Samstag, 8. August 2009

Oslo, Teil 2

06.8.
Wer hätte gedacht, dass wir den heißesten Tag bisher in Norwegen erleben würden? Wir spazierte durch die Parkanlagen der Innenstadt, vorbei an altehrwürdigen Gebäuden, von der klassizistischen Universität bis zum königlichen Schloss, an das ein öffentlicher Park mit mehreren kleinen Seen angegliedert war. Ein Mann im Rasenmähertraktor fuhr gemählich seine Runden über den ohnehin schon kurzen Rasen. Als uns der Rasenmähermann vertrieb, gingen wir durch die belebten Straßen hinunter zum Hafen. Irgendjemand hatte Spülmittel in einen Springbrunnen gekippt, und die Kinder spielten mit dem Schaum. Jachten und kleinere Boote wankten leicht auf ihrem Anlegeplatz, als warteten sie ungeduldig daraf, durch ihre Besitzer endlich wieder von ihren schweren Ketten befreit zu werden. Viel Hoffnung hatten sie nicht; die Briefkästen vor den Anlegestellen waren mit vergilbten und ausgewaschenen Zeitungen ausgefüllt.
Die Sonne brannte heiß vom Himmel. Nicht einmal Seevögel zeigten sich. Ich funktionierte das Schlauchtuch meiner Tante vom Haarband zum Sonnenschutz um, während der Bootssteg kein Ende nahm. Hinter den letzten Booten zeigten sich die waldbewachsenen Ausläufer der Berge, die wir erreichen wollten. Eine gewundene Straße führte zum Strand an der anderen Seite der Felsen. Wir gingen den Feldweg entlang, hinein in den kühlen Schatten des Waldes, aus dem eine unglaublich frisch duftende Prise wehte.
Wir strichen durch Sträucher voller winziger Himbeeren bis wir zu einem felsigen Vorsprung kamen, den das Meer leicht umspülte. Der schmale Weg führte weiter zu einem menschenleeren Strändchen aus feinem Schieferstein. Wir hatten zwar weder Badekleidung noch Handtücher dabei, doch die Stelle sah einfach zu perfekt für ein Bad aus, und so gingen wir mit unserer Unterwäsche ins Wasser. Es war wärmer als gedacht, und danach legten wir uns zum Trocknen in der Sonne, die schon langsam unterging und unsere Bucht im Schatten zurückließ. Ich hatte glücklicherweise Unterwäsche zum Wechseln dabei; Matthias probierte sich in Freikörperkultur.
Wir machten uns dann langsam auf den Heimweg, allerdings auf einem anderen Pfad als vorher und versanken prompt im Schlamm. Aber, dachten wir uns, nach fast zwei Wochen könnte man sowieso mal die Jeanshosen wechseln...
Das Navi zeigte uns zuverlässig den kürzesten Weg nach Hause; ich weiß nicht mehr, wie ich je ohne diese Technik leben konnte. Wir kamen durch reiche Villenviertel, die nur aus Botschaften zu bestehen schien. Der kroatische Botschaftler saß ganz bescheiden in seinem Anwesen auf Gartenmöbeln und grillte. Wir fragten uns, ob uns der deutsche Botschaftler wohl auf ein Bier und Steak einladen würde... Da wir ihn leider nicht fanden, machten wir zu Hause Reste-Essen aus den Nudeln und der halben Familienpackung Wiener, die wir noch von gestern hatten, und die so spottbillig gewesen war, das darin unmöglich Fleisch gewesen sein konnte. Aber wenn man sich vorgenommen hat, auszutesten, wie billig man tatsächlich eine Europareise machen kam, muss man gelegentlich in Gammelpappe beißen. So kann man beispielsweise zwei vollwertige Abendessen für ungefähr 3,50 Euro kochen, selbst wenn in diesem Land das Fleisch so teuer ist, dass es wie Alkohol über die Grenze geschmuggelte wird. Norwegen ist zwar ein reiches Land aber in Oslo gibt es genauso viele Bettler wie zum Beispiel in großen italienischen Städten. Sie kamen mit Sammelbechern direkt auf uns zu, verschwanden aber, wenn man sie ignorierte. Alle 200 Meter saß ein Straßenmusiker, viele trugen alte Zigeunerkleidung und klopften auf Tamporine. Es gab gar eine Panflötegruppe, die mit Mikrophonen und Tonbandunterstützung jeden Tag an der gleichen Stelle standen. Überall außerhalb der Innenstadt sahen wir Drogensüchtige, auf den Fußwegen ihre Drogen zerkleinern, und gebrauchte Spritzen ohne Nadel auf den Wegen liegen.
Auch mit Eirik besprachen wir wieder die großen und kleinen Probleme dieser Welt ohne eine Lösung dafür zu finden.

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