Samstag, 6. November 2010

Nachgetragen. Teil 9. (11. Juli bis 17. Juli)

11.7. In den heißen Mittagstunden war ich weniger erfolgreich darin gewesen, Cisco zu studieren. Endlich gegen 14 Uhr rief Farin an und erlöste mich - wir wollten uns ja zum Baden treffen. Ich sollte mich am besten sofort auf den Weg ins Zentrum machen und wollte erst die Gitarre mitnehmen, aber dann entschied ich mich doch anders, denn es sah nach Regen aus...
Schon auf dem Weg begann es zu tröpfeln, weshalb ich ihm eine SMS sendete und nach Plan B fragte. Den gab es erstmal nicht, also fuhr ich wie gehabt ins Zentrum, wo Farin wieder an der Bushaltestelle vor der gelben Kirche parke und fuhren dann zu ihm nach Hause. Ich bat ihm, mir das Gitarrespielen etwas systematischer beizubringen, vor allem, dass er mir den Schlagrhythmus beibrachte, den er verwendete, wenn er mein Lieblingslied spielte.
Er meinte, das sei zu kompliziert und zeigte mir einen einfacheren Rhythmus: Einmal mit dem Daumen nach unten über sämtliche Seiten streichen, dann das Gleiche noch mal, aber mit den restlichen Fingerspitzen, und dann beim nächsten Streichen die Finger in die Gegenrichtung ziehen. Eine Viertelnote, zwei Achtelnoten. Das überforderte mich erstmal und ich war eine Weile beschäftigt. Farin verlangte, dass ich diesen Schlagrhythmus 100 Mal spielte und verließ den Raum... Nein, doch, er war ein guter Lehrer - am Ende hatte ich es drauf.

Er setzte Tee auf, es wurde wieder allerlei Essen bereitgestellt, dann kam Farins bester Freund und Nachbar Rawil vorbei. Wir wollten alle gemeinsam zum See fahren. Gegen 17 Uhr hatte es sich schließlich aufgeklart und wir brachen auf - nicht etwa zu dem 60 Kilometer entfernten See, sondern zu einem Ort namens Woloshka, der sich - wie ich später feststellte - in die Nähe der Bootsanlegestelle unterhalb der Brücke befand, die den Stausee vom Fluss Izh trennt. Hätte ich vorher gewusst, dass wir in dieser Brühe baden gingen, hätte ich mich wahrscheinlich geweigert.

Wir zwängten uns also alle in Farins kleinen Lada, den Kofferraum mit Grillzubehör vollgeladen, zu dem auch eine Axt gehörte, denn es war ein tatarisches Grillfest... oder vielleicht hatte Farin für den Notfall immer eine Axt dabei... jedenfalls sollte es ein gemütlicher Abend am See werden. Nur eins fehlte Rawil - wir hielten an einem Geschäft an, er ging hinein und brachte eine Flasche Wodka mit. Breit grinsend meinte er, wir wollten ordentlich anstoßen. Ich schüttelte bedauernd den Kopf; ich brauchte meinen Kopf klar um Cisco zu studieren; die Endprüfung rückte immer näher, und ich war eh schon zu selten zu Hause zum Lernen. Rawils Frau Albina war auch mit von der Partie, aber sie wollte nicht trinken. Und Farin musste fahren.

Es gab vermutlich wieder nur Schleichwege hinunter zum See; Farin versuchte um die wassergefüllten Schlaglöcher auf Feldwegen herumzusteuern, schaffte es aber nicht ganz, vor allem mit Gegenverkehr.
Schließlich hielten wir im Nirgendwo und konnten von unserer Anhöhe durch die Bäume auf die graugrüne, glatte Oberfläche des Sees schauen. Uns trennte von ihm ein etwa 50 Meter breites Feld aus Schilfrohr und Sumpfgras. Ich zweifelte, dass wir nach unten kamen ohne bis zu den Knöcheln im Morast zu versinken, doch Farin wirkte zuversichtlich, lud sich den nun aufgeblasenen Tubing-Reifen auf den Rücken und ging als erster hinunter zum Wasser. Der Fußweg war steil und durch den Regen nun auch schlammig; Farin rutsche etwas und rief mir zu, vorsichtig zu sein. Albina war eine zupackende Tatarenfrau und ging gleich hinterher, einen Teil der Ausrüstung hinunter tragend. Rawil schleppte den Grill. Mir gefiel ihre Gesellschaft. Die meisten Russinnen, die ich bisher kennengelernt hatte, waren sehr auf ihr Aussehen fixiert und konnten allein durch ihre langen, gepflegten Fingernägel nicht kräftig zupacken. Doch Albina hatte wie so viele Tataren vor allem einen Sinn für das Praktische und es machte ihr nichts aus, sich in einem ausgeleierten Leopardenbadeanzug mit Arbeiterjacke darüber zu zeigen.


Der Weg hinunter schien eher in einen Sumpf zu führen als zu einem Strand, aber tatsächlich befand sich hinter dem Schilf ein Fleckchen Sand und eine wilde, von vielen Besuchern niedergedrückte Wiese, die fließend in eine wilde Müllhalde überging. Es surrten mehr Fliegen als Mücken umher, aber das stört keinen. Eine andere Gruppe grillte bereits. Rawil baute den Grill auf und schlichtete gehacktes Holz hinein, während wir den Picknickplatz aufbauten. Das ging schnell - zwei Decken, etwas Saft und Plastikbecher. Während sich Rawil also noch mit dem Grill abmühte, gingen Farin und ich schon schwimmen. Er ließ den Tubing-Reifen ins Wasser und forderte mich auf, darin Platz zu nehmen. Dann nahm der die Leine und zog den zum Boot umfunktionierten Reifen schwimmend aufs offene Wasser zu, dabei durchquerte er ein Feld aus Seerosen.
Es war wundervoll - ich hatte sie noch nie berührt, noch nie gerochen - sie waren nicht völlig aufgeblüht, es waren gelbe knopfartige Knospen, und tatsächlich hatten sie einen sehr markanten Geruch, den ich nicht beschreiben kann.
Ich bat Farin, vorsichtig zu sein, weil ich annahm, dass man sich leicht in ihren biegsamen langen Stielen verheddern konnte, die auf dem Grund des Sees wurzelten.
Währenddessen von Käfern belästigt und von Bremsen leergesaugt, sodass wir uns gegenseitig mit Wasser bespritzten um die Viecher loszuwerden.
Vom Ufer kam Rauch; das war unser Schaschlik, das Rawil gerade zubereitete. Er rief uns, wir sollten kommen, das Fleisch sei durch. Albina war am Ufer geblieben und hatte beim Zubereiten geholfen, und gab jetzt das Essen auf die Teller aus.
Farin und ich stießen mit Saft an; Albina hatte sich zu einem Glas Wodka nötigen lassen, während Rawil offensichtlich schon vorher mit sich selbst angestoßen hatte.
Nachdem wir alle gut gegessen hatten, gingen wir zu dritt schwimmen, das heißt - Farin und Rawil schwammen wieder weit hinaus, und ich ließ mich im Reifen treiben und ließ nur die Beine ins Wasser hängen. Als wir alle zurück am Ufer waren, aßen wir die Reste vom Picknick und stießen mit Saft an bis Rawil schließlich die ganze Flasche Wodka fast allein ausgetrunken hatte und auf komische Gedanken kam, zum Beispiel seine Frau in voller Bekleidung ins Wasser zu werfen, weil sie noch nicht schwimmen gewesen war. Sie wehrte sich spielerisch und wir alle lachten, dann verschwanden die beiden im Wasser hinter Schilf...



Albina kam schließlich allein zurück. Rawil wollte noch etwas weiter schwimmen. Als er aus dem Wasser zurück kam, brachte er ihr eine Seerose mit. Das wäre romantisch gewesen, wenn er nicht so betrunken gewesen wäre. Dann begann er die vielen Fliegen mit bloßen Händen zu erschlagen, die uns umschwirrten: Hier eine, dort eine, dann zwei auf einen Streich, aber drei schaffte er nicht... Er klatschte sogar Albina und Farin ab, wenn er eine Mücke auf ihnen sah; ich verjagte jedoch meistens schnell genug die Mücken von uns, wenn ich Rawils Absicht bemerkte. Mittlerweile sprach er fast nur noch in Mat‘, in den schlimmsten Schimpfwörtern, die es in der russischen Sprache gab. Früher war es mir nicht so aufgefallen, aber seit ich diese Wörter kannte, hörte ich das Fluchen plötzlich von allen Seiten, auf der Straße, unter Freunden, aber immer nur von den Jungs.

Rawil ging wieder schwimmen und Farin kam für alle Fälle mit, sodass Rawil sich nicht überschätze und absoff. Nach 10 Minuten kamen sie zurück, beide mit einem ganzen Bündel von Seerosen, die sie uns Frauen überreichten. Das wäre auch romantisch gewesen, wenn diese Blumen nicht einen Haufen Ungeziefer in ihren Blüten enthalten hätten.


Es wurde langsam spät und wir fröstelten, aber Rawil ließ sich durch nichts stoppen, noch einmal hinaus ins Wasser zu gehen. Ich stand mit Farin am Ufer und spähte hinaus, aber ich konnte seinen Kopf nicht mehr zwischen den Seerosen entdecken.
Albina ließ derweil die Luft aus dem Reifen und Farin ging noch einmal ins Wasser um Rawil zu holen. Die Sonne ging rot am gegenüberliegenden Ufer hinter dem Wäldchen unter. Es war nun schon 21 Uhr, als Rawil sich endlich hatte überzeugen lassen, sich anzuziehen und mitzukommen. Wir hatten derweil das Picknick weitestgehend zusammengepackt und nur noch auf die beiden Jungs gewartet.

Wir stiegen wieder den steilen Pfad hinauf, Albina und ich vorsichtig die Seerosen tragend. Ich ließ meine an der Wasserpumpe zurück, in deren Nähe wir geparkt hatten; dort hatte sich eine Wasserlache gebildet und die Blumen konnten noch etwas frisch bleiben, wenn ich sie hinein legte. Albina nahm ihre Blumen mit; vielleicht hatte sie die Käfer darin nicht bemerkt, oder aber sie wollte ihren Mann nicht kränken.
Im Auto versuchte Rawil seine sich spielerisch wehrende Frau auf dem Rücksitz zu vernaschen, während wir einen wundervoller Sonnenuntergang genossen. Farin wechselte die Musik zu einem Lied der Gruppe Brainstorm: "Welcome to my country" - "Willkommen in meinem Land", sagte er lächelnd.
Ja, Russland war ein schönes Land - wer hätte das jemals vermutet! - Ich jedenfalls nicht vor noch einem halben Jahr. So schnell war die Zeit vergangen, so viel Schönes hatte ich erlebt, so viele wunderbare Menschen kennengelernt... es war die beste Zeit meines bisherigen Lebens gewesen, trotz manchen Widrigkeiten.


Es war Zeit für ein Gläschen Tee bei Farin, dann fuhr er mich zurück zum Wohnheim, denn ich musste weiterlernen. Ich sagte ihm, er solle sich nicht beschweren, schließlich habe er mir diese Arbeit gegeben: Er hatte mir eine E-Mail mit einer ganze Liste von Dingen geschrieben, die ich bis zum letzten Praktikum am Dienstag wiederholen musste.
Leider wurde ich beim Lernen etwas davon abgelenkt, dass das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft stattfand, das einfach nicht enden wollte - bis zur letzten Minute der Verlängerung.
Ich hätte gern Holland als neuen Weltmeister gesehen, allein schon, weil es so viele Deutsche tüchtig angefressen hätte. Aber auch ein zweiter Platz war Grund genug zum Feiern, zumal Holland nicht gegen Deutschland verloren hatte. Nur gab es hier niemanden, der mit mir gefeiert hätte...

12.7.
Erwartungsgemäß hatte ich Ausschlag von dem ökologischen Desaster bekommen, das sie hier einen Stausee nannten. Die Anlegestelle Woloschka lag zwar am Zufluss und oberhalb der ganzen Fabriken, die ihre Abwässer in den See leiteten, aber ich schätze, das vermischt sich besser als man denkt; richtig schwimmen war ich auch nicht gewesen, nur mit den Beinen war ich drin gewesen und hatte Spritzwasser abbekommen... und genau da bekam ich auch Ausschlag. Details möchte ich an dieser Stelle ersparen. Den ganzen Tag verbrachte ich im Versuch, mich nicht zu sehr zu kratzen und mich aufs Lernen zu konzentrieren, aber beides ging nicht so richtig. Ich ging auch wieder meine Couchsurfing-Anfragen durch und schrieb neue Gastgeber an, wenn ich nach einem angemessenen Zeitraum keine Antwort erhalten hatte.
Gegen 15 Uhr rief Olga an, ob ich nicht Lust auf einen Spaziergang hätte. Ich stimmte zu und wir trafen uns wenig später auf der sandigen Straße vor meinem Wohnheim, die zurecht den Namen Pesotschnaja trug, vom Wort "Pesok" - Sand. Olga hatte mir im Laufe der Zeit so viele nutzlose Wörter beigebracht wie Oduwantschik (Löwenzahn) oder Listwinitsa (Lärche), und nun wollte sie überprüfen, ob ich noch alle wusste. Wir hatten uns lang nicht gesehen und brachten uns gegenseitig auf den neusten Stand während wir hinunter zum Kirowpark und zum Strand des Stausees spazierten. Sie erzählte, dass sie nun eine alte Freundin vom Dorf treffen und mir ihr einige Tage verbringen wollte. Nur durch Zufall erfuhr ich, dass sie in Wahrheit ihre Zeit mit dem Trinker verbrachte, den sie auf der Feier vom 9. Mai kennengelernt hatte, und mit dem sie offenbar schon eine ganze Zeit lang zusammengewesen war ohne mir etwas davon zu sagen. Es war ihr wohl selbst peinlich, aber als anständige Frau musste sie wohl mit dem ersten Plebs zusammenkommen, der sie betrunken auf einer Party abgeknutscht hatte. Mein Respekt für sie sank jedenfalls gewaltig und schlug auf dem Boden auf, als ich später erfuhr, dass durch ihn zu trinken begonnen hatte.

Am Abend diskutierte ich dann mit Dima im Chat tiefsinnig über Wahnsinn und fanden heraus, dass eigentliche alle anderen wahnsinnig waren - aber das hatten wir eigentlich schon vorher gewusst. Die einzige wirkliche Erkenntnis daraus war, dass ich in ihm eine verwandte Seele gefunden hatte.
Auch Farin meldete sich an diesem Abend; er rief an, dass er gerade von Mücken aufgefressen wurde. Ich war unsicher, ob dies unsere Theorie bestätigte.

13.7.
Ich begann den Tag natürlich wieder mit Cisco, denn diese Arbeit musste erledigt werden. Die Russen sagen zwar, dass die Arbeit kein Wolf ist - sie läuft nicht in den Wald davon; und die Ungarn setzen noch eins drauf mit dem Ausdruck, dass die Arbeit kein Schwanz ist - die kann wochenlang stehen; aber wenn ich in den Urlaub wollte, musste ich fertig werden.
Nur am Nachmittag machte ich eine Pause, denn 16 Uhr hatte sich mittlerweile als meine normale Mittagessenszeit eingeschliffen. Beim Essen sah ich mal wieder die Den Haager TV West Nieuws im Internet an und stellte fest, dass mir die holländische Lebensart irgendwie fremd geworden war; zwar erkannte ich alles wieder oder es kam mir vertraut vor, aber eher wie aus einem anderen Leben oder einem Traum. Mittlerweile war mir Russland ein Zuhause geworden. Es wird seltsam sein, dachte ich mir, nach 6 Monaten wieder in Deutschland... so lang war ich nie am Stück weg gewesen, und ich hatte es nicht mal gemerkt. So schnell war die Zeit vergangen, so viele neue Eindrücke hatten mich erst überrumpelt, und schließlich hatte ich mich an sie gewöhnt und will sie nun vielleicht gar nicht mehr missen? Vermissen würde ich ganz sicher jeden Einzelnen der Menschen, die ich hier kennengelernt hatte, und auch das Gefühl, jeden von ihnen zu einer beliebigen Uhr- und Un-Zeit besuchen zu können.

Um 18 Uhr ging ich nun zum letzten Mal zum Cisco-Praktikum, arbeitete mich allein durch die Aufgabenstellung um schneller fertig zu werden. Am Ende der Praktikumszeit tauschten Farin und ich unsere Lieblingsmusik untereinander aus, dann fuhr er mich heim. Er wollte mich noch einmal treffen, bevor ich die Stadt für zwei Monate verließ, aber ich meinte nur wage, dass ich erstmal die letzte Prüfung bestehen müsste, und dann fuhr ja schon mein Zug... In Wahrheit waren es Dima und Nastya, mit denen ich meinen letzten Tag verbringen wollte, aber das sagte ich ihm nicht.

14.7.
Den ganzen Tag hatte ich das Haus nicht verlassen um das letzte Kapitel, durchzuarbeiten die letzte Kapitelprüfung abzulegen und den praktischen Teil der Prüfung aus dem Kopf zu rekonstruieren, da ich diesen ja schon beim letzten Mal durch Alberts Versehen abgelegt hatte.
Das letzte Kapitel war schnell durchgearbeitet, weil ich es nur noch überflog - der Abschnitt mit dem höchsten Informationsgehalt gab Hinweise, wie man eine übersichtliche Präsentation erstellt, und das hatte ich bereits bis zum Abwinken in meinem Studium gelernt. Insgesamt hätte man das vierte Modul von Cisco Discovery getrost in den Müll treten können, und das erklärte auch, weshalb ich die praktische Prüfung von Modul 4 aus dem Stand mit 50% abschließen konnte. Nun wollte ich nur noch herausfinden, warum es nicht 100% geworden sind.
Ich besaß immer noch das Aufgabenblatt mit meinen Notizen; die IP-Adressaufteilung hatte ich vollständig richtig berechnet, die Router und Switches richtig konfiguriert; nur die Sache mit der Ersatzverbindung und Frame Relay war in diesem Modul neu hinzugekommen und nun kein Problem mehr für mich - es waren nicht mehr als vier oder fünf Zeilen in der Konfiguration. Das einzige echte Problem waren Accesslisten, denn die Zugangssteuerung konnte man auf verschiedene Weise lösen und zum gleichen Resultat kommen. Das begann schon mit der Möglichkeit, das Aufrufen von Webseiten über den Parameter "www" oder "80" zu steuern - obwohl beide korrekt waren und zum gleichen Resultat führten, wurde nur eine von beiden in der automatischen Auswertung der Prüfung als richtig gewertet.
Die Programmierer der Simulationsumgebung waren auch nicht perfekt gewesen, wodurch ich nur durch Ausprobieren und eine Menge Zähneknirschen herausfinden konnte, welche Varianten funktionierten, und welche nicht. Nach 10 Stunden war ich völlig breiig im Kopf und ließ die Arbeit für heute ruhen.

15.7.
Die Arbeit war weder Schwanz, noch Wolf, und musste doch wieder aufgenommen werden. Ich verlie0 nur einmal kurz das Haus um im Laden im Untergeschoss Smetana - saure Sahne - zu kaufen, um die letzten eingefrorenen Pelmeni damit runterwürgen zu können. Den ganzen restlichen Tag ging ich wieder meine Notizen durch und stellte wie immer fest, dass die Zeit einfach nicht reichte. Aber das war ein ganz normales Phänomen: Egal, wie viel Zeit man hatte, es war nie genug Zeit um all das zu machen, was man in dieser Zeit gerne erledigen würde. Es war das Prinzip endlicher Zeit vs. endlose Beschäftigungsmöglichkeiten.

16.7.
Heute war es mein Notebook, das keine Lust mehr hatte und sich schließlich mit einem Bluescreen verabschiedete. Es hatte schon eine ganze Weile herumgezickt, und ich konnte es verstehen - zwei Monate dieser unglaublichen Hitze hielt keine westliche Technik aus. Nun fror es jedes Mal beim Neustart fest und wechselte in einen Bluescreen, aber das machte mir keine Strich durch die Rechnung, denn ich hatte bei den ersten gehäuften Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, im abgesicherten Modus eine Sicherheitskopie aller wichtigen Daten gemacht und setzte mich nun mit dem USB-Stick in den Computerraum des anderen Wohnheimteils, weil dies der einzige Ort war, an dem es noch Computer gab, also zumindest einen. Niemand war in diesem Zimmer, aber drei Computerlüfter liefen als Ventilatorenersatz ohne die Luft wirklich angenehmer zu machen. Miguel schaute am Abend kurz rein und grüßte mich - überrascht mich zu sehen. Ich hörte Musik und klopft fast manisch den Takt während ich meine 60 Seiten Notizen durchlas... auch die Etagenfrau hatte immer wieder hineingeschaut, ob ich noch am Computer saß, und um mich noch einmal darauf hinzuweisen, dass ich am Ende alles ordnungsgemäß abschalten sollte. Später kam Miguel noch mal und holt sich seine Lüfter. Ich zeichnete kleine Comics um mir Eselsbrücken für die morgige Prüfung herzustellen und begann durchzudrehen beim Versuch, mir das komprimierte Wissen in den Kopf zu hämmern... und dann war es schon drei Uhr morgens.

17.7.
Um 6, um 8, um 9 Uhr war ich immer wieder aufgewacht, entweder von der Hitze in meinem Zimmer oder dem Lärm von der Straße oder meinen Nachbarn. Ich hatte ausgeschlafen sein wollen für die Prüfung um 12 Uhr, gab den Kampf mit mir selbst um etwas Schlaf schließlich doch auf und bereitete mich vor, zum Prüfung zu gehen. Albert kam nur meinetwegen an diesem Samstag zur Prüfungsaufsicht, deswegen ging ich vorher in den Supermarkt in der Nähe um für ein kleines Picknick einzukaufen.

Ich war trotzdem noch viel zu früh da, aber kurz nachdem ich es mir auf den Boden vor dem dem Ciscolabor gemütlich gemacht hatte, kam Emilyanov und sperrte den Raum auf. Ich vermutete, dass er die Prüfung abnehmen würde, aber er wollte auch nur mit Albert sprechen, der in seiner praktischen Veranlagung aus dem Prüfungstermin gleich einen Konsultationstermin gemacht hatte. Nur hatte er sich wie immer ein wenig verspätet. Ich gab auch Emilyanov einen Apfel in die Hand, als ich das Picknick auf Alberts Tisch aufbaute. Emilyanov war es wohl ein bisschen unangenehm, aber Albert freute sich - ich hatte durch Zufall seine Lieblingsschokolade erwischt: russische Gorkischokolade, bittere.
Albert schaltete die Prüfung frei und Emilyanov bat mich um meinen USB-Stick - er wollte mir Materialen darauf kopieren, die mir beim Studium für das offizielle Zertifikat helfen konnten.
Während ich die Theorieprüfung begann, hörte ich mit halbem Ohr zu, wie Albert derweil heftig mit Emilyanov diskutierte, auch wenn ich nicht verstand, worüber.

Die Theorieprüfung nicht so schlimm gewesen wie ich erwartet hatte, und ich erhielt meine 92% dafür. Bei der Auswertung sah ich, dass ich ein paar Mal ganz gut geraten, aber auch einen Schusselfehler gemacht hatte. Albert stimmt mir zu, dass dieses Modul hauptsächlich aus Gelaber bestand, das absolut nicht nützlich für die Prüfung war, und schon gar nicht für die Zertifizierung.

Er brauchte eine ganze Weile, meine praktische Prüfung freizuschalten, weil ich jene Prüfung ja schon einmal abgelegt hatte und der Kurs nach vier Monaten bereits abgelaufen war - er musste über Umwege einen neuen erstellen, aber es klappte. Derweil erzählte, er dass er heute noch mit seinem Bruder und Freunden an den Fluss Kama zum Fischen und Zelten fahren wollte. Ich versprach mich zu beeilen, aber Albert lächelte nur und meinte, ich solle ruhig die Zeit nutzen.

Natürlich hing sich mein Arbeitscomputer nach 20 Minuten auf - auch diese Computer vertrugen die Hitze nicht besonders gut, aber ich hatte glücklicherweise in den ersten 20 Minuten nicht allzu viel konfiguriert, sondern hauptsächlich die Berechnungen auf meinem Notizblatt ausgeführt. Nach einem Neustart konnte ich wieder bei Zeitpunkt 0 beginnen.
Ich ging nun sehr systematisch vor um herauszufinden, weshalb beim letzten Mal die Verbindung scheinbar in Ordnung gewesen war, aber das Netzwerk dennoch nicht völlig funktioniert hatte - schließlich fand ich den Fehler: Man hatte mit Absicht eine leicht fehlerhafte Konfiguration in eines der Geräte eingefügt, deren Konfiguration gar nicht Teil der Aufgabenstellung war. Ich glaube zumindest, dass es Absicht war, denn man hatte in diesem Kurs viel Wert auf Troubleshooting - also das Auffinden von Fehler - gelegt. Die Auswertung nach der Prüfung gab mir Recht - man hatte mir die Korrektur dieses Fehlers mit Pluspunkten angerechnet. Albert hatte gemeint, dass es unmöglich sei, diese Prüfung mit 100% abzuschließen - das hatte ich auch nicht geschafft, aber ich wusste nun warum: Meine gefürchteten Accesslisten hatten in einer anderen Form konfiguriert werden als ich sie konfiguriert hatte: Ich hatte eine 50:50-Chance gehabt, die richtige Variante zu wählen und hatte die falsche gewählt. Wenn ich nun zum dritten Mal diese Prüfung hätte wiederholen können, hätte ich 100% erreicht, und ich erklärte Albert meine Entdeckung den Konfigurationsfehler der Aufgabenstellung betreffend, aber ich glaube nicht, dass er mir glaubte. Für ihn blieb diese Prüfung weiterhin nicht mit 100% bestehbar bis sie jemand mit 100% bestand.
Ich hatte es ja oft erlebt, dass er seinen eigenen Kopf hatte und sich nicht mit Tatsachen verwirren ließ, wie vor einigen Wochen, als ich ihm von Ägypten im Juli abgeraten hatte. Er war zwar braun gebrannt, aber nur an den Stelle, an denen sich nicht seine Haut großflächig von den Knochen schälte. Er meinte, dass er sogar durch die Kleidung hindurch Sonnenbrand bekommen hätte, aber er schwärmte mir anschließend lange von seiner Reise vor; er war tauchen und segeln gewesen, Speedboat gefahren und auf dem Motorrad durch die Wüste gerast... und am liebten würde er im September schon wieder wegfahren, nach Barcelona diesmal. Dann fragte er mich nach meinen genauen Reiseplänen und war begeistert - 8 Städte in 3 Wochen. Es stellte sich nur noch die Frage, wer die größeren Hummeln im Hintern hatte.

Auch auf Miguel fiel das Thema; Albert schien ehrlich erstaunt, dass sich Miguel noch in Izhevsk befand, weil er seit Monaten nichts mehr von ihm gehört hatte. Ich versprach ihm, mich darum zu kümmern, dass Miguel sich mal wieder bei ihm meldete.

Bevor wir aufbrachen, bastelten wir noch schnell ein Thema für meine Masterarbeit zusammen, ich ließ mir die Unterschrift darauf geben, und dann für alle Fälle noch einmal eine Blanko-Unterschrift auf ein leeres Formular. Dann bat ich ihn noch um ein Foto mit der riesigen Sonnenbrille, die er sich aus Ägypten mitgebracht hatte... nur zur Erinnerung, aber nicht zum Hochladen auf vkontakte, musste ich ihm versprechen. Er nannte mich scherzhaft einen Paparazzi. Wir nahmen den Minibus 52 und verabschiedeten uns mit Wangenküsschen und guten Worten.

Nun wollte ich mich einfach nur ins Bett werfen und bis zum Abend durchschlafen, aber Farin hatte nicht locker lassen wollen bis ich schließlich zustimmte, mit ihm reiten zu gehen. Auf Pferden, wohlgemerkt. Ich konnte mich nur dunkel daran erinnern, als Kind einmal auf einem Pony gesessen zu haben, das im Stadtpark im Kreis geführt worden war - das war meine einzige Erfahrung mit einem Pferd gewesen. Anders als meine Mitschülerinnen hatte ich mich nie für Pferde begeistern können und misstraute generell Tieren, die größer waren als ich. Aber was soll‘s, dachte ich mir, wann bekam man sonst noch mal die Chance dazu?

Ich hätte es als Zeichen nehmen sollen, als mit einem lauten Knall und viel Rauch der Reifen vom Trolleybus explodierte, in dem ich gerade zum Zentrum fuhr. Ich hatte mir zuerst gar nicht vorstellen können, was das gewesen sein mag, und warum es plötzlich unterm Sitz zu rauchen begonnen hatte. Der Oberlinienbus rollte noch eine ganze Weile unbeirrt den Berg hinunter bis zur nächsten Haltestelle. Ich stieg aus, andere blieben drin sitzen. Schnell machte ich ein Foto von dem beeindruckenden Loch im Reifen bevor der Bus wieder losfuhr. Es war manchmal erschreckend, wie unbeteiligt so viele Russen alles in ihrem Leben hinnahmen.

Ich war nicht mehr weit vom Treffpunkt mit Farin entfernt; er wollte wieder an der gelben Kirche warten, das war eine Haltestelle weiter, also kein Problem schnell dorthin zu laufen. Trotzdem kam ich natürlich ein ganzes Stück zu spät dort an und brauchte eine ganze Weile um ihm zu erklären, warum ich zu spät war und wechselte schließlich zu Gesten und einer entsprechenden Geräuschkulisse, wobei ich beim Imitieren des Explosionsgeräuschs vor lauter Eifer spuckte. Farin hatte es dann aber begriffen und fuhr los; er hatte Pistazien für mich mitgebracht, die wir während der Fahrt knackten - die Schalen warfen wir einfach aus dem Fenster.

Bei Farin angekommen holte er erstmal eine große Wassermelone hervor und schnitt die Hälfte davon in Stücke - das sollte ich nun alles erstmal essen bevor wir losritten. Er hatte 4 oder 5 Stück gekauft, sein Kumpel Rawil gleich 15, weil es jetzt Melonenzeit war, das heißt, sie waren spottbillig - für nur wenige Rubel pro Kilo zu haben. Das erinnerte mich an Usbekistan, als wir uns zwei Monate lang praktisch nur von Melonen ernährt hatten. Und natürlich gab es dazu wieder einen Tee, Gebäck und überhaupt alles, was im Haus war: Die gleichen Quarkkeulchen mit selbstgemachter Apfelmarmelade.

Wenig später trafen wir Albina, Rawils Frau - sie war eine Pferdenärrin und kannte einen Pferdebesitzer ganz in der Nähe.
Der Tatarische Basar war wirklich ein Dorf innerhalb der Stadt: Hunde bellten hinter hohen Blechzäunen, Hühner spazierten auf den Feldwegen zwischen den Häusern umher und böse aussehende Riesenhähne bewachten sie. Albina fragte einen der Bauern zaghaft, ob wir unbeschadet vorbeigehen könnten. "Ja sicher", antwortete er, "aber besser keine ruckartigen Bewegungen machen". Der Truthahn zuckte nervös, als wir langsam vorbeigingen, aber er tat uns nichts.

Es gab hier die seltsamsten Häuser - wie verwunschene Hütten im Märchen; eins erinnerte mich ganz besonders an Disney, schon allein durch seine rosa Farbe.
Wir kamen an einen Hof mit wunderschön bewachsenen Häuserwänden und klopften an die hohe Eingangstür. Hundegebell erklang, und ein alter Mann öffnete und ließ uns ein. Der Hof roch schon nach Pferden; auf dem Boden lag Stroh und Fliegen schwirrten umher.
Wir gingen zu einem kleinen Schuppen - in dem befand sich ganz versteckt eine Stute mit ihrem Fohlen. Farin erklärte mir, dass es noch ganz jung sei. Albina hatte einen Beutel kleiner Äpfelstücke und Melonenschalen dabei, die sie nun an die Pferde verfütterte. Hier waren es nur drei, aber auf dem ganzen Hof gab es weitere Ställe; ich glaube, es waren insgesamt sechs Pferde.
Farin fischte auch Äpfel aus der Tüte und reichte sie einem Pferd, dass ihm mit viel Gesabber aus der Hand fraß. Er forderte mich auf, es ihm gleich zu tun, aber zunächst noch weigerte ich mich, weil ich kein großer Fan von Pferdesabber war.

Die kleinen Pferdchen, die wir alle gerade so bewundert hatten, sahen ganz harmlos aus, und ich dachte mir schon, dass der Ausritt doch nicht so abenteuerlich werden würde - aber dann kamen wir zu dem Pferd, das ich reiten sollte: Elli, und es war riesig. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass Pferde real so groß waren. Mir stellte sich dann gleich die nächste praktische Frage - wie ich dort hochkommen sollte.
Nun kam ich doch nicht mehr ums Füttern rum, denn es war eine Form der Kontaktaufnahme - ich sollte sie streicheln und füttern, ihr Freund werden. Ich schüttelte mich innerlich; es war so ekelig, wenn mir das Pferd von der Hand fraß, und meine Hand fühlte sich danach noch lange nass und klebrig an.

Drei Pferde wurden nach draußen geführt, es wurden Decken aufgelegt, dann Sättel, die fest um den Bauch des Pferds verschnürt werden mussten. Farin sollte es selbst einmal probieren, und er lief beim Versuch vor Anstrengung rot an. Mit vereinten Kräften schafften sie es. Schließlich waren die drei Pferde fertig angekleidet und draußen vor dem Hof angebunden.
Dort fraßen sie alles, was sie erreichen konnten und drückten dabei sogar den Gartenzaun nieder um an die Sträucher und die Blumen dahinter zu kommen, sie rupften das staubige Gras, der noch Zaunfarbe enthielt und ich suchte schnell nach etwas Grünem zum Füttern. Mein Pferd schien gemerkt zu haben, dass das Gras hier draußen nicht so gut war und spuckte grün auf den Boden; danach wollte ich es gar nicht mehr mit bloßer Hand füttern. Ich hatte bisher gedacht, dass Pferde gar nicht kotzen könnten und es deswegen das Sprichwort gab, man hätte schon Pferde kotzen sehen.

Nun war es Zeit aufzusteigen. Allein kam ich gleich gar nicht hoch, Farin musste mich an meinem Hintern hochschieben, und machte das mit Freude - dann hing ich auf dem Pferd wie ein nasser Sack. Und es setzte sich langsam in Bewegung: "Ahhnein, nein..." rief ich entsetzt aus. Das hielten meine beiden Begleiter für den geeigneten Zeitpunkt, mir die Kommandos beizubringen, mit denen man die Pferde angeblich steuern konnte: "Ajda” zum Gehen - da dachte ich mir gleich, das brauche ich eh nicht, und "stayat” zum Bremsen - das probierte ich gleich aus, aber das Pferd ließ sich davon nicht sonderlich beeindrucken. Albina packte das Züge und wies Elli an, stehenzubleiben.
Das einzige, das auch bei mir funktionierte, war rechts am Zügel zu ziehen für Rechtskurve, links für Linkskurve. Farin und Albina ritten voraus. Schleppend setzte es sich Elli in Bewegung und stoppte von ganz allein nach 100 Metern um Gras zu fressen.
Farin kam zurückgeritten und half mir weiterzukommen, und demonstrierte, wie man ein Pferd treten und schlagen musste, dass es gehorchte, aber ich das konnte ich nicht mit meiner zaghaften Natur vereinbaren. Ein anderer Gedanke kam mir: Wenn das Pferd mich nicht mochte und es wollte, dann könnte es mich einfach abwerfen und allein weitertraben.
So kam es also, dass wir die meiste Zeit auf Wiesen standen und ich Elli fressen ließ. Farin wurde bald ungeduldig und zeigte mir, wie ich am Zügel ziehen musste um den Kopf des Pferdes vom Boden zu mir zu hoch zu ziehen um weiter reiten zu können. Aber so ein Pferd ist ziemlich stark und eigenwillig. Erst als ich schon den Muskelkater spürte, war es mir halbwegs gelungen, sie schon während des Kauens zum Laufen anzutreiben.

Freilaufende Hunde folgten uns; Farin ließ mich eindringlich wissen, dass wir schneller werden mussten um die abzuschütteln, aber gleichzeitig sollten wir nicht die Leute mit Kinderwagen auf dem Waldweg überrennen. Und wieso wurde ich überhaupt einfach auf ein Pferd gesetzt ohne Reitunterricht oder Ahnung was ich machte, schoss es mir durch den Kopf als Elli plötzlich dem Beispiel der anderen folgend in eine schnellere Gangart verfiel - Trab, Galopp, was weiß ich. Ich konnte mich nur mit aller Kraft am Sattel festklammern und beten, dass ich es heil überstand. Ich fühlte mich hüpfen und versuchte mich der Bewegung anzupassen, aber es war wie ein Rodeo auf einer wild gewordenen Waschmaschine. Es war keine gute Idee gewesen, meinen Brustbeutel um den Hals zu haben, denn der Strick scheuerte mir die Haut auf; der Beutel wog schwer von den vielen Münzen.

Am Ende des Waldwegs hielten Farin und Albina an, und Farin fragte mich allen ernstes, wie ich mich fühlte und war überrascht, dass ich nicht so recht begeistert war.
Sie ritten nun langsamer weiter, und trotzdem blieb ich immer wieder zurück. Farin verlor schließlich die Geduld: "Du musst hart und stark sein und sie schlagen!”, dabei machte es vor, "sie muss wissen, dass du ihr Meister bist!”. Ich hatte keine Lust mehr und hob die Brauen und meinte nur, dass es für ihn vielleicht etwas Sexuelles war, aber ich nicht so darauf stand.
Zur Rache ging er nun in einen noch schnelleren Gang und Elli sprintete ihm nach. Ich bekam wirklich Zweifel am Spruch "Glück dieser Erde" und hielt mich verbissen fest - alles schmerzte, meine Knie, meine Arme, mein Sitzfleisch und mein Kopf - ein Schleudertrauma wahrscheinlich, wie bei einem Autounfall, malte ich den Teufel an die Wand.
Mittlerweile wünschte ich mir, dass Elli wieder grasen würde, denn auf stayat hörte sie nicht. Als sie stoppten, wollte ich nur noch zurück zum Hof. Wir waren bei einer Tankstelle außerhalb des Tatarischen Basars angekommen und schlugen wieder einen Pfad durch den Wald ein. Etwas Gutes hatte es, dass ich mittlerweile so genervt war: Mir gelang es Elli vom Fressen abzuhalten, indem ich ihren Kopf gar nicht erst in Richtung von etwas Grünem pendeln ließ.
Wir kamen auf Farins Lieblingsstrecke; ein Auf und Ab über Hügel und durch ausgetrocknete Flusstäler. Mit einem wahnsinnigen Schwung rasten die Pferde dort durch, und ich schrie nur noch und fluchte laut. Nein, ich mochte wirklich keine Pferde, wurde mir klar, aber wenigstens hatte ich herausgefunden, warum.
Nach einer anderthalb Stunde waren wir endlich zurück am Hof angelangt, und nur mit Hilfe rutschte ich erschöpft vom Pferd runter; meine Knie klappten zusammen. Diesen Ausritt würde ich noch Wochen später in meinen Knien spüren.

Ich blieb erst einmal sitzen. Der Besitzer kam zu uns hinaus und führte seine Pferde nach drinnen um sie abzusatteln. Allein draußen bleiben wollte ich dann doch nicht und ging mit hinein. Die drei standen mittlerweile um eine große Metallschüssel und probierten den gelb-braunen bröckeligen Inhalt. Es war der Rest einer Honigwabe. Sie forderten mich auf, es auch mal zu probieren; es schmeckte natürlich süß wie Honig und blieb an den Zähnen kleben, weil es Wachs war.

Der Bauer führte uns in einen Schuppen, in dem er ganze Kannen mit Honig lagerte. Er öffnete eine und steckte den Finger tief hinein um uns zu zeigen, von welch guter Qualität sein Honig war. Er leckte den Finger ab und forderte uns lächelnd auf, das Gleiche zu tun. Dabei machte Farin mit Freude Fotos von uns.
Wir bezahlten dem Bauern 900 Rubel für uns drei zusammen, etwa 23 Euro, aber er wollte das Geld fast gar nicht haben, weil es ihm Freude gemacht hatte, uns zu treffen. Doch natürlich gaben wir es ihm trotzdem, und er gab uns einen Preisnachlass.




Es war mittlerweile schon dunkel geworden und ich musste langsam zum Wohnheim zurück und meine Sachen für die Reise packen, da ich sie bisher nur in Haufen auf dem Boden verteilt hatte - Dinge, die ich nicht mehr brauchte und nach Deutschland bringen wollte, weil es zu schade war, sie wegzuwerfen; Dinge, die ich auf der Reise brauchte; Dinge, die ich unbedingt bei meiner Rückkehr brauchte; Geschenke und ein Berg, bei dem ich noch unschlüssig war, wo ich dessen Gegenstände einordnen sollte.
Farin ließ mich jedoch nicht eher gehen, bevor ich nicht noch wie immer schnell einen Tee getrunken und die restliche halbe Wassermelone aufgegessen hatte. Dann fuhr er mich zum Wohnheim zurück.

Als ich am Computerraum vorbei kam, erinnerte ich mich an mein Versprechen und versuchte Miguel zu finden, aber bis in die Nacht hinein lag sein Notebook unbenutzt auf dem Tisch. Morgen schon würde ich meine große Reise durch Russland beginnen, also hinterließ ich ihm einfach einen Zettel in sein Notebook geklemmt, mit der Bitte, der möge sich doch bei Albert melden. Gut genug, dachte ich zufrieden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen