Montag, 15. November 2010

Auf großer Reise, Teil 1: Nach Jekaterinburg. (Sommer 2010)

18.7.
Viele Dinge zur Reisevorbereitungen waren in der Prüfungszeit unerledigt geblieben, sodass ich mir für heute fest vorgenommen hatte, früher als sonst aufzustehen um nach den Erledigungen noch Zeit zu haben Dima und Nastya zu besuchen, zu einer letzten Tasse Tee bevor mein Zug in den Abendstunden fuhr.

9:30 stand ich also planmäßig auf - früher war für mich als ausgeprägten Nachtmenschen kaum möglich - und begann die verschiedene Berge mit Gegenständen und Kleidung vom Boden in meinen Koffer beziehungsweise in meinen Schrank zu schlichten. Es überraschte mich, am Ende sogar noch Platz im Koffer zu haben und sämtliche andere Besitztümer in zwei Schrankfächern untergebracht zu haben. Aber in den Koffer musste auch noch eine Flasche Kalaschnikow-Wodka, die hatte ich Artjom, meinem Gastgeber in Jekaterinburg, versprochen. Wir hatten uns in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Nachrichten in vkontakte geschrieben und waren schon auf dem halben Weg zu einer Freundschaft; ich freute mich, es würde eine schöne erste Station auf meiner Reise werden.

Ich sah mich in dem plötzlich so leeren Zimmer um. Die Gitarre lag auf einem der freien Betten, und die Postkarten hatte ich noch an den Wänden gelassen, aber sonst sah es leer aus. Bis vielleicht auf den Teppich, der mal gesaugt werden müsste. Ich suchte mir also das Wort für Staubsauger aus dem Wörterbuch heraus - und vergaß es sofort wieder. Dann nahm ich eben das Wörterbuch mit zur Etagenfrau und bat das Wort vorlesend um einen Staubsauger. Sie antwortete, er befände sich in der Etage darunter.
Ich ging runter, dort hatte meine Lieblingsetagenomi Dienst, die ich lange nicht gesehen hatte - es war die, die mir ganz am Anfang beim Pelmenikochen geholfen hatte. Sie eilte sofort davon mir den Staubsauger zu bringen und ich erzählte, dass ich jetzt abreisen würde, aber im Herbst wiederkäme. Sie wünschte mir alles Gute.

Als ich die Steckdose in meinem Zimmer nutzen wollte, an der der Kühlschank angeschlossen war, riss ich sie gewohnheitsmäßig aus der Wand, fischte die Schrauben hinter dem Schränkchen hervor, baute sie wieder ein und steckte den Staubsauger an. Der brummte zwar ordnungsgemäß, nahm aber keinen Staub auf. Ich stellte und drehte daran herum, gab schließlich auf und brachte ihn zurück, und meinte, er funktioniere nicht. Die Etagenomi baute ihn auseinander und fand das Rohr völlig von dicken Fusseln und Haaren verstopft vor. Sie meinte, sie würde sich drum kümmern, aber ich müsste beim Auszug nicht saugen, das würden die Putzfrauen erledigen.

Nun ging ich auch zur anderen Etagenfrau und sagte, dass ich heute abreisen würde. Sie antwortete etwas Unverständliches auf Russisch und kam mit mir zum Zimmer. Sie gab mir zu verstehen, dass sie die Bettwäsche mitnehmen wollte. Ich gab ihr das Laken, den Kopfkissenbezug und das kleine grüne Handtuch. Damit war sie nicht zufrieden. Es seien vier Teile gewesen. Davon wusste ich nichts und zeigte ihr, dass nichts weiter im Bett lag. Während sie mich also beschuldigte, das vierte Teil - was auch immer das gewesen sein mag - gestohlen zu haben, gerieten wir in einen Streit. Diese Etagenfrau war mir schon immer unsympathisch gewesen, und nun musste ich mich auch noch mit ihr herumärgern. Sie erinnerte mich in ihrem ganzen Wesen an eine Hexe vom Brocken; sie war klein und gedrungen, mit wilden, rot gefärbten Haaren und einer Warze auf der Nase.
Ich war erstaunt wie flüssig mein Russisch wurde, wenn ich ärgerlich war. Wozu sollte ich denn so ein blödes, altes Bettlaken stehlen, und woher sollte ich wissen, welche Stofffetzen die Russen als Bettzeug betrachteten? Ich hatte es ja schon immer als ein wenig mager betrachtet, in was sie uns Studenten hier schlafen ließen, und nun stellte sich heraus, dass zur üppigen Bettgarnitur ein weites Bettlaken gehört, das als Zwischenschicht zwischen schlafender Person und Pferdedecke gehörte. Dieses Laken fand sie in ihrem Ärger zufällig in einem der anderen Betten, das ich nie benutzt hatte, weil es zu nah am ratternden Kühlschrank stand, aber offenbar hatte es eine Etagenfrau vor meinem Einzug bezogen und ich hatte es nie bemerkt, sondern nur den Wäschestapel davon heruntergenommen.
Als das geklärt war, nahm sie alle vier Teile und ging murmelnd zurück in ihr Zimmer um eine Suppe aus Rattenschwänzen und Kinderzähnen zu kochen. Und ich ging einkaufen, ich brauchte noch Reiseproviant. Bevor ich losging, schaltete ich schon mal den öffentlichen Computer an, der etwa 10 Minuten zum Hochfahren brauchte, weil so viele unnütze Programme darauf liefen. Die einzige Möglichkeit, ihn schneller zu starten, war, immer wenn ein Fenster auftauchte, sofort den Prozess abzuschießen, aber das dauerte immer noch gut fünf Minuten, also konnte ich genauso gut währenddessen einkaufen gehen.

Gegen 13:30 hatte ich ursprünglich geplant zu Dima und Nastya zu fahren, meinen Koffer mitzunehmen und von ihnen aus mit dem Taxi zum Bahnhof zu fahren, aber es wurde 14 Uhr bis es mir gelungen war, den Koffer aus dem Haus zu schleppen. Die Frau, die unten am Eingang als Portier arbeitete, fragte mich noch aus, wohin denn die Reise ging und wann ich zurück kam, und ich musste mich zwingen, nicht in ihren Mund zu starren, in dem eine ganze Reihe Zähne fehlte.

Ich brauchte ein wenig Anlauf; ich hatte zwei Lebensmitteltüten dabei; eine mit Proviant für mich, die andere mit tiefgefrorenen Lebensmitteln, die ich nicht aufgebraucht hatte, und ein Glas mit Eingekochtem von Olga, das zu essen ich mich bisher nicht getraut hatte.
Das ganze erledigte sich dann auch von selbst, als ich die Tüte etwas zu hart beim Einsteigen im Trolleybus aufsetzte während mit dem Koffer beim Einsteigen geholfen wurde - das Glas zerbrach.
Die Schaffnerin verlangte, dass ich gleich doppelt bezahle, noch einmal für den großen Koffer, aber dafür war sie so nett, andere Mitfahrende zu bitten, mir beim Herausheben des Koffers zu helfen. Draußen merkte, ich dass der Beutel auszulaufen begonnen hatte und rettete daraus, was zu retten war, und warf den Rest direkt hier in den Müll. Nun war es auch leichter, sich mit dem Koffer fortzubewegen, da ich nur noch eine schwere Tüte zu tragen hatte, die sich war nicht mehr am Koffer befestigen ließ, aber das hatte vorher auch schon nicht so richtig geklappt.

Dima half mir den Koffer hoch in die erste Etage zu tragen, von der aus der Fahrstuhl fuhr und wunderte sich, dass ich überhaupt mit Koffer reiste, weil ich ursprünglich vorgehabt hatte, zum Baikalsee mit leichtem Gepäck zu reisen und meinen Koffer auf der Rückfahrt zu holen. Ich erklärte ihm, dass ich ohne Umweg über Izhevsk vom Baikalsee direkt nach Moskau fahren würde, denn Izhevsk war die einzige Stadt meines Reiseplans, die nicht auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn lag.

Ein letztes Mal diesen Sommer kamen wir drei also zum Teetrinken zusammen, aber es war nur wenig melancholisch, sondern wie immer: Gemütlich mit interessanten Gesprächsthemen. Etwas gegen meinen Willen gesellte sich kurz vor meiner Abfahrt auch noch Olga dazu, aber wenigstens brachte sie ihren Alkoholikerfreund nicht mit. Trotzdem war unser Verhältnis nun etwas gespannt. Sie hatte mir als Abschiedsgeschenk einen hässlichen gelben, grinsenden Aggressionsball mitgebracht - sie hatte wohl schon geahnt, dass ich ihr Geheimnis früher oder später herausfinden würde. Izhevsk war nun mal ein Dorf, und die Leute redeten.
Dima und Nastya schenkten mir eine Filzkappe fürs Banya, auf der zu lesen war, dass ich der beste im Auspeitschen mit Birkenzweigen war. Nastya bestellte das Taxi und Dima bestand darauf, dass sie mich zum Bahnhof begleiten würden. Olga kam nicht mit.

Wir waren sehr früh am Bahnhof angekommen, fast anderthalb Stunde bevor der Zug fuhr, so setzten wir uns auf eine Bank in die Sonne und versuchten aus den Durchsagen herauszuhören, auf welchem Gleis der Zug nach Jekaterinburg einfahren würde, aber durch die Lautsprecher wurde nur für die Bahnhofskirche im Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes geworden. Wir vertrieben uns die Zeit und bemerkten schließlich einen Zug, der die Stadt Swerdlowsk zum Ziel hatte. Nastya stutzte kurz und meinte, das sei mein Zug, denn Swerdlowsk war der alte sowjetische Name der Stadt Jekaterinburg, und irgendwie hatten sie es bei dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch nicht geschafft, die Pappschilder in den Fenster auszutauschen.
Ich umarmte Dima und Nastya beide auf einmal zum Abschied, und sie bestanden darauf, mir beim Hineintragen meiner Sachen zu helfen.
Zwar wurde vor dem Einsteigen in den Wagon die Fahrkarte jedes Passagiers mit seinem Reisepass genaustens verglichen, aber Begleiter wurden ohne weiteres durchgewinkt, in der Hoffnung, dass sie vor der Abfahrt des Zuges alle wieder ausgestiegen waren. Die Plätze waren ja begrenzt, weil es grundsätzlich Liegewagen waren. In manchen Zügen gab es zusätzliche Schildchen, die auch den mittleren der drei Plätze auf einer Liege als verfügbaren Platz auswiesen, aber auf meiner ganzen Reise habe ich nie gesehen, dass dieser Platz an einen Reisenden verkauft worden war.
Ansonsten war das System simpel: Zwei Betten jeweils übereinander lagen sich gegenüber und waren durchgängig nummeriert; sogar die Nummern waren übereinander angebracht, nicht nebeneinander, um nicht für Verwirrung zu sorgen.

Es waren nur noch wenige Minuten bis zur Abfahrt; der Zug war noch halb leer. Dima hatte meinen Koffer in die Gepäckablage unter meinem Sitz verstaut, weil ich ihn dort besser hervorholen konnte als in der Ablage über der oberen Liege. Ich hatte meine beiden Freunde noch einmal nach draußen begleitet und war nun allein zurück auf meinen Platz gekommen. Sie hatten mich entdeckt und winkten. Als der Zug ausrollte, spürte ich keinen Funken Abenteuerlust; viel lieber wäre ich mit Dima und Nastya auf die Dascha gefahren und hatte den Monat bis zu meinem Abflug in Izhevsk verbracht.

Doch das Gefühl verschwand allmählich, als ich meine Sitznachbarn von seitlich gegenüber kennenlernte. Sie hatten gehört, dass ich mich auf Englisch unterhalten hatte und waren ganz begeistert davon, und wollten nun gleich wissen, woher ich kam und was ich in Izhevsk machte.
Sie selbst waren auf dem Weg zur amerikanischen Botschaft in Jekaterinburg um sich für ein Visum zu bewerben, denn sie wollten einen Monat "Work & Travel” in den USA unternehmen.
Sie hießen Anna und Iwan. Anna zeigte mir ihre Bewerbungsunterlagen: Es war eine dicke Mappe mit sämtlichen Dokumenten, die man sich vorstellen konnte: Von der Geburtsurkunde bis zu einem Dokument, das bewies, dass sie ein Haus besaßen und über genug Geld verfügten, die USA wieder verlassen zu können. Dazu kamen noch Nachweise über das Bekleidungsgeschäft, dass Anna und ihre Mutter hier führten, und Privatfotos von der Arbeit und Familie, die nachweisen sollten, dass alles wirklich real so war, wie die Dokumente es bewiesen. Es wurde den Russen nicht leicht gemacht, in die USA einzureisen. Ich glaubte mich zu erinnern, dass man als Europäer noch nicht mal ein Visum braucht und nur eine Anmeldekarte bei der Ankunft auszufüllen hat. Aber mich hat es noch nie nach Amerika gezogen; lieber würde ich vorher in den Iran reisen - nach Isfahan und Teheran. Aber dann würde man mich wahrscheinlich sowieso nicht mehr in die USA einreisen lassen.

Wir machten es uns zu dritt in meinem Abteil gemütlich, das noch von niemandem sonst belegt wurde, und breiteten unseren Proviant auf dem Tischchen aus - wir teilten unser Essen wie selbstverständlich. Bei jeder Packung, die sie öffneten, boten sie mir an, als erste zuzulangen.
Wir saßen noch lange an diesem Abend beisammen, tauschten Telefonnummern und andere Kontaktdaten aus, schossen gegenseitig Fotos von uns und schmiedeten Pläne für den Winter, wenn wir alle zurück in Izhevsk sein würden. Sie brachten mir ein Kartenspiel bei, das ich lange nicht verstand, und auch bald wieder vergaß, aber wir spielten es bis Mitternacht, bis mich die Müdigkeit überrollte wie ein Zug. Ich spürte immer noch die Schmerzen vom Reiten in jedem meiner Knochen und wusste, dass es morgen noch viel schlimmer sein würde, wenn ich jetzt nicht schlafen ging, und durch den Zeitunterschied zwischen Izhevsk und Jekaterinburg würden schon rein rechnerisch mir zwei Stunden Schlaf fehlen.
Ich hatte mir eine Liste zusammengestellt, in der ich die Ankunfts- und Abfahrtszeit in den jeweiligen Städten sowohl nach Moskauzeit, als auch nach Ortszeit aufgelistet hatte. Die Züge fuhren ja ausschließlich nach Moskauzeit, aber meinen Gastgebern musste ich ja die tatsächliche Uhrzeit nennen, oder am besten beide, sodass es nicht zu Missverständnissen kam.
Beinahe in jeder Stadt übersprang ich ein bis zwei Zeitzonen. Iwan hatte erzählt, dass die Russen normalerweise zwei Uhren im Zug trugen, eine nach Moskauzeit, eine nach Lokalzeit.
In meinem geliebten Smartphone konnte ich sogar drei Uhrzeiten zusammen mit den jeweiligen Städten gleichzeitig anzeigen lassen. Vorher hatte ich diese Funktionalität für eine Angeberfunktion für Geschäftsleute gehalten, aber auf meiner Reise stellte ich nun fest, dass ich sie wirklich gut brauchen konnte - sogar vier Uhrzeiten auf einen Blick wären praktisch gewesen: Moskauzeit für den Fahrplan, Ortszeit für den aktuellen Gastgeber, die dritte Anzeige für den nachfolgenden Gastgeber, sodass ich ihn zu einer ihm verträglichen Uhrzeit kontaktieren konnte, und die vierte wäre die Uhrzeit in Deutschland gewesen, sodass ich auch mit Matthias zu verträglichen Uhrzeiten kommunizieren konnte. Das war durchaus nicht übertrieben; am Baikalsee betrug der Zeitunterschied bereits sieben Stunden.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen