19.8.
Wir planten früh aus Tallinn weg zu fahren, da wir absolut nicht einschätzen konnten, wie gut man hier trampen kann. Doch mittlerweile hatte sich die Routine des Reisens zu einer gewissen Gelassenheit geführt, und wir kamen aus dem Bett, wann wir eben aus dem Bett kamen. - Für den geneigten Leser, der schon wieder Böses vermutet: Wir schlafen eben gerne lange, und das nicht mal auf der gleichen Couch.
Jedenfalls war es der Ortsdatenbank entsprechend eine doch überraschend lange Busfahrt, während der ich schon Zweifel hatte, ob wir nicht vielleicht in Kreisen um die Stadt herumfuhren. Plötzlich hielt ein dunkelblauer Kleintransporter neben dem Bus an der Haltestelle, und drei in leuchtgelben Westen uniformierte Omas stürmten den Bus als wären sie bis an die Zähne bewaffnet. Es war die Ticketkontroll-Miliz. Mit mürrischem Gesicht verglichen sie den Stempel auf dem Ticket mit ihrem Vordruck. Jeder, der sich nicht sofort umdrehte, wurde an der Jacke gezogen. Diese alten Frauen waren sich noch vom KGB ausgebildet worden und konnten mit ihrem Stempelkissen töten-
So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.
Der nächste Zwischenfall betraf die Tür: Sie ging nicht mehr zu schließen; der Busfahrer versuchte sie nach guter russischer Manier zu reparieren, hatte darin aber nur wenig Erfolg. Die Menge der Schaulustigen wuchs derweil. Als der nächste Bus der gleichen Nummer kam, stiegen alle um, und wir folgten ihnen, ohne so genau zu wissen, ob der Bus in die gleiche Richtung fuhr; wir hatten in der Hinsicht schon in anderen Ländern Vorsicht gelernt. Es schienen Stunden zu vergehen, in denen wir durch Vororte fuhren, und die Straße schien einfach keine Autobahn werden zu wollten, bis wir gefühlt schon fast in Pärnu waren. Pärnu mantee hieß die Haltestelle, was einfach Pärnu-Autobahn hieß, und von dort waren es noch 125km bis Pärnu. Am schlammigen Straßenrand bereiteten wir uns auf eine lange Wartezeit vor, doch schon nach 10 Minuten hielt eine junge Frau, die uns direkt bis Pärnu mitnahm, wo sie in einem IT-Unternehmen arbeitete, aber nicht auf Englisch erklären konnte, was sie dort machte. Wir schafften die Verständigung doch irgendwie, sie war eine sehr nette Person und war von der Couchsurfing-Idee begeistert. Ich gab ihr meinen Mitgliedsnamen, um in Kontakt bleiben zu können.
Schon kurz nach 12 kamen wir in Pärnu an; sie setzte uns direkt im Zentrum am Busbahnhof ab, wo wir unsere Gastgeberin treffen wollten. Sie hatte aber genau so wenig wie wir erwartet, dass wir schon gegen Mittag hier aufschlagen würden, und so war sie noch in ihrem Sommerhaus ein gutes Stück außerhalb der Stadt, schrieb sie, und sie würde auch erst gegen 4 zurück kommen können. Das störte mich wenig, denn in diesem Park neben dem Busbahnhof gab es kostenlos Internet, und als das langweilig wurde, gaben wir unsere Rucksäcke in einem altmodischen Kofferhaus gegen zwei Euro ab und spazierten zum Strand. Zum Glück war die Stadt klein, und es ging praktisch immer gerade aus; so war es auch nicht weiter schlimm, dass mein Navi kein Kartenmaterial hatte, und wir die Stadtkarte nur einmal im Zentrum gesehen hatten. Die Straße war von zart bunten Holzhäusern gesäumt, selbst die leerstehenden Häuser sahen einladend aus, wie sie da im Grünen und in unmittelbarer Strandnähe standen. Die Sonne schien warm, aber der Tag war windig, sodass es uns nicht lange am Strand hielt, obwohl es ein schöner, naturbelassener Sandstrand war, der nahtlos in die Dünen überging. Nur wenige Menschen hatte es hier hin verschlagen, und nur ein Mutiger kam gerade mit Badehose aus dem sehr flachen, aufgewühlten Ostseewasser. In der Innenstadt war es ebenfalls ruhig; in Finnland waren die Schulferien schon vorbei, und so sah man nur ein paar verstreute Touristen von weiter außerhalb, und natürlich die unvermeidlichen Deutschen. Pärnu wurde die Sommerhauptstadt Estlands genannt, doch es ging schon langsam auf den Herbst zu; die Himbeerzeit war vorbei, die Äpfel wurden reif und von den Kastanien begannen schon die ersten Früchte zu fallen. In der Innenstadt gab es nur zwei Einkaufsstraßen, die gerade belebt genug waren um nicht ausgestorben zu wirken; ein Stand mit Schokobrunnen erregte unsere Aufmerksamkeit: Man konnte flüssige Schokolade im Becher bekommen, oder wahlweise auf frische Erdbeeren. Wir überlegten uns, ob so ein Stand auch in Zwickau laufen würde, und ob man nach Einbruch der Dunkelheit die Schokolade gegen Wodka austauschen könnte.
Im einzigen großen Supermarkt des Zentrums holten wir uns Eis; aber keine Vanille, seit Helsinki konnte ich beim besten Willen kein Vanilleeis mehr essen. Die Zeit verging hier nur langsam; unsere Gastgeberin war sicher schon auf dem Weg. Sie hatte geschrieben, dass sie sich erst um uns Sorgen gemacht hatte, weil sie sich vorstellte, wie wir in der Stadt gestrandet waren, vollbeladen mit Gepäck, ohne Plan, wohin wir gehen sollten. Ich hatte Entwarnung gegeben und gesagt, sie könne sich ruhig Zeit lassen. Ich freute mich darauf, endlich wieder eine Gastgeberin zu bekommen, die uns nicht nur den Schlüssel in die Hand drücken würde, sondern uns - wie man so schön sagt - als Freunde betrachtete, die sie vorher einfach noch nicht getroffen hat.
Katrin war wirklich die liebenswürdige Person, die ich mir vorgestellt hatte. Sie war abenteuerlustig, fuhr per Anhalter, mochte britischen Humor und lebte jeden Winter in einem anderen Land. Wir drei verstanden uns auf Anhieb. Sie war wie ihre Mutter Massagetherapeutin und hatte im Moment nicht viel Arbeit, wodurch sie viel Zeit mit uns verbringen konnte. Sie war nur ein wenig unorganisiert; sie hatte vergessen, dass sie am Abend zum Essen eingeladen war, aber sie ging mit uns zum Supermarkt, zeigte uns die Umgebung und blieb so lange bei uns bis sie sicher war, dass es uns an nichts fehlte.
In Pärnu hatten wir nur einen Tag eingeplant; fast hätten wir die Stadt übersprungen, weil es nur wenige Gastgeber gab, wovon noch viel weniger zwei Leute unterbringen konnten. Katrin erwartete für morgen Abend ihre beiden Cousinen und hatte geschrieben, dass es vielleicht ein wenig eng in der Wohnung werden könnte, doch wir hatten uns von der holländischen Mentalität abgeschaut, dass es kein "eng" gibt, höchstens ein "gesellig", und hatten mit Freude zugesagt. Nun mussten wir auch die 1,5 Tage ausnutzen und spazierten bis ins Zentrum. Ein Bus hätte sich kaum gelohnt, denn die Stadt konnte man in einer Stunde zu Fuß durchqueren - und was hätte man die ganze Zeit nachts in der Innenstadt machen sollen? Höre ich da "einen trinken gehen"? Darauf hätte ich auch früher kommen können. Nein, wir setzten uns nur auf die Bänke des Busbahnhofparks und wurden prompt auf russisch angelallt. Im ersten Moment dachte ich, er wollte sich mit Matthias prügeln. Als er dann auf den Fotoapparat deutete, dachte ich, er wollte das Gerät mit Gewalt in seinen Besitz bringen. Aber nein, er wollte nur ein Foto von sich und seinen Freunden. Es ist erstaunlich, wie Vorurteile und Dunkelheit die Wahrnehmung beeinflussen. Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass die Stadt im Dunkeln schon ein wenig gruselig wirkte. Auf dem Heimweg waren wir uns unsicher, welcher Weg der richtige zu Katrins Haus war. Die Straßen und Wege waren nur spärlich beleuchtet, und seltsame Gebäude ragten drohend aus dem Dunkel. Waren wir heute schon mal an dieser Fabrik vorbeigekommen? Wo kam das Geräusch her? War dies der Schatten unseres Mörders? Aber - wir leben noch. Katrin lachte uns zu Hause aus. Pärnu war ein sicheres Kurörtchen, in dem noch kein Tourist verschleppt wurde, meinte sie. Ich fragte mich nur, woran die Verbrecher im Dunkeln erkennen, ob man Tourist ist oder nicht.
20.8.
Dieser Tag sollte ein fauler Strandtag werden. Ich hatte schon vor diesem Eintrag ein Foto in den Blog gestellt, und viel mehr ist auch nicht an diesem Tag passiert. Eigentlich wollten wir erst an den Strand, und dann gemeinsam in die Stadt, aber dann war der Strand so herrlich, dass wir einfach dort blieben und auf Katrins Cousinen warteten. Dabei hatten wir am Vormittag ganz motiviert gestartet und uns Sandwiches für einen langen Tag geschmiert; als Belag hatten wir Lachs-Ersatz und Gelee-Kaviar-Ersatz. Das kam daher, weil wir gestern im Supermarkt durch die niedrigen Preise überrascht diesen Kram gekauft hatten ohne auf die Verpackung zu schauen, wo sogar drauf stand, dass es ein künstliches Produkt war. Und so schmeckte es auch. Ich glaube sogar, die Verpackung hatte mehr Geschmack als diese Produkte. Bei der Abreise haben wir es dann im Kühlschrank "vergessen".
Als wir dann jedenfalls motiviert das Haus verließen, führte uns Katrin zu einer Stelle am Strand, die etwa einen Kilometer lang ins Meer hinein mit großen Steinen aufgeschüttet war; eine Art Fußweg im Wasser. Aber warum beschreibe ich das - ich lade einfach ein Foto hoch:
Dieser Steinweg trennt das Meer links von der Hafeneinfahrt rechts. Viele Leute rasten hier auf ihren Speedbooten entlang, gelegentlich kam auch ein Fischerboot vorbei, und Katrin erzählte, wie sie einmal von einem Fischerboot per Anhalter mitgenommen wurde.
Am Ende des Steinwegs machten wir Rast und ein Picknick; Katrin versuchte die winzigen Fische zu füttern, die ihr Brot aber verschmähten. In vielen der Steine waren Namen und Jahreszahlen eingeritzt, einige älter als ich, und viele waren in kyrillischen Schriftzeichen geschrieben und so verwaschen, dass man sie kaum noch erkennen konnte.
Wir wanderten am Strand zurück zu dem Strandteil, den wir gestern schon zufällig entdeckt hatten. Es waren mehr Urlauber geworden, wahrscheinlich weil der Wind nachgelassen hatte. Wir kamen an FKK-Strandteilen vorbei, die nach Männern und Frauen getrennt waren. Sie wurden hauptsächlich von älteren Leuten benutzt; sehr zum Ärger der Spanner in den Dünen dahinter.
Unser Strandteil war ein Familien-Strand mit Klettergerüsten und Schaukeln; gleich dahinter begann die neu gebaute Strandpromenade. Wir liefen sie gleich mehrere Male entlang während Katrin sich sonnte. Ich hatte am Strand nie lang einfach nur sitzen können und musste erst von Matthias im Sand eingegraben werden um ruhig gestellt zu sein. Das hielt aber auch nicht lange vor, und ich ging schwimmen. Oder besser: Versuchte schwimmen zu gehen. Das Wasser war kälter als in Oslo, und ich musste bestimmt 10 Minuten lang laufen bis ich in Wasser kam, das mir wenigstens bis zur Taille ging. Danach wurde es wieder flacher. Matthias kam nur bis zu den Knien mit ins Wasser; er hatte seine Badehose vergessen und wollte nicht noch einmal eine Boxershorts als Badehose verwenden, nachdem er die andere wegwerfen musste, die er in Oslo benutzt hatte, weil sie angefangen hatte zu schimmeln, wie er behauptete.
Am späten Nachmittag kamen Katrins Cousinen an. Sie waren ein paar Tage auf Besuch und bereit für mehr Action. Wir gingen erst einen Milchshake trinken, und sie sprachen davon, in einen Club zu gehen, weil dort eine Band spielte. Uns hatte aber mittlerweile die Müdigkeit ergriffen, und so ließen wir den Abend in einer gemütlichen Runde zusammen ausklingen und plauderten. Die drei Mädels hatten eine Weile in der kleinen Küche gewerkelt und hatten ein leckeres Abendbrot zubereitet, dessen Hauptzutat eine Blaubeer-Cremetorte war. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und bedankten uns für den tollen Tag.
Ich wollte ungern abreisen, aber wir wurden morgen schon in Riga erwartet.
Wir planten früh aus Tallinn weg zu fahren, da wir absolut nicht einschätzen konnten, wie gut man hier trampen kann. Doch mittlerweile hatte sich die Routine des Reisens zu einer gewissen Gelassenheit geführt, und wir kamen aus dem Bett, wann wir eben aus dem Bett kamen. - Für den geneigten Leser, der schon wieder Böses vermutet: Wir schlafen eben gerne lange, und das nicht mal auf der gleichen Couch.
Jedenfalls war es der Ortsdatenbank entsprechend eine doch überraschend lange Busfahrt, während der ich schon Zweifel hatte, ob wir nicht vielleicht in Kreisen um die Stadt herumfuhren. Plötzlich hielt ein dunkelblauer Kleintransporter neben dem Bus an der Haltestelle, und drei in leuchtgelben Westen uniformierte Omas stürmten den Bus als wären sie bis an die Zähne bewaffnet. Es war die Ticketkontroll-Miliz. Mit mürrischem Gesicht verglichen sie den Stempel auf dem Ticket mit ihrem Vordruck. Jeder, der sich nicht sofort umdrehte, wurde an der Jacke gezogen. Diese alten Frauen waren sich noch vom KGB ausgebildet worden und konnten mit ihrem Stempelkissen töten-
So schnell wie sie gekommen waren, verschwanden sie wieder.
Der nächste Zwischenfall betraf die Tür: Sie ging nicht mehr zu schließen; der Busfahrer versuchte sie nach guter russischer Manier zu reparieren, hatte darin aber nur wenig Erfolg. Die Menge der Schaulustigen wuchs derweil. Als der nächste Bus der gleichen Nummer kam, stiegen alle um, und wir folgten ihnen, ohne so genau zu wissen, ob der Bus in die gleiche Richtung fuhr; wir hatten in der Hinsicht schon in anderen Ländern Vorsicht gelernt. Es schienen Stunden zu vergehen, in denen wir durch Vororte fuhren, und die Straße schien einfach keine Autobahn werden zu wollten, bis wir gefühlt schon fast in Pärnu waren. Pärnu mantee hieß die Haltestelle, was einfach Pärnu-Autobahn hieß, und von dort waren es noch 125km bis Pärnu. Am schlammigen Straßenrand bereiteten wir uns auf eine lange Wartezeit vor, doch schon nach 10 Minuten hielt eine junge Frau, die uns direkt bis Pärnu mitnahm, wo sie in einem IT-Unternehmen arbeitete, aber nicht auf Englisch erklären konnte, was sie dort machte. Wir schafften die Verständigung doch irgendwie, sie war eine sehr nette Person und war von der Couchsurfing-Idee begeistert. Ich gab ihr meinen Mitgliedsnamen, um in Kontakt bleiben zu können.
Schon kurz nach 12 kamen wir in Pärnu an; sie setzte uns direkt im Zentrum am Busbahnhof ab, wo wir unsere Gastgeberin treffen wollten. Sie hatte aber genau so wenig wie wir erwartet, dass wir schon gegen Mittag hier aufschlagen würden, und so war sie noch in ihrem Sommerhaus ein gutes Stück außerhalb der Stadt, schrieb sie, und sie würde auch erst gegen 4 zurück kommen können. Das störte mich wenig, denn in diesem Park neben dem Busbahnhof gab es kostenlos Internet, und als das langweilig wurde, gaben wir unsere Rucksäcke in einem altmodischen Kofferhaus gegen zwei Euro ab und spazierten zum Strand. Zum Glück war die Stadt klein, und es ging praktisch immer gerade aus; so war es auch nicht weiter schlimm, dass mein Navi kein Kartenmaterial hatte, und wir die Stadtkarte nur einmal im Zentrum gesehen hatten. Die Straße war von zart bunten Holzhäusern gesäumt, selbst die leerstehenden Häuser sahen einladend aus, wie sie da im Grünen und in unmittelbarer Strandnähe standen. Die Sonne schien warm, aber der Tag war windig, sodass es uns nicht lange am Strand hielt, obwohl es ein schöner, naturbelassener Sandstrand war, der nahtlos in die Dünen überging. Nur wenige Menschen hatte es hier hin verschlagen, und nur ein Mutiger kam gerade mit Badehose aus dem sehr flachen, aufgewühlten Ostseewasser. In der Innenstadt war es ebenfalls ruhig; in Finnland waren die Schulferien schon vorbei, und so sah man nur ein paar verstreute Touristen von weiter außerhalb, und natürlich die unvermeidlichen Deutschen. Pärnu wurde die Sommerhauptstadt Estlands genannt, doch es ging schon langsam auf den Herbst zu; die Himbeerzeit war vorbei, die Äpfel wurden reif und von den Kastanien begannen schon die ersten Früchte zu fallen. In der Innenstadt gab es nur zwei Einkaufsstraßen, die gerade belebt genug waren um nicht ausgestorben zu wirken; ein Stand mit Schokobrunnen erregte unsere Aufmerksamkeit: Man konnte flüssige Schokolade im Becher bekommen, oder wahlweise auf frische Erdbeeren. Wir überlegten uns, ob so ein Stand auch in Zwickau laufen würde, und ob man nach Einbruch der Dunkelheit die Schokolade gegen Wodka austauschen könnte.
Im einzigen großen Supermarkt des Zentrums holten wir uns Eis; aber keine Vanille, seit Helsinki konnte ich beim besten Willen kein Vanilleeis mehr essen. Die Zeit verging hier nur langsam; unsere Gastgeberin war sicher schon auf dem Weg. Sie hatte geschrieben, dass sie sich erst um uns Sorgen gemacht hatte, weil sie sich vorstellte, wie wir in der Stadt gestrandet waren, vollbeladen mit Gepäck, ohne Plan, wohin wir gehen sollten. Ich hatte Entwarnung gegeben und gesagt, sie könne sich ruhig Zeit lassen. Ich freute mich darauf, endlich wieder eine Gastgeberin zu bekommen, die uns nicht nur den Schlüssel in die Hand drücken würde, sondern uns - wie man so schön sagt - als Freunde betrachtete, die sie vorher einfach noch nicht getroffen hat.
Katrin war wirklich die liebenswürdige Person, die ich mir vorgestellt hatte. Sie war abenteuerlustig, fuhr per Anhalter, mochte britischen Humor und lebte jeden Winter in einem anderen Land. Wir drei verstanden uns auf Anhieb. Sie war wie ihre Mutter Massagetherapeutin und hatte im Moment nicht viel Arbeit, wodurch sie viel Zeit mit uns verbringen konnte. Sie war nur ein wenig unorganisiert; sie hatte vergessen, dass sie am Abend zum Essen eingeladen war, aber sie ging mit uns zum Supermarkt, zeigte uns die Umgebung und blieb so lange bei uns bis sie sicher war, dass es uns an nichts fehlte.
In Pärnu hatten wir nur einen Tag eingeplant; fast hätten wir die Stadt übersprungen, weil es nur wenige Gastgeber gab, wovon noch viel weniger zwei Leute unterbringen konnten. Katrin erwartete für morgen Abend ihre beiden Cousinen und hatte geschrieben, dass es vielleicht ein wenig eng in der Wohnung werden könnte, doch wir hatten uns von der holländischen Mentalität abgeschaut, dass es kein "eng" gibt, höchstens ein "gesellig", und hatten mit Freude zugesagt. Nun mussten wir auch die 1,5 Tage ausnutzen und spazierten bis ins Zentrum. Ein Bus hätte sich kaum gelohnt, denn die Stadt konnte man in einer Stunde zu Fuß durchqueren - und was hätte man die ganze Zeit nachts in der Innenstadt machen sollen? Höre ich da "einen trinken gehen"? Darauf hätte ich auch früher kommen können. Nein, wir setzten uns nur auf die Bänke des Busbahnhofparks und wurden prompt auf russisch angelallt. Im ersten Moment dachte ich, er wollte sich mit Matthias prügeln. Als er dann auf den Fotoapparat deutete, dachte ich, er wollte das Gerät mit Gewalt in seinen Besitz bringen. Aber nein, er wollte nur ein Foto von sich und seinen Freunden. Es ist erstaunlich, wie Vorurteile und Dunkelheit die Wahrnehmung beeinflussen. Zu unserer Verteidigung muss ich sagen, dass die Stadt im Dunkeln schon ein wenig gruselig wirkte. Auf dem Heimweg waren wir uns unsicher, welcher Weg der richtige zu Katrins Haus war. Die Straßen und Wege waren nur spärlich beleuchtet, und seltsame Gebäude ragten drohend aus dem Dunkel. Waren wir heute schon mal an dieser Fabrik vorbeigekommen? Wo kam das Geräusch her? War dies der Schatten unseres Mörders? Aber - wir leben noch. Katrin lachte uns zu Hause aus. Pärnu war ein sicheres Kurörtchen, in dem noch kein Tourist verschleppt wurde, meinte sie. Ich fragte mich nur, woran die Verbrecher im Dunkeln erkennen, ob man Tourist ist oder nicht.
20.8.
Dieser Tag sollte ein fauler Strandtag werden. Ich hatte schon vor diesem Eintrag ein Foto in den Blog gestellt, und viel mehr ist auch nicht an diesem Tag passiert. Eigentlich wollten wir erst an den Strand, und dann gemeinsam in die Stadt, aber dann war der Strand so herrlich, dass wir einfach dort blieben und auf Katrins Cousinen warteten. Dabei hatten wir am Vormittag ganz motiviert gestartet und uns Sandwiches für einen langen Tag geschmiert; als Belag hatten wir Lachs-Ersatz und Gelee-Kaviar-Ersatz. Das kam daher, weil wir gestern im Supermarkt durch die niedrigen Preise überrascht diesen Kram gekauft hatten ohne auf die Verpackung zu schauen, wo sogar drauf stand, dass es ein künstliches Produkt war. Und so schmeckte es auch. Ich glaube sogar, die Verpackung hatte mehr Geschmack als diese Produkte. Bei der Abreise haben wir es dann im Kühlschrank "vergessen".
Als wir dann jedenfalls motiviert das Haus verließen, führte uns Katrin zu einer Stelle am Strand, die etwa einen Kilometer lang ins Meer hinein mit großen Steinen aufgeschüttet war; eine Art Fußweg im Wasser. Aber warum beschreibe ich das - ich lade einfach ein Foto hoch:
Dieser Steinweg trennt das Meer links von der Hafeneinfahrt rechts. Viele Leute rasten hier auf ihren Speedbooten entlang, gelegentlich kam auch ein Fischerboot vorbei, und Katrin erzählte, wie sie einmal von einem Fischerboot per Anhalter mitgenommen wurde.
Am Ende des Steinwegs machten wir Rast und ein Picknick; Katrin versuchte die winzigen Fische zu füttern, die ihr Brot aber verschmähten. In vielen der Steine waren Namen und Jahreszahlen eingeritzt, einige älter als ich, und viele waren in kyrillischen Schriftzeichen geschrieben und so verwaschen, dass man sie kaum noch erkennen konnte.
Wir wanderten am Strand zurück zu dem Strandteil, den wir gestern schon zufällig entdeckt hatten. Es waren mehr Urlauber geworden, wahrscheinlich weil der Wind nachgelassen hatte. Wir kamen an FKK-Strandteilen vorbei, die nach Männern und Frauen getrennt waren. Sie wurden hauptsächlich von älteren Leuten benutzt; sehr zum Ärger der Spanner in den Dünen dahinter.
Unser Strandteil war ein Familien-Strand mit Klettergerüsten und Schaukeln; gleich dahinter begann die neu gebaute Strandpromenade. Wir liefen sie gleich mehrere Male entlang während Katrin sich sonnte. Ich hatte am Strand nie lang einfach nur sitzen können und musste erst von Matthias im Sand eingegraben werden um ruhig gestellt zu sein. Das hielt aber auch nicht lange vor, und ich ging schwimmen. Oder besser: Versuchte schwimmen zu gehen. Das Wasser war kälter als in Oslo, und ich musste bestimmt 10 Minuten lang laufen bis ich in Wasser kam, das mir wenigstens bis zur Taille ging. Danach wurde es wieder flacher. Matthias kam nur bis zu den Knien mit ins Wasser; er hatte seine Badehose vergessen und wollte nicht noch einmal eine Boxershorts als Badehose verwenden, nachdem er die andere wegwerfen musste, die er in Oslo benutzt hatte, weil sie angefangen hatte zu schimmeln, wie er behauptete.
Am späten Nachmittag kamen Katrins Cousinen an. Sie waren ein paar Tage auf Besuch und bereit für mehr Action. Wir gingen erst einen Milchshake trinken, und sie sprachen davon, in einen Club zu gehen, weil dort eine Band spielte. Uns hatte aber mittlerweile die Müdigkeit ergriffen, und so ließen wir den Abend in einer gemütlichen Runde zusammen ausklingen und plauderten. Die drei Mädels hatten eine Weile in der kleinen Küche gewerkelt und hatten ein leckeres Abendbrot zubereitet, dessen Hauptzutat eine Blaubeer-Cremetorte war. Wir tauschten E-Mail-Adressen aus und bedankten uns für den tollen Tag.
Ich wollte ungern abreisen, aber wir wurden morgen schon in Riga erwartet.

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