kartoffeln machen, überlegst aber wo du Quark herbekommst?
    • Wieso musstest du den Busfahrer nachher erst bezahlen, sonst gab es doch da immer Kassierpersonal?
    • Wie schaffst du es den jemanden zu wärmen, du bist doch so warm wie eine Eisscholle in der Arktis… ^^
    • Machst du jetzt eigentlich noch das Cisco-Zertifikat?

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  2. Ja, die hatten ja mit ihrer Abreise gedroht... "gedroht", hihi^^
    Nein=) Deshalbt hatte ich noch mal nachgefragt.
    Wäre es deiner?
    Ich hatte doch gerade gekochte Kartoffeln gefunden)) Da fehlt nur noch Quark.
    Weil das überall anders ist - in manchen Bussen vor der Fahrt, in anderen während der Fahrt, und in wieder anderen nach der Fahrt.
    Reibung erzeugt Wärme XD
    Mal schaun. Ich hab 2 Jahre Zeit.

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