Sonntag, 16. August 2009

Teil2 (Finnland)


Leider war auch den anderen Gästen das Essen viel zu teuer gewesen, als dass sie für uns etwas übrig gelassen hätten... Dann war es endlich sp weit: Ein kleines, dickes Kind verschmähte seinen Lachs. Strategisch günstig stellten sie das Tablett im Schrank hinter uns ab. Dann, als sie gegangen waren und niemand schaute, holte ich das Tablett an unseren Tisch. Mit Matthias´ Campingbesteck schaufelten wir den köstlichen Fisch hungrig hinein. Dazu gab es eisgekühltes Wasser und Cola, nachdem ich den Glasrand gründlich abgewischt hatte. So weit war es mit unserem Vagabundenleben gekommen! Wie lange würde es dauern, bis wir in Müllcontainern wühlten?
Uns wurde dabei klar, dass die Tickets für die Überfahrt deshalb so billig waren: Man zahlt 11 Euro ohne Kabine, lässt 20 Euro beim Mittagessen, 30 Euro im Duty Free Shop, und 50 Euro in den Spielautomaten, die an sämtlichen Gängen standen. Wir konnten nur den Riesen-Tobleronen nicht widerstehen - 3 zum Preis von 2...
Die Fahrt war kürzer als erwartet, weil wir in eine andere Zeitzone wechselten. Diese Stunde wollten wir uns jedoch auf der Rückfahrt über Polen zurückholen. Wir legten an. Am Hafen stand eine mächtige, weiße Burg, dahinter begann die Stadt. Es waren noch 2,6 Kilometer. Unser neuer Gastgeber hatte uns den Tipp gegeben, die Strecke über die kleine Fähre abzukürzen, die 500 Meter vor der Brücke ablegte. Es war eine wirklich kleine Fähre, praktisch nur eine Plattform, die an einem Führungskabel die 50 Meter über den Fluss zurücklegte.
Trotzdem erschöpft kamen wir bei Teemu an. Er besaß ein Holzhaus mit eigener Sauna etwas außerhalb des Zentrums. Wir bekamen die gesamte untere Etage als Unterkunft zur Verfügung. Den meisten Platz nahm eine Couchgarnitur ein, und ein Großbildschirmfernseher hing an der Wand. Fast wie im Sternehotel.
Und es gab Schwarzbrot - es wurde immer besser. Käse! Geflügelwurst! Es tat so gut, nicht bei Veganern untergekommen zu sein.
Teemu war der perfekte Gastgeber, und er suchte auch sofort das Passwort zu seinem Internet heraus, dass ich es über mein Smartphone nutzen konnte. Wir gingen erst nach Mitternacht ins Bett, da wir noch nicht an die neue Zeit gewohnt waren. Noch schnell eine Dusche im Bad Mit Fußbodenheizung und ab ins Bett.

13.8.
Wir schliefen bis 11 Uhr. Der Vormittag verstrich mit Sandwiches, Plaudereien und Finnisch-Unterricht, dann nahmen wir zwei von Teemus Fahrrädern und fuhren ins Zentrum - ein wenig die Stadt anschauen, ein paar Einkäufe erledigen. Es gab eine große Kirche, in der das letzte Abendmahl aus der Sixtinischen Kapelle nachgemalt war. Eine junge Frau spielte wundervoll auf ihrer Geige; der Klang floss bittersüß durch das alte Gewölbe.
Nach dem Einkaufen fuhren wir etwas aus der Stadt hinaus, hielten an einem Waldweg und begannen, die wilden Früchte zu pflücken; Es war die ideale Zeit dafür: Zuckersüße Waldhimbeeren, wild wachsende Johannesbeeren, sogar kleine Stachelbeeren, einige unbekannte Früchte, die wir eber nicht aßen, und vereinzelt ein paar Blaubeeren. Der Wald war ruhig und verwildert, sogar noch so nah an der Zivilisation. Finnland ist ein sehr bergiges Land; wir mussten einiges an Höhenunterschieden überwinden, darum taten uns bald die Beine vom Fahrradfahren weh, dass wir umkehrten und wieder nach Turku hineinfuhren. Groß war die Stadt nicht, aber belebt, und alles bereitete sich auf die Nacht der Künste vor, die heute stattfand; wahrscheinlich ähnlich zu unserem letzten Abend in Stockholm. Wir gingen nicht hin, weil sich die Chance bot, die echt-finnische Haus-Sauna zu nutzen. Wir hatten erst einen angenehmen Abend mit Gegrilltem und hochprozentigem Alkohol. Eine Freundin war auf Besuch gekommen, und Teemu erzählte Geschichten aus seiner Jugend - wie er mit Freunden eisbaden gegangen war, wie sie nachts mit einem Motorboot betrunken geräucherten Lachs gestohlen und danach geflohen sind, und das Boot dabei sogar fast zum Fliegen gebracht hatten. Der Raubzug stand sogar in der Zeitung, aber erwischt hatte man sie nie.
Dann bekamen wir noch eine Lektion im finnischen Fluchen: "Perkele" scheint so ziemlich das böseste zu sein, was man so von sich geben kann. Aber die beiden waren auch schon recht hinüber zu dem Zeitpunkt. Gegen 23 Uhr war die Sauna gut eingeheizt. Während die beiden weiter tranken, gingen wir hinunter. Die Sauna war gerade groß genug für zwei Leute, es waren angenehme 75 Grad, und ein Eimer Wasser stand bereit. Nach dem ersten Aufguss musste ich erstmal raus. Wunderbar kühles Wasser, kühle Luft... Langsam verstand ich den Sinn hinter Eisbaden. Teemu hatte erzählt, wie sie mit einer Motorsäge ein Loch ins halbmeterdicke Eis geschnitzt hatten, dahinter noch ein Lagerfeuer errichtet, und so in ihrer Waldhütte mit Sauna die Zeit herum gebracht hatten. Dies selbst auszuprobieren, das wäre schon was Feines...
Nach uns ging Teemu in die Sauna; Anastasia verzichtete. Ich begann, noch ein paar Übernachtungsanfragen für Tallinn zu stellen, denn zwischen uns und dieser Stadt lagen nur noch 3 Nächte Helsinki.
Als Teemu - erfrischt wie es nur ein Finne sein kann - aus der Sauna kam, wurden die Spielkarten ausgeteilt. Wir blieben bis fast halb drei in dieser lustigen Runde sitzen, dann war der Alkohol aufgebraucht und die beiden klebten sich in einem letzten Versuch, die Nach durchzumachen, Spielkarten an die Stirn und versuchten, ihre Karte zu erraten. Glaube ich zumindest. Sie sprachen schon seit einer Weile nur noch auf finnisch. Matthias ging nach unten um unsere am Vormittag gewaschenen Socken zu sortieren. Ich glaube, ich habe ausversehen Socken unserer früheren Gastgeber mit eingepackt. Ob ich die einfach in einen Briefumschlag stecken und zurück schicken sollte?



    Beim Löschen des Gegrillten

14.8.
Mühsam quälte ich mich gegen 9 Uhr aus dem Bett; das Haus lag still. Teemu hätte kein röhrender Elch in seinem Bett aufwecken können - so auch wir nicht, trotz der laut quietschenden Türen überall im Haus.
Wir nahmen den Bus zur Autobahnauffahrt beim Universitätskrankenhaus. Die Finnen hatten meist nur einen abweisenden Gesichtsausdruck für uns übrig - wenn sie uns überhaupt beachteten. Viele bogen erst weit hinter uns auf die Straße zur Autobahn ein, als fiele es ihnen erst recht spät ein, dass sie ja nach Helsinki wollten. Schließlich hielt doch eine Frau, die früher selbst per Anhalter gefahren war. Hatten wir die einzige Anhalterin Finnlands getroffen? Sie war sich unschlüssig, wo sie uns absetzen sollte. Erst schlug sie eine Tankstelle vor, dann bemerkte sie einen Parkplatz mit Cafe, aber zu spät um hineinzufahren. Dies wäre noch viel idealer, weil es nicht so abseits lag, begann sie uns zu überzeugen. Sie hielt auf dem Standstreifen und wir wanderten das Stück im niedrigen Gestrüpp zurück, das durch einen Zaun vom Wald abgetrennt war. Daran hing ein gelbes Warnschild mit einem Elch darauf. Die Finnen leben immer noch in wilder Natur; auch Teemu hatte gemeint, dass man einen echten Finnen an der Axt in der einen Hand, und mit einer Flasche hochprozentigem in der anderen erkennt.
Vor dem Autobahncafe standen nur zwei Autos; wahrscheinlich jeweils von Koch und Kellnerin. Auf der anderen Seite standen ein paar LKWs. Wir stellten bald fest, dass es prinzipiell zwei Arten von Finnen gubt: Den gutmütigen, rundlichen und immer lächelnden Finnen, und den zurückgezogenen, grimmigen und unfreundlichen Finnen, der um keinen Preis englisch sprach. Seltsamerweise waren alle PKW-Fahrer, die wir ansprachen Typ 2, und die LKW-Fahrer Typ 1. Alle LKWs fuhren aber nur bis Salo - denn dort war Nokia, der Weltkonzern in der beschaulichen finnischen Pampa, der einst mit Gummistiefeln angefangen hatte. Dort gab es aber einen großen Rastplatz, jedoch für alle Richtungen. Es gab so gut wie keine ausländischen Nummernschilder, nur ein russisches, was mich aber besonders freute, weil ich endlich mal wieder russisch sprechen konnte. Sie fuhren aber nicht Richtung Helsinki, obwohl ein Blick auf die Landkarte zeigte, dass Helsinki auf dem Weg nach Sankt Petersburg lag; es waren nur noch etwa 500km. Doch ich konnte auch bei Typ-2-Autofahrern meine neu erworbenen Finnischkenntnisse ausprobieren. Die Antwort war trotzdem immer "ei". Die meisten LKW-Fahrer hingegen bedauerten, dass sie nicht in unsere Richtung fuhren, oder ihr Beifahrersitz von einem riesigen Hund eingenommen wurde - doch dann endlich: Eine Mitfahrgelegenheit Richtung Helsinki, und zwar in die Stadt Espoo direkt davor. Unser Fahrer sprach nicht wirklich englisch, aber er grinste immer freundlich, wenn ich etwas erzählte, oder antwortete mit yes oder no auf Fragen. Ich fand heraus, dass er verlobt war und aus Turku kam. Er sah unserem Gastgeber irgendwie ähnlich. Matthias schlief währenddessen ein, und auch mich zog die Müdigkeit in ihren Bann, und das Gespräch verebbte... wie tief die Wolken im Norden immer hängen, dachte ich noch, als es plötzlich einen lauten Knall gab und es seltsam verbrannt roch. Der Fahrer fluchte kurz auf englisch und ließ den langen LKW auf dem Standstreifen ausrollen. Es erinnerte verdächtig an unsere Italienreise, und tatsächlich war ein Reifen geplatzt. Nun hieß es warten. Bei jedem vorbeiziehenden Auto schwankte der LKW leicht, während er dort stand und wir auf Hilfe warteten, wog mich das Schwanken in den Schlaf. Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, bis unser Fahrer aufsprang und nach draußen zum Pannendienst eilte. Das Rad wurde mit Hilfe eines großen Wagenhebers gewechselt, und schon ging es weiter. In Espoo stellten wir fest, dass es nah genug an Helsinki dran war um die Öffentlichen zu nutzen - zumal an einem Freitag Nachmittag in der Rush Hour sowieso alles nur aus der Stadt hinaus wollte.
Die nette Verkäuferin im Tankstellen-Restaurant ließ uns kostenlos den Busfahrplan aus dem Internet heraus suchen. Wir verpassten dennoch den Ausstieg und wurden an der Endhaltestelle rausgekehrt. Dort trafen wir auf einen freundliche ältere Frau, die gleich andere Passanten zur Beratung heranzog, wohin wir am besten gehen sollten, schon allein um eine Übersichtskarte mit unserer gesuchten Buslinie zu finden, denn das Konkurenz-Verkehrsunternehmen druckte die Linien der anderen überhaupt nicht ab. Wir nahmen dann doch lieber den Zug, der uns sicher ans Ziel brachte. Wenn nur die Wohnung unseres Gastgebers in diesem Wohnghetto zu finden wäre! Er beantwortete weder unsere SMS, noch fanden wir seinen Namen irgendwo an den Klingelschildern. Erst durch Zufallnsahen wir ihn nach einiger Zeit am Fenster winken. Er scheute das Tageslicht und frische Luft, wie wir später herausfinden sollten.
Beim Betreten der Wohnung wehte uns eine grüne Wolke entgegen; es war eine Mischung aus Katzenfutter, Käse, Urin und Zigaretten. Unser Gastgeber sah aus wie Rübezahl, breit gebaut mit wilden langen Haaren. Er verschwand sofort nach unserer Begrüßung in seiner abgedunkelten Höhle; in der der Hand seinen Laptop. Seine Freundin war genau so breit und redete ein wenig mehr. Aber auch sie kam nur zum Essen-in-die-Mikrowelle-schieben aus ihrer Höhle heraus. Sie bot uns Käse an, den sie gerade im Kühlschrank gefunden hatte und gar nicht mehr wusste, dass er da gewesen war. Dann ließen sie uns allein im müllhaldenähnlichen Wohnzimmer. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht zu Teemu und unseren anderen Gastgebern, die sich mit uns immer erstmal an einen Tisch gesetzt und den Rest des Abends mit uns erzählt hatten.
Wir sahen uns in der Wohnung um: Jede Menge Dreck, Kabel und Technik lag auf dem Fußboden, Unterwäsche, Tüten, Flaschen, Schimmel und dazwischen sprang ihre Katze umher. Die Tische und Regale waren vollgestellt mit benutzten Gläsern und Krimskrams, dawischen lag der Staub meterdick. Sie besaßen DJ-Turntables, eine Bong und andere Gerätschaften, die auf ein ausschweifendes Leben schließen ließen; und es hingen zwei Gasmasken an der Wand. Alles in allem ein Ort, an dem man nur abwechselnd in Schichten schlafen sollte. Hier konnte man sich leicht mit ein wenig Fantasie den Schauplatz eine Mordes und Menschenfleisch in der Tiefkühltruhe vorstellen.
Das Wohnzimmer war im Vergleich zum Badezimmer ein Reinraum: In einzelnen Pfützen schwammen Dinge, die ich mir nicht so genau anschauen wollte; es klebten ganze Büschel von Haaren im Waschbecken und im Klo konnte man nie feststellen, ob schon gespült wurde. Sie meinten, wir sollten vielleicht nicht unbedingt duschen gehen, oder wenn, dann nur kurz, weil der Abfluss verstopft war. Ein Blick darauf zeigte warum: ein dichter Haarteppich lag darauf. Hier mischte sich der allgemeine Gestank des Hauses mit Rasierwasser.
Unsere Gastgeber kamen nicht mehr aus ihrem Zimmer raus. Wir waren mit der Katze allein. Es war eine verwöhnte, langhaarige Diva, und ein echtes Biest, wie Matthias am nächsten Morgen berichtete.

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