27.9.
Für unsere letzten Tag hatte sich Mary etwas Besonderes vorgenommen: Sie wollte uns Kap Sounion zeigen, zum antiken Tempel des Meeresgotts Poseidon. Sobald sie das Mittagessen fertig zubereitet hatte... auch zum Mittagessen sollte es etwas Besonderes geben, Pastitsio, eine Art Lasagne aus langen Röhrennudeln, Hackfleisch und Käsesahnecreme.
Da wir alle wussten, dass der halbe Tag vergangen sein würde, bis wir zu Mittag essen würden, verständigten wir uns darauf, dass Matthias und ich noch ein letztes Mal zu Strand gehen würden, und sie uns dann anriefe, wenn das Mittagessen fertig sei.
Aus dem Treffen zum Mittagessen wurde schließlich ein Treffen am Strand; Mary holte uns mit dem Auto ab, das Pastitsio in Tupperware gepackt und alles für ein Picknick vorbereitet. Sie erzählte, dass sie mit einer Gruppe Couchsurfer Kontakt aufgenommen hatte, die auch heute zu dem Tempel fahren wollten. Offenbar hatte es gestern oder vorgestern eine Couchsurfing-Strandparty gegeben, und der harte Rest war noch immer unterwegs.
Es war ein gutes Stück bis hinunter nach Kap Sounion, dem südlichste Zipfel der Halbinsel, auf der Athen lag. Die Sonne schien warm und das Wasser wirkte heute unglaublich blau. Ich konnte gar nicht genug Fotos vom Auto aus machen. Leider war meine 1-GB-Speicherkarte schon fast voll und ich fühlte mich wieder wie in den alten Zeiten, als man noch Filme mit 24, maximal 32 Bildern hatte und sich freute, wenn es doch noch ein halbes Bild mehr wurde als auf der Rolle geschrieben stand. Und auch nur die Hälfte der Bilder etwas geworden waren. Wie haben wir nur je ohne Digitalkamera leben können?
Noch auf dem Weg ließen wir uns das mitgebrachte Essen schmecken, weil Mary meinte, wir hätte nicht genug Zeit für ein Picknick. In der Tat war es spät geworden. Die anderen Couchsurfer waren schon in Aufbruch begriffen. Mary schickte uns zu den Ruinen hinauf, sodass wir sie uns anschauen konnten, bevor die Anlage für heute schloss, während sie mit den anderen noch kurz redete.
Der Tempel stand an der Spitze des Kaps wie ein Leuchtturm, durch dessen Säulen strahlend hell das Licht der sich senkenden Sonne fiel. Die vorgelagerte Insel schien unbewohnt, kleine Segelschiffe kreuzten vor der Küste, und kaum eine Welle kräuselte das blau glänzende Meer. Es war der schönste Ort der Welt einen Sonnenuntergang zu beobachten. Bald stieß Mary wieder zu uns. Sie war hier oft als Schulkind gewesen, aber zu ihrer Zeit konnte man die Tempelruinen noch betreten.
Viele Touristen kletterten mit Kameras bewaffnet über die Steine und Mauerblöcke; versuchend, den besten Blick auf den Tempel vor der untergehenden Sonne einzufangen.
Wir blieben, bis die letzten gelbroten Streifen über dem Meer verschwunden waren und die ersten Sterne erschienen. Länger hätten wir auch nicht bleiben können, denn eine Aufsichtsperson schickte uns alle nach draußen.
Auf dem Heimweg hielten wir noch ein letztes Mal am Strand. Die Luft war kühl geworden, aber das Wasser wirkte so verlockend wie eh und je, so dass ich noch einmal mit hochgekrempelten Hosenbeinen hineinsprang. Hoch über mir leuchtete der von Scheinwerfern angestrahlte Tempel, neben mir wippten kleine Boote an einem schmalen Holzsteg vertäut. Die Zeit in Athen war wirklich ein wohlverdienter Urlaub gewesen, nachdem wir anderthalb Monate lang durch Europa gereist, und an keinem Ort länger als ein paar Tage geblieben sind. So viel hatten wir gesehen, so viele hilfsbereite, liebenswerte, aber auch seltsame Menschen getroffen. Es war der beste Sommer meines Lebens; und jedem, der die Gelegenheit hat, rate ich: Probier es aus. Bereise deine Traumländer, lerne dabei die Menschen außerhalb des Hotelpools kennen. Es ist eine sehr bereichernde Erfahrung und dir wird bewusst werden, wie nah die ganze Welt doch zusammengerückt ist. Am Ende bleiben Freunde in der ganzen Welt, die man jederzeit wieder besuchen kann, und weiß, dass man jederzeit überall auf der Welt neue Freunde finden kann.
Die Tanknadel näherte sich verdächtig weit an die Null an. Nicht viele Tankstellen auf dieser Straße waren rund um die Uhr geöffnet. Wir hatten Glück und schafften es noch bis zu einer Tankstelle, die eher wie ein Hinterhof aussah, aber geöffnet war. Nun hatten wir wieder genug Sprit um einen kurzen Abstecher in die Berge zu machen. Mary erzählte, es sei Daphnis und ihr Lieblingsort, weil man von hieraus den schönsten Blick über Glyfada hat. Hell lag uns die Stadt zu Fußen. Leider wurden die Hänge immer höher bebaut, sodass es auch diesen Ort in Zukunft nicht mehr geben würde. Neben uns aus der Dunkelheit hoben sich weiße, hohe, halb fertig gestellte Villen. Ein kühler Wind kam auf, es war Zeit nach Hause zu kehren.
Zum letzten Mal in diesem Sommer packten wir unsere schweren Reiserucksäcke. Mary gab mir eine Metalldose für meine Olivenölflasche; die andere hatte ich ihr gegeben. In der Flughafen-Gepäckkontrolle am nächsten Tag würde man beim Röntgen ein seltsames Behältnis feststellen und meinen Rucksack durchsuchen, wobei die Unterseite dabei aufgeschlitzt wurde. Als wenn es nicht reichte, dass man nicht mal mehr ein Saftpäckchen ins Handgepäck stecken durfte...
Wir beschlossen, früh schlafen zu gehen, da gegen 5 Uhr morgens bereits unser Bus zum Flughafen abfuhr. Mary versprach, uns am Morgen zur Bushaltestelle zu fahren. Wir nahmen dankend an, weil wir sonst noch eine halbe Stunde vorher das Haus hätten verlassen müssen um die Bushaltestelle zu Fuß zu erreichen.
Donna war schon heute Vormittag abgereist, darum verabschiedeten wir uns nur von Daphni.
Ein letztes Mal hinterließen wir eine Postkarte von Zwickau mit ein paar netten Worten auf einem Nachttisch und legten uns schlafen.



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