22.7.
Die Nacht im Zug verlief ruhiger, wenn mich nicht gerade ein schlaftrunkener Fahrgast auf dem Weg zur Toilette rammte und die Tür zuknallte. Ich hatte das letzte verfügbare Ticket für diesen Zug zu diesem Verkaufszeitpunkt erhalten, und das galt nun mal für den unbeliebtesten Platz direkt an der Toilette, in Hör- und Geruchsweite praktisch. Es war die Hochsaison der Reisezeit, und ich fuhr bereits auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn, wenn auch nicht in dem berühmten Zug selbst - beziehungsweise sollte man sagen: in den berühmten Zügen, denn der als Transsib gekannte Zug besteht aus den Zuglinien 1 und 2, von Moskau nach Wladiwostok, und zurück von Wladiwostok nach Moskau. Auf dieser Strecke war ein Zug 8 Tage lang unterwegs, und alle zwei Tage fuhr er aus jeden beiden Städten ab. Ich war in einer billigeren Zuglinie unterwegs, die nicht bis Wladiwostok durchfuhr. Als Faustregel konnte man sagen, dass die Nummer des Zugs den Grad des Luxus darin anzeigt - so sind die besten Züge Nummer 1 und 2, die auch immer von Touristen gebucht werden; dann gibt es die Züge, die noch OK sind - die reichen bis in die Hunderter-Nummern, und dann gibt es die Tausender-Nummern, die man als verwöhnter Tourist mit europäischen Standards meiden sollte.
Nun fuhr ich direkt ins Herz Sibiriens, seine Hauptstadt: Novosibirsk. Sie lag nur einen Tag von Jekaterinburg entfernt - so rechnet man Entfernungen in Russland, nicht etwa in Kilometern, sondern in Tagen. Durch das Fenster sah ich die seltsamste Landschaft vorbeiziehen: Nackte Birkenwälder ohne Blätter, die sich wie ein flaches Gebirge in einigen hundert Metern Entfernung zeigten, dazwischen standen einzelne belaubte Bäume. Ich konnte mir nicht erklären, wie so etwas zustande kommen konnte.
Im Bett unter mir saß eine nette Oma, die den Namen Galya trug. Sie fordert mich auf, aus dem Bett zu kommen um mit ihr zu Mittag zu essen und Tee zu trinken.
Man kann alten Leuten in Russland nichts abschlagen - sie sind echte Respektspersonen. Ich holte mir also Teewasser aus dem öffentlichen Samowar, der sich am Anfang von jedem Wagon befand - wie in den alten Zeiten, und wahrscheinlich noch aus den alten Zeiten stammend, denn er wurde immer noch mit Kohlen beheizt. Durch die offene Kesseltür konnte man ins Innere sehen.
Das Wasser war kochend heiß, und als ich den vollen Becher durch den schwankenden Zug balancierte, verbrannte ich mir folglich und vollkommen logischerweise die Hände. Innerlich fluchend stellte ich den Becher auf dem kleinen Tischchen unter meinem Bett auf und ging auf die Toilette um kaltes Wasser über meine Hände laufen zu lassen. Der Wasserhahn war so konstruiert, dass man ihn ständig gedrückt halten musste um Wasser daraus zu erhalten. Besonders kühl war es nicht, aber das Fenster stand offen um den Geruch im Raum zu mildern, also hielt ich meine nassen Hände aus dem Fenster und ließ sie vom Fahrtwind kühlen.
Als ich zurück zu Galya kam, hatte sie schon sämtliche Vorräte ausgepackt, die sie dabei hatte: Von Quarktaschen, Kartoffeln und seltsamen grauen Fleischstückchen bis hin zu essbarem Gebäck. Ich holte meine Vorräte dazu und wir begannen uns ein wenig zu unterhalten - soweit es meine Russischkenntnisse zuließen.
Es war sehr warm im Zug, aber zumindest ließen sich die Fenster in einigen Abteilen öffnen - dort, wo man sie aufgebrochen hatte und eine Flasche dazwischengeklemmt hatte um das Fenster offengehalten.
Wir gingen gemeinsam zum Spazieren nach draußen als ich am Fahrplan die Aufenthaltszeit herausfand: 23 Minuten. Andere Reisende standen noch länger an dem Plakat, waren aber mit dem Umrechnen von der Moskau-Zeit auf dem Fahrplan zur aktuellen Zeit auf ihrer Uhr überfordert. Wir waren Moskau mittlerweile drei Stunden voraus.
Trotz dem Fahrplans war es ratsam, sich nicht zu weit vom Zug zu entfernen, also in Sichtweite der Zugbegleiter zu bleiben, sodass sie einem signalisieren konnten, wenn der Zug zur Abfahrt bereit war. Zum Einkaufen musste man auch nicht weiter als zwei Schritte gehen, denn die Händler brachten ihre Waren wie immer direkt zum Zug. Hier verkauften sie Fische, die durch ihre Köpfe an eine Kette gefädelt waren; andere verkauften gekochte Kartoffeln oder typische Supermarktsnacks in einem kleinen Wägelchen und Bier in 2-Liter-Flaschen. Ein Mädchen in meinem Alter trug einen Pappkarton mit Eiscreme-Packungen in den Händen und pries es laut an. Es musste mittlerweile geschmolzen sein, obwohl es gar nicht so warm draußen war - der sibirische Sommer war um die 10 Grad kühler als im restlichen Russland, hatte ich beim Verfolgen des Reisewetters bemerkt.
Als unser Zug abfuhr, zerstreuten sich die Händler schnell. Viele machten sich nicht die Mühe, bis zum Ende des Bahnsteigs zu laufen um die Schienen über den Übergang zu überqueren - sondern kletterten mitsamt ihrer Waren unter dem neben uns stehenden Zug hindurch.
Es wurde langsam Abend. Der Sonnenuntergang dauerte gut zwei Stunden, bis gegen 22 Uhr das Glühen am Horizont plötzlich zu gewitterartigen Wolken mutierte - in einem Moment waren die Wolken feurig-orange eingefärbt, im anderen waren sie von hinten düster beleuchtet. Das Scheinen wurde immer blasser, wurde zu mehreren langen Streifen, die sich scheinbar endlos am Horizont entlang zogen, und dann zu einem einzigen schwach leuchtenden Band, und dann war es dunkel.
Ich sollte um ein Uhr morgens in Novosibirsk ankommen, aber gegen 22:50 bekam ich plötzlich Zweifel an meiner Uhrzeit, als ich die Lichter einer Vorstadt im Fenster auftauchen sah - hatte ich die Zeit doch falsch umgestellt? Ich fragte meine Nachbarn nach der Uhrzeit, aber die stimmte mit meiner überein. Ich verglich meinen Zeitplan mit meiner Fahrkarte und bemerkte meinen Fehler: Ich hatte ich die Zeitdifferenz von Jekaterinburg zwei mal draufgerechnet. Das hieß, ich würde schon um Mitternacht ankommen.
Ich informierte meine Gastgeberin in Novosibirsk über meinen Fehler, und sie schrieb zurück, es sei kein Problem, sie würde mich um Mitternacht vom Bahnhof abholen.
Galya hatte sie schon für ein Nickerchen hingelegt und stand für mich auf - um mich zu verabschieden. Ich hatte den ganzen Nachmittag Origami-Figuren für sie gebastelt, worüber sie sich sehr gefreut hatte. Sie und unsere Sitznachbarin halfen mir mit dem Gepäck, indem sie einen Mann baten, mir den Koffer hinunter zu heben. Nun hatte ich noch eine halbe Stunde. Wie saßen auf ihrem Bett und hatten den Koffer auf eine der anderen Liegen gehoben, weil die Zugbegleiterin gerade zum Bodenwischen durchkam. Meine Sitznachbarn hatten sich schon für schmutzigen Boden im Zug fremdgeschämt - so etwas konnte man doch nicht von ausländischen Touristen sehen lassen!
Kurz vor der Ankunft wollte ich schon mal meinen Koffer nach vorn zum Ausgang tragen und dann zurückkommen um meinen Rucksack zu holen - für beides zusammen war der Gang einfach zu schmal. Doch - trotz meiner Erklärung, dass ich gleich zurück käme - trug mir Galya den Rucksack hinterher.
Sie kam auch mit nach draußen, als der Zug hielt, und drückte lautstark ihre Sorge aus, wo denn meine "Freundin bliebe. Ich erklärte ihr, dass sie im Bahnhofsgebäude auf mich wartete. Ihrer Beschreibung nach wartete sie unter den Anzeigetafeln, trug etwas weißes, hatte einen attraktiven Mann und einen herumspringenden Teenager dabei.
Ich bedankte mich bei Galya für alles und schleppte den Koffer die Treppen hoch und runter, immer den Schildern "Eingang zum Bahnhof" hinterher - zumindest hoffte ich, dass es "Eingang hieß. Zwischen dem Wort Eingang und Ausgang lag nur ein Unterschied von einem Buchstaben: Wchod und Wychod. Nein, doch, das war eine Vokabel, die ich von Splin gelernt hatte: Wychoda net - kein Weg hinaus.
Eva fand ich sofort auf den erste Blick. Sie stellte mich den anderen vor: Ihrem guten Freund Anton, auf den sie offensichtlich ein Auge geworfen hatte, und ihren Sohn Ilya. Eva umarmte mich wie eine alte Freundin. Wir gingen zum Ausgang, Anton nahm wie selbstverständlich den Koffer und lud ihn in sein japanischem Auto mit Lenkrad auf der falschen Seite und einer Beule an der anderen Seite. Der Wagen war neu, und er war noch nicht an die andere Fahrerseite gewöhnt.
Vor Evas Haustür lud Eva Anton zu einem Tee ein, aber ihm war es schon zu spät am Abend, aber morgen würde er vorbeikommen, meinte er.
Es gab keinen Fahrstuhl in ihrem Haus. Eva und ich - wir beide wollten wir meinen Koffer nach oben tragen - schließlich trugen wir ihn zusammen in die 5. Etage, doch es war mittlerweile leichter für mich, ihn allein zu tragen, weil ich herausgefunden hatte, welche die beiden richtigen beiden Stellen waren, an denen ich ihn anpacken musste. So kam ich problemlos mit dem Gepäck zum Baikalsee und zurück.
Evas Wohnung war chaotisch, aber gemütlich. Wir setzen uns bei Tee und Melone zusammen und stellten fest, dass wir uns gegenseitig im Internet völlig anders eingeschätzt hatte. Sie hatte endlos Energie und ich kam gar nicht zum Reden, und sie fragte mich, warum ich so ruhig sei.
Ihr Sohn brachte uns wohlerzogen Tee und schenkte ihn für uns ein.
Unser Frauengespräch in einer Sprache, die er nur wenig verstand, wurde ihm bald zu langweilig, und er zog sich auf seine Matratze zurück. Sie erzählte mir sofort alles aus ihrem Leben, und ich hörte gern, wenn auch etwas erschöpft, zu.
Ilya wollte bald schlafen, und so gingen wir ins Gästezimmer, das sie für mich hergerichtet hatte: Eine breite Matratze, die in eine ausklappbare Couch mündete. Dort hockten wir bis drei Uhr morgens, und Eva erzählte mir ihre real erlebten Geistergeschichten: Sie sei einmal eine halbe Minute lang in ihrem Bett von einer unsichtbaren Kraft zu Boden gedrückt worden, und ein anderes Mal sei sie von etwas Durchsichtig-Haarigem gebissen worden - sie habe es dann gepackt und festgehalten, und sogar in ihrem Kopf damit gesprochen: "Ich lasse dich los, wenn du mich loslässt, und der tierische Geist habe von ihr abgelassen.
Ich konnte es nicht so recht glauben, aber sie wirkte aufrichtig, als sie es erzählte. Und sie zwar schon der zweite Gastgeber in Folge, der von Geistererscheinungen berichtete, denn auch Artjom hatte mit von einem Schatten erzählt, den er bei seiner früheren Arbeit als Polizeibeamter in der Leichenhalle gesehen habe. Er beschrieb ihn als Schatten, der dunkler war, als das Dunkle, und zu keinem Körper gehörte.
Dazu kam, dass der Glaube an Hausgeister in Russland noch sehr verbreitet war. Angeblich hatte jedes Haus einen eigenen Geist, der Gutes tun konnte, aber wütend wurde, wenn man schlecht über ihn sprach, und dann Schabernack trieb. Artjom war überzeugt gewesen, dass der Geist seines Hauses in seiner Wohnung lebte. Und Eva hatte die Begegnung mit dem ersten Geist in dieser Wohnung gehabt.
Ich liebe Geschichten dieser Art - ich bin mit Geschichten über Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness aufgewachsen, und nichts hätte mich mehr gefreut als selbst einmal so eine unerklärliche Begegnung zu erleben. Gleichzeitig aber hat mich die Liebe zur Wissenschaft dem unbedingten Glauben beraubt, sodass ich immer alles zu erklären versuchte, was ich erlebte. Ich würde erst dann an Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness glauben können, wenn sie sich persönlich bei mir vorstellten.
Ich schlug Eva die Theorie vor, dass ihr der Verstand einen Streich gespielt hatte. Sie hielt es für real, weil es real in ihrer Wahrnehmung gewesen war. Aber was war unsere Wahrnehmung schon anderes als elektrische Signale im Gehirn? Da kann es auch ab und zu eine Fehlzündung geben, argumentierte ich. Zum Beispiel, wenn man im Halbschlaf liegt und plötzlich das Gefühl hat, zu fallen und davon wach wird - und feststellt, sich gar nicht bewegt zu haben. Ich bin kein Gehirnforscher, aber intuitiv würde ich Evas Erlebnisse in die gleiche Kategorie einordnen.
Doch ein Teil von mir möchte die Existenz von Übernatürlichem nicht ausschließen, deshalb nahm ich mir vor, bei Gelegenheit eine Nacht an einen Ort zu verbringen, an dem es laut Eva todsicher Geister gäbe: Die verlassenen Dörfer um Umkreis der Städte, aus denen alle jungen Menschen weggezogen waren und die alten einsam starben.
23.7.
Der Sibirische Sommer zeigte sich von seiner schönsten Seite mit Dauerregen bei 13 Grad, während im europäischen Russland wahrscheinlich schon die 40-Grad-Marke geknackt wurde.
Ich kam gegen 12 aus dem Bett - ich litt ein wenig unter einem Jetlag ohne geflogen zu sein.
Ilya schlief, und ich wusch leise das Geschirr ab, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, aber ich wollte nett sein, und es war kein rechtes Wetter zum Spazieren. Eva war auf Arbeit und würde erst am Abend heimkommen.
Ilya stand gegen 13 Uhr auf. Ich fragte ihn, ob er etwas essen wollte, was er heute machen wollte, und ob er vielleicht etwas aus dem Supermarkt wollte? Nein, er wollte wohl in aller erster Linie seine Ruhe, oder positiver ausgedrückt: Er war ein guter, bescheidener Junge.
Eva wohnte an einer großen Straße mit vielen Einkaufszentren. Ich hatte bei ihr keinen Regenschirm finden können und sah mich im erstbesten Einkaufszentrum nach Schirmen um, aber seltsamerweise gab es keine, trotz des offenbar normalen Sommerregenwetters. Wahrscheinlich besaß jeder Einwohner Novosibirsk bereits eine ganze Sammlung Regenschirme und der Markt war gesättigt.
Ich nahm einen Bus um vielleicht trotz des Regens im Zentrum ein paar schöne Dinge zu entdecken. Wie gewohnt wählte ich zielsicher die falsche Richtung. Ich kann machen, was ich will, wenn ich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in eine bestimmte Richtung fahren will, kann ich sicher sein, dass ich erst in der falschen Richtung unterwegs bin. Das System lässt sich jedoch nicht austricksen - steige ich bewusst in die Richtung ein, die ich nicht gewählt hätte, wenn ich nicht versucht hätte, das System auszutricksen, war es trotzdem die falsche Richtung. Aber so lernte ich wenigstens die Stadt kennen. Und es war trocken im Bus.
Aus irgendeinem Grund klebte ein 10-Rubel-Stück am Boden des Busses. Darauf war ich in Jekaterinburg schon reingefallen, auf der Treppe eines Einkaufszentrums.
Ich stieg an irgendeinem Supermarkt aus und kaufte mir ein Mittagessen, stieg in den Bus in die Gegenrichtung ein und an einer Metro-Station aus, denn sie führte laut Evas Beschreibung direkt ins Zentrum. In der Metro stieg ich natürlich wieder in die falsche Richtung, aber ich wollte sowieso die einzelnen Stationen sehen, denn die sowjetischen Metro-Stationen waren unterirdische Paläste. In Novosibirsk waren sie jedoch kein Vergleich zu Moskau oder Taschkent; ich entdeckte nur eine beeindruckende Station mitbunten Glasmosaiken, die verschiedene Städte Sibiriens darstellten.
Es hörte den ganzen Tag nicht auf zu regnen. Die Straßen und Fußwege waren mit tiefen Pfützen bedeckt, und wenn ich kurz unaufmerksam war, weil ich in der Gegend umher schaute, trat ich mit Sicherheit schon wieder in eine Pfütze. Ich war froh, nicht nur meine Sandalen und Sommerkleidung mitgenommen zu haben, und dass meine Jacke etwas Regen abhielt.
Trotz des schlechten Wetters fanden eine ganze Menge Hochzeiten statt; das das man an den Limousinen, die das berühmte Opernhaus umzingelten. Dort ließ jedes Brautpaar Fotos von sich schießen; alle hatten professionelle Fotografen angeheuert, der ihnen Regieanweisungen gab, wie sie durch den Säulengang zu schlendern hatten.
Novosibirsk war keine besonders romantische Stadt, die Millionenstadt war zu groß für meinen Geschmack, und breite Autobahnen zogen sich hindurch. Mitten auf einer dieser breiten Straßen stand wie eine Insel eine kleine golden verzierte Kapelle.
Ich verschwand ab und zu in einem Supermarkt um der Kälte zu entgehen. Dima schrieb mir per SMS, in Izhevsk sollten es heute 37 Grad werden. Langsam wünschte ich mir doch die Hitze zurück. Ganze Wasserfälle liefen mir von der Brille hinunter, und von meinem nassen Haar in den Nacken hinein. Ich rettete mich in Unterführung und machte Kriegsrat. Es war einfach nur Museumswetter - war da nicht eine Reklame von einer Mark-Chagall-Ausstellung gewesen?
Es war nicht weit, ich fand es schnell; sie war im Stadtgeschichtlichem Museum untergebracht. Ich kaufte mir ein Ticket für sämtliche Ausstellungen in diesem Museum und richtete mich auf einen langen Nachmittag darin ein.
Nun, Chagall war enttäuschend; es waren nur Bibelthemen-Skizzen ausgestellt, aber die urgeschichtliche Ausstellung für nur 25 Rubel war faszinierend; sie zeigte die Entwicklung in dieser Gegend von der Stein- und Bronzezeit über das traditionelle Leben der offenbar mongolischen und buddhistischen Urbevölkerung bis hin zur Revolution und dem zweiten Weltkrieg. Besonders faszinierte mich eine alte Landkarte, die teils auf russisch, aber teils auch in einem alten Holländisch beschriftet war, zum Beispiel mit der Überschrift "van het landt en stadt".
Das Museum schloss um 17 Uhr und ich wurde nach draußen gekehrt. Zuerst ging ich in einen Buchladen, doch dann beschloss ich, es aufzugeben und zum Fußaufwärmen heimzufahren. Eva würde noch bis mindestens 21 Uhr in einem Meeting sein, aber um diese Zeit sollte Ilya auch schon wieder zu Hause sein - Eva hatte erst mir den Zweitschlüssel geben wollen, aber ich meinte, ich wäre eh die meiste Zeit draußen unterwegs, Ilya könne ihn behalten.
Und ich war länger draußen unterwegs als ich erst gedacht hatte - natürlich, weil ich den Bus in die falsche Richtung nahm, dabei war ich mir diesmal so sicher gewesen, richtig zu sein.
Ich kam direkt in die Rush-Hour. Der Bus steckt im Verkehr fest, und ich war eingeklemmt zwischen einem Trinker und einer nervösen Zuckerin. Nach einigen Minuten des kompletten Stillstands betätigte diese Frau den Notknopf um die Tür zu öffnen und hetzte in Richtung eines Bahnhofs davon. Da wurde mir erst bewusst, dass ich in der falschen Richtung unterwegs war.
So überquerte ich nun aber auch den Fluss Ob, über den viele lange Brücken führten, kam über eine Marx-Straße in einen interessanten Stadtteil, der mich an Dresden-Neustadt erinnerte. Dass es gerade aufgehört hatte zu regnen, nahm ich als Zeichen, hier noch ein wenig spazieren zu gehen. Viele Busse mit Nummern im Tausender-Bereich sausten an mir vorbei, und ich lachte froh auf, als ich die Nummer 1337 sah. Den musste ich aus Nerd-Gründen noch mal erwischen und fotografieren.
Doch es kam kein zweiter, auch gut 15 Minuten später nicht. Ich dachte schon, mich geirrt zu haben und in Wirklichkeit die 1331 gesehen zu haben, doch dann kam er, als ich gerade die Straße zur Metro überqueren wollte. Der Fahrer schaute nur mit einem Fragezeichen im Gesicht zu mir hin, weshalb ich ihn fotografierte, aber das konnte man einem normalen Menschen nicht erklären ohne noch mehr Fragezeichen zu verursachen.
Ich nahm also die Metro zurück, stieg im Zentrum noch mal raus, fand, dass innerhalb von zwei Stunden die Stadt nicht interessanter geworden war, und ging Abendessen einkaufen. Mein Rucksack platzte schon fast von den vielen sinnlosen Einkäufen, die ich gemacht hatte um meine Aufenthalte im Supermarkt zum Aufwärmen zu rechtfertigen.
Nun fand ich sofort heim, aber niemand zu Hause. Gerade als ich es mir vor der Tür gemütlich machte, kam Ilya um die Ecke und nahm wohlerzogen meine Einkaufstüte und trug sie hoch. Es war nun schon 20:30 - ich hatte gut die Zeit vertrödelt.
Eva kam kurz nach 21 Uhr und kochte uns die Pelmeni, aß aber selbst nichts, weil sie auf einer speziellen Diät war, die nur kleine Malzeiten über den Tag verteilt vorsah. Als sie aber sah, mit welchem Genuss ich die Pelmeni mit der sauren Sahne saß, genehmigte sie sich auch ein paar davon. Dazu tranken wir Erdbeerlikör, und sie schenkte mir eine Flasche Zedernölschnaps aus Sibirien, das am besten in einem heißen Getränk schmecke, erklärte sie dazu. Die Flasche war nicht groß, aber nun lag ich über der zulässigen Menge Alkohol, die man nach Deutschland einführen durfte, denn ich wollte einen halben Liter Nemiroff Birkenwodka für meine Eltern und einen halben Liter Kalaschnikow-Wodka für meine Willkommen-Zurück-Party mitbringen.
Ich beschloss dieses Problem durch Ignorieren des Problems zu lösen. So arbeiten Informatiker: Probleme werden behandelt, wenn sie auftreten.
Eva schnitt eine Honigmelone auf, und dann zogen wir uns wieder in das Gästezimmer zurück, lagen auf dem Bettsofa, aßen einen Käsezopf, obwohl das gegen Evas Diät ging, und diskutierten wieder über Geister. In der Nacht war ich nicht von Geistern heimgesucht worden, sondern von viel irdischeren Mücken, die mich sogar in den Ringfinger bissen, der daraufhin anschwoll. In Sibirien fraßen Insekten Menschen, hatte irgendjemand erzählt. In den Gefangenlagern hätten Insekten die Menschen bis auf die Knochen abgenagt, der ganze Körper sei von ihnen bedeckt gewesen... Irgendwie wollte ich noch nicht schlafen, obwohl Eva schon ins Bett gegangen war. Ich widmete mich etwas Origami und wartete auf... irgendetwas.
24.7.
Der Plan war gewesen, etwas früher aufzustehen um zu Evas Schwester zu besuchen - um ihr Englisch beizubringen. Dann wurde es doch nur um 10 als Eva aufwachte und mich weckte. Nach einer schnellen Dusche und ohne Frühstück verließen wir das Hause - waren uns doch ähnlicher als es gestern den Anschein gehabt hatte, und ich gewann auch langsam mehr Energie zum Gegenhalten gegen ihr energetisches Auftreten. Eva hatte festgestellt, dass wir nie aufhörten zu quatschen, außer denn wir schliefen.
Wir spazierten im überraschend sommerlichen Wetter bei glühender Sonne und 25 Grad zur Metro - dummerweise hatte ich gerade gestern die Sonnencreme aus dem Rucksack genommen, die ich sonst immer mit mir herumgetragen hatte. Dadurch dass es eine Hauptverkehrsstraße war, wirkte die plötzliche Hitze noch drückender.
In der Metrostation lud Eva ihr Telefon an einem der vielen dafür vorgesehenen Automaten auf, die sich immer unten in den Metrostationen befanden, genau wie Geldautomaten - während ich die Marken kaufte, mit denen man durch das Drehkreuz kam; sie wurden auch hier wie in Istanbul Jetons genannt, wahrscheinlich aus dem Französischen, jedenfalls begann das Hin und Her, wer wem die jeweilige Fahrt spendieren durfte.
Wir stiegen an der schönsten Metrostation aus und ich knipste eilig Fotos der Glasmosaike, und war froh, gestern deswegen nicht extra ausgestiegen zu sein. Eva erzählte mir von den Städten, die darauf abgebildet waren - Tomsk sei einen Besuch wert, es sei eine alte europäische Stadt mitten in Sibirien.
Als wir die Metrostation verließen, kamen wir am Ufer des Ob heraus und hatten einen schönen Blick auf die vielen Brücken. Von hieraus nahmen wir einen Minibus zu einem Satellitenstädtchen namens Akademikerstädtchen, das mir Eva unbedingt zeigen wollte. Es sei der schönste Teil Novosibirsks. Es war als neues Forschungszentrum außerhalb der Zentren in Moskau und Petersburg gegründet worden und bestand nicht nur aus Instituten, sondern bot auch Wohnfläche im Grünen, Cafes und Bars... es war perfekt für Studenten, und für uns zum Spazieren. Die größte Sehenswürdigkeit war wohl das Haus, an dem ein Hamsterkäfig, ein Springbrunnen, Blumentöpfe und ein Windrad aus leeren Wasserflaschen gebaut worden waren - aber es war weder Hamster noch Wasser zu sehen.
Wir kehrten in eine Pizzeria auf dem Weg ein; Eva bestellte neben klassischer Pizza türkische Pizza, die hier mit saurer Sahne gegessen wurde. Dazu tranken wir den leckersten Eistee, den ich je probiert hatte: Mit Erdbeergeschmack. Es schien die Modefrucht dieses Jahr gewesen zu sein, nach dem Motto "Zurück zu Altbewehrtem".
Das Akademikerstädtchen hatte wirklich eine eigene Atmosphäre, und es gab eine ganze Menge englisch sprechender Leute, in der Pizzeria war es eine ganze Schulklasse.
Nicht weit entfernt, sodass wir zu Fuß hingehen konnten, befand sich ein Stausee des Ob, den Eva das "Meer" nannte, und tatsächlich war das Reservoir riesig, mit einer bewaldeten Insel und besaß am Ufer einen breiten Badestrand, sogar mit Umkleide und Imbissbuden, wie ein richtiger Strand. Nur schade, dass es hier nur einen Monat pro Jahr richtig warm war.
Es wirkte sehr einladend.
Ich hatte meinen Bikini noch im Rucksack und ging mich umziehen, aber Eva sprang spontan im T-Shirt ins Wasser.
Das Wasser war eisig, aber angenehm - ich blieb nur 15 Minuten drin um mich dann im heißen Sand aufzuwärmen, während Eva noch schwimmen war.
Ich hatte kein Handtuch, dabei, deswegen bedeckte ich mich vollständig mit Sand und warte in der Sonne bis der getrocknete Sand von mir abfiel. Ich sammelte ein paar Flusssteinchen für meinen Cousin, der eine Steinweltkarte erstellen wollte. In Izhevsk hatte ich nie welche gefunden, immer nur Sand; und am Baikal gäbe es zu viele heilige Orte, von denen man zusammen mit dem Stein einen Fluch mitnähme, erzählte Eva. Sie kannte viele Legenden; sie erzählte, Angara, der einzige abfließende Fluss aus dem Baikalsee sei ein fliehendes Mädchen gewesen, das den Mann nicht heiraten wollte, den Vater Baikal für sie vorgesehen hätte - das erzürnte ihren Vater, der seine drei Söhne ihr hinterher schickte, aber sie wollten die Tochter nicht zurück bringen und wurden in Steine verwandelt - die noch immer am Ufer des Flusses stehen, der nun trotz allem mit seinem Geliebten Jenissej zusammenfloss. So oder so ähnlich.
Die vorherrschenden Religionen in dieser Gegend waren Schamanismus und Buddhismus, erzählte Eva, und ich solle unbedingt einen buddhistischen Tempel auf einem Hügel bei Ulan Ude besuchen. Diese Wegbeschreibung klang so geheimnisvoll wie alles, was ich dort vorzufinden erwartete.
Wir hatten die Zeit und vor allem Evas Schwester ganz vergessen - sie rief and machte sich Sorgen, wo wir denn blieben, so gingen wir nass wie wir waren - Eva im nassen T-Shirt und ich im Bikini - zurück die Eisenbahnbrücke hinauf, die Straße hoch und trockneten in der Sonne. Ein Freund rief an, er hatte sie aus dem Minibus heraus gesehen und fragte, wie es mit ihrem Plan stand, ihn zu verkuppeln und wer das Mädchen neben ihr war. Dann verursachte ich beinahe einen Auffahrunfall und Eva meinte, ich sollte besser was überziehen.
Ich sollte ein Buch schreiben: "Die Russland-Diät - ohne Diät zu machen in nur 5 Monaten zur idealen Bikinifigur.
Es war immer noch ziemliches Stück zu Evas Schwester, sodass wir dort trocken ankamen. Irina und Eva waren wie Tag und Nacht, ich fand keine Ähnlichkeit, weder im Aussehen noch im Charakter. Sie schienen auch keine enge Beziehung miteinander zu führen, und Eva bestätigte es später. Irina bereite Tee und Butterbrote zu, bot selbstgemachte Marmelade an und ließ mich im Internet surfen, während sie mit Eva einige Englischnotizen durchging. Ich kam später dazu um gemeinsam auf Englisch zu sprechen. Sie sollte sehen, dass es tatsächlich nützlich für sie sein konnte, die Sprache besser zu beherrschen. Dann ließ uns Eva allein, doch Irina schämt sich, und wenn sie etwas nicht verstand, und rief sie sofort nach Eva, aber ich ermutigte sie, es allein zu versuchen und nutze andere Worte zum Ausdrücken meiner Fragen. Ich glaube, ich bin ein besserer Lehrer als ich ein Schüler bin - hätten wir auf Russisch gesprochen, hätte ich wohl auch nach Eva gerufen.
Es wurde unversehens spät, und wir entschieden uns, besser aufzubrechen um den Zug nicht verpassen und noch mit Anton Tee trinken zu können.
Wir waren vorhin nicht an einer Haltestelle ausgestiegen, sondern an einer Kreuzung, weil Eva den Fahrer gebeten hatte, dort anzuhalten. Das war in Russland noch relativ üblich, und wurde normalerweise hauptsächlich von älteren Frauen praktiziert, oder von Leuten, die es wirklich eilig hatten.
Nicht weit entfernt parkten dennoch einige Minibusse. Eva fragte freundlich nach, ob sie dorthin fuhren, wohin wir wollen, aber die Fahrer meinten, sie parkten nur. Ein besonders freundlicher Fahrer bot uns jedoch an einzusteigen und brachte uns kostenlos vom Stellplatz zur richtigen Bushaltestelle ein Stück von hier entfernt, nachdem er zwei Minuten lang vergeblich versuchte den Motor zu starten.
Im nächsten Minibus raste der Fahrer völlig lebensmüde; wir hielten uns aneinander fest und versuchten uns irgendwie abzulenken - das war aber gar nicht so einfach bei dem ganzen Hupen, Ausweichen und den quietschenden Bremsen. Es war schon weithin böse, wenn sogar echte Russen Angst im Straßenverkehr bekamen.
An der ersten Metro stiegen wir mit weichen Knien aus. Für die ganze Strecke hatte der Fahrer statt 40 nur 20 Minuten gebraucht. Trotzdem sagte Anton ab, es war ihm zu spät geworden, oder er hatte wohl doch andere Pläne gemacht.
Wir wollten uns allein ein schönes Abendbrot machen. Es waren noch Pelmeni übrig, außerdem Bouillon von den Pelmeni gestern. Wir gingen in den winzigen Gemüseladen in der Nähe von Evas Wohnung, deren Besitzer sie offenbar kannte und sich anschreiben ließ, da sie gerade nicht genug Geld dabei hatte. Auch ihr Sohn ließ hier anschreiben, stellten sie bei einem Blick durch das Buch fest. Eva wollte nicht nur Gemüse kaufen, sondern viel Obst um es mit Schokolade zu glasieren.
In der Nacht hatten wir das Pelmeni-Wasser auf Herd vergessen; es roch seltsam nach Spülwasser, sodass wir es wegkippten und neue Pelmeni kochen - es wurde sehr viel Essen, bestimmt noch genug für morgen. In die kochenden Pelmeni schnitt Eva die Kartoffeln hinein und ließ für den Geschmack russische Riesenpetersilie mitkochen. Kleine, stark gerüschte Petersilie wie bei uns gab es hier nicht.
Eva erhitzte die Schokolade im Wasserbad und tunkte mit viel Vorfreude die Pfirsich- und verschiedenen Melonenstückchen hinein. Das ganz kam dann in den Kühlschrank - es war nicht mehr viel Zeit bis mein Zug fuhr, aber bis wir fertig mit dem Hauptgang waren, war der Nachtisch kalt genug. Bei Eva hatte ich so unglaublich gut gegessen wie schon lange nicht mehr, und die Idee mit dem direkte Zusammenkochen des Gemüses mit den Pelmeni wollte ich mir merken und selbst mal ausprobieren - genau wie Eva noch nie auf den Gedanken gekommen war, das Pelmeni-Wasser zu nutzen um eine Suppe daraus zu kochen. So bereichert man sich gegenseitig kulturell.
Nun musste ich mich mit dem Packen beeilen, weil wir kein Auto hatte um zum Bahnhof zu kommen. Eva schenkte einen alten Gürtel, dass mir die Hose nicht mehr so rutschte. Sie wollte mir auch ein anderes Gürtel-Asseoir schenken, das man nur über den Pullover um die Taille trug, aber es hatte nicht genug Löcher für mich.
Ich sagte mein "Poka zu Ilya, trug allein Koffer runter - denn es ging leichter als zu zweit, und so schwer war er auch nicht mehr, seit wir die Flasche Wodka in Jekaterinburg geleert hatten. Eva hatte Outfit geändert und stellte fest, dass Flipflops nicht so gut zum Koffertragen geeignet waren, deshalb ließ sich mich gewähren.
Wir nahmen den Bus zusammen. Eva hatte erst jetzt die Origami-Figuren entdeckt, die ich in der Nacht gebastelt hatte, aber bestand darauf, dass ich ihr zeigte, wie ich das gemacht hatte, und so begannen wir gemeinsam im schwankenden Bus mit den verklebten Sitzen zu basteln.
Erst am Bahnhof wurde es schwierig, den Koffer zwischen all den Menschen die Treppen hochzubefördern. Ein freundlicher Kerl bot Hilfe an, dachte ich zumindest, aber Eva meinte, der wollte Geld. Sie sagte ihm, seine Hilfe sei nicht nötig, und er ließ den Koffer gehen.
Wir waren halbe Stunde zu früh dran, aber Zug war schon angeschrieben Novosibirsk - Wladiwostok. Es war ein dichtes Gedränge, und wir mussten sehr lang laufen bis wir Wagon 18 erreicht hatten.
Mein Platz war wieder seitlich, aber unten und ausnahmsweise nicht an der Toilette.
Meine Sitznachbarn unternehmen keinerlei Kontaktversuche; es schien eine verschworene kleine Gruppe zu sein. Eva hatte mich noch hinein begleitet bat zwei Kerle meinen Koffer hinauf ins Gepäckfach zu stemmen.
Es wurde eine lange Verabschiedung, wir versprachen uns innig uns wiedersehen und gemeinsam irgendwohin zu reisen. Dann war auch Novosibirsk schon vorbei.
Ich schlief lange nicht ein, meine Freunde in Izhevsk vermissend.
Die Nacht im Zug verlief ruhiger, wenn mich nicht gerade ein schlaftrunkener Fahrgast auf dem Weg zur Toilette rammte und die Tür zuknallte. Ich hatte das letzte verfügbare Ticket für diesen Zug zu diesem Verkaufszeitpunkt erhalten, und das galt nun mal für den unbeliebtesten Platz direkt an der Toilette, in Hör- und Geruchsweite praktisch. Es war die Hochsaison der Reisezeit, und ich fuhr bereits auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn, wenn auch nicht in dem berühmten Zug selbst - beziehungsweise sollte man sagen: in den berühmten Zügen, denn der als Transsib gekannte Zug besteht aus den Zuglinien 1 und 2, von Moskau nach Wladiwostok, und zurück von Wladiwostok nach Moskau. Auf dieser Strecke war ein Zug 8 Tage lang unterwegs, und alle zwei Tage fuhr er aus jeden beiden Städten ab. Ich war in einer billigeren Zuglinie unterwegs, die nicht bis Wladiwostok durchfuhr. Als Faustregel konnte man sagen, dass die Nummer des Zugs den Grad des Luxus darin anzeigt - so sind die besten Züge Nummer 1 und 2, die auch immer von Touristen gebucht werden; dann gibt es die Züge, die noch OK sind - die reichen bis in die Hunderter-Nummern, und dann gibt es die Tausender-Nummern, die man als verwöhnter Tourist mit europäischen Standards meiden sollte.
Nun fuhr ich direkt ins Herz Sibiriens, seine Hauptstadt: Novosibirsk. Sie lag nur einen Tag von Jekaterinburg entfernt - so rechnet man Entfernungen in Russland, nicht etwa in Kilometern, sondern in Tagen. Durch das Fenster sah ich die seltsamste Landschaft vorbeiziehen: Nackte Birkenwälder ohne Blätter, die sich wie ein flaches Gebirge in einigen hundert Metern Entfernung zeigten, dazwischen standen einzelne belaubte Bäume. Ich konnte mir nicht erklären, wie so etwas zustande kommen konnte.
Im Bett unter mir saß eine nette Oma, die den Namen Galya trug. Sie fordert mich auf, aus dem Bett zu kommen um mit ihr zu Mittag zu essen und Tee zu trinken.
Man kann alten Leuten in Russland nichts abschlagen - sie sind echte Respektspersonen. Ich holte mir also Teewasser aus dem öffentlichen Samowar, der sich am Anfang von jedem Wagon befand - wie in den alten Zeiten, und wahrscheinlich noch aus den alten Zeiten stammend, denn er wurde immer noch mit Kohlen beheizt. Durch die offene Kesseltür konnte man ins Innere sehen.
Das Wasser war kochend heiß, und als ich den vollen Becher durch den schwankenden Zug balancierte, verbrannte ich mir folglich und vollkommen logischerweise die Hände. Innerlich fluchend stellte ich den Becher auf dem kleinen Tischchen unter meinem Bett auf und ging auf die Toilette um kaltes Wasser über meine Hände laufen zu lassen. Der Wasserhahn war so konstruiert, dass man ihn ständig gedrückt halten musste um Wasser daraus zu erhalten. Besonders kühl war es nicht, aber das Fenster stand offen um den Geruch im Raum zu mildern, also hielt ich meine nassen Hände aus dem Fenster und ließ sie vom Fahrtwind kühlen.
Als ich zurück zu Galya kam, hatte sie schon sämtliche Vorräte ausgepackt, die sie dabei hatte: Von Quarktaschen, Kartoffeln und seltsamen grauen Fleischstückchen bis hin zu essbarem Gebäck. Ich holte meine Vorräte dazu und wir begannen uns ein wenig zu unterhalten - soweit es meine Russischkenntnisse zuließen.
Es war sehr warm im Zug, aber zumindest ließen sich die Fenster in einigen Abteilen öffnen - dort, wo man sie aufgebrochen hatte und eine Flasche dazwischengeklemmt hatte um das Fenster offengehalten.
Wir gingen gemeinsam zum Spazieren nach draußen als ich am Fahrplan die Aufenthaltszeit herausfand: 23 Minuten. Andere Reisende standen noch länger an dem Plakat, waren aber mit dem Umrechnen von der Moskau-Zeit auf dem Fahrplan zur aktuellen Zeit auf ihrer Uhr überfordert. Wir waren Moskau mittlerweile drei Stunden voraus.
Trotz dem Fahrplans war es ratsam, sich nicht zu weit vom Zug zu entfernen, also in Sichtweite der Zugbegleiter zu bleiben, sodass sie einem signalisieren konnten, wenn der Zug zur Abfahrt bereit war. Zum Einkaufen musste man auch nicht weiter als zwei Schritte gehen, denn die Händler brachten ihre Waren wie immer direkt zum Zug. Hier verkauften sie Fische, die durch ihre Köpfe an eine Kette gefädelt waren; andere verkauften gekochte Kartoffeln oder typische Supermarktsnacks in einem kleinen Wägelchen und Bier in 2-Liter-Flaschen. Ein Mädchen in meinem Alter trug einen Pappkarton mit Eiscreme-Packungen in den Händen und pries es laut an. Es musste mittlerweile geschmolzen sein, obwohl es gar nicht so warm draußen war - der sibirische Sommer war um die 10 Grad kühler als im restlichen Russland, hatte ich beim Verfolgen des Reisewetters bemerkt.
Als unser Zug abfuhr, zerstreuten sich die Händler schnell. Viele machten sich nicht die Mühe, bis zum Ende des Bahnsteigs zu laufen um die Schienen über den Übergang zu überqueren - sondern kletterten mitsamt ihrer Waren unter dem neben uns stehenden Zug hindurch.
Es wurde langsam Abend. Der Sonnenuntergang dauerte gut zwei Stunden, bis gegen 22 Uhr das Glühen am Horizont plötzlich zu gewitterartigen Wolken mutierte - in einem Moment waren die Wolken feurig-orange eingefärbt, im anderen waren sie von hinten düster beleuchtet. Das Scheinen wurde immer blasser, wurde zu mehreren langen Streifen, die sich scheinbar endlos am Horizont entlang zogen, und dann zu einem einzigen schwach leuchtenden Band, und dann war es dunkel.
Ich sollte um ein Uhr morgens in Novosibirsk ankommen, aber gegen 22:50 bekam ich plötzlich Zweifel an meiner Uhrzeit, als ich die Lichter einer Vorstadt im Fenster auftauchen sah - hatte ich die Zeit doch falsch umgestellt? Ich fragte meine Nachbarn nach der Uhrzeit, aber die stimmte mit meiner überein. Ich verglich meinen Zeitplan mit meiner Fahrkarte und bemerkte meinen Fehler: Ich hatte ich die Zeitdifferenz von Jekaterinburg zwei mal draufgerechnet. Das hieß, ich würde schon um Mitternacht ankommen.
Ich informierte meine Gastgeberin in Novosibirsk über meinen Fehler, und sie schrieb zurück, es sei kein Problem, sie würde mich um Mitternacht vom Bahnhof abholen.
Galya hatte sie schon für ein Nickerchen hingelegt und stand für mich auf - um mich zu verabschieden. Ich hatte den ganzen Nachmittag Origami-Figuren für sie gebastelt, worüber sie sich sehr gefreut hatte. Sie und unsere Sitznachbarin halfen mir mit dem Gepäck, indem sie einen Mann baten, mir den Koffer hinunter zu heben. Nun hatte ich noch eine halbe Stunde. Wie saßen auf ihrem Bett und hatten den Koffer auf eine der anderen Liegen gehoben, weil die Zugbegleiterin gerade zum Bodenwischen durchkam. Meine Sitznachbarn hatten sich schon für schmutzigen Boden im Zug fremdgeschämt - so etwas konnte man doch nicht von ausländischen Touristen sehen lassen!
Kurz vor der Ankunft wollte ich schon mal meinen Koffer nach vorn zum Ausgang tragen und dann zurückkommen um meinen Rucksack zu holen - für beides zusammen war der Gang einfach zu schmal. Doch - trotz meiner Erklärung, dass ich gleich zurück käme - trug mir Galya den Rucksack hinterher.
Sie kam auch mit nach draußen, als der Zug hielt, und drückte lautstark ihre Sorge aus, wo denn meine "Freundin bliebe. Ich erklärte ihr, dass sie im Bahnhofsgebäude auf mich wartete. Ihrer Beschreibung nach wartete sie unter den Anzeigetafeln, trug etwas weißes, hatte einen attraktiven Mann und einen herumspringenden Teenager dabei.
Ich bedankte mich bei Galya für alles und schleppte den Koffer die Treppen hoch und runter, immer den Schildern "Eingang zum Bahnhof" hinterher - zumindest hoffte ich, dass es "Eingang hieß. Zwischen dem Wort Eingang und Ausgang lag nur ein Unterschied von einem Buchstaben: Wchod und Wychod. Nein, doch, das war eine Vokabel, die ich von Splin gelernt hatte: Wychoda net - kein Weg hinaus.
Eva fand ich sofort auf den erste Blick. Sie stellte mich den anderen vor: Ihrem guten Freund Anton, auf den sie offensichtlich ein Auge geworfen hatte, und ihren Sohn Ilya. Eva umarmte mich wie eine alte Freundin. Wir gingen zum Ausgang, Anton nahm wie selbstverständlich den Koffer und lud ihn in sein japanischem Auto mit Lenkrad auf der falschen Seite und einer Beule an der anderen Seite. Der Wagen war neu, und er war noch nicht an die andere Fahrerseite gewöhnt.
Vor Evas Haustür lud Eva Anton zu einem Tee ein, aber ihm war es schon zu spät am Abend, aber morgen würde er vorbeikommen, meinte er.
Es gab keinen Fahrstuhl in ihrem Haus. Eva und ich - wir beide wollten wir meinen Koffer nach oben tragen - schließlich trugen wir ihn zusammen in die 5. Etage, doch es war mittlerweile leichter für mich, ihn allein zu tragen, weil ich herausgefunden hatte, welche die beiden richtigen beiden Stellen waren, an denen ich ihn anpacken musste. So kam ich problemlos mit dem Gepäck zum Baikalsee und zurück.
Evas Wohnung war chaotisch, aber gemütlich. Wir setzen uns bei Tee und Melone zusammen und stellten fest, dass wir uns gegenseitig im Internet völlig anders eingeschätzt hatte. Sie hatte endlos Energie und ich kam gar nicht zum Reden, und sie fragte mich, warum ich so ruhig sei.
Ihr Sohn brachte uns wohlerzogen Tee und schenkte ihn für uns ein.
Unser Frauengespräch in einer Sprache, die er nur wenig verstand, wurde ihm bald zu langweilig, und er zog sich auf seine Matratze zurück. Sie erzählte mir sofort alles aus ihrem Leben, und ich hörte gern, wenn auch etwas erschöpft, zu.
Ilya wollte bald schlafen, und so gingen wir ins Gästezimmer, das sie für mich hergerichtet hatte: Eine breite Matratze, die in eine ausklappbare Couch mündete. Dort hockten wir bis drei Uhr morgens, und Eva erzählte mir ihre real erlebten Geistergeschichten: Sie sei einmal eine halbe Minute lang in ihrem Bett von einer unsichtbaren Kraft zu Boden gedrückt worden, und ein anderes Mal sei sie von etwas Durchsichtig-Haarigem gebissen worden - sie habe es dann gepackt und festgehalten, und sogar in ihrem Kopf damit gesprochen: "Ich lasse dich los, wenn du mich loslässt, und der tierische Geist habe von ihr abgelassen.
Ich konnte es nicht so recht glauben, aber sie wirkte aufrichtig, als sie es erzählte. Und sie zwar schon der zweite Gastgeber in Folge, der von Geistererscheinungen berichtete, denn auch Artjom hatte mit von einem Schatten erzählt, den er bei seiner früheren Arbeit als Polizeibeamter in der Leichenhalle gesehen habe. Er beschrieb ihn als Schatten, der dunkler war, als das Dunkle, und zu keinem Körper gehörte.
Dazu kam, dass der Glaube an Hausgeister in Russland noch sehr verbreitet war. Angeblich hatte jedes Haus einen eigenen Geist, der Gutes tun konnte, aber wütend wurde, wenn man schlecht über ihn sprach, und dann Schabernack trieb. Artjom war überzeugt gewesen, dass der Geist seines Hauses in seiner Wohnung lebte. Und Eva hatte die Begegnung mit dem ersten Geist in dieser Wohnung gehabt.
Ich liebe Geschichten dieser Art - ich bin mit Geschichten über Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness aufgewachsen, und nichts hätte mich mehr gefreut als selbst einmal so eine unerklärliche Begegnung zu erleben. Gleichzeitig aber hat mich die Liebe zur Wissenschaft dem unbedingten Glauben beraubt, sodass ich immer alles zu erklären versuchte, was ich erlebte. Ich würde erst dann an Geister, Ufos und das Monster von Loch Ness glauben können, wenn sie sich persönlich bei mir vorstellten.
Ich schlug Eva die Theorie vor, dass ihr der Verstand einen Streich gespielt hatte. Sie hielt es für real, weil es real in ihrer Wahrnehmung gewesen war. Aber was war unsere Wahrnehmung schon anderes als elektrische Signale im Gehirn? Da kann es auch ab und zu eine Fehlzündung geben, argumentierte ich. Zum Beispiel, wenn man im Halbschlaf liegt und plötzlich das Gefühl hat, zu fallen und davon wach wird - und feststellt, sich gar nicht bewegt zu haben. Ich bin kein Gehirnforscher, aber intuitiv würde ich Evas Erlebnisse in die gleiche Kategorie einordnen.
Doch ein Teil von mir möchte die Existenz von Übernatürlichem nicht ausschließen, deshalb nahm ich mir vor, bei Gelegenheit eine Nacht an einen Ort zu verbringen, an dem es laut Eva todsicher Geister gäbe: Die verlassenen Dörfer um Umkreis der Städte, aus denen alle jungen Menschen weggezogen waren und die alten einsam starben.
23.7.
Der Sibirische Sommer zeigte sich von seiner schönsten Seite mit Dauerregen bei 13 Grad, während im europäischen Russland wahrscheinlich schon die 40-Grad-Marke geknackt wurde.
Ich kam gegen 12 aus dem Bett - ich litt ein wenig unter einem Jetlag ohne geflogen zu sein.
Ilya schlief, und ich wusch leise das Geschirr ab, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, aber ich wollte nett sein, und es war kein rechtes Wetter zum Spazieren. Eva war auf Arbeit und würde erst am Abend heimkommen.
Ilya stand gegen 13 Uhr auf. Ich fragte ihn, ob er etwas essen wollte, was er heute machen wollte, und ob er vielleicht etwas aus dem Supermarkt wollte? Nein, er wollte wohl in aller erster Linie seine Ruhe, oder positiver ausgedrückt: Er war ein guter, bescheidener Junge.
Eva wohnte an einer großen Straße mit vielen Einkaufszentren. Ich hatte bei ihr keinen Regenschirm finden können und sah mich im erstbesten Einkaufszentrum nach Schirmen um, aber seltsamerweise gab es keine, trotz des offenbar normalen Sommerregenwetters. Wahrscheinlich besaß jeder Einwohner Novosibirsk bereits eine ganze Sammlung Regenschirme und der Markt war gesättigt.
Ich nahm einen Bus um vielleicht trotz des Regens im Zentrum ein paar schöne Dinge zu entdecken. Wie gewohnt wählte ich zielsicher die falsche Richtung. Ich kann machen, was ich will, wenn ich mit einem öffentlichen Verkehrsmittel in eine bestimmte Richtung fahren will, kann ich sicher sein, dass ich erst in der falschen Richtung unterwegs bin. Das System lässt sich jedoch nicht austricksen - steige ich bewusst in die Richtung ein, die ich nicht gewählt hätte, wenn ich nicht versucht hätte, das System auszutricksen, war es trotzdem die falsche Richtung. Aber so lernte ich wenigstens die Stadt kennen. Und es war trocken im Bus.
Aus irgendeinem Grund klebte ein 10-Rubel-Stück am Boden des Busses. Darauf war ich in Jekaterinburg schon reingefallen, auf der Treppe eines Einkaufszentrums.
Ich stieg an irgendeinem Supermarkt aus und kaufte mir ein Mittagessen, stieg in den Bus in die Gegenrichtung ein und an einer Metro-Station aus, denn sie führte laut Evas Beschreibung direkt ins Zentrum. In der Metro stieg ich natürlich wieder in die falsche Richtung, aber ich wollte sowieso die einzelnen Stationen sehen, denn die sowjetischen Metro-Stationen waren unterirdische Paläste. In Novosibirsk waren sie jedoch kein Vergleich zu Moskau oder Taschkent; ich entdeckte nur eine beeindruckende Station mitbunten Glasmosaiken, die verschiedene Städte Sibiriens darstellten.
Es hörte den ganzen Tag nicht auf zu regnen. Die Straßen und Fußwege waren mit tiefen Pfützen bedeckt, und wenn ich kurz unaufmerksam war, weil ich in der Gegend umher schaute, trat ich mit Sicherheit schon wieder in eine Pfütze. Ich war froh, nicht nur meine Sandalen und Sommerkleidung mitgenommen zu haben, und dass meine Jacke etwas Regen abhielt.
Trotz des schlechten Wetters fanden eine ganze Menge Hochzeiten statt; das das man an den Limousinen, die das berühmte Opernhaus umzingelten. Dort ließ jedes Brautpaar Fotos von sich schießen; alle hatten professionelle Fotografen angeheuert, der ihnen Regieanweisungen gab, wie sie durch den Säulengang zu schlendern hatten.
Novosibirsk war keine besonders romantische Stadt, die Millionenstadt war zu groß für meinen Geschmack, und breite Autobahnen zogen sich hindurch. Mitten auf einer dieser breiten Straßen stand wie eine Insel eine kleine golden verzierte Kapelle.
Ich verschwand ab und zu in einem Supermarkt um der Kälte zu entgehen. Dima schrieb mir per SMS, in Izhevsk sollten es heute 37 Grad werden. Langsam wünschte ich mir doch die Hitze zurück. Ganze Wasserfälle liefen mir von der Brille hinunter, und von meinem nassen Haar in den Nacken hinein. Ich rettete mich in Unterführung und machte Kriegsrat. Es war einfach nur Museumswetter - war da nicht eine Reklame von einer Mark-Chagall-Ausstellung gewesen?
Es war nicht weit, ich fand es schnell; sie war im Stadtgeschichtlichem Museum untergebracht. Ich kaufte mir ein Ticket für sämtliche Ausstellungen in diesem Museum und richtete mich auf einen langen Nachmittag darin ein.
Nun, Chagall war enttäuschend; es waren nur Bibelthemen-Skizzen ausgestellt, aber die urgeschichtliche Ausstellung für nur 25 Rubel war faszinierend; sie zeigte die Entwicklung in dieser Gegend von der Stein- und Bronzezeit über das traditionelle Leben der offenbar mongolischen und buddhistischen Urbevölkerung bis hin zur Revolution und dem zweiten Weltkrieg. Besonders faszinierte mich eine alte Landkarte, die teils auf russisch, aber teils auch in einem alten Holländisch beschriftet war, zum Beispiel mit der Überschrift "van het landt en stadt".
Das Museum schloss um 17 Uhr und ich wurde nach draußen gekehrt. Zuerst ging ich in einen Buchladen, doch dann beschloss ich, es aufzugeben und zum Fußaufwärmen heimzufahren. Eva würde noch bis mindestens 21 Uhr in einem Meeting sein, aber um diese Zeit sollte Ilya auch schon wieder zu Hause sein - Eva hatte erst mir den Zweitschlüssel geben wollen, aber ich meinte, ich wäre eh die meiste Zeit draußen unterwegs, Ilya könne ihn behalten.
Und ich war länger draußen unterwegs als ich erst gedacht hatte - natürlich, weil ich den Bus in die falsche Richtung nahm, dabei war ich mir diesmal so sicher gewesen, richtig zu sein.
Ich kam direkt in die Rush-Hour. Der Bus steckt im Verkehr fest, und ich war eingeklemmt zwischen einem Trinker und einer nervösen Zuckerin. Nach einigen Minuten des kompletten Stillstands betätigte diese Frau den Notknopf um die Tür zu öffnen und hetzte in Richtung eines Bahnhofs davon. Da wurde mir erst bewusst, dass ich in der falschen Richtung unterwegs war.
So überquerte ich nun aber auch den Fluss Ob, über den viele lange Brücken führten, kam über eine Marx-Straße in einen interessanten Stadtteil, der mich an Dresden-Neustadt erinnerte. Dass es gerade aufgehört hatte zu regnen, nahm ich als Zeichen, hier noch ein wenig spazieren zu gehen. Viele Busse mit Nummern im Tausender-Bereich sausten an mir vorbei, und ich lachte froh auf, als ich die Nummer 1337 sah. Den musste ich aus Nerd-Gründen noch mal erwischen und fotografieren.
Doch es kam kein zweiter, auch gut 15 Minuten später nicht. Ich dachte schon, mich geirrt zu haben und in Wirklichkeit die 1331 gesehen zu haben, doch dann kam er, als ich gerade die Straße zur Metro überqueren wollte. Der Fahrer schaute nur mit einem Fragezeichen im Gesicht zu mir hin, weshalb ich ihn fotografierte, aber das konnte man einem normalen Menschen nicht erklären ohne noch mehr Fragezeichen zu verursachen.
Ich nahm also die Metro zurück, stieg im Zentrum noch mal raus, fand, dass innerhalb von zwei Stunden die Stadt nicht interessanter geworden war, und ging Abendessen einkaufen. Mein Rucksack platzte schon fast von den vielen sinnlosen Einkäufen, die ich gemacht hatte um meine Aufenthalte im Supermarkt zum Aufwärmen zu rechtfertigen.
Nun fand ich sofort heim, aber niemand zu Hause. Gerade als ich es mir vor der Tür gemütlich machte, kam Ilya um die Ecke und nahm wohlerzogen meine Einkaufstüte und trug sie hoch. Es war nun schon 20:30 - ich hatte gut die Zeit vertrödelt.
Eva kam kurz nach 21 Uhr und kochte uns die Pelmeni, aß aber selbst nichts, weil sie auf einer speziellen Diät war, die nur kleine Malzeiten über den Tag verteilt vorsah. Als sie aber sah, mit welchem Genuss ich die Pelmeni mit der sauren Sahne saß, genehmigte sie sich auch ein paar davon. Dazu tranken wir Erdbeerlikör, und sie schenkte mir eine Flasche Zedernölschnaps aus Sibirien, das am besten in einem heißen Getränk schmecke, erklärte sie dazu. Die Flasche war nicht groß, aber nun lag ich über der zulässigen Menge Alkohol, die man nach Deutschland einführen durfte, denn ich wollte einen halben Liter Nemiroff Birkenwodka für meine Eltern und einen halben Liter Kalaschnikow-Wodka für meine Willkommen-Zurück-Party mitbringen.
Ich beschloss dieses Problem durch Ignorieren des Problems zu lösen. So arbeiten Informatiker: Probleme werden behandelt, wenn sie auftreten.
Eva schnitt eine Honigmelone auf, und dann zogen wir uns wieder in das Gästezimmer zurück, lagen auf dem Bettsofa, aßen einen Käsezopf, obwohl das gegen Evas Diät ging, und diskutierten wieder über Geister. In der Nacht war ich nicht von Geistern heimgesucht worden, sondern von viel irdischeren Mücken, die mich sogar in den Ringfinger bissen, der daraufhin anschwoll. In Sibirien fraßen Insekten Menschen, hatte irgendjemand erzählt. In den Gefangenlagern hätten Insekten die Menschen bis auf die Knochen abgenagt, der ganze Körper sei von ihnen bedeckt gewesen... Irgendwie wollte ich noch nicht schlafen, obwohl Eva schon ins Bett gegangen war. Ich widmete mich etwas Origami und wartete auf... irgendetwas.
24.7.
Der Plan war gewesen, etwas früher aufzustehen um zu Evas Schwester zu besuchen - um ihr Englisch beizubringen. Dann wurde es doch nur um 10 als Eva aufwachte und mich weckte. Nach einer schnellen Dusche und ohne Frühstück verließen wir das Hause - waren uns doch ähnlicher als es gestern den Anschein gehabt hatte, und ich gewann auch langsam mehr Energie zum Gegenhalten gegen ihr energetisches Auftreten. Eva hatte festgestellt, dass wir nie aufhörten zu quatschen, außer denn wir schliefen.
Wir spazierten im überraschend sommerlichen Wetter bei glühender Sonne und 25 Grad zur Metro - dummerweise hatte ich gerade gestern die Sonnencreme aus dem Rucksack genommen, die ich sonst immer mit mir herumgetragen hatte. Dadurch dass es eine Hauptverkehrsstraße war, wirkte die plötzliche Hitze noch drückender.
In der Metrostation lud Eva ihr Telefon an einem der vielen dafür vorgesehenen Automaten auf, die sich immer unten in den Metrostationen befanden, genau wie Geldautomaten - während ich die Marken kaufte, mit denen man durch das Drehkreuz kam; sie wurden auch hier wie in Istanbul Jetons genannt, wahrscheinlich aus dem Französischen, jedenfalls begann das Hin und Her, wer wem die jeweilige Fahrt spendieren durfte.
Wir stiegen an der schönsten Metrostation aus und ich knipste eilig Fotos der Glasmosaike, und war froh, gestern deswegen nicht extra ausgestiegen zu sein. Eva erzählte mir von den Städten, die darauf abgebildet waren - Tomsk sei einen Besuch wert, es sei eine alte europäische Stadt mitten in Sibirien.
Als wir die Metrostation verließen, kamen wir am Ufer des Ob heraus und hatten einen schönen Blick auf die vielen Brücken. Von hieraus nahmen wir einen Minibus zu einem Satellitenstädtchen namens Akademikerstädtchen, das mir Eva unbedingt zeigen wollte. Es sei der schönste Teil Novosibirsks. Es war als neues Forschungszentrum außerhalb der Zentren in Moskau und Petersburg gegründet worden und bestand nicht nur aus Instituten, sondern bot auch Wohnfläche im Grünen, Cafes und Bars... es war perfekt für Studenten, und für uns zum Spazieren. Die größte Sehenswürdigkeit war wohl das Haus, an dem ein Hamsterkäfig, ein Springbrunnen, Blumentöpfe und ein Windrad aus leeren Wasserflaschen gebaut worden waren - aber es war weder Hamster noch Wasser zu sehen.
Wir kehrten in eine Pizzeria auf dem Weg ein; Eva bestellte neben klassischer Pizza türkische Pizza, die hier mit saurer Sahne gegessen wurde. Dazu tranken wir den leckersten Eistee, den ich je probiert hatte: Mit Erdbeergeschmack. Es schien die Modefrucht dieses Jahr gewesen zu sein, nach dem Motto "Zurück zu Altbewehrtem".
Das Akademikerstädtchen hatte wirklich eine eigene Atmosphäre, und es gab eine ganze Menge englisch sprechender Leute, in der Pizzeria war es eine ganze Schulklasse.
Nicht weit entfernt, sodass wir zu Fuß hingehen konnten, befand sich ein Stausee des Ob, den Eva das "Meer" nannte, und tatsächlich war das Reservoir riesig, mit einer bewaldeten Insel und besaß am Ufer einen breiten Badestrand, sogar mit Umkleide und Imbissbuden, wie ein richtiger Strand. Nur schade, dass es hier nur einen Monat pro Jahr richtig warm war.
Es wirkte sehr einladend.
Ich hatte meinen Bikini noch im Rucksack und ging mich umziehen, aber Eva sprang spontan im T-Shirt ins Wasser.
Das Wasser war eisig, aber angenehm - ich blieb nur 15 Minuten drin um mich dann im heißen Sand aufzuwärmen, während Eva noch schwimmen war.
Ich hatte kein Handtuch, dabei, deswegen bedeckte ich mich vollständig mit Sand und warte in der Sonne bis der getrocknete Sand von mir abfiel. Ich sammelte ein paar Flusssteinchen für meinen Cousin, der eine Steinweltkarte erstellen wollte. In Izhevsk hatte ich nie welche gefunden, immer nur Sand; und am Baikal gäbe es zu viele heilige Orte, von denen man zusammen mit dem Stein einen Fluch mitnähme, erzählte Eva. Sie kannte viele Legenden; sie erzählte, Angara, der einzige abfließende Fluss aus dem Baikalsee sei ein fliehendes Mädchen gewesen, das den Mann nicht heiraten wollte, den Vater Baikal für sie vorgesehen hätte - das erzürnte ihren Vater, der seine drei Söhne ihr hinterher schickte, aber sie wollten die Tochter nicht zurück bringen und wurden in Steine verwandelt - die noch immer am Ufer des Flusses stehen, der nun trotz allem mit seinem Geliebten Jenissej zusammenfloss. So oder so ähnlich.
Die vorherrschenden Religionen in dieser Gegend waren Schamanismus und Buddhismus, erzählte Eva, und ich solle unbedingt einen buddhistischen Tempel auf einem Hügel bei Ulan Ude besuchen. Diese Wegbeschreibung klang so geheimnisvoll wie alles, was ich dort vorzufinden erwartete.
Wir hatten die Zeit und vor allem Evas Schwester ganz vergessen - sie rief and machte sich Sorgen, wo wir denn blieben, so gingen wir nass wie wir waren - Eva im nassen T-Shirt und ich im Bikini - zurück die Eisenbahnbrücke hinauf, die Straße hoch und trockneten in der Sonne. Ein Freund rief an, er hatte sie aus dem Minibus heraus gesehen und fragte, wie es mit ihrem Plan stand, ihn zu verkuppeln und wer das Mädchen neben ihr war. Dann verursachte ich beinahe einen Auffahrunfall und Eva meinte, ich sollte besser was überziehen.
Ich sollte ein Buch schreiben: "Die Russland-Diät - ohne Diät zu machen in nur 5 Monaten zur idealen Bikinifigur.
Es war immer noch ziemliches Stück zu Evas Schwester, sodass wir dort trocken ankamen. Irina und Eva waren wie Tag und Nacht, ich fand keine Ähnlichkeit, weder im Aussehen noch im Charakter. Sie schienen auch keine enge Beziehung miteinander zu führen, und Eva bestätigte es später. Irina bereite Tee und Butterbrote zu, bot selbstgemachte Marmelade an und ließ mich im Internet surfen, während sie mit Eva einige Englischnotizen durchging. Ich kam später dazu um gemeinsam auf Englisch zu sprechen. Sie sollte sehen, dass es tatsächlich nützlich für sie sein konnte, die Sprache besser zu beherrschen. Dann ließ uns Eva allein, doch Irina schämt sich, und wenn sie etwas nicht verstand, und rief sie sofort nach Eva, aber ich ermutigte sie, es allein zu versuchen und nutze andere Worte zum Ausdrücken meiner Fragen. Ich glaube, ich bin ein besserer Lehrer als ich ein Schüler bin - hätten wir auf Russisch gesprochen, hätte ich wohl auch nach Eva gerufen.
Es wurde unversehens spät, und wir entschieden uns, besser aufzubrechen um den Zug nicht verpassen und noch mit Anton Tee trinken zu können.
Wir waren vorhin nicht an einer Haltestelle ausgestiegen, sondern an einer Kreuzung, weil Eva den Fahrer gebeten hatte, dort anzuhalten. Das war in Russland noch relativ üblich, und wurde normalerweise hauptsächlich von älteren Frauen praktiziert, oder von Leuten, die es wirklich eilig hatten.
Nicht weit entfernt parkten dennoch einige Minibusse. Eva fragte freundlich nach, ob sie dorthin fuhren, wohin wir wollen, aber die Fahrer meinten, sie parkten nur. Ein besonders freundlicher Fahrer bot uns jedoch an einzusteigen und brachte uns kostenlos vom Stellplatz zur richtigen Bushaltestelle ein Stück von hier entfernt, nachdem er zwei Minuten lang vergeblich versuchte den Motor zu starten.
Im nächsten Minibus raste der Fahrer völlig lebensmüde; wir hielten uns aneinander fest und versuchten uns irgendwie abzulenken - das war aber gar nicht so einfach bei dem ganzen Hupen, Ausweichen und den quietschenden Bremsen. Es war schon weithin böse, wenn sogar echte Russen Angst im Straßenverkehr bekamen.
An der ersten Metro stiegen wir mit weichen Knien aus. Für die ganze Strecke hatte der Fahrer statt 40 nur 20 Minuten gebraucht. Trotzdem sagte Anton ab, es war ihm zu spät geworden, oder er hatte wohl doch andere Pläne gemacht.
Wir wollten uns allein ein schönes Abendbrot machen. Es waren noch Pelmeni übrig, außerdem Bouillon von den Pelmeni gestern. Wir gingen in den winzigen Gemüseladen in der Nähe von Evas Wohnung, deren Besitzer sie offenbar kannte und sich anschreiben ließ, da sie gerade nicht genug Geld dabei hatte. Auch ihr Sohn ließ hier anschreiben, stellten sie bei einem Blick durch das Buch fest. Eva wollte nicht nur Gemüse kaufen, sondern viel Obst um es mit Schokolade zu glasieren.
In der Nacht hatten wir das Pelmeni-Wasser auf Herd vergessen; es roch seltsam nach Spülwasser, sodass wir es wegkippten und neue Pelmeni kochen - es wurde sehr viel Essen, bestimmt noch genug für morgen. In die kochenden Pelmeni schnitt Eva die Kartoffeln hinein und ließ für den Geschmack russische Riesenpetersilie mitkochen. Kleine, stark gerüschte Petersilie wie bei uns gab es hier nicht.
Eva erhitzte die Schokolade im Wasserbad und tunkte mit viel Vorfreude die Pfirsich- und verschiedenen Melonenstückchen hinein. Das ganz kam dann in den Kühlschrank - es war nicht mehr viel Zeit bis mein Zug fuhr, aber bis wir fertig mit dem Hauptgang waren, war der Nachtisch kalt genug. Bei Eva hatte ich so unglaublich gut gegessen wie schon lange nicht mehr, und die Idee mit dem direkte Zusammenkochen des Gemüses mit den Pelmeni wollte ich mir merken und selbst mal ausprobieren - genau wie Eva noch nie auf den Gedanken gekommen war, das Pelmeni-Wasser zu nutzen um eine Suppe daraus zu kochen. So bereichert man sich gegenseitig kulturell.
Nun musste ich mich mit dem Packen beeilen, weil wir kein Auto hatte um zum Bahnhof zu kommen. Eva schenkte einen alten Gürtel, dass mir die Hose nicht mehr so rutschte. Sie wollte mir auch ein anderes Gürtel-Asseoir schenken, das man nur über den Pullover um die Taille trug, aber es hatte nicht genug Löcher für mich.
Ich sagte mein "Poka zu Ilya, trug allein Koffer runter - denn es ging leichter als zu zweit, und so schwer war er auch nicht mehr, seit wir die Flasche Wodka in Jekaterinburg geleert hatten. Eva hatte Outfit geändert und stellte fest, dass Flipflops nicht so gut zum Koffertragen geeignet waren, deshalb ließ sich mich gewähren.
Wir nahmen den Bus zusammen. Eva hatte erst jetzt die Origami-Figuren entdeckt, die ich in der Nacht gebastelt hatte, aber bestand darauf, dass ich ihr zeigte, wie ich das gemacht hatte, und so begannen wir gemeinsam im schwankenden Bus mit den verklebten Sitzen zu basteln.
Erst am Bahnhof wurde es schwierig, den Koffer zwischen all den Menschen die Treppen hochzubefördern. Ein freundlicher Kerl bot Hilfe an, dachte ich zumindest, aber Eva meinte, der wollte Geld. Sie sagte ihm, seine Hilfe sei nicht nötig, und er ließ den Koffer gehen.
Wir waren halbe Stunde zu früh dran, aber Zug war schon angeschrieben Novosibirsk - Wladiwostok. Es war ein dichtes Gedränge, und wir mussten sehr lang laufen bis wir Wagon 18 erreicht hatten.
Mein Platz war wieder seitlich, aber unten und ausnahmsweise nicht an der Toilette.
Meine Sitznachbarn unternehmen keinerlei Kontaktversuche; es schien eine verschworene kleine Gruppe zu sein. Eva hatte mich noch hinein begleitet bat zwei Kerle meinen Koffer hinauf ins Gepäckfach zu stemmen.
Es wurde eine lange Verabschiedung, wir versprachen uns innig uns wiedersehen und gemeinsam irgendwohin zu reisen. Dann war auch Novosibirsk schon vorbei.
Ich schlief lange nicht ein, meine Freunde in Izhevsk vermissend.





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