Dienstag, 22. Dezember 2009

Athen, Teil 3

24.9.
Bevor wir zu Mary gingen, wurden wir von Ioannas Oma zum Mittag eingeladen. Es gab etwas ganz typisch Griechisches: Chorta und frittierte Spotten. Ich würde es im Nachhinein nicht als mein Leibgericht bezeichnen wollen, aber man konnte es durchaus essen. Bis auf die Sprotten. Oder das Chorta. Chorta muss ich vielleicht erklären; das ist eine Art Salat aus allerlei Kraut, das man am Wegesrand findet, zum Beispiel Löwenzahn oder das spinatähnliche Vlita, das dann in Olivenöl und Zitronensaft ertränkt wird.
Dazu gab es ein selbstgemachtes Getränk, eine Art sehr flüssiger Sirup, der durch den vielen Zucker teilweise kristallisiert ist und mit Wasser vermischt getrunken wird. Leitungswasser trank man hier nicht; jeder Haushalt hatte hier einen Wasserspender.

Ioanna war so nett, uns mit dem Auto zu Marys Haus zu fahren, weil es doch gute zwei Kilometer entfernt lag. Sie lebte weniger luxuriös, hatte zwei Kinder - eine vierzehnjährige Tochter und einen erwachsenen Sohn, der seinen Lebensunterhalt als DJ in angesagten Athener Clubs verdiente, das heißt, er wohnte noch bei Mutti. Wir sahen ihn recht selten, weil er bis in die Morgenstunden arbeitete und dann bis nachmittags schlief. Mary hatte zwei weitere Gäste, eine alte Freundin aus Kanada, die jedoch am gleichen Tag noch abreiste, und eine andere alte Freundin namens Donna aus England, die jedoch in Frankreich lebte. Sie entsprach keinem gängigen Schönheitsideal: Sie war aufgedunsen, brauchte etwa drei Stühle um irgendwo bequem sitzen zu können, trug bunte Kleider mit grausam tiefem Ausschnitt... es ist schwer zu beschreiben, aber man könnte sie sich etwa als Jabba The Hut aus Star Wars in einem Kleid vorstellen.
Es war ein buntes Durcheinander bei Mary. Sie und ihre Tochter Daphni schrien sich den ganzen Tag lang an; natürlich auf Griechisch, weshalb wir uns bestenfalls vorstellen konnten, worum es ging. Aber Mary meinte, das sei ganz normal, dass man Meinungsverschiedenheiten in dieser Lautstärke austrug - das war die typisch-griechische Mutterliebe, die nur das Beste für ihre Tochter wollte. Die wusste natürlich selbst am besten, was gut für sie war. Sie sah wie 16 aus und wollte am liebsten alles machen, was eine Sechszehnjährige durfte.

Das war es auch schon fast wieder für diesen Tag. Ach ja, am Strand waren wir noch einmal. Sonst ist ganz sicher nichts passiert.

25.9.
In Griechenland ticken die Uhren nicht anders, sondern gar nicht. Bei Mary gab es das Mittagessen erst gegen 17 Uhr; was etwa der Zeit entspricht, die man zum Wachwerden, Frühstücken und Einkaufen braucht. Zum Frühstück gegen Mittag saßen wir alle beieinander am Küchentisch und plauderten; Matthias Mary und ich an einer Seite, Donna uns gegenüber. Mary machte für jeden, was er oder sie gerne mochte; für mich gab es immer selbst gemachte Marmelade und Tee, für Matthias nichts und Kaffee, der mit Toilettenpapier gefiltert wurde, weil Mary die Filter ausgegangen waren. Oder es gab einfach Kaffee türkischer Art, also ohne Filter. Hier machte ich mir einen Spaß daraus, noch einmal Matthias' Zukunft zu lesen. An diesem Morgen war der Kaffeesatz eine musterlose braune Masse, die mich an irgendetwas erinnerte... ach ja! Strahlend verkündete ich Matthias, was ich in seiner Zukunft gesehen hatte: Die sah ziemlich scheiße aus.
Aber auch bei Mary hatten wir viel Zeit für uns allein, weil Donna die meiste Zeit andere alte Bekannte besuchte, Daphni in der Schule war, der Sohn schlief und Mary studierte. Sie war zwar schon über 40, aber arbeitslos und geschieden - aber das war wohl der perfekte Ausgangspunkt um ihrer Leidenschaft nachzugehen und Geschichte zu studieren.

So fuhren wir also wieder einmal allein in die Stadt. Beziehungsweise, wir wären gern in die Stadt gefahren, wenn der Bus nur endlich kommen würde. Laut plan sollte er jede halbe Stunde kommen, aber wir waren nicht sicher, wann innerhalb einer Stunde. Diese Pläne waren sehr rätselhaft, und das nicht nur, weil sie auf Griechisch waren. Matthias forderte mich ungeduldig auf, etwas zu machen, am besten zu zaubern, dass der Bus endlich käme. Ich fragte, wie ich das denn machen soll, einfach so mit den Fingern schnipsen? Ich schnippte zur Bekräftigung der Aussage mit den Fingern, und wie aus dem Nichts fuhr ein Bus an uns vorbei. Es war zwar die falsche Richtung, aber die richtige Nummer. Ich musste wohl noch ein wenig üben...
Der Bus kam letztendlich doch, ob nun durch Magie oder ohne. In der Innenstadt war politisch etwas im Gange; Wahlwerbung eines furchtbar unsympathisch aussehenden rechten Politikers klebte an allen Bushaltestellen, und jetzt hatten sie in der Nähe des Parlaments einen Infostand aufgebaut, den wir weiträumig umgingen.
Vor dem Parlamentsgebäude marschierten seltsam angeputzte Wachen auf. Sie trugen schwarze Faltröcke, weiße Strümpfe und mit großen Bommeln bestückte Holzschuhe. Die Wachen wurden von echten Soldaten in Camouflage-Uniform bewacht.

Am Ende des traditionellen Aufmarschs bestürmten die zuschauenden Touristen die lustigen Wachen um ein Foto mit ihnen machen zu dürfen; sie standen richtig in einer Schlange an.
Wir vermieden den Trubel und gingen ins Museum für archaische Kunst, das uns Mary empfohlen hatte.
Im Untergeschoss des Museums waren immer wieder die gleiche Figuren ausgestellt: Eine nackte Frauengestalt, die ihre Arme verschränkt hielt und wahrscheinlich als Grabbeigabe diente. So hatte die Kulturgeschichte in Griechenland also angefangen.
Das Museum war riesig; mit den Etagen darüber konnte man wunderbar die weitere Entwicklung verfolgen, multimedial unterstützt. Hier konnte man sich eine ganze Weile aufhalten. Man konnte sogar verschiedenstes Kunsthandwerk anhand von Computer-Animationen und Filmen lernen. Im obersten Geschoss wurde schließlich das typische Leben aus der Antike dargestellt, unterstützt mit Filmen und Klängen.
Doch es wurde bald Zeit, nach Hause zurück zu kehren um uns mit Mary zu treffen, denn sie wollte etwas Leckeres für uns kochen.
Ich gesellte mich zu ihr in die Küche. Sie hatte viele verschiedene typisch-griechische Lebensmittel zusammengestellt; vor allem diese rote Erbsen-Linsenkreuzung ist mir im Gedächtnis geblieben, weil ich die Steine heraussuchen sollte, die offenbar immer wieder mal bei der Ernte in der Tüte landeten.
Dieses gutes Mal begossen wir später an diesem Abend noch mit Alkohol; ich hatte noch eine halbe Flasche Wodka aus Istanbul im Gepäck gehabt, und Mary geizte auch nicht mit Spirituosen. Sie holte den selbstgemachten Kirschlikör aus dem Schrank, an dem das Beste die Kirschen am Boden waren.
Wir hatten sehr viel Spaß in der Weiberrunde, während Matthias sich eher still volllaufen ließ. Erst als wir uns allesamt unter den Tisch getrunken hatten, gingen wir zu Bett.

2 Kommentare:

  1. Wie ist es denn so, Weihnachten in Griechenland? Etwas warm? Ich vermute, da kommt keine richtige Weihnachtsstimmung auf, wenn man nicht gerade dort lebt ;)
    Interessant finde ich die (wohl typisch) griechischen Wachen. Da wäre ich sogar für angestanden ;)

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  2. :) Ich war im September dort - hatte nur ein wenig damit getrödelt, aus meinen Notizen einen Reisebericht anzufertigen...
    Die Wachen heißen übrigens Evzonen ( http://de.wikipedia.org/wiki/Evzonen )

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