Sonntag, 16. August 2009

Abreise aus Karlstad - Stockholm - Turku - Ankunft in Helsinki

12.8.
Kurz nach 7 Uhr verließ der Dampfer M/S Silja Europa den Hafen von Stockholm. Kaum dass die Sonne aufgegangen war, verschwand sie schon wieder hinter den ersten Regenwolken. Der Wetterbericht sagte Dauerregen für Turku, Finnland vorraus. Ein kalter Wind wehte mir um die Nase. Ich fröstelte, obwohl ich drei Pullover übereiander trug, darüber nich eine Jacke, und zusätzlich in meinen Schlafsack eingehüllt war. Die Regenwolken formten bald eine dichte, graue Wolkendecke. Wahrscheinlich hatten wir heute morgen im Bus das letzte Mal in dieser Woche die Sonne gesehen. Es ist Mittwoch. Seit meinem letzten Eintrag ist jede Menge geschehen; aber der Reihe nach:

08.8. - Was vom Tag übrig blieb.
Heißhunger auf Linseneintopf. Trotz aller Unterschiede in den Essensgewohnheiten der Schweden und Deutschen konnte ich im gut sortierten Supermarkt Nummer 3 eine Packung Linsen finden.
Martin war ein Mensch, der gerne alles ausprobierte, besonders seltsame neue Lebensmittel. So kam unser Linseneintopf gerade recht. Er war sehr skeptisch, dass wir die Linsen für weniger als zwei Stunden im Wasser liegen lassen wollten, wie es auf der Packung stand; vermutlich weil ich ihm von auszuwaschenden Giften erzählte. Aber das war auch seine Art von Humor: Er konnte völlig ernsthaft die absurdesten Dinge behaupten. Irgenwie kamen wir darauf, dass es doch lustig wäre, uns zu betrinken und auf einer Rutsche aus unserem eigenen Erbrochenen herumzuschlittern. Aber schon nach dem ersten Teil des Plans schliefen wir ein.

09.8. - Abreise aus Karlstad
Martin brachte uns ins Zentrum, sodass wir nicht den Bus nutzen mussten. Der Abschied fiel schwer, und wir versprachen, uns in Deutschland z m Schlittern in Kotze in Matthias´ Garten zu treffen.
Martin hatte schon zu Beginn gemeint, es würde ihn sehr überraschen, wenn wir aus Karlstad per Anhalter weg kämen, und dass wir lieber den Bus nach Stockholm nehmen sollten. Ich hatte auch keine Informationen über Karlstad in der Anhalter-Ortsdatenbank finden können, somit kannten wir keinen bewehrten Punkt in der Stadt, an dem man gut trampen kann.
Der Bus war für schwedische Verhältnisse spottbillig (21 Euro für 300 Kilometer), und sogar noch billiger, wenn man das Ticket über Internet kauft. Da ich meine Kreditkarteninformationen nicht so gern im Vorgarten des Nachbarn stehend über eine unsichere Internetverbindung preisgeben wollte, buchte Martin die Tickets über sein Handy. Wir hatten dann zwar weder ein Ticket, noch eine Bestätigungs-SMS, doch dem Fahrer reichte die Buchungsnummer völlig aus, die er in sein Kontrollgerät eingab. So fortschrittlich kann der öffentliche Nahverkehr sein.
Die Fahrt zog sich dahin; es war unglaublich langweilig, die ganze Zeit nur aus dem Fenster zu schauen statt den Fahrer auf Teufel komm raus in ein Gespräch verwickeln zu müssen. Matthias, die Scharchnase, war keine Hilfe. Er hielt sich meistens mit dem Sprechen zurück - ob bei unseren Fahrern, oder unseren Gastgebern.
Der Bus hielt am Hauptbahnhof; dort waren wir am "Spottkoppen" mit unserer stockholmer Gastgeberin Sofia verabredet. Was es damit auf sich hatte, erfuhr ich nie; wahrscheinlich dachte sich der Architekt, ein Loch im Boden sähe doch ganz nett aus.
Sofia kam auch bald, allerdings holte sie uns nicht wie vermutet mit dem Auto ab, sondern mit der U-Bahn, für die wir uns erstmal Tickets besorgen sollte - 72 Stunden für 20 Euro pp, was natürlich erstmal im Portmonee schmerzte, sich später allerdings als angemessen heraus stellte. Sofia wohnte viel zu weit außerhalb der Stadt um es erlaufen zu können, wobei wir mit unseren Rucksäcken nach den 4 Kilometern durch Kopenhagen sowieso nicht mehr damit auf dem Rücken laufen wollten. Ganz blieb es uns nicht erspart, denn wir waren zu einem Picknick an einem See eingeladen.
Der See hatte die Ausmaße eines kleinen Meers, der Treffpunkt war eine große Insel darin und das Picknick war viel mehr eine lockere Runde aus vielen jungen Menschen, die alle recht alternativ wirkten; einer von ihnen hatte einen Schallplattenspieler dabei, auf dem sich uralte Platten drehen, solange man ihn immer mal mit einer Kurbel aufzog. Sie beachteten uns Neuankömmlinge nur wenig, schienen uns aber zu dulden. Und wir hatten die einzigartige Gelegenheit, freilaufende Schweden zu studieren, die in ihrer Sing-Sang-Sprache fröhlich vor sich hinplauderten.
Sofia begann sich vor allen Leuten umzuziehen und sprang ins Wasser. Ich bevorzugte den Wald als Umkleide, da auch die mobilen Toiletten von ihrem Betreten abrieten. Als ich zurück kam, waren die Leute schon "bierfischen": Sie warfen sich gegenseitig Bierdosen ins Wasser, und wer sie schwimmend erreichte, konnte sie trinken. Das Wasser kühlte das Bier dabei auf eine angehemere Temperatur, denn es wahr schon wieder ein extrem warmer Tag. Ideal zum Baden. Die Steine waren glitschig mit Algen bewachsen, so war es das Günstigste, sich einfach ins Wasser fallen zu lassen. Dieser See diente zur Süßwasserversorgung der Stadt, sagte Sofia. Es gäbe kein besseres Wasser als hier in Schweden.
Eine große Jacht zog vorbei; mit einiger Verzögerung schwappte das Kielwasser über den Stein, auf dem Matthias angezogen saß, weil er diesmal nicht in Boxershorts ins Wasser gehen wollte - das hatte sich damit erledigt.
Später begann das eigentliche Picknick, das aus selbstgemachtem vegetarischen Sushi bestand: Statt rohem Fisch war seltsames Gemüse in den Algen-Reis eingewickelt. Mich faszinierte die Vorstellung, selbst Sushi herzustellen, und ich gewann unserer Gastgeberin das Versprechen ab, mich in das Geheimnis des Sushimachens einzuführen.
Als es langsam Abend wurde, begaben wir uns auf den Heimweg, müde vom Schwimmen. Viel geschah nicht mehr, soweit ich mich erinnern kann, ließen wir den Tag mit japanischem Puffreistee und Plaudereien ausklingen. Mittlerweile wechseln wir Orte und Gastgeber so schnell, dass ich kaum auseinanderhalten kann, an welchem Tag wir was unternommen haben, wen getroffen und über welches Thema mit ihnen schon gesprochen haben. Die Eindrücke verwischen ineinander, und die Zeit fliegt dahin.

10.8.
Jede Stadt unterscheidet sich von der vorhergehenden, hat seine eigene Essenz, seine eigene Spezies Bewohner. In Stockholm haben sich die Mädels herausgeputzt, tragen kurze Röcke und Hotpants, und stolzieren regelrecht durch die Stadt. In Kopenhagen herrschten zum Beispiel die Jockinganzüge vor. Allein durch das Beobachten der Umwelt stellen sich interessante, oder viel mehr belanglose Fragen:
Lieben die Leute hier Bücher, weil sie schon vor der Öffnungszeit der Bibliothek in einer Schlange davorstehen, oder wollen sie nur das kostenlose Internet nutzen?
Was ist in U-Bahn-Fahrer geraten, wenn sie versuchen, sich gegenseitig zu überholen? Und wie lange kann ich auf die U-Bahn neben mir schauen, ohne dass mir schlecht wird?

Zuerst nahmen wir den Aufzug in die Restaurant-Terasse eines hohen Bürogebäudes, in dem auch Skype untergebracht war, und schauten uns um - was man denn Schönes anschauen könnte, denn unsere Vorbereitungen hatten sich auf das Abspeichern der Wikipedia-Seite von Stockholm beschränkt.
Bevor Sofia uns allein ließ, gab sie uns noch den Tipp, zu der kleinen Insel zu fahren, die mit einem Vergnügungspark bebaut war. Aber zunächst suchten wir uns gemäß unserer Routine einen Supermarkt und verliefen uns prompt im Einkaufzentrum. Wenn man so viel Zeit sinnlos vertreibt, kann man auch etwas Sinnvolles tun, und so fuhren wir schon mal zum Fährhafen um ein Ticket für die Fähre zu bekommen, die uns in zwei Tagen nach Finnland bringen sollte. Die Frau am Schalter war so freundlich, uns darauf hinzuweisen, dass wir am Schalter mehr als das Doppelte durch die Servicegebühren draufzahlen müssten. Mit der Kreditkarte über Internet gekauft, bekamen wir sie für nur 11 Euro pro Person. Wir freuten uns, weil wir noch nicht wussten, dass wir in eine Konsumfalle geraten würden...
Zurück in der Innenstadt erklommen wir den Berg hoch zur Altstadt. Die war bis zum Plätzen mit Touristen gefüllt; und wirklich: Man kann an keinen Ort der Welt gehen, ohne auf Deutsche zu treffen. Dementsprechend sah es dort auch aus: Von den bunten alten Häusern war jedes zweite ein Souvenierladen, die restlichen Häuser beherbergten Restaurants, oder auch überteuerte Supermärkte. Dafür gab es eine ungeheuere Dichte an drahtlosen Netzwerken. Wir machten uns einen Spaß daraus, im Laufen nach offenen Netzwerken zu suchen um unterwegs im Internet zu surfen. Informatiker sind eben so. Matthias war ganz begeistert, dass einer der Reisebusse ein eigenes WLAN hatte, das aber nur Informationen über das Busunternehmen preisgab. Als uns das zu langweilig war, nahmen wir die Stadtfähre zu dieser kleinen
Insel, die angenehmerweise in unsenem Ticket enthalten war. Dort gab es wirklich nicht viel mehr als den Vergnügungspark, ein bisschen Park, einige Häuser, ein Fischrestaurant mit Bootsanlegeplatz nur für Gäste. Wir nahmen die nächste Fähre zurück und stellten fest, dass es schon langsam Zeit war, uns mit Sofia zu treffen, denn wir wollten gemeinsam die Zutaten für Sushi kaufen um es heute Abend gemeinsam zuzubereiten. Es gab eine ganze Reihe asiatischer Supermärkte. Aus dem ersten wehte ein durchdringender Gestank nach Tierhandlung, der sich beim Betreten mit einem üblen Fäulnisgeruch mischte, der von einem Stapel großer, grüner Früchte herzog. Sofia meinte, die müssten so riechen; es wäre eine Delikatesse. Der Rest des Ladens war nicht viel besser: Eingeschweiste ganze Tiere, Gläser mit undefiniertem Schlick und andere Dinge, von denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen konnte, dass andere Kulturen so etwas aßen. Mit dem Pullover vor dem Mund suchte ich nach Zwiebellauch für die Suppe, dann beschoss ich, dass ich dem Brechen zu nahe war um noch länger in diesem Laden zu verweilen, und floh nach draußen.
Leider mussten wir noch in einen anderen Asia-Supermarkt bis wir alles hatten. Doch zu Hause ging es endlich ans Sushi-Machen: Erst wurde der spezielle Reis gewaschen, gekocht, dann mit Zucker und Essig gemischt und stehen gelassen. Dann schnitt man den späteren Inhalt in Stäbchen und strich den Reis dick auf die Algenblätter, legte den Inhalt darauf und rollte alles auf einer Holzmatte zusammen. Mit ein wenig Wasser wurde der äußere Rand der Rolle befestigt, danach wurde es gleich in Scheiben geschnitten. Sofia war Veganerin, deshalb hatten wir nur Avokato-Gurken-Sushi, aber schlecht schmeckte es deswegen nicht.
Den Rest des Abends beschäftigten wir uns mit Geo-Caching, konnten aber die Koordinaten für diese digitale Schatzsuche nicht in meinen Routenplaner eingeben, weil das Format nicht übereinstimmte und erst umgerechnet werden, das uns zu fortgeschrittener Stunde zu hoch war. Aber am nächsten Tag wollten wir es gemeinsam mit Sofia ausprobieren, wenn sie rechtzeitig mit ihren Matheaufgaben fertig sein sollte.

11.8.
Natürlich wurde Sofia nicht rechtzeitig fertig, und so zog sie wieder in eine Bibliothek zurück, während wir die Stadt ein zweites Mal erkunden gingen. Aber zuerst - wie konnte es anders sein - gingen wir in einen Supermarkt. Nach so viel Zeit bei Vegetariern und Veganern stand es schlimm um uns, und der Heißhunger nach einem Grillhühnchen wuchs zu einem unbändigen Verlangen an. Bei Sofia durften wir nicht einmal Fleisch mit in die Wohnung bringen, weshalb wir unsere Wiener und Salami lieber im Rucksack liegen ließen. Und so konnten wir nicht anders als das eingeschweiste Hühnchen aus der Kühltruhe mitzunehmen, zumal es auch nur 2,50 Euro kostete - wahrscheinlich Gammelfleisch. Aber das war uns egal. Wir konnten kaum die Zeit abwarten, die es vermutlich zum Auftauen in der Sonne brauchte. Doch niemand war glücklicher als wir, als wir dann am Straßenrand saßen und das kalte Huhn verdrückten... Naja, fast glücklich. Es zog die Stimmung etwas nach unten, dass nach Tallinn jetzt auch unsere Gastgeberin aus Turku abgesagte hatte, weil sie eine Grippe erwischt hatte. Nun mussten wir bis morgen einen neuen Gastgeber finden, wenn wir nicht zelten wollten, und es war Regen angesagt. Wir saßen also auf dem Bordstein zwischen chinesischem Restaurant und Post, ein eingefrorenes Huhn essend und über das Internet eines unfreiwilligen Wohltäters nach einem neuen Gastgeber suchend, als der Regen begann. Wir spannten erst nur den Regenschirm auf, aber als der Regen immer stärker wurde, rannten wir in eine geschützte Ladenpassage. Der Regen erzeugte mittlerweile Blasen in den Pfützen und kalter Wind zog auf. Ich trug nur ein leichtes Kleid und wollte mich umziehen gehen. Wir trafen Sofia in der Bibliothek um uns den Schlüssel geben zu lassen. Dort gab es Computer und eine Stunde kostenlos Internet für Mitglieder, wobei uns ihre Mitgliedschaft gelegen kam und ich weiter nach Gastgebern suchen konnte. Und siehe da - genau zwei Minuten vor Ablauf der Zeit bekam ich eine Telefonnummer von Turku. Ein Hotelzimmer zu buchen wäre sicher weniger nervenaufreibend zu sein, aber man wird im Hotel nie so interessante Erfahrungen machen wie bei bis dahin völlig unbekannten im Wohnzimmer.
Am Abend fand Sofia wieder Zeit für uns und nahm uns mit auf das Stockholmer Kulturfestival, das heute begann. Überall in der Innenstadt traten die unterschiedlichsten Musiker unter freiem Himmel auf, und Künstler gestalteten die Stadt bunt, zum Bespiel strickten sie Häubchen und Schals für Straßenlaternen und Pfosten. Wir gingen die ganze Innenstadt ab und sahen mehr davon als in den letzten beiden Tagen; es war definitv eine Stadt, in die sich ein Zurückkommen lohnt. Die Neonlichter warfen ihren Glanz hinunter ins Wasser, eine uralte Leuchtreklame zeigte, wie Zahncreme auf eine Zahnbürste kam, und die letzten Schaulustigen liefen auseinander an diesem Dienstag Abend, der schon zum Mittwochmorgen wurde. Wir mussten schon um 4:45 aufstehen um unsere Fähre rechtzeitig zu erreichen und einchecken zu können...


Zurück aufs Schiff...

Die vielen kleineren und größeren, bewohnten und unbewohnten Inseln, aber auch andere Fähren zogen an uns vorbei. Bald trieb uns die Kälte nach drinnen. Wir hatten uns nur eine Deckpassage geleistet, also keine eigene Kabine; aber genau wie wir machten es viele Rucksackreisende, die zusammengerollt auf Bänken und Stühlen lagen. Einige hatten es ganz clever angestellt und sich mit ihren Schlafsäcken unter die Treppen zum Autodeck gelegt - vielleicht der ruhigste Ort im ganzen Schiff. Ich beschloss,es ihnen gleich zu tun und suchte mir eine eigene Treppe in diesem riesigen Schiff. Nicht mal Matthias konnte mich dort finden, und so holte ich bis 12 Uhr die fehlenden Stunden Schlaf der letzten Nacht nach.
Irgendwann regte sich der Hunger; wir hatten schwedisches Brot namens Bröd gekauft, das an Maisfladen erinnerte, ganz gut schmeckte, aber partout nicht satt machte. Wir saßen also mit leicht knurrendem Magen, ausgezährt von so vielen Aufenthalten bei Vegetariern, in Granny`s Selbstbedienungsrestaurant und stellten uns mit Blicken auf die Teller der Nachbarn unser Mahl zusammen. Leider war auch den anderen Gästen das Essen viel zu teuer gewesen,... (Weiter mit Teil 2)

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