Dienstag, 22. Dezember 2009

Athen, Teil 4

26.9.
Mary hatte uns sei unserer Anreise allerlei schönen Orte zu zeigen versprochen - die schönsten Strände, die Cafés, den Marktplatz, einen Tempel am Meer, vielleicht eine griechische Insel wie Aegina... aber bisher hatte sich nichts daraus ergeben, weil wie bereits erwähnt der Tag hier nie vor 13 Uhr anfing.
Das sollte sich heute überraschend ändern. Es war zwar auch schon fast 11 Uhr als ich das erste Mal aus dem Bett tappte, aber Mary war auch schon in einem Zustand, der es ihr ermöglichte, mit Menschen zu kommunizieren. Nein, wach würde ich es nicht nennen. Ich begann das aus der letzten Nacht hervorgegangene Chaos zu beseitigen, als Mary aus dem Wohnzimmer kam, schon munterer, und vorschlug, zum Markt zu fahren um dort frisches Gemüse für einen Auflauf zu kaufen. Ich stimmte begeistert zu, während Matthias - der mit mir aufgestanden war - lieber zu Hause blieb um im Internet zu surfen; er nahm genau wie ich an, dass wir nur kurz zum Markt fuhren und zurück kamen.

Griechen lieben das Fluchen, besonders im Auto. Wenn Mary auf Englisch sprach, dann war es an mich gerichtet; sprach sie hingegen auf Griechisch, fluchte sie ganz eindeutig über die anderen Autofahrer. Mich beeindruckte, wie sie die ganze Zeit reden konnte, ohne einmal einen englischen Satz einzuwerfen.

Der Marktplatz war kleiner als erwartet; eigentlich war es nur ein Stück Querstraße, das nicht befahren wurde. Aber man sah, dass alles aus biologischem Anbau war, praktisch aus dem Garten der Verkäufer noch am selben Morgen gepflückt. Mary kannte viele der Verkäufer und wechselte mit jedem ein paar freundliche Worte. Ihr Lieblingshändler verkaufte unter anderem selbstgepresstes Olivenöl; ich fragte, wie viel so eine Flasche kostete, und am Ende bekam ich zwei Flaschen geschenkt. Der Händler wollte demnächst nach Deutschland gehen und dort schon ein paar Freunde machen. Ich schrieb ihm meine Kontaktdaten auf und auch meinen Namen bei Couchsurfing, sodass er mich anschreiben konnte, wenn er zufällig in Zwickau war und eine Unterkunft suchte. Mary schien schon fast versucht zu sein, uns zu verkuppeln, obwohl er ein gutes Stück älter war als ich; sie überlegte, ihn heute für Abend einzuladen, denn sie plante, uns alle in einen Club zum Trinken und Tanzen auszuführen.
Wir hatten schon gut 20 Kilogramm Gemüse und Obst jeder Art gekauft, als es plötzlich anfing wie aus Eimern zu gießen. Darauf war man hier jedoch vorbereitet und schob nur die Sonnenschirme näher zusammen. So waren wir, während wir warteten, praktisch dazu gezwungen weiter einzukaufen. Mary fand eine Packung seltsamer Früchte und war begeistert: Als sie jung war, hatten sie einen Baum dieser Art in ihrem Garten gehabt, aber seitdem hatte sie diese Früchte nicht mehr gegessen. Sie sahen aus wie überbreite Datteln und schmeckten nach Birnen. Ich habe nie herausgefunden, wie sie hießen. Wir hoben die Kerne gut auf, sodass Mary sie später einpflanzen konnte.
Nun war ihre Laune erst recht so gut, dass sie beschloss, einen Abstecher zum Strand zu machen. Während wir fuhren, erzählte sie mir, wie es hier früher ausgesehen hatte: Unangerührte Natur, Wälder am Meer, schöne Orte für Picknicks damals mit ihren Eltern. Jetzt schossen überall neue Hotelanlagen und Wohnhäuser aus dem Boden; man brannte den Wald nieder um Platz dafür zu haben, denn diese Grundstücke mit Meerblick waren heiß begehrt.
Aber an einigen Stellen sah es noch genauso aus wie früher, erzählte sie. Wir fuhren mit dem Auto direkt auf den Strand. Einzelne strohgedeckte Sonnenschirme standen auf dem sonst leeren Strand, dahinter begann der Wald. Fast versteckt lag ein Strandcafé mit weiteren Strohschirm und beigefarbenen Holztischen. Hier ließen wir uns nieder; Mary bestellte einen Kaffee, ich eine heiße Schokolade. Als ich bezahlen wollte, fauchte sie mich an wie eine Tigermami, wenn ihr Kleines in Gefahr war: "Denk nicht mal daran!" Dem konnte ich keinesfalls widersprechen und ließ mich einladen.
Also saßen wir noch ein wenig in der Mittagssonne, ließen den Blick über das Meer schweifen; ein Schwarm Seevögel flog immer wieder tief uns nah an uns vorbei; nicht weit entfernt lag eine rötliche kleine Felseninsel. Mary sagte, sie sei früher dorthin gelaufen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, und während Mary einen Spaziergang am Strand entlang machte, krempelte ich mir die Hosenbeine hoch und wadete durch das gerademal kniehohe, klare Wasser zur Insel. Auf der Insel gab es Mauern der gleichen rötlichen Farbe wie das Inselgestein; vermutlich ein ehemaliges Haus, oder eine winzige Festung. Beim Näherkommen stelle ich fest, dass sie Insel schöner von der Ferne aussah. Überall lagen Kronkorken und Scherben von Bierflaschen. Schade, dass man einen so schönen Ort so verkommen lassen muss. Den Strand reinigten sie schließlich auch per Hand, beziehungsweise mit einer Art Siebmüllbeutel.

Wir fuhren weiter zum nächsten Küstenabschnitt; es war eine Steilküste der gleichen rötlichen Farbe wie die Insel, deren Ausläufer weit in das klare, grünblaue Wasser reichten. Es wäre zu gefährlich gewesen, die Felsen hinunter zum Wasser zu klettern, obwohl wir beide schon recht viel Lust hatten, schwimmen zu gehen. Wir beschlossen, nach Hause zu fahren und nach dem Essen noch einmal gemeinsam zum Baden loszufahren. Soweit jedenfalls der Plan. Mary bereitete einen wunderbaren Gemüseauflauf zu, aber dann war es schon nach 18 Uhr.
Wir bemerkten schon, dass es nichts mehr mit dem Baden werden würde, aber ich versuchte es trotzdem noch einmal und fragte Mary, ob sie nicht vielleicht Lust hätte, auf ein Nachtbad zu gehen. Sie lehnte ab, denn heute wollte sie mit uns eigentlich in die Clubs ausgehen. Ach ja. Sie begann sich zurecht zu machen, während Matthias und ich noch eine Runde spazieren gingen. Wir waren mittlerweile erfahren genug in der griechischen Mentalität um zu wissen, dass in den nächsten Stunden nichts passieren würde.
Tatsächlich ging es gut an 23 Uhr heran, als ihr Bruder anrief, dass er jetzt kommen würde. Ich hatte mich auch ein wenig schick gemacht, trug ein Kleid und ein wenig Make-Up, das ich mit von Mary geliehen hatte. Ihr Bruder hatte seine Frau dabei, die aussah, als hätte sie exakt eine Schönheitsoperation zu viel gehabt. Ihr Dekolleté war ein Schaufenster und an ihrem Kichern hörte man schon, dass Marys Bruder sie nicht wegen ihrer Intelligenz geheiratet hatte.
Wir fuhren ein ganzes Stück bis ins Szeneviertel Gazi. Den Namen hatte dieser Stadtteil durch die ehemaligen Gaswerke. Nun waren in den Fabriken Diskotheken untergebracht und eine Bar jagte die nächste. Ganz Athen schien an diesem Samstag nach Gazi zu fahren; die Straßen waren hoffnungslos überfüllt und ich fragte mich ernsthaft, wo wir noch einen Parkplatz finden sollten. Wir waren in zwei Autos unterwegs; Mary hatte ihren gut 30 Jahre alten Wagen zu Hause stehen lassen und sich einen anderen von ihrer Familie geliehen, nur um sicher zu gehen, dass wir heute Nacht auch wieder zu Hause ankommen würden. Aber es gab nun mal keine echte Alternative zum Auto in Athen - die öffentlichen Verkehrsmittel stellten um Mitternacht ihren Dienst ein und fuhren erst wieder ab 6 Uhr morgens. Wir fanden einen Parkplatz in einer abgelegenen Seitenstraße, in die ich eigentlich kein Auto abgestellt hätte, und fanden die anderen an der ersten Imbissstube wieder. Donna war hungrig geworden und stopfte sich gerade einen ganzen Döner-Spieß in den Mund, oder zumindest tat sie das in meiner Vorstellung.
Ich war eigentlich nicht begeistert von der Idee, dass wir uns irgendwo in einer Bar einen Tisch nehmen wollten, weil uns Mary schon vorher erzählt hatte, dass man einen Tisch nur mit Getränken bekommt. Und schon eine billige Flasche Wein konnte in einer Bar gut in den dreistelligen Eurobereich gehen. Das lag daran, weil die Griechen eine andere Ausgeh-Mentalität hatten als die Deutschen. Man ging hier nicht in eine Bar um sich volllaufen zu lassen; etwas wie eine "Kneipentour" kannte man hier auch nicht. Stattdessen traf man sich mit Freunden wie zum Kaffeeklatsch und hielt sich schon mal bei nur einer Flasche Wein für eine ganze Gruppe von Leuten bis in die frühen Morgenstunden auf. Ich weiß nicht, was Ursache und was Wirkung war - war es griechische Kultur, einen Tisch die ganze Nacht lang besetzt zu halten und wenig zu trinken; oder war es durch die horrenden Preise dazu gekommen, dass sich die Griechen mit nur wenigen Getränken die ganze Nacht an einen Tisch klammerten, im Sinne von "wenn ich schon so viel dafür bezahlt habe, will ich auch etwas davon haben". Einige Rätsel müssen wohl ungelöst bleiben.
Mary hatte einen schönen Platz in einer gemütlichen Bar gefunden, aber ihr Bruder war schon Chauvinist der alten Schule und konnte keine Frau entscheiden lassen, wo wir den Abend verbringen würden. Deshalb stapfte er voran zu einer anderen Bar, die einfach nur überfüllt und laut war. Hier ließ er sich nieder und begann die Getränkekarte zu studieren. Ich hätte vielleicht ein Foto von der Karte machen sollen, denn im Nachhinein wird mir niemand glauben, dass das billigste Getränk - Cola - 12 Euro kostete, eine Flasche Jägermeister stolze 600 Euro, und der Champagner in die Preishöhe einer Jahresmiete ging.
Ich verzichtete dankend auf jeder Art von Getränk, genau wie Matthias. Die anderen ließen es vorsichtig angehen mit Tonic-Wasser oder Bier, nur die Frau des Bruders bestellte sich einen Cocktail. Nach einem kleinen Schluck ließ sie das Getränk zurück gehen. Wenig später bekam sie ein neues, das genauso aussah, aber vermutlich hatte der Barmann hineingespuckt. Sie nippte wieder nur vorsichtig und ließ am Ende das halbe Getränk stehen.
Der Abend wurde nur eins: Sehr lang und noch viel langweiliger. Es war viel zu laut für eine Unterhaltung und ich begann langsam in meinem kurzen Kleid zu frösteln. Niemand hatte überhaupt vorgehabt, Tanzen zu gehen, und ich hatte es erst recht nicht vor zu dieser schrecklichen, pochenden Musik. Ich überlegte mich abzusetzen, aber es begann leicht zu regnen, wodurch es noch kälter wurde.
Mein einziges Vergnügen in dieser Nacht bestand darin, mir neue deutsche Schimpfwörter auszudenken, um den Abend, Marys Bruder und seine Frau zu beschreiben. Kinder könnten mitlesen, also verzichte ich darauf, die Worte hier festzuhalten, nur so viel sei gesagt: Mir sind selten unsympathischere Menschen begegnet als diese beiden.
Gegen 3 Uhr morgens wurden wir endlich erlöst, weil wir aus der Bar rausgeschmissen wurden. Offenbar begann nun die private VIP-Party irgendeines reichen Schnösels.
Wahrscheinlich hatten wir uns alle den Abend anders gedacht - bis auf die Frau des Bruders, die hatte noch nie gedacht. Ich wollte nun schnell ins Bett gehen um noch etwas von unserem letzten Tag in Athen zu haben.

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