09.06.
Sankt Petersburg! In wenigen Stunden würden Zsolt und ich auf dem Weg dorthin sein. Mitte Juni war die beste Zeit für einen Besuch der heimlichen Hauptstadt des Landes, denn es war die Zeit der Weißen Nächte, während der die Sonne für einige Tage nur kurz unter dem Horizont verschwindet, und es wochenlang nie ganz dunkel wird.
Bei meinem letzten Besuch hatte ich noch einsame Eisschollen auf der Neva treiben sehen, doch nun war Sommer, und die Atmosphäre war sicher völlig verändert. Ich freute mich darauf, diese wundervolle Stadt von einer anderen Seite kennenzulernen.
Ich hatte mich an diesem Nachmittag direkt nach der Prüfung mit Zsolt zum Einkaufen verabredet, denn wir würden wieder 32 Stunden im Zug unterwegs sein mit zweimaliger Übernachtung - und brauchten Vorräte dafür. Auf dem Weg nach Hause sendete ich ihm eine SMS, dass ich gleich vorbeikommen würde, denn ich wusste, dass er ein ganzes Stück länger als ich beim Anzukleiden brauchte, weil er sich danach immer erst noch eine Weiße kritisch im Spiegel betrachten und den letzten Fleck von den glänzenden Schuhen putzen musste. Trotzdem verspätete ich mich diesmal, denn die Ägypter fingen mich im Gang ab. Sie würden morgen ihre Cisco-Prüfung schreiben jene, die ich bereits vor Wochen abgelegt hatte, und zu der ich ihnen sämtliche Unterlagen und meine Lösung gegeben hatte. Offenbar hatten sie erst jetzt angefangen zu lernen. Ich beantwortete knapp ihre Fragen, und dann kam schon Zsolt aus seinem Zimmer, weil er sie gefragt hatte, wo ich denn blieb. Wir fuhren zu Zsolts Lieblingssupermarkt, dem großen im Talisman-Einkaufszentrum, weil es da alles gab, das wir eventuell auf der Reise brauchen könnten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht brauchen würden. Doch ihm war das Einkaufen seine heimliche Leidenschaft.
Nun hatten wir alles, was wir brauchten. Zsolt war in Russland noch nie verreist und hatte sich meine Tipps angehört: Im Zug hat man nichts zu tun und verbringt die meiste Zeit mit Essen, deswegen sollte er nicht an Knabbereien sparen und mir davon abgeben. Außerdem aß man traditionell Lapscha, die gepressten Trockennudeln aus Japan, auf die man nur heißes Wasser kippen musste. Dann ließ man sie einige Minuten ziehen und hatte eine fast vollwertige Mahlzeit. Nur die Vitamine fehlten, dafür enthielt die Suppe umso mehr Geschmacksverstärker und künstliche Aroma-Stoffe. Diese Suppen waren in Russland so beliebt, dass es sie in allerlei Geschmacksrichtungen und Formen gab, die Gabel war meistens schon enthalten, und wenn man sich eine teure Variante kaufte, fand man in dem Papptopf manchmal sogar echtes Fleisch in einem winzigen Tütchen vor.
Dazu einen Liter Saft, frisches Brot und Käse so konnte man es schon zwei Tage im Zug aushalten.
Nun hatten wir nur noch ein Problem: Wie sollten wir zum Bahnhof kommen? Es fuhr wegen Bauarbeiten keine Straßenbahnen direkt hin, sondern nur zum Haus der Babuschkins. Wir brauchten ein Taxi. Aber das ließ sich in Russland auch nur mit Mühe bekommen. Viele Taxiunternehmen wollten ihre Fahrzeuge nicht in so eine wenig lukrative Gegend wie das Studentenwohnheim schicken, oder riefen erst gar nicht zurück um zu überprüfen, ob die beim vorhergehenden Gespräch angegebene Telefonnummer stimmte. Und wenn man versuchte, sich ein Taxi auf Englisch zu bestellen oder in nicht-flüssigem Russisch, hatte man gleich verloren. Wir brauchten einen Russen, der das Taxi für uns bestellte. Ich begab mich auf die Suche nach Murik, fand ihn aber nicht; Zsolt ging in seiner Wohnheimhälfte auf die Suche und brachte Abdul mit, der recht flüssig russisch sprach. Er hatte sich sofort bereit erklärt und wählte ein paar Nummern vom Telefon der Etagenfrau aus, diskutierte kurz, legte auf und meinte, dass dieses Taxiunternehmen gerade keine Taxis hatte, probierte eine zWeiße Nummer, und dort gab man ihm zu verstehen, dass man ihn gleich zurückrufen wolle. Fünf Minuten lang passierte nichts. Abdul rief wieder bei der gleichen Nummer an, und erst dann riefen sie ihn auf dem Handy zurück. Ja, sagte er, jetzt würde alles klappen, das Taxi sei in 10 Minuten da. Nun tauchte auch Murik mit seiner Freundin auf und musterte uns grinsend, wie wir so in voller Bekleidung und Gepäck dasaßen und warteten. Er fand es lustig, dass wir auf das Taxi warten und meinte, das Taxi sollte eher auf uns warten. Aber wir waren froh, dass wir überhaupt ein Taxi hatten und wollten nicht riskieren, dass es wieder davon fuhr, aber ohne uns.
Schließlich fuhr ein Wagen mit der Telefonnummer auf dem Dach, die Abdul gewählt hatte, in den Hof ein. Er hatte uns Instruktionen gegeben, wie wir uns nun zu verhalten hatten: Den Fahrer begrüßen und Abduls Nachnamen sagen, denn darauf hatte er das Taxi bestellt. Ich kannte den Nachnamen nicht und schickte Zsolt vor, der sich aber zierte, und vermutlich war der Name auch nicht aussprechbar oder verständlich. Ich warf schließlich ein "Sche/De Woksal?" und der Fahrer nickte. Denn das war der Eisenbahn-Bahnhof, nicht zu verwechseln mit dem Awto-Woksal, dem Busbahnhof. Wir luden die Taschen ein und unsere großen Lebensmitteltüten, denn auch das war bewehrte Tradition in Russland: Dass man seine Lebensmittel nicht ins Gepäck packte, sondern in den großen Weißen Tüten mich sich herumtrug, die man normalerWeiße beim Einkaufen erhielt. Das war besonders praktisch, weil man sie im Zug unter dem Tisch lagern konnte, während das Gepäck meistens irgendwo verstaut wurde, wo man während der Fahrt nicht herankam.
Der Fahrer versuchte auf dem Weg ein wenig Konversation mit uns zu machen natürlich auf Russisch, deshalb begann die Unterhaltung schon zu stocken als die begann. "Habt ihrs eilig?", fragte er zum Beispiel. Das verneinten wir, da wir ahnten, dass anderenfalls sein Fahrstil sehr dramatisch werden würde. Er wollte wissen, woher wir kamen. In Deutschland, sagte er dann, gäbe es sicher schöne Straßen. Und hier nur schlechte. Ich meinte höflich, dass die Straßen in der Stadt noch sehr gut seien und wurde prompt von einem Schlagloch durchgeschüttelt. Dann waren wir schon am Bahnhof und zahlten. Es war ein Taxameter mitgelaufen und zeigte etwas unter 120 Rubel an etwa 3 Euro; ich wollte ihm als Trinkgeld etwas mehr geben und gab ihm 150, aber das wollte er nicht annehmen und nahm sogar nur die 100. So einen Taxifahrer hatte ich noch nie erlebt, aber es gab sie, offensichtlich.
Wir waren eine Stunde vor Abfahrt des Zugs angekommen. Es war noch tageshell, obwohl es schon halb neun abends war. Der Zug nach Sankt Petersburg fuhr immer zur gleichen Zeit ab, aber es war das erste Mal, dass ich den Bahnhof im Hellen sah.
Nun hatten wir nichts zu tun. Der Bahnhof war voller Menschen, die ebenfalls auf diesen Zug warteten. Albert hatte Recht behalten, im Sommer waren sehr viel mehr Menschen unterwegs als im Winter. Ich hockte mich in der Nähe des Eingangs auf den Boden und begann Papier zu falten. Zsolt war es regelrecht peinlich; er meinte, ich sähe aus wie eine Bettlerin. Ich sah ihn schief an. Das war das erste Mal, dass er mir auf der Reise auf die Nerven ging. Das sollte sich steigern.
Wir gingen also nach draußen und warteten dort auf den Zug. Da sah ich plötzlich eine vertraute Gestalt auf mich zukommen es war Sina, die zierliche Schlagzeugerin. Sie war extra zum Bahnhof hinausgefahren um mich zu verabschieden und bedauerte es sehr, nicht selbst mitfahren zu können. Aber sie war immer noch nicht mit ihrer Diplomarbeit vorangekommen und musste sich selbst, genau wie Dima, mit dem Fernbleiben von schönen Ereignissen dafür bestrafen. Ich fand diese Methode höchst ineffizient, denn es ändert nichts am Resultat, ob man zu Hause sitzt und sich dafür hasst, dass man nichts zustande bekommt, oder sich auf Reisen oder Konzerten amüsiert und das schlechte Gewissen dabei zu verdrängen versucht. Doch ich freute mich natürlich sehr, sie noch einmal vor der Abfahrt zu sehen, und vor allem so überraschend. Wir umarmten uns, und dann kam ein Freund und Bandmitglied dazu. Er war offenbar mit Sina gekommen und hatte sich beim draußen Warten gelangweilt. Kurz darauf kamen Stasya und ein Freund von ihr durchgeschwitzt ihre Fahrräder schiebend neben uns an. Sie waren auf einer Fahrradtour um die Stadt herum unterwegs gewesen und wollten sich ebenfalls verabschieden, da sie schon einmal in der Gegend waren. Sie hatten sich arg beeilt, dass sie es noch vor Abfahrt des Zugs schafften. Ich war ehrlich gerührt, solche Freunde zu haben, und war doch überrascht, wie schnell sie sich als echte Freunde fühlten, denn wir hatten uns doch erst einige Male gesehen. Die russische Zwischenmenschlichkeit ist wirklich eine ganz andere, und sehr liebenswert.
Sina und Stasya kamen noch mit hinein in den Zug bevor er abfuhr. Trotz der strengen Ticketkontrollen an der Wagontür war es Begleitern ohne Fahrkarte erlaubt, kurz mit in den Zug einzusteigen und zum Beispiel beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Selbst wenn es nur eine kleine Tüte mit Lebensmitteln war es war eine Selbstverständlichkeit beim Tragen zu helfen.
Stasya wollte auch am liebsten mitkommen jeder meiner Freunde in Izhevsk wollte am liebsten nach Sankt Petersburg, und überhaupt nicht nach Moskau. Mit der Zeit hatte ich die Theorie entwickelt, dass es nur zwei Typen von Russen gibt: Jene, die nach Petersburg ziehen wollten, und die anderen nach Moskau. Aber weg aus den Provinzstädten wie Izhevsk wollte jeder.
Sie gingen wieder nach draußen und wir winkten uns noch eine ganze Weiße zu, sogar als der Zug noch stand, und dann ganz besonders enthusiastisch, als er losfuhr. Ich sah sie nur noch kurz, dann waren sie schon aus dem Blickfeld und in der Menschenmasse verschwunden.
Zsolt und ich fuhren "platzkart", also in der dritten Klasse, nicht im gehobenen Coupé wie bei meiner letzten Reise. Den Unterschied bemerkte man sofort. Statt in abschließbaren Viererabteilen fuhren wir im Großraumwagon, wobei die Anordnung der Bänke ähnlich war: Vier Bänke gehörten zu einer Sitz- beziehungsWeiße Liegegruppe, davon jeweils zwei oben und zwei unten. Die Sitzgruppen waren wiederum durch Wände voneinander abgetrennt, die jedoch zur Gangseite hin offen waren, und dem gegenüber befanden sich seitlich am Fenster zwei Liegen, eine oben, eine unten. Der andere Unterschied, den man auch sofort bemerkte, betraf die Mitreisenden. Es waren zumeist alte Leute, Familien mit vielen Kindern und Gopniks, Trinker, die nicht aussahen, als wäre mit ihnen gut Kischenessen.
Ich beschloss, dass es Zeit zum Schlafengehen war, denn ich wusste schon aus der früheren Erfahrung, dass es mit Schlaf nicht viel werden würde ob es nun die Schnarcher oder die schreienden Babies waren es war immer besser, lieber etwas früher ins Bett zu gehen und ein wenig vorzuschlafen, um es besser zu verkraften, mitten in der Nacht mehrfach aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Während ich also versuchte zu schlafen, erwischten die Trinker den armen Zsolt und begannen ihn abzufüllen, als sie erfahren hatten, dass er aus Europa kam. Ich hörte ein paar Mal das Wort Samagon selbstgebrannter Wodka und hoffte für Zsolt, dass er vernünftig genug war, das Zeug nicht anzurühren. Gerade war ich eingeschlafen, da weckte mich ein piekender Finger im Rücken. Zsolt sah mich strahlend an und erzählte, dass sie ihm Cognac gaben. Ich drehte mich grunzend wieder auf die andere Seite.
10.06.
Die Nacht war genau so unruhig gewesen wie ich erwartet hatte. Ich blieb noch mindestens bis zwölf Uhr mittags oben in meinem Bett liegen und hörte Musik. Als ich dann nach unten stieg, saß Zsolt schon mit gelangweiltem Gesichtsausdruck und wie aus dem Ei gepellt auf seinem Platz. Die Trinker hatten ihre Neugier offenbar während der letzten Nacht gestillt und redeten nur noch untereinander. Ich schnappte mir meine Waschtasche und ging wortlos zum Klo. Erst wunderte ich mich, dass es kein Wasser zu geben schien, bis ich feststellte, dass man zum Anstellen des Wassers nicht die Drehgriffe benutzen konnte, sondern einen kleinen Stöpsel in den Wasserhahn hineindrücken musste. Auf diese Weiße wurde wohl Wasser gespart, denn es war kaum möglich, sich einen Becher Wasser abzufüllen, weil der Stöpsel gedrückt gehalten werden musste. Das war schwierig, wenn man gleichzeitig den Becher hielt, und auch die Zahnpasta-Tube samt Zahnbürste, sodass sie nicht im ruckelnden Zug von der Spiegelablage hinunter auf den völlig verdreckten Boden fiel. Es war nicht leicht, in auf diesen Toiletten das Innere der Toilette zu treffen, weil es nicht möglich oder empfehlenswert war, sich hinzusetzen. Die Klobrille war sogar an die Wand geschraubt, sodass man sie nicht hinunter klappen konnte. Durch die Metallplatten auf der Schüssel war angedeutet, dass man sich wirklich nur mit den Füßen daraufstellen sollte. Es war jedes Mal eine Konzentrations- und Balanceübung.
Als ich zurück zu Zsolt kam, berichtete er mir von der letzten Nacht. Sie hatten zwei Flaschen Wodka geleert, dazu eine Flasche Cognac und einen ganzen Haufen Bier, aber er hatte seins nicht ausgetrunken, es stand immer noch halbvoll auf dem Tisch.
Nun dachte ich, es wäre Zeit, mein Russisch ein wenig auszuprobieren. Die Trinker sprachen weniger englisch als ich russisch sprach, somit sah ich mich endlich einmal gezwungen, russisch zu sprechen. Sonst würde ich es ja nie lernen. Zsolt hatte ihnen in der Nacht zwar etwas Ungarisch beigebracht, aber fiel schien nicht hängen geblieben sein, wie mir auch. Er liebte sein Land... und ging damit ab einem bestimmten Punkt jedem auf die Nerven. Das hatte mir schon Gergö berichtet, aber damals hatte ich ihm nicht geglaubt. Aber je länger die Zugfahrt wurde, desto mehr erfuhr ich über Ungarn.
So waren die Trinker eine willkommene Abwechslung.
Einer von ihnen hieß Albert; es war wahrscheinlich ein typischer tatarischer Name. Er war es auch, der sich an Zsolt und mich hing, als wir in Nizhnij Novgorod aus dem Zug stiegen um uns die Beine zu vertreten. Er und sein Kumpel wollten uns etwas Gutes tun und kauften uns Vanilleeis und eine tatarische Spezialität, die es hier zufälligerWeiße auch gab. Sie nannten es Samsa, es war ein dreieckiges Gebäck mit einer Füllung aus zerkochtem Kohl und undefinierbarem Gehacktem, das wir später unauffällig entsorgten. Man sollte Russen nicht erlauben, irgendwas in Teig zu backen. Ich konnte mir den Dialog gut vorstellen: "Liebling, hast du den Müll rausgeschafft?" "Nein, ich habe Piroggen draus gebacken."
Nun wurde es langsam Nachmittag und wir hatten Nizhnij schon lange hinter uns gelassen, da fiel mir ein, dass ich einige Dokumente lesen musste, die mir Albert mitgegeben hatte, um dann darauf meine Masterarbeit aufzubauen. Ich legte mich also auf meinem Bett lang und begann zu lesen. Schon nach dem ersten Abschnitt wurde mein Kopf plötzlich ganz schwer und eine bleierne Müdigkeit legte sich über mich eh ich es recht begriff, war ich schon auf dem Forschungsbericht eingeschlafen.
Eine Stunde später erwachte ich und hatte gleich ein schlechtes Gewissen. Ich versuchte mich ein Weißeres Mal daran, aber die Sätze waren so lang und verschachtelt, dass ich jeden mindestens drei Mal lesen musste um ihn zu verstehen. Manchmal konnte ich ihn auch überhaupt nicht zu verstehen, da Albert in einem sehr eigenwilligen Englisch schrieb und sich manchmal einfach das erstbeste Wort aus dem Wörterbuch herausgesucht haben zu schien statt das Wort zu finden, das die richtige Bedeutung hatte. Ich versuchte mich mit Unterstreichungen dazu zu zwingen, das Lesen fortzuführen. Einmal musste ich laut auflachen, denn ich hatte plötzlich verstanden, weshalb ich den aktuellen Satz nicht verstanden hatte ein kleiner Tippfehler hatte den Satz völlig entstellt. Was Albert gemeint hatte, war, dass ein einzelner Computer sich auf dem Netzwerk entfernt. Was er geschrieben hatte, war, dass die Nase dagegen schlägt.
Der Zug begann wie eine Waschmaschine zu rütteln und ab und zu war ein halblautes Krachen zu hören. Erst machte ich mir Sorgen, aber den Zugbegleitern schien es vertraut zu sein, und so beschloss ich, mir auch keine Sorgen zu machen. Die russische Technik war schließlich bekannt dafür, ewig zu halten, und wenn sie nur mit Spucke zusammengehalten war.
Am Abend hielten wir schließlich in Moskau. Dort konnte ich einen interessanten Effekt beobachten. Es wurde Eis verkauft, wie es normal an den Bahnhöfen war, allerdings hatten sich diesmal eine Handvoll Leute um den Stand herum gescharrt. Plötzlich war der Eisverkaufsstand für alle, und eine immer größere Traube bildete sich um ihn herum, die wiederum noch mehr Leute anzog. Das muss ein Erbe aus Sowjetzeiten sein. Oder auch nicht. Ich merkte, wie auch ich neugierig wurde und Eis kaufen wollte, obwohl ich vorher schon auf das Sortiment geschaut hatte und mich nicht für ein Eis hatte begeistern können.
Bald ging auch diese Fahrt Weißer. Ich hatte mir vorher das Teetrinken verkniffen, weil ich spürte, dass ich langsam doch auf die Toilette musste, aber bereits eine Stunde vor Moskau wurden die Toiletten abgesperrt, und schon eine halbe Stunde davor war die Schlange vor den Toiletten so lang, dass ich nicht mehr die Geduld hatte, mich anzustellen. In Moskau waren sie natürlich auch abgesperrt, weil sonst der Bahnhof dementsprechend riechen würde, und eine Stunde hinter Moskau wurden sie erst wieder geöffnet.
Nachdem ich mich also drei Stunden später erleichtert hatte, bat ich die Zugbegleiterin um ein Teeglas. Das ging auf Russisch wesentlich leichter als auf Deutsch, man musste nur fragen: "Moschno stakan?", und das war schon eine höfliche Frage. Übersetzt hieß es wohl so etwas wie "Darf man ein Glas?"
Ob es das nun wirklich heißt oder nicht, man verstand es überall und fand es auch nicht unhöflich. Welch praktische Sprache Russisch doch ist!
11.06.
Als um fünf Uhr morgens alle geweckt wurden, war es hell wie am Nachmittag war es überhaupt dunkel geworden in der Nacht? Wir waren früh schlafen gegangen, da der Zug bereits um sechs in Sankt Petersburg eintraf. Vorher musste man sein Bettzeug abziehen und zum Zugbegleiter bringen, und an der Toilette anstehen um sich zumindest kurz die Zähne zu putzen.
Und so traten wir um sechs in die kühle Morgenluft.
Ich hatte uns wieder eine Unterkunft über Couchsurfing besorgt, und unsere Gastgeberin hatte darauf bestanden, uns um diese Uhrzeit vom Bahnhof abzuholen. Allerdings nicht vom Hauptbahnhof, sondern vom Baltischen Bahnhof. Ich kannte das Petersburger Metrosystem und zog Zsolt hinter mir her. Er war vom Land und verließ sich so ganz auf mich. Bald waren wir am Baltischen Bahnhof aber wo sollten wir Julia treffen? Sie sprach wenig Englisch und schickte mir russische SMS. Wir liefen uns ausversehen ein paar Mal aus dem Weg, dann gab ich ihr bescheid, dass wir nur noch an einem exakten Punkt warten würden. BeziehungsWeiße wollte ich dies tun, aber noch bevor ich die genaue Ortsbeschreibung abschicken konnte, kam sie uns entgegen und begrüßte uns wie Freunde, die sie erst gestern gesehen hatte.
Ich begann mit ihr zu plaudern, sprach aber die meiste Zeit nur mit mir selbst es stellte sich heraus, dass sie erst vor drei Monaten begonnen hatte, Englisch zu lernen, und meiner schnellen SprechWeiße gar nicht folgen konnte.
Mehr oder weniger schWeißend standen wir danach an einem Schalter an. Sie kaufte uns die Tickets und wollte kein Geld von uns dafür zurückbekommen. Es war wieder diese schwierige russische Höflichkeit, der ich nur schwer etwas entgegensetzen konnte.
Wir nahmen einen Vorstadtzug, eine Elektritschka, denn Julia wohnte ein Stück außerhalb. Schon zu dieser frühen Uhrzeit drängten sich Verkäufer im Zug: Es gab Sonnenbrillen, Kulis, Krempel bei der Gelegenheit lernte ich von Zsolt, dass auch Kulis eine ungarische Erfindung waren. Langsam konnte ich es nicht mehr hören.
Wir stiegen etwa fünf Meter vor dem Ende der Welt aus dem Zug. Hier gab es nur noch einen mit Gräsern überwachsenen Bahnübergang, der in einen Trampelpfad führte. Doch gar nicht weit davon entfernt, standen Plattenbauten im Grünen, die zusätzlich noch grün angestrichen waren. Wir steuerten direkt auf einen alten, verfallenen Schuppen zu und Julia meinte: "Dorthin!" Ich sah sie erst zWeißelnd an, doch sie meinte das Haus dahinter.
Die meisten dieser Häuser hatten einen Türcode, mit dem die Haustür auch ohne Schüssel geöffnet werden konnte. Der Türcode war überaus sicher auf 1111 eingestellt. Erst lachte ich darüber, aber ich bekam die Tür damit nicht geöffnet. Julia verriet mir den geheimen Trick: Man musste das Knie in die Tür rammen, oder sich anderwärtig dagegen werfen.
Sie wohnte zusammen mit ihrem Bruder, der nicht mal Grundkenntnisse in Englisch hatte und sich deshalb fast schamhaft von uns fernhielt. Ich beschloss das Eis zu brechen, indem ich zu ihm in die Küche ging und mich ihm auf Russisch vorstellte. Es funktionierte tatsächlich, er gesellte sich zu uns ins Wohnzimmer, wo Julia gerade den Tisch vorbereitete: Sie brachte Teegläser und noch mehr Süßigkeiten als sowieso schon auf dem Tisch standen, bis er zu voll war um auch nur eine Erdnuss darauf unterzubringen. Dann holte sie ihren Laptop und öffnete die google translate-Webseite, auf der ein eingetippter Text live in die gewüNächte Sprache übersetzt wurde. So begannen wir uns etwas umständlich miteinander auszutauschen, aber da mir das Tippen zu mühsam war, warf ich das, was ich auf Russisch wusste, auch auf Russisch ein, und so tat es auch Julia auf Englisch. Mit einem Mal verstanden wir uns so gut, dass Roma in die Küche ging und mit einer Sektflasche wiederkam um auf unsere Ankunft anzustoßen. Es war halb 9 Uhr morgens. Aber wie heißt es so schön andere Länder, andere Sitten? Und so floss mir das Russisch noch leichter von den Lippen.
So wurden wir bis 10 Uhr willkommen geheißen; auf meine Nachfrage hin ob er Gitarre spiele, holte er seine Gitarre aus dem Nebenzimmer, stimmte sie und begann zu spielen. Es war ein altes Lied, von der russischen Kultband Kino. Julia stimmte mit Gesang ein. Ein schönes Bild, ein musizierendes Geschwisterpaar.
Um 10 musste Julia jedoch auf Arbeit und schickte Roma mit uns nach Peterhof. Roma arbeitete die Nachtschicht bei McDonalds, hatte heute aber einen Tag frei und schien auch nicht so abgeneigt, uns ein wenig die Gegend zu zeigen. Und ich wollte sowieso Peterhof sehen. Peterhof war eine Palastanlage in der Nähe von Sankt Petersburg und vor allem bekannt durch seine ausgedehnten Gärten und das kunstvoll-ausgeklügelte Springbrunnensystem. Als ich das erste Mal in Sankt Petersburg war, hätte es sich nicht gelohnt, dorthin zu gehen, da die Springbrunnen so früh im Jahr noch nicht liefen. Albert hatte es mir jedoch sehr empfohlen. Ich hatte immer noch die Skizze dabei, die er mir vor meiner ersten Reise von Sankt Petersburg gezeichnet hatte. Die Stadt Puschkin mit dem Katherinenpalast hatte ich besucht, die Ermitage auch. Nach Peterhof fehlte mir noch der Kreuzer Aurora, von dem aus die Revolution begonnen hatte. Doch wir würden genug Zeit für all das haben, denn wir blieben drei volle Tage. LangWeißen würden wir uns aber auch nicht, weil während der Zeit der Weißen Nächte einige Couchsurfing-Treffen und gemeinsame Museumstouren organisiert worden waren. Ich hatte uns schon vor der Abfahrt online in die interessantesten Events eingetragen. Heute Abend sollte das Begrüßungstreffen stattfinden, das sie zwar wenig einladend "Free Hugs", also "kostenlose Umarmungen" genannt hatten, aber es erschien mir sinnvoll, die Leute kennenzulernen, die die Ausflüge organisierten und mir die Telefonnummern von denen geben zu lassen, die ich noch nicht über Couchsurfing gefunden hatte.
Peterhof war in nur wenigen Stopps mit dem Vorstadtzug erreichbar. Doch da wir nun schon ein wenig angetrunken waren, gingen wir zunächst in den Supermarkt und kauften Lebensmittel für ein Picknick und ein billiges alkoholisches Getränk mit japanischen Schriftzeichen auf dem Liter-Pappkarton. Ich entdeckte beim Brotregal auch wieder deutsche Pfannkuchen und kaufte freudig gleich zwei Packungen. Schon allein dafür lohnte sich der gelegentliche Ausflug nach Sankt Petersburg.
Als wir am Bahnhof bei Peterhof ankamen, mussten wir noch einen Kilometer durch den Wald und dann durch die Stadt laufen. Roma meinte, er wäre seit Jahren nicht mehr hier gewesen, aber an den Weg erinnerte er sich noch gut. Und tatsächlich tat sich bald vor uns die breite Straße zum Schloss auf. Es wimmelte bereits von Touristen und ich erwartete jederzeit, deutsche Sprachfetzen zu hören, denn man war nirgendwo sicher vor ihnen. Selbst nach Usbekistan hatte sich damals noch eine Reisebusladung verirrt.
Der Park war jedoch groß, und das war nur der "Obere Garten", der dem Schloss vorgelagert war. Dort ließen wir uns zunächst auf einer Bank im Schatten der würfelförmig geschnittenen Bäume nieder und begannen das japanische Weingesöff zu trinken, und uns irgendwie mit Zuhilfenahme meines Wörterbuchs zu unterhalten. Als uns das zu langweilig wurde, spazierten wir zum Schloss. Im Park war gerade eine Fotoausstellung malerischer französischer und holländischer Landschaften. Nur wenige Touristen waren hier, sie drängten sich alle Richtung Unterer Park, vor den Kassen und an den Toren. Es gab eine Ermäßigung des Eintritts für Studenten es war für russische Studenten sogar noch günstiger als für internationale Studenten, aber das bemerkte man nur, wenn man Russisch lesen konnte. Roma bat uns um unsere Izhevsker StudentenausWeiße und darum, den Mund zu halten, während er sich an die Kasse stellte und für uns die Tickets bestellte. Es klappte, wir gingen als russische Studenten durch. Wir wollten schon wieder anfangen zu plaudern, da wies er uns an, doch noch Weißerhin still zu sein, zumindest bis wir die Absperrung passiert hatten und unsere Eintrittskarten entwertet wurden.
Ein prachtvolles Bild bot sich uns dar: Goldene Figuren auf Springbrunnen mit hohen Fontänen, von denen das Wasser wie auf Treppen hinunterfloss in den nächsten Springbrunnen. Bunte Leute drängten sich um die Brunnen und in die Gärten hinein; Schauspieler im Gewand der alten Zaren ließen sich mit den Touristen ablichten.
In den langen, verschlungenen Gartenpfaden dünnten sich die Menschenmassen aus, es wurde ruhiger, je Weißer man sich vom Schloss entfernte, und es gab sogar Pfade, da sah man keinen Menschen weit und breit. Bei bestimmten Attraktionen hingegen sammelten sich die Leute wieder, zum Beispiel bei den künstlichen, wasserspritzenden Bäumen, wo es als Mutprobe galt, einmal durch diesen ungewöhnlichen Springbrunnen hindurch zu laufen. Es war heiß und deshalb eine schöne Abkühlung, sodass es viele Mutige gab, während noch mehr Schaulustige daneben standen.
Wir folgten schließlich Roma auf einem Waldweg, der uns direkt ans Meer brachte, genauer gesagt an eine Bucht des Finnischen Meerbusens. Hier befand sich ein schmaler, wilder Sandstrand, der von großen Steinbrocken und üppig wachsendem Gras durchsetzt war, das fast bis in die See hinauswuchs. So war der Uferbereich mit grünem Schleim durchsetzt, der im Wasser als Alge Weißerwuchs, wie wir feststellten, als wir uns von Stein zu Stein hüpfend aufs Meer zubewegten. Niemand war hier weit und breit. Es sah auch aus, als hätte hier seit Jahren niemand mehr aufgeräumt: Der Strand war durchsetzt von Unrat, von undefinierbaren Metallgerippe über etwas, das gut ein Stück einer Panzerkette sein konnte. Zsolt meinte sogar, eine Bombe gefunden zu haben, aber Roma und ich waren uns recht einig, dass es wohl nur ein ungewöhnlich geformter Pflanzbehälter war.
An einem Platz gab es einen Hinweis, dass dieser Ort doch nicht so verlassen war, wie er aussah: Frisch gehackt ausstehende Baumstammstücke waren zu einer Sitzgruppe aufgestellt worden. Dort nahmen wir Platz und begannen unser spätes Mittagspicknick. Wir saßen dort wirklich stundenlang, und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie wir die Zeit totgeschlagen haben. Eins ist aber sicher: Es ist anstrengend, sieben Stunden lang russisch zu sprechen, wenn man die Sprache gar nicht spricht.
Der Strand führte uns zurück zu einem anderen Teil des Schlossparks, der wieder mehr mit Touristen bevölkert war. Gärtner arbeiteten in den mit eckig geschnittenen Hecken umrahmten Beeten, die kunstvolle Schnörkel bildeten. Direkt am Meer befanden sich ein Pavillon und eine Aussichtsplattform mit einer Statue des Meeresgotts, zu deren Füßen die Besucher Münzen warfen. Russen werfen Münzen überall hin, das soll Glück bringen. In Deutschland kennt man nur die Wunschbrunnen, in Russland kennt man neben den Wunschbrunnen Wunschstatuen, Wunschbäume, Wunschbrücken und Wunschzugfenster. Aus letzteren muss man die Münze aus dem Zug herauswerfen.
Über die groben Steine unterhalb des Pavillons stiegen wir hinunter zum Strand, zogen Schuhe und Socken aus und gingen im Wasser Weißerspazieren, wie viele der Touristen. Obwohl es ein kühler und bewölkter Tag war, und das Wasser nicht besonders warm, ließen manche Eltern ihre kleinen Kinder sogar nackt plantschen. In Russland gibt es nur wenige Gelegenheiten zum Baden im Meer, wenn man im Inland wohnt. Fährt schon der Durchschnittsdeutsche nur einmal im Jahr zum Baden an die Ost- oder Nordsee, weil man da einen halben Tag lang unterwegs ist, ist der Durchschnittsrusse bis zum nächsten Meer ein paar Tage unterwegs.
Am Abend begann es dann richtig zu schiffen. Ein Wolkenbruch jagte den nächsten. Zwar waren wir erschöpft von den gut 20 Kilometern, die wir durch Peterhof gelaufen waren, aber heute Abend war auch noch das Willkommenstreffen, also beschlossen wir, am Abend noch einmal hinein in die Stadt zu fahren. Roma war schlafen gegangen, denn er musste fit für die Nachtschicht bei McDonalds sein. Julia hatte uns früher zurückerwartet und bereits das Abendbrot fertig auf dem Ofen stehen: Einen dicken Reis-Eintopf ähnlich zu Plov; dazu hatte sie Tomaten und Gurke kleingeschnitten und hübsch auf einen Teller dekoriert. Tee war sowieso immer bei ihr vorhanden, nur war nicht genug Platz für vier Personen in ihrer kleinen Küche mit Mühe passten drei Personen an den Ecktisch, so ließ sie sich nicht überzeugen, sich zu uns zu setzen: Aus Höflichkeit, dass Zsolt und ich genug Platz hatten.
Ich spachtelte rein, aber Zsolt zierte sich noch etwas. Die russische Küche schien nicht ganz seinen Geschmacksnerv zu treffen, besonders als wir aufgefordert wurden, saure Sahne über den Reis zu kippen. Ich freute mich, denn dann durfte ich Zsolts Portion mit verputzen.
Julia war noch unentschlossen gewesen, ob sie zum Couchsurfing-Treffen gehen sollte, entschied sich dann aber fürs Zuhausebleiben. Wir wollten auch nicht lange fortbleiben, versprachen wir, und machten uns auf den Weg.
Treffpunkt war die Gostinij Dvor-Metrostation am Nevskij-Prospekt, aber weit und breit gab es keine Couchsurfer, die kostenlos Umarmungen verteilt hätten. Wir waren auch ein wenig spät. Wahrscheinlich hatte sie der Regen schon nach einigen Minuten davon gespült.
Doch wie immer hatte ich vorgesorgt und eine Handynummer von der Veranstalterin dabei. Zsolt schickte ihr eine SMS und dann warteten wir. Es kam nichts zurück. Nach einer halben Stunde überprüfte ich die Nummer und musste Zsolt erstmal erklären, was der Unterschied zwischen einer Landesvorwahl und einer Netzbetreibervorwahl war. In Russland ist das nämlich ein wenig verwirrend geregelt: Landesvorwahl ist +7, vergleichbar mit der +49 in Deutschland. Allerdings wird diese Zahl im Inland nicht etwa von einer Null ersetzt wie in allen Ländern, in denen ich bisher gewesen bin, sondern durch eine Acht. Die Telefonnummer +79128756942 entspricht also im Inland 89128756942. Schief geht es, wenn man beide Formen mischt und eine SMS an die Nummer 79128756942 schickt. Zsolt hatte sich beschwert, dass seine SMS oft vom Empfänger ignoriert wurden und sah auch jetzt nicht das Problem ein. Ich schlug vor, dass er versuchen sollte, die Organisatorin anzuklingeln und gleich wieder aufzulegen, das würde ihn nichts kosten, und beWeißen, dass ich Recht hatte. Erst als eine Computerstimme meldete, dass es eine ungültige Nummer sei, glaubte er mir. Dann schickte er die SMS an die richtige Nummer, und prompt meldete sich jemand per SMS: Die seien in dem Lokal gegenüber der Metrostation.
Wir fanden sie schnell, denn es waren mehrere Tische zusammengeschoben worden, und die Stühle ringsherum standen so eng, dass niemand mehr hinein passte. Nach einer kurzen Begrüßung wurden wir ignoriert und setzten uns an den Nebentisch, wovon wir nach einigen Minuten aber doch eingeladen wurden, uns zu den anderen zu gesellen.
Wir waren nicht die einzigen Ausländer, aber die einzigen, die sich nicht auf Russisch an der Konversation beteiligen konnten, beziehungsWeiße wollten. Langsam kam die Unterhaltung auf Englisch ins Rollen, und unsere Sitznachbarn wollten nun alle genau wissen, wie wir gerade nach Russland gekommen waren, oder auch wo Izhevsk liegt, denn die Stadt war selbst in Russland offenbar recht unbekannt. Dort gewesen war wohl nur einer der Runde der stammte wohl aus der Stadt, war nach Petersburg gezogen, wie das alle Izhevsker wollen, und hatte sie über eine Gruppennachricht nach Petersburg eingeladen. Dem Ruf war wohl nur ich mit Zsolt gefolgt.
Wir verabschiedeten uns relativ früh, weil der letzte Bus bereits 23 Uhr zurückfuhr und wir noch ein wenig durch die Stadt spazieren wollten. Seinen Zweck hatte das Treffen erfüllt, wir wussten jetzt, mit wem wir in den nächsten Tagen wohin fahren konnten.
Als wir auf die Straße traten, hatte es endlich aufgehört zu regnen, und obwohl es bereits so spät am Abend war, war es regelrecht hell draußen geworden.
Viel passierte in der Stadt aber nicht mehr, wir stöberten in Bücherläden, die offenbar die ganze Nacht geöffnet waren und spazierten bis zur Kasaner Kathedrale, wo unser Bus Nummer 306 abfuhr, der uns direkt zu Julias Haus bringen würde seine Endhaltestelle.
Julia hatte sich gut von uns und ihrer Arbeit erholt und schlug einen nächtlichen Spaziergang vor. Es war immer noch hell, aber die Dämmerung hatte eingesetzt. Trotzdem war es ein komisches Gefühl, fast um Mitternacht im Hellen in einen Supermarkt zu gehen. Gefühlt passte alles zusammen, aber irgendetwas stimmte doch nicht ganz an dem Bild. Familien kamen uns mit Kinderwagen entgegen, aber an den Baustellen ruhte die Arbeit. Nur noch vereinzelt waren Vögel unterwegs. Es war ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm.
Ich dachte nicht, dass ich überhaupt Schlaf finden würde, aber wir zogen die Fenster mit schweren Vorhängen zu. Zsolt und ich sollten uns das breite Bett in Julias Zimmer teilen, während sie auf der Couch oder bei Roma schlafen wollte. Ich dachte erst, es würde mir nichts ausmachen, mit Zsolt im gleichen Bett zu schlafen, aber dann zog er mir im Schlaf immer die Bettdecke weg. Ein blutiger Kampf ums Betttuch begann, in dessen Folge ich aufgab und statt im Betttuch im Pullover schlief.
Sankt Petersburg! In wenigen Stunden würden Zsolt und ich auf dem Weg dorthin sein. Mitte Juni war die beste Zeit für einen Besuch der heimlichen Hauptstadt des Landes, denn es war die Zeit der Weißen Nächte, während der die Sonne für einige Tage nur kurz unter dem Horizont verschwindet, und es wochenlang nie ganz dunkel wird.
Bei meinem letzten Besuch hatte ich noch einsame Eisschollen auf der Neva treiben sehen, doch nun war Sommer, und die Atmosphäre war sicher völlig verändert. Ich freute mich darauf, diese wundervolle Stadt von einer anderen Seite kennenzulernen.
Ich hatte mich an diesem Nachmittag direkt nach der Prüfung mit Zsolt zum Einkaufen verabredet, denn wir würden wieder 32 Stunden im Zug unterwegs sein mit zweimaliger Übernachtung - und brauchten Vorräte dafür. Auf dem Weg nach Hause sendete ich ihm eine SMS, dass ich gleich vorbeikommen würde, denn ich wusste, dass er ein ganzes Stück länger als ich beim Anzukleiden brauchte, weil er sich danach immer erst noch eine Weiße kritisch im Spiegel betrachten und den letzten Fleck von den glänzenden Schuhen putzen musste. Trotzdem verspätete ich mich diesmal, denn die Ägypter fingen mich im Gang ab. Sie würden morgen ihre Cisco-Prüfung schreiben jene, die ich bereits vor Wochen abgelegt hatte, und zu der ich ihnen sämtliche Unterlagen und meine Lösung gegeben hatte. Offenbar hatten sie erst jetzt angefangen zu lernen. Ich beantwortete knapp ihre Fragen, und dann kam schon Zsolt aus seinem Zimmer, weil er sie gefragt hatte, wo ich denn blieb. Wir fuhren zu Zsolts Lieblingssupermarkt, dem großen im Talisman-Einkaufszentrum, weil es da alles gab, das wir eventuell auf der Reise brauchen könnten, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht brauchen würden. Doch ihm war das Einkaufen seine heimliche Leidenschaft.
Nun hatten wir alles, was wir brauchten. Zsolt war in Russland noch nie verreist und hatte sich meine Tipps angehört: Im Zug hat man nichts zu tun und verbringt die meiste Zeit mit Essen, deswegen sollte er nicht an Knabbereien sparen und mir davon abgeben. Außerdem aß man traditionell Lapscha, die gepressten Trockennudeln aus Japan, auf die man nur heißes Wasser kippen musste. Dann ließ man sie einige Minuten ziehen und hatte eine fast vollwertige Mahlzeit. Nur die Vitamine fehlten, dafür enthielt die Suppe umso mehr Geschmacksverstärker und künstliche Aroma-Stoffe. Diese Suppen waren in Russland so beliebt, dass es sie in allerlei Geschmacksrichtungen und Formen gab, die Gabel war meistens schon enthalten, und wenn man sich eine teure Variante kaufte, fand man in dem Papptopf manchmal sogar echtes Fleisch in einem winzigen Tütchen vor.
Dazu einen Liter Saft, frisches Brot und Käse so konnte man es schon zwei Tage im Zug aushalten.
Nun hatten wir nur noch ein Problem: Wie sollten wir zum Bahnhof kommen? Es fuhr wegen Bauarbeiten keine Straßenbahnen direkt hin, sondern nur zum Haus der Babuschkins. Wir brauchten ein Taxi. Aber das ließ sich in Russland auch nur mit Mühe bekommen. Viele Taxiunternehmen wollten ihre Fahrzeuge nicht in so eine wenig lukrative Gegend wie das Studentenwohnheim schicken, oder riefen erst gar nicht zurück um zu überprüfen, ob die beim vorhergehenden Gespräch angegebene Telefonnummer stimmte. Und wenn man versuchte, sich ein Taxi auf Englisch zu bestellen oder in nicht-flüssigem Russisch, hatte man gleich verloren. Wir brauchten einen Russen, der das Taxi für uns bestellte. Ich begab mich auf die Suche nach Murik, fand ihn aber nicht; Zsolt ging in seiner Wohnheimhälfte auf die Suche und brachte Abdul mit, der recht flüssig russisch sprach. Er hatte sich sofort bereit erklärt und wählte ein paar Nummern vom Telefon der Etagenfrau aus, diskutierte kurz, legte auf und meinte, dass dieses Taxiunternehmen gerade keine Taxis hatte, probierte eine zWeiße Nummer, und dort gab man ihm zu verstehen, dass man ihn gleich zurückrufen wolle. Fünf Minuten lang passierte nichts. Abdul rief wieder bei der gleichen Nummer an, und erst dann riefen sie ihn auf dem Handy zurück. Ja, sagte er, jetzt würde alles klappen, das Taxi sei in 10 Minuten da. Nun tauchte auch Murik mit seiner Freundin auf und musterte uns grinsend, wie wir so in voller Bekleidung und Gepäck dasaßen und warteten. Er fand es lustig, dass wir auf das Taxi warten und meinte, das Taxi sollte eher auf uns warten. Aber wir waren froh, dass wir überhaupt ein Taxi hatten und wollten nicht riskieren, dass es wieder davon fuhr, aber ohne uns.
Schließlich fuhr ein Wagen mit der Telefonnummer auf dem Dach, die Abdul gewählt hatte, in den Hof ein. Er hatte uns Instruktionen gegeben, wie wir uns nun zu verhalten hatten: Den Fahrer begrüßen und Abduls Nachnamen sagen, denn darauf hatte er das Taxi bestellt. Ich kannte den Nachnamen nicht und schickte Zsolt vor, der sich aber zierte, und vermutlich war der Name auch nicht aussprechbar oder verständlich. Ich warf schließlich ein "Sche/De Woksal?" und der Fahrer nickte. Denn das war der Eisenbahn-Bahnhof, nicht zu verwechseln mit dem Awto-Woksal, dem Busbahnhof. Wir luden die Taschen ein und unsere großen Lebensmitteltüten, denn auch das war bewehrte Tradition in Russland: Dass man seine Lebensmittel nicht ins Gepäck packte, sondern in den großen Weißen Tüten mich sich herumtrug, die man normalerWeiße beim Einkaufen erhielt. Das war besonders praktisch, weil man sie im Zug unter dem Tisch lagern konnte, während das Gepäck meistens irgendwo verstaut wurde, wo man während der Fahrt nicht herankam.
Der Fahrer versuchte auf dem Weg ein wenig Konversation mit uns zu machen natürlich auf Russisch, deshalb begann die Unterhaltung schon zu stocken als die begann. "Habt ihrs eilig?", fragte er zum Beispiel. Das verneinten wir, da wir ahnten, dass anderenfalls sein Fahrstil sehr dramatisch werden würde. Er wollte wissen, woher wir kamen. In Deutschland, sagte er dann, gäbe es sicher schöne Straßen. Und hier nur schlechte. Ich meinte höflich, dass die Straßen in der Stadt noch sehr gut seien und wurde prompt von einem Schlagloch durchgeschüttelt. Dann waren wir schon am Bahnhof und zahlten. Es war ein Taxameter mitgelaufen und zeigte etwas unter 120 Rubel an etwa 3 Euro; ich wollte ihm als Trinkgeld etwas mehr geben und gab ihm 150, aber das wollte er nicht annehmen und nahm sogar nur die 100. So einen Taxifahrer hatte ich noch nie erlebt, aber es gab sie, offensichtlich.
Wir waren eine Stunde vor Abfahrt des Zugs angekommen. Es war noch tageshell, obwohl es schon halb neun abends war. Der Zug nach Sankt Petersburg fuhr immer zur gleichen Zeit ab, aber es war das erste Mal, dass ich den Bahnhof im Hellen sah.
Nun hatten wir nichts zu tun. Der Bahnhof war voller Menschen, die ebenfalls auf diesen Zug warteten. Albert hatte Recht behalten, im Sommer waren sehr viel mehr Menschen unterwegs als im Winter. Ich hockte mich in der Nähe des Eingangs auf den Boden und begann Papier zu falten. Zsolt war es regelrecht peinlich; er meinte, ich sähe aus wie eine Bettlerin. Ich sah ihn schief an. Das war das erste Mal, dass er mir auf der Reise auf die Nerven ging. Das sollte sich steigern.
Wir gingen also nach draußen und warteten dort auf den Zug. Da sah ich plötzlich eine vertraute Gestalt auf mich zukommen es war Sina, die zierliche Schlagzeugerin. Sie war extra zum Bahnhof hinausgefahren um mich zu verabschieden und bedauerte es sehr, nicht selbst mitfahren zu können. Aber sie war immer noch nicht mit ihrer Diplomarbeit vorangekommen und musste sich selbst, genau wie Dima, mit dem Fernbleiben von schönen Ereignissen dafür bestrafen. Ich fand diese Methode höchst ineffizient, denn es ändert nichts am Resultat, ob man zu Hause sitzt und sich dafür hasst, dass man nichts zustande bekommt, oder sich auf Reisen oder Konzerten amüsiert und das schlechte Gewissen dabei zu verdrängen versucht. Doch ich freute mich natürlich sehr, sie noch einmal vor der Abfahrt zu sehen, und vor allem so überraschend. Wir umarmten uns, und dann kam ein Freund und Bandmitglied dazu. Er war offenbar mit Sina gekommen und hatte sich beim draußen Warten gelangweilt. Kurz darauf kamen Stasya und ein Freund von ihr durchgeschwitzt ihre Fahrräder schiebend neben uns an. Sie waren auf einer Fahrradtour um die Stadt herum unterwegs gewesen und wollten sich ebenfalls verabschieden, da sie schon einmal in der Gegend waren. Sie hatten sich arg beeilt, dass sie es noch vor Abfahrt des Zugs schafften. Ich war ehrlich gerührt, solche Freunde zu haben, und war doch überrascht, wie schnell sie sich als echte Freunde fühlten, denn wir hatten uns doch erst einige Male gesehen. Die russische Zwischenmenschlichkeit ist wirklich eine ganz andere, und sehr liebenswert.
Sina und Stasya kamen noch mit hinein in den Zug bevor er abfuhr. Trotz der strengen Ticketkontrollen an der Wagontür war es Begleitern ohne Fahrkarte erlaubt, kurz mit in den Zug einzusteigen und zum Beispiel beim Tragen des Gepäcks zu helfen. Selbst wenn es nur eine kleine Tüte mit Lebensmitteln war es war eine Selbstverständlichkeit beim Tragen zu helfen.
Stasya wollte auch am liebsten mitkommen jeder meiner Freunde in Izhevsk wollte am liebsten nach Sankt Petersburg, und überhaupt nicht nach Moskau. Mit der Zeit hatte ich die Theorie entwickelt, dass es nur zwei Typen von Russen gibt: Jene, die nach Petersburg ziehen wollten, und die anderen nach Moskau. Aber weg aus den Provinzstädten wie Izhevsk wollte jeder.
Sie gingen wieder nach draußen und wir winkten uns noch eine ganze Weiße zu, sogar als der Zug noch stand, und dann ganz besonders enthusiastisch, als er losfuhr. Ich sah sie nur noch kurz, dann waren sie schon aus dem Blickfeld und in der Menschenmasse verschwunden.
Zsolt und ich fuhren "platzkart", also in der dritten Klasse, nicht im gehobenen Coupé wie bei meiner letzten Reise. Den Unterschied bemerkte man sofort. Statt in abschließbaren Viererabteilen fuhren wir im Großraumwagon, wobei die Anordnung der Bänke ähnlich war: Vier Bänke gehörten zu einer Sitz- beziehungsWeiße Liegegruppe, davon jeweils zwei oben und zwei unten. Die Sitzgruppen waren wiederum durch Wände voneinander abgetrennt, die jedoch zur Gangseite hin offen waren, und dem gegenüber befanden sich seitlich am Fenster zwei Liegen, eine oben, eine unten. Der andere Unterschied, den man auch sofort bemerkte, betraf die Mitreisenden. Es waren zumeist alte Leute, Familien mit vielen Kindern und Gopniks, Trinker, die nicht aussahen, als wäre mit ihnen gut Kischenessen.
Ich beschloss, dass es Zeit zum Schlafengehen war, denn ich wusste schon aus der früheren Erfahrung, dass es mit Schlaf nicht viel werden würde ob es nun die Schnarcher oder die schreienden Babies waren es war immer besser, lieber etwas früher ins Bett zu gehen und ein wenig vorzuschlafen, um es besser zu verkraften, mitten in der Nacht mehrfach aus dem Schlaf gerissen zu werden.
Während ich also versuchte zu schlafen, erwischten die Trinker den armen Zsolt und begannen ihn abzufüllen, als sie erfahren hatten, dass er aus Europa kam. Ich hörte ein paar Mal das Wort Samagon selbstgebrannter Wodka und hoffte für Zsolt, dass er vernünftig genug war, das Zeug nicht anzurühren. Gerade war ich eingeschlafen, da weckte mich ein piekender Finger im Rücken. Zsolt sah mich strahlend an und erzählte, dass sie ihm Cognac gaben. Ich drehte mich grunzend wieder auf die andere Seite.
10.06.
Die Nacht war genau so unruhig gewesen wie ich erwartet hatte. Ich blieb noch mindestens bis zwölf Uhr mittags oben in meinem Bett liegen und hörte Musik. Als ich dann nach unten stieg, saß Zsolt schon mit gelangweiltem Gesichtsausdruck und wie aus dem Ei gepellt auf seinem Platz. Die Trinker hatten ihre Neugier offenbar während der letzten Nacht gestillt und redeten nur noch untereinander. Ich schnappte mir meine Waschtasche und ging wortlos zum Klo. Erst wunderte ich mich, dass es kein Wasser zu geben schien, bis ich feststellte, dass man zum Anstellen des Wassers nicht die Drehgriffe benutzen konnte, sondern einen kleinen Stöpsel in den Wasserhahn hineindrücken musste. Auf diese Weiße wurde wohl Wasser gespart, denn es war kaum möglich, sich einen Becher Wasser abzufüllen, weil der Stöpsel gedrückt gehalten werden musste. Das war schwierig, wenn man gleichzeitig den Becher hielt, und auch die Zahnpasta-Tube samt Zahnbürste, sodass sie nicht im ruckelnden Zug von der Spiegelablage hinunter auf den völlig verdreckten Boden fiel. Es war nicht leicht, in auf diesen Toiletten das Innere der Toilette zu treffen, weil es nicht möglich oder empfehlenswert war, sich hinzusetzen. Die Klobrille war sogar an die Wand geschraubt, sodass man sie nicht hinunter klappen konnte. Durch die Metallplatten auf der Schüssel war angedeutet, dass man sich wirklich nur mit den Füßen daraufstellen sollte. Es war jedes Mal eine Konzentrations- und Balanceübung.
Als ich zurück zu Zsolt kam, berichtete er mir von der letzten Nacht. Sie hatten zwei Flaschen Wodka geleert, dazu eine Flasche Cognac und einen ganzen Haufen Bier, aber er hatte seins nicht ausgetrunken, es stand immer noch halbvoll auf dem Tisch.
Nun dachte ich, es wäre Zeit, mein Russisch ein wenig auszuprobieren. Die Trinker sprachen weniger englisch als ich russisch sprach, somit sah ich mich endlich einmal gezwungen, russisch zu sprechen. Sonst würde ich es ja nie lernen. Zsolt hatte ihnen in der Nacht zwar etwas Ungarisch beigebracht, aber fiel schien nicht hängen geblieben sein, wie mir auch. Er liebte sein Land... und ging damit ab einem bestimmten Punkt jedem auf die Nerven. Das hatte mir schon Gergö berichtet, aber damals hatte ich ihm nicht geglaubt. Aber je länger die Zugfahrt wurde, desto mehr erfuhr ich über Ungarn.
So waren die Trinker eine willkommene Abwechslung.
Einer von ihnen hieß Albert; es war wahrscheinlich ein typischer tatarischer Name. Er war es auch, der sich an Zsolt und mich hing, als wir in Nizhnij Novgorod aus dem Zug stiegen um uns die Beine zu vertreten. Er und sein Kumpel wollten uns etwas Gutes tun und kauften uns Vanilleeis und eine tatarische Spezialität, die es hier zufälligerWeiße auch gab. Sie nannten es Samsa, es war ein dreieckiges Gebäck mit einer Füllung aus zerkochtem Kohl und undefinierbarem Gehacktem, das wir später unauffällig entsorgten. Man sollte Russen nicht erlauben, irgendwas in Teig zu backen. Ich konnte mir den Dialog gut vorstellen: "Liebling, hast du den Müll rausgeschafft?" "Nein, ich habe Piroggen draus gebacken."
Nun wurde es langsam Nachmittag und wir hatten Nizhnij schon lange hinter uns gelassen, da fiel mir ein, dass ich einige Dokumente lesen musste, die mir Albert mitgegeben hatte, um dann darauf meine Masterarbeit aufzubauen. Ich legte mich also auf meinem Bett lang und begann zu lesen. Schon nach dem ersten Abschnitt wurde mein Kopf plötzlich ganz schwer und eine bleierne Müdigkeit legte sich über mich eh ich es recht begriff, war ich schon auf dem Forschungsbericht eingeschlafen.
Eine Stunde später erwachte ich und hatte gleich ein schlechtes Gewissen. Ich versuchte mich ein Weißeres Mal daran, aber die Sätze waren so lang und verschachtelt, dass ich jeden mindestens drei Mal lesen musste um ihn zu verstehen. Manchmal konnte ich ihn auch überhaupt nicht zu verstehen, da Albert in einem sehr eigenwilligen Englisch schrieb und sich manchmal einfach das erstbeste Wort aus dem Wörterbuch herausgesucht haben zu schien statt das Wort zu finden, das die richtige Bedeutung hatte. Ich versuchte mich mit Unterstreichungen dazu zu zwingen, das Lesen fortzuführen. Einmal musste ich laut auflachen, denn ich hatte plötzlich verstanden, weshalb ich den aktuellen Satz nicht verstanden hatte ein kleiner Tippfehler hatte den Satz völlig entstellt. Was Albert gemeint hatte, war, dass ein einzelner Computer sich auf dem Netzwerk entfernt. Was er geschrieben hatte, war, dass die Nase dagegen schlägt.
Der Zug begann wie eine Waschmaschine zu rütteln und ab und zu war ein halblautes Krachen zu hören. Erst machte ich mir Sorgen, aber den Zugbegleitern schien es vertraut zu sein, und so beschloss ich, mir auch keine Sorgen zu machen. Die russische Technik war schließlich bekannt dafür, ewig zu halten, und wenn sie nur mit Spucke zusammengehalten war.
Am Abend hielten wir schließlich in Moskau. Dort konnte ich einen interessanten Effekt beobachten. Es wurde Eis verkauft, wie es normal an den Bahnhöfen war, allerdings hatten sich diesmal eine Handvoll Leute um den Stand herum gescharrt. Plötzlich war der Eisverkaufsstand für alle, und eine immer größere Traube bildete sich um ihn herum, die wiederum noch mehr Leute anzog. Das muss ein Erbe aus Sowjetzeiten sein. Oder auch nicht. Ich merkte, wie auch ich neugierig wurde und Eis kaufen wollte, obwohl ich vorher schon auf das Sortiment geschaut hatte und mich nicht für ein Eis hatte begeistern können.
Bald ging auch diese Fahrt Weißer. Ich hatte mir vorher das Teetrinken verkniffen, weil ich spürte, dass ich langsam doch auf die Toilette musste, aber bereits eine Stunde vor Moskau wurden die Toiletten abgesperrt, und schon eine halbe Stunde davor war die Schlange vor den Toiletten so lang, dass ich nicht mehr die Geduld hatte, mich anzustellen. In Moskau waren sie natürlich auch abgesperrt, weil sonst der Bahnhof dementsprechend riechen würde, und eine Stunde hinter Moskau wurden sie erst wieder geöffnet.
Nachdem ich mich also drei Stunden später erleichtert hatte, bat ich die Zugbegleiterin um ein Teeglas. Das ging auf Russisch wesentlich leichter als auf Deutsch, man musste nur fragen: "Moschno stakan?", und das war schon eine höfliche Frage. Übersetzt hieß es wohl so etwas wie "Darf man ein Glas?"
Ob es das nun wirklich heißt oder nicht, man verstand es überall und fand es auch nicht unhöflich. Welch praktische Sprache Russisch doch ist!
11.06.
Als um fünf Uhr morgens alle geweckt wurden, war es hell wie am Nachmittag war es überhaupt dunkel geworden in der Nacht? Wir waren früh schlafen gegangen, da der Zug bereits um sechs in Sankt Petersburg eintraf. Vorher musste man sein Bettzeug abziehen und zum Zugbegleiter bringen, und an der Toilette anstehen um sich zumindest kurz die Zähne zu putzen.
Und so traten wir um sechs in die kühle Morgenluft.
Ich hatte uns wieder eine Unterkunft über Couchsurfing besorgt, und unsere Gastgeberin hatte darauf bestanden, uns um diese Uhrzeit vom Bahnhof abzuholen. Allerdings nicht vom Hauptbahnhof, sondern vom Baltischen Bahnhof. Ich kannte das Petersburger Metrosystem und zog Zsolt hinter mir her. Er war vom Land und verließ sich so ganz auf mich. Bald waren wir am Baltischen Bahnhof aber wo sollten wir Julia treffen? Sie sprach wenig Englisch und schickte mir russische SMS. Wir liefen uns ausversehen ein paar Mal aus dem Weg, dann gab ich ihr bescheid, dass wir nur noch an einem exakten Punkt warten würden. BeziehungsWeiße wollte ich dies tun, aber noch bevor ich die genaue Ortsbeschreibung abschicken konnte, kam sie uns entgegen und begrüßte uns wie Freunde, die sie erst gestern gesehen hatte.
Ich begann mit ihr zu plaudern, sprach aber die meiste Zeit nur mit mir selbst es stellte sich heraus, dass sie erst vor drei Monaten begonnen hatte, Englisch zu lernen, und meiner schnellen SprechWeiße gar nicht folgen konnte.
Mehr oder weniger schWeißend standen wir danach an einem Schalter an. Sie kaufte uns die Tickets und wollte kein Geld von uns dafür zurückbekommen. Es war wieder diese schwierige russische Höflichkeit, der ich nur schwer etwas entgegensetzen konnte.
Wir nahmen einen Vorstadtzug, eine Elektritschka, denn Julia wohnte ein Stück außerhalb. Schon zu dieser frühen Uhrzeit drängten sich Verkäufer im Zug: Es gab Sonnenbrillen, Kulis, Krempel bei der Gelegenheit lernte ich von Zsolt, dass auch Kulis eine ungarische Erfindung waren. Langsam konnte ich es nicht mehr hören.
Wir stiegen etwa fünf Meter vor dem Ende der Welt aus dem Zug. Hier gab es nur noch einen mit Gräsern überwachsenen Bahnübergang, der in einen Trampelpfad führte. Doch gar nicht weit davon entfernt, standen Plattenbauten im Grünen, die zusätzlich noch grün angestrichen waren. Wir steuerten direkt auf einen alten, verfallenen Schuppen zu und Julia meinte: "Dorthin!" Ich sah sie erst zWeißelnd an, doch sie meinte das Haus dahinter.
Die meisten dieser Häuser hatten einen Türcode, mit dem die Haustür auch ohne Schüssel geöffnet werden konnte. Der Türcode war überaus sicher auf 1111 eingestellt. Erst lachte ich darüber, aber ich bekam die Tür damit nicht geöffnet. Julia verriet mir den geheimen Trick: Man musste das Knie in die Tür rammen, oder sich anderwärtig dagegen werfen.
Sie wohnte zusammen mit ihrem Bruder, der nicht mal Grundkenntnisse in Englisch hatte und sich deshalb fast schamhaft von uns fernhielt. Ich beschloss das Eis zu brechen, indem ich zu ihm in die Küche ging und mich ihm auf Russisch vorstellte. Es funktionierte tatsächlich, er gesellte sich zu uns ins Wohnzimmer, wo Julia gerade den Tisch vorbereitete: Sie brachte Teegläser und noch mehr Süßigkeiten als sowieso schon auf dem Tisch standen, bis er zu voll war um auch nur eine Erdnuss darauf unterzubringen. Dann holte sie ihren Laptop und öffnete die google translate-Webseite, auf der ein eingetippter Text live in die gewüNächte Sprache übersetzt wurde. So begannen wir uns etwas umständlich miteinander auszutauschen, aber da mir das Tippen zu mühsam war, warf ich das, was ich auf Russisch wusste, auch auf Russisch ein, und so tat es auch Julia auf Englisch. Mit einem Mal verstanden wir uns so gut, dass Roma in die Küche ging und mit einer Sektflasche wiederkam um auf unsere Ankunft anzustoßen. Es war halb 9 Uhr morgens. Aber wie heißt es so schön andere Länder, andere Sitten? Und so floss mir das Russisch noch leichter von den Lippen.
So wurden wir bis 10 Uhr willkommen geheißen; auf meine Nachfrage hin ob er Gitarre spiele, holte er seine Gitarre aus dem Nebenzimmer, stimmte sie und begann zu spielen. Es war ein altes Lied, von der russischen Kultband Kino. Julia stimmte mit Gesang ein. Ein schönes Bild, ein musizierendes Geschwisterpaar.
Um 10 musste Julia jedoch auf Arbeit und schickte Roma mit uns nach Peterhof. Roma arbeitete die Nachtschicht bei McDonalds, hatte heute aber einen Tag frei und schien auch nicht so abgeneigt, uns ein wenig die Gegend zu zeigen. Und ich wollte sowieso Peterhof sehen. Peterhof war eine Palastanlage in der Nähe von Sankt Petersburg und vor allem bekannt durch seine ausgedehnten Gärten und das kunstvoll-ausgeklügelte Springbrunnensystem. Als ich das erste Mal in Sankt Petersburg war, hätte es sich nicht gelohnt, dorthin zu gehen, da die Springbrunnen so früh im Jahr noch nicht liefen. Albert hatte es mir jedoch sehr empfohlen. Ich hatte immer noch die Skizze dabei, die er mir vor meiner ersten Reise von Sankt Petersburg gezeichnet hatte. Die Stadt Puschkin mit dem Katherinenpalast hatte ich besucht, die Ermitage auch. Nach Peterhof fehlte mir noch der Kreuzer Aurora, von dem aus die Revolution begonnen hatte. Doch wir würden genug Zeit für all das haben, denn wir blieben drei volle Tage. LangWeißen würden wir uns aber auch nicht, weil während der Zeit der Weißen Nächte einige Couchsurfing-Treffen und gemeinsame Museumstouren organisiert worden waren. Ich hatte uns schon vor der Abfahrt online in die interessantesten Events eingetragen. Heute Abend sollte das Begrüßungstreffen stattfinden, das sie zwar wenig einladend "Free Hugs", also "kostenlose Umarmungen" genannt hatten, aber es erschien mir sinnvoll, die Leute kennenzulernen, die die Ausflüge organisierten und mir die Telefonnummern von denen geben zu lassen, die ich noch nicht über Couchsurfing gefunden hatte.
Peterhof war in nur wenigen Stopps mit dem Vorstadtzug erreichbar. Doch da wir nun schon ein wenig angetrunken waren, gingen wir zunächst in den Supermarkt und kauften Lebensmittel für ein Picknick und ein billiges alkoholisches Getränk mit japanischen Schriftzeichen auf dem Liter-Pappkarton. Ich entdeckte beim Brotregal auch wieder deutsche Pfannkuchen und kaufte freudig gleich zwei Packungen. Schon allein dafür lohnte sich der gelegentliche Ausflug nach Sankt Petersburg.
Als wir am Bahnhof bei Peterhof ankamen, mussten wir noch einen Kilometer durch den Wald und dann durch die Stadt laufen. Roma meinte, er wäre seit Jahren nicht mehr hier gewesen, aber an den Weg erinnerte er sich noch gut. Und tatsächlich tat sich bald vor uns die breite Straße zum Schloss auf. Es wimmelte bereits von Touristen und ich erwartete jederzeit, deutsche Sprachfetzen zu hören, denn man war nirgendwo sicher vor ihnen. Selbst nach Usbekistan hatte sich damals noch eine Reisebusladung verirrt.
Der Park war jedoch groß, und das war nur der "Obere Garten", der dem Schloss vorgelagert war. Dort ließen wir uns zunächst auf einer Bank im Schatten der würfelförmig geschnittenen Bäume nieder und begannen das japanische Weingesöff zu trinken, und uns irgendwie mit Zuhilfenahme meines Wörterbuchs zu unterhalten. Als uns das zu langweilig wurde, spazierten wir zum Schloss. Im Park war gerade eine Fotoausstellung malerischer französischer und holländischer Landschaften. Nur wenige Touristen waren hier, sie drängten sich alle Richtung Unterer Park, vor den Kassen und an den Toren. Es gab eine Ermäßigung des Eintritts für Studenten es war für russische Studenten sogar noch günstiger als für internationale Studenten, aber das bemerkte man nur, wenn man Russisch lesen konnte. Roma bat uns um unsere Izhevsker StudentenausWeiße und darum, den Mund zu halten, während er sich an die Kasse stellte und für uns die Tickets bestellte. Es klappte, wir gingen als russische Studenten durch. Wir wollten schon wieder anfangen zu plaudern, da wies er uns an, doch noch Weißerhin still zu sein, zumindest bis wir die Absperrung passiert hatten und unsere Eintrittskarten entwertet wurden.
Ein prachtvolles Bild bot sich uns dar: Goldene Figuren auf Springbrunnen mit hohen Fontänen, von denen das Wasser wie auf Treppen hinunterfloss in den nächsten Springbrunnen. Bunte Leute drängten sich um die Brunnen und in die Gärten hinein; Schauspieler im Gewand der alten Zaren ließen sich mit den Touristen ablichten.
In den langen, verschlungenen Gartenpfaden dünnten sich die Menschenmassen aus, es wurde ruhiger, je Weißer man sich vom Schloss entfernte, und es gab sogar Pfade, da sah man keinen Menschen weit und breit. Bei bestimmten Attraktionen hingegen sammelten sich die Leute wieder, zum Beispiel bei den künstlichen, wasserspritzenden Bäumen, wo es als Mutprobe galt, einmal durch diesen ungewöhnlichen Springbrunnen hindurch zu laufen. Es war heiß und deshalb eine schöne Abkühlung, sodass es viele Mutige gab, während noch mehr Schaulustige daneben standen.
Wir folgten schließlich Roma auf einem Waldweg, der uns direkt ans Meer brachte, genauer gesagt an eine Bucht des Finnischen Meerbusens. Hier befand sich ein schmaler, wilder Sandstrand, der von großen Steinbrocken und üppig wachsendem Gras durchsetzt war, das fast bis in die See hinauswuchs. So war der Uferbereich mit grünem Schleim durchsetzt, der im Wasser als Alge Weißerwuchs, wie wir feststellten, als wir uns von Stein zu Stein hüpfend aufs Meer zubewegten. Niemand war hier weit und breit. Es sah auch aus, als hätte hier seit Jahren niemand mehr aufgeräumt: Der Strand war durchsetzt von Unrat, von undefinierbaren Metallgerippe über etwas, das gut ein Stück einer Panzerkette sein konnte. Zsolt meinte sogar, eine Bombe gefunden zu haben, aber Roma und ich waren uns recht einig, dass es wohl nur ein ungewöhnlich geformter Pflanzbehälter war.
An einem Platz gab es einen Hinweis, dass dieser Ort doch nicht so verlassen war, wie er aussah: Frisch gehackt ausstehende Baumstammstücke waren zu einer Sitzgruppe aufgestellt worden. Dort nahmen wir Platz und begannen unser spätes Mittagspicknick. Wir saßen dort wirklich stundenlang, und ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie wir die Zeit totgeschlagen haben. Eins ist aber sicher: Es ist anstrengend, sieben Stunden lang russisch zu sprechen, wenn man die Sprache gar nicht spricht.
Der Strand führte uns zurück zu einem anderen Teil des Schlossparks, der wieder mehr mit Touristen bevölkert war. Gärtner arbeiteten in den mit eckig geschnittenen Hecken umrahmten Beeten, die kunstvolle Schnörkel bildeten. Direkt am Meer befanden sich ein Pavillon und eine Aussichtsplattform mit einer Statue des Meeresgotts, zu deren Füßen die Besucher Münzen warfen. Russen werfen Münzen überall hin, das soll Glück bringen. In Deutschland kennt man nur die Wunschbrunnen, in Russland kennt man neben den Wunschbrunnen Wunschstatuen, Wunschbäume, Wunschbrücken und Wunschzugfenster. Aus letzteren muss man die Münze aus dem Zug herauswerfen.
Über die groben Steine unterhalb des Pavillons stiegen wir hinunter zum Strand, zogen Schuhe und Socken aus und gingen im Wasser Weißerspazieren, wie viele der Touristen. Obwohl es ein kühler und bewölkter Tag war, und das Wasser nicht besonders warm, ließen manche Eltern ihre kleinen Kinder sogar nackt plantschen. In Russland gibt es nur wenige Gelegenheiten zum Baden im Meer, wenn man im Inland wohnt. Fährt schon der Durchschnittsdeutsche nur einmal im Jahr zum Baden an die Ost- oder Nordsee, weil man da einen halben Tag lang unterwegs ist, ist der Durchschnittsrusse bis zum nächsten Meer ein paar Tage unterwegs.
Am Abend begann es dann richtig zu schiffen. Ein Wolkenbruch jagte den nächsten. Zwar waren wir erschöpft von den gut 20 Kilometern, die wir durch Peterhof gelaufen waren, aber heute Abend war auch noch das Willkommenstreffen, also beschlossen wir, am Abend noch einmal hinein in die Stadt zu fahren. Roma war schlafen gegangen, denn er musste fit für die Nachtschicht bei McDonalds sein. Julia hatte uns früher zurückerwartet und bereits das Abendbrot fertig auf dem Ofen stehen: Einen dicken Reis-Eintopf ähnlich zu Plov; dazu hatte sie Tomaten und Gurke kleingeschnitten und hübsch auf einen Teller dekoriert. Tee war sowieso immer bei ihr vorhanden, nur war nicht genug Platz für vier Personen in ihrer kleinen Küche mit Mühe passten drei Personen an den Ecktisch, so ließ sie sich nicht überzeugen, sich zu uns zu setzen: Aus Höflichkeit, dass Zsolt und ich genug Platz hatten.
Ich spachtelte rein, aber Zsolt zierte sich noch etwas. Die russische Küche schien nicht ganz seinen Geschmacksnerv zu treffen, besonders als wir aufgefordert wurden, saure Sahne über den Reis zu kippen. Ich freute mich, denn dann durfte ich Zsolts Portion mit verputzen.
Julia war noch unentschlossen gewesen, ob sie zum Couchsurfing-Treffen gehen sollte, entschied sich dann aber fürs Zuhausebleiben. Wir wollten auch nicht lange fortbleiben, versprachen wir, und machten uns auf den Weg.
Treffpunkt war die Gostinij Dvor-Metrostation am Nevskij-Prospekt, aber weit und breit gab es keine Couchsurfer, die kostenlos Umarmungen verteilt hätten. Wir waren auch ein wenig spät. Wahrscheinlich hatte sie der Regen schon nach einigen Minuten davon gespült.
Doch wie immer hatte ich vorgesorgt und eine Handynummer von der Veranstalterin dabei. Zsolt schickte ihr eine SMS und dann warteten wir. Es kam nichts zurück. Nach einer halben Stunde überprüfte ich die Nummer und musste Zsolt erstmal erklären, was der Unterschied zwischen einer Landesvorwahl und einer Netzbetreibervorwahl war. In Russland ist das nämlich ein wenig verwirrend geregelt: Landesvorwahl ist +7, vergleichbar mit der +49 in Deutschland. Allerdings wird diese Zahl im Inland nicht etwa von einer Null ersetzt wie in allen Ländern, in denen ich bisher gewesen bin, sondern durch eine Acht. Die Telefonnummer +79128756942 entspricht also im Inland 89128756942. Schief geht es, wenn man beide Formen mischt und eine SMS an die Nummer 79128756942 schickt. Zsolt hatte sich beschwert, dass seine SMS oft vom Empfänger ignoriert wurden und sah auch jetzt nicht das Problem ein. Ich schlug vor, dass er versuchen sollte, die Organisatorin anzuklingeln und gleich wieder aufzulegen, das würde ihn nichts kosten, und beWeißen, dass ich Recht hatte. Erst als eine Computerstimme meldete, dass es eine ungültige Nummer sei, glaubte er mir. Dann schickte er die SMS an die richtige Nummer, und prompt meldete sich jemand per SMS: Die seien in dem Lokal gegenüber der Metrostation.
Wir fanden sie schnell, denn es waren mehrere Tische zusammengeschoben worden, und die Stühle ringsherum standen so eng, dass niemand mehr hinein passte. Nach einer kurzen Begrüßung wurden wir ignoriert und setzten uns an den Nebentisch, wovon wir nach einigen Minuten aber doch eingeladen wurden, uns zu den anderen zu gesellen.
Wir waren nicht die einzigen Ausländer, aber die einzigen, die sich nicht auf Russisch an der Konversation beteiligen konnten, beziehungsWeiße wollten. Langsam kam die Unterhaltung auf Englisch ins Rollen, und unsere Sitznachbarn wollten nun alle genau wissen, wie wir gerade nach Russland gekommen waren, oder auch wo Izhevsk liegt, denn die Stadt war selbst in Russland offenbar recht unbekannt. Dort gewesen war wohl nur einer der Runde der stammte wohl aus der Stadt, war nach Petersburg gezogen, wie das alle Izhevsker wollen, und hatte sie über eine Gruppennachricht nach Petersburg eingeladen. Dem Ruf war wohl nur ich mit Zsolt gefolgt.
Wir verabschiedeten uns relativ früh, weil der letzte Bus bereits 23 Uhr zurückfuhr und wir noch ein wenig durch die Stadt spazieren wollten. Seinen Zweck hatte das Treffen erfüllt, wir wussten jetzt, mit wem wir in den nächsten Tagen wohin fahren konnten.
Als wir auf die Straße traten, hatte es endlich aufgehört zu regnen, und obwohl es bereits so spät am Abend war, war es regelrecht hell draußen geworden.
Viel passierte in der Stadt aber nicht mehr, wir stöberten in Bücherläden, die offenbar die ganze Nacht geöffnet waren und spazierten bis zur Kasaner Kathedrale, wo unser Bus Nummer 306 abfuhr, der uns direkt zu Julias Haus bringen würde seine Endhaltestelle.
Julia hatte sich gut von uns und ihrer Arbeit erholt und schlug einen nächtlichen Spaziergang vor. Es war immer noch hell, aber die Dämmerung hatte eingesetzt. Trotzdem war es ein komisches Gefühl, fast um Mitternacht im Hellen in einen Supermarkt zu gehen. Gefühlt passte alles zusammen, aber irgendetwas stimmte doch nicht ganz an dem Bild. Familien kamen uns mit Kinderwagen entgegen, aber an den Baustellen ruhte die Arbeit. Nur noch vereinzelt waren Vögel unterwegs. Es war ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm.
Ich dachte nicht, dass ich überhaupt Schlaf finden würde, aber wir zogen die Fenster mit schweren Vorhängen zu. Zsolt und ich sollten uns das breite Bett in Julias Zimmer teilen, während sie auf der Couch oder bei Roma schlafen wollte. Ich dachte erst, es würde mir nichts ausmachen, mit Zsolt im gleichen Bett zu schlafen, aber dann zog er mir im Schlaf immer die Bettdecke weg. Ein blutiger Kampf ums Betttuch begann, in dessen Folge ich aufgab und statt im Betttuch im Pullover schlief.

















Ist der große Einkaufsmarkt im Talismann, ähnlich dem Supermarkt zu Usbekistan, wo man alles findet, aber ziemlich teuer ist, für russische Verhältnisse?
AntwortenLöschen Warum muss Zsolt den für deine Knabbereien sorgen ^^
Wenn ihr schon vom Telefon der Etagenfrau aus telefoniert habt, warum hat sie net gleich für euch angerufen? Der hättet ihr doch bestimmt klarmachen können, was ihr wollt.
Ich find Russen komisch, will man ihnen ein offizielles Trinkgeld geben, lehnen sie ab, will man sie bestechen werden sie korrupt und nehmen es dankend an .
Wenn Zsolt geschniegelt und gebügelt neben dir steht, kannste doch net mit deinen angeranzten Klamotten, dich einfach auf den Fußboden neben ihn setzen und Origami basteln :D
Dann könnte man Russland doch quasi in 2 große Städte aufteilen, 60 Mio. Einwohner in Petersburg und 80 Mio. in Moskau und die beiden Städte sind dann Russland ^^ Was ist mit anderen großen (Millionen-) Städten, will da auch keiner hin?
Wie kam Zsolt eigentlich mit der "Dritten-Klasse-Fahrt " zurecht, das war doch bestimmt net sein Niveau?
Das was Ungarn für Zsolt ist, war für dich Holland und ist für dich jetzt Russland
...und noch immer hast du nicht die Doks von Albert gelesen ^^
Bzgl. des Eisverkaufs am Bahnhof. Ich habe da letztens mal was von Kakerlaken gelesen, dass wenn man denen 2 Futterquellen bereitstellt, die immer zu der gehen, wo schon andere Essen. Ich glaub das ist das gleiche Prinzip ^^
Kannste für ein Glas Tee nicht einfach Tschaij sagen?!
Wie, die hat euch die Zugtickets zurückgekauft oder Metrotickets ?
Warum galt der Brunnen als Mutprobe, standen Polizisten mit Kaschi daneben?
Das war bestimmt eine ungarische Bombe :D
Was bringt es Geld gegen eine Statue oder einen Baum zu werfen, das kommt doch zurück ?
Aber in Russland sind doch einige Seen und Flüsse, die zum baden geeignet sind?
Ist das vielleicht auch das Geheimnis der usbekischen Telefonnummern, Hurshid hatte da ja immer was ganz anderes vorgewählt bzw. und aufgeschrieben?
Hab ihr net mal zwei Decken bekommen, die sind ja arm?
Ja =) Aber die Preisunterschiede sind nicht ganz so groß.
AntwortenLöschenWeil er da ist.
Weil... keine Ahnung)) Gab halt Leute, die sowohl Englisch als auch Russisch sprechen. Ist doch viel leichter.
Stimmt doch gar nicht, bei einer Bestechung hat sich noch niemand bedankt.
Doch, kann ich.
Ja, könnte man, aber dann wär Russland ja leer. Andere Millionenstädte sind in Sibirien, natürlich will da keiner hin.
Er hat geschmollt.
Auch nicht wahr. Russland ist kein Land, von dem man schwärmen kann, nur von den Russen.
Ja, was erwartest du? ^^
Cool, wir sind näher mit den Kakerlaken verwandt als wir dachten.
Nein, da würdest du einen Teebeutel in die Hand gedrückt bekommen.
Nicht zurückgekauft, sondern die Zugfahrt zu ihr gesponsert.
Nein, aber dabei wurde man doch nass, das Makeup zerläuft etc.
Lustig.
Deswegen liegt ja so viel davon auf dem Boden.
Ja, je nördlicher desto besser.
Ich erinnere mich nicht an ein Geheimnis)) Sie schlief da vermutlich sonst allein.