19.7.
Von Schnarchern der in der Nacht zugestiegenen Gestalten wurde ich bis etwa fünf Uhr morgens wach gehalten, dann war ich schließlich so erschöpft, dass ich bei einem Erdbeben hätte schlafen können. Treten konnte ich sie nicht, weil es allen Anschein nach fette Skinheads waren. Ich fragte mich langsam, ob es wirklich nur ein Zufall war, dass ich immer mit so etwas in einem Abteil landete.
Der Zug hatte sich in der Nacht noch gut gefüllt, und am Morgen stand eine lange Schlange am Waschraum - jeder versuchte, schnell noch seine Zähne zu putzen oder sich die Haaren zu kämmen bevor die Toilette abgesperrt wurde. Um schneller zu sein, drängten sich die Mädels schon zu zweit in den winzigen Raum, besonders, wenn sie eigentlich hinter mir in der Schlange standen und plötzlich eine gute Freundin vor mir entdeckten.
Ich befand mich immer noch im Halbschlaf, als ich ein letztes Kartenspiel mit Anna und Ivan spielte. Kurz vor dem Eintreffen des Zugs in Jekaterinburg kontaktierte ich meinen Gastgeber per SMS, erhielt aber keine Antwort, ob er schon am Bahnhof auf mich wartete.
Ivan half mir beim Hinausheben meines Koffers aus dem Zug, und dann dabei, den Koffer in das Bahnhofsgebäude zu bringen, denn man hatte beim Bau des Gebäudes wie überall an russischen Bahnhöfen nicht damit gerechnet, dass Reisende mit Koffern unterwegs sein würden, und man hatte es selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in 20 Jahren nicht geschafft, Rolltreppen oder Fahrstühle einzubauen.
Meine beiden Reiseabschnittsgenossen wurden von Ivans Schwester abgeholt, die ebenfalls Anna hieß - das hatte er ganz bestimmt mit Absicht so gedeichselt, scherzte sie; nach einem alten Glauben bringe es Glück, wenn man zwischen zwei Personen mit gleichem Namen stand. Wir Mädels umarmten uns und versprachen, uns am Nachmittag zu kontaktieren um gemeinsam spazieren zu gehen.
So letzte ich mich in die Sonne vor den Bahnhof und wartete mit weiteren bestellten und nicht abgeholten Reisenden. Noch war ich optimistisch, aber als Artjom auch nach mehreren Anrufen nicht ans Telefon ging, wurde mir schon etwas mulmig zumute. Ich war so ziemlich allein in einer Stadt, die ich nicht kannte, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo ich heute Nacht schlafen konnte. Dabei hätte ich am liebsten jetzt schon geschlafen. Warum nicht? Ich kramte meine beiden Handtücher aus dem Koffer hervor, legte eins auf den Absatz, auf dem ich saß, und eins als Kopfkissen auf meinen großen Koffer. Sonderlich bequem war es nicht, aber ich saß so lang da, dass sogar schon die Vögel zutraulich wurden - ich war zum German Shaolin geworden. [Diese Anspielung versteht bestimmt niemand; der Film ist ja uralt und bestimmt kein Kultfilm, sondern einer eine zufällige Erinnerung aus meiner Kindheit vor dem Fernseher.]
Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu und bat mich, auf seine Tasche aufzupassen, während er kurz an den Kiosk wollte; ich antwortete auf Englisch "sure" - sicher doch, und er stellte sie neben mir ab. Ich wunderte mich, dass er das einfach so hinnahm.
Als er zurück kam, hatte er eine offene Bierflasche in der Hand, nahm seine Sachen aber nicht wieder mit, sondern ging um die Ecke zum Telefonieren. Ich wurde immer schläfriger und ließ meinen Kopf auf den Koffer sinken. Der Typ kam zurück und bat mich darum nicht zu schlafen. Er gab mir seinen iPod und sagte, ich solle mir das Lied anhören, das wäre er in seinem Chor.
Erst als er das nächste Mal fünf Minuten später zurück kam um mit mir zu plaudern, bemerkte er, dass ich gar nicht Russisch mit ihm gesprochen hatte, erzählte er später. "Wem habe ich da mein Gepäck überlassen?", hatte er sich erschrocken gedacht.
Er stellte sich ebenfalls als Ivan vor und gab mir übertrieben freundlich mehrfach die Hand - immer, wenn wir uns irgendwie verstanden hatten. Er sprach Russisch, ich englisch, und es klappte überraschenderweise doch. Er wiederholte immer wieder, wie beeindruckt er war, dass es so gut klappte. Ich erfuhr, dass er versuchte die Stadt zu verlassen, aber von seinen Freunden ignoriert wurde, die ihn mit dem Auto abholen sollten. Genau wie mein Gastgeber. Da wir nun auf unbestimmte Zeit hier festsaßen, konnten wir uns auch anfreunden, dachten wir uns wohl beide. Wir tauschten unserer Kontaktdaten von vkontakte aus, und ich beschloss statt immer nur meinen Namen aufzuschreiben, meine ID auswendig zu lernen, da ich sowieso ständig auf meiner Reise danach gefragt werden würde. Ivan bedauerte, dass er nicht weitere Lieder von sich auf seinem iPod hatte und sang schließlich live für mich: Von Splin "Vyxoda net", und das sogar sehr gut; ich war begeistert. Er sah aus wie ein Gopnik, aber er hatte die Seele eines Künstlers.
Ich kontaktierte schließlich Ivan und Anna und bat sie, im Fall, dass Artjom nicht kommt, mir beim Suchen einer preiswerten Unterkunft zu helfen. Sie versprachen in einer Stunde vorbeizukommen.
Doch Artjom rief bald - nur 3 Stunden zu spät - zurück, und entschuldigte sich vielmals. Sonst hielt er seine Versprechen, beteuerte er, aber sie hätten gestern so viel getrunken mit seinem anderen Couchsurfing-Gast, sodass er sein Handy nicht gehört hatte. Der Gast war auch gleich mit ihm gekommen; er hieß Barisch und kam aus Istanbul. Hier in Jekaterinburg hatte eine eine Russin über Internet gefunden, mit der er nun ein Paar war.
Barisch hatte die Nacht besser weggesteckt als Artjom, der immer noch dicht war. Sie freundeten sich sofort mit Ivan an, der sie seine Gesangsaufnahme anhören ließ.
Nun waren Ivan und die beiden Annas schon auf dem Weg zum Bahnhof, weshalb ich ihnen bescheid gab, dass wir auf sie warten würden. Nach einer halben Stunde trafen sie ein, und ich tauschte mit Anna viele Umarmungen aus wie zwischen alten Freunden, die sich jahrelang nicht gesehen hatten.
Wir stellten uns alle untereinander vor, und es dauerte etwas, bis jedem klar war, wie sich diese Ansammlung unterschiedlichster Menschen gebildet hatte. Aber die drei Neuankömmlinge passten nicht so gut hinein in die Gruppe von Trinkern und Abenteurer sämtlicher Nationalitäten. Ich stand irgendwo dazwischen; einerseits fühlte ich mich Artjom verpflichtet, der nun extra gekommen war, andererseits wollte ich bei Anna blieben... wir lösten das Problem, indem wir uns zum Spazieren in einer Stunde verabredeten, nachdem ich meinen Koffer bei Artjom untergebracht hatte. Ivan, der Sänger, wollte am Bahnhof bleiben.
Der andere Ivan mit seinen zwei Annas verabschiedete sich um etwas essen zu gehen, und wir warteten auf die Freundin von Barisch, die uns mit dem Auto abholen würde, da Artjom kein eigenes besaß. Sie kam weitere 20 Minuten später und stellte sich als Dascha vor. Sie brachte uns zu Artjom, den sie auch erst vor kurzem kennengelernt hatte - genauer als Barisch seinen Besuch angekündigt hatte. Es war ihr doch ein wenig mulmig gewesen, einen Fremden zu sich einzuladen und hatte Barisch Couchsurfing, und genauer Artjom, vorgeschlagen.
Artjoms Wohnung war groß und einladend; er ging erstmal duschen um die Lebensgeister zu erwecken, während er mir Frühstück anbot. Barisch hatte türkische Süßigkeiten mitgebracht, die niemandem so recht schmeckten; es war grüner Blätterteig mit Gewürzen, wie ich ihn auch in Istanbul gesehen hatte.
Eine kleine schneeweise Katze mit blauen Augen schlich um den Tisch herum. Sie hieß Bakschisch und war Artjoms kleiner Glücksbringer, nachdem er den Kater auf der Straße gefunden und einen Haufen "Bakschisch" beim Tierarzt in ihn investiert hatte. Das Wort hat tatsächlich auch eine positive Bedeutung, im Sinne von Almosen für die Armen.
Durch die ganzen Verzögerungen waren wir schon eine Stunde zu spät, bevor wir überhaupt losfuhren um die beiden Annas und Iwan in der Stadt zu treffen.
Wir trafen uns am Platz von 1905, der den Namen des Jahres der ersten, fehlgeschlagenen Revolution trug, und über dem erwartungsgemäß Lenin prangte.
Unabhängig davon wirkte die Stadt sehr modern; es gab eine richtige Skyline aus Hochhäusern, und im Moment wurde am höchsten Hochhaus des Nordens gebaut.
Wir gingen an einer Uferpromenade des Flusses Isset spazieren, schossen gegenseitig Fotos von uns und fanden die Zeitkapsel, die 1973 von den Kommunisten im Boden eingelassen worden war und im Jahr 2023 zum 300-jährigen Bestehen der Stadt ausgegraben werden wollte. Wir scherzten, was man da drin wohl finden würde - wahrscheinlich Glückwunsche zu Weltkommunismus, oder Lenin selbst - der echte, dessen Körper dort unten kryotechnisch gelagert wurde. Oder die ultimative Waffe im Kampf gegen den Kapitalismus. Damals hatte man ja nicht ahnen können, dass dies der Kapitalismus selbst war.
An einem großen Springbrunnen vor einem modernen Glasgebäude angelangt, schien es uns, als hätten wir alles in der Stadt gesehen, was man so sehen konnte, und wir kamen überein, ins Kino zu gehen. Ich war gern mit von die Partie, während sich Artjom um mich besorgt fragte, ob ich es nicht verschwendete Zeit sei, wenn ich den Film nicht verstand. Aber nach diesem Argument hätte ich mir auch meine russischen Vorlesungen sparen können...
Es war genau wie in Deutschland verboten, seine eigenen Lebensmittel und Getränke mit ins Kino zu nehmen. Und wie man sich schon denken kann, war dies eher als Herausforderung zu sehen so viel Knabberzeugs wie möglich in den Taschen und Rucksäcken unterzubringen. Artjom spürte den Kater kommen und nahm sogar eine Flasche Bier mit, die er während des Films trank und danach stehen ließ. Der Film war eine Disney-Adaption von Goethes Zauberlehrling, aber so simpel, dass man ihn auch auf Chinesisch hätte anschauen können. Artjom war trotzdem besorgt, dass ich die Witze nicht verstand und übersetzte sie simultan für mich.
Nach der Vorstellung lernte ich Artjoms persönlichen Fahrer kennen, der mittlerweile sein Geschäftspartner geworden war; Artjom ließ sich von ihm Geld geben, weil er im Moment so wenig hatte, dass ich ihm sogar das Fläschchen Bier ausgegeben hatte.
Unsere Gruppe zerstreute sich nun, aber man versprach sich, sich morgen wieder zu treffen. Am Ende waren nur noch Artjom und ich übrig, und er wollte mich in seinen Lieblingspub einladen. Barisch und Dascha zogen glückliche Zweisamkeit vor, und die beiden Annas mit ihrem Ivan täuschten Müdigkeit vor. Ich glaube mittlerweile aber, dass sie Snobs und ein wenig rassistisch waren; im Zug hatten sie mir noch erzählt, dass sie reine Russen waren, nachdem ich die These wiederholt hatte, dass es keine echten Russen gäbe, weil es eben ein Vielvölkerstaat sei und sich alles vermischt hatte. Klar, dass sie sich mit einer Deutschen besser verstanden als mit einem Türken und angetrunkenen Asiaten. Artjom meinte selbst, er sähe japanisch aus, weshalb er nun begonnen hatte, japanisch zu lernen. Wir begannen über die seltsame japanische Kultur zu sprechen und ich fragte mich, was aus meinem guten alten Bekannten Tadaschi geworden war, den ich vor Jahren in Holland kennengelernt und nie völlig verstanden hatte.
Als wir also bei Eis, Bier und Wurst in dem britischen Pub saßen, erzählte mir Artjom, wie er zu seinem Honiggeschäft in Jekaterinburg gekommen war: Der Honig stammte aus einer Gegend Russlands namens Altai, wo der Honig der beste in ganz Russland sei. Dort habe er einen Geschäftspartner gehabt und den Honig mit ihm unter die Leute gebracht, aber als er von einem guten Freund gehört hatte, dass er der Liebe wegen nach Jekaterinburg gezogen sei, packte Artjom seine Sachen und nahm die Gelegenheit wahr, das Honiggeschäft hier hin auszuweiten. Sein neuer Partner war eigentlich ein Taxifahrer gewesen, der nur einen niedrigen Preis verlangte, weshalb ihn Artjom von da an öfters anrief und sein Taxi bestellte. Irgendwann hatten sie eine monatliche Bezahlung ausgemacht, eine Taxi-Flatrate sozusagen, und dafür konnte er so oft wie er wollte, seinen Fahrer bestellen, nutze es aber nicht aus, und so wuchs das Vertrauen ineinander; wenn Artjom einmal verhindert war, hatte sein Fahrer schon mal selbstständig den Honig an die Geschäfte und Privatpersonen geliefert, die Artjom gefunden hatte, und so waren sie Freunde und Geschäftspartner geworden. Artjom erklärte, dass die meisten Geschäftsbeziehungen in Russland über Kontakte funktionierten und dass man einfach auf die Leute zugehen musste.
Trotz seiner kurzen Zeit in Jekaterinburg kannte Artjom die Besitzer und den Koch in diesem Pub persönlich und bekam Freibier. Ich faltete währenddessen die Servietten zu Blumen, und die Kellnerin bat mich, sie mitnehmen zu dürfen, und daraufhin faltete der Barmann für mich eine Origamirose. Das war etwas, das viele Männer in Russland konnten, selbst wenn sie sonst von Origami wenig wussten - es war sehr gut geeignet um bei den Frauen zu punkten.
Mittlerweile kippte ich vor Müdigkeit fast vom Stuhl, und auch Artjom wirkte nicht so frisch, also beschlossen wir den Heimweg anzutreten. Auf dem Weg gingen wir noch einkaufen; ich wollte den einfachen, typisch russischen Salat zubereiten, den ich mir von Dima in Datscha abgeschaut hatte; dazu kauften wir eine Packung Pelmeni, aber nicht mit dem üblichen undefinierbarem Fleischgemisch darin, sondern mit Geflügel, weil Barisch muslimisch war. Artjom meinte, auf der Packung stand nur "Vogel, und wahrscheinlich sei es Taube. Wir kauften es trotzdem - Barisch musste auch die typische russische Küche kennenlernen, wenn er seine Russin heiraten wollte.
Zuerst dachte ich, niemand sei zu Hause bei Artjom, aber er hatte eine seltsame Mitbewohnerin, die er als Nastya vorstellte - sie arbeitete als Programmiererin und war ein weiblicher Nerd, und obwohl sie gut und überhaupt nicht unsozial aussah, zog sie sich sofort in ihr Zimmer zurück und ich sah von ihr in den ganzen Tagen nur selten ihren Rotschopf zwischen Türen aufblitzen.
Barisch kam mit Dascha vorbei, und es kam mehr Leben in die Bude. Auch Artjoms Stühle hatten einen gewissen Unterhaltungswert; auf den ersten Blick sahen sie stabil aus, aber wenn man sich auf ihnen bewegte, kippten sie in die gleiche Richtung mit wie eine Wiege. Er scherzte, diese Stühle wären zum Alkoholgehaltmessen vorgesehen: Wenn man sich nicht mehr darauf halten konnte, hatte man genug getrunken. Aber offenbar hatte das gestern bei ihm nicht geklappt. Heute trank er nur zwei Gläschen Cognac, den ich dankend ablehnte. Den Kalashnikov-Wodka, den ich mitgebracht hatte, wollten wir erst morgen gemeinsam anbrechen.
So blieben wir nur gemütlich beieinander in der Küche sitzen und diskutieren bis ein Uhr morgens, oder noch länger, aber ich ging schlafen, als sie die Wände zu verformen begannen.
20.7.
Artjom hatte darauf bestanden, dass ich in seinem Bett schlief, während er die Couch im Wohnzimmer nahm, die völlig von Kartons mit Honig darin vollgestapelt gewesen war.
Völlig gerädert hebelte ich mich gegen 13 Uhr aus dem Bett, als ich Artjom neben mir bemerkte. Er sah mich erwartungsvoll an und hielt zwei Gläser Honig in der Hand. Das eine war ein riesiges Glas seines besten Honigs, und das andere etwas ganz Besonders: Honig mit eingelegten Zedernzapfensamen, die so ziemlich das Gesündestes waren, das Altai zu bieten hatte, erklärte er fachmännisch. Dann hatte er noch eine seltsame, große braune Pille gegen Erkältung, die er mir schenkte. Die bestand auch aus etwas von Bienen Produziertem, in der Tat einem ganz besonderen Teil davon. Wenn man diese Pille 15 Minuten lang in den Mund nahm, sei jede Erkältung danach bald verflogen.
Ich kam heute mit den Honig auszufahren und half ihm beim Heraussuchen der gewünschten Sorten aus den vielen Kartons im Wohnzimmer. Artjoms Fahrer kam am Nachmittag, sie wollten einige Läden außerhalb der Stadt anfahren.
Dort sah die Stadt wieder ganz russisch aus, nicht so glänzend und neu wie die Innenstadt. Während sie ihre Verträge mit einem Kunden fertig machten, spazierte ich zu einem nahegelegenen Spielplatz; Artjom bat mich, nicht verloren zu gehen. Das trockene Gras stand hoch; ein paar Alte saßen im Schatten eines Hausaufgangs und sahen den Kindern beim Spielen zu; die beiden Jungs hatten eine alte Videokassette auf dem Müll gefunden, zerschlugen sie udn warfen das Band über das hohe Klettergerüst und den Baum daneben. Es erinnerte mich daran, wie ich früher gespielt hatte; zwar hatten wir schon alles aus dem Westen, als ich ein Kind war, aber am liebsten spielte ich trotzdem mit allem, was ich auf der Straße und in der Müllkippe unter unserem Lieblingsbaum fand. Es war regelrecht romantisch. Ich ließ mich auf einer völlig verzogen und quietschenden Drehscheibe nieder, die sich allein von meinem Gewicht und ihrer Neigung in Bewegung setzte. Hunde trotteten träge in der Sommersonne umher.
Wir fuhren noch eine halbe Stunde umher, dann war der Arbeitstag für Artjom auch schon wieder beendet. Von Honig konnte man offenbar recht gut leben, er war wesentlich teurer als in Deutschland. Durch die lang anhaltende Hitze diesen Sommer stieg der Preis sogar noch; ich erinnerte mich an die Zahl 1500 Rubel pro Liter, also etwa 35 Euro reiner Einkaufspreis.
Artjoms Fahrer setzte uns im Zentrum ab; wir riefen wie verabredete Ivan mit seinen Annas an, aber sie meinten, sie seien zu müde um noch etwas zu unternehmen, sie seien den ganzen Vormittag im Ikea-Markt gewesen - es gab ja keinen Ikea in Izhevsk, das hatte man ausnutzen müssen. Es klang für mich zumindest nach einer Teilausrede.
So waren es wieder nur Artjom und ich, die im Zentrum spazieren gingen. Am Abend aber wollten wir mit Artjoms Fahrer und dessen Freundin, Barisch und Dascha zur geografischen Grenze von Europa und Asien fahren, die nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt verlief.
Artjom wollte mir nun die große Touristen-Tour geben, zu der als allererstes ein Besuch der berühmten "Kirche auf Blut" gehörte, die auf dem Haus erbaut worden war, wo die letzten Mitglieder der Zarenfamilie von den Kommunisten hingerichtet worden waren. Es war ein prächtiges Gebäude mit aufgespannten Leinwänden davor, die Fotos der Zarenfamilie zeigten.
In unmittelbarer Nähe der großen Kirche stand einen von vielen kleinen Holzkirchen, die sich aber als Souvenirshop herausstellte, und unterhalb der Kirche gab es einen regelrechten Markt, auf dem Steine und Souvenirs verkauft wurden.
Für den Besuch der Kirche musste man sich als Frau ein Kopftuch ausleihen, wenn man keins dabei hatte. Wir kamen nur in den sehr niedrigen, fast kellerartigen Raum unterhalb der eigentlichen Kirche mit Kuppel hinein. Die Mitglieder Zarenfamilie waren als Heilige auf einem der vielen Wandbilder dargestellten. Ich verlor Artjom im Halbdunkel und fand ihn neben einer alten Frau wieder, die eine Kerze anzündete. Mir war die Atmosphäre nicht ganz geheuer, und ich war froh, als ich wieder ans Tageslicht kam.
Wir schlenderten wieder am Ufer entlang, hier ein Eis essend, da eine Sehenswürdigkeit bewundernd. In der Fußgängerzone gab es überall Stände mit frischem Kwas, beziehungsweise Kwas aus Flaschen, der in Holzfässer umgefüllt worden war.
Artjom sprach immer freundlich mit jedem, so auch mit dem Mädchen, das uns den Kwas verkauft, aber sie erkannte ihn schon am nächsten Tag nicht wieder.
Neben den offensichtlichen Sehenswürdigkeiten wollte mir Artjom die echten Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen, wie zum Beispiel den Flohmarkt, der heute nicht stattfand; den nie fertig gestellten Fernsehturm, der mittlerweile auseinander fiel, die kleinste Metro Russlands und natürlich das Tastatur-Denkmal, das aus mittelgroßen Betonklötzen auf einer Wiese bestand, die angeordnet und beschriftet waren wie eine Computertastatur. Irgendjemand hatte die Tasten F1 bis F3 geklaut. Ich konnte mir irgendwie bessere Souvenirs vorstellen, aber Geschmäcker waren ja verschieden. Vielleicht hatte sich jemand die Steine in seinem Garten aufgestellt, oder benutzt um seinen abgestürzten Computer damit zu schlagen.
Zu den Sehenswürdigkeiten im weiteren Sinn zählten für Artjom die vielen Fastfoodkneipen der Stadt; mal kehrten wir für Pizza ein, mal für Cola, und Artjom bestand darauf, für Ungesundes für uns beide zu bezahlen. So brachten wir den Tag sehr angenehm herum. Um 9 waren wir mit Artjoms Fahrer und seiner Freundin verabredet, also hakten wir um 10 noch einmal nach, wo sie denn waren, und wurden um 11 schließlich von ihnen aufgelesen und hingefahren. Was war ihre Entschuldigung? Seine Freundin hätte sich die Haare noch föhnen müssen. Typisch Frau; mit dem Haareföhnen allein war es nicht getan, sie musste sich auch noch hübsch machen, auch wenn es bis dahin dunkel geworden war und sie eh niemand sah.
Auch Dascha und Barisch waren irgendwie abhanden gekommen, und wir alle ahnten, was sie den ganzen Tag taten, doch sie schafften es fast gleichzeitig mit uns am Denkmal anzukommen. Sie hatten sich ein Taxi genommen um schon mal mit dem Trinken beginnen zu können - hatten die Sache aber nicht ganz durchdacht: wie sie zurück in die Stadt kommen sollten.
Das Denkmal befand sich direkt über der Autobahn aus der Stadt heraus und sah in seiner spitz zulaufenden Metallform nicht besonders romantisch aus, war aber trotzdem ein beliebter Ausflugsort für Brautpaare.
Wir stießen erstmal mit einem Orangenwhisky-Gesöff in Plastikbechern an und begannen dann in der Dämmerung Fotos von uns gegenseitig auf dem Denkmal zu schießen, uns über die Grenzen hinweg festhaltend. Es war gar nicht so einfach, auf das Denkmal hinauf zu kommen, es stand auf einem Sockel aus glattem Marmor - eine steile Wand zum Fußweg hin, und noch steiler und tiefer hinunter zur Autobahn. Angeblich stellte das Denkmal ein E und ein A dar, um Europa und Asien zu symbolisieren, aber ich glaube, in Asien hat man oft ganz andere Buchstaben und fühlt sich hier überhaupt nicht repräsentiert.
Und erst als ich hier auf dem Denkmal stand und mich orientierte, wurde mir bewusst, dass sich Jekaterinburg gar nicht mehr in Europa befand - ich hatte mich nur kurz gewundert, dass man die Stadt in meinem Reiseführer "Russland europäischer Teil" vergessen hatte und mir nichts weiter dabei gedacht. Nun stand ich also zum zweiten Mal auf der Grenze zwischen Europa und Asien; das letzte Mal war letzten Sommer in Istanbul.
Artjoms Fahrer und seine Freundin hatten bald die Nase voll von uns und warteten in Auto, während wir Taxi bestellten, das nicht kam, weil der Vermittler eine genaue Adresse wollte, die wir ihm nicht geben konnten, weil wir ja mitten in der Pampa an der Autobahn zwischen Europa und Asien standen. Überhaupt war es relativ schwer in Russland ein Taxi zu bekommen oder überhaupt irgendeine Art von Service. Schließlich rief unser Fahrer einen Kollegen an, der eine halbe Stunde später kam, gerade als uns der Alkohol ausgegangen war. Verständlicherweise wollten wir in die nächste Bar fahren, und Artjoms Fahrer wäre wohl auch gern mitgekommen, aber seine Freundin war im Auto eingeschlafen, deshalb fuhr er nach Hause.
Die erste Bar, in die wir gehen wollten, war geschlossen, und die zweite Bar schloss wohl bald, aber für einen schnellen Drink war das OK. Sie hätten Böses ahnen müssen, die Bar-Besitzer besonders als Artjom Sambucca bestellte um uns zu zeigen, wie man den richtig trinkt: er bekam zwei Gläser - ein leeres und eins mit dem Schnaps darin und drei Kaffeebohnen. Er legte das gefüllte, bauchige Glas schräg auf das andere und zündete den Inhalt an, dann rollte er das brennende Glas im Kreis auf dem anderen Glas, sodass es von der Hitze nicht platzte, dabei verschüttete er jedoch den brennenden Inhalt, verursachte einen flammenden Ring auf dem Holztisch und setzte prompt seine Serviette in Brand, und versuchte das Feuer mit einer zweiten Serviette zu ersticken, die ebenfalls sofort in Flammen aufging, während sich die brennende Flüssigkeit in Bewegung setzte und die Tischkante hinunter in seinen Schoß tropfte.
Artjom spreizte schnell die Beine auseinander und warf die brennenden Servietten auf den Fußboden und trat drauf bis nur noch verkohlte Reste übrig waren. Wir kamen langsam wieder aus unserer Deckung. Artjom erklärte weiter als wäre nichts passiert: Den Inhalt umkippen, das vorher volle Glas mit der Öffnung nach unten auf den Tisch kippen, den Strohhalm darin einklemmen. Dann den noch heißen Inhalt aus dem zweiten Glas mit einem Schluck trinken, die Bohnen kauen und schließlich die heiße Luft durch den Strohhalm inhalieren.
Artjom bestellte sich gleich darauf den nächsten Sambucca, und diesmal schnitten wir es auf Video mit, aber es gab trotz steigendem Alkoholgehalt Artjoms kein zweites Inferno.
Kurz darauf wurden wir hinausgekehrt und Artjom gab einen ganzen Haufen Trinkgeld, weil er selbst mal als Kellner gearbeitet hatte und mit den Bedienungen mitfühlte.
Dascha und Barisch wollten nun schon nach Hause fahren um "einen Film anzuschauen" - natürlich, sie waren ein frisch verliebtes Pärchen, das verstanden wir.
Auf dem Heimweg kamen wir am Supermarkt vorbei und kauften Snacks, Wurst und sogar eine kleine Torte ein. Zu Hause müsste dann auch unbedingt eine Kerze drauf, meinte Artjom, aber habe leider keine, aber er konnte improvisieren: Zu Hause steckte er ein Wattestäbchen hinein und zündete es an. Er hatte einen erstaunlichen Hang zu Feuer, wenn er betrunken war, und ich hoffte nur, dass er sich nicht selbst anzündete.
Die kippenden Küchenstühle wurden uns zu gefährlich und wir gingen ins Schlafzimmer, machten es uns dort auf der Matratze beziehungsweise auf dem Computerdrehstuhl gemütlich, tranken endlich meinen Kalashnikov-Wodka, spielten Gitarre und sangen, während uns die Katze den Schinken vom Brot fraß. Wie jeder anständige Russe besaß Artjom eine Gitarre, konnte aber nicht spielen. Barisch hatte sie ihm jedoch gestimmt, und nun versuchte ich Artjom die Akkorde beizubringen, an die ich mich noch erinnerte, nachdem er den Wunsch geäußert hatte, Gitarrespielen lernen zu wollen. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass jeder Gitarre spielen lernen kann, egal wie unmusikalisch er ist, also zumindest die grundlegenden Fähigkeiten, die man in einer Runde Betrunkener brauchte, die gerne sangen.
Die Katze stiefelte neugierig zwischen uns umher, versuchte selbst Gitarre zu spielen und steckte plötzlich ihren Kopf in die Teetasse, aus der ich meinen Wodka getrunken hatte. Artjom probierte gleich aus, ob sie auch Whisky mochte, aber darum machte sie einen großen Bogen. Wir lachten, es war eine echte russische Katze. Sie war jetzt schon sein bester Freund und sein Baby, und er verglich sich selbst mit der Katze und fragte mich ernsthaft, ob sie sich nicht ähnlich sahen. Irgendwann an diesem Punkt kippte Artjom nach vorne um und ich schickte ihn ins Bett. Es war schon vier Uhr morgens und die Sonne ging schon gleich wieder auf.
21.7.
Wir ließen uns etwas Zeit mit dem Aufstehen, das wieder sehr mühsam war - aber wozu war man jung? Wer nicht seine Studentenzeit mit Trinkgelagen verbringt, hat nicht richtig studiert, sagt man doch.
Ich hockte noch lange auf der Matratze mit den Fingern auf der Gitarre und das Kätzchen streichelnd, das immer eifersüchtig wurde, wenn ich mich der Gitarre zu widmen begann und sprang demonstrativ auf mir herum. Artjom hockte wieder auf dem Computerstuhl und wir überlegten uns, für Barisch in ein öffentliches Banya zu gehen, sodass er diese Erfahrung aus Russland mitnehmen konnte - oder lieber noch ein wenig Rausch auszuschlafen? Aber es war Russland, da kam so schnell nichts in Gang.
Ich schrieb Artjom die wichtigsten Akkorde auf während Bakschisch die Pfoten auf das Papier legte um es festzuhalten - aber immer genau dort, wo ich grad schreiben wollte; dann nahm dieses intelligente Kätzchen den Stift selbst in die Hand, aber schreiben musste Bakschisch erst noch von Artjom lernen. Der telefonierte derweil mit Barisch - dem waren die 500 Rubel (13 Euro) zu teuer für das Banya, und so hatte ich Zeit, mit Artjom Informationen aus dem Internet über den Baikalsee herauszusuchen und die letzten Gastgeber über Couchsurfing zu organisieren. Das Problem war, dass mir nach einer festen Zusage für Irkutsk nun doch abgesagt worden war, zumindest für die ersten beiden Tage, sodass ich meinen Plan änderte und nicht einfach so in Form eines Tagesausflugs zum Baikalsee fahren würde, sondern sofort nach meiner Ankunft in Irkutsk zur Insel Olchon fahren und dort zwei Nächte bleiben wollte. Ich hätte wohl auch von Ulan Ude dorthin fahren können, aber wenn ich mir die Geografie so ansah, war es günstiger mit einem Bus und einer Fähre von Irkutsk nach Olchon zu fahren, als mit einem Bus und einem Schiff von Ulan Ude aus, das auf der gegenüberliegenden Seite des Baikalsees lag.
Artjom telefonierte herum um meine restlichen Fragen zu beantworten: Ich konnte mein Gepäck beliebig lang in Irkutsk am Bahnhof lassen, man bezahlte tageweise dafür, und so musste ich meine Koffer nicht mit auf die Insel schleppen. Die Unterkunft auf der Insel war etwas schwieriger, aber zumindest hatte ich am Ende ein paar Adressen und Busverbindungen notiert - wobei mir relativ klar war, dass es sowieso anders kommen würde als ich überhaupt planen konnte, denn es war Russland. Und eigentlich war es reiner Irrsinn, auf eigene Faust zu dieser Insel aufzubrechen ohne zu wissen, was mich dort erwartete, aber mittlerweile hatte mich die Abenteuerlust wieder gepackt.
Artjoms Mitbewohnerin Nastya hatte Mittagessen für uns mitgekocht; Artjom hatte eigentlich einen Plov machen wollen, aber wie es so war: Man hatte vorher so viele Pläne geschmiedet, und so wenig war daraus geworden... ich schlug vor, am Nachmittag wenigstens noch auf die Aussichtsplattform zu gehen, von deren Existenz mir Roman in Kazan erzählt hatte, als wir auf dem Festival auf der Wiese lagen und seine Fotos auf seiner Kamera durchgeschaut hatten.
Davon wusste Artjom nichts, konnte es aber herausfinden - sie hatten heute geöffnet, und es wäre bestimmt ein schöner Abschluss meines Aufenthalts in Jekaterinburg, meinten wir. Tatsächlich - die Zeit war so schnell vergangen, und heute Abend fuhr schon mein Zug nach Novosibirsk. Artjom bat mich zwar, noch ein wenig zu bleiben, aber das hätte sämtliche Pläne durchkreuzt, die ich gemacht hatte, und dafür war ich einfach noch zu deutsch - ich mochte es gern, wenn alles nach Plan lief.
Dascha und Barisch kamen schließlich vorbei und wir fuhren zusammen zur Abwechslung mit dem Bus ins Zentrum. Der höchste Wolkenkratzer war noch nicht fertig gestellt, aber eins der Hochhäuser daneben hatte eine Aussichtsplattform, die war nur schwierig zu finden, da es eine ganze Reihe von Eingängen gab, doch dann sahen wir ein unauffälliges Schild, das auf die Plattform hinwies; der Eintritt war auch nur einen Euro, dafür war auf dem Dach eine halbe Baustelle mit verdächtig nahen und auf die Besucher gerichteten Antennen.
Nur wenige andere Leute waren mit uns hier oben. Wir genossen die Aussicht und ließen Fotos von uns im grellen Sonnenschein schießen. Die goldenen Kirchenkuppeln gleißten hell, und auf einem der Häuserdächer war zu lesen: "Danke Juri, der Kosmos gehört uns.
Wir ließen uns an einem Picknicktisch nieder, aber keiner von uns hatte etwas für ein Picknick dabei, und bald wurden wir vom Durst nach unten getrieben. Barisch musste nun auch Kwas probieren, und wir holten uns einen Snack vom Imbissstand, bevor Dascha darauf bestand, in die Sushibar zu gehen, die gestern schon geschlossen war als wir zum Trinken hineingehen hatten wollen. Dort zu essen gab mein Budget nicht her, stattdessen faltete ich Origami. Sushi war in Russland sehr beliebt, aber trotzdem noch arg teuer.
Nun wurde es langsam Zeit aufzubrechen. Auf dem Weg zurück zur Wohnung gingen wir in einen Gypermarkt fürs Abendessen einkaufen; dort gab es alles, was man sich vorstellen konnte, sogar deutsche Salami. Dascha wollte ein frisches Hühnchen kaufen und ich beobachtete belustigt, wie Barisch ihr erklärte, worauf man beim Kauf achten musste - als versuchte er sie jetzt schon zur perfekten Hausfrau zu erziehen.
Auch die Werbe-Durchsagen fand ich amüsant; es wurde für Volkswagen geworben, ganz schlicht mit dem deutschsprachigen Slogan: "Volkswagen - das Auto". Jeder Russe verstand es, und jeder schätze die Qualität deutscher Produkte. Deutsch galt da noch als Etwas. Bei uns hingegen muss ja alles englisch sein, sonst kauft es ja keiner.
Wir hatten noch etwas Zeit bevor mein Zug fuhr und gingen zu Artjom nach Hause um Fotos tauschen; gepackt hatte ich schon am Nachmittag. Artjom warnte mich noch, dass Honig am Flughafen immer als gefährlich eingestuft wurde und man sicher mein Gepäck auseinandernehmen würde. Jedenfalls passierte ihm das immer, wenn er mit dem Flugzeug reiste; dann musste er seinen Honig auspacken und ließ das Sicherheitspersonal probieren - auch eine Art, neue Kunden zu erhalten. Ich sagte ihm, im Zweifelsfall würde ich es vor Ort auslöffeln.
Alle drei begleiteten mich zum Bahnhof. Dort lagen eine Unmengen Münzen herum; so viele, dass ich mich gar nicht mehr bücken wollte. Artjom trug meinen Koffer die vielen Stufen hinunter und versuchte herauszufinden, wo mein Zug überhaupt abfuhr.
Der Zug kam verspätet - es war sowieso erstaunlich, wie ein Zug, der 4 oder 7 Tage lang fuhr, auf die Minute pünktlich sein konnte. Wahrscheinlich weil er nur drei oder vier Mal pro Tag anhielt und nicht auf Anschlusszüge warten musste.
Das Gleis wurde bekannt gegeben, und nun mussten wir uns beeilen, den Koffer hinauf aufs Gleis zutragen und dann in den Zug hineinzuhieven. Artjom kam mit hinein; von Dasha und Barisch verabschiedete ich mich draußen - ein Küsschen, oder zwei, je nach Landestradition.
Der Zug roch nach alten Socken und Joints, die Luft zum Schneiden - der Zug war direkt aus Moskau gekommen. Artjom wirkte gehetzt, weil er ungern aus Versehen mitfahren wollte; ich sagte ihm, er solle den Koffer im Gang stehen lassen und hinausrennen. Die Türen waren sogar schon geschlossen, doch die Zugbegleiter ließen ihn noch nach draußen.
Der Zug setzte sich langsam und immer schneller in Bewegung; Artjom rannte winkend hinterher - ohne diesmal am Ende von der Plattform zu stürzen, wie es ihm schon einmal beim Verabschieden eines Freundes passiert war. Barisch und Dascha gerieten außer Sicht, dann auch Artjom. Es war wunderbar, wie man in so kurzer Zeit zur Freunden werden konnte.
Ich zerrte meinen Koffer zu meinem Platz, der natürlich wieder ganz hinten am Klo war, und das auch noch seitlich oben. Ich begann mich mit dem Mechanismus auseinanderzusetzen, der das obere Bett an der Gepäckablage hielt, denn zum Schlafen musste es hinuntergeklappt werden. Schließlich fragte ich meine Sitznachbarin, wie es funktionierte, aber sie wusste es auch nicht - schlug aber den stiernäckigen Taatoowierten nebenan als Hilfe vor.
Ich redete mich raus, dass er gerade Musik höre und ich ihn nicht ansprechen wollte. Lieber probierte ich selbst noch daran herum. Eine Frau vom Abteil gegenüber konnte es nicht mehr mit ansehen und half mir dabei, aber nun war meine Jacke eingeklemmt, die ich am Haken überm Bett aufgehangen hatte. Es folgte der Kampf damit. Dann der Kampf mit Koffer, der nirgendwo unter die Sitze passte und auf die obere Gepäckablage gehoben werden musste. Die gleiche Frau bat den Stiernacken, dies für mich zu erledigen. Er stöhnte auch ziemlich arg dabei, schaffte es aber. Es dauerte lang bis die Zugbegleiterin das Bettzeug zu Ende ausgeteilt hatte - es wurde schon Mitternacht als ich endlich mein Bett beziehen konnte.
Dann lag hoch oben in meinem schwankenden Bett, knabberte Snacks, hörte Splin auf meinem MP3-Player und sinnte über mein Leben nach. Ja, das rockte.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens gewesen - abgesehen von der Informatik zu studieren - nach Russland zu gehen. Es kam alles zusammen.
Erhalten hatte so viele neue Emotionen, unendlich viele neue Eindrücke, die mich so sehr bereichert hatten. Im Gepäck hatte ich russische Musik, im Kopf und in den Fingern neue Fähigkeiten, und auf der Zunge russische Slangausdrücke. Und das war erst der Anfang. So rauscht mein Zug weiter ratternd weiter ins Unbekannte.
Von Schnarchern der in der Nacht zugestiegenen Gestalten wurde ich bis etwa fünf Uhr morgens wach gehalten, dann war ich schließlich so erschöpft, dass ich bei einem Erdbeben hätte schlafen können. Treten konnte ich sie nicht, weil es allen Anschein nach fette Skinheads waren. Ich fragte mich langsam, ob es wirklich nur ein Zufall war, dass ich immer mit so etwas in einem Abteil landete.
Der Zug hatte sich in der Nacht noch gut gefüllt, und am Morgen stand eine lange Schlange am Waschraum - jeder versuchte, schnell noch seine Zähne zu putzen oder sich die Haaren zu kämmen bevor die Toilette abgesperrt wurde. Um schneller zu sein, drängten sich die Mädels schon zu zweit in den winzigen Raum, besonders, wenn sie eigentlich hinter mir in der Schlange standen und plötzlich eine gute Freundin vor mir entdeckten.
Ich befand mich immer noch im Halbschlaf, als ich ein letztes Kartenspiel mit Anna und Ivan spielte. Kurz vor dem Eintreffen des Zugs in Jekaterinburg kontaktierte ich meinen Gastgeber per SMS, erhielt aber keine Antwort, ob er schon am Bahnhof auf mich wartete.
Ivan half mir beim Hinausheben meines Koffers aus dem Zug, und dann dabei, den Koffer in das Bahnhofsgebäude zu bringen, denn man hatte beim Bau des Gebäudes wie überall an russischen Bahnhöfen nicht damit gerechnet, dass Reisende mit Koffern unterwegs sein würden, und man hatte es selbst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in 20 Jahren nicht geschafft, Rolltreppen oder Fahrstühle einzubauen.
Meine beiden Reiseabschnittsgenossen wurden von Ivans Schwester abgeholt, die ebenfalls Anna hieß - das hatte er ganz bestimmt mit Absicht so gedeichselt, scherzte sie; nach einem alten Glauben bringe es Glück, wenn man zwischen zwei Personen mit gleichem Namen stand. Wir Mädels umarmten uns und versprachen, uns am Nachmittag zu kontaktieren um gemeinsam spazieren zu gehen.
So letzte ich mich in die Sonne vor den Bahnhof und wartete mit weiteren bestellten und nicht abgeholten Reisenden. Noch war ich optimistisch, aber als Artjom auch nach mehreren Anrufen nicht ans Telefon ging, wurde mir schon etwas mulmig zumute. Ich war so ziemlich allein in einer Stadt, die ich nicht kannte, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wo ich heute Nacht schlafen konnte. Dabei hätte ich am liebsten jetzt schon geschlafen. Warum nicht? Ich kramte meine beiden Handtücher aus dem Koffer hervor, legte eins auf den Absatz, auf dem ich saß, und eins als Kopfkissen auf meinen großen Koffer. Sonderlich bequem war es nicht, aber ich saß so lang da, dass sogar schon die Vögel zutraulich wurden - ich war zum German Shaolin geworden. [Diese Anspielung versteht bestimmt niemand; der Film ist ja uralt und bestimmt kein Kultfilm, sondern einer eine zufällige Erinnerung aus meiner Kindheit vor dem Fernseher.]
Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu und bat mich, auf seine Tasche aufzupassen, während er kurz an den Kiosk wollte; ich antwortete auf Englisch "sure" - sicher doch, und er stellte sie neben mir ab. Ich wunderte mich, dass er das einfach so hinnahm.
Als er zurück kam, hatte er eine offene Bierflasche in der Hand, nahm seine Sachen aber nicht wieder mit, sondern ging um die Ecke zum Telefonieren. Ich wurde immer schläfriger und ließ meinen Kopf auf den Koffer sinken. Der Typ kam zurück und bat mich darum nicht zu schlafen. Er gab mir seinen iPod und sagte, ich solle mir das Lied anhören, das wäre er in seinem Chor.
Erst als er das nächste Mal fünf Minuten später zurück kam um mit mir zu plaudern, bemerkte er, dass ich gar nicht Russisch mit ihm gesprochen hatte, erzählte er später. "Wem habe ich da mein Gepäck überlassen?", hatte er sich erschrocken gedacht.
Er stellte sich ebenfalls als Ivan vor und gab mir übertrieben freundlich mehrfach die Hand - immer, wenn wir uns irgendwie verstanden hatten. Er sprach Russisch, ich englisch, und es klappte überraschenderweise doch. Er wiederholte immer wieder, wie beeindruckt er war, dass es so gut klappte. Ich erfuhr, dass er versuchte die Stadt zu verlassen, aber von seinen Freunden ignoriert wurde, die ihn mit dem Auto abholen sollten. Genau wie mein Gastgeber. Da wir nun auf unbestimmte Zeit hier festsaßen, konnten wir uns auch anfreunden, dachten wir uns wohl beide. Wir tauschten unserer Kontaktdaten von vkontakte aus, und ich beschloss statt immer nur meinen Namen aufzuschreiben, meine ID auswendig zu lernen, da ich sowieso ständig auf meiner Reise danach gefragt werden würde. Ivan bedauerte, dass er nicht weitere Lieder von sich auf seinem iPod hatte und sang schließlich live für mich: Von Splin "Vyxoda net", und das sogar sehr gut; ich war begeistert. Er sah aus wie ein Gopnik, aber er hatte die Seele eines Künstlers.
Ich kontaktierte schließlich Ivan und Anna und bat sie, im Fall, dass Artjom nicht kommt, mir beim Suchen einer preiswerten Unterkunft zu helfen. Sie versprachen in einer Stunde vorbeizukommen.
Doch Artjom rief bald - nur 3 Stunden zu spät - zurück, und entschuldigte sich vielmals. Sonst hielt er seine Versprechen, beteuerte er, aber sie hätten gestern so viel getrunken mit seinem anderen Couchsurfing-Gast, sodass er sein Handy nicht gehört hatte. Der Gast war auch gleich mit ihm gekommen; er hieß Barisch und kam aus Istanbul. Hier in Jekaterinburg hatte eine eine Russin über Internet gefunden, mit der er nun ein Paar war.
Barisch hatte die Nacht besser weggesteckt als Artjom, der immer noch dicht war. Sie freundeten sich sofort mit Ivan an, der sie seine Gesangsaufnahme anhören ließ.
Nun waren Ivan und die beiden Annas schon auf dem Weg zum Bahnhof, weshalb ich ihnen bescheid gab, dass wir auf sie warten würden. Nach einer halben Stunde trafen sie ein, und ich tauschte mit Anna viele Umarmungen aus wie zwischen alten Freunden, die sich jahrelang nicht gesehen hatten.
Wir stellten uns alle untereinander vor, und es dauerte etwas, bis jedem klar war, wie sich diese Ansammlung unterschiedlichster Menschen gebildet hatte. Aber die drei Neuankömmlinge passten nicht so gut hinein in die Gruppe von Trinkern und Abenteurer sämtlicher Nationalitäten. Ich stand irgendwo dazwischen; einerseits fühlte ich mich Artjom verpflichtet, der nun extra gekommen war, andererseits wollte ich bei Anna blieben... wir lösten das Problem, indem wir uns zum Spazieren in einer Stunde verabredeten, nachdem ich meinen Koffer bei Artjom untergebracht hatte. Ivan, der Sänger, wollte am Bahnhof bleiben.
Der andere Ivan mit seinen zwei Annas verabschiedete sich um etwas essen zu gehen, und wir warteten auf die Freundin von Barisch, die uns mit dem Auto abholen würde, da Artjom kein eigenes besaß. Sie kam weitere 20 Minuten später und stellte sich als Dascha vor. Sie brachte uns zu Artjom, den sie auch erst vor kurzem kennengelernt hatte - genauer als Barisch seinen Besuch angekündigt hatte. Es war ihr doch ein wenig mulmig gewesen, einen Fremden zu sich einzuladen und hatte Barisch Couchsurfing, und genauer Artjom, vorgeschlagen.
Artjoms Wohnung war groß und einladend; er ging erstmal duschen um die Lebensgeister zu erwecken, während er mir Frühstück anbot. Barisch hatte türkische Süßigkeiten mitgebracht, die niemandem so recht schmeckten; es war grüner Blätterteig mit Gewürzen, wie ich ihn auch in Istanbul gesehen hatte.
Eine kleine schneeweise Katze mit blauen Augen schlich um den Tisch herum. Sie hieß Bakschisch und war Artjoms kleiner Glücksbringer, nachdem er den Kater auf der Straße gefunden und einen Haufen "Bakschisch" beim Tierarzt in ihn investiert hatte. Das Wort hat tatsächlich auch eine positive Bedeutung, im Sinne von Almosen für die Armen.
Durch die ganzen Verzögerungen waren wir schon eine Stunde zu spät, bevor wir überhaupt losfuhren um die beiden Annas und Iwan in der Stadt zu treffen.
Wir trafen uns am Platz von 1905, der den Namen des Jahres der ersten, fehlgeschlagenen Revolution trug, und über dem erwartungsgemäß Lenin prangte.
Unabhängig davon wirkte die Stadt sehr modern; es gab eine richtige Skyline aus Hochhäusern, und im Moment wurde am höchsten Hochhaus des Nordens gebaut.
Wir gingen an einer Uferpromenade des Flusses Isset spazieren, schossen gegenseitig Fotos von uns und fanden die Zeitkapsel, die 1973 von den Kommunisten im Boden eingelassen worden war und im Jahr 2023 zum 300-jährigen Bestehen der Stadt ausgegraben werden wollte. Wir scherzten, was man da drin wohl finden würde - wahrscheinlich Glückwunsche zu Weltkommunismus, oder Lenin selbst - der echte, dessen Körper dort unten kryotechnisch gelagert wurde. Oder die ultimative Waffe im Kampf gegen den Kapitalismus. Damals hatte man ja nicht ahnen können, dass dies der Kapitalismus selbst war.
An einem großen Springbrunnen vor einem modernen Glasgebäude angelangt, schien es uns, als hätten wir alles in der Stadt gesehen, was man so sehen konnte, und wir kamen überein, ins Kino zu gehen. Ich war gern mit von die Partie, während sich Artjom um mich besorgt fragte, ob ich es nicht verschwendete Zeit sei, wenn ich den Film nicht verstand. Aber nach diesem Argument hätte ich mir auch meine russischen Vorlesungen sparen können...
Es war genau wie in Deutschland verboten, seine eigenen Lebensmittel und Getränke mit ins Kino zu nehmen. Und wie man sich schon denken kann, war dies eher als Herausforderung zu sehen so viel Knabberzeugs wie möglich in den Taschen und Rucksäcken unterzubringen. Artjom spürte den Kater kommen und nahm sogar eine Flasche Bier mit, die er während des Films trank und danach stehen ließ. Der Film war eine Disney-Adaption von Goethes Zauberlehrling, aber so simpel, dass man ihn auch auf Chinesisch hätte anschauen können. Artjom war trotzdem besorgt, dass ich die Witze nicht verstand und übersetzte sie simultan für mich.
Nach der Vorstellung lernte ich Artjoms persönlichen Fahrer kennen, der mittlerweile sein Geschäftspartner geworden war; Artjom ließ sich von ihm Geld geben, weil er im Moment so wenig hatte, dass ich ihm sogar das Fläschchen Bier ausgegeben hatte.
Unsere Gruppe zerstreute sich nun, aber man versprach sich, sich morgen wieder zu treffen. Am Ende waren nur noch Artjom und ich übrig, und er wollte mich in seinen Lieblingspub einladen. Barisch und Dascha zogen glückliche Zweisamkeit vor, und die beiden Annas mit ihrem Ivan täuschten Müdigkeit vor. Ich glaube mittlerweile aber, dass sie Snobs und ein wenig rassistisch waren; im Zug hatten sie mir noch erzählt, dass sie reine Russen waren, nachdem ich die These wiederholt hatte, dass es keine echten Russen gäbe, weil es eben ein Vielvölkerstaat sei und sich alles vermischt hatte. Klar, dass sie sich mit einer Deutschen besser verstanden als mit einem Türken und angetrunkenen Asiaten. Artjom meinte selbst, er sähe japanisch aus, weshalb er nun begonnen hatte, japanisch zu lernen. Wir begannen über die seltsame japanische Kultur zu sprechen und ich fragte mich, was aus meinem guten alten Bekannten Tadaschi geworden war, den ich vor Jahren in Holland kennengelernt und nie völlig verstanden hatte.
Als wir also bei Eis, Bier und Wurst in dem britischen Pub saßen, erzählte mir Artjom, wie er zu seinem Honiggeschäft in Jekaterinburg gekommen war: Der Honig stammte aus einer Gegend Russlands namens Altai, wo der Honig der beste in ganz Russland sei. Dort habe er einen Geschäftspartner gehabt und den Honig mit ihm unter die Leute gebracht, aber als er von einem guten Freund gehört hatte, dass er der Liebe wegen nach Jekaterinburg gezogen sei, packte Artjom seine Sachen und nahm die Gelegenheit wahr, das Honiggeschäft hier hin auszuweiten. Sein neuer Partner war eigentlich ein Taxifahrer gewesen, der nur einen niedrigen Preis verlangte, weshalb ihn Artjom von da an öfters anrief und sein Taxi bestellte. Irgendwann hatten sie eine monatliche Bezahlung ausgemacht, eine Taxi-Flatrate sozusagen, und dafür konnte er so oft wie er wollte, seinen Fahrer bestellen, nutze es aber nicht aus, und so wuchs das Vertrauen ineinander; wenn Artjom einmal verhindert war, hatte sein Fahrer schon mal selbstständig den Honig an die Geschäfte und Privatpersonen geliefert, die Artjom gefunden hatte, und so waren sie Freunde und Geschäftspartner geworden. Artjom erklärte, dass die meisten Geschäftsbeziehungen in Russland über Kontakte funktionierten und dass man einfach auf die Leute zugehen musste.
Trotz seiner kurzen Zeit in Jekaterinburg kannte Artjom die Besitzer und den Koch in diesem Pub persönlich und bekam Freibier. Ich faltete währenddessen die Servietten zu Blumen, und die Kellnerin bat mich, sie mitnehmen zu dürfen, und daraufhin faltete der Barmann für mich eine Origamirose. Das war etwas, das viele Männer in Russland konnten, selbst wenn sie sonst von Origami wenig wussten - es war sehr gut geeignet um bei den Frauen zu punkten.
Mittlerweile kippte ich vor Müdigkeit fast vom Stuhl, und auch Artjom wirkte nicht so frisch, also beschlossen wir den Heimweg anzutreten. Auf dem Weg gingen wir noch einkaufen; ich wollte den einfachen, typisch russischen Salat zubereiten, den ich mir von Dima in Datscha abgeschaut hatte; dazu kauften wir eine Packung Pelmeni, aber nicht mit dem üblichen undefinierbarem Fleischgemisch darin, sondern mit Geflügel, weil Barisch muslimisch war. Artjom meinte, auf der Packung stand nur "Vogel, und wahrscheinlich sei es Taube. Wir kauften es trotzdem - Barisch musste auch die typische russische Küche kennenlernen, wenn er seine Russin heiraten wollte.
Zuerst dachte ich, niemand sei zu Hause bei Artjom, aber er hatte eine seltsame Mitbewohnerin, die er als Nastya vorstellte - sie arbeitete als Programmiererin und war ein weiblicher Nerd, und obwohl sie gut und überhaupt nicht unsozial aussah, zog sie sich sofort in ihr Zimmer zurück und ich sah von ihr in den ganzen Tagen nur selten ihren Rotschopf zwischen Türen aufblitzen.
Barisch kam mit Dascha vorbei, und es kam mehr Leben in die Bude. Auch Artjoms Stühle hatten einen gewissen Unterhaltungswert; auf den ersten Blick sahen sie stabil aus, aber wenn man sich auf ihnen bewegte, kippten sie in die gleiche Richtung mit wie eine Wiege. Er scherzte, diese Stühle wären zum Alkoholgehaltmessen vorgesehen: Wenn man sich nicht mehr darauf halten konnte, hatte man genug getrunken. Aber offenbar hatte das gestern bei ihm nicht geklappt. Heute trank er nur zwei Gläschen Cognac, den ich dankend ablehnte. Den Kalashnikov-Wodka, den ich mitgebracht hatte, wollten wir erst morgen gemeinsam anbrechen.
So blieben wir nur gemütlich beieinander in der Küche sitzen und diskutieren bis ein Uhr morgens, oder noch länger, aber ich ging schlafen, als sie die Wände zu verformen begannen.
20.7.
Artjom hatte darauf bestanden, dass ich in seinem Bett schlief, während er die Couch im Wohnzimmer nahm, die völlig von Kartons mit Honig darin vollgestapelt gewesen war.
Völlig gerädert hebelte ich mich gegen 13 Uhr aus dem Bett, als ich Artjom neben mir bemerkte. Er sah mich erwartungsvoll an und hielt zwei Gläser Honig in der Hand. Das eine war ein riesiges Glas seines besten Honigs, und das andere etwas ganz Besonders: Honig mit eingelegten Zedernzapfensamen, die so ziemlich das Gesündestes waren, das Altai zu bieten hatte, erklärte er fachmännisch. Dann hatte er noch eine seltsame, große braune Pille gegen Erkältung, die er mir schenkte. Die bestand auch aus etwas von Bienen Produziertem, in der Tat einem ganz besonderen Teil davon. Wenn man diese Pille 15 Minuten lang in den Mund nahm, sei jede Erkältung danach bald verflogen.
Ich kam heute mit den Honig auszufahren und half ihm beim Heraussuchen der gewünschten Sorten aus den vielen Kartons im Wohnzimmer. Artjoms Fahrer kam am Nachmittag, sie wollten einige Läden außerhalb der Stadt anfahren.
Dort sah die Stadt wieder ganz russisch aus, nicht so glänzend und neu wie die Innenstadt. Während sie ihre Verträge mit einem Kunden fertig machten, spazierte ich zu einem nahegelegenen Spielplatz; Artjom bat mich, nicht verloren zu gehen. Das trockene Gras stand hoch; ein paar Alte saßen im Schatten eines Hausaufgangs und sahen den Kindern beim Spielen zu; die beiden Jungs hatten eine alte Videokassette auf dem Müll gefunden, zerschlugen sie udn warfen das Band über das hohe Klettergerüst und den Baum daneben. Es erinnerte mich daran, wie ich früher gespielt hatte; zwar hatten wir schon alles aus dem Westen, als ich ein Kind war, aber am liebsten spielte ich trotzdem mit allem, was ich auf der Straße und in der Müllkippe unter unserem Lieblingsbaum fand. Es war regelrecht romantisch. Ich ließ mich auf einer völlig verzogen und quietschenden Drehscheibe nieder, die sich allein von meinem Gewicht und ihrer Neigung in Bewegung setzte. Hunde trotteten träge in der Sommersonne umher.
Wir fuhren noch eine halbe Stunde umher, dann war der Arbeitstag für Artjom auch schon wieder beendet. Von Honig konnte man offenbar recht gut leben, er war wesentlich teurer als in Deutschland. Durch die lang anhaltende Hitze diesen Sommer stieg der Preis sogar noch; ich erinnerte mich an die Zahl 1500 Rubel pro Liter, also etwa 35 Euro reiner Einkaufspreis.
Artjoms Fahrer setzte uns im Zentrum ab; wir riefen wie verabredete Ivan mit seinen Annas an, aber sie meinten, sie seien zu müde um noch etwas zu unternehmen, sie seien den ganzen Vormittag im Ikea-Markt gewesen - es gab ja keinen Ikea in Izhevsk, das hatte man ausnutzen müssen. Es klang für mich zumindest nach einer Teilausrede.
So waren es wieder nur Artjom und ich, die im Zentrum spazieren gingen. Am Abend aber wollten wir mit Artjoms Fahrer und dessen Freundin, Barisch und Dascha zur geografischen Grenze von Europa und Asien fahren, die nur wenige Kilometer außerhalb der Stadt verlief.
Artjom wollte mir nun die große Touristen-Tour geben, zu der als allererstes ein Besuch der berühmten "Kirche auf Blut" gehörte, die auf dem Haus erbaut worden war, wo die letzten Mitglieder der Zarenfamilie von den Kommunisten hingerichtet worden waren. Es war ein prächtiges Gebäude mit aufgespannten Leinwänden davor, die Fotos der Zarenfamilie zeigten.
In unmittelbarer Nähe der großen Kirche stand einen von vielen kleinen Holzkirchen, die sich aber als Souvenirshop herausstellte, und unterhalb der Kirche gab es einen regelrechten Markt, auf dem Steine und Souvenirs verkauft wurden.
Für den Besuch der Kirche musste man sich als Frau ein Kopftuch ausleihen, wenn man keins dabei hatte. Wir kamen nur in den sehr niedrigen, fast kellerartigen Raum unterhalb der eigentlichen Kirche mit Kuppel hinein. Die Mitglieder Zarenfamilie waren als Heilige auf einem der vielen Wandbilder dargestellten. Ich verlor Artjom im Halbdunkel und fand ihn neben einer alten Frau wieder, die eine Kerze anzündete. Mir war die Atmosphäre nicht ganz geheuer, und ich war froh, als ich wieder ans Tageslicht kam.
Wir schlenderten wieder am Ufer entlang, hier ein Eis essend, da eine Sehenswürdigkeit bewundernd. In der Fußgängerzone gab es überall Stände mit frischem Kwas, beziehungsweise Kwas aus Flaschen, der in Holzfässer umgefüllt worden war.
Artjom sprach immer freundlich mit jedem, so auch mit dem Mädchen, das uns den Kwas verkauft, aber sie erkannte ihn schon am nächsten Tag nicht wieder.
Neben den offensichtlichen Sehenswürdigkeiten wollte mir Artjom die echten Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen, wie zum Beispiel den Flohmarkt, der heute nicht stattfand; den nie fertig gestellten Fernsehturm, der mittlerweile auseinander fiel, die kleinste Metro Russlands und natürlich das Tastatur-Denkmal, das aus mittelgroßen Betonklötzen auf einer Wiese bestand, die angeordnet und beschriftet waren wie eine Computertastatur. Irgendjemand hatte die Tasten F1 bis F3 geklaut. Ich konnte mir irgendwie bessere Souvenirs vorstellen, aber Geschmäcker waren ja verschieden. Vielleicht hatte sich jemand die Steine in seinem Garten aufgestellt, oder benutzt um seinen abgestürzten Computer damit zu schlagen.
Zu den Sehenswürdigkeiten im weiteren Sinn zählten für Artjom die vielen Fastfoodkneipen der Stadt; mal kehrten wir für Pizza ein, mal für Cola, und Artjom bestand darauf, für Ungesundes für uns beide zu bezahlen. So brachten wir den Tag sehr angenehm herum. Um 9 waren wir mit Artjoms Fahrer und seiner Freundin verabredet, also hakten wir um 10 noch einmal nach, wo sie denn waren, und wurden um 11 schließlich von ihnen aufgelesen und hingefahren. Was war ihre Entschuldigung? Seine Freundin hätte sich die Haare noch föhnen müssen. Typisch Frau; mit dem Haareföhnen allein war es nicht getan, sie musste sich auch noch hübsch machen, auch wenn es bis dahin dunkel geworden war und sie eh niemand sah.
Auch Dascha und Barisch waren irgendwie abhanden gekommen, und wir alle ahnten, was sie den ganzen Tag taten, doch sie schafften es fast gleichzeitig mit uns am Denkmal anzukommen. Sie hatten sich ein Taxi genommen um schon mal mit dem Trinken beginnen zu können - hatten die Sache aber nicht ganz durchdacht: wie sie zurück in die Stadt kommen sollten.
Das Denkmal befand sich direkt über der Autobahn aus der Stadt heraus und sah in seiner spitz zulaufenden Metallform nicht besonders romantisch aus, war aber trotzdem ein beliebter Ausflugsort für Brautpaare.
Wir stießen erstmal mit einem Orangenwhisky-Gesöff in Plastikbechern an und begannen dann in der Dämmerung Fotos von uns gegenseitig auf dem Denkmal zu schießen, uns über die Grenzen hinweg festhaltend. Es war gar nicht so einfach, auf das Denkmal hinauf zu kommen, es stand auf einem Sockel aus glattem Marmor - eine steile Wand zum Fußweg hin, und noch steiler und tiefer hinunter zur Autobahn. Angeblich stellte das Denkmal ein E und ein A dar, um Europa und Asien zu symbolisieren, aber ich glaube, in Asien hat man oft ganz andere Buchstaben und fühlt sich hier überhaupt nicht repräsentiert.
Und erst als ich hier auf dem Denkmal stand und mich orientierte, wurde mir bewusst, dass sich Jekaterinburg gar nicht mehr in Europa befand - ich hatte mich nur kurz gewundert, dass man die Stadt in meinem Reiseführer "Russland europäischer Teil" vergessen hatte und mir nichts weiter dabei gedacht. Nun stand ich also zum zweiten Mal auf der Grenze zwischen Europa und Asien; das letzte Mal war letzten Sommer in Istanbul.
Artjoms Fahrer und seine Freundin hatten bald die Nase voll von uns und warteten in Auto, während wir Taxi bestellten, das nicht kam, weil der Vermittler eine genaue Adresse wollte, die wir ihm nicht geben konnten, weil wir ja mitten in der Pampa an der Autobahn zwischen Europa und Asien standen. Überhaupt war es relativ schwer in Russland ein Taxi zu bekommen oder überhaupt irgendeine Art von Service. Schließlich rief unser Fahrer einen Kollegen an, der eine halbe Stunde später kam, gerade als uns der Alkohol ausgegangen war. Verständlicherweise wollten wir in die nächste Bar fahren, und Artjoms Fahrer wäre wohl auch gern mitgekommen, aber seine Freundin war im Auto eingeschlafen, deshalb fuhr er nach Hause.
Die erste Bar, in die wir gehen wollten, war geschlossen, und die zweite Bar schloss wohl bald, aber für einen schnellen Drink war das OK. Sie hätten Böses ahnen müssen, die Bar-Besitzer besonders als Artjom Sambucca bestellte um uns zu zeigen, wie man den richtig trinkt: er bekam zwei Gläser - ein leeres und eins mit dem Schnaps darin und drei Kaffeebohnen. Er legte das gefüllte, bauchige Glas schräg auf das andere und zündete den Inhalt an, dann rollte er das brennende Glas im Kreis auf dem anderen Glas, sodass es von der Hitze nicht platzte, dabei verschüttete er jedoch den brennenden Inhalt, verursachte einen flammenden Ring auf dem Holztisch und setzte prompt seine Serviette in Brand, und versuchte das Feuer mit einer zweiten Serviette zu ersticken, die ebenfalls sofort in Flammen aufging, während sich die brennende Flüssigkeit in Bewegung setzte und die Tischkante hinunter in seinen Schoß tropfte.
Artjom spreizte schnell die Beine auseinander und warf die brennenden Servietten auf den Fußboden und trat drauf bis nur noch verkohlte Reste übrig waren. Wir kamen langsam wieder aus unserer Deckung. Artjom erklärte weiter als wäre nichts passiert: Den Inhalt umkippen, das vorher volle Glas mit der Öffnung nach unten auf den Tisch kippen, den Strohhalm darin einklemmen. Dann den noch heißen Inhalt aus dem zweiten Glas mit einem Schluck trinken, die Bohnen kauen und schließlich die heiße Luft durch den Strohhalm inhalieren.
Artjom bestellte sich gleich darauf den nächsten Sambucca, und diesmal schnitten wir es auf Video mit, aber es gab trotz steigendem Alkoholgehalt Artjoms kein zweites Inferno.
Kurz darauf wurden wir hinausgekehrt und Artjom gab einen ganzen Haufen Trinkgeld, weil er selbst mal als Kellner gearbeitet hatte und mit den Bedienungen mitfühlte.
Dascha und Barisch wollten nun schon nach Hause fahren um "einen Film anzuschauen" - natürlich, sie waren ein frisch verliebtes Pärchen, das verstanden wir.
Auf dem Heimweg kamen wir am Supermarkt vorbei und kauften Snacks, Wurst und sogar eine kleine Torte ein. Zu Hause müsste dann auch unbedingt eine Kerze drauf, meinte Artjom, aber habe leider keine, aber er konnte improvisieren: Zu Hause steckte er ein Wattestäbchen hinein und zündete es an. Er hatte einen erstaunlichen Hang zu Feuer, wenn er betrunken war, und ich hoffte nur, dass er sich nicht selbst anzündete.
Die kippenden Küchenstühle wurden uns zu gefährlich und wir gingen ins Schlafzimmer, machten es uns dort auf der Matratze beziehungsweise auf dem Computerdrehstuhl gemütlich, tranken endlich meinen Kalashnikov-Wodka, spielten Gitarre und sangen, während uns die Katze den Schinken vom Brot fraß. Wie jeder anständige Russe besaß Artjom eine Gitarre, konnte aber nicht spielen. Barisch hatte sie ihm jedoch gestimmt, und nun versuchte ich Artjom die Akkorde beizubringen, an die ich mich noch erinnerte, nachdem er den Wunsch geäußert hatte, Gitarrespielen lernen zu wollen. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass jeder Gitarre spielen lernen kann, egal wie unmusikalisch er ist, also zumindest die grundlegenden Fähigkeiten, die man in einer Runde Betrunkener brauchte, die gerne sangen.
Die Katze stiefelte neugierig zwischen uns umher, versuchte selbst Gitarre zu spielen und steckte plötzlich ihren Kopf in die Teetasse, aus der ich meinen Wodka getrunken hatte. Artjom probierte gleich aus, ob sie auch Whisky mochte, aber darum machte sie einen großen Bogen. Wir lachten, es war eine echte russische Katze. Sie war jetzt schon sein bester Freund und sein Baby, und er verglich sich selbst mit der Katze und fragte mich ernsthaft, ob sie sich nicht ähnlich sahen. Irgendwann an diesem Punkt kippte Artjom nach vorne um und ich schickte ihn ins Bett. Es war schon vier Uhr morgens und die Sonne ging schon gleich wieder auf.
21.7.
Wir ließen uns etwas Zeit mit dem Aufstehen, das wieder sehr mühsam war - aber wozu war man jung? Wer nicht seine Studentenzeit mit Trinkgelagen verbringt, hat nicht richtig studiert, sagt man doch.
Ich hockte noch lange auf der Matratze mit den Fingern auf der Gitarre und das Kätzchen streichelnd, das immer eifersüchtig wurde, wenn ich mich der Gitarre zu widmen begann und sprang demonstrativ auf mir herum. Artjom hockte wieder auf dem Computerstuhl und wir überlegten uns, für Barisch in ein öffentliches Banya zu gehen, sodass er diese Erfahrung aus Russland mitnehmen konnte - oder lieber noch ein wenig Rausch auszuschlafen? Aber es war Russland, da kam so schnell nichts in Gang.
Ich schrieb Artjom die wichtigsten Akkorde auf während Bakschisch die Pfoten auf das Papier legte um es festzuhalten - aber immer genau dort, wo ich grad schreiben wollte; dann nahm dieses intelligente Kätzchen den Stift selbst in die Hand, aber schreiben musste Bakschisch erst noch von Artjom lernen. Der telefonierte derweil mit Barisch - dem waren die 500 Rubel (13 Euro) zu teuer für das Banya, und so hatte ich Zeit, mit Artjom Informationen aus dem Internet über den Baikalsee herauszusuchen und die letzten Gastgeber über Couchsurfing zu organisieren. Das Problem war, dass mir nach einer festen Zusage für Irkutsk nun doch abgesagt worden war, zumindest für die ersten beiden Tage, sodass ich meinen Plan änderte und nicht einfach so in Form eines Tagesausflugs zum Baikalsee fahren würde, sondern sofort nach meiner Ankunft in Irkutsk zur Insel Olchon fahren und dort zwei Nächte bleiben wollte. Ich hätte wohl auch von Ulan Ude dorthin fahren können, aber wenn ich mir die Geografie so ansah, war es günstiger mit einem Bus und einer Fähre von Irkutsk nach Olchon zu fahren, als mit einem Bus und einem Schiff von Ulan Ude aus, das auf der gegenüberliegenden Seite des Baikalsees lag.
Artjom telefonierte herum um meine restlichen Fragen zu beantworten: Ich konnte mein Gepäck beliebig lang in Irkutsk am Bahnhof lassen, man bezahlte tageweise dafür, und so musste ich meine Koffer nicht mit auf die Insel schleppen. Die Unterkunft auf der Insel war etwas schwieriger, aber zumindest hatte ich am Ende ein paar Adressen und Busverbindungen notiert - wobei mir relativ klar war, dass es sowieso anders kommen würde als ich überhaupt planen konnte, denn es war Russland. Und eigentlich war es reiner Irrsinn, auf eigene Faust zu dieser Insel aufzubrechen ohne zu wissen, was mich dort erwartete, aber mittlerweile hatte mich die Abenteuerlust wieder gepackt.
Artjoms Mitbewohnerin Nastya hatte Mittagessen für uns mitgekocht; Artjom hatte eigentlich einen Plov machen wollen, aber wie es so war: Man hatte vorher so viele Pläne geschmiedet, und so wenig war daraus geworden... ich schlug vor, am Nachmittag wenigstens noch auf die Aussichtsplattform zu gehen, von deren Existenz mir Roman in Kazan erzählt hatte, als wir auf dem Festival auf der Wiese lagen und seine Fotos auf seiner Kamera durchgeschaut hatten.
Davon wusste Artjom nichts, konnte es aber herausfinden - sie hatten heute geöffnet, und es wäre bestimmt ein schöner Abschluss meines Aufenthalts in Jekaterinburg, meinten wir. Tatsächlich - die Zeit war so schnell vergangen, und heute Abend fuhr schon mein Zug nach Novosibirsk. Artjom bat mich zwar, noch ein wenig zu bleiben, aber das hätte sämtliche Pläne durchkreuzt, die ich gemacht hatte, und dafür war ich einfach noch zu deutsch - ich mochte es gern, wenn alles nach Plan lief.
Dascha und Barisch kamen schließlich vorbei und wir fuhren zusammen zur Abwechslung mit dem Bus ins Zentrum. Der höchste Wolkenkratzer war noch nicht fertig gestellt, aber eins der Hochhäuser daneben hatte eine Aussichtsplattform, die war nur schwierig zu finden, da es eine ganze Reihe von Eingängen gab, doch dann sahen wir ein unauffälliges Schild, das auf die Plattform hinwies; der Eintritt war auch nur einen Euro, dafür war auf dem Dach eine halbe Baustelle mit verdächtig nahen und auf die Besucher gerichteten Antennen.
Nur wenige andere Leute waren mit uns hier oben. Wir genossen die Aussicht und ließen Fotos von uns im grellen Sonnenschein schießen. Die goldenen Kirchenkuppeln gleißten hell, und auf einem der Häuserdächer war zu lesen: "Danke Juri, der Kosmos gehört uns.
Wir ließen uns an einem Picknicktisch nieder, aber keiner von uns hatte etwas für ein Picknick dabei, und bald wurden wir vom Durst nach unten getrieben. Barisch musste nun auch Kwas probieren, und wir holten uns einen Snack vom Imbissstand, bevor Dascha darauf bestand, in die Sushibar zu gehen, die gestern schon geschlossen war als wir zum Trinken hineingehen hatten wollen. Dort zu essen gab mein Budget nicht her, stattdessen faltete ich Origami. Sushi war in Russland sehr beliebt, aber trotzdem noch arg teuer.
Nun wurde es langsam Zeit aufzubrechen. Auf dem Weg zurück zur Wohnung gingen wir in einen Gypermarkt fürs Abendessen einkaufen; dort gab es alles, was man sich vorstellen konnte, sogar deutsche Salami. Dascha wollte ein frisches Hühnchen kaufen und ich beobachtete belustigt, wie Barisch ihr erklärte, worauf man beim Kauf achten musste - als versuchte er sie jetzt schon zur perfekten Hausfrau zu erziehen.
Auch die Werbe-Durchsagen fand ich amüsant; es wurde für Volkswagen geworben, ganz schlicht mit dem deutschsprachigen Slogan: "Volkswagen - das Auto". Jeder Russe verstand es, und jeder schätze die Qualität deutscher Produkte. Deutsch galt da noch als Etwas. Bei uns hingegen muss ja alles englisch sein, sonst kauft es ja keiner.
Wir hatten noch etwas Zeit bevor mein Zug fuhr und gingen zu Artjom nach Hause um Fotos tauschen; gepackt hatte ich schon am Nachmittag. Artjom warnte mich noch, dass Honig am Flughafen immer als gefährlich eingestuft wurde und man sicher mein Gepäck auseinandernehmen würde. Jedenfalls passierte ihm das immer, wenn er mit dem Flugzeug reiste; dann musste er seinen Honig auspacken und ließ das Sicherheitspersonal probieren - auch eine Art, neue Kunden zu erhalten. Ich sagte ihm, im Zweifelsfall würde ich es vor Ort auslöffeln.
Alle drei begleiteten mich zum Bahnhof. Dort lagen eine Unmengen Münzen herum; so viele, dass ich mich gar nicht mehr bücken wollte. Artjom trug meinen Koffer die vielen Stufen hinunter und versuchte herauszufinden, wo mein Zug überhaupt abfuhr.
Der Zug kam verspätet - es war sowieso erstaunlich, wie ein Zug, der 4 oder 7 Tage lang fuhr, auf die Minute pünktlich sein konnte. Wahrscheinlich weil er nur drei oder vier Mal pro Tag anhielt und nicht auf Anschlusszüge warten musste.
Das Gleis wurde bekannt gegeben, und nun mussten wir uns beeilen, den Koffer hinauf aufs Gleis zutragen und dann in den Zug hineinzuhieven. Artjom kam mit hinein; von Dasha und Barisch verabschiedete ich mich draußen - ein Küsschen, oder zwei, je nach Landestradition.
Der Zug roch nach alten Socken und Joints, die Luft zum Schneiden - der Zug war direkt aus Moskau gekommen. Artjom wirkte gehetzt, weil er ungern aus Versehen mitfahren wollte; ich sagte ihm, er solle den Koffer im Gang stehen lassen und hinausrennen. Die Türen waren sogar schon geschlossen, doch die Zugbegleiter ließen ihn noch nach draußen.
Der Zug setzte sich langsam und immer schneller in Bewegung; Artjom rannte winkend hinterher - ohne diesmal am Ende von der Plattform zu stürzen, wie es ihm schon einmal beim Verabschieden eines Freundes passiert war. Barisch und Dascha gerieten außer Sicht, dann auch Artjom. Es war wunderbar, wie man in so kurzer Zeit zur Freunden werden konnte.
Ich zerrte meinen Koffer zu meinem Platz, der natürlich wieder ganz hinten am Klo war, und das auch noch seitlich oben. Ich begann mich mit dem Mechanismus auseinanderzusetzen, der das obere Bett an der Gepäckablage hielt, denn zum Schlafen musste es hinuntergeklappt werden. Schließlich fragte ich meine Sitznachbarin, wie es funktionierte, aber sie wusste es auch nicht - schlug aber den stiernäckigen Taatoowierten nebenan als Hilfe vor.
Ich redete mich raus, dass er gerade Musik höre und ich ihn nicht ansprechen wollte. Lieber probierte ich selbst noch daran herum. Eine Frau vom Abteil gegenüber konnte es nicht mehr mit ansehen und half mir dabei, aber nun war meine Jacke eingeklemmt, die ich am Haken überm Bett aufgehangen hatte. Es folgte der Kampf damit. Dann der Kampf mit Koffer, der nirgendwo unter die Sitze passte und auf die obere Gepäckablage gehoben werden musste. Die gleiche Frau bat den Stiernacken, dies für mich zu erledigen. Er stöhnte auch ziemlich arg dabei, schaffte es aber. Es dauerte lang bis die Zugbegleiterin das Bettzeug zu Ende ausgeteilt hatte - es wurde schon Mitternacht als ich endlich mein Bett beziehen konnte.
Dann lag hoch oben in meinem schwankenden Bett, knabberte Snacks, hörte Splin auf meinem MP3-Player und sinnte über mein Leben nach. Ja, das rockte.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens gewesen - abgesehen von der Informatik zu studieren - nach Russland zu gehen. Es kam alles zusammen.
Erhalten hatte so viele neue Emotionen, unendlich viele neue Eindrücke, die mich so sehr bereichert hatten. Im Gepäck hatte ich russische Musik, im Kopf und in den Fingern neue Fähigkeiten, und auf der Zunge russische Slangausdrücke. Und das war erst der Anfang. So rauscht mein Zug weiter ratternd weiter ins Unbekannte.











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