25.7.
Ich gewöhnte mich langsam an das Reisen im Zug, schlief lang oder dämmerte vor mich hin, aß, bastelte Origami und betrachtete die Landschaft aus dem Fenster.
Nach Krasnojarsk begann sie wunderschön zu werden - nicht mehr der nimmerendende Birkenwald, sondern sanft fallende, grüne Hügel, mit sich dazwischen schlängelnden Flüsse, und Häusern, die in die Berghänge gebaut worden waren. Lila Wiesen, kleine wilde Seen. Hier hätte sich ein Urlaub gelohnt - ein Zelt, ein ausgebeulter Kochtopf und ein guter Freund waren alles, was man hier brauchte.
Ich hatte schon lange keinen Handyempfang. Ich war mitten in Sibirien, hier lebte außerhalb der Verkehrswege niemand mehr; das nächste Dorf konnte mehrere hundert Kilometer entfernt liegen. Mein Reiseziel war Ulan-Ude, eine Stadt, die vielen Russen kein Begriff war; einige vermuteten sie sogar außerhalb Russlands. Dabei war es die Hauptstadt der russischen Republik Burjatien und immer noch Teil Sibiriens, wenn auch nur noch einige hundert Kilometer von der Mongolei entfernt.
Ich glaubte Usbeken im Zug zu sehen - ich erkannte die Kleider wieder, und ganz charakteristisch den Mund voller Goldzähne.
Hatte nicht viele Lebensmittel dabei; ich war froh vorgestern schon das Nötigste für die Reise eingekauft zu haben, weil ich es gestern schlicht und einfach vergessen hatte. Es gab kaum noch große Städte, an denen der Zug länger hielt, und somit auch keine Verkäufer mit Essen auf dem Bahnsteigen, dafür kam Personal mit Verkaufswägelchen durch und rief "Heiße Posen" auf russisch. Das war eine Spezialität der Gegend, hatte mir Albert erzählt. Posy seien übergroße Teigtaschen, und der Name klänge für Russen auch seltsam.
Ich hatte weiterhin keinen Kontakt mit meinen Nachbarn und begann mich zu langweilen; nur älterer Mann fragte nach meinem Origami, aber er sprach zu schnell und ließ sich auch nicht überreden langsamer zu sprechen. Wir sahen uns nachdenklich an und gingen auseinander.
Auch andere schienen sich arg zu langweilen und hatten bereits direkt nach dem Aufstehen des erste Bier bestellt.
Es wirklich kein schöner Anblick die ausgedehnten Bierbäuche meiner Sitznachbarn betrachten müssen, die ausgeleierten Taatoowierungen und die dicht behaarten Rücken. Es war kochend heiß im Zug, und genauso heiß an einzigen drei Haltepunkten heute, an denen man aussteigen konnte.
Durch das Schlafen und Dösen den ganzen Tag über war es nicht leichter, abends einzuschlafen. Das Licht war schon gelöscht, und mehr aus Langeweile bereitete ich mir eine Fertigsuppe direkt am öffentlichen Wasserkocher zu und aß sie dort, weil der Zug zu sehr schwankte um sie zu meinem Platz zu transportieren.
Auch war es ein Glück gewesen, dass ich barfuß dort stand, denn das brachte die nette Zugbegleiterin dazu, mich anzusprechen - und welch Wunder: Sie sprach englisch. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die genau eine Zugfahrt lang hielt.
Sie hieß Katharina, nannte sich aber Katja, oder auf Englisch Kate. Ich war so begeistert, dass sie Englisch sprach, dass ich sie gleich in ein Gespräch verwickelte. Sie musste aber arbeiten, meinte sie zu mir, und verschwand. Ich stand 5 Minuten später aber immer noch mit meiner Suppe im Gang, weil sie mir zu scharf war und ich immer wieder Wasser nachließ. Da kam Kate zurück und meinte, nun sei sie fertig. Wir sprachen sofort über persönliche Themen, wie es bei Russen üblich war. Andere Leute wurden neugierig und hörten zu; ein angetrunkener Mann meinte, er verstünde nichts, hörte aber gern zu.
Kate musste an einem kleinen Bahnhof die Wagontür öffnen. Ich schaute interessiert zu. Sie signalisierte aus der Tür hinaus in die Nacht hinein mit einer unförmigen Lampe, die an einem Ende rot and am anderem gelb leuchtete. Sie erklärte, dass sie das rote Signal von einem der hinteren Wagons wiederholen musste, weil es ein Problem gab, sodass der Lokführer es sehen konnte und nicht weiterfuhr. Gleichzeitig entschuldigte sie sich bei mir, dass sie nicht mit mir reden konnte.
So ging es den ganzen Abend, wir erzählten und plauderten, und zwischendurch machte sie ein bisschen Arbeit und beantwortete die Passagierfragen. Sie war nicht nur Schaffnerin, sondern Begleiterin, Auskunft und Seelsorgerin - oder auf Russisch Prowodnik.
Ein junger Kerl kam dazu, sich als Sascha vorstellte und kaum englisch sprach, aber mitsprechen wollte. Er benutzte Kate als Übersetzerin. Er war angetrunken und roch nach Rauch. Ich hielt ihn erst für einen Gopnik, aber den Eindruck hatte man bei den meisten Passagieren - aber nein, er war ein Physikdoktorand, unterwegs zu einer streng geheimen Forschungsmission. Er hätte uns viel erzählen können ohne dass wir es geglaubt hätten, aber seinen Professor trafen wir auch, der sein lange vergessenes Deutsch an mir ausprobierte.
Es war schon ein Uhr morgens, als wir die lustige Runde nach draußen verlagerten, denn der Zug hielt in einer Stadt namens "Sima - "Winter. Kate musste den Müll hinausschaffen und hielt nach Behältern dafür Ausschau. Die gab es nicht, was hieß, dass sie den Müll auf dem Bahnsteig zurücklassen mussten, wo er später aufgesammelt wurde.
Außerdem musste das Wasser für die Waschräume aufgefüllt werden - wie immer alle 12 Stunden, so lang hielten normalerweise die Wasservorräte.
Schläuche wurden aus den Hydranten gezogen und an den Wagons befestigt. Nur bei uns kam kein Schlauch an. Kate wirkte besorgt - sie war auch nur eine Studentin, die sich als Zugbegleiterin im Sommer etwas Geld dazuverdiente und wusste nicht so richtig, was sie bei Problemen tun sollte. Außerdem sah man ihr an, dass sie in ihrer Uniform fror, denn nachts wurde es erstaunlich kalt; als weiblicher Zugbegleiter musste sie den Rock tragen und es war nicht erlaubt einen Pullover darüber zu ziehen - sogar im Winter, aber da durfte man Stiefel dazu anziehen. Aber Kate machte dies nur im Sommer - von Novo bis Wladi und zurück waren es 10 Tage, in denen sie im Zug leben und trotzdem noch gut aussehen musste. Duschen war in diesem Zug nur mit einer wassergefüllten Schüssel über dem Klo möglich.
Sascha und sein Professor luden mich zum Teetrinken ein, aber ich wollte lieber bei Kate bleiben, also blieb Sascha auch, aber er wurde beim Sprechen immer lauter und störte die anderen Passagiere, worauf Kate ihn deutlich hinwies, aber er vergaß die Ermahnung nach wenigen Sekunden wieder - wie ein Goldfisch. Aber glücklicherweise hatte er viel Bier getrunken und war bald zu müde um noch länger wach zu bleiben. Ich wollte mit Kate bis zu ihrem Schichtende wach bleiben, das waren jeweils 12 Stunden am Tag, dann wechselte sie sich mit ihrem Kollegen ab, der derweil in ihrem Coupe schlief. Kates Schicht ging bis 2 Uhr nach Moskauzeit, allerdings entsprach dies schon 7 Uhr lokaler Zeit in Ulan Ude.
Ihr Kollege sollte eigentlich schlafen, aber auf einmal rannte er ganz aufgeregt aus seinem Coupe nach draußen und hängte dabei aus Versehen die Tür aus. Kate erklärte das seltsame Verhalten: Er hatte es sich mit seinen Eltern, die am nächsten Haltepunkt wohnten, zur Tradition gemacht, sich kurz zu treffen und Geschenke auszutauschen - wobei die Geschenke seiner Eltern vor allem aus Selbstgekochtem bestanden, das er mit Kate teilte. Es war jedoch relativ schwierig, sich tatsächlich zu treffen, da der Zug nur wenig Minuten hielt und einige hundert Meter lang war - deshalb reichte sein Vater das Essen in einen anderen Wagon hinein, wenn er es nicht rechtzeitig zu seinem Sohn schaffte, und er holte es sich aus dem anderen Wagon während der Fahrt ab. Ich vermutete, dass Kates Kollege sein Geschenk am Bahnsteig liegen ließ.
Kate lud mich auf einen Tee ein; sie holte Gläser und Kekse, und ich die letzten beiden Packungen Tee, die ich noch aus Deutschland dabei hatte.
Die Nacht war kurz. Ich schenkte Kate eine Origamifigur, mit der man spielen konnte, und sie war so begeistert, dass sie mich hat, es ihr beizubringen. Das tat ich gern, und das Resultat schenkte sie mir, auch wenn ich nicht viel Hoffnung hatte, es heil bis nach Deutschland bringen zu können.
Es war still geworden und ich spürte die Müdigkeit in allen Gliedern, die nur kurz wieder vertrieben wurde, als wir an einem kleinen Bahnhof hielten und Kate wieder signalisieren musste. Als die frische Morgenluft wieder zu warmer Luft im Wagon geworden war, konnte ich mich nicht länger wach halten, aber auch Kate fand es besser, wenn ich nun schlafen ginge, weil sie noch etwas Papierarbeit zu erledigen hatte und dann den Boden wischen musste. Es war 1:30 Uhr Moskauzeit und die Sonne würde in wenigen Momenten aufgehen; sie zeigte sich schon als roter Streifen am Horizont.
Bevor ich ins Bett fiel, fragte Kate noch, ob sie mich wecken sollte; wir sollten um 8:30 Moskauzeit in Ulan-Ude ankommen. Auch das war Teil ihrer Aufgaben aus Zugbegleiterin: Auf Wunsch die Passagiere aufwecken, wenn sie nachts aussteigen mussten.
Ich erwiderte, das sei nicht nötig, sie würde zu diesem Zeitpunkt sicher noch schlafen, und ich könnte mir einfach meinen Wecker stellen.
26.7.
Nach wenigen Stunden Schlaf wurde ich von einer SMS geweckt. Eva schrieb: "Du müsstest gerade am Baikalsee vorbeikommen!"
Ich spähte müde unter den Gardinen hindurch in die Sonne, tatsächlich blitzte im gleißenden Sonnenlicht sattblau ein riesiger, berauschend schöner See, dessen Enden nicht abzusehen waren. Nach etwa 10 Sekunden des Staunens plumpste ich wieder auf mein Kissen und schlief ein.
Der Wecker riss mich schließlich um 12 aus dem Halbschlaf. Wir waren schon vorbei am See, denn Ulan-Ude lag rund 150 Kilometer vom Baikalsee entfernt. In der Ferne lag eine blau angehauchte Berglandschaft, vor die sich unauffällige, graue Hütten duckten.
Auf dem Weg zum Waschraum traf ich auf Kate - ungeschminkt und im grauen Nachtanzug - ich hatte sie so kaum wiedererkannt. Sie gähnte und grüßte freundlich; sie war für mich aufgestanden und konnte kaum mehr als 4 oder 5 Stunden Schlaf gehabt haben. Aber sie wollte mich verabschieden und sicher gehen, dass alles nach Plan lief. Und sie wollte noch ein Foto von uns beiden und bat ihren Kollegen, Fotograf zu spielen:
Kate, wo immer du bist, melde dich mal!
Wir kamen mit Verspätung in Ulan-Ude an. Kate bat ihren Kollegen, mir den Koffer hinauszutragen und hielt mit mir nach meinem Gastgeber Ausschau. Nur dummerweise konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie er aussah. Ich musterte alle, und einer kam auf mich zu. Vladimir? Ja. Ich umarmte ihn, seine Freundin stand direkt daneben, er stellte mich vor, und ich umarmte sie auch. Sie waren mit dem Auto gekommen um mich abzuholen.
Irina sprach kaum englisch, und sie musste auch gleich zurück auf Arbeit, wo Vladimir sie absetzte. Mich brachte er samt Gepäck zu ihrem Haus am Stadtrand, das in einer großen Siedlung gleichartiger Sommerhäuser stand - mit großen Gärten ringsherum, eigenen Banyas und Holzklos auf dem Hof - blau und grün angestrichen natürlich, um nach altem Glauben die bösen Geister daraus fernzuhalten.
Jedes Haus hatte seinen eigenen Wachhund, und Vladimir bat mich, draußen zu warten während er ihn in den Käfig sperrte. Er sei zwar ein lieber Hund, aber Vladimir wollte es nicht darauf ankommen lassen.
Vladimir arbeitete von zu Hause aus, oder fuhr zu Kunden, denen er die Computer reparierte. Gerade hatte er wenig Zeit, er musste zu einem Kunden gehen, aber er nahm sich die Zeit, mir alles zu zeigen und einen Tee mit mir zu trinken.
Mir war sehr warm und ich fühlte mich schmutzig von der Zugfahrt; ich fragte, ob sie eine Dusche hätten. Nein, das Haus war noch von seine, Großvater gebaut worden und am Abend könnte er das Banya anheizen um dort warm zu duschen. Ich meinte, sowieso kalt duschen zu wollen und Vladimir schlug die Wassertonne vor dem Haus vor, aber mich reizte der Fluss, den wir unweit des Hauses überquert hatten. Es war die Uda, sie sei nicht sehr zu empfehlen, aber wenn ich unbedingt wollte, könnte ich dort wohl baden gehen. Er beschrieb mir den Weg.
Ich machte mich gleich auf den Weg und staunte nicht schlecht, als mir gemächlich eine Herde von Kühen entgegen kam. Sie schienen zu niemandem recht zu gehören und spazierten umher als gehörte ihnen die Siedlung.
Der Fluss war breit, voller Strömungen und tatsächlich ziemlich schmutzig, dennoch war ich nicht die Einzige, die darin baden gehen wollte; einige Jugendliche sprangen bei der Brücke hinein und ließen sich ein Stück trieben; andere, ältere saßen auf Decken neben ihren Autos und hörten Musik.
Ich ging nur so weit ins Wasser bis ich sitzen und mich waschen konnte. Dort blieb ich eine Weile sitzen, dann ging ich zurück zum nun verlassenen Haus. Vladimir hatte mir den Schlüssel in einem Kasten mit allerlei Krimskrams hinterlassen, aber um dort heran zu kommen, musste ich erst die Außentür öffnen, deren Mechanismus ich erst analysieren musste. Zum einen gab es eine Stange, die hinter dem massiven Metallzaun quer lag und die Tür am Öffnen hinderte; sie musste durch ein Loch nahe des Garagentors gepackt und zurückgezogen werden. Dann gab es an der Tür selbst einen Haken, den ich durch den schmalen Spalt zwischen Tor und Rahmen erkennen konnte. Ich sah mich um und fand ein Hölzchen, das schmal genug war, durch die Lücke zu passen - aber nicht stark genug, den Haken zu lösen. Ich setzte es schließlich von unten als Hebel an und die Tür sprang auf. Ich kam mir vor wie ein Einbrecher. Ich studierte die nun offene Tür und ihren Mechanismus und stellte fest, dass eigentlich nichts weiter nötig gewesen wäre, als den Türknauf zu drehen, welcher den Haken anhob. Es gab kein Schloss an der Außentür, deshalb wurde der Schlüssel fürs Haus gut versteckt.
Ich hatte Vladimir per SMS gefragt, wann sie zurück kämen, und ob sie dann nicht Lust auf Schaschlik hätten. Nachdem ich das OK erhalten hatte, ging ich in den kleinen Laden gegenüber der Bushaltestelle einige hundert Meter entfernt. Ein großer hölzerner Wagen mit der Aufschrift "Kwas stand in der Auffahrt. Das Kwas wurde in Plastikbechern verschiedener Größen verkauft, oder auch in selbst mitgebrachte Flaschen abgefüllt.
Es war halsbrecherisch, die Straße zu überqueren, sie hatte geschätzte dreieinhalb Spuren und keinen Übergang, den irgendwer beachtet hätte. Ich griff zur gleichen Strategie, die ich seit Usbekistan anwendete: Ich wartete auf einen Einheimischen, der die Straße überqueren will, und hänge mich an seine Fersen. Das ganze ging nach der Logik: Wenn diese Person es hier 20...30...40 Jahre geschafft hatte zu überleben, wird sie es auch diesmal über die Straße schaffen.
Ich mochte diese kleinen Läden noch immer nicht, in denen man vom Verkäufer verlangen musste, was man wollte. Ich bekam nie das, was ich wollte.
Diesmal klappte es aber ganz gut; die waren durch Vladimirs vorherige Couchsurfer schon nicht mehr durch Ausländer geschockt und waren relativ hilfsbereit. Ich verlangte Petschenie, was alle Art von Keksen und Gebäck bezeichnete, und nahm das erste, auf das sie zeigte, weil es nach Schwarzweißgebäck aussah, und da konnte man nicht falsch liegen. Dann bat ich um Fleisch aus der Kühltruhe, die natürlich abgesperrt war, aber ich hatte darin schon die charakteristischen Literbecher mit eingefrorenem Fleisch gesehen, wie wir sie in Dimas Datscha mitgebracht hatten. Und hier stand sogar auf dem Deckel "Fleisch für Schaschlik. Noch eine Packung Saft dazu, dann war mein Vokabular erschöpft.
Im Haus gab es keine Mikrowelle zum Auftauen des Fleischs - es musste ganz klassisch den restlichen Nachmittag draußen in der Sonne stehen. Es war schon nicht mehr so warm, aber ich fand einen sonnigen Fleck auf einem Zaunpfosten im Garten neben der Wasserpumpe. Der Garten war wild und voller Kartoffelkraut. Die Hauskatze strich umher und kam zu mir um sich streicheln zu lassen. Ich holte mir Vladimirs Gitarre, die genau wie eine Katze zum Inventar eines russischen Haushalts gehörte. Sie war staubig, als hätte schon lange niemand mehr darauf gespielt; nur einige Fingerabdrücke von Vladimir waren darauf, als er mir am Nachmittag gezeigt hatte, dass er schon darauf spielen konnte.
So streichelte ich abwechselnd die Gitarre und die Katze, während ich barfuß draußen auf der Veranda saß und auf die Rückkehr meiner Gastgeber wartete. So fühlte sich richtiger Urlaub an.
Als sie dann zurück kamen, war es zu kalt um draußen Schaschlik zu machen, also kochte Irina das Fleisch in einem Tiegel, und in einem anderen Makkaroni. Dass er Abend nicht langweilig würde, rief Vladimir seinen beiden besten Freunde an, und auch Irina telefonierte herum. Ihre Freundinnen konnten nicht kommen, aber seine Freunde standen schon bald in der Tür. Diesen Anblick hätte ich nicht erwartet - sie sahen aus wie Fußballfans in Randalierlaune. Einer hatte einen kahlgeschorenen Schädel und hörte am liebsten Hardcore Nazi-Rock aus Deutschland. Er bat mich den ganzen Abend, ihm die Texte zu übersetzen, aber ich hörte nichts als Gebrüll heraus und improvisierte schließlich, indem ich einige Nazi-Parolen aus dem Geschichtsunterricht ins Englische übersetzte. Das schien ihn zufrieden zu stellen. Er hatte einen Narren an mir gefressen - eine echte Deutsche!
Die Jungs verschwanden um einkaufen zu gehen - Bier und Sonnenblumenkerne - die Nahrung echter Gopniks, und eine Flasche frischen Kwas für die Damen. In der Zwischenzeit war das Abendessen fertig, und bald darauf auch verputzt. Dann wurde beschlossen, mir die nächtliche Stadt zu zeigen.
Um in die Stadt zu kommen, mussten wir die Brücke überqueren, unter der ich am Nachmittag gebadet hatte. es war eine schöne alte Brücke mit zwei etwa sieben Meter hohen Bögen aus Metallstreben. Doch einfach überqueren wollten sie die Brücke nicht - die begannen mit ihren Zwei-Liter-Bierflaschen in der Hand die Brückenbögen hinaufzuklettern. Es sah harmlos genug aus und ich folgte ihnen. Vermutlich wäre ich nicht hinaufgeklettert, wenn ich mir die Brücke im Tageslicht genauer angeschaut hätte. Doch von hier oben hatte man tatsächlich eine atemberaubende Sicht auf die Stadt hinter dem Fluss, und wir kamen auch heil wieder nach unten.
Wir kamen am Stadtpatron vorbei, schossen überall Fotos und versprachen, uns in vkontakte zu finden und auf den Fotos zu verlinken. Das war gar keine schlechte Idee, ein Album mit meinen neuen Bekannten und Freunden zu erstellen.
Ich versuchte mir den Weg zu merken, falls ich morgen allein in die Stadt gehen sollte. Wir kamen an einer öffentlichen Wasserpumpe vorbei, an der sich die Jungs nass machten, durch Straßen voller schwankender Gestalten, rechts war ein Elektromarkt, links das Rathaus, und schon standen wir mitten vor dem riesigen Kopf Lenins, der im Dunkeln finster blickte.
Auf der Straße davor saßen betrunkene Mädels und weigerten sich, die Taxis durchfahren zu lassen, aber als ich sie fotografierte, liefen sie weg.
Wir gingen hinunter in die Innenstadt, pflückten unreife Birnen von den Büschen, in denen betrunkene Obdachlose lagen. Das war das gemütliche Leben in einer typischen russischen Kleinstadt. Wir kamen an eine metallene Skulptur, die man hinaufsteigen musste um darin eine Münze zu versenken, und natürlich durfte man sich dabei etwas wünschen. Wir probierten es alle aus und machten gegenseitig Fotos von uns. Ich stellte wieder fest, dass ich mir eigentlich nichts wünschte - mein Leben war wunderbar so wie es war.
Wenn da nicht dieser Kumpel von Vladimir gewesen wäre, der einen Narren an mir gefressen hatte. Er bestand darauf, mir etwas Gutes tun zu wollen, wir mir eine Pepsi zu kaufen. Er war schon ziemlich angetrunken und Vladimir meinte, ich solle nachgeben. Widerwillig ließ mir Schokolade kaufen, die es jedoch nur ein Stück entfernt gegeben hat. So zog der Ritter davon und ließ sich als großer Held feiern, als er mit einer Tafel Schokolade zurück kam, und erwartete, dass man es angemessen würdigte, und mindestens drei Fotos davon machte. Auch sah er es nicht gerne, dass ich die Schokolade teilte - er hatte sie ja nur für mich gebracht.
Es wurde spät und Irina drängte, wir sollten doch langsam aufbrechen und nach Hause gehen. Vladimir war hin- und hergerissen; einerseits wollte er bei seinen spaßbetonten Kumpels bleiben, andererseits würde dann der Haussegen schief hängen. Die beiden wollten auch nur Bier kaufen gehen, und forderten, dass wir auf sie warteten... sie wollten nur ganz kurz in den Supermarkt. Sie verschwanden um die Ecke. Irina und ich sahen uns an - und begannen zu rennen. Vladimir sah den Kumpels verzweifelt nach und folgte uns dann. Wir waren nur ein Stück weit gekommen als er uns überzeugen konnte, doch noch etwas zu warten. Doch die beiden Kumpels kamen nicht zurück. Sie hatten sich im Supermarkt verlaufen, berichteten sie über Handy. So gingen wir ohne diese beiden Trinker den Weg zurück.
Zu Hause richtete Vladimir das Bett auf einem ausklappbaren Sessel; das war gemütlicher als es sich anhörte. Unsere Zähne putzten wir an einem von ihm selbstgebauten Waschbecken, das einen eigentümlichen Druckverschluss am Wasserhahn hatte, der sich an der unteren Seite eines Wasserspeichers befand, der erst mit dem Wasser aus den Eimern im hinteren Bereich des Raums aufgefüllt werden musste.
27.7.
Ich wachte erst gegen 12 auf - die ganze Zeitumstellung hatte sich noch nicht auf meine innere Uhr übertragen. Vladimir bastelte schon wieder an einem Computer herum und meinte, die Videokarte ließe sich nicht reparieren, er wolle sie zum Kunden zurückbringen und danach zu seinen Eltern fahren. Damit wollte er sagen, dass er keine Lust hatte, mich zum Tempel zu begleiten. Es musste auch allein zu schaffen sein, nahm ich mir den Ausflug vor. Ich ließ mir die Busnummern, Abfahrtsort und den Namen der Haltestelle vor Vladimirs Haus für den Rückweg aufschreiben. Zwar fuhr der Minibus hier am Haus vorbei, aber Vladimir meinte, ich würde keine Chance haben den Bus zu erwischen, weil er an diesem Streckenabschnitt normalerweise schon voll war und einfach nicht anhielt. Deshalb musste ich zum Zentrum fahren und dort in den leeren Bus einsteigen.
Vladimir war schon unterwegs, als ich mich ankleidete. Die Katze saß auf dem Bett und sah mich mit einem unergründlichen Blick an. Ich beugte mich ein Stück zu ihr hinunter, und plötzlich machte sie einen Satz nach vorn und saß im nächsten Moment auf meiner Schulter.
Die Katze ließ mich einfach nicht gehen, sie machte es sich auf mir bequem. Ich beförderte sie vorsichtig zurück aufs Bett und machte vor dem Verlassen des Hauses den Fehler, mich auf den Boden zu kauern um sie noch einmal zu streicheln, denn sie sprang mir auf den Schoß und rollte sich schnurrend zusammen. Ich weiß auch nicht warum, aber Katzen mögen mich. Auch Artjoms kleine Katze ist mir ständig auf den Schoß gesprungen, was vor allem dann ungünstig gewesen war, wenn ich gerade auf einem der wackeligen Küchenstühle saß und Salat schnitt. Sie war mir auch immer in den Koffer hineingeklettert und hatte mit meinen Socken gespielt. Es wäre gar nicht aufgefallen, wenn ich sie ihm Koffer mitgenommen hätte.
Jeder Bus ins Zentrum, hatte Vladimir gemeint, aber die Schwierigkeit war, auf die andere Straßenseite zu kommen um einzusteigen. Weit und breit war kein einheimischer Fußgänger in Sicht - aber da fuhr einer auf einem Fahrrad über die Straße, neben dem lief ich her; da winkte schon jemand dem Bus heran und ich rannte die letzte Meter. Busse hielten hier nicht einfach, wenn niemand aussteigen wollte; man musste schon an der Haltestelle ein Handzeichen geben, also den Arm kurz heben.
Der Minibus kostete nur 10 Rubel, es war die billigste Stadt meiner Reise. Dafür war der Bus auch schon sehr alt und die Sitze waren mit Großmutterdecken bezogen.
Ich sah auf dem Fenster und erkannte den Weg wieder: Die Brücke, das Elektrodorado, der noch nicht gebauter Fußweg, von dem Vladimir gestern Steine für seine Einfahrt mitnehmen wollte,... kurz vor Lenin bog Bus ab, da stieg ich aus. Das war eigentlich die besten Gelegenheit, von dem berühmten Riesenkopf endlich Fotos machen.
Er war das Wahrzeichen der Stadt und der größte Leninkopf der Welt, brüstete man sich. Es musste es ein Zufall sein, dass er ausgerechnet in Russland stand, und nicht etwa in China oder Amerika, die doch auch für den Bau riesiger Leninstatuen bekannt waren.
Eine betrunkene Frau sprach mich in seltsamem Russisch an. Zum Beispiel sagte sie "kak tebja sawet? statt "kak tebja sawut als sie mich fragte, wie ich heiße. Sie wollte mir die Stadt zeigen, wenn ich ihr dann half... was auch immer helfen in ihrem Wortschatz bedeutete. Ich tat als verstünde ich kein Wort, spielte amerikanischer Tourist und verabschiedete mich freundlich, denn sie war mir etwas unheimlich. Und ich musste weiter, so etwas wie Mittagessen kaufen bevor ich zum Tempel fuhr, und natürlich die Haltestelle finden, und ein Internetcafe um zu schauen, ob ich eine Zusage für Krasnojarsk und Moskau erhalten hatte. Und dann musste ich auch nocht Reiseproviant kaufen, dann zurück zu Vladimir fahren und am späten Abend war es schon Zeit zur Abreise. Ich hatte leider nicht die Zeit gehabt, mehr als zwei Tage pro Stadt einzuplanen, und man wusste vorher nie, wo man lieber mehr Zeit verbringen will, und wo weniger. Ulan-Ude gefiel mir; es war eine gemütliche Stadt, ein wenig bergig, es gab viele Plätze und eine lange Fußgängerzone mit Springbrunnen, und die Straßen standen voller alter und wunderschön verzierter Holzhäuser. Daneben gab es natürlich auch die viele alte sowjetische Kriegsdenkmäler, denn es war nicht Russland, wenn es sie hier nicht gäbe - trotz der schon fast orientalischen Atmosphäre. So war es zum Beispiel ein echtes Problem, einen Supermarkt zu finden, aber den zentralen Basar fand ich sofort. Da es nicht danach aussah, als ob ich noch einen Supermarkt finden würde, ging ich schließlich im Bazar überteuertes, gekühltes Wasser und Obst kaufen. Die schlechten, angefaulten Früchte wurden hier nicht einfach weggeworfen, sondern zerschnitten und die noch guten Teile der Früchte abgepackt im Kilo verkauft, begannen aber in den Plastiktüten schon nach kurzem wieder zu faulen.
Es war unglaublich heiß in der Sonne geworden, und ich hielt an jedem einzelnen Kwas-Stand an beinahe jeder Straßenecke um mir einen Becher davon zu kaufen. Der löschte den Durst genug bis zum nächsten Kwas-Stand. Das Zeug war zwar erfrischend, aber enthielt auch viel Zucker, sodass man gleich wieder das Bedürfnis hatte zu trinken. Ein weniger Kreislauf.
Apropos Kreislauf schien es mir nicht zu gelingen, mich in den Straßenzügen der Innenstadt zu orientieren. Ich entdeckte schließlich durch Zufall einen Stand, der "Burjatisches Fastfood anpries; dort bestellte ich mir das nächstbeste Gericht auf der Karte, also eins, das ich aussprechen konnte; es stellte sich heraus, dass sie immer aus dünnen Eierkuchen bestanden, die nur anders gefüllt und gefaltet waren als ich es von Crêpes kannte. Jedenfalls wollte ich nicht das Risiko eingehen, mich noch mehr zu verirren und ging exakt den Weg zurück, den ich gekommen war, nur um am Ausgangspunkt angekommen festzustellen, dass ich nur eine Querstraße von dem Burjatischen Fastfoodstand entfernt war. Nun war es auch nicht mehr schwer, die Haltestelle zu finden, denn die lag laut Vladimir geradeaus von der Fußgängerzone aus gesehen. Tatsächlich kam ich auf einen großen Parkplatz mit Minibussen verschiedener Nummern, aber auch eine ganze Reihe mit den gleichen Nummern. Ich fragte nach dem Minibus, der nach Datsan fuhr und wurde zu einem Bus geschickt, in den gerade einige Leute einstiegen. "Datsan?, fragte ich wieder, und der Fahrer nickte. Zuerst hatte ich angenommen, dass es der Name des Tempels oder zumindest des Ortes war, in dessen Nähe er stand, aber tatsächlich bezeichnet Datsan eine Tempelanlage, und der Name jener Anlage bei Ulan-Ude war das Iwolginski-Datsan. Es grenzte an ein Wunder, dass ich dort ankam, denn es lag für deutsche Verhältnisse nicht nah an der Stadt, sondern für russische Verhältnisse nah daran, also 30 bis 40 Kilometer davon entfernt. Unser Minibus fuhr aber gar nicht bis dahin, sondern hielt auf einem Parkplatz im Dorf Werchnjaja Iwolga und der Fahrer meinte, hier müsste ich umsteigen. Ich bedankte mich und rannte meinen Mitreisenden hinterher, und fragte einen älteren Mann, ob er zum Datsan wollte. Er bejahte, und ich stieg hinter ihm in den nächsten Minibus ein. Mittlerweile hielt ich mich selbst für wahnsinnig - ich hätte ja auch einfach in der russischen Pampa stranden und meinen Zug nach Irkutsk verpassen können. Doch nichts dergleichen geschah, und schon nach wenigen Minuten sah ich die bunten Dächer der Tempelanlage vor den Bergen aufblitzen.
Der ältere Mann hatte derweil begonnen mir neugierige Fragen zu stellen, und meine Sitznachbarin auf der anderen Seite hatte sich eingeklinkt, weil sie etwas Englisch konnte und somit helfen konnte, wenn die Worte fehlten. Ich erfuhr, dass sie beide gläubig waren, wobei sich der Mann erst vor kurzem für den Buddhismus zu interessieren begonnen hatte. Es sei sein erster Rundgang durch diese Tempelanlage. Das Mädchen hingegen kam jedes Jahr an diesen Ort um sich die Zukunft für ein Jahr voraussagen zu lassen. Das war die Hauptattraktion dieses Pilgerortes, hatte mir Eva schon erzählt.
Ich wollte mich erst an das Mädchen halten, aber sie hatte es eilig, in ihren Tempel zu kommen, während sich der Mann noch erstaunt umsah: Wir waren durch ein breites, rotes Tor getreten, das ein seltsames, mehrstöckiges Dach aus bemaltem Holz trug. Vor uns lag ein Pfad, der uns an allen Tempeln vorbeiführen würde. Aber es gab nicht nur Tempel, sondern auch einfache hölzerne Wohnhäuser, Lagerräume und Klohäuschen. Und natürlich Gebetsmühlen. Es gab sie in allen Farben, Formen und Größen; meist in Form einer Trommel oder eines Fasses, mal einzeln hängend, mal in einer ganze Reihe angebracht, mal aus Holz, mal aus Metall, sodass es beim Drehen schepperte. Denn das war der Sinn von Gebetsmühlen: Man drehte daran im Uhrzeigersinn, und jede Umdrehung war ein Gebet.
In stiller Übereinkunft waren der ältere Mann und ich zusammengeblieben und er erklärte mit die grundlegenden Verhaltensweisen, zum Beispiel, dass man den Göttern erst eine Gabe bringen musste, also zumindest ein paar Kopeken hinlegen bevor man an der Gebetsmühle drehte. Es lagen so viele Münzen darauf, sie fielen bereites von den hölzernen Gestellen herunter.
Auch der Boden war gespickt mit Münzen, obwohl an einigen Stellen Hinweisschilder in verschiedenen Sprachen angebracht waren, dass man doch bitte die Münzen in die dafür vorgesehenen Büchsen stecken sollte. Auf anderen Schildern war etwas zu lesen wie: "Lassen Sie sich nicht von Menschenhand hergestellten Statue Arya-Baala segnen, die aus der Tiefe der Jahrtausende kommt (...). Die Statue befindet sich im Mani-Tempel.
Und an der Tür des Tempels hingen Ausdrucke, die das berühmte Mantra Om Mani Padme Hum erklärten:
Om - entspricht der Farbe weiß und der Samsara-Welt der Götter. Mit dieser Silbe wird dem Wahn des Stolzes mit Meditation entgegengewirkt.
Ma - grün und die Welt der Halbgötter; gegen Neid und für Moral,
Ni - gelb und die Welt der Menschen; gegen Bindung und für Anstrengung / Eifer,
Pad - blau und die Welt der Tiere; gegen Ignoranz und für Weisheit.
Me - rot und die Welt der hungrigen Geister; gegen Gier und für Großzügigkeit,
Hum - indigoblau und Welt der Höllen; gegen Wut und für Geduld.
Nun kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob meine Übersetzung den korrekten Inhalt wiedergibt, da dieser Text vorher von russischsprachigen Mönchen aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt worden war...
Die Tempel waren wunderschön und eigentlich gar nicht zu beschreiben, deshalb lieber zwei Fotos an dieser Stelle:
Die Kühle liefen frei auf dem Gelände umher, während einige Rentiere in einem Gehege grasten.
Mein Begleiter und ich gingen in einen Tempel hinein; dort saß ein Mönch entspannt auf Kissen als gäbe es keine Welt um ihn herum. Nach einer Weile kam er zu uns und sprach mit meinem Begleiter. Er gab dem Mönch 100 Rubel und sagte ihm seinen Namen und sein Geburtsdatum. Sie sahen in einem kleinen Heftchen nach, welches Tier ihm zugeordnet war. Der Mönch notierte den Namen und das Jahr auf einem Formular, und mein Begleiter forderte mich auf, auch meinen Namen und das Geburtsjahr zu nennen. Der Mönch würde dann für uns beide ein gutes Gebet aussprechen. Das kam mir alles ein wenig merkwürdig vor, aber ich tat, wie mir geheißen. Dann ging mein Begleiter mit dem Gesicht zur Wand einmal eine Runde im Tempel und verbeugte sich mit gefalteten Händen vor jedem Gemälde. Nun war ich soweit mitgegangen, ich tat es ihm gleich. Am hinteren Ende war eine Art Altar aufgebaut, der mich eher an einen Verkaufstresen in einem Tante-Emma-Laden erinnerte, was nicht zuletzt an den Süßigkeiten lag, die darauf verteilt waren. Mein Begleiter reichte mir einen Schokoriegel und machte mir vor, wie man ihn den Göttern als Opfergabe darbringen musste. Ich opferte nun auch meinen Schokoriegel und fragte mich, ob die Mönche die ganzen Süßigkeiten aßen, und ob hier auch ein Zahnarzt wohnte. Beim Verlassen wies mich mein Begleiter darauf hin, dass ich dem Tempel nie den Rücken zuwenden dürfe, sondern rückwärts hinausgehen müsse, mich dabei auf jeder Stufe verbeugend.
Ich hatte zwar noch nie etwas mit Religion am Hut, aber ich halte viel davon, religiöse Gebräuche zu respektieren und tat, was er von mir verlangte.
Er erzählte, dass er eigentlich katholisch war, und noch eine ganze Menge mehr, aber leider reichten meine Russischkenntnisse nicht aus, ihn in jedem Detail zu verstehen.
Draußen an den Tempeln standen Bäume und Büsche, und an sämtlichen Ästen und Ästchen waren bunte Tücher festgeknotet. Sie enthielten die Gebete, die durch den Wind fortgetragen wurden, besagte der Glaube, und alles, was innerhalb eines Jahres nach dem Aufhängen mit dem Tuch geschah, geschah auch mehr oder weniger mit der Person, für die die Gebete gesprochen worden waren. Wenn zum Beispiel das Tuch abbrannte, konnte dies heißen, dass das Haus der dazugehörigen Person abbrannte.
Manche Heiligtümer erinnerten an einen Attraktionspark für Kinder, wie der Wunschstein, auf den man mit geschlossenen Augen zugehen und sich etwas wünschen musste, und wenn es einem gelang, ihn dann auch mit den Händen zu berühren, ging der Wunsch in Erfüllung.
Eine ganz besondere Attraktion war jedoch Daschi-Dorscho-Itigelow - das war kein Gegenstand, sondern ein Mann, ein berühmter Mönch, der zwar tot war, aber sein Körper zeigte angeblich keine Verfallserscheinungen, sodass von einigen Leuten behauptet wurde, er lebe noch, aber in einer Art Meditationszustand. Als ich versuchte, darüber im Internet Informationen zu finden, hieß es, seine Leiche sei ganz einfach mumifiziert - ein natürliches, wenn auch seltenes Phänomen, aber keinesfalls ein Wunder. Sehen konnte man den Körper nicht, oder vielleicht nur zu bestimmten Anlässen - dafür war eine Wachsfigur draußen in einer Art Schrein ausgestellt worden. Vielleicht hatte der Körper nach einiger Zeit außerhalb des Grabes doch Verfallserscheinungen gezeigt.
Es gab auch keinen Mangel an Souvenirs, die auf simplen Holzständen zum Verkauf lagen: Von Buddhastatuen, Trinkgefäßen über eine solarbetriebene Gebetsmühle bis hin zu selbstgemachtem Schmuck. Dies alles wurde von den Frauen der Mönche verkauft - denn tatsächlich gab es eine Zeit, in der den hiesigen Mönchen eine Ehe gestattet gewesen war. So fügten sich auch die Kinder ins Bild.
Mein Begleiter bestand darauf, mir einen der Ringe zu kaufen, die ich mir angeschaut hatte, und einen Anhänger gleich dazu. Er meinte, in seinem Alter hätte man das Geld und freue sich, wenn man einem jungen Mädchen eine Freude machen konnte.
Die Ringe gefielen mir wirklich: Sie bestanden aus zwei gegeneinander verschiebbaren Teilen, sodass man den oberen Ring drehen konnte. Auf ihm waren tibetische Schriftzeichen angebracht - ein Mantra. Wenn man den Ring nun drehte, entsprach dies einem Gebet - praktisch für unterwegs, wenn man keine Gebetsmühle dabei hatte.
Wir verließen das Gelände, und neben uns spazierten ein paar Kühe in einem Fluss entlang. Mein Begleiter hab mir die Hälfte der restlichen Schokoriegel und ich teilte meine Vorräte mit ihm, die hauptsächlich aus Äpfeln bestanden. Weit und breit stand kein Minibus, der uns hätte in die Stadt zurückbringen können. Dennoch war mein Begleiter sicher, dass demnächst noch einer kommen würde.
Bei der Tempelanlage gab es sogar ein kleines Gasthaus mit Lebensmittelladen, auch wenn weit und breit nichts anderes war. Wir setzten uns daneben, an die Hauswand gelehnt auf etwas, das wie eine Bank erschien, aber doch eher eine Wippe war. Ein anderer Besucher gesellte sich zu uns und nahm den Platz meines Begleiters auf der Bank ein, als er im Gasthaus Wasser kaufen ging. Ich war recht froh, dass er kurz darauf zurück kam und meinte, ich solle mit ihm kommen. Er wollte mich einen ganz besondere Spezialität probieren lassen: Kumys.
Er bestellte zwei Becher für 50 Rubel, etwas mehr als einen Euro, und ließ mich probieren. Ich roch an der milchigen Flüssigkeit und nahm einen kleinen Schluck. Es schmeckte grässlich sauer wie reine Zitronensäure. Kein Wunder, Kumys war vergorene Stutenmilch. Mein Begleiter lachte, als er mein Gesicht sah und ließ sich bereitwillig dazu überreden, meinen Becher auch leer zu trinken. Dann ging er wieder zur Verkäuferin und verlangte gleich noch eine Becher und kippte ihn in einem Zug hinter. Angeblich sei es sehr gesund und vitaminreich.
Wir gingen wieder nach draußen und sahen einen Minibus vorfahren. Mein Begleiter sprach mit dem Fahrer und winkte mir, einzusteigen. Neben weiteren Besuchern stiegen auch zwei Mönche mit ein, und mein Begleiter unterhielt sich mit ihnen. Ich bastelte derweil einige Origamiblumen um mich für die liebe Begleitung zu bedanken. Aber ich glaube, er war auch froh über meine Begleitung gewesen, schon allein, weil ich Fotos von ihm mit seiner Kamera geschossen hatte - wenn man allein reist, hat man viel zu selten Fotos von sich und viel zu viele Landschaftsbilder.
Auch mein Begleiter wollte heute Abend abreisen, er musste nur noch mal ins Hotel. Er schien Zeit zu haben, mit mir ein Stück spazieren zu gehen. Ich meinte, ich müsse noch ein Internetcafé finden, woraufhin er sich die Mühe machte, junge Leute zu fragen, ob sie wüssten, wo sich eins befände. Den Beschreibungen nach kamen wir tatsächlich an, aber das Café war in ein anderes Gebäude gezogen. Dort brachte mich mein Begleiter auch noch hin, bis an die Tür, gab mir seine Karte, und ich ihm meine Adresse. Wir tauschten Telefonnummern aus und verabschiedeten uns.
Ich war für meine Verhältnisse lange nicht im Internet gewesen und hatte eine ganze Reihe von Nachrichten zu beantworten - von meinen Izhevsker Freunden, die sich fragten, wo ich gerade sei und was ich erlebt hatte. Ich hatte gar nicht die Zeit, alles individuell zu beantworten und kopierte meinen Erlebnisbericht mit ein paar persönlichen Zeilen in jede Nachricht. Ich war froh, dass mich Albert auf die Idee gebracht hatte, bis Ulan-Ude zu fahren, denn mir gefiel diese Stadt sehr, und das Datsan war ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen. Ilya hatte mir empfohlen, noch bis Tschita zu fahren, aber das war mir dann doch zu weit entfernt gewesen - eine weitere Tagesreise, und es hatte kaum noch Couchsurfer in der Stadt gegeben. So war ich noch drei Tage von Wladiwostok entfernt, aber ich fand es nicht bedauerlich, dass ich nicht die ganze transsibirische Strecke fuhr und stattdessen mehr von der Schönheit des Landes erlebte statt die aus dem Zug heraus zu betrachten.
Es war ein schöner Abend, so spazierte ich zurück zu Vladimir statt den Bus zu nehmen. Ich überquerte die alte Brücke, auf die wir am Abend zuvor geklettert waren, und sah mir ihren Zustand genauer an. Wahrscheinlich war es sogar sicherer gewesen, sie hoch auf ihren Bögen zu überqueren statt die asphaltierte Straße zu nutzen, denn sie hatte fußgroße Löcher, durch die man den Fluss sehen konnte. Ich konnte trotzdem noch nicht ganz glauben, dass ich dort hinaufgeklettert war:
Am Ende der Brücke sprachen mich zwei Mädchen in meinem Alter an, die mir ein wohlbekanntes Buch zeigten. Sie waren Zeugen Jehova und wollten mich zum rechten Glauben führen. Sie schlugen sogar den deutschen Text innerhalb des Buchs auf und zeigten ihn mir. Sie waren sympathisch, also lächelte ich und meinte, ich würde gern den Text abfotografieren und später lesen, im Moment wäre ich in Eile. Sie ließen sich auch fotografieren und wirkten froh.
Als ich bei Vladimir ankam, lief der Hund herum und bellte, als ich versuchte das Tor zu öffnen. Ich ließ es besser nicht drauf ankommen lassen und kontaktierte Vladimir, der noch bei seinen Eltern war, aber öffnete schon Irina von innen die Tür; entweder hatte sie mich gehört, oder Vladimir hatte sie angerufen. Im Nachhinein überlegte ich, ob sie eine Türklingel hatten, aber mir war nichts dergleichen aufgefallen. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich nicht mal einen Briefkasten gesehen.
Ich musste nun noch einmal das Haus verlassen um Vorräte für die Insel Olchon kaufen, auf der ich zwei Tage verbringen wollte, denn in Irkutsk würde ich nicht die Zeit haben, einkaufen zu gehen, und auf der Insel gab es nicht viel, hatte Gergö mir berichtet. Er hatte nicht einmal Guthaben auf sein Handy laden können.
Es war schon recht spät am Abend, sodass der Tante-Emma-Laden geschlossen war - allerdings nur die Tür. Die Verkäuferinnen befanden sich immer noch darin und verkaufen ihre Waren durch ein kleines Fensterchen in der Tür - wahrscheinlich aus Angst vor randalierenden Alkoholikern.
Eine lange Schlange von denen stand schon davor, und ich reihte mich hinten ein, also irgendwo mittendrin, weil keiner in der Lage war, eine echte Schlange zu bilden. Ich ahnte schon, dass es schwierig werden würde, das zu bekommen, was ich wollte, denn nun war es nicht einmal möglich, auf etwas zu deuten, das ich kaufen wollte, aber den Namen nicht kannte. Ich brauchte vor allem Trockenessen, das sich lange hielt. Gestern hatte ich gesehen, was es in dem Laden gab, aber mir gelang es nicht, einen Käsezopf zu bestellen - richtigen Käse wollte sie mir geben. Ich meinte zwar, das sei Käse wie Haar, aber das war wohl zu abstrakt. Dennoch, den Rest von meiner Einkaufsliste bekam ich überraschenderweise problemlos.
Vladimir war inzwischen heimgekommen und war bereit, mich mit dem Auto zum Bahnhof zu schaffen. Seine Freunde tranken noch immer, erzählte er mir auf dem Weg.
Wir waren eine Stunde früher da als der Zug abfuhr; ich ließ Vladimir und Irina bei meinen Koffern stehen und bat sie, hier zu warten während ich herausfinden wollte, auf welchem Gleis mein Zug einfahren würde. Das wäre gar nicht nötig gewesen - der Zug kam gerade an dem Gleis eingefahren, an dem wir gewartet hatten, als ich an den Anzeigen herausgefunden hatte, dass er gerade in diesem Moment dort ankommen sollte.
Die beiden begleiteten mich hinein und nahmen neben mir Platz; ich hatte den besten Platz im Wagon bekommen: Vorne oben - so musste ich das Gepäck nicht weit schleppen und war ungestört.
Irinas alte Englischlehrerin kam an uns vorbei, ohne sich jedoch länger aufzuhalten. Irina fand es lustig, weil sie jetzt zum ersten Mal überhaupt ihr Schulenglisch anwendete. Ich fand es lustig, weil Ulan-Ude trotz seiner Größe genau wie Izhevsk wie ein Dorf erschien.
Wir waren alle müde und verabschiedeten uns bald; ich wollte mich schlafen legen, sobald ich ins Bad kam um mich zu waschen und die Zähne zu putzen, aber am Bahnhof war der Waschraum ja noch nicht geöffnet, so hielt ich mich wach, bis wir an Fahrt gewonnen hatten. Doch dann war ich einmal nicht aufmerksam und es hatte sich prompt eine Schlange davor gebildet. Mit Mühe blieb ich wach genug zum Zähneputzen, dann fiel ich auf meine Liege und wurde vom Schwatzen der Mädels von gegenüber in den Schlaf eingelullt.
Ich gewöhnte mich langsam an das Reisen im Zug, schlief lang oder dämmerte vor mich hin, aß, bastelte Origami und betrachtete die Landschaft aus dem Fenster.
Nach Krasnojarsk begann sie wunderschön zu werden - nicht mehr der nimmerendende Birkenwald, sondern sanft fallende, grüne Hügel, mit sich dazwischen schlängelnden Flüsse, und Häusern, die in die Berghänge gebaut worden waren. Lila Wiesen, kleine wilde Seen. Hier hätte sich ein Urlaub gelohnt - ein Zelt, ein ausgebeulter Kochtopf und ein guter Freund waren alles, was man hier brauchte.
Ich hatte schon lange keinen Handyempfang. Ich war mitten in Sibirien, hier lebte außerhalb der Verkehrswege niemand mehr; das nächste Dorf konnte mehrere hundert Kilometer entfernt liegen. Mein Reiseziel war Ulan-Ude, eine Stadt, die vielen Russen kein Begriff war; einige vermuteten sie sogar außerhalb Russlands. Dabei war es die Hauptstadt der russischen Republik Burjatien und immer noch Teil Sibiriens, wenn auch nur noch einige hundert Kilometer von der Mongolei entfernt.
Ich glaubte Usbeken im Zug zu sehen - ich erkannte die Kleider wieder, und ganz charakteristisch den Mund voller Goldzähne.
Hatte nicht viele Lebensmittel dabei; ich war froh vorgestern schon das Nötigste für die Reise eingekauft zu haben, weil ich es gestern schlicht und einfach vergessen hatte. Es gab kaum noch große Städte, an denen der Zug länger hielt, und somit auch keine Verkäufer mit Essen auf dem Bahnsteigen, dafür kam Personal mit Verkaufswägelchen durch und rief "Heiße Posen" auf russisch. Das war eine Spezialität der Gegend, hatte mir Albert erzählt. Posy seien übergroße Teigtaschen, und der Name klänge für Russen auch seltsam.
Ich hatte weiterhin keinen Kontakt mit meinen Nachbarn und begann mich zu langweilen; nur älterer Mann fragte nach meinem Origami, aber er sprach zu schnell und ließ sich auch nicht überreden langsamer zu sprechen. Wir sahen uns nachdenklich an und gingen auseinander.
Auch andere schienen sich arg zu langweilen und hatten bereits direkt nach dem Aufstehen des erste Bier bestellt.
Es wirklich kein schöner Anblick die ausgedehnten Bierbäuche meiner Sitznachbarn betrachten müssen, die ausgeleierten Taatoowierungen und die dicht behaarten Rücken. Es war kochend heiß im Zug, und genauso heiß an einzigen drei Haltepunkten heute, an denen man aussteigen konnte.
Durch das Schlafen und Dösen den ganzen Tag über war es nicht leichter, abends einzuschlafen. Das Licht war schon gelöscht, und mehr aus Langeweile bereitete ich mir eine Fertigsuppe direkt am öffentlichen Wasserkocher zu und aß sie dort, weil der Zug zu sehr schwankte um sie zu meinem Platz zu transportieren.
Auch war es ein Glück gewesen, dass ich barfuß dort stand, denn das brachte die nette Zugbegleiterin dazu, mich anzusprechen - und welch Wunder: Sie sprach englisch. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die genau eine Zugfahrt lang hielt.
Sie hieß Katharina, nannte sich aber Katja, oder auf Englisch Kate. Ich war so begeistert, dass sie Englisch sprach, dass ich sie gleich in ein Gespräch verwickelte. Sie musste aber arbeiten, meinte sie zu mir, und verschwand. Ich stand 5 Minuten später aber immer noch mit meiner Suppe im Gang, weil sie mir zu scharf war und ich immer wieder Wasser nachließ. Da kam Kate zurück und meinte, nun sei sie fertig. Wir sprachen sofort über persönliche Themen, wie es bei Russen üblich war. Andere Leute wurden neugierig und hörten zu; ein angetrunkener Mann meinte, er verstünde nichts, hörte aber gern zu.
Kate musste an einem kleinen Bahnhof die Wagontür öffnen. Ich schaute interessiert zu. Sie signalisierte aus der Tür hinaus in die Nacht hinein mit einer unförmigen Lampe, die an einem Ende rot and am anderem gelb leuchtete. Sie erklärte, dass sie das rote Signal von einem der hinteren Wagons wiederholen musste, weil es ein Problem gab, sodass der Lokführer es sehen konnte und nicht weiterfuhr. Gleichzeitig entschuldigte sie sich bei mir, dass sie nicht mit mir reden konnte.
So ging es den ganzen Abend, wir erzählten und plauderten, und zwischendurch machte sie ein bisschen Arbeit und beantwortete die Passagierfragen. Sie war nicht nur Schaffnerin, sondern Begleiterin, Auskunft und Seelsorgerin - oder auf Russisch Prowodnik.
Ein junger Kerl kam dazu, sich als Sascha vorstellte und kaum englisch sprach, aber mitsprechen wollte. Er benutzte Kate als Übersetzerin. Er war angetrunken und roch nach Rauch. Ich hielt ihn erst für einen Gopnik, aber den Eindruck hatte man bei den meisten Passagieren - aber nein, er war ein Physikdoktorand, unterwegs zu einer streng geheimen Forschungsmission. Er hätte uns viel erzählen können ohne dass wir es geglaubt hätten, aber seinen Professor trafen wir auch, der sein lange vergessenes Deutsch an mir ausprobierte.
Es war schon ein Uhr morgens, als wir die lustige Runde nach draußen verlagerten, denn der Zug hielt in einer Stadt namens "Sima - "Winter. Kate musste den Müll hinausschaffen und hielt nach Behältern dafür Ausschau. Die gab es nicht, was hieß, dass sie den Müll auf dem Bahnsteig zurücklassen mussten, wo er später aufgesammelt wurde.
Außerdem musste das Wasser für die Waschräume aufgefüllt werden - wie immer alle 12 Stunden, so lang hielten normalerweise die Wasservorräte.
Schläuche wurden aus den Hydranten gezogen und an den Wagons befestigt. Nur bei uns kam kein Schlauch an. Kate wirkte besorgt - sie war auch nur eine Studentin, die sich als Zugbegleiterin im Sommer etwas Geld dazuverdiente und wusste nicht so richtig, was sie bei Problemen tun sollte. Außerdem sah man ihr an, dass sie in ihrer Uniform fror, denn nachts wurde es erstaunlich kalt; als weiblicher Zugbegleiter musste sie den Rock tragen und es war nicht erlaubt einen Pullover darüber zu ziehen - sogar im Winter, aber da durfte man Stiefel dazu anziehen. Aber Kate machte dies nur im Sommer - von Novo bis Wladi und zurück waren es 10 Tage, in denen sie im Zug leben und trotzdem noch gut aussehen musste. Duschen war in diesem Zug nur mit einer wassergefüllten Schüssel über dem Klo möglich.
Sascha und sein Professor luden mich zum Teetrinken ein, aber ich wollte lieber bei Kate bleiben, also blieb Sascha auch, aber er wurde beim Sprechen immer lauter und störte die anderen Passagiere, worauf Kate ihn deutlich hinwies, aber er vergaß die Ermahnung nach wenigen Sekunden wieder - wie ein Goldfisch. Aber glücklicherweise hatte er viel Bier getrunken und war bald zu müde um noch länger wach zu bleiben. Ich wollte mit Kate bis zu ihrem Schichtende wach bleiben, das waren jeweils 12 Stunden am Tag, dann wechselte sie sich mit ihrem Kollegen ab, der derweil in ihrem Coupe schlief. Kates Schicht ging bis 2 Uhr nach Moskauzeit, allerdings entsprach dies schon 7 Uhr lokaler Zeit in Ulan Ude.
Ihr Kollege sollte eigentlich schlafen, aber auf einmal rannte er ganz aufgeregt aus seinem Coupe nach draußen und hängte dabei aus Versehen die Tür aus. Kate erklärte das seltsame Verhalten: Er hatte es sich mit seinen Eltern, die am nächsten Haltepunkt wohnten, zur Tradition gemacht, sich kurz zu treffen und Geschenke auszutauschen - wobei die Geschenke seiner Eltern vor allem aus Selbstgekochtem bestanden, das er mit Kate teilte. Es war jedoch relativ schwierig, sich tatsächlich zu treffen, da der Zug nur wenig Minuten hielt und einige hundert Meter lang war - deshalb reichte sein Vater das Essen in einen anderen Wagon hinein, wenn er es nicht rechtzeitig zu seinem Sohn schaffte, und er holte es sich aus dem anderen Wagon während der Fahrt ab. Ich vermutete, dass Kates Kollege sein Geschenk am Bahnsteig liegen ließ.
Kate lud mich auf einen Tee ein; sie holte Gläser und Kekse, und ich die letzten beiden Packungen Tee, die ich noch aus Deutschland dabei hatte.
Die Nacht war kurz. Ich schenkte Kate eine Origamifigur, mit der man spielen konnte, und sie war so begeistert, dass sie mich hat, es ihr beizubringen. Das tat ich gern, und das Resultat schenkte sie mir, auch wenn ich nicht viel Hoffnung hatte, es heil bis nach Deutschland bringen zu können.
Es war still geworden und ich spürte die Müdigkeit in allen Gliedern, die nur kurz wieder vertrieben wurde, als wir an einem kleinen Bahnhof hielten und Kate wieder signalisieren musste. Als die frische Morgenluft wieder zu warmer Luft im Wagon geworden war, konnte ich mich nicht länger wach halten, aber auch Kate fand es besser, wenn ich nun schlafen ginge, weil sie noch etwas Papierarbeit zu erledigen hatte und dann den Boden wischen musste. Es war 1:30 Uhr Moskauzeit und die Sonne würde in wenigen Momenten aufgehen; sie zeigte sich schon als roter Streifen am Horizont.
Bevor ich ins Bett fiel, fragte Kate noch, ob sie mich wecken sollte; wir sollten um 8:30 Moskauzeit in Ulan-Ude ankommen. Auch das war Teil ihrer Aufgaben aus Zugbegleiterin: Auf Wunsch die Passagiere aufwecken, wenn sie nachts aussteigen mussten.
Ich erwiderte, das sei nicht nötig, sie würde zu diesem Zeitpunkt sicher noch schlafen, und ich könnte mir einfach meinen Wecker stellen.
26.7.
Nach wenigen Stunden Schlaf wurde ich von einer SMS geweckt. Eva schrieb: "Du müsstest gerade am Baikalsee vorbeikommen!"
Ich spähte müde unter den Gardinen hindurch in die Sonne, tatsächlich blitzte im gleißenden Sonnenlicht sattblau ein riesiger, berauschend schöner See, dessen Enden nicht abzusehen waren. Nach etwa 10 Sekunden des Staunens plumpste ich wieder auf mein Kissen und schlief ein.
Der Wecker riss mich schließlich um 12 aus dem Halbschlaf. Wir waren schon vorbei am See, denn Ulan-Ude lag rund 150 Kilometer vom Baikalsee entfernt. In der Ferne lag eine blau angehauchte Berglandschaft, vor die sich unauffällige, graue Hütten duckten.
Auf dem Weg zum Waschraum traf ich auf Kate - ungeschminkt und im grauen Nachtanzug - ich hatte sie so kaum wiedererkannt. Sie gähnte und grüßte freundlich; sie war für mich aufgestanden und konnte kaum mehr als 4 oder 5 Stunden Schlaf gehabt haben. Aber sie wollte mich verabschieden und sicher gehen, dass alles nach Plan lief. Und sie wollte noch ein Foto von uns beiden und bat ihren Kollegen, Fotograf zu spielen:
Kate, wo immer du bist, melde dich mal!
Wir kamen mit Verspätung in Ulan-Ude an. Kate bat ihren Kollegen, mir den Koffer hinauszutragen und hielt mit mir nach meinem Gastgeber Ausschau. Nur dummerweise konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, wie er aussah. Ich musterte alle, und einer kam auf mich zu. Vladimir? Ja. Ich umarmte ihn, seine Freundin stand direkt daneben, er stellte mich vor, und ich umarmte sie auch. Sie waren mit dem Auto gekommen um mich abzuholen.
Irina sprach kaum englisch, und sie musste auch gleich zurück auf Arbeit, wo Vladimir sie absetzte. Mich brachte er samt Gepäck zu ihrem Haus am Stadtrand, das in einer großen Siedlung gleichartiger Sommerhäuser stand - mit großen Gärten ringsherum, eigenen Banyas und Holzklos auf dem Hof - blau und grün angestrichen natürlich, um nach altem Glauben die bösen Geister daraus fernzuhalten.
Jedes Haus hatte seinen eigenen Wachhund, und Vladimir bat mich, draußen zu warten während er ihn in den Käfig sperrte. Er sei zwar ein lieber Hund, aber Vladimir wollte es nicht darauf ankommen lassen.
Vladimir arbeitete von zu Hause aus, oder fuhr zu Kunden, denen er die Computer reparierte. Gerade hatte er wenig Zeit, er musste zu einem Kunden gehen, aber er nahm sich die Zeit, mir alles zu zeigen und einen Tee mit mir zu trinken.
Mir war sehr warm und ich fühlte mich schmutzig von der Zugfahrt; ich fragte, ob sie eine Dusche hätten. Nein, das Haus war noch von seine, Großvater gebaut worden und am Abend könnte er das Banya anheizen um dort warm zu duschen. Ich meinte, sowieso kalt duschen zu wollen und Vladimir schlug die Wassertonne vor dem Haus vor, aber mich reizte der Fluss, den wir unweit des Hauses überquert hatten. Es war die Uda, sie sei nicht sehr zu empfehlen, aber wenn ich unbedingt wollte, könnte ich dort wohl baden gehen. Er beschrieb mir den Weg.
Ich machte mich gleich auf den Weg und staunte nicht schlecht, als mir gemächlich eine Herde von Kühen entgegen kam. Sie schienen zu niemandem recht zu gehören und spazierten umher als gehörte ihnen die Siedlung.
Der Fluss war breit, voller Strömungen und tatsächlich ziemlich schmutzig, dennoch war ich nicht die Einzige, die darin baden gehen wollte; einige Jugendliche sprangen bei der Brücke hinein und ließen sich ein Stück trieben; andere, ältere saßen auf Decken neben ihren Autos und hörten Musik.
Ich ging nur so weit ins Wasser bis ich sitzen und mich waschen konnte. Dort blieb ich eine Weile sitzen, dann ging ich zurück zum nun verlassenen Haus. Vladimir hatte mir den Schlüssel in einem Kasten mit allerlei Krimskrams hinterlassen, aber um dort heran zu kommen, musste ich erst die Außentür öffnen, deren Mechanismus ich erst analysieren musste. Zum einen gab es eine Stange, die hinter dem massiven Metallzaun quer lag und die Tür am Öffnen hinderte; sie musste durch ein Loch nahe des Garagentors gepackt und zurückgezogen werden. Dann gab es an der Tür selbst einen Haken, den ich durch den schmalen Spalt zwischen Tor und Rahmen erkennen konnte. Ich sah mich um und fand ein Hölzchen, das schmal genug war, durch die Lücke zu passen - aber nicht stark genug, den Haken zu lösen. Ich setzte es schließlich von unten als Hebel an und die Tür sprang auf. Ich kam mir vor wie ein Einbrecher. Ich studierte die nun offene Tür und ihren Mechanismus und stellte fest, dass eigentlich nichts weiter nötig gewesen wäre, als den Türknauf zu drehen, welcher den Haken anhob. Es gab kein Schloss an der Außentür, deshalb wurde der Schlüssel fürs Haus gut versteckt.
Ich hatte Vladimir per SMS gefragt, wann sie zurück kämen, und ob sie dann nicht Lust auf Schaschlik hätten. Nachdem ich das OK erhalten hatte, ging ich in den kleinen Laden gegenüber der Bushaltestelle einige hundert Meter entfernt. Ein großer hölzerner Wagen mit der Aufschrift "Kwas stand in der Auffahrt. Das Kwas wurde in Plastikbechern verschiedener Größen verkauft, oder auch in selbst mitgebrachte Flaschen abgefüllt.
Es war halsbrecherisch, die Straße zu überqueren, sie hatte geschätzte dreieinhalb Spuren und keinen Übergang, den irgendwer beachtet hätte. Ich griff zur gleichen Strategie, die ich seit Usbekistan anwendete: Ich wartete auf einen Einheimischen, der die Straße überqueren will, und hänge mich an seine Fersen. Das ganze ging nach der Logik: Wenn diese Person es hier 20...30...40 Jahre geschafft hatte zu überleben, wird sie es auch diesmal über die Straße schaffen.
Ich mochte diese kleinen Läden noch immer nicht, in denen man vom Verkäufer verlangen musste, was man wollte. Ich bekam nie das, was ich wollte.
Diesmal klappte es aber ganz gut; die waren durch Vladimirs vorherige Couchsurfer schon nicht mehr durch Ausländer geschockt und waren relativ hilfsbereit. Ich verlangte Petschenie, was alle Art von Keksen und Gebäck bezeichnete, und nahm das erste, auf das sie zeigte, weil es nach Schwarzweißgebäck aussah, und da konnte man nicht falsch liegen. Dann bat ich um Fleisch aus der Kühltruhe, die natürlich abgesperrt war, aber ich hatte darin schon die charakteristischen Literbecher mit eingefrorenem Fleisch gesehen, wie wir sie in Dimas Datscha mitgebracht hatten. Und hier stand sogar auf dem Deckel "Fleisch für Schaschlik. Noch eine Packung Saft dazu, dann war mein Vokabular erschöpft.
Im Haus gab es keine Mikrowelle zum Auftauen des Fleischs - es musste ganz klassisch den restlichen Nachmittag draußen in der Sonne stehen. Es war schon nicht mehr so warm, aber ich fand einen sonnigen Fleck auf einem Zaunpfosten im Garten neben der Wasserpumpe. Der Garten war wild und voller Kartoffelkraut. Die Hauskatze strich umher und kam zu mir um sich streicheln zu lassen. Ich holte mir Vladimirs Gitarre, die genau wie eine Katze zum Inventar eines russischen Haushalts gehörte. Sie war staubig, als hätte schon lange niemand mehr darauf gespielt; nur einige Fingerabdrücke von Vladimir waren darauf, als er mir am Nachmittag gezeigt hatte, dass er schon darauf spielen konnte.
So streichelte ich abwechselnd die Gitarre und die Katze, während ich barfuß draußen auf der Veranda saß und auf die Rückkehr meiner Gastgeber wartete. So fühlte sich richtiger Urlaub an.
Als sie dann zurück kamen, war es zu kalt um draußen Schaschlik zu machen, also kochte Irina das Fleisch in einem Tiegel, und in einem anderen Makkaroni. Dass er Abend nicht langweilig würde, rief Vladimir seinen beiden besten Freunde an, und auch Irina telefonierte herum. Ihre Freundinnen konnten nicht kommen, aber seine Freunde standen schon bald in der Tür. Diesen Anblick hätte ich nicht erwartet - sie sahen aus wie Fußballfans in Randalierlaune. Einer hatte einen kahlgeschorenen Schädel und hörte am liebsten Hardcore Nazi-Rock aus Deutschland. Er bat mich den ganzen Abend, ihm die Texte zu übersetzen, aber ich hörte nichts als Gebrüll heraus und improvisierte schließlich, indem ich einige Nazi-Parolen aus dem Geschichtsunterricht ins Englische übersetzte. Das schien ihn zufrieden zu stellen. Er hatte einen Narren an mir gefressen - eine echte Deutsche!
Die Jungs verschwanden um einkaufen zu gehen - Bier und Sonnenblumenkerne - die Nahrung echter Gopniks, und eine Flasche frischen Kwas für die Damen. In der Zwischenzeit war das Abendessen fertig, und bald darauf auch verputzt. Dann wurde beschlossen, mir die nächtliche Stadt zu zeigen.
Um in die Stadt zu kommen, mussten wir die Brücke überqueren, unter der ich am Nachmittag gebadet hatte. es war eine schöne alte Brücke mit zwei etwa sieben Meter hohen Bögen aus Metallstreben. Doch einfach überqueren wollten sie die Brücke nicht - die begannen mit ihren Zwei-Liter-Bierflaschen in der Hand die Brückenbögen hinaufzuklettern. Es sah harmlos genug aus und ich folgte ihnen. Vermutlich wäre ich nicht hinaufgeklettert, wenn ich mir die Brücke im Tageslicht genauer angeschaut hätte. Doch von hier oben hatte man tatsächlich eine atemberaubende Sicht auf die Stadt hinter dem Fluss, und wir kamen auch heil wieder nach unten.
Wir kamen am Stadtpatron vorbei, schossen überall Fotos und versprachen, uns in vkontakte zu finden und auf den Fotos zu verlinken. Das war gar keine schlechte Idee, ein Album mit meinen neuen Bekannten und Freunden zu erstellen.
Ich versuchte mir den Weg zu merken, falls ich morgen allein in die Stadt gehen sollte. Wir kamen an einer öffentlichen Wasserpumpe vorbei, an der sich die Jungs nass machten, durch Straßen voller schwankender Gestalten, rechts war ein Elektromarkt, links das Rathaus, und schon standen wir mitten vor dem riesigen Kopf Lenins, der im Dunkeln finster blickte.
Auf der Straße davor saßen betrunkene Mädels und weigerten sich, die Taxis durchfahren zu lassen, aber als ich sie fotografierte, liefen sie weg.
Wir gingen hinunter in die Innenstadt, pflückten unreife Birnen von den Büschen, in denen betrunkene Obdachlose lagen. Das war das gemütliche Leben in einer typischen russischen Kleinstadt. Wir kamen an eine metallene Skulptur, die man hinaufsteigen musste um darin eine Münze zu versenken, und natürlich durfte man sich dabei etwas wünschen. Wir probierten es alle aus und machten gegenseitig Fotos von uns. Ich stellte wieder fest, dass ich mir eigentlich nichts wünschte - mein Leben war wunderbar so wie es war.
Wenn da nicht dieser Kumpel von Vladimir gewesen wäre, der einen Narren an mir gefressen hatte. Er bestand darauf, mir etwas Gutes tun zu wollen, wir mir eine Pepsi zu kaufen. Er war schon ziemlich angetrunken und Vladimir meinte, ich solle nachgeben. Widerwillig ließ mir Schokolade kaufen, die es jedoch nur ein Stück entfernt gegeben hat. So zog der Ritter davon und ließ sich als großer Held feiern, als er mit einer Tafel Schokolade zurück kam, und erwartete, dass man es angemessen würdigte, und mindestens drei Fotos davon machte. Auch sah er es nicht gerne, dass ich die Schokolade teilte - er hatte sie ja nur für mich gebracht.
Es wurde spät und Irina drängte, wir sollten doch langsam aufbrechen und nach Hause gehen. Vladimir war hin- und hergerissen; einerseits wollte er bei seinen spaßbetonten Kumpels bleiben, andererseits würde dann der Haussegen schief hängen. Die beiden wollten auch nur Bier kaufen gehen, und forderten, dass wir auf sie warteten... sie wollten nur ganz kurz in den Supermarkt. Sie verschwanden um die Ecke. Irina und ich sahen uns an - und begannen zu rennen. Vladimir sah den Kumpels verzweifelt nach und folgte uns dann. Wir waren nur ein Stück weit gekommen als er uns überzeugen konnte, doch noch etwas zu warten. Doch die beiden Kumpels kamen nicht zurück. Sie hatten sich im Supermarkt verlaufen, berichteten sie über Handy. So gingen wir ohne diese beiden Trinker den Weg zurück.
Zu Hause richtete Vladimir das Bett auf einem ausklappbaren Sessel; das war gemütlicher als es sich anhörte. Unsere Zähne putzten wir an einem von ihm selbstgebauten Waschbecken, das einen eigentümlichen Druckverschluss am Wasserhahn hatte, der sich an der unteren Seite eines Wasserspeichers befand, der erst mit dem Wasser aus den Eimern im hinteren Bereich des Raums aufgefüllt werden musste.
27.7.
Ich wachte erst gegen 12 auf - die ganze Zeitumstellung hatte sich noch nicht auf meine innere Uhr übertragen. Vladimir bastelte schon wieder an einem Computer herum und meinte, die Videokarte ließe sich nicht reparieren, er wolle sie zum Kunden zurückbringen und danach zu seinen Eltern fahren. Damit wollte er sagen, dass er keine Lust hatte, mich zum Tempel zu begleiten. Es musste auch allein zu schaffen sein, nahm ich mir den Ausflug vor. Ich ließ mir die Busnummern, Abfahrtsort und den Namen der Haltestelle vor Vladimirs Haus für den Rückweg aufschreiben. Zwar fuhr der Minibus hier am Haus vorbei, aber Vladimir meinte, ich würde keine Chance haben den Bus zu erwischen, weil er an diesem Streckenabschnitt normalerweise schon voll war und einfach nicht anhielt. Deshalb musste ich zum Zentrum fahren und dort in den leeren Bus einsteigen.
Vladimir war schon unterwegs, als ich mich ankleidete. Die Katze saß auf dem Bett und sah mich mit einem unergründlichen Blick an. Ich beugte mich ein Stück zu ihr hinunter, und plötzlich machte sie einen Satz nach vorn und saß im nächsten Moment auf meiner Schulter.
Die Katze ließ mich einfach nicht gehen, sie machte es sich auf mir bequem. Ich beförderte sie vorsichtig zurück aufs Bett und machte vor dem Verlassen des Hauses den Fehler, mich auf den Boden zu kauern um sie noch einmal zu streicheln, denn sie sprang mir auf den Schoß und rollte sich schnurrend zusammen. Ich weiß auch nicht warum, aber Katzen mögen mich. Auch Artjoms kleine Katze ist mir ständig auf den Schoß gesprungen, was vor allem dann ungünstig gewesen war, wenn ich gerade auf einem der wackeligen Küchenstühle saß und Salat schnitt. Sie war mir auch immer in den Koffer hineingeklettert und hatte mit meinen Socken gespielt. Es wäre gar nicht aufgefallen, wenn ich sie ihm Koffer mitgenommen hätte.
Jeder Bus ins Zentrum, hatte Vladimir gemeint, aber die Schwierigkeit war, auf die andere Straßenseite zu kommen um einzusteigen. Weit und breit war kein einheimischer Fußgänger in Sicht - aber da fuhr einer auf einem Fahrrad über die Straße, neben dem lief ich her; da winkte schon jemand dem Bus heran und ich rannte die letzte Meter. Busse hielten hier nicht einfach, wenn niemand aussteigen wollte; man musste schon an der Haltestelle ein Handzeichen geben, also den Arm kurz heben.
Der Minibus kostete nur 10 Rubel, es war die billigste Stadt meiner Reise. Dafür war der Bus auch schon sehr alt und die Sitze waren mit Großmutterdecken bezogen.
Ich sah auf dem Fenster und erkannte den Weg wieder: Die Brücke, das Elektrodorado, der noch nicht gebauter Fußweg, von dem Vladimir gestern Steine für seine Einfahrt mitnehmen wollte,... kurz vor Lenin bog Bus ab, da stieg ich aus. Das war eigentlich die besten Gelegenheit, von dem berühmten Riesenkopf endlich Fotos machen.
Er war das Wahrzeichen der Stadt und der größte Leninkopf der Welt, brüstete man sich. Es musste es ein Zufall sein, dass er ausgerechnet in Russland stand, und nicht etwa in China oder Amerika, die doch auch für den Bau riesiger Leninstatuen bekannt waren.
Eine betrunkene Frau sprach mich in seltsamem Russisch an. Zum Beispiel sagte sie "kak tebja sawet? statt "kak tebja sawut als sie mich fragte, wie ich heiße. Sie wollte mir die Stadt zeigen, wenn ich ihr dann half... was auch immer helfen in ihrem Wortschatz bedeutete. Ich tat als verstünde ich kein Wort, spielte amerikanischer Tourist und verabschiedete mich freundlich, denn sie war mir etwas unheimlich. Und ich musste weiter, so etwas wie Mittagessen kaufen bevor ich zum Tempel fuhr, und natürlich die Haltestelle finden, und ein Internetcafe um zu schauen, ob ich eine Zusage für Krasnojarsk und Moskau erhalten hatte. Und dann musste ich auch nocht Reiseproviant kaufen, dann zurück zu Vladimir fahren und am späten Abend war es schon Zeit zur Abreise. Ich hatte leider nicht die Zeit gehabt, mehr als zwei Tage pro Stadt einzuplanen, und man wusste vorher nie, wo man lieber mehr Zeit verbringen will, und wo weniger. Ulan-Ude gefiel mir; es war eine gemütliche Stadt, ein wenig bergig, es gab viele Plätze und eine lange Fußgängerzone mit Springbrunnen, und die Straßen standen voller alter und wunderschön verzierter Holzhäuser. Daneben gab es natürlich auch die viele alte sowjetische Kriegsdenkmäler, denn es war nicht Russland, wenn es sie hier nicht gäbe - trotz der schon fast orientalischen Atmosphäre. So war es zum Beispiel ein echtes Problem, einen Supermarkt zu finden, aber den zentralen Basar fand ich sofort. Da es nicht danach aussah, als ob ich noch einen Supermarkt finden würde, ging ich schließlich im Bazar überteuertes, gekühltes Wasser und Obst kaufen. Die schlechten, angefaulten Früchte wurden hier nicht einfach weggeworfen, sondern zerschnitten und die noch guten Teile der Früchte abgepackt im Kilo verkauft, begannen aber in den Plastiktüten schon nach kurzem wieder zu faulen.
Es war unglaublich heiß in der Sonne geworden, und ich hielt an jedem einzelnen Kwas-Stand an beinahe jeder Straßenecke um mir einen Becher davon zu kaufen. Der löschte den Durst genug bis zum nächsten Kwas-Stand. Das Zeug war zwar erfrischend, aber enthielt auch viel Zucker, sodass man gleich wieder das Bedürfnis hatte zu trinken. Ein weniger Kreislauf.
Apropos Kreislauf schien es mir nicht zu gelingen, mich in den Straßenzügen der Innenstadt zu orientieren. Ich entdeckte schließlich durch Zufall einen Stand, der "Burjatisches Fastfood anpries; dort bestellte ich mir das nächstbeste Gericht auf der Karte, also eins, das ich aussprechen konnte; es stellte sich heraus, dass sie immer aus dünnen Eierkuchen bestanden, die nur anders gefüllt und gefaltet waren als ich es von Crêpes kannte. Jedenfalls wollte ich nicht das Risiko eingehen, mich noch mehr zu verirren und ging exakt den Weg zurück, den ich gekommen war, nur um am Ausgangspunkt angekommen festzustellen, dass ich nur eine Querstraße von dem Burjatischen Fastfoodstand entfernt war. Nun war es auch nicht mehr schwer, die Haltestelle zu finden, denn die lag laut Vladimir geradeaus von der Fußgängerzone aus gesehen. Tatsächlich kam ich auf einen großen Parkplatz mit Minibussen verschiedener Nummern, aber auch eine ganze Reihe mit den gleichen Nummern. Ich fragte nach dem Minibus, der nach Datsan fuhr und wurde zu einem Bus geschickt, in den gerade einige Leute einstiegen. "Datsan?, fragte ich wieder, und der Fahrer nickte. Zuerst hatte ich angenommen, dass es der Name des Tempels oder zumindest des Ortes war, in dessen Nähe er stand, aber tatsächlich bezeichnet Datsan eine Tempelanlage, und der Name jener Anlage bei Ulan-Ude war das Iwolginski-Datsan. Es grenzte an ein Wunder, dass ich dort ankam, denn es lag für deutsche Verhältnisse nicht nah an der Stadt, sondern für russische Verhältnisse nah daran, also 30 bis 40 Kilometer davon entfernt. Unser Minibus fuhr aber gar nicht bis dahin, sondern hielt auf einem Parkplatz im Dorf Werchnjaja Iwolga und der Fahrer meinte, hier müsste ich umsteigen. Ich bedankte mich und rannte meinen Mitreisenden hinterher, und fragte einen älteren Mann, ob er zum Datsan wollte. Er bejahte, und ich stieg hinter ihm in den nächsten Minibus ein. Mittlerweile hielt ich mich selbst für wahnsinnig - ich hätte ja auch einfach in der russischen Pampa stranden und meinen Zug nach Irkutsk verpassen können. Doch nichts dergleichen geschah, und schon nach wenigen Minuten sah ich die bunten Dächer der Tempelanlage vor den Bergen aufblitzen.
Der ältere Mann hatte derweil begonnen mir neugierige Fragen zu stellen, und meine Sitznachbarin auf der anderen Seite hatte sich eingeklinkt, weil sie etwas Englisch konnte und somit helfen konnte, wenn die Worte fehlten. Ich erfuhr, dass sie beide gläubig waren, wobei sich der Mann erst vor kurzem für den Buddhismus zu interessieren begonnen hatte. Es sei sein erster Rundgang durch diese Tempelanlage. Das Mädchen hingegen kam jedes Jahr an diesen Ort um sich die Zukunft für ein Jahr voraussagen zu lassen. Das war die Hauptattraktion dieses Pilgerortes, hatte mir Eva schon erzählt.
Ich wollte mich erst an das Mädchen halten, aber sie hatte es eilig, in ihren Tempel zu kommen, während sich der Mann noch erstaunt umsah: Wir waren durch ein breites, rotes Tor getreten, das ein seltsames, mehrstöckiges Dach aus bemaltem Holz trug. Vor uns lag ein Pfad, der uns an allen Tempeln vorbeiführen würde. Aber es gab nicht nur Tempel, sondern auch einfache hölzerne Wohnhäuser, Lagerräume und Klohäuschen. Und natürlich Gebetsmühlen. Es gab sie in allen Farben, Formen und Größen; meist in Form einer Trommel oder eines Fasses, mal einzeln hängend, mal in einer ganze Reihe angebracht, mal aus Holz, mal aus Metall, sodass es beim Drehen schepperte. Denn das war der Sinn von Gebetsmühlen: Man drehte daran im Uhrzeigersinn, und jede Umdrehung war ein Gebet.
In stiller Übereinkunft waren der ältere Mann und ich zusammengeblieben und er erklärte mit die grundlegenden Verhaltensweisen, zum Beispiel, dass man den Göttern erst eine Gabe bringen musste, also zumindest ein paar Kopeken hinlegen bevor man an der Gebetsmühle drehte. Es lagen so viele Münzen darauf, sie fielen bereites von den hölzernen Gestellen herunter.
Auch der Boden war gespickt mit Münzen, obwohl an einigen Stellen Hinweisschilder in verschiedenen Sprachen angebracht waren, dass man doch bitte die Münzen in die dafür vorgesehenen Büchsen stecken sollte. Auf anderen Schildern war etwas zu lesen wie: "Lassen Sie sich nicht von Menschenhand hergestellten Statue Arya-Baala segnen, die aus der Tiefe der Jahrtausende kommt (...). Die Statue befindet sich im Mani-Tempel.
Und an der Tür des Tempels hingen Ausdrucke, die das berühmte Mantra Om Mani Padme Hum erklärten:
Om - entspricht der Farbe weiß und der Samsara-Welt der Götter. Mit dieser Silbe wird dem Wahn des Stolzes mit Meditation entgegengewirkt.
Ma - grün und die Welt der Halbgötter; gegen Neid und für Moral,
Ni - gelb und die Welt der Menschen; gegen Bindung und für Anstrengung / Eifer,
Pad - blau und die Welt der Tiere; gegen Ignoranz und für Weisheit.
Me - rot und die Welt der hungrigen Geister; gegen Gier und für Großzügigkeit,
Hum - indigoblau und Welt der Höllen; gegen Wut und für Geduld.
Nun kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob meine Übersetzung den korrekten Inhalt wiedergibt, da dieser Text vorher von russischsprachigen Mönchen aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt worden war...
Die Tempel waren wunderschön und eigentlich gar nicht zu beschreiben, deshalb lieber zwei Fotos an dieser Stelle:
Die Kühle liefen frei auf dem Gelände umher, während einige Rentiere in einem Gehege grasten.
Mein Begleiter und ich gingen in einen Tempel hinein; dort saß ein Mönch entspannt auf Kissen als gäbe es keine Welt um ihn herum. Nach einer Weile kam er zu uns und sprach mit meinem Begleiter. Er gab dem Mönch 100 Rubel und sagte ihm seinen Namen und sein Geburtsdatum. Sie sahen in einem kleinen Heftchen nach, welches Tier ihm zugeordnet war. Der Mönch notierte den Namen und das Jahr auf einem Formular, und mein Begleiter forderte mich auf, auch meinen Namen und das Geburtsjahr zu nennen. Der Mönch würde dann für uns beide ein gutes Gebet aussprechen. Das kam mir alles ein wenig merkwürdig vor, aber ich tat, wie mir geheißen. Dann ging mein Begleiter mit dem Gesicht zur Wand einmal eine Runde im Tempel und verbeugte sich mit gefalteten Händen vor jedem Gemälde. Nun war ich soweit mitgegangen, ich tat es ihm gleich. Am hinteren Ende war eine Art Altar aufgebaut, der mich eher an einen Verkaufstresen in einem Tante-Emma-Laden erinnerte, was nicht zuletzt an den Süßigkeiten lag, die darauf verteilt waren. Mein Begleiter reichte mir einen Schokoriegel und machte mir vor, wie man ihn den Göttern als Opfergabe darbringen musste. Ich opferte nun auch meinen Schokoriegel und fragte mich, ob die Mönche die ganzen Süßigkeiten aßen, und ob hier auch ein Zahnarzt wohnte. Beim Verlassen wies mich mein Begleiter darauf hin, dass ich dem Tempel nie den Rücken zuwenden dürfe, sondern rückwärts hinausgehen müsse, mich dabei auf jeder Stufe verbeugend.
Ich hatte zwar noch nie etwas mit Religion am Hut, aber ich halte viel davon, religiöse Gebräuche zu respektieren und tat, was er von mir verlangte.
Er erzählte, dass er eigentlich katholisch war, und noch eine ganze Menge mehr, aber leider reichten meine Russischkenntnisse nicht aus, ihn in jedem Detail zu verstehen.
Draußen an den Tempeln standen Bäume und Büsche, und an sämtlichen Ästen und Ästchen waren bunte Tücher festgeknotet. Sie enthielten die Gebete, die durch den Wind fortgetragen wurden, besagte der Glaube, und alles, was innerhalb eines Jahres nach dem Aufhängen mit dem Tuch geschah, geschah auch mehr oder weniger mit der Person, für die die Gebete gesprochen worden waren. Wenn zum Beispiel das Tuch abbrannte, konnte dies heißen, dass das Haus der dazugehörigen Person abbrannte.
Manche Heiligtümer erinnerten an einen Attraktionspark für Kinder, wie der Wunschstein, auf den man mit geschlossenen Augen zugehen und sich etwas wünschen musste, und wenn es einem gelang, ihn dann auch mit den Händen zu berühren, ging der Wunsch in Erfüllung.
Eine ganz besondere Attraktion war jedoch Daschi-Dorscho-Itigelow - das war kein Gegenstand, sondern ein Mann, ein berühmter Mönch, der zwar tot war, aber sein Körper zeigte angeblich keine Verfallserscheinungen, sodass von einigen Leuten behauptet wurde, er lebe noch, aber in einer Art Meditationszustand. Als ich versuchte, darüber im Internet Informationen zu finden, hieß es, seine Leiche sei ganz einfach mumifiziert - ein natürliches, wenn auch seltenes Phänomen, aber keinesfalls ein Wunder. Sehen konnte man den Körper nicht, oder vielleicht nur zu bestimmten Anlässen - dafür war eine Wachsfigur draußen in einer Art Schrein ausgestellt worden. Vielleicht hatte der Körper nach einiger Zeit außerhalb des Grabes doch Verfallserscheinungen gezeigt.
Es gab auch keinen Mangel an Souvenirs, die auf simplen Holzständen zum Verkauf lagen: Von Buddhastatuen, Trinkgefäßen über eine solarbetriebene Gebetsmühle bis hin zu selbstgemachtem Schmuck. Dies alles wurde von den Frauen der Mönche verkauft - denn tatsächlich gab es eine Zeit, in der den hiesigen Mönchen eine Ehe gestattet gewesen war. So fügten sich auch die Kinder ins Bild.
Mein Begleiter bestand darauf, mir einen der Ringe zu kaufen, die ich mir angeschaut hatte, und einen Anhänger gleich dazu. Er meinte, in seinem Alter hätte man das Geld und freue sich, wenn man einem jungen Mädchen eine Freude machen konnte.
Die Ringe gefielen mir wirklich: Sie bestanden aus zwei gegeneinander verschiebbaren Teilen, sodass man den oberen Ring drehen konnte. Auf ihm waren tibetische Schriftzeichen angebracht - ein Mantra. Wenn man den Ring nun drehte, entsprach dies einem Gebet - praktisch für unterwegs, wenn man keine Gebetsmühle dabei hatte.
Wir verließen das Gelände, und neben uns spazierten ein paar Kühe in einem Fluss entlang. Mein Begleiter hab mir die Hälfte der restlichen Schokoriegel und ich teilte meine Vorräte mit ihm, die hauptsächlich aus Äpfeln bestanden. Weit und breit stand kein Minibus, der uns hätte in die Stadt zurückbringen können. Dennoch war mein Begleiter sicher, dass demnächst noch einer kommen würde.
Bei der Tempelanlage gab es sogar ein kleines Gasthaus mit Lebensmittelladen, auch wenn weit und breit nichts anderes war. Wir setzten uns daneben, an die Hauswand gelehnt auf etwas, das wie eine Bank erschien, aber doch eher eine Wippe war. Ein anderer Besucher gesellte sich zu uns und nahm den Platz meines Begleiters auf der Bank ein, als er im Gasthaus Wasser kaufen ging. Ich war recht froh, dass er kurz darauf zurück kam und meinte, ich solle mit ihm kommen. Er wollte mich einen ganz besondere Spezialität probieren lassen: Kumys.
Er bestellte zwei Becher für 50 Rubel, etwas mehr als einen Euro, und ließ mich probieren. Ich roch an der milchigen Flüssigkeit und nahm einen kleinen Schluck. Es schmeckte grässlich sauer wie reine Zitronensäure. Kein Wunder, Kumys war vergorene Stutenmilch. Mein Begleiter lachte, als er mein Gesicht sah und ließ sich bereitwillig dazu überreden, meinen Becher auch leer zu trinken. Dann ging er wieder zur Verkäuferin und verlangte gleich noch eine Becher und kippte ihn in einem Zug hinter. Angeblich sei es sehr gesund und vitaminreich.
Wir gingen wieder nach draußen und sahen einen Minibus vorfahren. Mein Begleiter sprach mit dem Fahrer und winkte mir, einzusteigen. Neben weiteren Besuchern stiegen auch zwei Mönche mit ein, und mein Begleiter unterhielt sich mit ihnen. Ich bastelte derweil einige Origamiblumen um mich für die liebe Begleitung zu bedanken. Aber ich glaube, er war auch froh über meine Begleitung gewesen, schon allein, weil ich Fotos von ihm mit seiner Kamera geschossen hatte - wenn man allein reist, hat man viel zu selten Fotos von sich und viel zu viele Landschaftsbilder.
Auch mein Begleiter wollte heute Abend abreisen, er musste nur noch mal ins Hotel. Er schien Zeit zu haben, mit mir ein Stück spazieren zu gehen. Ich meinte, ich müsse noch ein Internetcafé finden, woraufhin er sich die Mühe machte, junge Leute zu fragen, ob sie wüssten, wo sich eins befände. Den Beschreibungen nach kamen wir tatsächlich an, aber das Café war in ein anderes Gebäude gezogen. Dort brachte mich mein Begleiter auch noch hin, bis an die Tür, gab mir seine Karte, und ich ihm meine Adresse. Wir tauschten Telefonnummern aus und verabschiedeten uns.
Ich war für meine Verhältnisse lange nicht im Internet gewesen und hatte eine ganze Reihe von Nachrichten zu beantworten - von meinen Izhevsker Freunden, die sich fragten, wo ich gerade sei und was ich erlebt hatte. Ich hatte gar nicht die Zeit, alles individuell zu beantworten und kopierte meinen Erlebnisbericht mit ein paar persönlichen Zeilen in jede Nachricht. Ich war froh, dass mich Albert auf die Idee gebracht hatte, bis Ulan-Ude zu fahren, denn mir gefiel diese Stadt sehr, und das Datsan war ein außergewöhnliches Erlebnis gewesen. Ilya hatte mir empfohlen, noch bis Tschita zu fahren, aber das war mir dann doch zu weit entfernt gewesen - eine weitere Tagesreise, und es hatte kaum noch Couchsurfer in der Stadt gegeben. So war ich noch drei Tage von Wladiwostok entfernt, aber ich fand es nicht bedauerlich, dass ich nicht die ganze transsibirische Strecke fuhr und stattdessen mehr von der Schönheit des Landes erlebte statt die aus dem Zug heraus zu betrachten.
Es war ein schöner Abend, so spazierte ich zurück zu Vladimir statt den Bus zu nehmen. Ich überquerte die alte Brücke, auf die wir am Abend zuvor geklettert waren, und sah mir ihren Zustand genauer an. Wahrscheinlich war es sogar sicherer gewesen, sie hoch auf ihren Bögen zu überqueren statt die asphaltierte Straße zu nutzen, denn sie hatte fußgroße Löcher, durch die man den Fluss sehen konnte. Ich konnte trotzdem noch nicht ganz glauben, dass ich dort hinaufgeklettert war:
Am Ende der Brücke sprachen mich zwei Mädchen in meinem Alter an, die mir ein wohlbekanntes Buch zeigten. Sie waren Zeugen Jehova und wollten mich zum rechten Glauben führen. Sie schlugen sogar den deutschen Text innerhalb des Buchs auf und zeigten ihn mir. Sie waren sympathisch, also lächelte ich und meinte, ich würde gern den Text abfotografieren und später lesen, im Moment wäre ich in Eile. Sie ließen sich auch fotografieren und wirkten froh.
Als ich bei Vladimir ankam, lief der Hund herum und bellte, als ich versuchte das Tor zu öffnen. Ich ließ es besser nicht drauf ankommen lassen und kontaktierte Vladimir, der noch bei seinen Eltern war, aber öffnete schon Irina von innen die Tür; entweder hatte sie mich gehört, oder Vladimir hatte sie angerufen. Im Nachhinein überlegte ich, ob sie eine Türklingel hatten, aber mir war nichts dergleichen aufgefallen. Wenn ich so darüber nachdachte, hatte ich nicht mal einen Briefkasten gesehen.
Ich musste nun noch einmal das Haus verlassen um Vorräte für die Insel Olchon kaufen, auf der ich zwei Tage verbringen wollte, denn in Irkutsk würde ich nicht die Zeit haben, einkaufen zu gehen, und auf der Insel gab es nicht viel, hatte Gergö mir berichtet. Er hatte nicht einmal Guthaben auf sein Handy laden können.
Es war schon recht spät am Abend, sodass der Tante-Emma-Laden geschlossen war - allerdings nur die Tür. Die Verkäuferinnen befanden sich immer noch darin und verkaufen ihre Waren durch ein kleines Fensterchen in der Tür - wahrscheinlich aus Angst vor randalierenden Alkoholikern.
Eine lange Schlange von denen stand schon davor, und ich reihte mich hinten ein, also irgendwo mittendrin, weil keiner in der Lage war, eine echte Schlange zu bilden. Ich ahnte schon, dass es schwierig werden würde, das zu bekommen, was ich wollte, denn nun war es nicht einmal möglich, auf etwas zu deuten, das ich kaufen wollte, aber den Namen nicht kannte. Ich brauchte vor allem Trockenessen, das sich lange hielt. Gestern hatte ich gesehen, was es in dem Laden gab, aber mir gelang es nicht, einen Käsezopf zu bestellen - richtigen Käse wollte sie mir geben. Ich meinte zwar, das sei Käse wie Haar, aber das war wohl zu abstrakt. Dennoch, den Rest von meiner Einkaufsliste bekam ich überraschenderweise problemlos.
Vladimir war inzwischen heimgekommen und war bereit, mich mit dem Auto zum Bahnhof zu schaffen. Seine Freunde tranken noch immer, erzählte er mir auf dem Weg.
Wir waren eine Stunde früher da als der Zug abfuhr; ich ließ Vladimir und Irina bei meinen Koffern stehen und bat sie, hier zu warten während ich herausfinden wollte, auf welchem Gleis mein Zug einfahren würde. Das wäre gar nicht nötig gewesen - der Zug kam gerade an dem Gleis eingefahren, an dem wir gewartet hatten, als ich an den Anzeigen herausgefunden hatte, dass er gerade in diesem Moment dort ankommen sollte.
Die beiden begleiteten mich hinein und nahmen neben mir Platz; ich hatte den besten Platz im Wagon bekommen: Vorne oben - so musste ich das Gepäck nicht weit schleppen und war ungestört.
Irinas alte Englischlehrerin kam an uns vorbei, ohne sich jedoch länger aufzuhalten. Irina fand es lustig, weil sie jetzt zum ersten Mal überhaupt ihr Schulenglisch anwendete. Ich fand es lustig, weil Ulan-Ude trotz seiner Größe genau wie Izhevsk wie ein Dorf erschien.
Wir waren alle müde und verabschiedeten uns bald; ich wollte mich schlafen legen, sobald ich ins Bad kam um mich zu waschen und die Zähne zu putzen, aber am Bahnhof war der Waschraum ja noch nicht geöffnet, so hielt ich mich wach, bis wir an Fahrt gewonnen hatten. Doch dann war ich einmal nicht aufmerksam und es hatte sich prompt eine Schlange davor gebildet. Mit Mühe blieb ich wach genug zum Zähneputzen, dann fiel ich auf meine Liege und wurde vom Schwatzen der Mädels von gegenüber in den Schlaf eingelullt.












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